Kitabı oku: «Streifzüge durch meine Heimat»
Horst Bosetzky
Streifzüge durch meine Heimat
Von der Ostsee über Berlin bis zum Spreewald
Jaron Verlag
Originalausgabe
1. Auflage 2017
© 2017 Jaron Verlag GmbH, Berlin
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Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer+Möhring, Berlin, unter Verwendung eines Fotos von Günter Schneider, Berlin
E-Book-Umsetzung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
ISBN 978-3-95552-238-4
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zwei literarische Leben: Horst Bosetzky wird 80 von Norbert Jaron
Vorwort
Brandenburg
Die Gosener Berge
Oranienburg
Bad Belzig und Wiesenburg
Bad Freienwalde und Falkenberg / Mark
Am westlichen Ufer der Oder
Groß Pankow und die Prignitz
Ferch und der Schwielowsee
Wildenbruch und der Große Seddiner See
Kyritz und Kampehl
Potsdam und Sanssouci
Brandenburg an der Havel und der Beetzsee
Neuruppin und Fehrbellin
Rheinsberg
Guben
Bohsdorf mit Grodk und Senftenberg
Bad Wilsnack und die Plattenburg
Von Beeskow nach Branitz
Templin
Storkow und der Scharmützelsee
Jüterbog und Kloster Zinna
Der Stechlin
Von Königs Wusterhausen aus
Zwischen Angermünde und Prenzlau
Fürstenberg / Havel
Gransee und Zehdenick
Von Birkenwerder zum Werbellinsee
Lindow und der Wutzsee
Wassersuppe
Buckow, Müncheberg und die Märkische Schweiz
Baruth, Dahme und Luckau
Kloster Lehnin, Klaistow und Werder / Havel
Strausberg und der Gamengrund
Erkner, die Löcknitz und der Werlsee
Lychen und Himmelpfort
Kloster Chorin, der Parsteiner See und Bernau
Im Spreewald
Die Krausnicker Berge und Märkisch Buchholz
Dicht hinter Brandenburgs Grenzen
Küstrin und Schloss Tamsel
In den Weiten der Terra Transoderana
Von Zieko zur Lutherstadt Wittenberg
Die Müritz
Die Ostsee mit Göhren, Zingst und Kühlungsborn
Havelberg und Tangermünde
Die Feldberger Seenlandschaft und Carwitz
Berlin
Mein Neukölln
An den Ufern der Havel
Auf dem Campus der Freien Universität Berlin
Westend und das Olympiastadion
Der Kiez Bundesplatz und der Hohe Bogen
In und um Schmöckwitz
Von Tegel bis Heiligensee
Die Müggelberge und der Müggelsee
Die Gropiusstadt und der Britzer Garten
Der Teufelsberg
Die Zitadelle Spandau
Berliner Dampferfahrten
Zoo und Tiergarten
Die Orte meiner Täter und Stadtheiligen
Standort Kudamm-Karree
Zu Besuch in Kreuzberg SO 36
Frohnau und der Friedhof an der Hainbuchenstraße
Zwei literarische Leben: Horst Bosetzky wird 80
Wenn ein großer Schriftsteller sein 80. Lebensjahr vollendet, darf man ein wenig Rückschau halten – auch wenn man sich, seiner Leserschaft und nicht zuletzt ihm selbst wünscht, dass dem Jubilanten noch viele weitere Jahrzehnte produktiven literarischen Schaffens vergönnt sein mögen.
Horst Bosetzky blickt auf zwei höchst erfolgreiche schriftstellerische Leben zurück. Das erste begann 1971 mit seinem Kriminalroman Zu einem Mord gehören zwei und machte ihn innerhalb kürzester Zeit zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Krimiautoren. Bosetzkys literarhistorischer Verdienst war, dass er – gemeinsam mit einigen weiteren Schriftstellern wie Hansjörg Martin oder Richard Hey – das Genre nachhaltig in Deutschland voranbrachte. Vormals als Trivialliteratur verschmäht, wurde der Krimi durch diese Autoren gesellschaftsfähig, und zwar in Form eines politisch dezidiert kritischen »Soziokrimis«, der sich thematischer Ansätze bediente, die in den Jahren zuvor in Skandinavien entwickelt worden waren. In schneller Abfolge veröffentlichte Bosetzky über ein Dutzend Erfolgsromane, darunter Einer von uns beiden (1972) und Kein Reihenhaus für Robin Hood (1979), die verfilmt wurden.
Sein erstes schriftstellerisches Leben ließ Prof. Dr. Horst Bosetzky allerdings einen gewissen -ky führen. Wer sich hinter dem Kürzel verbarg, wussten über Jahre nur einige wenige Eingeweihte im Rowohlt Verlag. Noch befürchtete der angesehene Wissenschaftler, es würde seiner Laufbahn schaden, wenn die Öffentlichkeit erführe, dass er stillheimlich Krimis verfasste. Der Fachwelt war der promovierte Soziologe, der fast drei Jahrzehnte lang an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege in Berlin lehrte, als einer der führenden Köpfe im Bereich der Verwaltungs- und Organisationssoziologie bekannt.
Derlei Befürchtungen waren längst obsolet, als der mittlerweile hochangesehene Schriftsteller Anfang der 1990er-Jahre unter seinem Klarnamen sein zweites literarisches Leben begann. Dieses als sein Verleger begleiten zu dürfen ist mir bis heute eine große Freude. Weit über den Kriminalroman hinausgehend – diesen aber nie vernachlässigend –, erschrieb sich Bosetzky den Ruf des wohl erfolgreichsten Berliner Unterhaltungsschriftstellers unserer Zeit.
Unsere Zusammenarbeit begann mit einem Flop. Daran trugen aber weder Autor noch Verleger die Schuld, sondern der berüchtigte »Kaufhauserpresser Dagobert«, dessen Identität von der Polizei gelüftet wurde, als wir gerade einen höchst vergnüglichen Erzählband veröffentlicht hatten, der sich augenzwinkernd die Frage stellte, wer wohl hinter Dagobert stecke.
Unserem größten gemeinsamen Reinfall folgte unser größter gemeinsamer Erfolg: der autobiografisch geprägte Familienroman Brennholz für Kartoffelschalen (1995). In ihm kam einer der wohl wichtigsten literarischen Fertigkeiten des Autors zum Tragen, die noch viele weitere seiner Werke bestimmen sollte: seine unvergleichliche Art, Lokal- und Zeitkolorit einzufangen. Von klein auf ein sehr aufmerksamer Beobachter seiner Umwelt, schaffte er es auf beispiellose Weise, ein äußerst lebendiges Abbild der Berliner Nachkriegszeit zu zeichnen.
Seine Fähigkeit, im Einzelnen das Allgemeine erkennbar werden zu lassen, mit kleinen Strichen gesellschaftliche Zustände und eine bestimmte Ära gegenwärtig zu machen, bestimmt neben seinen zahlreichen Familienromanen auch seine dokumentarischen Spannungsromane. Einige von denen gehören zu dem literarisch Besten, was Bosetzky in den letzten 25 Jahren geschaffen hat: Wie ein Tier (1995), Der kalte Engel (2002) oder Der Teufel von Köpenick (2009). Mit psychologischem Gespür machte der Autor in diesen Romanen das Denken und Fühlen von Menschen plausibel, die sich furchtbarster Verbrechen schuldig gemacht hatten. Dasselbe Feingefühl für die Beweggründe seiner Figuren kam aber auch zum Ausdruck, wenn er sich in seinen biografischen Romanen den großen Persönlichkeiten der Berliner Geschichte zuwandte, so in Kempinski erobert Berlin (2010).
Ganz dem Krimi abgeschworen hat der Autor aber auch in seinem zweiten schriftstellerischen Leben nicht. Im Gegenteil, 2007 begründete er mit dem Jaron Verlag die erfolgreichste Berliner Krimiserie unserer Zeit: Es geschah in Berlin, Kennern als »Kappe-Reihe« bekannt.
Was für ein Buch sollte sich der Jaron Verlag von seinem wichtigsten Romanautor zu dessen Geburtstag wünschen? Drei Passionen ziehen sich durch Horst Bosetzkys Leben. Die erste heißt Fußball. Darüber lassen sich leider nur schwer gute belletristische Bücher machen (auch wenn wir es mal versuchten: mit dem weithin vergessenen Roman Kante Krümel Kracher, 2004). Seine zweite Passion ist der öffentliche Nahverkehr. Über den hat Horst Bosetzky schon so manches schöne Buch verfasst (zuletzt Mit Genuss in Taxe, Bahn und Bus, 2016). Also setzten wir auf seine dritte Leidenschaft: die unermüdliche Erkundung seiner geliebten Heimatregion. Wer wie ich oft das Glück hatte, ihn über die Landschaften und Seen, Städte und Flecken vor allem Brandenburgs erzählen zu hören, weiß, wie viel Interessantes er zu berichten weiß. Das Lesenswerteste davon hat er nun zu Papier gebracht. Entstanden ist eine höchst vergnügliche literarische Reise von der Ostseeküste über Berlin bis zum Spreewald – und zugleich eine Art Quintessenz eines bewegten Lebens.
Lieber Horst, mein Verlagsteam und ich ganz besonders danken dir für dieses Buch und für all die anderen Werke, die wir mit dir realisieren durften. Wir wünschen uns und deinen Lesern, die gar nicht genug bekommen können von deinen mal spannenden, mal tiefgründigen, mal humorvollen, immer aber höchst unterhaltsamen Büchern, dass dir noch so manches schriftstellerische Glanzstück gelingen möge.
Norbert Jaron
Vorwort
Die Anregung zu diesem Buch stammt von meinem verehrten Verleger Dr. Norbert Jaron. Ich hätte mich aber nicht an die Arbeit gemacht, wenn ich nicht zeitgleich in dem Buch Je älter desto besser von Ernst Pöppel und Beatrice Wagner auf eine Abhandlung über das episodische Gedächtnis gestoßen wäre, in der es unter anderem heißt: Das episodische Gedächtnis ist eine der drei Wissensformen, aus denen sich das Langzeitgedächtnis zusammensetzt. Hier werden ausschließlich Bilder und Episoden aus der eigenen Biografie gespeichert, die einen emotionalen Stellenwert für uns haben. Ich möchte auf den folgenden Seiten die Orte beschreiben, zu denen es mich immer wieder hinzieht und an denen ich »faustische Augenblicke« erlebe: Verweile doch! du bist so schön!
Passend für ein Vorwort ist auch ein Zitat von Otto von Bismarck aus dem Jahre 1847: Wie schön ist es, eine Heimat zu haben und eine Heimat, mit der man durch Geburt, Erinnerungen und Liebe verwachsen ist. Ich sehe Berlin als meine Heimat an und nehme noch Brandenburg und die Terra Transoderana dazu, aber auch Teile von Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Alle haben sie mit mir das getan, was Heimaten mit einem Menschen machen: Sie sozialisieren ihn, prägen seinen Charakter, seine Mentalität und seine Einstellungen, kurzum, sie schaffen seine Ich-Identität und sorgen für seine Abgrenzung gegenüber dem, was ihm nicht Heimat ist, also der Fremde.
Für mich hat es vor allem zwei Anlässe gegeben, durch meine Heimat zu wandern: die Einladungen zu Lesungen und die allmonatliche Gruppenwanderung mit Freunden und Verwandten. Durch Brandenburg bin ich bereits als Kind unzählige Male gestreift – in Gedanken. Auch als West-Berliner zur DDR-Zeit habe ich wieder und wieder in einem Heft geblättert, das schon meinen Vater geleitet hatte: in dem von ihm für zwei Mark gekauften Kartenbuch für Fahrt und Wanderung – 1000 Wege um Berlin, herausgegeben von der Berliner Morgenpost. Es ist undatiert, muss aber zwischen 1930 und 1940 erschienen sein.
Mit den Gosener Bergen will ich anfangen, weil es heißt, dass ich dort gezeugt worden bin, und mit dem Frohnauer Friedhof schließen, weil ich dort einmal begraben sein werde.
Es muss aber vor Beginn des ersten Streifzugs noch gesagt werden, dass ich dieses Buch nicht für mich schreibe, sondern für möglichst viele meiner lieben Mitmenschen, die lohnende Ziele für ihre Ausflüge in das weitere Berliner Umland suchen oder interessante Kieze in der Stadt selbst, die ihnen noch unvertraut sind.
Brandenburg
Die Gosener Berge
Ich habe in »meinem« Gosen nie gelebt, aber es geht die Sage, dass ich auf den Höhen der Gosener Berge gezeugt worden bin. Es muss im Mai 1937 gewesen sein. Zu Hause hatten es meine Eltern schwer, sich ungestört zu lieben, denn in ihrer Familien-WG am Neuköllner Weichselplatz lebten sie mit den Eltern meiner Mutter, meinem Urgroßvater sowie der Schwester meiner Mutter nebst deren Mann zusammen. Nur in ihrem Faltboot waren sie allein. Allerdings, ich hatte selbst solch ein Boot und wage die These, dass sich mitten auf einem Gewässer nur erfahrene Akrobaten erfolgreich paaren können. Also werden meine Eltern, Hildegard und Otto, von Schmöckwitz her über den Seddinsee kommend, wohl auf Gosener Territorium angelegt und sich in einer schützenden Sandkuhle unter märkischen Tannen ans Werk gemacht haben.
Gosen, heute Gosen-Neu Zittau, liegt im Bundesland Brandenburg, das am nordöstlichen Ufer des Seddinsees so richtig imperialistisch dem großen Berlin ein Stück Land abgenommen hat. Gegründet worden sein soll es im Jahre 1752 von Friedrich dem Großen als »Spinnerdorf«. Nicht etwa, dass der Preußenkönig die damalige Kreativszene Berlins hierher umsiedeln wollte – nein, es sollten hier Maulbeerbäume angepflanzt und ihre Wolle versponnen werden. Die Gosener Berge nun, bis zu achtzig Meter hoch, gehören zum Teil noch zu Berlin. Dies gilt auch für das Areal, auf dem in den Jahren 1905/06 das Ausflugslokal »Schillerwarte« mit einem Aussichtsturm errichtet worden ist. Diese Schillerwarte war für mich, als wir über den Seddinsee schipperten und ich als Kleinkind vorn im Faltboot meiner Eltern saß, etwas so Großartiges, dass ich sie heute noch deutlich vor Augen habe, wenn ich in Friedrich Schillers Die Kraniche des Ibykus lese: Schon winkt auf hohem Bergesrücken / Akrokorinth des Wandrers Blicken … Leider ist die Schillerwarte in den 1970er-Jahren verfallen und abgetragen worden, und Akrogosen ist heute nur noch eine chaotische Wildnis. Aber gleich nach der deutschen Wiedervereinigung haben sich meine Wanderfreunde und ich, nachdem wir mehrere verrostete Zäune überwunden hatten, noch unter der berühmten Wurzelkiefer gegenseitig fotografiert.
Der Blick ringsum ist, sofern man eine Sichtschneise gefunden hat, noch immer faszinierend, und es kommt einem das Heimatlied des Neu Zittauer Hauptlehrers Gause in den Sinn:
Stehst du am Rande jener Hügel,
da wo die Heide weit sich dehnt,
hättest dem Schauen weite Flügel
für diesen Anblick schnell entlehnt.
Vorn ducken sich die Häuser nieder,
dort hinten schlängelt sich der Fluss.
Wald, Wiese, Hügel grüßen wieder
– ein prächtig Bild, das ewig bleiben muss.
Gosen klingt nach Bibel. Der Pharao bot Joseph an, sich mit seinem Vater und seinen Brüdern in diesem besten Teil des Landes anzusiedeln: … du sollst im Lande Gosen wohnen und nahe bei mir sein … (2. Buch Mose, 45,10). Manche allerdings nehmen an, dass Gosen im Osten des alten Nildeltas lag.
Vielleicht hat diese Verbindung zwischen Brandenburg und Ägypten Ernst Lubitsch im Jahre 1922 bewogen, bei den Dreharbeiten für seinen Film Das Weib des Pharao in die Gosener Berge zu gehen und hier die Schlachtszenen zwischen den Ägyptern und den Nubiern spielen zu lassen (so jedenfalls der Tagesspiegel vom 25. Januar 2017, für den allerdings die Äthiopier die Gegner des Pharao sind).
Die Gosener Berge sind auch ein Stück deutscher, genauer ein Stück DDR-Geschichte: In ihren Tiefen verbargen sich die Bunkeranlagen der zentralen Diensteinheiten des Ministeriums für Staatssicherheit, und am Rande Gosens erstreckten sich die Gebäude der MfS-Hochschule zur Ausbildung von Auslandsagenten.
Einige Hundert Meter von der Stelle entfernt, auf der einst die Schillerwarte stand, gab es ein Hotel- und Kongresszentrum, in dessen großem Saal ich am 21. Juni 1991, organisiert von der Humboldt-Universität, am frühen Vormittag einen organisationssoziologischen Vortrag halten sollte. Anzureisen war schon einen Tag vorher, also am Donnerstag, dem 20. Juni 1991. An ebendiesem Tage wurde im Bonner Bundestag bis in den späten Abend darüber diskutiert, ob man nun nach erfolgter Wiedervereinigung den Parlaments- und Regierungssitz nach Berlin verlegen solle oder nicht. Die Debatte dauerte zehn Stunden und wurde in die Lobby des Hotels übertragen. Für mich als geborenen und bekennenden Berliner war das spannender als jedes Fußball-WM-Endspiel mit deutscher Beteiligung. Endlich nahm der Bundestag den Antrag zur »Vollendung der Einheit Deutschlands« mit 338 zu 320 Stimmen an. Hurra! Wolfgang Schäubles Rede hat wohl den Ausschlag für Berlin gegeben, und ihn liebe ich, obwohl seit 51 Jahren SPD-Genosse, noch heute dafür.
Nach Gosen, so sehe ich gerade auf meiner Karte, kann man mit dem Bus der Linie 369 von Müggelheim aus anreisen, aber auch von Erkner aus mit dem 424er-Bus, der bis zur Haltestelle Schillerhöhe fährt. Den habe ich wohl genommen, als ich vor etwa zwanzig Jahren zu einer Lesung in der Heimatstube Gosen, einem kleinen Museum, angereist bin.
Wer als Kenner der Gegend den Namen Gosen hört, denkt sofort an den Gosener Graben und den Gosener Kanal. Beide verbinden den Seddin- mit dem Dämeritzsee, aber der eine ist Natur pur, der andere eine schnurgerade künstliche Schifffahrtsstraße.
Wenn ich von Schmöckwitz her mit schon etwas müden Paddelschlägen an das Ende des Seddinsees gekommen war, ging es links in den Kanal und rechts, nicht leicht zu finden, in den Graben. Erst kam die Straßenbrücke, dann das Forsthaus Fahlenberg. Ein paar Hundert Meter weiter begann das Sumpf- und Wiesengebiet, das man auch als ein Delta der Spree bezeichnen kann oder als einen Spreewald en miniature. Rechts mündete ein schmaler Wasserlauf, kaum breiter, als ein Paddel lang ist, in den Gosener Graben. In den bin ich etwa 1956 mit meinem Vater an Bord eingebogen, aus reiner Neugier. Wir paddelten immer parallel zur Gosener Landstraße entlang und mussten uns im Boot lang ausstrecken, um unter einem niedrigen Holzsteg hindurchzukommen. Plötzlich ein Aufschrei. Oben auf der Straße stand ein schwarz-rot-goldenes Schilderhäuschen der DDR-Grenzpolizei, denn hier verlief die Grenze zwischen Ost-Berlin und der DDR – und in diese einzureisen, hätte uns als West-Berlinern eine saftige Strafe eingebracht. Was nun? Zu wenden war in dem engen Rinnsal unmöglich. Also paddelten wir im Rückwärtsgang wieder zum Gosener Graben.
Vom Gosener Graben zweigte auch der sogenannte Große Strom ab, und auf dem erreichte man in der Nähe von Schönschornstein die richtige Spree. Nebenbei: Aus Schönschornstein bei Erkner kommt auch Paul Quappe, der in den Romanen der Reihe Es geschah in Preußen als komischer Hausdiener eine dankbare Nebenrolle spielt.
Auf den nächsten Kilometern gab es dann seltene Tiere, Pflanzen und Bauern zu bestaunen. Letztere beim Heumachen. An einigen kleinen »Ablagen« – so wurden früher sandige Stücke am Ufer genannt – konnte man gut anlegen und Pause machen, jedenfalls so lange, bis eine offenbar nicht ganz ausgelastete untere Behörde der DDR beschlossen hatte, den Gosener Graben mittels einer Spundwand aus eingeschlagenen Pflöcken von seiner Urwüchsigkeit zu befreien. Das hinderte uns aber nicht daran, aus dem Boot zu steigen, um unser Margon-Tafelwasser aus dem Schmöckwitzer Konsum zu trinken. Belegte Brote hatten wir uns immer aus Schmöckwitz mitgebracht. Bei einer Fahrt mit dem Frohnauer Freund Dr. Jürgen Zingler aus West-Berlin hatte ich stattdessen einen Müsliriegel dabei. Als ich in den biss, schrie ich derart auf, dass mein Begleiter, der Internist war, befürchtete, ich hätte einen Herzinfarkt erlitten. Doch ich hatte nur eine teure Brücke aus ihrer Verankerung gelöst und sie um ein Haar verschluckt. »Das wäre ein schöner Bolustod für dich gewesen und hätte dir als Kriminalautor hohe PR-Werte gebracht«, sagte er gelassen. »Allerdings hätte ich dich mit dem Heimlich-Handgriff noch gerade gerettet.«
Bisweilen schlugen wir bei der Fahrt durch den Gosener Graben wild um uns. Die Bremsen hatten uns entdeckt und wollten ihre stilettartigen Saugrüssel in unsere Rücken versenken. Schafften sie es und delektierten sich an unserem Blut, dann hatte man es stundenlang mit irre juckenden »Flatschen« auf der Haut zu tun. Gosen war nichts für Mimosen.
Vom Gosener Graben kam man auf den Dämeritzsee. Durch ihn verlief die Grenze zwischen Ost-Berlin und der DDR, und auf einem Prahm saßen die Grenzposten, um die Papiere zu kontrollieren. Wir West-Berliner mussten nach links abbiegen, wo sich in Hessenwinkel an einem Arm der Müggelspree gut rasten ließ. Zurück nahmen wir dann, ausgebremst im Graben, lieber den Weg über den insektenfreien Kanal.
Oranienburg
Oranienburg ist für mich fast ein Jahrzehnt lang ein Ort der Sehnsucht gewesen, denn als ich 1982 nach Frohnau gezogen war, lag es zwar recht nahe, aber schier unerreichbar hinter Stacheldraht und Grenzsperren. Die S-Bahn fuhr nur bis Frohnau, und nördlich des Bahnhofs war der stillgelegte Bahndamm ein beliebter Spazierweg mit freiem Blick in die grünen Weiten der DDR. Meine Ost-Berliner Verwandten belehrten mich, dass der Ort O-Burg hieße, wie man auch KW für Königs Wusterhausen sage. Ich nenne Oranienburg manchmal Bötzow und werde dann angesehen, als hätte nun auch mich die Altersdemenz gepackt.
Der Ort, eine slawische Siedlung, wurde im Jahr 1216 als Bothzowe erstmals urkundlich erwähnt. Nachdem die Christen das Gebiet erobert hatten, bauten sie in Bötzow, so der »eingedeutschte« Name, eine Burg, die der brandenburgische Kurfürst Joachim II. später zu einem Jagdschloss umbauen ließ. Fünf Generationen später, im Jahre 1650, schenkte der berühmte Große Kurfürst die Domäne Bötzow seiner Gattin Louise Henriette, die dem Hause Oranien entstammte, und ließ an alter Stelle ein neues Schloss in holländischem Barock errichten: Oranienburg.
Nachdem während des 19. Jahrhunderts die Chemische Produkten-Fabrik das Gebäude genutzt hatte und später ein Lehrerseminar hier eingezogen war, musste das Schloss ab 1933 als SS-Kaserne herhalten. Die militärische Nutzung dauerte nach dem Ende der NS-Diktatur an: Nun machten sich die Rote Armee sowie in der DDR-Zeit die Kasernierte Volkspolizei und die Grenztruppen im Schloss breit. Heute ist der älteste Barockbau in Brandenburg Museum und Kulturstätte. In den 1990er-Jahren durfte ich hier einmal zu einer Lesung verweilen.
O-Burg liegt an einem See – aber nicht, wie man denken sollte, am Oranienburger See, sondern am Lehnitzsee. Der hat die Form eines Magens, erstreckt sich über 2,3 Kilometer in Nord-Süd-Richtung und ist mal 250, mal 400 Meter breit.
Am südlichen Ende des Sees fließt die Havel weiter Richtung Elbe, und S- und Regionalbahn überqueren den Fluss auf einer mächtigen Brücke. Unter der kann man auf einem schmalen Weg an der hier kanalartigen Havel entlanggehen. Ein schützendes Gitter gibt es nicht, und unter der Kaimauer scheint in der Dunkelheit der Hades zu lauern. Dorthin wurde ich einmal vom RBB beordert, damit mich Uwe Madel für seine Fernsehsendung Täter – Opfer – Polizei interviewen konnte. Mich packt heute noch die Angst, wenn ich daran zurückdenke.
Steigt man in Lehnitz aus der S-Bahn, kann man von seinem südlichen Zipfel aus fast ganz um den See herumwandern. An seinem nördlichen Ende mündet er in die Havel-Oder-Wasserstraße, und mit Blick auf die Lehnitzschleuse kann man den Kanal auf einer Brücke überqueren. Die L273 wird hier zur O-Burger Magistrale, der Bernauer Straße, zur DDR-Zeit Straße des Friedens. Auf ihr erreicht man nach wenigen Hundert Metern die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen. Oranienburg kann sich glücklich schätzen, dass sein Name meist zuerst mit dem Schloss assoziiert wird – und erst dann mit dem Konzentrationslager. Unzählige Menschen sind hier gequält worden, wie etwa Jurek Becker, oder ermordet, wie der Hitler-Attentäter Georg Elser. Gott, was wäre der Welt an Schrecken und Elend erspart worden, hätte er am 8. November 1939 im Münchener Bürgerbräukeller sein Werk vollenden können!
Am Ufer des Lehnitzsees kann man im »Eiscafé Dietrich« einkehren und versuchen, die dunkelste Epoche deutscher Geschichte zu verdrängen. So ganz wird das aber nie gelingen, zumal in und um O-Burg regelmäßig nicht explodierte Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden werden, die aufwendig entschärft werden müssen. Weil hier viele Chemie- und Rüstungsbetriebe ansässig waren, war die Stadt ein vorrangiges Ziel der Luftangriffe der Alliierten. Es soll Berliner geben, die sich wegen der ständig gefundenen Blindgänger weigern, nach O-Burg zu fahren.
Wagt man den Ausflug dennoch und steigt an der Enthaltestelle Oranienburg aus der Berliner S-Bahn, sticht einem sofort der riesige Komplex des Gymnasiums F. F. Runge ins Auge. Gleich nach der Wiedervereinigung sind hier auch etliche sitzengebliebene Schüler aus den Nordberliner Ortsteilen Frohnau und Hermsdorf untergekommen. Weil es damals in Brandenburg nur 12 Schuljahre gab, in West- Berlin aber noch 13, konnten sie dann im selben Jahr ihr Abitur machen wie ihre ehemaligen Klassenkameraden.
Rechts vom Gymnasium beginnt die Willy-Brandt-Straße. Gehen wir die hinunter, können wir unter Umgehung der Hauptstraße über den Louise-Henriette-Steg den Schlossplatz erreichen. Ganz hier in der Nähe muss der Ort gelegen haben, an dem mein Ost-Berliner Freund und Kollege Jan Eik und ich gleich nach der friedlichen Revolution gemeinsam lesen sollten. Die Gastgeberin machte es sich leicht und bat uns, als wir vorn am Lesetisch nebeneinander Platz genommen hatten, uns doch bitte selbst vorzustellen. Auf mich zeigte sie zuerst. Und so sagte ich: »Mein Name ist Jan Eik, eigentlich Helmut Eikermann, geboren am 16. August 1940 in Berlin, und ick jloobe, det hört man ooch. Eigentlich bin ich Diplomingenieur für Informationstechnik, seit 1987 aber freiberuflicher Autor. Ich hoffe, Sie kennen meine beiden Kriminalromane hier.« Die lagen vor uns auf dem Tisch, und ich brauchte sie nur hochzuheben. »Das lange Wochenende, Verlag Neues Leben, Berlin 1975, und Poesie ist kein Beweis, 1986, erschienen in der DIE-Reihe.«
Danach stellte sich Jan Eik als Horst Bosetzky vor. Zu unserem Entsetzen durchschaute lange Zeit keiner, was da gespielt wurde.
Fällt das Wort Oranienburg, dann rufen viele sofort: »Ah, Eden!« Gemeint ist dabei aber nicht Rolf Eden mit seinem Berliner Nachtklub, sondern die Oranienburger »Gemeinnützige Obstbau-Siedlung Eden«, 1893 gegründet und ausgerichtet auf naturnahes und gesundes Leben.
Eine möglichst nachhaltige Genesung mit der Option auf ein gesundes Leben versuchte auch die Lungenheilstätte am Grabowsee zu gewährleisten, an welche ich als Lungenkranker sofort denken muss. An ihren Zäunen haben wir nach der Wiedervereinigung bei unseren Ausflügen von Frohnau aus oft gestanden. Bis 1995 war sie noch russisches Lazarett, dann begann sie langsam zu zerfallen. Heute wird die Anlage gern als Filmkulisse genutzt.
Auch Friedrichsthal sollte man besuchen und sich den Malzer Kanal mit seinen Schleusen ansehen. In der Friedrichsthaler Kirche wirkte der spätere evangelische Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Kurt Scharf von 1933 bis 1945 als Pfarrer.
KW und O-Burg – diese DDR-Kürzel haben sich in meinem Gedächtnis derart festgesetzt, dass ich zu raten beginne, als mein Cousin Curt mir sagt, seine Tochter sei in SPO. »Sperenberg-Ost oder Spremberg-Ost?«
»Nein, Sankt Peter-Ording.«
Bad Belzig und Wiesenburg
»Treffpunkt Bad Belzig. Wir gehen am Sonnabend durch die Rummel«, verkündet unser Wanderführer.
»Über den Rummel!«, schreien da reflexartig die Kenner der deutschen Hochsprache, den Rummelplatz meinend.
Doch der Mann hat recht, obwohl das Wort nicht einmal im Duden zu finden ist. Die Rummel ist eine im Hohen Fläming gebräuchliche Bezeichnung für die hier anzutreffenden periglazialen Trockentäler wie beispielsweise die Rummel »Steile Kieten« zwischen Preußnitz und Bad Belzig und die »Brautrummel« bei Grubo.
Neben Freienwalde, Liebenwerder, Saarow und Wilsnack wurde im Bundesland Brandenburg auch Belzig mit dem Beinamen Bad geadelt. Das Städtchen liegt inmitten des Naturparks Hoher Fläming und verfügt mit dem Hagelberg über eine der höchsten Erhebungen im Norddeutschen Tiefland. Zudem findet man in seiner Nähe eines der letzten Refugien der Großtrappe in Deutschland. Interessant ist auch, dass der geografische Mittelpunkt der DDR zwischen Weitzgrund und Verlorenwasser – heute Teile des Stadtgebiets – gelegen hat. Verlorenwasser heißt aber nicht nur ein Ortsteil von Bad Belzig, sondern auch ein Flüsschen, das in Richtung Havel fließt.
Was ist an Bad Belzig besonders erwähnenswert? Erstens, dass Martin Luther hier 1530 in der Marienkirche gepredigt hat, zweitens, dass es 1547 im Schmalkaldischen Krieg von spanischen und 1636 im Dreißigjährigen Krieg von schwedischen Truppen zerstört worden ist, und drittens, dass sich hier die Burg Eisenhardt befindet. Die ist das Highlight der Stadt. Die slawischen Heveller hatten an ihrem Standort einen Burgwall errichtet, den Albrecht der Bär 1157 für die Askanier eroberte. Später ließ der Graf Siegfried von Belzig dann die massiv gebaute romanische Steinburg errichten. Den imposanten Bergfried, den »Butterturm«, im Innenhof der Burg kann man erklimmen, es sei denn, man leidet wie ich unter Höhenangst und hat nicht mehr genügend Kraft in den Oberschenkeln. Die Ringmauer und das Heimatmuseum sind einen Rundgang wert, ein wahres Erlebnis ist es aber, im Innenhof der Burg Eisenhardt zu sitzen, zu speisen und zu trinken und den Panoramablick zu genießen. Voller Glück können wir dann singen:
O Täler weit, o Höhen,
O schöner grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächtger Aufenthalt.
Nicht nur der Butterturm, auch der zweihundert Meter hohe Hagelberg will erklommen sein. Auf dem haben sich in den Befreiungskriegen im Vorfeld der Völkerschlacht bei Leipzig am 27. August 1813 die Preußen und die Franzosen in der sogenannten Kolbenschlacht bekriegt. Deren Name rührt daher, dass die Soldaten überwiegend mit Bajonetten und Gewehrkolben kämpfen mussten, weil wegen Dauerregens die Pulver und Gewehre feucht geworden waren. Als es schon so aussah, als würden die Preußen verlieren, erschienen die Russen auf dem Hagelberg und retteten ihnen den Sieg. Es gab Tausende von Toten und Verwundeten.
Auch ich erlitt eine Verwundung, nachdem ich den Hagelberg mit meiner Wandergruppe bestiegen hatte, jedoch nicht durch den Stich eines Bajonetts, sondern durch die Klinge meines Taschenmessers. Ich hatte mir einen Apfel mundgerecht zerteilen wollen, schrie auf wie ein preußischer Landsturmmann und wälzte mich filmreif im Grase. Zum Glück hatten wir einen Arzt in unserer Mitte, der meine Wunde kunstgerecht verbinden konnte.
Ist man schon einmal in Bad Belzig, lohnt es sich, auch das nahegelegene Wiesenburg zu besichtigen. Nach rund zweieinhalb Stunden Fußmarsch ist man vor Ort und kann das im Stil der Neorenaissance erbaute Schloss bewundern und im Schlosspark flanieren. Vom Bahnhof Wiesenburg ist man mit einem Zug der Linie RE7 in etwas mehr als einer Stunde wieder am Berliner Bahnhof Zoo.
Bad Freienwalde und Falkenberg / Mark
Der Name Bad Freienwalde (Oder) ist etwas irreführend, denn die Stadt liegt nicht, wie man annehmen könnte, an der bekannten großen Oder, sondern an der vergleichsweise kümmerlichen Alten Oder am Nordwestrand des Oderbruchs. Da hier das Barnimplateau beginnt, finden wir im Stadtgebiet Höhenunterschiede von bis zu 150 Metern.
Als wir Bad Freienwalde um das Jahr 2005 zum ersten Mal erwandern wollten, trafen wir uns auf dem Marktplatz mit der Stadtpfarrkirche St. Nicolai und dem Rathaus. Von dort gingen wir die leicht ansteigende Uchtenhagenstraße entlang. Die Uchtenhagens sind ein altes Adelsgeschlecht, und ihr Name ist ab 1250 in alten Urkunden zu finden. Beim Wegweiser Fontane-Wanderweg bogen wir nach rechts ab und stiegen zwischen mehreren Grundstücken einige Stufen hinauf. Wir erklommen einem Hang mit Buchen- und Eichenwäldern, und ich habe schnell die Orientierung verloren. Meistens versperrte dichtes Gebüsch den Blick auf die Stadt. Angesteuert haben wir vier Aussichtstürme, und wer mit einem Turm-Ticket alle bestieg, dem wurde ein Turm-Diplom verliehen. Darauf verzichtete ich mit der Begründung, schon ein Diplom zu haben, wenn auch nur das 1968 an der Freien Universität Berlin erworbene für Soziologen.
Den Aussichtsturm auf dem Galgenberg bestieg ich aber doch, und das hinterließ bei mir einen solchen Eindruck, dass ich einen der Protagonisten der Krimi-Reihe Es geschah in Berlin nach ihm benannt habe, nämlich den Assistenten des Kriminalkommissars Hermann Kappe: Gustav Galgenberg. Det is een richtija Berliner, der tut lupenrein berlinern und hat ooch alle Sprüche druff wie etwa: »Wer Jott vatraut und Bretta klaut, der hat ’ne billje Laube.«
Dann entdeckte ich etwas, das mir aus Bayern, Österreich und Holmenkollen gut bekannt ist, das ich aber nie und nimmer im Landkreis Märkisch-Oderland vermutet hätte: Skisprungschanzen. Drei davon gibt es hier im Papengrund, und auf der ältesten Schanze ist Birger Ruud, der Olympiasieger von 1936, den Rekord von sage und schreibe 40,5 Metern gesprungen.
Bad Freienwalde liegt mir auch deshalb am Herzen, weil mein Freund Volker Panecke dort aufgewachsen ist und er mich ins Redaktionskollegium des Jahrbuchs Viadrus geholt hat, das den Untertitel Heimatbuch für Bad Freienwalde (Oder) und Umgebung et Terra Transoderana trägt. Zum siebenhundertsten Stadtjubiläum (1316–2016) wurde das Sonderheft Freyenwaldia herausgegeben, in dem alles Wissenswerte über Bad Freienwalde nachzulesen ist. Spiritus Rector des Ganzen war der Ortschronist und Augenarzt Dr. Ernst-Otto Denk, und ein jeder Besuch in seiner Stadt ist damit ein denkwürdiger.
Zu Bad Freienwalde gehört auch die Ansiedlung Schiffmühle. Dort verweile ich gern, da mich dieser Ort ganz besonders an meinen Lieblingsdichter Theodor Fontane erinnert. Immer wieder lese ich Fontanes autobiografischen Roman Meine Kinderjahre und werde im Folgenden auch mehrfach aus dem 16. Kapitel (Vierzig Jahre später) zitieren. Aber recht eigentlich höre ich Fontane-Texte viel lieber – vorausgesetzt, sie werden so vollendet vorgetragen wie von Gert Westphal –, beispielsweise diese Sätze über Fontanes Vater:
Er wohnte damals, schon zehn oder zwölf Jahre lang, in Nähe von Freienwalde, und zwar in einer an der alten Oder gelegenen Schifferkolonie, die den Namen »Schiffmühle« führte und ein Anhängsel des Dorfes Neu-Tornow war. Vereinzelte Häuser lagen da, in großen Abständen voneinander, an dem träg vorüberschleichenden und von gelben und weißen Mummeln überwachsenen Flusse hin, während sich, unmittelbar hinter der Häuserreihe, ziemlich hohe, hoch oben mit einem Fichtenwalde besetzte Sandberge zogen. Genau da, wo eine prächtige alte Holzbrücke den von Freienwalde heranführenden Dammweg auf die Neu-Tornow’sche Flußseite fortsetzte, stand das Haus meines Vaters.
Und da steht es heute noch, an die 150 Jahre später.
Louis Henry Fontane wurde am 24. März 1796 in Berlin geboren und starb am 5. Oktober 1867 in Schiffmühle. Sein Vater, Theodor Fontanes Urgroßvater, ist unter anderem Kabinettssekretär der legendären Königin Luise von Preußen gewesen. Louis Henry Fontane hat in Berlin das Gymnasium zum Grauen Kloster besucht und in der Leipziger Straße eine Apothekerlehre absolviert, war aber zwischenzeitlich Soldat. Am 2. März 1813 hat er in der Schlacht bei Großgörschen trotz seiner französischen Wurzeln gegen Napoleons Truppen gekämpft hat und ist von einer Kugel getroffen worden, die jedoch in seiner Brieftasche stecken blieb. Später musste er aufgrund von hohen Spielschulden seine Apotheke in Neuruppin verkaufen. Eine Zeichnung von Hellmuth Raetzer zeigt ihn so, wie er im Erinnerungsbuch seines berühmten Sohnes beschrieben wird: Auf dem Kopfe saß ein Käpsel, grün mit einer schwarzen Ranke darum …
Sein Grabstein ist heute von Moosen und Flechten überwachsen. Die Inschrift lautet schlicht und einfach: Louis Hanri Fontane. Weder Daten noch Fakten sind darauf zu finden.
Schiffmühlen sind Wassermühlen. Da die träge dahinfließende Alte Oder alles andere als ein wild rauschender Bach ist, fragt man sich, wie mithilfe ihrer Wasserkraft bis 1770 Mehl gemahlen worden sein soll. Heute ist das kleine Fontanehaus in Schiffmühle ein Museum. Besucht man es, kann man sich das Ende der Kinderjahre bildlich vorstellen:
Als 5 Uhr heran war, mußt’ ich wieder fort. »Ich begleite Dich noch«, und so bracht er mich bis über die Brücke.
»Nun lebewohl und laß Dich noch mal sehen.« Er sagte das mit bewegter Stimme, denn er hatte die Vorahnung, daß dies der Abschied sei.
»Ich komme wieder, recht bald.«
Er nahm das grüne Käpsel ab und winkte.
Und ich kam auch bald wieder.
Es war in den ersten Oktobertagen und oben auf dem Bergrücken, da, wo wir von »Poseidon’s Fichtenhain« gescherzt hatten, ruht er nun aus von Lebens Lust und Müh.
Bad Freienwalde ist mit Falkenberg / Mark wie mit einem siamesischen Zwilling verwachsen. Und auch hier »fontanet« es sehr. Man findet in Falkenberg nicht nur die Villa Fontane, den Fontane-Wanderweg und einen Gedenkstein mit einem Kupferrelief eines Fontanekopfes, auch der Verleger und Sohn von Theodor Fontane, Friedrich, war in dem Ort oft zu Gast. Der Höhepunkt eines jeden Ausflugs nach Falkenberg ist aber das Speisen oder Kaffeetrinken im »Panoramarestaurant Carlsburg«, das schon seit 1838 bekannt und seit 1991 wiedereröffnet ist. Grandios ist der Blick hinunter ins Oderbruch, ein Hochland nach Norden hin bis zur sogenannten Neuenhagener Insel und den bläulich grünen Höhenrücken, die schon zu Polen gehören. Hier muss Joseph von Eichendorff gestanden haben, als er die folgenden Verse gedichtet hat:
Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt.
Schon allein das Wort Oderbruch löst bei mir hehre Gefühle aus, denn als Junge ist der Roman Die Heiden von Kummerow von Ehm Welk eines meiner Lieblingsbücher gewesen und das darin beschriebene vorpommersche Dorf Kummerow liegt im Bruch hinterm Berge. Selbstverständlich weiß ich, dass Welk eigentlich das Dorf Briesenbow bei Angermünde gemeint hat, das weit entfernt von der Oder liegt, an die sechzig Kilometer flussaufwärts an der Welse – aber was kümmert mich das?
Steht man auf der hölzernen Terrasse der »Carlsburg« und dreht den Kopf weit nach links, kann man das Schiffshebewerk Niederfinow erkennen. Schaut man nach links unten, blinken dort im Sonnenlicht die Schienen der RB60 (Eberswalde—Frankfurt / Oder), und die blau-weißen Züge der Niederbarnimer Eisenbahn erscheinen so klein wie die einer Modelleisenbahn.
Am westlichen Ufer der Oder
Der Titel Viadrus – Heimatbuch für Bad Freienwalde (Oder) und Umgebung verweist auf den Flussgott der Oder, einen kräftigen Mann mit Schilfblättern im Haar, der mit einem griechischen Manteltuch bekleidet ist, ein Ruder in der einen und eine Quellvase in der anderen Hand. 866 Kilometer lang ist die Oder. Das ist nicht viel im Vergleich zu den 2857 Kilometern der Donau, aber immerhin. Die Oder entspringt in Tschechien, wurde von den Polen Oddera genannt und hieß bei den deutschen Gelehrten des 16. Jahrhunderts nach ihrem Gott Viadrus fluvius. Diese Bezeichnung hat sich allerdings nicht durchgesetzt, nur die Europa-Universität Viadrina hat ihren Namen davon abgeleitet.
Warum die Oder der Schicksalsfluss meiner Familie ist, soll später erzählt werden, an dieser Stelle sei nur darauf hingewiesen, dass ich zwar nie auf der Oder gepaddelt bin, aber oft auf dem Oder-Spree-Kanal. Dabei habe ich immer davon geträumt, einmal den ganzen Kanal mit seinen insgesamt 65 Kilometern zu bewältigen und bei Eisenhüttenstadt jubelnd in die Oder einzubiegen.
Schreibt man über die Oder, wäre eigentlich über den Nationalpark Unteres Odertal und seine wunderschönen Flussauenlandschaften zu berichten, aber den habe ich nie erkundet – wir haben es auf dem Oderdeich nur bis zur Nationalparkstadt Schwedt geschafft. Wichtig für mich ist dagegen das märkische Oderland zwischen Bad Freienwalde (Oder) und Neuzelle.
Von Bad Freienwalde erreicht man mit dem Auto in kurzer Zeit Oderaue, in dessen Ortsteil Zollbrücke das »Theater am Rand« von Thomas Rühmann – bekannt durch die Rolle des Dr. Heilmann in der Fernsehserie In aller Freundschaft – und Tobias Morgenstern betrieben wird. Das Gebäude ist aus massivem Holz und sieht aus, als gehöre es in den Wilden Westen. Hinter der Bühne gibt es keine künstlichen Kulissen, allein die Natur mit ihren Feldern, Bäumen, Hecken, Koppeln, Wegen und Zäunen dient als Bühnenbild. Das ist einzigartig. Ich habe hier mit Freunden und Verwandten im Sommer 2015 das Stück Mitten in Amerika gesehen, eine bitterböse Geschichte um Wasser, Boden, Öl, Windräder und Schweinefarmen in Texas und Oklahoma. Zu Beginn der Vorstellung öffnete sich kein Vorhang – einen solchen gibt es hier gar nicht –, sondern die Schauspieler kamen durch ein Kornfeld von hinten auf die Bühne.
Nach der Vorstellung ging ich zur Oder hinunter, tauchte meine Hände mit einer rituellen Geste ins Wasser und dachte daran, wie mein Vater hier im Sommer 1937 entlanggepaddelt ist. Von Breslau nach Berlin hat er es geschafft. Meine Mutter war damals, weil sie schwanger war, nicht dabei – ich also auch nicht.
Wenn man Oderaue beziehungsweise Zollbrücke besucht, sollte man einen Abstecher nach Letschin machen. Dort befindet sich in der Fontanestraße 20 die Fontane-Apotheke, vormals allerdings nicht von Theodor, sondern von seinen Eltern betrieben. Nicht weit ist es auch zu den Seelower Höhen, wo die Rote Armee am 16. April 1945 die Schlacht um Berlin eröffnet hat. Auf einer unserer Wanderungen fanden wir dort noch immer leicht erodierte Schützengräben. Der herrliche Ausblick auf die Oderniederung lässt sich deshalb nicht so recht genießen.
Mit der Wandergruppe sind wir auch fast jedes Frühjahr zu den Adonisröschen an den Oderbergen in Lebus gepilgert. Lebus war einmal eine Größe in der europäischen Geschichte. Unter dem polnischen Herrscher Mieszko I. ist es zu einem wichtigen Teil des Piastenstaates geworden, und Bolesław III. Schiefmund hat 1125 das Bistum Lebus gegründet. Mitte des 13. Jahrhunderts eroberten dann die Askanier Lebus, und es wurde brandenburgisch. Bald aber wurde Lebus bedeutungslos, denn der Bischofssitz wurde nach Göritz (Oder) verlegt.
Als wir in Lebus am Oderufer in einem Restaurant sitzen und auf das Essen warten, wandern unsere Blicke nach Polen hinüber, wo auf einem Deich Fußgänger und Reiter zu sehen sind. Ich denke an O Cangaceiro – Die Gesetzlosen, den brasilianischen Abenteuerfilm von 1953, und versuche die Titelmelodie Mulher Rendeira zu summen, werde aber durch den Ruf »Jürgen, dein Auto!« aufgeschreckt. Drüben auf der polnischen Deichkrone ist ein Mercedes zu erkennen, und mir kommt sofort eine hübsche Episode aus dem Leben meines langjährigen Freundes Jürgen Dittberner in den Sinn. Der war mit einer befreundeten Familie nach Stettin / Szczecin gefahren und hatte seinen Mercedes dort absolut diebstahlsicher geparkt, indem er mit der vorderen Stoßstange mit kaum einer Fingerbreite Zwischenraum an einen Baum herangefahren war und sein Begleiter sein Auto nur einen Millimeter von der hinteren Stoßstange entfernt abgestellt hatte. Sie waren sich sicher: Den Wagen könnte kein Weltmeister wegfahren. Als sie nach zwei Stunden Stadtrundgang zurückkamen, war der Dittberner ’sche Wagen dennoch verschwunden. Großes Bohei bei der polnischen Polizei. Man hielt Jürgen für einen Spinner und Versicherungsbetrüger. Schließlich stellte sich heraus, dass der Mercedes mithilfe eines Krans eines Abschleppdiensts aus der Lücke gehoben worden war. Jürgen sollte ihn nie wiedersehen.
Während wir nach Polen schauen, lenke ich das Gespräch auf Fontane. »Hier irgendwo hinter den Hügeln auf polnischer Seite muss das Hohen-Vietz aus Fontanes Roman Vor dem Sturm gelegen haben. Winter 1812/13. Bernd und Lewin von Vitzewitz, Landsturmtruppe gegen die französischen Besatzer.«
Dass die Kleiststadt Frankfurt (Oder) zum Muss einer jeden Wanderung durch die Mark Brandenburg gehört, ist selbstverständlich. Auf die Universität Viadrina ist schon hingewiesen worden, und alle Baudenkmäler aufzuzählen ist nicht Sache dieses Buchs. Für mich ist nur wichtig, dass Frankfurt eine Straßenbahn hat, man auf seiner Oderbrücke stehen und in vorbeifahrende Kähne spucken kann und schnell drüben in Słubice ist. Dort kann man nicht nur kiełbasa śląska, die schlesische Wurst, essen, sondern von dort erreicht man auch schnell Kunowice, wo am 12. August 1759 die Schlacht bei Kunersdorf stattgefunden hat.
Über Eisenhüttenstadt, von Einheimischen kurz Hütte genannt, ist schon viel berichtet worden, allerdings noch nicht, dass ich dort Verwandte habe und dort schon zweimal zu Lesungen zu Besuch war. Die Gründung der Stadt ist 1950 auf dem III. Parteitag der SED beschlossen worden. Neben dem Eisenhüttenkombinat Ost sollte bei Fürstenberg (Oder) eine sozialistische Wohnstadt mit Namen Stalinstadt entstehen. Nach der Entstalinisierung 1961 wurden dann Fürstenberg und Stalinstadt zu Eisenhüttenstadt zusammengeschlossen. Schön ist hier das Friedrich-Wolf-Theater anzusehen, und die Partie an der Oder ist lieblich.
Weiter geht es nach Neuzelle. Hoch oben auf einem Bergsporn, der bis in die Oderniederung reicht, thront das Klosterensemble, das zwischen 1300 und 1330 von den Zisterziensern erbaut wurde. Betritt man die dreischiffige Klosterkirche, hat man das Gefühl, mitten in Bayern zu sein.
Schade, dass es wieder zurückgeht nach Berlin. Aber wir sind müde. Beenden wir dieses Kapitel mit Joachim Ringelnatz:
Wie jeder, der Großes erlebte,
Als er an Größerem bebte,
Schließlich tief ausruhen will.
Groß Pankow und die Prignitz
Die Gemeinde Groß Pankow übertreibt etwas mit ihrem Namen. Genau genommen, müsste sie mit ihren 3982 Einwohnern Klein Pankow heißen, denn der Berliner Bezirk Pankow weist 394 816 Einwohner auf und ist deshalb das eigentliche Groß Pankow.
»Aber wir liegen auch an der Panke«, lautet der Einwand aus der Prignitz.
»Nun, unsere Panke ist immerhin ein Flüsschen von 29 Kilometern Länge und eure von der Quelle hinter Kuhsdorf bis zur Mündung in die Stepenitz nur ein Bach, der noch nie richtig vermessen wurde«, entgegnet daraufhin der drittgrößte Hauptstadtbezirk.
Als ich kurz vor Weihnachten 1945 Groß Pankow zum ersten Mal betrat, war es noch ein kleines Dorf, heute zählen zu Groß Pankow 18 Ortsteile und 39 Dörfer. Da wir Kinder mit unseren Müttern im Krieg evakuiert wurden, hatte ich zuerst eine Zeit lang in Steinau an der Oder, unweit von Liegnitz, verweilen dürfen, dann in Zieko in der Nähe von Coswig in Sachsen-Anhalt und schließlich in Groß Pankow, gelegen zwischen Perleberg und Pritzwalk. Warum waren wir ausgerechnet hierher gekommen? Weil ein Teil des Reichpostzentralamtes, in dem mein Vater als Techniker beschäftigt war, nach Groß Pankow, und zwar in den Tanzsaal des Gasthauses »Zettgries«, ausgelagert worden war. Meine Mutter und ich bekamen zwei Zimmer im Gehöft des örtlichen Reichsbauernführers Martin Blumenthal zugewiesen. Der war Mitglied in der NSDAP, aber kein überzeugter Nationalsozialist, weshalb er sich auch gut mit meinem Vater verstand, der als Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold ausgewiesener Gegner des NS-Regimes war. Ich war damals nicht einmal sieben Jahre alt, und Martin Blumenthals Tochter Edith wurde meine erste Freundin, mit der ich sogar in einem Bett schlafen durfte.
Gleich hinter der Scheune der Blumenthals lag das Schloss beziehungsweise Herrenhaus der Familie Gans zu Putlitz, das auch heute noch dort zu finden ist. Edith geriet immer ins Schwärmen, wenn sie von ihren Besuchen dort sprach. Mit einer der adligen Töchter ging sie in dieselbe Klasse – leider nicht mit mir, denn ich war an die vier Jahre jünger als sie. Die Dorfschule, heute die Grundschule Juri Gagarin, war wegen uns vielen Flüchtlingskindern aus Berlin und Hamburg so überfüllt, dass eine »Willkommensklasse« im zweiten Gasthaus des Orts eingerichtet werden musste.
Das einst so stattliche Haus von Martin Blumenthal mit viel Schinkel an der Fassade verfällt heute zunehmend, dafür hat die Riesengemeinde Groß Pankow nun ein ansehnliches Rathaus bekommen.
Im Mai 2016 war ich wieder einmal vor Ort, kutschiert wurde ich von meinem Freund Volker, einem gebürtigen Brandenburger. Zuerst suchten wir nach dem Herrenhaus. Sein Wappen fasziniert mich, seitdem ich es zum ersten Mal sah. Auf ihm ist eine auffliegende goldbewehrte silberne Gans vor rotem Hintergrund abgebildet. Ebenso in den Bann gezogen hat mich als Junge der komische Name des Schlossherrn: Waldemar Gans Edler Herr zu Putlitz. Der ließ mich nicht mehr los, und gut sechzig Jahre später habe ich Gustav Gans (1821–1890) in einem Kriminalroman der Reihe Es geschah in Preußen auftreten lassen. Wiedergegeben habe ich die Szene, die in den Erinnerungen von Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz, erschienen unter dem Titel Unterwegs nach Deutschland, wie folgt beschrieben wird:
Von ihm wurde seit Großvaters Zeiten bei uns in Laaske immer als haarsträubender Skandal die Geschichte erzählt, wie während des regnerischen Sommers von 1852 in Retzin die Ernte nicht eingefahren werden konnte, weil Onkel Gustav die Scheune dazu benutzte, um darin eine heute vergessene Oper »Rübezahl« seines Freundes, des Komponisten Friedrich von Flotow, zum ersten Male aufzuführen.
Ja, Gustav Gans, Gutsbesitzer, Schriftsteller, Theaterintendant und als Politiker sogar Mitglied des Preußischen Herrenhauses, befreundet mit allen Dichtern seiner Zeit von Emanuel Geibel über Gustav Freytag bis zu Franz Grillparzer, war eine herausragende Persönlichkeit.
Angemerkt werden muss, dass Retzin heute ebenso zu Groß Pankow gehört wie die Gemarkungen Kuhsdorf, Kuhbier, Horst und Wolfshagen, während Laaske der Stadt Putlitz zugerechnet wird.
Das Rittergut Groß Pankow war seit Urzeiten im Besitz der Familie Gans zu Putlitz. Waldemar Gans Edler Herr zu Putlitz ist am 2. Mai 1945 beim Einmarsch der Roten Armee ums Leben gekommen, während ich nur eine posttraumatische Belastungsstörung erlitt, als meine Mutter zwei Meter neben mir vergewaltigt wurde.
In Groß Pankow ist Elisabeth Gans Edle Herrin zu Putlitz aufgewachsen, die Mutter des deutschen Mediziners, Kunstsammlers und Genealogen Bernhard von Barsewisch, der am 18. April 1935 geboren wurde. Unmittelbar nach Kriegsende flüchtete die Familie nach Westdeutschland. Von Barsewisch studierte zunächst Biologie, später Humanmedizin an den Universitäten in Hamburg und West-Berlin. 1960 legte er das medizinische Staatsexamen ab, fokussierte sich dann auf die Augenheilkunde, um 1978 außerplanmäßiger Professor in München zu werden. Nach der Wiedervereinigung zog es ihn zurück in seine alte Heimat. 1991 kaufte er das Gutshaus Groß Pankow, um darin eine hochangesehene Augenklinik unterzubringen.
Nebenbei: Auch Edith Blumenthal hat eine interessante Biografie. Sie heiratete einen der Lehrer der oben erwähnten Dorfschule, Herbert Szuks, der später zu einem der führenden Meeresbiologen der DDR wurde. Auf deren Trawlern reiste er um die halbe Welt, um die gefangenen Fische auf Parasiten zu untersuchen. Edith und Herbert haben in Güstrow gewohnt, aber Edith ist nach der friedlichen Revolution noch oft nach Groß Pankow gefahren, um eine Entschädigung für die Felder ihres Vaters zu fordern, die die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft vereinnahmt hatte.
An dieser Stelle muss ich auch noch einmal auf ihren Vater, Martin Blumenthal, zu sprechen kommen, der ein solch typischer Märker war, dass er eigentlich auf einer Briefmarke hätte verewigt werden müssen. Martin Blumenthal war für die Unterbringung der aus den deutschen Ostgebieten eintreffenden Flüchtlinge zuständig. Und als wir ihn einmal verzweifelt beten sahen und uns nach dem Grund dafür erkundigten, antwortete er: »Heute kommt Herr Kackstein, um alles zu kontrollieren.« Ich konnte damals nicht fassen, dass jemand tatsächlich so heißen sollte. Erwähne ich den Namen heute, unterstellen mir meine Gesprächspartner meist, er sei meiner Fantasie entsprungen, aber einen bekannten Nationalsozialisten namens Richard Kackstein hat es wirklich gegeben. Er war Bauer im nahen Kuhbier, trat schon 1920 der NSDAP bei, wurde SA-Mann und Sturmbannführer und saß als Abgeordneter seiner Partei im Preußischen Landtag und im nationalsozialistischen Reichstag. Im Frühjahr 1933 übernahm er außerdem im Kreis Ostprignitz Ämter als Kreisbauernführer und als Kreisleiter.
Zurück zu Groß Pankow: In Groß Pankow kann man hervorragend baden gehen. Die beiden wichtigsten Flüsse, die die Prignitz zwischen Pritzwalk und Perleberg durchziehen, sind die rund 29 Kilometer lange Dömnitz und die bereits oben erwähnte Stepenitz. Dieser Nebenfluss der Elbe entspringt auf einem Höhenzug nahe Meyenburg, fließt über 84 Kilometer reizvoll durchs Flachland und zählt zu den saubersten Wasserläufen Deutschlands. Man kann viele weitere Details über die Stepenitz nachlesen, nur nicht, dass ich im Juli 1946 als absoluter Nichtschwimmer um ein Haar in ihr ertrunken wäre – wie auch kurz zuvor im Dorfteich von Groß Pankow. Beide Male hat mich Edith gerettet.
Den Dorfteich konnten wir bei unserem Besuch im Jahr 2006 nicht mehr finden. Ich vermute, dass man ihn meinetwegen zugeschüttet hat. Nichtschwimmer bin ich in gewisser Weise mein Leben lang geblieben. Ich habe zwar aus meiner Bremer Zeit den Frei- und Fahrtentrinker, aber ich habe niemals eine Urkunde für den Frei- und Fahrtenschwimmer erlangt, nicht einmal das Seepferdchen habe ich.
Es sei noch hinzugefügt, dass man nach Groß Pankow am besten mit dem Auto über die B189 oder per Bahn mit dem Prignitz-Express, der Regionalexpresslinie RE6, gelangt. Auf dem Pankower Bahnhof trieb ich mich in den Jahren 1945 bis 1947 in jeder freien Minute herum, um die ankommenden Züge zu erwarten, den abfahrenden hinterherzuwinken und dem Stationsvorsteher bei der Arbeit im Stellwerk zuzuschauen. Das hat mich für mein Leben geprägt und zum Eisenbahnnarren werden lassen. Gern haben wir Kinder auch Markstücke auf die Schienen gelegt und gewartet, bis ein Zug sie platt gefahren hatte.
Nach Lindenberg reisten wir 2006 über Kyritz. Immer wieder wurden wir auf der Bundesstraße von zuckelnden Treckern ausgebremst, und immer wieder verfuhren wir uns auf der Suche nach dem optimalen Umweg. Nebel lag über der weiten Landschaft, und es nieselte leicht. Es war Ende Mai, doch das Wetter war herbstlich. Erst als Volker Lindenberg in sein Navigationsgerät eingab, fanden wir den richtigen Weg. Die grüne Landschaft wurde welliger. Menschenleer war es in diesem verzauberten Land.
Mit Lindenberg verbinde ich die Schmalspurbahn. Noch interessanter als die eben erwähnte normalspurige Hauptbahn war für mich als Junge die Schmalspurbahn zwischen Pritzwalk und Vettin. Die fuhr auch am Groß Pankower Nachbarort Kuhsdorf vorbei. Dort hielten die männlichen Jugendlichen beider Dörfer und wir evakuierte Jungen aus den bombardierten Großstädten oft einen nicht ungefährlichen Wettbewerb ab: Wer kann bei Annäherung eines Zugs länger ausgestreckt auf dem Gleis liegen, möglichst noch wie bei Karl May mit einem Ohr auf der Schiene? Tote gab es keine, aber tobende Eltern und Lehrer.
Von den vielen Schmalspurbahnen in der Prignitz ist bis heute nur noch der »Pollo« erhalten geblieben, die als Museumsbahn betriebene Schmalspurbahn zwischen Mesendorf und Lindenberg mit Halt in Brünkendorf und Vettin.
Als wir Lindenberg 2016 erreichten, konnten wir keine Dampflok bestaunen, denn es war Donnerstag, und die Museumsbahn verkehrt nur am Wochenende. So blieb uns nur der Besuch des Prignitzer Kleinbahnmuseums, das Einstecken eines Prospekts und der Kauf einer CD von einem Dampflokeinsatz.
Als wir Hunger verspürten, empfahl man uns die Gaststätte von Bernd Lamprecht ein Stückchen weiter an der Hauptstraße. Die Preise dort sind für Berliner Verhältnisse unglaublich niedrig. Es mundete uns trefflich, um es mit den Worten meiner Schmöckwitzer Oma auszudrücken, denn die Mutter des Wirts kochte selbst. Der plauderte munter mit uns, klagte über die strukturschwache Region und trug auf Plattdeutsch Gedichte über den Pollo vor. Es war ein Erlebnis!
Zwar konnten Volker und ich nicht mit der musealen Kleinbahn fahren, aber wir konnten eine museale »Großbahn« besichtigen, also eine, die nicht auf Schmalspurgleisen verkehrt, sondern auf der Normalspur. Als Junge war ich begeistert davon gewesen, dass zwischen Kuhbier und Pritzwalk die Gleise der Nebenbahn nach Putlitz direkt an der Chaussee entlangliefen. Wenn dort ein Zug entlangdampfte, war das für mich wie eine Weihnachtsbescherung. Bis zum 29. Juli 2016 fuhr dort die RB70 mit den Zwischenhalten Laaske, Jakobsdorf (Prignitz), Groß Langerwisch, Kuhbier und Pritzwalk West. Betrieben wurde sie von der Hanseatischen Eisenbahn. Der dieselgetriebene zweiachsige Schienenbus, im Volksmund Ferkeltaxi genannt, stammte von der Waggonfabrik Uerdingen und war, wie uns der Lokführer auf unserer Reise 2016 verriet, im Jahre 1956 gebaut worden. Das merkte man ihm auch an, und da die Schienen im verkrauteten Gleisbett nicht unbedingt ICE-Standards entsprachen, fürchtete ich um meine Bandscheiben, obwohl wir meist nur dreißig Stundenkilometer fuhren. Wir saßen ganz vorne und genossen den Blick auf die Strecke. Es wurde eine herrliche Fahrt durch Wälder und Felder und über die Prignitzer Prärie. Ich zahlte für Hin- und Rückfahrt 5,40 Euro. Den Fahrschein sah ich mir jedoch erst zu Hause an. Sofort rief ich aus: »Horst, du heißt nicht nur so, du bist auch einer!« Die Strecke gehörte zum Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, und ich hätte mir den Fahrschein sparen können, da ich eine 65-plus-Monatskarte hatte.
Über Pritzwalk ist aus meiner Sicht nicht viel zu berichten. Am 15. April 1945 ist hier ein Munitionszug nach einem Fliegerangriff explodiert, und wir haben den Knall bis nach Groß Pankow gehört. Eine andere Erinnerung an Pritzwalk verdränge ich gern: Hätte meine Mutter im Sommer 1945 im hiesigen Krankenhaus keine Abtreibung vornehmen lassen, könnte ich mich heute mit einem deutsch-russischen Halbbruder über vieles Putin’sche unterhalten.
Von Pritzwalk nach Groß Pankow sind es nur rund 13 Kilometer, und diese Fahrt genoss der kleine Horst früher ganz besonders, weil die Strecke durch das Dorf mit dem schönen Namen Kuhbier führte. Ich sah im Geiste die Kühe Bier trinken und amüsierte mich köstlich darüber. Deshalb wollte ich auch 2016 unbedingt dort entlangfahren, denn unzählige Male hatte ich auf der Chaussee von Kuhbier nach Groß Pankow mit Edith einen Leiterwagen gezogen und geschoben, um den Arbeitern das Mittagsessen aufs Feld zu bringen, wo die im Ernteeinsatz gewesen waren. Aber Volkers Navigationssystem führte uns auf eine neue Schnellstraße, auf der wir erst nach vielen Kilometern wieder umkehren konnten.
Auf dem Areal zwischen Groß Pankow und Kuhsdorf waren wir Bauern- und Evakuierungskinder auch tätig gewesen. Dort haben wir in den Wäldern Martin Blumenthals Pilze und Beeren gesammelt und die Kühe am Abend von der Weide in den Stall getrieben. Ich fand das alles herrlich! Gehasst habe ich nur das nach Luggendorf hin liegende Gurkenfeld, wo wir Kinder allerlei Arbeiten zu verrichten hatten, denn fast jeden Abend gab es Schmorgurken zu essen – und die konnte ich gar nicht ausstehen. Besser schmeckte da der Knieperkohl.
Auf den Mohnfeldern haben wir die reifen Kapseln geöffnet und uns die graublauweißen Körner in den Mund rieseln lassen. Wenn mich heute jemand »mohndoof« nennen sollte, kann ich ihn nicht verklagen. Im Sommer 1946 waren Schuhe rare Kostbarkeiten, und wir sind sehr oft barfuß gelaufen, auch bei schlechtem Wetter. Hatten wir furchtbar kalte Füße, wärmten wir sie in frischen Kuhfladen auf.
Zur Leichtathletik bin ich auch durch meine Zeit in Groß Pankow gekommen. Unser Bauer besaß damals große Plantagen mit prächtigen Kirschbäumen, und da die grünen Netze noch nicht erfunden waren, mit denen man heute die reifen Früchte vor Staren und anderen Vögeln schützt, mussten wir Kinder um das Anbaugebiet herumlaufen und dabei Topfdeckel aufeinanderschlagen, um die Tiere zu vertreiben.
Groß Pankow verdanke ich zudem meine Allergien, die sich zu einer chronischen Lungenerkrankung entwickelt haben, denn wir mussten auch beim Dreschen helfen, und die damaligen Dreschmaschinen bliesen unfassbar viel Feinstaub in die Luft. Mein Leiden – Husten und Fieber – wurde deshalb auch als Drescherkrankheit bezeichnet.
An kulturellen Sehenswürdigkeiten sind die Schlösser beziehungsweise Herrenhäuser Wolfshagen und Laaske und das Königsgrab von Seddin zu nennen, außerdem das nahe Zisterzienserkloster Marienfließ und das Klosterstift Heiligengrabe sowie die Städtchen Perleberg und Putlitz. Aber der Reihe nach …
Wir machen in Teilen die »Gänsetour« – so heißt das in der Prignitzer Touristik – und fahren von Groß Pankow nach Wolfshagen, wobei wir Horst – die Ortschaft – rechts liegen lassen.
Beim Eintreten ins Schlossmuseum Wolfshagen müssen wir dem Werbeprospekt zustimmen: So hat ein märkisches Gutshaus von innen ausgesehen. Außerdem wird uns bestätigt, dass Wolfshagen an der Stepenitz liegt. Neu in unseren Bildungskanon fügen wir ein, dass die Familie Gans zu Putlitz aus der Altmark eingewandert ist und zum ersten Mal 1178 urkundlich erwähnt wurde. Ab 1147 hat sie beim Wendenkreuzzug die Prignitz kolonisiert und in Putlitz eine alte slawische Burg übernommen. Nach 1945 hat das Gutshaus als Flüchtlingsunterkunft gedient, zur DDR-Zeit wurde es als Schule genutzt, und 1995 wurde es zum Museum.
Vom Schloss Wolfshagen ist es nicht weit bis zum Königsgrab von Seddin, einem etwas mehr als sechzig Meter langen und zehn Meter hohen Grabhügel aus der Zeit um 800 v. Chr. Hier soll der legendäre König Hinz bestattet worden sein.
Reist man mit dem Auto über die B5 an, die vor dem Autobahnbau für alle West-Berliner der einzige Weg war, um durch die DDR nach Hamburg zu gelangen, kann man im Raum Groß Pankow schnell alle Orte aufsuchen, die wichtig sind. Zu nennen ist hier das bereits mehrfach erwähnte Laaske, heute Teil der Stadt Putlitz, wo Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz, der »rote Baron« der DDR, aufgewachsen ist. Die Liste all derer zu Putlitz, die hier gelebt und gewirkt haben, ist lang, mir hat sich nur der Name Gödula Margarethe zu Putlitz eingeprägt, weil der so herrlich verschroben ist. Im stattlichen Schloss waren nach 1945 zunächst Geschlechtskranke und dann Waisenkinder einquartiert, bevor es zu einem Feierabendheim wurde. 2004 hat es ein Hamburger Unternehmer gekauft, der dort nun ab und an seine freien Tage verbringt.
In der Umgebung von Groß Pankow finden wir aber auch viel Christliches, so das Zisterzienserkloster Marienfließ und das Klosterstift Heiligengrabe. Das Kloster Marienfließ, heute ein Altenpflegeheim der Diakonie, ist von den Edlen Herren Gans zu Putlitz gestiftet und ab 1230 von Zisterzienserinnen geleitet worden. Sein größter Schatz ist eine Reliquie, die einen Tropfen des Bluts enthalten soll, das Jesus am Kreuz vergossen hat. Otto IV. hatte sie aus Palästina mitgebracht. Nach dem Tod des Kaisers fiel sie Johann Gans in die Hände, der mit dem Bau an der Stepenitz einen sicheren Aufbewahrungsort für das Kleinod schaffen wollte. Aber das Kloster hatte auch noch einen anderen Zweck: Adlige Damen, die nicht zu verehelichen waren, sollten hier ein sicheres Zuhause finden.
Das Klosterstift Heiligengrabe wurde 1287 von jenem Markgrafen Otto IV. gegründet, der einem meiner Bücher seinen Namen gegeben hat: Otto mit dem Pfeil im Kopf. Die Klosteranlage, kaum mehr als zehn Kilometer von Pritzwalk entfernt, ist mit ihren dunkelroten Backsteinbauten, etwa der Heiliggrabkapelle, für jeden ein Labsal, der die modernen Berliner Bauwerke um den Hauptbahnhof und den Potsdamer Platz scheußlich findet. Als ich zur DDR-Zeit einmal mit Freunden in Heiligengrabe war, sind wir mit der Äbtissin ins Gespräch gekommen, und es stellte sich heraus, dass sie mir mit einiger Wahrscheinlichkeit im nahen Groß Pankow Religionsunterricht erteilt hatte. Damals war sie noch Pfarrerin gewesen. Irgendjemand hat mir später erzählt, sie sei Ingeborg-Maria Freiin von Werthern gewesen.
Noch ein letztes Mal möchte ich auf das kleine Dorf Groß Pankow der Jahre 1944 bis 1946 zurückkommen. Ach, was war das für das Hinterhofkind Horst Bosetzky für ein herrliches Vergnügen gewesen, bei Martin Blumenhagen vorn auf dem Kutschbock seines Pferdefuhrwerks zu sitzen, wenn wir nach Perleberg fuhren, um Onkel Fritz zu besuchen! Rund 19 Kilometer hatten wir auf einer echten brandenburgischen Chaussee zurückzulegen, und Autos, denen auszuweichen gewesen wäre, gab es damals kaum bis gar nicht.
Perleberg an der Stepenitz war und ist eine Perle, denkt man an Marktplatz, Jacobikirche, Rathaus, Gottfried- Arnold-Gymnasium und Gänsebrunnen. Mich, der ich jahrelang in Bremen gelebt habe, entzückt natürlich ganz besonders der Perleberger Roland, der seinem Pendant an der Weser in nichts nachzustehen scheint. Ob er von Angela Merkel und Eva-Maria Hagen, die in ihrer Kindheit für einige Jahre in Perleberg gelebt haben, auch so bewundert worden ist? Oder von der weltberühmten Opernsängerin Lotte Lehmann, die hier 1888 zur Welt gekommen ist?
Da Groß Pankow nun einmal im Reiche der Edlen Herren zu Putlitz lag, möchte ich dieses Kapitel auch mit ihnen schließen. Höre ich den Namen, erinnere ich mich zuerst an Kaspar Gans zu Putlitz (1360–1429), der, als Raubritter verteufelt, mit den Quitzows, den Bredows und den Rochows zusammen verhindern wollte, dass die Mark Brandenburg unter die Herrschaft der Schwaben, also der Hohenzollern fiel. 1411 hatte König Sigismund den Nürnberger Burggrafen Friedrich VI., einen Hohenzollern-Spross, zunächst als Verweser, dann als Kurfürsten und Markgrafen in Brandenburg eingesetzt. Der Burggraf nahm den Titel Friedrich I. an und setzte sich bis 1414 erfolgreich gegen den aufsässigen brandenburgischen Adel durch, weil er über die besseren Waffen verfügte, beispielsweise über eine neumodische Kanone, die »Faule Grete«, die die Festungen der Aufständischen in Schutt und Asche legte.
Johann Gans zu Putlitz (1430–1518) hat es auf der Berliner Siegesallee zum »Seitendenkmal« des Markgrafen Otto II. gebracht. Und selbstverständlich haben wir in Berlin eine Putlitzstraße, bis 1999 trug sogar der S-Bahnhof Westhafen diesen Namen.
Von der Burganlage in Putliz ist nur der Turm erhalten geblieben, und nachdem wir den bei unserem letzten Besuch in Augenschein genommen hatten, stiegen wir wieder ins Auto und fuhren zurück nach Berlin.
Ferch und der Schwielowsee
Ferch ist ein hügeliges Dorf am Schwielowsee. Hier auf einer Endmoräne, den Fercher Bergen, hatten nahe Verwandte meiner ersten Ehefrau, Onkel Bertie und Tante Biene aus Leipzig, ihre Datsche, und da waren wir einige Male zu Besuch. Onkel Bertie war »Verdienter Erfinder« – beispielsweise hat er eine Notbremse für Rolltreppen erfunden – und als ehemaliger Mittelstreckenläufer Gegner des Meisterläufers Otto Peltzer, der sogar den großen Paavo Nurmi besiegt hatte. Darüber haben wir beim Spaziergehen immer viel geplaudert. Anschließend haben wir meist mit unseren Kindern im Strandbad Ferch gebadet und in einem Restaurant am Seeufer gespeist.
Ferch hat zusammen mit Lienewitz einen eigenen Bahnhof, der vom Bahnhof Potsdam aus mit der RB23 in rund einer Viertelstunde zu erreichen ist. Man muss nicht lange durch den prächtigen Wald gehen, um zu den beiden Lienewitzer Seen zu gelangen. Dort kann man trefflich schwimmen und baden. Einmal haben wir bei unseren Ausflügen einen Frosch gerettet, der sich im Schlund einer Schlange verklemmt hatte. Ein andermal bin ich mit meinem Freund Peter Heinrich in dieser Gegend gewandert, und als wir wieder in Ferch waren, haben wir uns vor lauter Jucken die Arme blutig gekratzt – beim Betreten des Forsts hatten wir die Warnung vor dem Eichenprozessionsspinner übersehen. Deshalb konnten wir die Fercher Obstkistenbühne, ein bekanntes Theater, auch nicht mehr besuchen.
Kommt man auf den Schwielowsee zu sprechen, müssen Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg (Band 3, Havelland) zumindest mit folgenden Sätzen zitiert werden:
Der Schwielow ist gutmütig, so sagten wir; aber wie alle gutmütigen Naturen kann er heftig werden, plötzlich, beinahe unmotiviert, und dann ist er unberechenbar. Eben noch lachend, beginnt ein Kräuseln und Drehen, nun ein Wirbel, ein Aufstäuben, ein Gewölk – es ist, als führe eine Hand aus dem Trichter, und was über ihm ist, muß hinab in die Tiefe … Es gibt ganze Linien, wo die gescheiterten Schiffe liegen.
Fontane wurde auf seinen Wanderungen von einem Fährmann aus Caputh begleitet und hat auch den gleichnamigen Ort besucht, der am Templiner See gelegen ist, aber mit dem Schwielowsee durch einen an die fünf Kilometer langen Kanal verbunden ist, den Caputher Gemünd.
Der Name Caputh wird meist mit Albert Einstein und dem »Fährhaus« assoziiert, da dieser in seinem Caputher Sommerhaus von 1929 bis 1932 einen großen Teil jedes Jahres verbracht hat. 1931 hat er seinen Sohn Eduard dorthin mit folgendem Vierzeiler eingeladen:
Sei ein gutes faules Tier,
Streck alle Viere weit von Dir.
Komm nach Caputh, pfeif auf die Welt,
Und auf Papa, wenn Dirs gefällt.
Im »Fährhaus« kann man wunderbar speisen und dabei beobachten, wie die Wagenfähre zwischen dem Caputher und dem Geltower Ufer hin- und herpendelt.
Auch der Ort Petzow liegt am Schwielowsee. Dort gibt es nicht nur ein bewundernswertes Schloss und eine guterhaltene Schinkelkirche, sondern ebenso die Villa Berglas. Zur DDR-Zeit firmierte sie von 1955 an und bis zur Wiedervereinigung als Schriftstellererholungsheim »Friedrich Wolf«, in dem in- und ausländische Schriftsteller arbeiten und sich erholen konnten. 1985 weilte hier mein Leipziger Freund und Kollege Steffen Mohr, und ich besuchte ihn dort, um mit ihm unser gemeinsames Werk zu besprechen, den ersten und letzten deutsch-deutschen Kriminalroman: Schau nicht hin, schau nicht her. Der Titel ist einem Schlager von Marika Rökk entlehnt, die wir als pubertierende Knaben sehr geschätzt haben: »Hoch die Rökk!« Damals glaubten wir noch an die Legende, dass die Schauspielerin einst Besitzerin der Villa gewesen sei. Diese Mär ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass der erste Eigentümer nach dem Ersten Weltkrieg der Filmbranche angehört und den Namen Siegmund Jacob getragen hatte und bei den Rökk-Filmen meist Georg Jacoby Regie führte, der spätere Ehemann der Sängerin.
Wie auch immer, Steffen und ich siedelten unsere Geschichte an der vermeidlichen Rökk-Villa an, und wir stellten unsere Romanhandlung dort auch nach. Steffen musste die Leiche spielen. Er tat das bühnenreif, und ich fotografierte ihn dabei mit meiner Polaroidkamera – zweimal, denn jeder von uns beiden sollte ein Foto mit nach Hause nehmen, um alles authentisch beschreiben zu können. Da unser Projekt von der Stasi aufmerksam verfolgt wurde, erschien uns das als der sicherste Weg. Doch argwöhnische Nachbarn haben uns aus lichter Höh beobachtet und die Leiche für echt gehalten. Und schon war die Volkspolizei alarmiert … Da blieb uns nur die Flucht – und das Marika-Rökk-Lied zu Ende zu singen:
Schau nicht hin, schau nicht her,
Schau nur grade aus,
Und was dann auch kommt,
Mach dir nichts daraus.
Wildenbruch und der Große Seddiner See
Die Wildenbruchstraße in Neukölln bin ich als Junge unzählige Male entlanggegangen, ohne zu wissen, wem sie ihren Namen zu verdanken hatte, denn die kleinen Hinweise auf den Straßenschildern gab es damals noch nicht. Irgendwann stieß ich beim Blättern in dem Buch 1000 Wege um Berlin jedoch auf Wildenbruch und nahm sofort an, dass die Straße nach dieser Ortschaft benannt worden war. Irrtum, denn in einem alten Schulbuch meiner Mutter fand sich der Hinweis auf den Diplomaten und Schriftsteller Ernst von Wildenbruch (1845–1909), dem die Hochkultur immerhin das Drama Die Haubenlerche zu verdanken hat. Von Wildenbruch ist in Berlin verstorben, und Berlin hat ihn mit der Neuköllner Straße geehrt.
Durch diese Umstände ist der Name Wildenbruch für mich zu einem Engramm geworden, und immer wieder zieht es mich in die Ortschaft Wildenbruch und damit an den Rand des Naturparks Nuthe-Nieplitz. Die wuchtige Feldsteinkirche ist ein wahres Highlight, und im Restaurant »Zur Linde« kann man ausgezeichnet speisen. Beim Lesen der Ortschronik stößt man auf die für die brandenburgische Geschichte wichtigen Adelsnamen Quitzow und Rochow. Auch mit einem Golfklub wird geworben, aber ich bin nur Minigolfer. Und eine schöne Badestelle gibt es auch.
Ist vom Großen Seddiner See die Rede, bin ich zunächst immer etwas irritiert, weil es auch den Schmöckwitzer Seddinsee gibt. Sein Bruder bei Wildenbruch hat aber mit Sicherheit das größere Anrecht auf den Namen, denn an seinem einen Ende liegt die Ortschaft Seddin. Und am Westufer des Großen Seddiner Sees kann man wunderschön von Seddin nach Wildenbruch wandern.
Wildenbruch und der Große Seddiner See sind mir so ans Herz gewachsen, dass ich in meinem Roman Kartoffelsuppe oder Das Karussell des Lebens einen an Selbstüberhöhung leidenden Hochschullehrer und naiven Amateurmaler namens Blücher in dieser Region einen Bauernhof kaufen lasse. Die alte Scheune verwandelt er in eine Gemäldegalerie und stellt dort seine eigenen Werke aus. Bei einer Vernissage malt schließlich ein humoristisch begabter Kollege auf das von Prof. Blücher selbst hochgelobte Ölgemälde Sonnenaufgang mit Haubentaucher mit schwarzem Filzstift die Ziffern 1 bis 14 …
Kyritz und Kampehl
Auf meinem Schreibtisch steht ein Bierkrug mit dem Aufdruck Mord und Totschlag – Kyritz an der Knatter. Das köstliche Schwarzbier ist längst ausgetrunken, und zwei Dutzend bunte Filzstifte füllen das Glas. Leider hat Kyritz seinen Namen nicht mir, -ky, zu verdanken, dennoch ist diese Stadt für mich so wichtig, dass sie mir immer wieder in den Sinn kommt – zumal ich dort auch zwei Lesungen halten durfte. Der Beiname »an der Knatter« ist auf die vielen knatternden Wassermühlen zurückzuführen, die es hier früher an einem Nebenarm der Jäglitz gegeben hat. Manche sagen auch, die nach dem Waschen im Fluss aufgehängten Bettlaken hätten ein lautes Knattern verursacht. Wie auch immer, ich habe in Kyritz nie etwas anderes als den Auspuff eines alten Mofas knattern hören.
Das Rathaus, der Marktplatz, die Stadtpfarrkirche St. Marien und die alte Stadtmauer sind allemal einen Besuch wert. Und mit der Geschichte der Stadt ist der Name Kurt von Bassewitz eng verbunden. Der Raubritter aus dem Mecklenburgischen ist 1381 brandschatzend in die Prignitz eingefallen, hat aber Kyritz nicht erobern können, weil die Bürger ihre Stadt überaus tapfer verteidigten. Dieses Ereignis wird von den Bewohnern noch heute jedes Jahr gefeiert. 1411 hat Bassewitz dann noch einmal versucht, Kyritz einzunehmen. Er wollte durch einen unterirdischen Gang bis ins Innere der Marienkirche vordringen und von dort aus den Kyritzer Bürgern in den Rücken fallen, während seine Mannschaft einen Sturmangriff auf die Stadtmauern unternehmen sollte. Der Plan wurde jedoch verraten, und als Bassewitz mit dem Schwert in der Hand im unterirdischen Stadtgang auftauchte, überschüttete man ihn mit heißem Brei und nahm ihn gefangen, um ihn mit seinem eigenen Schwert hinzurichten.
»Horst, warst du schon einmal am Salzsee?«, werde ich bei einer Wanderung von unserem Leithammel gefragt, als wir am Bahnhof Kyritz aus einem Zug der RB73 steigen.
»Nein«, antworte ich und zähle einige der Salzseen auf, über die ich in der zwölften Klasse einmal ein Referat gehalten habe, »weder in Salt Lake City am Großen Salzsee noch am Toten Meer, am Salar de Uyuni in Bolivien oder an dem in der Atacamawüste.«
»Aber in den nächsten Stunden wirst du einen sehen.«
Ich tippe mir kurz an die Stirn, doch als wir an der Kyritzer Seenkette entlangwandern, erreichen wir nach dem Klempow-, dem Unter- und dem Obersee tatsächlich einen Salzsee. Und nicht nur das, bei Kyritz gibt es auch eine Talsperre, vor der sich das Wasser der Dosse staut. Als ich das Wort Dosse höre, denke ich sofort an Neustadt (Dosse) und schlage spontan vor, diese Stadt auch noch zu besuchen.
»Erst wandern wir nach Kampehl!«, befiehlt unser Wanderführer.
Von Kyritz nach Kampehl braucht man mit dem Auto keine Viertelstunde. Kampehl ist ein märkisches Muss, denn hier ist die Mumie des Ritters Kahlebutz zu besichtigen. Christian Friedrich von Kahlebutz (1651–1702) zeichnete sich in der Schlacht bei Fehrbellin besonders aus und erhielt deshalb vom Großen Kurfürsten das Gut Kampehl bei Neustadt an der Dosse als Erblehen. 1690 wurde er angeklagt, den Schäfer Pickert aus dem Nachbarort Bückwitz ermordet zu haben, weil der ihm bei seinem Versuch im Wege gestanden habe, bei einer Magd zum »Recht der ersten Nacht« zu gelangen, also mit ihr vor ihrem künftigen Bräutigam zu schlafen. Kahlbutz musste vor Gericht, wurde aber freigesprochen. Schließlich soll er geschworen haben: »Wenn ich doch der Mörder bin gewesen, dann wolle Gott, soll mein Leichnam nie verwesen.« Und das tut er tatsächlich nicht. Ärzte und Naturwissenschaftler der Charité, darunter Koryphäen wie Rudolf Virchow und Ferdinand Sauerbruch, haben bis heute keine Erklärung dafür. War Kahlebutz doch der Mörder von Bückwitz?
»Horst, warum willst du denn unbedingt noch nach Neustadt (Dosse)?«, fragt mich mein Wanderführer irgendwann.
»Weil ich hier 1945/46 bei Hamsterfahrten nach Groß Pankow mit meiner Mutter oft gestrandet bin, immer auf der Rückreise. Einmal konnten wir in einem kleinen Hotel gleich am Bahnhof übernachten, ein anderes Mal aber mussten wir die Nacht im Wartesaal verbringen, und da wurden wir immer wieder von Ratten belästigt. Sie wollten sich an den Lebensmitteln in unserem Rucksack zu schaffen machen.«
Bald darauf erreichen wir die Stadt, und ich kaufe mir eine Dose Pils. »Schließlich sind wir in Neustadt an der Dose«, lautet mein Kommentar.
Potsdam und Sanssouci
Bei der Suche nach einem rechten Beginn für dieses Kapitel bin ich fast am Verzweifeln, denn wenn ich an Potsdam und sein berühmtes Schloss denke, kann ich nur Karl Valentins epochaler Erkenntnis zustimmen: »Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.« Zum Glück kommt mir doch noch etwas in den Sinn, das noch nicht gesagt worden ist: Potsdam ist eigentlich gar keine Landeshauptstadt, sondern nur der 13. Berliner Bezirk. Denn wenn es eine Landeshauptstadt wäre, hätte es wenigstens einen Verein in der Fußballbundesliga. Dann fällt mir aber ein, dass nur zwei von 13 Flächenstaaten mit einem Verein in der Saison 2016/17 vertreten sind, nämlich Bayern und Rheinland-Pfalz, und außerdem gibt es den Frauenfußballklub Turbine Potsdam.
Wie die meisten Kinder habe auch ich den Städtenamen Potsdam ungewöhnlich früh kennengelernt, nämlich mit den ersten Zungenbrechern: Der Potsdamer Postkutscher putzt den Potsdamer Postkutschkasten. Den Potsdamer Postkutschkasten putzt der Potsdamer Postkutscher.
Reist man nicht mit der Postkutsche, sondern mit der S- oder Regionalbahn nach Potsdam, kann man am dortigen Hauptbahnhof das fast großstädtische Treiben beobachten. Im Minutentakt kommen Busse und Straßenbahnen an oder fahren wieder ab. Steigt man in ein solches grüngestrichenes Gefährt ein, freut man sich im ersten Moment, dass man als VIP begrüßt wird. Doch dann merkt man sehr schnell, dass ViP nur die Abkürzung für »Verkehrsbetriebe in Potsdam« ist.
Sightseeing ist in Potsdam weithin mit der Straßenbahn möglich, obwohl die Magistrale, die Brandenburger Straße, Fußgängerzone ist.
Daz gantze eyland muß ein paradeys werden, hatte 1664 der Fürst Moritz von Nassau dem Großen Kurfürsten angeraten, und Voltaire hatte ein wenig später den Charakter Potsdams wie folgt auf den Punkt zu bringen versucht: Athen und Sparta, Feldlager und Garten Epikurs, Trompeten und Violinen, Krieg und Philosophie.
Alle Sehenswürdigkeiten aufzuzählen, die Potsdam ausmachen, ist in diesem Rahmen unmöglich, also beschränke ich mich auf die, zu denen ich eine besondere Verbindung habe. Auf der Langen Brücke, die zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt gelegen ist, stehe ich gerne am Geländer und sehe zu, wie die Dampfer anlegen und abfahren. Die gewaltige Architektur des »Mercure Hotels«, ehemals das »Interhotel Potsdam«, empfinde ich als störend, viele Potsdamer wollen aber nicht, dass man ihr Denkmal an die DDR-Zeit abreißt. Jubeln lässt mich dagegen der Anblick des neuerrichteten Stadtschlosses, heute Sitz des Landtages.
Früher sind wir oft und gern vom Bahnhof durch die Stadt zum Schloss Sanssouci gegangen. Und ich habe mich immer gefreut, wenn jemand keine Blumen, sondern eine Kartoffel auf das Grab Friedrichs des Großen gelegt hat, der in der DDR nur »Friedrich II. von Preußen« genannt wurde.
Blicke ich die Schlossfassade hinauf und lese in großen Lettern Sans, souci, muss ich sofort an das Buch Das Komma von Sans, Souci von Heinz Dieter Kittsteiner denken, in dem er die Inschrift mit »Ohne Rütchen sorgenfrei« übersetzt und als eine Anspielung auf eine venerische Erkrankung Friedrichs versteht, die der sich kurz vor seiner Vermählung zugezogen hatte. Sie soll zur Kastration geführt haben, ohne die der König unweigerlich gestorben wäre. Ein Hinweis auf diese Geschichte fände sich auch in einem Bericht des Leibarztes Johann Georg Zimmermann, in dem von einem grausamen Schnitt die Rede sei.
Nicht der Alte Fritz, sondern Friedrich Wilhelm IV. hat August Borsig beauftragt, die Wasserspiele und den Springbrunnen in Sanssouci wieder instand zu setzen. 1842 lieferte der König vom Feuerland, so der Titel einer meiner Romane, eine Dampfmaschine mit achtzig Pferdestärken für das neue Pumpwerk in Potsdam, das im Stil türkischer Moscheen erbaut wurde.
Manchmal sind wir auch am Bahnhof Potsdam Park Sanssouci aus der Bahn gestiegen und haben uns dem Schloss vom Neuen Palais her genähert. Die Wanderung ging dann weiter zum Ruinenberg, die Pappelallee hinunter, durch die russische Kolonie Alexandrowka hindurch zum Schloss Cecilienhof und schließlich am Ufer des Jungfernsees entlang bis zur Glienicker Brücke.
Einmal kamen wir am Fontane-Archiv vorbei, das in der Villa Quandt auf dem Pfingstberg untergebracht ist, und ich stolperte über einen Stein. »Heb den bloß nicht auf und …«, warnte mich ein guter Freund, der wusste, was mir hier vor Jahren widerfahren war. Da hatte man mich erst zu einer Lesung aus meinem Buch Mord und Totschlag bei Fontane ein-, dann aber wieder ausgeladen, weil meine Literatur dem hohen Niveau des Hauses doch nicht entspreche.
Später habe ich aber doch noch mehrere Lesungen in Potsdam gehalten, einmal sogar bei einer Open-Air-Veranstaltung in einem Park hinter der Viereckremise.
Gern steige ich auch am Bahnhof Babelsberg aus der S-Bahn, schlendere durch den Park, bewundere das Schloss sowie die alte Berliner Gerichtslaube und gehe dann zur Glienicker Brücke.
Das Filmmuseum Potsdam und der Filmpark Babelsbergs dürfen natürlich nicht vergessen werden, ebenso wenig das Holländische Viertel.
Beenden möchte ich dieses Kapitel mit dem Hinweis, dass schon in der frühen Bronzezeit an der Einmündung der Nuthe in die Havel Menschen gesiedelt haben und die slawischen Heveller hier später eine Burganlage errichteten. Am 3. Juli 993 und damit rund fünfzig Jahre vor Berlin wurde der Ort als Poztupimi zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Von wegen, Potsdam sei nur ein Anhängsel Berlins!
Brandenburg an der Havel und der Beetzsee
Viele verstehen nicht, warum Brandenburg an der Havel als Wiege und Keimzelle der Mark nicht deren Landeshauptstadt ist und warum Brandenburg an der Havel so einen umständlichen Namen hat und nicht einfach Brandenburg-Stadt genannt wird wie etwa Mexiko-Stadt.
Früher, als ich in Hannover meine Ausbildung zum Industriekaufmann absolvierte, fuhren die Interzonenzüge nach Berlin noch über Magdeburg und Brandenburg an der Havel. Vom Zugfenster aus bekam ich einen guten Eindruck von der Stadt, und da beschloss ich, sie einmal zu besichtigen.
Ich habe Brandenburg an der Havel dann sogar öfter besucht, mal mit der Familie, mal mit der Wandergruppe, mal allein zu einer Lesung. Vom Berliner Bahnhof Zoologischer Garten braucht man mit dem RE1 nur um die fünfzig Minuten bis nach Brandenburg. Ich habe dagegen fünfzig Tage gebraucht, um in Otto mit dem Pfeil im Kopf zu erzählen, wie im Jahr 1150 nach dem Tod des Hevellerfürsten Pribislaw-Heinrich das Land durch einen Erbvertrag an den Markgrafen Albrecht der Bär gefallen ist, der den aufmüpfigen Slawenfürsten Jaxa von Köpenick besiegte und 1157 die Mark Brandenburg begründete.
Alle Baudenkmäler der Stadt zu beschreiben – die Domkirche St. Peter und Paul, die Domklausur, die St.-Katharinen- und übrigen Kirchen, die mittelalterliche Stadtmauer der Alt- und der Neustadt, die vier erhaltenen Stadttortürme und das Altstädtische Rathaus – ist Sache der Reiseführer. Ich möchte jedoch erwähnen, dass es seit 1474 einen Roland in Brandenburg an der Havel gibt, so wie ja auch in Perleburg einer steht. Das versetzt mich als zeitweiligen Bremer natürlich in Entzücken.
Als ich Brandenburg an der Havel wieder einmal mit meinem Freund Volker bereise, mahnt er mich: »Von dir als Schriftsteller erwartet man, dass du bei allen Orten, von denen du in deinen Streifzügen berichtest, auf die Kollegen eingehst, die dort gewirkt haben.«
Ich mache mich kundig und stoße auf Namen wie Hans von Held, Julius von Voß, Heinrich Ludwig Bolze, Elisabeth Goedicke und Jean Wiersch, von denen ich noch nie zuvor etwas gehört habe. Nur Friedrich de la Motte Fouqué kenne ich. Selbstverständlich sind mir auch berühmte Söhne der Stadt wie Theodor Hosemann (1807–1875), der Maler, Illustrator und Karikaturist, nach dem eine Straße im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg benannt worden ist, der letzte Reichskanzler der Weimarer Republik Kurt von Schleicher (1882–1934) und unser geliebter Loriot bekannt. Eine Größe der deutschen Geschichte, die in Brandenburg an der Havel lebte, ist jedoch vielleicht noch viel legendärer als sie alle zusammen: der Barbier Johann Friedrich Andreas Bollmann (1852–1901), genannt Fritze Bollmann. Bollmann hatte insgesamt elf Kinder, von denen jedoch viele starben. Da er in eine finanzielle Notlage geriet, flüchtete er sich in den Alkohol. Lief er betrunken in der Stadt umher, wurde er häufig von Kindern geärgert und verspottet. Beim Angeln nahe der Dominsel – und nicht auf dem Beetzsee – stürzte er aus seinem Kahn, worauf die Kinder der Stadt das berühmte Spottlied auf ihn dichteten:
Zu Brandenburg uff ’m Beetzsee
Ja da liegt een Äppelkahn,
Und darin sitzt Fritze Bollmann
Mit seinem Angelkram.
Fritze Bollmann wollte angeln,
Doch die Angel fiel ihm rin,
Fritze wollt se wieder langen,
Doch da fiel er selber rin.
Fritze Bollmann schrie um Hilfe,
Liebe Leute, rettet mir,
Denn ick bin doch der Fritze Bollmann
Aus der Altstadt der Barbier.
Und die Angel ward jerettet,
Fritze Bollmann, der ersoff …
Tatsächlich ist Fritz Bollmann aber nicht beim Angeln ertrunken, sondern verarmt im Städtischen Krankenhaus verstorben.
Den Breitlingsee konnte ich bei meinen Fahrten vom D-Zug aus ebenfalls sehen, und vom Beetzsee habe ich durch die Fritze-Bollmann-Lieder erfahren. Der Obere Beetzsee und der Riewendsee waren mir dagegen lange Zeit unbekannt. Beide liegen nordöstlich von Brandenburg und sind durch ein sich dahinschlängelndes Fließ, genannt der Sträng, miteinander verbunden. Auf dem Beetzsee habe ich einmal eine Dampferfahrt unternommen, und im Hotel »Bollmannsruh« am Oberen Beetzsee haben wir gut gespeist. Westlich der Stadt sind noch der Plauer und der Mösersche See zu finden.
Sehr lobenswert finde ich, dass es in Brandenburg an der Havel noch eine Straßenbahn gibt. Auf dem meterspurigen Netz verkehren drei Linien mit einer Streckenlänge von fast 18 Kilometern. Leider ist im Herbst 2002 die an die sechs Kilometer lange Strecke nach Kirchmöser wegen Brückenschäden eingestellt worden.
Auch für mich West-Berliner war Kirchmöser schon immer ein Begriff, zum einen wegen des Reichsbahnausbesserungswerks Brandenburg-West und zum anderen, weil hier viele erfolgreiche Ruderer zu Hause waren. Nicht zu vergessen ist auch der Fußballverein BSV Stahl Brandenburg, der in der Tabelle der DDR-Fußball-Oberliga auf dem 22. Platz zu finden war.
»Wir müssen zurück nach Berlin!«, ruft die Gefährtin meines Lebens. »Wir sind um 18 Uhr am Brandenburger Tor verabredet.«
Also zurück nach »Berlin an der Spree, an der Havel, an der Dahme, an der Panke, an der Wuhle, am Tegeler Fließ und am Neuenhagener Mühlenfließ«. Hoffentlich beschließt der Senat endlich, Berlin den ihm gebührenden Städtenamen zu verleihen.
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