Kitabı oku: «Vergangenheit»

Yazı tipi:

Horst Daemmrich

Vergangenheit

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

[bad img format]

© 2017 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.francke.de • info@francke.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-7720-0028-7

Inhalt

  Vorwort

  1. Einführung

 2. Vergangenheit: Erinnern – Wiederherstellen – Deuten2.1. Wahrnehmung, Gedächtnis, Erinnerung, Retrospektive2.2. Abrechnen – Verstehen2.3. Schuld und Sühne

 3. Krieg3.1. Motive und stilistische Signaturen3.2. Militärischer Diskurs3.3. Erweiterte Perspektive – Familiengeschichten – Fragen an die frühere Generation

 4. Erfahrungen vorausgegangener Generationen4.1. Familiengeschichten gestern und heute4.2. Gegenwart – Erinnerungsdiskurs – Reflexionen

  5. Deutsche Chronik. Deutsches Schicksal

  6. Rückgriffe auf die Antike

  7. Aspekte der Vergangenheit im Leben Einzelner

  8. Ein unabgeschlossenes Kapitel

  9. Bestandsaufnahme, Anklänge der Vergangenheit, Orientierung im Alltag

 Literaturverzeichnis1. Literarische Werke2. Kritik

Vorwort

Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur vergegenwärtigt sowohl Anschlüsse an die literarische Tradition, erzähltechnische Neuansätze und postmoderne Erzählungen als auch stilistische Eigenheiten des sozialistischen, klinischen und magischen Realismus. Sie zeigt Eigenheiten, die einige Literaturkritiker davon überzeugten, von Literaturen im getrennten und wiedervereinigten Gesamtdeutschland zu sprechen. So kritisiert Fritz J. Raddatz die Konzentration der „westdeutschen“ Literatur auf subjektive Nuancen in der Figurengestaltung, die Ich-Suche und die Nichtbeachtung des politischen Horizonts. Im Gegensatz dazu findet er in den Schriften übergesiedelter DDR-Autoren und Autorinnen die bewusste Auseinandersetzung mit den wesentlichen Fragen der Zeit: „Es gibt eine dritte deutsche Literatur. Nach Jahren, in denen von einer ‚zweiten deutschen Literatur‘ – also der DDR-Literatur – gesprochen und in denen die Abgrenzungen der beiden Literaturen wie ihre gegenseitige Durchdringung, auch Befruchtung diagnostiziert wurde, kann über den aktuellen Stand der literarischen Szene gesagt werden: Die zeitgenössische westdeutsche Literatur sieht den Menschen als genetischen Code, die Welt als ein System ohne Zukunft, die Kunst als Rätsel. Beide deutsche Literaturen bestimmen wesentlich Verkrochenheit, Ich-Bezogenheit und Aufarbeiten von Mythen und Träumen. Zwischen ihnen hat sich als besondere Kraft ‚eine dritte deutsche Literatur‘ etabliert – es ist die jener Autoren, die aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt sind … es sind Schriftsteller, die ihre historische Erfahrung, ihre politische Bildung und ihre moralische Interventionslust nicht als Gepäck an der Mauer abgegeben haben.“1

Der für das kommende Jahr geplante zweite Band erläutert maßgebende Themen und Motive in der thematisierten Gegenwart und Zukunft. Gemeinsam ermöglichen die Bände aufschlussreiche Einblicke in Texte, die sonst selten verglichen werden. Die Gegenüberstellung von einem Gartenhaus in der Schweiz (Thomas Hürlimann, Das Gartenhaus. 1989. 2001) und einem Tag in Berlin (Christa Wolf, Juninachmittag. 1967) erschließt thematische Entsprechungen. Geschichten aus dem Alltag akzentuieren in einer kunstvoll, feinfühlig psychologisch motivierten Schilderung die Leiden und Selbsterkenntnis einer Frau (Sibylle Knauss, Die Nacht mit Paul. 1994), eine medientechnologisch gleichgeschaltete Gesellschaft (Martin Grzimek, Die Beschattung. 1989), die innere Brüchigkeit in einer scheinbar heilen bürgerlichen Familie (Marlen Haushofer, Wir töten Stella. 1958. 1991), den absoluten Liebesverlust in einer dumpfen, erschreckenden Welt (Evelyn Grill, Wilma. 1994), die Flucht vor jeder möglichen Selbsterkenntinis (Peter Rosei, Von Hier nach Dort. 1978), und positive Sinnstiftungen in der Suche nach Orientierung (Jurek Becker, Bronsteins Kinder. 1986; Klaus Hoffer, Bei den Bieresch. 1983).

Die Darstellung verfolgt besonders folgende wiederkehrende Kontraste und Grundkonstellationen: Anpassung/Auflehnung, Liebe/Liebesverlust, politisches Engagement/Flucht ins Abseits, Jugend und Bejahung des Lebens/schwerdepressive Pyjamaexistenzen im Vorzimmer des Todes, in der Irrenanstalt und im Altersheim, Ich-Suche und Kontaktverlust, Ich-Suche und Selbsterkenntnis. Die Themenforschung beleuchtet Gemeinsamkeiten im Rahmen kompositorischer Differenzen. Die vorliegende Darstellung untersucht die thematisierte Vergangenheit und ist der erste Band der Bestandsaufnahme „Sechs Jahrzehnte. Grundkonzeptionen und wegweisende thematische Entwürfe in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur unserer Zeit“.

Die vorliegende Untersuchung entwickelt, erweitert und vertieft Überlegungen, die ich zuerst in Konferenzbeiträgen, Festschriften und Sammelbänden vorgelegt habe.2 Ich danke meinen Kollegen Karl. F. Otto jr., Frank Trommler und Volker Wehdeking für ihre langjährige Unterstützung. Ich bin besonders Dr. Valeska Lembke für die sorgfältige Überarbeitung des Manuskripts dankbar.

1. Einführung

Die NS-Zeit ist eine Zäsur in der deutschen Geschichte, die auch die Literatur stark beeinflusst hat. Die Sicht auf die und der Umgang mit der Vergangenheit und besonders der NS-Vergangenheit, den Jahren des getrennten Deutschlands und des Mauerfalls wird zum wichtigen literarischen Thema. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit setzt sofort nach 1945 mit Kurzgeschichten, Erzählungen, Hörspielen und Schauspielen ein. Sie führt in die Gegenwart und besteht fort in der jüngsten Literatur, in Aufarbeitungen der DDR-Zeit, in Schilderungen des Mauerfalls und in Ortungen des durch ein vereintes Deutschland bedingten Mentalitätswandels. Die Auslegungen reichen von novellistischen Skizzen, knappen faktisch orientierten Reportagen, Kriegsberichten, autobiographisch angelegten, aber fiktiv erweiterten Erzählungen, Chroniken deutscher Geschichte und Rückgriffen auf die Antike bis zu künstlerisch anspruchsvollen, großangelegten Romanen und fantasievollen Erkundungen eines historischen Verlaufs, der im Gegensatz zu geschichtlichen Ereignissen nur im Märchenland des Denkbaren existiert. Die im Einzelnen besprochenen Texte, die sowohl allen Lesern und Leserinnen vertraute als auch unbekannte Werke einschließen, sollen die Diskussion vertiefen.

Im Umgang mit der Vergangenheit setzen nach 1945 die Autor(inn)en, besonders Ilse Aichinger, Jurek Becker, Heinrich Böll, Wolfgang Borchert, Willi Bredel und Elisabeth Langgässer, Akzente, die bis heute wirksam sind. Sie erneuern die in der Neuen Sachlichkeit ausgeprägte Tendenz, der realistisch-sachlichen Gestaltung von historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Priorität einzuräumen. Darüber hinaus befragen und präzisieren sie eine in der Nachkriegsliteratur des Ersten Weltkrieges ersichtliche Grundform des Denkens, die sowohl ein Urteil über als auch ein Verhältnis zur Vergangenheit einschließt. Sie ist deutlich ausgeprägt in Werken, in denen die verflossenen Kriegsereignisse ihren Schatten über das Denken und Handeln der Figuren werfen. Sie kommt selbst dann unvermittelt zu Wort, wenn die Texte den Krieg keineswegs thematisieren. In der Erzählhaltung, im Denken der Figuren und in eingeflochtenen Reflexionen der Erzähler wird einerseits ein eindeutiges ethisches und politisches Engagement erkennbar. Andererseits zeichnen sich Tendenzen ab, die sowohl Resignation ausdrücken als auch die Ohnmacht angesichts historischer Abläufe, die sich dem Eingriff Einzelner entziehen.

Aichinger, Böll und Grass erweitern und vertiefen die Fragestellung von Schuld und Sühne. Wiederkehrende, aus wechselnder Perspektive entwickelte Motive und Themen, die zuweilen Vorstellungen aus den Entnazifizierungsprozessen übernehmen, erwecken den Eindruck einer umfassenden Bestandsaufnahme. Die Texte schildern Täter und Opfer, willige Helfer und Mitläufer, Anpassung und aktiven oder inneren Widerstand, aber auch Pflichterfüllung und verfehltes Vertrauen auf eine neue Ordnung. Die Gemeinsamkeiten und gravierenden Unterschiede in der Einstellung zur Schuldfrage verleihen der Literatur einzelne scharf profilierte Züge. In der erzählenden Literatur herrschen zuerst Anklage und Richten vor, später Aufarbeitung und Versuche, die Einstellung und das Verhalten Einzelner oder einer Gruppe zu verstehen. In der militärischen Erinnerungsliteratur setzt sich sofort die Berufung auf den Ausnahmezustand und die mit ihm verbundenen Fragen von Pflichterfüllung und dem kriegsbedingten Handeln Einzelner durch.

Die frühen Auseinandersetzungen mit der besonderen historischen Entwicklung in Deutschland, den kollektiven wie auch individuellen Verhaltensweisen und dem Wirken Einzelner während der NS-Zeit und im Krieg erwecken erzähltechnisch den Eindruck dokumentarischer Treue. Sie vereinheitlichen die Fülle realistisch geschilderter Einzelheiten durch die Konzentration auf die inneren und äußeren Konflikte, die Entscheidungen, das Handeln und die Unterlassungen von Einzelfiguren. Auf diese Art entstehen Erzählungen, in denen qualvoll leidende Verfolgte und Widerstandskämpfer, gewalttätige Offiziere und unentschieden zögernde Landser zu Wort kommen.

Die Darstellungen setzen ein Verhalten voraus, das nicht ableitbar ist von zeitbedingtem Handeln der Menschen, die die Orientierung verloren haben, keine sicheren Maßstäbe für ihre Entscheidungen finden und sich dem kollektiven Interesse fügen. Zuweilen unausgesprochen, zunehmend häufig in Dialogen und Selbstgesprächen der Figuren zeichnet sich eine ethisch verankerte, zeitlose Deutung des verantwortlichen Handelns ab. Der Blick zurück, sei er von Beteiligten, Überlebenden, Kindern oder Enkeln, erfasst die Vergangenheit aus einer Sicht des richtigen und falschen, sittlichen und unsittlichen Handelns. Alle Nachkriegsautoren, die sich mit der NS-Zeit und dem Krieg auseinandersetzten, trugen zu einem wachsenden historischen Bewusstsein bei und haben maßgeblichen Anteil an der Entwicklung eines kollektiven Selbstverständnisses. Sie betrachten die Vergangenheit als ein unabgeschlossenes Kapitel, als einen im Entstehen begriffenen Entwurf einer umfassenden Dokumentation.

Was ist das, die Vergangenheit? Der Begriff kennzeichnet geschichtlich überlieferte Ereignisse aus einer zurückliegenden Zeit. Die Überlieferung umfasst jedoch ein weites Feld: Quellen, historische Darstellungen, die zugleich Interpretationen sind, Tatsachenberichte, soziologische, politische, philosophische Auslegungen und literarische Konzeptionen.Historische Ausführungen teilen gewöhnlich Geschichte in zusammenhängende Abschnitte ein, die eine Verstehenseinheit bilden. Jeder Abriss enthält eine der Schilderung angemessene Abstraktionsebene. Für die Beurteilung historischer Prozesse bleiben die im Schnittpunkt literarischer Schilderungen liegenden Schicksale, Freuden und Leiden, Erfolge und Misserfolge Einzelner im Hintergrund. Deshalb besteht grundsätzlich eine tiefgreifende Spannung zwischen dem Kollektivgeschehen und dem Schicksal Einzelner. Literarische Texte konzentrieren sich auf diesen Schnittpunkt zwischen kollektiven und persönlichen Erfahrungen und versuchen, im individuellen Erlebnis die geschichtliche Dimension anzudeuten und ein Geschichtsbewusstsein zu vermitteln, das im Konkreten das Allgemeine erfasst.

Historiker konstatierten, dass es nach dem Ende des Ersten Weltkrieges im November 1918 keine Möglichkeit gab, sinnvoll an die vorausgegangenen Zeiten anzuknüpfen.3 Kulturgeschichtlich orientierte Untersuchungen verdeutlichen jedoch tiefgreifende Verflechtungen und Traditionen, die Schwerpunkte für das Verständnis eines historischen Ablaufs formen.4 Die Literatur verdeutlicht die Problematik in historischen Untersuchungen, die sich mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern objektive, faktische Darstellungen der Vergangenheit überhaupt möglich sind oder ob jedes Urteil von persönlichen Erfahrungen der Wissenschaftler beeinflusst wird.5 Die kritische Aneignung, Distanzierung und tiefgreifende Umwertung der historischen Bewusstseinslage verläuft in drei Phasen. In ihrem Ablauf setzt sich die Erkenntnis durch, dass jede Erinnerung an und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit von der jeweils gegenwärtigen gesellschaftlichen Umwelt mitbestimmt wird. Individuelle und kollektive Erinnerungen hängen von den zeitbedingten, zurückliegenden und gegenwärtigen Umständen ab. Die Entwicklung setzt nach 1945 in den Auseinandersetzungen mit der deutschen NS-Vergangenheit ein, wird in der Literatur der sechziger bis achtziger Jahre in der Fragestellung erweitert und prägt literarische Ortungen und möglicherweise das Selbstverständnis einzelner Autor(inn)en bis heute. Begrifflich schließt die Denkform Fragen von persönlicher Verantwortung, sittlichem Handeln wie auch Schuld und Sühne ein. Die Entwicklung mündet schließlich in die eigenartige Situation, in der die Vergangenheit scheinbar unvermittelt in die Texte hineinredet, zur Kurzformel für eine alle Deutschen belastende Erbsünde geworden ist, aber zugleich im Blick zurück zum Ausgangspunkt einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Zeit wird.

Die Vergangenheit lebt auf, sobald Autor(inn)en Figuren entwerfen, die über sich nachdenken und ihr persönliches Selbstverständnis entwickeln, das sich nicht von dem nationalen Selbstverständnis trennen lässt. Diese Vergegenwärtigungen haben eine gemeinsame historische Substanz. Sie sind einerseits individualisiert, da Erzählungen die Ereignisse aus der Perspektive und Erlebnissphäre Einzelner gestalten. Andererseits erhalten sie eine Abstraktion des Allgemeinen oder Typischen durch die unterschiedlichen Erzählverfahren, durch eingeflochtene Kommentare und Fragen an die vorausgegangene Generation, die manchmal zu Familienzerwürfnissen führen. Fragen, Dialoge und Selbstgespräche erweitern die historische Sicht, in der sich dann ein mögliches Verstehen der Geschichte anbahnt. Darüber hinaus stoßen die Darstellungen auf schwer zu beantwortende Fragen, die die nationalsozialistische Vergangenheit betreffen. Die gegenwärtigen politischen Debatten über Schuld, Verbrechen, Nazi-Opfer, Holocaust, aber auch Schlussstrich, einseitige Stilisierung und Anklagen gegen die Tätergeneration, sowie Erkundung der Leiden einer verführten Generation wiederholen sich in den Erzählungen.

Die Befragung der Vergangenheit nimmt vielfältige Formen an. Sie kann direkt erfolgen, indem die Handlung in die Vergangenheit verlegt wird. Darstellungen erwecken zuweilen, besonders wenn sie auf historisch belegbare Ereignisse zurückgreifen, den Eindruck realistischer Berichterstattungen. Deutlich erkennbar sind markante stilistische Unterschiede zwischen kritisch reflektierten Auseinandersetzungen und Schilderungen von Kriegserlebnissen, die versuchen, authentisch überzeugend, aus der Nahperspektive Ereignisse festzuhalten. Die Nahperspektive verwickelt Leser. Der Anspruch auf Authentizität – ich sehe, fühle, spüre – ist besonders deutlich ausgeprägt in der Kriegsliteratur. Er verbürgt, dass das Vergangene im Text, belegt durch Dokumentationen, die sich auf eigene Erlebnisse, Aussagen von Zeitzeugen, Briefe und Nachrichten aller Art (Zeitungen, Radio, Wochenschauen) stützen, zuverlässig und glaubwürdig festgehalten ist. Die eingehende Untersuchung der Kriegsliteratur zeigt jedoch einerseits Rückgriffe auf tradierte Motive in der Kriegsthematik, andererseits dass das Gedächtnis der Autoren nachhaltig individuell gefärbt ist. Die Befragung ist ferner integriert in Generationskonflikten, die ihren Ursprung in der Sensibilisierung für die politische Vergangenheit haben; sie kann im Mittelpunkt von Identitätskrisen stehen; sie bildet den Rahmen für autobiographische Darstellungen, die das Verhältnis Einzelner zum historischen Geschehen thematisieren; sie ist oft verknüpft mit primären Themen (Anpassung; Entwicklungsthematik; Holocaust; Reifung; Selbst- und Welterkenntnis) und Motiven (Konflikte zwischen Eltern und Kindern bzw. zwischen Vater und Sohn oder Tochter). In Auseinandersetzungen mit der jüngsten Vergangenheit des geteilten Deutschlands kommen hinzu: Utopie und Verlust der utopischen Vision; alle Bereiche des Alltagslebens im sozialistischen Staat; Stasi und Spitzelunwesen. Die erstaunliche Sensibilität für die politische Vergangenheit ist nicht auf deutsche Autoren und Autorinnen begrenzt, sondern gehört zum Gesamtbild der deutschsprachigen Literatur. Einerseits regt die Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation zur Befragung der Vergangenheit an. Andererseits entwerfen zahlreiche Autoren Erzählungen, in denen die Vergangenheit als wirksames Kolorit für das Geschehen dient.

Der Anspruch, authentisch zu berichten, ist außerdem besonders ausgeprägt in fiktiven historischen Erzählungen, die sich auf Lebensläufe unbekannter, vergessener oder umgedeuteter „Personen“ konzentrieren. Das Verfahren, klar ersichtlich in Geschichten von Wolfgang Hildesheimer (Marbot. Eine Biographie. 1981), Christoph Ransmayr (Die Schrecken des Eises und der Finsternis. 1984) und Horst Stern (Mann aus Apulien. Die privaten Papiere des italienischen Staufers Friedrich II. 1986), stellt eine Figur in den Schnittpunkt des Geschehens, die keine Spuren hinterließ und deshalb von Historikern übersehen wurde. Diese Erzählungen verwischen bewusst die Grenze zwischen Geschichte, Vergangenheit und Fiktion.

In anderen Darstellungen erscheint zuweilen die Gegenwart aus der Perspektive einer erstrebenswerten ausgeglichenen Gesellschaftsordnung. Die Vergangenheit dagegen erweckt den Eindruck einer unabgeschlossenen Akte. Sie prägt die Gegenwart und kommt deshalb in manchen Texten in Ereignissen oder Reflexionen der Erzählstimmen unvermittelt zu Wort. So entsteht der Eindruck, die Geschichte rede noch immer in alles Geschehen hinein. Die Gespräche verleihen den Figuren aus der Vergangenheit plastisch-realistisches Sein. Sie geben den Verstorbenen, den Stummen und denen, die zum Schweigen verurteilt waren, die Stimme zurück. Die Autor(inn)en versetzen sich in die Lage der direkt Beteiligten, der Opfer, Täter, Mitläufer und aller, die innerlich das Regime ablehnten, aber den Umständen erlagen. Sie verfolgen den eigentümlichen Sachverhalt, dass die Vergangenheit selbst früher für die damals Lebenden Zukunft und Gegenwart war. Der Dialog mit der Vergangenheit vermittelt Eigenheiten des Denkens, die dem Erkenntnisvermögen des Publikums entgegenkommen. Es erkennt im Lesevorgang seine eigenen Bemühungen, historische Entwicklungen zu begreifen. Darüber hinaus schließt der Appell an verantwortliches Handeln in der Andeutung, dass das Leben Einzelner in der sozialen und historischen Vernetzung letztlich sinnvoll sein kann, sowohl Sinnsuche und Sinnstiftung ein.

Rückblenden, besonders in Texten, in denen die Figuren mit Fragen des Selbstverständnisses ringen, erwecken zuweilen den Eindruck der Zwangsfixierung. In Wolfgang Bächlers Erzählung Im Schlaf. Traumprosa (1988) greifen Entsetzen und Angst vor dem Terror auf die Gegenwart über und werden zur permanenten Bewusstseinslage. Der Träumende fürchtet Beamte, Funktionäre, sterbende Menschen und die verrinnende Zeit. Er spürt wie er erst in eine Uniform gesteckt und dann ins KZ verschleppt wird. Er ist auf der Flucht, irrt hilflos umher und wird beraubt und gefoltert. Schließlich schlagen ihm Soldaten einer Besatzungstruppe die Zähne aus. Die Vergangenheit wird zum Bild des Schreckens, das sich zeitlos wiederholt. In anderen Texten kommt es unvermittelt zu Beobachtungen, die an Tagesnachrichten und vorausgegangene Literaturdiskussionen anschließen oder Familiengeschichten aufgreifen. So stolpert beispielsweise Ersiës in Matthias Zschokkes Erzählung ErSieEs über die Schwelle eines Süßwarengeschäfts und muss an den stolpernden Großvater denken. Die Vergangenheit infiziert den Sprecher; der elliptische Abriss der Vergangenheit mündet in ein eigenes Schuldgefühl. „Großvater hat trübe Augen Großvater war im Widerstand Großvater furzt bei jedem Schritt Großvater braucht zwei Stöcke zum Gehen So ein vierfüßiger Schritt braucht seine Zeit Großvater war Oberarzt im Untergrund Großvater hat noch Paul Lincke kennengelernt Großvater ist ein Original Großvater besitzt ein Original Großvater fährt einen Thunderbird Großvater war ein Arbeiter Ich stamme aus richtigem Arbeitermilieu Großvater hat sich beinahe verschworen Großmütterlein ward umgebracht von eurer bösen Nazimacht damit verdien ich Geld denn ich erzähl’s der Welt … / Hoppla. / Eben wollte sie ‚ihrer Betroffenheit Ausdruck verleihen bezüglich Kollektivwahnsinn, geknechtetgefoltertgekettetgegeißeltgedemüdigt, Auflehnung, Empörung, Verzweiflung, Anklage‘.“ Zschokke fährt fort mit der Feststellung, dass immer Dolmetscher zur Stelle sind, die „übersetzen und verzeihen“ werden.6

Sicherlich gab und gibt es für die Literatur nie absolute Zäsuren und für thematisierte Geschichtsereignisse keine Nullpunkte. Die Literatur nimmt Stellung, verarbeitet und gestaltet die Weltkriege, die Weimarer Republik, Hindenburg, Hitler, Gleichschaltung, Kristallnacht, das Dritte Reich, Holocaust, Nürnberg, das geteilte Deutschland, die neue Welt. Christoph Hein konstatiert in seinem Essay „Die Zeit, die nicht vergehen kann oder Das Dilemma des Chronisten“, dass das Vergangene beständig gegenwärtig ist. „Ich jedenfalls bezweifele, daß es das Wesen der Vergangenheit ist, nicht Gegenwart zu sein. Im Gegenteil: Vergangenheit ist der unveränderbare, sichere und weitgehend auch gesicherte Teil unserer Gegenwart, freilich auch der durch seine Unveränderbarkeit, durch die Unmöglichkeit jeder nachträglichen Korrektur beunruhigendste und verstörendste Teil unserer Gegenwart. Denn Vergangenheit vergeht nicht, kann nicht vergehen, so wie die Toten nicht sterben und kein zweites Mal begraben werden können.“7 Die Befragung der Eigenart des Vergangenen steht mitunter im Mittelpunkt einzelner Erzählungen, die Lebensläufe in auf- oder absteigender Linie aus den dreißiger, den vierziger und den Kriegsjahren schildern. Sie taucht sporadisch in der Kriegsliteratur auf. Sie klingt im Schrifttum an, das sich mit der deutschen Vergangenheit auseinandersetzt oder alternative Geschichtsabläufe schildert. Die Antworten vermitteln einen ausgezeichneten Einblick in die wechselnde geistige Verfassung der Autoren und Autorinnen seit 1945. Sie sind vereinzelt als Augenzeugenberichte simplifiziert. Sie schwingen gelegentlich mit in der Reaktion von Figuren, die entweder verstummen oder Fragen kopfschüttelnd mit dem Hinweis ablehnen: „das können nur die verstehen, die das selbst erlebt haben.“ Die Hinweise und Erklärungen erhöhen durch die Verknüpfung von Vergangenheitsbewältigung, Schuld, möglicher Sühne und Vergebung die Spannung in vielen Texten. Sie durchkreuzen literaturkritische Urteile. Sie fordern das Lesepublikum zur Stellungnahme auf. Sie regen an, belasten und verlangen ethische Entscheidungen.

Die Literatur beleuchtet die Verflechtung von Stoff, Sujet, Thema und Motiv.8 Dieser Sachverhalt ist deutlich in Texten, die in der Vergangenheit verankert sind. In einigen überwiegen die mit der stofflichen Substanz verknüpften Vorstellungen, beispielsweise Krieg, Heimkehrer, der gute Kamerad, der böse Feind, Seeschlacht, Auschwitz, Stalingrad, Leningrad oder Dresden. In anderen wird ein klar umrissenes Sujet (Heimkehr ins Reich, Holocaust) zum dominanten Funktionsträger. Die Gegenwartsliteratur verdeutlicht: das Thema Vergangenheit umfasst eine enge, möglicherweise unlösbare Bewusstseinslage, in der Verirrung, Verneinung, individuelle und kollektive Schuld, Bewältigung, fiktive Darstellung und selbst ins mythische gesteigerte Konzeptionen anklingen. Die literarische Dokumentation und die „authentische“, fiktiv verarbeitete Vergangenheit setzen dem Text angemessene Akzente und berücksichtigen „tatsächliche“ Ereignisse primär, wenn sie die im Text gestalteten Verhaltensweisen motivieren. Jeder historische Ausschnitt enthält in der konkreten Darstellung eine angemessene Abstraktionsebene. Detaillierte Rekonstruktionen der Leiden und Freuden, der Erfolge und Misserfolge und der wechselnden Vorstellungen geschichtlicher Ereignisse verleihen den Darstellungen nicht nur große Anschaulichkeit, sondern vermitteln auch Einblicke in das Verstehen historischer Prozesse der direkt Beteiligten. Außerdem lassen Texte Rückschlüsse auf das geschichtliche Verständnis der Autor(inn)en zu. Die Untersuchungen von Texten in den folgenden Kapiteln belegen drei Aussageformen: (1) das Verständnis der Figuren in Texten und das der Autor(inn)en bilden eine Einheit; (2) unterschiedliche und widersprüchliche Vorstellungen veranschaulichen ungelöste Widersprüche; (3) das Dialogverfahren im Erinnerungsdiskurs verweist auf den Sachverhalt, dass historische Prozesse aus der Sicht der Beteiligten kaum durchschaubar wirken, aus der Perspektive der Erzähler jedoch erklärbar sind.

In Texten der Gegenwartsliteratur, in denen der Zweite Weltkrieg entweder das Geschehen maßgebend bestimmt oder in direkten und verhüllten Hinweisen anklingt, bestehen weiterhin gravierende Unterschiede, da diese von ehrenden Erinnerungen bis zu kritischen Abrechnungen reichen. Für den Abriss der Tendenzen in Schilderungen des Krieges und der Kriegsjahre sind drei Aspekte der vorausgegangenen Literatur relevant. Eine beachtliche Reihe von Kriegserzählungen vermittelte positive Vorstellungen heroischer Leistung, des guten Kameraden und der Verteidigung der Heimat. Vergleichbare Darstellungen bestehen nach 1945 fort in Erzählungen, die das Leid der Kriegsgefangenen, der Flüchtlinge und der Bevölkerung in den bombardierten Städten beleuchten. Zugleich entsteht eine Denkform, die im historischen Geschehen des Krieges ein Verhängnis für alle Beteiligten sieht, und in der Mahnung, das dürfe sich nicht wiederholen, einen Appell an das Gewissen enthält. Drittens verfolge ich die Richtung der Objektivierung dieses Denkens im Zusammenspiel der Forderung nach persönlicher Verantwortlichkeit und dem Anspruch auf Authentizität der biographischen und literarischen Darstellung. Der Anspruch wird deutlich in den Spielarten dokumentarischer Literatur, in der Beglaubigung durch Augenzeugen, in eingeflochtenen Tatsachenberichten und historisch belegbaren Fakten, die die Fiktionalität der Texte bewusst verwischen.

Aufarbeitungen der Vergangenheit nehmen vielfältige Formen an. Vergangenheit bedeutet nicht nur das historische Geschehen, sondern auch Kindheitseindrücke und das Leben im kleinen Kreis. In den Erzählungen von Bernhard, Burger und Monioudis erscheint die große Welt im Spiegel der Ereignisse in Ortschaften, die die Größe einer Briefmarke haben. Regionale Landschaften oder Städte in Erzählungen von Horst Bienek (Gleiwitz), Uwe Johnson (Mecklenburg), Siegfried Lenz (Ostpreußen) und Günter Grass (Danzig) sind gleichzeitig Schwerpunkte der historischen Ereignisse und Symbolträger für existenzielle Grunderfahrungen. Die Autoren geben der Zeitperspektive einen typischen Gehalt und verwandeln zugleich einzelne Regionen in exemplarisch literarische Landschaften, in denen Menschen die historischen Ereignisse erfahren, die das Jahrhundert prägten. Die einzelnen Erlebnisse der Personen werden zu kollektiven Erfahrungen stilisiert.

In Texten, die zu uns sprechen, ist die Vergangenheit immer auf die Gegenwart und Zukunft bezogen. Beim Nachdenken darüber, wie es möglich sei, die Kindheitsperspektive zu erfassen, beobachtet Burger: „Auch die drei Komponenten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, was autobiographisch wahr und somit richtig, oder sagen wir etwas modester rückblickend überhaupt erkennbar ist, hängt davon ab, wie ich heute lebe und was mich morgen erwartet …“9

In Rückblicken auf die jüngste Vergangenheit zeichnet sich das Bestreben ab, das Wesen der Erinnerung, den Vorgang des Erinnerns, zu präzisieren. In jeder erweiterten Perspektive umfasst das Erinnern Fragen persönlicher Verantwortung, von Verschuldung und Verjährung, von möglicher Sühne und einem wünschenswerten Vergeben. Die Voraussetzung für jede Erkundung der Vergangenheit ist und bleibt, wie Hanns-Josef Ortheil feststellt, die Präzision des Schreibens. Die Aufgabe ist „der Sprachlosigkeit das präzise Wort, den ungeordneten die geordneten Bilder“ gegenüber zu stellen.10 Diese Gewissenhaftigkeit in der Auslegung des „real-fiktiven“ Raumes bestimmt gleichermaßen das Geschehen in Erzählungen und Stücken, die auf die Antike zurückgreifen oder alternative Vergangenheitsbilder entwerfen. Die Rückgriffe auf die Antike umfassen unter anderem Nachdichtungen, Neuschöpfungen und Wiederbelebungen. Außerdem lassen sich in der Gegenwartsliteratur Versuche nachweisen, Figuren wie etwa Galatea, Kassandra, Laokoon, Odysseus, Medea, Medusa, Pasiphae oder Priapos auf die Gegenwart zu beziehen und umzudeuten. Besonders aufschlussreich sind Auslegungen der menschlichen Gegenwartssituation im Spiegel der Vergangenheit. Von besonderer Bedeutung ist die Tatsache, dass es sich bei diesem Vorgang nicht nur um Anschluss und Erneuerung einer Tradition handelt. Stattdessen dienen die Rückgriffe dazu, in symbolisch mythischen Handlungsräumen gegenwärtige politische und gesellschaftliche Krisen in der Form existenzieller Entscheidungen zu gestalten.

Antike und Gegenwart, Cotta, Ovid, Fontane und eine alte Frau, Rom und Preußen: die Vergangenheit ist Gegenwart, sie ist ein weites Feld, ein unabgeschlossenes Kapitel. Die Erzählungen von Christoph Ransmayer und Günter Grass beleuchten diesen Sachverhalt. Als Mein Jahrhundert 1999 erschien, betonte Grass in einem Interview: „Ja, nehmen Sie den ersten Satz des Buches: ‚Ich, ausgetauscht gegen mich, bin Jahr für Jahr dabeigewesen.‘ Das heißt, ich schlüpfe in Rollen, ganz verschiedene: männlich, weiblich, alt, jung. Ich blicke auf dieses Jahrhundert aus der Perspektive von Menschen, denen Geschichte widerfährt. Es sind nicht die großen Handelnden, von denen ich erzähle, sondern die Mitläufer und Opfer.“11 Diese Perspektive verwandelt schließlich die Erzähler in Historiker, welche die Vergangenheit im Alltag beleben und selbst das kaum Denkbare schildern. Gemeinsamkeiten und Divergenzen bestimmen Rückblick und Ausblick. Die gravierenden Unterschiede in Gestaltungen der Gegenwart und der Vergangenheit sind offensichtlich im Erfahrungshorizont der Figuren in Erzählungen von Ransmayr und Grass.

Die Erzählung Morbus Kitahara (1995) von Christoph Ransmayr schildert die Verfinsterung, die sich nach dem „Frieden von Oranienburg“ über die Ortschaft Moor, die Bevölkerung, den großen Steinbruch nahebei und das Niemandsland des Steinernen Meers ausbreitet.12 Es ist endlich Frieden, nachdem „die halbe Menschheit in der Erde und im Feuer verschwunden ist.“ Im Schnittpunkt der Handlung stehen der Schmied Bering, zum Ende des großen Krieges geboren, Ambras, der Fotograf und ehemalige Häftling Nr. 4273 eines Konzentrationslagers, und das Mädchen Lily, die überlebende Tochter eines zu Tode geprügelten Bewachers. Die Einwohner von Moor, ehemals ein malerischer Badeort, haben keinen Zugang zur Außenwelt, denn die einzige bestehende Bahnverbindung wurde abgerissen. Alle müssen für sich selbst sorgen. Die existenzielle Situation der Menschen und das Zeitgeschehen werden bestimmt durch Auswirkungen des „Stellamour-Plans“, eine Anspielung auf den Morgenthau-Plan, der das besetzte Land in die Steinzeit zurückwirft, eine Steinzeit, in der jedoch Besatzungstruppen die Menschen bewachen und organisierte Banden, kahlköpfige Schläger und Guerillas die Welt verunsichern. Das Milieu determiniert die Entwicklung der Figuren, in denen jedoch wiederholt eine wilde, unbezähmbare Sehnsucht nach Entgrenzung aufflackert. Arbeitsfähige (jeder, der noch gehen kann, ist arbeitsfähig) werden zur Arbeit im Steinbruch verpflichtet. Alle sind gezwungen, an den von Major Elliot veranstalteten Erinnerungsfeiern für die Opfer der jüngsten Vergangenheit teilzunehmen. „HIER LIEGEN / ELFTAUSENDNEUNHUNDERTDREIUNDSIEBZIG TOTE / ERSCHLAGEN / VON DEN EINGEBORENEN DIESES LANDES / WILLKOMMEN IN MOOR“ (33). Zum Sommerfest ersteigen die Einwohner die berüchtigte Stiege, auf der die meisten Häftlinge umkamen. Die Gefangenen schleppten riesige Steinquader nach oben und brachen häufig unter der Last zusammen. Der Kommandant verlangt nur, dass die Bewohner Attrappen transportieren, die sie an die Vergangenheit erinnern sollen. Major Elliot besteht nicht auf krasser Wirklichkeit, aber darauf, dass der Schein gewahrt wird und die Tätigkeit die Umerziehung fördert. Er will die Illusion einer zivilisierten Besatzung bewahren, hat aber die Ausführung aller Anordnungen und selbst der alltäglichen Arrangements Ambras übertragen.

Ambras, der ehemalige Gefangene des Schotterwerk-Konzentrationslagers, hat die gesamten Machtbefugnisse über die Arbeiter und zwingt alle unnachgiebig zur Erfüllung der ständig gesteigerten Norm. Er rächt sich an der Gesellschaft in seiner Rolle des Lageraufsehers. Er spielt den Giganten und verkörpert zugleich eine unerhörte Brutalität. Die charakteristischste Szene für seine Einstellung zur Welt ist sein Einzug in die von ihm ausgesuchte Wohnung, eine mit Stacheldraht umgebene Villa, in deren Garten ein Rudel verwilderter, aggressiver Hunde haust. Er betritt den Garten, wirft den vierzehn Hunden rohes Fleisch zu, spricht beschwörend auf sie ein, erschlägt den ersten, der ihn anspringt, mit einem Eisenrohr, jagt einem großen irischen Rüden das Eisen in den Schlund, springt auf ihn, verbeißt sich in das Tier und bricht ihm das Genick. Daraufhin zieht er ein. Das Rudel folgt dem Meister gehorsam, der seitdem vom Volk „Hundekönig“ genannt wird. Sein Umgang mit Menschen folgt demselben Muster: Sie müssen dienen; jeder Widerstand wird gebrochen. Bering, zu der Zeit ein Neunjähriger, beobachtet den Vorfall und umgibt den Hundekönig in seiner Erinnerung mit dem Nimbus eines „biblischen Helden“, eines „unbesiegbaren Königs“, der seine Feinde „in die Wüste jagte und in den Tod.“ (81)

Bering verbringt seine früheste Kindheit in einem Kellergewölbe in einem von der Decke hängenden Korb. Unter ihm scharren Hühner auf der Erde, Hühner, deren Gackern er nachahmt und unter sein Schreien mischt. Geflügel und Vögel bestimmen seinen Erfahrungshorizont. Er lebt sich ein in ihre Welt, ahmt ihre Rufe nach und versucht zu fliegen. Selbst diese Empfindungen sind ambivalent: „Noch Jahre später bedurfte es bloß eines Hahnenschreis, um in ihm rätselhafte Empfindungen wachzurufen. Oft war es ein melancholischer, ohnmächtiger Zorn, der keinen bestimmten Gegenstand hatte und ihn doch mehr als jeder tierische Laut mit dem Ort seiner Herkunft verband.“ (19) Unvereinbare Tendenzen bestimmen seine Entwicklung von früher Verehrung bis zum Hass auf den Hundekönig. Als Dreiundzwanzigjähriger erlebt er, wie Ambras sein von Elliot erhaltenes Fahrzeug schwer beschädigt und bietet ihm an, den Wagen völlig neu herzustellen. Er verwandelt den Studebaker in einen mythologischen Wagen: eine Krähe im Sturzflug, am Kühler „zwei zum Fangschlag geöffnete Krallen.“ (96) Daraufhin ernennt Ambras Bering zu seinem Vertreter, befiehlt ihm in die Villa zu ziehen und fortan sein Leben zu teilen. Das Verhältnis der beiden wird bestimmt von den kurzen, fast bellenden Befehlen, die Ambras erteilt. Das grausame Zusammenleben beeinflusst Berings Handeln. Er tötet zuerst in Notwehr, dann aus Hass auf die Welt. Sein Verhältnis zu Ambras, den er sowohl fürchtet als auch bewundert, ablehnt und anerkennt, zwingt ihn in eine Abhängigkeit, die schließlich dazu führt, dass er seinen Beherrscher nachahmt und Freude an der Unterdrückung anderer verspürt. Ambras beansprucht für sich nichts, außer Gehorsam. Er lebt in einem verwahrlosten Zimmer der Villa und überlässt den Rest des Hauses den Hunden. Er zeigt eigentlich nur ein Interesse, das nicht mit seiner Arbeit verbunden ist, wenn ihn Lily besucht und ihm seltene Steine und Smaragde aus dem Hochgebirge bringt.

Lilys Gefühle spiegeln die gegensätzlichen Tendenzen der Umwelt wider. Sie hasst Gewalt, besitzt jedoch ein verstecktes Waffenlager und geht zweimal, auch dreimal im Jahr auf Menschenjagd. Sie spürt dann den Banditen nach, die die Bevölkerung angreifen, und tötet sie, während ein überwältigendes Gefühl von „Angst, Triumph und Wut“ in ihr aufsteigt. Plötzlich will sie ausbrechen und frei sein. Dann wieder passt sie sich an die Umstände an. Sie hat Mitleid mit Ambras und Bering, übernachtet zuweilen mit Ambras, scheint einmal Bering zu lieben, verstößt ihn aber, als er in rasendem Zorn einen Räuber tötet, der Hühner mit sich schleppt.

Handlungsverlauf und Figurenzeichnung werden intensiviert, als das Bergwerk demontiert und nach Brasilien verfrachtet wird. Bering sorgt dafür, dass jedes Rädchen der rostigen Maschinerie sorgfältigst verpackt wird. Er erblindet langsam, hofft jedoch auf einen neuen Anfang in der Fremde und verspürt wie Lily Freude während der Übersiedlung. Auf der Fahrt nach Brasilien nehmen die körperlichen Leiden von Ambras ständig zu. Die Welt verdunkelt sich. Bering, Ambras und Lily fahren schließlich zur Hundeinsel, einem ehemaligen verlassenen Gefängnis, dem Ziel und Ende von Lebensfahrten in einer Welt, in der das Licht verbleicht. Lily schenkt der Brasilianerin Myra ihren Mantel und verlässt die Insel. Die Geste besiegelt Myras Tod, denn Bering ermordet sie im Glauben, Lily vor sich zu haben. Am Ende stürzt er blindlings vom Berg und reißt Ambras mit sich in die Tiefe. Die konsequente Handlungsführung aus Lager und Moor in die sumpfige Wildnis der neuen Welt, einer unbehausten Insel mit drei Toten, verdeutlicht die völlige Hoffnungslosigkeit der Welt nach dem Krieg.

Dagegen nuanciert Grass in der Novelle Im Krebsgang (2002) unterschiedliche und unvereinbare Einstellungen zum Zeitgeschehen und historischen Ablauf, die zu Auseinandersetzungen führen und die Vergangenheit als unabgeschlossenes Kapitel deuten.13 Der Erinnerungsdiskurs in der Novelle sichtet den Erfahrungshorizont, die persönlichen Erlebnisse, die Haltung zum Zeitgeschehen und das historische Erkenntnisvermögen von Figuren aus drei Generationen: Ursula Pokriefke, deren Sohn Paul und ihres Enkels Konrad (Konny). Paul ist Journalist und schildert die Ereignisse als Ghostwriter für einen im Hintergrund bleibenden, vom Schreiben ermüdeten Autor, der hin und wieder Anregungen gibt. Die Konturen des Geschehens, durch ständige Reflexion, Rückwendung, Blicke auf das Internet und Einschübe von kontrastierenden oder sich ergänzenden Handlungszügen retardiert, sind zeitlich verankert im Mord an Wilhelm Gustloff am 4. Februar 1936 in Davos, der Torpedierung der „Wilhelm Gustloff“ durch das russische U-Boot „S 13“ am 30. Januar 1945 in der Nähe der Stolpebank und der vorsätzlichen Tötung Wolfgang (David) Stremplins durch Konrad am 20. April 1997. Der Erzähler betont mehrmals das von ihm geschaffene Netz historischer Bezüge auf Hitlers Leben (*20.4.1889; Reichskanzler 30.1.1933; Selbstmord 30.4.1945).

Die Erzählung versucht die Ursachen von Ereignissen zu verstehen, die sich immer wieder der Sinndeutung entziehen. Der Erzähler unterbricht seinen Bericht deshalb ständig mit Hinweisen auf seine Verunsicherung. Das historische Geschehen überfordert das Aufnahmevermögen: „ich stelle mir vor – nicht faßbar – niemand weiß, was endgültig geschah – muß eine Legende einschieben – was ich von mir weg krebsend tue, ziemlich nahe der Wahrheit beichte – so ungefähr ist es gewesen – mit der Flucht auf dem Landweg begann das Sterben am Straßenrand – ich kann es nicht beschreiben. Niemand kann das beschreiben – über 4500 Kinder, Säuglinge, Jugendliche, Köpfe im Wasser, Beinchen in der Luft – eine Null am Ende mehr oder weniger, was sagt das schon – in Statistiken verschwindet hinter Zahlenreihen der Tod – ich kann nur berichten, was von Überlebenden an anderer Stelle als Aussage zitiert worden ist.“ Im Verlauf solcher Beobachtungen, die den Wahrheitsgehalt authentischer Berichte befragen, entsteht ein Gespräch mit der Vergangenheit, der Gegenwart und dem Lesepublikum. Außerdem vertieft Grass das abgestufte, krebsende Erzählverfahren, indem er die Figur des „Alten“ einführt. Der Alte bleibt im Hintergrund. Er hat Paul als Ghostwriter angestellt, der „stellvertretend“ ein Geschehen berichtet, über das die Beteiligten schwiegen. Der Alte hat sich „müdegeschrieben“ und gesteht, dass er sich dieser Aufgabe „seiner Generation“ entzogen hat. „Niemals, sagte er, hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue vordringlich gewesen sei, schweigen … dürfen.“ (99)

Neben dem Alten führt Grass Figuren ein, die im Text durch ihre Verwicklung in das Zeitgeschehen von 100 Jahren und ihre persönliche Entwicklung repräsentativ wirken, aber keineswegs „außergewöhnlich“ sind. Wir hören von Wilhelm Gustloff, der 1895 in Schwerin zur Welt kommt, 1917 nach Davos reist, um ein Lungenleiden zu kurieren, dann in der Schweiz bleibt und scheinbar bürgerlich bescheiden lebt. Er tritt in die NSDAP ein, wird Landesgruppenleiter, wirbt in der Schweiz unter den dort lebenden Deutschen und Österreichern für die Partei und wird am 4. Februar 1936 in seiner Wohnung in Davos von dem Juden David Frankfurter erschossen. Die Entrüstung in der deutschen Presse ist enorm; die deutsche Regierung sendet einen Sonderzug, der Gustloff nach Schwerin „heimführt“. Fortan wird er als Opfer jüdischer Meuchelmörder hoch geehrt; ein Denkmal wird gebaut und ein KDF-Schiff nach ihm benannt. David Frankfurter, 1909 in Serbien geboren, lebt und studiert in Deutschland, befindet sich aber zeitweilig in der Schweiz zur Kur seiner chronischen Knochenmarkvereiterung. Er begründet seine Tat mit der Feststellung: „ich bin Jude.“ Er wird im Gerichtsverfahren zu 18 Jahren Zuchthaus und anschließendem Landesverweis verurteilt. Er gesundet im Gefängnis und wandert nach dem Kriegsende nach Israel aus.

Der Erzähler Paul Pokriefke kommt am 30. Januar 1945 zur Welt. Die „dramatisch-alltägliche“ Geburt, Minuten nachdem seine hochschwangere Mutter von dem torpedierten Schiff „Wilhelm Gustloff“ gerettet wurde, verknüpft sein Leben mit der Gustloff-Legende. Sein Vater bleibt unbekannt; die Mutter hat ihn vergessen, will nicht über ihn sprechen und verwechselt ihn möglicherweise mit einem anderen Mann. Paul wächst in der DDR auf, setzt sich aber nach Westberlin ab und studiert Germanistik. Er wird von seinem „möglichen“ Vater finanziell unterstützt und arbeitet als Journalist für Springers „Morgenpost“. Paul verfertigt Sachberichte und schreibt über alles, auch über „Nie wieder Auschwitz“, aber nie über die „Gustloff“, denn das Thema war jahrelang nicht diskussionswürdig. Paul heiratet und hat einen Sohn. Seine Frau trennt sich von ihm und zieht mit dem Sohn Konrad in den Westen. Nach der Scheidung betrachtet sich Paul als „lebensversehrten“ Versager.

Die Mutter, Konrads Großmutter, Ursula (Tulla) Pokriefke ist eine Virtuosin der Anpassung an politische und gesellschaftliche Umstände. Sie überlebt; ist zufrieden und voller Widersprüche, die sie selbst nicht empfindet. Sie erinnert sich an die Nazizeit, die „gute Seiten“ hatte und denkt mit Freude an die „schöne“ Fahrt auf dem KDF-Schiff „Gustloff“. Sie wird Tischlerin und Leiterin einer Tischlerbrigade in der DDR. Sie ist überzeugte Kommunistin und zündet eine Trauerkerze an, als Stalin stirbt. Trotzdem macht sie keine Schwierigkeiten, als sich Paul nach Westberlin absetzt. Sie hat außergewöhnlichen Einfluss auf Konrad und vermittelt ihm Ansichten über die Vergangenheit, die der Erzähler als „das unbeirrbare Gequassel des Ewiggestrigen“ charakterisiert. Aber Tullas Gerede, das ihre enge Verflechtung mit dem Schiff, der Torpedierung und der Schiffslegende herausstellt, beeinflusst nachdrücklich Konrads Leben. Als Konrad (Konny) seine Großmutter nach dem Mauerfall in Schwerin besucht, erzählt sie ihm erregende Geschichten aus der Vergangenheit.

Für Konrad lebt die Vergangenheit nicht nur auf, er will sie rehabilitieren. Nachdem ihm Tulla einen Computer schenkt, konzentriert er sich auf den Fall Gustloff, den er „richtig stellen“ muss. Durch sein unablässiges Bemühen wird „Gustloff“ eine Internet-Sensation. Die Berichterstattung schließt ein: Stapellauf, Lobesreden, Nachrichten über Robert Ley, Urlauber- (Kraft durch Freude), Lazarett-, Ausbildungs-, Truppentransport- und schließlich Flüchtlingstransportschiff, Torpedierung durch ein russisches U-Boot, dessen Kapitän Alexander Marinesko kurz erwähnt wird, und schließlich Erinnerungsfeiern der Überlebenden. Währenddessen debattieren zwei junge Menschen auf der Website www.blutzeuge.de alle mit dem Untergang der „Gustloff“ verknüpfbaren Gedanken. Ihre Meinungen sind hart, kompromisslos und unvereinbar. Konny vertritt die Ehre deutscher Vergangenheit; sein Gesprächspartner David ist Fürsprecher des Judentums und versucht, Konnys Ansichten zu widerlegen. Paul verfolgt die Debatten und erkennt, dass sein Sohn der „schiffskundige“ Germane ist, beurteilt aber das Schreiben Konnys als „harmlos kindisches Zeug, das er als Cyberspace-Turner von sich gab“ (88). Er erkennt auch hinter Konnys Feststellungen das Gerede Tullas. Was er nicht erwartet, was niemand ahnt, ist das unerhörte Ereignis der Novelle. Konrad schlägt David vor, sich zu treffen. Er erschießt David bei der Begegnung am 20. April 1997. Er handelt aus innerer Notwendigkeit: Die Stimme des Feindes muss zum Schweigen gebracht werden. Das Gerichtsverfahren ergibt, dass David eigentlich Wolfgang heißt, kein Jude ist, aber alles Jüdische hoch verehrt. Er leidet unter schweren Schuldvorstellungen und verlangt Sühne vom deutschen Volk. Er hat kein Verständnis für die Meinung seiner Eltern, die finden, „irgendwann müsse Schluß sein mit den ewigen Selbstanklagen.“ Dieser Sachverhalt ändert Konnys Meinung nicht. Er wird mit 7 Jahren Jugendhaft bestraft. Die Eltern können Konrad nicht verstehen. Dagegen debattieren andere die Schuldfrage weiterhin auf einer neuen Webseite Kameradschaft-konrad-pokriefke.de. Sie kennzeichnen seine Haltung als vorbildlich.

Was bleibt: eine unabgeschlossene Auseinandersetzung, an der jede Generation mitwirkt und in der alle ihren Erfahrungshorizont erweitern. Die Gegensätze bestehen fort. Die Unfähigkeit, aus der Geschichte zu lernen, stößt auf das ständige Bemühen, die Vergangenheit zu begreifen.

2. Vergangenheit: Erinnern – Wiederherstellen – Deuten
2.1. Wahrnehmung, Gedächtnis, Erinnerung, Retrospektive

Fragen der Begriffsbestimmung von Wahrnehmung, Gedächtnis und Erinnerung führen in Literatur und Kritik seit 1945 zu theoretischen Ermittlungen und Überlegungen, die im Handlungsverlauf von Erzählungen anklingen. Die Problematik eine wie auch immer ausgeprägte Realität sprachlich ausdrücken zu können, führt zuweilen dazu, theoretische Ansätze aus den Geisteswissenschaften in literarische Texte einzubauen oder naturwissenschaftliche Erkenntnisse unbefragt zu übernehmen. Die in den vorliegenden Ausführungen besprochenen Autor(inn)en stimmen darin überein, dass jede Wahrnehmung auf der bewussten und auch unbewussten Aufnahme von sinnlichen und geistigen Eindrücken basiert. Die Eindrücke werden sinnvoll zu einer Wahrnehmungseinheit gestaltet und im Gedächtnis bewahrt.14 Die Wahrnehmung wurzelt in Erleben, Handeln, Betrachten und Reflektieren. Jedes Erleben erfasst eine sinnliche und geistige Reaktion auf das, was uns in Natur und Gesellschaft umgibt und auch auf Ereignisse im Leben. Das Handeln kann in instinktiven Reaktionen gründen, die besonders in der Kriegsthematik geschildert werden. Der Begriff kennzeichnet jedoch ferner jedes bewusst überlegte Verhalten zur Umwelt und bildet die Voraussetzung zu möglicher Selbst- und Welterkenntnis.15

Das Gedächtnis ist sowohl individuell als auch kollektiv eingefärbt. Es erfasst den Augenblick des Geschehens, die Zeitspanne eines Eindrucks, die konkrete Reaktion auf eine Begebenheit und die festgehaltene Sensation, welche unterschiedliche Sinneseindrücke zu einer Einheit verschmilzt. Die gespeicherten und geordneten Eindrücke initiieren außerdem bewusste Lernprozesse. Der Vorgang beeinflusst die Bewusstseinslage von Individuen und Figuren in Texten und schafft die Voraussetzung für die unterschiedlichsten literarischen Gestaltungen. Beispielsweise erfährt der Erzähler, ein Physiker, in Christoph Aigners Anti Amor (1994), wie komplex abgründig jede Wahrnehmung ist. Sein Gegenspieler, Theseider, reduziert die ideelle, ideale klassische Liebesvorstellung und sittliche Neigung auf rein biologische Vorgänge. Beide bezweifeln schließlich jede Möglichkeit einer objektiven Erkenntnis. Scharfsinn und Spekulation, Phantasie und Wahn stehen zuletzt gleichberechtigt nebeneinander in der im Text postulierten immer „werdenden und vergehenden Welt.“16

Ein in der Erinnerung kritisch beleuchteter Eindruck kann tradierte oder kollektive Vorstellungen übernehmen und das Ereignis zu einer neuen, authentisch wirkenden Einheit verbinden. Dieser Vorgang führt zu Verunsicherungen in Tatsachenberichten und Aussagen von Augenzeugen. Er ist Ausgangspunkt für Erkundungen zahlreicher Autor(inn)en in Bestandsaufnahmen der Vergangenheit. Darüber hinaus beleuchten die Realismus-Diskussionen (sozialistischer, klinischer, magischer Realismus) und die Literaturkrisis-Debatten das Wechselverhältnis von Stileigenheiten und Wahrnehmung, Erinnerung und politischen oder ästhetischen Überzeugungen.17 Augstein und Walser versuchten 1998 in einem kritischen Gespräch die Beschaffenheit der Erinnerung zu bestimmen. Ihr Meinungsaustausch „Erinnerung kann man nicht befehlen. Martin Walser und Rudolf Augstein über ihre deutsche Vergangenheit“18 verdeutlicht in Feststellung, Frage und Gegenfrage, wie beide im Rückblick ihr Handeln und ihre Unterlassungen häufig so deuten, dass sie ihrem gegenwärtigen Erfahrungshorizont entsprechen. Beide suchen die Wahrheit, unterbrechen aber ihre Beobachtungen durch kritische Einwände, in denen deutlich wird, dass nicht alles so verlaufen sein kann, wie sie es in ihrer jetzigen Erinnerung im Gedächtnis haben. Beispiele: „Walser: Bist du sicher? … Das halte ich für die nachträgliche Inszenierung eines Films. Augstein: Ich weiß es noch. Sonst hätte es sich mir ja nicht eingeprägt. … Walser: Und das hast du dir gemerkt? Da warst du erst zehn.“ Walser fasst nach: „Das hast du nicht gesagt, jetzt verklärst du irgend etwas. … Du wußtest doch nicht, wer Lovis Corinth ist und daß man die Bilder verkaufen muß. Gib zu, das hat dein Vater gesagt, Rudolf!“ Augstein betont die Ablehnung Hitlers in seiner Familie, die politisch wach erscheint; darauf Walser: „Du bist gleich auf der SPIEGEL-Seite der Welt geboren worden. … Rudolf, du bist wirklich der beste, schönste, liebenswürdigste, ungefährdetste Roman …, den ich je gelesen habe. … Mit der Wirklichkeit kann es nichts zu tun haben.“ Darauf Augstein: „Es ist erlebte Wirklichkeit, nicht geschönt.“ Walser ist überzeugt davon, dass jeder bewusste Rückblick die Vergangenheit verändert. Das Gespräch weist hin auf die Problematik „falscher“ Erinnerungen, die subjektiv als wahr, untrüglich, wirklich empfunden werden, aber objektiven Tatsachen widersprechen.19

Walser unterscheidet zwischen Gedächtnis und Erinnerung. Gedächtnis ist faktisch; es erfasst Einzelheiten, die etwas genau bestimmen (ein Lehrer stolpert im Klassenzimmer; der Pfiff eines Freundes; ein Bild an der Wand im Wohnzimmer), aber keine größeren Zusammenhänge herstellen. Walsers Skizze „Ein Jahr und das Gedächtnis“ setzt mit der Beobachtung ein: „Das Gedächtnis, unsere große Unfähigkeit: ein Haus, das unser eigen ist, aber wir haben nichts zu sagen darin.“20 Darauf folgen vorbeifliegende politische und gesellschaftliche Pressenachrichten und persönliche Eindrücke eines Jahres. An sie schließt die Frage an, ob das Ganze lediglich ein Angebot ist, aus dem sich das Gedächtnis nur aussucht, was ihm gefällt. Möglicherweise kann das Gedächtnis „Steine blühen lassen“ oder sich vertraut machen mit der endgültigen „Redaktion aller Communiqués.“ (267) Gedächtnis ist sicherlich in fiktiven Dokumentationen von Kriegserfahrungen stark mit Appellen an die Einfühlung der Leser verknüpft. Erinnerung dagegen ist gestaltetes Gedächtnis; sie stellt Assoziationen her, schafft Überblicke, vermittelt Einsichten, die auch anderen nachvollziehbar werden. Sie erweckt in Texten Sympathie; sie ist eine kritisch besonnene Rückschau. Erinnerung ist letztlich geistig literarisch. Sie ist das, was Hesse im Kapitel „Die Berufung“ (Das Glasperlenspiel, 1943) schildert, wenn er darauf hinweist, Knecht habe in seinem Denken zwischen „legitimen“ und „privaten“ Assoziationen in der Gestaltung eines Spieles unterschieden. Zur Erläuterung führt der Erzähler das Beispiel eines abgeschnittenen Holunderblattes an. Der Geruch des Blattes zusammen mit der Erinnerung an ein Schubertlied „Die linden Lüfte sind erwacht“ ergibt eine Assoziationskette, die „Frühling“ ins Allgemeine, Typische erhöht.

Im dritten Kapitel der Novelle Ein fliehendes Pferd (1978) findet sich ein aufschlussreicher Hinweis auf die Walser ständig beschäftigende Ermittlung des Zusammenspiels von Gedächtnis und Erinnerung. Der Stuttgarter Studienrat Helmut Halm denkt über den plötzlich in seinem Leben aufgetauchten Klaus Buch und dessen Rekonstruktion seiner Vergangenheit nach. Der Erzähler stellt fest: „Helmut begriff allmählich, daß dieser Klaus Buch für einige ihm teure Jahre seines Lebens keine Zeugen mehr gehabt hatte. Und gerade aus diesen Jahren wollte er offenbar überhaupt nichts verlorengehen lassen. Zur Wiedererweckung des Gewesenen brauchte er einen Partner, der zumindest durch Nicken und Blicke bestätigte, daß es so und so gewesen sei. Ohne diesen Partner könnte er gar nicht sprechen von damals. Helmut sah, daß er es mit dem Kriegskameradenphänomen zu tun hatte. Er kannte diesen Wiedererweckungsfanatismus nicht. Jeder Gedanke an Gewesenes machte ihn schwer. Er empfand eine Art Ekel, wenn er daran dachte, mit wieviel Vergangenheit er schon angefüllt war.“21 Nach kurzem Nachdenken folgt der Satz: „Meistens wußte dieser Klaus Buch allerdings so genau Bescheid über das, was gewesen war, daß Helmut erschrak.“ (284) Helmut ist bestürzt und spürt Neid, weil sein Gedächtnis zwar mit Namen und Eindrücken angefüllt ist, aber keine erkennbare Form hat. Er kann das „Erzählbare“ nicht fassen. „Die Namen und Gestalten, die er aufrief, erschienen. Aber für den Zustand, in dem sie ihm erschienen, war tot ein viel zu gelindes Wort.“ (284) Für Klaus Buch dagegen lebt das Vergangene in einer „Pseudoanschaulichkeit“ auf, die alles Vergangene verleugnet und in plastischer Fülle vergegenwärtigt. „Bei Klaus Buch rollte es nur so von Tönen, Gerüchen, Geräuschen; das Vergangene wogte und dampfte, als sei es lebendiger als die Gegenwart.“ (285) Walser lässt der Sprache freien Lauf, um in einer Fülle von Eindrücken die formlose Vergangenheit im gegenwärtigen Gedächtnis festzuhalten und zugleich kritisch zu ironisieren. Demgegenüber versichert Jurek Becker 1997 in einem Interview, dass in seinem „Unbewußten“ Eindrücke des Vergangenen existieren. Aber auf die Frage, ob ihn seine Kindheit im Ghetto beeinflusst habe, antwortet er: „Das kann ich nicht sagen. Das müßte ein Psychiater rauskriegen. Ich habe keine Erinnerung daran. Ich kann Ihnen nichts über das Ghetto erzählen. Ich habe es vergessen – so als wäre es nie gewesen.“22 Er fährt fort mit der Feststellung, dass er sich zuerst intensiv mit der Vergangenheit beschäftigte, als er Material für seine Erzählungen sammelte. Dass die Konzentration auf Details, besonders wenn ein Autor alles „genaugenommen“ festhalten will, zu wuchern beginnt und die Gesamtdarstellung trüben kann, wird in der Erinnerungsdiskussion in Klaus Schlesingers Die Sache mit Randow (1976) deutlich. Die als Kriminalroman angelegte Erzählung beschreibt den Prozess gegen die Randow-Bande und den Mörder Randow. Sie verdeutlicht jedoch außerdem in detaillierten Einzelheiten das Leben in der DDR, fängt das Berliner Lokalkolorit und die damaligen Unterhaltungen der Einwohner ein und bietet viele lesenswerte Kurzporträts. Konkrete Hinweise auf die allgemeine Situation machen die Zeitumstände auch jungen Lesern verständlich, die der geschilderten Zeit bereits fernstehen.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Gegenwart ist einge­hender in den Schilderungen von Maron, Ortheil und Hilbig. Im Erzählverfahren Marons wird deutlich, was auch die Erzählungen von Ortheil und Hilbig prägt und was bereits Soziologen wie etwa Maurice Halbwachs und Karl Mannheim in ihren Schriften feststellten: Die Erinnerung an Vergangenes wird von der gesellschaftlichen Umwelt mitbestimmt. Individuelle und kollektive Erinnerungen hängen von den zeitbedingten, zurückliegenden und gegenwärtigen Umständen ab. Dieser Sachverhalt tritt besonders deutlich in Marons Pawels Briefe hervor. Der konkrete Anlass der Suche nach der vergangenen und vergessenen Zeit ist die Umfrage eines holländischen Fernsehteams, das 1994 nach Berlin kommt, um die Haltung der Deutschen zur Vergangenheit zu dokumentieren. Die Autorin beginnt die Erzählung mit Fragen: Warum jetzt diese Geschichte schreiben? Die Lebensläufe gehören der Vergangenheit an. Wie entstand das Gefühl, sich „rechtfertigen zu müssen“? Warum etwas festhalten, das „wenig sicher ist“?23 Was ist Erinnerung? Wie ist sie beschaffen? „Erinnern ist für das, was ich mit meinen Großeltern vorhatte, eigentlich das falsche Wort, denn in meinem Innern gab es kein versunkenes Wissen über sie“. (8) Darüber hinaus erwägt Maron die Möglichkeit, dass das ganze Vorhaben ein Versuch sei, dem eigenen Leben Sinn zu geben oder es geheimnisvoll zu gestalten.

Die entstehende Familiengeschichte vermittelt Einblicke in das Leben von drei Generationen. Sie schildert die Herkunft, den Existenzkampf und den Tod des Großvaters Pawel Iglarz, eines zum Baptismus konvertierten Juden aus Polen, der sich mit seiner Frau Josefa in Berlin niederlässt, um dort als Schneider eine sorgenfreie Existenz aufzubauen; die Großeltern werden 1939 nach Polen ausgewiesen und kommen nach kurz befristetem Dasein im Ghetto im Konzentrationslager um. Die Geschichte beschreibt ferner die Kindheit der Mutter Hella und ihre Entwicklung zu einer überzeugten Kommunistin; sie erfasst das Aufwachsen und die kritische Meinungsbildung von Monika im Hause der Mutter und des Stiefvaters Karl Maron, des DDR-Innenministers von 1955 bis 1963. Das besondere Kolorit dieser alltäglichen Geschichten entspringt den Beobachtungen der Beteiligten, ihren Versuchen, das Geschehen zu verstehen, es selbst zu verklären, und der ständigen Befragung der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Maron schildert die Auswirkungen des politischen Geschehens auf die Großeltern als ein von unkontrollierbaren Mächten gesteuertes Schicksal. Gleichzeitig bezweifelt sie die Vorstellung von undeutbaren Mächten und lehnt jeden Mythos des Vergangenen ab.

Marons Verunsicherung ist persönlich und bestimmt zugleich die Zweifel der Erzählerin, die sich fragt, ob es überhaupt möglich ist, eine objektiv-kritische Schilderung des Vergangenen zu geben. Die Darstellung der Auswirkungen des politischen Geschehens der NS-Zeit, der DDR-Jahre und der Wende auf die Betroffenen erfasst widersprüchliche Auffassungen: man musste sich anpassen; man wollte überleben; das Schicksal ist undeutbar; man wurde aufgerufen, verantwortlich zu handeln. Der Rückblick hält eine Szene fest, in der die Mutter nach alten Fotos sucht und auf einen Karton mit Briefen des Großvaters aus dem Ghetto und Antwortbriefen der Kinder stößt. Die Mutter ist verwirrt, kann sich nicht erinnern, diese Briefe gelesen oder geschrieben zu haben. Maron stellt fest: „es war unmöglich, daß sie die Briefe nicht gelesen hatte, so wie es unmöglich war, daß sie die in ihrer eigenen Handschrift nicht geschrieben hatte.“ (10) Die Erkenntnis, dass sich die Mutter an den Briefwechsel, „in dem es um ihr Leben ging, nicht erinnern konnte“ (11), verbunden mit der Tatsache, dass jedes Vergessen in der öffentlichen Meinung gerade zu einem Synonym für Verdrängung und Lüge geschrumpft“ (11) war, leitet Reflexionen über Gedächtnis, Erinnern, persönliche und historische Wahrheit, Dokumentation und Authentizität ein, welche die gesamte Darstellung prägen. Diese Überlegungen sind nicht nur maßgebend für die Schilderung des Lebens der Großeltern und der Mutter, sondern bestimmen auch Marons Bestandsaufnahme ihres eigenen Lebens.

Besonders aufschlussreich sind Marons Zweifel angesichts ihrer eigenen Vergangenheit. Beim Nachdenken über ihre 1995 im „Spiegel“ enthüllte Beziehung zum MfS gerät sie schließlich in ähnliche Verwirrung wie ihre Mutter. Sie ist überzeugt davon, dass ihr Kontakt, der der Stieftochter des DDR-Innenministers Karl Maron, mit der Stasi nichts als eine „kuriose und komische Episode“ war. Sie ist „nicht sonderlich stolz“ auf die Rolle, die sie gespielt hat, sieht aber auch keinen Grund, sich zu schämen, denn sie hatte die Konsequenz aus ihren Irrtümern bereits vor vielen Jahren gezogen. Besonders beachtenswert wirkt Marons Geständnis ihrer zunehmenden Verunsicherung, als ein Fernsehredakteur sie beschuldigt, einen Bericht über ihre beste Freundin für die Stasi verfasst zu haben. „Es war unmöglich, trotzdem begann ich, mir Situationen auszudenken, in denen ein Mensch etwas tun könnte, ohne später davon zu wissen … Es gab eine Stunde, in der ich bereit war, alles für möglich zu halten … wenn es das gibt, daß einer außerhalb seiner selbst ist und dann nichts mehr davon weiß.“ (200) Maron spricht hier die völlige Verunsicherung der Menschen in einem Staat an, in dem jeder nicht nur ständig überwacht wird, sondern auch selbst schließlich daran teil hat, eine Situation, die Hilbig in Ich (1993) und Eine Übertragung (1989) verfolgt.

Aus dieser Sicht, in der jedes Erinnern in kritisches Nachdenken, Befragen und Neubesinnen übergeht, entsteht eine Denkform der fortgesetzten Reflexion, in der das Vergangene im Gegenwärtigen aufgehoben ist und zugleich das Zukünftige mitdenkt.24 Deshalb endet das Buch konsequent mit einem Blick auf unsere Tage. Die Erzählerin erträgt, dass ihre Mutter Mitglied der PDS ist, so wie diese sich damit abgefunden hat, dass ihre Tochter „Antikommunistin“ wurde. „Morgen werde ich sie anrufen, oder übermorgen … heute jedenfalls noch nicht.“ (205)25 Von ausschlaggebender Bedeutung ist die von nahezu allen Autor(inn)en erwähnte Eigenheit persönlicher Erinnerungen: beim Rückblick entstehen Angstzustände. Erfahrungen aller Art – irgend etwas schwer Bedrückendes, wirklich Erfahrenes, manches gehört oder gelesen und verinnerlicht – trüben die Erinnerung. Sie erregen Unruhe und Schrecken.

Im Rückblick auf ihre Kindheit, der Fragestellung Marons vergleichbar, kommt Christa Wolf in Kindheitsmuster (1976) immer wieder auf das Problem zurück, wie eine Situation entstehen konnte, in der Menschen nicht nur gleichgültig wurden, sondern auch niemals die richtigen Fragen stellen konnten und nichts mehr wissen wollten. Sie betont den Verlust fester Normen und die Hilflosigkeit der Menschen in den Kriegsjahren, die jede sinnvolle, freie Entwicklung individueller Eigenschaften verhinderte. Wolf charakterisiert mit ihrer Feststellung die Haltung von Mitläufern, Nischenstehern, „Nicht-Betroffenen“ und allen, die wie Grass findet am Rande stehen. „Auch daß Schriftsteller – was ihres Berufes ist – die Vergangenheit nicht ruhen lassen können, zu schnell vernarbte Wunden aufreißen, in versiegelten Kellern Leichen ausgraben, verbotene Zimmer betreten, heilige Kühe verspeisen oder wie Jonathan Swift es getan hat, irische Kinder als Rostbraten der herrschaftlich englischen Küche empfehlen, ihnen also generell nichts, selbst nicht der Kapitalismus heilig ist, all das macht sie anrüchig, strafwürdig. Ihr schlimmstes Vergehen jedoch bleibt, daß sie sich in ihren Büchern nicht mit den jeweiligen Siegern im historischen Verlauf gemein machen wollen, sich vielmehr dort mit Vergnügen herumtreiben, wo die Verlierer geschichtlicher Prozesse am Rande stehen, zwar viel zu erzählen hätten, doch nicht zu Wort kommen.“26 Die vorliegende Darstellung erschließt, dass eigentlich alle, die in den Jahren zwischen 1933 und 1945 lebten, betroffen sind.

Auseinandersetzungen dieser Art entsprechen den Erwartungen der Leser in autobiographisch eingefärbten Kindheitserinnerungen, in historisch oder gesellschaftskritisch entworfenen Romanen, wie etwa Grass’ Ein weites Feld (1995) oder Erzählungen, die die persönliche Entwicklung Einzelner nach 1945 schildern. Sie wirken dagegen überraschend und geben den Texten ein besonderes Kolorit, wenn sie entweder unvermittelt auftreten oder gegenwärtige Familienverhältnisse und Gesellschaftsstrukturen beleuchten, deren besondere Eigenart darin besteht, dass sie von der deutschen Vergangenheit geprägt wurden (wie etwa in Jurek Beckers Amanda herzlos, 1992; Herta Müllers Der Fuchs war damals schon Jäger, 1992 oder Herztier, 1994; Gerlind Reinshagens Zwölf Nächte, 1989 oder Jäger am Rand der Nacht, 1993; und selbst Birgit Vanderbekes Das Muschelessen, 1990).

2.2. Abrechnen – Verstehen

Erzählungen und Bühnenstücke, die Einblicke in das historische Geschehen aus der Perspektive der Betroffenen vermitteln, betonen nahezu ausnahmslos die Schwierigkeit, im Überblick ein Verständnis der Vergangenheit zu gewinnen. Sie thematisieren Ahnungslosigkeit, Dabeistehen, Schweigen, Wissen, Verfehlung, Tat und Sünden der Unterlassung. Die Aufarbeitung führt aus der Zeit der Weimarer Republik und der Kriegsjahre über die Zeit des getrennten Deutschlands bis in die Gegenwart. Aus der lebendig-bunten, wechselnden Folge der Schilderungen entsteht die Voraussetzung für einen Überblick der Vergangenheit, der die Grundlage für ein Verständnis der Geschichte bildet. Die Erzählungen (Romane, Novellen, Kurzgeschichten, Genrebilder), Interviews und Debatten der Autor(inn)en der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen von 1945 bis 1985 haben sowohl die Erinnerung an Nationalsozialismus, Holocaust und Krieg als auch die Deutungsmuster der Vergangenheit maßgebend geprägt. Trotz einer scheinbar faktisch abgesicherten Grundlage sind die darauf aufbauenden, kulturell erworbenen Bewusstseinsbilder literarische Erkundungen. Sie sind einerseits individualisiert, da Erzählungen die Ereignisse aus der Perspektive und Erlebnissphäre Einzelner gestalten. Andererseits erhalten sie eine Abstraktion des Allgemeinen oder Typischen durch die unterschiedlichen Erzählverfahren, durch eingeflochtene Kommentare und Fragen an die vorausgegangene Generation, die manchmal zu Familienzerwürfnissen führen. Fragen, Dialoge und Selbstgespräche erweitern die historische Sicht, in der sich dann ein mögliches Geschichtsverständnis anbahnt. Die politischen Debatten über Kollektivschuld, Verbrechen, Nazi-Opfer, Holocaust, Schlussstrich, geteiltes Deutschland, Wiedervereinigung und Leiden einer verführten Generation kommen in den Darstellungen zu Wort. Die Vergangenheit spricht immer mit, wenn Autor(inn)en literarische Figuren entwerfen, die über sich nachdenken und ein persönliches Selbstverständnis entwickeln, das sich nicht von dem nationalen Selbstverständnis trennen lässt.

Die ersten literarischen Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit setzen Zeichen, sind richtungsweisend und schaffen in Gestaltungen des thematisierten Krieges und den damit verknüpften typischen Motiven der Todesfahrt, der verkehrten Welt, des Chaotischen, der Umwertung von Farben wie etwa schwarzer oder roter Schnee, der rauchenden Gaskammern und Stimmen im Wind die Voraussetzung für eine Tradition, die bis heute fortbesteht. Sie stellen keine Versuche einer umfassenden historischen Aufarbeitung dar. Sie vertreten mit Ausnahme der aus der Emigration in die sowjetische Besatzungszone und spätere DDR heimgekehrten, engagierten Schriftsteller keine eindeutige politische Einstellung. Was vorherrscht ist ein Misstrauen gegenüber jeder Politik, eine allgemein demokratische Haltung und die Hoffnung auf einen neuen Anfang. Wichtig ist das zentrale Anliegen, die jüngste Vergangenheit mit einer neuen Sinnstiftung zu konfrontieren. Das Gestern erscheint im Spiegel des Andersseins, das im Gegensatz zu den Rückgriffen auf die Antike nicht vorbildlich wirkt, sondern kritische Distanzierung fordert. Das Individuum wird aufgerufen, im Willen zum Mitleben eine neue lebenswürdige Grundlage des Daseins zu schaffen. Aichinger, Apitz, Böll, Bredel, Borchert und Celan rechnen ab und klagen an. Die Bestandsaufnahmen verzichten auf Ambivalenz. Sie gehen von der Überzeugung aus, dass alle am Krieg Beteiligten schuldig waren. Der charakteristische Standort der erzählenden Stimmen ist der eines Richters, der zugleich die Indizien der Anklage vorlegt. So entsteht die eigenartige Situation, dass selbst dann, wenn zentrale Figuren im Handlungsverlauf gezwungen werden ihr Versagen anzuerkennen, der Grundzug der Erzählperspektive im Ordnungsgefüge eines möglichen sittlichen Handelns verankert bleibt.27

Die Stimmen unterscheiden klar zwischen gut und böse, Täter und Opfer, Recht und Unrecht, Schuld des Handelns und Sünden des Unterlassens. Diese Haltung bedingt eine Dialektik von Identitätsverständnis und eines möglichen Andersseins, das im Ruf an das Gewissen zu Wort kommt. Der menschlichen Identität zugeordnet ist die Freiheit und gleichermaßen die Unfreiheit des Willens: Die Freiheit, denkend an einer Sinnstiftung des Daseins mitzuwirken, die Unfreiheit, sich im Handeln und Unterlassen den in historischem Verlauf wechselnden, zeitbedingten und konkret zweckbezogenen Vorstellungen anzupassen. Dem Anderssein zugeordnet ist ein Prinzip der sittlichen Ordnung und möglichen Vollkommenheit. Es ist ein Entwurf der reinen Vernunft, nicht historisch ableitbar, aber dennoch sittlich sinnstiftend im Dasein verankert. Daher zögert Aichinger nicht den Morgenstern, Apitz nicht die kommunistische Utopie und Borchert nicht Gott und den Anderen in die Texte zu übernehmen. Jedes Erkennen des Andersseins verlangt verantwortliche Entscheidungen und Selbsterkenntnis. Viele Texte schildern, wie einzelne Figuren in der Grenzsituation des NS-Staates und der Ausnahmesituation des Krieges in Ereignisse verwickelt werden, in denen sie verantwortlich, das bedeutet im Zusammenhang der Texte grundsätzlich sittlich handeln sollten, aber in tragischer Verstrickung oft schuldig werden. Der Begriff der Verantwortlichkeit ist in der juristischen und der ethischen Sinndeutung dem Begriff der Schuld, einer möglichen Verschuldung beigeordnet. Das bedingt, selbst wenn die frühen Texte den Sachverhalt nur kurz belichten, außerordentliche Lebenskrisen. Sie kommen zu Wort, als Beckmann die schweren Folgen seiner Ausführung eines Befehls erkennt,28 wenn die Krankenschwester in Borcherts „An diesem Dienstag“ aus dem Lazarett an ihre Eltern schreibt: „Ohne Gott hält man das gar nicht durch“ (194), wenn ein Heimkehrer in Bölls „Als der Krieg zu Ende war“ monatelang darüber nachdenkt, wo „die Grenze zwischen Haß und Verachtung verläuft“, und als er sie nicht finden kann sagt: „ich wäre lieber ein toter Jude als ein lebender Deutscher“29, oder wenn Feinhals und Heinrich Fähmel erfahren, dass Unterlassung und selbst der Widerstand zu menschlicher Verschuldung führen.30 Die Krise wird zum Wendepunkt im Leben des Lokomotivführers Franz Ossadnik in Bieneks Zeit ohne Glocken. Er ist ein Mitläufer, erfüllt seine Pflicht, fährt täglich mit seinem Zug in das Vernichtungslager Birkenau und erkennt eines Tages plötzlich auf dem Bahnsteig in den auf den Abtransport wartenden Menschen seine Nachbarn und Mitbürger aus Gleiwitz. Die anonyme Menge nimmt plötzlich Gestalt an. In der Nacht sagt er seiner Frau, er habe sich freiwillig zum Frontdienst gemeldet, denn die Arbeit als Lokomotivführer könne er nun nie mehr tun.31 In anderen Erzählungen erscheint die Krisensituation als Forderung, unter keinen Umständen nachzugeben, sondern zu handeln. Deshalb ringt sich Ellen in Aichingers Die größere Hoffnung zur Einsicht durch: Du musst handeln. Du musst Dein eigenes Ausreisevisum unterschreiben.32

Nicht zu übersehen sind Dokumentationen, die in der Gegenwart die Verfehlungen der Vergangenheit wieder entdecken. Milo Dor konstatiert in der mit der Beschreibung des Lebens von Mladen Raikow verflochtenen Bestandsaufnahme der Kriegs- und Nachkriegsjahre sachlich und scheinbar unbeteiligt einen Kreislauf des Bösen. Dors Technik der narrativen Umzingelung der zentralen Figur vermittelt Einblicke in Mladens Existenz durch Überlegungen zahlreicher Figuren – Verwandte, Bekannte, Freunde, Beobachter und Autor. Sie findet eine exakte Parallele in der historischen Situation, in der sich nichts ändert. Mladen ist eingekreist. Die Machthaber wechseln, aber Deutsche, Jugoslawen, Russen, Österreicher foltern, schinden, unterdrücken und vergewaltigen ihre Opfer. Mladen, ursprünglich standhaft, ist am Ende zermürbt und völlig desillusioniert. Die Bewusstseinslage in der österreichischen Zweiten Republik ist eine des Vergessens und der Anpassung an die neue Wirklichkeit. Mladen weiß, dass man in Mitteleuropa heute nicht ohne weiteres Menschen umbringt, kann sich aber vorstellen, dass man „einfach Passanten zu einer bestimmten Stunde anhält, verhaftet und über den Haufen schießt.“33 Die Raikow-Saga ist wie Ransmayrs Morbus Kitahara ein Dokument der Resignation und trägt in der Gestaltung eines möglichen Fortbestehens der Unbelehrbarkeit der Menschen zum historischen Verständnis bei.

In zahlreichen Schilderungen ist der Ruf an das Gewissen verschleiert, aber impliziert. Johannes Bobrowski ortet in einem der längsten Sätze der Literatur seiner Zeit die mit der deutschen Vergangenheit verflochtenen Themen. „Die ersten beiden Sätze für ein Deutschlandbuch“ führen gezielt von den Nachrichten von Massenmorden an Juden über Schweigen, Verneinen, Ahnungslosigkeit, schwer deutbare Gefühle bis zur Hochzeit eines seit zwei Jahren hirnverletzten Oberleutnants, der seine Braut in der Hochzeitsnacht erwürgt. Der zweite Kurzsatz beendet die Bestandsaufnahme mit einer schwer zu beantwortenden Frage: „Das eine also seit zwei Jahren, das andere seit wann?“34 Völlig unverkennbar ist die Aufforderung zum Mitleben mit dem anderen in Bobrowskis Gedicht „Ankunft.“ „Hier wird sprechen, / der vor das Tor tritt, der / Lebendige, er wird sagen: / Wer des Weges kommt, / trete herein.“35 Reinhard Baumgart legt in Hausmusik. Ein deutsches Familienalbum (1962) im Rahmen von zehn Geschichten der Familie Pohl eine scharfe Abrechnung mit der Einstellung der biederen Bürger zum Faschismus vor. Im Schnittpunkt des Geschehens steht die Geisteshaltung der Staatshörigkeit, des Gehorsams und der Anpassung an die politischen Verhältnisse. Manche sind überzeugte Anhänger; andere fügen sich aus Angst. Einzelne verspüren zwar Unbehagen, als der Staat zum Unrechtsstaat wird, schließen aber die Augen und ziehen sich in ihre Privatsphäre zurück. Die Situation wiederholt sich in zahlreichen Erzählungen, die unter anderem auch die Zustände in besetzten Ländern beschreiben. Mosheh Ya’aquov Ben-Gavriêl (Eugen Hoeflich) entwickelt im Haus in der Karpfengasse (1958) in zehn Vignetten die Besetzung Prags durch Deutsche im Jahr 1939. Das Haus, Karpfengasse 115, liegt im Judenviertel. Die Einwohner, Juden und Tschechen, erfahren die völlige Umwertung aller bisher verbürgten Vorstellungen und den Untergang ihrer Welt. Gewalttätigkeiten gehören zur Tagesordnung. Der Tod greift um sich. Der Konditor Wokurka stirbt an einem Herzanfall, nachdem ihn SA-Leute zusammengeschlagen haben; der Buchhandlungsangestellte Marek wird wahnsinnig; eine Jüdin, die zu ihrem Sohn nach Brasilien ausreisen will, verliert jede Hoffnung bei der Beantragung des Ausreisevisums und stirbt. Einzelne begehen Selbstmord, einige werden abtransportiert und andere werden erschossen. Jeder Protest endet mit der Auslieferung in Konzentrationslager. Ganz wenigen, wie etwa dem Redakteur Menanzbach, gelingt die Flucht ins Ausland. Das Gesamtbild ist ein Kaleidoskop der Leiden der Bevölkerung wie sie auch Ernst Sommer in der Revolte der Heiligen (1946), einer Schilderung der Vernichtung einer Gruppe jüdischer Zwangsarbeiter in Polen, festhält.

Bobrowski skizziert in Levins Mühle. 34 Sätze über meinen Großvater (64) das Anwachsen der deutsch-polnischen Spannung und des um sich greifenden Antisemitismus. Der Erzähler berichtet, kommentiert und denkt über das Geschehen nach, in dessen Schnittpunkt die Auseinandersetzung zwischen dem Großvater und dem Juden Levin steht. Der Großvater, ein reicher Wassermühlenbesitzer, „grunddeutscher Mann“ und „Eckpfeiler“ eines stolzen deutschen Reichs, ist verantwortlich für die Zerstörung von Levins Mühle, die von angestautem Wasser weggeschwemmt wurde. Levins Klage vor Gericht wird verzögert und vertagt. Ein großer Teil der Dorfbewohner ist von der Schuld des Großvaters überzeugt, der schließlich seine Mühle verkauft und nach Briesen übersiedelt. Auch Levin verlässt das Dorf und geht nach Kongresspolen. Die weiterhin geschilderte finanzielle Auseinandersetzung des Großvaters mit seinen Kindern erweitert das Geschehen zum Konflikt zwischen Geldgier und sozialistischem Geschichtsverständnis. Bobrowskis historische Vignette aus dem Jahr 1874 beleuchtet überzeugend die zunehmenden Konflikte zwischen Deutschen, Polen, Juden, Zigeunern, Reichen und Häuslern. Sie bietet ein Zeitbild ungelöster Spannungen, die später in zwei Weltkriegen die Zivilisation auslöschten.

Erich Hackls Erzählung Abschied von Sidonie konzentriert sich auf einen Ausschnitt der Banalität des Bösen, das der Lebensangst und dem Trieb zu überleben entspringt. Der Text gehört zu den Werken österreichischer Literatur, in denen Autor(inn)en wie Josef Winkler, Gerhard Roth, Elfriede Jelinek und Brigitte Schwaiger zu ungelösten Fragen des Zeitgeschehens Stellung nehmen, indem sie fiktive Dokumentationen und historisch denkbare Ereignisse mit Vorgängen der Gegenwart verschmelzen. Abschied erfasst das Zeitgeschehen in der Beschreibung des Lebensweges von Sidonie Adlersburg: Als Kind 1933 im Windfang des Krankenhauses in Steyr ausgesetzt, von der Familie Breirather aufgenommen und wie ein eigenes Kind liebevoll gepflegt, wird sie 1943 von den Behörden als Zigeunerkind abgeholt und nach Auschwitz verfrachtet, wo sie umkommt. Die bemerkbare, leidenschaftliche Anteilnahme des Erzählers realisiert ein lebendiges Bild der Familie. Es umkreist die Sorge der Pflegemutter, die „die kleine Schwarze“ mit ihrem Sohn aufzieht, den Widerstand des Vaters, eines überzeugten Kommunisten, gegen die Nationalsozialisten und den ständigen Kampf ums Dasein. Gleichermaßen scharf getroffen sind Skizzen der Stadt Steyr und des allgemeinen Notstands sowie Beschreibungen der Arbeitslosigkeit, eines misslungenen Arbeiteraufstands sowie der Jugendbehörde, die ständig versucht, das Kind abzuschieben. Nachdem Hans Breirather zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt wird, bleibt seine Frau Josefa mit den Kindern allein.

Um das Mädchen zu retten und die Unterstützung der Kirche zu erhalten, lassen sich Hans und Josefa nachträglich kirchlich trauen.36 Inzwischen ist der Magistrat Steyr aktiv, sich dem allgemeinen Ziel, dem „Kampf gegen die Zigeuner“, anzuschließen. Die Behörde ermittelt die Geburtsmutter und geht nach dem Anschluss an Deutschland radikal vor. Der Kampf gegen alles Volksfremde besiegelt Sidonies Schicksal. Alle im Ort, Bürgermeister, Leiterin des Jugendamtes, Lehrer, Fürsorgerin, lügen und passen sich den neuen, schließlich alten Umständen an. Jeder ist stolz auf die vom Erzähler angeprangerte „Bestialität des Anstands.“ (93) Sidonie wird abgeholt, ihrer leiblichen Mutter ausgeliefert und in derselben Nacht mit allen Zigeunern abtransportiert. (110) Aufschlussreich ist der Ausklang der Erzählung, der sich auf die Alternative zur Anpassung und einen denkbaren Widerstand konzentriert. Hackl schildert den aufrechten Widerstand einer kleinen Gruppe von Bürgern. Sie informieren das Amt. Ein Sturm von Entrüstung wäre die Folge, falls man das Mädchen entferne. Der Erzähler stellt fest: Auch das ist geschehen, in der Ortschaft Pölfing-Brunnen, in der Steiermark, „das Kind hieß nicht Sidonie, sondern Margit und lebt heute noch, eine Frau von 55 Jahren, und kein Buch muß an ihr Schicksal erinnern, weil zur rechten Zeit Menschen ihrer gedachten.“ (128) Diese Überlegung erweckt Sympathie für den Widerstand in allen, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, und unterstreicht den Konflikt zwischen Anpassung und möglicher Auflehnung.

Eine andere Erzählung, Abschied von Sidonie vergleichbar, die reflektierend und kommentierend Fragen persönlicher Verantwortung und unvereinbarer nationaler Gefühle herausarbeitet, ist Die Wolfshaut (1960) von Hans Lebert. Der Roman verfolgt das Leben nach dem Krieg in einem österreichischen Dorf. Johann Unfreund kommt in das Dorf Schweigen. Der Name symbolisiert das Schweigen der Einwohner, die die Vergangenheit ruhen lassen wollen. Unfreund will herausfinden, warum sein Vater kurz vor Einmarsch der Roten Armee Selbstmord begangen hat. Was er aufspürt sind Verbrechen, Schuldige, die alles leugnen, Mitläufer und Nischensteher, die moralisch versagten und weiterhin ihre „Ruhe haben wollen“. Niemand will daran erinnert werden, dass die „Ortswacht“ in den letzten Kriegstagen sechs ausländische Zwangsarbeiter erschossen hat. Der Vater war mitbeteiligt, gleichfalls der damalige Ortsgruppenleiter, der jetzt den Landratsposten bekleidet. Andere, die beteiligt waren oder zu viel wissen, kommen um oder werden beseitigt. Als Johann versucht, die Barriere des Schweigens zu beseitigen und der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen, stößt er auf die einhellige Ablehnung der Dorfbewohner. Er bekennt sich zur eigenen Verantwortlichkeit, verlässt aber resignierend das Dorf. Die Tendenzen der Vergangenheit bestehen fort.

Scharf akzentuiert, hart, des Öfteren verfremdet und ins Mythische gesteigert sind Abrechnungen mit der Geschichte und der eigenen Vergangenheit, die jedes Vergeben ablehnen. Sie stehen unter dem Dreigestirn: Systemzwang, Wiederkehr des Bösen und Ausweglosigkeit. Nicht zu übersehen ist der Aufruf zur gebotenen Reform in allen Darstellungen. Bernhards Ursache (1975) schließt an die Tradition thematisierter Leiden von Schülern an, die unter anderem von Robert Musil (Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, 1906) und Hermann Hesse (Unterm Rad, 1906) geschildert wurden, besteht jedoch in seiner Kritik darauf, dass seine Wahrheitssuche herausfinden will, „wie ich damals empfunden habe, nicht wie ich heute denke.“37 Der Rückblick auf das Gymnasium in Salzburg, erst ein nationalsozialistisches Schülerheim, dann das katholische Johanneum, mündet in eine beißende, zuweilen maßlos erscheinende Verurteilung der Gesellschaft, die diese Schule hervorgebracht hat. Das Gymnasium erscheint als eine menschenfeindliche Brutstätte der Intoleranz, der Verdummung und der erzwungenen Anpassung. Es ist ein Organismus, der wie die Stadt Salzburg jedes Denken einebnet und alle Außenseiter verschlingt. Bombenangriffe im Krieg zerstörten die alten Bauten, aber der Neuaufbau belebt und verstärkt die überlieferten Ansichten. Die Stadt ist „ein auf der Oberfläche schöner, aber unter dieser Oberfläche tatsächlich fürchterlicher Friedhof der Phantasie und Wünsche.“ (11–12)

Die Erinnerung der Kindheit, der Schulzeit und der Kriegs- und Nachkriegsjahre ist gefühlsbetont und wird in intensiven, hektischen, atemlos wirkenden Sätzen festgehalten.38 Die Eindrücke überstürzen sich. Im Blitzlicht tauchen in ständiger Wiederkehr Skizzen der Stadt und Bilder auf, die frühste Erlebnisse und Vorfälle aus dem Krieg beleuchten. Die Großmutter nimmt das Enkelkind auf Friedhöfe mit, hält ihn hoch, um Tote besser zu sehen („siehst du, siehst du, siehst du“) und versucht, ihre Leidenschaft, die Faszination mit dem Tod, auf ihn zu übertragen. Dieses Urerlebnis wird gesteigert durch wiederkehrende Eindrücke (eine Kinderhand im Schutt nach einer Bombardierung; Stehen am Grab von Selbstmördern und Gefallenen) und das eigene Denken, das um Aussichtslosigkeit im Leben und den Tod kreist. Der Schulleiter Grünkranz, ein „Muster-SA-Offizier“, steht mit funkelnden Stiefeln an einem Grab. Der Mann, der brutal seine eiserne Disziplin durchsetzt, findet ein Spiegelbild im katholischen Präfekten, der die Schule nach dem Krieg leitet und den Geist von Grünkranz am Leben erhält. Zutiefst bedrückend ist das Gesamtbild der Stadt, das unvereinbar ist mit dem von Touristen besuchten lieblichen Mozart-Salzburg. Hinter der Fassade verbergen sich feindliche Mächte, die die Anpassung an die Gesellschaft erzwingen und die Stadt in einen „fürchterlichen Friedhof der Phantasie und Wünsche“ verwandeln. Wohin wir schauen, sehen wir „fast in allem … einen solchen geisteszerstörenden und geistesverrottenden und geistestötenden katholisch-nationalsozialistischen, menschenumbringenden Zustand.“ (111) Die Kriegseinwirkungen (Bombardierung, zerstörte Gärtnerei, aufgebahrte Tote auf dem Bahnhof, Luftschutzstollen im Berg) finden Parallelen in der Gefühlsverarmung und Geistesvernichtung in der Gesellschaft.

Streng auf eine Figur konzentriert ist die Abrechnung von Thorsten Becker. Er untersucht in Schmutz (1989) den belegten Kriminalfall des Wachmanns Joseph Schmutz. Die Erzählung erweckt den Eindruck einer Parabel des blinden Gehorsams in einem totalitären Staat. Schmutz glaubt, dass er die nur ihm verständlichen Befehle Gottes (des Führers) durchführt. Schmutz hat das Arbeitsethos der Gesellschaft völlig verinnerlicht. Er hat die Aufgabe ein verlassenes Fabrikgebäude und das anschließende Gelände zu bewachen. Ihm wird vom Oberkontrolleur der Organisation ein Mitarbeiter zugeteilt, der kurz darauf wegen Nachlässigkeit im Dienst wieder entlassen wird. Schmutz, nun allein in der Fabrik, beginnt mit der Planung und Ausarbeitung eines Systems der totalen Überwachung. Er fühlt sich Gott nahe, vergleicht seine Tätigkeit mit der Schöpfungsgeschichte und seine Taten mit denen von Herkules. Er ruht am siebenten Tag aus. Er schreibt an Gott („Ich bin, ich wollte, ich war …“) und berichtet ihm von seinem Werk. Er träumt, hat Visionen, sieht einen zauberhaften Pfau, den er als Boten Gottes deutet und der fortan zu einer wiederkehrenden Vision in seinem Leben wird. Er wird Meister seiner „Wissenschaft“, die den Zauber des Pfaus auf die totale Kontrolle überträgt.39 Ehe Schmutz seine Pläne zu Ende führen kann, erhält er vom Oberkontrolleur die Mitteilung, dass der Kunde das Projekt gekündigt hat. Schmutz soll erst Urlaub machen und anschließend eine andere Aufgabe übernehmen. Schmutz bestreitet das Recht des Kunden, lehnt die Anweisung ab, wird rasend vor Zorn („es ging ums Ganze“, 45) und greift den Vorgesetzten tätlich an. Der Mann entkommt.

Schmutz hat Zeit gewonnen. Er gerät in einen Schaffensrausch, hört den Pfau schreien, spricht mit Gott, vernimmt den Befehl, „einen Pfau zu machen“, schreit wie ein Pfau, schießt in den Fernseher, schnitzt Pfeile und tötet alle Tauben auf dem Gelände, tummelt sich in einer Pfütze auf dem Hof wie ein Delphin und glaubt, über Ozeane zu segeln. Er kauft Proviant und bereitet sich vor, sein Gebiet bis zum Letzten zu verteidigen. Er steht mit dem Pfau gegen die ganze Welt. Schmutz trifft ein sechsjähriges Mädchen vor dem Tor, nimmt sie mit, vergeht sich an ihr, ermordet sie und tötet anschließend einen Ingenieur und den Oberkontrolleur. In den ihm verbleibenden Stunden sucht Schmutz noch immer Gott. Er kreuzigt den Pfau, rasiert sich kahl, entkleidet sich, betet den Pfau an und hört die Stimme Gottes: „Schmutz, mach den Pfau!“ (126) Der Handlungsverlauf beleuchtet die Gefährdung von Menschen in einem Kontrollsystem, in dem Einzelne absolute Machtbefugnisse ausüben. Jeder, der das Territorium betritt, ist ein Feind und muss beseitigt werden. Schmutz lebt in Wahnvorstellungen und fühlt sich nur „heil“ in aggressiven Taten. Sein Erfahrungshorizont ist begrenzt auf absolute Kontrolle. Er lebt geschichtslos und hat weder eine religiöse noch eine gesellschaftliche Bindung. Religiöse Symbole sind entweder ins Tierische verwandelt oder in Zeitungsillustrationen entstellt. Schmutz schneidet beispielsweise aus Sexillustrierten die Köpfe schöner Mädchen aus und sammelt sie in seiner Schublade. Später betrachtet er nachdenklich die Puppe des von ihm ermordeten Kindes. Das Glücksstreben des Wachmannes zielt auf Entgrenzung. Er will ausbrechen. Das gelingt nur, indem er sich zur Gottheit seiner begrenzten Welt erklärt und sie von allen Eindringlingen säubert. Im Gegensatz zu der Vorstellung einer Banalität der bürokratischen Verbrechen von Lageraufsehern und Beamten konzentriert sich Becker auf das Krankheitsbild des Gehorsams machtbesessener Aufseher: Eichmann und Schmutz erscheinen als Doppelgänger.

Gleichermaßen bedeutend sind Schilderungen des Orientierungsverlustes in einer ins Mythische gesteigerten Gesellschaft, in der undurchschaubare Mächte das Denken steuern und jede individuelle Entwicklung begrenzen. Faschismus und Kommunismus, NS-Staat und DDR verschmelzen und erscheinen in schwer deutbaren Metamorphosen des Neuen. Die Erinnerung an die Vergangenheit scheint begrenzt auf die Raumperspektive von hoch/tief, in der oben/unten, Himmel/Hades erkennbar sind und die totale Einkreisung der Figuren, die hilflos in Schächten umherirren, vergebens nach oben streben oder in Elektronengehirne fliehen. Die Ich-Suche, der Verlust der Orientierung und die Raumperspektive werden besonders eindringlich in Erzählungen von Jochen Beyse und Wolfgang Hilbig geschildert. Die Darstellungen bevorzugen Motive der Einkreisung: Zellen, Krankenhaus, Altersheim, nebelhaft wirkende Zimmer, Bergwerke, Höhlen, Schächte, Gänge unter der Erde und anonyme Gruppen von Menschen. Die Wohnraumatmosphäre ist trügerisch; die Zimmer bieten keinen Schutz, denn die Bedrohung dringt von außen durch die Medien ein. Darüber hinaus ist die in der Lebensangst wurzelnde Gefahr im Gedächtnis der Figuren und deren zwanghaft grübelnden Reflexionen ständig gegenwärtig. Alle warten auf das Ende. Der Weg aus der Einkreisung führt in den Tod.

In Beyses Ultima Thule. Eine Rückkehr (1987) und Bar Dom (1995) ist die Vergangenheit erkennbar, entzieht sich aber dem Verstehen. Der Untertitel „Rückkehr“ verspricht eine Wiederbegegnung, die jedoch in unbestimmte Vorstellungen mündet. Der Besucher, der Gouverneur, ein Bildhauer, ein Adjutant und einige Handwerker vermitteln Einblicke in das Phänomen der Osterinsel mit ihren Kolossalstatuen. Die zentrale Frage nach dem Sinn und Entstehen der Statuen wird mehrdeutig beantwortet und verblasst schließlich angesichts unerklärbarer Vorgänge auf der Insel. Die Statuen erinnern den Gouverneur an ein Urchaos auf der Insel: Sie sind vor-figürlich, scheinen noch zu leben, verändern sich nachts und wechseln das Aussehen im Lichtwechsel der Tage. Der Besucher erfährt, dass eine „gigantische“ Höhlenwelt unter der Erdoberfläche existiert, eine Mondlandschaft der Schwärze, ein trostloses Labyrinth, in dem nichts Menschliches waltet, aber in dem die Gefühlswelt und Denkform wurzelt, die die Kolosse entwarf. Scheinbar stehen die Statuen an der Grenze des Raums zum Außermenschlichen. Der Besucher bemerkt, dass die unbestimmten Ahnungen und Vorstellungen des Vergangenen selbst das Dasein in der Gegenwart bestimmen. Er sieht einen Vulkankrater, in dem Insulaner Steine zu Zwergstatuen verarbeiten, um Ordnung in die Welt zu bringen. Der Bildhauer fabuliert vom Tod des ersten Königs der Insel, dessen jüngster Sohn seinen Kopf abschnitt, ihn versteckte und so Anlass zur Gestaltung der Riesenköpfe gab. Der Adjutant berichtet von einem im Verwaltungsgebäude aufgestellten Torso, der atmet, zischt und die Atmosphäre einsaugt. Alle stimmen jedoch darin überein, dass sie in einem unendlich dauernden Augenblick gebannt sind. Jeder Versuch, der Insel zu entfliehen, würde den Verlust der Menschlichkeit zur Folge haben und in den Wahnsinn führen.40

In den drei Erzählungen der Sammlung Bar Dom versucht der Erzähler, den Ort und in der erweiterten Perspektive seine Zeit zu bestimmen. Seine Orientierungssuche wird zu einem Gang durch Labyrinthe, auf dem sich, den von M.C. Escher gezeichneten Irrgängen vergleichbar, die Raumperspektive ständig verschiebt. Die Beobachtungen des Erzählers werden von kurz aufblitzenden Kindheitserinnerungen und Gedanken an vergangene historische Ereignisse unterbrochen. Die Orte, zeitlos und zugleich zeitnahe, spiegeln historische Prozesse, technische Entwicklungen und den Abbruch der Zivilisation wider. Der Dom, in Einzelheiten des Torbogens und des Chorgestühls als romanisch-fränkischer Bau bestimmt, befindet sich gleichzeitig in Frankreich und Santiago. Die Bauarbeiten außen dienen gleichermaßen der Restauration und der Neugestaltung, da Spielautomaten im Inneren des Doms den Besuchern Religionsersatz anbieten. Der Erzähler betritt den Dom. Die Anlage ist noch ersichtlich; innen ist alles nach oben aufgerissen; steile Wandtreppen mit Stahlgeländern verbinden die Stockwerke; in der Apsis und den Nischen sind Heiligenbilder oder Figuren ersetzt durch Menschen, die hinter Plexiglas in Maschinen sitzen. Der Erzähler ist hypnotisiert, sieht rotierende Elemente in die Höhe schweben, er­blickt ein Trapez, wird plötzlich in eine Uniform gekleidet, steigt nach oben, will fliegen, fürchtet zu stürzen, findet eine Luke und steigt hinaus. Die Luke fällt zu. Er ist fest gebannt und kann nie wieder nach unten. Ganz ähnlich findet sich der Erzähler im Schnittpunkt von Schienen („Glasdreieck“), die in eine Behausung führen, aus der jeder Weg hinaus verschlossen ist: „Es geht nicht weiter …“41 Jedes Nachdenken stößt auf eine Vergangenheit, die undeutbar ist, und auf eine gegenwärtige Realität, die keine festen Konturen hat.

In Larries Welt (1992) konzentriert sich Beyse auf das Überleben in einer Gesellschaft, in der historische oder kulturelle Überlieferungen bedeutungslos geworden sind. Die Tradition existiert nur noch als Schablone, eine in die Welt gestellte Kulisse. Beyse schildert eine Wirklichkeit, in der eine Überfülle vorbeifliegender Bilder jede vertiefende Konzentration oder Erkenntnis abschaltet. Das andere Extrem ist die innere Leere, das Schweigen der Figuren, die ziellos suchen, ohne zu finden. Das Ausharren in der globalen Gesellschaft, in der alle wesentlichen sozialen, ökonomischen und politischen Entscheidungen von Spielern in einer anonymen, undeutbaren Organisation getroffen werden, wird jedoch mit dem Verlust der Menschenwürde bezahlt. Der Substanzverlust in verantwortlich-ethischem Handeln ist ersichtlich im Spiel mit Menschen. Menschen werden nicht angesprochen, sondern existieren nur als Elemente in der Datenverarbeitung. Larrie, die Figur im Mittelpunkt des Geschehens, versucht auch nicht, historische Prozesse zu verstehen, die Welt zu erkennen oder sein Ich zu deuten. Seine Existenz spiegelt Krankheitssymptome der Massengesellschaft wieder. Er fühlt sich ständig beobachtet und bedroht, wandert zuweilen ziellos durch unbekannte Straßen und lebt in einem anonymen Hotel. Larrie schwankt zwischen dem Wunsch unterzutauchen und dem Verlangen auszubrechen. Er fügt sich den Anweisungen der anonymen Organisation, lässt sich operativ verändern und nimmt einen anderen Namen an. Er will überleben. Da seine Welt eigentlich die zur Formel gewordene virtuelle Wirklichkeit des Internets ist, beschließt er, in die Öffentlichkeit zu fliehen. Im Programm zu sein, von allen gesehen zu werden, bietet Sicherheit. Das in alle Länder ausgestrahlte Ich erhält ein Wesen. Larrie beteiligt sich an einem weltweit übertragenen und von einem Quizmeister geleiteten Ultra-Quiz. Das Quiz ist als Wettlauf arrangiert, in dem alle Teilnehmer versuchen, an der Spitze zu landen. Während des alle Kräfte überfordernden Rennens durch Wüsten, die scheinbar ins Unendliche münden, durchläuft Larrie zahllose Phasen eines Lebens. Er gerät in Erregungszustände, verkommt, verschlingt das Essen wie ein Süchtiger, um den Körper zu erhalten, wird verletzt, weiß nicht mehr, ob er an einem Wettlauf oder Krieg teilnimmt, halluziniert, denkt an sein früheres Leben und lebt sich schließlich in die Rolle des Spielers ein. Die einzige noch mögliche Erfahrung eines Gefühls bietet der Höchstleistungsanspruch des Wettkampfs. Er erkennt, die Erfahrung seines eigenen Ichs ist nur in der Behauptung seines ferngesteuerten Willens im Exzess der Leistung möglich. Er rennt im Käfig der Welt. Er sieht sich auf dem Bildschirm rennen. Er glaubt an diese Existenz. Sie bietet Halt. Die virtuelle Phantomwelt der ablaufenden Bilder schafft die Illusion der möglichen Orientierung. Dagegen bezeugt alles, was in Larries Visionen der Wirklichkeit auftaucht, den völligen Verlust jeder Orientierung. Die Menschen sind von Kulissen umgeben. Die Natur ist verbraucht. Die Geschichte, die geistige Tradition und das kulturelle Erbe sind entwertet. Die Menschen schwanken wie Larrie haltlos zwischen Extremen. Einmal liegt er in der Gosse und wacht auf, nachdem Kinder auf ihn urinieren; ein anderes Mal möchte er „liegen und dienen, einem Menschen dienen.“42 Larrie spielt Westfront, denkt an seine Frau, die von einem Patienten ertränkt wurde, will beichten und sieht am Ende doch nur ein Mikrophon heranschweben. Er taumelt davon, hastet durch Gassen, findet sein Hotel und sein beschmutztes Bett. Als er zu sich kommt, ist die Welt nicht wiederzuerkennen. (299) Er zieht sich an und geht davon. Die Mullbinden seines Verbands, ein Zeichen seiner Wiedergeburt, bleiben im Zimmer. Das Ende der Erzählung ist nüchtern und entspricht den Metamorphosen Larries. Er bricht nicht auf zu neuen Ufern, sondern kehrt in den Lärm der Welt zurück. Er ist aus der Vernetzung aller Lebensbereiche entstanden und bleibt eine Datengestalt. Auf der Projektionsfläche Cyberspace entsteht kein neuer Mensch. Aus den Wundern und Reizen der neuen Welt blicken noch immer die Augen der anderen und unter ihnen, bis zum Selbstverlust verloren, das Auge des Ich.

Die Ermittlung der Vergangenheit erscheint in Beyses Ferne Erde (1997) als Befragung von Erinnerungsbildern, die spontan auftauchen. Der Erzähler verfolgt im Verlauf einer Nacht, im Zimmer eingeschlossen, die Spuren von Bildern, Eindrücken und Ahnungen, die Form annehmen. Die Substanz der Wahrnehmung bleibt schemenhaft, da alle festen Konturen verschwimmen. Die Bilder erhellen deshalb nicht die Realität, sondern den geistigen Zustand des Beobachters. Er belauscht sein Sprechen, befragt seine Gedanken, erfährt einen Zustand quälender Reflexion. Jeder Gedanke, jede Erinnerung löst neue Assoziationen aus. Historische Ereignisse haben keine bestimmbare Form. Alles ist gegenwärtig: eine Stunde in Licht und Dunkel, eine Stunde unendlicher Möglichkeiten, die letztlich Unmöglichkeiten sind. Was bleibt ist die Suche nach einer Sinnstiftung im Leben, einen Weg aus dem Irrweg der Eindrücke zu finden. Die Erzählung schließt mit dem Satz: „Hellwach wollte ich irgendein Ende, einen Abschluß, der von der Verantwortung befreite, dem Morgen einen Sinn zu geben.“43 Eine Sinnstiftung scheint jedoch ohne klare Einsicht in die Vergangenheit nicht möglich.

Konkret und zugleich ins Mythische gesteigert ist die Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart in Hilbigs Alte Abdeckerei (1991). Die Beobachtungen des Wohnorts, des Landstrichs und des Staates beleuchten die Verseuchung der Welt. Asche vom Brennen der Braunkohle verschmutzt Häuser und Erde. Neben welken Krautfeldern rinnen schaumbedeckte Bäche. Die Teiche sind milchfarben; Bahngleise sind von Unkraut überwachsen; unter dem Rasen fangen sofort Schächte an; inmitten der überwältigenden Öde der trostlosen Landschaft geschleifter Fabriken und verlassener Bergwerke steht die Abdeckerei Germania II. Die Abdeckerei hat SS-Offiziere und NS-Bewacher übernommen und als Sicherheitsbeamte angestellt. In den tiefen Schächten schaffen die Abgeladenen und Abgedeckten der Vergangenheit neben neu Hinzugekommenen. Die Gesellschaft oben auf der Erde hat sich verbrüdert. Aggressoren und Opfer, Kriminelle und Sicherheitsbeamte, „Deutsche, Polen, Russen, Staatenlose, Abtrünnige … Kommunisten und Nazis … die Gesuchten und ihre Ermittler“ hausen zusammen.44 Die in der Abdeckerei aus Tierkadavern hergestellte Seife dient dazu das ganze Land einzuseifen. Die Welt verdummt. Die Einwohner starren auf „schmierige Fenster“, „seifigen“ Nebel, gedunsene Mauern, fettbedecktes Wasser und atmen den „schwindelerregenden“ Geruch ein. Was bleibt ist Resignation: „Totes Land, ödes Land riefen die Männer, und ihre Stimmen trugen die Müde weithin über das Territorium.“ (92) Das Fazit: Der Staat, der die Vergangenheit ohne kritische Sichtung übernommen hat, strahlt eine lebensverseuchende Krankheit aus. Hilbig fängt diese Bedrohung besonders eindrucksvoll in dem Kurzbericht des Lebens des Heizers und Schriftsteller-Beobachters C. ein. Die Öfen sind von Braunkohle verschmutzt und bleiben stehen. Sie entladen eine katastrophale Rußmasse, die als gewaltiger Dreckpilz über dem Land steht und alles Leben gefährdet.45

2.3. Schuld und Sühne

Der Erzähler-Kommentator in Thomas Manns Doktor Faustus (1947) wirft im April 1945 einen Blick auf die letzten Tage des NS-Reiches, die „sich rapide ausbreitende Katastrophe“, den Untergang der Städte und die Befreiung der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald. Er stellt fest: ein amerikanischer General lässt die Einwohner Weimars an den Krematorien „vorbeidefilieren“ und zwingt sie, das anzusehen, was aufgebrochen ist: „offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt, der fremden Kommissionen, denen diese unglaubwürdigen nun allerorts vorgeführt werden, und die zu Hause berichten: was sie gesehen, übertreffe an Scheußlichkeit alles, was menschliche Vorstellungskraft sich ausmalen könne. Ich sage: unsere Schmach.“46 Von dieser Feststellung einer kollektiven Schuld, zu der sich der liberale frühpensionierte Gymnasiallehrer Serenus Zeitblom bekennt, führt eine kaum überschaubare Linie über Historikerkontroversen, Auschwitz-Diskussionen, Bekenntnisse, Hinweise auf die Tatsache, dass manche Zeitgenossen absolut ahnungslos waren, und literarische Ortungen bis zu Bernhard Schlinks Bemühungen, das Verhältnis von Schuld, Sühne und Vergebung zu klären.

Der Begriff der Kollektivschuld setzt voraus, dass das gesamte deutsche Volk in den Jahren der NS-Regierung schuldig geworden ist, da der Massenmord ein ganzes Volk für seine Verwaltungsmaschine brauchte.47 Die Schuldfrage und Schande der Nation wurde 1998 von den Medien aufgegriffen und in Zeitschriften, im Fernsehen und Rundfunk leidenschaftlich diskutiert. Der Anlass war die Rede, die Martin Walser bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche hielt. Walser lässt die Gefühle und die Bewusstseinslage der Nicht-Betroffenen, der Nachkriegsgeneration und der Jugend zu Wort kommen, die nicht ständig an die deutsche Vergangenheit, an Krieg und Auschwitz erinnert werden wollen. Er betont, die „Dauerpräsentation unserer Schande“ sei zur „Keule“ geworden, die bei jeder Gelegenheit gegen die Deutschen geschwungen wird. Auschwitz ist „instrumentalisiert“. Und der Ansturm der Schande sei ein Ritual, der Zwang zum Erinnern sei Routine geworden. Ignatz Bubis vom Zentralrat der Juden in Deutschland entgegnete entrüstet, dass Vergehen gegen die Menschlichkeit nie verjähren. „Forderungen mögen verjähren, Moral jedoch nicht.“48

In den Diskussionen kam kaum etwas zu Wort, das nicht eingehender in der Literatur erörtert wurde. Beispielsweise schildert Ortheils Roman Schwerenöter (1987) die Entwicklung zweier Brüder vor dem Hintergrund vierzigjähriger deutscher Nachkriegsgeschichte. Die Materialfülle (Lebensläufe der Zwillinge Josef und Johannes, frühe Nachkriegszeit in Köln, Schule, Kloster, Hören von Adorno-Vorlesungen, deutsche Innen- und Außenpolitik, Reise in die USA, Rombesuch und Ausblick: Josef wird Abgeordneter, Johannes Schriftsteller) wird gestrafft durch eine Darstellung, die in beständiger Befragung Zusammenhänge zwischen Gegenwart und Vergangenheit aufzeigt. Die Gespräche und ernsten Überlegungen des Erzählers Johannes werden aufgelockert durch Berichte pikaresker Abenteuer der Jungen in der Schule und während ihres Aufenthalts in Amerika. Besonders aufschlussreich sind die grundverschiedenen Ansichten von Schuld, Sühne, Verantwortlichkeit und historischen Entwicklungen, die in Gesprächen, Generationskonflikten und Debatten der Schüler anklingen. Das Thema kollektiver Schuld und die Aussicht auf Vergebung gibt dem Aufenthalt der Jungen in New York im Haus der jüdischen Familie Rothbuch sein besonderes Gepräge.

Daniel Rothbuch, der 1938 mit seinem Vater Deutschland verlassen musste, lädt Johannes und Josef ein, damit seine eigenen Kinder Tom und Susan ein „unvoreingenommenes Verhältnis“ zu Deutschland und den Deutschen herstellen können. Auch sie sollen Deutschland besuchen. „Es ist wichtig, ja, es ist sehr wichtig.“ Kurze Vignetten beschreiben das Leben im Haus der Familie, in New York, Besuche der Stadt und Museen. Am letzten Tag des Aufenthalts findet eine Aussprache zwischen Daniel und Johannes statt. Das Gespräch ist aufschlussreich: „Am Anfang aber dachte ich, es könnte schwierig werden.“ – „Warum schwierig?“ – „Wegen des Großvaters. Du wirst es kaum verstehen, du bist noch sehr jung; Großvater mußte Deutschland 1938 verlassen, er emigrierte mit mir in die Staaten. Bis heute habe ich das Land nicht mehr wiedergesehen. Er haßt es, und er haßt seine Menschen. Er hält sie für Faschisten und Mörder, die sich eine neue Tarnung zugelegt haben. Glaub ihnen nicht! sagte er, als Kennedy sich auf die Reise machte. Er dachte die Deutschen würden ihn umbringen. Er traut ihnen alles zu, sie haben seine Eltern und meine Mutter ermordet, für ihn sind es die Teufel der Geschichte, die alles Böse in sich vereinen. Sie haben den Krieg begonnen, sie haben Millionen von Menschen getötet, sie haben Konzentrationslager gebaut, wie es sie in der Geschichte noch nie gegeben hat. Großvater hat das alles nie vergessen können.“ – „Und Ihr habt uns trotzdem eingeladen?“ – „Ich habe lange mit Mary darüber gesprochen. Aber es war der einzige Weg, wieder Kontakt mit Deutschland aufzunehmen, verstehst Du? Wir wollen junge Menschen wie Dich und Deinen Bruder kennenlernen. … und nun bin ich sehr froh, daß Ihr hier gewesen seid.“49

Der Besuch stürzt die Zwillinge in Gewissenszweifel und veranlasst eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Besonders aufschlussreich für Fragen von Schuld, Sühne, Verantwortlichkeit, Haltung zur Vergangenheit sind die Diskussionen in der Schule nachdem Josef und Johannes von ihrem Aufenthalt in den USA heimkommen. Josef beschafft sich Bücher über das Dritte Reich, liest und kommt zu der Überzeugung, dass das Reich bis in die Gegenwart reicht. Er sieht seine Lehrer in neuem Licht, ist beunruhigt, wenn sie „scheinbar harmlos von ihren Kriegserlebnissen berichteten“ (314), und kommt schließlich zu der Überzeugung, dass die Vergangenheit eine unabgeschlossene Akte ist. Die Zeit des Nationalsozialismus ist „unvorstellbar“, nicht verjährt, „alle Phantasie reiche nicht aus, sie zu verstehen.“ (323) Aber gerade weil der Rückblick ein „Gefühl völliger Ohnmacht“ hinterlassen kann, besteht Josef auf der kritisch-geistigen Ermittlung. „Daher müsse man, wenn man denn schon aus der Geschichte lernen wolle, fragen, was damals mit diesen Menschen geschehen, wie es dazu gekommen sei, und wie gerade diese Menschen die Gegenwart erlebten, voll mit jenen Bildern des Verrats und des Mordens, die man doch nicht wie Albumaufnahmen mit sich herumtragen könne?“ (323–324) In diesem Appell an die persönliche Verantwortlichkeit, zu der sich der Erzähler in der Niederschrift bekennt und die Josef als Politiker verwirklichen will, kommt der Geist der historischen Bewusstseinslage klar zur Geltung. Die Vergangenheit verneinen, heißt die Zukunft verneinen. Die Vergangenheit anerkennen, heißt die eigene Situation verstehen und die Zukunft anerkennen.

Die Mannigfaltigkeit unterschiedlicher Einstellungen bietet die Grundlage für eine Gesamtschau der Unsicherheit und Ratlosigkeit der Bevölkerung während der Kriegsjahre.

Die Erzählung verleiht einerseits den Verstummten Sprache,50 andererseits zeigt sie das wachsende Verständnis der Vergangenheit und Gegenwart. Die Geschichte ist ein unabgeschlossener Vorgang, in dem zeitbedingte Umstände zuweilen die Initiative der Menschen begrenzen, aber nie deren persönliche Verantwortlichkeit aufheben. Der Mentalitätswandel ist möglich. Josef fühlt seine eigene Verantwortlichkeit. Johannes erfährt sie im Aufschreiben der Ereignisse.

Die geschichtliche Naivität der Jugendlichen in Schwerenöter findet ihre Entsprechung in der Ahnungslosigkeit mancher Deutschen während des Zweiten Weltkriegs. Ein wichtiger Gesichtspunkt in der Erinnerungsliteratur ist die von de Bruyn, Grass, Maron und Ortheil angedeutete Situation, dass zahlreiche Menschen in den Jahren der NS-Zeit keine zuverlässige Information hatten. Manche wussten nichts, manche hatten Angst und viele verschlossen die Augen. Der Rückblick verwandelt das Vergangene in ein andersgeartetes Geschehen: „Die 45 Jahre, die das Tagebuchschreiben vom Wiederlesen trennen, haben die Erinnerung an manche Ereignisse, die damals erwähnenswert schienen, getilgt; andere, die verschüttet waren, wurden durch das Lesen wieder freigelegt; und wieder andere, die nie vergessen waren, lassen deutlich werden, was der Chronist verschweigt oder entstellt. Ob das aus Vorsicht, aus Unfähigkeit oder in selbstbetrügerischer Absicht geschah, ist im Einzelfall nicht auszumachen, insgesamt herrscht aber der trübe Eindruck vor, daß dieser Knabe von 14 Jahren hier konformes Verhalten übt.“51 Er konstatiert weiterhin die Ahnungslosigkeit der Kinder, die nicht ahnten, welchen Hass sie in Kattowitz erregten, wenn sie „als uniformierte Masse auftraten“ (112), und seine Unkenntnis brutaler Verbrechen: „nie aber hatte ich von der Ermordung jüdischer Menschen (vielleicht weil ich nie nach ihnen gefragt hatte) auch nur andeutungsweise gehört. An keinen Gedanken an sie, an kein Gespräch über sie, ob mit Gleichaltrigen oder Erwachsenen, kann ich mich aus der Zeit nach ihrer Deportation erinnern.“ (244) Darauf folgen Hinweise auf die beständige Angst. Die Zeit nach dem Kriegsende mit den Anfängen im sozialistischen Osten steht unter der Kurzformel: „Kollektivismus oder Individualismus“. Erst die kritische Ortung im Rückblick verleiht diesen Jahren ihre besondere Eigenheit.52 Was in diesen Beobachtungen deutlich hervortritt, ist ein bisher kaum beachteter Faden, der durch den Erinnerungsdiskurs verläuft: Die Ahnungslosigkeit wird zur Diskussion gestellt. Sie kann sich, besonders in dem Verfahren der Reihung von Einzelheiten unter bewusstem Verzicht auf Sinndeutung im Schaffen Kempowskis, auf das Lesepublikum übertragen, das dann diese Ahnungslosigkeit verspürt und sich mit ihr auseinandersetzen muss.

In der Literatur zeichnet sich eine ausgeprägte Konzentration auf individuelle Figuren, einzelne Situationen oder erkennbare Familien in der Thematisierung von Schuld, Sühne und Verantwortung ab. Das „Volk“ muss konkrete Form annehmen, um literarisch wirksam zu sein. Das ist deutlich in Handlungsführung und Figurenkonzeptionen in den Romanen von Bienek, Kempowski und Ortheil. Es ist beispielsweise klar ersichtlich in der Erzählung Winterspelt (1974) von Alfred Andersch. Er erfasst im Handeln Einzelner – Major Dincklage, Käte und Hainstock – die allgemeine Situation. Schuld und möglicher Widerstand kommen zu Wort. Hauptsächlich geht Andersch im Rahmen seiner Darstellung der Kämpfe um das in der Nähe der belgischen Grenze gelegenen Eifeldorfes der Frage nach, inwiefern einzelne überhaupt die kriegerischen Entwicklungen beeinflussen können und kommt zu dem Schluss, dass einzelne im Ausnahmezustand sicherlich verantwortungslos oder verantwortlich handeln, aber das ablaufende Geschehen nicht ändern können. Der Erzählverlauf beleuchtet individuelle Überlegungen und Entscheidungen, spontane Handlungen, ethische Fragen, Zögern und Unterlassungssünden. Das Erzählverfahren weist in der Verwertung historischer Fakten, biographischer Einzelheiten und von Dokumenten bereits auf die chronistische Erzählweise Kempowskis hin. Im Gegensatz zu Kempowskis distanzierter Bestandsaufnahme betont Andersch immer wieder die Notwendigkeit des verantwortlichen Handelns, dem sich Einzelne nicht mit der Annahme, der historisch ablaufende Prozess sei unkontrollierbar, entziehen können.

Darüber hinaus lässt sich in vielen Werken in der Annäherung an die Vergangenheit ein Prozess des historischen Bewusstwerdens nachweisen. Nicht nur der Krieg, sondern die gesamten Jahre der Naziherrschaft erscheinen als Ausnahmesituation. Das Leben in dieser Zeit wird zum Grenzerlebnis, das alle tradierten Vorstellungen sprengt. Menschen sind physisch und geistig gefährdet. Die existenzielle Bedrohung ist allumfassend. Und wie Dieter Wellershoff 1995 in Der Ernstfall feststellt, konnte sich der Einzelne unter diesen Bedingungen nie wirklich bewähren. Menschen, die kritisch dachten, konnten eigentlich nur ihre weltanschauliche Obdachlosigkeit erkennen. Unsentimental und ohne Beschönigung berichtet Wellershoff von seinem Einsatz als jugendlicher Freiwilliger an der Ostfront, seiner Verletzung, seinem Aufenthalt im Lazarett Bad Reichenhall, seiner Gefangennahme und dem Neuanfang nach dem Kriegsende. Die Rückblenden und Aufarbeitung seiner Jugend bieten die Voraussetzung für seine Einsicht in „zwei“ wesentliche Erfahrungen. „Die eine ist der Zusammenbruch einer kollektiven Identität, die als mörderisches Wahngebilde kenntlich wurde, und das Glück, das darin lag, die weltanschauliche Obdachlosigkeit als geschenkte Freiheit zu erleben. Die zweite ist die Einsicht in die Zufälligkeit meiner Existenz.“53 Die Stellungnahme vieler Autoren steht unter dem Leitgedanken des moralischen Versagens einer Generation, der zwischen 1890 und 1920 Geborenen, und des Orientierungsverlusts der im Weimarer Staat und im Dritten Reich Aufgewachsenen. Häufig charakterisieren Beschuldigungen der für die Terrorherrschaft der Nazis und für den Krieg Verantwortlichen, massive Schulderlebnisse, Schuldverdrängung und exzessive Selbstanklagen die Erzählhaltung. In Auseinandersetzungen mit Hitlers willigen und halbwilligen Helfern treten Fragen der individuellen Verantwortung und des Gewissens in den Vordergrund. Das schlechte Gewissen breitet sich aus, nachdem der volle Umfang der Verbrechen öffentlich bekannt wird. Es schärft den Blick und bestimmt die Fixierung auf die Vergangenheit. Diese erscheint unverständlich. Die während der Naziherrschaft begangenen Verbrechen stehen im Licht des vorausgegangenen Anspruchs des deutschen Geisteslebens einzigartig da. Die Erbschaft deutscher Schande und Schuld verdrängt das Erbe deutscher Denker. Der Holocaust und Auschwitz werden zum negativen Gegenbild des idealistischen Denkens.

Verbindlich für die Literatur ist eine Denkform, der die Überzeugung zu Grunde liegt, dass die existenzielle Gefährdung der Menschen im NS-Staat das zeitlose und damit heute gegenwärtige Problem menschlicher Verantwortlichkeit besonders scharf hervortreten lässt. Historisches Bewusstwerden wird zum Ausgangspunkt der Kritik der Gegenwart. Die folgenden Ausführungen heben markante Aspekte hervor. Sie können keine zusammenhängenden Entwicklungen nachweisen, da der Gesamtkomplex von Verschuldung und Vergeben immer neu aufgegriffen wird. Deutlich nachweisbar sind scharfe, zuweilen einseitig anmutende Abrechnungen mit der Schuld und Einstellung von Figuren, deren Verblendung oder Ethos der Pflichterfüllung zu einer menschenfeindlichen Geisteshaltung führt. Sie konzentrieren sich auf das Versagen einzelner Personen, nicht auf die Schuld der gesamten Generation. Heiner Müllers Kurzgeschichte „Das Eiserne Kreuz“ (1956) schildert beispielsweise den Entschluss eines Papierhändlers, eines ehemaligen Reserveoffiziers im Ersten Weltkrieg, seinem Führer die „Treue zu halten“ und mit seiner Frau und Tochter zu sterben. Er holt seinen Revolver hervor, steckt das Eiserne Kreuz an den Rock und marschiert mit Frau und Tochter ins Freie. Er erschießt beide, überdenkt seine Lage, schöpft Hoffnung, entschließt sich, irgendwo unterzutauchen, wirft das Eiserne Kreuz weg und läuft davon. Die Geschichte akzentuiert im Einzelfall das Handeln aller, die Verbrechen gegen die Menschheit begangen haben.54

In dem Agitprop-Stück Germania Tod in Berlin liegt die Betonung weiterhin auf dem Handeln Einzelner, aber Müller erweitert die Perspektive auf historische Prozesse in absteigender Linie. Die Szenen rollen in aphoristisch zugespitzter Diktion vorbei: Die Straße 1 Berlin 1918; Die Straße 2 Berlin 1949; Brandenburgisches Konzert 1 (mit Manege und 2 Clowns); Brandenburgisches Konzert 2 (Schloß mit Genossen); Hommage a Stalin 1 (Schnee, Schlachtlärm); Hommage a Stalin 2 (Kneipe, Kleinbürger, Huren, Aktivist, Schädelverkäufer); Die heilige Familie (Führerbunker); Das Arbeiterdenkmal (Polierer, Maurer); Die Brüder 1 (historischer Rückblick Arminius und Flavus); Die Brüder 2 (Gefängnis); Nachtstück; Tod in Berlin 1 (Strophe von Georg Heym); Tod in Berlin 2. Die deutsche Geschichte als Teil der Weltgeschichte führt in die Entmenschlichung, bis sie in die Mechanik eines monströsen Maschinenwesens mündet, das in sich die Vergangenheit (Gernot, Hagen, Volker und Gunther) und die namenlosen Soldaten (Nr. 1, 2, 3) des Zweiten Weltkriegs aufnimmt. Alle schlagen sich in Stücke. Der Schlachtlärm hört auf. „Dann kriechen die Leichenteile aufeinander zu und formieren sich mit Lärm aus Metall, Schreien, Gesangsfetzen zu einem Monster aus Schrott und Menschenmaterial.“ (51) Mitläufer, pflichtbewusste Untertanen, Verblendete, die an einen gerechten Staat glauben, staatshörige Nischenbewohner, die klagen aber überleben wollen und auf das Recht freier Meinungsäußerung verzichten, fliehen in die innere Immigration. Übrigbleibende Individuen werden zu Seife verarbeitet.

Die eindeutige Verurteilung des Ewig-Gestrigen erstreckt sich besonders auf Figuren, die überzeugt sind oder waren, dass sie nur ihre Pflicht erfüllten, Einzelne, deren Leben scheinbar nahtlos aus der Vergangenheit in die Gegenwart übergeht und die nichts aus der Katastrophe gelernt haben und Figuren, die nicht an die Vergangenheit erinnert werden wollen und sie abschotten. Siegfried Lenz schildert diese Haltung in der Deutschstunde (1968) im Lebensabriss des Landpolizisten Jens Ole Jepsen. Personen, die diese Geisteshaltung repräsentieren, erfüllen Funktionen des Appells an die Vernunft und der Kontrastierung mit anderen, die sich kritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Gezielte Charakterstudien dieser Art sind beispielsweise der ehemalige Lageraufseher Arnold Heppner (Becker, Bronsteins Kinder), der Bürgermeister und die Leiterin des Jugendamts von Steyr (Erich Hackl, Abschied von Sidonie), Skodlerrak, Sozialist, SS-Mitglied, Schwarzhändler, Anpassungskünstler (Peter Härtling, Eine Frau, 1974), Eduard Nemec (Peter Härtling, Nachgetragene Liebe, 1980), die Mutter Anitas und der Fotograf (Botho Strauß, Schlußchor, 1991) und die schweizer Polizisten, die Karel Neruda und Heinrich Zinn zusammenschlagen, Neruda an die Deutschen ausliefern und nach Kriegsende Zinn festnehmen und in ein Heim bringen. Zinn wird überwältigt, denn sein Haus muss enteignet werden und einem Staudamm Platz machen, der schließlich die ganze Gegend unter Wasser setzt (Silvio Blatter, Das blaue Haus, 1990). Eng verknüpft mit Kontrastierungen dieser Art ist der Kunstgriff im Erzählverfahren, zwei Welten zu konfrontieren, die in knapper Chiffrierung Fotos zeitlos schöner Landschaften mit eingestreuten Dörfern und Schlössern dem Leben im Dorf gegenüberstellen, das alle Merkmale des Daseins in einer Diktatur hat.

In anderen Romanen und Erzählungen wird eine Einstellung deutlich, welche die kollektive Schuld und die Verfehlung Einzelner nicht einseitig anprangert, sondern aus distanzierter Sicht die Schuldfrage erwägt. Dieses Anliegen bedingt ein Erzählverfahren, in dem das Unfassbare zu Wort kommt. Darüber hinaus verlangt die literarische Gestaltung dieser Problemstellung eine Auseinandersetzung sowohl mit den Gefühlen der Generation Jugendlicher, die das Dritte Reich noch miterlebt haben, aber überzeugt sind, persönlich unschuldig zu sein, als auch mit der Einstellung der nach dem Krieg geborenen Menschen, die sich gegen den Generalverdacht wenden, dass sie als Deutsche mitverantwortlich für die Vergangenheit sind und den Vorwurf der Schuld und Schande ablehnen. Von wesentlicher Bedeutung ist die charakteristische Nuancierung in den Erzählungen, die bei allen Gemeinsamkeiten unterschiedliche Deutungen zulässt. Vergleicht man beispielsweise die Aufarbeitung der Vergangenheit in Peter Schneiders Roman Eduards Heimkehr (1999) mit Jurek Beckers Bronsteins Kinder (1986), so ergeben sich bei vergleichbarer Fragestellung erhebliche Unterschiede.

Schneider wählt Berlin als Handlungsraum. Der Ort, Hauptstadt des Dritten Reiches und der DDR, zehnjährige Wiederkehr des Mauerfalls, neue Hauptstadt Deutschlands, bietet die Voraussetzung für eine Fixierung auf die deutsche Vergangenheit. Der Handlungskern ist jedoch eine alltägliche, fast banale Geschichte. Eduard erhält eine Stellung in Berlin, kehrt aus den USA heim, muss seine Frau und Kinder nachholen und eine Wohnung für die Familie finden. Die Erzählung schildert häufig erörterte alltägliche Probleme moderner Ehen, die im konkreten Fall durch die Umsiedlung profiliert werden. Von zentraler Bedeutung ist Eduards Verhältnis zu seiner deutsch-jüdischen Frau. Dieses wird maßgebend bestimmt von seinem Beziehungswahn, der ihn zwingt, die alltäglichsten Ereignisse aus der Sicht seines Deutschtums und dadurch im Licht seiner deutschen Vergangenheit zu sehen.

Eduards Erinnerungen führen zu ständigen Beziehungskrisen und vermitteln den Eindruck, dass die Vergangenheit nicht bewältigt ist. Auch die Menschen, denen Eduard begegnet, neue Kollegen und alte Bekannte, leben in einer „ewigen Nach-der-Wende-Zeit und Nachkriegszeit“. Dieser Sachverhalt tritt deutlich hervor in ständigen Debatten und Reibungen zwischen Ossis und Wessis, Ossis, die dageblieben sind und Ossis, die nach dem Westen abwanderten, und zwischen all den Gruppen, die sich in der DDR gebildet hatten. Der versöhnliche Schluss des Romans kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Vergangenheit immer gegenwärtig ist und die Grundlage quälender Erinnerungen bleibt.

Ganz ähnlich präzisiert Wolfgang Hilbig das Schuldbewusstsein in Gedichten wie etwa „deutscher morgen“, „alibi“ und „grober rückfall“, in denen die Vergangenheit als unerledigte, unvollkommene Dokumentation erscheint. Die Abrechnung im Gedicht „nach dem zweiten / krieg“ erfasst das Fortbestehen des Alten in der zeitlichen Veränderung:

nach dem zweiten

krieg vergaß man beim aufräumen

einige vokabeln

aus der welt zu schaffen.

noch immer nicht

sind aus der deutschen sprache verbannt

wörter wie

unverbrüderlich

unzertrennlich

uneinnehmbar

unbesiegbar.55

Jurek Becker verfolgt in der souverän gestalteten Erzählung Bronsteins Kinder (1986) die Spuren, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart führen und in der Lösung der Konflikte die Möglichkeit des Vergebens andeuten. Die vorsichtige Sondierung des Gegenwärtigen und Gestrigen erfolgt aus der Sicht des jüdischen Schülers Hans. Becker schildert einen grundlegenden Ausschnitt aus dem Lebensweg von Hans, indem er multiperspektivisch gebrochene, gegenwärtige Erfahrungen und Erinnerungsmuster entwirft, die deutsch-jüdische Beziehungen, den Konflikt zwischen Rechtsstaat und Willkür und Vergeltung und Vergeben objektivieren. Das Zusammenwirken von Individuellem und Gesellschaftlichem wird deutlich in dem scharf profilierten Handlungsverlauf. Der Vater und zwei seiner Freunde nehmen den ehemaligen Lageraufseher Arnold Heppner gefangen, binden ihn in einem Sommerhaus fest, verhören ihn und verlangen ein Geständnis seiner Schuld. Hans überrascht die Gruppe und versucht, seinen Vater von dem widerrechtlichen Handeln zu überzeugen. Er selbst denkt über vergangene Willkür, das Unrecht, die Opfer des Faschismus und die gegenwärtige Situation nach. Er besucht den Gefangenen und ringt sich schließlich zu dem Entschluss durch, den Lageraufseher zu befreien. Er kauft Feilen, um die Fesseln zu beseitigen, kommt nach Hause, wo er den am Herzschlag verstorbenen Vater findet, führt aber seinen Plan durch und befreit Heppner. Hans wird von Freunden des Vaters, Rahel und Hugo Lepschitz, aufgenommen und lebt mit ihnen 1973 bis 1974. Er besteht das Abitur, wird zum Studium zugelassen und hofft auf eine Zukunft, in der die Vergangenheit endlich bewältigt ist.

Die Darstellung ist konzentriert auf den geistig-seelischen Prozess der Selbstfindung, der in der Auseinandersetzung mit der Familie, der Gesellschaft und der Vergangenheit zu einer höheren Stufe der Selbsterkenntnis führt. Zwischenmenschliche Beziehungen werden erschwert durch die Reaktion der Umwelt auf die „jüdische Frage“ und durch die konkrete Situation des Sohnes, der mit seinem Vater lebt – die Mutter ist verstorben, die Schwester lebt in einem Krankenheim – und die Welt aus eigener und dessen Sicht erlebt. Der Vater ist verschlossen. Kleine Missverständnisse erschweren das tägliche Leben. Hans stellt fest: „Ich hörte ihn seufzen und wollte etwas Tröstliches sagen, doch als ich mich umdrehte, saß er nicht mehr da. So war es immer: immerzu war einer gekränkt, immerzu mußte der andere sich plagen, das Elend wieder aus der Welt zu schaffen.“56 Hans steht den oft gehörten Erzählungen des Vaters „kühl und skeptisch“ gegenüber und findet, er sei unwillig den Umschwung im Denken der jungen Generation zu verstehen. Hans ist beliebt in der Schule, aber wird anders, vorsichtiger behandelt, sobald man weiß, dass er Jude ist. Ein Vorfall im Duschraum, wo Hans seine Badehose nicht auszieht, belegt, dass auch er sich zuweilen als Außenseiter sieht. Positive und negative Vorurteile bestehen fort. Die Freundin Martha findet Arbeit als Komparsin und spielt eine Jüdin mit gelbem Stern. Sofort findet man, sie sehe „echt“ jüdisch aus. Die Komparsen sitzen in Pausen als Gruppen: die SS-Soldaten zusammen und gegenüber die Juden nebeneinander. (196ff.) Die Gefangennahme des Lageraufsehers und die Diskussionen der Beteiligten veranschaulichen die nahezu unüberbrückbaren Vorstellungen vom gegenwärtigen Staat. Hans ist sicher, dass jedes Gericht den Mann ohne Sympathie und aus Überzeugung verurteilen werde. Der Vater dagegen glaubt, der Aufseher wird nur verurteilt, weil „ihnen nichts anderes übrigbliebe.“ (129) Hans kämpft gegen die Unvernunft, findet die Opfer haben kein Recht, sich über die Gesetze zu stellen, und fürchtet sich, in einem Land zu leben, in dem sich jeder selbst zum Richter ernennt. (136–140) Aber er erkennt die ständige Gereiztheit der überlebenden Juden. Ihre Vorstellung vom Deutschtum war literarisch und philosophisch gefärbt. Die Wirklichkeit entsprach nie und entspricht auch jetzt nicht dem Ideal.

Pascal Bruckner kommt in seiner ausführlichen und überzeugenden Untersuchung des weitverbreiteten Schuldgefühls in der westlichen Welt zu einem vergleichbaren Ergebnis. Er findet, Schuldkomplexe entspringen der Überzeugung, dass der Verlauf historischer Entwicklungen nicht der Idealkonzeption gesellschaftlicher Reifung entspricht. Die Vorstellung eines Ablaufs der Geschichte in die Richtung höherer Sittlichkeit verurteilt alle, die an den Fehlentscheidungen des 20. Jahrhunderts beteiligt waren. Darüber hinaus verurteilt dieser Wertmaßstab die gegenwärtige Generation zum Schweigen.57 Bernhard Schlink hat sich in Essays und Vorträgen mehrmals eingehend mit der Vergangenheit, mit Schuld und Sühne auseinandergesetzt. Er hat die angeschnittenen Fragen außerdem überzeugend in einigen Erzählungen entwickelt. Da Schlink Jurist ist, kommt seinen Feststellungen der gesetzlichen Verantwortung für Straftaten besondere Bedeutung zu. Wie viele in der vorliegenden Darstellung aufgenommenen Kritiker und Autor(inn)en ist er überzeugt davon, dass Auschwitz und der Holocaust unter dem Zeichen der Unvergänglichkeit stehen. Die Katastrophe, in der die Grenze zwischen Gut und Böse eindeutig war, hat Wunden gerissen, die schwer zu heilen sind und „wieder aufbrechen können“. Schlink geht davon aus, dass sich alle mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen müssen, um einen Weg zum Geschichtsverständnis zu finden. „Der Vergangenheit in die Augen sehen – das heißt sehen, daß die Vergangenheit uns anschaut, uns stellt und daß wir ihr furchtbares Angesicht letztlich nur ertragen können, wenn wir entweder gleichgültig und zynisch werden oder aber etwas entgegenzusetzen haben. Letztlich heißt, der Vergangenheit in die Augen sehen, eine Entscheidung treffen. Zunächst heißt es, die Herausforderung ihres furchtbaren Angesichts annehmen.“58 Dieses Gegenübertreten verlangt die Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne.

Die Erwägungen in Vergangenheitsschuld (2007) kommen zu Ergebnissen, die in jeder Aufarbeitung der Vergangenheit zu berücksichtigen sind. Schuld kann nicht nur im Handeln Einzelner, sondern in geschichtlichen Abschnitten wurzeln. Deshalb können Generationen schuldig werden oder sich schuldig fühlen. Diese Schuldgefühle entstehen in Personen aus der Empfindung, zwar nicht strafbar gehandelt zu haben, aber Zeuge der Ereignisse gewesen zu sein. Somit konnten Menschen schuldig werden, wenn sie keinen Widerstand leisteten oder Widerspruch erhoben. Diese Beobachtung setzt ein Ideal des persönlichen Verantwortungsbewusstseins, der Moral, Sitte, Religion voraus, das unter einer Diktatur, in der Menschen schon vor einem Parteiabzeichen erbleichten, kaum denkbar war. Schlink lehnt jedoch die Vorstellung kollektiver Tatschuld ab. „… es gibt Schuldübertragungen weder in der Horizontalen, unter Angehörigen einer Generation, noch in der Vertikalen, von einer Generation auf die nächste. Kollektivschuld, bei der alle Glieder des Kollektivs schuldig sind, weil einige schuldig sind, ist mit dem juristischen Begriff der Schuld unvereinbar.“59 Er erkennt jedoch, dass die gemeinsame Zugehörigkeit zu einem Volk „Solidarität“ stiftet, die Befangenheit, Scham und Schuldgefühle hervorruft, die den rechtlichen Schuldbegriff sprengen. Die einzige für die Nachkriegsgenerationen, aber wahrscheinlich für viele nicht denkbare Entscheidung wäre, sich von der Vergangenheit der Eltern loszusagen. (32–33) „Gerade weil die Vergangenheit die gegenwärtige Identität mitkonstituiert, gehört zum Umgang mit ihr, sich von Vergangenem loszusagen, mit Vergangenem zu brechen und, so es um kollektive Vergangenheit geht, diejenigen abzulehnen und auszugrenzen, deren individuelle Vergangenheit der kollektiven nicht zugerechnet werden soll.“ (78)

Zuweilen verhüllte, manchmal klar ersichtliche Stellungnahmen zu diesen Fragen bestimmen den Erfahrungshorizont der Figuren in Schlinks Erzählungen Der Vorleser (1995), „Das Mädchen mit der Eidechse“ (2000) und Das Wochenende (2008). Die Handlung des Bestsellers Der Vorleser verknüpft in klar umrissener Folge von Ereignissen die alltägliche Geschichte eines Jungen, der sich in eine ältere Frau verliebt und mit ihr ein Verhältnis hat, mit dem Problem der Vergangenheitsbewältigung, das unter dem Vorzeichen „Auschwitz“ steht. Der fünfzehnjährige Michael Berg verliebt sich in die Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz. Das Verhältnis gibt dem „Jungchen“, wie sie ihn nennt, Sicherheit und das Gefühl erwachsen zu sein. Es hinterlässt deutliche Spuren in seiner erotischen Gefühlswelt und seiner Haltung zur Umwelt. Das Ungewöhnliche, eigentümlich Geheimnisvolle in der Beziehung ist die Tatsache, dass Michael der Frau vor dem intimen Zusammensein immer vorlesen muss. Das Vorlesen beginnt, nachdem er ihr von den in der Schule besprochenen Texten erzählt. Sie ist hochinteressiert, will mehr wissen und erwidert auf seine Bemerkung, sie könne die Sachen doch selbst lesen, er habe eine besonders schöne Stimme und solle ihr zur Freude vorlesen. „Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bißchen beieinanderliegen – das wurde das Ritual unserer Treffen.“60

Der Sommer kommt; Ferienzeit; Michael ist mit Gleichaltrigen im Schwimmbad, sieht plötzlich Hanna, die ihm zuschaut, und am nächsten Tag hat sie die Stadt verlassen. Ob es die Erkenntnis war, dass er letztlich nicht zu ihr, sondern zu seiner Generation gehörte, oder ob sie fühlte, wie es ihn wegzog, bleibt unbeantwortet. Er beendet die Schule, studiert Jura und nimmt an einem Seminar teil, in dessen Rahmen die Studenten die Verhandlung in einem KZ-Prozess verfolgen und zu Diskussionen über Schuld und rückwirkende Bestrafung auswerten. Michael sieht Hanna als Angeklagte im Gerichtssaal wieder, sie wird für den Tod einer Gruppe von KZ-Häftlingen in einer brennenden Kirche verantwortlich gemacht. Er beobachtet das Verfahren von Verlesung der Anklage über Bestandsaufnahme, Untersuchung, Eingaben der Verteidiger und Gutachten bis zur Urteilsverkündung. Michael ist jedoch nicht nur objektiver Beobachter, sondern Mitbeteiligter, der sein eigenes Verantwortungsbewusstsein überprüft, und Mitwisser, denn er ist der Einzige, der Hannas streng gehütetes Geheimnis kennt, dass sie Analphabetin ist. Die Bedeutung seines früheren Vorlesens wird deutlich, zugleich auch Hannas Verlangen, unter keinen Umständen ihre Unkenntnis zu gestehen.

Michael gerät in tiefste Gewissenskonflikte. Hanna ist der volle Umfang der Anklage überhaupt nicht bewusst; sie hat Dokumente unterschrieben, deren Inhalt ihr unbekannt geblieben ist; mildernde Umstände wären anzuführen; sie wird von den Mitangeklagten zum Sündenbock gestempelt, ohne dass sie es merkt. Ihr Schweigen verlangt eine Entscheidung. Er fragt sich, ob er das Geheimnis auch gegen den Willen Hannas lüften soll, versucht die ethische Voraussetzung seines Handelns oder Schweigens zu ergründen, und erfährt die Notlage des Mitwissers, die ihn dazu zwingt, sich mit der Situation der Mitwisser in der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Michael durchläuft Stufen der Entwicklung in seinem Verhältnis zur Vergangenheit, die in Umrissen eigentlich in allen Aufarbeitungen der deutschen Geschichte geschildert werden. Die Studenten des KZ-Seminars verlangen Rechtfertigung und Sühne. „Je furchtbarer die Ereignisse waren, über die wir lasen und hörten, desto gewisser wurden wir unseres aufklärerischen und anklägerischen Auftrags. Auch wenn die Ereignisse uns den Atem stocken ließen – wir hielten sie triumphierend hoch.“ (88) Michael erfährt Gruppensolidarität: „das gute Gefühl, dazuzugehören“. (89)

Michael erkennt die Schuld Hannas, versucht aber auch ihr Verbrechen zu verstehen. Es gelingt nicht. „Wenn ich versuchte, es zu verstehen, hatte ich das Gefühl, es nicht mehr so zu verurteilen, wie es eigentlich verurteilt gehörte. Wenn ich es so verurteilte, wie es verurteilt gehörte, blieb kein Raum fürs Verstehen.“ (151) Sie nicht zu verstehen, kommt ihm wie ein Verrat an ihr vor. Er grübelt nach über das Grässliche und zugleich Verständliche im Handeln Hannas. Sie hatte als Lageraufseherin die Aufgabe, die Arbeiter und Arbeite­rinnen, die nicht mehr tauglich waren, zum Transport zur Vergasung bereitzustellen. Sie hielt immer Vorleserinnen zurück, gab ihnen damit eine längere Lebensfrist, setzte sie aber letztlich doch auf die Liste, um ihre Pflicht zu tun. Michaels Vorstellungskraft versagt: „Wenn ich heute an die Jahre damals denke, fällt mir auf, wie wenig Anschauung es eigentlich gab, wie wenig Bilder, die das Leben und Morden in den Lagern vergegenwärtigten.“ (142) Später beschließt Michael das KZ Struthof-Natzweiler anzusehen. Er trampt. Ein Autofahrer nimmt ihn mit. Ein Gespräch beginnt, als der Fahrer nach seinem Bestimmungsort fragt. Der Fremde, ein Kriegsteilnehmer, der kein Schuldgefühl hat, vertritt die Ansicht, dass die Lageraufseher, Offiziere und Soldaten nur ihre Arbeit taten. Keine Befehle, kein Gehorsam, kein Hass, keine Rache, keine Gefühle, sondern eine allumfassende Gleichgültigkeit. Michael erkennt die Sollerfüllung der Tagesarbeit. (144–146) Er findet, das Böse als Alltäglichkeit trifft auch auf Hanna zu. Als er im KZ herumläuft, kann er die Baracken nicht mit Bildern Leidender füllen: „Aber es war alles vergeblich, und ich hatte das Gefühl kläglichen, beschämenden Versagens.“ (149) Der Erzähler bemerkt, dass für einige die permanente Auseinandersetzung mit der Vergangenheit „Ausdruck des Generationskonflikts“ war, für andere, die ihren Eltern nichts vorwerfen konnten, wurde die Vergangenheit zum eigentlichen Problem. „Was immer es mit Kollektivschuld moralisch und juristisch auf sich haben oder nicht auf sich haben mag – für meine Studentengeneration war sie erlebte Realität.“ (161) Einige überwanden ihre Scham, indem sie sich von der vorausgegangenen Generation absetzten, andere blieben auf immer einfach durch die Liebe zu den Eltern verstrickt.

Michael verfolgt den Prozess im Gericht. Alle wirken ermüdet. Richter, Schöffen und Anwälte sind nach langen Verhandlungswochen nicht mehr bei der Sache. Alle haben genug, wollen wieder in die Gegenwart (131). Michael erkennt das Ausmaß der Schuld, aber auch die Lebenslüge Hannas und stellt fest: „Mit der Energie, mit der sie ihre Lebenslüge aufrechterhielt, hätte sie längst lesen und schreiben lernen können.“ (132) Hanna wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er liest wieder, schickt ihr Kassetten, bekommt dann Antwort, der er entnimmt, dass sie lesen und schreiben gelernt hat. Sie wird begnadigt; er erhält einen Brief der Leiterin des Gefängnisses, besucht Hanna, verspricht, sie abzuholen. Als er kommt, hat sie als Sühne Selbstmord begangen. In der Zelle findet er umfassende und vielseitige Holocaust-Literatur und ihr Testament: Michael soll ihre Ersparnisse und etwas Geld, das in einer lila Teedose ist, der Tochter der Frau übergeben, die mit ihrem Kind den Brand in der Kirche überlebte. „Sie soll entscheiden, was damit geschieht.“ (196) Michael findet die Frau in New York; sie behält die Teedose, das Geld wird im Namen Hannas an die „Jewish League Against Illiteracy“ überwiesen. Mit der kurzen „computergeschriebenen“ Antwort in der Tasche besucht Michael Hannas Grab, zum ersten und einzigen Mal.

Die Novelle „Das Mädchen mit der Eidechse“ greift in konzentrierter Form das dem Vorleser zugrunde liegende Thema der Vergangenheitsbewältigung auf.61 Der Erzähler schildert ein sein Leben von der Kindheit bis in die ersten Jahre des Jurastudiums bestimmendes Urerlebnis: die Wirkung eines Gemäldes. Das Bild ist der Angelpunkt der Erzählung. Es ist geheimnisumwittert. Die Eltern schweigen über seine Herkunft und die Identität des Künstlers. Es führt zu Spannungen zwischen den Eltern, wird vom Vater wie ein Schatz gehütet, von dem niemand wissen darf. Das Bild fasziniert, verzaubert den Jungen, wirkt geheimnisvoll und zugleich bedrohlich, weckt sein leidenschaftliches Interesse und lässt ihm keine Ruhe. Der Junge bemerkt, dass die Eltern etwas verschweigen und erkennt ihre Vorsicht im Umgang mit anderen. Er macht sich scheinbar keine besonderen Gedanken darüber, als der Vater als Richter abtritt, eine gering bezahlte Stellung bei einer Versicherung annimmt und schließlich jede Arbeit verliert, weil er zu viel trinkt. Der Versuch das Rätsel nach dem Tod des Vaters zu lösen, enthüllt zwar dessen Verstrickung in moralischer und juristischer Schuld im Krieg, lässt aber dennoch keine eindeutige Antwort zu. Der Vater hat als Kriegsgerichtsrat in Straßburg Menschen zum Tod verurteilt, hat möglicherweise das Gemälde von einem halbjüdischen Künstler als Geschenk erhalten, weil er der Familie zur Flucht verhalf, möglicherweise aber auch nur zur Aufbewahrung. Da sich aus den Nachforschungen des Sohns ergibt, dass sich in Straßburg jede Spur von dem Maler René Dalmann verliert, entsteht zusätzlich der Verdacht, der Vater habe sich vielleicht am Eigentum des Malers vergriffen, sei selbst für dessen Tod verantwortlich. Die Fragen bleiben unbeantwortet. Vom Vater liegt nur eine juristische Richtigstellung seines Falls vor. Der Sohn nimmt das Bild zu sich, kann sich jedoch nicht dazu durchringen, es einem Museum auszuliefern. Er verbrennt es am Strand und sieht noch für den Bruchteil einer Sekunde unter dem Bild das berühmteste in Ausstellungskatalogen und Kunstgeschichten erwähnte Gemälde des Malers, das er „hatte schützen und auf die Flucht mitnehmen wollen.“ (54) Der Schluss der Novelle stellt die Frage der Selbstverantwortung in grelles Licht: „Eine Weile schaute er den blauroten Flämmchen zu. Dann ging er nach Hause.“ (54)

Die Handlung in Das Wochenende ist auf Gespräche, Diskussionen, Behauptungen und scharfe Entgegnungen begrenzt. Der Anlass für das Treffen ist die Begnadigung des Terroristen Jörg. Seine Schwester hat auf dem Land in Brandenburg ein Haus gekauft, hat seine und ihre alten Freunde eingeladen, die hier Freitag, Samstag und Sonntag bleiben sollen, holt Jörg vom Gefängnis ab und bereitet mit ihrer Freundin den Empfang vor. Aus den Unterhaltungen aller wird deutlich, dass sich keiner richtig an die Tage der Studentenunruhen, Vietnam-Proteste und Anschläge gegen den Staat (die Machthaber und ihre Bürokraten) erinnern kann. Sie leben in einer anderen Zeit, haben Karriere gemacht und sich abgefunden. Sie haben sich von der Vergangenheit losgesagt, haben sich ihre „Sünden“ vergeben und dadurch von der Last der Gemeinschaftsschuld befreit. Sie erinnern sich an die Atmosphäre, die nächtelangen Diskussionen, Planungen, Vorbereitungen auf Taten. Sie wollten „selbstlos denkend“ die Welt verändern. Der Staat war ein Unrechtsstaat und Widerstand ohne Gewalt war undenkbar.62 Die nächste Generation kommt in der Auseinandersetzung zwischen Jörg und seinem Sohn Ferdinand zu Wort. Ferdinand verlangt eine Erklärung für die Aktionen, die schuldlosen Menschen das Leben kostete. Er besteht eigentlich auf einem Geständnis der Schuld. Er sieht sich in der Rolle des Sohnes, der den Vater anklagt, und als Stellvertreter der mit ihm befreundeten Kinder eines ermordeten Bankchefs. Er donnert: „Du bist zur Wahrheit und zur Trauer so unfähig, wie die Nazis es waren. Du bist keinen Deut besser – nicht als du Leute ermordet hast, die dir nichts getan haben, und nicht als du danach nicht begriffen hast, was du getan hast. … Dir tun nicht die anderen leid, du tust dir nur selbst leid.“ (159) Der Vater sitzt vor ihm mit aufgerissenen Augen und halboffenem Mund. Er kann sich an nichts erinnern. Am Ende resigniert Ferdinand. Er erkennt, dass sich sein Vater von seiner Vergangenheit losgesagt hat, nichts mehr weiß oder wissen will und auch das Leben in der Gegenwart nicht begreift.

Der Blick trifft auf Studentenunruhen, die Jahre der DDR, den Krieg und die Nazi-Herrschaft, Perioden der deutschen Geschichte, die einem unbereinigten Minenfeld ähneln, in dem man leicht zu Schaden kommt. Berlin und Auschwitz sind politische und literarische Chiffren für Abschluss und Neuanfang, für individuelle Schuld, kollektives Schuldgefühl und Unterlassungssünden. Köln, Dresden und Gulag sind Chiffren für Leiden, Klage und Opfer. Die Besinnung auf die Vergangenheit enthüllt sich als potentieller Gewinn für das Verständnis der Gegenwart. Die Haltung aller Autor(inn)en, die sich bemühen, das historische Geschehen zu begreifen, steht unter dem Leitspruch: Beschäftigung mit der Vergangenheit ist Tagespflicht.

3. Krieg
3.1. Motive und stilistische Signaturen

Der Sammelbegriff „Kriegsliteratur“ kennzeichnet allgemein die stoffliche Komponente und Schilderungen konkreter Ereignisse, Erzählungen menschlicher Schicksale, Gestaltungen, in denen das Unbestimmte, Unübersichtliche und ständig Wechselnde des Geschehens hervortritt sowie Auseinandersetzungen mit dem Orientierungsverlust und der Suche nach einer sinnstiftenden Ordnung einzelner Figuren. Bereits die Sichtung der Fülle des Materials bereitet Schwierigkeiten. In literaturhistorischen Überblicken und Literaturgeschichten wird alle Literatur über Kriege unter Autoren oder allgemeinen Tendenzen wie etwa Vergangenheitsbewältigung, Luftkrieg oder Trümmerliteratur eingeordnet. Sie tritt profiliert hervor in Anthologien ausgewählter Kriegsgeschichten, in Einführungen (Text, Aktion, Bild) und wissenschaftlichen Konferenzbeiträgen. Sieht man vorerst von Publikationen in Sammelbänden, Veröffentlichungen in Zeitschriften, Archiven und Almanachen sowie von Erzählungen von Autor(inn)en ab, die den Begriff ‚Krieg‘ nicht im Titel führen, so ergibt sich folgendes Bild: Bibliotheken und Forschungszentren erfassen das Material unter dem Sammelbegriff ‚Krieg‘, ordnen es nach historischen Zeitabschnitten (Dreißigjähriger Krieg, Erster und Zweiter Weltkrieg), berücksichtigen Länder, gliedern es nach Sachgruppen, unter denen ‚Krieg und Literatur‘ wie auch Belletristik näher bestimmt wird. Weitere Unterteilungen in Untersuchungen aus den Fachbereichen der Geschichte, Literaturwissenschaft, Ökonomie und Politologie erleichtern die Sichtung. Trotzdem stößt jede Nachforschung auf eine nahezu unübersehbare Zahl von Werken. Die Titelaufnahmen in der Deutschen Bibliothek, dem Bayerischen, den Sächsischen und Österreichischen Bibliotheksverbänden, der British Library, der Library of Congress und dem Erich-Maria-Remarque Archiv verzeichnen beispielsweise zwischen 1158 und 4871 Titel. Darüber hinaus wird der Zugang zur Literatur für die Themenforschung durch den Umstand erschwert, dass sich zwar Kritiker und Leser oft in auffallender Übereinstimmung finden, dieses oder jenes Buch sei eine Kriegsgeschichte, aber bei eingehender Befragung das Urteil erweitern. Krieg selbstverständlich, eine Frontgeschichte, eine Anklage, das entsetzliche Schicksal eines Soldaten, die Leiden eines Landes, Luftkrieg, Seeschlacht, Bewährung, Überleben, Aufruf das Vaterland zu verteidigen, gute Kameraden, selbst eine Liebesgeschichte.

Dementsprechend bieten sich mannigfaltige Einzelfragen an. Jeder Text, der den Krieg thematisiert, hat eine bestimmte Signatur. Sie ist nach Themenbezügen und historischen Orts- und Zeitbestimmungen differenzierbar. Besonders im historischen, politischen und sozialen Umfeld der Einzelwerke bestehen markante Unterschiede. Der Trojanische Krieg und römische Feldzüge, der Krimkrieg und der Zweite Weltkrieg, der Polenfeldzug und die Westfront, Stalingrad, die sechste Armee und Berlin haben unterschiedliche Voraussetzungen, welche die Schilderung der Ereignisse, des Milieus und der Atmosphäre prägen. Darüber hinaus beeinflussen die Umstände der Entstehung der literarischen Werke die unterschiedlichen Darstellungen. Die Ilias berichtet vom Eingreifen der Götter und gibt Auskunft über Strategien. Großangelegte Tableaus erscheinen neben Aufzählungen. Im Mahabharata deutet Krishna den Krieg als notwendigen Beitrag zur Erneuerung des Lebens. Das Alte Testament, beispielsweise 4. Mose 21 und 2. Samuel, unterscheidet zwischen gerechten und ungerechten Kriegen. Gott hilft König David, der mit der „Schärfe seines Schwertes“ Jerusalem einnimmt. Beiläufig erhält man Hinweise auf Aufstellungen der Truppen, Vorbereitungen zur Schlacht und die Vernichtung der Feinde. Die Kriegsauswirkungen in Grimmelshausens Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch (1669) – plündern, foltern, vergewaltigen, töten und sterben – sind völlig anders gestaltet in Felix Dahns Ein Kampf um Rom (1877), einem Roman, in dem Stammesverbundenheit, Treue, Rechtmäßigkeit und heroisches Ende der Goten in den Mittelpunkt gestellt werden. Die auf St. Helena von Napoleon I. verfasste Untersuchung von Angriffskriegen Darstellung der Kriege Caesars, Turennes, Friedrichs des Grossen (1819), der theoretische Abriss Vom Krieg (1832) von Karl von Clausewitz und Erich Maria Remarques Anklage Im Westen nichts Neues (1929) beschreiben nicht vergleichbare Ereignisse. Horst Bieneks Gestaltungen des Krieges heben sich deutlich ab von Berichten in den Büchern von Lothar-Günther Buchheim. Gravierende Unterschiede bestehen zwischen der Protestliteratur gegen den Krieg und Schriften, die den Krieg als Fanal der nationalen Erhebung preisen und zur Verteidigung der Heimat aufrufen.

Die Themenforschung versucht, aus der Fülle dieser Erscheinungen die systematische Gliederung einer Typologie herauszuarbeiten. Sie will in den vielfältigen Verknüpfungen die gedankliche Gesetzlichkeit, das Ideogramm aufweisen. Die Kriegsliteratur von Dokumentarberichten über Gedichte, Hörspiele und Dramen bis zu Romanen hat in ihrer jeweils spezifischen Ausprägungsform jedoch an den unterschiedlichsten literarischen Stileigenheiten teil. Zahlreiche Texte konzentrieren sich auf die Erfahrungen Einzelner, andere auf die verschiedener Figuren. Einige Texte stützen sich auf Tagebucheinträge der Autoren, andere sind bewusst als Dokumentation entworfen. Die Erzähltechnik der Berichterstattung will den Eindruck erwecken, die Dokumentation biete die Voraussetzung objektiver Darstellung und vermittle anhand von Fakten das tatsächliche Geschehen. Der Eindruck eines kaleidoskopischen Zeitbildes wird verstärkt durch Fakten, die archivalisch die Namen einzelner Akteure, konkrete Details, Rundfunknachrichten, Ausschnitte aus Reden oder Bekanntmachungen und mehrstimmige Beobachtungen von Personen aus allen Bevölkerungsschichten erfassen. Konkrete Darstellungen sind grundsätzlich handlungsbetont und erwecken den Eindruck unmittelbarer Gegenwartsnähe. In der erweiterten Perspektive vermitteln die Ereignisse zugleich das bewusste Nachdenken der Erzähler. Einige Texte stellen vielfältige, szenisch aufgelockerte Situationen nebeneinander und versuchen dadurch, ein umfassendes Zeitbild zu gestalten. In etlichen Darstellungen steht der Krieg im Hintergrund und redet nur in das Geschehen hinein. Trotzdem vermitteln sie die Erkenntnis, dass letztlich der Krieg die Entscheidungen, das Tun und das Unterlassen der Figuren maßgeblich bestimmt. Dieser Sachverhalt kennzeichnet sowohl von Kriegsteilnehmern geschriebene Berichte als auch Werke, die von Autor(inn)en entworfen wurden, die vom Krieg nur indirekt betroffen waren.

Weitgehende Homogenität in der stilistischen Signatur besteht im Anspruch der Authentizität. Er wurzelt in der Sphäre des Stofflichen und verlangt ein Gespür für den Kriegsschauplatz, die intime Vertrautheit mit Einzelheiten des Milieus, eine genaue Kenntnis der Sprache, der typischen Reaktionen Einzelner, des Lebens an der Front, im Lazarett und im Urlaub. Kriegsberichte, faktisch orientierte Darstellungen und Rückblicke auf Erlebtes versetzen Leser in eine einstige Gegenwart, die jedoch manchmal von einer Zukunftsperspektive durchdrungen ist. Jede Einzelheit, sei es die Beschreibung einer Koje im Boot oder ein Hinweis auf einen Film, der zu der Zeit gerade lief, soll den Eindruck größter Wirklichkeitsnähe erwecken und dadurch den Anspruch der Authentizität verbürgen. Ein Vergleich von Renns und Buchheims Schilderungen zeigt, dass Konkretisierung als stilistische Konstante in Schilderungen unterschiedlicher historischer Ereignisse nachweisbar ist. Ludwig Renn veranschaulicht in Krieg (1928) die Existenzmisere des Frontsoldaten Renn von der Mobilmachung 1914 über den Einmarsch in Belgien, den Stellungskrieg an der Somme, die Schlacht an der Aisnè bis zum Rückzug nach Deutschland. Die Erzählung greift zurück auf alle grundlegenden Motive der Kriegsthematik (Guter Kamerad, Hilfsbereitschaft, Durchhalten, Bewährung) und registriert eine überwältigende Monotonie des Grauens, die ständige Wiederkehr des Tötens und des Todes, den Dreck im Graben, die Leiden und die Angst aller. Die Schilderung behält die Nahperspektive konsequent bei und verzichtet auf jede Deutung übergreifender historischer Zusammenhänge. Der Soldat verspürt eine Folge wechselnder und wiederkehrender Empfindungen, ohne die Ursachen des Krieges oder dessen historische Bedingungen zu begreifen. Er steht letztlich dem Umsturz und der kommenden Revolution verständnislos gegenüber.

Renns Beschreibungen des Zeitgeschehens in Nachkrieg (1930) und Inflation (1963) sind weiterhin geprägt von intensiver Wirklichkeitsnähe. Sie erweitern jedoch die Perspektive zur Befragung der Vergangenheit, da sich die zentrale Figur (der berichtende Renn) zu einer höheren Stufe der Selbst- und Welterkenntnis durchringt. Nachkrieg schildert den Werdegang Renns, der in den ersten Nachkriegsjahren Bataillonsführer einer von der sozialdemokratischen Regierung aufgestellten Sicherheitstruppe in Dresden wird und dann der Sicherheitspolizei beitritt. Er gibt den Dienst auf und wird Mitglied der kommunistischen Partei, da er glaubt, dass die Führung der SPD (Ebert, Scheidemann und Noske) das Ziel einer demokratischen Republik nicht erreichen können. Inflation knüpft an die politische und ökonomische Entwicklung der Nachkriegsjahre an und konzentriert sich auf 1922 bis 1923. Das Leben in der Inflationszeit erinnert an den Krieg. Die Leiden der Menschen sind gut getroffen. Die Ortung der Wirtschaftsnot ist einseitig durch die utopische kommunistische Orientierung des Berichterstatters begrenzt. Die Skizzen von Einzelheiten bestechen. Dagegen hat Renns These von den edlen Anfängen des Kommunismus (Renn war zur Zeit der Niederschrift von Inflation Nationalpreisträger und führender Repräsentant der sozialistischen Literatur der DDR) viel mit seinen Gefühlen und wenig mit den politischen Fakten zu tun.

Auch Lothar-Günther Buchheim greift in seinen Kriegsdokumentationen auf persönliche Erlebnisse zurück. Die Handlung in Das Boot (1973) kreist um die Erfahrungen eines U-Boot-Kommandanten und seiner Mannschaft, die dem „Alten“ vertraut, ihn verehrt und bewundert. Der Kommandant hat alle Eigenschaften eines erfolgreichen Offiziers: er versenkt Schiffe, folgt den Befehlen seiner Vorgesetzten, passt sich an, kritisiert die NS-Regierung nicht für ihre Ideologie, sondern die strategischen Fehler des Seekriegs und teilt die Freude am Abenteuer der Aktionen unter Wasser. Die Handlung ist jederzeit gegenwärtig und chronologisch wie in der Festung (1995). In dem weit über 1000 Seiten langen Bericht werden Leser in den letzten Sommer des Zweiten Weltkrieges zurückversetzt. War die Geisteshaltung des Erzählers im Boot die der Kriegerehrung, dann ist die eingefangene allgemeine Atmosphäre in der Festung die der Anpassung an die unveränderlichen Umstände. Die Leser haben teil an Schiff-, Auto- und Bahnfahrten. „Jetzt habe ich noch mal eine Nacht und einen Tag Bahnfahrt vor mir. Und wenn es Fliegerangriffe geben sollte, wird es noch länger dauern. Verhungern und verdursten werde ich nicht: Zu essen und trinken habe ich in meiner Tasche.“63 Leser werden aufgefordert, sich an historische Zeitbezüge zu erinnern und das geschichtlich Verbürgte anzuerkennen. „41 war überhaupt ein rechtes Schicksalsjahr: Mit dem Untergang der Bismarck war Schluß mit der Dickschiffherrlichkeit. Von da an war ein wirkungsvoller Handelskrieg nicht mehr möglich. Aber alle taten bald so, als wäre die Bismarck gar nicht weg.“ (556) Leser sollen sich einfühlen und mitempfinden: „Wohl tausend Stunden habe ich so wie jetzt den weiten Himmelsraum und die See in den Blick gefaßt, und jetzt heißt es den Rücken kehren! Da hocke ich nun: Farewell to the ocean. Weiß der Henker, wie ich das verkraften soll. Ich muß schlucken, damit mir nicht die Tränen über die Lider rinnen.“ (1230) Eine Mine explodiert. Konkret, authentisch, gegenwärtig, erschreckend, jeder erfährt das Ereignis beim Lesen: „‚Deckung‘ höre ich mich selber schreien und werfe mich längelang neben das rechte Vorderrad … ‚Runter in den Dreck!‘ brülle ich … ‚Deckung!‘ schreie ich … Da höre ich MG-Feuer; ohne Zweifel von unserer Uferseite … Da ebbt das Schießen ab, und dann ist es ganz weg. … ‚Los! Anfahren!‘“ (1333) Die Leser werden aufgerufen, alles mitzuerleben, zu sehen und zu riechen: ein Schieferdach, auf dem Moos wächst; Amoniakgeruch in der Latrine; eine Nacht bei der Freundin. Trotz wiederkehrender Verwendung von Ausrufezeichen bleiben die Ereignisse eigentümlich schematisch. Die Kriegsereignisse wirken nahezu so geisterhaft wie die gespenstische Existenz des deutschen Nachtheers in der Normandie. Die durch Überpräzision der Details angestrebte Wirklichkeitsnähe geht unter in dem Schutt von Szenen und gleichermaßen bedeutend und unbedeutend wirkenden Details. Die im Text geschilderte jeweilige Reaktion auf rekonstruierte Erlebnisse vermittelt keine Einblicke in das Wesen des Krieges.

Viele Darstellungen beglaubigen das an sich unfassbare Geschehen, indem sie die Figuren als Augenzeugen vorstellen. Die Beschreibungen versuchen, durch vertraute Bilder, Metaphern und Sprachfügungen zu überzeugen. Im Gegensatz zu Erinnerungsdiskursen, die eine bewusste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erkennen lassen, erweckt die Nahperspektive den Eindruck vitaler Gegenwart. Die Sinne reagieren auf eine Handlung, die nicht abgeschlossen ist: die Zukunft des nächsten Augenblicks und das unbekannt Bevorstehende bewirken Erwartung, Hoffnung, Befürchtung und Täuschung. Die Schilderungen wollen Leser in das Geschehen verwickeln. Sie sollen an der ehemaligen Gegenwart teilhaben, kritische Vorbehalte ausschalten und vergessen, dass sie vergleichbare Ereignisse aus ihrer eigenen Erinnerung möglicherweise völlig anders beurteilen. Die ästhetische Qualität des Kriegsstoffes beruht auf dieser sinnlichen Wirkung. Besonders die scheinbar auf das ‚Tatsächliche‘ begrenzte Kriegsliteratur spricht Empfindungen an und befriedigt Erwartungen, die Leser an die stoffliche Präzisierung stellen. Die Motivik von Sehen, Erleben und Berichten übernimmt die Funktion, die Ereignisse zu authentisieren. Das stilistische Verfahren ist sowohl in Tatsachenberichten als auch in Romanen und in Erzählungen nachweisbar, in denen „tatsächliche“ Ereignisse und Fiktion ineinander übergehen. Der Authentizitätsanspruch wurzelt entweder in unausgesprochenen oder reflektierten Versuchen der Selbstvergewisserung, in denen die Berichtenden ihr Verhältnis zu anderen, zur Gruppe, zu Kameraden und Feinden näher begründen. Was sich innerhalb dieser Bemühungen abzeichnet, ist eine Richtung geistiger Auffassung, welche die unterschiedlichen Gestaltungen der Kriegsgeschehen entscheidend bestimmt. Die Haltung prägt Konstanten, in denen einerseits positive Erfolgserlebnisse, andererseits negative Erfahrungen vorherrschen, in denen Sinnfragen entweder im Ethos soldatischer Pflichterfüllung aufgehen oder Erzähler vor dem schwer Auszusprechenden zögern. Unübersehbar ist die Tatsache, dass zuweilen der Wust der geschilderten Ereignisse die kritische Reflexion begrenzt oder dass mitunter im Gegensatz dazu Gewissensfragen die Erzählperspektive maßgeblich beeinflussen. Die Sichtung der Konstanten bietet die Voraussetzung einer Untersuchung der stilistischen Verknüpfung von Elementen, die die allgemeinen Prinzipien des Themas begründen. Diese betreffen besonders das bereits in der „Einführung“ dokumentierte wechselseitige Verhältnis von Stoff, Sujet, Motiv und Thema sowie mit dem Thema verknüpfte Grundformen des Denkens. Das Ziel der Untersuchung ist die Identifikation zentraler Themenkomplexe und Motive, die den Textaufbau stützen. Wesentlich sind folgende Fragen: Unter welchen Bedingungen entsteht in einem Text ein Gefüge von Beziehungen, welches den Krieg thematisiert? Arbeiten die Berichte aus subjektiver Sicht gestaltend den Kriegsstoff auf oder versuchen sie, in einem Prozess reflektierender Annäherung, das Wesen des Krieges zu erkennen? Mögliche Antworten weisen darauf hin, dass thematisierter Krieg grundsätzliche Fragen stellt. Das Thema konfrontiert das Phänomen, seine Ursachen und seine Auswirkungen.

Im Gegensatz zum Szenen- und Bilderreichtum des Stoffbereichs fasst das Sujet die Mannigfaltigkeit zu einer objektivierenden, begrifflichen Einheit zusammen. Die vom Felde der Erfahrungen abstrahierte Idee des Krieges kennzeichnet allgemeine Bedingungen, die jeweils in Texten näher erläutert werden. Das Sujet ist somit ein Konzentrationselement, eine Kurzführung der Kriegssphäre, die Abstraktion einer bestimmbaren Vorstellung. Kleist verwendet sie in „Germania an ihre Kinder“ (1809), Heym im Gedicht „Der Krieg“ (1911), Thomas Mann in einem Brief an das „Svenska Dagbladet“ (11.5.1915) und in „Deutsche Hörer! Fünfundfünzig Radiosendungen nach Deutschland“ (1945), Bruno Apitz in Nackt unter Wölfen (1958), Wolfgang Schreyer in Unternehmen „Thunderstorm“ (1954) und Günter de Bruyn in Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin (1992). Aufschlussreich sind Manns Brief und seine darauf gründenden Überlegungen. Er kennzeichnet darin unter anderem Deutschlands Angriff im Westen als notwendige und sinnvolle Selbstverteidigung. Zur Erhärtung seiner Kriegsthesen führt er einige Verse aus Schillers Braut von Messina (1803) an. Romain Rolland reagiert äußerst gereizt. Mann nimmt daraufhin in den Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) in seiner Darlegung der Spannung zwischen Politik und Ästhetizismus abermals Stellung zu dem Zitat. Jetzt dient der Hinweis dazu, Schiller als Dramatiker und Ästhet zu charakterisieren, der objektiv die Vorzüge des Krieges und Friedens zu Wort kommen lässt. Die Stelle findet sich im 1. Aufzug, 8. Auftritt. „Einer aus dem Chor“ tritt hervor und preist den Frieden als lieblichen, am ruhigen Bach gelagerten Knaben, der seiner Flöte süßes Tönen entlockt und von hüpfenden Lämmern umgeben ist. Unvermittelt und ohne Bruch im Versmaß, nur durch die adversative Konjunktion „aber“ eingeleitet, geht der Sprecher dazu über, ein Hohelied auf den Krieg zu singen. Er lobt den Krieg als Beweger des Menschengeschicks. „Der Krieg läßt die Kraft erscheinen. Alles hebt er zum Ungemeinen.“ Was Mann zu seinen widersprüchlichen und später erneut revidierten Aussagen bewegt, ist der besondere Sachverhalt in Schillers Trauerspiel, der gleichermaßen markant in der Wallenstein-Trilogie (1800) hervortritt. Schiller verwendet Krieg als Sujet im Sinne unserer gegenwärtigen Begriffsbestimmung. Das Sujet kann außerdem in der Verbindung mit Motiven (Aggression, Appell an nationale Gefühle, Bruderkonflikt, Herrschaftsanspruch, Zufall) als Verweisfigur, die Signalfunktion hat, zum Funktionsträger werden. Unter diesen Voraussetzungen gewährt die genaue Bestimmung eines Sujets Einblicke in die Wechselbeziehungen zwischen dominanten Figuren, einzelnen Elementen, Textfeldern und Strukturen.

Zum festen Bestand der Kriegsliteratur gehören eine Reihe strukturbildender Motive. Sie verknüpfen Erzählschichten und stehen in einem dynamischen Wechselverhältnis mit anderen Elementen eines Textes. Sie stellen Spannungsbögen in Texten her, wirken direkt auf die Handlung zurück und veranschaulichen das Thema Krieg. Sie präzisieren Ort, Zeit, eine typische Situation, menschliche Verhaltensweisen oder auch Denkformen, die entweder individuell gegeben sind oder im kollektiven Bewusstsein gründen. Einzelne Motive (Brotbeutel, Kinderschuhe, Obstbaum) können zum zentralen Anliegen in einem Gedicht oder einer Erzählung werden. Es gehört zur besonderen Eigenart einiger Kriegsmotive, dass sie Grunderlebnisse und Erfahrungsgehalte ansprechen, die im historischen Ablauf entstanden sind, sich wiederholt haben und in der Gegenwart wiederholen. Es sind gleichsam im kollektiven Bewusstsein aufbewahrte und im Leben wiederkehrende Situationen. Vorausdeutungen, rückwendende Einführungen und Schlüsse der Erzählungen kennzeichnen den Standort der Erzähler. Sie schließen an die literarische Tradition der Verkündungs- und Schlusstopik an. Die Erzählperspektive ist unterschiedlich. Ein Erzähler erweckt den Eindruck, er sei gegenwärtig und habe teil am Geschehen. Ein anderer berichtet aus kritischer Distanz. In einigen Erzählungen erscheinen die Kriegsauswirkungen aus der Sicht der Nachgeborenen und führen innerhalb einer distanzierten Bestandsaufnahme zu intensiver Besinnung. Zahlreiche, schematische Einführungen singender, blumengeschmückter Soldaten, hoffnungsvoller Jugendlicher, die freudig aus dem Alltag wegstreben, und begeisterter Lehrer unterstreichen das Pathos der Befreiung, das im Erzählverlauf häufig desillusioniert wird. Gleichermaßen desillusionierend wirken in Eingängen Worte wie „unverbrüchlich“, „unzertrennlich“, „uneinnehmbar“ und „unbesiegbar“. Hinweise auf eine unverbrüchliche Kameradschaft motivieren spätere Entscheidungen, in denen der Charakter der Kameraden geprüft wird. Einige Autoren und Autorinnen der Gegenwartsliteratur nehmen in Einführungen, in denen Söhne oder Töchter entweder alte Briefe lesen oder auf Fotografien der im Krieg verschollenen Väter schauen, die thematisierte Identitätssuche der Nachgeborenen vorweg. Selbst die bereits Erwachsenen finden zufällig beim Aufräumen längst vergessene Briefe; sie starren auf eine Fotografie; sie stellen quälende Fragen: Warum hast du geschwiegen? Warum hast du dich verschlossen, als du noch da warst? Warum hast du mich allein gelassen? Aus den Fragen an den Vater entsteht ein neues Verhältnis, in dem sich die peinigende Erinnerung klärt. Das Motiv der Konfrontation der Nachgeborenen mit den Tätern und Opfern kann stark differenziert werden. Es verweist jedoch grundsätzlich auf die existenzielle Notlage, die Ich-Suche, die Angst oder den heimlichen Widerstand der Fragenden und Versuche, das Wesen des Kriegs zu verstehen. Diese Ausarbeitung der Motive ist deutlich in: Peter Härtling. Nachgetragene Liebe (1980), Sibylle Knauss. Die Nacht mit Paul (1994), Siegfried Lenz. Deutschstunde (1968), Christoph Meckel. Suchbild. Über meinen Vater (1980), Elisabeth Plessen. Mitteilung an den Adel (1976), Ruth Rehmann. Der Mann auf der Kanzel. Fragen an einen Vater (1979) und Bernward Vesper. Die Reise: Romanessay (1977).

Der Ausgang einer Erzählung kann abschließenden Charakter haben und einen Appell an die Gefühle der Leser richten. Aber die Stilisierung einer schuldlos leidenden Generation und die Formeln „Nie wieder, niemals vergessen“ können zu sinnentleerten Ritualen werden, wenn Kinder die Taten der Väter nicht vergessen können, wenn Kriege in Albträumen fortbestehen oder ein neuer Krieg droht. Ebenso kann der Schluss in die Zukunft weisen und zum kritischen Nachdenken anregen. Ein Heimkehrer steht der fremdgewordenen Frau gegenüber, ein anderer fährt im Transport am Elternhaus vorbei und sieht, wie es gerade geplündert wird, und ein Erzähler stellt die Frage, ob wir „die von uns nicht empfundene Abhängigkeit“ von einem unabwendlich ablaufenden Geschehen zuletzt nicht doch „anerkennen“ müssen. Das Ende kann die letzte Konsequenz aus dem Geschehen ziehen. Der Tod wird vorhersagbar und kommt. Die Nachrichten melden nichts Neues (Erich Maria Remarque. Im Westen nichts Neues. 1929). Die weiße Fahne wird gehisst. Aber der Heimkehrer stirbt auf der Türschwelle des Elternhauses (Heinrich Böll. Billard um Halbzehn. 1959).

Motive der Ortsbestimmung vermitteln den Eindruck anschaulich erfassbarer Schauplätze der Handlung. Sie schließen an die Verkündigungstopik an und werden mitunter zu einer elementaren, geistigen Formel verknüpft. Sie verleihen häufig Handlungsabläufen aus der Sicht eines unaufhaltsam abrollenden Prozesses ihre innere Stimmigkeit. Wiederkehrende Ortsbestimmungen sind zentrale Plätze, auf denen Schlachten ausgetragen wurden (Ardennen, Ostfront, ein U-Boot, der Untergang der Bismarck oder der Scharnhorst, Stalingrad, Moskau, Berlin, Dresden, Palermo, Monte Cassino und Orte der Siegerehrung wie etwa das Brandenburger Tor). Jeder Ort ruft sofort historisch nachweisbare und bekannte Ereignisse ins Gedächtnis. Andererseits verknüpfen Autoren die Handlung mit abseitigen, am Rand des großen Geschehens liegenden Plätzen. Leser werden in abgelegene Orte in Schlesien, Polen oder Jugoslawien versetzt und erfahren die Auswirkungen des Krieges im Ausschnitt der kleinen Welt. Der Ort verknüpft prägnante Augenblicke mit auswechselbaren Situationen und vergleichbaren, wenn auch durchaus gegensätzlichen Reaktionen. So tritt beispielsweise das Brandenburger Tor in Fontanes Gedicht „Einzug“ (16.6.1871) markant hervor: „Zum dritten Mal / Ziehen sie ein durch das große Portal; / Die Linden hinauf erdröhnt ihr Schritt, / Preußen-Deutschland fühlt ihn mit.“ Die Assoziationen Krieg, Sieg, Siegerehrung sind eindeutig. Sie motivieren das Geschehen und gehören zum festen Bestand kollektiver Denkbilder, die Günter Grass in Ein weites Feld (1995) desillusioniert: „Und siehe da. zum dritten Mal ziehen sie ein durch das große Portal. der Kaiser vorauf. die Sonne scheint. alles lacht und alles weint.“ Nähere Bestimmungen des Ortes, wie etwa Schützengraben, Gulaschkanonen, Feldlazarette oder Brücken gehen als Topoi in die Kriegsliteratur ein. Sie haben auslösende Funktion und unterstreichen bestimmte Verhaltensweisen: Warten, Reaktionen auf die Verteilung des Proviants an die Überlebenden, Sterben oder Davonkommen.

Aus den Kämpfen um Brücken, dem Aufbauen und Sprengen, dem plötzlichen Tod, zweigt sich das Motiv der Verkehrten Welt ab. Es leitet im Allgemeinen Reflexionen über die Sinnlosigkeit menschlicher Handlungen ein. Böll (Wo warst du, Adam? 1951) schildert beispielsweise, wie eine Abteilung von Pionieren unter der Leitung eines tüchtigen Majors, eines Fachmanns im Hoch-Tief-Bau, bei bester Laune eine gesprengte Brücke aufbaut. Alle sind mit dem Fortschritt zufrieden. Sobald die Arbeit beendet ist, kommt ein neuer Befehl. Ein anderer Pioniertrupp sprengt die Brücke, weil die geplante Gegenoffensive nicht stattfindet. In Aichingers Die größere Hoffnung (1948) rennt ein junges Mädchen mit einer wichtigen Nachricht auf eine Brücke. Sie wird von einer explodierenden Granate in Stücke gerissen; aber über dem Geschehen steht der leuchtende Morgenstern am Himmel. Das Motiv der verkehrten Welt wertet traditionelle Vor- und Leitbilder wie Väter, Lehrer und Offiziere ab. Die Personen handeln nicht verantwortlich, sondern verantwortungslos. Die von den Figuren verinnerlichte Ideologie der Pflichterfüllung artet zum Inhumanen, selbst Verbrecherischen aus. Lehrer, die selbst nicht dienen mussten, rufen ihre Schüler zum Krieg auf. In Lenz’ Deutschstunde verhält sich der Vater zu seinen Söhnen wie ein Jäger zum Wild. Er will erst den älteren, aus dem Lazarett geflohenen, dann den jüngeren zur Strecke bringen: „Ich trete nicht ab, bevor du zur Strecke gebracht bist.“64

Die Typik der verkehrten Welt betont den Verlust einer sinnvollen Ordnung. Unvereinbares steht nebeneinander: Der Sterbende in einer Blutlache träumt, er fliege in den Äther. In einer Reihe von Texten steht die Besinnung auf die heile Natur in scharfem Kontrast zu der verwüsteten Erde. Aber die Anrufe der beseelten Natur tragen nicht und werden darüber hinaus oft desillusioniert. Die Göttin Natur, die Naturmächte, Flüsse und Bäume, das fruchtbare, bebaute Land, Felder und Gärten, alles wird in Kahlschlag verwandelt. Der Blick durch das Fernrohr bringt den Feind näher. Er klärt jedoch nicht, sondern verstellt den Zugang zur Welt. Deshalb kann Beckmann in Borcherts Draußen vor der Tür (1947) durch seine Gasmaskenbrille die Wirklichkeit nicht mehr erkennen. Letztlich steht die gesamte Welt unter dem Vorzeichen der Umkehrung. Oben ist unten und unten oben: „Fünf Tage lang ging die Sonne über Dresden nicht auf und nicht unter. Das Feuer war heller als die Sonne.“65 Die Kriegsmaschine zieht ihre Bahn am Himmel. Dann bohrt sie sich in einem heulenden Sturm von Asche und Schutt in die Erde, um in die Unterwelt einzudringen. Im Umfeld der versehrten Landschaft treten die Farben Schwarz und Rot besonders häufig auf. Farben und Farbschattierungen senden starke Reize aus. Die durch Kontrastierung und Umwertung erzeugten Signale sind leicht fassbar. Sie beleuchten in konzentrierter Form komplizierte Sachverhalte. Schwarz ruft sofort den Tod, rot das Feuer und Blut auf den Plan. Die grüne Fläche ist überlagert von rotem Schein; Schnee und Himmel werden rot oder schwarz und rußig.66 Hofmannsthal entwickelt beispielsweise in der „Reitergeschichte“ (1898) eine Szene des Sonnenuntergangs. In ihr führt er im Bild der Entweihung des Feigenblatts das biblische Motiv des Sündenfalls zur Deutung des Krieges an. Die „in schwerem Dunst untergehende Sonne“ wirft eine „ungeheure Röte“ über das ganze Land: „Ein roter Widerschein lag auf den weißen Uniformen und lachenden Gesichtern, die Kürasse und Schabracken funkelten und glühten, und am stärksten drei kleine Feigenbäume, an deren weichen Blättern die Reiter lachend die Blutrinnen ihrer Säbel abgewischt hatten.“67

Die besondere Eigenart von Hofmannsthals Novelle und zahlreicher anderer Erzählungen besteht in dem Kunstgriff, das Motiv der „feindenden Welt“ nur untergründig anklingen zu lassen. In August Stramms „Patrouille“ (1915) dagegen feindet die ganze Welt. Steine, Fenster, Sträucher und Berge feinden. Die Landschaft bietet keinen Schutz. Die Natur ist durchsetzt vom Heulen der Granaten, dem Getöse der Volltreffer und dem Röcheln und Schreien der Verletzten. Der Einzelne ist eingekreist und kann nicht mehr handeln. Heinz Piontek stellt im „Untergang der Scharnhorst“ (1953) fest: „Die See bedeckt sich mit heißer Angst … Daß wir uns nimmer retten können / vor dem Tumult des Sterbens, / wenn die Zeit uns feind ist!“68 Dass die Zeit aus den Fugen ist, bezeugt die hohe Frequenz von durchaus unterschiedlichen, in der Reihung und Wiederholung jedoch schematisch wirkenden Schilderungen der Unordnung, des Durcheinanders, der Auflösung und des Verlusts des Überblicks. Sie erwecken die Vorstellung des Chaotischen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺3.020,72

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
460 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783772000287
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar