Kitabı oku: «Laura im Netz»

Yazı tipi:

Horst Schwarz

Laura im Netz

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

ANHANG

Impressum neobooks

Kapitel 1

Laura im Netz

Jugendroman

von

Horst Schwarz

Vita:

Horst Schwarz Kinder-, Jugend- und Fachbuchautor, Fortbildungsreferent, Stimme zahlreicher Hörbücher, studierte Sozialpädagogik und Theolo­gie, war viele Jahre Dozent an der Fachakademie für Sozialpä­dagogik in Nürnberg, war Online-Berater und Jugendschöffe am Amtsgericht.


Allen Jugendlichen, die mir durch ihre persönlichen Bei­träge wie Inter­neterlebnisse und Chatprotokolle Stoff zu dieser Er­zählung geliefert ha­ben, möchte ich danken, ebenso den Beamten der Polizeiberatung Zeughaus der Kriminalberatungsstelle der Nürnberger Kriminalpolizei.

Horst Schwarz

Die Handlung und die darin vorkommenden Personen sowie ENAF, TeeniesMeeting, SatelitPlayWorld, life.looking.com und die Whatsapp-Gruppen Crazy Bitches, Coole Warmduscher, Arm aber Sexy sind frei erfunden.

Jegliche Übereinstimmung ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Nürnberg 2017

Lektorat: Eva Reiß, Leuchtturm-Lektorat

Umschlaggestaltung: Ariane Schwarz

1

»Ciao, Laura, wir treffen uns dann heut’ Nachmittag in unserer Whatsapp-Gruppe Crazy Bitches. Bin ab drei Uhr on!« Caro nahm ihre Tasche, drehte sich noch einmal winkend um und sprang aus dem Schulbus, der sich schnaubend wieder in Bewegung setzte.

Jetzt war auch die letzte Mitschülerin ausgestiegen und Laura als Einzige in dem leeren alten Bus zurückgeblieben, der nach und nach allem Schüler an den jeweiligen Haltepunkten der Dörfer ausgespuckt hatte. Nun musste sie noch gut zehn Minuten durch die mittelfränkische Einöde tuckern. Laura ging nach vorne und setzte sich hinter den Busfahrer.

Der Busfahrer war ein freundlicher Mann mittleren Alters mit einem gutmütigen, runden Gesicht. Laura mochte ihn. Er hatte so etwas Väterliches, Vertrauenswürdiges an sich.

»Na, Mädel«, brummte er, während er mit seinen großen Händen das Lenkrad festhielt und nach vorne auf die immer schmaler werdende Landstraße blickte, »wie war die Schule heute?«

»Naja, passt schon«, nickte Laura, »wenn nur das doofe Mathe nicht wäre.«

»Hm«, brummte der Busfahrer, »das war auch nie meine Stärke. Drum bin ich Fahrer geworden, da muss ich nicht unbedingt rechnen.« Er lachte kurz auf und warf Laura von der Seite einen Blick zu. »Was macht ihr denn da so?«

»Bruchgleichungen und Formeln auflösen.«

»Und was heißt das?« Der Fahrer legte sein von der Sonne gegerbtes Gesicht in mitleidsvolle Falten.

»Naja«, seufzte Laura, »Bruchgleichungen sind Gleichungen, in denen ein x unten im Nenner vorkommt oder so, und das muss dann mit dem Hauptnenner multipliziert werden. Ach, ich weiß auch nicht. Egal. Wer braucht denn so was später?«

»Oh weh«, schnaufte der Fahrer, »das klingt ja alles sehr kompliziert. Gut, dass ich mir über so was keinen Kopf mehr zerbrechen muss.« Nachdenklich schaute er auf die Straße, die nun an einigen Feldern, Wiesen und ein paar alten Ställen vorbeiführte. »Hast du denn schon einen Freund?«, fragte er plötzlich und zwinkerte Laura zu.

»Einen Freund?« Laura lachte etwas gequält auf. »Hier in dieser Pampa? Hierher kommt ja noch nicht mal eine Freundin raus.« Lauras blaue Augen schauten nachdenklich und ein wenig traurig zu den Kühen hinüber, die auf der Wiese neben der Straße standen und mit leerem Blick vor sich hin kauten. Sie wohnte echt am Ende, um nicht zu sagen, am Arsch der Welt.

»Na, das kommt schon noch. Bist ja noch jung«, grinste der Busfahrer aufmunternd.

Der hat gut reden, dachte Laura und nickte nur. Wenigstens drei Jahre musste sie hier noch wohnen bleiben, dann war sie endlich achtzehn und würde so schnell wie möglich von hier verschwinden.

Während der Schulbus die letzte Kurve vor dem Dörfchen Wiesenbach nahm, gingen Laura schon die nächsten Gedanken durch den Kopf. Bestimmt herrschte zu Hause wieder Chaos und dicke Luft, wie so oft in der letzten Zeit.

Laura und ihre Mutter lebten seit einigen Jahren in diesem mittelfränkischen Fünfzig-Seelen-Dorf. Ihre Mutter ging nach der Trennung von Lauras Vater, mit dem sie nie verheiratet war, mehrere Männerbekanntschaften ein, die aber auch nicht lange anhielten. Sie war offensichtlich mit sich und ihrem Leben unzufrieden und mit der Erziehung einer Fünfzehnjährigen total überfordert. Immer wieder warf sie Laura vor, dass sie an ihrem persönlichen Unglück schuld sei. »Du hast mein ganzes Leben kaputt gemacht. Ich hätte dich gleich nach der Geburt weggeben sollen«, schimpfte sie immer öfter, ohne darüber nachzudenken, wie weh sie Laura mit solchen Äußerungen tat. Seit drei Jahren lebte sie mit Bernd zusammen, einem Landwirt, der neben ein paar Tieren auch noch einige kleinere Felder bewirtschaftete. Doch die Beziehung der beiden war schon lange nicht mehr herzlich. Mehrmals in letzter Zeit wollte Bernd seine Lebensgefährtin mit Tochter vor die Tür setzen. Aber Lauras Mutter wusste das jedes Mal mit allen möglichen Tricks zu verhindern.

Laura hasste ihre Mutter, weil sie sich ständig bei diesem Bauerntypen einschleimte, vor allem wie sie dies tat: »Na, mein Süßer, was darf ich dir zum Essen machen? Ich warte dann schon mal im Schlafzimmer …« Ekelhaft!

Aber andererseits, wo sollten sie hin? Ihre Mutter ging keiner Arbeit nach, hatte nichts gelernt, und zu Lauras Großeltern pflegten sie so gut wie keinen Kontakt. Oh, wie Laura das alles wütend machte! Egal wo sie war, sie hatte ständig diesen widerlichen Stallgeruch in der Nase, der bis in ihr Zimmer hochkroch und sich überall festsetzte. Manchmal rümpfte ihre Banknachbarin Alex die Nase, wenn der Pulli allzu sehr nach Bauernhof roch.

»Es ist wirklich alles zum Kotzen«, murrte Laura, während der Bus mit einem leichten Ruck anhielt.

»Bis morgen!«, rief sie dem Fahrer zu, warf ihren Rucksack auf die rechte Schulter und sprang aus der offenen Tür.

Der Fahrer brummte noch ein »Mach´s gut« hinterher, aber Laura hörte es schon nicht mehr.

Auf den wenigen Metern von der Haltestelle bis zum Haus malte sie sich schon aus, wie ihre Mutter mit Kopf-, Rücken- oder anderen Schmerzen in der Küche hockte und mal wieder kein warmes Mittagessen zustande gebracht hatte.

2

»Da bist du ja endlich!«, wurde Laura mit mürrischem Ton empfangen, kaum dass sie die alte Holztür mit einem kräftigen Ruck aufgedrückt hatte. »Bernd ist heute nach Schwabach gefahren, irgendwas besorgen. Der hätte mich ja auch mal mitnehmen können, der Vollpfosten. Ich wäre froh, mal aus diesem Nest herauszukommen. Du bist ja jeden Tag in Ansbach, und ich hock’ hier rum und verblöde. Im Fernseher gehen auch nur drei Programme. Das ist doch kein Leben.«

Laura kannte diesen Zustand. Erst schimpfte sie auf Bernd, dann auf ihre Tochter, die es ja so guthatte und jeden Tag in die Stadt fahren durfte. Wenn die Schimpfkanonade, die meist eine halbe Stunde dauerte, vorbei war, fing sie an zu heulen, schluchzte, dass sie sich bald im Stall aufhängen werde, weil keiner sie liebte, noch nicht einmal ihr eigenes Kind, für das sie doch alles tue.

Laura ertrug das Gezeter schon seit fast fünfzehn Jahren und wusste, dass es besser war, gar nicht darauf zu antworten. »Gibt’s was zu essen?« fragte Laura so nebenher.

Jetzt ging es aber erst richtig los: »Essen?« klagte ihre Mutter in bitterem Ton, »Bernd ist in der Stadt, der wird dort was essen, und du lässt sowieso immer die Hälfte stehen. Also für wen und warum soll ich kochen?«

Es war jeden Tag die gleiche Leier. Laura öffnete den Kühlschrank. Aber der bot auch nur einen traurigen Anblick. Laura seufzte.

»Ja, da kannst du meckern, du Ziege«, fing sie wieder an, »wann soll ich denn einkaufen? Ich komme ja hier nicht weg. Mich nimmt ja keiner mit.« Und nach einer kleinen Pause seufzte sie in weinerlichem Ton: »Ach Kind, ich glaube, wir ziehen doch hier weg. Muss mal mit deinem Vater reden, dass der etwas mehr zahlt. Dann könnten wir uns in Schwabach oder Ansbach eine kleine Wohnung nehmen.«

»Ja, ok«, war Lauras Antwort. Das Wort „Mutter“ war ihr schon lange nicht mehr über die Lippen gekommen. Wenn sie manchmal nach der Schule bei einer Freundin eingeladen war und sah, wie freundlich und partnerschaftlich Mutter und Tochter miteinander umgehen konnten, kamen ihr zuweilen die Tränen. In einer warmen Sommernacht war sie einmal in den gegenüberliegenden Pferdestall des Nachbarhofes gegangen, weil sie nicht schlafen konnte. Da hatte gerade eine Stute ihr Junges zur Welt gebracht. Liebevoll beugte sich die Stute über das Kleine und leckte ihm so lange über das nasse Fell, bis es trocken war. Als Laura dies sah, musste sie an ihre Mutter denken, die ihr immer wieder deutlich machte, dass sie ja letztlich gar nicht erwünscht wäre und ihr schon seit fünfzehn Jahren auf der Tasche liege. Laura waren in diesem Moment dicke Tränen die Wangen heruntergelaufen. In den fünfzehn Jahren ihrer Kindheit und Jugend war sie oft mit all ihren Fragen und Problemen allein gewesen.

»Ich geh nach oben und mache meine Hausis«, sagte Laura, nahm ihren Rucksack und stampfte die schmale Holztreppe nach oben. Ihre Mutter fragte nicht einmal: »Wie geht’s in der Schule? Was hast du denn auf?« Sie interessierte sich für nichts, was ihre Tochter betraf. Nur sie stand mit all dem Elend dieser Welt alleine da. Oh, wie Laura das alles verabscheute. Diese Frau, das alte Haus, den Stallgeruch, den Bauern, das Dorf … einfach alles. Aber in drei Jahren, wenn sie volljährig sein würde, wollte sie hier abhauen, das stand hundertprozentig fest. Sie wusste, dass ihre Großeltern väterlicherseits für sie ein Sparbuch angelegt hatten, das ihr dann etwas Startgeld in ein besseres Leben ermöglichen würde.

Laura öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Minki, die alte Hofkatze, kam ihr maunzend entgegen. Sie hatte den ganzen Vormittag auf Lauras Bett geschlafen und strich nun schnurrend um ihre Beine. »Wenigstens du freust dich, dass ich nach Hause komme«, sagte Laura, bückte sich und kraulte das struppige Fell. Als Antwort kam ein leises Maunzen, als hätte sie Laura verstanden.

Laura schloss die Tür. Das Zimmer war kalt und muffig, obwohl die Mittagssonne dieses schönen Spätsommertages durch die fast blinden Scheiben des Fensters strahlte. Laura hatte sich ihr Zimmer, soweit dies möglich war, nach ihren Vorstellungen eingerichtet. Über dem alten Bett hing ein Poster von Magic Mike. Auf der gegenüberliegenden Seite hatte sie eine Wandcollage mit verschiedenen Fotos gestaltet. Gleich daneben hing ein Wandregal mit ein paar Büchern. Laura las viel und gerne. "Fifty Shades of Grey" war natürlich ein Muss. Aber auch ein paar Schulbücher lagen notgedrungen auf dem Regal herum. Laura hatte viele Interessen. In der langen Zeit, in der sie immer wieder alleine war, hatte sie gelernt, sich selbst zu beschäftigen. Laura las nicht nur viel, sie hörte außerdem gern Musik. Im Augenblick waren Taylor Swift, Nicki Minaj und Sam Smith ihre Favoriten. Manchmal auch Fall Out Boy. Die Musik wählte sie gerne nach ihren Stimmungen.

Unter das Fenster, das hinaus auf den Hof zeigte, hatte Laura einen Tisch gestellt, auf dem neben einem Tablet, ein wenig Schmuck, ihre Schminke, Nagellack und ein Spiegel lagen.

Laura griff in die Jeanstasche und holte ihr Smartphone heraus. Es war neben dem Tablet ihr wichtigstes Instrument zur Außenwelt. Erfreulicherweise hatte ihr Vater die Kosten für eine Flatrate übernommen, sodass sie wenigstens diesen Luxus genießen konnte. Ohne Internet und die Möglichkeit mit Freunden jederzeit Kontakt aufnehmen zu können, wäre sie hier in dieser Einsamkeit bestimmt schon gestorben. »Wer nicht on ist«, hatte einmal ihre Freundin Simone gesagt, »nimmt nicht am Leben teil.« Und wenn Laura so darüber nachdachte, stimmte das auch. Denn im Internet pflegte sie ihre sozialen Kontakte und erfuhr wenigstens, was außerhalb der Schule und dieses trostlosen Dorfs stattfand.

3

Im achtzig Kilometer entfernten Nürnberg legte in diesem Augenblick Wolfgang sein Smartphone aus der Hand und lehnte sich entspannt zurück. Der Fünfundvierzigjährige hatte sich mit falschen Angaben im kostenlosen Chatforum ENAF (Everybody Needs A Friend) angemeldet. Die Idee war ihm gekommen, als er seinen 16-jährigen Sohn Maik immer wieder mit Freundinnen chatten sah.

Wolfgang fühlte sich schon lange zu jungen Mädchen hingezogen, besonders zu den Zwölf- bis Sechszehnjährigen. Er konnte nicht sagen warum, aber sie übten auf ihn eine erotische Anziehungskraft aus, und er spürte jedes Mal eine starke Erregung, wenn er ihnen begegnete und in der U-Bahn oder im Supermarkt an der Kasse dicht neben ihnen stand. Beruflich und auch sonst hatte er nichts mit Mädchen in diesem Alter zu tun.

Darum schaute er ihnen heimlich nach, wenn er im Sommer im Straßencafé oder im Schwimmbad saß und durch seine dunkle Sonnenbrille die Augen wandern ließ. Es wühlte ihn immer wieder aufs Neue auf, wenn er die schlanken Beine in enganliegenden Jeans oder die sportlich jungen Körper im Bikini sah und die kleinen Brüste, die sich leicht durch das T-Shirt abzeichneten oder nur von knappen Oberteilen bedeckt waren. Diese Bilder umkreisten ihn Tag und Nacht wie Satelliten die Erde.

Niemand wusste von seinen Neigungen, durfte und sollte es auch nicht wissen. Sie lagen wie eine schwere Last auf ihm, die er ständig unter Kontrolle halten, beziehungsweise unterdrücken musste. Manchmal kam er sich vor wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus der Novelle des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson, in der erzählt wird, dass aus dem gutmütigen und freundlichen Arzt Dr. Jekyll in der Nacht der ungezügelte und brutale Edward Hyde wird, obwohl es sich um ein und dieselbe Person handelt. Auch in ihm, Wolfgang, dem braven Ehemann, Familienvater, Arbeitskollegen und Nachbarn, kämpften zwei unterschiedliche Persönlichkeiten. Niemand in seinem Umkreis traute ihm diese nicht normalen sexuellen Wunschvorstellungen zu.

Das Internet und besonders die sozialen Netzwerke boten ihm nun die Möglichkeit, mit diesen, in der realen Welt unerreichbaren, Teenies in Kontakt zu treten, ohne seine wahre Identität und sein Alter preisgeben zu müssen. Hier könnte er online heimlich ausleben, was ihm offline, also in der Realität, nicht möglich war. Diese Fiktionen beschäftigten ihn so sehr, dass sie einen immer breiteren Raum in seinem Leben einnahmen.

Mittlerweile besaß er neben seinem PC auch noch ein Tablet und natürlich ein Smartphone, da viele seiner Bekannten und vor allem junge Leute nur noch mit diesen Dingern im Internet unterwegs waren.

Beiläufig schaute er seinem Sohn Maik hin und wieder interessiert über die Schulter, um sich mit Chatforen, die meist von Jugendlichen besucht wurden, vertraut zu machen.

Maik war vorrangig in einer Whatsapp-Gruppe unterwegs, die sich Coole Warmduscher nannte, aber auch in ENAF, wo er jederzeit alle möglichen Leute und Altersstufen treffen konnte.

Während Maik in der Whatsapp-Gruppe nur mit Kumpels, die er kannte, kommunizierte, war er in ENAF breiter aufgestellt.

"Zeig´ der Welt dein buntes Leben", hieß es im Werbetext, "und finde Menschen jeden Alters aus nah und fern, die dir gefallen! Sende und teile mit ihnen Bilder und Nachrichten rund um den Globus!"

Als Wolfgang gelesen hatte, dass sich hier bereits Kinder ab 12 Jahren aufhielten, wusste er: Hier bin ich richtig und registrierte sich in ENAF.

Ein Geburtsdatum war schnell auf 16 Jahre ausgerechnet und als persönlichen Neckname hatte er thomas16 angegeben, um sich als attraktiven Jungen darzustellen, weil er hoffte, damit leichter die Mädchen zu ködern.

In seinem Profil konnte nun jeder lesen:

Neckname: thomas16

Name: Thomas Neubert

(Er war der Meinung, dass es mit einem Nachnamen glaubwürdiger wirkte.)

Alter: 16

Wohnort: Köln

Beruf: Schüler, 9. klasse, Gymnasium

Interessen: Kino, Party machen, joggen, Fußball, zocken, schwimmen und chillen

Hobbies: Mädchen

Musik: alles Mögliche

ENAF war einfach und übersichtlich aufgebaut.

Anfangs sah Wolfgang dem Treiben der Chatter zu, immer noch misstrauisch und mit klopfendem Herzen, um nicht doch noch etwas falsch zu machen und als Fake erkannt zu werden.

Doch nichts Ungewöhnliches geschah. Er las eine Zeitlang die Unterhaltungen mit, die aber überwiegend dümmlicher Natur waren, und ihn daher wenig Interessierten:

»hi, wer will schreiben«

»wie gut, dass ich Benn heiß und kein voller Pfosten bin«

»möchte eine w chatten, bitte mit alter melden«

»Biba und tschüss«

»alles fit im schritt«

»huhu, süße Mäuse, wer mag in meine falle«

»?????? bitte melden«

...

Alle Teilnehmer hatten ebenfalls ein Profil gestaltet, das mehr oder weniger persönliche Angaben und Fotos enthielt.

Ja, ein Bild brauchte er noch, das Foto eines sympathischen Jungen, damit die Mädchen schneller auf ihn zukamen.

Er gab bei GOOGLE „16-jähriger Junge“ ein, ging auf Bilder und schon erschienen viele Jungs im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Manche waren nur Face-Pics, andere als Selfie in unterschiedlichen Posen, mal sportlich, mal verträumt, mal protzig, mal angeberisch. Einige zeigten sich sogar mit nacktem Oberkörper oder nur in Boxershorts.

Wolfgang entschied sich aus der Vielzahl von Pics für die Face eines blonden, etwa sechzehn Jahre alten Jungen und stellte es in sein Profil.

Nun brauchte er nur noch zu warten was passieren würde.

Sein Fangnetz im WWW war ausgelegt.

Kapitel 2

4

Laura warf sich auf ihr Bett, das bedenklich knarrte. Lange hielt dieses alte Gestell, in dem sicher schon Generationen von kleinen Bäuerinnen und Bauern gezeugt worden waren, nicht mehr stand. Aber egal. Sollte das alte Ding doch zusammenkrachen, vielleicht bekam sie dann ein neues oder aber sie musste auf dem Boden schlafen, weil es niemanden interessierte. Minki sprang gleich auf ihren Bauch und schnurrte genüsslich. Die Katze suchte immer wieder dankbar Nähe und Wärme.

Nach dem Schulvormittag mit Mathe, Deutsch und Sport war erst einmal chillen angesagt. Laura hatte sich auf den Rücken gelegt und starrte zu den alten Holzbalken an der Zimmerdecke hoch. Eine dicke Spinne hockte bedrohlich in einer Ecke und schien sie zu beobachten.

»Glotz nicht so«, murrte Laura angeekelt. Oh Mann, und immer dieser widerliche Geruch. Aber diesmal kam er intensiver von Minki, die sich oft im Stall herumtrieb und nach allem Möglichen roch. »Hau ab, Stinki!« Das struppige Tier hatte es sich aber so gemütlich auf Lauras Bauch gemacht, dass sie sich nicht vertreiben ließ, sondern nur noch fester zusammenrollte.

»Laura!«, bellte die schrille Stimme ihrer Mutter plötzlich durchs Treppenhaus. »Hol’ mal einen Eimer Wasser drüben bei den Hubers. Hier spinnt schon wieder die Zuleitung!«

Soll sie doch ihr Wasser selber holen. Laura biss sich auf die Unterlippe, setze die Kopfhörer auf und ließ Sam Smith, „In Theo Lonely Hour" noch lauter singen. Was ihre Mutter sonst noch alles rief, entzog sich deshalb Lauras Kenntnis. Nach oben würde sie eh nicht kommen, dazu war sie viel zu faul. Das wusste Laura, und auch das Gezeter würde bald wieder verstummen.

Caro wollte um 3 Uhr in die WhatsApp-Gruppe kommen. Caro, oder besser Carolin – aber ohne „e“ –, war eine gute Freundin, zeitweise sogar ihre beste. Sie wohnte ebenfalls auf dem Land, hatte aber einen älteren Bruder, der sie manchmal abends oder am Wochenende mit in die Stadt nahm. So konnte sie mehr unternehmen als Laura. Seit sechs Wochen hatte Caro einen Freund, ein Kumpel ihres Bruders, den sie auf einem Dorffest kennengelernt hatte.

Tja, und wenn Freundinnen einen Freund haben, dann verschieben sich oft die bis dahin gemeinsamen Interessen. Jungs können von heute auf morgen das Leben eines Mädchens auf den Kopf stellen. Dann heißt es nur noch: David hier und David da, David am Morgen, David am Mittag, David am Abend. Und wie er küsst und wie er knutscht, und na ja, das andere wollte sie gar nicht wissen. Für eine Solo-Gängern wie Laura waren solche Gespräche echt ätzend. Aber ok, wie sagte ihr Großvater bisweilen: »Man muss auch gönnen können!«

Wahrscheinlich flirtete sie wieder zeitvergessen mit ihrem süßen David am Smartphone. Dann könnte das natürlich dauern. Also hieß es geduldig sein und warten.

Laura schob die Kopfhörer wieder runter und begann nach etwas Essbarem zu suchen, denn ihr Magen knurrte schon hörbar. Minki sprang erschrocken unters Bett, als Laura so ruckartig aufstand. Irgendwo mussten noch ein paar Kekse und etwas Schokolade liegen. Ah ja, auf dem Bücherregal, sinnigerweise neben dem Buch Schlankwerden ohne Stress. Laura stopfte den Rest Schokolade und die Kekse in den Mund. Dann öffnete sie ihr Tablet und schaute auf Facebook. Aber außer ein paar neuen Mitteilungen von Sabrina, Melanie und Andy gab es nichts Interessantes. Steffi hatte mal wieder ihr Profilbild geändert, das natürlich von Marc lästernd kommentiert worden war. Tanja und Christine waren seit gestern Freunde. Laura musste grinsen. Ausgerechnet Tanja und Christine. Naja, warum auch nicht? Und der supercoole Mike glänzte mal wieder mit einem seiner Sprüche: »he schatzis, geschmeidig bleiben, bin gleich für euch da, muss nur noch gucken, was jogi löw, robbie williams und barack obama mir geschrieben haben * hab euch alle ganz doll lüb«.

Oh, da stand noch eine Freundschaftsanfrage. Laura klickte darauf. Oh nein. Nicole aus der Parallelklasse, die schon die ganze Zeit in ihre Whatsapp-Gruppe wollte. Nun versuchte sie es über Facebook. Laura wusste, wenn sie auf Bestätigen drückte, dann nervte sie nicht nur in der Pause, sondern auch noch auf Facebook und würde wohl bald wieder um Aufnahme zu den Crazy Bitches betteln. Würde sie aber auf Nicht jetzt gehen, wäre Nicole auf den Tod beleidigt. Also am besten erst mal gar nicht reagieren.

Neben der Whatsapp-Gruppe war sie auch in TeeniesMeeting und ENAF. Hier konnte sie schnell neue Leute entdecken und Bilder checken. Außerdem war sie auf intensiver Suche nach einem netten Jungen, denn dieses Sololeben war auf Dauer nicht der Hit.

Sie schaute auf ihr Smartphone und ging sowohl in TeeniesMeeting als auch in ENAF on, dann würde sie nichts verpassen und könnte schneller hin und her switchen. Aber von den Leuten, die sie kannte, war niemand on. Laura hatte in der letzten Zeit hier einige coole Typen erspäht, aber was Richtiges war nicht dabei. Dennoch fand sie es irgendwie interessant und spannend. Auf Facebook oder Crazy Bitches traf sie überwiegend Leute, die sie kannte. In TeeniesMeeting aber tummelten sich viele rum. Größtenteils wurde sie hier angetextet. Wenn die Typen dann annähernd höflich schrieben, war meistens eine kurze lockere Chatbeziehung entstanden.

Eine Zeit lang beobachtete sie in TeeniesMeeting die doofen Unterhaltungen der anwesenden Chatter mit Namen wie eierschale, I-have-a-dream, Crazy_Angel, sunnyforyou oder overkill:

»hi, mit Hit is fit«, »sportliche sie mit lust auf bockspringen«, »jemand heiß auf meine reckstange«, »brustkraulen gewünscht«.

Laura bekam Gänsehaut. Es sah so aus, als wenn sich wieder einmal nur überwiegend perverse Typen hier tummelten. Sie schüttelte angewidert den Kopf. Solchen Gestörten, die ihren Verstand nur in der Hose trugen, antwortete sie erst gar nicht.

Sie switchte wieder in ENAF.

Hier hatte Laura ihr Profil mit viel Mühe und Zeitaufwand gestaltet. Nicht ganz ohne Hintergedanken. Vielleicht fand sie hier ein Dating mit einen netten Jungen und möglicherweise konnte sogar mehr daraus werden.

Sie nannte sich: laura. angel,

und in ihrem Profil war zu lesen:

Name: laura

Alter: 15

Größe: 1,68 m

Haare: blond

Augen: blau

Körperbau: schlank

Typ/Stil: bequem, jeans & t-shirt

Alkohol: nur in geselliger runde

Essen: spaghetti, pizza, burger Wohnort: mittelfranken

Beruf: schülerin, gym, 8. klasse

Eigenschaften: ehrgeizig, freundlich, tolerant, lustig, aber auch leicht reizbar, ungeduldig, stur

Musik: Charts, Rapp, Country Pop

Lieblingsfilm: > Mit dir an meiner Seite <

Lieblingsspruch: "Man sollte sich die Ruhe und Nervenstärke eines Stuhles zulegen.

Der muss auch mit jedem Arsch klarkommen!"

Lieblingsbuch: Fifty Shades of Grey

Übrigens: Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht!

Als Bild hatte Laura ein Selfie von sich reingestellt, wo sie seitlich in die Kamera lachte und ihre Haare eine Gesichtshälfte verdeckten. Außerdem waren noch einigen Hinweis an gewisse Typen eingefügt:

1. Ich habe keinen Bock auf CamChat jeglicher Art. Im Übrigen wäre es nett, wenn du ein Facepic einstellst, denn ich sehe gern, mit wem ich schreibe.

2. Ich habe nichts verloren, bin hier also auch nicht auf der Suche nach irgendwas. Kaum zu glauben, aber man kann auch aus Langeweile chatten!

3. A t e n z i o n e: An alle CS- und TS-Gestörten:Ich bin nicht hier, um dich geil zu machen oder dir bei deinen Erektionsproblemen zu helfen. Wenn du zu peinlich ode­r zu blöde bist, um dich im wirklichen Leben auszutoben, ist das nicht mein Problem. Also nerv nur die Leute mit deinen dämlichen Fantasien, die so denken wie du! Kleiner Tipp am Rande: Es gibt genügend Einrichtungen für sexuell Frustrierte. Diese nennt man Bordell, geh dort hin oder ruf eine der vielen 0900-Nummern an …

4. Wenn du nur Ein- oder Zweiwortsätze nach dem Motto:»wie geht’s?«, »wie alt?« oder »woher?« zustande bringst, sag ich kurz und knapp »bye!« Denn auf oberflächlichen Smalltalk hab´ ich keine Lust!

5. Ich wäre sehr froh, wenn du über ein Mindestmaß an Denkorgan und Anstand verfügst. Also erspar mir bitte primitive, niveaulose und saudumme Sprüche und Fra­gen!

* * * D A N K E ! * * *


Aber trotz der deutlichen Hinweise musste Laura immer wieder feststellen, dass die meisten sie gar nicht gelesen hatten oder einfach ignorierten.

Als Caro weiter auf sich warten ließ, switchte sie erneut in TeeniesMeeting. Aber hier herrschte zurzeit tote Hose, obwohl die meisten doch jetzt aus der Schule kommen müssten.

Sie blieb on und schaute erneut in ENAF.

Fünf weibli­che und zwei männliche Nicknames waren hier mittlerweile on.

Laura grüßte mit »hi@all«.

Anstelle einer Antwort kam sofort eine Privatnachricht von reiferHerr. Laura sah auf die Altersangabe.

Ups, der war wohl ein bisschen älter. Das war nicht ihre Liga, und so klickte sie auf nein.

Dann erschien bigtail und fragte, wie es denn »so geht und steht«. Aber allein der Nick verhieß nichts Gutes. Wer sich schon „dicker Schwanz“ nennt und fragt, wie es steht, hat be­stimmte Absichten, auf die Laura nun wirklich keinen Bock hatte.

Es dauerte nur Sekunden, da gingen wieder private Anfragen von ü30-Typen auf. Laura wollte erst gar nicht wissen, mit welcher Anmache die notgeilen Kerle sie anschrie­ben. Sie hatte das alles schon zigmal gelesen: »na süße, wie gehts«; »auch lust auf lust«; »biste geil heute«; »was haste denn schönes an«; »biste auch allein«; »willste meinen mal vor der cam sehen« ...

Das Ekelhafteste ist ihr mal ganz am Anfang passiert, als sie noch neu in diesem Chatraum war. Da fragte einer an, ob sie auch eine Webcam habe. Als sie vorsichtiger Weise verneinte, meinte er, das wäre egal, er hätte eine, und ob sie ihn mal sehen wolle. Neugierig, wie sie eben war, stimmte sie ohne Bedenken zu. Dazu müsse sie allerdings in ein kostenloses Camchatportal wechseln.

Sie solle dort nur „Laura" in das Fenster schreiben.

Arglos folgte sie der Anweisung und öffnete. Nach einer Weile kam die Anfrage, ob sie an­nehmen wolle. Klar wollte sie. Also drückte sie auf Annehmen, und was sie plötzlich sah, haute ihr fast den Vogel raus.

Auf dem Bild sah sie einen Kerl mit runtergelassener Hose, der sich lustvoll selbstbefriedigte, laut stöhnte und fragte, ob ihr das ge­falle. Laura war so erschrocken, dass sie instinktiv auf OFF drückte und rief: »Aber hallo, was war denn das?«

In Gesprächen mit Freundinnen erfuhr sie, dass es wohl für perverse Kerle ein geiler Kick ist, sich nackt vor jungen Mäd­chen zu zeigen.

Nina wurde von einem Kerl einmal gefragt, ob sie ihm für fünfzig Euro einen gebrauchten Slip schicken würde.

Und Babsi erzählte, dass ein alter Knacker ihr hundert Euro bieten wollte, wenn er sie treffen und dann überall an­fassen dürfe. Sie brauche keine Angst zu haben, er wolle sie nur in seinem Auto ein bisschen befummeln.

Dass viele Kerle nach Nacktbildern fragen, scheint ebenfalls übliche Praxis zu sein.

Besteht denn das ganze Internet nur aus kranken und notgeilen Typen? dachte Laura.

Caro, die alte Trödeltante, war immer noch nicht on. Ihr David kaute ihr sicher wieder beide Ohren ab.

Vielleicht sollte Laura zwischenzeitlich einen Blick auf die Mathe-Hausaufgaben werfen – oder? Die bald anstehende Schulaufgabe ließ sie schon etwas unruhig werden.

Naja, tröstete sie sich, wenn ich meine 4 halten kann, passt es doch. Dabei durfte sie sich allerdings in Englisch keinen Ausrutscher leisten.

Aber im Verdrängen war Laura Meisterin. Ist ja noch eine Weile hin, verscheuchte sie ihre Bedenken. Man muss Prioritäten setzen. Das Leben besteht nicht nur aus Schule.

Ich check mal lieber ein paar Profile durch, vielleicht ist ein netter Junge dabei, mit dem man ganz normal schreiben kann.

Plötzlich las sie thomas16. Neugierig schaute sie sich das Profil an. Ein gutaussehender blonder Junge, so etwa in ihrem Alter, lachte sie mit hellen blauen Au­gen an. Darunter stand:

thomas neubert * 16 jahre * 9.klasse * gym.

Laura war sofort begeistert. Endlich mal ein Normaler.

Kein Scheiß, kein Sex, kein Imponiergehabe.

Mit klopfendem Herzen schrieb sie ihn an: »hi«

5

Der fünfundvierzigjährige Wolfgang war Autoverkäufer und ar­beitete für eine japanische Firma am Rande von Nürnberg. Wenn keine Kunden da waren und er nicht viel zu tun hatte, ging er in letzter Zeit immer häufiger in ENAF.

Deshalb war sein Smartphone allzeit griffbereit, und er konnte es notfalls auch schnell wieder in der Tasche verschwinden lassen.

Jetzt um halb drei waren seine beiden Kollegen aus der Mittagspause zurück, und in seinem Kalender stand erst um halb vier der nächste Kundentermin.

Er nahm noch einen Schluck Kaffee und schaute durch die große Fensterscheibe hinaus auf die Straße. Alles war ruhig. Zeit, um ungestört ins Internet zu gehen. Er nahm sein Smartphone, loggte sich in ENAF ein und war in Sekundenschnelle on.

Plötzlich entdeckte er, dass ein Mädchen ihn angeschrieben hatte. Sein Puls schlug schneller, und er merkte, wie seine Hände feucht wurden.

Eine Laura hatte ihm ein »hi« geschickt. Interessiert schaute er sich ihr Profil an und las auch ihre deutlichen Hinweise.

Sein Blick saugte sich eine Weile an dem Bild fest, wo ein blondes hübsches Mädchengesicht zu erkennen war. Leider hatte sie über eine Gesichtshälfte ihre Haare gelegt. Aber was er sah, gefiel ihm so gut, dass er sich kaum satt sehen konnte. Er musste ihr unbedingt antworten um den Kontakt herzustellen. So tippte er:

»hi laura, hier ist tommy«.

Aber Laura war inzwischen wieder in TeeniesMeeting geswitcht.

6

Zehn Minuten nach drei, und Caro war immer noch nicht on­. Och, Menno. Seit sie mit diesem David ging, war kaum noch Verlass auf die sonst so pünktliche Caro.

Laura kaute wieder nervös auf der Unterlippe herum und überlegte. Jetzt noch mal runter in die Küche gehen, um was Trinkbares zu or­ganisieren, wäre zu gefährlich. Ihre Mutter könnte auf dumme Gedanken kommen und ihr irgendeine Aufgabe reindrücken. Dann dürfte sie doch noch Wasser bei Hubers holen. So schlich sie leise in den Flur, denn in der hinteren Ecke stand meist eine Kiste mit Limo-Flaschen. Aber die alten Holzdielen knarrten und verrieten jeden Tritt.

»Laura!« tönte es sogleich von unten. »Laura, kannst du mal zum Maierle rüber und ein paar Eier holen? Dann kann ich dem Bernd heut’ Abend Spiegeleier braten.«

»Leck mich«, brummte Laura leise und dachte: Typisch für diese Frau, zuerst auf Bernd schimpfen, dass er in der Stadt Es­sen geht, und nun wieder diese Schleimtour: »Schau mein Schatz, ich habe dir ein paar Spiegeleier mit Speck gebraten.«

Laut sagte sie: »Muss Hausaufgaben machen und mit Caro Mathe besprechen!« Was ihre Mutter weiter von sich gab, konnte Laura schon nicht mehr hören. Sie schnappte sich eine Limo-Flasche, tauchte schnell wieder in ihr Zimmer ab und drückte die Kopfhörer auf die Ohren.

Na endlich: caro. maus geruhte bei den Crazy Bitches on zu kommen.

»hi, sry, musste noch Küche in Normalzustand bringen, sonst reißt mir meine mum alle haare raus«

»meine würde mich gleich schlachten«, tippte Laura zurück und grinste über die nette Ausrede ihrer Freundin. Niemals würde Caro zugeben, dass ihr David der wahre Grund für die Verspätung war.

»du sag mal«, regte sich Laura auf, »der Lehner knallt doch voll durch, nur weil ich in seinem ätzenden Unterricht auf mein Smartphone geguckt hab´, will er meiner Mutter einen Brief schreiben, und beim nächsten Mal sogar für 2 Tage konfiszieren oder so, darf der das überhaupt«

»die dürfen alles«, schrieb Caro, die stellvertretende Klassen­sprecherin war, »aber du hast doch Tablet und Festnetz«

»Festnetz is nur für meine gnädige frau Mutter da, und wehe ich hols in mein Zimmer, dann kackt aber die dampfe, und mein Tablet darf ich nicht außer Haus nehmen«

»ok, lol«, schrieb Caro.

»themawechsel«, war Lauras Antwort, »haste schon mein neues Profil in ENAF gesehen«

»wie, haste ein neues, mom ich gucke mal«

---

»so, wieder da, cool, und das mit der ATENZIONE für die notgeilen Kerle is ja heftig, aber ich find ok, hoffentlich liest das auch einer«

Inzwischen hatte Laura wieder einen Blick in ENAF geworfen und sah die Nachricht: »hi laura, hier ist tommy«.

»du caro, warte, hab ne message von einem tommy, muss schnell gucken«

»hä - tommy« Caro verstand nichts mehr.

Es dauerte eine Weile bis Laura wieder schrieb:

»o mann ist der süß«

»wo haste den denn kennengelernt«, wollte Caro wissen.

»hab in ENAF paar profile angeguckt, mir hat das pic gefallen«

»von dem typen«

»ja klar, und der kommt aus köln, echt supi, da würde ich auch gern mal hin«

»schreibst du dem«

»japp, schaut net schlecht aus, ist sechzehn und macht neunte klasse gym«

»he, der kann dir vllt die bruchgleichungen erklären, wenn der inner neunten ist, hatten die das doch schon«

»du und deine tipps«, schmunzelte Laura.

Aber wenn sie so darüber nachdachte, hatte Caro gar nicht so unrecht. Warum nicht, wenn er gut in Mathe ist …

»ich kann doch net gleich mit mathe über den herfallen,

ich kenn den typen doch gar net, aber die idee ist trotzdem supi *g* kanns ja versuchen«

»was schreibste dem denn, isser on« wollte Caro wissen.

»he langsam, mal nicht so neugierig, caro. maus, ich frag ja auch net nach deinem schatzi«

»da gibts nix zu fragen«, kam die etwas säuerliche Antwort.

»wers glaubt«, schrieb Laura zurück.

Eine kurze Weile herrschte Funkstille zwischen den beiden Freundinnen, dann schrieb Caro:

»isser denn auch woanders angemeldet, haste schon nachgeguckt«

»weiß nicht, kann ja mal gucken«

»sag mir mal wie der typ heißt, ich guck mir den mal an«

»finger weg«, schoss Laura zurück, »der ist meiner«

»ok, ok, keine bange, bin glücklich vergeben«

Nach einer weiteren Pause wollte Caro wissen:

»was machste denn mom«

»och, nix besonderes, mucke hörn un mit dir schreiben«

»guck doch mal auf fb«, schrieb Caro, »steht er denn mit seinem vollen namen drin«

»du nervst mit deiner neugier«, ärgerte sich Laura.

Dann flogen Belanglosigkeiten hin und her, während Laura immer wieder einen Blick auf das Bild des blonden Kölners warf. Ja, der war wirklich süß. So einen Freund würde sie sich wünschen. Er sah richtig toll aus und war sicher nicht so bekloppt wie viele andere hier im Chat.

»he«, meldete sich Caro, »schreibst du schon mit ihm, weil du so lange pausen machst«

»hehe, das willste jetzt wissen, lol«

»grüß ihn von mir, *g*«, schrieb Caro.

»jaja«, gab Laura zurück, was so viel heißen sollte wie „sehr witzig, der gehört mir“

»ist ja schon ok, darfst ihn haben, ist vllt nur ein fake«

»quatsch, das hättest du wohl gern, olle bitch«

Obwohl Laura wusste, dass sich in den sozialen Netzwerken viele unechte Typen rumtrieben, wollte sie an so etwas gar nicht denken. Dieser Thomas aus Köln schien ganz normal und echt zu sein, jedenfalls wollte sie das so glauben.

Dass Caro einen Freund zum Anfassen hatte, ärgerte sie schon ein wenig.

»Aber«, sie dachte wieder an Großvaters Leitspruch,

»man muss auch gönnen können.«

Nachdem Caro bei den Crazy Bitches off gegangen war, schaute Laura wieder auf das Profil von Thomas, um ihm zu antworten: »hi der und lg laura, wann biste denn meist on«

Dann ging sie doch auf Facebook. Caro hatte sie mit ihrer Neugier angesteckt. Sie gab bei Suche „Thomas Neubert“ ein. Sieben Treffer wurden angezeigt, aber ein blonder sechzehnjähriger Thomas aus Köln war nicht dabei.

7

Als Wolfgang so gegen zwanzig Uhr endlich nach Hause kam, war er genervt und schlecht gelaunt. Ein Kunde hatte zuerst eine Probefahrt gemacht, kam dann ewig nicht wieder zurück und bemängelte schließlich dies und jenes, warum er den Wagen doch nicht kaufen werde. Solche Kunden hasste Wolfgang. Ihn lange in Anspruch nehmen, Kaufinteresse heucheln, dann den Preis runter handeln und zu guter Letzt doch nicht kaufen.

»Maik hat eine Fünf in Deutsch heimgebracht«, empfing ihn seine Frau schon im Flur, »du musst unbedingt mit dem Jungen reden. Der versaut sich noch das Halbjahreszeugnis, wenn das so weitergeht. Auf mich hört der ja nicht. Die meiste Zeit hockt der im Internet, anstatt was für die Schule zu tun.«

»Ja, mach ich«, schnaufte Wolfgang angekratzt, »gibt’s auch was zu essen heut Abend?«

»Wenn du so spät heimkommst«, maulte seine Frau, »ist eh schon alles kalt.«

»Wenn alles kalt ist, kann ich auch später essen.« Wolfgang reagierte gereizt. »Ich muss sowie noch an den Schreibtisch«, sprach`s, drehte sich um und ging in sein kleines Büro, wobei er die Tür etwas heftig ins Schloss zog.

»Wie jeden Abend!«, hörte er seine Frau noch schimpfen, die sich wieder vor den Fernseher setzte, um nach kurzer Zeit einzuschlafen. Ein erträgliches Familienleben führten die drei schon lange nicht mehr. Sie arbeitete halbtags in einem Supermarkt an der Kasse, und der Sohnemann hing meist, wenn er nicht in der Schule war, in seinem Zimmer vor dem Tablet, und selbst unter der Dusche ging´s nie ohne griffbereites Smartphone. Gespräche beschränkten sich meist nur auf das Notwendigste.

Wolfgang setzte sich an den Schreibtisch und schaute auf das Display seines Smartphones. Vielleicht hatte sich das Mädchen auf seine Grüße hin gemeldet. Als er gerade in Ruhe einen Blick darauf werfen wollte, schlug die Haustür mit einem lauten Knall zu. Und schon ertönte sirenenhaft die Stimme seiner Frau: »Maik! Dein Vater will mit dir reden. Mach dich auf was gefasst. - Wolfgang, Maik ist da!«

Ohne anzuklopfen riss Maik die Zimmertür auf, gerade als Wolfgang sah, dass das Mädchen ihm eine Antwort geschickt hatte. »Mein Gott, was ist denn?« schnauzte er verärgert, als sein Sohn ins Zimmer polterte. »Kannst du nicht anklopfen?«

»Warum denn so förmlich? Hast wohl Geheimnisse«, grinste Maik und schaute über seine Schulter. »Was machst du denn in ENAF? Bist auf Partnersuche? Wer ist denn das auf dem Pic da? Hübsch, aber ein bisschen zu jung für dich.«

»Das geht dich gar nichts an«, fauchte Wolfgang und stieß seinen Sohn wütend zurück.

»Und du hast eine satte Fünf in Deutsch? Sag mal, soll das jetzt so weitergehen? Ich glaube, ich setz dich mal auf Internet-Verbot bis die Noten besser sind.«

»Hehe«, äffte Maik, »und was ist das da für ein Mädchen?«

»Nur die Tochter eines Kunden, wenn du es genau wissen willst. Ich muss was überprüfen.«

»In ENAF?«, schmunzelte Maik, »alles klar, Vater.«

Wolfgang hob seine Stimme. »Also ich will demnächst bessere Noten von dir sehen. Und jetzt Abflug.«

Maik knurrte irgendwas Unverständliches und trabte mit einem breiten Grinsen davon.

Wolfgang atmete einmal kräftig durch, griff nach dem Smartphone und warf erneut einen Blick auf das Display, als die Tür zum zweiten Mal aufflog und seine Frau im Türrahmen stand.

»Und? Was hat dein Sohn gesagt?«, wollte sie wissen.

Wolfgang war so erschrocken, dass sein schlechtes Gewissen ihn sichtlich zusammen zucken ließ. Seine Frau warf einen kurzen Blick auf das Display und sagte in vorwurfsvollem Ton: »Was machst du da? Wer ist das junge Ding? - Ach ja, so sieht also deine Abendarbeit aus, für die du sogar das Essen stehen lässt.«

»Nein, nein. Musste noch was nachschauen. Ein Kunde will seiner Tochter ein Auto kaufen. - Mit Maik habe ich geredet. Er will sich bessern. So, nun lass mich in Ruhe.«

Seine Frau seufzte und zog lautstark die Tür hinter sich zu.

Mittlerweile war Wolfgang jede Lust vergangen: der versaute Tag im Geschäft, sein Sohn mit Schulproblemen und nun auch noch seine nörgelnde Frau, die gesehen hatte was sie niemals sehen durfte. Alles Ärgerliche kam auch immer zusammen.

Wolfgang öffnete die untere Schreibtischtür und holte eine Flasche Weinbrand hervor. Erst mal einen kräftigen Schluck zur Entspannung.

Was hatte das Mädchen geantwortet? Wolfgang wurde ganz kirre. Er horchte in die Wohnung hinein. Alles ruhig. Die Geräusche des Fernsehers drangen leise aus dem Wohnzimmer, in dem seine Frau hoffentlich bald auf dem Sofa wieder einschlafen würde.

Der Weinbrand tat ihm gut. Noch einen Schluck, noch einmal durchatmen, dann las er:

»hi der und lg laura, wann biste denn meist on«

Sie hatte also geantwortet. Wolfgang fühlte sich mit einem Schlag wieder putzmunter. Der Kontakt war hergestellt. Eine leichte Erregung jagte durch seinen Körper. Irgendetwas ging in ihm vor, das er nicht beschreiben konnte.

Schon lange hatte er sich danach gesehnt, mit einem jungen Mädchen Kontakt aufzunehmen. Vielleicht könnte sogar mehr daraus werden. Der normale Alltag und vor allem das Gesetz verboten sexuelle Kontakte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen.

Sexuelle Handlungen an Kindern unter 14 Jahren sind ausnahmslos verboten. Jugendliche ab 14 Jahren dürfen miteinander Sex haben, z.B. eine 15-Jährige mit einem 16-Jährigern. Wenn einer von beiden allerdings älter als 21 ist, sind sexuelle Kontakte generell verboten, "weil der Ältere die fehlende sexuelle Selbstbestimmung des Jüngeren ausnutzen könnte".

§ 176 StGB

Die Gedanken sind frei, nur die Taten sind strafbar, entschuldigte Wolfgang seine Fantasien. Hier, in der Anonymität des Internets, so glaubte er, dürfte er seine Neigungen ausleben. Sicherlich zeigte Laura ihm weitere Bilder, vielleicht sogar im Bikini. Seine Einbildungskraft trieb ungute Blüten. Vielleicht konnte er sie sogar zu einem Treffen überreden.

Er wähnte sich schon ganz nah am Ziel seiner Sehnsüchte. Er musste es nur noch geschickt einfädeln. Aber da würde ihm schon noch was einfallen. Der erste Schritt, die Kontaktaufnahme, war getan. Nun galt es, Vertrauen aufzubauen.

Leider war sie nicht on. Also schrieb er ihr eine Antwort. Aber, was sollte er als Zeitpunkt eines gemeinsamen Chattens angeben? Wann war er ungestört? Vormittags war sie sicher in der Schule, nachmittags hatte er oft Kunden im Geschäft und auch keine Ruhe, seinen Neigungen nachzugehen. Er überlegte einen Augenblick. Vielleicht abends, dann könnte er sich in sein Zimmer zurückziehen und seiner Frau Büroarbeiten vortäuschen.

So schrieb er dann: »hallo laura, schön dass du antwortest, würde mich freuen, dich kennenzulernen, bin meist abends on, lg tommy«

Wolfgang schaltete sein Smartphone aus und fühlte wieder dieses Kribbeln am ganzen Körper.

8

»Na, Mädel, was machen deine Bruchgleichungen?«, grinste der Busfahrer freundlich, als Laura wieder die Letzte im Bus war und sich hinter ihn gesetzt hatte.

»Passt schon«, gab sie zurück, »hab´ jetzt einen, der mir´s erklären kann.«

»Das ging aber schnell«, lachte der Fahrer, »gestern noch solo und heute verliebt. Tja, die Jugend, dann mach´s mal gut, Mädel!«

Laura sprang aus dem Bus, der Fahrer schloss die Tür, gab Gas und ließ Laura in einer nach Diesel stinkenden Abgaswolke stehen.

Sie musste grinsen. Klar hatte sie einen. Sie kannte jetzt einen aus der neunten Klasse der sicher bereit war, ihr diese doofen Gleichungen zu erklären.

Schnell rannte sie nach Hause. Die Bäuerin vom Nachbarhof staunte nicht schlecht, als Laura ihr ein freundliches »Grüß Gott!« zurief. Sonst war das Mädchen immer verschlossen und mürrisch, aber heut war sie irgendwie anders.

Klar, sie war ja auch gut drauf, hatte nun einen Freund, wenn auch nur einen Chatfreund, aber wer weiß, es kann ja auch mehr daraus werden.

Ausnahmsweise war Lauras Mutter heute ohne Kopf- und sonstige Beschwerden und rührte in der Küche in einem übergroßen Topf, aus dem es nach Fleisch roch.

»Kannst gleich unten bleiben«, rief sie zur Begrüßung. »Gibt Essen. Nudeln mit Gulasch. Bernd mag das so gern!«

»Okay«, grinste Laura, »das ist ja mal was Neues.«

Endlich waren die Nudeln mit Gulasch verspeist. Bernd steckte sich eine Zigarette an, lehnte sich zurück und wollte einen auf Kumpel machen. »Na, Große, alles klar bei dir?«

»Alles klar«, nickte Laura, »muss nach oben, Hausi machen.«

Bernd machte eine großzügige Handbewegung, die ihr die Erlaubnis zum Aufstehen signalisierte. Laura stand auf und sprang zwei Stufen auf einmal nehmend die alte Holztreppe hoch.

Sie warf sich auf ihr Bett, steckte die Ohrstöpsel rein und ließ sich von Sam Smith verzaubern. Dann las sie wieder und wieder die Nachricht von Tommy. Sie hatte sie seit heute früh bestimmt schon tausendmal gelesen: »hallo laura, schön dass du antwortest, würde mich freuen, dich kennenzulernen, bin meist abends on, lg tommy«

Sam Smith´ Stimme und Tommys Worte ließen in ihr ein prickelndes Gefühl der Glückseligkeit aufkommen.

Kaum dass sie sich dem Zauber hingegeben hatte, holte Bernds kräftige Stimme sie in die Wirklichkeit zurück:

»He Große, wenn du deine Hausaufgaben machen willst, dann nimm mal deine Tasche aus dem Flur mit oder hast du alles im Kopf?«

Ach ja, ihren Rucksack hatte sie ganz vergessen. Also raste sie noch einmal runter und wieder rauf. Dabei wunderte sie sich über sich selbst, was Jungs in einem Mädel für Kräfte freisetzen können. Langsam begann sie, Caro zu verstehen.

Ja, Tommy hatte ihr geschrieben. Laura jubelte innerlich. Am liebsten hätte sie ganz viele Smileys mit Herzaugen geschickt.

Aber sie schrieb nur:

»thx für die message, freu mich, bin auch abends on, dir auch lg.«

Sie ging in die Whatsapp-Gruppe und notierte für Caro:

»der typ, also tommy, hat geschrieben, o mann, der ist so süß«

Laura blieb in ENAF und ging gleichzeitig in TeeniesMeeting. Kaum aber, dass sie allgemein »hi@all« geschrieben hatte, trudelten auch schon Anfragen ein wie: »na du«; »hi süße, zeig mal dein ganzes face«; »was geht so«; »was treibt dich hier rein«; »auch langweile«; »lust auf lust«; »magst rollenspiele«; »willste mal zugucken«.

Oh Mann, wieder nur notgeile Typen hier. TeeniesMeeting war von morgens bis abends leider voll von diesen gestörten Typen. Alle Altersstufen waren vertreten, obwohl es ein Chat für junge Leute war. Und je älter, je schlimmer und distanzloser. Aber nicht nur Männer, sondern auch Frauen oder Mädchen klopften an. Meist waren es Lesben oder Bi-Typen, die auch nur Sexgespräche wollten. In diesem Fall war Laura froh, dass sie auch hier nur das Bild reingestellt hatte, das eine Gesichtshälfte zeigte, sonst wären sicher noch "mehr Wespen auf dem Kuchen" gelandet.

Widerwillig nahm sie ihr Mathematikbuch. Diese Bruchgleichungen nervten tierisch. Aber sie musste jetzt langsam mal ran. Nächste Woche würde die Schulaufgabe anstehen, und die durfte sie nicht verhauen. Überhaupt sah es momentan nicht so toll mit ihren Noten aus. Aber wie sollte sie auch lernen bei all dem Stress, den sie zu Hause hatte?

Unruhig fiel ihr Blick immer wieder auf ihr Smartphone, als sie plötzlich bemerke, dass Caro bei den Crazy Bitches aufgetaucht war.

»na du, dein tommy hat also echt geantwortet«

»klar, warum denn auch nicht«

»und was schreibt er«

»nix genaues, er is meist abends on«

»vllt hat er ne freundin«

»jaja, hättest du wohl gern«, äffte Laura verschnupft.

Die beiden Mädchen schrieben noch eine Weile in ihrer Gruppe, da bemerkte Laura plötzlich, dass thomas16 on gekommen war.

»du caro, tommy ist jetzt on«

»hehe, da will ich euer glück net stören, viel spaß, und frag ihn gleich mal nach mathe un ob er ne freundin hat«

»cu«, war Lauras knappe Antwort. Dann drückte sie Caro weg und schrieb an thomas16:

»hi«

»hallo, grüß dich«, kam die Antwort, »wie gehts denn so und was machste«

»passt schon, mom hausi, doofes mathe«

»ach so, hausaufgaben für die schule, was macht ihr da«

»bruchgleichungen«

»okay«

Laura war etwas aufgewühlt. Immer wieder vertippte sie sich, denn ihre Daumen tanzten unruhig auf der Tastatur hin und her. Nur das Richtige schreiben, keinen Fehler machen, denn dieser Thomas schien echt in Ordnung zu sein.

»sag mal, biste auch auf facebook«, wollte Laura wissen.

»nein, warum fragste, ist das wichtig«

Seinen Facebook-Account durfte Wolfgang ihr auf keinen Fall verraten, denn da stand er ja mit seinen richtigen Angaben drin.

»und du«, forschte er weiter, »wo bist du sonst noch«

»naja, in TenniesMeeting, meiner Whatsapp-Gruppe, Facebook und hier in ENAF«, schrieb Laura, »aber in der Whatsapp-Gruppe sind nur die aus meiner klasse drin, da lassen wir keinen anderen rein, sry«

»schon ok«, antwortete er, »ich finds toll, dass ich dich kennen gelernt habe und wir miteinander schreiben«

Wolfgang überlegte spontan, ob er sich für diesen Zweck hier einen neuen Whatsapp-Account zulegen sollte, denn in irgendeiner Schublade musste noch sein altes Smartphone liegen. Wenn er sich eine neue Sim-Karte besorgte, konnte er mit ihr telefonieren und schreiben.

Laura überlegte derweil, ob sie ihn nach Mathe fragen sollte. Aber es würde ihn vielleicht erschrecken, wenn sie direkt mit ihrem Schulproblem kam. Auf ihre vorsichtige Frage, wie er denn so in Mathe sei, meinte er nur: »na ja, geht so«.

Dann schwenkte Wolfgang gleich auf Lauras Hobbies um, die sie ja ausführlich in ihrem Profil genannt hatte und erzählte, dass er gern Fußball spielt und den Film "Fifty Shades of Grey“ auch unheimlich geil findet und der Country-Pop von Taylor Swift zu seinen Favoriten zählt.

Den Film hatte Wolfgang gesehen, aber nach Taylor Swift musste er googlen um herauszufinden, wer das ist und was sie für einen Musikstil verfolgt.

Als Laura dies las, schlug ihr Herz wegen dieser vermeintlichen gemeinsamen Interessen noch heftiger.

Mit ihrer nächsten Frage zögerte sie einen Augenblick, doch dann musste es heraus: »darf ich dich was fragen«

Eine bange Ungewissheit brannte in ihr.

»klar«, kam die Antwort.

»hast du ’ne freundin« - Puh, jetzt war es raus.

Es dauerte eine gefühlte halbe Ewigkeit bis Thomas schrieb: »nein, bin solo und du«

»auch«, schrieb Laura und setzte sichtlich erleichtert noch einen Smiley dahinter.

Als Thomas wissen wollte, warum sie keinen Freund habe, denn sie würde doch sicher gut aussehen, beschrieb sie vorsichtig ihre Wohnsituation, die Mutter, das Dorf und das Bauernhaus. Je mehr sie erzählte, umso offener wurde sie. Irgendwie hatte sie Vertrauen gefasst zu dem unbekannten Jungen im Chat, der sehr nett und auch solo war.

Thomas gab freundliche Rückmeldungen, denn jetzt galt es Vertrauen aufzubauen:

»verstehe, geht mir auch so, lass dich nicht verrückt machen«

Als sie sich nach einer guten halben Stunde mit einem herzlichen »ciao« und »hdl« verabschiedeten, schlug ihr Herz Purzelbäume.

9

»Na«, wollte Caro wissen, als sie sich morgens im Schulbus neben Laura in den abgewetzten Sitz fallen ließ, »hast du mit deinem Tommy gestern noch schön geschrieben?«

»Oh Mann, der ist solo und sooo cool.« Laura lief vor Schwärmen fast über wie eine Regentonne nach einem Gewitter. »Und vor allem ist er kein notgeiler Spinner mit doofer Anmache und so. Und weißt du was, der steht auch auf Taylor Swift und war in "Fifty Shades of Grey", ist das nicht supi? «

»Hehe, ich merk schon«, grinste Caro, »dich hat´s ja ganz schön erwischt. Wann schreibt ihr wieder?«

»Kein Plan, vielleicht heut Nachmittag oder heut Abend. Oh Mann, Caro, der hat´s echt drauf.« Laura verdrehte schmachtend die Augen.

»Nicht, dass du später enttäuscht bist«, warnte Caro, »du kennst den doch gar nicht, und im Internet musst du immer vorsichtig sein.«

Warnungen wollte Laura jetzt gar nicht hören. Sie hatte sich seit gestern Abend aus der realen Welt verabschiedet und flog auf Wolke Sieben. Das musste ihre Freundin doch verstehen!

Der Schulvormittag zog sich schleppend hin. Immer wieder sah sie auf die Uhr. Bei Mathe dachte sie dann doch ernsthaft darüber nach, nachmittags bei Tommy nachzufragen.

»Na, Mädel«, lachte der Busfahrer, und wunderte sich über Lauras Eifer »du hast es heute aber eilig. Gibt’s was Besonderes?«

»Och nö«, grinste Laura, »alles im grünen Bereich.«

Schnell sprang sie aus dem Bus, als sie endlich Wiesenbach erreicht hatten. Der Busfahrer schüttelte lachend den Kopf.

Ihrer Mutter rief sie nur ein kurzes »Hallo!« zu, dann stürzte sie die Treppe hoch in ihr Zimmer.

»Was ist mitessen?«, rief sie ihrer Tochter nach.

»Später«, war die kurze Antwort, »erst was checken.«

Der Rucksack flog in die Ecke, aus der Minki erschreckt hochsprang. »Sorry«, brummte Laura und streichelte kurz die schwarz-weiße Katze, »muss doch mal ganz in Ruhe gucken, ob Tommy schon on ist.«

Seit sie aus der Schule war, starrte sie pausenlos auf ihr Smartphone. An der Haltestelle wäre sie fast gegen den Bus gelaufen.

Nun galt es, geduldig zu sein und zu warten. Vielleicht kam er ja bald on.

»Essen!« tönte es wie eine Sirene von unten, »wie lang´ soll ich noch warten?

»Ja, ja, bin schon unterwegs. Nerv´ mich nicht«, brummte Laura, schnappte sich ihr Smartphone und ging betont langsam die Treppe runter.

»Was gibt´s denn so Wichtiges, dass du gleich nach oben verschwinden musst«, maulte ihre Mutter, »da koch´ ich mal was, und dann steh ich hier und warte. Morgen darfst du wieder warten!«

Laura nickte und setzte sich schweigend an den Esstisch, während ihre Mutter lustlos in einer alten Zeitschrift blätterte.

Es war wie immer. Ihre Mutter scherte sich einen Dreck darum wie es ihr ging. Hauptsache sie allein war Mittelpunkt des Universums.

Gut, dass Laura nun endlich einen Freund hatte, mit dem sie hoffentlich all ihre Gedanken austauschen konnte. Immer wieder starrte sie gebannt auf ihr Smartphone, als müsse etwas ganz besonderes dort passieren.

10

Wolfgang hatte den ganzen Vormittag die neuen Wagenmodelle im Verkaufsraum mit Fahrzeugangaben und Preisen ausgezeichnet. Jetzt, am frühen Nachmittag, wollte er sich eine kurze Auszeit gönnen.

Am Automaten holte er sich einen großen Becher Milchkaffee mit Zucker und ging langsam in sein Büro.

Sein Smartphone lag eingeschaltet auf dem Schreibtisch. Ab und zu warf er einen Blick darauf.

Seit gestern konnte er kaum an etwas anderes denken als an diese süße Laura. Er musste unbedingt noch mehr Bilder von ihr sehen. Heute würde er sie fragen.

In seiner Fantasie malte er sich aus, wie sie im engem Pulli oder T-Shirt mit Hotpants, im Slip oder BH aussah. Welche Größe sie wohl hatte. Sie würde ihm sicher ein Bikinibild schicken, wenn er sie höflich fragte. Das dürfte doch nicht zu viel verlangt sein.

Und wenn sie weitere Bilder von ihm forderte? Eine dunkle Wolke legte sich über seine perfiden Fantasien.

Na, da würde ihm schon was einfallen.

Wolfgang lehnte sich in Gedanken versunken zurück und schlürfte seinen Kaffee, der mittlerweile kalt geworden war. Dafür wurde es ihm immer heißer. Laura geisterte fortwährend durch seine Gehirngänge, und sein gieriger Blick klebte am Display des Smartphones.

Ein Kunde betrat den Verkaufsraum und riss ihn aus seinen Träumen. Ausgerechnet jetzt. Missmutig stand Wolfgang auf: »Kann ich Ihnen helfen?« fragte er wenig einladend.

»Ich schau mich nur mal um«, war die Antwort.

Wolfgang verschwand wortlos wieder in seinem Büro.

Ein erneuter Blick auf das Display verriet ihm, dass Laura on war und ihm ein

»hi« geschickt hatte.

»grüß dich«, tippte er aufgeregt zurück.

»na wie gehts«, fragte Laura.

»immer gut« schrieb Wolfgang.

»was machste«, kam die Frage.

»hab auf dich gewartet«

Nach weiteren Nettigkeiten was jeder so im Augenblick macht, ging Laura zum Angriff über.

»du bist doch in der 9. klasse gym«

»ja, warum«

»dann habt ihr doch sicher in der 8. klasse bruchgleichungen gemacht«

»kann sein, warum«

»ich komm da net klar, vllt weißt du noch, wie das geht«

»und was«

Wolfgang schwitzte und spürte, wie sein Hemdkragen plötzlich enger wurde.

»ich soll die definitionsmenge bestimmen und die gleichung lösen, sagt dir das was«

»oh, na ja«

»7:3x = 5:6x – 1:4«

Wolfgang schluckte. Ach du lieber Himmel, woher sollte er das denn wissen? Das war doch viel zu lange her, dass er so etwas lösen musste. Außerdem war er nie gut in Mathe gewesen.

Dass sie ihn nach solchen Dingen fragen würde, hätte er nie im Leben gedacht. Wenn er jetzt was falsch machte, war er enttarnt und sie würde sich zurückziehen. Er musste also Zeit gewinnen.

»warte mal«

»gern«

Er überlegte, wie er aus dieser Nummer am besten wieder rauskommen konnte.

Dann hatte er eine Idee und schrieb:

»sry, meine mutter ruft, bin gleich wieder da«

»ok«

Wolfgang stand auf und ging in seinem Büro unruhig auf und ab. Wie sollte er das nun beantworten? Wo sollte er auf die Schnelle Informationen über Bruchgleichungen herbekommen?

Jetzt nach einer Seite zu googeln, die ihm vielleicht Aufschluss geben könnte, würde viel zu lange dauern. Außerdem müsste er es dann selbst kapieren, um es ihr wieder zu erklären. Er musste also irgendeine passende Ausrede finden.

So schrieb er:

»meine mutter nervt mal wieder, sie will, dass ich ihr jetzt sofort helfe, bist du heute abend on«

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺220,97

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
141 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783742754486
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar