Kitabı oku: «Ein Heiliger kann jeder werden»

Yazı tipi:

Hubert Gaisbauer

Ein Heiliger
kann jeder werden

Lebendig glauben mit Johannes XXIII.


Inhalt

Vorwort

Il chierichetto – Angelino, das Pfarrerlein

Lebensregeln für junge Männer

Mamma Marianna

Gott ist alles, ich bin nichts. E per oggi basta!

Chiamami il Santo Ufficio!

Der Mantel des Elija

Man muss die Freiheit aller Menschen achten. Gott tut es auch!

Wir Kinder des einen Vaters

Oboedientia et Pax – Gehorsam und Friede

Exerzitien mit Papst Johannes – I

Exerzitien mit Papst Johannes – II

Roncallis Freunde

Der Turm des Johannes

Nachwort

Anhang

Personenverzeichnis

Zeittafel

Quellen

Literatur

Herzlichen Dank

an meine Frau Renate für ihre Freude an meiner Arbeit, für viele Gespräche und wichtige Entscheidungshilfen.

Vorwort

»… übereilt euch nicht so, beginnt damit, recht entsprechend eurer Berufung zu leben, sachte, einfach und demütig; dann setzt euer Vertrauen auf Gott, der euch heilig machen wird, wann es ihm gefällt.« Franz von Sales

Mit sechs Jahren fasste Angelo Giuseppe Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII., den kindlichen Entschluss, »ein Heiliger« zu werden, und zwar nach dem schlichten und wahrhaften Vorbild seines Dorfpfarrers. Was dann folgte, war der genau vorgezeichnete Weg eines jungen Menschen, der sich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts entschlossen hatte, Priester zu werden. Eine weltabgewandte Seminarerziehung und die anschließende, streckenweise etwas holprige geistliche Karriere haben ihn nicht daran gehindert, eine Heiligkeit zu erlangen, wie sie der jetzige Papst Franziskus auch den Priestern von heute als Ziel vor Augen stellt: »Heiligkeit bedeutet ein in den Heiligen Geist ›eingetauchtes‹ Leben, die Öffnung des Herzens für Gott, beharrliches Gebet, tiefe Demut, brüderliche Liebe im Umgang mit den Kollegen. Heiligkeit bedeutet auch Apostolat – ein mit Eifer und in direktem Kontakt mit dem Volk Gottes ausgeübter taktvoller, treuer seelsorglicher Dienst.«

Roncalli hatte das Glück und die Gnade, immer Menschen begegnet zu sein, die ihn, den Seminaristen und dann den jungen Priester, gefördert, ermutigt, aber auch gefordert haben. Bei frühen pastoralen Erfahrungen wurde ihm der Blick geöffnet für die Zeichen der Zeit und für die Bedürfnisse der Menschen in der Welt. Im vorliegenden Buch wird daher an seine wichtigsten Lehrer, Anreger und Vorbilder erinnert und an seine frühen historisch-wissenschaftlichen Arbeiten, die keinen geringen Einfluss auf seine spätere Entwicklung zum »Konzilspapst« hatten. Während der Jahre im Dienst der vatikanischen Diplomatie lernte er, den neutralen Status des politischen Beobachters mit dem des Seelsorgers im tatkräftigen Einsatz für Notleidende zu verbinden. Orientierung und Ermutigung fand Roncalli auch bei großen Persönlichkeiten der Kirchengeschichte, jenen vor allem, die ihre Aufgabe in der Umsetzung der Reformen des Konzils von Trient gesehen haben.

Zu Roncallis Auffassung von Heiligkeit gehörten vor allem Güte, Humor, Realitätssinn und sein sprichwörtlicher »Geist der Einfachheit«, der es gestattet, seinen Ausspruch »Papst kann jeder werden« in den Titel dieses Buches zu verwandeln: »Ein Heiliger kann jeder werden.« Ohne große Mühe lässt sich bei Roncalli auch hier der wichtige Zusatz des Originalzitates anhängen: »Der beste Beweis bin ich.« Das Leben von Johannes XXIII. kann als heiligmäßig empfunden werden, weil es nicht nur »eingetaucht« war in den Heiligen Geist, sondern auch in die Schwächen und Nöte seines Charakters, seiner Herkunftsfamilie und in seine Schwierigkeiten mit einer oft unverständigen und überheblichen Umgebung.

Wie in dem Buch »Ruhig und froh lebe ich weiter – Älter werden mit Johannes XXIII.« (Wien 2011) sind auch im vorliegenden Band die wichtigsten Quellen Briefe und Tagebücher von Angelo Roncalli. Möglichst viele Originaltexte aus seiner Feder werden herangezogen, um ein möglichst authentisches und lebensnahes Mosaik zu bieten. Während der Schwerpunkt im ersten Band, dem Untertitel entsprechend, vorrangig auf der zweiten Lebenshälfte lag, wird im vorliegenden Buch besonderes Augenmerk auf die prägenden frühen Jahre gelegt.

Der Untertitel »Lebendig glauben mit Johannes XXIII.« kann als Einladung verstanden werden, wie Roncalli auf seinem Weg vom sechsjährigen Angelino zu Johannes XXIII. »immer in Bewegung zu bleiben«, um in der Lebenswirklichkeit des Glaubens möglichst wahrhaftig einer immer fortschreitenden Entwicklung gerecht zu werden, ohne die »Substanz« zu verraten. Mit dem von Roncalli entdeckten und angewandten Prinzip der »historischen Differenzierung« soll spürbar werden, wie Roncalli glauben lernte und wie seine überzeugende Frömmigkeit aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Heute des 21. Jahrhunderts transponiert und vielleicht sogar nachvollzogen werden kann. Es sind ja zeitlos gültige Qualitäten, die sein Profil bestimmten: Gleichmut, Klarheit und Ruhe gegenüber Ereignissen, Nachsicht und Verständnis gegenüber anderen Menschen, Freundlichkeit, Demut und Geduld. Wer will, kann bei Johannes XXIII. lernen, die eigenen Wünsche klar vom Willen Gottes zu unterscheiden und sich in »Gehorsam und Frieden« ruhig und froh der göttlichen Vorsehung zu überlassen.

Im Hause Roncalli, das mehr Köpfe zählte als jedes andere Haus der Ortschaft, gab es täglich dreißig Mäuler zu stopfen.

Am Abend eines jeden Tages war es der alte Onkel Zaverio, das Haupt der Familie, der den Rosenkranz anstimmte; und alle antworteten und bildeten dabei einen vielstimmigen Chor, dessen Nachklang in der Erinnerung, nach so vielen Jahren, die dazwischen liegen, noch immer ans Herz rührt.

Der Kinder waren es zwanzig, Geschwister und Cousins zusammen, und zwar genau zehn Knaben und zehn Mädchen.

Von den Knaben, die die beiden Vettern Battista und Luigi Roncalli der Reihe nach bekamen, war Angelino der erste und wurde sofort, dank seiner spontanen Vorliebe für kirchliche Dinge und seines unschuldigen und ruhigen Aussehens und Gehabens, der Bevorzugte und blieb auch weiterhin Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit. Außerhalb des Hauses nannten die Altersgenossen Angelino Roncalli il chierichetto, den ›kleinen Geistlichen‹. Mit 8 Jahren wurde er zur heiligen Kommunion zugelassen, an einem kalten Morgen der Fastenzeit und ohne besondere Feierlichkeit. Zugegen waren nur die Knaben und Mädchen mit dem Pfarrer und dem Hilfsgeistlichen. Der Papst erinnert gerne an die große Einfachheit dieser Zeremonie und an die folgende Einzelheit, die in seinem Gedächtnis haften blieb: Nach der Zeremonie begaben sich die Erstkommunikanten in das Pfarrhaus, um sich einzeln in die Vereinigung des Gebetsapostolates einschreiben zu lassen; und der Pfarrer Rebuzzini vertraute gerade dem Angelino die Aufgabe an, die Namen seiner Schulkameraden in eine Liste einzutragen. Das war die erste Anwendung der Schreibkunst, an die er sich erinnert, das erste Blatt, dem unzählige folgen sollten in über einem halben Jahrhundert fleißiger Arbeit mit der Feder in der Hand.

Aus »Stichworte für eine Biographie

des Roncallipapstes«, verfasst von Johannes XXIII.

im ersten Jahr seines Pontifikats, diese

selbstbiographische Skizze wurde

leider nicht vollendet.

Il chierichetto – Angelino, das Pfarrerlein

Als am 25. November des Jahres 1881 – es war ein windiger, regnerischer, kalter Tag – im engen Schlafzimmer der Eltern Marianna und Giovanni Battista Roncalli ein neuer Erdenbürger geboren wurde, war die Freude groß: nach drei Mädchen endlich ein Bub! Und damit berechtigte Hoffnung auf eine zusätzliche Arbeitskraft auf den Feldern, die von der Familie gepachtet waren. Fünf Hektar Land, dazu im Stall sechs Kühe, Milch und Kälber mussten mit den Grundherren geteilt werden. Viele arme Bauern lebten so vor hundert, hundertfünfzig Jahren in Norditalien, man nannte sie mezzadri, Halbpächter. Während der ersten Lebensjahre des Neuankömmlings bewohnte die Großfamilie, die man mit bis zu dreißig Personen eigentlich schon eine Sippe nennen müsste, in Brusicco, einem Ortsteil von Sotto il Monte, ein für die Gegend typisches Wohn- und Wirtschaftsgebäude, das man in seiner Schlichtheit mit stolzer Ironie Palazzo nannte. Angelo Giuseppe, so sollte der neue Roncalli mit vollem Namen heißen, wurde noch am Tag der Geburt von Don Francesco Rebuzzini getauft. Nachdem der als Pate ausersehene Großonkel Zaverio gehört hatte, dass es ein Bub sei, rannte er zur nahen Kirche Santa Maria Assunta, um alles für die Taufe zu arrangieren. Aber der Pfarrer war auf einem Krankenbesuch. Barba Zaverio wartete drei Rosenkränze lang in der kalten Kirche. Mit Inbrunst murmelte er halblaut Ave Maria um Ave Maria – »Maria presenta Gesù al tempio di Gerusalemme« […] den du o Jungfrau im Tempel aufgeopfert hast […]« – und bat die Madonna, dass sie dieses Kind unter ihren ganz besonderen Schutz nehmen möge. Als der Pfarrer am späten Nachmittag endlich zurück war, holte Zaverio eilends den Täufling, gefolgt von Mutter Marianna und Vater Battista. Es war eine schlichte Zeremonie. Im Licht der Taufkerze fragte Don Rebuzzini: »Credi in Dio, Padre onnipotente, creatore del cielo e della terra? Glaubst du an Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde?« Und Barba Zaverio antwortete für den kleinen Angelo Giuseppe: »Credo. Ich glaube!«


Angelo Roncallis Geburtshaus in Brusicco, Sotto il Monte; vor 1900

Barba Zaverio

Zaverio Roncalli war die unantastbare Autorität innerhalb des vielköpfigen Familienclans und auch innerhalb der Gemeinde. Er war fromm und für einen Bauern überdurchschnittlich interessiert und gebildet, besaß sogar einige Bücher und hatte eine religiöse Zeitschrift abonniert, den Bollettino salesiano, der kirchliche Themen auch aus weltweiter Sicht behandelte, dann katholische Zeitungen aus der Region und Diözese Bergamo, wo bereits damals die Ideen und ersten Aktivitäten der Katholischen Aktion lebendig waren, ja in mancher Hinsicht sogar ihren Ausgang nahmen. Daher war Zaverio auch aufgeschlossen: Mit großer Aufmerksamkeit und Sympathie verfolgte er 1878 den Pontifikatswechsel von Pius IX. zu Leo XIII., dem Papst, der in wichtigen Ansätzen bereits begonnen hatte, die Kluft zwischen Kirche und moderner Welt zu überbrücken. Ein Bild von Leo XIII., das Onkel Zaverio aus einer Zeitschrift ausgeschnitten hatte, prägte dem kleinen Angelino sehr früh die charakteristischen Gesichtszüge des »Vaters der katholischen Soziallehre« ein.


Großonkel „Barba“ Zaverio Roncalli

Barba Zaverio nahm seine Patenpflicht sehr ernst: Als Angelino nach achtzehn Monaten im Ehebett der Eltern dem nächsten Bruder weichen musste, nahm er sein Taufkind in seine Kammer – und in seine geistliche Lehre. Man bedenke, wie besonders prägend die ersten drei Jahre im Leben eines Kindes für seine spätere Entwicklung sind. Der achtsame Umgang mit den frühen Bindungsgefühlen eines Kindes hat neben der Sorge um körperliche Unversehrtheit oberste Priorität. Zu einem großen Teil lag diese Obsorge für Seele und Leib des kleinen Angelo in den Händen des Großonkels Zaverio. Er las ihm aus dem Leben der Heiligen vor, erzählte ihm von Jesus und den Aposteln und betete mit ihm. Jeden Morgen beim Aufstehen war Barba Zaverios Morgengruß das gemeinsame Beten des Angelus: L’Angelo del Signore portò l’annuncio a Maria. Und Angelino – noch schlaftrunken – hatte zu antworten: Ed ella concepì per opera dello Spirito Santo. Dann war es für die beiden auch an den Wochentagen Zeit, in die Frühmesse nach Santa Maria Assunta zu gehen. Angelino zuerst noch am Arm oder auf den Schultern des Großonkels, doch bald schon auf eigenen Füßen und als fleißiger und gewissenhafter Ministrant des Pfarrers Don Francesco Rebuzzini.

Diese Erziehung war so prägend, dass sich – mehr als siebzig Jahre später – der Roncallipapst daran erinnern wird. In der fragmentarischen autobiographischen Skizze nennt er Großonkel Zaverio »ein so wirksames Vorbild, dass der Vorrat an Erbauung nicht nur für einen Priester, sondern auch für einen Bischof und Papst ausreichen konnte.« Als Zaverio Roncalli im Mai 1912 im Alter von achtundachtzig Jahren starb, war sein Patenkind längst Sekretär des Bischofs von Bergamo. In Dankbarkeit und Liebe schrieb Don Angelo, der »liebste Großneffe«, den Text für das Erinnerungsbildchen: »Das heilige Licht des Lächelns Gottes belebe im Himmel ewig seine gepriesene Seele […]. Er war der Gerechte der Heiligen Schrift. Ehrlich, gottesfürchtig, in der Niedrigkeit seiner Herkunft und im bescheidenen Leben auf den Feldern hatte er lebendig und eindringlich die Gesinnung Christi und die Weisheit der himmlischen Dinge gelernt im Gebet und in der unablässigen Lektüre bester geistlicher Bücher.«

Heilige Priester

Zu den wichtigsten frühkindlichen Erinnerungen des späteren Papstes gehört auch, wie er als kaum Fünfjähriger seinen Pfarrer Don Rebuzzini eines Tages bei der Frühmesse über den eben verstorbenen Priester Don Luigi Palazzolo predigen hörte. Von dieser Predigt hat sich bei ihm ganz tief eingeprägt, wie der Pfarrer voll ehrfürchtiger Bewunderung von der Kanzel rief: »Der Priester Don Luigi Palazzolo ist jetzt bei Gott. Er war und ist ein Heiliger.« Von nun an waren die Worte »Priester« und »heilig« im Gedächtnis und im Herzen Angelos nicht mehr voneinander zu trennen. Vielleicht war dieser 15. Juni 1886 der Tag seiner Berufung zum Priestertum. Damals hätte es sich der kleine Bauernbub nicht träumen lassen, dass er selber siebenundsiebzig Jahre später – am 19. März 1963 – diesen Priester Don Palazzolo, den Gründer der »Gesellschaft der Schwestern der Armen« und Pionier kirchlicher sozialer Einrichtungen in der Diözese Bergamo, mit den Worten seligsprechen werde, sein Leben »war ein wahres Gedicht der Demut, der Verborgenheit eines Opfers, das heute in vollem Licht erstrahlt.«

Ein heiligmäßiger Priester war auch Don Francesco Rebuzzini selber, Angelinos Taufpriester. Er hatte in dem aufgeweckten Buben, der sich gerne in seiner Nähe aufhielt und ein eifriger Ministrant war, mit prophetischem Gespür einen zukünftigen guten Priester gesehen. Spaßhalber und doch voller Ernst reagierte er auf dessen bewunderndes Aufschauen zu ihm mit der vieldeutigen Warnung: »Angelino, ich sag’ dir, werd ja kein Priester! Schau auf unser steifes Kollar, wie es am Hals einschneidet und uns würgt!« So wollte er dem Buben klarmachen, dass das Leben eines Priesters aus vielen Entbehrungen und Zwängen besteht. Angelo sah aber nur, wie die Dorffrauen den Pfarrer ehrerbietig grüßten. Den eifrigen Ministranten nannten die Kameraden in der Volksschule bald spöttisch il chierichetto, »das Klerikerlein« oder »den kleinen Pfarrer«, vielleicht auch, weil er sich immer gerne etwas hervorgetan hatte. Als einmal ein Schulinspektor die Kinder fragte, was wohl schwerer sei, ein Doppelzentner Stroh oder ein Doppelzentner Eisen, schrie die Klasse »Eisen«, aber Angelino soll etwas überheblich geantwortet haben, Doppelzentner bleibe Doppelzentner, gleich ob Stroh oder Eisen. In den Pausen hatte ihm solche Besserwisserei manchen Fußtritt eingetragen, wie Klassenkameraden später bezeugten. Und der Klassenlehrer, ein antiklerikaler Freigeist, habe diesem Mobbing vielleicht sogar mit Befriedigung zugeschaut, jedenfalls ohne einzugreifen.

Steiniger Beginn

Der Vater hielt nichts von den Plänen Don Rebuzzinis, Angelino zum Pfarrer von Carvico zu schicken, damit ihm dieser die Grundzüge des Lateinischen beibringe. Eine gute Note in Latein war ja merkwürdigerweise das wichtigste Kriterium, ob sich ein Bub für den Priesterberuf eignet. Eine heimliche Allianz von Pfarrer, Mutter und Patenonkel Zaverio schaffte es schließlich, den Widerstand des Vaters so zu mildern, dass Angelo zum Pfarrer von Carvico geschickt werden konnte. Dieser Pfarrer, Don Pietro Bolis, war eine mächtige Erscheinung und hatte Hände wie der homerische Riese Polyphem – und er gebrauchte sie nicht nur für geistliche Handlungen, sondern nur allzu gerne auch für kräftige Ohrfeigen und Kopfnüsse. Besonders schwere grammatikalische Verstöße wurden mit öffentlichem Knien vor dem Pfarrhaus geahndet. Als aus Angelino sechzig Jahre später der ehrwürdige Patriarch von Venedig geworden war, erinnerte er sich mit Schmunzeln daran, aber die Pädagogik von damals lehnte er kategorisch ab: Schläge würden alles nur schlechter machen, man müsse erklären und nicht verdammen – si deve spiegare e non spregiare! In der visionären Eröffnungsansprache zum II. Vatikanischen Konzil wird er Ähnliches sagen. Irrende wird die Kirche nicht mehr »mit größter Strenge verurteilen«, sondern »eher das Mittel der Barmherzigkeit« gebrauchen und in der Lehre lieber argumentieren als strafen.

Als Angelo noch keine zehn Jahre alt war, entschieden Pfarrer und Eltern, ihn als externen Schüler an das Bischöfliche Kolleg von Celana zu schicken. Das Internat konnten sich die Roncallis nicht leisten, also wurde Angelo bei Verwandten untergebracht, hatte aber noch immer einen Schulweg von drei Kilometern, täglich zweimal. 1942 erinnerte sich Erzbischof Roncalli in einem Brief an seine Nichte Enrica an die Härte dieses Schulbesuchs: »Nach den Weihnachtsferien begleitete mich unser Vater zu den Wäldern von Faida hin, oberhalb von Villa d’Adda, und ließ mich dann allein nach Pontida weitergehen, wo ich im Haus unserer Verwandten wohnte. Wie ich da allein im Wald und in der Kälte stand und an die Wärme daheim zurückdachte, da weinte ich.«

Das Schuljahr 1891/92 war ein Jahr des Horrors. Täglich drei Kilometer zu Fuß ins Kolleg und drei zurück. Im Haus der Verwandten war ständig Streit wegen irgendwelcher Erbangelegenheiten. Die Mitschüler im Kolleg waren verwöhnte Knäblein aus der ortsansässigen Oberschicht, die den schlecht gekleideten und der italienischen Hochsprache anfänglich nur dürftig mächtigen Bauernbuben ausgrenzten und sogar mutwillig falschen Verdächtigungen aussetzten. Und der Lateinlehrer im Kolleg? Roncalli erinnert sich später: »Er verstand vielleicht etwas von Latein, aber von Pädagogik hatte er keine Ahnung. Alles was ich in Carvico unter so vielen Schmerzen gelernt hatte, war wie weggeblasen!«

Seminarist und Kleriker

Um der Quälerei im Konvikt von Celana ein Ende zu bereiten und vielleicht auch, um einem Verweis von der Schule wegen schlechter Lernerfolge zuvorzukommen, entschied die tatkräftige Mutter, ihren Buben von der Schule zu nehmen. Der Vater schöpfte wieder Hoffnung auf die Arbeitskraft in der Landwirtschaft und Angelo schlich mit hängendem Kopf zur Feldarbeit. Aber wann immer er konnte, verzog er sich mit einem Buch in einen Winkel, wo ihn niemand sah. Hätten Don Rebuzzini – und mit ihm Mutter Marianna – damals aufgegeben, Kirche und Welt hätten nie einen Johannes XXIII. und vermutlich auch kein II. Vatikanisches Konzil bekommen. Aber der Pfarrer und mit ihm die Mutter glaubten an Angelos priesterliche Berufung und trieben in der Person des Bergamasker Domherrn Morlani einen Wohltäter auf, der sich bereit erklärte, die notwendigen Mittel dafür bereitzustellen, dass Angelo das Kleine Seminar in Bergamo beziehen konnte. Die Grafen Morlani waren die Besitzer der von den Roncallis gepachteten Liegenschaften. Am 3. November 1892 trat also der elfjährige Angelo Roncalli ins Kleine Seminar von Bergamo ein. Tags darauf besuchte er mit Freunden das Grab von Don Palazzolo, der ihm seit jener Predigt Don Rebuzzinis vor fünf Jahren als Priester und als »Heiliger« im Gedächtnis geblieben ist, um davor zu beten.


Eintragung der Taufe in den Kirchenmatriken von Sotto il Monte

Ein Jahr später übersiedelten die Eltern Roncalli mit Großonkel Zaverio und dessen Bruder, dem Großvater Angelos, und anderen Verwandten in die angrenzende Colombera, ein Gut mit ca. 4 ha Land, das ebenfalls den Grafen Morlani gehörte.1 Angelo kam jetzt nur mehr in den Ferien nach Hause, der Fußmarsch von Bergamo nach Sotto il Monte nahm immerhin gut drei Stunden in Anspruch. Doch was alles hat er nicht schon als Kind auf sich genommen um der Erfüllung seines und vielleicht auch der Mutter sehnlichsten Wunsches willen, nämlich Priester zu werden: die Ohrfeigen von Don Bolis, Entbehrungen und Ungerechtigkeiten vieler Art, Mobbing und Spott von Schulkameraden.

In der geordneten Atmosphäre des Knabenseminars fiel es ihm dann allerdings leicht zu zeigen, was in ihm steckte: ein ausgezeichneter Schüler, der gerne lernte und leicht auffasste. Im Jahr 1895, mit vierzehn Jahren, war er seinem Ziel auch äußerlich sichtbar einen Schritt näher gekommen: Angelo trat vom Konvikt des Kleinen Seminars ins Große Seminar von Bergamo über. Er erhielt – man stelle sich vor: mit vierzehn und wahrscheinlich noch vor dem Stimmbruch – als verbindliche Kleidung Talar, breitkrempigen Klerikerhut und die sogenannte Erste Tonsur, bei der ihm ein Büschel aus dem Kopfhaar geschnitten wurde, als Zeichen des Eintritts in den geistlichen Stand. Wenn er in den Ferien nach Hause kam, begegnete man ihm im Dorf und in der Familie plötzlich mit einer merkwürdigen Hochachtung. Er bekam eine kleine Kammer zugewiesen, damit er auch in den Ferien »ungestört studieren« konnte. Er saß mit allen am langen Mittagstisch und aß die tägliche Polenta mit Kohlsuppe oder Bohnen; nur manchmal habe ihm die Mutter »etwas Besseres« zugesteckt, berichtete später einmal einer seiner Brüder. Hier, am heimatlichen Familientisch kam es immer wieder zu kleinen Unstimmigkeiten, da Angelo erst lernen musste, seinen Hang zur Besserwisserei zu erkennen und dann konsequent zu bekämpfen. Mit Beginn seines Lebens als Kleriker führt er auch ein Tagebuch, um seine geistliche Selbsterziehung, seine Frömmigkeitsübungen, seine Erfolge und Misserfolge festhalten zu können.

Das Ende der Kindheit

Der junge Kleriker mit seinen geistlichen Idealen, denen er nachzustreben sich heftig vorgenommen hatte, fand allerdings zuhause längst nicht immer das vor, was man sich unter einer geordneten christlichen Familie vorstellen mag.

Drei Generationen auf gedrängtem Raum – da ist es nicht immer friedlich zugegangen, wie vielen Briefen und Tagebucheintragungen zu entnehmen ist. Je länger er von zu Hause weg war, umso größer wurde eine unübersehbare Entfremdung als Folge der Wahrnehmung verschiedener – auch hygienischer – Unzulänglichkeiten. Vor allem war es die stets prekäre finanzielle Situation der Familie, die gerade ihn, der privilegiert im Seminar keinerlei Entbehrung erleiden musste, besonders stark drückte. So wurden die Ferien oft als quälend empfunden. Dazu noch die alten Roncallibrüder, der Großvater und der Paten-Großonkel, sie lagen in unversöhnlichem Streit und sprachen kein Wort miteinander, sodass Angelo einmal seinen Bruder fragte, wie das wohl einmal im Himmel sein werde mit den beiden, wenn sie überhaupt einmal dahin kommen sollten. Dem Tagebuch vertraut er an: »Diese verflixten Ferien […]. Angesichts einer solchen Armut, inmitten solchen Argwohns, bedrückt von so vielen Sorgen, muss ich oft seufzen und manchmal kommen mir die Tränen.« Oft – so scheint es – brachte er seine Angehörigen mit den Ratschlägen eines auf seine Art pubertierenden neunmalklugen Seminarzöglings, was er zwar bald als Charakterschwäche erkannte, aber nur mit Mühe lassen konnte. Einmal, gegen Ende der Sommerferien, notierte er im Tagebuch: »Heute ist es mir wieder besonders aufgefallen: ich habe ein gehöriges Mundwerk – ho sciolto lo scilinquagnolo – und rede wohl zu viel; ohne es zu merken, fange ich an zu predigen – Sparsamkeit im Reden, das wäre ein Opfer!« Auf der anderen Seite wurde die gute Gesprächsbasis mit den Eltern zusehends schmäler. Die Mutter beklagte sich einmal bitter, dass er ihr kalt und gefühllos begegne. Schuld daran war sicher weniger mangelnde Sohnesliebe als vielmehr ein Prinzip priesterlicher Erziehung im 19. Jahrhundert, in dem Gefühlsregungen selbst innerhalb der Familie nicht gerne gesehen waren. Natürlich waren es auch das intellektuelle Milieu im Seminar von Bergamo und seine eigene fortschreitende Bildung, die ihn von den schwer arbeitenden Landleuten entfremdeten. Leise nagten Schuldgefühle an ihm, die viele Jahre später noch zu spüren sind, wenn er einmal bekennt, dass er zwar sehr viel in Büchern gelesen habe, das Wichtigste in seinem Leben habe er aber in seiner Familie, bei den Eltern und Geschwistern gelernt. Man wird nicht lange rätseln müssen, was das wohl gewesen ist. Zahllosen Briefen ist es zu entnehmen. Trotz aller menschlichen Schwächen war es die tiefe Gläubigkeit, die sich immer wieder auch als Großherzigkeit den Armen gegenüber erwies, auch wenn man selber nur über das Notwendigste verfügte. Dann war es die Geduld. Geduld, die er lernen musste vor allem im Umgang mit Menschen, die – wenn auch anfällig und schwach – doch seine Nächsten waren. Sicher war ihm die Jesaja-Stelle vom richtigen Fasten (Jes 58,7) geläufig, in der es heißt, dass es genauso wichtig ist, sich »seinen Verwandten nicht zu entziehen« wie mit den Hungrigen das Brot zu teilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, die Nackten zu bekleiden. Wie schwierig es sein kann, sich um des lieben Friedens willen mit der eigenen Meinung – oft wider besseres Wissen – zurückzuhalten, zeigen die ehrlichen Eintragungen im Geistlichen Tagebuch. Nachdem er in einer Diskussion wieder einmal den Mund zu voll genommen und die Eltern gekränkt hatte, schrieb er in sein Tagebuch von der Erkenntnis der Notwendigkeit des Schweigens. Sie wird für sein ganzes späteres Leben gültig sein, besonders schmerzhaft empfunden hat er sie als Papst. Er schreibt: »Ich erkenne, dass ich immer dafür leiden muss, wenn ich zu allem schweige, geschehe es auch in bester Absicht; ich muss alles in mir verschließen, auch wenn ich mich dem Ersticken nahe fühle.«

Der Sommer des Jahres 1898 liest sich in der Rückschau des Geistlichen Tagebuchs wie eine einzige endlose Reihe von Selbstbezichtigungen: Nachlässigkeiten im Gebet, Lieblosigkeiten in Gesprächen, Ablenkung mit Zeitunglesen, nicht eingehaltene Vorsätze, das Gefühl, mit Gott nur »zu spielen«, Angst vor dem Fegefeuer etc. Dann aber ein Schlag, der ihn wirklich trifft, der seine Skrupel und Seelenblähungen auf den richtigen Platz verweist. Am Morgen des 25. September, es ist ein Sonntag, betritt Angelo die Kirche Santa Maria Assunta, um bei der Frühmesse zu ministrieren – und findet seinen geliebten Taufpriester Don Francesco Rebuzzini tot auf den Stufen des Altares. »Er kam mir vor – den Mund offen und blutig, die Augen geschlossen – wie Jesus, als er tot vom Kreuz abgenommen wurde.« Alle Schwierigkeiten und Prüfungen in seinem bisherigen geistlichen Leben erschienen ihm mit einem Schlag nichtig. »Was soll ich nun, nach dieser wirklichen Prüfung, nach dem größten Schmerz meines Lebens tun?« Mit dem Tod seines geistlichen Vaters endet die Kindheit – aus Angelino ist endgültig Angelo geworden, der auf dem guten, dem richtigen Weg weitergehen wird, auf den ihn einst Don Rebuzzini unter so vielen Widrigkeiten gesetzt hatte.

Apropos

Man schließe die Augen, nehme sich fünf Minuten Zeit und denke an seine Kindheit zurück, so früh, wie die Erinnerung reicht:

Wer hat mir von Gott erzählt?

Wer hat mit mir gebetet?

Wer hat mir aus der Bibel vorgelesen?

Wem könnte ich von Gott erzählen, wem vorlesen, mit wem beten oder eine Kirche besuchen?

Man denke: Auch Jesus hatte Eltern, Großeltern und Verwandte, die ihn gelehrt haben, das Sh’ma Jisrael zu beten und in den Prophetenbüchern zu lesen.

1 Erst 1919 wurden Haus und Land von den Roncallis um 55.000 Lire mit Hilfe eines Bankdarlehens gekauft. Dank eines guten Ertrags aus der ebenfalls betriebenen Seidenraupenzucht konnte die Schuld noch im selben Jahr um 11.000 Lire vermindert werden. 1946 teilte sich die Großfamilie: In der Colombera blieben die Familien von Angelos Brüdern Zaverio, Alfredo und Giovanni. Bruder Giuseppe ließ sich mit Frau und zehn Kindern in einem neuen Bauernhof in der Ortschaft Le Geròle nieder.

Heute Morgen bei der Besinnung habe ich wieder die Eingebung vernommen, meine Gedanken, meine Kämpfe aufs Papier zu bringen, und diesmal soll mich wirklich nichts davon abbringen.

Ich habe wieder einmal festgestellt, dass mir noch sehr, sehr viel zu tun bleibt, um ein guter Kleriker zu werden.

Was die Demut betrifft, so sitzt im Inneren noch eine gute Portion Eigenliebe, die sich noch immer vordrängt. Nächstenliebe, ja, dafür habe ich Eifer, oder wenigstens scheint es mir so, aber die wahre Nächstenliebe der Heiligen, die Liebe, die jeder Erprobung standhält, die starke Liebe zu Gott, zum Herzen Jesu, ist noch weit entfernt. Hoffen wir aber, dass sie noch komme.

Was die Reinheit betrifft, so ist es wahr, dass ich dank der Unbefleckten Jungfrau keine lebhaften Versuchungen verspüre, muss aber zugeben, dass ich in meinem Kopf zwei Augen habe, die mehr als geziemend sehen wollen und bisweilen unbewusst, wie ich glaube, die Oberhand über den Geist gewinnen.

Was die Sanftmut, die Milde und die Ruhe anlangt, das heißt also alles, worin die sanfte Gewalt des heiligen Franz von Sales, meines besonderen Beschützers und ganz besonderen Vorbilds erstrahlt, so habe ich nichts Schlimmes zu verzeichnen, aber auch nicht das, was ich erreichen sollte. Manchmal erhitze ich mich zu sehr in der Diskussion, bisweilen bin ich im Umgang mit meinen Angehörigen nicht gerade angenehm, nicht gerade liebenswürdig, und unendlich viele solcher Dinge.

Von meinen Gebetsübungen will ich lieber nicht reden, z. B. mit dem Rosenkranz bin ich ganz und gar nicht zufrieden.

Und jetzt befassen wir uns mit dem »Tu autem [sequere me]. – Du aber: Folge mir nach!« So erneuere ich meinen Vorsatz, wahrhaft heilig zu werden, und bekenne nochmals vor dir, gütigstes Herz Jesu, dich lieben zu wollen, wie du es wünschst, und mich mit deinem Geist erfüllen zu lassen.

Übrigens habe ich heute früh festgestellt, dass es etwas anderes ist, leichthin Vorsätze zu fassen als sie wirklich durchzuführen.

Geistliches Tagebuch, Eintragung vom

22. August des Heiligen Jahres 1900,

anlässlich der monatlichen Einkehr

Lebensregeln für junge Männer

Bergamo, Città Alta, die historische Oberstadt: eine überschaubare Piazza mit der wunderbar vielgestaltigen Basilika Santa Maria Maggiore, daneben der architektonisch eher konventionelle Dom. Vernunft und Frömmigkeit kennzeichnen die Atmosphäre, kein großstädtisches Gehabe. Der Markuslöwe ist allgegenwärtig, war doch Bergamo 400 Jahre lang westlicher Vorposten der Republik Venedig – und in den unruhigen Jahren der Reformation das nördliche Bollwerk im Abwehrkampf gegen die vom Norden her einsickernden neuen religiösen Ideen. »Backofen des Heiligen Geistes« wurde die Bischofsstadt genannt, weil aus ihr, verglichen mit anderen italienischen Provinzhauptstädten, jahrhundertelang die meisten geistlichen Berufe hervorgingen. Rund ein Vierteljahrhundert verbrachte Angelo Roncalli in dieser geistlichen Meile der Oberstadt zwischen Santa Maria Maggiore mit der schönen Colleoni-Kapelle und dem Priesterseminar, zuerst als Student und Seminarist, dann als Sekretär des Bischofs und schließlich als Spiritual am Priesterseminar.

Das Seminar (wörtlich übersetzt »Samenbeet«) als verbindlicher Ort der Ausbildung zukünftiger Priester ist eine der wichtigsten Errungenschaften des Reformkonzils von Trient. In dem sogenannten Seminardekret ordnete das Konzil für jede Diözese die Errichtung eines Seminars an und dessen qualifizierte Leitung durch Regens, Subregens und Spiritual. So sollte der oft bedenklich niedrige Bildungsstand des Klerus gehoben werden, sollten geistlich und sittlich gefestigte Priester aus den Seminarien in die Seelsorge entlassen werden. Ein besonders eifriger Umsetzer des Seminargedankens war Carlo Borromeo, der heilige Erzbischof von Mailand. Alle seine Apostolischen Visitationsreisen hatten die Gründung oder, wenn eines schon existierte, die strenge Prüfung eines Priesterseminars auf dem Programm. So war auch das Seminar von Bergamo von seiner Gründung an eng mit Carlo Borromeo verbunden. Angelo Roncalli, ein großer Verehrer des heiligen Erzbischofs, hat 1910 als Bischofsekretär in »seinem« Diözesanblatt Vita Diocesana die schwierigen Anfänge des Seminars von Bergamo und die ernüchternde Bilanz der Visitation durch Carlo Borromeo beschrieben: mangelnde Disziplin, finanzielle Unregelmäßigkeiten, durchschnittliche Lehrer und schlechte Studienerfolge, wenig begeisterte geistliche Leiter, schließlich die Unfähigkeit des Bischofs, sich gegen den Stadtrat durchzusetzen und Jesuiten nach Bergamo zu verpflichten, die in anderen Städten bereits erfolgreich Priesterseminare leiteten. Ein recht engherziger Regelkanon für die Zöglinge und Alumnen geht ebenso auf den heiligen Karl Borromäus zurück wie die für lange Zeit charakteristische Gebäudeform von Seminarien.

Pädagogisch war Strafe verpönt, zum Lernen sollte eher Freude als Furcht motivieren, Zuspruch eher als Drohung. Jede Insultierung eines jungen Seminaristen, körperlich oder seelisch, wurde als Skandal angesehen, dem der biblische Mühlstein um den Hals gebührt. In ihren Grundzügen traf diese Beschreibung des tridentinischen Seminars auch noch 1895, als der vierzehnjährige Angelo Roncalli vom Knabenkonvikt des Seminars von Bergamo ins Seminar der Kleriker aufstieg.

Das Seelentagebuch

Bald nach seinem Eintritt ins Priesterseminar kaufte sich Angelo ein Notizbuch mit 64 karierten Seiten und steifem schwarzen Einband, auf dessen Innenseite der Vierzehnjährige schrieb: »Lebensregeln für junge Männer, wenn sie im religiösen Leben Fortschritte machen wollen.« Das war die erste Eintragung in einem »Giornale dell’ anima«, dem geistlichen Tagebuch, wie es Roncalli bis an sein Lebensende weiterführen wird – und dessen Veröffentlichung sechzig Jahre später, ein Jahr nach seinem Tod, weltweite Verbreitung finden wird. Offenkundig hatte sich Angelo während der drei ersten Jahre im Konvikt einen so guten Ruf erworben, dass er zu den wenigen Auserwählten zählte, denen der Spiritual die sogenannte Kleine Regel überreichte. Angelo erweiterte sie zu seiner individuellen Lebensregel und ging so auch auf erkannte Schwächen und Neigungen ein. »Er schrieb sie mit der Hand in kleiner Schrift ab, bewahrte sie immer bei sich auf und befolgte sie, auch noch als Papst«, berichtet sein ehemaliger Sekretär Capovilla.

Gleich nach der Überschrift findet sich ein Satz, der den schwatzsüchtigen Kleriker Roncalli, zumindest in seiner Selbsteinschätzung, ein Leben lang zu schaffen machte: »Leeres Geschwätz aus dem Munde von Weltmenschen ist nur Geschwätz, aus dem Munde von Priestern aber ist es Gotteslästerung. – Nugae quae in ore saecularium nugae sunt, in ore sacerdotum blasphemiae.«

Dann folgt ein Zitat aus dem Tridentiner Dekret über den »vorbildlichen Priester«, der überall einen »ernsten, maßvollen und gottesfürchtigen Eindruck« zu hinterlassen habe. Unverzichtbar auf »dem Weg der Frömmigkeit und der Studien« ist für den angehenden Priester, sich aus den vorbildlichsten und klügsten Männern einen geistlichen Führer zu wählen, dem er sich wirklich uneingeschränkt anvertrauen kann.


Angelo Roncalli, Stipendiat am Seminario Pontificio S. Apollinare, Rom 1901

Dann folgte die »geistliche Checkliste«. Sie enthält (1) zwölf Punkte für jeden Tag: geistliche Lesung, mehrere Male Gewissenserforschung, Besuch des Allerheiligsten, Gebete, wenigsten drei Akte der Selbstverleugnung; (2) sieben Punkte für jede Woche: beichten und kommunizieren, Freitag und Samstag fasten, jeden Samstag »ein Tugendbeispiel oder Wunder der Muttergottes erzählen«; (3) fünf Punkte für jeden Monat: Einkehr und Selbstprüfung, einen Studienkollegen um Kritik bitten, den geistlichen Vater zwecks Bekenntnis der Verfehlungen aufsuchen, monatlich einen besonderen Schutzpatron wählen; (4) vier Punkte für jedes Jahr: Exerzitien, Jahresbeichte, Verhaltensregeln für die Ferien erbitten; (5) und schließlich neun Punkte für jede Zeit: sich vor »schlechten Kameraden« hüten, mit Frauen auch die kleinste Vertraulichkeit meiden, Frauen »nicht ins Gesicht starren«, auf Karten- und Würfelspiele verzichten, sich nicht duzen oder mit den Händen anfassen, außerhalb der Mahlzeiten nicht essen oder trinken, oft darüber nachdenken, dass in unserer Seele Unwissenheit und Sünde herrschen, Beleidigungen ertragen, immer schicklich und mit dem geistlichen Gewand bekleidet sein.

Insgesamt also dreiundfünfzig Verhaltensregeln, die einzuhalten sich der Vierzehnjährige fest vorgenommen hatte. Wen wundert es da, dass in den folgenden Eintragungen über Jahre hinweg Selbstbezichtigungen der Untreue, der Unfähigkeit und der Unwürdigkeit den Ton angeben: »Mein Gott, ich schäme mich, Du hast mir so viele Gnaden geschenkt, dass ich ein Heiliger sein müsste, statt dessen bin ich ein großer Sünder.«

Und dann die Angst! Es kann allerdings auch sein, dass das Erschrecken vor dem Zorn Gottes, ja die Angst vor der Hölle, die sich in den frühen Tagebucheintragungen finden, nicht sosehr der eigenen Erfahrung entstammen, als dass sie viel eher dem Stil und dem Wortschatz der geistlichen Literatur der Jahrhundertwende nachempfunden sind. Denn andere Lektüre als aszetische und erbauliche Schriften ist den Alumnen um die Jahrhundertwende ja kaum unter die Augen gekommen, fiel doch auch das Lesen der Tageszeitung unter das Verdikt der dreiundfünfzig Regeln. Wenn Angelo in den Ferien doch einmal Zeit mit Zeitunglesen »vertrödelte«, nahm er es reumütig in das Sündenregister für die wöchentliche Beichte auf. Was hat er da nicht alles aufgelistet, wovon er, zumindest in der kleinlich übertriebenen Tagebuchführung, überzeugt war, dass es einmal »vor das Gericht kommt«: Zerstreuung im Gebet, geistreiche und selbstgefällige Bemerkungen, Tagträume, Luftschlösser und Kartenhäuser, während des Stillschweigens gesprochene Worte, Eitelkeiten, Hochmut und dergleichen. Die alterstypischen Versuchungen der erwachenden Sexualität scheint er erfolgreich bekämpft zu haben. Mit sechzehn Jahren widmet er ein ganzes Kapitel des Tagebuchs »der heiligen Reinheit.« Er berichtet einmal, wie er sie zu bewahren gedachte: »Abends vor dem Einschlafen will ich den Rosenkranz der heiligen Jungfrau um meinen Hals legen, die Arme auf der Brust kreuzen und versuchen, in der gleichen Haltung am Morgen aufzuwachen.« Er fasst auch den Vorsatz, niemals Plakate oder Schaufenster zu betrachten, »wenn sie schamlose Dinge darbieten«, selbst in den Kirchen will er »nie Kunstwerke betrachten, vor allem keine Malereien«, die als anstößig empfunden werden könnten. Beim Weintrinken will sich Angelo auch zurückhalten, »denn im Wein liegt die gleiche Gefahr wie in den Frauen« – offenbar wurde an die Seminaristen zum Essen auch Wein ausgeschenkt.

Ein Bericht des Wachsens

Viele Jahrzehnte später, in einer Predigt an seinem achtzigsten Geburtstag, blickt der Papst dankbar zurück auf diese »Jahre der Unschuld« im Seminar und verweist damit auch all die skrupelhaften frühen Selbstbezichtigungen in den Rang der Nichtigkeit. Vieles davon darf man wohl als Imitation jener geistlichen Sprachattitüde ansehen, die sich sogar ein wenig gefiel in ihrem Hang zur Selbsterniedrigung. Doch im Laufe der Jahre tauchen Begriffe wie Strafe, Gericht, Buße in den Schriften immer seltener auf, das Wort Hölle kommt später so gut wie überhaupt nicht mehr vor. Zu Recht nennt der Roncalli-Biograph Peter Hebblethwaite das Geistliche Tagebuch einen »Bericht des Wachsens«. So rücken an die Stelle von Pflicht und Leistung, Strenge und Disziplin zusehends Vertrauen und Ergebung, Barmherzigkeit und Güte, Geduld und Liebe. »Gott weiß ja«, schreibt er im dritten Seminarjahr, »dass ich ihn auch in meiner Armseligkeit liebe. Er möge mich segnen und nicht verstoßen. ›Herr, du weißt, dass ich dich liebe.‹« Dieses Wort des Petrus aus dem Johannesevangelium (Joh 21,17) wird sich auch später in den Aufzeichnungen des Papstes immer wieder finden.

Einmal bekennt er geradeheraus, er wolle seinem Namen Ehre machen und »wirklich wie ein Engel werden«. Vorbilder waren ihm dafür die drei »engelgleichen« Jesuitenjünglinge Aloisius von Gonzaga, Stanislaus Kostka und Johannes Berchmans. Sie werden bei allen möglichen Gelegenheiten angerufen und zu ihrer größeren Ehre werden die alltäglichen Demütigungen ertragen. Angelo rief den heiligen Aloisius öfter auch an »als Zeugen von Versprechen« wie etwa den Hochmut zu bändigen oder »die Zeremonien besser zu studieren«. Inzwischen ist er ja bereits zum Ostiarier (früher ein Dienst als Türhüter oder Glöckner) und zum Lektor geweiht worden. Die Heiligen, denen sich die Seminaristen gerne anvertrauten, waren in der Darstellung des 19. Jahrhunderts süßliche, blutarme Gipsfiguren, die als Vorbilder hingestellt waren. Im geistlichen Reifungsprozess des Angelo Roncalli sollte es aber noch einige Zeit dauern, bis er den Mut fand, den Gips der leeren Konvention zu zerschlagen und die wahre Substanz dessen zu entdecken, was diese Heiligen wirklich ausmacht.

Das Leben verlief in dem gewohnten und ruhigen Fahrwasser der Einübung in das angestrebte Ideal klerikalen Lebens. Er wusste, dass »Treue zu dem erkannten Willen Gottes den Kern des Evangeliums« traf. Das glückte Angelo im Seminar bedeutend besser als zuhause in Sotto il Monte. Immer wieder klagt er über Unstimmigkeiten in der Familie während der Ferien.

Am Samstag, dem 24. September 1898 hat sich Angelo in Sorge um seinen offensichtlich schwer erkrankten siebenjährigen Bruder Giovanni der verzweifelten Familie gegenüber »recht unmanierlich benommen«, dabei wollte er eigentlich nur sein »Bestes tun«. Am Abend besuchte er noch Pfarrer Rebuzzini, vermutlich, um sein Versagen mit ihm zu besprechen, vielleicht auch um zu beichten. Zuhause, in seiner Studierkammer vertraute er sich dem Tagebuch an und seufzt: »Selig, tausendmal selig, sind die Ordensleute, die fern von den Sorgen der Welt nur in Gott leben. Ich beneide euch so sehr!« Das Gespräch mit Don Rebuzzini schien ihn aber doch beruhigt zu haben, denn er beschließt den Tag mit den Worten: »Wenn ich so bedrückt bin, scheint es mir, als könnte ich mit größerem Vertrauen in die Arme Gottes sinken, und ich bin glücklich dabei.«

Am Sonntagmorgen darauf, als er in der Kirche Santa Maria Assunta alles für den Gottesdienst vorbereiten wollte, fand er Don Rebuzzini tot auf den Stufen zum Altar. Ein unglücklicher Sturz infolge eines Schwächeanfalls. »Er starb, als er dabei war, sich selber, seine Krankheit zu bezwingen, nur um die heilige Messe feiern zu können«, schreibt Angelo am Abend ins Tagebuch. »Gestern hat er mir noch Arrivederci gesagt. […] Mögen die Gebete, die der gute Pfarrer für mich, seinen Benjamin, immer aufgeopfert hat, mich zu seinem getreuen Nachfolger werden lassen, damit das Arrivederci von gestern Abend in Erfüllung gehe.« Dass der Tod von Don Rebuzzini für den siebzehnjährigen Angelo eine entscheidende Markierung auf dem Lebensweg bedeutet hat, beweist auch, dass sich im Original des Tagebuchs eine handschriftliche Ergänzung des Papstes aus dem Jahr 1962 findet, die er einfügte, als sein Sekretär mit ihm über eine mögliche Veröffentlichung des Geistlichen Tagebuchs sprach: »Geistliche Notizen bei der Monatseinkehr / nach dem Tode von Pfarrer Rebuzzini / das heilige Zeichen meiner Kindheit / und meiner Berufung.«

Ende 1898 starb noch eine wichtige Bezugsperson, Luigi Isacchi, der Spiritual des Seminars von Bergamo. Er hatte den geistlichen Weg Angelos mit viel Wohlwollen begleitet, hatte ihn bestärkt über Fortschritte oder Rückschläge sein Tagebuch zu führen und war ihm ein vertrauter Seelenbegleiter. Der neue Spiritual, Don Quirino Spampatti, hielt nicht viel von der Gewohnheit Angelos, seine »kleinen Angelegenheiten zu Papier zu bringen.« Vielleicht war er auch den ständigen Selbstanklagen gegenüber etwas skeptisch eingestellt. Nach einer zweimonatigen Abstinenz, wahrscheinlich aus Gehorsam, drängte es Angelo doch wieder zu regelmäßigen Eintragungen. Der 19. März, das Fest des heiligen Josef, schien ihm das geeignete Datum dafür. Offenbar hatte er sich mit dem neuen Spiritual bereits arrangiert, denn plötzlich stellt er sich unwissend, »ob ich selber oder jemand anderer« an dieser Schreibpause »schuld war«.

Der Horizont weitet sich

Wenn man den künftigen Weg des jungen Roncalli in den Blick nimmt, darf man nicht ohne Erstaunen feststellen, dass er in dieser geistig doch recht engen Atmosphäre des Seminars von Bergamo keinen Schaden genommen hat. Trotz eines Korsetts von Regeln, trotz zahlloser frommer Pflichtübungen verkümmerte in ihm nicht das freie Atmen des Geistes. Es entstand vielmehr ein tragfähiges Gerüst der Treue und des Vertrauens, das von Angelo nie als Erwerb oder Verdienst nach erbrachter Opfer oder anderer Leistungen angesehen wurde. Vielmehr erkannte er darin die liebende Zuwendung eines väterlichen und – wie er es oft ausdrückt – mütterlichen Gottes. Dieses Bewusstsein ließ den Weg ins Freie einer reifen Geistigkeit offen, jenseits aller Enge statischer, ja statistischer Frömmigkeit.

Mit sicherem Gespür wusste Angelo aber auch, was für sein äußeres Fortkommen gut und wichtig war. So flüchtete er im September 1899 – wieder einmal – aus einer anderen, nämlich der familiären Enge am Hof seiner Sippe. Er wanderte eine Stunde lang in das benachbarte Dorf Ghaie di Bonate Sopra, um den Pfarrer Don Locatelli zu besuchen, bei dem Angelo nach dem Tod von Rebuzzini öfter während der Ferien sein Herz ausschüttete. Doch diesmal war dafür keine Zeit, denn Don Locatelli erwartete noch einen anderen Gast, den geistlichen Grafen und Domherren von St. Peter in Rom, Monsignore Giacomo Radini Tedeschi. Der war ein Jahrgangskollege von Pfarrer Locatelli, und man sagte ihm eine große Karriere an der römischen Kurie voraus. Angelo war fasziniert von der impulsiven Geistigkeit und der weltgewandten Erscheinung des Prälaten, hätte sich aber nicht träumen lassen, dass er in wenigen Jahren dessen Sekretär sein werde, der »Schatten« des zukünftigen Bischofs und »Löwen von Bergamo«. Jedenfalls war Angelo überglücklich jetzt ein Mitglied der Kurie persönlich zu kennen, hinge doch bei einer »kirchlichen Laufbahn sehr viel von guten Beziehungen und ›zufälligen‹ Begegnungen« ab, wie der Biograph Hebblethwaite etwas boshaft anmerkt. Welchen Eindruck der bäuerliche, aber keinesfalls auf den Mund gefallene Angelo auf Monsignore Radini Tedeschi damals machte, ist nicht überliefert. Es dürfte aber nicht der schlechteste gewesen sein. Vermutlich war diese Begegnung sogar eine Initialzündung der Vorsehung für die wichtigste Periode im Leben des jungen Roncalli.


Don Angelo mit Klerikern im „Apollinare“ in Rom, 1905

Die erste Eintragung Angelos im Heiligen Jahr 1900, geschrieben während der Februar-Exerzitien, beginnt höchst pathetisch mit den drei Grundfragen der Philosophie: »Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?« Seine ebenso pathetische Antwort: »Ich bin ein Nichts.« Aber dann folgt eine viele Seiten lange Betrachtung über den Sinn seines Lebens als beseeltes Geschöpf Gottes, alle möglichen Höhen und Tiefen der Gottesbeziehung durchmessend: »Wenn ich meinen Stolz, meinen Hochmut, meine Eigenliebe nicht bekämpfe, so erwartet mich die ewige Verdammnis! Habe ich nicht schon vielmals die Hölle verdient? […] In Betrübnis und Mutlosigkeit ist dies mein Trost: der Hoffnung das Herz weit öffnen, und dann zum Himmel aufschauen. […] O Himmel, Himmel, du bist schön, und du bist für mich!« Immer wieder wird die Betrachtung unterbrochen von einem Gebet, das passagenweise an die Schönheit der »Bekenntnisse« des heiligen Augustinus erinnert: »Du, mein Gott, der du am Anfang und vor allen Zeiten warst, hast mich aus dem Nichts emporgehoben, mir Natur, Leben, Seele, alle körperlichen und geistigen Fähigkeiten geschenkt; du hast meine Augen diesem Licht geöffnet, das um mich her seinen Glanz verbreitet; du hast mich erschaffen. Darum bist du mein Herr, und ich bin dein Geschöpf. Nichts bin ich ohne dich, und durch dich bin ich alles, was ich bin. Wenn du mich nicht jeden Augenblick trägst, sinke ich ins Nichts zurück, aus dem ich gekommen bin. […] Ich besitze eine Seele! Ich bin kein Stein, keine Pflanze, auch nicht irgendein Tier; ich bin ein Mensch, ein Mensch, dank der Seele, die mich belebt. Dank der Seele leuchtet ein Strahl des göttlichen Antlitzes über mir, durch das Gedächtnis bin ich dem Vater ähnlich, durch den Verstand dem Sohn, durch den Willen dem Heiligen Geist. […] O mein Gott, möge, wer will, deine anderen göttlichen Eigenschaften verherrlichen, ich werde niemals aufhören, deine Barmherzigkeit zu besingen!«

In dieser Zeit werden Angelo von der neuen Seminarleitung einige Ämter anvertraut. Er hatte sich um die Pflege des Gregorianischen Gesanges zu kümmern. Außerdem wurde er zum Präfekten bestellt, hatte also eine gewisse Verantwortung für jüngere Seminaristen.

E una buona pasta

Das Heilige Jahr 1900 brachte im September noch eine willkommene Abwechslung. Angelo wurde zu einer Pilgerfahrt der Diözese Bergamo nach Rom, Assisi und Loreto eingeladen. Wieder kam es zu einer Begegnung mit Monsignore Radini Tedeschi, der die Pilgergruppe aus Bergamo zur Freude Angelos durch das Ewige Rom führte. Zum ersten Mal sah der Bauernjunge die großen Basiliken, das Colosseum, das Forum Romanum, die Katakomben und – den Papst, den verehrten Heiligen Vater Leo XIII.! Dieser machte mit seinen neunzig Jahren noch einen vitalen Eindruck und hatte eine kräftige Stimme.

Im säkularen Rom feierten die Antiklerikalen in gehässigster Weise schon tagelang den 30. Jahrestag des Endes des Kirchenstaates verbunden mit Demonstrationen auf dem Campo dei Fiori, zum 300. Jahrestag der Verbrennung des Giordano Bruno, der mit seiner Vision von der Unendlichkeit des Universums und seinen pantheistischen Ideen auch noch im 19. Jahrhundert Weltbild und Glaubensgewissheit der römischen Kirche in Frage gestellt hat.

Im Heiligen Jahr 1900 wurde auf den Straßen Roms jeder Kleriker in Talar und Tellerhut offen geschmäht und verspottet, eine schlimme Erfahrung auch für den innerhalb seiner Seminarmauern wohlbehüteten Angelo Roncalli. Ernüchternd war für ihn vor allem der Massenauflauf vor dem Marienheiligtum von Loreto. Fast sechzig Jahre später erzählt Johannes XXIII. anlässlich seiner Wallfahrt für das Gelingen des Konzils, er habe damals bei seinem ersten Besuch in Loreto, völlig verstört von der lärmenden und schnatternden Menge, der Madonna gelobt, er werde sie immer lieben, immer dem Glauben treu und ein braver Seminarist bleiben, aber hier werde sie ihn nicht mehr sehen.

Nach seiner Rückkehr von der Pilgerfahrt war es der Wunsch von Bergamos Bischof Guindani, dass sich Roncalli um einen der drei Stipendienplätze der Stiftung »Canonico Flaminio Cerasola« am berühmten Römischen Priesterseminar bewerbe. Als er nach einer entsprechenden Prüfung erfuhr, dass er zu den drei auserkorenen Seminaristen gehörte, war er überglücklich, obwohl er sein geliebtes Bergamo verlassen musste. Mit dem Nachtzug kam Angelo am 4. Jänner 1901 in Rom an, um sich »in die edle Kette der Cerasola-Alumnen einzureihen«, so der Rektor des Seminars von Bergamo. Im Beurteilungsschreiben an die Leitung des »Apollinare«, wie das Römische Seminar kurz genannt wurde, ist unter anderem zu lesen: »Roncalli war auch Präfekt am hiesigen Seminar, er ist von guter Art – e una buona pasta –, die sich leicht führen lässt – che si lascia maneggiare come si vuole.« Oder weniger freundlich in der Sprache der Köche, aus der die Redensart stammt: »Er ist ein guter Teig, der sich leicht formen lässt.« Das Seminar war ein etwas renovierungsbedürftiger Palazzo aus der Barockzeit. Für die Absolventen waren die Prognosen nicht ungünstig, einmal für höhere Ämter vorgesehen zu sein, wurden sie doch fallweise auch zu Diensten in der Kurie herangezogen.

Und so ließ sich Angelo Roncalli im ersten Jahr am Römischen Seminar fotografieren: Da sitzt ein selbstbewusster, hübscher junger Mann in Talar, Mantel und Schnallenschuhen, den rechten Arm aufgestützt auf der Kante eines Fin de Siècle-Tisches mit effektvoll darauf postiertem Kruzifix.

Die Heimat war nun sechshundert Kilometer entfernt, von Bergamo nach Sotto il Monte war es ein Fußmarsch von mindestens drei Stunden, jetzt ist es von Rom nach Bergamo eine Tages- oder Nachtreise mit dem Zug. Damit beginnt eine Quelle zu fließen, die uns neben den religiösen Rechenschaftsberichten des Klerikers im Geistlichen Tagebuch auch profane Einblicke in die Lebensumstände des Menschen Angelo Roncalli gewährt: der Briefwechsel mit der Familie. Dokumentiert sind verständlicherweise nur die Briefe Roncallis, jene seiner Familie an ihn werden sich wohl nur auf die notwendigsten Mitteilungen beschränkt haben. Bereits eine Woche nach Ankunft in Rom der erste ausführliche Brief Angelos: »Wisst Ihr, das Leben hier ist anders als in Sotto il Monte oder in Bergamo. Wir leben hier wie Herren. Man sagt mir sogar, ich hätte mich schon im Aussehen verändert und werde alle Tage dicker.« Angelo hatte ein spartanisches Einzelzimmer, aber mit allem Notwendigen, das Studium machte keine Mühe, und »in der Kapelle wird eine sehr schöne ›Muttergottes der Zuversicht‹ verehrt, der ich Euch jeden Morgen und jeden Abend empfehle, damit sie Euch segne, Euch Frieden und Trost in all Eurem Verdruss und Eurer Trübsal gebe.«

Bei einer Akademie im Propaganda Fide-Kolleg erlebte er gleich in der ersten römischen Woche Weltkirche. Vierzig junge Missionare hätten einige Tage nach Dreikönig in vierzig [sic!] verschiedenen Sprachen ihre Huldigungen an das Jesuskind, »den Herren aller Völker« vorgetragen. »Wenn ihr das gesehen hättet! Da waren alle Farben vertreten, weiße, gelbe, rote. Einige hatten das Gesicht, die Hände schwarz wie Kohle. – Und der Papst? Ich konnte ihn am Sonntagabend in St. Peter inmitten von tausend Lichtern sehen. Ich konnte nahe bei ihm sein und ihn gut sehen und seinen Segen empfangen. Und er, der gute alte Mann, hat auch Euch alle miteinander gesegnet. Seid also nochmals alle getrost […]. Schaut nach oben und lasst keinen Zorn aufkommen! Vergesst nicht den ›Engel des Herrn‹!

Grüßt alle! Addio! Der Herr segne Euch!

Euer Kleriker Angelo.«

Apropos

Bergamo ist eine Reise wert. Im völlig umgebauten Priesterseminar erinnert eine große Statue an Papst Johannes XXIII., den einstigen Schüler und Spiritual dieses Hauses. Neben der berühmten Capella Colleoni besuche man die Basilika Santa Maria Maggiore, die eine kunsthistorische Kostbarkeit birgt: die »Tarsie del coro«, dreiunddreißig Szenen aus dem Alten Testament als Holzintarsien nach Entwürfen von Lorenzo Lotto. Von diesem venezianischen Maler, der vom Geist Bergamos geprägt und in Loreto gestorben ist, befinden sich noch mehrere hervorragende Gemälde in der Accademia Carrara (»Das Verlöbnis der heiligen Katharina«) sowie drei große Altarblätter in San Bartolomeo, San Bernardino und Santo Spirito. Roncalli hat sie alle gekannt und ihre feine Psychologie und bodenständige Frömmigkeit geschätzt.

Liebe Mutter,

wieder stehen wir vor dem Annatag. Immer scheint es jedes Jahr der letzte zu sein, an dem wir uns die Glückwünsche senden. Doch der Herr gewährt Euch und mir, jeden Tag weiterzuleben. Preisen wir ihn miteinander und leben wir weiter, als wolle Er uns nicht nur eines, sondern viele Jahre gewähren. Und er wird sie uns gewähren. Wir sind nicht auf der Welt, um nichts zu tun. Ihr arbeitet für die Familie. Ich fahre fort, für die heilige Kirche zu wirken. Eine wertvolle Arbeit sowohl die Eure wie auch die meinige. Ich lege Euch zum Trost einen Hundert-Lire-Schein bei. Die Schwestern bitten mich, Euch zu sagen, dass Ihr ihn für Euch verwenden sollt, das heißt, um Euch in guter Gesundheit zu erhalten, und dass Ihr ihn nicht für die anderen ausgeben sollt.

Brief an die Mutter, Istanbul, 20. Juli 1935

Was Ihr mir über unsere Mutter sagt, gibt mir gewiss zu denken. […] Macht ihr Mut, heitert sie auf, erfüllt ihr alle Wünsche, sodass diese Jahre, die der Herr ihr noch schenkt, voll großen Trostes seien, weil sie sehen kann, wie ihre Kinder sie achten und lieben. Man darf gerne wissen, wie viel die Roncallis auf die Achtung vor ihren Eltern halten, dass sie wissen, dass die Alten im Hause ein großer Segen sind.

Brief an die Geschwister, Istanbul, 10. Juli 1938

Mein Opfer, gerade im letzten und heiligsten Augenblick fern zu sein, hat seinen vorweggenommenen Lohn darin gehabt, dass meine liebe Mutter fünfzehn Jahre lang, und zwar jedes Jahr einen ganzen Monat, sich der Gesellschaft ihres Bischof-Sohnes erfreuen durfte. Ein Glück, das sie hoch zu schätzen wusste. Wie sie denn am Ende der Ferien sich zu trösten pflegte: ›Was sollen denn wir hier auf dem Lande mit einem Bischof? Man müsste sagen, wenn er nicht abreist, dass da etwas dahintersteckt.‹ Während ich daran denke und das niederschreibe, kommen mir wieder die Tränen, aber in Gedanken an sie, an ihre Einfachheit und Güte und an ihren mütterlichen Schutz vom Himmel herab verleihen sie mir Kraft und Trost zu meiner Arbeit.

Brief Roncallis an einen Bekannten über seine Abwesenheit beim Sterben der Mutter, Istanbul, 6. März 1939

Mamma Marianna

Angelo Roncallis Mutter Marianna Giulia hat dreizehn Kinder geboren. Sie war zweiundzwanzig, als eine Tochter namens Maria zur Welt kam, die keine sechs Jahre alt wurde. Mit einundvierzig gebar sie ihr letztes Kind, den Sohn Luigi, der mit zwei Jahren starb. Dazwischen einen Domenico, der nur einen Monat alt wurde, und Enrica, die mit fünfundzwanzig Jahren sterben sollte. Neun Geschwister, vier Mädchen und fünf Buben, haben die Eltern überlebt, davon lebten noch fünf, als eines von ihnen, der älteste Sohn, in Rom zum Papst gekrönt wurde.

Die wenigen Fotos, die von Marianna existieren, zeigen sie meist im Kreise von Mitgliedern der Großfamilie. Beten, arbeiten und Kinder kriegen, das waren die Lebenskoordinaten der Frauen bei den lombardischen Halbpächtern um die Jahrhundertwende. Marianna hat früh gealtert ausgesehen, sie ist auch in späteren Jahren immer schweigsamer geworden, das enge Zusammenleben mit drei Schwiegertöchtern dürfte nicht immer reibungslos verlaufen sein.

Als sie wenig älter als sechzig war, wurde sie von dem Porträtmaler Giuseppe Gaudenzi aus Bergamo gemalt. Natürlich ging dieser für eine arme Bauernfamilie doch recht erstaunliche Entschluss, sich malen zu lassen, auf eine Initiative des geistlichen Sohns Don Angelo zurück, der damals, 1917, als Feldkaplan die Patienten der Lazarette von Bergamo betreute. Ein Brief von Don Angelo an den Vater, von dem bereits ein Porträt existierte, gibt Aufschluss darüber: »Mein lieber Vater! Ich habe heute zuhause Euer Bild des Malers Gaudenzi gesehen. Es hat mir sehr gut gefallen, und ich bitte die Mutter herzlich, sich gleichfalls malen zu lassen. Sie soll mir ja nicht nein sagen! Und Ihr empfehlt ihr, mir den Gefallen zu tun. Sie soll sich angemessen kleiden, jedoch mit der gewohnten Einfachheit, und versuchen fertigzubekommen, wie immer zu sein: mit ihrem gütigen, heiteren und zufriedenen Gesicht. Ihren eigenen Verdruss und den der anderen braucht der Maler nicht. Ich habe ihm geschrieben und ihn gebeten, auch dieses Bild in den Tagen zu malen, da er sich noch in Sotto il Monte aufhält. An die Bezahlung werde ich denken. […] Der Herr gewähre Euch und der ganzen Familie alles Gute. Euer Sohn d. Angelo«

Giuseppe Gaudenzi war in den besseren Kreisen Bergamos recht angesehen als Landschafts- und Porträtmaler.



Porträts der Eltern, gemalt von Giuseppe Gaudenzi, Bergamo um 1917

Marianna war gehorsam, ließ sich malen und blickt aus dem Bild ganz so, wie es der geistliche Sohn gewünscht hatte: hochgeschlossen gekleidet, mit einem verhaltenen Lächeln auf den Lippen. Das runde Gesicht Don Angelos findet sich allerdings eher im Porträt des Vaters. Der ist ganz Bergamasker mit Schnauzbart und Fliege, kein Vielredner, sondern con stretta di mano – ein Mann von Handschlagqualität.

La Sposalizio

Marianna Giulia Mazzola und Giovanni Battista Roncalli heirateten am 23. Jänner 1877 in Sotto il Monte. Dieser Tag war einst in Italien ein beliebter Hochzeitstermin, da feierte die Kirche die »Vermählung Mariens« mit dem heiligen Joseph. 1725 wurde dieser Gedenktag unter Papst Benedikt XIII. für die gesamte römisch-katholische Kirche eingeführt. Leider ist er im offiziellen Festkalender nicht mehr zu finden. Johannes XXIII. kam bei einer Audienz einmal auf den 23. Jänner und auf die »Vermählung« seiner Eltern zu sprechen: »An diesem Tag höre ich immer noch die Stimme meines Vaters, als er zu mir einmal sagte: ›Heute ist der Tag der Vermählung von Maria mit dem heiligen Joseph, heute ist auch der Tag der Vermählung von Battista Roncalli mit der jungen Frau Marianna Mazzola, der glücklichen und insgesamt guten Eltern von zwölf Kindern, sechs männlichen und sechs weiblichen.‹«

Die Hochzeitsreise von Battista und Marianna war ein Ausflug nach Bergamo und zurück, natürlich zu Fuß. Dass dies kein Spaziergang war, mag ein Tagebuch-Seufzer des Klerikers Angelo vom September 1900 illustrieren: »Gestern abends war ich müde, völlig erschöpft von der Fußreise von Bergamo nach Sotto il Monte, bei der man fast umkommt.«

Am Tag der Goldenen Hochzeit der Eltern, am 23. Jänner 1927, hielt sich Erzbischof Roncalli als Gast der päpstlichen Delegatur in Istanbul auf. Er verwendete gerne den alten Namen Konstantinopel, als er seinen Gratulationsbrief an das Jubelpaar schrieb: »Meine lieben Eltern! Als Ihr vor fünfzig Jahren so wie heute die armselige Kirche S. Maria in Sotto il Monte verließt, ein eben getrautes junges Paar, da konntet Ihr gewiss nicht ahnen, dass ein halbes Jahrhundert später eines Eurer Kinder, der älteste Sohn, Euch seine Glückwünsche zur Goldenen Hochzeit aus Konstantinopel schicken würde. […]

Für mich ist es eine Freude zu wissen, dass es eine Eurer Tröstungen an diesem Tag ist, von Eurem Sohn, der Bischof geworden ist, einen Segen zu erhalten, der Euch an den erinnert, den Ihr vor fünfzig Jahren von dem verehrten Pfarrer Rebuzzini erhieltet. Oh, wie ist dieser erste Segen vom Herrn bestätigt und mit himmlischen Gnaden erfüllt worden!«

Für religiöse Gespräche oder gar Unterweisungen dürfte Marianna bei ihrer Kinderschar nicht sehr viel Zeit gehabt haben; ihre Katechese war das wortlose, tägliche und treue Vorbild. Umso deutlicher blieben dann einzelne Erinnerungen lebendig, wie jene vom 21. November 18851 dem Fest Mariä Opferung, als die Mutter den vierjährigen Angelo zum Fenster der kleinen Wallfahrtskirche Madonna delle Caneve in die Höhe hob, damit er durch das Gitter das Bild der Muttergottes sehen konnte. Oft zitierte er im Wortlaut, was die Mutter damals sagte: »Guarda, Angelino, guarda la Madonna com’è bella. Io ti ho consacrato tutto a lei! – Schau, Angelino, schau die Madonna, wie schön die ist. Ihr habe ich dich ganz geweiht!«

Getreu dieser Weihe, die ja auch ein Versprechen war, erreichte sie, vielen Widerständen zum Trotz, auch von Seiten des Vaters, dass »ihr Angelino« sich auf den Weg zum Priestertum machen konnte.

Doch die Erziehung eines jungen Klerikers in den Seminarien des Tridentiner Konzils war eher eine Erziehung zur Loslösung aus den Familienbanden. Mutterliebe zu empfinden wurde zunehmend eine Sache der Sublimierung, was sich einerseits in einer verstärkten Marienverehrung ausdrückte, andererseits auch in der frühen Entdeckung eines weiblichen Gottes- und Christusbildes mit zärtlichen, mütterlichen Eigenschaften. In der umfangreichen und von großer innerer Bewegung getragenen Tagebuchnotiz vom Dezember 1902, während und nach den Exerzitien mit dem verehrten Spiritual P. Pitocchi, schreibt Angelo von Jesus als dem Herrn »mit der Sorge einer liebenden Mutter«, »er erwärmte mich an seiner Brust«, »er gönnt sich keinen Augenblick Ruhe, nicht bei Tag und nicht bei Nacht, und sorgt für mich, mehr noch als eine Mutter für ihr Kind.« Darin spiegelt sich gewiss auch die Erfahrung mit seiner ständig um das Wohl der Kinderschar besorgten Mutter. Im Seminar wurde eine starke Familienbindung nicht gefördert. Elternliebe galt eher als Pflicht der Zehn Gebote und weniger als Neigung. In der großen Gewissenserforschung bei den Exerzitien 1940 stellte er – nach immerhin schon sechsunddreißig Priesterjahren – nüchtern fest: »Übertriebene Anhänglichkeit an Familienmitglieder, die, wenn sie über die Grenzen der Nächstenliebe hinausgeht, zum Hindernis und zur Fessel wird. Das Gesetz des Apostolats und des Priestertums steht über dem Gesetz von ›Fleisch und Blut‹ […] alles soll mit Zurückhaltung geschehen, in wahrhaft priesterlichem Geist«. So war es Doktrin der Priesteraus-bildung im Geiste des Konzils von Trient. Manches an Schwierigkeiten, die der junge Kleriker Angelo mit seiner Familie und speziell mit seiner Mutter zeitweilig hatte, lässt sich damit erklären. Aber nicht alles. Im Sommer des Jahres 1900 war es zu einer gewissen Verstimmung gekommen, als sich Angelo »ein wenig gegen ihre Neugier ausgesprochen« hatte. »Sie redete mir zu, wie ich es von meiner Mutter nie erwartet hätte […], ich sei unhöflich und ohne Manieren, […] ich könnte sie nicht leiden und anderes mehr.« Zur Reue über die unbedachte Bemerkung kam für Angelo dann jener notwendige Schmerz, den jedes Kind erfährt, wenn es erkennen muss, dass Eltern schwache, fehlerhafte Menschen sind. »Als ich ihre Traurigkeit sah und, offen gesagt, ihre Schwäche […] war das ein Schlag, der mich mit Bitternis erfüllte.«

»Angelo, du liebst mich nicht mehr!«

Viele Erwartungen, die Marianna an ihren geistlichen Sohn hatte, waren ihr ohne Zweifel von der familiären, vor allem aber von der nachbarlichen Tratsch- und Klatschgesellschaft ins Ohr gesetzt. Neugier und Neid nährten auftretende Verstimmungen zwischen der Mutter und dem geistlichen Sohn, dazu Verleumdungen, etwa durch einen benachbarten Pater, die sogar bis zur Leitung des Seminars drangen und behaupteten, die Mutter zöge Angelo den anderen Geschwistern vor und er käme sich überhaupt als etwas Besseres vor.

Im Jänner 1905, Angelo war kaum ein halbes Jahr Priester, kam es zu einem Höhepunkt der Mutter-Sohn-Krise. Da machte sich Marianna einmal Luft und kritzelte »auf einen Zettel« alles, was sie gekränkt hatte: Angelo habe ihr kein Geld geschickt, der Vater halte ihr gegenüber Angelos Briefe zurück, Angelo habe zwar dem Gemeindepfarrer sein Porträt als Neupriester geschenkt, ihr aber nicht. Und überhaupt: »Du liebst mich nicht mehr, Angelo!«

Don Angelo antwortet »umgehend auf Euren Zettel, den ich mit dem Brief des Vaters und des Bruders Severo erhalten habe. Es tut mir überaus leid, dass Ihr an meiner Liebe und an meinem Andenken, das ich für Euch bewahre, habt zweifeln können. Wer ist – nach Gott, nach den himmlischen Dingen – für mich der liebste Mensch, wenn nicht Ihr? Auch wenn ich verheiratet wäre, würdet Ihr für mich immer die großartigste Frau der Welt sein, das teuerste für mein Sohnesherz. Nein, um Gottes willen, zweifelt nicht an meiner Liebe und an dem innigsten Andenken, das ich stets für Euch bewahre!« Und weiter im Rechtfertigungsbrief von Don Angelo: »Wenn ich jeden Morgen beim Sanctus der Messe die liebsten Menschen dem Herrn empfehle, seid Ihr immer die erste, die mir in den Sinn kommt, zusammen mit dem Vater. Ich denke immer an Eure Arbeit, an Eure Mühen und begleite Euch mit dem Herzen. Ich möchte alles tun, um Euch zufrieden und glücklich zu sehen.« Zum Abschluss kann es sich der junge Herr Hochwürden nicht verkneifen, noch eine Moralpredigt anzuhängen: »Ich empfehle Euch, viel zu beten und der Familie ein Beispiel an Sanftmut und Geduld zu geben. Gewöhnt Euch nach und nach an, nie die Geduld zu verlieren. Euer Schweigen, Euer Sich-Abfinden mit allem wird dazu dienen, allem Murren zu begegnen. Wir alle haben unsere Fehler und müssen uns gegenseitig ertragen. Glaubt nicht denen außerhalb des Hauses, hört nicht auf sie und schenkt ihnen kein Vertrauen!«

Als Don Angelo 1921 zum Päpstlichen Hausprälaten – Monsignore! – erhoben wurde, redeten die Nachbarinnen Frau Marianna an, was denn das sei, dass ihr Sohn jetzt auf einmal so viel Violett an seinem Talar hätte. Sie konnte es entweder wirklich nicht genau sagen oder antwortete recht diplomatisch: »Das sind so Sachen, die sich die Geistlichen unter sich ausmachen!«

Eine Sorge der Mutter war die Zukunft der beiden Töchter Ancilla und Maria. Der Vater sorgte sich natürlich genauso um die materielle Zukunft der Kinder wie Marianna, aber er blieb in der Familienkonstellation – wie der heilige Joseph in der Bibel – immer eher im schweigsamen Dunkel. Da sich für keine der beiden Schwestern der Ehestand ergeben hatte und der geistliche Bruder sich anfangs 1921 in Rom – als Präsident der Missionswerke und als Theologieprofessor – häuslich niederzulassen gedachte, nahm er die beiden Schwestern zu sich. Doch die Idylle währte nicht lange, denn bereits 1925 wurde Roncalli, inzwischen Erzbischof, nach Bulgarien abkommandiert. Für die Schwestern fühlte er sich aber weiterhin verantwortlich, also mietete er für seine Heimaturlaube und für die beiden Schwestern in Sotto il Monte das Haus Camaitino. Im väterlichen Anwesen Colombera walteten drei Schwägerinnen und die Mutter – sechs Frauen auf engem Raum! Das, so fand der Erzbischof, war zu viel. Aus dem fernen Sofia schickt er nun immer wieder Anweisungen, wie dieses oder jenes am Haus Camaitino repariert und verbessert werden solle, auch wenn es nur gemietet war, und er überwies auch das nötige Geld dazu. Bereits zu Weihnachten 1926 wollte er alle Geistlichen des Dekanats zum Panettone-Essen einladen, »ich werde einen von Mailand eigens mitbringen«. Roncalli war gerne Gastgeber. Immer, wenn er im Spätsommer für einige Wochen nach Sotto il Monte kommen wollte, kündigte er dies oft schon im Winter an, allerdings mit einem recht irdischen Hintergedanken, den er in den speziellen Gruß an Mamma Marianna verpackte, »der ich empfehlen möchte, die Bruthenne für die Küken anzusetzen, damit es in den Ferien schöne Hähnchen gibt.« Meist wurden dazu alle geistlichen Herren im Umkreis eingeladen. Und ein anderes Mal schrieb er: »Sagt der Mutter, dass ich mich schon auf die Hähnchen freue, die sie mir zubereiten wird.« Marianna kochte ja nicht nur die beste Polenta das Jahr über, sondern auch – bei besonderen Anlässen – die schmackhaftesten Brathähnchen.


Die Brüder Saverio, Giuseppe und Alfredo Roncalli, vor 1958

Besondere Ergebenheitsadressen an die Mutter gab es natürlich jeweils zum Namenstag, den Marianna am Festtag der heiligen Anna, also am 26. Juli, feierte. Als am 28. Juli 1935 der Vater starb, tröstete Roncalli die Mutter: »Seht, Eure Kinder sind um Euch, um Euch zu trösten, um Euch beizustehen. Macht Euch nicht zu viel Sorgen um sie! Ruht Euch ein wenig aus! Mein Haus in Camaitino steht Euch ganz zur Verfügung. Geht dorthin mit den Schwestern. Lasst Euch dort von den anderen besuchen! Ihr wisst, dass Euer bischöflicher Sohn nicht reich ist. Doch wird er eher sein Kreuz verkaufen, als dass er es Euch an etwas fehlen ließe in Euren Wünschen oder Bedürfnissen. […] Euer Battista hat Euch mit einundachtzig verlassen. Ihr werdet daran denken, uns zu verlassen, wenn Ihr über neunzig seid. Und ihr werdet die Freude und die Liebe von uns allen sein.«

Ein bemerkenswertes Testament

Marianna Roncalli starb am 20. Februar 1939 mit vierundachtzig Jahren in Abwesenheit ihres bischöflichen Sohnes und wurde auf dem Friedhof in Sotto il Monte begraben. Die Trauerfeierlichkeiten für den wenige Tage zuvor verstorbenen Papst Pius XI. und die offiziellen Kondolenzbesuche in der Delegatur in Istanbul verhinderten, dass Roncalli nach Sotto il Monte reisen konnte. In seiner Aufbewahrung befand sich ein Schriftstück aus der Hand der Mutter, das er umgehend den Geschwistern zur Kenntnis bringen wollte. Es war das Testament der Mamma Marianna; sehr viel hatte sie ja nicht ihr Eigentum nennen können. Im Brief an die Geschwister schrieb er die, wie ihm schien, wichtigste Passage ab: »Da ich meinem Sohn Alfredo, der ledig geblieben ist, nicht die Vergünstigungen gewähren konnte, wie sie hingegen seinen Brüdern Zaverio, Giovanni, Giuseppino zuteil geworden sind, bestimme ich, dass bei meinem Tode Alfredo mein ganzes Bett, das heißt Bettgestell, Federmatratze, Matratze, 8 (acht) Betttücher und Decken und die Möbel, die in meinem Schlafzimmer sind, gegeben werden. Ich bitte meinen Sohn Mons. Angelo, diesen meinen Willen ausführen zu lassen. Roncalli Mazzola Marianna.«

Alfredo war das neunte Kind der Roncallis und nahm aufgrund seiner hochgradigen Kurzsichtigkeit einen Sonderstatus in der Familie ein. Sein Bruder Angelo schätzte ihn wegen des trockenen Humors, mit dem er manche gespannte Situation innerhalb der Großfamilie zu entschärfen vermochte. Immer wieder wirkte er auf die anderen Geschwister ein, dass sie sich seiner besonders annehmen sollten. Don Angelo war selber mit gutem Beispiel vorangegangen und hatte dafür gesorgt, dass Alfredo endlich eine Brille bekam, die seine Seh-, Schreib- und Lesebehinderung etwas milderte. »Alfredo sieht jetzt aus wie ein Professor.« Von seinen ersten Ostern, die der junge Erzbischof an seinem Dienstort Sofia feiern musste, schrieb er ausnahmsweise auch einmal an Alfredo: »Ich erwidere Deine Ostergrüße herzlich. Der heilige Joseph trug keine Brille, das kannte man damals noch nicht. Doch hat er uns die Kunst gelehrt, nur das Gute zu sehen und alles beiseite zulassen, was uns nicht nach oben führt. […] Denk in Deinen Gebeten immer besonders an mich, damit mir der Herr helfe, den Blinden die Augen zu öffnen; es gibt ihrer viele auch in diesem Land, wo die Wahrheit ebenso wie anderswo leuchtet, wenngleich sie sie nicht sehen wollen.

In inniger Zuneigung, Dein Bruder

Angelo Giuseppe Archivesc.«

Apropos

»La Sposalizio della Vergine«

Die »Vermählung Mariens« hat keine biblische Grundlage, trotzdem erfreute sie sich in der Volksfrömmgkeit und in der bildenden Kunst großer Beliebtheit. Von Giottos Fresko in der Scrovegni-Kapelle in Padua bis zu den frommen Nazarenern im 19. Jahrhundert wurde das Motiv unzählige Male variiert. Das wohl berühmteste Bild der »Sposalizio« befindet sich in der Pinacoteca di Brera in Mailand. Raffael Santi hat es als Einundzwanzigjähriger im Jahr 1504 gemalt. Alles an dem Bild ist »ideal« und erscheint durch den schwebenden Sakralbau bestimmt von der Harmonie gottgewollter, kosmischer Gesetze. Es ist ein Bild des Vertrauens, der Verheißung und der Vollkommenheit.

Wie das vergessene Fest der »Vermählung Mariens« beziehen sich auch die bildlichen Darstellungen auf das apokryphe Jakobus-Evangelium, dem zufolge der Zimmermann Joseph durch das Stabwunder als Bräutigam für die Tempeljungfrau Maria erwählt worden war. Unter den brautwerbenden Witwern des Landes sollte nämlich jener Maria als Frau heimführen, an dessen Stab ein Zeichen Gottes sichtbar würde. Nach einem Gebet des Hohenpriesters habe sich auf dem Stab Josephs eine Taube niedergelassen – in anderen Varianten hätte der Stab zu blühen begonnen – und Joseph nahm Maria »in seine Obhut« und wurde ihr vom Priester angetraut.

Die »Sposalizio« von Raffael ist eines der »capolavori«, der Meisterwerke, der Brera-Pinakothek und Roncalli hat es sicher bei einem seiner zahlreichen Mailand-Besuche bewundert. Dass es genau vierhundert Jahre vor seiner Priesterweihe gemalt wurde, wird er wohl vermerkthaben. Im Vergleich zu den meisten der zahllosen anderen Künstler, die das beliebte Motiv umgesetzt haben, malte Raffael keinen »alten« Joseph, sondern einen im besten Mannesalter.

Von stets lieblicher Art sind die beliebten Darstellungen der Vermählung Mariens auf den kirchlichen Trauungsurkunden, wie sie im Geist und im Eheverständnis des ausgehenden 19. Jahrhunderts üblich waren und – so darf man annehmen – in der einen oder anderen Variante vom Traupriester Mons. Angelo Giuseppe Roncalli unterschrieben wurden.

1 Näher beschrieben in: Hubert Gaisbauer, »Ruhig und froh lebe ich weiter. Älter werden mit Johannes XXIII.«, Wien, 2011; S. 170ff

Meine Lebensaufgabe lässt sich mit folgenden drei Worten zusammenfassen:

Gott zu erkennen, ihn zu lieben und ihm das ganze Leben lang zu dienen.

Gottes Wille soll auch mein Wille sein, das ist der erste und oberste Grundsatz.

Und die anderen Dinge um mich herum? Wenn Gott sie mir gegeben hat, sind sie ein zusätzliches Geschenk. Sie sollen dem Menschen dazu dienen, sein Ziel zu erreichen. Jeder andere Gebrauch richtet sich gegen die natürliche Ordnung. Meine Einstellung zu ihnen beruht auf jenem goldenen Gesetz des Gleichmuts. Solche Gelassenheit ist keine natürliche Stumpfheit, wie sie manchen Charakteren eignet, sondern eine Tugend, sich von allem zu lösen, wenn Gott es so will. Ruhe, Ausgeglichenheit, Erhöhung des Geistes und tiefe Erkenntnis werden denen zuteil, die sich nicht um diese nichtigen Dinge sorgen. Wenn sie uns aber angeboten werden, sind sie ein kraftvoller Antrieb zu Gott hin.

Ich führe ein paar Beispiele an, die gut in Erinnerung zu halten sind.

Irdische Güter und Vermögen. Es gefiel dem Herrn, sie mir vorzuenthalten. Warum sollte ich deshalb klagen? Bei aller Sparsamkeit zwingt mich manchmal die harte Notwendigkeit, kleinere Schulden zu machen. Das ist mir peinlich und deprimiert mich. Soll es aber nicht. Gott ist es doch, der dies zulässt, und damit basta.

Ein scharfer Verstand und ein gutes Gedächtnis sind Geschenke Gottes. Ich brauche aber nicht traurig zu sein, wenn andere mehr davon besitzen. Die Ergebnisse bei den Examen und ein gutes Abschneiden liegen mir allerdings sehr am Herzen, ob ich will oder nicht. Wenn ich nun aber alles getan habe, was Gott von mir wollte, was kümmern mich dann gute oder schlechte Resultate?

Bei den religiösen Übungen gelingt mir manchmal überhaupt nichts. Mein Herz ist wie aus Stein, und ständig lasse ich mich ablenken, der Herr scheint sich verborgen zu haben. Traurigkeit und Enttäuschung überkommen mich – weg damit! Bleiben wir ruhig und froh, auch in solchen Umständen. Gott will es so, heißt der Trost.

Aus dem Geistlichen Tagebuch, während der Exerzitien zur Subdiakonatsweihe, Rom, April 1903

Gott ist alles, ich bin nichts. E per oggi basta!

Das erste Studienjahr des Seminaristen Angelo Roncalli in Rom verlief ruhig. Wie sehr er sich seines Standes bewusst war, aber auch, dass er genug Grund hatte, in seinen Gewissenserforschungen »gegen den Hochmut« anzukämpfen, zeigt das Notabene gleich im ersten Brief aus dem Römischen Seminar an die Familie: »Meine Anschrift lautet: An den ehrwürdigen Kleriker Angelo Roncalli. Seminario Pontificio S. Apollinare. Piazza S. Apollinare. Rom.« Auf korrekte Adressierung und Anrede, vor allem in den Briefen, die er von seiner Familie erhielt, legte Roncalli großen Wert. Später wird er klar zwischen sich als Person und dem Amt, das erbekleidet, unterscheiden. Die Ehrfurcht gilt dem Amt und seiner Kirche – und damit Gott. Für sich als Person wird er im steten Bemühen um Demut ein Leben lang nicht aufhören, die Nichtigkeit für sich zu beanspruchen.

Bereits im Jänner 1901 erfolgte die militärische Musterung des Neunzehnjährigen: tauglich, erste Kategorie. Angelo hatte sich nämlich bereit erklärt, als Freiwilliger den Militärdienst abzuleisten, um dadurch den jüngeren Bruder Zaverio für die Feldarbeit zuhause freizuhalten. Zumindest berichtet dies Andrea Tornielli, der Autor einer jüngeren italienischen Biographie. Ob Angelo diesen Stellvertreterdienst aus eigenem Entschluss oder auf Drängen der Familie leisten wollte, das weiß offenbar auch Tornielli nicht. Aber er sollte erst im November eingezogen werden, bis dahin studierte er eifrig, erreichte bereits im Juni das Bakkalaureat, den ersten Grad in Theologie mit einem Anerkennungspreis in Hebräisch. Zwischendurch nahm er an dem berühmten Circolo dell’Immaculata teil, einer geistlichen Gesprächsrunde »junger Römer« unter der Führung des Prälaten Giacomo Radini Tedeschi, dem späteren Bischof von Bergamo. Man sieht, wohin es Angelo gezogen hat. So fromm, wie es klingt, war dieser Zirkel allerdings nicht. Roncalli, der damit Eingang in Kreise intellektueller und engagierter römischer Katholiken fand, beschreibt später in der Biographie »seines« Bischofs Radini Tedeschi diese Abende und lässt erkennen, dass er sich dabei sehr wohlgefühlt hat: »Da waren jene langen, in Gesellschaft mit ihm [Radini, Anm. Autor] verbrachten Abende, mit dieser mutigen Gruppe junger Römer – heute noch tatkräftige und hoch angesehene Männer – in angeregter und fröhlicher Unterhaltung, oder, was häufiger der Fall war, in harter Arbeit, zu der Monsignore uns mit Wort und Beispiel ermutigt hatte, um verschiedenen Projekten, die er leitete, zum Erfolg zu verhelfen. Und die Liste scheint endlos: Katechesen, Notunterkünfte und Küchen für die Armen, Erholungsheime für Soldaten und so weiter. […] Er wusste unsere Herzen höher schlagen zu lassen, vereint mit seinem eigenen Herzen, in heiligem Bestreben, zu den reinsten Idealen des Glaubens und der christlichen Frömmigkeit zu gelangen.« Man darf sagen, Angelo war bereits damals ein großer Verehrer von Radini Tedeschi.


P. Francesco Pitocchi, der geistliche Begleiter des jungen Roncalli

Vom alunno zum sergente

Am 30. November trat Angelo den Militärdienst als Rekrut im 73. Infanterieregiment der Brigade Lombardei in der Kaserne Umberto I. in Bergamo an. In die innere Brusttasche steckte er ein Bild der Madonna della Fiducia, der Gottesmutter des Vertrauens, wie er sie in der Kapelle des Römischen Seminars lieben gelernt hat: Maria als schöne junge Frau, das Jesuskind legt zärtlich den Arm um ihren Nacken, beide neigen sich liebevoll dem Betrachter zu. Mutter und Kind sind mit kostbaren Diademen gekrönt. Bei allen örtlichen Veränderungen, die das Seminar im Laufe der Jahrzehnte erfuhr, ist dieses Gnadenbild bis heute das Herzstück in der Kapelle geblieben. Ein besonderer Trost soll von diesem Bild ausgehen. Täglich kniete Angelo während der Seminarzeit davor: »O Maria, Madre di Dio, a te affidiamo la nostra vita – Gottesmutter, dir vertrauen wir unser Leben an, wir sind deine Söhne, in deine Hände legen wir unsere Berufung«.

Angelo wurde ein Soldat wie jeder andere. Er lernte schießen, wurde befördert und hatte das Privileg, hin und wieder im Priesterseminar übernachten zu dürfen. Die Kameraden, sonst nicht gerade zimperlich in Sprache und Umgang, respektierten ihn und ließen ihn in Ruhe. Dennoch streifte ihn der Geruch der »Blumen des Bösen«, wenn er Gesprächsfetzen über Trinkexzesse und Bordellbesuche aufschnappte. Im Tagebuch vom Dezember 1902, während der Exerzitien »nach der Babylonischen Gefangenschaft«, artikuliert er seinen Ekel: »Wie hässlich ist die Welt, wie abstoßend, wie schmutzig. Während meines Militärjahres habe ich es mit Händen greifen können. […] Ich habe nicht geglaubt, dass vernünftige Menschen sich so erniedrigen können. […] Ich danke dir, mein Gott, dass du mich vor so mancher Verderbtheit bewahrt hast, das ist wirklich eine deiner größten Gnaden, für die ich dir mein ganzes Leben lang dankbar sein werde.« Im Mai war er zum Korporal befördert worden und am 15. November musterte er im Rang eines sergente – Feldwebel – ab. Wie bei Klerikern üblich wurde durch eine Abstandszahlung von 1.200 Lire seitens der Diözese Bergamo sein Präsenzdienst von zwei Jahren auf eines reduziert. Er kehrte nach Rom zurück in den Schoß des Römischen Seminars und wusch sich in einer wahren Flut von Eintragungen in seinem »Tagebuch der Seele« während der folgenden zehntägigen Exerzitien allen Schmutz des vergangenen Jahres von der Seele. Hinter manchen Sätzen spürt man die Strategien der Verführungen, denen er beim Militär ausgesetzt war – und wie er sich dagegen zur Wehr setzen musste. In nahezu biblischen Satzkaskaden bricht jetzt aus ihm die Dankbarkeit heraus, dass Jesus ihn wie einen Jünger berufen und wie das Volk Israel ins Gelobte Land, damit meinte er Rom, geführt hat:

»Er hat mich als kleinen Jungen vom Lande weggeholt und mit der Sorge einer liebenden Mutter mit allem Notwendigen versehen. Ich hatte kein Brot, und er hat es mir gegeben; ich hatte nichts anzuziehen, und er hat mich bekleidet; ich hatte keine Bücher zum Studium, und er dachte auch daran. Bisweilen vergaß ich ihn, doch rief er mich stets behutsam zurück; ich erkaltete in der Liebe zu ihm, und er erwärmte mich an seiner Brust, an der Glut seines ständig glühenden Herzens. Seine Feinde und die Feinde seiner Kirche umringten mich, stellten mir nach, schleppten mich in die Welt, in den Schmutz und Unrat, und er hat nicht zugelassen, dass mich das Meer verschlingt; damit ich meinen Geist zu größerem Glauben und größerer Liebe erhebe, führte er mich in sein gelobtes Land, in den Schatten seines Stellvertreters, an die Quelle der katholischen Wahrheit, an die Gräber seiner Apostel, wo die Erde noch mit dem Blut seiner Märtyrer getränkt und die Luft vom Wohlgeruch der Heiligkeit seiner Bekenner erfüllt ist1. Er gönnt sich keinen Augenblick Ruhe, nicht bei Tag und nicht bei Nacht, und sorgt für mich mehr noch als eine Mutter für ihr Kind. Und nach all dem hat er nur die zarte Frage: ›Mein Sohn, liebst du mich?‹ Herr, Herr, was darf ich antworten? Sieh, wie die Feder meinen Händen entgleitet. […] Was darf ich sagen? ›Herr, du weißt, dass ich dich liebe!‹«

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