Kitabı oku: «Das Geisterschiff»
HUBERT HAENSEL
Das Geisterschiff
HOPF Autorenkollektion
Inhalt
Impressum
Vorwort
Das Geisterschiff
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
Mein Freund, der Roboter
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
Mentalität
Vorschau
Impressum
Originalausgabe Januar 2021
Text © Hubert Haensel
Copyright © 2021 der E-Book-Ausgabe by Verlag Peter Hopf, Minden
Covergestaltung: etage eins, Jörg Jaroschewitz
Covermotiv © sdecoret / de.depositphotos.com
Innenillustration © Alex Braccu
Korrektorat: Thomas Knip
ISBN ePub 978-3-86305-374-1
www.verlag-peter-hopf.com
Alle Rechte vorbehalten
Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.
Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.
Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.
Vorwort
Liebe Freunde utopischer Literatur,
was wäre, wenn wir unsere Träume nicht hätten? Haben Sie sich auch schon diese Frage gestellt? Ich meine nicht die bedrückenden Träume, aus denen wir schweißgebadet aufschrecken, sondern die schönen, angenehmen, die uns in fremde Welten entführen und bei denen wir froh sind, dass wir sie haben. Weil sie uns für Stunden von Stress und Sorgen befreien und lange in der Erinnerung nachklingen. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen wir äußeren Zwängen mehr oder weniger machtlos gegenüberstehen, geben die angenehmen Träume uns das Gefühl von Freiheit und Freude zurück. Umso schöner, wenn alte Träume, an denen wir uns schon vor Jahrzehnten erfreuen konnten, sich als treue Begleiter erweisen.
Genau das bietet uns die Autorenkollektion. Ich kann eingestehen, dass ich zuletzt mit Freude Band 3 gelesen habe. Hanns Kneifels »Das Logbuch der Silberkugel« hatte es mir schon angetan, als ich den Roman erstmals als Heft der TERRA-Reihe las, und er hat bis heute nichts von seinem Flair verloren. Viele schöne Erinnerungen wurden dabei wach …
… Erinnerungen, die sich ebenso einstellten, als ich meine beiden im vorliegenden Buch enthaltenen Romane wieder las.
Da ist »Das Geisterschiff«, mein erster veröffentlichter Roman, geschrieben im letzten Jahrtausend – nun ja: 1977. Ich habe Raum und Zeit in diesen Roman hineingepackt und genau das, was mich schon in jungen Jahren bewegt hat, den Kontakt mit fremdem Leben. Wird er friedlich verlaufen oder feindselig? Dass wir allein sind, ist angesichts der Milliarden von Sonnen in unserer Milchstraße für mich schon ausgeschlossen. Die moderne Forschung zeigt uns, wie viele Sonnen eigene Planeten haben. Von den Abermillionen Galaxien will ich erst gar nicht reden. All das, was in der frühen Science-Fiction an Phantasie steckt, scheint sich also mehr und mehr zu bewahrheiten. Und auch wenn wir bislang keinem außerirdischen Leben begegnet sind – es ist wohl nur eine Frage der Zeit.
Apropos Zeit. Neben der unendlichen Weite des Weltraums ist die Zeit mein zweites Faible. Sie werden es sehen, sobald Sie »Das Geisterschiff« lesen. Mit der Zeit zu spielen erscheint mir jedenfalls ebenso faszinierend wie mit dem Raum.
Der zweite in diesem Taschenbuch enthaltene Roman ist »Mein Freund, der Roboter«. Ich will nicht behaupten, er sei das Gegenteil des Geisterschiffs, aber er ist einfach eine luftige, lockere, lustige Geschichte. Ich musste beim Nachlesen selbst oft genug schmunzeln oder gar lachen. Und das wünsche ich Ihnen ebenfalls.
Apropos: Wo sind eigentlich die Regisseure und Produzenten unter den SF-Lesern? »Mein Freund, der Roboter« wäre bestimmt keine sündhaft teure Produktion und mit den heutigen tricktechnischen Mitteln gut zu machen. Nichts für ungut, aber ich könnte mir den Roman sehr gut als unterhaltsamen Film für die ganze Familie vorstellen.
Und schließlich noch eine kleine Zugabe: Ein Kurzgeschichtenwettbewerb des Kelter Verlags war schuld daran, dass ich erst zum Hobby-Schriftsteller wurde und mich Anfang des neuen Jahrtausends als hauptberuflicher Autor selbstständig machte. Ich erhielt damals den 2. Preis, eine ausreichende Motivation, mich an längeren Romanen zu versuchen. Meine Story »Mentalität« ist kurz und prägnant, und, wie ich finde, ein Anstoß zum Nachdenken. Das Thema ist heute so brisant wie Mitte der 1970er Jahre.
Zu dieser Geschichte gibt es längst eine sehr schöne Illustration unseres Lesers Alexander Braccu, die wir Ihnen ebenfalls nicht vorenthalten wollen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen sehr viel Lesespaß und Freude mit diesem und allen zukünftig erscheinenden Bänden der Autorenkollektion.
Ach ja, sollte jemand zufällig einen Film-Regisseur kennen, der dieses Buch noch nicht gelesen hat …
Herzlichst Ihr
Hubert Haensel, 4. Dezember 2020
HUBERT HAENSEL
Die Hauptpersonen des Romans:
Samuel Finch: Kommandant der MADELEINE
Jack Swensson: Erster Offizier der MADELEINE
Dave Quinger: Der Funker schießt auf sich selbst
Oam-Pham-Phu: Ein Androide, der den Frieden will
Zu allen Zeiten wussten Sagen und Legenden von mystischen Dingen und unerklärbaren Geschehnissen zu berichten ‒ gerade das hochtechnisierte Raumfahrtzeitalter mit seinem sich ständig verändernden Weltbild bot den besten Nährboden für fantastische Geschichten.
Eine der bekanntesten, gleichzeitig der hartnäckigsten Erzählungen war die des Geisterschiffs. Schiff der toten Seelen, so wurde es von den Völkern der Galaxis genannt, lange schon, bevor die irdische Menschheit begonnen hatte, interstellare Raumfahrt zu betreiben.
Furcht und Schrecken galten als die ständigen Begleiter seines Fluges. Doch wo lag der Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit, falls es so etwas wie eine Wahrheit überhaupt gab?
1.
Die Koordinaten lauteten: Nord 67 b ‒ grün 8 delta/13.
Roter Überriese Debair ‒ eines der rund zwei Dutzend kosmischen Funkfeuer auf der Route Agmon IV/Terra, gleichzeitig Orientierungspunkt für den Weiterflug zu mindestens fünf besiedelten Sauerstoffwelten.
Am 9. August 2452 materialisierte die MADELEINE in unmittelbarer Nähe des Überriesen; die MADELEINE, ein kleiner, altersschwacher Frachter unter privater Flagge. Mit einem Viertel der Lichtgeschwindigkeit tauchte er aus dem Hyperraum auf, der Sonne gefährlich nahe.
Für Captain Samuel Finch war dies ein Grund mehr, den alten Kahn und vor allem seine interesselosen, profitgierigen Eigner in das hinterste Feuer der Hölle zu wünschen.
»Es ist eine Schande, wie unser Schiff verkommt«, fluchte Finch im Brustton voller Überzeugung. »Irgendwann geht es schief, dann landen wir auf direktem Weg in der nächsten Sonne.«
Außer dem Captain hielten sich drei weitere Männer in der Zentrale auf.
Jack Swensson, ein stämmiger, kräftiger Bursche, war eigentlich zu Besserem geboren. Doch wie das Schicksal mitunter sein kann, hart und keineswegs auf Standesunterschiede bedacht: Einige Unregelmäßigkeiten hatten ihn, den angehenden Offiziersanwärter bei der Raumflotte, zur Handelsmarine verschlagen. An Bord der MADELEINE erfüllte er die Funktion des Ersten Offiziers, was gleichbedeutend war mit einem Mädchen für alles, angefangen von der Vertretung des Captains bis hin zum Dienst auf dem Maschinendeck.
Der Mann an den Ortungsgeräten hieß Steven Kincaid. Aufgewachsen im Milieu alternder, kranker Skipper, waren Schiffe wie dieser Frachter seine Heimat. Er fühlte sich auf der MADELEINE rundum wohl.
Dave Quinger saß angespannt vor dem Funkpult und suchte alle Frequenzen ab.
»Wir sollten abmustern«, sagte Swensson gereizt. »Dann wären wir unsere Sorgen los.«
»… und unseren Job ebenfalls«, entgegnete Kincaid. »Kein Reeder würde uns die modernen halbautomatischen Schiffe anvertrauen. Nein, mein Freund, wir sind gezwungen, auf der MADELEINE zu bleiben und mit ihr zusammen alt zu werden oder unterzugehen, je nachdem.«
Für Selbstvorwürfe war es schon lange zu spät. Swensson hatte sein Geschick in der Hand gehabt, den richtigen Zeitpunkt aber verpasst.
»Uns fehlt der Mut, und ich will verdammt sein, wenn wir nicht selbst daran schuld sind. Was bleibt uns anderes übrig, als auf diesem Seelenverkäufer durch die halbe Milchstraße zu schippern?«
Finch zog es vor, zu schweigen. Achtlos knüllte er den Datenträger zusammen, den der Rechner vor wenigen Minuten ausgespuckt hatte, und warf ihn seinem Ersten zu: »Programmiere du den Kurs! Ich muss nachdenken.«
Der Captain hatte das Schott noch nicht erreicht, da gellte der Alarm durchs Schiff. Finch fuhr auf dem Absatz herum.
»Ein anderer Kahn in der Nähe!«, meldete Kincaid von der Ortung.
Das allein wäre nichts Weltbewegendes gewesen, schon gar nicht in geringer Entfernung zu einem Funkfeuer. Finch gab jedoch viel auf Vorahnungen; wie beinahe jeder Raumfahrer war er abergläubisch. Und das eigenartig taube Gefühl, das sich in seinen Armen ausbreitete, hatte ihn schon immer vor drohenden Gefahren gewarnt.
»Entfernung acht Millionen Kilometer, rasch sinkend«, las Kincaid endlich die hereinkommenden Daten ab.
Die Ortung zeigte lediglich einen verwaschenen länglichen Reflex. Obwohl das fremde Schiff schon in wenigen Minuten und mit höchstens tausend Kilometern Distanz den Kurs der MADELEINE kreuzen würde.
»Die wollen was von uns«, argwöhnte Finch.
Quinger schüttelte den Kopf: »Kein Kontaktversuch bislang.«
»Grundlos rücken die uns nicht so nahe auf den Pelz. Ich habe ein ungutes Gefühl dabei …«
Erste Störungen hatten sich im Ortungsbild schon abgezeichnet. Ab einer Distanz von zwei Millionen Kilometern lieferten die Sensoren keine Anzeige mehr. Von einer Sekunde zur nächsten verschwand das fremde Schiff von den Bildschirmen.
Der Captain schlug auf den Alarmknopf. Wieder ertönte das an- und abschwellende Heulen, das auch jene Besatzungsmitglieder erreichen sollte, die tief in den Frachträumen arbeiteten.
»Aus!«, bemerkte Quinger. »Sogar das Rauschen der Statik ist verstummt. Ich fürchte, unsere Funkanlage hat endgültig den Geist aufgegeben.«
»Ich schalte um auf Direktbeobachtung!«, warnte Finch.
Die Optik war auf die Riesensonne Debair justiert. Von den Schirmen sprang ein gleißendes Rot herab. Nur zögernd schwenkte der Aufnahmebereich zur Seite, wich die Sonnenglut der Schwärze des Alls.
»Diese verfluchte schwerfällige Technik!«
Die Filter hatten sich einen Sekundenbruchteil zu spät vorgeschaltet, und der Captain blinzelte gegen die Blendung an. Immerhin stabilisierte sich die Wiedergabe. Die Vergrößerung ließ erste Einzelheiten erkennen.
»Zigarrenförmig. Offensichtlich Sol-Typ wie unsere MADELEINE, wenn auch modifiziert«, erkannte Swensson.
Die übergroßen Stabilisierungsflossen im Heckbereich und erst recht nicht die in der Rumpfmitte befindliche kugelförmige Ausbuchtung passten zu einem irdischen Schiff. Auch keines der bekannten raumfahrenden Völker baute so.
Und das seltsame Leuchten, das den Raumer umgab. War es ein besonderer energetischer Schutzschirm?
»So etwas habe ich nie gesehen«, sagte Kincaid. »Dabei fliege ich seit meinem zwölften Lebensjahr von einem Stern zum nächsten.«
»Du meinst, wir haben es mit Fremden zu tun?«
»Man muss nur eins und eins zusammenzählen, um zu diesem Schluss zu kommen.«
Mit einem Schlag wurde es dunkel. Selbst die vielen kleinen Kontrollskalen und Anzeigen, die für gewöhnlich ihren flackernden Schein durch die Zentrale schickten, erloschen.
»Der Ärger reißt nicht ab«, schimpfte Finch. »Das Notaggregat versagt den Dienst.«
Ein unterdrückter Aufschrei antwortete ihm, gefolgt von dumpfem Poltern. Dann war es totenstill. Erst nach wenigen Sekunden erklang ein zaghaftes Stöhnen. Gleich darauf Swenssons Stimme, fast im Flüsterton.
»Mich hat jemand heftig angerempelt und gegen die Konsole gestoßen. Mir brummt der Schädel.«
»Wer bitte?«, fragte Finch irritiert. »Keiner außer uns …«
Wieder polterte es, diesmal unmittelbar vor dem Captain. Die Finsternis ließ absolut nichts erkennen.
»Ich bin es jedenfalls nicht!«, rief Kincaid. »Ich habe mich nicht von meinem Platz wegbewegt.«
Eine eisige Hand legte sich auf Captain Finchs Nacken. Er schauderte, drehte sich jedoch sofort im Sessel herum und ließ die Arme vorschnellen. Nur war da nichts, was er hätte festhalten können. Ein leises Kichern hing in der Luft, als wolle sich jemand über seinen Versuch lustig machen.
»Wer ist da?« Samuel Finch bemühte sich, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. Ihm war bewusst, wie banal die Frage klang, aber was hätte er sonst sagen sollen?
»Du glaubst mir also«, triumphierte Swensson.
Wieder erklang dieses Kichern.
»Bei allen Raumgeistern …«, Steven Kincaid verschluckte sich vor Erregung. »Da draußen, das muss das Geisterschiff sein! Man hört schauderhafte Dinge, und es soll so aussehen wie … wie …«
Als hätte es nur dieser Feststellung bedurft, um eine Reaktion des Unbekannten auszulösen, sprang die Beleuchtung wieder an. Ein schneller Blick in die Runde überzeugte die Männer davon, dass sie nach wie vor allein waren.
»Sehr farbenprächtig.« Finch lachte beim Anblick von Swenssons blutunterlaufener Stirn. »Das soll ein Geist verursacht haben?«
Der Bildschirm war ausgeschaltet. Dabei war der Captain sich völlig sicher, während des Energieausfalls nicht einen einzigen Schalter berührt zu haben. Und Swensson und Kincaid waren überhaupt nicht in seine Nähe gekommen.
»Es spukt!«, stellte Swensson mit Siegermiene fest. »Wir sollten aus diesem Raumsektor verschwinden!«
Beide Raumer hatten den Punkt erreicht, nach dem ihre Flugbahnen sich wieder voneinander entfernten. Nicht allzu groß, aber trotzdem irgendwie Furcht einflößend stand das fremde Raumschiff vor dem sternenübersäten Hintergrund der Milchstraße. Seine Außenhülle schimmerte im Widerschein der Sterne teils in metallischem Blau, teils kräftig grün, und die vielfältigen Aufbauten waren so exotisch, dass sie bestimmt keiner irdischen Werft entstammten.
Eine treffende Beschreibung abzugeben, fiel ohnehin schwer. Die Konturen waren alles andere als stabil, sie flossen ineinander, schienen ständig neue Formen und Farben zu bilden.
Dennoch schien es den vier Raumfahrern, die gebannt jede Veränderung verfolgten, als hätten sie dieses Schiff irgendwann schon gesehen. Sie wussten nur nicht, wann und wo. Es war fremd, trotzdem wirkte es vertraut.
»Wir sollten beschleunigen und verschwinden, solange wir die Möglichkeit dazu haben!«, drängte Swensson.
Captain Finch zögerte. Vielleicht aus Neugierde – wer vermochte das zu beurteilen. Jedenfalls zögerte er zu lange.
Es war, als würde eine riesige Glocke angeschlagen, und den Resonanzkörper bildete die MADELEINE. Die isolierenden Schichten in der Außenhülle warfen die Schwingungen zurück und verstärkten sie binnen Sekunden zu einem einzigen mächtigen Gong.
Die Sterne überschlugen sich, wurden zu schmalen, gebogenen Linien. Der Überriese Debair erschien wieder im Erfassungsbereich der Optik. Auch wenn die Instrumente nichts dergleichen anzeigten, der Frachter rotierte mit einem Mal um eine Diagonalachse.
Zunehmend schneller erfolgte der Wechsel: das Dunkel des Weltraums ‒ der glühende Schein der Sonne …
Dunkel ‒ grell ‒ dunkel ‒ grell … Ein Chaos aus Farben und Gefühlen griff nach der Besatzung des Frachters.
Die Belastung setzt enorme Kräfte frei, erkannte der Captain. Wenn die MADELEINE nicht standhält, sind wir verloren.
Wie oft hatte er ein klägliches Ende prophezeit, irgendwo in der endlosen Einsamkeit zwischen den Sternen. Nun schien es gekommen, und Finch fühlte trotz allem Trauer, er wollte das Unvermeidliche nicht akzeptieren, sich dagegen aufbäumen …
Der Antigrav versagte, erste Andruckkräfte wurden wirksam. Der Captain spürte, wie ihm das Bewusstsein schwand. Er wollte sich zur Wehr setzen, dagegen ankämpfen, aber er schaffte es nicht. Er nahm nicht einmal mehr das irisierende Leuchten wahr, das die MADELEINE umfloss und unaufhaltsam ins Schiff vordrang.
*
Mehr als eine Stunde war vergangen, in der das fremde Raumschiff Kurs und Geschwindigkeit der MADELEINE angepasst und außerdem die Rotation des Frachters mithilfe von Magnetfeldern aufgehoben hatte.
Höchstens hundert Meter trennten beide Raumer voneinander. Eine Gestalt im Raumanzug löste sich aus dem Schlagschatten des unbekannten Schiffes und strebte der MADELEINE entgegen.
Es war zweifellos ein Mensch, der den Frachter betrat, nachdem er die Außenschleuse überraschend schnell geöffnet hatte. Zielstrebig bewegte er sich durch die engen Korridore. Einem Beobachter wäre keineswegs entgangen, dass er sich an Bord genauestens auskannte. Das Zentraleschott glitt vor ihm zur Seite. Er sah sich vorsichtig um und nickte zufrieden. Die Besatzung war ohne Bewusstsein. Was der Mann auch beabsichtigte, von dieser Seite hatte er keine Störung zu befürchten.
Neben dem Sessel des Kommandanten verharrte er eine Weile. Ein Hauch von Wehmut lag in seinen Augen, ein feuchter Schimmer, und um seine Mundwinkel zuckte es.
Captain Samuel Finch und der Fremde waren einander ähnlich wie ein Ei dem anderen. Der Fremde wirkte jedoch älter, reifer und in seiner ganzen Ausstrahlung erfahrener. An seinen Schläfen zeichneten sich erste graue Haare ab. Obwohl er biologisch kaum älter als fünfzig Jahre sein mochte, sprach aus seinem Blick die Erfahrung eines sehr langen Lebens. Die Art und Weise, wie er sich bewegte, zeugte von weit mehr Elan und Willensstärke, als Captain Samuel Finch je besessen hatte.
Der Fremde wandte sich abrupt ab und widmete seine Aufmerksamkeit dem Bordrechner. Er gab über die Tastatur Zahlen und Bezeichnungen ein, die eindeutig dem galaktischen Koordinatensystem entstammten.
Schließlich betrachtete er zufrieden sein Werk, ließ den ausgeworfenen Kontrollstreifen in einer Tasche seines Raumanzugs verschwinden und verließ die MADELEINE auf dem Weg, auf dem er gekommen war.
Er hatte sich nicht länger als dreißig Minuten an Bord des Frachters aufgehalten.
*
Captain Finch fühlte sich hundeelend, als er wieder zu sich kam. Sein erster Blick galt dem Chronometer. Er erschrak, denn er war mindestens zwei Stunden ohne Bewusstsein gewesen – eine Zeitspanne, während der viel geschehen sein konnte.
Die Bildschirme zeigten weiterhin den Überriesen Debair. Unverkennbar war, dass die MADELEINE sich der Sonne näherte. Bislang war ihre Anziehungskraft aber nicht stark genug, den Frachter endgültig in ihren Bann zu zwingen.
Erleichtert registrierte der Captain, dass die Rotation des Schiffes aufgehört hatte.
Endlich regten sich auch Swensson und Kincaid. Das Erste, was Swensson über die Lippen brachte, war die Frage nach dem Angreifer.
»Das Schiff ist verschwunden«, antwortete Finch, ohne den Blick von den Bildschirmen abzuwenden. »Der Raum ist im weiten Umkreis leer.«
»… und wir leben noch!«, sagte Kincaid erleichtert.
Der Captain ging nicht darauf ein. »Was wollten der oder die Fremden von uns?«, fragte er. »Wer greift einen Frachter an, nur um anschließend sang- und klanglos wieder zu verschwinden?«
»Wir sollten uns davor hüten, normale Maßstäbe anzulegen«, gab Swensson zu bedenken. »Ein Geisterschiff, dessen Besatzung wer weiß wie aussehen mag, lässt sich nicht mit Logik erfassen. Die Legenden berichten ohnehin sehr viel Ungereimtes.«
Über Bordrundruf trafen die ersten Anfragen ein, was eigentlich vorgefallen sei. Der Captain speiste alle mit wenigen nichtssagenden Worten ab.
Kurz darauf erfolgte der Hypersprung, mit dem sie die zweihundert Lichtjahre bis Omicron II binnen weniger Sekunden zu überwinden gedachten. Samuel Finch hatte den Kurs nach den bereits vorliegenden Daten programmiert und den Frachter bis auf die erforderliche Eintauchgeschwindigkeit beschleunigt.
Der brennende Schmerz der Entstofflichung und die Rematerialisation folgten unmittelbar aufeinander.
2.
Nicht Omicron, eines der relativ seltenen Doppelgestirne, sondern eine kleine, gelbe Sonne, als deren Begleiter drei Planeten auszumachen waren, leuchtete von den Bildschirmen herab.
»Fehltransition!«, konstatierte der Captain niedergeschlagen. »Wenn wir nicht rechtzeitig auf Omicron II eintreffen, werden wir unser blaues Wunder erleben.«
»Ich kann keinen Fehler in den Berechnungen finden«, seufzte Swensson nach einer Weile. »Der Kontrollstreifen ist ebenfalls in Ordnung. Die Kursdaten sind exakt.«
Finch winkte mürrisch ab. »Lass es gut sein. Wir haben keine Zeit, uns lange mit Fragen herumzuschlagen, die wir nicht beantworten können. Unsere Position …«
Ein Anruf aus dem Triebwerksraum unterbrach ihn. Das Gesicht von Wilson Kane erschien auf dem Monitor des Bordrundrufs. Der Techniker war sichtlich erregt.
»Was denkt ihr da oben euch eigentlich?«, platzte Kane heraus. »Ich soll den ganzen Schlamassel wieder in Ordnung bringen, was? Diesmal nicht. Ich sage dir, Sam, da ist nichts zu reparieren.«
»Der Reihe nach!«, bat der Captain. »Wovon redest du überhaupt?«
Der Techniker riss vor Überraschung der Mund und Augen auf. »Du bist gut. Erst fliegt ihr den Hyperantrieb in Klumpen, und dann will es keiner gewesen sein. Der Umwandler ist ein einziger riesiger Schrotthaufen. Wir können von Glück reden, dass er uns nicht um die Ohren geflogen ist, sonst wären wir …« Kane schnippte mit den Fingern.
Der Captain holte tief Luft. Schweiß perlte auf seiner Stirn. »Willst du ernsthaft behaupten, dass unser Antrieb nach einem Sprung von knapp zweihundert Lichtjahren Schrottwert hat?«
»Zweihundert?« Kane winkte heftig ab. »Du hast Nerven. Dreitausend – trifft die Sache weit eher. Ich halte es für ein Wunder, dass die MADELEINE den Gewaltakt überstanden hat.«
»Sag’ das noch einmal!« Finch hatte sich vornübergebeugt, die Ellenbogen auf seiner Konsole aufgestützt und das Gesicht in beiden Händen vergraben. So starrte er auf die Wiedergabe der Außenbeobachtung und den Monitor zugleich. »Besteht eine Gefahr für das Schiff?«
Wilson Kane schüttelte den Kopf. »Die Energiezufuhr ist komplett unterbrochen. An dem Aggregat kannst du dir nicht einmal mehr die Finger verbrennen.«
»Okay, dann komm rauf in die Zentrale.« Der Monitor erlosch und Finch wandte sich an den Ersten Offizier: »Steht unsere Position fest?«
»Ich fürchte, Wilson hat recht, wenn er von dreitausend Lichtjahren spricht«, antwortete der Erste tonlos. »Für diesen Sektor liegt keine Sternkarte vor. Wir befinden uns in unerforschtem Gebiet.«
»Wir haben hier eine Sonne vom G-Typ vor uns. Wie weit ist das nächste Sonnensystem entfernt?«
Swensson benötigte einige Minuten, um das festzustellen.
»Etwa vier bis fünf Lichtjahre …«
»Also derzeit unerreichbar für uns. Ebenso, wie wir mit unserer Funkanlage keine dreitausend Lichtjahre überbrücken können ‒ es sei denn, wir hätten drei Jahrtausende Zeit.« Finch ließ eine wüste Verwünschung folgen.
»Warten bringt noch weniger«, kommentierte Kincaid. »Es gibt zu viele weiße Flecke auf den Karten der Galaxis. Bis hier eines unserer Schiffe aufkreuzt, kann ein Menschenleben vergehen …«
Wilson Kane betrat die Zentrale. Sofort wandten sich die drei Männer dem Techniker zu. Kane reagierte mit einem Achselzucken darauf.
»In der Schwerelosigkeit ist eine Reparatur undenkbar, das wisst ihr«, sagte er. »Zudem fehlen einige Ersatzteile, die wir in mühevoller Kleinarbeit erst selbst herstellen müssen. Jeder weiß doch, wie es um unseren Kahn steht.«
»Also bleibt uns keine Wahl«, stellte Finch fest. »Hoffentlich bietet einer der drei Planeten günstige Bedingungen. ‒ Welche Metalle benötigen wir für die Ersatzteile?«
*
Nach fünf Stunden Flugzeit ‒ wenigstens der Normalantrieb rechtfertigte die in ihn gesetzten Erwartungen ‒ passierte die MADELEINE die sonnennächste Welt, einen stark abgeplatteten, zerfurchten Kleinplaneten. Mangels eigener Rotation herrschte auf der sonnenabgewandten Seite eisige Nacht, während die Fernthermometer auf der anderen Hälfte Temperaturen bis zu fünfhundert Grad Celsius anmaßen.
»Ungeeignet«, sagte Swensson bedauernd. »Wer kann sich schon für Seen aus geschmolzenem Blei begeistern?«
Planet Nummer zwei zeigte sich kaum besser. Wegen der fehlenden Lufthülle war er für eine Landung denkbar ungeeignet. Die MADELEINE raste mittlerweile mit nahezu fünfzigtausend Kilometern in der Sekunde durch das Sonnensystem und musste bereits auf Gegenschub gehen.
Schließlich näherte sich der Frachter dem dritten und äußersten Planeten.
»Zwölftausend Kilometer Äquatordurchmesser!«, meldete Swensson. »Die Schwerkraft beträgt null Komma neun fünf Gravos. Stark ausgeprägte Polkappen. Nahezu die gesamte Oberfläche liegt unter dichten Wolkenfeldern verborgen.«
Knapp zwanzigtausend Kilometer über dem Planeten schwenkte die MADELEINE in einen Orbit ein.
»Sauerstoff, Stickstoff, Edelgase!« Vor Begeisterung platzte Swensson lauthals heraus. »Die Atmosphäre ist für uns atembar ‒ hört ihr?«
Die Welt, die sich nun langsam unter ihnen drehte, schien unbewohnt. Falls sie intelligentes Leben hervorgebracht hatte, stand es bestenfalls auf einer vor-technischen Entwicklungsstufe. Die Antennen des Frachters fingen nicht die einfachsten Funksignale auf.
Wo die Wolkendecke aufriss, wurde für kurze Zeit erkennbar, was sie sonst schamhaft verborgen hielt: die tiefblauen Wogen eines Ozeans und die schmutzig braune Vegetation weiter Landstriche.
Der Landeflug erfolgte nur mithilfe des Antigravs. In knapp acht Kilometern Höhe tauchte die MADELEINE in die ersten dichten Wolkenbänke ein. Ringsum tobte ein Chaos aus Blitzen und dröhnenden Donnerschlägen. Faustgroßer Hagel prasselte gegen das Schiff.
Obwohl die Morgendämmerung über diesem Bereich des Planeten schon einige Stunden zurücklag, herrschte finsterste Nacht. Captain Finch flog den Frachter ohne Sicht. Unaufhörlich zerrte und rüttelte der Sturm an der MADELEINE, als wolle er sie vom Kurs abbringen.
Dann ‒ Bodenkontakt.
Ein letztes Knistern und Knacken, mit dem Spanten und Verstrebungen zur Ruhe kamen, ein leichtes Nachfedern der mächtigen Landebeine. Das Dröhnen des Antigravs brach unvermittelt ab.
Minuten später begann der Orkan abzuflauen. Es dauerte nicht lange, dann verklang das Donnergrollen in der Ferne. Am östlichen Horizont durchbrachen vereinzelte Lichtfinger das Schwarz der Wolken. Keine zehn Minuten später schien für kurze Zeit die Sonne.
*
Eine weite Steppe erstreckte sich bis an den Horizont. Das Land war so gleichmäßig eben, dass es eigentlich nur während einer Eiszeit entstanden sein konnte. In der Nähe der MADELEINE plätscherte ein weit mäandernder Fluss gemächlich dahin.
Etwa zehn Kilometer südlich erhob sich eine bewaldete Hügelkette aus der Ebene. Nicht besonders hoch, aber den Messungen zufolge reich an Bodenschätzen.
»Wir sehen uns die Sache aus der Nähe an«, entschied der Captain. »Je eher wir dieser Welt ade sagen können, desto besser.« Er wandte sich an Swensson: »Jack, du bleibst an Bord. Bis zu unserer Rückkehr sollte alles vorbereitet sein; vielleicht können wir schon morgen oder übermorgen mit der eigentlichen Arbeit beginnen. Ach ja ‒ und setze alles daran, herauszufinden, was für unseren Fehlsprung verantwortlich war. Das lässt mir keine Ruhe.«
Eine Viertelstunde später verließen der Captain, Dave Quinger und der Lagerist Walter Küber die MADELEINE durch die Heckschleuse. Sie führten einen hochmodernen Bodentaster mit sich, der Probebohrungen bis zu fünfzig Metern Tiefe ermöglichte. Zu ihrem Selbstschutz trugen sie die üblichen handlichen Laserpistolen. Auch wenn es unnötig erschien, die generellen Vorschriften für Raumfahrer enthielten in der Hinsicht eindeutige Passagen.
Es war eine lautlose Landschaft, die sie auf ihren Antigravkissen überflogen. Eine in Reglosigkeit erstarrte Natur.
»Es ist seltsam hier«, kommentierte Quinger. »Eine unwirkliche Welt. Ich vermisse Insekten, Vögel und überhaupt …«
»Sei froh, dass wir uns nicht mit einer bedrohlichen Tierwelt herumschlagen müssen«, fiel der Captain dem Funker ins Wort. »So friedvoll ist es mir bedeutend lieber. Im Übrigen werden wir gleich die nötigen Messungen vornehmen. Schon um die Daten zu präzisieren, die wir vom Schiff aus bekommen haben.«
Sie landeten auf einem sanft ansteigenden Hang, rund hundert Meter über dem Niveau der Ebene. Vor ihnen begann ein dichter werdender Wald.
Bereits die ersten detaillierten Analysen bestätigten größere Erzvorkommen. Sie begannen in einer Tiefe von etwa dreißig Metern und setzten sich weit in die Kruste des Planeten hinein fort.
Eine Probebohrung wurde niedergebracht. Mühelos fraß sich der wenige Zentimeter dicke Desintegratorstrahl in den Untergrund. Allerdings kam er schon nach wenigen Minuten zum Stillstand. Der stete Strom ihrer molekularen Bindungen beraubter Materie versiegte jäh. Daran änderte sich auch nichts, als der Captain die Energieleistung erhöhte und den Durchmesser des Bohrstrahls vergrößerte.
»Unmöglich.« Kopfschüttelnd schaltete Finch das Gerät ab. »Es gibt nicht viel, was einem Desintegrator widerstehen kann.«
»Metatol«, sagte Quinger. »Vor allem das künstliche Metall hat diese Widerstandskraft. Gerade deshalb und wegen seines geringen spezifischen Gewichts findet es im modernen Raumschiffsbau Verwendung.«
Wer das langwierige, technisch aufwändige Herstellungsverfahren von Metatol kannte, dem musste sich eine Frage geradezu aufdrängen: Wie kam das Kunstmetall, das der Menschheit erst seit wenigen Jahren bekannt war, unter die Oberfläche einer offenbar unbewohnten Welt?
»Es kann dort seit Jahrtausenden liegen«, überlegte Dave Quinger.
»Das Wrack eines abgestürzten Raumschiffs?«, fragte der Captain. Er stutzte, weil Quinger auf eine einzelne Baumgruppe zuging. »Dave, was hast du vor?«
Quinger hielt nur kurz inne und sah sich um. »Ich ‒ weiß nicht recht.« Er wirkte nervös. »Ich habe den Eindruck, wir werden seit einigen Minuten beobachtet.«
»Hier ist niemand außer uns.« Finch winkte ab, doch wie er das tat, indem er sich halb um die eigene Achse drehte, verriet seine eigene Unsicherheit. Nach wie vor war alles ruhig ‒ zu ruhig, wie er mit einem Mal fand.
»Zurück zur MADELEINE?«, fragte Küber.
Dave Quinger stieß einen unterdrückten Schrei aus. Seine Rechte hatte er ohnehin schon nahe an der Laserpistole gehalten, nun riss er die Waffe vom Magnetholster und löste sie aus.
Fauchend entlud sich der Strahlschuss. Dreißig Meter entfernt ließ die gebündelte Energie einen umgestürzten Baum aufglühen. Das feuchte Holz bot den aufzuckenden Flammen aber wenig Nahrung.
Zweimal hintereinander betätigte Quinger den Auslöser. Die zweite Schussbahn lag etwas weiter links. Für den Bruchteil einer Sekunde traf der Laserstrahl auf ein bisher unsichtbares Hindernis, floss daran auseinander und zeichnete dessen Konturen nach. Die Umrisse schienen einer menschlichen Gestalt zu gehören.
Gleichzeitig rissen auch der Captain und Walter Küber ihre Waffen hoch.
»Also doch!«, stöhnte Quinger. »Jemand verfolgt uns, womöglich schon seit wir das Schiff verlassen haben. Es war nicht mehr als ein Zufall, dass ich dieses Wesen, oder was immer es sein mag, bemerkte.«
»Wir sind also nicht allein hier«, bestätigte Finch. »Wer immer das ist, sein Versteckspiel lässt nicht das Beste ahnen. Gut, wenn es so sein muss: Wir schießen, sobald etwas verdächtig erscheint. Fragen stellen wir hinterher.«
Der Captain hielt seinen Laser schussbereit und griff mit der linken Hand nach dem Bodentaster. Gemeinsam mit Küber hob er das Gerät an.
»Wir gehen zurück«, entschied er.
Der Erste Offizier meldete sich Sekunden später über Funk: »Wir haben Laserschüsse angemessen. Was ist bei euch los?«
»Eine Begegnung mit etwas Unsichtbarem«, antwortete Finch. »Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ist bei euch alles ruhig?«
»Keinerlei Vorfälle.« Jack Swensson klang überrascht. »Soll ich den Schutzschirm aufbauen?«
Finch entschied sich dagegen. Der Energieverlust, den ein aktives Prallfeld für die MADELEINE bedeuten würde, eben weil der Umwandler ausgefallen war, erschien ihm zu hoch.
»In Ordnung«, bestätigte Swensson. »Und das Wichtigste: Wir haben die Ursache unseres Fehlsprungs herausgefunden. ‒ Jemand hat am Bordrechner herumgespielt!«
Weil der Captain nicht sofort darauf reagierte, fuhr der Erste Offizier fort: »Die Zielkoordinaten wurden für dieses Sonnensystem programmiert. Wer immer uns das eingebrockt hat, ist dabei äußerst geschickt vorgegangen. Eine Rückkopplung löschte alle zu einem späteren Zeitpunkt eingegebenen Werte, aber erst, nachdem diese auf dem Kontrollstreifen ausgedruckt worden waren. Einen raffinierteren Trick kann ich mir kaum vorstellen.«
Der Captain und seine beiden Begleiter sahen einander erschrocken an.
»Wer könnte die Programmierung ausgeführt haben?«, fragte Finch.
Swensson hatte sich die Frage schon gestellt, denn er antwortete ohne zu zögern: »Außer uns beiden vielleicht Wilson. Jeder andere müsste spätestens an der Überbrückungsschaltung scheitern.«
Der Captain rieb sich das Kinn. »Ich war es nicht, du sicher auch nicht, und Wilson …?«
»Für ihn lege ich meine Hand ins Feuer«, antwortete der Erste Offizier.
»Ich bin ganz deiner Meinung.« Der Captain seufzte. »Also, was bleibt? Kann der Rechner während unseres letzten Aufenthalts frisiert worden sein? Ich meine, Universe-City ist ein heißes Pflaster.«
»Ausgeschlossen!«, wehrte Swensson ab. »Die falsche Programmierung muss zeitnah vor dem letzten Hypersprung erfolgt sein, also erst nach unserem Orientierungsaustritt. Andernfalls wären wir nie im Debair-Sektor angekommen. Ich kann mir auch nicht vorstellen …« Mitten im Satz brach die Verbindung ab.
»Jack!«, rief Finch in böser Vorahnung. »Jack, was ist los?«
Swensson antwortete nicht.
Augenblicke später wussten der Captain und seine Begleiter, was geschehen war. Die MADELEINE war verschwunden!
3.
Ein Schrei voller Furcht und Entsetzen ließ Jack Swensson herumfahren. Er sah gerade noch die letzte Phase einer erschreckenden Verwandlung, die sich auf allen Bildschirmen abzeichnete. Wallender, schwarzer Nebel lag über ihrem Landeplatz und schickte sich an, ins Schiff einzudringen.
In der Zentrale wurde es merklich dunkler. Die Beleuchtung flackerte ‒ ein untrügliches Zeichen, dass sich das Notaggregat zugeschaltet hatte.
»Schutzschirm ein!«, brüllte Swensson.
Sekundenlang schwoll das monotone Arbeitsgeräusch der Konverter zum ohrenbetäubenden Dröhnen an. Dann fiel der Geräuschpegel jäh wieder ab.
»Aus!«, sagte jemand betroffen. »Was immer da geschieht, wir können es nicht aufhalten. Etwas zapft uns sämtliche Energie ab.«
Der Schutzschirm war, kaum im Aufbau begriffen, schon wieder zusammengebrochen.
Ein kurzer, stechender Schmerz raubte dem Ersten Offizier den Atem, dann tauchte sein Bewusstsein hinab in ein Meer aus Glückseligkeit, in dem alle Probleme unbedeutend wurden.
*
Die Abdrücke der Landeteller im aufgeweichten Boden, das war alles, was noch an den Frachter erinnerte.
»Ich begreife es nicht«, sagte der Captain zum wiederholten Mal. »Ich verstehe einfach nicht, wie ein Raumschiff spurlos verschwinden kann.«
Keinesfalls war die MADELEINE gestartet. Das war aber auch das Einzige, was unumstößlich feststand. Ansonsten konnte alles Denkbare geschehen sein.
Auf ihre verzweifelten Funksprüche bekamen Finch und seine beiden Begleiter keine Antwort.
»Was können wir außerdem tun?«, fragte Walter Küber.
»Nichts«, antwortete Dave Quinger tonlos. »Nur warten. Darauf, dass ein Wunder geschieht.«
*
Waren Minuten vergangen, Stunden oder gar Tage? Jack Swensson hatte jegliches Zeitgefühl verloren, als er langsam wieder zu sich kam. Erst ein Blick auf das Chronometer zeigte ihm, dass er höchstens Minuten ohne Bewusstsein gewesen war.
Einigermaßen erleichtert registrierte er, dass die Beleuchtung wieder funktionierte. Jene seltsame, vollkommen lichtlose Schwärze war verschwunden. Sein Blick wanderte weiter über die Bildschirme …
… und seine Faust knallte auf den Alarmknopf.
»Das darf nicht wahr sein!«, keuchte Swensson. In Gedanken sah er die MADELEINE nach wie vor in der Ebene unter dem wolkenverhangenen Firmament. Die Bildschirme zeigten ihm etwas gänzlich anderes.
Das weiße Licht einer künstlichen grellen Sonne zeichnete scharfe Konturen. Der Erste sah rundum fensterlose wuchtige Gebäude. Ihre Größe schätzte er von der eines Bungalows bis hin zum mehrstöckigen Hochhaus. Dazwischen verliefen kühn geschwungene Straßen. Vereinzelt huschten Fahrzeuge über die Pisten.
»Eine fantastische Welt«, flüsterte Wilson Kane. »Aber … wo kommt das alles urplötzlich her? Was ist mit uns geschehen?«
Die MADELEINE stand auf einem ausgedehnten freien Platz. Und, so unglaublich es klingen mochte, niemand schien sich für den Frachter zu interessieren. Keines der vorbeirasenden Fahrzeuge hielt an; niemand stieg aus, um das Raumschiff, das gar nicht in diese fremdartig anmutende Umgebung passen wollte, in Augenschein zu nehmen.
»Keiner nimmt von uns Notiz«, stellte Swensson ungläubig fest. »Gibt es hier niemanden, der eine gesunde Neugierde entwickelt?«
Minutenlang sah der Erste Offizier der scheinbaren Geschäftigkeit zu, dann verlor er die Geduld. »Ich werde eine Reaktion erzwingen«, sagte er missmutig. »Immerhin haben wir Möglichkeiten, auf uns aufmerksam zu machen.«
»Jemand hat uns hierher verschleppt«, gab Kane zu bedenken. »Das geschah bestimmt nicht grundlos. Also werden sich der oder die Unbekannten mit uns in Verbindung setzen. Aus eigener Kraft sind wir jedenfalls nicht in diese Stadt gelangt. Ich frage mich sowieso, ob das noch der wolkenverhangene Planet ist. Allerdings – das klingt schon extrem verrückt.«
Swensson reagierte mit einem Schulterzucken darauf. Er prüfte die Funktionen seines Schaltpults und aktivierte den Schutzschirm.
Das heißt, er hatte das tun wollen. Zwei Ereignisse, die fast gleichzeitig geschahen, vereitelten seine Bemühungen. Zum einen reagierte mit peitschendem Knall eine Sicherungsschaltung; alle Projektoren des Schutzschirms waren danach von der Energieversorgung getrennt. Zum anderen setzte ein Fahrzeug wenige Meter neben der Heckschleuse auf. Wilson Kanes warnender Ruf machte den Ersten Offizier darauf aufmerksam.
»Na also, das wurde Zeit«, sagte Swensson. »Nun werden wir hoffentlich bald erfahren, was hier eigentlich gespielt wird.«
Nach weiteren langen Minuten des Wartens öffnete sich das Fahrzeug. Optisch sah es aus, als löse sich die obere Rumpfhälfte einfach auf. Ein silbern gekleidetes Wesen wurde sichtbar.
»Ein Mensch?«, rief jemand überrascht.
Mit einem eleganten Satz sprang der Fremde aus dem Fahrzeug und schritt näher an die MADELEINE heran.
Die Optiken holten ihn nahe heran. Ein markantes, hart wirkendes Gesicht blickte von den Bildschirmen in der Zentrale herab. Der Fremde hätte durchaus ein Mensch sein können. Nur die breite, weit vorspringende Nase und die schimmernden, tief in den Höhlen liegenden Augen störten den Eindruck und verliehen ihm einen unirdischen Einschlag. Sein Blick hatte etwas Zwingendes.
»Dem zeige ich, dass man so nicht mit uns umspringen darf!«, tönte es schrill durch die Zentrale. »Ich habe den Kerl im Fadenkreuz.«
»Nein!« Swensson schwang mitsamt seinem Sessel herum und hechtete geradezu zu der benachbarten Kontrollkonsole. Er schlug die Hand des »Verrückten« beiseite, der soeben im Begriff war, das Bordgeschütz auszulösen.
Ein unerwarteter Konter trieb dem Ersten die Luft aus den Lungen. Er setzte trotzdem nach und ließ die Fäuste vorschnellen. Die Abwehrreaktion des Gegners kam zu spät, ächzend ging er zu Boden.
Swensson schüttelte sich ab. »Dan Henderson!«, schnaufte er. »Ich hätte mir denken können, dass er Schwierigkeiten macht – ein aufgeblasener Spund, der in den zwei Monaten bei uns an Bord nichts dazugelernt hat.« Er musterte den am Boden Liegenden mit einem wütenden Blick.
»Wer außer Henderson hat Lust, uns alle umzubringen?«, fragte er aufgebracht. »Solange wir nicht wissen, wer die Fremden sind, was sie von uns wollen und vor allem, was sie können, will ich keinen von uns mit einer Waffe in der Hand sehen. Ich hoffe, das ist eindeutig.«
Mehrere Männer nickten betreten.
»Was machen wir nun mit dem da draußen?« Der silbern Gekleidete stand vor der Schleuse. Seine Haltung verriet unmissverständlich, dass er an Bord kommen wollte.
»Ich habe nicht vor, ihn daran zu hindern«, sagte Swensson. »Ist jemand anderer Meinung?«
Der Fremde machte eine herrische Geste. Nicht nur, dass er sehr genau zu wissen schien, wo die optische Überwachung verborgen war, seine Handbewegung verriet Ungeduld.
»Wilson, du begleitest mich!«, bestimmte Swensson.
Im Laufschritt verließ er die Zentrale. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Henderson sich wieder aufrichtete, aber schon glitt das Schott hinter ihm und Wilson Kane zu.
»Musstest du so hart mit dem Jungen umspringen?«, fragte der Techniker zögernd, während sie im Antigravschacht nach unten schwebten.
»Geschossen wird nur, falls die Sicherheit des Schiffes oder seiner Besatzung es erfordert. Beides war nicht der Fall. Wir hätten in Teufels Küche kommen können.«
Swensson war keineswegs nachtragend. Trotzdem nahm er sich vor, Henderson künftig besonders im Auge zu behalten. Der junge Techniker hatte sich entschieden zu viel herausgenommen.
Sie öffneten die Schleuse. Swensson hielt dem Fremden seine leeren Handflächen entgegen ‒ eine Geste, die der Andere nicht erwiderte.
»Ich nehme an, Sie können uns nicht verstehen«, sagte der Erste betont langsam und deutlich. »Leider haben wir an Bord unseres Frachters keinen schon auf Ihre Sprache programmierten Translator.«
Der Fremde schwieg. Von Swensson glitt sein Blick zu Kane und huschte dann durch die enge Schleusenkammer. Nichts schien dabei seiner Aufmerksamkeit entgehen zu können.
Das Innenschott stand offen. Dahinter verlief nur der breite, leere Korridor, der zum Antigravschacht und den Laderäumen führte. Weil der Fremde einige hastige Schritte vorwärts machte, sah Kane sich gezwungen, ihm den Weg zu versperren.
Erst jetzt fiel Swensson und Kane auf, dass das, was sie für eng anliegende Kleidungsstücke gehalten hatten, eher wie eine zweite Haut war, die sich glatt und faltenfrei anschmiegte. Um die zwei Meter maß der Fremde, sie mussten beide zu ihm aufsehen. Und sein Körper war der eines Athleten, breitschultrig und muskulös.
»Was, was ist …?«, brachte Kane noch über die Lippen, dann wischte ihn ein wuchtiger Hieb zur Seite und ließ ihn gegen die Schleusenwand prallen. Ein stechender Schmerz im Brustkorb raubte ihm beinahe die Besinnung.
»Wilson!« Swenssons Aufschrei vermischte sich mit dem Poltern wuchtiger Schritte. Der Fremde eilte quer durch die große Schleusenkammer.
Übergangslos hielt der Erste Offizier den Laser in der Hand. Der blitzschnellen Reaktion des Fremden hatte er jedoch nichts entgegenzusetzen. Ein Hieb traf ihn, bevor er die Waffe einsetzen konnte.
Ohnmächtiger Zorn begleitete Swensson hinüber ins Reich der Träume.
*
»Captain Samuel Finch!«
Minuten vergingen, bis der Captain sich darüber klar wurde, dass die Stimme nicht nur in seiner Einbildung existierte, sondern sich auf unverständliche Weise in seinen Gedanken formte. Seine erste Regung war, sich umzusehen. Aber da war niemand außer seinen beiden Begleitern, die sich neben ihm niedergelassen hatten.
Captain Finch!
In ihm formten sich Begriffe, die aus weiter Ferne zu kommen schienen, drängend und ungeduldig. Telepathie!, durchzuckte es Finch. Ja, das musste es sein. Jemand suchte die mentale Verbindung zu ihm.
»Wer bist du?«, fragte er und sprach die Frage laut aus. »Woher kennst du meinen Namen?« Ohne darüber nachzudenken, benutzte er das vertrauliche »Du«. Die verständnislosen Blicke seiner Begleiter beachtete er überhaupt nicht.
Dave Quinger sprang auf.
»Lass den Captain!«, zischte Küber, obwohl er ebenso wenig verstand, was geschah.
Finch blickte ausdruckslos vor sich hin; er wirkte mittlerweile wie in Trance.
Konnte der Unbekannte Gedanken lesen? Wenn ja, dann musste er bereits alles über die drei Männer und ihre Herkunft wissen. Samuel Finch war krampfhaft bemüht, seine Gedanken im Zaum zu halten, er schaffte es kaum.
»Wer bist du?«, fragte er noch einmal, weil die erwartete Antwort ausblieb. Angespannt konzentrierte er sich nur auf diese Frage. Und tatsächlich: Erneut klangen jene Symbole auf, die ihn verstehen ließen, was sein unsichtbarer Partner dachte.
Ich höre dich, Captain Samuel Finch, wenn auch nur sehr undeutlich. Du musst alles Störende von dir fernhalten. ‒ Ich weiß nicht, wie viel Zeit für diesen Kontakt bleibt.
In Finchs Überlegungen schlug etwas Alarm. Befand sich der Unbekannte in Bedrängnis? Es klang so.
Der Captain verharrte in der Hocke. Die Beine angezogen und beide Arme um die Knie geschlungen, lauschte in sich hinein. Ich bin Oam-Pham-Phu. Ich will dir und deinen Begleitern helfen, wie ich es versprochen habe, verstand er. Vor seinem inneren Auge formten sich zugleich Bilder, mit denen er nichts anzufangen wusste: endlos lange Reihen gläserner, sargähnlicher Kästen, übereinandergestapelt und nur durch schmale Gänge voneinander getrennt. In jedem dieser Kästen lag ein Mensch – zumindest ein Wesen, das einem Menschen verblüffend ähnlich sah.
Tot?, durchzuckte es den Captain.
Das wären wir ohne deine Hilfe wohl für immer geblieben. Trotzdem sollten wir uns jetzt nur auf das Wesentliche konzentrieren. Wenn ihr diese Welt je wieder verlassen wollt, müsst ihr ins Reich von uns Photiden eindringen.
Es folgte die kurze, sehr präzise Beschreibung einer subplanetaren Stadt und ihres einzigen unbewachten Zugangs. Captain Finchs spontane Vermutung, dass er es mit zwei einander gegenüberstehenden Parteien zu tun hatte, wurde bestätigt.
Trotzdem: Wem konnte dieser Oam-Pham-Phu etwas versprochen haben? Kein Besatzungsmitglied der MADELEINE hatte den Planeten jemals zuvor betreten. Finch vermutete, dass er irgendetwas falsch verstanden hatte.
Eine Frage brannte ihm besonders auf den Lippen: »Was ist mit unserem Raumschiff geschehen?«
Euer Sternenschiff befindet sich in der Gewalt der Krieger, erklärte sein unsichtbar bleibender Gesprächspartner. Seit Jahrtausenden warten sie auf eine solche Gelegenheit. Nun werden sie Hass und Vernichtung über die Völker der Galaxis bringen und das Imperium unserer Schöpfer neu entstehen lassen. Angst und Schrecken werden regieren.
Die Szenen, die Finch vor seinem inneren Auge zu sehen bekam, entsetzten ihn. Sie waren pures Grauen, doch er konnte sich nicht von ihnen lösen. Sterbende Sonnen, brennend auseinanderbrechende Planeten, vernichtende Raumschlachten …
So war es, kommentierte Oam-Pham-Phu, und der Captain spürte deutlich die Verbitterung, die in den Gedanken mitschwang. Und so wird es wieder sein, sollte es den Kriegern gelingen, euer Sternenschiff umzurüsten. Dann werden erneut die alten Waffen sprechen!
*
Als er erwachte, war Dunkelheit um ihn. Von irgendwo drang verhaltenes Stöhnen heran. Er versuchte, sich zu erinnern, fand aber nur Leere in seinen Gedanken.
Das Stöhnen wurde lauter.
Jack Swensson wälzte sich zur Seite und richtete sich halb auf. Er vermisste die vertrauten Geräusche, das monotone Brummen der Konverter, das Flüstern der Umwälzanlage. Die Luft, die er atmete, war stickig; sie schmeckte nach Moder und Schimmel. Kein Zweifel, er befand sich nicht an Bord der MADELEINE.
Der Boden, uneben und glitschig, schien nur aus roh behauenem Stein zu bestehen. Swensson ertastete etwas Ekliges, Nasses, das sich sofort um seine Finger wickelte. Angewidert riss er die Hand zurück.
Das halb erstickte Gurgeln, mit dem das Stöhnen abbrach, ließ Swensson frösteln. In die entstandene Stille hinein platzten die kaum verständlichen Worte: »Ist hier noch jemand?«
»Ich bin es, Jack«, antwortete der Erste Offizier.
Ein Rascheln erklang. Jemand schob sich vorsichtig über den Boden.
»Gott sei Dank!« Das war Wilson Kanes Stimme. Sie klang deutlicher als eben, erleichtert. »Ich fürchtete schon, allein ausharren zu müssen.« Eine Hand klammerte sich um Swenssons Knie. »Bist du das?«
»Ja. – Du weißt, was geschehen ist?«, fragte der Erste.
»Wir haben uns angestellt wie Idioten. Nicht einmal dein Laser konnte ihn beeindrucken.«
»Ich habe geschossen …?« Swenssons Erinnerung kam allmählich zurück.
Ein Licht flammte auf, winzig und flackernd. Der Widerschein der zitternden Flamme spiegelte sich auf Clem Parkers Gesicht und ließ seine mürrischen Züge härter erscheinen als gewohnt. Schützend hielt der Smutje seine Hand vor den brennenden Docht des Feuerzeugs. Kein Zweifel, er fürchtete, die Flamme durch einen unvorsichtig verursachten Luftzug auszulöschen.
»Ich habe keine Ahnung, wohin man uns verschleppt hat«, sagte Parker, »trotzdem sollten wir versuchen, hier wegzukommen.«
Der Raum, in dem sie sich befanden, war gerade so hoch, dass ein erwachsener Mensch darin stehen konnte. Die Wände waren feucht und glitschig, Kondenswasser sammelte sich in trüben, übel riechenden Pfützen. Von der Decke hingen bizarre Tropfsteine. Sie waren wuchtig genug, um erkennen zu lassen, dass die Höhle seit Jahrtausenden existierte.
Nahezu alles wurde überwuchert von einer langstieligen Flechtenart, die in unmittelbarer Nähe der Feuerzeugflamme sichtlich in Bewegung geriet.
Soweit Swensson es erkennen konnte, war die gesamte Besatzung der MADELEINE in der Höhle zusammengepfercht. Einige Männer und Frauen regten sich noch nicht einmal.
Die Laserpistolen hatte man ihnen abgenommen. Ebenso alles andere, was sich als Waffe oder Werkzeug hätte verwenden lassen.
»O’Harra fehlt«, stellte Swensson fest, doch Parker wischte den winzigen Hoffnungsschimmer sofort beiseite.
»Der Fremde hat William ebenfalls paralysiert«, sagte der Smutje. »Ich weiß es, denn er stand unmittelbar neben mir.« Wütend fügte er hinzu: »Hätten wir eine vernünftige Schleusenüberwachung, wären wir mit Sicherheit nicht hier.«
»Keinen von uns trifft ein Vorwurf«, schwächte Swensson ab. Er hielt inne, weil plötzlich blendende Helligkeit die Höhle erfüllte.
Wie von Geisterhand geschaffen, war eine Öffnung im Fels entstanden. Ein Mann erschien. Er war hochgewachsen und muskulös. Sein Blick erschien wie eine einzige stumme Drohung. Unter dem rechten Arm, nachlässig, wie man ein Bündel Lumpen zu tragen pflegt, hielt er einen schlaffen menschlichen Körper.
»William!«, stöhnte jemand.
Etwas an dem Fremden faszinierte Swensson und stieß ihn zugleich ab. Waren es die blitzschnellen, geschmeidigen Bewegungen? Seine Erinnerung kam vollends zurück: Er stand in der Schleuse, riss den Laser vom Holster und schoss …
»Nein!«, schrie er gleichzeitig. »Nicht angreifen! Er ist ein Androide.«
Die Warnung kam zu spät. Drei Männer hatten sich in fataler Fehleinschätzung ihrer Chancen auf den Fremden gestürzt. Es gab nicht einmal ein kurzes Handgemenge. Eine schnelle, heftige Bewegung wischte sie beiseite.
Der Androide wandte sich um – und verschwand. Hinter ihm entstand wieder der scheinbar natürliche Fels, der nicht den geringsten Hinweis darauf erkennen ließ, dass irgendwo ein Zugang existierte.
4.
Vor ihnen lagen die Erzeugnisse einer fremdartigen Technik. Die Überraschung war perfekt, denn bis zuletzt hatten Dave Quinger und Walter Küber Zweifel geäußert. Das Stück Boden, auf dem sie standen, senkte sich so schnell, dass sie nicht mehr zur Seite springen konnten.
Finchs Magen rebellierte. Mit irrsinniger Geschwindigkeit nahm der Lift ‒ um nichts anderes konnte es sich handeln ‒ die drei Männer mit sich in eine ungewisse Tiefe.
So abrupt, wie die Fahrt begonnen hatte, war sie kurz darauf auch wieder zu Ende. Mit zitternden Knien taumelte Finch zur Seite. Hinter ihm und seinen Begleitern stieg die Plattform aus Gras, Erde und Metall sofort in die Höhe.
Licht flammte auf und ließ erkennen, dass sie sich in einer weitläufigen Höhle befanden. Der Captain nahm an, dass allein ihre Anwesenheit genügt hatte, die Beleuchtung zu aktivieren.
Die Höhle mochte gut fünfzig Meter durchmessen und ebenso hoch sein; sie war leer. Ein Dutzend unterschiedlich großer Stollen führte in alle Richtungen weiter.
»Und nun?«, fragte der Lagerist Küber. »Wo bleibt unser Empfangskomitee?«
Finch zuckte mit den Schultern. In Gedanken rief er nach dem Fremden, immer und immer wieder, bis er endlich Antwort erhielt.
Du musst dich gedulden, vernahm der Captain. Ein eindringlich warnender Impuls folgte, dann erlosch der Kontakt.
Knapp eine Viertelstunde später stand der Erwartete urplötzlich vor einem der Stollen. Keiner der drei Männer hatte ihn kommen sehen.
Oam-Pham-Phu winkte die Raumfahrer zu sich heran. Seine Lippen bewegten sich lautlos, doch gleich darauf erklangen vertraute englische Worte aus dem unscheinbaren Kästchen, das er an einer dünnen Kette um den Hals trug.
Ein Translator, und wesentlich handlicher als die in der irdischen Flotte gebräuchlichen Modelle. Nur unbewusst nahm Finch das Gesagte auf. Ihm war mit einem Mal, als hätte er das alles schon erlebt. Vor seinem inneren Auge tauchte eine gigantische unterirdische Station auf, geschaffen als Vorposten einer unersättlichen Kriegsmaschinerie. Er sah Menschen, sah Produktionshallen und Lagerräume und – die MADELEINE.
In dem Moment fühlte sich der Captain, als sei er jäh aus einem Traum aufgeschreckt. Er registrierte, dass Oam-Pham-Phu ihn aufmerksam musterte. Nur langsam fand er in die Realität zurück.
»Was ist mit unseren Kameraden geschehen?«, hörte er Quinger fragen.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Oam-Pham-Phu. »Ich bin mir jedoch sicher, dass sie von den Kriegern verhört werden ‒ und solange das der Fall ist, wird ihnen nichts geschehen. Immerhin wäre es töricht, den Eroberungsfeldzug zu beginnen, ohne über die heutigen Gegebenheiten in der Galaxis Bescheid zu wissen. Seit das Imperium unterging, vor etwa zehntausend Jahren Ihrer Zeitrechnung, sind wir von allen Informationen abgeschnitten. Keiner von uns weiß, wie es außerhalb unserer Welt aussieht.«
Der Captain fröstelte. Seine Furcht war wieder da. Er konnte die Bilder nicht vergessen, die Oam-Pham-Phu ihm telepathisch übermittelt hatte. Nur waren es gigantische Flotten gewesen, die Tod und Vernichtung über viele Sonnensysteme gebracht hatten. Nun stand den Photiden lediglich ein einziges Schiff zur Verfügung ‒ ein kleiner, altersschwacher Frachter.
»Wir müssen uns beeilen«, wurde Finch von Oam-Pham-Phu in seinen Überlegungen unterbrochen. »Die Krieger arbeiten schnell und zielsicher, und es kann in Kürze zur entscheidenden Auseinandersetzung kommen. Die Clique der Friedfertigen wird kämpfen und siegen … oder untergehen. Wie auch immer, wir werden nie vergessen, was wir Ihnen verdanken.«
Ohne eine Erwiderung abzuwarten, schritt Oam-Pham-Phu davon. Die Männer folgten ihm in den Tunnel, aus dem er zuvor gekommen war. Ein schnelles Transportband nahm sie auf. Es wurde dunkel. Wenig später schienen die Wände eng zusammenzurücken.
»Wir befinden uns bereits fünfhundert Meter unter der Oberfläche von Paramon III«, erklärte Oam-Pham-Phu. »Wir haben in den letzten Minuten annähernd fünf Kilometer zurückgelegt.«
Es war wärmer geworden. Die Luft roch schal und abgestanden.
Schließlich stiegen sie in eine bereitstehende Magnetschwebebahn um. Geräuschlos verschwand ein Teil des fensterlosen Aufbaus und gab den Blick auf ein geräumiges, komfortabel eingerichtetes Abteil frei.
Die Männer nahmen auf der hinteren Sitzbank Platz; Oam-Pham-Phu ließ sich ihnen gegenüber nieder. Der Blick nach draußen wurde durch nichts behindert. Das Fahrzeug war also nur von einer Seite her lichtundurchlässig.
Die Befürchtung, von den Kriegern entdeckt zu werden, schob der Captain weit von sich. Er vertraute Oam-Pham-Phu, der genau zu wissen schien, welches Risiko er eingehen konnte. Jedenfalls führte die Fahrt an stark frequentierten Plätzen vorbei.
»Ich bin der Meinung, dass es Zeit für Erklärungen ist«, sagte Dave Quinger unverhofft und blickte den Photiden herausfordernd an. »Wohin bringen Sie uns überhaupt?«
Oam-Pham-Phu lächelte ‒ wenn man das Äquivalent eines menschlichen Lächelns so deuten konnte.
»Wir werden bereits erwartet«, antwortete er. »Wir, die Mitglieder der Clique, können nicht ungeschehen machen, wie viel Leid und Tränen einst mit dem Namen der Photiden verbunden waren, aber wir kämpfen für Frieden und Versöhnung. Vielleicht interessiert es Sie, dass die Zahl der Krieger rund zwanzigtausend beträgt, während die Schar der Friedfertigen nur viertausend Köpfe hat. Schon wegen dieses Missverhältnisses steht die entscheidende Auseinandersetzung kurz bevor …«
Ein Aufschrei ließ ihn und die anderen herumfahren. Walter Küber deutete nach draußen. »Die MADELEINE«, sprudelte der Lagerist hervor. »Ich habe eben unseren Frachter gesehen! Kein Zweifel …«
Zu schnell war der Schwebewaggon, als dass noch etwas zu erkennen gewesen wäre. Zudem versperrten mächtige Gerüste die Sicht nach rückwärts.
»Es war Ihr Sternenschiff«, bestätigte der Photide gelassen.
Finch schnaufte hörbar auf. »Wenn das so ist, werden die Krieger in diesem Bereich ihre stärksten Kräfte zusammengezogen haben.«
»Sie werden uns hier am wenigsten vermuten«, widersprach Oam-Pham-Phu.
»Hoffentlich geht das gut!«
Pessimismus war durchaus angebracht, denn das Fahrzeug stoppte Sekunden später so abrupt, dass die Männer von den Sitzen gerissen wurden. Fluchend kamen sie wieder auf die Beine.
Oam-Pham-Phus veränderter Gesichtsausdruck ließ nichts Gutes ahnen. »Raus hier!«, kommandierte er. »Sofort!«
Sie befanden sich in einem zweispurig angelegten Tunnel, in den in Abständen von jeweils mehreren hundert Metern röhrenförmige Gänge einmündeten. Diese Stollen waren kaum höher als zwei bis drei Meter. Der Captain vermutete, dass sie für Notfälle und zum schnellen Einschleusen von Reparaturtrupps gedacht waren.
Oam-Pham-Phu hielt plötzlich ein stabförmiges Objekt in der Hand. So wie er es von sich streckte, handelte es sich zweifellos um eine Waffe. Ohne sich davon zu überzeugen, ob die Männer ihm überhaupt folgten, lief er auf den nächsten Seitenstollen zu. Erst als das liegengebliebenes Fahrzeug nicht mehr zu sehen war, blieb der Photide kurz stehen.
»Was ist geschehen?« Im Laufen hatte der Captain seinen Laser gezogen und entsichert. Oam-Pham-Phu nickte ihm anerkennend zu.
»Sie haben es richtig erfasst«, sagte der Photide. »Nur die Leitstelle kann den Wagen auf freier Strecke zum Halten bringen. Wir werden kämpfen müssen.«
»Die Krieger haben also Verdacht geschöpft.« Finch nickte. »Wie soll es weitergehen?«
»Ein Suchtrupp wird in Kürze hier sein. Uns bleibt nur wenig Zeit, um zu verschwinden.«
Hinter ihnen war schon ein fernes Rauschen wie von näherkommenden Fahrzeugen zu vernehmen. Noch mochten sie allerdings einige Kilometer entfernt sein, denn jedes Geräusch wurde von den Felswänden um ein Vielfaches verstärkt zurückgeworfen.
Ein gleißender Energiestrahl verflüssigte etwa dreißig Meter vor den Männern einen Teil der Seitenwand. Eine enorme Hitze brandete ihnen entgegen.
»Sie haben uns!«, schrie Quinger auf und warf sich mit den anderen zu Boden. Keinen Augenblick zu früh, denn ein weiterer Strahlschuss fauchte dicht über sie hinweg.
Fast gleichzeitig entdeckten sie den Angreifer. Er stand höchstens zweihundert Meter entfernt, auf der anderen Seite des Stollens, in einer Öffnung, die vor wenigen Augenblicken noch nicht zu erkennen gewesen war.
Finch riss den Laser hoch und löste aus. Oam-Pham-Phus Schuss röhrte dem Angreifer einen Sekundenbruchteil eher entgegen.
Der Donner einer schweren Explosion dröhnte in vielfachem Echo durch den Tunnel. Gesteinsbrocken prasselten wie Hagel herab.
»Da hinein!« Oam-Pham-Phu stürmte weiter auf den Seitenstollen zu und warf sich förmlich hinein.
Die Männer folgten ihm dichtauf. Es ging eine enge, steile Wendeltreppe hinab ‒ ein Anachronismus in dieser hoch technisierten Umgebung ‒ und weiter durch ein wahres Labyrinth von Gängen, in dem Finch, Quinger und Küber sich ohne ihren Führer bald hoffnungslos verirrt hätten.
Samuel Finch nahm die Umgebung nur noch unbewusst wahr. Seine Gedanken drehten sich ausschließlich um das Fragment, das er nach der Explosion aufgehoben hatte. Er spürte deshalb ein intensiver werdendes Würgen, das ihm die Kehle zuschnüren wollte. Das Fragment steckte in einer Außentasche seiner Kombination.
»Nein!« Quingers Aufschrei hallte von den Wänden wider. Aus vor Schreck weit aufgerissenen Augen starrte er den Photiden entgegen, die soeben einen Seitengang verließen. Die Waffen in ihren Händen waren nicht zu übersehen.
Quinger riss seinen Laser hoch, aber schon fiel ihm Oam-Pham-Phu in den Arm, und der Schuss entlud sich gegen die Decke.
»Es scheinen Freunde zu sein«, sagte Küber und deutete auf Oam-Pham-Phu, der seine Waffe schon weggesteckt hatte. Er war auch der Erste, dem die verblüffende Ähnlichkeit der Photiden auffiel. »Sie sehen aus wie eineiige Zwillinge«, stellte der Lagerist fest. »Ich kann sie jedenfalls nicht auseinanderhalten.«
Die Hand des Captains verkrampfte sich um das Bruchstück in seiner Tasche. Es war der Teil eines menschlich wirkenden Handgelenks. Unter einer dünnen, lebenden Hautschicht und einer gallertartigen Masse, die nicht unbedingt biologischen Ursprungs sein musste, steckte ein massiver Knochen aus Metall.
»Wir haben es mit Androiden zu tun«, informierte Finch seine Kameraden. »Also brauchen wir keine Hemmungen zu haben. Größenwahnsinnige Maschinen waren mir immer schon ein Gräuel.«
*
Man hätte William O’Harra lieber in Ruhe sterben lassen sollen, statt ihn nach stundenlangen Bemühungen ins Bewusstsein zurückzurufen. Was von ihm geblieben war, verdiente die Bezeichnung »Mensch« nicht mehr: ein stumpfsinniges, reaktionsloses Geschöpf, das von nichts und niemand Notiz nahm. Nur die urtümlichsten Instinkte erhielten ihn weiterhin am Leben.
Jack Swensson schüttelte in stummer Verzweiflung den Kopf. Er verstand durchaus, dass einige der Männer sich angewidert abwandten. Ihnen allen stand deutlich vor Augen, was sie erwartete. Swensson brachte es dennoch nicht fertig, die kleine Flamme des Feuerzeugs zu ersticken, denn sie allein brachte einen Hauch von Wärme in das Verlies. O’Harras bedrückende Gegenwart konnte er ohnehin keinem der Gefangenen abnehmen.
»Ich halte das nicht länger aus …« Mit einem jämmerlichen Aufschrei sank Dan Henderson in sich zusammen. »Ich werde verrückt dabei. Schafft ihn raus, ich … ich …« Die Stimme des jungen Technikers erstickte in hemmungslosem Schluchzen.
Es ist kein Wunder, erkannte Swensson bestürzt. Wenn nichts geschieht, erwischt es uns alle der Reihe nach. Und keiner kann etwas dagegen tun. William hat das nicht verdient. Hoffentlich begreift er seinen Zustand nicht.
Steven Kincaid spie aus. »Wer immer diese Fremden sind, das sollen sie nicht ungestraft getan haben.«
Der Erste Offizier warf dem Ortungstechniker einen resignierenden Blick zu. »Was willst du dagegen tun? Wir sind ohne Waffen machtlos.«
»Noch habe ich meine Fäuste.« In rasendem Zorn hob Kincaid die Arme. »Irgendwann wird jemand kommen ‒ die wollen etwas von uns, oder? Dann müssen wir zeigen, dass sie mit uns nicht so umspringen dürfen.«
»Sie schicken wieder einen Androiden«, sagte Swensson und zerstörte damit jede Hoffnung. »Trotzdem hast du recht. Sie wollen etwas von uns: unser Wissen. William hat schon hinter sich, was uns bevorsteht.«
Der fahle Lichtschimmer reichte aus, das blanke Entsetzen in Kincaids Gesicht erkennen zu lassen.
»Sie werden kommen und uns holen, einen nach dem anderen«, vollendete Swensson.
*
Was Captain Finch am Ziel seines Weges durch die subplanetare Station zu sehen erwartet hatte, war nicht der kleine kahle Raum, dessen Einrichtung sich in einem kabelgebundenen Bildtelefon erschöpfte. Nach allen technischen Leistungen, die er unterwegs gesehen hatte, wirkte das unverständlich. Er sagte sich, dass die Clique flexibel bleiben und notfalls in kürzester Zeit auf andere Treffpunkte ausweichen musste. Keinesfalls durften die Friedfertigen sich durch eine Anhäufung schnell anmessbarer Geräte verraten.
»Die Sprechverbindung ist absolut abhörsicher, so veraltet ist sie«, bekundete Oam-Pham-Phu nicht ohne Stolz.
Der Captain ertappte sich zum wiederholten Mal dabei, dass er den Photiden eindringlich musterte. Nichts an Oam-Pham-Phus Erscheinung deutete darauf hin, dass er kein Wesen aus Fleisch und Blut war, sondern ein vermutlich perfektes maschinelles Ebenbild seiner Schöpfer. Wenn Finch dagegen an irdische Roboter dachte, ihre eckigen, abgehackt wirkenden Bewegungen …
Während er unschlüssig seinen Gedanken nachhing, fühlte der Captain sich plötzlich an den Schultern gepackt und herumgedreht. Der Blick des Photiden sezierte ihn geradezu.
»Ihr Vertrauen zu mir scheint nachzulassen«, sagte Oam-Pham-Phu. »Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, lassen Sie es mich wissen.«
»Es ist nichts«, murmelte Finch wenig überzeugend. Konnte er es wagen, die Frage zu stellen, die ihm auf den Lippen brannte? Was ging in einem Androiden vor, der mit seiner eigenen, künstlich geschaffenen Existenz konfrontiert wurde?
»Also …«, drängte Oam-Pham-Phu, der sich mit der erhaltenen Antwort nicht zufriedengab.
Finch platzte so direkt heraus, dass es nur falsch sein konnte: »Weshalb haben Sie uns verschwiegen, dass Sie Roboter sind, oder Androiden, oder wie immer man Ihre Erscheinungsform nennen soll?«
Der Captain warf das Fragment, das von dem getöteten Krieger stammte, vor ihm auf den Tisch. Gleichzeitig bereute er seine impulsive Handlung schon. Hoffentlich war das kein Fehler gewesen. Finch war auf alles gefasst, weil Oam-Pham-Phus Griff um sein rechtes Schultergelenk stärker wurde. Dann ließ der Photide ihn unverhofft los.
»Sie wussten es nicht?« Oam-Pham-Phu war sichtlich überrascht und suchte nach einer Erklärung. »Auf unserem Planeten gibt es außer Pflanzen kein organisches Leben. Seit Jahrtausenden nicht mehr.«
Finch nickte irritiert. Sein Gegenüber schien kein Geheimnis aus seiner künstlichen Existenz machen zu wollen.
Oam-Pham-Phu begann zu erzählen. Er berichtete vom einstigen Imperium der Photiden, die ihren Geschöpfen nicht nur den Namen vererbt hatten. Er ließ die Szenerie grauenhafter Vernichtungswaffen wiederauferstehen und schilderte deren Wirkungen so beklemmend, dass in Finch geradezu der Eindruck entstand, er wäre selbst dabei gewesen. Der Widerständler vergaß auch nicht den Hinweis, dass die MADELEINE mit diesen Waffen ausgerüstet werden sollte. Ein einziges kleines Raumschiff, ein altersschwacher Frachter … Dennoch gelte es nun zu verhindern, dass der Krieg erneut in die Galaxis hinausgetragen wurde.
»Das gewaltige Imperium, das sich über die halbe Galaxis erstreckte und die damit verbundene ungeheure Macht stiegen den Photiden zu Kopf«, schloss Oam-Pham-Phu seinen Bericht. »Sie konnten dem Blutrausch nicht widerstehen, den sie selbst entfacht hatten. Die unausbleibliche Folge war eine Selbstzerfleischung, die nicht einmal vor den verheerendsten biologischen Vernichtungsmitteln zurückscheute.«
»So spricht ein Androide von seinen Herren?«, warf Dave Quinger zynisch ein. Er stand völlig unter dem Eindruck der eindringlichen Schilderungen, die eine unüberhörbare Mahnung enthalten hatten.
»Die Clique der Friedfertigen hat sich losgesagt von der einstigen Loyalität«, erwiderte Oam-Pham-Phu. »Unsere Programmierung wurde verändert ‒ um den entscheidenden Faktor. Das verdanken wir einem der letzten Photiden, der den großen Krieg überlebte. Er erkannte die Gefahr, die in uns fortbestand, und er setzte sein Leben ein, um die Umprogrammierung zu vollziehen. Leider konnte er sein Werk nie zu Ende bringen.«
»Soll das heißen, wir bräuchten die Programmierung der feindlichen Androiden nur entsprechend zu verändern?«, platzte Quinger heraus.
»Nein.« Oam-Pham-Phu schüttelte in typisch menschlicher Manier den Kopf. »Ohne das Spezialwissen unserer Erbauer ist die Veränderung unmöglich. Dieses Wissen ist längst verloren.«
Auch Captain Finch schüttelte den Kopf. »Wir hätten ohnehin keine Chance«, sagte er. »Kein Androide würde uns näher als bis auf fünf Schritte an sich herankommen lassen.«
*
Längst war die Flamme des Feuerzeugs erloschen. Dumpf und teilnahmslos brüteten die Männer vor sich hin. O’Harra kauerte in einer Ecke und murmelte ohne Unterbrechung unverständliches Zeug. Die Raumfahrer der MADELEINE waren zum Nichtstun verurteilt, und die Ungewissheit über ihr weiteres Schicksal zerrte an ihren Nerven.
»Wie die Ratten im sinkenden Schiff«, sagte Swensson bitter. »Wir wissen, dass wir nicht fliehen können und drängen uns auf dem letzten trockenen Fleck zusammen, in der Hoffnung, dass die Flut uns nicht erreicht und hinwegspült.«
Irgendwann fiel Licht in ihre Dunkelheit. Geblendet schlossen die Männer die Augen.
»Die Flut kommt!«, stöhnte jemand.
Swensson sah auf, nachdem er sich an die jähe Helligkeit gewöhnt hatte. Zwei Photiden standen vor ihm. Gefühllos kalt musterten sie ihn, ausgerechnet ihn ‒ wieso keinen anderen? Er fühlte sich hundeelend.
Die Androiden beugten sich zu ihm hinab. Ohne sich dessen bewusst zu werden, sah Swensson hinüber zu O’Harra, den das Geschehen nicht im Mindesten berührte. Der Erste wich zurück, aber schon war die Wand hinter ihm, und als er sich einfach zur Seite fallen ließ, packte einer der Photiden zu. Der stahlharte Griff, der sich um seinen Oberarm schloss, ließ den Ersten Offizier aufschreien. Er las Erstaunen, Furcht, Hass und Resignation in den Gesichtern der Kameraden. Sie konnten ihm nicht helfen.
Ihr aller Schicksal schien vorgezeichnet, seit sie diese Welt betreten hatten. Kurz dachte Swensson an den Captain und dessen beide Begleiter. Was mochte aus ihnen geworden sein? Vermutlich befanden sie sich ebenfalls in der Gewalt der Androiden, falls sie überhaupt noch lebten.
Swensson musste es geschehen lassen, dass die beiden Photiden ihn mit sich schleppten.
Er bekam einen vagen Eindruck von der gewaltigen Ausdehnung der subplanetaren Anlagen. Seine Hoffnung, irgendwie einen Ausweg zu finden, schwand vollends. Nach über einer Viertelstunde stoppte die Magnetschwebebahn, die sie durch weitläufige, menschenleere Hallen gebracht hatte. Weiter ging es auf breiten Transportbändern, vorbei an monströsen Bauwerken, deren Fabrikcharakter unverkennbar war. Früher mussten hier sehr große Dinge produziert worden sein, vielleicht sogar Raumschiffe.
Swensson wurde in einen Antigravschacht gestoßen, der ihn mit mäßiger Geschwindigkeit in die Höhe trug. Er zählte acht Etagen, von denen jede mindestens hundert Meter hoch war, dann endlich schienen die Photiden ihr Ziel erreicht zu haben. Der Raum, in den sie ihren Gefangenen stießen, war kalt und unfreundlich. Maschinen reihten sich an den kahlen, weißen Wänden; es roch durchdringend nach Ozon und Desinfektionsmitteln.
In der Mitte des Raumes stand ein massiger runder Tisch, eigentlich ein gepolstertes, sich langsam drehendes Lager, über dem grelle Lichtquellen schwebten, ohne sichtbar mit der Decke des Raumes verbunden zu sein.
Nun bin ich an der Reihe!, schoss es dem Ersten Offizier durch den Sinn. Ein Stöhnen entrang sich seiner Kehle. Als ahnten die Androiden, was in ihrem Gefangenen vorging, stießen sie ihn einfach weiter.
In seiner Verzweiflung bäumte Swensson sich auf. Er kam mit dem rechten Arm frei, fuhr herum und unterlief den zweiten Androiden, der davon völlig überrascht wurde. Der Stoff seiner Kombination zerriss an der linken Schulter, und wohl nur deswegen kam Swensson vollends frei. Er rannte los, zurück zum Ausgang. Hinter ihm klirrten fremdartige Instrumente zu Boden.
Die Tür war geschlossen. Swensson schlug auf den deutlich erkennbaren Öffnungsmechanismus, und leise summend glitt der dicke Metallflügel zur Seite. Zu langsam, viel zu langsam, wie er sofort erkannte.
Schon waren die Androiden fast heran. Der Erste Offizier wich zur Seite aus und schlug Haken wie ein fliehender Hase. Im nächsten Moment schmetterte etwas Hartes gegen seinen Kopf. Ein stechender Schmerz raste durch seine Schläfe, vor seinen Augen begann alles zu verschwimmen. Swensson strauchelte. Er tauchte hinab in einen dichten Nebel, der ihn zu ersticken drohte.
Hart wurde er gepackt, zu jenem Tisch in der Mitte des Raumes gezerrt und darauf festgeschnallt. Er fühlte, dass sein rechter Oberarm entblößt wurde, aber er schaffte es nicht mehr, sich zur Wehr zu setzen. Das Zischen einer Hochdruckinjektion war das Letzte, was er bewusst wahrnahm.
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