Kitabı oku: «Forschungskreuzer Cimarron»

Yazı tipi:

HUBERT HAENSEL

Forschungskreuzer CIMARRON

HOPF Autorenkollektion

Inhalt

Impressum

Vorwort

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

Vorschau

Impressum

Originalausgabe Juni 2020

Text © Hubert Haensel

Copyright © 2020 der E-Book-Ausgabe by Verlag Peter Hopf, Minden

Covergestaltung: etage eins, Jörg Jaroschewitz

Covermotiv © Axel Blotevogel

Korrektorat: Thomas Knip

ISBN ePub 978-3-86305-371-0

www.verlag-peter-hopf.com

Alle Rechte vorbehalten

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.

Vorwort

Liebe Freunde utopischer Literatur,

es gibt sie doch, die Möglichkeit der Zeitreise: Mit dieser neuen Taschenbuchreihe entführt Sie der Verlag Peter Hopf ins letzte Jahrtausend, nun ja, wenigstens ans Ende der 1970er Jahre. In die Blütezeit der SF, als das Leben etwas weniger von Stress und Hektik diktiert wurde. Als Computer, Handys und richtige Roboter tatsächlich Zukunftsmusik waren. Vieles von dem, was uns heute als selbstverständlich erscheint, war damals noch fern.

Es war die Zeit Ihrer Jugend, vielleicht sogar der Jugend Ihrer Eltern – ebenso die Frühzeit unserer realen Raumfahrt. Lassen Sie sich also entführen in eine Zeit, in der SF vielleicht nicht immer technisch perfekt stimmig war, dafür jedoch fantastisch und voller Aufbruchsstimmung.

Retro-SF, das ist Nostalgie. Retro-SF heißt, die Träume von einst erneut träumen.

Ich selbst war damals schon begeisterter SF-Fan. Angefangen mit »Nick, der Weltraumfahrer« über die Terra-Romane, Perry Rhodan, Ren Dhark und Rex Corda habe ich viel von dem verschlungen, was der Markt bot. Eines Tages fing ich selbst an, Romane zu Papier zu bringen. Damals mit einer mechanischen Schreibmaschine und vier Durchschlägen. Ja, zu jener Zeit gab es nicht einmal leicht zugängliche Fotokopierer, sondern bestenfalls Spiritusumdruck.

Seit mittlerweile mehr als einem Vierteljahrhundert gehöre ich zum Autorenteam der weltgrößten Science-Fiction-Serie Perry Rhodan. Angefangen habe ich mit Romanen für Terra Astra. Zwei meiner frühen Geschichten präsentiert Ihnen Retro-SF in diesem Taschenbuch; wir haben sie deshalb ausgewählt, weil sie thematisch zusammengehören und die Geschichte einer Raumschiffscrew erzählen. Erschienen sind beide Titel im Jahr 1979 als meine zweite und dritte Veröffentlichung.

Für mich als Autor stellt sich natürlich die Frage: Sollen wir nachdrucken, wie die Romane einst veröffentlicht wurden, oder überarbeiten? Ich habe mich dafür entschieden, die Texte vorsichtig zu überarbeiten. Zum einen, weil es Spaß gemacht hat, die eigene Geschichte nach so langer Zeit wieder zu lesen und mich überraschen zu lassen, was ich davon noch kannte (es war nicht allzu viel, muss ich eingestehen). Zum anderen, weil ich Ihnen etwas Mehrwert bieten wollte und all jenen, die beide Romane schon kennen, die Freude, vergleichen zu können.

Nein, ich habe nicht alles umgeschrieben, das wäre Frevel. Ich habe auch keine moderne SF daraus gemacht, sondern den Geist von einst beibehalten. Sie werden das an der Sichtweise des Hyperraums sehen, an der Bewaffnung und anderen Kleinigkeiten.

Aber ich habe in den einen oder anderen Dialog eingegriffen oder kleine Stolperstellen nivelliert. Die Geschichte selbst wird von alldem nicht tangiert; sie zeigt meine schon damals vorhandene Freude an fernen unbekannten Welten, an fremden Lebensformen und ebenso an menschlichen Schicksalen.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen sehr viel Lesespaß und Freude mit diesem und allen folgenden Taschenbüchern der Retro SF.

Ich hoffe, sie werden ein kleiner, aber feiner Schatz in Ihrem Bücherregal.

Herzlichst Ihr

Hubert Haensel, 29. April 2020

HUBERT HAENSEL

Die Hauptpersonen des Romans:

Diana Rossfeldt ‒ Kommandantin der CIMARRON.

Duncan Lemonde ‒ Erster Offizier des Forschungskreuzers.

José Ramirez ‒ Der Waffentechniker wird als Saboteur verdächtigt.

Serge Ruttloff ‒ Cheffunker und Orter der CIMARRON.

William Reeches und Tony Heider ‒ Besatzungsmitglieder der CIMARRON.

Wilm van Terjuhn ‒ Stabschef der irdischen Raumflotte.

Prolog

Im Gebiet der Doppelsonne Aldeera tobte einer jener verheerenden Hyperstürme, wie sie die Milchstraße in diesem Ausmaß zum Glück äußerst selten erlebte. Wehe dem Raumschiff, das nicht rechtzeitig auf einem der achtzehn Planeten der beiden Sonnen eine sichere Zuflucht gefunden hatte oder das gar in den Ausläufern dieses Sturmes auftauchte.

Keine Technik, mochte sie noch so perfekt sein, konnte den entfesselten Gewalten des Hyperraums widerstehen. Die besten Schutzschirme waren inmitten der aufgepeitschten Natur keinen Pfifferling wert. Gigantische Energieentladungen rissen den Weltraum auf, irrlichternde Wolken aus einer bisher nur rechnerisch erfassten Dimension.

Kaum zehn Minuten tobte der Hypersturm, danach gewannen Licht und Strahlungsdruck der Aldeera-Sonnen ihren Einfluss zurück und vertrieben die vollkommene Schwärze.

Ein winziges Etwas trieb zwischen den inneren Planeten durch den Raum. Es mochte einmal diskusförmig gewesen sein, nach dem Sturm erinnerte es eher an eine verbogene, an den Rändern aufgebrochene und ausgefranste Scheibe, die hin und wieder von einem lückenhaft aufwallenden rötlichen Schleier umhüllt wurde. Mannsgroße Schriftzeichen auf der Oberseite waren zu einem unleserlichen Durcheinander zerlaufen.

Mit sporadischen Korrekturschüben aus zerfetzten Triebwerksdüsen versuchte dieses Etwas, dem stärker werdenden Gravitationsfeld der beiden Sonnen zu entkommen. Es trieb unkontrolliert taumelnd der größeren der beiden Sonnen entgegen.

Vielleicht wäre das Wrack vom Schwerefeld eines nahen Planeten eingefangen worden und auf der atmosphärelosen Welt abgestürzt. Oder es wäre binnen weniger Tage in der Sonnenkorona verglüht. Überraschend erschienen jedoch mehrere terranische Flotteneinheiten, deren Besatzungen das verbeulte Häufchen Stahl als Rettungsboot identifizierten, kaum dass es von den Ortungen erfasst worden war.

1.

»Wem haben wir diesen speziellen Auftrag eigentlich zu verdanken?«, schimpfte Serge Ruttloff. Er war Cheffunker und Ortungsspezialist des Forschungskreuzers CIMARRON. »Einem dieser vermaledeiten Hyperstürme, die ich ohnehin als größte Bedrohung der Raumfahrt ansehe, oder einem halb geschrotteten Rettungsboot, das von überall her gekommen sein kann, nur nicht von diesem Kohlensack da vor uns?«

Jeder an Bord kannte das cholerische Temperament des schlanken, beinahe schlaksigen Eurasiers. Ruttloff hatte sich erstaunlich lange zurückgehalten. Während er nun, Stunden nach dem Start, seinem aufgestauten Zorn Luft verschaffte, gab es ringsum nur verkniffen grinsende Gesichter.

»Möchte schon wissen, was es da zu feixen gibt«, schnaubte er. »Die grässliche Wolke da draußen ist beileibe kein Ersatz für meinen verschobenen Urlaub.« Mit beiden Händen fuhr er sich in den Nacken und starrte auf den großen Hauptbildschirm der Zentrale. »Sonne, Strand und Palmen …« Ruttloff seufzte tief. »Mein Gott, was habe ich bloß verbrochen, dass es immer mich erwischen …?«

»Serge!«, rief eine Frauenstimme – so bestimmt, dass Ruttloff mitten im Satz verstummte.

Die optische Wiedergabe auf dem Bildschirm zeigte einen verwaschen wirkenden düsteren Fleck inmitten der üppigen Sternenfülle des Milchstraßenhintergrunds. Die Schwärze, die das Licht der von ihr verdeckten Sterne verschluckte, wirkte drohend und gefahrverheißend.

»Mir ist Ihre psychische Allergie gegen Dunkelwolken hinreichend bekannt, Serge«, fuhr die Kommandantin ein wenig versöhnlicher fort. »Das ist das Eine. Das Andere ist, dass Ihnen als Spezialist kaum ein anderer das Wasser reichen kann. Wenn Sie sich Luft machen wollen, bitte, ich habe nichts dagegen. Aber tun Sie das in Ihrer Kabine und lassen Sie die Besatzung aus dem Spiel! Wir haben uns verstanden?«

»Wie immer, Diana.« Ruttloff seufzte. »Es ist trotzdem nicht akzeptabel, wie mit meinem sauer verdienten Urlaub umgegangen wird. Als wäre ich so ein Blechkamerad, der mit ein paar Tropfen Schmieröl und neuen Schrauben glücklich sein kann.«

Diana Rossfeldt stöhnte. Sie schwang mit ihrem Sessel herum, verdrehte die Augen und winkte ab. »Verschwinden Sie, Serge! Oder ‒ nein, bleiben Sie! Ich erzähle ungern alles zweimal.«

Ruttloff stand mitten in der Zentrale, ebenso weit von der Kommandantin entfernt wie von seinem Funk- und Ortungsbereich. Er atmete tief durch, ließ sich zu einem gezwungenen Lächeln hinreißen und blickte erwartungsvoll zum Kommandostand. Zugleich schürzte er die Lippen und nickte kaum merklich.

Diana Rossfeldt war eine Frau, wie es kaum eine zweite in der irdischen Flotte gab. Sinnlich-betörend, aber zugleich befehlsgewohnt, quasi weicher Kern, bei undurchdringlicher Schale. Wenn es darauf ankam, ebenso unnachgiebig hart gegen sich selbst wie gegen andere ‒ eine Frau des 25. Jahrhunderts. Das blonde Lockenhaar harmonierte mit ihrem bronzefarben gebräunten Teint. Und obwohl oft ein leicht melancholischer Zug um ihre Mundwinkel lag, blitzte in ihren blauen Augen eine gehörige Portion Humor.

Ruttloff verschränkte die Arme vor dem Oberkörper. In Gedanken sprang er fünf Tage zurück, in die Raumhafenkneipe »Zu den blauen Sternen« auf der Erde. Nach dem erfolgreichen Abschluss des letzten Auftrags hatte die Kommandantin bewiesen, dass sie zu feiern verstand. Dass sie zudem trinkfester war als manches Besatzungsmitglied. Ihm war es trotzdem gelungen, ihr die Urlaubszusage abzuringen. Leider nur eine kurze Hoffnung, endlich für ein paar Wochen wieder Sonne und Wind auf der Haut zu spüren und eine frische Meeresbrise zu atmen, statt gefilterter künstlicher Bordatmosphäre und Solariumstrahler.

Ruttloff schreckte aus seinen Gedanken auf.

»Der Auftrag kam überraschend«, sagte Diana. »Zudem scheint der Flottenstab die Angelegenheit als brisant einzustufen, andernfalls hätte man uns offiziell wohl mehr als nur die Koordinaten übergeben. Alles, was wir wissen müssen, ist auf diesem Band enthalten.« Sie hielt eine Kassette in die Höhe, kaum größer als eine Zigarettenschachtel, doch unverkennbar das Bordbuch eines Raumschiffs. Ein Videospeicher mit extrem hoher Kapazität für Daten unterschiedlichster Art.

»Von welchem Schiff stammt die Aufzeichnung?«, fragte jemand aus dem Hintergrund der Zentrale.

»Serge hat es schon angeschnitten.« Die Kommandantin deutete auf Ruttloff, der hastig nickte. »Es handelt sich um Aufzeichnungen des Erzfrachters XB-18. Ihnen allen dürfte bekannt sein, dass die Route von Green Eye nach Andoine vor drei Wochen völlig überraschend und ohne Begründung in den interstellaren Gefahrenkatalog aufgenommen wurde. Nun, die XB-18 ist von Green Eye gestartet. Das war vor zwei Wochen ‒ seither fehlt von dem Frachter jegliche Spur.«

»Damit wäre die XB-18 das fünfte Schiff, das wir innerhalb kürzester Zeit verloren haben?«, fragte ein Techniker. »Es gab keinen Funkspruch, nicht einmal einen automatischen Notruf?«

»Nichts.« Diana wischte sich eine widerspenstige Locke aus der Stirn. »Bislang gab es keinen Anhaltspunkt, wo überhaupt gesucht werden sollte. Wir reden von rund zweitausend Lichtjahren Distanz; da ist ein Raumschiff weniger als die berüchtigte Nadel im Heuhaufen.«

»Treffend ausgedrückt!« Ruttloff holte tief Luft, seine Anspannung trieb ihm die Röte ins Gesicht. »Willst du behaupten, dass dieser Kohlensack, den wir anfliegen, mit dem Verschwinden der Schiffe zu tun hat? Wenn ich richtig informiert bin, tangiert die Frachtroute höchstens einen Randbereich der Wolke.«

Die Kommandantin lächelte entwaffnend. »Ganz recht«, bestätigte sie. »Aber zumindest die XB-18 verschwand in diesem Gebiet. Die letzten im Bordbuch gespeicherten Koordinaten bezeichnen eine Position knapp innerhalb der Dunkelwolke.«

»Und wie kommen wir an die Aufzeichnung?«, fragte José Ramirez, der Waffentechniker.

»Das ist einer der großen Zufälle, die es nach logischem Ermessen gar nicht geben dürfte, und die deshalb meist als Schicksal ausgelegt werden. Ein Beiboot des Frachters wurde nach einem Hypersturm im Gebiet der Doppelsonne Aldeera aufgefunden …«

»Das ist fünftausend Lichtjahre von hier entfernt!«, platzte Duncan Lemonde erschrocken heraus, der Erste Offizier der CIMARRON. Er war zugleich langjähriger intimer Freund der Kommandantin. »Ein Beiboot, dessen Aktionsradius keine fünfhundert Lichtjahre erreicht, kann unmöglich so eine Entfernung zurückgelegt haben. Der Grund für einen Flug bis Aldeera würde mir ohnehin nicht einleuchten. Einige unserer Stützpunkte liegen wesentlich näher.«

»Das Diskusboot war von seiner Besatzung verlassen, falls du das meinst«, antwortete Diana. »Die Kontrolle lag beim Autopiloten. Und der wies eine Fülle von Fehlfunktionen aus.«

»Trotzdem«, beharrte Lemonde. »Fünftausend Lichtjahre, das ist entschieden zu viel für ein Rettungsboot.«

»Sag das nicht!«, fiel ihm die Kommandantin ins Wort. »Keinesfalls aus eigener Kraft, da pflichte ich dir bei. Aber den Schäden nach zu urteilen, die der Diskus aufwies, erscheint es durchaus denkbar. Offenbar wurde er während einer Überlichtetappe von einer Energiewoge erfasst und erst im Aldeera-System wieder freigegeben.«

»Ein Hypersturm?«

Diana Rossfeldt zuckte die Schultern. »Hast du eine bessere Erklärung?«

»Für ein derartiges Ereignis stehen die Chancen eins zu einer Million. Oder noch unwahrscheinlicher.«

»Was ist schuld am Verschwinden der Frachter?«, platzte Ramirez heraus. »Piraten? Damit rechnen heutzutage die wenigsten.«

Die Kommandantin hob den Blick. Die Brauen leicht zusammengekniffen, musterte sie den Waffentechniker.

»Piraten oder jedenfalls kriminelle Plünderer gab es zuletzt vor einem halben Jahrhundert. Der Flottenstab scheint der Ansicht zu sein, dass damals gründlich mit dem Gesindel aufgeräumt wurde, andernfalls hätte man nicht uns, sondern ein Dutzend Schlachtschiffe auf das Problem angesetzt.«

»Aber was …?«

Diana winkte ab. »Das sollen wir herausfinden. Und das Bordbuch ist zweifellos eine wichtige Spur. Bislang gibt es keine Analyse.« Sie hob die Schultern und lächelte vage. »Die Feinarbeit wurde großzügig wieder einmal uns überlassen. – Das war’s in aller Kürze.«

Sie wandte sich zu dem hufeisenförmigen Kommandoplatz in der Mitte der geräumigen Zentrale um. Abschätzend wog sie die Kassette in der Hand, legte sie in die Lesevorrichtung und nahm die Bild-Ton-Haube zur Hand, die eine dreidimensionale Wiedergabe der Aufzeichnungen erlaubte.

»Die nächste Etappe ist programmiert?«, fragte sie.

»Sprung erfolgt in fünfzehn Minuten«, bestätigte Duncan Lemonde. »Distanz zweihundert Lichtjahre. Wir werden im Randbereich der Wolke materialisieren, ziemlich genau fünf Lichtwochen von den letzten Koordinaten der XB-18 entfernt.«

Diana Rossfeldt gab ihr Okay-Zeichen, dann setzte sie sich die Haube auf und widmete sich den Aufzeichnungen. In mehr oder weniger kurzen Abschnitten klinkte sie sich ein, überging von Störungen verzerrte Passagen und zwei Hyperetappen des Frachters.

Nach gut zehn Minuten fand sie einen Abschnitt, der ihre Aufmerksamkeit fesselte.

*

Die Bildschirme in der Zentrale des Frachters zeigten jenes monotone, scheinbar in unaufhörlicher Bewegung befindliche Grau, das typisch war für den Flug innerhalb einer Dunkelwolke. Aufflammende Farbreflexe, für Sekunden nur und Wetterleuchten gleich, mussten als Energieentladungen im Entstehen begriffener Sterne erklärt werden.

»Restfahrt bei fünfzigtausend.«

»Konstante Beschleunigung und nächsten Hypersprung programmieren! Belastung des Schutzschirms?«

»Energiezufuhr ausreichend für Eintauchgeschwindigkeit. Die Dichte der Wolkenmaterie liegt weit unter der kritischen Konzentration.«

Routinemäßig der Ablauf der folgenden Minuten, das Summen der Konverter und der Triebwerke, die das Schiff auf die zur Transition erforderliche Geschwindigkeit beschleunigten. Dann eine erste vage Veränderung, ein Schatten, der über die Bildschirme huschte und Irritationen auslöste. Gleich darauf das Heulen des Alarms, ausgelöst vom Ersten Offizier der XB-18, der mitsamt seinem schweren Sessel herumfuhr und durch den Raum schrie: »Sprungvorbereitung abbrechen! Sofort!«

Der Pilot reagierte ohne jede Rückfrage, drosselte die Energieerzeugung und löschte mit einer hastigen Wischbewegung über sein Kontrollpult die angezeigten Zielkoordinaten.

Die Konverter reagierten jedoch nicht auf die Schaltungen. Obwohl die Triebwerke ausliefen, arbeitete die Versorgung unverändert auf Volllast. Dutzende von Kontrollanzeigen schnellten in den Warnbereich – ein flackerndes Stakkato griff um sich.

»Keine Reaktion!«, meldete der Pilot. »Völliger Kontrollverlust!«

»Ich übernehme die Notschaltung!«

Für Sekunden ebbte der Alarm ab, als der Kapitän alle Funktionen übernahm. Ein Aufatmen der Zentralebesatzung wäre trotzdem zu früh gekommen. Auf sämtlichen Schirmen erschien die blutrot blinkende GAU-Warnung.

110 Sekunden bis zum Zusammenbruch aller Abschirmungen im Maschinenraum der XB-18 und Freisetzung enormer Energiemengen.

»Raus!«, brüllte der Kapitän. »In die Beiboote!«

104 Sekunden …

Zwei Männer waren aufgesprungen, ließen sich jedoch wieder in ihre Sessel sinken. Ihnen musste klar geworden sein, dass sie es nicht schaffen konnten. Selbst wenn sie die Beiboote erreichten, würden sie kaum schnell genug ausschleusen können, um dem alles verzehrenden Glutball der Explosion zu entkommen.

Unerbittlich schmolz die Zahl auf den Schirmen. Eben noch 60 Sekunden, im nächsten Moment nur mehr 20 …

Der Kapitän schlug auf die Schaltflächen vor ihm ein, dann gab er auf und ließ sich im Sessel zurücksinken.

10 Sekunden …

Die Anzeige blieb konstant.

10 …

»Eigentlich …«, sagte jemand bebend.

Die Zahl erlosch.

»Wir leben noch?« Das klang eher fragend, keineswegs wie eine Feststellung.

Der Kapitän stemmte beide Hände auf die Armlehnen seines Sessels und richtete sich steif auf. Sein Blick sprang im Zickzack über das Kontrollpult.

»Alles nahezu normalisiert!«, rief er. »Die Energie fließt ab. Keine Ahnung, wohin. Da kommen Messungen: Ein Hyperkraftfeld umgibt uns. Unbestimmbare Intensität.«

Die Beleuchtung erlosch flackernd. Alle Bildschirme fielen ebenfalls aus. Nur der fahl grüne Schimmer der fluoreszierenden Notlichter ließ die Zentrale des Frachters nicht in völliger Schwärze versinken.

»Die Ausdehnung des Kraftfelds?«, erkundigte sich der IO.

Der Kapitän hob hilflos die Schultern. »Keine Ahnung«, antwortete er. »Ich sehe nur, dass wir offenbar mittendrin stecken.«

»Da, was ist das …?«

Diana Rossfeldt konnte in der Wiedergabe der Aufzeichnung weder erkennen, wer in der Zentrale des Frachters die Frage gestellt hatte, noch weshalb.

»Es kommt auf uns zu! Ortung?« Das war auf jeden Fall die Stimme des Kapitäns.

»Keine Ortung. Die Sensoren scheinen völlig irrsinnige Werte anzumessen.«

Eine heftige Erschütterung lief durch die XB-18. »Kursabweichung!«, krächzte die Kunststimme des Bordrechners. Zugleich wurde die Zentrale in düster rotes Licht getaucht, das von den Bildschirmen ausging.

Die optische Wiedergabe ließ erkennen, dass Strukturrisse den Schutzschirm des Frachters schwächten. Die schnellen Schaltungen des Kapitäns setzten aber keine zusätzliche Energie frei, die Belastungsanzeige stieg in den kritischen Bereich.

Erneut wurde die XB-18 wie von einer Titanenfaust geschüttelt.

Die Aufzeichnungen des Bordbuchs setzten vorübergehend in einem Schwall von Störungen aus. Minutenlang gab es nur ein wildes Durcheinander undefinierbarer Schatten und ein kreischendes Stakkato.

Diana Rossfeldt verzichtete darauf, die Wiedergabe schneller ablaufen zu lassen. Sie überzeugte sich allerdings mit einem schnellen Blick auf die Kontrollen davon, dass die CIMARRON die eingeleitete Überlichtetappe bereits hinter sich gebracht hatte. Sofort widmete sie sich wieder der Aufzeichnung.

Der Hauptbildschirm des Frachters war ausgefallen. Diana konnte deshalb nicht erkennen, was mit dem Frachter geschah. Indes deutete einiges darauf hin, dass die von den Konvertern bereitgestellte Energie nicht mehr abfloss.

»Wenn wir die Schirmfeldprojektoren länger derart hoch belasten, brennen sie aus.« Das war wieder der Kapitän. »Verrate mir einer, was das für Gebilde sind. Womit haben wir es zu tun?«

»Zehn, nein, zwölf inzwischen!«, rief der Erste Offizier. »Sie hängen fest wie die Kletten.«

Erneut verschlechterte sich die Qualität der Aufzeichnung. Energieüberschläge zuckten durch die Zentrale des Frachters. Dichter Qualm trübte die Aufzeichnung. Das Dröhnen überlasteter Aggregate und das Rauschen der Luftumwälzung, die gegen den Rauch ankämpfte, untermalten die Szenerie.

»Weitere Emissionen!«, gellte ein Aufschrei. »Da kommen mehr dieser Dinger. Mindestens zwanzig …«

Alles Weitere ging im erneuten Aufheulen des Alarms unter.

*

Nur langsam fand die Kommandantin in die Gegenwart der CIMARRON zurück. Mit einem schnellen Blick sah sie sich in der Zentrale des Forschungskreuzers um. Das schrille Heulen hielt an. Es kam nicht mehr von der Aufzeichnung.

Distanzalarm auf der CIMARRON!

Diana reduzierte die Intensität. »Ursache?«, fragte sie.

»Eine Strukturerschütterung, wenige Lichtminuten voraus«, antwortete Duncan Lemonde.

»Ein Raumschiff?«

»Anzunehmen, wenngleich die aufgefangenen Impulse äußerst schwach sind. Wir müssen die Auswertung abwarten.«

Diana nickte flüchtig. Auch wenn sie es sich keinesfalls eingestanden hätte, irgendetwas beunruhigte sie. Da war eine Ahnung heraufziehender Gefahr, die nur mit dem ungeklärten Schicksal der XB-18 zu tun haben konnte.

Die CIMARRON näherte sich der letzten bekannten Position des verschollenen Frachters, aber noch waren einige Billionen Kilometer zu überwinden.

Ein optisches Signal kündigte das Ende der Computeranalyse an. Duncan Lemonde nahm den ausgeworfenen Datenstreifen an sich. Während er las, weiteten sich seine Augen in ungläubigem Erstaunen.

»Was immer die Strukturerschütterung ausgelöst hat, ein Raumschiff war es bestimmt nicht«, sagte er dann, eher zu sich selbst, als für die anderen bestimmt.

»Duncan, was ist?« Die Kommandantin funkelte ihn verärgert an.

»Schwer zu definieren. Für einen Strukturriss, der sich über etliche tausend Kilometer erstreckt, habe ich keine Erklärung.« Lemonde erhob sich von seinem Platz, drückte Diana den Datenstreifen in die Hand, und zwängte sich in die Kontrollnische der überlichtschnellen Ortung zwischen seinem Terminal und dem Funk- und Ortungsplatz.

Er schaffte es nicht, Detailmessungen vorzunehmen. Eine zweite starke Erschütterung des Raum-Zeit-Kontinuums wurde angezeigt, ein punktuelles Aufreißen der übergeordneten Dimension. Diesmal in unmittelbarer Nähe der CIMARRON.

Der Forschungskreuzer glich einem welken Blatt im Wind, weil die Woge der freigesetzten Energie über ihn hinwegflutete. Nur dem aktivierten Schutzschirm war es zu verdanken, dass schwere Schäden ausblieben.

Das Schiff wurde aus dem Kurs gerissen. Die Absorber reagierten den Bruchteil einer Sekunde zu spät, und die durchschlagenden Beharrungskräfte waren extrem. Ohne den bestehenden Alarm wären wohl viele der Besatzung schwer verletzt worden. Da jedoch alle die Gurte geschlossen hatten, gab es nur leichtere Blessuren.

»Was um alles in der Welt war das?« Diana Rossfeldt starrte auf den Hauptbildschirm, der eine Flut irrlichternder Entladungen zeigte, die rings um die CIMARRON tobten.

Der Weltraum war zum Hexenkessel geworden, und mitten durch dieses entfesselte Inferno raste der Kreuzer. Jedes Molekül kosmischen Staubes schien aufzuflammen und andere in einer nicht enden wollenden Kettenreaktion mit sich zu reißen.

Die Filter schafften es kaum, die grelle Lichtflut zu dämpfen. Diana bemühte sich, sogar geblendet den Überblick zu behalten.

Die Materiedichte hatte sich bereits verzehnfacht und wuchs weiter an. Die Flugüberwachung zeigte deutlich, dass die Triebwerke gegen einen stärker werdenden Widerstand ankämpften.

»Was geschieht da?« Duncan Lemonde klang nervös. »Es hat den Anschein, als würden wir durch Sirup fliegen.«

Die CIMARRON beschleunigte kaum noch. Minuten später zeigten die Kontrollen bereits, dass der Kreuzer an Geschwindigkeit verlor. Doch als hätte gerade das eine Wende ausgelöst, wurde das Schiff wieder schneller.

Lemonde atmete hörbar auf. »Ein Messfehler?«, vermutete er. »Anders wäre es nicht erklärbar …«

»Es ist nicht erklärbar!«, fiel die Kommandantin ihm ins Wort. »Die Triebwerke liefern so gut wie keinen Schub mehr. Trotzdem werden wir wieder schneller.«

Duncan schüttelte den Kopf. »Ich sagte schon: falsche Messwerte.«

»Und ich bezweifle das. – Auf Gegenschub gehen!«, befahl Diana. »Gefechtspositionen einnehmen!«

»Was erwartest du? Piraten?«

Lemonde erhielt keine Antwort.

Die Bugdüsen wurden auf Volllast gefahren. Der Schub wäre stark genug gewesen, die CIMARRON zum relativen Stillstand zu bringen, jedenfalls zeigten die Verlaufskontrollen entsprechende Werte. Der Forschungskreuzer wurde dennoch weiter in die dichter werdende Materieballung hineingezogen.

»Dagegen kommen wir nicht an«, stellte Lemonde fest. »Hoffentlich halten die Schirme, bis wir durch sind. Eigentlich kann es sich nur um einen Ausläufer der Dunkelwolke handeln.«

»Die Schirme werden zusammenbrechen, bevor wir überhaupt das Zentrum der Ballung erreichen können.« Diana Rossfeldt zwang sich zur Ruhe. »Da: Es geht schneller los, als ich dachte …«

Entladungen zuckten durch die optische Überwachung. Blitze tanzten auf der Außenhaut der CIMARRON einen wilden Reigen. Ein Messgerät schrillte rhythmisch.

»Energie springt über, dringt ins Schiff ein!«, meldete José Ramirez.

Lemonde blickte fragend zur Kommandantin. Seine Miene gefror, weil er sah, dass sie die Notschaltung aktivierte.

»Nein!«, rief er. »Unsere Geschwindigkeit ist zu gering. Der Übertritt in den Überlichtflug wird uns in Stücke reißen.«

Diana sah kurz auf ‒ ihre Blicke trafen sich, ruhten für Sekunden ineinander. Vielleicht hast du recht, schien die Kommandantin zu denken, und Duncan nickte auffordernd. Womöglich hätte sie ihre Entscheidung rückgängig gemacht, hätte nicht erneut die Ortung angesprochen.

»Unbekannte Objekte auf Kollisionskurs!«, meldete Ruttloff.

»Distanz?«

»Zehn hoch fünf. ‒ Jetzt: neun.«

»Diana, was ist das?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie. »Was auch immer, es könnte mit den verschollenen Frachtern zu tun haben. Jedenfalls bleibt uns keine andere Wahl. Mit der Sonne allein wären wir vielleicht klargekommen …«

»Sonne?« Lemonde verstand nicht.

»Was glaubst du, bedeutet die Materieballung? Ebenso die Energieentladungen und das starke Gravitationsfeld?«

Begreifen huschte über Duncan Lemondes Züge. Die Geburt einer Sonne! Gab es nicht Wissenschaftler, die alle Dunkelwolken als potentielle Sternenwiegen einstuften? Sicher dauerte es Jahrmillionen, bis die Staubmassen sich derart verdichteten, dass ein erster Fusionsprozess zündete. Und ringsum spielte sich erst der Anfang dieses langwierigen Prozesses ab …

Duncan Lemonde zuckte wie unter einem heftigen Schlag zusammen. Er öffnete den Mund zu einem Aufschrei, doch kein Laut drang über seine Lippen. Ein ungeheuerlicher Schmerz schwemmte jede Empfindung davon.

Mit einem letzten schwindenden Gedanken erfasste Duncan Lemonde, dass Diana die Überlichtetappe einleitete.

Die Geschwindigkeit der CIMARRON war für dieses Manöver viel zu gering.

Schwärze schlug über Duncan zusammen, eine tiefe Bewusstlosigkeit. Er nahm nicht mehr wahr, dass der Kreuzer in den Hyperraum eindrang.

2.

»Wir leben noch?«

Duncan Lemonde schien sich allen Ernstes zu fragen, weshalb die CIMARRON nicht explodiert war, als Wrack oder gar als halbmaterieller Impuls auf ewige Zeit durch die übergeordnete Dimension jagte. Sein Gesichtsausdruck sprach jedenfalls Bände.

Mühsam richtete er sich auf, doch ein Schwächeanfall ließ ihn taumeln. Der Schweiß brach ihm aus allen Poren und rann ihm in die Augen. Er blinzelte dagegen an, dann hatte er sich endlich wieder gefangen.

Die CIMARRON befand sich wohl tief in der Dunkelwolke, die Gefahr schien vorerst gebannt zu sein.

Duncan stemmte sich aus seinem Sessel hoch. Zielstrebig, wenngleich unsicheren Schrittes, ging er zum Kursschreiber und rief die Aufzeichnung ab. »Eineinhalb Lichtjahre«, stellte er fest.

»Sind alle wohlauf?« Das war die Kommandantin. Sie schien am meisten von allen unter der Hyperetappe gelitten zu haben, ihre Blässe verriet das deutlich. Sie beugte sich über den Interkom: »Schadensaufnahme! Ausfälle melden!«

»Diana …«

»Serge?«

»Ich habe eigenartigen Funkempfang! Verstümmelte Symbolgruppen auf der Hyperwelle. Achtundzwanziger Band ‒ das heißt, der Sender kann nicht weit entfernt sein.«

»Ein Raumschiff?«

Serge Ruttloff antwortete mit einer Gegenfrage: »Wer würde auf einer Frequenz senden, die nur über wenige Lichtstunden empfangen werden kann?«

Duncan kam der Kommandantin zuvor. »Auf Lautsprecher umlegen, Serge!«, verlangte er.

Kurze, rhythmische Töne klangen gleich darauf durch die Zentrale. Sie wiederholten sich in gleichbleibendem Abstand und ergaben eine kleine Melodie …

»Ein Erkennungszeichen?«, fragte Diana verwundert. »Haben wir ein irdisches Raumschiff in der Nähe? Duncan, was sagen deine Instrumente dazu?«

Lemonde schaltete mit knappen Bewegungen. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf.

»Nicht der schwächste Reflex. Aber wenn du mich fragst: Das kann nicht normal sein.«

Diana sah ihn fragend und auffordernd zugleich an. »Du meinst, dort draußen ist mehr? Etwas Ungewöhnliches?«

»Als würden die Tasterstrahlen hängen bleiben.«

»Hyper- und Normalortung?«

Duncan Lemonde kratzte sich am Hinterkopf. »Die Normalortung zeichnet, bringt aber ebenfalls keine Ergebnisse herein.«

»Das hier dürfte von Interesse sein!« Serge Ruttloff schwenkte triumphierend einen Symbolstreifen. »Was da über Funk hereinkommt, stammt tatsächlich von einem unserer Schiffe. Und – haltet euch fest – es ist das Erkennungszeichen der XB-18.«

Diana Rossfeldt nickte keineswegs erstaunt. »Ziemlich genau das habe ich erwartet«, sagte sie. »Oder wenigstens erhofft. Wie auch immer.«

Als hätte es nur dieser Feststellung bedurft, die das Ziel der CIMARRON in scheinbar greifbare Nähe rückte, brach Sekunden später das Chaos über den Kreuzer herein. Es war, als würde der Weltraum aufreißen. Gleißende Helligkeit sprang von den Bildschirmen herab; ein gigantischer Blitz brach sich im Schutzschirm der CIMARRON und ließ die Belastung bis an die Toleranzgrenze hochschnellen.

Diana hatte Mühe, den zweihundert Meter langen, schlanken Kreuzer auf Kurs zu halten. Es gelang ihr nur unvollkommen, die CIMARRON war zum Spielball entfesselter Naturgewalten geworden.

Urplötzlich schwebte die erste Kugel vor dem Schiff …

Sie wirkte wie eine überdimensionierte, in allen Farben des Spektrums schillernde Seifenblase. Unbeweglich trotze sie dem tobenden Inferno. Niemand hätte zu sagen vermocht, woher diese Kugel gekommen war, und die CIMARRON trieb genau darauf zu.

In der Vergrößerung des Hauptbildschirms wirkte das schillernde Gebilde ungeheuer zerbrechlich ‒ und nahezu transparent.

Der Riss im All glühte unverändert. Eine lang gestreckte, brodelnde Verwerfung, die eine vage Vorstellung des Hyperraums entstehen ließ. Hier hatte er sich von selbst geöffnet. Der Anblick ähnelte den Szenen, die sich den Außenkameras beim Eintritt in eine Überlichtetappe boten, auch wenn jener Moment nur einen Sekundenbruchteil währte.

Inmitten des wesenlosen Wallens materialisierten mindestens zehn weitere Kugeln.

»Schockwelle!«, rief Duncan. »Wir …«

Ein Dröhnen, Zischen und Krachen erfüllte die Luft und machte jede Verständigung unmöglich. Von mehreren Seiten stießen die Kugeln auf die CIMARRON herab. Schon berührte die erste den Schutzschirm des Kreuzers. Doch statt in dem Abwehrfeld zu verdampfen, setzte sich die von intensiver werdenden Schlieren überlaufene Kugel zwischen den entstehenden Strukturrissen fest.

Flackernde Warnmeldungen. Ein jäher Energieabfall im Schutzschirm. Die Kommandantin reagierte gedankenschnell und schaltete die Feldprojektoren auf maximale Abgabe.

Drei weitere der jeweils mehrere Meter messenden Seifenblasen stießen auf die CIMARRON zu und hängten sich nacheinander an den Schutzschirm.

»Sie handeln gezielt, als hätten wir es mit denkenden Wesen zu tun«, überlegte Diana. »Dennoch fällt mir die Vorstellung schwer, dass Leben im Vakuum des Alls existieren und sogar die Barriere des Hyperraums überwinden kann. Eher haben wir es mit einer Naturerscheinung zu tun ‒ oder es handelt sich um eine Waffe.«

»Die Kugeln ziehen unsere Energie ab«, bemerkte Duncan nach einem Blick auf die Leistungsanzeige. »Die Bedrohung ist deutlich genug.«

»Solange nicht noch mehr kommen, hält der Schirm!«, rief Ramirez. »Maximal dreißig Minuten – für länger würde ich die Hand aber nicht ins Feuer legen.«

»Wir müssen dagegen vorgehen«, sagte Lemonde. »Was steckt hinter diesen schillernden Blasen? Ich halte sie für Ballungen einer uns unbekannten Energieform. Aber das sollte sich feststellen lassen.«

In einer Seitenwand der Zentrale verliefen die Zuleitungen zu den Schirmfeldprojektoren. Gemeinsam mit zwei Technikern entfernte der Erste Offizier die Abdeckungen und legte einige der schenkeldicken Kabelstränge frei. Alles verlief problemlos. Erst als er einen der Analysatoren für die Testverbindung einsteckte, gab es einen peitschenden Knall. Das handliche Gerät explodierte geradezu. Eine Flammenzunge stach aus dem Anschluss hervor und traf Duncan. Er wurde zur Seite geschleudert und blieb regungslos und mit verrenkten Gliedern liegen.

Diana Rossfeldt schrie auf. Ramirez beugte sich da schon über Lemonde und fühlte nach dessen Puls.

»Duncan lebt«, sagte der Waffentechniker aufatmend.

Ein Dröhnen hallte durch die CIMARRON. Von außen kommende Vibrationen pflanzten sich ins Schiffsinnere fort.

»Entladungen zwischen Schutzschirm und Rumpf!«, meldete Ruttloff. »Sie springen von den Kugeln über.«

Die Kommandantin nickte schwer. Nicht nur sie dachte in dem Moment an die Aufzeichnungen im Bordbuch der XB-18. Bestand ein Zusammenhang zwischen den schillernden Kugeln und dem Verschwinden des Frachters? Bislang war unbekannt, wer oder was die XB-18 angegriffen hatte, doch war es dort zu ähnlichen Erscheinungen gekommen.

Der Schutzschirm schimmerte mittlerweile in einem matten Grau. Zudem zog er sich enger um die CIMARRON zusammen.

Fast jeder in der Zentrale des Kreuzers starrte auf den Hauptbildschirm. Der Schutzschirm ließ kaum mehr Helligkeit durchdringen.

Eben noch hatte Ramirez versucht, den Ersten Offizier ins Bewusstsein zurückzuholen. Ein Befehl der Kommandantin ließ ihn innehalten und an seinen Platz zurückeilen.

»Zielerfassung auf Laser, José! Ich unterbreche die Energiezufuhr für den Schutzschirm. Sobald er zusammenfällt und die Kugeln sich weiter nähern, haben Sie Feuerbefehl!«

»Damit berauben Sie uns unseres einzigen Schutzes«, platzte Ruttloff erschrocken heraus.

Diana zuckte mit den Schultern. »Wollen Sie lieber herausfinden, was geschieht, sobald diese Wand aus Energie das Schiff berührt? Ich fürchte, es würde alles andere als angenehm für uns sein.«

Diana atmete tief ein. »José, aufpassen!« Sie schaltete die Energieversorgung für die Schirmfeldprojektoren ab.

Die schützende Energiehülle verwehte in wabernden Schwaden. Die flirrenden Kugeln blieben dennoch auf Distanz.

»Und nun?«, fragte Ramirez. »Was sollen wir unternehmen?«

Er erhielt keine Antwort, musste aber auch nicht lange warten, bis etwas geschah.

*

Grelles Licht und scharf gezeichnete Schatten, wo eigentlich weder Licht noch Schatten sein durften. Die Landschaft, in der er sich wiederfand, hatte etwas Irreales und Unnatürliches, etwas, was er bislang auf keinem Planeten gesehen hatte ‒ dabei hatte er schon viele fremde Welten betreten. Egal wohin er schaute, eine endlos weite Ebene breitete sich in alle Richtungen aus. Sattgrüne Gewächse wucherten auf rotbraunem Boden, und über ausgedehnte Geröllhalden wehte ein stetiger, warmer Wind.

Er sah keinen Horizont, denn die Ebene verlor sich in trübem Dunst. Der Himmel über ihm war erschreckend bleich und schien weder das Spiel von Wolken zu kennen noch den Schein einer wärmenden, Leben spendenden Sonne.

Er wusste nicht, wo er sich befand. Nicht einmal, wie er an diesen Ort gelangt war.

»Duncan«, murmelte er bei dem Versuch, seine Erinnerung zu erzwingen. Der Klang der eigenen Stimme erschreckte ihn.

Duncan Lemonde. Das war sein Name. Allmählich kehrte sein Gedächtnis zurück, auch wenn mit jedem Bild, das in ihm aufstieg, stärker werdende Schmerzen verbunden waren.

Er war 34 und Offizier der irdischen Raumflotte.

›Duncan‹, klang es in seinen Gedanken nach. ›Du gehörst nicht hierher, nicht in diese Welt.‹

»Wo bin ich?«, seufzte er. Vergeblich, denn es gab keine Antwort.

In seiner Nähe raschelte etwas; Steine gerieten in Bewegung und polterten einen kurzen Abhang hinab. Duncan fuhr herum, sich der drohenden Gefahr bewusst. Seine rechte Hand zuckte zur Hüfte, er wollte den Strahler aus dem Holster ziehen. Ein kurzes, erschrockenes Tasten, die Waffe war verschwunden. Und dann erstarrte er geradezu.

Auge in Auge standen sie einander gegenüber ‒ alles in Duncan verkrampfte sich beim Anblick des Wesens einer anderen Welt. Nie zuvor hatte er etwas derart Fremdes zu Gesicht bekommen. Das unheimliche Zischen, das dieses Geschöpf ausstieß, ließ ihn frösteln.

Er sah die muskelbepackten, angespannten Läufe. Sah die scharfen Krallen und das angriffslustige Funkeln in den Augen dieses … Tieres?

Duncan wandte sich zur Flucht. Er flankte über einen meterhohen Felsen, der ihm den Weg versperrte, und stolperte mehr, als er lief, den von Geröll übersäten Abhang hinunter. Ein wütendes Fauchen hinter ihm verriet, dass die Bestie ins Leere gestoßen war und sich um ihre Beute betrogen fühlte.

Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu erkennen, dass der Verfolger dicht hinter ihm war. Ihm kam immerhin die geringe Schwerkraft dieser Welt zugute, denn sie erlaubte ihm meterweite Sprünge.

Erst nach einer Weile wandte er sich im Laufen kurz um. Die Ausgeburt eines Albtraums war weiter zurückgefallen und nur noch vage zu erkennen. Aber sie folgte ihm weiter.

Im nächsten Moment prallte Duncan gegen ein unsichtbares Hindernis. Der eigene Schwung riss ihn von den Beinen und warf ihn zurück. Er fiel …

Es wurde ein Sturz in eine ungewisse Tiefe. In aufkommender Panik schlug Duncan mit den Armen um sich und schrie seine Furcht hinaus. Er fiel in ein Meer aus Düsternis.

Schließlich verlangsamte sich sein Sturz. Dafür hatte er das Gefühl, in einen Traktorstrahl geraten zu sein. Ein unheimlicher Druck legte sich auf seine Brust, trieb ihm die Luft aus den Lungen und Schweiß ins Gesicht. Er fürchtete, ersticken zu müssen, rang nach Atem und versuchte mit schier übermenschlicher Anstrengung, die Augen offen zu halten.

Endlich wich der Druck von ihm. Duncan spürte, dass er auf hartem Metallplastikboden lag. Dennoch brauchte er einen Moment, bis er erkannte, wo er sich befand.

*

Ihm fehlte jede Erinnerung an die letzten Minuten vor seinem Unfall. Andererseits bedrängten ihn die Bilder seines Albtraums als hätte er das alles tatsächlich erlebt. Dass er überhaupt noch lebte, war wie ein Wunder ‒ er wusste das, und Diana, die ihm auf die Beine half, wusste es ebenso.

»Diese schillernden Kugeln müssen mit dem Schutzschirm eine intensivere Verbindung eingegangen sein als für uns erkennbar war«, spekulierte die Kommandantin. »Vermutlich wurden die Zuleitungen durch den Kontakt umgepolt und Hyperenergie gelangte auf diese Weise ins Schiff. Ausschließen kann ich das jedenfalls nicht.«

»Du meinst, die Kugeln bestehen aus Hyperenergie?« Duncan zog den einzig möglichen Schluss. »Das würde vieles erklären. ‒ Liegen neue Messwerte vor?«

Diana Rossfeldt schüttelte den Kopf. »Wir haben nicht einmal alte …«

»Ein Grund, dass ich mich sofort darum kümmere.« Duncan bemerkte ihren besorgten Blick und fügte rasch hinzu: »Mir geht es gut. Nur, falls du dir Sorgen machst.«

Scheinbar unbeweglich schwebten die Kugeln im Abstand von kaum hundert Metern rings um den Kreuzer. Auf den Bildschirmen waren sie gut zu erkennen. Die Sensoren der Normalortung brachten weiterhin keine Ergebnisse. Lediglich die Hypertaster lieferten vage Daten, die einen gewissen Aussagegehalt zu bieten schienen.

Der Aufriss zum Hyperraum hatte sich wieder geschlossen. Wahrscheinlich erhielt Duncan nur deshalb bessere Ergebnisse als vor knapp einer Stunde.

Andere Messungen wurden indes schneller, mit der gewohnten Routine, ausgewertet.

»Wir driften wieder ab!«, stellte Serge Ruttloff fest.

»Bist du sicher?«

Ruttloff nickte. »Unsere Geschwindigkeit, relativ zu den umgebenden Materieschwaden, hat sich verdoppelt. Außerdem: Es scheint eine Art von Kraftfeld zu geben, das von den komischen Seifenblasen ausgeht.«

»Kraftfeld?«, drängte Diana.

Duncan hatte die Daten schon auf seinen Monitor geholt. Er reagierte mit einer unschlüssigen Geste.

»Keine Ahnung, wie wir es sonst bezeichnen sollten«, sagte er. »Die Messungen deuten auf etwas hin, das in Flugrichtung allgegenwärtig zu sein scheint. Es sieht danach aus, als würden die Kugeln uns mit diesem Feld abschleppen.«

Die Kommandantin blickte nachdenklich auf den Hauptbildschirm. Düsternis und flirrende Kugeln, mehr gab es nicht zu sehen. Nicht ein einziger Stern schimmerte durch die Wolke.

»Uns fehlen geeignete Bezugspunkte«, stellte Duncan fest. »Sämtliche Materie im Umkreis von mindestens einer Million Kilometern bewegt sich. Befänden wir uns außerhalb der Dunkelwolke, könnten wir die Veränderung an den nächststehenden Sonnen beobachten. Aber so …«

»Schon wieder die Geburt eines neuen Sternes?«, erkundigte sich Ruttloff zögernd.

Duncan zeigte die Andeutung eines Grinsens. »Keinesfalls«, antwortete er. »Falls die auf uns einwirkenden Kräfte nicht wesentlich intensiver werden, dürfte es vergleichsweise leicht sein, mithilfe der Triebwerke den Sog zu überwinden.«

»Und genau das werden wir tun!«, versprach Diana. Über Interkom, der ebenso wie im Bugsegment des Kreuzers auch im abgetrennten Maschinensektor gehört wurde, ordnete sie an: »Beschleunigungsphase! Alle auf Gefechtsposition!«

Von den Konvertern kam die Leistungsfreigabe. Diana steigerte die Schubleistung der Triebwerke. Die CIMARRON beschleunigte indes nur mit geringem Wert.

Diana setzte zwei Minuten später zusätzlich die Steuerdüsen ein.

Ein Schaben und Knistern wurde hörbar, das von außerhalb des Schiffes zu kommen schien. Noch bedeutete dieses Geräusch keine Gefahr. Es wurde von den Molekülen des kosmischen Staubs verursacht, die über die Außenhülle schrammten. Der Kreuzer flog ohne aktivierten Schutzschirm.

»Auf Dauer hält das der beste molekülverdichtete Stahl nicht aus«, brummte Ruttloff. »Wir sollten das Abwehrfeld wenigstens über der Bugregion errichten.«

»Wollen Sie, dass sich die Kugeln erneut auf uns stürzen?« Diana warf dem Cheffunker einen giftigen Blick zu. »Sie hatten schon bessere Vorschläge, Serge. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Ignorieren Sie die kosmische Materie, wie dicht sie auch werden mag. Sie ist sowieso nur die geringere Bedrohung für uns.«

»Jede Diskussion darüber ist überflüssig!«, rief Duncan dazwischen. »Die schillernden Blasen nähern sich wieder an.«

»Wie nahe?« Diana fuhr herum.

»Achtzig Meter. Sie kommen langsam, aber sie kommen.«

»Sind Besonderheiten zu erkennen?«

Duncan kratzte sich am Hinterkopf. »Abgesehen von dem Eindruck, dass sie sich heckwärts bewegen – nein.«

Dianas Faust krachte auf die Kommandokonsole. »Da haben wir es! Diese Gebilde, was immer sie sein mögen, werden nicht nur vom Schutzschirm angezogen. Offensichtlich entwickeln sie Interesse für alles an Bord, was energetischer Natur ist. Ich kann mir lebhaft vorstellen, was aus unseren Triebwerken wird, sobald die Kugeln sich im Bereich der Düsen festsetzen.«

»Im ungünstigsten Fall müssen wir uns darauf einstellen, zu Fuß nach Hause zu gehen«, versuchte Lemonde zu scherzen, doch keiner reagierte darauf.

Diana wandte sich an den Waffentechniker. »José, Feuer frei für eine Breitseite. Ich bin gespannt darauf, was geschieht.«

Fünf Laserschüsse fanden ihr Ziel.

»Keine erkennbare Wirkung«, stellte Duncan fest. »Ihre Bewegung geht unverändert Richtung Hecksegment.«

Die getroffenen Kugeln schienen etwas intensiver zu leuchten als vorher. Zudem entstand der Eindruck, dass die schillernden Schlieren auf ihrer Oberfläche kräftigere Farben zeigten.

»Salventakt!«, befahl die Kommandantin.

In steter Folge feuerten die Laserprojektoren. Glühende Lichtfinger standen jeweils für Sekunden in der Schwärze des Alls. In irrlichternden Kaskaden brachen sie sich an den schillernden Kugeln, und dabei entstand der Eindruck, als würden diese alle auftreffende Energie mühelos absorbieren.

»Sie wachsen!«, erkannte Duncan Lemonde. »Wir füttern diese Biester.«

»Dann sollten wir darauf hoffen, dass es so etwas wie eine Sättigungsgrenze gibt, Duncan.«

»Du willst herausfinden, wann diese Grenze erreicht wird?«

»Richtig«, bestätigte die Kommandantin. »José, Punktfeuer. Alle Projektoren jeweils auf eine der Kugeln ausrichten! Nehmen Sie die größte als erstes Ziel!«

Von anfangs fünf bis sechs Metern Durchmesser waren einige auf das Doppelte angewachsen. Auf die geringe Distanz gaben sie ein leicht zu treffendes Ziel ab. Ramirez platzierte die Schüsse auf eine Fläche von wenigen Quadratdezimetern. Und er hielt die Schussfrequenz konstant.

Es dauerte einige Sekunden, dann glühte die getroffene Kugel auf. Sie färbte sich erst fast weiß, dann dunkel ‒ und platzte Augenblicke später in einem wahren Sprühregen aus Licht und Farben auseinander.

»Abschuss!«, triumphierte Ramirez.

In kurzen Abständen folgten drei weitere Explosionen, danach gab es kein Ziel mehr für den Waffentechniker. Die Kugeln wichen blitzschnell nach allen Richtungen zurück. Ramirez stieß eine Verwünschung aus, weil die Zielerfassung nicht schnell genug neu justierte.

»Lassen Sie es gut sein, José«, entschied die Kommandantin. »Wir sind diese Dinger vorerst los. Und wir wissen, dass wir uns erfolgreich zur Wehr setzen können.«

Sie aktivierte den Schutzschirm, der unter den aufprallenden Partikeln fahl leuchtete. Gleichzeitig verstummte das stete Knistern.

»Die Kugeln werden wiederkommen …«, behauptete Duncan Lemonde.

Diana lachte verhalten und schüttelte den Kopf. »Sie haben gelernt«, entgegnete sie und rückte die schillernden Gebilde damit zumindest in die Nähe instinktbegabter Lebewesen. »Uns bleibt jedenfalls Zeit, von hier zu verschwinden.«

Mit flammenden Triebwerksdüsen bahnte sich die CIMARRON ihren Weg durch den Strom der in Bewegung befindlichen Staubmassen.

3.

Stunden waren vergangen, die nichts Neues und Aufregendes gebracht hatten. An Bord war die routinemäßige Geschäftigkeit wieder eingezogen, die ein Raumflug über interstellare Entfernungen eben mit sich brachte.

Diana Rossfeldt hatte den Kreuzer wenige Lichtsekunden außerhalb des dahinfließenden Materiestroms gestoppt, um Gelegenheit für ausführliche Beobachtungen und Messungen zu bekommen. Duncan Lemonde hatte sich während dieser Zeit nicht ein einziges Mal von seinen vielfältigen Instrumenten getrennt und auf Fragen meist ausweichend reagiert. Halb verärgert, halb abwartend ließ die Kommandantin ihm die Ruhe, die er sich offensichtlich wünschte.

Für Diana stand schon weitgehend fest, was der XB-18 zugestoßen sein musste. Mit einem einzigen Lasergeschütz an Bord hatte der Frachter sich gegen die schillernden Kugeln nicht erfolgreich zur Wehr setzen können. Vermutlich war es allen verschollenen Schiffen ähnlich ergangen. Waren sie entführt worden?

An diesem Punkt angelangt, drehten sich Dianas Überlegungen im Kreis. Sie fragte sich, wer ein Interesse daran haben konnte, alte Frachtraumschiffe aufzubringen, deren Ladungen womöglich nicht einmal sonderlich wertvoll waren. Gut, sie wusste nichts über die jeweilige Fracht. Aber hinter einem solchen Anschlag konnte ohnehin nur eine Zivilisation stecken, die der Menschheit zumindest auf technischem Gebiet überlegen war.

Innerlich aufgewühlt, trommelte Diana mit den Fingern auf die Armlehnen ihres Sessels. Ihr Blick taxierte einen der vielen Monitore. Die düstere Umgebung der CIMARRON stimmte schwermütig. Zum ersten Mal war die Kommandantin versucht, Ruttloffs Abneigung gegen Dunkelwolken zu teilen. Irgendwo in der Nähe lauerte eine Gefahr, die sie weder erkennen, geschweige denn einschätzen konnte.

»Es hilft nichts«, murmelte Diana mehr im Selbstgespräch als für die Zentralecrew bestimmt. Sie erhob sich und ging zu einem Wandschrank, in dem nicht nur Datenträger mit Speicherkopien lagerten.

Sie öffnete ein unscheinbares Fach, indem sie kurz gegen die Seitenwand drückte, und entnahm ihm eine dickbauchige Flasche, dazu einen von mehreren Kognakschwenkern. Genießerisch schenkte sie sich ein und nippte daran.

»Will einer von euch ebenfalls den schalen Geschmack der Hilflosigkeit loswerden?«, fragte sie. »Ausnahmsweise gestatte ich ein Minimum an Alkohol, bevor wir unseren Auftrag erledigt haben. Wer weiß …« Sie ließ offen, was sie noch hatte sagen wollen, trank einen Schluck und stellte Glas und Flasche zurück.

Lemonde winkte ab, ohne sich umzudrehen. Ruttloff hatte die Aufforderung ohnehin nicht hören können, weil er die Kopfhörer trug und alle Frequenzen nach Funksignalen absuchte. Lediglich Ramirez war nicht der Mann, der sich einen guten Tropfen entgehen ließ.

»Wer weiß«, der Waffentechniker leckte sich über die Lippen, »vielleicht hatten die Kugeln es auf unseren Brandy abgesehen.«

Diana musterte den Spanier erstaunt und nachdenklich zugleich. Ihr Lachen klang gezwungen.

José Ramirez grinste zurück. »Eines Tages wird ein Kontrolleur unser kleines Versteck aufspüren«, meinte er. »Das dann fällige Donnerwetter möchte ich lieber nicht miterleben. Die Admiralität wird uns einen groben Verstoß gegen die Dienstvorschriften anhängen.«

Diana winkte ab. »Hebung der Dienstmoral«, erklärte sie. »Außerdem sind wir keine Säufer. Ein Schluck Medizin beruhigt die Nerven. Vor allem, weil uns der Schreck vorhin enorm auf den Magen geschlagen ist.«

Mit einem nicht zu überhörenden Aufatmen verließ Duncan seinen Platz. »Fertig«, sagte er. »Du kannst deine Fragen stellen, Diana.«

Die Kommandantin verschränkte die Arme vor dem Oberkörper und fixierte ihren Ersten Offizier.

»Was hast du herausgefunden?«

Duncan zögerte. Mit einem knappen Kopfnicken deutete er auf den Wandschrank. »Sagtest du nicht, es gäbe einen guten Tropfen. Meine Kehle ist trocken.«

Diana seufzte ergeben, öffnete das Geheimfach ein zweites Mal und schenkte Duncan ein.

»Also …?«, drängte sie.

»Einige unserer Vermutungen haben sich bestätigt«, sagte Duncan. »Ein begrenzter Bereich der Wolkenmaterie bewegt sich einheitlich in eine Richtung. Ich sollte besser sagen: bewegte. Denn vor knapp zehn Minuten ist die Bewegung zum Stillstand gekommen ‒ zumindest lässt sich mit unseren Mitteln kein Nachweis mehr führen. Vermutlich besteht eine gewisse Abdrift weiterhin. Was ich definitiv feststellen konnte: Große Materiemengen verschwanden im Hyperraum. Über eine stabile Aufrissfront, etwa vierzig Lichtminuten von unserem anfänglichen Standort entfernt.«

»Wozu das alles?« Diana rieb sich mit beiden Händen die Schläfen. »Was ist die Ursache?«

»Ich muss eingestehen, dass ich keine Ahnung habe. Noch nicht«, antwortete Duncan. »Wenn wir weiterhin der Spur folgen, werden wir es sicher bald erfahren.«

Die Kommandantin kniff die Brauen zusammen. »Wie meinst du das?«

Duncan verzog die Mundwinkel. »Die Materie ist keineswegs verschwunden, wie man annehmen könnte. Sie hat den Hyperraum wieder verlassen. Ich konnte den Austrittspunkt einigermaßen genau bestimmen: er liegt fünf Lichtjahre von hier entfernt. Und wenn die Messwerte einigermaßen stimmig sind …«

»Woran ich nicht zweifle«, bemerkte die Kommandantin.

»Richtig. … dann existiert in dem Bereich eine Zone, deren Gegebenheiten ziemlich gut mit den Bedingungen im normalen interstellaren Raum gleichgesetzt werden können.« Duncan hob abwehrend beide Hände, weil Diana ihm erneut ins Wort fallen wollte. »Falls es dort überhaupt Wolkenmaterie gibt, dann nur in verschwindend geringer Dichte.«

»Bist du sicher?«

»Ich zweifle meine Berechnungen nicht an.«

»Du weißt, was das bedeutet?«

»Diese Anomalie kann unterschiedlichste Ursachen haben. Nur gibt es für uns keine Möglichkeit, das aus der Distanz zu klären.«

»Der Erste Offizier schlägt demnach vor, diesen Sektor anzufliegen.« Das war mehr Feststellung als Frage. Und wenn Diana so redete, stand ihre Entscheidung ohnehin schon fest.

»Mit der nötigen Vorsicht ‒ ja«, bestätigte Duncan. »Niemand kann sagen, was uns fünf Lichtjahre entfernt erwartet. Trotzdem: Das Schicksal der verschwundenen Frachter zu klären ist wichtiger als unser eigenes Sicherheitsinteresse. Ich denke, das ist ohnehin jedem an Bord bewusst.«

Die Kommandantin nickte. »Duncan, du hast die Verantwortung, dass exakte Kursdaten programmiert werden. Kleine Hypersprünge, allerhöchstens über jeweils ein halbes Lichtjahr. Nach jeder Etappe ausreichend Zeit für die Neuorientierung. Selbst wenn wir Tage für den Flug brauchen ‒ die Sicherheit der CIMARRON hat Priorität.«

»Aye, aye, Kommandantin!« Duncan grinste anzüglich. »Ihr Wunsch ist mir Befehl.«

Diana spitzte die Lippen, zog es aber doch vor, zu schweigen.

*

Neun Überlichtsprünge, Transition genannt, hatte die CIMARRON bereits hinter sich gebracht, ohne dass es zu neuen Zwischenfällen gekommen wäre. Die Zeitspanne nach jedem Durchgang hatte der Erste Offizier für ausgiebige Messungen genutzt.

Auch diesmal wieder. Alles blieb ruhig.

Der Countdown für den letzten Eintritt in den Hyperraum lief. Knapp vier Minuten.

Ramirez kauerte angespannt hinter den Zielkontrollen der Laserkanonen, bereit, den Forschungskreuzer binnen Sekunden in ein wehrhaftes Ungetüm zu verwandeln.

Diana Rossfeldt lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Die Beschleunigung war Routine. Sie hielt die Augen halb geschlossen und lauschte den vielfältigen Geräuschen in der Zentrale, die längst keiner mehr bewusst wahrnahm.

Noch zwei Minuten …

Mit einer Geschwindigkeit von knapp 30.000 Kilometern in der Sekunde raste die CIMARRON dem Sprung entgegen. Das Hypertriebwerk lief an und zog die benötigte Energie von den Speicherbänken ab.

Kurz vor dem Übertritt, als niemand mit einem Zwischenfall rechnete, schrie Lemonde erschrocken auf: »Ortung! Ein Schwarm von Kugeln ist materialisiert. Sie liegen auf Kollisionskurs.«

Es mussten an die fünfzig dieser schillernden Blasen sein.

»Distanz?«, fragte Diana.

»Zu gering. Objektberührung zweifelsfrei vor unserem Übertritt. Wir müssen abbrechen und ausweichen.«

»Nein!«, wehrte die Kommandantin ab. »Countdown läuft weiter! Eine Ahnung sagt mir, dass das Ziel der Kugeln diesmal nicht unser Schiff ist.«

Die letzten Sekunden vor dem Sprung dehnten sich fast unerträglich. Dann, die Kugeln waren bereits greifbar nah …

»Sie, sie sind fort!«, ächzte Duncan. »Offenbar in Transition gegangen. Aus dem Stand heraus! Ich weigere mich, das zu begreifen.«

»Es versteht keiner von uns.« Diana brachte den Satz gerade noch zu Ende, dann trat die CIMARRON in den Hyperraum ein und raste durch das übergeordnete Kontinuum zu ihrem Zielgebiet.

*

Duncan Lemonde hatte recht behalten.

Was eigentlich nicht vorstellbar war, existierte doch. Inmitten der Dunkelwolke war ein nahezu kugelförmiger Sektor frei von kosmischem Staub. Diana fühlte im ersten Moment so etwas wie Enttäuschung. Sie hatte erwartet, eine Sonne vorzufinden, deren Strahlungsdruck stärker war als die anstürmenden Partikel. Stattdessen herrschte hier die gleiche düstere Finsternis wie überall in der Wolke ‒ eine Finsternis, die das Licht der Sterne vermissen ließ und nur einen Schimmer von Helligkeit aus chemischen und physikalischen Umwandlungsprozessen der Wolkenmaterie bezog.

»Ich hätte es wissen müssen und den Ortungen glauben«, murmelte die Kommandantin. »Sie zeigten keinen Himmelskörper an.«

Knapp eine Lichtminute durchmaß die freie Zone. Nichts war zu erkennen, was man als Ursache der Anomalie hätte einstufen können. Vielleicht war Diana deshalb versucht, an eine Bedrohung irgendwo im weiteren Umfeld zu glauben.

Mit relativ geringer Geschwindigkeit trieb die CIMARRON dem Zentrum des kugelförmigen Gebiets entgegen. Minute um Minute verging, ohne dass die Kommandantin ihre Ahnungen hätte präzisieren können.

»Weiterhin nichts, Duncan?«

Lemonde lehnte sich demonstrativ zurück. »Die Ruhe pur, falls wir das glauben dürfen. Das Radar zeigt nicht einmal Asteroiden.«

»Und die Hyperortung?«

»Das Gebiet ist so klein, dass sich der Aufwand dafür nicht lohnt«, gab er verwundert zurück.

»Ich will mir später keine Vorwürfe anhören müssen«, beharrte Diana.

»Später? ‒ Gut, wenn du glaubst, dass die Hypertaster ein anderes Ergebnis liefern könnten.«

»Wir werden sehen.« Die Kommandantin zuckte mit den Schultern.

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