Kitabı oku: «Kampf um Wien»
Hugo Bettauer
Kampf um Wien
Ein Roman vom Tage
Saga
Kampf um Wien
German
© 1922 Hugo Bettauer
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711487747
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
1. Kapitel
Flanagan kommt nach Wien und wundert sich.
An einem Morgen des frühen Dezember stieg ein junger, großer, muskulöser Mann aus dem Schlafwagen des Paris – Bukarest Expreßzuges, der eben in die Halle des Westbahnhofes eingerollt war. Hinter ihm stand ein baumlanger Neger mit allerlei Handkoffern beladen, und beide, der Herr wie der Diener, wunderten sich. Der Neger, weil keinerlei Träger nahten, um ihm zu helfen, der Herr, weil er ein ähnliches Ungeheuer von Bahnhof, ein solch Konglomerat von Schmutz, Enge und Unzweckmäßigkeit noch nie erblickt hatte. Schließlich kam doch ein Träger, und der Herr wies auf das Gepäck des Negers und sagte in reinem, fließendem und doch fremd klingendem Deutsch:
„Hier mein Gepäckschein, beheben Sie die zwei Koffer, nehmen Sie das Handgepäck und besorgen Sie ein Auto.“ Was der Träger darauf erwiderte, erschien dem jungen Mann ein absolut unverständliches Kauderwelsch, und erst als sich ein Bahnhofbeamter in die Unterhaltung mengte, erfuhr er, daß der Träger wohl die Koffer beheben, aber ein Auto nicht besorgen könne, weil er nicht das Recht habe, irgendwelchen Dienst außerhalb des Bahnhofes zu versehen. Worauf sich der Herr wieder wunderte und kopfschüttelnd nach einer Halle ging, die ihm eine Mischung von Schweinestall und Obdachlosenheim zu sein schien. Dort wartete er geduldig, bis die zwei großen Lederkoffer zum Vorschein kamen, dann gings ins Freie, wo ihn sofort Männer umringten und in einem Deutsch, von dem er wieder kaum hie und da ein Wort verstand, auf ihn einsprachen. Mittlerweile wurde das Gepäck herangerollt, und die kleinen und großen Koffer konnten endlich auf ein Mietauto verstaut werden, worauf der Neger sich neben den Chauffeur setzte, während der Herr im Kupee Platz nahm und als Ziel das Hotel Imperial angab.
In flotter Fahrt ging es die Mariahilferstraße abwärts, und der junge Mann im Wagen flog auf und nieder und lachte vergnügt vor sich hin, weil es ihm ein ganz Neues war, in einem Auto mit zersprungenen Federn über ein Pflaster, das aus Hügeln und Gruben zu bestehen schien, zu fahren. Er wollte ein Fenster herablassen, aber das ging nicht, weil der Griff abgebrochen war, und so begnügte er sich damit, mit dem Lederhandschuh die Feuchtigkeit von der Glasscheibe, die einen Sprung hatte, zu wischen und so einen Ausblick auf die Straße zu gewinnen. Es war neun Uhr und viele Leute gingen die Straße entlang, aber der junge Mann vermißte das Großstadttempo, es schien ihm, als ob alle diese Männer und Frauen einen schleppenden Gang hätten, als ob niemand in Eile wäre. Hie und da gingen Menschen langsam statt auf dem Bürgersteig auf dem Fahrdamm, und dann dröhnte warnend und mißtönig die Autohupe, und die Bedrohten fluchten und sprangen in komischem Zickzack hin und her, bis sie in Sicherheit waren. Der junge Mann lächelte vergnügt und dachte: Dies gehört wohl zur Gemütlichkeit, die ja in Wien ihre Heimat haben soll! Ich werde mich an vieles gewöhnen, vieles verstehen lernen müssen.
Nun kam ein kurzes Stückchen Ring und dann der freie, große Schwarzenbergplatz, aber vorher schon querte das Auto die Ringstraße und hielt vor dem Hotel Imperial. Männer mit grüner Schürze kamen heran, halfen beim Aussteigen und belehrten den Fremden, daß er den neuntausendfachen Betrag von fünf Kronen vierzig Heller zu bezahlen habe plus einem Trinkgeld, dessen Höhe in seinem Belieben stehe. Der junge Herr lachte hell auf, weigerte sich aber, auf der Straße bei eben einsetzendem leichten Regen die schwierige Multiplikation vorzunehmen, sondern überließ die Ordnung der Angelegenheit dem inzwischen herbeigekommenen Portier, einem älteren Mann von respektablem Exterieur mit goldbetreßter Mütze. Aber er wunderte sich abermals, denn das Wort Trinkgeld, dessen Bedeutung ihm trotz gründlicher Beherrschung der deutschen Sprache fremd war, beschäftigte ihn und er beschloß, recht bald in Erfahrung zu bringen, warum Leute in Wien Geld bekommen müssen, wenn sie Durst haben. Und dunkel erinnerte er sich, gehört zu haben, daß Wien ein ganz besonders gutes Quellwasser habe. Arme Stadt, dachte er, die ihren Bewohnern das Trinkwasser verkaufen muß.
Im Hotelbureau verlangte der Fremde, nach seinen Zimmern geführt zu werden.
„Ja, welche Zimmer wünschen der Herr?“ fragte mit einem Blick auf den Neger, der einen sicheren Schluß auf den Reichtum des Passagiers ziehen ließ, sehr höflich ein Herr im schwarzen Gehrock, der Direktor genannt wurde.
„Nun“, erwiderte ein wenig gereizt der Fremde, „ich habe doch gestern nachts von Salzburg aus mich telegraphisch angemeldet.“
„Haben der Herr die Depesche dringend oder gewöhnlich aufgeben lassen?“
„Dringend oder gewöhnlich? Das verstehe ich nicht! Ich denke, daß jede Depesche dringend ist.“
Der Direktor lächelte diskret.
„Jawohl, mein Herr, aber bei uns in Österreich werden gewöhnliche Depeschen sehr oft per Post befördert und dann kommt es vor, daß sie ebenso lange, wenn nicht länger, unterwegs sind als ein Brief.“
Der Fremde riß den Mund vor Erstaunen auf.
„Wissen Sie, was das nach unserem primitiven amerikanischen Menschenverstand ist? Ein ganz gemeiner Betrug, eine infame Gaunerei! Und wenn so etwas die Western Union täte, so ließe ich ihren Manager glatt wegen Betrug und Herauslockung von Geld unter falschen Vorspiegelungen verhaften.“
Der Direktor war froh, endlich erfahren zu haben, daß der Herr ein Amerikaner sei und sein Lächeln wurde noch verbindlicher.
„Sir, bei uns ist das Telegraphenwesen verstaatlicht und der Staat –“
„Kann seine Bürger wie er will betrügen“, ergänzte der Amerikaner. „Aber nun sagen Sie, kann ich bei Ihnen Zimmer bekommen oder nicht?“
„Bitte sehr, mein Herr, natürlich, Zimmer, wie viele Sie wollen. Es kommen ja fast keine Fremden, alles stagniert – ja, früher, vor einem Jahr, da hätte der Herr von Hotel zu Hotel fahren müssen. Wünschen ein Zimmer allein oder eines mit Bad?“
„Für meinen Diener eines mit Bad, und für mich ein Appartement, Schlafzimmer und Parlor und selbstverständlich auch ein Badezimmer. Muß nicht groß sein, aber einigermaßen behaglich.“
Das Wort Parlor – die amerikanische Bezeichnung für Salon – erfüllte den Direktor mit Genugtuung und er führte den Amerikaner und dessen schwarzen Diener mit dem Lift in das zweite Stockwerk. Dort überlegte er einen Augenblick, dann öffnete er zögernd eine Tür.
„Dies wäre unser schönstes Appartement. Hier ein kleiner Vorraum mit separater Garderobe, dann dieser Salon, ein Schlafzimmer und anstoßend das Badezimmer.“
Der Amerikaner war von der distinguierten Eleganz, mit der die Räume möbliert waren, angenehm berührt.
„Nehme ich! Und nun bringen Sie in meiner nächsten Nähe meinen Diener Sam unter!“
Um allen späteren Weiterungen vorzubeugen, beschloß der Direktor, gleich jetzt den Preis zu nennen. „Das Appartement ist eigentlich für zwei Personen berechnet und ein wenig kostspielig. Mit dem Dienerzimmer zusammen würde ich bei längerem Aufenthalt zwei Millionen pro Tag in Anrechnung bringen.“
Der Gast erschrak zuerst, als er diese ungeheuerlich klingede Summe hörte. Dann lachte er hell auf.
„Beinahe dreißig Dollars! Na, ungefähr der New Yorker Preis. Mit der Wiener Billigkeit, von der mir drüben so viel erzählt wurde, scheint es ja vorbei zu sein.“
„Jawohl mein Herr, wir haben die Weltparität erreicht, vielfach sogar überschritten und daher eben die Stagnation, die Wien noch ganz zugrunderichten wird. Ich werde nun die Koffer heraufschicken.“
Ein paar Minuten später war Sam in voller Tätigkeit. Das Handgepäck wurde aufgeschnürt, der Liegekoffer geöffnet, der Schrankkoffer aufgestellt, zischend floß das heiße Wasser in die Badewanne und Sam goß über den schlanken, von der Hitze des Wassers geröteten und dampfenden Körper seines Herrn flüssige Seife, Bayrum und reinen Alkohol und begann zu kneten und zu reiben, daß ihm der Schweiß über die schwarze Stirne floß und sein Herr stöhnte. Während er ihm dann den Seifenschaum über das Kinn pinselte, sagte er vergnügt grinsend im breiten Negerenglisch:
„Master Ralph, Wien gute Stadt sein tut.“
„Warum das, Sam?“
„Draußen war hübsches weißes Mädchen mit blondem Haar, auf dem komische Haube saß. Immer, wenn ich vorbeiging, hat sie mich angelacht, so daß ich Mut bekam und sie in Arm zwickte. O Master, Arm war weich und fein! Und das Mädchen hat nicht mit dem Fuß nach mir gestoßen, sondern mir nur Schlag mit kleinen Patschhändchen gegeben und gelacht. Master, glauben Sie, daß Wiener Mädchen mich lieben werden?“
Der Herr platzte belustigt heraus:
„Sam, paß auf, mach’ mir keine Unannehmlichkeiten hier im Hotel! Aber du hast recht, wenigstens hat man mir schon auf dem Schiff erzählt, daß sich deine farbigen Brüder bei den deutschen Mädchen durchaus keiner Unbeliebtheit erfreuen.“
„Werde ich also probieren, Master“, sagte Sam und verdrehte in Erwartung kommender Freuden die Augen und grinste, daß die schneeweißen Zähne zwischen den wulstigen brennroten Lippen hervorleuchteten.
Sam durfte sich mit seinem Herrn schon einige Frechheiten erlauben, denn er war sein Milchbruder, das heißt, Sams Mutter war die Amme des jungen Amerikaners gewesen.
Der Amerikaner war nun angezogen, besah im Spiegel seine schlanke, in einen dunkelblauen Cheviotanzug gekleidete Gestalt und das glattrasierte Gesicht, aus dem die braunen Augen klug und freundlich blickten. Er strich nochmals die hellbraunen seidenweichen Haare mit der Bürste zurück, dann ließ er sich von Sam in einen hellgrauen mit Biber gefütterten Tuchpelz helfen, setzte den grauen Seidenplüschhut auf und ging voll Erwartung hinunter, um die ihm neue Stadt zu betreten, das ihm neue, fremde Leben kennen zu lernen und in einer Welt unterzutauchen, von der er sich das große Erlebnis, die hohe Mission und die Ergründung des Menschentums versprach.
In der Halle hielt ihn der Portier mit der Bitte auf, den Meldeschein auszufüllen. Wieder wunderte der Amerikaner sich. Was geht andere Menschen meine Religion, mein Alter an? Warum nicht gleich mich nach meiner Gesinnung, meinen politischen Anschauungen und Neigungen fragen? Doch er füllte mit großen, steilen, festen Buchstaben den Schein aus.
Patrick Ralph O’Flanagan, geboren 1892 zu St. Paul in Minnesota, Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika, katholisch.
Nun war noch die Rubrik „Beruf“ frei. Der Amerikaner zögerte einige Sekunden und überlegte. Wie sollte er diese Frage beantworten? Mit „Vergnügungsreisender“ etwa oder „Privatier?“ Beides würde der Wahrheit entsprechen, aber doch nicht ganz, denn eigentlich war er ja, bevor er nach Europa fuhr, Präsident der „American Wood- und Forest Trust Company“ geworden. Und da Patrick Ralph O’Flanagan sich, soweit es ging, gerne an die volle Wahrheit zu halten pflegte, schrieb er diesen Titel hin. Ohne zu ahnen, welch verhängnisvolle Tat er damit beging und wie sehr er sein ganzes Leben beeinflußte.
2. Kapitel
Wie Ralphs Mutter einen Amerikaner geheiratet hatte.
Es hatte aufgehört zu regnen, der Himmel war blau geworden, und fahle kühle Sonnenstrahlen beleuchteten den Dezembertag.
Ralph O’Flanagan stand vor dem Hotel, ließ den Blick nach links und rechts schweifen, und das Bild, das sich ihm bot, war von so eigenartiger Lieblichkeit, wie er es nach der Fahrt im schäbigen Autotaxi wirklich nicht vermutet hatte. Er querte den Ring, ging bis zur Oper und betrachtete mit hellem Entzücken und unverdorbenem primitiven, aber um so echteren Verständnis den harmonischen Bau und freute sich auf die Kunstgenüsse, die er ihm bieten würde. Oft genug hatte ihm ja seine Mutter von der Wiener Oper, von der Bild und der Schläger, dem Winkelmann und Reichmann erzählt. Und immer hatten ihre Augen vor Stolz dabei geleuchtet, so daß einmal sein Vater mit schneidendem Hohn ausgerufen hatte:
„Machst ja gerade, als hätte die Oper dir gehört!“
Ralph O’Flanagan bog, nachdem er einen Taschenplan zu Hilfe gezogen, in die Kärntnerstraße, und nun erst empfand er es, in einer Großstadt zu sein. Die Straße fast so belebt wie das New Yorker Tenderloin, elegante Herren, schöne Frauen in kostbaren Pelzen, nach der neuesten Mode gekleidet, geschmackvolle Auslagen, gefüllt mit den besten und schönsten Erzeugnissen Wiener Schneider- und Modekunst.
Ralph lächelte und zog einen Vergleich. Die New Yorker Damen traten mit mehr Selbstbewußtsein auf, diese Wienerinnen aber da mit entschieden mehr Grazie. Und wie sie mit ihren großen, schelmischen Augen zu flirten verstanden! Ralph errötete unter dem Kreuzfeuer von Blicken, die mit Wohlgefallen an ihm hängen blieben, und wieder mußte er seiner Mutter gedenken.
„Kokett sind ja die Wiener Mädeln“, hatte sie einmal gesagt, „auch leichtsinnig, aber dabei gut und lieb.“
Schon fühlte sich Ralph vom Tempo des Wiener Lebens erfaßt, langsam wie noch nie in seinem Leben schlenderte er bis zum Stephansplatz, blieb mit weit aufgerissenen Augen vor dem Dom stehen und schloß sich dann dem Mittagsbummel auf dem Graben an. Aber seine Gedanken waren nicht mehr in der neuen Stadt, flogen weit zurück übers Meer und den halben amerikanischen Kontinent, zur toten Mutter, zum freudlosen, nüchternen Elternhaus, zu seinem früheren Leben, aus dem er mit einem jähen Ruck gerissen worden war.
Patrick Ralph O’Flanagan war als das einzige Kind des Sägewerksbesitzers John Patrick O’Flanagan und dessen Gattin Lola, geborene Holub, in St. Paul, der größten Stadt des nordwestlichen Staates Minnesota, aufgewachsen. Sein Vater ein Hüne, Typus des Irländers mit Stiernacken, breiten Schultern, mächtigen Fäusten, trockenem Witz und eisernem Schädel. Die Mutter klein, zierlich, mädchenhaft auch noch mit vierzig Jahren. Und wenn der Vater einen Jähzornanfall bekam und zu brüllen begann, dann wurden ihre großen blauen Augen ganz dunkel und feucht, sie erzitterte am ganzen Leib wie ein junges Reh, und später, als Ralph zwölf und mehr Jahre alt geworden, geschah es oft, daß Frau Lola wie hilfesuchend den Arm ihres Sohnes ergriff, wenn der Vater harte Worte sagte.
Mutter hatte aber neben tausend lieben, guten Eigenschaften auch eine sehr drollige, über die Ralph jetzt, mitten am Wiener Graben, bei der Erinnerung laut auflachen mußte. Mutter hatte nämlich nie ordentlich die englische Sprache erlernen können! Wohl konnte sie sich mit jedermann vollständig und leicht verständigen, jedes englische Buch glatt lesen, aber ihrem Englisch haftete ein entschiedenes Wienerisch-Deutsch an, und wenn sie in Aufregung geriet oder vor ihrem großen, mächtigen Mann Angst hatte, vergaß sie die englische Sprache ganz und produzierte ein Kauderwelsch, über das sich der kleine Ralph krank lachen konnte, der Vater aber erst recht in Tobsucht geriet. Mama sagte ihrem Jungen, wenn sie mit ihm allein war, immer wieder auf deutsch:
„Ralpherl, weißt, ich hab’ ja schon so gut englisch sprechen können, aber später, wie ich mit O’Flanagan ein paar Wochen verheiratet war, hab’ ich alles wieder vergessen.“ Wobei zu bemerken ist, daß seine Mutter von ihrem Gatten nie anders als „der O’Flanagan“ sprach.
Mamas Geschichte hatte sich folgendermaßen abgespielt:
Der in Fachkreisen sehr bekannte Wiener Architekt Rudolf Holub hatte im Jahre 1889 von einer großen amerikanischen Gesellschaft den ehrenvollen Auftrag erhalten, herüber zu kommen, um sich am Bau einer mächtigen Brücke über den Delaware zu beteiligen. Und da Rudolf Holub ein armer Teufel trotz seines Ruhmes war und das amerikanische Angebot materiell sehr verlockend, so nahm er an und fuhr mit seiner Frau und dem kaum siebzehnjährigen Töchterchen Lola nach Amerika. Frau und Tochter blieben in New York in einer netten deutschen Pension, Architekt Holub aber fuhr mit den übrigen Architekten, Zeichnern und Ingenieuren dorthin, wo die Brücke gebaut wurde.
Einen einzigen Brief bekam seine Frau von ihm: In diesem Brief hieß es:
„Mir ist bange nach Euch, so bange, wie ich es gar nicht sagen kann. Alles erscheint mir hier wild, so roh und brutal. Der Wind wird zum Orkan, der Regen zum Wolkenbruch, Sonnenwärme zur Höllenqual. Es ist, als wollte sich die amerikanische Erde gegen den weißen Eindringling zur Wehr setzen. Mir ist gar nicht wohl zu Mute, dumme, haltlose Träume und Ahnungen bedrücken mich.“
An einem Montag hatte Frau Holub diesen Brief bekommen und am folgenden Dienstag erschien einer der Manager der Gesellschaft bei ihr und teilte ihr mit, daß ihr Gatte am Samstag von einem gestürzten Eisenpfeiler erschlagen worden sei. Er kondolierte herzlich und außerdem gab er der Witwe noch einen ganzen Wochengehalt, wobei er versicherte, daß Amerikaner nobel seien.
Und Frau Holub stand, der englischen Sprache nicht mächtig, mit ihrem zarten, bildschönen Töchterchen, das hübsch singen und etwas klavierspielen, aber sonst auch gar nichts konnte, mittellos im fremden Lande da.
Die kleine Lola entwickelte ungeahnte Energien. Nachdem sie sich ausgeweint hatte, begab sie sich eines Tages im Oktober nach der vierzehnten Straße, bog auf den Irving Place ein und blieb mit hochklopfendem Herzen vor einem recht schäbigen Theatergebäude stehen, dessen bunte Reklamezettel besagten, daß hier die Direktoren Gustav Amberg und Heinrich Conried Theater spielen. Lola hatte nämlich am Tag vorher in der Staatszeitung gelesen, daß das deutsche Theater durch die Erkrankung zweier weiblicher Mitglieder in arge Verlegenheit geraten sei und besonders das Operettenrepertoire sehr würde leiden müssen. Worauf Lola sich im Spiegel besah, feststellte, daß sie auch im schwarzen Fähnchen sehr reizvoll aussehe, sich im Parlor der Pension an das Klavier setzte, ein paar Töne anschlug und abermals befriedigt konstatierte, daß ihre Stimme gut und hell klinge.
Und nun stand Lola vor dem Theater, hatte Herzklopfen und traute sich nicht hinein. Bis ein freundlicher Mann mit mächtigem Schnurrbart vor ihr stand und nach ihrem Begehr fragte. Es war dies der sehr einflußreiche und wichtige Theaterdiener Herr Steinberg, ehemaliger k. k. Sicherheitswachmann in Wien! Da Steinberg das Mädchen nicht in der verhaßten englischen Sprache anredete, sondern „Freil’n“ sagte, wurde sie zutraulich und erklärte, ein Engagement zu suchen. Worauf Steinberg sie ohneweiters beim Arm packte und in die Direktionskanzlei führte, in der eben Herr Amberg und Herr Conried einander die furchtbarsten Grobheiten an den Kopf warfen.
Fünf Minuten später stand Lola auf der Bühne, um, von dem Wiener Kapellmeister Lehner begleitet, das Liedchen zu singen:
„Weißt du Mutterl, was mir träumt hat ...“
Abermals fünf Minuten später war Lola mit der schandbaren Gage von zwanzig Dollar wöchentlich als Soubrette an das Irving-Place-Theater engagiert.
Den Wert oder Unwert dieser Summe durchaus nicht erkennend, lief Lola beglückt nach Hause und fiel ihrer vergrämten und abgehärmten Mutter jubelnd um den Hals. Die Witwe lauschte der Botschaft, rote Flecken traten in ihre mageren Wangen, sie griff sich mit den wachsgelben Händen ans Herz und sagte: „Kind, du mußt aber brav bleiben, auch wenn ich nicht mehr bin.“
Einige Wochen später, zwei Tage nachdem Frau Holub einem Herzleiden erlegen war, stand Lola auf den Brettern, die ihr die Rettung bedeuteten, und sang in der Fledermaus den Prinzen Orlowsky. Davon, daß sie in den Pausen schluchzte und von den mitleidigen Kollegen mit Whisky gelabt werden mußte, hatte das Publikum, dem die kleine Soubrette sehr gut gefiel, keine Ahnung.
3. Kapitel
Der Mann aus dem Westen.
So vergingen zwei, drei Monate mit ewigen Geldnöten und harten Versuchungen, sich eines neuen Hutes halber zu verkaufen, bis eines Sonntags abends ein sonderbarer Zufall in Gestalt des wohlhabenden Sägemüllers John Patrick O’Flanagan dem Leben der kleinen Lola eine merkwürdige Wendung gab.
John Patrick O’Flanagan war ein Irländer, der als junger Bursch nach Amerika ausgewandert war, sich zuerst jahrelang als Holzfäller im Westen herumgetrieben hatte, bis er durch zähen Fleiß, Schlauheit und eine tüchtige Portion Skrupellosigkeit zu eigenen Waldungen, erheblichem Wohlstand und einem schönen Haus in St. Paul gekommen war. Er war unbeweibt geblieben, einerseits weil er keine Zeit gehabt hatte, sich um Frauen zu kümmern, anderseits aber weil er eine instinktive Furcht hatte, sich unter das Joch einer amerikanischen Frau zu begeben, die, wie er überzeugt war, der Teufel erfunden hatte, um die Männer zu kujonieren.
Und nun war John Patrick nach vielen Jahren zum erstenmal nach dem Osten gekommen, hatte in Philadelphia große Verträge abgeschlossen und war dann nach New York gefahren, um mit den Direktoren der Erie-Eisenbahn wegen Lieferung von Eisenbahnschwellen für zehntausend Kilometer Strecke abzuschließen.
Eines Sonntags unmittelbar nach dem Neujahrstag schlenderte der Mann aus Minnesota durch die Straßen und langweilte sich, wie sich ein Fremder nur im amerikanischen Osten langweilen kann. Die Kneipen geschlossen, die Theater und Varietes desgleichen, die Straßen wie ausgestorben, da der biedere New Yorker der Ansicht ist, ein anständiger Mensch habe am Sonntag zu Hause zu sitzen und zu beten.
Es war neun Uhr abends und John Patrick beschloß eben, innerlich einen derben irisch-wildwestlichen Fluch ausstoßend, das Hotel Netherland aufzusuchen, in dem er wohnte, als ihm an der Ecke der vierzehnten Straße und des Irving Place so etwas wie Musik in die Ohren tönte. Neugierig folgte er diesem Klang und kam so vor das deutsche Theater, vor dem Plakate in Englisch und Deutsch ankündigten, daß als „Sacred-Concert“ mit Gesangseinlagen der „Rabenvater“ gegeben werde. Es war damals nämlich ein Privilegium des deutschen Theaters, mit Rücksicht auf die Lebensgewohnheiten der Deutschen auch am Sonntag zu spielen, nur mußte ein frommes Mäntelchen umgenommen werden und jede Vorstellung den Charakter eines „Kirchenkonzertes“ haben. Das heißt, es durften keine Kostümstücke gegeben werden und zwischen den Akten wurden allerlei höchst unheilige Lieder und Couplets gesungen, so daß die Polizei, wenn sie die Augen zudrückte und die Hände dafür offen hielt, wirklich an ein Kirchenkonzert glauben konnte.
John Patrick O’Flanagan sprach zwar außer „Sauerkraut“ und „Frankfurter“ kein Wort deutsch, aber dachte, deutscher Gesang sei immerhin besser als keiner, ging zur Kassa und verlangte den besten Sitz, worauf der Kassier, ein ehemaliger österreichischer Generalstabsoffizier, ihm mit großer Ehrfurcht den Platz in der Orchesterloge, ganz dicht neben der Bühne, verkaufte.
Der erste Akt war eben zu Ende und ein Herr in einem schlechtsitzenden Frack sang mit schmalziger Stimme eine endlose Arie, die den Mann aus dem Westen zu heftigem Gähnen veranlaßte. Nach dieser Nummer wurde er aber ganz lebendig. Die Bühne betrat in einem blaßblauen, nur wenig ausgeschnittenen Kleidchen bescheidenster Art ein junges, blondes Mädchen, das wie eine kleine Puppe aussah und mit unwahrscheinlich veilchenblauen Augen schüchtern in das Publikum sah. Flanagan hatte, wie die meisten großen und robusten Männer, eine besondere Vorliebe für das Zarte und Kindhafte und außerdem war er sofort überzeugt, noch nie in seinem Leben ein so liebliches Ding und so blaue Augen gesehen zu haben. Das Mädchen sang mit zarter, aber wohlklingender Stimme ein paar Wiener Lieder, das unvermeidliche „Weißt du Mutterl, was mir träumt hat“ und „Muß ja net alles von Gold sein was glänzt“, und Flanagan, der natürlich nicht ein Wort verstand, setzte seine mächtigen Hände in Bewegung, klatschte wie toll, pfiff und trampelte dazu mit den Füßen, was in Amerika besonderen Enthusiasmus bedeutet, so daß die Sängerin einen erschreckten, großen Kinderblick auf ihn richtete und sich vor ihm nochmals besonders verbeugte.
Worauf O’Flanagan über und über rot wurde und ein so heftiges Herzklopfen verspürte, wie bisher nur einmal in seinem Leben, als er sich vor Jahren irgendwo in Wisconsin plötzlich allein zehn Rothäuten gegenübersah, die stürmisch nach seinem Skalp begehrten.
Die kleine Sängerin trat ab, O’Flanagan stellte mit Mühe und Not aus dem Programm fest, daß sie Lola Holub hieß, und als nach ihr eine imposante Germanin aus Berlin erschien, die sich während des Singens abwechselnd auf den vollen Busen und die mächtigen Schenkel schlug, ergriff er die Flucht.
Nach einer sehr unruhigen Nacht, in der ihm im Traume mehrfach die kleine deutsche Sängerin erschien, wickelte O’Flanagan seine Geschäfte erfolgreich ab, wobei er so zerstreut war, daß er die Direktoren noch mehr um die Ohren haute, als er eigentlich beabsichtigt hatte. Die übrigen Tagesstunden verbrachte er in nervöser Unruhe und abends war er eine viertel Stunde vor Beginn in der Orchesterloge des deutschen Theaters, wo irgend ein Lustspielschmarrn gegeben wurde. Er hatte Glück. Lola Holub war in dem Stück beschäftigt, sie gab einen der üblichen Backfische, die sich einbilden, daß der Leutnant die Kinder bringt, und hatte zwar nicht viel zu sprechen, war aber fast in jeder Szene auf der Bühne. Und unwillkürlich flog der Blick ihrer blauen Augen immer wieder zu dem großen Herrn in der Loge hin, der am Abend vorher seinem Beifall so laut Ausdruck gegeben.
O’Flanagan schwitzte vor Aufregung. Er wußte, daß er unbedingt noch heute diese Lola Holub kennen lernen mußte. Unbedingt und um jeden Preis. Und wenn John Patrick etwas wollte, so hatte er es noch immer durchgesetzt. Aber dieser Fall erschien ihm schwieriger als jeder bisherige. Wie lernt man eine Künstlerin kennen? Dieses Problem war ihm vollständig unbekannt. Plötzlich aber erinnerte er sich, einmal in einem Fünfcentroman gelesen zu haben, wie ein Graf einer Tänzerin seine Visitkarte mit einer Einladung zum Souper hinter die Bühne schickte. Also, er war kein Graf, aber dafür ein freier Amerikaner, der Geld hatte.
Sofort nach Schluß der Vorstellung begab er sich ins Foyer und erwischte einen langen, mageren Billeteur, den er ansprach. Dieser Theaterdiener war nun ein aus Wien durchgebrannter Hof- und Gerichtsadvokat namens Mansch und sofort im Bilde, als der Amerikaner ihm eine Fünfdollarnote in die Hand drückte und dabei etwas von Souper und Miß Lola Holub sprach. Er versicherte Flanagan in einem unmöglichen Englisch, daß die junge Dame höchst ehrbar sei, worüber Flanagan sehr erfreut war, er aber trotzdem sein Äußerstes tun werde.
Und Flanagan war wieder vom Glück begünstigt. Lola Holub hatte nämlich Hunger, den ausgewachsenen, gesunden Hunger eines jungen Mädchens, das um sieben Uhr in der Pension einen Schlangenfraß mit Unwillen verzehrt hatte und jetzt kein Geld besaß. Nicht einmal elende fünf Cents, für die es sich irgendwo eine Tasse Kaffee hätte kaufen können. Als ihr nun der ehrenwerte Doktor Mansch die Einladung zum Souper überbrachte, lief ihr das Wasser in ihrem kleinen Mäulchen zusammen, und vage Vorstellungen von einem Beefsteak oder gar Hummer benebelten ihre Sinne. Da zudem Frau Pietsch, die komische Alte, ihr in tiefem Baß zuredete: „Kleine, sein Sie nicht dumm, von einem Souper hat noch niemand ein Kind bekommen“, gab Lola sich einen Ruck, sagte sich: „Ach was, es ist wirklich nichts dabei, er sieht doch recht gutmütig aus“ und nahm an.
Der Abend verlief sehr merkwürdig. Die beiden saßen in einer behaglichen Ecke des deutschen Restaurants Lüchow, Lola aß Hummer und Steak und eine beinahe echte Sachertorte, und Flanagan wischte sich ununterbrochen den Schweiß von der Stirne und schüttelte ein Krügel Pschorr nach dem anderen in sich hinein. Darin bestand aber auch die ganze Unterhaltung, da sie nicht englisch und er nicht deutsch sprach. Erst gegen Mitternacht trat als belebendes Moment die Tatsache hinzu, daß O’Flanagan ein Händchen Lolas streichelte, wobei ihm seltsam rührselig zu Mute wurde und ihr ein Tränchen in die Augen trat, weil seit Mutters Tod niemand so sanft und zart ihre Hand gestreichelt hatte. Die Kollegen – na ja, die griffen anders zu, gemein, brutal und gierig, um sie, wenn sie abwehrte, eine dumme, zimperliche Gans zu nennen.
Schließlich geleitete der Riese die kleine Lola bis zu ihrem Haus und verabschiedete sich von ihr, indem er zehnmal mit gepreßter Stimme „Au revoir“ sagte.
Am nächsten Tag aber da geschah etwas, was Lola als echt amerikanisch empfand. Sie bekam in aller Herrgottsfrüh einen riesigen Korb mit roten Rosen und einen Brief, in dem ein Scheck auf 1000 Dollar lag. Der Brief lautete nach der Übersetzung durch die Pensionsinhaberin, die von Lola zu Hilfe gerufen werden mußte, folgendermaßen:
„Mein liebes Fräulein Holub! Ich bin gesund, fünfunddreißig Jahre alt, habe ein schönes Heim in St. Paul und eine Menge Geld. Sie gefallen mir sehr gut, und ich möchte Sie heiraten. Wenn Sie auch wollen, so bitte ich Sie, von der Bühne fortzugehen und Englisch zu lernen. In drei Monaten, zu Ostern, werde ich wieder in New York sein und Sie fragen. Heute muß ich zurück nach St. Paul. Also auf Wiedersehen im April.
Ihr Sie sehr verehrender John Patrick O’Flanagan.
P.S. Ich werde versuchen, auch Deutsch zu lernen. Aber ich glaube, es wird nicht gehen.“
Lola, voll Angst vor der Zukunft, im Bewußtsein, durchaus kein großes Bühnentalent zu sein, mit Schrecken an das Ende der Theatersaison denkend, überlegte nicht lange. Ging von der Bühne ab, nahm eine Lehrerin und verbrachte die ganzen Tage damit, sich mit Vokabeln und einer Aussprache vertraut zu machen, die ihr überaus unsympatisch waren.
Am Ostersonntag erschien tatsächlich John O’Flanagan in New York, machte ihr seinen Besuch im Salonrock, fand ihr Englisch drollig und entzückend, durfte sie küssen und am Dienstag im Rathaus heiraten.
So war aus einem Wiener Kind plötzlich Mrs. Lola O’Flanagan geworden.
4. Kapitel
Der reichste Mann der Welt.
Die Ehe verlief nicht so, wie es Lola gehofft, ihr Gatte erwartet hatte. Die beiden kamen einander nicht näher. Die Verschiedenartigkeit der Charaktere, der Vergangenheit, der Bildung, der Sprache und Abstammung waren zu groß, ließen sich nur solange überbrücken, als der erste Rausch der Sinne, den sie nie ganz teilen konnte, anhielt. Dann wußte Flanagan mit seiner kleinen Frau, die gerne Bücher las und Klavier spielte, nichts anzufangen. Irgendwie war er voll Mitleid mit diesem kleinen exotischen Vögelchen, irgendwie empfand er es auch mit seinen robusten Nerven, daß Lola nicht zu ihm, nicht nach Minnesota, nicht nach Amerika gehörte. Und wie es oft zu geschehen pflegte, wandelte sich das Mitleid in Groll, und wenn er grollte, wurde er laut, und wenn er dann sah, wie seine junge Frau erschrak und zu zittern begann, wurd er erst recht heftig.
Eine große Rolle spielte naturgemäß die Tatsache, daß Lola nicht Englisch genug konnte, um sich ihm gegenüber restlos verständlich zu machen, ihm zu sagen, was die Sprache nur in ganz umschriebener Weise ausdrücken kann. Als eines Tages Flanagan in einem häßlichen Wutanfall von ihr als einem „Dutch woman“ sprach und es als Schande bezeichnete, daß sie Englisch noch immer nicht perfekt konnte, da begann Lola ganz verwirrt zu werden und, so sonderbar es klingen mag, keine Fortschritte im Englischen zu machen, sondern Rückschritte.
Als nach zweijähriger Ehe der kleine Patrick Ralph geboren wurde, besserte sich vorübergehend das Verhältnis der Gatten, aber sowie das Kind groß genug war, um durch ein Ausstrecken der Ärmchen zur Mutter oder zum Vater seine größere Sympathie zu bezeugen, wurde die Entfremdung noch stärker. Lola überströmte mit ihrer ganzen Zärtlichkeit das Kind, sie sang ihm deutsche Lieder vor, lehrte ihm die ersten deutschen Worte, sprach nie englisch mit ihm, entzog ihn so bald als möglich der schwarzen Amme, ja sie brachte es dazu, daß sein kleiner Milchbruder Sam ebenfalls Deutsch erlernte.
O’Flanagan tobte und wetterte dagegen, aber vergebens, in diesem Punkt blieb die kleine ängstliche Frau stark, und wenn Flanagan schrie, daß die Wände zitterten, sah sie ihn nur groß und erstaunt an, ohne zu tun, wie ihr Gatte wollte.
Ralph hing denn auch mit viel größerer Zärtlichkeit an seiner Mutter, als es amerikanische Jungens sonst tun, und noch als er die Mittelschule besuchte, las er am liebsten gute deutsche Bücher, die ihm die Mutter heimlich kommen ließ. Als er sechzehn war, machte allerdings Flanagan dem ein Ende, indem er den Jungen zuerst nach San Franzisko, dann nach Chikago in die Lehre zu Geschäftsfreunden schickte, so daß die ewige Wienerin allein und einsam in dem kalten großen Haus zu St. Paul zurückblieb.
Sechs Jahre hindurch mußte Ralph in der Fremde bleiben, sich allein sein Brot verdienen, bis ihn der Vater zurückrief.
Er trat nun in den väterlichen Betrieb ein, ohne zu ahnen, wie groß dieser eigentlich war. Es gab da eine sehr komplizierte Korrespondenz mit einem Dutzend Aktiengesellschaften, zahllosen Sägewerken und Forsten, niemand aber bekam einen vollen Einblick in die Geschäfte, da O’Flanagan alle Fäden in der Hand behielt und schwerwiegende Dinge nie mit seinem Sohn, sondern nur mit dem alten Prokuristen Herbert Walker beriet.
So innig das Verhältnis Ralphs zu seiner Mutter war, so wenig gut stand er mit dem Vater. Dieser sah in ihm einen durchaus unamerikanischen Schwärmer, einen halben Deutschen, einen müßigen Menschen, den die dummen deutschen Bücher viel mehr interessierten als die Geschäfte, der überhaupt keinen merkantilen Sinn hatte, ja es nicht einmal verstand, ordentlich energisch gegen die Arbeiter und Büroangestellten aufzutreten. Und einmal, zwei Jahre vor dem Beginn dieser Geschichte, kam es, als Ralph sich eines entlassenen Arbeiters annehmen wollte, zu einer heftigen Szene, die seitens des alten Flanagan mit den Worten beschlossen wurde:
„Wahrhaftig, am liebsten würde ich die Millionen, die ich erworben, in den See werfen! Du wirst es nie verstehen, ein solches Vermögen zu halten oder gar zu vermehren.“
Damals erfuhr Ralph zum erstenmal, daß sein Vater Millionär sei.
Der große Weltkrieg kam, Ralph wurde rasch zum Offizier befördert, bevor er aber dazu kam, an die französische Front abzugehen, waren die Mittelmächte niedergebrochen, Deutschland gedemütigt und Österreich bei lebendigem Leib zerstückelt. Bitterlich weinte die noch immer zart und mädchenhaft aussehende Frau Lola, wenn sie von dem Elend Wiens, dem Hunger der Wiener Kinder, dem Jammer der alten Rentner las, und was sie an Geld, mit dem sie recht knapp gehalten wurde, erübrigen konnte, wanderte über den Ozean nach Wien. Lebendiger als je zuvor wurde ihr die Erinnerung an die geliebte Vaterstadt, stundenlang erzählte sie abends, wenn Ralph verdrossen und mit seinem Leben unzufrieden bei ihr saß und ihr Gatte noch bis in die Nacht hinein im Kontor arbeitete, von Wien, von der einzigartigen Schönheit dieser Stadt, ihren milden Sitten, die überall in Musik ausklängen, von Wiener Herzlichkeit und Gemütlichkeit.
Am 2. Dezember 1921 brachten die amerikanischen Zeitungen übertriebene Berichte von den Plünderungen, die in Wien vor sich gegangen seien, von Bränden, die die halbe Stadt verwüstet hätten, von tausenden Toten und offener Anarchie. Frau Lola, die sich nicht hatte abgewöhnen können, amerikanischen Zeitungen zu glauben, weinte in ihrem Bett stundenlang, am Morgen fühlte sie sich schwach und elend, der Arzt stellte ein schweres Herzleiden, Erbschaft ihrer Mutter, fest, und als der alte, weiß gewordene O’Flanagan alle Anordnungen traf, um seine Frau nach dem milden Süden der Floridanischen Küste zu schikken, war es zu spät. Die kleine Wienerin starb in den Armen des Sohnes und ihre letzten Worte waren:
„Wenn du einmal nach Wien kommst ...“
Ein halbes Jahr später verlor Ralph auch den Vater. Es war die Nachricht eingelangt, daß ein mächtiges Sägewerk, fünfhundert Kilometer von St. Paul entfernt, in Brand geraten sei und O’Flanagan ließ es sich nicht nehmen, in der Nacht die Fahrt per Auto dorthin anzutreten. Ungeduldig feuerte er den Chauffeur zu immer größerer Geschwindigkeit an, bis der mächtige Wagen gegen einen Prellstein fuhr, sich überschlug und unter seinen Trümmern O’Flanagan begrub.
Unmittelbar nach dem Leichenbegängnis, an dem ganz St. Paul teilnahm, wurde das Testament eröffnet, und Ralph erfuhr zu seinem maßlosen Erstaunen, daß er Alleinherr eines Vermögens war, das alle Begriffe übertraf. Die Zeitungen übertrieben nicht wesentlich, als sie verkündeten, daß der kaum dreißigjährige Ralph O’Flanagan einer der reichsten Männer, wenn nicht gar der reichste der Welt sei, und die Erbschaftsbehörden waren wochenlang beschäftigt, bevor sie vollen Einblick in den Umfang der O’Flanaganschen Betriebe gewannen. In eingeweihten Kreisen sprach man davon, daß O’Flanagan der Herr eines Großteils der amerikanischen Wälder und der Besitzer von drei Viertel Aktien der größten Holzindustrien des Landes gewesen sei. Man munkelte von einem Totalvermögen von mehr als tausend Millionen Dollar, womit Rockefeller auf die zweite Stelle verdrängt worden sei.
Ralph stand all dem fassungslos gegenüber. Er hatte das Leben eines beliebigen Durchschnittsamerikaners geführt, als erwachsener Mensch von seinem Vater einen Gehalt bezogen, der knapp für seine kleinen Auslagen reichte, die ersehnte Europareise war ihm nicht gestattet worden, wenn eine Rechnung vom Buchhändler kam, schimpfte sein Vater über unsinnige Verschwendung, karg und hart war seine ganze Jugend gewesen und nun stand er plötzlich als moderner Krösus, als unabhängiger Herr und Gebieter, dem die ganze Welt gehörte, da.
Daß er nicht das Zeug in sich hatte, weiterhin den Industriekönig zu spielen und Millionen zu erraffen, wußte Ralph ganz genau, und er war beglückt, als wenige Wochen nach Vaters Tod der alte Walker ihm vorschlug, aus allen den vielen Unternehmungen eine einzige große Aktiengesellschaft zu bilden, an deren Spitze er nur nominell stehen würde. Einige Wochen vergingen mit den Vorbereitungen, dann konnte der junge O’Flanagan in Begleitung seines Dieners und Milchbruders Sam nach New York fahren, wo die Verhandlungen zum Abschluß kamen. Die ganz Nordamerika, Kanada und Mexiko umspannende American Wood- and Forest Trust Company war gebildet, Ralph O’Flanagan ihr nomineller Präsident, ohne eigentlichen Beruf, aber mit dem vollen Bewußtsein der Verantwortung, die ihm sein unschätzbares Vermögen auferlegte, stand er der Zukunft gegenüber.
Wie sich diese Zukunft vorläufig gestalten würde, stand für ihn vollständig fest. Die letzten Worte seiner geliebten Mutter waren schicksalsbestimmend. Er wollte in seine Urheimat, in die Stadt, aus der er durch das Herz seiner Mutter die Liebe zu allem Höheren geerbt hatte. Er wollte dieses Wien, das er liebte, ohne es zu kennen, erfassen, wollte sehen, ob sich der Niedergang eines Kulturzentrums durch werktätige Arbeit, der fast unversiegbare Mittel zur Seite standen, aufhalten ließe.
Und so kam Ralph O’Flanagan im Dezember des Jahres 1922 nach Wien und machte seinen ersten Spaziergang durch die Straßen einer Stadt, die ihm fremd war und doch mit jedem Schritt ein wärmeres und behaglicheres Empfinden gab.
5. Kapitel
Das Mädchen in der Elektrischen.
Ralph verließ den Graben, ging aufs Geratewohl durch die Bognergasse über Hof und Freyung und zollte den Bankpalästen seine Bewunderung. Diese stieg, als ihm ein Passant auf seine Frage mitteilte, daß das Neugebäude der Kreditanstalt erst vor einem Jahr fertig geworden sei. Also hatte man in Not und Verarmung, trotz Teuerung und rasender Geldentwertung doch Mittel und Wege gefunden, um einen stolzen, kostbaren Bau zu errichten, einen Bau, der jenem Kapitalismus dient, dessen Ende nach dem Umsturz bevorzustehen schien.
Am Schottentor stand der Amerikaner fast hilflos einem Durcheinander von Wagen gegenüber. Er, der eben aus New York kam, wagte kaum, den Platz zu queren. Von links und rechts, von vorne und rückwärts kamen Straßenbahnwagen, Autos und Schwerfuhrwerke, und vergebens sah sich Ralph nach dem amerikanischen Policeman um, der drüben bei tausendfach dichtem Verkehr durch einen Wink mit der Hand Ordnung zu machen versteht.
Immerhin, es scheint auch so zu gehen, dachte O’Flanagan, aber schon ging es nicht mehr. Zwischen zwei Straßenbahnzüge kam ein Pferdewagen, und die drei bildeten einen Knäuel, einen Wirrwarr, der von Tobsuchtsanfällen begleitet wurde, an denen sich vier Schaffner, zwei Motormänner, ein Kutscher und etwa dreißig Passagiere und Passanten beteiligten.
Belustigt sah Ralph dem erheiternden Schauspiel zu. Plötzlich kreuzte sich sein Blick mit dem eines Mädchens, das in einem der Straßenbahnwagen saß. Ralph zuckte zusammen, fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoß. Lieblicheres hatte er noch nie gesehen. Ein schlankes Ding mit dunkelblonden Haaren, deren Fülle der kleine Lederhut kaum bergen konnte. Große, schiefergraue Augen, von fast schwarzen Wimpern umrandet, sahen ihn, der fasziniert hinstarrte, fragend an, wandten sich rauh wieder ab und ein rosiger Hauch überzog das ovale, feine Gesicht.
In diesem Augenblick löste sich der Knäuel, der Kutscher hieb fluchend auf seine Pferde ein, die Motormänner kurbelten an und fuhren weiter.
Ralph zögerte, kam zu spät zum Entschluß, den Wagen, in dem das Mädchen saß, zu besteigen. Schon hatte ein Postelektromobil ihm den Weg versperrt, und in voller Fahrt sauste die Elektrische die Währingerstraße entlang.
Ralph war es aber, als würde durch die Scheiben hindurch ihn noch ein Blick aus den traumhaft schönen Augen treffen. Rasch wandte er sich an einen Schutzmann mit der Frage, wohin der eben entschwundene Wagen fahre. Und schrieb die Antwort „Nach Währing in die Kreuzgasse“ in sein Notizbuch.
In der Zwischenzeit hatte man sich im Hotel Imperial mit der Person des neuangekommenen Amerikaners befaßt und es war ein seltsames Interview zustandegekommen.
Der kleine Doktor Züngel, Spezialreferent der „Presse“ für englische und amerikanische Angelegenheiten, hatte wieder einmal seine Runde durch die Ringhotels gemacht, um nach interessanten Persönlichkeiten zu fahnden. Erst im Hotel Imperial kam Doktor Züngel auf seine Rechnung. „Ralph O’Flanagan, mit Diener“, das klang schon nach etwas. Nun ist der irische Name O’Flanagan drüben nicht selten und der Journalist ließ sich zur genaueren Information das Original des Meldescheines geben. Als er das Wort „Präsident der American Wood and Forest Trust Company“ las, blitzten seine Äuglein und eine graue Strähne hob sich vom sonst kahlen Schädel, ein Zeichen höchster Erregung. „Himmel!“ schrie er, „das ist ja der Millionär O’Flanagan, was sag ich, der Milliardär, der neueste Dollarkrösus!“ Und er erinnerte sich, vor Monaten, nachdem der alte O’Flanagan gestorben war, seitenlange Artikel mit Bildern in den amerikanischen Zeitungen gesehen zu haben, ja, er hatte aus ihnen sogar einen kleinen Artikel für die „Presse“ unter der Überschrift „Der reichste Mann der Welt“ exzerpiert, worauf neunhundert Wohlfahrtsaktionen und zehntausend private Schnorrer von der „Presse“ die genaue Adresse des Krösus verlangt hatten.
„Wo ist er? Kann ich ihn sprechen?“ schrie Dr. Züngel dem Portier zu.
„Ist weggegangen, aber da draußen steht sein Diener, vielleicht kann der Ihnen sagen, wann Mister O’Flanagan zurückkommt.“
6. Kapitel
Sam wird interviewt.
Und nun entwickelte sich ein eigenartiger Dialog zwischen Sam und dem Wiener Journalisten. Dieser sprach englisch, Sam aber, stolz auf seine, wenn auch mangelhaften Kenntnisse der deutschen Sprache, erwiderte deutsch. Sam war auch durchaus bereit, Rede und Antwort zu stehen, erstens weil es ihm sein Herr nicht nachdrücklich untersagt hatte, anderseits, weil er auf seinen Herrn maßlos stolz war und sich nicht das Vergnügen versagen wollte, so viel Rühmliches als nur möglich über ihn zu erzählen. So erfuhr denn Doktor Züngel, daß dieser junge O’Flanagan eine Mutter gehabt hatte, die Wienerin war. (Ha! Welch Sensation!) Und daß sie mit dem Mädchennamen Holub geheißen und ihr Vater ein Brückenmacher gewesen, den ein böses Eisenstück totgeschlagen. Und er erfuhr, daß Mister Ralph ein guter Herr sei und sehr gescheit und ungeheuer viel Bücher gelesen habe, und bei jeder derartigen lobenden Erwähnung stupste der Neger den Journalisten und sagte grinsend:
„Schreib genau auf, daß kein Dummheit in dein Paper erzählst.“
Nun wollte aber Dr. Züngel noch etwas wissen, und zwar das Allerwichtigste. Zu welchem Zweck nämlich der reichste Mann der Welt nach Wien gekommen sei.
Sam kratzte sich das wollige Haupt.
„Well ich nicht wissen genau, aber meinen, weil Mutter hier geboren.“
„Aha, er will sich Wien ansehen und dann wieder wegreisen?“
„Nein, paß auf, daß kein Dummheit in dein Paper schreibst. Master will lange hier bleiben, sehr lange, Jahr vielleicht oder mehr. Paß auf, Mann von die Zeitung, ich gehört haben, wie Master auf Schiff, Dame, die ihn gefragt hat, sagte: Ich zusammengehören mit Wien und vielleicht versuchen, arme Stadt vor Niedergang zu retten. Well, paß auf, Master hat so viel Geld, daß er kann kaufen mit ein einziges Scheck ganze Stadt mit alle Häuser.“
In diesem erhebenden Moment, da Dr. Züngel sich vornahm, kategorisch für seine Sensation die erste Seite der „Presse“ zu verlangen, erschien Ralph Q’Flanagan, sah den Mann mit Notizbuch und Bleifeder zu Sam fragend aufblicken, erfaßte sofort die Situation und bekam einen maßlosen Schrecken.
„Sie wünschen, mein Herr?“ fragte er so schroff, daß Dr. Züngel noch kleiner wurde und sein grauer Haarsträhn eine Volte schlug.
„Gestatte mich vorzustellen, Dr. Züngel von der „Presse“. Da Mister O’Flanagan nicht anwesend waren, habe ich mir gestattet, von Ihrem Diener einige Informationen –“
„Herr“, unterbrach Ralph erbost, „ich bin durchaus keine interessante Persönlichkeit, über die es Informationen einzuholen gibt. Ich bin hier ein Privatmann, wie jeder andere, und möchte dringend bitten, sich um mich nicht zu kümmern.“
Sprach’s, ging und machte Sam einen solchen Krach, daß dieser von nun an Zeitlungsleute ärger als die Pest scheute.
Doktor Züngel aber kam noch gerade rechtzeitig zum Abendblatt ins Bureau und einige Stunden später wußte ganz Wien, daß der reichste Mann der Welt, Mister Patrick O’Flanagan, in Wien mit der ausgesprochenen Absicht weile, Österreich zu sanieren. Und daß dieser O’Flanagan hiezu eine Art moralische Verpflichtung fühle, da seine Mutter eine Wienerin, Tochter des Architekten Rudolf Holub, gewesen sei, und der Krösus zweifellos unverzüglich mit dem Bundeskanzler Dr. Seipel sowie dem Finanzminister Dr. Kienböck in Fühlung treten werde. Daran schloß sich ein Leitartikel, der genau dasselbe nochmals mit Leidenschaft sagte, und dann im Finanzteil eine längere Betrachtung von einem „hervorragenden Finanzmann“, der der Bevölkerung die erschütternde Mitteilung machte, daß ein Doller erheblich mehr sei als eine Krone, ja eine Million Dollar sogar mehr als siebzig Milliarden wären.
Ralph O’Flanagan bekam einen Wutanfall, Sam eine, allerdings recht gelinde, Ohrfeige und der Hoteldirektor mußte zwei kräftige Hausdiener mit der Spezialaufgabe betrauen, alle lästigen Besucher hinauszukomplimentieren.
7. Kapitel.
Man interessiert sich für Ralph.
Der Generaldirektor der „Bankgesellschaft“, Herr Klopfer-Hart, saß in seinem in gediegenster englischer Art ausgestatteten Bureau und dachte angestrengt nach, daß sich eine Falte inmitten der hohen energischen Stirne bildete. Der kleine, gedrungene Herr mit dem weißen, fast viereckigen Bart und den noch immer nicht ganz weißen, bürstenartig aufrecht stehenden Haaren, zu denen die buschigen, bis vor kurzem noch pechschwarzen, jetzt auch schon gebleichten Augenbrauen vortrefflich harmonierten, galt als der bedeutendste, willenstärkste Kopf unter den führenden Bankleuten, deren Zahl nach dem Umsturz Legion geworden war. Und trotzdem er ein hoher Sechziger war, verstand er seine Zeit, ging mit ihr, wußte genau, wie weit und wie wenig weit ein modernes Bankinstitut gehen mußte und durfte, um einerseits nicht zurückzubleiben, anderseits nicht auf eine Stufe mit schwindelhaften Konjunkturbanken zu sinken.
Direktor Klopfer-Hart, den der Umsturz um den Geldadel, nicht aber um das Geld gebracht hatte, ließ die Finger durch den Bart gleiten und las nochmals den rotumränderten Zeitungsausschnitt, den ihm mit hundert anderen der Leiter des Preßbureaus hatte vorlegen lassen.
Nun ein Druck auf den Taster, und sein Privatsekretär kam herein.
„Doktor, dieser Ralph O’Flanagan interessiert mich. Vielleicht ist ein Körnchen Wahrheit an der Sache, die da in der Presse steht. Vielleicht auch nur ein neuer Duim, jedenfalls hat der Name bisher unter den Amerikanern nicht gezählt. Bitte, kabeln Sie sofort an Seligmann nach New York um genaue Auskunft.“
Der Auftrag war kaum erteilt, das Kabelgramm noch nicht abgegangen, als einer der zahllosen Prokuristen, der, der den amerikanischen Kreditverkehr unter sich hatte, um Vortritt bitten ließ.
„Herr Generaldirektor, ich glaube, die Depesche kann unterbleiben, denn eben ist mit der amerikanischen Post ein Schreiben der New Yorker Generaldirektion der Guarantee Trust Company angekommen, das sich auf diesen Ralph O’Flanagan bezieht.“
Klopfer-Hart, der englisch so gut wie deutsch sprach, nahm dem Prokuristen das Schreiben aus der Hand und las:
„Wir ersuchen Sie, Mister Ralph O’Flanagan aus St. Paul, Minnesota, der sich soeben nach Wien zu längerem Aufenthalt begeben hat, Kredit in jeder Höhe, der von ihm beansprucht wird, einzuräumen und mit den jeweiligen Beträgen unser Konto zu belasten. Abhebungen, die eine Million Dollar übersteigen, bitten wir, uns jedesmal per Kabel bekanntzugeben. Wir bitten, Mister O’Flanagan in jeder Beziehung, falls er es wünscht, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.“
Generaldirektor Klopfer-Hart zog die buschigen Brauen hoch.
„Sehr angenehm! Nun haben wir auch den prächtigsten Vorwand, direkt mit ihm in Fühlung zu treten. Keinesfalls darf er uns aus den Händen kommen.“
Nach kurzem Überlegen:
„Schicken Sie mir Herrn Heinrich Lank herein.“
Der Prokurist verbeugte sich schweigend, innerlich höchst indigniert, da er selbst sehr gerne dem goldenen Vogel aus dem Dollarlande nähergekommen wäre. Und nun dieses „Schlieferl“, dieser Geck mit Monokel und den Manieren eines Ladenprinzen!
„Wird kindisch, der Alte“, murmelte er vor sich hin, aber erst als er das Zimmer mit den grünbetuchten Doppeltüren weit hinter sich hatte.
Der Generaldirektor wußte genau, warum diesen Heinrich Lank, der erst vor kurzem aus einer anderen Bank übernommen worden war. Zweifellos der Eleganteste unter allen Herren, Manieren tadellos, bildhübsch, perfekt englisch, französisch und italienisch sprechend, Bankdiplomat comme il faut, im Bureau nicht hervorragend, keine Arbeitsbiene, aber um so besser bei delikaten Affären verwendbar. Und dieser Ralph O’Flanagan, der jetzt das ganze Interesse des Gewaltigen in Anspruch nahm, war erst dreißig Jahre alt. Also wahrscheinlich bereit, Dummheiten zu machen. Und auch Dummheiten ließen sich mitunter in große Geschäfte umsetzen.
Lank trat durchaus selbstsicher, bescheiden, aber nicht unterwürfig ein.
„Herr Generaldirektor haben befohlen? – –“
„Sie haben von der Ankunft eines Amerikaners namens Ralph O’Flanagan gelesen? Gut, dieser Herr ist uns durch die Guarantee Trust als Klient empfohlen worden. Suchen Sie ihn auf, stellen Sie sich ihm namens der Bank vollständig zur Verfügung. Hm, wenn es sich ohne Aufdringlichkeit machen läßt, so laden Sie ihn für Sonntag zum Tee bei mir ein. Aber vorsichtig, bitte! Immer Gentleman sein, nicht von Business reden. Das muß sich später von selbst machen. Hauptsache: Ihn in unsere Kreise ziehen. Sie wissen, oder sollten es wissen, die Depositen spitzt auf neue Geschäfte, seitdem der Castiglioni draußen ist. Überzeugen Sie sich, ob dieser Amerikaner wirklich sozusagen Österreich sanieren will. Und wenn ja, mit welchen Summen, auf welche Art. Die Sache ist wichtig. Bedenken Sie, daß, wenn es dem Mann oder seinen Hintermännern einfallen würde, ein paar Millionen auf die ausländischen Märkte zu werfen, um Kronen zu kaufen, eine rapide Kronenhausse entstehen könnte. Natürlich möchte ich das vorher wissen. Und mit niemand im Hause über das, war wir hier besprochen haben, reden. Ich vertraue Ihnen!“
Der Generaldirektor reichte dem jungen Mann die fleischige, Energie und brutalen Willen ausströmende Hand, ein Beweis höchster Gunst.
Heinrich Lank war noch in der Türe, als er zurückgerufen wurde.
„Sie stenographieren perfekt? So, ich werde meinem Doktor Lieblich die Prokura erteilen und Sie an seiner Stelle zu meinem Privatsekretär machen. Hm, vorausgesetzt, daß Sie sich in dieser Angelegenheit bewähren.“
Mit dem Direktorposten im Tornister entfernte sich Lank. Jeder Privatsekretär muß früher oder später Direktor werden. Er weiß zu viel – –
Ralph, der um diese Stunde bei der neu hergerichteten Uhr am Schottentor stand und jedesmal, wenn ein F-Wagen angefahren kam, nervös an ihn herantrat und durch die Scheiben die Passagiere musterte, hatte keine Ahnung, daß sich die verschiedenartigsten Persönlichkeiten für ihn lebhaft zu interessieren begannen. Und er wäre nicht wenig erstaunt gewesen, hätte er gewußt, daß gerade jetzt auch der Bundeskanzler, Prälat Doktor Seipel, im Kanzleipalais mit dem Bleistift zerstreut ein- über das anderemal den exotischen Namen Ralph O’Flanagan auf ein Blatt Papier kritzelte. Soeben hatte er telephonisch mit dem Chef der Staatspolizei gesprochen, von ihm aber nicht mehr erfahren können, als der Meldeschein besagte. Nun beschied er seinen Präsidialisten, den Sektionsrat Winder, zu sich.
Der Bundeskanzler, durchaus nicht der höfliche Weltpriester, wie ihn seinerzeit Colleredo repräsentierte, sondern scheinbar ganz einfach, gutmütig, hie und da einem nervösen Temperament mehr die Zügel schießen lassend als liebsam war, ein gutmütiges Lächeln um die dünnen Lippen, das sich allerdings beim Sprechen leicht in Suffisance verwandelte, ging in seinem langen schwarzen Salonrock, der ihm zu eng zu sein schien, die Arme dicht an den Leib gepreßt, als würde er sich dadurch vor weitausgreifenden Bewegungen hüten wollen, in dem schönen, alten, ehrwürdigen und geschichtsreichen Zimmer auf und ab.
„Sie, Winder, dieser Amerikaner interessiert mich. Daß mir den die Juden nur nicht gleich in die Hände bekommen! Wenn das wahr ist mit der Mutter, die Wienerin war, und seiner Absicht, hier irgendwie zu helfen – das könnte uns über viele Schwierigkeiten hinweghelfen. Die Wahlen stehen vor der Türe und wir brauchen Geld, Geld und wieder Geld! Na ja, die jüdischen Banken werden uns schon tüchtig geben, aber sympathischer wäre es schon, von so einem ganz Fremden. – Aber das mit dem reichsten Mann der Welt kann auch Schwindel sein. Wir müssen uns halt erkundigen.“
„Nichts leichter als das, Exzellenz. Ich brauch nur bei der Länderbank anzurufen und den Direktor Blauer zu bitten. Er wird sofort kabeln. Aber nein, ich hätte beinahe vergessen, daß wir ja jetzt in Washington eine Gesandtschaft haben! Also gleich lasse ich per Kabel dort anfragen.“
„Lieber Winder“, sagte der Kanzler und putzte sich die Brillengläser, während ein mokantes Lachen seine Lippen verzog, „lieber Winder, ganz gut, daß Sie den Gesandten vergessen haben, denn der weiß sicher nichts und bevor er antwortet, ist unser Amerikaner schon mitten in irgend einer Clique drin. Und mit der Länderbank brauchen Sie sich auch nicht zu bemühen. Ich habe bessere Beziehungen.“
Und der Kanzler ließ sich mit der päpstlichen Nunziatur verbinden, sprach dort mit einem hochwürdigen Herrn italienisch und eine halbe Stunde später ging eine Kabeldepesche an den katholischen Erzbischof Farley in Boston ab.
Die Antwort kam am nächsten Tag und der Kanzler las sie mit verkniffenen Lippen, während er nervös auf den Tisch trommelte:
„Verstorbener John Patrick O’Flanagan galt in St. Paul als guter Katholik, der auf eigene Kosten eine hübsche Kirche errichten ließ. Sohn ist als Freigeist bekannt, besuchte auch Sonntags nicht den Gottesdienst, bekannte sich bei den letzten Wahlen zum Sozialismus, für den er seine Stimme abgab. Hat Entrüstungskundgebung über Gefangenhaltung des Sozialistenführers Debs mitunterschrieben. Dürfte tatsächlich an Reichtum hinter Astors und Rockefellers nicht nachstehen.“
Der Kanzler pfiff gedämpft vor sich hin und gab dann seinem Präsidialisten den Auftrag, O’Flanagan durch die Staatspolizei ständig beobachten zu lassen und es dazu zu bringen, daß der Amerikaner beim Bundeskanzler seine Karte abgebe.
8. Kapitel
Ein Blick hinter die Kulissen.
Ralph, ohne eine Ahnung zu haben, daß er beobachtet, kontrolliert, viviseziert wurde, war ärgerlich und unzufrieden. Seitdem der Artikel in der „Presse“ erschienen war, verbeugten sich die Hotelbediensteten, die Chauffeure auf der Straße vor dem Hotel, die Kellner und sogar der alte Dienstmann an der Ecke bis zum Boden vor ihm und trotz aller Abwehrmaßregeln ließ es sich nicht vermeiden, daß ihn auf der Straße Damen und Herren ansprachen, seine Hilfe für sich selbst oder für Aktionen, die sie leiteten, erbaten, daß er täglich hundert und mehr Briefe bekam, kurzum plötzlich im Mittelpunkt einer ihm fremden Welt stand.
Das war ihm aber mehr als unbequem, belastete sein Gewissen. Ralph war aus tiefster Überzeugung ein Feind jeder sogenannten Wohltätigkeitsaktion. Er wäre sofort bereit gewesen, große Beträge zur Aufrichtung einer Existenz zu geben, weigerte sich aber, seine Hilfe einer Suppen- und Teeanstalt zu gewähren. Elend müsse an der Wurzel, in seinen Ursachen behoben werden, meinte er, nicht aber in seinen Erscheinungen. Arbeitslose brauchen Arbeit, aber kein Almosen. Es habe keinen Sinn, Kindern Schuhe zu schenken, sondern die Eltern dieser Kinder müssen in der Lage sein, selbst Schuhe zu kaufen.
Ralph sah, daß durch die Ungeschicklichkeit seines Dieners sein geheimster, noch nicht einmal in Gedanken ausgetragener Plan, Österreich zu helfen, verraten worden war, fühlte, daß es für ihn keinen Rückzug mehr gab, wollte er nicht das Andenken an die geliebte Mutter schmähen, aber er sah noch nicht den richtigen Weg vor sich. Und deshalb hatte er nicht ungern die Einladung des Herrn Heinrich Lank, der gestern bei ihm gewesen war, angenommen, um so mehr, als der Privatsekretär des Generaldirektors ihm versichert hatte, er würde in der Villa des Herrn Klopfer-Hart viele kluge, einflußreiche Männer kennen lernen.
Heute hatte Ralph O’Flanagan durch Zufall Gelegenheit, einen tieferen Einblick in das Wiener Leben zu bekommen, einen Blick hinter die noch immer schönen und stattlichen Kulissen zu tun.
Die Tage vorher war heftiger Schnee gefallen und an allen Straßenkreuzungen arbeiteten außer den städtischen Angestellten zahllose per Stunde und Tag aufgenommene Schneeschaufler. Für den jungen Amerikaner war der Anblick ergreifend. Er sah zarte junge Mädchen, deren blau gefrorene Hände die schwere Schaufel kaum halten konnten, Männer mit Zwicker oder Brille, denen man nur zu deutlich ansah, daß sie nicht bei körperlicher Arbeit groß geworden, Kinder, kaum der Schule entwachsen, Frauen, die im Schnee arbeitend auf den Hut und die mottenzerfressene Pelzboa nicht verzichten konnten.
Es war zwölf Uhr mittags und Ralph stand an der Ecke der Stadiongasse und des Ringes in unmittelbarer Nähe eines Häufleins Schaufler, die eben kurze Rast machten. Unter ihnen befand sich ein alter Herr mit weißem Knebelbart, der sich erschöpft an den Haltestellenpfahl lehnte. Ralph überwand sein angeborenes Taktgefühl und sagte scheinbar obenhin:
„Ungewohnte Arbeit, mein Herr, was?“
Der Alte lächelte.
„Hätte es mir im Jahre 1912, als ich mich von der Firma, bei der ich vierzig Jahre Buchhalter gewesen war, pensionieren ließ, nicht träumen lassen, daß ich – Aber was soll man machen? Eine alte Frau zu Hause und einen kranken Bruder – verhungern will man doch nicht und so nimmt man das weiße Brot, das vom Himmel fällt.“
Andere Schaufler waren hinzugetreten. Ein junges Mädchen klagte: „Ich hab die Handelsschule absolviert und war froh, verdienen zu können, und jetzt finde ich keine Stellung. Man kann sich ja auch gar nicht ordentlich umschauen, das Porto, das Briefpapier ist so teuer und eine Fahrt mit der Elektrischen kaum zu erschwingen. Und den Eltern, denen es selbst nicht gut geht, will man halt doch nicht ganz zur Last fallen.“
Eine Frau mit nicht unfeinen Gesichtszügen stimmte ein:
„Wenn man sich nur nicht so um die Kinder ängstigen müßte. Sie sind allein zu Haus, vormittags geh’ ich bedienen, nachmittags wieder, und sie werden mir noch ganz verkommen. Jetzt hab’ ich für den Vormittag keine Arbeit und so verdien’ ich mir halt Zehntausend mit dem Schneeschaufeln.“
Der Amerikaner biß sich auf die Lippen, steckte dem alten Herrn ein Bündel österreichischer Banknoten zu, die er lose in der Hosentasche trug, und raste davon, ohne sich nochmals umzusehen.
Elend genug hatte er auch in den amerikanischen Großstädten gesehen, aber hier erschien ihm alles hoffnungsloser, peinigender zu sein als in den New Yorker und Chikagoer Slums. Dort konnten sich die Menschen immer wieder aufraffen, hier war das Elend resigniert, müde, dumpf.
Er ging dem Schottentor zu und wartete, wie gestern und vorgestern, einen F-Wagen nach dem anderen ab. Schämte sich dieses nutzlosen und knabenhaften Beginnens und konnte doch nicht die Hoffnung aufgeben, das blonde Mädchen mit den großen, klugen, grauen Augen, das er am Tage seiner Ankunft wie im Fluge gesehen, wieder zu finden.
9. Kapitel
Ein Gespräch mit dem Kanzler.
Als er dann schließlich müde, erfüllt von Unlustgefühlen, nach dem Hotel zurückkehrte, wartete Sektionsrat Winder auf ihn, überbrachte die Grüße der Regierung, die sich glücklich schätze, einen so illustren Gast zu beherbergen, und versicherte, daß sich der oberste Beamte Österreichs, der Bundeskanzler, sicher freuen würde, Mister Ralph O’Flanagan kennen zu lernen.
Ralph war auf das peinlichste überrascht. Fremde Mächte griffen nach ihm, zerrten ihn, der in aller Stille sehen, prüfen und urteilen hatte wollen, ins grelle Tageslicht, verwickelten ihn in Affären, deren Tragweite er noch nicht kannte. Aber was tun? Wäre es nicht verletzende Mißachtung gewesen, wenn er der Einladung des Oberhauptes eines kleinen, unglücklichen, aber kulturell so hoch stehenden Landes nicht folgte? Würde sich nicht jeder Fremde in Amerika glücklich schätzen, wenn ihn Präsident Harding einladen wollte? Und vielleicht, wahrscheinlich sogar war der österreichische Bundeskanzler, dessen Namen Ralph vorläufig nicht einmal kannte, dem amerikanischen Präsidenten in mehr als einer Beziehung überlegen. Er selbst aber? Was war er denn? Nichts als ein durch den Zufall der Geburt enorm reicher Mann, der aber sonst noch nichts geleistet, keinerlei Beweise für Wert oder Unwert gegeben.
So zwang sich denn Ralph zur ausgesuchtesten Höflichkeit und erklärte, es würde ihm ein Vergnügen sein, beim Bundeskanzler vorzusprechen.
Der Präsidialist atmete auf.
„Doktor Seipel wird sich wirklich freuen. Wenn es Mister O’Flanagan vielleicht heute passen würde? Nachmittags um vier Uhr ist der Kanzler frei.“
Je rascher das vorübergeht desto besser, dachte der Amerikaner und nahm an.
Gleich nach dem Luncheon begab sich Ralph nach einer der großen Autoausstellungshallen am Ring, prüfte mit Kennerblick die prachtvollen Wagen, entschied sich für einen glanzvoll ausgestatteten 60 HP-Wagen mit geschlossener Karosserie, knüpfte aber an den Kauf einige Bedingungen:
„Ich nehme das Auto nur, wenn mir innerhalb einer Stunde eine Garage, ein erstklassiger Chauffeur zur Verfügung steht, Öl und Benzin besorgt wird und der Wagen fix und fertig vor dem Hotel Imperial steht.“
Wenn es durchaus sein muß und jemand von einem Preis von 450 Millionen nicht einen Heller herunterhandelt, kann man sich auch in Wien eilen und das Unmögliche möglich machen. Und so stand denn wirklich um drei Uhr das funkelnagelneue Auto mit einem wie ein depossedierter Fürst aussehenden Chauffeur vor dem Hotel.
Einige Minuten später hatte es den Amerikaner nach der Herrengasse 7 gebracht und ohne auch nur die üblichen fünf Minuten warten zu müssen, wurde Ralph dem Bundeskanzler vorgestellt.
Dr. Seipel war ganz Wohlwollen und Jovialität, rückte Schachteln mit Zigarren und Zigaretten herbei und begann:
„Ich danke Ihnen für Ihren Besuch, der ja nicht ausbleiben konnte, wenn die Zeitungsnachrichten wahr sind, die besagen, daß Sie, um das Andenken Ihrer seligen Mutter zu ehren, hier in diesem so klein und arm gewordenen Lande helfend eingreifen wollen.“
„Wahr und nicht wahr sind diese Nachrichten, Herr Bundeskanzler! Im Tiefinneren liegt mir allerdings das Schicksal Österreichs nahe, aber noch habe ich keinerlei feste Pläne, noch bin ich mir ganz im unklaren, wie, mit welchen Mitteln und ob überhaupt für mich die Möglichkeit besteht, das zu tun, was berufsmäßigen Staatsmännern, Diplomaten, den weisen Herren des Völkerbundes bisher nicht gelungen ist.“
„Nicht gelungen ist, weil man uns mit kühlen, rechnerischen Erwägungen nicht helfen kann. Dazu gehört mehr als nur Geld, dazu gehört Gefühl und Herzensteilnahme. Und eben diese beiden Momente müssen bei Ihnen, dem Sohn einer Wienerin, vorhanden sein.“
Sehr geschickt, diesmal einen ein wenig salbungsvollen Ton anschlagend, brachte der Kanzler das Gespräch immer wieder auf Ralphs Mutter, ließ sich von dem jungen Amerikaner alles das erzählen, was er wußte, und Ralph wurde unwillkürlich warm, ging mehr aus sich heraus als er beabsichtigt hatte.
Dr. Seipel benutzte das und begann von dem Elend Wiens zu erzählen, von den moralischen Verwüstungen als Folge der Geldentwertung, von dem unaufhaltsamen Niedergang der großen Bildungsinstitute, die nicht in der Lage seien, ihre Bibliotheken und Laboratorien zu ergänzen, genug Kohle anzuschaffen, um die Hörsäle zu heizen.
„Schauen Sie nur unsere Universität, diese weltberühmte Alma mater Vindobonensis an. Einer der großen Gelehrten nach dem anderen verläßt Wien, weil er seine Existenz verbessern will, wir sind nicht mehr in der Lage, bedeutende Kräfte zu gewinnen, die Universitätsbibliothek beginnt ein Torso zu werden. Vielleicht wäre hier für jemanden, der die Mittel dazu hat, die erste Gelegenheit gegeben, sich großherzig und segenspendend zu betätigen.“
Diesmal erschien das mokante Lächeln auf den Lippen des Amerikaners, der glücklicherweise von seinem irischen Vater ein wenig Skepsis geerbt hatte.
„Es scheint aber, als wenn an dieser tatsächlich weltberühmten Wiener Universität reichlich viel Politik betrieben werden würde. Ich las eben erst gestern in den Zeitungen einen Aufsatz des Rektors, in dem er sich mit den Bestrebungen chavinistischer Elemente einverstanden erklärt und sich für eine gewaltsame Beschränkung von Hörern und Lehrern, die anderen Glaubens sind, ausspricht. Ich muß gestehen, daß ich davon den peinlichsten Eindruck empfangen habe. Wir Amerikaner sehen in unseren Universitäten freie Bildungsstätten für jedermann und würden es als geradezu ungeheuerlich empfinden, wenn von Harvard oder Yale junge Leute ausgeschlossen würden, weil sie Mohammedaner, Juden oder Atheisten sind.“
Der Kanzler nickte scheinbar beifällig.
„Ganz richtig, Lehr- und Lernfreiheit müssen herrschen. Aber wenn Sie den Aufsatz des Herrn Rektors, mit dem ich ja nicht in allen Punkten übereinstimme, aufmerksam lasen, so werden Sie gesehen haben, daß es sich ihm hauptsächlich um die unerwünschten Elemente aus dem Osten handelt, die Wien zu überfluten drohen. Übrigens darf ich wohl fragen, ob die Toleranz Ihrer Landsleute nicht doch gewisse Grenzen hat? Dürfen zum Beispiel Neger Ihre amerikanischen Universitäten besuchen?“
Ralph zog die Augenbrauen hoch.
„Allerdings nicht, die Neger haben ihre eigenen Universitäten. Aber ich kann Ihnen mit ruhigem Gewissen versichern, daß wir die Neger als vollkommen gleichberechtigte Mitbürger begrüßen werden, wenn sich erst unter ihnen Männer wie Artur Schnitzler, Hofmannsthal, Meyerbeer, Mendelssohn, Mahler, Einstein, wie der große Ophthalmologe Fuchs, wie die Forscher Ehrlich und Wassermann, wie ein Spinoza und ein Heine befinden werden. Der Vergleich hinkt, Herr Bundeskanzler, denn die Neger sind ein Volk in ihrer ersten Kindheit, die Juden aber ein uraltes Kulturvolk, das, wenn ich nicht sehr irre, Jesus von Nazareth der Welt geschenkt hat. Und das mit den Ostjuden verstehe ich nicht ganz, weil mir Ihre Verhältnisse zu fremd sind. Aber auch wir haben genug Ostjuden in Amerika, die sehr bald sich zu Amerikanern entwickeln. Und es dünkt mir, daß junge Leute, die nach Wien kommen, um zu lernen, willkommen sein sollten, von wo auch sie stammen.“
Ralph erhob sich, um seinen Besuch zu beenden. Der Bundeskanzler aber gab das Spiel nicht verloren, obwohl er die Niederlage, die er erlitten, deutlich empfand. Mit gewinnender Herzlichkeit versicherte er:
„Ihr Besuch war mir Gewinn, Ihre Worte geben mir Stoff zum Nachdenken. Ich hoffe zuversichtlich, mit Ihnen recht, recht oft in Berührung zu kommen.“
Ralph O’Flanagan verließ das Kanzlerpalais mit gemischten Empfindungen. Sah sich voll Verpflichtungen und fühlte Gewissensbisse. Hätte er nicht einfach sein Scheckbuch aus der Tasche ziehen und mit einer neunstelligen Ziffer ausfüllen sollen? Was ging es ihn schließlich an, ob ein beschränkter, engstirniger Rektor alberne Politik betrieb? Hauptsache war doch, daß der Universität geholfen wurde. Und das konnte er mit einem Betrag tun, der für ihn kaum ins Gewicht fiel. Im Kopf überschlug der Amerikaner die Höhe seines Jahreseinkommens, multiplizierte es mit siebzigtausend und kam zu einer phantastischen Ziffer. Wenn er das ganze Hotel Imperial mieten, zehn Automobile halten, das Geld mit vollen Händen streuen wollte, so würde er doch nur einen Bruchteil dessen ausgeben können, was ihm sein Vermögen an Zinsen trug. Und auch gegen seinen Willen würden sich die Hunderte von Millionen Dollar, die er besaß, vermehren. Er empfand es aber als ungeheuerliches Unrecht, solche Schätze zu besitzen, wollte sie in Taten umsetzen, in Taten, die vielleicht nicht die ganze Menschheit, wohl aber dieses ruinierte Land beglücken können.
10. Kapitel
Eine sentimentale Melodie.
Der Frost war längst gewichen, die Schneemassen zerflossen, die Straßen der Inneren Stadt waren mit fausthohen Schmutzlachen bedeckt, nervös beobachtete Ralph, wie von den Rädern seines Autos die Passanten in den engen Gassen über und über bespritzt und besudelt wurden.
Er krampfte die Hände in Qual zusammen.
Muß es denn immer sein, daß die einen gar nichts und die anderen alles haben? Und der, der im Wagen fährt, die anderen, die zu Fuß gehen müssen, bedroht, insultiert, befleckt? Oh, daß ich doch ganz Mensch, nur Mensch wäre und den Mut hätte, zu den Armseligen und Bedrückten hinunterzusteigen!
Im Unterbewußtsein empfand Ralph es aber, daß er diesen Opfermut nie haben, immer nur würde von hoher Warte das Leben betrachten können. Er erinnerte sich an den herrlichen Roman „Christian Wahnschaffe“ von Jakob Wassermann, den er in St. Paul mit fiebernden Pulsen gelesen. Damals war es ihm als höchste Glückseligkeit erschienen, zu sein, wie dieser Christian. Jetzt kam es ihm undenkbar vor, sich alles dessen zu entäußern, was ihm Herrenbewußtsein, Unabhängigkeit und – Beglückungsmöglichkeit bot. Aber er würde auch nicht erstarren, sondern Mensch bleiben. Und eine Mission erfüllen. Ob diese, die ihm die letzten Worte seiner Mutter eingegeben, das würde die Zukunft erweisen.
Sehnsucht stieg in ihm auf, Sehnsucht nach einem guten, treuen Menschen, der in ihm nicht den klotzigen Geldsack, sondern den Bruder, Freund, Geliebten sehen würde. Und vor seinen Augen stieg das Bild eines blonden, süßen Mädchenkopfes mit großen Märchenaugen auf.
Kribbelnde Unruhe ließ ihn nicht länger im Auto sitzen. Mitten in der Kärntnerstraße stieg er aus, ging zu Fuß weiter. Es war fünf Uhr, kurz vor Weihnachten, großstädtisches Gedränge füllte die Straße. Aber drinnen in den schönen Geschäften gähnte die Leere, hockte der Pleitegeier auf den Verkaufstischen. Ein schlechteres Weihnachtsgeschäft hatte Wien seit Jahrzehnten nicht erlebt, Juweliere erzählten, daß ihre Tageslosung nicht einmal die Beleuchtungskosten decke, in den Galanteriewarenhandlungen wurde der jeweilige Käufer von zehn Kommis umringt und sogar die Buchhandlungen waren leer.
Ralph erinnerte sich, daß er in diesem Jahr niemand zu beschenken hatte, wie auch ihm niemand eine Freude bereiten würde. Allein und einsam fühlte er sich wie noch nie im Leben, überflüssig, ein Popanz für die Menschen, die an ihm nichts schätzten, als sein Geld.
Versonnen blieb er vor der hellerleuchteten Auslage eines Juweliers stehen. Ein Zigarettenetui, der eine Deckel aus mattem Gold, der andere in Email, in das kleine Diamanten eingestreut waren, fiel ihm in die Augen. Er betrat den Laden, in dem sich nur die Verkäufer aufhielten, ließ sich das Etui vorlegen, fand den Preis von zwanzig Millionen in Dollar umgerechnet niedrig, stellte einen Scheck aus und wollte die Kostbarkeit einstecken. Als er aber das maßlos bestürzte Gesicht des Juweliers sah, lachte er hell auf.
„Richtig, in Wien reimt sich, wie man mir gesagt hat, auf Scheck Schreck! Also lösen Sie ihn erst bei der Bankgesellschaft ein und schicken Sie mir dann das Etui nach dem Hotel Imperial, Zimmer 10 bis 12.“
Der Juwelier entschuldigte sich verlegen, erzählte von mehreren Fällen, in denen Geschäftsleute durch unwertige Schecks um große Summen betrogen worden waren, und kam dann auf den schlechten Geschäftsgang zu sprechen.
„Die Weltparität, die wir erreicht haben, die Unbeweglichkeit der Krone, der Tiefstand an der Börse vereinigen sich, um uns Geschäftsleute zugrunde zu richten. An jedem Monatsersten haben wir die Luxussteuer abzuführen, enorme Gehälter auszuzahlen, Millionen für Strom zu entrichten. Wenn es so weiter geht, werden wir unsere Lager mit Verlust verkaufen müssen oder aber zusperren und unsere Kapitalien aufzehren.“
Ralph zuckte die Achseln. „Es scheint mir, als wenn sich Wien, verlockt durch die gute Konjunktur der letzten Jahre, übernommen hätte. Wie kann die Hauptstadt eines niedergerungenen kleinen Landes solchen Warenluxus vertragen, wie man ihn allenthalben hier sieht?“
„Ja wir haben eben alle mit den Fremden gerechnet, die in hellen Scharen nach Wien zu kommen pflegten, und nun, wo sie nicht mehr kommen, stehen wir mit unserem Luxus da und können ihn nicht los werden. Wenn nur die Fremden wieder kämen!“
„Warum sollten sie?“ fragte Ralph lächelnd. „In Amerika, England, sogar Südamerika sind die Zeiten schlecht, man spart dort und geht nur ins Ausland, wenn man dabei Geld profitieren kann. Das scheint mir in Wien kaum noch möglich zu sein. Späterhin aber, wenn es im Westen wieder besser geht, wird Wien sich bemühen müssen, durch erlesene Attraktionen, Festspiele, Sportturniere, Kongresse, Ausstellungen, die Fremden anzulocken.“
Ralph stand nun am Ring, querte die Straße und überlegte, ob er nicht endlich die urwienerischeste Spezialität, das Kaffeehaus, kennenlernen sollte, als ein an sich kleiner Zwischenfall eintrat, der für ihn von Bedeutung wurde. Eine alte Frau wollte einen Straßenbahnwagen, der sich eben in Bewegung gesetzt hatte, besteigen, stürzte dabei, wurde mitgezerrt, bis sie im Straßenkot, aus mehreren Wunden blutend, ohnmächtig liegen blieb.
Bevor noch Ralph hilfsbereit zur Stelle war, kniete eine weibliche Person im Schmutz neben der Alten und versuchte sie aufzurichten. Aber schon hatte sich Ralph über die Verunglückte gebeugt, nahm sie in die Arme und trug sie, nun von einer ganzen Menschenmenge begleitet, über die Reitallee in das nächstgelegene Haustor. Das Mädchen, das zuerst geholfen hatte, ging mit und trug die Handtasche der alten Frau. Jetzt war auch ein Polizist zur Stelle, einer der Umstehenden lief ins Café Bristol, um die Rettungsgesellschaft zu avisieren, Ralph flüsterte dem Polizeimann seinen Namen und die Adresse zu, mit der Bitte, ihn von dem Befinden der Frau verständigen zu lassen, da er bereit sei, für die Herstellungskosten aufzukommen.
Nun erst hatte er Gelegenheit, sich dem weiblichen Wesen zuzuwenden, das erste Hilfe geboten hatte. Das Blut schoß ihm ins Gesicht, sein Herzschlag setzte aus, fassungslos, erschreckt und beglückt stand er dem blonden Mädchen mit den grauen Augen gegenüber, das er seit Tagen vergeblich gesucht hatte.
Auch das Mädchen erkannte ihn wohl auf den ersten Blick, es errötete, ein anmutiges Lächeln blitzte auf, aber mit einem „Ich danke, mein Herr“ wandte es sich rasch ab.
Ralph, der noch nie ein Mädchen auf der Straße angesprochen, nahm seinen ganzen Mut zusammen und sagte mit heiserer, gepreßter Stimme:
„Nein, mein Fräulein, so können Sie nicht gehen! Sie sind über und über mit Schraßenschmutz bedeckt, ihre Handschuhe sind blutig. Wenn Sie gestatten, werde ich einen Wagen nehmen. Schließlich – wir kennen uns ja schon!“
Das junge Mädchen blickte ihn voll an. Und aus seinem Gesicht strömte so viel Güte und Zärtlichkeit zu ihr über, daß ihre Augen dunkel wurden und sie leise, mit zitternden Lippen, erwiderte:
„Jawohl, wir haben uns wie im Fluge begegnet. Wenn Sie wirklich so gütig sein wollen und einen Wagen. besorgen – ich kann tatsächlich so nicht mit der Elektrischen weiter fahren.“
Plötzlich bemerkten beide, wie Leben in die Menschenmenge kam, die sich vor dem Haustor, unter dem die Verunglückte lag, angesammelt hatte. Rufe wurden laut, der Polizeimann erschien verstört auf der Straße, sah Ralph und rief ihm zu:
„Der Frau ist nicht mehr zu helfen, sie ist tot! Schädelbruch!“
Ralph konnte nicht einmal seinem Entsetzen Ausdruck geben, denn das Mädchen an seiner Seite wurde totenbleich und fing zu schwanken an. Willenlos ließ sie es geschehen, daß Ralph den Arm um ihre Schulter legte und sie rasch mit sich nach dem Café Bristol führte, um sie dort im Hintergrund auf einen Stuhl gleiten zu lassen. Schon war sie zu sich gekommen und als sie das Gläschen Kognak, das Ralph ihr an die Lippen führte, ausgetrunken hatte, kam wieder rosige Farbe in ihre Wangen.
„Dummes Mädel“, schalt sie sich selbst, „gleich schwach zu werden und noch dazu auf der Straße! Aber ich habe noch nie einen Toten gesehen und es berührte mich so seltsam – – Sie werden sich aber für dieses Abenteuer bedanken, mein Herr!“
„Jawohl, das werde ich“, sagte Ralph ernst, „von ganzem Herzen danke ich dem Schicksal, das Sie zu mir geführt hat. Wenn auch der Weg weniger schauerlich hätte sein dürfen. Sie müssen wissen, mein Fräulein, daß ich seit damals, da Sie in der Straßenbahn an mir vorbeifuhren, Sie jeden Tag stundenlang gesucht habe.“
Das Mädchen senkte den Kopf.
„Seltsam, auch ich habe immer am Schottentor mich umgesehen und geahnt, daß ich Sie nochmals sehen würde.“
Und beide schwiegen, weil sie so sehr von dem Augenblick erfaßt waren, daß sie keine Worte finden konnten.
Bis der Amerikaner es an der Zeit fand, sich vorzustellen. Aber schon schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: Um Himmelswillen, sie soll nicht erfahren, wer ich bin, noch nicht, sie darf nicht verwirrt werden dadurch, daß sie ein goldstrotzendes Monstrum vor sich hat, nicht einen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern eine lebende Schatzkammer, die man mit Hohn und Wut, mit geifernder Ehrfurcht und mit ätzendem Haß den „reichsten Mann der Welt“ nennt.
„Patrick Ralph“, murmelte er leise, worauf ihm eine weiße, schmale Hand mit spitzen Fingern und rosigen Nägeln entgegengestreckt wurde:
„Ich heiße Hilde Wehningen.“
11. Kapitel
Lazlo Bartos.
Als Ralph später mit dem jungen Mädchen ein Autotaxi bestieg und dem Chauffeur als Adresse die Kreuzgasse Nummer 73 nannte, beachtete er den hageren Herrn mit rötlichem Haar und scharfer Nase durchaus nicht, der jetzt dicht neben dem Wagen stand und tat, als wäre er intensiv beschäftigt, seinen Zigarettenstummel in Brand zu setzen. Wie er auch nicht wußte, daß dieser Mann ihm schon von der Herrengasse aus in einem Autotaxi gefolgt, dann hinter ihm her durch die Kärntnerstraße gegangen war und im Café Bristol am Nebentisch gesessen hatte.
Dieser Mann war nun Lazlo Bartos, seinem Beruf nach Privatdedektiv, der sich in eingeweihten Kreisen seiner besonderen Geschicklichkeit halber großer Beliebtheit erfreute. Nachdem Generaldirektor Klopfer-Hart vor einigen Tagen seinen Beamten Heinrich Lank beauftragt hatte, mit dem Amerikaner in Fühlung zu treten, kam ihm der Einfall, daß es eigentlich ganz ratsam wäre, Ralph O’Flanagan unter Beobachtung zu stellen. Er rief das Dedektivbureau „Luna“ an und erteilte dem Inhaber, Herrn Lazlo Bartos, den Auftrag, bis auf Widerruf O’Flanagan zu beobachten und ihm täglich schriftlichen Bericht zu erstatten. „Aber bitte, diese sehr heikle und diskrete Aufgabe selbst zu besorgen und nicht etwa einem Ihrer Leute zu übergeben.“
Der Zufall fügte es, daß am Vormittag des Tages, an dem Ralph dem Bundeskanzler seinen Besuch machte, dieser vom Polizeipräsidium die Verständigung erhielt, daß für die Staatspolizei keinerlei Ursache bestehe, den zugereisten Ralph O’Flanagan, dessen amerikanischer Reisepaß nicht nur in voller Ordnung sei, sondern auch einen empfehlenden Vermerk für alle amerikanischen Legationen enthalte, weiterhin zu beobachten.
„Falls also Exzellenz nicht besondere Gründe für eine weitere Observanz haben, wird eine solche unterbleiben, um so mehr, als der auch bei uns eingesetzte Beamtenabbau das Polizeipräsidium zur äußersten Ökonomie zwingt!“
Der Bundeskanzler ärgerte sich, wußte aber, daß er gegen die außerordentliche Korrektheit und Pflichttreue des Polizeipräsidenten nichts ausrichten konnte und verzichtete auf staatspolizeiliche Observanz. Hingegen erteilte er einen solchen Auftrag dem Lazlo Bartos, der ihm schon, als er nur Parteiführer gewesen, wiederholt gute Dienste durch Beobachtung politischer Gegner geleistet hatte.
So erhielt denn Lazlo Bartos einen gleichlautenden Auftrag von zwei hervorragenden Seiten, hütete sich aber, dies seinen Mandataren mitzuteilen, da er ja sonst nicht von beiden Seiten die sehr erheblichen Honorare und Spesen hätte einziehen können. Um was es sich eigentlich handelte, bekam er rasch heraus.
Lazlo Bartos hatte eine reichlich bewegte Vergangenheit hinter sich. Er war ungarischer Honved-Offizier gewesen, hatte Schulden und schmutziger Weiberaffären halber quittieren müssen, trieb sich jahrelang in Nord- und Südamerika herum, kam vor dem Weltkrieg zurück, erhielt, als er einrückte, die Offizierscharge gnadenhalber wieder verliehen, wurde seiner reichen Sprachkenntnisse wegen dem Nachrichtendienst zugeteilt und verstand es, so wichtig zu tun und durch fleißige Angeberei so oft arme Teufel von Popen und ruthenischen Intellektuellen an den Galgen zu bringen, daß er rasch zum Hauptmann avancierte.
Als der Umsturz kam, stellte Bartos sich dem Grafen Karolyi zur Verfügung, trat dann in den Dienst der Räteregierung, schlug sich aber nach dem neuerlichen Umsturz mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit auf die Seite des weißen Terrors, denunzierte Hunderte von Kommunisten, schloß sich den „Erwachenden Ungarn“ an und wäre wahrscheinlich noch Minister geworden, wenn nicht eine kühne Interpellation im ungarischen Abgeordnetenhaus seine Vergangenheit und sein Treiben so rücksichtslos enthüllt hätte, daß er rettungslos kompromittiert war. Er verstand den Wink von oben, ließ sich eine entsprechende Abfertigung geben und übersiedelte nach Wien, wo er sich als Privatdedektiv etablierte. Jetzt arbeitete er erst recht, wenn auch inoffiziell, im Dienste der ungarischen Regierung und ihrer Wiener Gesandtschaft, bespitzelte die Emigranten, zerstörte mehr als eine Existenz, benahm sich aber dabei so vorsichtig und geschickt, daß sein Name nicht an die Öffentlichkeit drang. Außerdem erhielt er durch vorsichtige und diskrete Vermittlung der ungarischen Gesandtschaft eine reiche Klientel unter den Wiener Finanzgrößen, die oft genug alles Interesse hatte, die Verbindungen dieses oder jenes Spekulanten, Haussiers oder Kontermineurs zu erfahren. In der letzten Zeit hatte er auch mühelos Zutritt zu christlichsozialen Parteigrößen gefunden, und so kam es, daß sich nun seiner der Bundeskanzler bediente.
Bartos ließ das Autotaxi mit Ralph und dem jungen Mädchen ruhig nach Währing fahren, vergrub seine Hände in die Taschen des eleganten Stadtsportpelzes und überlegte.
Dieser junge Schwärmer, sagte er sich, namens Ralph O’Flanagan, der sich soeben dem blonden Mädel unter dem unvollkommenen Namen Patrick Ralph vorgestellt hat, will hier in Wien so eine Art Harun al Raschid spielen. Sanieren, helfen, retten, was weiß ich, jedenfalls aber mit vielen Millionen herausrücken. Sein Diener, das schwarze Biest, hat ihm den Spaß zum Teil verdorben, aber immerhin – man wird ihn nicht verhindern können, diesem verfluchten deutschen Bettlerpack, diesem verkommenen und verschlafenen Wien, diesem elenden Judenstaat, in dem es von roten Emigrantenhunden wimmelt, die mir nur zu gerne das Genick umdrehen würden, mit so viel Millionen Dollars beizuspringen, daß sie schließlich wieder arrogant und frech werden. Na, was ich tun kann, um das zu verhüten, soll geschehen.
Bartos schlenderte gemächlich nach der Herrengasse, bog in die Bankgasse ein und verschwand in dem Palais der ungarischen Gesandtschaft. Dort hatte er mit einem hohen Herrn eine mehr als einstündige Unterredung, deren Verlauf ihn vollständig befriedigte.
Nun hatte er drei höchst zahlungsfähige Klienten, in deren Auftrag er die Wege und Absichten Ralphs verfolgen sollte. Und er wahr fest entschlossen, in den Dienst der ersten beiden nur seine Beine, in den Dienst des Dritten aber seinen Kopf und sein ganzes, mit Haß gegen alles, was deutsch ist, erfülltes Gehirn zu stellen.
12. Kapitel
Ein Nachmittags-Tee.
Tee bei Generaldirektor Klopfer-Hart. Ralph O’Flanagan, der ein wenig befangen die Villa in Döbling betrat, wurde von dem Hausherrn schon erwartet, etwas überlaut begrüßt, und er empfand es deutlich, daß alle Damen und Herren ihn gespannt und neugierig musterten. Die Gattin des Generaldirektors, eine nette alte Dame, führte ihn von einem der kleinen Tischchen, von einem Zimmer in das andere und stellte vor. Ralph wäre am liebsten mit einem hellen Lachen herausgeplatzt. Jeder zweite, dem er vorgestellt wurde, war ein Direktor, Generaldirektor, Präsident oder Konsul. Und die Namen Schellfisch, Feiner, Gottlieb Gnaus, Richard Ola, Horatius Sandau schwirrten ihm um die Ohren, betäubten ihn beinahe. Die meisten begnügten sich mit stummem, aber betont kräftigem Händedruck, manche waren taktlos, sagten „Ah, der berühmte Amerikaner“ oder „Ich habe ja von Ihnen schon gelesen“
Die unwahrscheinlichsten Physiognomien tauchten vor Ralph auf. Männer mit wasserblauen, verschlafenen Augen und abstehenden Ohren, Herren mit Umlegebart, Beaus mit Spitzbart, Glattrasierte mit Monokel, die gerne urenglisch ausgesehen hätten, und ein gewaltiger, dicker Koloß, bei dem das Monokel wie ein Fettauge auf einer Suppe aussah, ein Herr Berger, mimte den jovialen Lebemann.
Dicke, tiefdekolletierte Damen von orientalischem Typ wechselten mit hektischen Blondinen, alle Farbennuancen, alle Arten von Schminke waren vertreten und Ralph dachte unwillkürlich, daß mit einem Teil der Perlenkolliers, die in zwei und drei Reihen die Hälse und Busen schmückten, zumindestens der Wiener Universität auf einige Jahre geholfen wäre.
Brennende Blicke folgten ihm, er fühlte, wie diese Rotblondine und dort eine Schlanke mit tiefschwarzem Haar ihn mit ermunternden, fast dreisten Augen musterten, er empfand das alles fremd, unamerikanisch, aus einer anderen Welt, begann sich unbehaglich zu fühlen und wäre gerne in irgend einen Winkel geflüchtet. Aber das ging nicht, denn immer wieder stand der alte Generaldirektor mit dem assyrischen Bart neben ihm, immer wieder tauchte ein neuer Kommerzialrat, Direktor oder Präsident auf, den es „riesig freute“, seine Bekanntschaft zu machen.
Bis plötzlich ein schlanker, noch junger Mann mit Künstlermähne, das Monokel wie eingewachsen, auf ihn und den Hausherrn zutrat und mit der Stimme eines norddeutschen Schauspielers, die aber urplötzlich in jüdischen Jargon umschlug, ausrief:
„Lieber Herr Generaldirektor, überlassen Sie jetzt den geehrten Epigonen sämtlicher Rockefellers, Vanderbilts und Astors mir. Ich sehe genau, wie er, je mehr Kommerzialräte sie ihm vorführen, desto verzweifelter wird. Ich werde den Menageriewärter machen, der ihm den ganzen zoologischen Garten erklärt.“
Verblüfft, aber auch belustigt, wandte sich Ralph dem entschieden nervösen Herrn zu, der von Zeit zu Zeit mit der Stimme gluckste und einen „Hupp“-artigen Ton von sich gab, während der Hausherr, seinen Ärger verbergend, lachend sagte:
„Das ist Herr Felix Korn, hochbegabter Schriftsteller, aber etwas exzentrisch. Herr Korn ist ein glänzender Rezitator und wird sicher später die Freundlichkeit haben –“
Korn unterbrach:
„Womit nämlich der Herr Generaldirektor andeuten will, daß ich nix so vollwertig bin wie die übrigen Gäste, sondern so gewissermaßen ein Spaßmacher, den man einlädt, erstens, um den Gästen die Langweile zu vertreiben, zweitens, weil er einem ohnedies Geld schuldig ist, das man nie zurückbekommen wird.“
Und schon hatte er den Arm des Amerikaners ergriffen und ihn fortgezogen.
„Ich seh’ Ihnen an, daß Ihnen mies ist. Wenn Sie nicht wissen, was mies ist, so gehören Sie schon gar nicht in die Gesellschaft. Überhaupt, wenn Sie sich hier festsetzen, wird Sie das viel Geld kosten, halten Sie sich lieber an mich, ich bin bescheiden, nehm’ auch fünf Dollar und laß mich zum bescheidensten Nachtessen bei Sacher einladen. Jetzt werde ich Ihnen die Leute erklären, verehrter Herr Krösus. Also die Hälfte von den Leuten hat vor dem Krieg noch nicht Brot auf Hosen gehabt, jetzt haben alle eine Milliarde, was sag’ ich, fünf, zehn, zwanzig Milliarden. Da ist ein Kommerzialrat, der früher mit Olmützer Quargel en gros gehandelt und eine Wurst aus Löschpapier, mit Streusand gefüllt, erfunden hat. Jetzt besitzt er ein Auto. Da ist einer, der ist so blöd, daß man glauben sollt’, er kann sich mit dem Verstand allein nicht ein Paar Schuh’ verdienen. Er hat auch ein Auto. Da ist der Ola, Bankier, hervorragender Alpinist, das heißt, er hat heftig an Alpine verdient, außerdem schreibt er, wozu weiß niemand, schlechte Burgtheaterkritiken, das heißt, jetzt hat er das Blattl verkauft, also wird er sie inserieren müssen. Daß der Conrad von Hötzendorf und der Kaiser Wilhelm Memoiren geschrieben haben, ließ ihn nicht ruhen, er hat jetzt seine Denkwürdigkeiten als Buch im eigenen Verlag herausgegeben. Das Buch ist aber weniger expressionistisch als exhibitionistisch, alles kommt drin vor, wer ihm Geld schuldig ist und welche Mehlspeis’ er am liebsten ißt und wann er mit der Erotik begonnen hat.
Da, der Dicke mit der weißen Weste, ist der Holz von Holzingen, ein begeisterter Monarchist, weil er jetzt sich nur mehr Holz nennen darf. Im Hauptberuf Inseratenagent, aber er macht auch alle anderen Geschäfte.
Hier diese schöne Frau, die Christine von Audorf, das heißt, eigentlich heißt sie Pollak, aber sie nennt sich gerne mit dem adeligen Scheidungsnamen. Also, die ist großartig! Neulich hat sie gesagt: „Mein Mann darf mir nicht nach Hause kommen, wenn er nicht in der Woche eine Milliarde verdient hat.“
Korn hatte seiner Rede Fluß zu wiederholten Malen mit einem „Hupp“ unterbrochen, aber nun machte Ralph „Uff!“ und sagte:
„Halt, geben Sie mir eine Atempause, damit ich alle diese Bosheiten verdauen kann.“
Korn ließ sich nicht stören. Er stopfte ein Sandwich nach dem anderen in sich hinein und fuhr fort, die Gäste in grausam-boshafter Weise zu karikieren.
Inzwischen hatte der Generaldirektor Klopfer-Hart eine kurze Unterredung mit seinem neuen Privatsekretär, Herrn Heinrich Lank, gehabt, und dieser eine längere Unterredung mit einer bildschönen, ganz in schwarze Seide gekleideten jungen Frau, deren mahagonibraune Haare in prachtvollem Kontrast zu den schneeweißen Schultern, den nackten Armen und der fast unverhüllten Büste standen. Lank beugte sich nochmals über Frau Hedi Günzel, die Gattin eines Wiener Rechtsanwaltes, und flüsterte ihr zu:
„Also, Frau Hedi, klug sein! Sie schwärmen, wie man weiß, für Perlen. Dieser Amerikaner wird Ihnen, wenn Sie wollen, alle Perlen von Wien zusammenkaufen. Und außerdem lassen auch wir uns nicht lumpen. Sie attachieren sich ihn und animieren ihn von Zeit zu Zeit zur Beteiligung an einem Unternehmen der Bankgesellschaft. Zu welchem, werden Sie schon jedesmal rechtzeitig erfahren.“
Frau Hedi blähte die feinen Nasenflügel auf und sagte mit halbgeschlossenen Augen:
„Er könnte mir auch gefallen, wenn er nicht so reich wäre. Um so besser also – bringen Sie ihn her.“
Schon eiste Herr Lank den Amerikaner von dem Schriftsteller los, um ihn der schönen Frau vorzustellen.
„Erzählen Sie mir von Ihrer Heimat, Mister O’Flanagan, ist es wahr, daß es in Amerika so viele schöne Frauen gibt?“
Ralph nahm den sinnlichen Zauber dieser Frau in sich auf und sagte lächelnd:
„Ja, man sieht in den amerikanischen Städten wohl mehr schöne Frauen als hier in Wien. Aber die meisten sind Bilder ohne Gnade oder tun wenigstens so. Ich sehe hier mehr Sinnesfreude, glaube, daß die Wienerinnen sich und ihre Gefühle nicht so ängstlich verbergen, mehr des Wertes der reinen Weiblichkeit bewußt sind.“
Frau Hedi lachte girrend auf.
„Sie beobachten gut. Und bald werden Sie reiche Erfahrungen sammeln können. Die Wienerinnen werden Ihnen nicht allzu spröde entgegenkommen, man weiß hier sehr wohl echte unverbrauchte Männlichkeit zu schätzen. Sehen Sie, wenn ich noch Mädchen wäre, würde ich mich wahrscheinlich in Sie verschießen. So wie Sie war mein Backfischideal.“
Verlegen, über diese unvermittelte Attacke fast erschrocken, erwiderte Ralph:
„Nun, Sie werden doch bei der Wahl des Gatten von Ihrem Ideal nicht allzu weit abgewichen sein.“
Frau Hedi lachte hart auf und machte eine wegwerfende Bewegung.
„Was hat der Gatte mit dem Ideal zu tun? Dort steht mein Mann, sieht so ein Mädchenideal aus?“
Und sie wies auf ein dürres Männchen mit Glatze und gewölbtem Rücken.
„Warum ich ihn geheiratet habe? Mein Gott, Mama und Papa haben gemeint, er sei eine gute Partie und schließlich – ich war aufgeklärt genug, um zu wissen, daß heutzutage die Ehe nur eine gesellschaftliche Form ist, um der Frau mehr Freiheit zu geben. Aber das ist kein Jourgespräch! Bitte, besuchen Sie mich doch an einem Nachmittag. Oder noch besser, wir treffen uns zunächst ganz zwanglos nachmittags im Tabarin oder beim Five-o’clock im Bristol. Rufen Sie mich vorher an. Ich bin überzeugt davon, daß wir gute Freunde werden können.“
Vor Ralph tauchte ein feines, süßes Mädelgesicht mit lustigen, guten Kinderaugen auf, aber er war jung, lebenshungrig, die Frau reizte seine Sinne und er nahm gut gelaunt die Einladung an.
Man sammelte sich im Salon. Anton Korn wurde dringend aufgefordert, etwas vorzutragen, und er tat dies mit meisterhafter Charakterisierung. Ralph verstand nur wenig davon, weil er die persiflierten Personen nicht kannte, aber er fühlte, wie hier ein großes, geistvolles Talent sich in kleiner Münze verausgabte. Und schon wurde er von dem Hausherrn in einen Kreis von Herren gezogen, die die Wiener Bank- und Finanzwelt repräsentierten. Das Gespräch drehte sich sofort um die mitteleuropäischen Probleme, die neue Notenbank, die Frage, ob Amerika ernstlich zugunsten des von den Franzosen schikanierten Deutschlands Schritte tun werde, immer wieder aber flog das Wort „Sanierung Österreichs“ auf und Generaldirektor Klopfer-Hart richtete direkt die Frage an Ralph, ob und wie er sich eine gründliche Regenerierung Österreichs vorstelle, worauf tiefe Stille eintrat und alles gespannt auf die Antwort wartete.
Ralph hatte das Empfinden, äußerst vorsichtig sein zu müssen, fühlte, wie ihm Fußangeln gelegt waren, und sagte bedächtig:
„Meine Herren, ich kenne dieses Land nur vom Gesichtswinkel einer gütigen Frau, die Wien über alles liebte. Aber die ökonomischen Bedingungen sind mir fremd, wie mir auch die äußersten Entwicklungsmöglichkeiten und alles das unbekannt ist, was eigentlich Österreich in den vergangenen vier Jahren verhindert hat, auch nur einen bescheidenen Versuch zum Aufstieg zu machen.
Immerhin – prinzipiell stehe ich auf dem Standpunkt, daß es sich bei Österreich nicht um sogenannte Aktionen handelt, nicht um die gewaltsame Unterbrechung eines naturgemäßen Prozesses, sondern um tiefschürfenden Wiederaufbau.“
„Wie soll der aber möglich sein?“ rief ein nationalökonomischer Schriftsteller mit schwarzem Hängebart, „wenn dieses Land fast all seiner natürlichen Schätze beraubt ist, alle Rohstoffe einführen soll und nicht genug Werte erzeugen kann, um mit Ware zu bezahlen.“
„Hat Dänemark Holz, Eisen, Erze, Öl? Ist die Schweiz nicht ganz und gar auf den Import aller Rohprodukte angewiesen? Und gehen etwa diese Länder zugrunde? Ich bin kein Nationalökonom, aber ich denke, daß jeder eingeführte Rohstoff sich an Wert verzehnfacht, wenn er als Fertigfabrikat wieder ausgeführt wird. Man muß in Österreich neue Industrien schaffen, muß Uhrenfabriken, Schreibmaschinenfabriken, Glashütten errichten. Die Errichtung solcher Fabriken modernster und größter Art würde die Arbeitslosigkeit beheben, späterhin der Export die Handelsbilanz regulieren. Vielleicht, ich weiß es noch nicht, daß ich mich entschließen würde, für solche Zwecke Kredit einzuräumen.“
Die anwesenden Bankleute sahen einander verständnisvoll an. Nun eröffneten sich allerlei Möglichkeiten. Neue mächtige Aktiengesellschaften, Konsortien, Truste schwebten ihnen vor, fundiert mit amerikanischem Geld. Und neue Verwaltungsrats-, Generaldirektoren-, Direktoren- und Präsidentenstellen.
Ein deutschnationaler Abgeordneter warf skeptisch ein:
„Sie übersehen, daß man bei uns nicht arbeiten will; Achtstundentag, Betriebsräte, Feiertage, Überstunden, Lohnforderungen – das ja, aber arbeiten? Keine Spur!“
Ralph sah den Herrn, dessen weinrotes Näslein und feistes Fettbäuchlein durchaus nicht den Hang zu übermäßiger Arbeit verrieten, groß an.
„Ich muß Ihre Landsleute vor Ihnen in Schutz nehmen. Sie sind ganz sicher nicht fauler als alle anderen Menschen. Wenn ihre Arbeitslust heute nicht groß ist, so muß das tiefinnere, mit dem Krieg und seinen Folgen verknüpfte Ursachen haben. Arbeit muß sich in Zufriedenheit umsetzen. Wer schwer arbeitet, hat das Recht auf ein behagliches Heim, auf kräftige Nahrung, auf ein bescheidenes Maß an Lebensfreude und Zerstreuung. Wer aber sieht, daß sein Schweiß ihm höchstens das nackte, kümmerliche Leben ermöglicht, der vergießt eben so wenig Schweiß wie möglich. Übrigens möchte ich einen oft geäußerten Ausspruch meiner Mutter anführen. Sie, die ihr Hausgesinde jahrzehntelang zu behalten pflegte, sagte: ‚Wenn eine Frau immer klagt, daß die Dienstboten nichts taugen, so habe ich die Gewißheit, daß sie selbst nichts taugt.‘ An dem Achtstundentag sollte aber nicht gerüttelt werden. Er ist einer der schönsten Errungenschaften unserer Zeit.“
Ralph hatte sich warm geredet und war froh, als durch das Hinzutreten einiger Damen das Gespräch unterbrochen wurde. Eine junge Frau mit Zwicker und zwei Doktoraten sagte:
Mister O’Flanagan, Sie müssen einen schönen Begriff von Österreich bekommen haben, als Sie von dem Krematoriumskandal erfuhren. Wir nennen uns Republik und hören dabei nicht auf, das Selbstbestimmungsrecht der Menschen zu drosseln und klerikaler zu sein als je zuvor.“
Zustimmende Rufe wurden laut. „Blödheit sondergleichen!“ „Was geht es die Regierung an, ob sich jemand begraben oder verbrennen lassen will?“ „Übergriffe dieses Schmitz.“
Ralph lächelte.
„Meine Meinung von Österreich kann durch solche Dinge nicht beeinflußt werden. Aber ich muß schon sagen, daß ich selten von einem infameren, boshafteren Streich gehört habe, als ihn da dieser Minister verüben will. Bei uns drüben würde ihn die öffentliche Entrüstung wegfegen. Ich hoffe, daß die Wiener Gemeindevertretung nackensteif bleibt und über die Dummheit eines Menschen, der vergißt, daß er Minister und nicht Wirtshauspolitiker ist, zur Tagesordnung übergeht. Allerdings als Symptom erscheint mir die Sache recht bedenklich. Wie soll ein Land in die Höhe kommen, wenn bei allen Entschließungen nur gewissenlose Parteidemagogik, Berufspolitik, Angst vor den Wählern entscheidend sind? Parteipolitik dürfte es in Österreich überhaupt nicht geben, sondern nur gemeinsam betriebene Realpolitik.“
Die schöne Frau mit den mahagonibraunen Haaren und dem nebensächlichen Gatten rückte einen Stuhl ganz dicht an Ralph, berührte scheinbar unabsichtlich sein Knie und sagte schmollend:
„Immer diese ekle Politik? Erzählen Sie uns lieber, ob es drüben mit dem Flirt wirklich so arg ist?“
„Genau wie hier“, rief Korn und warf eine Haarsträhne aus der Stirne zurück. „Nur habe ich mir sagen lassen, daß man in Amerika lieber unter vier Augen flirtet, und der Flirt dort Selbstzweck ist, während in Wien der Flirt öffentlich betrieben wird und man von ihm leichter zu greifbareren Taten übergeht.“
Eine üppige Brünette kreischte auf.
„Ach Sie! Für Sie gibt es doch längst kein harmloses Flirten mehr. Sachen erzählt man sich von Ihnen, Sachen!“
Ralph, dem dieser Ton ungewohnt war, fürchtete, daß die brünette Dame die „Sachen“ im Detail preisgeben würde, und stand auf, um sich zu empfehlen. Einladungen prasselten auf ihn nieder, er sah sich mit einem Ruck in den Strudel des Wiener Lebens gezogen und hatte sich schon so weit akklimatisiert, daß er der Frau Günzel die Hand küßte. Worauf sie ihm zuflüsterte:
„Wenn es Ihnen paßt, so übermorgen nachmittags bei Tommasoni. Dort ist man ziemlich ungestört. Rufen Sie mich aber vorher an!“
Generaldirektor Klopfer-Hart begleitete ihn bis zur Garderobe.
„Darf ich Sie bitten, mich nächstens in der Bankgesellschaft aufzusuchen? Ich werde Ihnen Pläne vorlegen, aus denen Sie ersehen können, daß wir gemeinsame Ideen haben. Mir schwebt längst –“
Schon hatte sich Direktor Beiner von der Harmoniebank herangedrängt:
„Bitte, darf ich Sie in Ihrem Hotel besuchen? Ich habe weitausgreifende Industrialisierungspläne, die Ihnen sicher –“
Herr Gottlieb Gnaus schüttelte dem Amerikaner kräftig die Hand.
„Würde mich freuen, wenn wir morgen bei Sacher das Dejeuner zusammen nehmen könnten. Zwischen Suppe und Braten würde ich Ihnen eine Idee vorlegen, die – –“
Felix Korn erschien als rettender Engel.
„Kommen Sie, Herr Vandergold, sonst haben Sie bis übermorgen dreitausend Fabriken und nicht einen Heller Geld. Das paßt mir aber nicht. Ich setze große Hoffnungen auf Sie!“
Lachend zog Ralph mit ihm ab, der Hausherr flüsterte aber seinem Sohn, der auch schon Bankdirektor war, ärgerlich zu:
„Dieser Bajazzo, der Korn, betritt mein Haus nicht mehr.“
Und Frau Günzel sagte ihrer besten Freundin, Lili Smeral, einem Mädchen mit blassen Farben, hysterischen Augen und gierigem Mund:
„Du, der Amerikaner ist das leibhaftige Ideal eines Mannes: Muskeln, Geist und Geld.“
Lili seufzte und preßte den Arm der schönen Frau mild an sich:
„Jetzt wirst du mich wieder vernachlässigen! Aber du mußt mir wenigstens immer alles erzählen!“
13. Kapitel
Hilde.
„Grüß Gott, Herr Ralph!“
Mit diesen Worten wurde O’Flanagan an der Ecke der Mariahilferstraße und Neubaugasse, wo er schon etliche Minuten gewartet hatte, begrüßt, und er wollte über die Intimität dieser Ansprache sich sehr freuen, als er sich erinnerte, daß das Mädchen den Namen Ralph für seinen Familiennamen halten mußte.
Es war das erste Rendezvous, das ihm Hilde Wehningen gewährt hatte. Als er sie darum gebeten, hatte sie ruhig und selbstsicher gesagt:
„Gerne will ich mit Ihnen eine Plauderstunde verbringen. Mache Sie aber gleich darauf aufmerksam, daß ich, so frei und konventionslos ich mich fühle, doch weder auf einen sogenannten Freund noch auf einen Bräutigam reflektiere. Aufrichtig gesagt: Ich freue mich auf ein Wiedersehen, und es wird nur an Ihnen liegen, mir diese Freude nicht dadurch zu vergällen, daß Sie den Versuch machen, erotische Beziehungen anzubahnen.“
Und nun stand sie schlank, sehr einfach, aber geschmackvoll gekleidet vor ihm, schüttelte ihm kräftig die Hand und wäre dabei niedergefallen, weil ein seltsames Gemisch von Schnee, Regen, Tauwetter und leichtem Frost die Straßen in holperige Eisbahnen verwandelt hatte.
Sie nahm den angebotenen Arm, als aber Ralph einem Auto winken wollte – sein eigenes hatte er wohlweislich zu Hause gelassen – wehrte sie entschieden ab:
„Was fällt Ihnen ein? Neulich schon war es ein arger Leichtsinn von mir, das geduldet zu haben. Bitte, bei diesen unerhörten Preisen! Und dann, wir gehen einfach in irgend ein Kaffeehaus in nächster Nähe.“
Im Café Siller sah Ralph erst recht, wie schön Hilde Wehningen war. Von jener unregelmäßigen Schönheit, die sich schwer photographisch wiedergeben läßt, um so intensiver aber im Leben wirkt. Der Mund vielleicht um eine Nuance zu voll, die Nase aber von klassischer Form und in wohltätigem Gegensatz zu den typischen Wiener Naserln, die Stirn hoch und frei, die kleinen, tadellos geformten Ohren Zeugnis unverdorbener guter Rasse, und Augen von seltener Schönheit und Ausdrucksfähigkeit.
„So, nachdem Sie mich genügend gemustert haben, werde ich Sie ein wenig inquirieren. Wenn man mit jemand gut Freund werden soll, muß man doch wissen, was und wie, weil solche Äußerlichkeiten die unerläßliche Brücke zum gegenseitigen Verständnis bilden. Also sagen Sie mir, welchen Beruf Sie haben, was Sie hier in Wien tun und überhaupt erzählen Sie von sich.“
Ralph errötete und seine Augen flackerten unruhig. Er mußte weiter lügen, wollte um jeden Preis die menschlichen Beziehungen, die sich hier entspannen, nicht stören, indem er die ungeheuere Kluft, die ihn materiell von allen anderen schied, enthüllte.
„Wie ich heiße, wissen Sie ja, Fräulein Wehningen. Beruf? Momentan habe ich eigentlich keinen. Bin Kaufmann, Businessman, wie man bei uns sagt, und will mich ein wenig umsehen, bevor ich mich zu Taten entschließe.“
Dann erzählte er von seiner Mutter, von seinem Elternhaus und seiner halbwienerischen Abstammung.
„Und nun ist die Reihe an mir, mein Fräulein. Wollen Sie mich auch einen Blick in Ihr Leben tun lassen?“
Ein Schatten flog über Hildes Gesicht.
„Da ist nicht viel zu erzählen. Bin zwanzig Jahre alt, ein armes Mädel, das nach einer recht heiteren, sorglosen Kindheit plötzlich in die Zwangslage versetzt wurde, sich selbst und eine dem Leben hilflos gegenüberstehende Mutter zu erhalten. Was gar nicht so leicht ist, wie sich der Herr Amerikaner das vorstellen mag.“
Hildes Vater, Freiherr von Wehningen, war ein wohlhabender steirischer Gutsbesitzer gewesen, der die Torheit begangen, in den ersten Kriegsjahren sein Gut zu verkaufen, um in Wien von seiner ansehnlichen Rente mit Frau und Kind zu leben. Hauptsächlich, um damit einen Lieblingswunsch seiner Gattin, einer geborenen Gräfin Boos, zu erfüllen, die Sehnsucht nach dem großstädtischen und höfischen Leben hatte. Der Umsturz kam, mit ihm die fortschreitende Geldentwertung, das Vermögen wurde zuerst zaghaft, dann immer stürmischer angegriffen. Herr von Wehningen verstand es nicht, rechtzeitig die Flucht vor der Krone zu ergreifen, und vor anderthalb Jahren, gerade als Hilde mit Auszeichnung maturiert hatte, trug Herr Wehningen das letzte Schmuckstück seiner Gattin zum Händler. Kaufte für den Erlös mit ungenügender Deckung Aktien, zu denen ihm geraten worden war, wurde von dem Bankier, als eine unvermutet starke Baisse einsetzte, exekutiert und stand nun sozusagen als Bettler da. Am nächsten Tage wurde er im Badezimmer infolge einer Leuchtgasvergiftung tot aufgefunden. Ob Unfall oder Selbstmord blieb unentschieden.
Frau Wehningen brach unter diesem Schlag vollständig zusammen. Hilde aber ließ sich nicht unterkriegen, gab den Gedanken, Naturwissenschaft zu studieren auf, lernte rasch Buchhaltung und Schreibmaschine und nahm eine Stellung an.
„Heute bin ich die rechte Hand meiner Chefs, der Brüder Krause, und habe eine ganze Million Monatsgehalt. Klingt nach wer weiß was und ist furchtbar wenig.“
Ralph überlief ein gelinder Schauer.
„Ungefähr vierzehn Dollar“, murmelte er. „Merkwürdiges Land, das beim Ausgeben die Weltparität beinahe einhält und beim Bezahlen seiner werktätigen Kräfte sich mit dem sechsten Teil begnügt. Aber um Himmelswillen, wie können Sie damit leben? Und sich so nett kleiden?“
„Garderobe habe ich noch von früher genug, und Mama lernt auf ihre alten Tage wenden, ausbessern und modernisieren. Und sonst – na ja, es geht auch schwer. Wir haben beide glücklicherweise keinen Bärenappetit und sonst muß eben auf alles verzichtet werden. Leider ganz besonders auf die Oper, was mir am meisten leid tut. Übrigens – das Schlimmste kommt wohl noch für mich. Meine Chefs betreiben eine Fabrik elektrotechnischer Artikel. Das Geschäft geht nicht, so tüchtig die beiden Herren auch sind. Zuerst waren wir zwanzig im Bureau, jetzt nur mehr zehn und ich fürchte, daß, wenn Weihnachten vorüber ist, die ganze Herrlichkeit ein Ende nehmen wird.“
„Und dann?“ fragte Ralph erschreckt.
„Dann? Na, drei Monate Gehalt werde ich ja wohl bekommen und was weiter wird, weiß ich nicht. Schließlich, ich bin jung, kann was und im Notfall kriech ich irgendwo als Erzieherin unter.“
Ralph fühlte ein Würgen in der Kehle. Da saß er, der Nabob, war bezaubert von einem klugen, bildhaft schönen Mädchen, das sicher nicht immer satt zu essen hatte, bitterer Not gegenüberstand. Heiser und verlegen sagte er:
„Gnädiges Fräulein, bitte meine Worte nicht mißzuverstehen – aber ich verfüge gerade jetzt über Summen, die ich nicht brauche – wenn ich Ihnen irgendwie dienen –“
Hildes Gesicht versteinte. Jähe Röte wich Marmorblässe.
„Herr Ralph, wenn Sie nicht wollen, daß dieses unser Beisammensein auch das letzte gewesen ist, so dürfen Sie nicht einmal in Gedanken derartiges erwägen. Es hat sich zufällig so gemacht, daß ich mehr aus mir herausging als eigentlich statthaft ist. Lassen Sie mich das nicht bereuen!“
Verschämt stammelte Ralph eine Entschuldigung. Dachte innerlich aber: Wie dumm das ist, daß dieses schmutzige Geld, sein Besitz und Nichtbesitz, das Entscheidende, Peinlichste, Trennendste sein muß. Griff aber den Faden des Gesprächs wieder auf, ließ sich von der Fabrik der Brüder Krause erzählen, die vor einem Jahr noch ein junges zukunftsreiches Unternehmen gewesen und nun vor dem Zusammenbruch stand. Hilde gab in erster Linie dem Mangel an Betriebskapital ihrer Chefs Schuld, erzählte von den drückenden, wucherischen Bedingungen, die die Banken bei jedem Kreditansuchen stellten, und gab ihrer Überzeugung Ausdruck, daß das Unternehmen bei großzügiger Finanzierung nicht nur bestehen bleiben, sondern sich sehr erfolgreich entwickeln könnte.
Ralph verabredete mit Hilde eine neuerliche Zusammenkunft nach Bureauschluß, ließ es sich nicht nehmen, sie mit der Straßenbahn bis zu ihrem Hause in der Kreuzgasse zu begleiten, und beide wußten nicht, daß neben ihnen im Kaffeehaus hinter dem „Martin“ versteckt und dann auch in der Straßenbahn ein Herr gesessen, der mit großer Aufmerksamkeit jedes Wort ihrer Unterhaltung angehört hatte.
Dieser Mann war Lazlo Bartos.
14. Kapitel
Zwei Seelen und ein Gedanke.
Im Bureau des Generaldirektors Klopfer-Hart spielte sich eine erregte Szene ab. Der kleine, feiste Direktor Pfeffer von der Depotbank hatte seinen Kollegen besucht und nach wenigen einleitenden Worten ihm heftige Vorwürfe darüber gemacht, daß er auf den Amerikaner Beschlag legen wolle.
„Ich habe mich erkundigt“, schrie Pfeffer, „der Mann ist so reich, daß er, wenn er will, sämtliche Aktien auf dem Wiener Platz zusammenkaufen kann. Er hat gesagt, daß er Industrien gründen will, und nun haben Sie die Absicht, das Geschäft mit ihm allein zu machen. Ich weiß alles genau, man ist orientiert, man hat beobachtet, wie dieser Herr Lank hinter ihm her ist – das gibt es aber nicht, das darf nicht sein, ein solches Riesengeschäft darf der Bankgesellschaft nicht allein zufallen! Haben Sie eine Ahnung, was dabei herausschaut? Der Flanagan ist ein Narr, dem wird man doch die Dollars aus dem Hintern ziehen können – und das wollen Sie allein machen? Gibt’s nicht! Ich werde intrigieren, ich werde ihn aufklären, lieber soll er wieder zurück nach Amerika fahren, als daß die Depotbank dabei leer ausgeht.“
„Erstens spucken Sie mich nicht so an, sonst muß ich einen Regenschirm aufspannen“, erwiderte gelassen Herr Klopfer-Hart, „zweitens schreien Sie nicht mit mir und drittens kann ich nichts dafür, wenn die Depotbank schläft und sich nicht rechtzeitig die überseeischen Verbindungen gesichert hat. Mister O’Flanagan ist an unsere Bank gewiesen worden, er ist unser Klient, und wenn das Geschäft zustande kommt, werde ich es machen.“
Herr Pfeffer wollte erregt aufspringen, aber Klopfer-Hart drückte ihn sanft auf den Stuhl zurück.
„Ich werde es machen, aber nicht allein. Ich werde ein Bankenkonsortium gründen, in dem Sie einen hervorragenden Platz haben werden. Die anderen werden wir mitnehmen müssen, damit kein Geschrei entsteht, aber in der Hauptsache werden wir uns teilen. Nicht daß ich vor Ihnen und Ihren Drohungen Angst hätte, aber aus Politik nehme ich Sie mit, damit es nicht so aussieht, als ob die Bankgesellschaft profitgierig wäre. Und dem Amerikaner wird es imponieren, wenn ich ihm sagen werde, daß eine solche große Industrieaktion unter Teilnahme aller österreichischen Finanzinstitute geschaffen werden muß. Übrigens ist der Mann gar nicht dumm, im Gegenteil, er ist sogar sehr gescheit. Aber ein Idealist ist er und das hebt den Verstand wieder auf.“
Es wurde nun verabredet, sofort mit Ralph O’Flanagan in Verbindung zu treten. Klopfer-Hart ließ sich mit dem Hotel Imperial verbinden, aber Ralph befand sich eben in der Badewanne, und so mußte Sam vermitteln. Ralph ließ die Herren bitten, ihn um ein Uhr in seinem Appartement zu besuchen und mit ihm dort zu luncheon.
15. Kapitel
Der Spion unter dem Diwan.
Während dieses telephonische Gespräch stattfand, bummelte Lazlo Bartos, sehr vornehm aussehend und in einen übermodernen hellbraunen Sportpelz gehüllt, in der Halle des Hotels auf und ab und tat, als würde er auf jemand warten. Blieb aber immer in der Nähe der Kammer stehen, von der aus die telephonische Verbindung mit den Gästen hergestellt wurde. Hörte, wie Ralph O’Flanagan verlangt wurde und der Beamte mit „Sofort Herr Generaldirektor“ erwiderte. Und dann: „Mister Flanagan ist bei der Toilette im Badezimmer und läßt bitten, seinem Diener zu sagen, um was es sich handelt.“
Das genügte dem Detektiv für weitere Kombinationen und er wartete eine ganze Stunde, bis Sam erschien, folgte ihm unauffällig und hörte, wie der Neger im Hotelbureau ein Diner für drei Personen auf ein Uhr bestellte.
Blitzschnell hatte Bartos seinen Plan gefaßt. Während der Neger noch unten war, schlüpfte er rasch in den Lift, der eben aufwärts fuhr, verließ ihn im zweiten Stockwerk, sagte dem ihm begegnenden Stubenmädchen seelenruhig: „Zu Mister Flanagan“ und blieb dann vor der Türe, die in das Appartement führte, stehen. Einen Augenblick zögerte er, dann klopfte er ganz leise, erhielt keine Antwort und öffnete die Türe, durchschritt den Vorraum, öffnete die nächste Türe, die nach dem Salon führte, und fand diesen leer. O’Flanagan hielt sich also noch im Bade- oder Schlafzimmer auf.
Ein Blick, und Bartos hatte das Bild des Salons in sich aufgenommen. Im Erker stand eine breite Chaiselongue, von einem Teppich ganz bedeckt.
Lautlos sprang er heran, hob den Teppich und kroch unter den Diwan. Nicht gerade bequem, dachte er, aber immerhin zum Aushalten. Der Diwan stand mit der anderen Längsseite gegen die Erkerfenster, so daß Bartos dort den Teppich emporschlagen konnte und Luft bekam.
Lange mußte er nicht warten. Zuerst kam Ralph aus dem Schlafzimmer, setzte sich an den Schreibtisch und las aufmerksam sämtliche Wiener Morgenblätter durch, wobei er hie und da eine Stelle anstrich oder eine Bemerkung in sein Notizbuch machte.
Pünktlich um ein Uhr wurde der große Tisch in der Mitte des Zimmers gedeckt und wenige Minuten später erschienen die beiden Generaldirektoren, von Ralph herzlich, aber doch reserviert begrüßt.
Ralph eröffnete das Gespräch:
„Es ist mir sehr lieb, daß die Herren gekommen sind, weil ich ohnedies vorhatte, Sie, Herr Generaldirektor Klopfer-Hart, zu besuchen. Aus Gründen, die mit der Sache nichts zu tun haben, interessiere ich mich für ein elektrotechnisches Unternehmen der Brüder Krause. Die Fabrik befindet sich im zehnten Wiener Bezirk, das Bureau in der Mariahilferstraße. Die Leute sollen sehr tüchtige, seriöse Menschen sein, ihr Unternehmen gut angelegt und entwicklungsfähig. Sie befinden sich infolge der allgemeinen schlechten Lage und vor allem wegen Mangels an Betriebskapital in mißlichen Umständen, haben den Großteil ihrer Arbeiter schon entlassen und werden, wenn man sie nicht unterstützt, ganz schließen und liquidieren müssen. Ich möchte das verhüten, ohne persönlich dabei hervorzutreten, im Gegenteil, mein Name muß unter allen Umständen geheim bleiben.“
Herr Pfeffer warf ein:
„Kenne die Firma. Hat vor einigen Wochen versucht, von uns Geld zu bekommen. Sehr tüchtige Leute.“
„Darf ich fragen, warum ihnen kein Kredit eingeräumt wurde?“
Klopfer-Hart versuchte vergeblich seinem Kollegen einen gelinden Fußtritt zu geben, er traf nur den Amerikaner, und Herr Pfeffer platzte heraus:
„Ausgeschlossen! Ich werde doch nicht hundert Millionen zu zehn Prozent hergeben, wenn ich auf leichtere Weise das Zwanzigfache verdienen kann!“
Ralph hatte das Empfinden, auf weichen, sumpfigen Boden getreten zu sein, und schroff erwiderte er:
„Nun, ich glaube, daß Banken eigentlich in erster Linie dazu da sind, mit den Kapitalien, die bei ihnen zusammenfließen, produktive Tätigkeit zu unterstützen.“
„Geschieht, geschieht!“ rief Klopfer-Hart, der endlich den Fuß des anderen erwischt hatte. „Geschieht, nur dürfen Sie nicht übersehen, daß wir unsere eigenen großen Industrien alimentieren müssen und Geld knapper ist.“
„Gut, ich will darauf nicht näher eingehen, sondern Sie, Herr Klopfer-Hart, bitten, dem Unternehmen in weitherzigster Weise beizuspringen, das heißt, ihm so viel Kredit zur Verfügung zu stellen, als es brauchte, und zwar mit einer Verzinsung, die der derzeit geltenden entspricht. Ich stelle Ihnen den entsprechenden Betrag zur Verfügung, möchte aber, wie gesagt, daß es so aussieht, als ob die Bank Kreditgeber sei.“
Der Generaldirektor war selbstverständlich bereit. Die Speisen wurden nun aufgetragen, und in den Pausen entwickelten die beiden Bankmänner ein großzügiges Projekt zur Schaffung neuer Industrien, Kreditgewährung zur Anschaffung von Rohmaterialien, Errichtung von neuen Fabriken und so weiter.
„Wir stellen uns das so vor“, sagte Klopfer-Hart, „daß Sie die Kapitalien zur Verfügung stellen, die Wiener Großbanken aber in ihrer Gesamtheit eine Interessengemeinschaft konstituieren, das Kapital verwalten und das ganze Unternehmen leiten.“
„Wie denken Sie über die Höhe des erforderlichen Kapitals?“
Einen Augenblick Totenstille, dann kam von beiden Herren gleichzeitig die Antwort:
„Dreißig Millionen Dollar – das wird genügen, um Gewaltiges zu schaffen.“
Ralph hatte schon umgerechnet.
„Das wären rund zweitausendeinhundert Milliarden in österreichischen Kronen?“
„Jawohl, aber es wird weniger sein, weil, sowie das Projekt bekannt wird, die Krone steigen dürfte. Daher haben wir die Summe in Dollars genannt.“
Ralph schloß die Augen und überlegte. Sollte er ohneweiters seine Bereitwilligkeit erklären? Er konnte es tun, ohne sein Vermögen zu gefährden. Aber eine innere Stimme warnte ihn vor Übereilung. Plötzlich, wie im Traum, schienen sich die Gesichter vor ihm zu verändern, in grinsende Fratzen, in Schakals- und Hyänenhäupter zu verwandeln. Er atmete tief auf:
„Meine Herren, das muß überlegt werden.“
Die Wangen Pfeffers hatten rote Flecken bekommen, er schlug mit der Stimme fast über, als er fragte:
„Und wie lange wird diese Überlegung dauern?“
„Ich hoffe, daß ich unmittelbar nach Neujahr mit meinem Entschluß ins reine gekommen bin.“
Schweigend wurde der Mokka eingenommen, eine Viertelstunde noch über Politik, Amerikas Haltung Deutschland gegenüber, die widerspruchsvollen Äußerungen Morgans gesprochen, dann empfahlen sich die beiden Bankmagnaten und Ralph blieb mit seinen Gedanken allein.
Für den Geschmack des Lazlo Bartos, der unter dem Diwan das ganze Gespräch im Wortlaut mitstenographiert hatte, zu lange. Und er atmete auf, als sich Ralph endlich erhob, von Sam den Pelz umgeben ließ und fortging.
Eine Minute noch, dann schlich Bartos schwitzend und halb betäubt davon und ohne Zwischenfall konnte er das Hotel verlassen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.