Kitabı oku: «William Wilberforce, der Sklavenfreund»

Yazı tipi:

Hugo Oertel

William Wilberforce, der Sklavenfreund

Ein Lebensbild, für die deutsche Jugend und das deutsche Volk gezeichnet


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066112301

Inhaltsverzeichnis

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

I.

Inhaltsverzeichnis

Wir haben für den Mann, dessen Lebensbild wir auf den nachfolgenden Blättern zeichnen wollen, da vorne auf dem Titelblatte die nähere Bezeichnung »Der Sklavenfreund« gewählt, und gewiß mit gutem Grunde, wie jeder, der den Mann erst aus diesem Büchlein kennen lernt, nach Durchlesung desselben wird zugestehen müssen.

Aber ob auch jeder unserer lieben Leser weiß, was es mit dieser Bezeichnung auf sich hat, und wie sehr dieselbe berechtigt, denjenigen, welchem sie mit voller Wahrheit zukommt, unter die bedeutenden Menschen zu zählen, denen in diesem Büchlein ein ehrendes Gedächtnis gestiftet werden soll?

Was man unter Sklaven versteht, brauchen wir ja wohl niemandem erst weitläufig zu erklären. Jedermann hat ohne Zweifel von jenen unglückseligen Menschen gehört, die von anderen Menschen, ihren Brüdern, in der entsetzlichsten Knechtschaft gehalten werden; über die von diesen, ihren sogenannten Herren, das vollste unbeschränkteste Eigentumsrecht in Anspruch genommen wird; die wie das Vieh oder eine tote Ware gekauft oder verkauft werden und meistenteils auch kaum eine bessere Behandlung wie das Vieh erfahren.

Und wer etwa schon solch ein Buch gelesen hat, wie das wohlbekannte auch ins Deutsche übersetzte der Amerikanerin H. Beecher-Stowe, welches den Titel führt: »Onkel Toms Hütte«, der hat auch schon einen Einblick bekommen in das herzzerreißende Elend, welches die Sklaverei im Gefolge hat. Und wenn er nur ein menschlich fühlendes Herz in der Brust trägt, das sich von Jammer und Elend, wo und wie sie ihm begegnen, rühren läßt, geschweige denn, wenn sein Herz ein christliches ist, in welchem das Gebot lebt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! so kann er nicht anders, als seine höchste Achtung Solchen zollen, die ihre ganze Kraft einsetzen, um das Elend der Sklaverei lindern zu helfen, ja die auf die gänzliche Abschaffung der Sklaverei hinwirken, welche ohne Zweifel der größte Schandfleck für die Menschheit ist, der nur gedacht werden kann.

Aber, so fragt man unwillkürlich, wie war es überhaupt möglich, daß etwas so Entsetzliches und Schändliches wie die Sklaverei in der Welt aufkam? Wie war es möglich, daß sich Menschen dazu herbeilassen konnten, andere Menschen in eine Lage zu setzen, in welcher die Menschenwürde geradezu mit Füßen getreten ist?

Auf diese Frage kann man denn aber nur die rechte Antwort finden, wenn man erwägt, daß von Uranfang her das Psalmwort (Psalm 10, 10) seine Wahrheit hatte: »Der Gottlose zerschlägt und drückt nieder und stößt zu Boden den Armen mit Gewalt«; daß von jeher der Stärkere, weil er dazu befähigt war, sich auch berechtigt hielt, den Schwächeren zu unterdrücken und sich dienstbar zu machen. So war es ja, wie gesagt, von Uranfang her, seitdem durch das Eindringen der Sünde in die Welt und durch den dadurch hervorgerufenen Abfall der Menschenherzen von Gott, in diesen an die Stelle der Liebe, dieses Abglanzes des göttlichen Wesens, die Selbstsucht getreten ist; so ist es noch heute, wo das Recht des Stärkeren ohne Scheu als ein natürliches, unangreifbares Menschenrecht hingestellt, und auch in den Schranken, die das Gesetz nur irgendwie zuläßt, mit der furchtbarsten Rücksichtslosigkeit geübt wird; so wird es auch bleiben, solange nicht das Grundgesetz des Christentums, das Gesetz der selbstverleugnenden Liebe allenthalben zur vollen Geltung gekommen ist, wonach der Starke seine Stärke nicht zur Unterdrückung, sondern zum Schutze des Schwachen verwenden soll.

Die Sklaverei an und für sich ist deshalb auch fast so alt wie das Menschengeschlecht, und jedenfalls so alt als die Kriege in der Welt sind. Denn die ersten Sklaven waren ohne Zweifel Kriegsgefangene, die man zum Knechtsdienste zwang und gegen die man, weil sie Volks- oder Stammesfeinde waren, an deren Hände das Blut der eigenen Landsleute und Stammesgenossen klebte, ungescheut jede Grausamkeit und Gewaltthat glaubte üben zu dürfen. Erst allmählig mag sich dann die Sklaverei als ein dauernder, sogar gesetzlicher Zustand herausgebildet haben, bei welchem die Sklaven als lebende Ware betrachtet und mit voller Rechtsgiltigkeit gekauft und verkauft wurden.

Die alten Denkmäler Ägyptens mit ihren Inschriften und Bildwerken erheben es zur unbestreitbaren Gewißheit, daß dort im Nillande schon etwa 1600 Jahre vor Christo die Sklaverei bestand, daß vollständige Sklavenmärkte abgehalten wurden, ja daß schon damals Negersklaven vorkamen, jedoch wohl nur als Kriegsgefangene, nicht aber als Glieder der Menschenrasse, die vorzugsweise zur Sklaverei bestimmt sei und bei der schon ihre Hautfarbe den Bann und den Fluch der Sklaverei bedingte. Der traurige Ruhm, diese letztere Anschauung von der Bestimmung der schwarzen Menschenrasse zur Sklaverei aufgebracht und diese Rasse als eine niedrige Menschenart hingestellt zu haben, die sich vom Tiere kaum anders als durch die äußere Gestalt unterscheide, fällt leider auf die christlichen Nationen der Neuzeit. Und, um dies hier schon einzufügen, leider wurde sogar aus dem Worte Gottes zu beweisen gesucht, daß die Sklaverei der Schwarzen ein gottgewollter Zustand sei. Man mißbrauchte nämlich jenen schweren Fluch, den Noah über die Nachkommen seines Sohnes Ham, den man als den Stammvater der schwarzen Rasse ansieht, aussprach, wie 1 Mos. 9, 25. 27 zu lesen steht, als Beweisstelle dafür; man nahm also einen menschlichen Vaterfluch, der durch eine schwere Sünde des Sohnes hervorgerufen war, als Ausdruck eines göttlichen Willens und begründete dadurch jene heillose Verwirrung der Gewissen, aus der, als aus einer trüben Quelle, all das entsetzliche Elend der Negersklaverei, all die grauenhaften Grausamkeiten des Handels mit Schwarzen hervorfloß.

Auch unter den Juden findet sich schon in frühester Zeit Sklaverei und Sklavenhandel. Abraham besaß eine Menge von »Knechten«, die wohl nichts anderes, als leibeigene Sklaven gewesen sind. Denn 1 Mos. 17, 23 werden ausdrücklich unter diesen Knechten solche unterschieden, die daheim im Hause geboren, und solche, die erkauft waren. Wir haben also da schon eine durch Geburt vererbte und ebensowohl eine durch Kauf zu stande gekommenene Knechtschaft, und zwar in sehr ausgedehntem Maße. Denn 1 Mos. 14, 9 werden allein 318 waffenfähige Knechte erwähnt, die im Besitze des Erzvaters waren.

Und weist nicht der Umstand, daß Jakobs Söhne ihren Bruder Joseph an israelitische Händler verkauften, ebenfalls darauf hin, daß der Sklavenhandel damals schon etwas ganz Gewöhnliches und Herkömmliches war?

Allerdings scheinen die Knechte oder Sklaven damals völlig zur Familie gehört zu haben und keineswegs als völlig rechtlos geachtet worden zu sein. Denn sie wurden ebenso wie die eignen Kinder und Hausgenossen durch die Beschneidung in den Bund aufgenommen, den Gott der Herr mit Abraham gemacht hatte (1 Mos. 14, 9) und bei Elieser, dem treuen Knechte Abrahams, wurde sogar das Knechtsverhältnis ein so verschwindendes, daß Abraham, als ihm noch der eigene Sohn mangelte, Eliesers Sohn zu seinem Erben zu machen gedachte. (1 Mos. 15, 4.)

Als Israel Gottes Volk geworden war und jedes Glied ein Knecht Gottes, durfte kein Israelit »auf leibeigene Weise« (3 Mos. 25, 42) verkauft werden, während die Leibeigenschaft von Nichtjuden nach wie vor bestehen blieb.

Allerdings konnte ein Israelit nach dem Gesetze in die Dienste eines anderen kommen, entweder wenn er selbst sich und die Seinigen freiwillig demselben in die Dienstbarkeit verkaufte, weil er wegen Armut seine Familie nicht mehr durchbringen konnte, oder wenn er durch gerichtlichen Zwangsverkauf ihm zufiel, weil er z. B. für einen begangenen Diebstahl nicht den genügenden Ersatz leisten konnte. Aber es waren im Gesetze Anordnungen getroffen, welche dem in solcher Weise unfrei gewordenen die Rückkehr in die Freiheit und Selbstständigkeit ermöglichten; und vor allem durfte ein solcher Unfreier an Auswärtige nicht wieder verkauft werden.

Jedoch auch die heidnischen Sklaven hatten sich nach dem mosaischen Gesetze einer im Ganzen menschlichen Behandlung zu erfreuen. Wer einen seiner heidnischen Sklaven bei etwaiger Züchtigung oder im Zorne tötete, wurde bestraft, wenn der Tod unmittelbar erfolgte; überlebte dagegen der Sklave die Mißhandlung um einige Tage, sodaß sein Tod nicht als unmittelbare Folge derselben angesehen werden konnte, so wurde angenommen, daß der Tod nicht absichtlich herbeigeführt worden sei, und der Herr wurde als durch den Verlust des Sklaven genug bestraft angesehen.

Auch bei den alten Griechen stand die Sklaverei in voller Blüte trotz des starken Freiheitssinnes, der in diesem Volke lebte; ja die ganze gesellschaftliche Ordnung der Griechen forderte gewissermaßen die Unfreiheit anderer, die Sklaverei, als notwendige Unterlage. Damit sich die freien Staatsbürger ganz und ausschließlich dem öffentlichen Leben und den Staatsgeschäften widmen könnten, wie es in einer Republik nötig erschien, durfte es nicht an Solchen fehlen, die sich lediglich den kleinlichen Geschäften des täglichen Lebens und der Besorgung des Hauswesens widmeten. Zu den schwereren und gröberen Arbeiten verwendete man die Kriegsgefangenen, während die auf den Märkten gekauften Sklaven vorzugsweise zu Hausdienern genommen wurden. Berühmte Sklavenmärkte wurden auf den Inseln Delos und Chios abgehalten, wohin aus Ägypten auch Negersklaven geschickt wurden, die als Luxus-Sklaven sehr beliebt waren und von besonderem Reichtum des Besitzers Zeugnis gaben.

Ehe der berühmte Solon seine Gesetze gab, durfte der Gläubiger auch zahlungsunfähige Schuldner in die Sklaverei verkaufen, und selbst Eltern war dies mit ihren Kindern gestattet.

Jedoch war bei den Griechen die Behandlung der Sklaven im Großen und Ganzen nichts weniger als unmenschlich. Der Herr konnte genötigt werden, einen Sklaven, den er aus Bosheit grausam behandelte, zu verkaufen, ja er konnte selbst alle seine Rechte auf ihn verlieren. In Athen wurde der Herr, welcher einen seiner Sklaven getötet hatte, in die Verbannung geschickt, und die Tötung eines fremden Sklaven wurde ebenso bestraft wie die eines freien Mannes. Überhaupt war der Sklave bei den Griechen nicht völlig rechtlos, konnte sogar bis zu einem gewissen Grade eigenes Vermögen erwerben.

Anders war es bei den alten Römern, deren ganzes Staatswesen auf Gewaltsamkeit aufgebaut war und denen die beständig geführten Kriege zahllose Gefangene als Sklaven zuführten. Bei ihnen galt der kriegsgefangene Sklave nicht mehr als jede andere tote Kriegsbeute; er war nur eine Sache, über die dem Herrn das unbeschränkteste Eigentumsrecht zustand. Er konnte und durfte seine Sklaven ganz willkürlich verheiraten und dann wieder von Weib und Kind weg verkaufen, sie wegen Krankheit aussetzen, zum Kampfe mit wilden Tieren bestimmen oder auch selbst ungestraft töten.

Rom wurde bald der bedeutendste Sklavenmarkt der Welt, und reiche Römer hatten die Sklaven zu vielen Hunderten. Allein dieselben wurden keineswegs blos zu den niedersten Knechtsdiensten verwendet, sondern es gab unter ihnen Ärzte, Schreiber, Dichter, Schriftsteller, Lehrer und Erzieher.

Erst unter den Kaisern wurde die völlige Rechtlosigkeit der Sklaven einigermaßen beschränkt. Sie konnten jetzt Testamentserben werden und Verträge selbständig und rechtskräftig schließen; sie standen unter den Gesetzen des natürlichen Rechtes, durften z. B. nicht in bestimmten Verwandtschaftsgraden heiraten; sie konnten, wenn sie ihre Freilassung erlangt hatten, ihre früheren Herren wegen erlittener Mißhandlungen gesetzlich belangen. Gegen das Ende der Kaiserzeit war es für die vornehmen Römer ein Ehrenpunkt, recht viele Freigelassene zu haben, die zu dem Hause des Befreiers in einer gewissen Beziehung blieben.

So blühte in der ganzen alten Welt die Sklaverei, allerdings zum größten Nachteile der Sklavenbesitzer selbst, die sich durch die Sklaverei der freien Arbeit entwöhnten und diese als eine Schande für den Freigeborenen ansehen lernten, ja der Staaten selber. Man kann wohl sagen, die alte Welt ging an der Sklaverei zu Grunde, weil sie durch dieselbe den arbeitenden Mittelstand verlor, ohne den kein Staatswesen auf die Dauer bestehen kann.

Im Mittelalter nahm die Sklaverei die mildere Form der »Hörigkeit« an, welche die Freiheit und das Recht der Selbstbestimmung für die Hörigen keineswegs ganz aufhob. Nur wo das römische Recht volle Geltung erlangte, fand sich noch wirkliche Sklaverei der Kriegsgefangenen. Sonst wurden die Bewohner eines eroberten Landes nur gezwungen, den Grund und Boden zu bearbeiten und dann an die Sieger neben persönlichen Dienstleistungen, die bestimmt festgesetzt waren, gewisse Natural-Abgaben von dem Ertrag des ihnen überlassenen Landes zu entrichten.

Wir haben schon oben erwähnt, daß erst die neuere Zeit sich den traurigen Ruhm erwarb, die Negersklaverei eingeführt und die Ansicht in Gang gebracht zu haben, daß die Neger eigentlich gar keine rechte Menschen seien, und daß es für die Weißen nichts Unmenschliches, sondern etwas völlig Berechtigtes sei, sie in die Sklaverei zu schleppen und sich ihre rohe Kraft dienstbar zu machen.

Schon um's Jahr 1440 brachten die Portugiesen Negersklaven in den Handel und im Jahre 1460 bestand in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ein öffentlicher Markt, auf welchem Neger zum Kaufe gestellt wurden.

Wie man dieselben erhielt? – Durch Raubzüge, die man auf den Küsten Afrikas veranstaltete und auf denen man alle Neger, deren man habhaft werden konnte, einfing und sie in möglichst großer Zahl enge zusammengepfercht in kleine, schnellsegelnde Schiffe packte. Ging dabei auch ein großer Teil der Eingefangenen und vielleicht schwer Verwundeten zu Grunde, so wurde doch noch immer an den Überlebenden ein so großer Gewinn gemacht, daß die Habsucht reiche Befriedigung fand und die auf solche Raubzüge verwendeten Kosten hohe Zinsen trugen. Als diese Raubzüge sich nicht mehr lohnten, weil die Neger, durch Schaden klug gemacht, auf ihrer Hut waren und sich in das Innere des Landes und seine unzugänglichen Schlupfwinkel zurückgezogen, sobald sich ein Schiff an der Küste blicken ließ, auch den räuberischen Weißen blutigen Widerstand leisteten und den Tod der Gefangenschaft vorzogen, da suchte man mit den Negerhäuptlingen Verträge abzuschließen, welche diese verpflichteten, gegen nichtigen Tand und geringwertige Zeuge und Geräte ihre Untergebenen an die Weißen zu verkaufen. Wo die Überredung dabei nicht zum Ziele führte, mußte der Branntwein helfen, den halb oder ganz Trunkenen die Einwilligung abzupressen.

Einen besonderen Aufschwung nahm die Negersklaverei und der grausame Handel mit den armen Schwarzen nach der Entdeckung Amerikas zu Ende des 15. Jahrhunderts, denn die Spanier und Portugiesen erkannten bald, daß die eingeborenen Indianer der neuentdeckten Länder viel zu schwächlich seien, um die reichen Schätze, welche dort der üppige Boden und der Reichtum des Erdinnern an edlen Metallen in Aussicht stellten, in dem Maße zu heben, wie es die Habsucht und die entflammte Geldgierde begehrten. Für Europäer aber erwies sich das Klima als ein zu mörderisches, als daß man hätte daran denken dürfen, solche zu schwerer Arbeit zu verwenden. Überdies wollten diejenigen Europäer, welche nach dem neuentdeckten Weltteile hinüberzogen, nichts weniger als schwer arbeiten, sondern waren nur von der Sucht getrieben, drüben, wo man das Gold auf der Straße zu finden hoffte, recht schnell reich zu werden und dann mit Gold beladen wieder heimzukehren.

So schien es als das beste, ja als das allein mögliche, um die kostbaren Entdeckungen recht auszubeuten, daß man die kräftigen, an das heißeste Klima gewöhnten Neger nach Amerika verpflanzte. Und je mehr es sich bewährte, daß dieselben das für die Europäer so verderbliche Klima auch bei der schwersten Arbeit prächtig ertrugen, desto mehr befestigte sich die Meinung und gestaltete sich allmählig zu einem unbestreitbaren Grundsatze, an dem niemand zu rütteln wagen durfte, daß die Neger für die westindischen Pflanzer ganz und gar unentbehrlich seien.

Über die Frage, ob es recht sei, sie gewaltsam zu rauben und in die Ferne zu schleppen, setzte sich die gewissenlose Habsucht und Goldgierde leicht hinweg, oder, wo noch ein Gewissen sich regte, sie zu erheben, da mußte jene Stelle der heiligen Schrift (1. Mos. 9, 25, 27) über alle Bedenken hinweghelfen, durch die man den Beweis erbracht sah, daß die Nachkommen Kanaans, als die man die Schwarzen betrachtete, nach göttlicher Ordnung für alle Zeiten bestimmt seien, den Fluch der Knechtschaft zu tragen.

Die Wildheit der eingeführten Neger, die nur mit Zähneknirschen das aufgelegte Joch trugen, ihre für die Bewohner gebildeter Länder abschreckende Rohheit, ihre von derjenigen der Weißen so sehr abweichende Gesichtsbildung, alles dies brachte nun weiter leicht die Behauptung zur allgemeinen Geltung, die Schwarzen seien eigentlich nur Halbmenschen, welche nicht viel über dem Tiere ständen, und in bezug auf welche deshalb auch die wirklichen Menschen, die Weißen, das Gottesgebot für sich in Anspruch nehmen dürften, daß sie sich die Erde unterthan machen und über alle ihre Geschöpfe herrschen sollten. Das allein reichte freilich schon hin, für die Negersklaven von seiten ihrer Herren eine Behandlung herbeizuführen, die bei ihnen durchaus keine Menschenwürde mehr gelten ließ. Aber diese üble Behandlung mußte sich notwendigerweise noch steigern, wenn es galt, die Neger zur Arbeit anzuhalten, und das Kapital, welches man auf ihren Ankauf verwandt hatte, und welches noch fort und fort ihre Unterhaltung erforderte, mit möglichst hohem Gewinn aus ihrer Arbeit herauszupressen. Denn da konnte nur der härteste Zwang die angeborene Trägheit der Neger überwinden, und nur der furchtbaren Peitsche aus Nashornhaut, die schonungslos die nackten Schultern zerfleischte, konnte es gelingen, jede leiseste Regung der Wut und des Widerstandes gegen die unbarmherzigen Peiniger im Keime schon zu ersticken.

Daß solche Wut dennoch bei den leidenschaftlichen, heißblütigen Schwarzen gelegentlich zum Ausbruche kam und sich dann in Grausamkeiten gegen die verhaßten Peiniger entlud, welche jeder Beschreibung spotten, konnte natürlich die Behandlung der Neger nicht besser machen und wurde nur als Beweis dafür geltend gemacht, daß ihnen gegenüber nur die furchtbarste Härte am Platze und im stande sei, die Weißen davor zu schützen, daß sie nicht von der überlegenen Körperkraft der Neger zermalmt würden, zumal da, wo, wie auf einsam gelegenen Pflanzungen, die Weißen in einer ganz verschwindenden Minderzahl ständen.

Wie allgemein verbreitet und wie fest gegründet die Ansicht von der Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit der Negersklaverei und des Negerhandels im Anfange des 16. Jahrhunderts war, beweist wohl nichts besser als der Umstand, daß selbst der edle Las Casas, der treue Freund und unermüdliche Schützer der amerikanischen Indianer, die Negersklaverei nicht für unchristlich ansah, wenn es auch durchaus falsch ist, daß er seinen Indianern zu Liebe selbst die Negersklaverei eingeführt oder doch wesentlich gefördert habe. Erst gegen Ende seines Lebens ging ihm in betreff der Negersklaverei eine richtigere Erkenntnis auf und eine tiefe Reue darüber, daß er die Negereinfuhr gebilligt habe.

Wir haben schon erwähnt, daß bereits ums Jahr 1460 in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ein förmlicher Markt für Negersklaven bestand. Die Portugiesen blieben auch fortan die Hauptsklavenhändler, während die Spanier für sich selbst bald den Sklavenhandel einstellten und sich durch Verträge mit anderen Nationen die für ihre westindischen Besitzungen nötigen Sklaven verschafften. So übernahm es im Jahre 1715 England vertragsmäßig, den Spaniern ihre Sklaven zu liefern und bedingte sich sogar das Recht aus, ihnen 144000 Neger in die Sklaverei zu verkaufen.

Denn nachdem im Jahre 1525 die ersten Negersklaven in England gelandet und verkauft waren, blühte dort der Sklavenhandel, an dem die öffentliche Meinung nicht den geringsten Anstoß nahm, rasch auf, begünstigt selbst von den Königen, die von den Sklavenhändlern hohe Abgaben erhoben.

Von 1750 bis 1783 wurden etwa 30000 Neger jährlich unter englischer Flagge in die Sklaverei geführt, besonders von Liverpool aus, das zum Hauptstapelplatze des Negerhandels wurde. Im Jahre 1771 hatte diese Stadt 105 Schiffe, die sich lediglich mit dem Sklavenhandel befaßten und eigens dafür eingerichtet waren, während London nur 85, Bristol nur 25 solcher Schiffe hatte. Während man den Menschenverlust, den Afrika durch den Negerhandel erlitt, auf 40 Millionen Menschen schätzt, berechnet man den Gewinn, welchen England aus diesem Handel zog, auf 400 Millionen Dollars, also über 1600 Millionen Mark!

Indessen gaben sich auch noch andere Nationen, wenn auch in geringerem Maße, mit dem Negerhandel ab. Denn es war ein holländisches Schiff, welches im Jahre 1620 die ersten Sklaven in Nordamerika landete, und zwar zu Jamestown in Virginien und so den Grund legte zu der bedeutenden Negereinfuhr, die nun auch dort, besonders in den südlichen Staaten, in den Gang kam und nachweisbar von 1620 bis 1740 etwa 130000, von da bis 1776 etwa 300000 Neger in die nordamerikanischen Staaten brachte.

Die Ansichten über die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit des Sklavenhandels, die sich in Europa gebildet hatten, verpflanzten sich, von Eigennutz und Gewinnsucht getragen, rasch dorthin und gewannen so festen Grund in der öffentlichen Meinung, daß selbst die strenge Sekte der Quäker in Pennsylvanien die Sklaverei an sich nicht, sondern nur die dabei vorkommenden Gräuel mißbilligte. Allein die in diesen Staat eingewanderten Deutschen protestierten von vornherein gegen die Sklaverei als gegen etwas unsittliches und besonders unchristliches und verlangten schon im Jahre 1688 bei der Volksvertretung die unbedingte Abschaffung derselben. Sie verschafften dadurch dem deutschen Namen den unvergänglichen Ruhm, zuerst gegen die grauenhaften Zustände der Negersklaverei öffentlich aufgetreten zu sein. Ehre jenen unerschrockenen Männern, die es wagten, gegen die gegenteilige öffentliche Meinung ihre bessere Überzeugung tapfer zu vertreten!

Allerdings fehlte es auch schon früher nicht an Einzelnen, welche sich wider die Sklaverei erhoben; aber es handelte sich dann stets um weiße Sklaven. So kaufte schon im 6. Jahrhundert der Bischof von Rom, Gregor der Große, britannische Jünglinge, welche in römische Kriegsgefangenschaft geraten und in Rom zum Verkaufe gestellt waren, los, unterwies sie sorgfältig im Christentum und ließ sie dann als Freie in ihre ferne Heimat zurückbringen, daß sie dort das Christentum ausbreiteten.

Im Jahre 1270 schlossen England und Frankreich einen heiligen Bund, der zum Zwecke hatte, die Raubstaaten an der nordafrikanischen Küste, die sogenannten Barbareskenstaaten Algier, Tunis und Tripolis, zu züchtigen, welche die durch Seeraub erlangten Schiffer oder Küstenbewohner des mittelländischen Meeres als Sklaven zu verkaufen pflegten, und setzten ihre Bemühungen auch später noch fort, ohne jedoch den Sklavenhandel dieser Raubstaaten ganz unterdrücken zu können. Erst in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts wurde diesem schmählichen Handel durch die Eroberung und Kolonisation Algiers von seiten der Franzosen ein Ende gemacht.

Gegen den Negerhandel jedoch erhob sich die öffentliche Meinung erst zu Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts, und zwar besonders infolge der eifrigen Bemühungen der englischen Quäkersekte und ihrer Führer G. Fox und W. Penn. Als es ihnen gelungen war, durch Wort und Schrift die Gewissen aufzuwecken, begann in England der Kampf gegen die Sklaverei und nahm nun von Jahr zu Jahr größeren Umfang an, wie sehr auch die westindischen Sklavenhalter und die englischen Sklavenhändler alles aufboten, denselben lahm zu legen. Und man muß es den Engländern lassen, daß sie die schwere Schuld, die sie den armen Schwarzen gegenüber auf sich geladen hatten durch den von ihnen getriebenen und geduldeten Negerhandel, redlich abzuzahlen bemüht gewesen sind und noch immer sich bemühen. Denn sie sind es, die mit schweren Kosten für den Staat an den afrikanischen Küsten beständig Wachtschiffe kreuzen lassen, um den Sklavenhändlern ihre Beute abzujagen, und wenn der Kommandant des englischen Geschwaders, welches diesen edlen Zweck zur Ausführung bringen soll, noch im Jahre 1880 an der Ostküste Afrikas 60 Sklavenschiffe weggenommen und 855 Negern wieder zur Freiheit verholfen hat, so beweist das ebensowohl, daß der Sklavenhandel noch heute keineswegs völlig unterdrückt ist, wie auch das, daß England nach wie vor beharrlich und redlich bemüht ist, den Schandfleck abzuwaschen, den der Sklavenhandel auf den englischen Namen gebracht hat.

Auch die nachfolgenden Blätter sollen den lieben Lesern einen englischen Mann vorführen, der zu seiner Zeit ein Hauptförderer dieser Bemühungen gewesen ist, und der deshalb nicht blos den Namen des »Sklavenfreundes« mit vollem Fug und Rechte verdient, sondern ebensosehr es verdient, daß sein Andenken von jedermann in hohen Ehren gehalten wird.

II.

Inhaltsverzeichnis

William Wilberforce – so heißt der Ehrenmann, um den es sich handelt – wurde geboren am 24. August des Jahres 1759 zu Hull in der Grafschaft York, und zwar als der einzige Sohn unter vier Kindern, von denen zwei Schwestern schon in früher Kindheit wieder verstarben. Sein Vater Robert Wilberforce leitete seine Abkunft von einer alten, vornehmen Familie her, die lange Zeit hindurch im östlichen Teile der Grafschaft York ein ausgedehntes Stammgut besessen habe, war aber jedenfalls ein nach unseren Begriffen reicher, nach englischen Begriffen wohlhabender Mann. In Gemeinschaft mit seinem Vater, der bis in sein Alter hinein das entscheidende Familienhaupt geblieben zu sein scheint, betrieb er ein ausgedehntes Handelsgeschäft und verwaltete den großen Landbesitz, den die Familie hatte.

Der kleine William kam als feines, krausgliedriges Kind zur Welt und hat die Körperschwachheit, mit welcher er ins Leben eintrat, bis zu seinem Lebensende nicht völlig zu überwinden vermocht. Aber wer ihm in die hellen, geistvollen Augen sah, konnte ihm schon an der Wiege prophezeien, daß einmal etwas Rechtes aus ihm werden würde. Zum Knabenalter herangewachsen, entwickelte er trotz seines schwächlichen Körpers eine ungemeine Lebhaftigkeit und ein reiches, tiefes Gemütsleben, das ihn schnell zum Liebling aller machte. Außergewöhnlich frühe entfaltete er eine große Redefertigkeit, wie sie Kindern seines Alters in der Regel nicht eigen ist und erinnert damit an das allbekannte Sprüchlein: Was ein Dörnchen werden will, spitzt sich bei Zeiten.

Noch ehe er das zehnte Lebensjahr erreicht hatte, verlor er seinen Vater, und da die Mutter sich wohl selbst nicht für fähig hielt, den lebhaften Knaben richtig zu erziehen, wurde er zu einem Oheim von väterlicher Seite gebracht, der mit ihm denselben Namen hatte, vielleicht also sein Pate war.

Hier im Hause des Oheims fand er denn, was ihm weder die Schule zu Hull, die er bis jetzt besucht hatte, noch auch das Elternhaus gegeben: einen echt christlichen, frommen Geist. Die Tante gehörte der Sekte der Methodisten an, und wie sie selbst eine warme, aufrichtige Liebe zu Gottes Wort und eine tiefe Erkenntnis seiner heiligen Wahrheiten besaß, so suchte sie beides auch dem jungen Neffen einzupflanzen. Schien doch dessen reiches, tiefes Gemüt so recht dazu geeignet, die göttliche Wahrheit freudig in sich aufzunehmen und nachhaltig in sich wirken zu lassen. Was die eigne Mutter, die erst spät zum lebendigen Christentum kam, an dem sinnigen Knaben versäumt hatte, suchte die Tante desto eifriger nachzuholen und gewann durch die liebreiche Art ihrer erziehlichen Einwirkung einen nachhaltigen Einfluß auf Williams Gemüt.

Allein das still ernste, fromme Wesen, welches dadurch bei dem Knaben einkehrte und sich bei seinen gelegentlichen Besuchen im Elternhause deutlich genug kundgab, war keineswegs weder nach dem Sinn der Mutter noch des Großvaters, der ebensowenig wie diese für ein ernstes Christentum viel übrig hatte. Man befürchtete, die fromme Tante werde den Jungen ganz zu ihrem Methodismus und zu dessen Weltflüchtigkeit herüberziehen, und ihn dadurch zu der hohen, glänzenden Lebensstellung untüchtig machen, zu der ihn seine reichen Geistesgaben einmal führen zu müssen schienen.

William wurde deshalb schon wieder 1771 nach Hull ins Elternhaus zurückgerufen und sowohl die Mutter wie der Großvater boten alles auf, die frommen Eindrücke wieder zu verwischen, die er bei der Tante empfangen hatte. Der Großvater drohte ihm sogar damit, ihn enterben zu wollen, wenn er das häßliche methodistische Wesen nicht ablege. Da die Mutter ein reiches geselliges Leben liebte und das Haus selten von Gästen leer war, so konnte es kaum ausbleiben, daß der lebhafte zwölfjährige Knabe seine bisherigen Lebensgewohnheiten bald vergaß und mehr und mehr an den Zerstreuungen und Genüssen eines weltlichen geselligen Lebens Geschmack gewann. Die eifrige Beschäftigung mit dem Worte Gottes, die ihm die Tante beim Abschied noch besonders auf das Gewissen gebunden hatte, nahm von Tag zu Tag mehr bei ihm ab, und bald ergötzten ihn die weltlichen Dichter Englands, die man ihm geflissentlich in die Hände spielte, mehr als die einfachen kunstlosen Worte des heiligen Buches.

Aber trotzdem konnte der gute Same, den die fromme Tante in das kindliche Herz ausgestreut hatte, nicht ganz erstickt werden. Ein ernster Sinn, der durch das zerstreuende gesellschaftliche Leben wohl für Tage und Wochen in den Hintergrund geschoben werden konnte, aber dennoch sich immer wieder geltend machte, wenn in der häuslichen Geselligkeit größere Ruhepausen eintraten, blieb der unverlierbare Gewinn des Aufenthalts im Hause des Oheims. Und wenn derselbe auch an der Beschäftigung mit den weltlichen Dichtern, die für den Knaben einen hohen Reiz besaß, einen gefährlichen Feind hatte, so gewann doch William durch diese Beschäftigung die außergewöhnlich große Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Ausdrucke, welche ihm in seinem späteren Leben so sehr zu statten kam. Durfte er es doch wagen, schon als 15jähriger Knabe einen Aufsatz gegen den Sklavenhandel, dessen Gräuel schon jetzt sein mitleidiges Herz schaudern machten, an den Herausgeber einer öffentlichen Zeitschrift einzusenden, ohne daß derselbe als ein knabenhaftes Machwerk eine Zurückweisung erfahren hätte!

Schon mit 17 Jahren war der reichbegabte William in seinen Kenntnissen so weit gefördert, daß er für den Besuch des St. Johns College auf der Universität Cambridge für reif erachtet werden konnte und dasselbe auch wirklich bezog, um den Kreis seiner Kenntnisse noch mehr zu erweitern und sich jene allgemeine Geistesbildung zu erwerben, die zur Erlangung einer geachteten Lebensstellung unerläßlich war. Denn von einem besonderen Lebensberuf, zu dem er sich hätte vorbereiten müssen, war einstweilen keine Rede bei ihm.

Allein es sollte mit seinem Studieren vorläufig nicht viel werden. Denn kaum hatte er die Universität bezogen, so starben rasch hinter einander sowohl sein Großvater als auch sein Oheim. Als der einzige männliche Sproß der Familie erbte William nach dem englischen Gesetze das ganze väterliche und großväterliche Vermögen, und da der Oheim keine Kinder hatte, so fiel ihm auch dessen bedeutendes Vermögen zu. So saß denn der Jüngling plötzlich dem Überflusse im Schoß und sah sich all den mannigfaltigen Versuchungen ausgesetzt, welche derselbe im Gefolge hat.

Bald sammelten sich um den reichen Erben eine Schar leichtfertiger Gesellen, die ihm helfen wollten, seine Schätze in einem ausschweifenden Leben zu vergeuden und die sich so diese Schätze selbst zu nutze zu machen suchten. Allein wie sie sich auch an ihn drängten, es gelang ihnen nicht, ihn in den Kot ihrer gemeinen niedrigen Genüsse hineinzuziehen; der gute Geist, den ihm die fromme Tante eingeprägt hatte, verleugnete sich nicht, sondern wurde ihm Schirm und Schild, sodaß er sich schon nach kurzer Zeit mit Ekel von der schlechten Gesellschaft abwandte.

Er suchte besseren Umgang und fand ihn auch. Denn seine vortreffliche Unterhaltungsgabe, sein schlagfertiger, treffender Witz, sein schöner Gesang, seine allerdings nicht unbedenkliche Kunst, andere Menschen in ihrem Gebahren täuschend nachzuahmen, vor allen Dingen aber sein liebenswürdiges, gemütvolles Wesen: das waren lauter Vorzüge, die schnell einen weiten Kreis von Freunden um ihn sammelten und ihn zum geschätzten und geliebten Mittelpunkte desselben machten. Mit ernstem Studieren wurde es da freilich nicht viel, da William bei allen Vergnügungen seiner jugendlichen Freunde zugegen sein mußte und von ihnen, wenn er sich auch einmal zurückhalten wollte, mit freundlicher Gewaltsamkeit zur Teilnahme genötigt wurde.

Wenn er auch in seinem späteren Leben es oft bedauern mußte, seine Lernzeit mehr den Vergnügungen als den Studien gewidmet zu haben, und den eifrigsten Fleiß aufzuwenden genötigt war, um das in der Jugend Versäumte wieder nachzuholen, so fand er doch auch in dem Strudel der Geselligkeit, dem er sich überließ, manche wertvolle Bekanntschaft, die ihm sonst vielleicht entgangen wäre. So schloß er mit dem nachmals so berühmt gewordene Staatsmann Pitt schon hier auf der Universität einen Freundschaftsbund, der nachher für das ganze Leben vorhielt und ihm nicht blos für das studentische Leben einen gewissen Halt gab und ihn den Ernst des Lebens nicht ganz vergessen ließ, sondern ihm auch für die Folgezeit von großem Vorteile war.

Wie wenig das freie lustige Studentenleben vermocht hatte, ihn völlig um den Lebensernst zu bringen, zu welchem durch den Einfluß der Tante ein so guter Grund gelegt worden war, zeigte sich auch bei seinem Abgange von der Universität. Da sollte er, um den Grad und Titel zu erlangen, der in der Regel den Abgehenden beigelegt wurde, die Glaubensartikel der englischen Staatskirche unterschreiben und sich durch seine Unterschrift zur Annahme derselben verpflichten. Aber weil es um seine genaue Bekanntschaft mit diesen Artikeln etwas bedenklich aussehen mochte, verbot es ihm seine Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit, dieselben so leichtfertig und gedankenlos zu unterschreiben. Er verweigerte deshalb seine Unterschrift und mußte sichs gefallen lassen, ohne einen Grad und Titel die Universität zu verlassen.

Am nächsten hätte es wohl jetzt für unsren Wilberforce gelegen, in das von seinem Vater und Großvater geführte Handelsgeschäft einzutreten, welches nach deren Tode ein Verwandter für seine Rechnung weiter geführt hatte. Nicht blos, daß ihm dadurch eine ruhige, bequeme Lebensaufgabe zu teil geworden wäre, nein es winkte ihm auch dabei eine behagliche und doch ehrenvolle Lebensstellung.

Aber sein lebhafter, strebsamer Geist konnte sich an einer solchen Aufgabe und Stellung nicht genügen lassen; es lockte ihn vielmehr, statt in die ruhige Stille des Privatlebens in die geräuschvolle Unruhe des öffentlichen Lebens einzutreten. An diesem Entschlusse war ohne Zweifel der nahe Umgang mit seinem Universitätsfreund Pitt wesentlich schuld, der schon von Haus aus für den Staatsdienst und die Geschäfte des öffentlichen Lebens bestimmt gewesen war und dem es dann auch offenbar gelungen war, dafür dem Freunde Geschmack beizubringen.

Wilberforce löste das großväterliche Handelsgeschäft, das er nicht in seinem Namen fortführen lassen mochte, ganz auf und bewarb sich in seiner Vaterstadt Hull um die Ehre, deren Vertreter in dem Hause der Abgeordneten des Volkes, in dem sogenannten Parlamente zu werden. Um sich dazu tüchtig zu machen, nahm er, nachdem er sich zur Wahl angemeldet hatte, seinen Wohnsitz in London, und wohnte regelmäßig den Sitzungen des Parlaments bei, dessen Verhandlungen er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte. Daß er durch seinen Freund Pitt, mit welchem er dort wieder zusammentraf, nur noch in seinem Vorsatze befestigt wurde, die öffentliche Laufbahn eines Parlamentsmitgliedes zu betreten, ist leicht zu denken.

Aber hieß es nicht zuviel erwarten, wenn Wilberforce annahm, seine Mitbürger würden ihn, der jetzt erst 21 Jahre zählte, wirklich zu ihrem Vertreter im Parlament wählen? Das mochte er sich wohl manchmal selber fragen und konnte dann gewiß diese Frage im Blicke auf seine Jugend und Unerfahrenheit nicht anders als bejahen. Allein gleichwohl ging sein sehnlicher Wunsch in Erfüllung und im Jahre 1780 wurde er wirklich zum Parlamentsmitgliede für Hull erwählt.

Zeugt dies laut für die großen Hoffnungen, die seine Landsleute auf den jungen Mann setzten, so zeugt es hinwiederum auch dafür, wie wenig er sich der hohen, kaum erwarteten Ehre, die ihm durch seine Wahl zu teil geworden war, überhob und sich dadurch stolz und hochmütig machen ließ, daß er trotz seiner großen Redefertigkeit in der ersten Parlamentssitzung, die er mitmachte, seinen Mund nicht aufthat, sondern nur in aller Demut und Bescheidenheit auf die Reden anderer lauschte und außer den Sitzungen den größten Fleiß aufwandte, sich über jede Sache, die zur Verhandlung kam, vorher auf das genaueste und sorgfältigste zu unterrichten. Dabei kam ihm denn sein heller, klarer Geist trefflich zu statten und befähigte ihn, über jede vorkommende Sache eine feste durch keinen fremden Einfluß bestimmte Meinung zu gewinnen, und sich so die Selbstständigkeit in seinen Urteilen zu retten, die ihn sein ganzes Leben hindurch nicht verließ und die ihn, wenn sie ihn auch oft genug mit seinen besten Freunden in Widerspruch brachte, doch in keinen Widerstreit mit seinem eigenen Gewissen kommen ließ.

Und nur von seinem Gewissen sich leiten zu lassen, wurde jetzt, wo er unter dem Ernste des Lebens den leichten Jugendsinn mehr und mehr ablegen lernte, sein fester, unumstößlicher Grundsatz, von dem er sich gelobte, niemals auch nur einen Fingerbreit abzuweichen.

So war es denn auch vorzugsweise die Stimme seines Gewissens, welche ihn trieb, sofort, nachdem die Parlamentssitzung geendigt war, London zu verlassen und sich in die ländliche Stille zurückzuziehen. Denn je sorgfältiger er auf diese Stimme achtete, desto lauter rief ihm dieselbe zu, daß das geräuschvolle öffentliche Leben in der großen Stadt tausendfältige Versuchungen bereite, das innere geistliche Leben zu vernachlässigen und unter den unaufhörlichen Zerstreuungen des gesellschaftlichen Lebens einer unwürdigen, verderblichen inneren Zerfahrenheit zu verfallen. Und doch fing er jetzt, wie ein Brief an seine Schwester deutlich zeigt, an, einzusehen, daß das innere Leben nicht vernachlässigt werden dürfe, wenn man an wahrem Werte täglich zunehmen wolle, daß dasselbe aber nicht wachsen und gedeihen könne ohne ernste Sammlung des Herzens zu gewissenhafter Selbstbetrachtung.

So lockend es auch für Wilberforce sein mochte, mit seinem Freunde Pitt und den vielen anderen Männern des Parlaments, deren Wohlwollen er sich bereits durch seine liebenswürdige Persönlichkeit gewonnen hatte, zusammenzubleiben und in ihrem Kreise die Parlamentsferien angenehm zu verleben, er folgte doch der mahnenden Stimme seines Gewissens und entfloh den Zerstreuungen und Genüssen des Londoner Lebens.

An den Ufern des Winandersees in der Grafschaft Westmoreland mietete er sich einen schönen Landsitz und brachte dort in ungestörter Stille den Sommer zu, sich nur an den harmlosen Genüssen des Landlebens genügen lassend, für deren erfrischende Wirkung er einen starken Sinn und eine besondere Vorliebe hatte.

Äußerlich und innerlich gestärkt kehrte er zu Anfang des Winters nach London zurück, wohin ihn die beginnende Parlamentssitzung rief. In dieser seiner zweiten Sitzung überwand er aber die jugendliche Scheu, die ihn während der ersten hatte schweigen lassen, und trat zum erstenmale als öffentlicher Redner auf. Aber wie staunte alles den jungen Mann an, der so glänzend und schlagfertig zu reden wußte! Von allen Seiten wurde er nach seiner ersten Rede beglückwünscht und es fehlte nicht an solchen, die es als ganz zweifellos hinstellten, daß ein solcher Redner mit der Zeit zu der Würde eines Mitgliedes des Oberhauses erhoben werden müsse.

Allein der bescheidene Wilberforce geizte durchaus nicht nach solcher Ehre und Würde und wies lachend die Propheten zurück, die ihm eine so glänzende Zukunft verhießen. Er begehrte nichts weiter, als ein tüchtiger Vertreter seiner Wähler im Parlamente zu werden und verband sich sogar mit mehreren seiner Freunde im Unterhause dazu, niemals die Würde eines Mitglieds des Oberhauses, niemals auch eine Stelle oder ein Gehalt anzunehmen, um nicht die edle Unabhängigkeit und Selbständigkeit, die sie jetzt besaßen, zu verlieren. Er ist auch zeitlebens diesem Entschlusse treu geblieben.

Als sein Freund Pitt im Jahre 1782 ins Ministerium kam, wahrte er selbst diesem gegenüber seine volle Unabhängigkeit, die sich durch keine Rücksichten beirren ließ. Er unterstützte ihn mit seinen Reden nur insoweit, als dessen Ansichten mit seinen eigenen völlig übereinstimmten; wo dies nicht der Fall war, wurde er ihm ein entschiedener Gegner trotz aller Freundschaft, die ihn mit ihm verband. Und für Pitt war dies kein Grund, den Freund fallen zu lassen. Im Gegenteile, er achtete Wilberforce deshalb um so höher und schloß sich ihm immer enger an. Fast täglich sahen sich die beiden Freunde und wurden sich nachgerade fast unentbehrlich, da sie beide in der von Witz und Laune gewürzten Unterhaltung, die sie mit einander führten, nach den anstrengenden Berufsarbeiten des Tages die beste Erfrischung fanden.

Auch wenn die Sitzungen des Parlaments zu Ende waren, trennten sie sich nicht immer, sondern vereinigten sich zu gemeinschaftlichen Reisen, oder Pitt überraschte den Freund auf seinem stillen Landsitz am Winandersee und blieb dort längere oder kürzere Zeit, einmal sogar ganze 4 Monate lang.

Da kamen denn auch wohl ernstere Unterhaltungen auf die Bahn, zu denen besonders Wilberforce jetzt mehr und mehr hinzuneigen begann, und infolge deren sich dann Pitt, der dem Christentum und der Religion überhaupt sehr kühl gegenüberstand, wohl überreden ließ, mit dem Freunde die Kirche zu besuchen.

Im Herbste des Jahres 1783 machten die beiden Freunde eine gemeinsame Reise nach Frankreich und suchten und fanden dort nicht blos Gelegenheit, mit den bedeutendsten Männern Frankreichs bekannt zu werden, sondern fanden auch Zutritt an den königlichen Hof. Ihr Aufenthalt dauerte jedoch nur 6 Wochen, weil sich für Pitt die Aussicht eröffnete, daheim das Haupt eines neuen Ministeriums zu werden, und er deshalb seine Rückkehr beschleunigen mußte. Wirklich wurde er auch gegen Ende des Jahres von dem Könige zu diesem hohen Posten berufen und hatte es seinem Freunde Wilberforce zu danken, daß die zahlreichen Gegner, die seine Wahl zu hintertreiben suchten, nichts ausrichten konnten.

Die meisten dieser Gegner gehörten nämlich der Grafschaft York an und waren Wilberforce zum größten Teile bekannt, sodaß er hoffen konnte, eine Einwirkung auf sie ausüben zu können. Er eilte deshalb sogleich in seine heimische Grafschaft und kam gerade zurecht, um einer Versammlung beiwohnen zu können, worin eine Bittschrift an den König gegen Pitt beschlossen werden sollte. Er ergriff darin das Wort und trat so feurig und kräftig für seinen Freund ein, daß alles dem gewaltigen Redner zujauchzte und selbst die erbittertsten Gegner Pitts nicht mehr wagten, gegen diesen den Mund aufzuthun.

Und was war der weitere Erfolg dieser Rede? Der einmütige Beschluß der Versammlung, den Redner als Vertreter der ganzen Grafschaft ins Parlament zu schicken, ein Beschluß, der denn auch trotz aller Anstrengungen einer Gegenpartei bei den nächsten Wahlen zur Ausführung gebracht wurde.

Damit hatte Wilberforce, der ja, um selbständig zu zu bleiben, weder ein Amt noch einen Sitz im Oberhause jemals annehmen wollte, die höchste Ehrenstufe erreicht, die bei solchem Vorsatze für ihn zugänglich war und war nun als Vertreter der größten Grafschaft Englands noch weit mehr als bisher im stande, seinem Freunde Pitt eine kräftige Unterstützung angedeihen zu lassen, wo er derselben benötigt war und wo es Wilberforce mit seiner gewissenhaften Überzeugung vereinigen konnte.

Im Herbste des Jahres 1784 machte Wilberforce in Gemeinschaft mit seiner Mutter und seiner Schwester eine Reise nach Nizza und Italien, die nach Gottes Rat für die Gestaltung seines inneren Lebens eine sehr bedeutungsvolle Wendung herbeiführen sollte.

Bisher hatte es nämlich Wilberforce trotz der Mahnungen seines Gewissens, trotz des je und dann mit Macht bei ihm hervorbrechenden Gefühles, daß es um sein inneres Leben nicht so stehe, wie es sollte, noch nicht über sich gewinnen können, mit seinem Christentum rechten vollen Ernst zu machen und ungescheut den Weg zu betreten, den ihn seine fromme Tante als den alleinigen Weg des Heils hatte kennen lehren. Das öffentliche Leben mit den großen Anforderungen, die es an sein Sinnen und Denken stellte, die Zerstreuungen des geselligen Lebens, denen er sich in London nicht entziehen konnte und mochte, hatten immer wieder die ernsten Vorsätze zu Schanden gemacht, die er wohl in seiner ländlichen Einsamkeit gefaßt hatte. Damit sollte es jetzt anders werden.

Mutter und Schwester brachten zwar in dieser Hinsicht keine Änderung zuwege, da beide selber noch nicht weit mit ihrem Christentum vorangekommen waren und deshalb keinen anregenden Einfluß auf ihn ausüben konnten. Wohl aber geschah dies durch den Begleiter, den sich Wilberforce auf die italienische Reise mitnahm. Das war der nachmalige Professor an der Universität zu Cambridge Isaak Milner, ein wahrhaft frommer Mann, der freilich sein von jeder Einseitigkeit und Engherzigkeit freies Christentum nicht äußerlich zur Schau trug, sondern im Äußeren eher das Gepräge eines Weltmannes an sich hatte, aber doch von der Wahrheit und Göttlichkeit des Christentums nicht allein auf das Innigste überzeugt war, sondern auch schon etwas an seinem Herzen erfahren hatte. Ihn, der ein alter Freund seines Hauses war, hatte Wilberforce gebeten, die Reise nach Italien mitzumachen, und sollte nun die Gewährung dieser Bitte zu einer Quelle reichen Segens für sich werden sehen.

Schon vor der Abreise war es zwischen ihm und Milner zu einer sehr ernsten Unterredung gekommen, die für Wilberforce einen kräftigen Stachel in seinem Herzen zurückließ. Milner hatte nämlich einen Mann, von dem Wilberforce behauptete, daß er die Anforderungen an ein echt christliches Leben zu hoch spanne, mit großer Kraft und Wärme verteidigt und dadurch bewiesen, daß er dieselben Anforderungen an einen rechten Christen stelle. Da war denn in Wilberforce das Gewissen mit aller Macht rege geworden und hatte ihm bezeugt, daß er selbst noch weit davon entfernt sei, diesen Anforderungen zu genügen, und daß deshalb sein Christentum noch kein rechtes sei. Den Stachel, den dieses Zeugnis seines Gewissens bei ihm zurückließ, konnte er nicht wieder los werden und brachte sowohl auf der Reise selbst, wie auch während des mehrwöchentlichen Aufenthaltes in Nizza, in allen Gesprächen mit Milner die christlichen Wahrheiten und die christlichen Pflichten immer wieder zur Besprechung. Was die Belehrungen des frommen Milner dann bei ihm angeregt hatten, ein ernstes Verlangen, mit seinem Christentum endlich einmal wirklichen vollen Ernst zu machen, das wurde noch durch ein gutes Buch bestärkt, welches Wilberforce zu Nizza in die Hände fiel und welches den »Anfang und Fortgang der wahren Gottseligkeit« zum Gegenstande hatte.

Dieses Buch machte auf den angeregten Mann einen solchen Eindruck, daß er es fast nicht aus den Händen legte und als er anfangs des Jahres 1785 mit Milner nach England zurückreiste, während seine Mutter und seine Schwester noch in Nizza blieben, selbst während der Reise darin studierte und mit Milner das Gelesene besprach. Wie dieser ihm ernstlich anriet, machte er es sich nun zum heiligen Vorsatze, die Wahrheit des Gelesenen und Besprochenen selbst an der heiligen Schrift und ihren Aussprüchen zu prüfen und dem bisher nur zu sehr vernachlässigten heiligen Buche wieder die gebührende Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Über diesen Vorsatz kam er freilich vor der Hand noch nicht hinaus, denn bald hatten wieder die Parlamentsgeschäfte, sowie das zerstreuende Londoner Leben sein ganzes Sinnen und Denken, sowie seine ganze Zeit so in Anspruch genommen, daß es mit dem eifrigen Forschen im Worte Gottes nicht viel wurde.

Erst auf der zweiten Reise nach Italien, die er nach Beendigung der Parlamentssitzungen mit Milner antrat, um Mutter und Schwester von Genua abzuholen, wohin dieselben inzwischen übergesiedelt waren, kam es wirklich zu einem solchen ernsten, eifrigen Suchen in der Schrift. Wilberforce hatte ein neues Testament in der griechischen Grundsprache mitgenommen und las dasselbe unterwegs gemeinschaftlich mit seinem Begleiter. Und diesem wurde es nun gegeben, die Tiefen des Schriftwortes für Wilberforce so zu erschließen, daß die göttliche Wahrheit diesem zur festesten, innigsten Überzeugung wurde.

Die Rückreise von Genua wurde durch die Schweiz gemacht, und Wilberforce lernte bei einem längeren Aufenthalte in Zürich den frommen Lavater kennen, dessen tief und fest gegründeter Schriftglaube, dessen durch die innigste Frömmigkeit geweihte Persönlichkeit einen unverwischbaren mächtigen Eindruck auf ihn machten und ihm recht lebendig unter die Augen stellten, wieviel ihm selber noch zu einem rechten Christen fehle.

Nichtsdestoweniger kam es aber bei Wilberforce noch nicht sogleich zu einem ernsten Versuche, solchem Vorbilde nachzueifern. Vielmehr ließ der sechswöchentliche Aufenthalt in dem Badeorte Spaa, welcher auf der Heimreise den Rhein hinab besucht wurde, noch nicht die mindeste Spur davon sehen, daß Wilberforce auch nur daran denke, den weltlichen Genüssen und Vergnügungen zu entsagen und den Weg eines ernsten, im Lichte des Wortes Gottes geführten Lebens zu betreten. Gleichwohl begann hier aber in ihm der innere Kampf zwischen seinem laut und immer lauter mahnenden christlichen Gewissen und den Neigungen seines natürlichen Menschen.


Der Gedanke, daß er plötzlich von der Welt abgerufen werden könne, ohne in rechter Weise für das Heil seiner Seele gesorgt zu haben, ergriff ihn mit Macht, das Bewußtsein, bisher von seinen Gaben und von seiner Zeit nicht den rechten gottgewollten Gebrauch gemacht zu haben, legte sich wie ein Zentnerstein auf seine Seele, und unter solchen beängstigenden Gedanken lernte er fühlen und ahnen, welch einen festen, starken Trost es gewähren müsse, wenn man die Verheißungen des Evangelii so recht voll und ganz mit dem Glauben ergriffen habe. Das trieb ihn denn zum Suchen in der Schrift und zum herzlichen Gebete um den wahren Glauben.

Vor seiner Reisegesellschaft verschloß er jedoch noch ganz den schweren Kampf, der in seinem Herzen begonnen hatte; er wollte ihn in der Kraft seines Gottes und Heilandes allein durchkämpfen, und sein demütiger, keuscher Sinn hielt ihn ab, davon den andern gegenüber etwas merken zu lassen. Nur dem Tagebuche, das er jetzt regelmäßig zu führen anfing und das für uns die reichste und klarste Quelle ist, die rechte Erkenntnis und das volle Verständnis seiner inneren, geistlichen Entwickelung daraus zu schöpfen, vertraute er an, was außer ihm und seinem Gotte niemand wissen sollte. Wir sehen daraus, welch eifriges Ringen seiner Seele er sichs kosten ließ, in Christo, dem Heilande, Friede zu finden, und wie er auch allmählich durch Gottes Gnade fand, was er suchte.

Besonders gesegnet wurde für ihn die freie Zeit, welche er nach seiner Heimkehr im November noch hatte, bis die neue Parlamentssitzung begann, die in den Februar des nächsten Jahres fiel und ihn natürlich wieder nötigte, in das unruhige öffentliche Leben zurückzukehren. Er brachte diese Zeit zu Wimbledon in der Nähe von London zu, wo er sich eine Wohnung mietete, die es ihm möglich machte, ohne allzugroße Unbequemlichkeit zu den Parlamentssitzungen zu fahren, und doch auch die Stille der Einsamkeit zu haben, so oft er sich deren bedürftig fühlte. Hier widmete er sich ganz dem Nachdenken über sich selbst und der ernstesten, eifrigsten Beschäftigung mit dem Worte Gottes und anderen religiösen Büchern.

Jetzt schwand auch allmählich die Scheu bei ihm, mit dem, was sein Herz erfüllte, an die Öffentlichkeit zu treten; er wurde ein eifriger Besucher der Kirche und richtete in seinem eigenen Hause einen regelmäßigen, täglichen Hausgottesdienst ein, dem alle seine Diener anwohnten und den er selbst leitete. Nur zum Tische des Herrn wagte er noch nicht zu gehen, weil er dazu noch zu unwürdig zu sein glaubte, und es noch nicht gelernt hatte, sich ganz und ohne Rückhalt der Gnade des Heilandes zu übergeben. Die Briefe an seine Schwester aus dieser Zeit sind voll von den herzlichsten Bitten, sich ernstlich der Beschäftigung mit dem Worte Gottes hinzugeben; es drängte ihn nun, wo er für sich selbst die Quelle des Heils und des Friedens gefunden hatte, zu derselben auch diejenigen hinzuweisen, die seinem Herzen nahestanden.

Große Überwindung kostete es ihn allerdings noch, auch seinen bisherigen Freunden kund werden zu lassen, welche innerliche Veränderung mit ihm vorgegangen war. Denn von den wenigsten derselben konnte er ein rechtes Verständnis für das, was sein Herz bewegte, erwarten, wohl aber desto mehr Spott und höhnisches Achselzucken. Allein die Erwägung, daß er ungestörter seinen Grundsätzen nach würde leben können, wenn er dieselben frei und rückhaltlos habe kund werden lassen, öffnete ihm den widerstrebenden Mund zum frischen, fröhlichen Bekenntnisse. Der gefürchtete Spott blieb nun freilich wohl aus, weil Wilberforce sich in zu hohem Maße die Achtung seiner Freunde erworben hatte, als daß man ihn hätte verspotten können; aber niemand begriff die mit dem Freunde vorgegangene Umwandlung. Man begriff am wenigsten bei ihm, der bisher als ein Muster von Sittenreinheit gegolten hatte, die demütigen Selbstanklagen wegen seiner Sünden; man schüttelte wohl im stillen den Kopf über ihn, ließ ihn aber sonst ruhig gehen und nahm am wenigsten von seiner Sinnesänderung Veranlassung, sich einmal auf den Zustand des eigenen Herzens zu besinnen.

Dies war auch bei seinem Freunde Pitt der Fall, der natürlich zu den Ersten gehörte, dem er sein Inneres erschloß. Stand auch der große Staatsmann dem wahren Christentum keineswegs feindlich gegenüber, sondern schätzte es hoch, wo es ihm als ein aufrichtiges, lebenskräftiges entgegentrat, er war doch von seinen staatsmännischen Geschäften und Sorgen zu sehr erfüllt, von seinen Arbeiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß er sich durch die inständigen Bitten, womit ihn Wilberforce bestürmte, hätte bewegen lassen, auch für die Sorge um sein Seelenheil Zeit und Kraft zu erübrigen.

Je weniger Verständnis und Entgegenkommen aber Wilberforce bei seinen bisherigen Parlamentsfreunden fand, desto mehr neigten sich ihm die Herzen aller derer zu, die selber schon ernste Christen geworden waren, oder es doch werden wollten, und die natürlich den reich begabten, schon so angesehenen jungen Mann mit Freuden als einen der ihrigen begrüßten. Sie nahmen sich seiner in Liebe an, teilten ihm mit, was sie selbst schon an inneren geistlichen Erfahrungen gesammelt hatten, und bewahrten ihn dadurch vor den Verirrungen, in welche Neubekehrte so leicht geraten, wenn ihnen brüderliche Leitung und Handreichung mangelt. Besonders waren es ein hochgeachteter Geistlicher Namens Newton und ein alter Verwandter, John Thornton, deren herzlicher Teilnahme und liebevoller Leitung er sich zu erfreuen hatte und die ihm vor allen Dingen den guten Rat erteilten, vorsichtig zu sein im Anknüpfen neuer Bekanntschaften und Freundschaften und sich nicht zu leicht von den alten Freunden abzuwenden, sondern sich nur im Verkehre mit ihnen der sorgfältigsten Wachsamkeit zu befleißigen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
16 ocak 2025
Hacim:
172 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
4064066112301
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar