Kitabı oku: «Reisen ans Ende der Welt»

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Ibn Battuta (1304-1368 oder 1377) wurde in Tanger geboren. Er bereiste und beschrieb im 14. Jh. weite Teile der Welt. Bekannt wurden seine Aufzeichnungen in Europa erst im 19. Jh. Sie sind ein überzeugender Beleg für die kulturelle und wissenschaftliche Führungsrolle der Araber im Mittelalter.

Hans Dieter Leicht Historiker, Autor und Spezialist für Orientalistik, hat Battutas Reisebericht im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht. Für die Edition Erdmann betreute er u.a. die Veröffentlichung von Ein Harem in Bismarcks Reich von Nasreddin Schah und Wilhelm von Rubruks Reise zu den Mongolen.

Zum Buch

»Der Marco Polo Arabiens.«

Fasziniert von der Welt, legt der Araber Ibn Battuta im 14. Jahrhundert, wie noch kein Mensch vor ihm, in etwa 27 Jahren rund 120.000 km zurück und sprengt damit den Rahmen seines ursprünglichen Vorhabens von seiner Geburtsstadt Tanger aus nach Mekka zu pilgern.

Mit Schiffen, Kutschen und auf Kamelen unternimmt er eine Reise durch die gesamte islamische Welt und darüber hinaus – damit erweitert er die traditionellen Gebiete arabischer Geographen.

Im Auftrag des Sultans von Marokko hält der größte Weltreisende des Mittelalters seine Erlebnisse in diesem eindrucksvollen Reisebericht fest. Battuta liefert landes- und volkskundliche Betrachtungen sowie Verzeichnisse von Reiserouten und hinterlässt der historischen und ethnologischen Forschung damit reiche Quellen des Mittelalters.

Abu Abdallah Mohammed Ibn Battuta wurde 1304 in der afrikanischen Hafenstadt Tanger geboren. Sein vermögender Vater ermöglichte ihm das Recht zu studieren und eine umfangreiche Bildung zu erwerben. Als guter Moslem unternimmt Ibn Battuta 1325 eine Pilgerfahrt nach Mekka. Unterwegs wird deutlich, dass seine Neugier und der Wunsch die Welt kennenzulernen lange nicht gestillt sind. Seine Reise wird ihn durch die gesamte islamische Welt und darüber hinaus führen. 27 Jahre ist Battuta unterwegs und legt über 120.000 Kilometer zurück. Selbst Schiffbruch und der Verlust seiner Habseligkeiten halten ihn nicht davon ab Arabien, Indien, die Malediven, China und Afrika zu bereisen und zu erkunden. Heute ist er als der Marco Polo der Araber bekannt.

DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER


Der Reisende – Abu Said – nimmt Abschied.

(Schule von Bagdad, zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts)

Ibn Battuta

Reisen ans Ende
der Welt

Durch Afrika und Asien

1325 – 1353

Herausgegeben von

Hans D. Leicht

Mit 29 Abbildungen und 2 Karten


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Es ist nicht gestattet, Abbildungen und Texte dieses Buches zu scannen, in PCs oder auf CDs zu speichern oder mit Computern zu verändern oder einzeln oder zusammen mit anderen Bildvorlagen zu manipulieren, es sei denn mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Alle Rechte vorbehalten

2. Auflage 2016

© by Edition Erdmann in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden

Der Text wurde behutsam revidiert

nach der Ausgabe Edition Erdmann Stuttgart und Wien, 1985

Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH

nach der Gestaltung von Nele Schütz Design, München

Bildnachweis: Die Geschichte vom Pfirsichblütenland,

Gemälde im Sommerpalast, Peking, China

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0399-1

www.marixverlag.de

Inhalt

Einführung

Araber erschließen fremde Länder

Ibn Battuta – Kaufmann, Gelehrter, Abenteurer

Araber erschließen die Welt

Der »Marco Polo der Araber«

Ein Mann von Intellekt und Wissbegierde

Ibn Battuta – Reisen ans Ende der Welt

Chorasan und Transoxanien

Durch Steppe und Wüste

Das Erbe Dschingis Khans

Über Berge und durch Schnee

Indien

Merkwürdige Art der Geschenke

Besitzer von Dörfern

Festlich geschmückt zur Verbrennung

Indiens Früchte und Getreidearten

Im Dienst des Herrschers von Indien

Folterungen und Hinrichtungen

Am Hof des Sultans

In Gefangenschaft

»Das Grab der Liebenden«

Die Festung der Ratten und sehr erfahrene Frauen

Durch indische Küstenstädte

Seefahrt mit vielen Hindernissen

Auf den Malediven

Lebensweise der Bewohner

Die Frauen und ihr Liebesleben

Dämonenglaube und Bekehrung zum Islam

Eine Frau herrscht über die Inseln

Als Richter auf den Malediven

Frauen und Intrigen

Ceylon

Rubine, Affen und fliegende Blutegel

Der Fuß des Stammvaters

Mabar und Bengalen

Als Schiffbrüchiger an Land

Die Grausamkeiten des Sultans

Eine Hölle voll Glücksgüter

Hinterindien und der indische Archipel

Massenvergewaltigungen für Ehebrecherinnen

Zwei Wochen beim Sultan von Java

Merkwürdigkeiten in Kambodscha

Fürstin und Amazone zugleich

China

Porzellan und »dritter Fuß«

Steckbriefe und Übernachtungshinweis

Vier Wochen Flussfahrt

Die größte Stadt der Welt

In der Kaiserstadt Peking

Rückkehr aus China

Ein Berg fliegt davon

Ein Wiedersehen in Bagdad

Arabien

Medina – die Stadt des Propheten

Afrika

Durch die Wüste zum Niger

Im Lande Mali

Ungeziefer und Kamelfresser

Erläuterungen

Literatur

Bildquellen

Einführung
Araber erschließen fremde Länder
Ibn Battuta – Kaufmann,
Gelehrter, Abenteurer

»… trieb mich ein fest entschlossener Sinn, und ein leidenschaftliches Verlangen, diese hehren Heiligtümer zu sehen, wohnte in meiner Brust. So beschloss ich denn, mich von meinen Lieben zu trennen – Männern wie Frauen –, und verließ meine Heimat, wie der Vogel sein Nest verlässt.«

Ibn Battuta, im Alter von 21 Jahren, zu seiner ersten Reise von Tanger nach Mekka und Medina im Jahre 1325 n. Chr.

In einem historisch nahezu einzigartigen Schwung hatten die Heere des Islam, vornehmlich Araber, in der zweiten Hälfte des siebten und in den ersten drei Jahrzehnten des achten Jahrhunderts den Großteil der damals bekannten Welt erobert. Als im Herbst 732 der Franke Karl Martell mit einer starken Streitmacht vor den Toren von Paris, bei Tours und Portiers, dem arabischen Feldherrn Abd ar-Rahman und dessen Truppen, die zur festen Inbesitznahme des Landes sogar Frauen und Kinder mitgebracht hatten, gegenübertrat und den Ansturm der Orientalen stoppte, hatte das von Mohammed staatlich und religiös geeinte Arabertum den Kulminationspunkt seiner Machtpolitik bereits überschritten. Von den Pyrenäen bis zum Jaxartes und über den Indus hinausreichend, hatte sich die Herrschaft der ersten Kalifen zu weit von ihrer Ausgangsbasis, der Arabischen Halbinsel, entfernt, um diesem gewaltigen Reich nach der Eroberung auch die innere Stabilität zu sichern.

Das Arabertum wurde von da an auf seine erste Bestimmung – Träger des Islam und der geistigen, aber nicht der politischen Führung zu sein – zurückgedrängt. Während sich in Mitteleuropa die aus der Völkerwanderung hervorgegangenen Staaten und im weiteren Verlauf Kirche und Kaiser in oft blutigen Auseinandersetzungen konsolidierten und dabei zunächst keine Zeit aufbrachten, das Erbe der Antike auf breiter Ebene anzutreten, steigerten sich Hunderte von islamischen Gelehrten in einen Rausch an wissenschaftlicher Aktivität. Dutzende von Hochschulen zwischen Cordoba und Persien lehrten nicht nur den Koran, sondern ein Universalwissen, mit dem die zahlreichen in den eroberten Ländern vorgefundenen kulturellen Güter weiterentwickelt wurden.

Einmalig in der bis dahin viertausend Jahre alten schriftlich fassbaren Geschichte der Menschheit war es, dass der Vater des berühmtesten Abbasidenkalifen Harun ar-Raschid, Al-Mansur, nach einem siegreichen Feldzug gegen die Oströmer im Friedensvertrag als Reparationen kein Gold, keine Sklaven und keine Territorien forderte, sondern den Byzantinern zur Auflage machte, ihm 40 000 Bände ihrer Literatur auszuhändigen, die er übersetzen und auswerten ließ. Eine solche Tatsache unterstreicht nicht nur das Bemühen der Muslime, sich die geistigen Schätze der Völker des Mittelmeerraumes anzueignen, sondern macht auch verständlich, dass sie aus diesem Hunger nach Erkenntnissen heraus eine einsame Spitze der Wissenschaften erreichten und über Spanien, über die Kontakte in den Kreuzzügen und über das Sizilien Kaiser Friedrichs II. dem Abendland bis in die Neuzeit hinein entscheidende Impulse gaben. Noch im 14. Jahrhundert durfte in Paris die Lehre des Aristoteles nur nach dem arabischen Averroes-Kommentar interpretiert werden.

Araber, Perser, Ägypter, Chorasmier, Armenier, Juden und konvertierte Christen wurden von dem politischen und geistigen Sturmlauf des Islam erfasst und verhalfen der neuen Religion zu einer weitgespannten Bildungswelt. Das Arabische wurde nicht nur die Sprache des Glaubens, sondern auch der Literatur und der Wissenschaft, und blieb es auch dann, als das persische Element die politische Vorherrschaft im islamischen Reich erlangt hatte, wie es unter den Abbasidenkalifen der Fall war. Selbst die späteren Eroberer aus Innerasien, mongolische und Turkstämme, konnten sich der arabisch-islamischen Geisteswelt und der Farbenpracht ihrer literarischen Werke nicht verschließen.

Während sich auf mitteleuropäischem Boden das Merowingerreich erst aus den germanischen Stammestraditionen löste, hatten Technik, Kultur und Wissenschaften in den islamischen Ländern bereits eine Höhe erreicht, die erst Jahrhunderte später vom Abendland eingeholt werden konnte. So zieht sich durch die Geschichtsschreibung der karolingischen Zeit das fast ungläubige Staunen über die faszinierenden Geschenke, die Harun ar-Raschid dem Frankenkönig Karl gesandt hatte. Schon im achten Jahrhundert standen Uhren auf den öffentlichen Plätzen von Damaskus, der Hauptstadt des Omaijadenreiches, und nur hundert Jahre danach reisten arabische Wissenschaftler nach Paderborn und Magdeburg, um sich einen unmittelbaren Eindruck von den »Saqaliba«, den Sachsen, zu machen.

Zwischen dem neunten und dem zwölften Jahrhundert entstanden die berühmten, in Mitteleuropa so gut wie unbekannt gebliebenen Reiseberichte der vielen arabisch-islamischen Geographen. Sie vermittelten ihrer damaligen Welt ein Bild der ihnen bekannten, der Masse ihrer Zeitgenossen aber kaum zugänglichen Länder, wie es bis nach Marco Polo nicht besser gezeichnet werden konnte. Ibn Kordadbeh, Masudi und Idrisi waren unter den ersten Reisenden und sollten auch gleich zu den bedeutendsten zählen. Ibn Fadlan, Biruni, Ibn Dschubair, Ibn Battuta und Abu Said lieferten, ausgeschmückt mit persönlichen Erlebnissen, nicht nur landes- und völkerkundliche Betrachtungen, sondern ganze geographische Wörterbücher und Verzeichnisse von Reiserouten, sogenannte Itinerarien. Dazu kamen jüdische Kaufleute in arabischen Diensten, wie Suleyman, der über China und Indien berichtete, Ibrahim Ibn Yaqub, der vornehmlich die entferntesten Gebiete Europas aufgesucht hatte, und Rabbi Benjamin von Tudela, der besonders die Verhältnisse des Vorderen Orients schilderte.

Wenn die Namen dieser Männer aus dem islamischen Reich oft nur Historikern und Völkerkundlern geläufig sind, so mag dies vor allem darin begründet sein, dass es über sie noch immer kein zusammenfassendes Werk, sondern nur eine Vielzahl von Einzeldarstellungen gibt.

Araber erschließen die Welt

Die Längsachse durch die islamische Welt verlief vom Orient über die afrikanische Nordküste nach Spanien. Samarkand, Maschhad, Isfahan, Schiras, Bagdad, Damaskus, Kairo, Marrakesch und Cordoba sind nur die bekanntesten Städte des Mittelalters, in denen Künste und Wissenschaften immer wieder großartige Leistungen aufwiesen. Nach der Erkundung der orientalischen Heimat bot sich gerade Afrika zum ersten Erforschen an. Die Araber beschränkten sich jedoch nicht nur auf die Küstenregion und ihr unmittelbares Hinterland, sondern drangen bereits in den Kontinent ein. Schon 738, also knapp ein Jahrhundert nach Mohammeds Tod, schrieb Wahb Ibn Munabbeh ein Werk über die Bewohner des Westsudans und der Gegend rund um den Tschadsee. Ihm folgte der aus Bagdad stammende Abul-Hasan Ali Masudi, wohl einer der bedeutendsten unter jenen Geographen, deren Arbeiten nur auf persönlichen Erfahrungen und Anschauungen fußten. Schon ein halbes Jahrtausend, bevor das erste europäische Schiff Afrika umsegelte, hatte er einen klaren Begriff von Größe und Gestalt des Schwarzen Kontinents. Während man in Europa noch im 18. Jahrhundert einen Erdteil im südlichen Indischen Ozean vermutete, hatte bereits Masudi die Existenz eines solchen bestritten.

Wissensdrang, Erkenntnisse und Genialität arabischer Geographen gipfelten jedoch in dem aus Ceuta stammenden arabischen Fürstensohn Al-Idrisi, der im Auftrag des Normannenkönigs Roger II. von Sizilien in fünfzehnjähriger Arbeit eine Erdkarte auf eine Silberplatte zeichnete, in die er alle Forschungen der Gelehrten seiner Zeit einmünden ließ. Da er jedoch sein universales Wissen auf dieser Platte nicht erschöpfen konnte, schuf er ein Atlaswerk von 73 Blättern, das er »Die Gärten der Bildung und der Trost der Seele« nannte, von der Wissenschaft sehr prosaisch als der »Kleine Idrisi« bezeichnet, nachdem es, arabischen Quellen zufolge, noch ein umfassenderes Werk gegeben hat, das verlorengegangen ist.

Wie zuverlässig arabische Geographen die damals außerhalb des islamischen Machtbereichs völlig unbekannten Räume schilderten, mag der Bericht Al-Bekris über die alte Königsstadt von Ghana zeigen. Kurz vor Zweiten Weltkrieg begann man aufgrund seiner Darstellungen, in Kumbi Saleh, rund 300 Kilometer nördlich des Nigerhafens Bamako, archäologische Nachforschungen anzustellen. Als R. Thomassey im Jahr 1950 seine ersten Ausgrabungsberichte vorlegte, bestand kein Zweifel, dass jene von Al-Bekri beschriebene Hauptstadt des alten Ghana von ihm gefunden worden war. Auch die mit 15 000 angegebene Zahl der Einwohner musste anhand der Größenordnung der freigelegten Ruinen und deren Umfang stimmen. Zahlreiche moderne Staaten Westafrikas beziehen ihre ersten historischen Quellen aus den arabischen Berichten des Mittelalters.


Den Holzschiffen der Pharaonen sind die arabischen Dhaus nachgebildet. Wie im Mittelalter fahren sie auch heute noch – nur mit dem Monsun und ohne Navigationsmittel.

Es wäre jedoch einseitig, wollte man den Angehörigen der im Islam vereinigten Völker, die in den Jahrhunderten nach der Ausbreitung dieser Religion auf Reisen gingen, nur wissenschaftliche Motive unterstellen. Auf den Dhaus, jenen arabischen Seglern, die man heute noch in den Küstengewässern rund um die Halbinsel antreffen kann, und mit den Karawanen zogen vornehmlich Kaufleute und Pilger von Land zu Land, diese auf dem Weg nach Mekka und Medina oder wieder heimwärts, jene als Händler, die begehrte Waren und Sklaven transportierten. Zu ihnen gesellten sich, wie zu allen Zeiten, zahlreiche Abenteurer, die aus Neugierde, Gewinnsucht, aber auch auf der Flucht vor einer Strafe fernen Regionen zustrebten. Es ist bekannt, dass auch bei den großen Entdeckungen des 15. und 16. Jahrhunderts unter den Beteiligten gerade diese letzte Kategorie sehr stark vertreten war.


Kleidung und Lebensweise der Mannschaft einer arabischen Dhau haben sich seit dem Mittelalter kaum verändert.

Mancher Gelehrte, mancher Pilger, Kaufmann oder Reisende brachte es dabei auch zu großen Ehren, indem ihm ein Sultan oder Fürst wichtige, echt diplomatische Aufgaben übertrug. So waren Botschaften an andere Herrscher zu überbringen oder eine hochgestellte Persönlichkeit zu begleiten.

Der Mann aus dem arabisch-islamischen Bereich, der seiner Nachwelt den wohl eindrucksvollsten Versuch einer Gesamtschau der Welt des Mittelalters überlieferte, war Ibn Battuta. Im Gegensatz zu jenem ersten literarischen Denkmal arabischer Reiselust, den etwa um 830 n. Chr. entstandenen, im 19. Jahrhundert überall berühmt gewordenen Erzählungen Sindbads des Seefahrers, bleibt Ibn Battuta auf dem Boden der von ihm erlebten Realität.

Er war Pilger, Abenteurer, Diplomat, Richter, Gelehrter und Beobachter, je nach der Situation, die sich ihm stellte.


Besonders bedeutungsvoll ist für Ibn Battuta immer die Ausstattung einer Stadt mit Basaren. Seit Jahrhunderten hat sich das äußere Bild solcher Händlerstraßen in orientalischen Städten kaum geändert.

Der »Marco Polo der Araber«

Mit Ibn Battuta erlebte die arabische Reiselust ihr Ende, aber auch ihren Höhepunkt. Kein Mensch vor ihm war so lange und so weit unterwegs gewesen. In modernen Maßen ausgedrückt, legte er rund 120 000 Kilometer zurück, wofür er allerdings über 27 Jahre seines Lebens aufwendete.

Abu Abdallah Mohammed Ibn Battuta wurde am 17. Tag des Monats Rajab im Jahre 703 der Hidschra, also am 24. Februar 1304, in der afrikanischen Hafenstadt Tanger geboren. Sein vermögender Vater ließ den Herangewachsenen die Rechte studieren. Als strenger Muslim erzogen, wollte dieser sich durch eine Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten seines Glaubens, wie man es vielleicht modern ausdrücken würde, den Segen des Himmels für seinen Beruf erbitten. Mit 21 Jahren begab er sich am 14. 6.1325 auf diese Reise.

Aber schon unterwegs sollte es sich zeigen, dass in ihm der Wunsch, die Welt kennenzulernen, den Vorrang haben musste. Auf dem Landweg erreichte er nach der Durchquerung Nordafrikas die Stadt Alexandria, widmete Kairo einen ausgiebigen Besuch, ging nilaufwärts und von dort ans Rote Meer, um nach Arabien überzusetzen. Die jedoch auch damals nicht heile Welt machte seine Absicht zunichte. Kriegerische Verwicklungen, die auf diesem Meer für einen Pilger lebensgefährlich sein konnten, zwangen ihn zur Änderung seines Planes. Er musste nach Unterägypten zurück und über die Halbinsel Sinai nach Palästina und Syrien. Er nahm die Gelegenheit wahr, die Städte des Landes, darunter das auch dem Islam heilige Jerusalem, zu besuchen.


Auch in den großen Städten des Orients gibt es heute noch Holzhäuser, die teilweise schon mehrere Jahrhunderte alt sind.

Auf dem Landweg kam er endlich nach Mekka und Medina, die beiden Orte des Propheten und des Islam. Zwar war damit sein erstes »leidenschaftliches Verlangen, diese hehren Heiligtümer zu sehen«, gestillt, doch scheint ihn nun erstmals so richtig die Lust des Reisens erfasst zu haben. Das Zweistromland, seit Jahrtausenden Inbegriff der Kultur und unter den Abbasidenkalifen wieder zum geistigen Mittelpunkt des Islam erhoben, war sein nächstes Ziel. Von Bagdad, Basra, Mosul, Wasit und den verschiedenen Siedlungen in den Sümpfen zwischen Euphrat und Tigris mit ihm unbekannten muslimischen Sekten begab er sich nach Persien, um den Südteil dieses Landes kennenzulernen.

An eine Rückkehr in seine Heimat nicht mehr denkend, pilgerte Ibn Battuta erneut nach Mekka und Medina, wo er sich von 1328 an zwei Jahre lang aufhielt, um sich geistig und materiell für die großen Reisen zu rüsten, die zu seinem Lebenswerk und -inhalt werden sollten. Von nun an durfte er sich Scheich nennen, was ihm dann auf den vielen Stationen zwischen Arabien und den bis Hinterindien reichenden muslimischen Ländern sehr zustattenkam. Daneben genoss er immer wieder hohe Anerkennung als Richter, Kadi und als dreimaliger Mekkapilger.

Zunächst durchquerte er die Arabische Halbinsel, hielt sich im Jemen auf und reiste die ostafrikanische Küste entlang, um das gefürchtete Kap Guardafui herum, um Kilwa, die blühende arabische Handelsstadt im Südosten des Schwarzen Kontinents, zu besuchen, in der es damals dreihundert Moscheen gegeben haben soll, das moderne Quiloa, das jedoch durch das 200 Kilometer nördlich gelegene Daressalam in der Neuzeit als Hafen an Bedeutung verloren hat.


Im dürftigen Schatten der wenigen Bäume eines Dorfes in Chorasan bereitet die Frau das Essen zu.

Wieder nach Arabien zurückgekehrt, pilgerte er erneut zu den heiligen Stätten Mekka und Medina, um sich dann nach Norden zu wenden. Durch Syrien und Anatolien gelangte er an das Schwarze Meer und ging nach einer stürmischen Überfahrt in der Krimstadt Kaffa, dem heutigen Feodosia, an Land. Hier, in dieser griechischen Siedlung, die seit 1262 den Genuesen gehörte, hatte Ibn Battuta eine seiner wenigen Begegnungen mit dem Christentum. In der kurz zuvor zum Bischofssitz erhobenen Stadt störte ihn das dauernde Geläute der vielen Kirchenglocken, sodass er, spürbar erleichtert, die Christenstadt verlassen zu können, unter Glaubensbrüdern auf einem tatarischen Wägelchen die Siedlung Sarai im Kiptschak ansteuerte. Diese Niederlassung der Tataren an der Wolga erlebte zu jener Zeit als Handelsplatz zwischen Innerasien und dem Westen eine große Blüte. Der dortige Tatarenkhan Mohammed Uzbek empfing ihn mit hohen Ehren und erlaubte ihm sogar einen Blick in den Serail, was eine besondere Auszeichnung bedeutete. Der Khan war hocherfreut, als sich Ibn Battuta erbot, seine Weiterreise nach Bolgar im Tatarenland aufzuschieben und sich als Begleiter einer der Gattinnen des Khans, der byzantinischen Kaisertochter Bailun, zur Verfügung stellte, die mit einem großen Aufwand an Reitern, Sklavinnen und Pagen ihrem Vater in der Metropole am Bosporus einen Besuch abstatten wollte.

Nach einer Audienz beim Kaiser und einem sechsunddreißigtägigen Aufenthalt in Byzanz, wobei er auf einem Ritt durch die Straßen der Stadt dem Volk vorgestellt wurde, verabschiedete ihn der Herrscher mit einem Ehrenkleid und einem Sonnenschirm als Geschenk.

Zwar in Wolfspelze eingehüllt, aber doch jämmerlich frierend, kam der in der heißen Sonne Nordafrikas aufgewachsene Ibn Battuta mitten im Winter wieder in der Residenz des Tatarenkhans Mohammed Uzbek an der Wolga an. Nach einem – im Gegensatz zu anderen Besuchen – ungewöhnlich kurzen, nur drei Tage dauernden Aufenthalt in Bolgar, wo er wahrscheinlich mit seinen Geschäften – Ibn Battuta trieb wie viele seiner Vorgänger auf den Reisen auch Handel – nicht zufrieden war, nahm er seinen Weg ostwärts der Kaspischen See durch die Wüsten Innerasiens in das Reich von Chiwa, das auch das Chorasmische genannt wird, und nach Transoxanien. In Buchara, einer der kulturgeschichtlich interessantesten Städte der islamischen Welt, machte er dem Dschingiskhaniden Ala ed-Din Tarmaschirin seine Aufwartung.

Viele Wege führten ihn kreuz und quer durch Chorasan und Afghanistan, bis er endlich am 1. Moharrem 734 n. H., am 12. September 1333, die Grenze Indiens überschritt. Seit Jahrtausenden, und dann besonders vom Feldzug Alexanders des Großen an, war der Subkontinent Indien ein begehrtes Land für viele Völker und Herrscher, ebenso für Kaufleute, die sich besonders für die begehrten Gewürze, aber auch für Edelmetalle interessierten. Mit den Kriegszügen Mahmuds von Gazna hatte der Islam in Indien Fuß gefasst, ohne sich jedoch in dem Umfang ausbreiten zu können, wie es ihm anderswo möglich war. Der damals schon vorhandene Gegensatz zwischen den Muslimen und den altgläubigen Indern, den auch Ibn Battuta am eigenen Leib zu spüren bekam, setzte sich unvermindert bis heute fort.

Es hatte den Anschein, als wollte sich Ibn Battuta in Indien auf die Dauer niederlassen; denn über acht Jahre lang hielt er sich in Delhi auf. Hier brachte er es zu großem Ansehen, sodass ihn schließlich der dortige Sultan bat, als dessen Gesandter nach China zu reisen. Schon an die vierzig Jahre alt, startete Ibn Battuta in sein größtes Abenteuer, das ihm unter den abendländischen Kennern seiner Schilderungen den Namen »Marco Polo der Araber« eingebracht hat. Diese an vielen unglücklichen Zwischenfällen, aber auch angenehmen Ereignissen reiche Reise wird Hauptinhalt seiner nachfolgenden Schilderungen sein.

Im April 1347, also 14 Jahre nachdem er Indien betreten hatte, kam er zurück. Von Zafar an der Nordküste Arabiens durchquerte er Persien, Mesopotamien, Syrien und Palästina, wo er die furchtbare Pest erlebte, und ging von Ägypten aus zum vierten Mal als Pilger nach Mekka. Nach einem Abstecher in Sardinien gelangte er über Nordafrika Anfang 1349 nach Fez in Marokko, nachdem er über 24 Jahre unterwegs gewesen war. Hier diktierte er dem Dichter Mohammed Ibn Djuzayy seine Erlebnisse unter dem Titel »Reisen in Asien und Afrika«.

Der durch zweieinhalb Jahrzehnte strapazierte Geist Ibn Battutas kam jedoch noch nicht zur Ruhe. Als strengen Muslim trieb es ihn nach Spanien, wo er am Kampf gegen die »Ungläubigen«, nämlich die Christen der Reconquista, teilnehmen wollte. Er hatte aber nur einen Strauß mit christlichen Wegelagerern zu bestehen, die man modern vielleicht mit Partisanen vergleichen könnte. Im Übrigen hielt er sich hauptsächlich im islamischen Königreich Granada, der letzten arabischen Bastion auf der Iberischen Halbinsel, auf.

Den Schlussstrich unter sein Wanderleben zog Ibn Battuta, als er am 18. Januar 1352 seine letzte bedeutende Fahrt antrat. Sie führte ihn auf den Karawanenwegen, deren Mühsale dem Fünfzigjährigen sehr zu schaffen machten, durch die Sahara an den oberen Niger und in die geheimnisvolle Stadt Timbuktu, die ihn jedoch sehr beeindruckte. Agades, Gao und das Königreich Mali der Mandingoneger waren weitere Stationen dieser Reise, die es an Eindrücken jedoch nicht mit seinen asiatischen Erlebnissen aufnehmen konnte. Hinzu kam, dass man es hier an Ehrerbietung ihm gegenüber fehlen ließ. Ungeziefer und Hitze machten ihn beinahe mürbe, und an den Mahlzeiten fehlten jene feinschmeckerischen Raffinessen, die nun einmal zum Lebensstil eines Orientalen gehörten. In Agades erreichte ihn das Schreiben des Sultans von Marokko, was für die hervorragende Nachrichtenverbindung jener Zeit spricht, und das ihn zur Rückkehr bewog. Glücklicherweise zog er im Monat Ramadan durch das Hoggargebiet, wo er in dieser einzigen ruhigen Zeit des Jahres von muslimischen Wüstenräubern verschont blieb, die dieses Fest ebenfalls respektierten. Zwei Jahre nach dem Aufbruch zu dieser letzten Reise traf er schließlich Ende Dezember 1353 wieder in Marokko ein.


Genügsam wie die Kamele, die er zu betreuen hat, lebt dieser Beduinenjunge in der Steppe, immer aber die Hand nach einem Bakschisch ausstreckend.

Noch 22 Jahre lebte er in seiner alten Heimat und genoss dort große Ehren. Im Jahre 1377 rief Allah seinen strenggläubigen, aber doch lebensgewandten Diener für ewig in das von seinem Propheten Mohammed gepriesene Paradies.

Ein Mann von Intellekt
und Wissbegierde

Ibn Battutas Reiseberichte sind nicht allein für die Wissenschaft von Bedeutung, gab er doch genaue Beschreibungen von Land und Leuten seiner Zeit, sondern auch für den an frühen Entdeckungen und Abenteuern Interessierten, der hier in ein Jahrhundert zurückversetzt wird, das reich an politischen Ereignissen und kulturellen Schöpfungen in Asien war, aber auch bereits den Aufbruch der Kulturvölker, die Welt näher zu erforschen, einleitete.

Ibn Battuta verfällt nicht dem Reiz, seine Berichte mit Übertreibungen oder Märchen auszuschmücken, sondern bleibt stets auf dem Boden der Tatsachen oder zumindest des ihm Mitgeteilten. Abweichungen davon sollten daher nicht überbewertet werden. Wenn er nämlich beim Besuch Ceylons den Adam’s Peak, der damals Serendib genannt wurde, besteigt und von ihm glaubt, er sei der höchste Berg der Welt, so mag ihn der Eindruck überwältigt haben, den er bereits auf der Anfahrt vom Meer aus hatte, und der bei einer Erhebung von 2243 Metern über dem Meer, aus dem dieser Berg scheinbar unmittelbar emporstrebt, auch einen modernen Menschen zu falschen Schätzungen verleitet. Wenn Ibn Battuta dennoch einmal der durch Jahrhunderte der Seefahrt spukenden und aus den Erzählungen von Tausendundeiner Nacht bekannten Sage vom Vogel Rock verfällt, so muss man die ganze Mentalität der Leute des Mittelalters verstehen, die auf kleinen, leichten Schiffen im riesigen, von seinem Umfang nur wenig bekannten Meer stets in Furcht vor dem Unbekannten und dem Gigantischen lebten. Inmitten einer Schar zitternder und sich verloren glaubender Seeleute mag schließlich auch Ibn Battuta von der allgemeinen Psychose angesteckt worden sein und in einer atmosphärischen Erscheinung jenes legendäre Riesentier erblickt haben.

Neben solchen meist persönlichen Impressionen darf man jedoch Ibn Battutas Berichten den Glauben schenken, der bei fast allen arabischen Reisenden jener Jahrhunderte angebracht ist, zumal sich auch Vergleiche anbieten, die viele seiner Behauptungen bestätigen. Seine Fahrten übertreffen an Entfernung und Zeitdauer die weltberühmt gewordene Reise Marco Polos und sind in ihrem literarischen Ertrag zumindest ebenbürtig, trotzdem aber auch heute noch nur einem recht kleinen Kreis geläufig. Dies mag auch darin begründet sein, dass sich im Werk Ibn Battutas, das sich ja aus mehreren Einzelarbeiten zusammensetzt, viele Schilderungen jener Gegenden des Vorderen Orients befinden, die weitgehend bekannt sind und es damals schon waren, zum anderen Ibn Battuta nicht immer die zeitliche Folge einhält und in spätere Abschnitte Reflexionen früherer Erlebnisse einbaut. So hatten bisher alle Herausgeber bei der Einordnung des tatsächlichen Ablaufs der Ereignisse einige Schwierigkeiten. Die mangelnde Kenntnis Ibn Battutas und seines Lebenswerks dürfte auch darin begründet sein, dass man in Europa und damit im nichtmuslimischen Bereich keinen allgemeinen Kontakt zu arabischen Schriftstellern besaß, weshalb ein Ibn Battuta im Schatten Marco Polos verschwand, der in dem geistig aufblühenden Italien seiner Zeit eine gute Ausgangsbasis für die Aufnahme seiner Erlebnisse vorfand.

Die Schwierigkeit bei der Einordnung der Berichte Ibn Battutas erklärt auch, weshalb sich die bisherigen Veröffentlichungen meist über mehrere Jahre erstreckten. Vier Bände gaben C. Defremery und B. R. Sanguinetti zwischen 1853 und 1858 in Paris heraus, und auch die Gesamtausgabe von Sir Hamilton Gibb, »The Travels of Ibn Battuta«, nahm die Jahre 1958 bis 1971 in Anspruch.

Wenn nun nachfolgend der größte Weltreisende des Mittelalters zu Wort kommt, so muss dies im Rahmen einer Auswahl und nicht eines umfassenden Werkes geschehen. Von der Bedeutung her gesehen, wird seine wichtigste und zeitlich längste Reise, der Besuch und Aufenthalt in Indien wie auch die Fahrt nach China und die Rückkehr über die indonesische Inselwelt, den größten Raum beanspruchen. Mit dieser Reise und ihrer Beschreibung hat nämlich Ibn Battuta die bis dahin traditionellen Gebiete arabischer Geographen überschritten und seiner islamischen Welt erstmals ein umfassendes Bild jener Länder vermittelt, die zwar den Händlern nicht mehr unbekannt waren, aber für die Mehrzahl seiner Zeitgenossen jenseits des eigenen Vorstellungsbereichs lagen. Wo andere, auch noch für den modernen Leser interessante Momente und vielleicht kuriose Erlebnisse Ibn Battutas gegeben sind, sollen sie in geraffter Form und in Auszügen ein Bild von der Vielgestaltigkeit jener spätmittelalterlichen Zeit, in der sich bereits ein Umbruch andeutet, vermitteln.


Zwischen Marokko und Indonesien leben rund 400 Millionen Menschen, die sich zum Islam bekennen. Die Moschee ist, von Mohammed eingeführt, Mittelpunkt des religiösen Lebens. Zu den berühmtesten zählt die Omar-Moschee in Jerusalem.

Zum Verständnis zahlreicher Kommentare Ibn Battutas soll noch darauf verwiesen werden, dass der Araber ein strenggläubiger Muslim war. Wenn er sich unterwegs einen eigenen Harem zulegt, wenn er sich junge, hübsche Sklavinnen kauft und behauptet, dass es für ihn eine Selbstverständlichkeit sei, täglich mit all seinen Frauen und Konkubinen zu schlafen, so ist dies für ihn und seine Religion durchaus nicht unsittlich. Auch seine geradezu bestürzende Teilnahmslosigkeit, als ihm eine solche Frau eine Tochter schenkt, lässt sich nur aus der Gesamthaltung des Muslims zu weiblicher Nachkommenschaft erklären. Hingegen spricht er mit Leidenschaft gegen die Unzucht, die ihm besonders in den unbekleidet umhergehenden Frauen Afrikas entgegentritt; hier ist es nicht das Geschlechtliche, sondern die Nacktheit, die den an verschleierte, ja fast vermummte Frauen gewöhnten Muslim abstößt, während Sklavinnen und Dirnen ihre ganzen Reize in der Öffentlichkeit demonstrieren dürfen.

Schließlich soll nicht übersehen werden, dass Ibn Battuta auf seinen Reisen Handel trieb, dass er also von Geschäften und Gewinn abhängig war. Auch diese Tatsache findet immer wieder ihren Niederschlag in Äußerungen und Bewertungen. Als Rechtsgelehrter und mehrfacher Mekkapilger genoss er außerdem an Fürstenhöfen im islamischen Bereich besondere Achtung. Es ist daher verständlich, wenn er einen Khan oder Sultan vornehmlich danach beurteilt, wie sich dieser ihm gegenüber verhält. Je reichhaltiger die Geschenke und je eindrucksvoller die Freizügigkeit, die ihm widerfuhr, desto günstiger lauteten die Prädikate, die Ibn Battuta einem Gastgeber zu verleihen bereit war. Knausrige Potentaten hingegen konnten nicht mit der literarischen Gunst des schon zu seinen Lebzeiten geschätzten Arabers rechnen. Geschenke, Bestechungen und überschwängliche Lobhudeleien haben noch in der Gegenwart im Orient einen anderen Stellenwert als im Abendland.

Trotz allem steht fest, dass die geistige Welt mit Ibn Battuta einen Autor besitzt, der an Mut, Wissbegierde und am konsequenten Festhalten seines Ziels, auch bei schweren persönlichen Rückschlägen, den großen Entdeckern und Weltreisenden ebenbürtig ist, die meisten von ihnen aber an Intellekt und an der Fähigkeit, seine Eindrücke schriftlich festzuhalten, in den Schatten stellt.

Der Kenner arabisch-islamischer Dichtung, die sich durch blumenreiche Sprache und vielgestaltige Bilder auszeichnet, wird solches bei Ibn Battuta vermissen. Dieser Araber hatte nie im Sinn, seinen Zeitgenossen und der Nachwelt ein literarisches Denkmal zu schenken. Ihm ging es allein darum, seine Erlebnisse und Eindrücke aus fremden Ländern festzuhalten, dazu zwar den Wortschatz seiner damals hochentwickelten Muttersprache auszuschöpfen, jedoch keine dichterische Großtat zu liefern. Ibn Battuta bleibt stets sachlich, manchmal vielleicht sogar zu nüchtern. Aber gerade diese Tatsache macht seine Niederschrift auch noch für unsere Zeit interessant.

Der Maßstab, den man an Ibn Battutas Arbeit legen will, wird sich daher immer innerhalb der Grenzen dieser Tatsachen zu bewegen haben.

Es erschien notwendig, verschiedene Namen und Begriffe zu erläutern. Um historische Fakten und die geographische Lage sichtbar zu machen, mussten die Bezeichnungen zahlreicher Städte, Flüsse und Gegenden durch den modernen Ausdruck ergänzt werden. Um aber den Fluss der Darstellung nicht durch einen Anmerkungsapparat zu stören, wurden diese Erklärungen in Klammern gesetzt und sehr kurz gehalten. Weitere Erläuterungen geographischer und anderer Begriffe sind am Schluss des Buches zu finden. Dem Interessenten, der sich näher mit Ibn Battuta, seiner Zeit und den arabischen Reisenden des Mittelalters beschäftigen möchte, soll das Literaturverzeichnis weitere Hinweise geben.

Am Ende dieser Einleitung sei noch ein Wort erlaubt. Indem Ibn Battuta seine Erlebnisse dem Dichter Ibn Djuzayy diktierte, vermuten manche, die literarische Arbeit sei nur jenem – modern ausgedrückt – »Ghostwriter« zuzuschreiben. Aber gerade dies dürfte nicht zutreffen; denn arabische Poeten sind für ihre äußerst blumenreiche Sprache bekannt, und bei einem solchen Thema wäre sicher jeder Dichter der Versuchung verfallen, das ganze Reservoir der arabischen Sprache auszuschöpfen. Da dies aber nicht der Fall ist, darf man mit Recht annehmen, dass in diesem Werk Ibn Battuta selbst spricht.

Hans D. Leicht

Ibn Battuta

Chorasan
und Transoxanien
Durch Steppe und Wüste

Im Namen Gottes des gnädigen Erbarmers, des Allmächtigen! Gott segne unseren Herrn Mohammed, seine Familie und seine Genossen und gebe ihnen Heil!

Zehn Tage nach unserem Aufbruch von Al-Sara, der Residenz des Sultans Uzbek (Sarai, auf der Ostseite der Wolga, in Höhe des heutigen Wolgograd), trafen wir in Sarachuq ein, das am Ufer des großen und wasserreichen Flusses Ulusu (Ural) liegt, den wie in Bagdad eine Schiffsbrücke überquert. Hier war unseren Pferden als Zugtieren eine Grenze gesetzt. So entlohnten wir die Pferdeführer und mieteten Kamele.

Nach einem kurzen Aufenthalt in dem von einem alten und frommen Türken geleiteten Hospiz brachen wir wieder auf. Dreißig Tage lang waren wir dann unterwegs, angestrengt marschierend, mit nur zweistündiger Rast am Tag. Lediglich zum Zubereiten der Mahlzeiten machten wir eine längere Pause. Jeder von uns aß und schlief in seinem Wagen, auch wenn dieser durch die Steppe holperte. Bei mir im Wagen hatte ich drei Sklavinnen. Denn in dieser Wildnis reist man möglichst schnell, weil keine Herbergen zur Verfügung stehen und man auf die einzelnen Wasserstellen angewiesen ist, die eine Strecke von zwei oder drei Tagen auseinanderliegen.

Auf diese Weise kamen wir schließlich nach Chwarizm (Urgentsch), der größten, schönsten und bedeutendsten Stadt der Türken. Hier gibt es prächtige Basare, breite Straßen, viele Gebäude und Einrichtungen, die der Behaglichkeit dienen. Wie ein aufgewühltes Meer wogt die Masse der Bevölkerung durch diese Stadt. Als ich eines Tages mit dem Pferd ausritt und in den Basar kam, musste ich mein Vorhaben nach halbem Weg aufgeben, so sehr war ich von der Menge eingekeilt. Auch der Weg zurück war mir versperrt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit größter Geduld zu warten, bis sich eine Möglichkeit bot, nach langer Zeit und mit erheblichen Schwierigkeiten den Rückzug anzutreten. Ich folgte einer Empfehlung und besuchte an einem Freitag den Basar, wo er weniger bevölkert war. Da konnte ich dann bis zur großen Moschee und ihrer Koranschule vordringen.

Die Stadt gehört zum Herrschaftsbereich von Sultan Uzbek, der hier durch seinen Emir Qutludumur repräsentiert wird. Er war der Erbauer der Koranschule, während seine fromme Frau Turabak die Moschee errichten ließ. Der Emir, ein Verwandter des Sultans, ist Gouverneur von Chorasan.

Kadi Abu Hafis Omar, der mich in sein prächtiges Haus eingeladen hatte, berichtete mir, dass der Emir bereits von meiner Ankunft unterrichtet worden sei, mich aber hier nicht besuchen könne, da er sich von einer Krankheit noch nicht erholt habe. So begab sich der Kadi mit mir in die Residenz. In einer kleinen, reich geschmückten Halle empfing uns der Emir. Er saß auf einem Seidenteppich und hatte eine Decke über seine Beine gebreitet, da er an Gicht litt, einem unter den Türken sehr verbreiteten Leiden. Ich musste ihm vom Sultan, von meinen bisherigen Reisen und der Stadt Byzanz erzählen. Anschließend wurde auf goldenen und silbernen Schüsseln ein reichhaltiges und hervorragend schmeckendes Mahl aufgetragen.

In die Herberge, die sich in der Schule befand, zurückgekehrt, erhielten wir vom Gouverneur reiche Geschenke, darunter auch Lebensmittel und Brennmaterial. Nach einem Freitagsgebet in der Moschee erklärte mir Kadi Abu Hafis, dass der Emir Anweisung gegeben habe, mir 500 Dirhams zu schenken und für mich ein Bankett, ebenfalls im Wert von 500 Dirhams, vorzubereiten, an dem die Scheichs, Gelehrten und Persönlichkeiten der Stadt teilnehmen sollten. Ich begab mich zu ihm und sagte ihm: »O Emir, du lässt ein Bankett für mich bereiten, bei dem doch alle Teilnehmer nur ein wenig essen können. Wenn du jedem seinen Anteil an Geld geben würdest, so hätte er mehr davon.«

Dies tat er dann auch. Ich erhielt aber auch tausend Dirhams und kaufte mir ein vorzügliches Pferd, das mich für die nächsten drei Jahre begleiten sollte. Die Frau des Kadis schickte mir hundert Silberdinare, und ihre Schwester Turabak, die Frau des Gouverneurs, gab mir zu Ehren ein Bankett, an dem dann die schon erwähnten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens teilnahmen. Sie sandte mir auch ein Pelzgewand und ein vortreffliches Pferd, die tugendhafteste, frömmste und großzügigste aller Frauen – Gott möge ihr alles Gute angedeihen lassen!

Die in Chorasan wachsenden Melonen sind unübertrefflich, vielleicht noch mit jenen von Buchara oder Isfahan zu vergleichen. Ihre Schale ist grün und das extrem süße Fleisch von roter Farbe. Sie werden in Streifen geschnitten, an der Sonne getrocknet und in Körbchen nach Indien und China exportiert. Während meines Aufenthalts in Delhi wurden mir immer wieder solche Melonenstreifen zu den Mahlzeiten vorgesetzt.

Zu meiner Weiterreise mietete ich Kamele und kaufte eine Doppelsänfte. Die Diener ritten einige der Pferde, während der Kälte wegen die anderen Tiere in Pferdedecken gehüllt wurden. So brachen wir in die Wildnis Chorasmiens auf, einen 18-Tage-Marsch durch unbewohnte Sandgebiete vor uns.

Nach vier Tagen erreichten wir die Stadt Al-Kat, den einzigen Ort an dieser Strecke (die alte Hauptstadt von Chorasmien, auf dem rechten Ufer des Amu-Darja, etwa 50 km nordöstlich von Chiwa). Wir kampierten außerhalb der Stadt an einem See, der zugefroren war. Die Buben spielten und rutschten darauf herum. Der Richter von Kat hatte von meiner Ankunft erfahren und suchte mich auf, wobei ihn die Theologiestudenten und die Scheichs der Stadt begleiteten. Auch der Emir erschien bei mir mit seinen Offizieren und Dienern. Obwohl wir rasch weiterreisen wollten, drängte er mich, ihm zu Ehren an einem Bankett teilzunehmen, bei dem die in der Stadt lebenden Dichter ihre Verse rezitierten.

Sechs Tage lang ging es dann durch die Wüste, in der es keinen Schluck Wasser gab. Eine Tagesreise vor Buchara kamen wir in die hübsche Stadt Wabkana, die zahlreiche Wasserläufe und Obstanlagen besitzt. Ihre Bewohner pflanzen vor allem die Pflaume an, die sie als Trockenfrucht nach Indien und China ausführen. Im grünen Zustand ist diese Pflaume süß, getrocknet besitzt sie jedoch eine scharfe Säure, die, mit Wasser vermischt, getrunken wird. Mir ist aus Spanien oder Marokko nichts dergleichen bekannt.

Durch eine dichtbesiedelte und kultivierte Gegend mit Wäldern und Flüssen waren wir einen Tag lang unterwegs, um nach Buchara zu gelangen. Dies war einst die Hauptstadt der Länder jenseits des Oxus (Amu-Darja), bevor sie vom verfluchten Dschingis Khan, dem Tataren, zerstört wurde. Mit wenigen Ausnahmen liegen daher heute ihre Moscheen, Schulen und Basare in Schutt und Asche. Auf ihre Bewohner blickt man jetzt verächtlich herab, und ihr Wort hat keine Geltung mehr. Sie legen falsches Zeugnis ab und halten es mit der Wahrheit nicht genau. Nicht ein Mensch hat eine religiöse Erziehung mehr oder bemüht sich auch nur um eine solche.


Araber beim Hüten der Kamele

(Schule von Bagdad, 13. Jahrhundert)

Das Erbe Dschingis Khans

Dschingis Khan war ursprünglich ein Hufschmied im Land Cathay (Nord- und Nordwestprovinzen von China). Als untadeliger, die Strenge liebender Mann sammelte er mit der Zeit eine Reihe von Leuten um sich, die ihn schließlich zu ihrem Anführer wählten. Bald hatte er in seinem eigenen Land die Herrschaft errungen. Er wurde durch seine Härte und Angriffslust bekannt. Es gelang ihm, die Könige von Cathay und China zu besiegen. Mit seiner an Zahl immer mehr wachsenden Armee unterwarf er die ganzen Länder des Ostens, verhielt sich jedoch gegenüber Jalal ed-Din Sanjar, dem König von Chorasan und Transoxanien, sehr zurückhaltend und vermied jeglichen Konflikt, da er dessen Macht und militärische Stärke fürchtete.

Da geschah es, dass Dschingis Khan eine Gruppe von Händlern mit Waren aus China und Cathay, besonders Seide, in die Stadt Utrar, die letzte Siedlung im Gebiet von Jalal ed-Din, sandte. Der dortige Gouverneur benachrichtigte den Sultan und bat um eine Anweisung, was er mit diesen Kaufleuten tun sollte. Jalal ed-Din befahl, den Händlern die Waren abzunehmen, sie selbst zu verstümmeln und ohne Glieder in ihr Land zurückzuschicken. Diese grausame Behandlung seiner Leute veranlasste Dschingis Khan, sich selbst an die Spitze seiner Truppen zu stellen und in die Länder des Islam einzufallen. Der Gouverneur von Utrar hatte Spione ausgeschickt, von denen sich einer als Bettler Einlass in das tatarische Lager verschaffte. Als dieser Spion beobachtete, wie sich die Soldaten verhielten und wie sie sich von tierischen Eingeweiden mit Pferdeblut ernährten, berichtete er nach der Rückkehr seinem Gouverneur, dass niemand auf der Welt die Macht besäße, mit Erfolg gegen ein solches Heer zu kämpfen.


Die Große Versammlung, in der Dschingis Khan proklamiert wird

(Raschid ed-Din, 14. Jahrhundert)

Die von Jalal ed-Din aufgestellte Armee mit 60 000 Mann wurde von Dschingis Khan vernichtet. Die Tataren eroberten die Stadt Utrar, wo sie alle Männer umbrachten und die Kinder in die Sklaverei schickten. Nach mehreren Schlachten, die in die Geschichte des Islam eingegangen sind, besetzte Dschingis Khan schließlich Transoxanien, verwüstete Buchara, Samarkand, Balkh und andere Städte, um letztlich in den Irak einzufallen und Bagdad, die Hauptstadt des Islam, zu erobern, womit der Untergang des Kalifats besiegelt war. Dem Blutbad der Tataren fielen im Irak allein 24 000 Koranschüler zum Opfer.

Nach Ankunft in Buchara nahmen wir in dem Stadtteil Fath Abad Quartier, wo sich das Grabmal des gelehrten Scheichs und frommen Asketen Saif ed-Din al-Bakharzi, eines großen Heiligen, befindet.

Auf unserer Weiterreise kamen wir nach Nakhshab, einer kleinen, von Gärten und Wasserläufen umgebenen Stadt, an deren Rand wir in einem dem Gouverneur gehörenden Haus Unterkunft erhielten. Ich hatte eine Sklavin bei mir, die ihrer Niederkunft entgegensah. So bemühte ich mich, sie nach Samarkand bringen zu lassen, wo sie entbinden sollte. In einer Sänfte, die von einem Kamel getragen wurde, brachte sie einer meiner Begleiter noch in der Nacht fort, wobei ich dem kleinen Trupp ausreichend Proviant und andere Dinge des notwendigen Bedarfs mitgab.

Ich selbst blieb zurück, um am Tag weiterzureisen. Mit meinen Begleitern benutzte ich jedoch eine andere Route, sodass wir erst spät am Abend und fast ausgehungert das Lager des Sultans erreichten, das jedoch immer noch weit von der nächsten Einkaufsmöglichkeit entfernt lag. Ein Mitreisender verfügte noch über einige Lebensmittel, mit denen wir unseren größten Hunger stillen konnten. Nachdem wir in einem geliehenen Zelt übernachtet hatten, setzten wir unseren Marsch fort und holten am Abend die andere Gruppe mit meiner Sklavin ein.


Hofhaltung des Sultans (Miniatur, 14. Jahrhundert)

Da sich Sultan Ala ed-Din Tarmaschirin gerade auf der Jagd befand, wies mir Emir Taqbugha eine Unterkunft neben seinem Gebetszelt an. Ich brachte die Sklavin in ein Zelt, wo sie noch in der Nacht einem Kind das Leben schenkte. Man berichtete mir, dass sie einen Jungen zur Welt gebracht habe. Doch war dem nicht so; denn nach der Zeremonie der Namensgebung (sieben Tage nach der Geburt, wobei das Gewicht des geschorenen Kinderhaares in Gold oder Silber als Almosen gegeben werden musste) erfuhr ich, dass es sich um ein Mädchen handelte. Daher befahl ich die Sklavin zu mir, und sie bestätigte mir die Geburt eines Mädchens. Das Kind war unter einem glücklichen Stern zur Welt gekommen, und ich hatte Freude und Genugtuung über den Zeitpunkt der Geburt. Aber zwei Monate nach meiner Ankunft in Indien starb das Mädchen.

Sultan Ala ed-Din Tarmaschirin ist ein bedeutender Herrscher, der über viele Fußtruppen und Kavallerieregimenter verfügt. Trotz seiner großen Macht ist er als gerechter Regent bekannt. Seine Ländereien liegen zwischen den vier gewaltigen Königreichen dieser Erde, nämlich des Königs von China, Indien, des Irak und des Königs Uzbek. Alle schicken ihm Geschenke und erweisen ihm Ehre und Respekt.

Als ich mich einige Tage in seinem Lager aufgehalten hatte, begab ich mich, wie gewohnt, zum Abendgebet in das Moscheezelt. Dort befand sich auch der Sultan. Als er sich vom Gebetsteppich erhob, grüßte ich ihn. Er erkundigte sich in türkischer Sprache nach meinem Befinden und meinte schließlich: »Deine Ankunft hier sei gesegnet!« Später wurde ich von ihm in seinem prächtig ausgestatteten Zelt empfangen. In Gegenwart seiner Emire musste ich ihm von Mekka und Medina, Jerusalem, Hebron, Damaskus, Kairo, den irakischen Staaten und den nichtarabischen Ländern erzählen.


Treibjagd

(Persische Miniatur, Anfang 15. Jahrhundert)

Als ich mich nach 54 Tagen entschloss, das Lager des Sultans zu verlassen, machte er mir 700 Silberdinare und einen Zobelpelzmantel im Wert von hundert Dinaren zum Geschenk. Ich hatte ihn in Anbetracht der Kälte darum gebeten. Auch gab er mir zwei Pferde und zwei Kamele. Als ich aufbrach, ritt er gerade zur Jagd aus. Es war ein bitterkalter Tag. Ich brachte kaum ein Wort heraus, doch er verstand mein Unbehagen bei solcher Kälte, lächelte und reichte mir zum Abschied die Hand.

Samarkand, wohin wir dann gelangten, ist eine der größten und schönsten Städte. An den Ufern des Flusses gebaut, ist ihre Pracht geradezu unübertroffen. In den Obstgärten, wo die Bewohner nach dem Gebet spazieren gehen, stehen Bänke und Sitzplätze zum Ausruhen bereit. Die wunderbaren Paläste früherer Zeiten und andere bedeutende Bauten stehen nicht mehr; ebenso wie ein Großteil der Stadt sind ihre Ausmaße nur noch aus den Ruinen heraus zu erkennen. Anstelle einer Stadtmauer befinden sich dort Gärten. Die Bevölkerung von Samarkand ist gegenüber dem Fremden äußerst zuvorkommend.

Die Stadt Tirmidh, unser nächstes Ziel, ist ein sehr großer Ort mit schönen Gebäuden und Basaren, von Kanälen durchzogen und mit vielen Gärten ausgestattet. Hier wachsen besonders Früchte, vornehmlich herrlich duftende Quitten. Die Bewohner von Tirmidh waschen in den Badehäusern ihre Köpfe mit Milch. Zu diesem Zweck hat der Eigentümer eines Badehauses stets große gefüllte Milchbehälter bereitstehen. Jeder, der ein solches Haus betritt, schöpft sich Milch mit einem kleinen Gefäß und wäscht sich den Kopf. Das Haar wird dadurch frisch und glänzend. Die Inder verwenden stattdessen Sesamöl, was das Wachstum ihrer Haare fördert, sodass sie mächtige Bärte tragen. Das alte Tirmidh hatte am Ufer des Jaihun (Amu-Darja) gelegen. Nachdem es durch Dschingis Khan zerstört worden war, wurde die neue Stadt etwa zwei Meilen vom Fluss entfernt angelegt.


Flussfahrt eines arabischen Segelbootes

(Al-Hariri, 13. Jahrhundert)

Auf der anderen Seite des Flusses betraten wir das Land Chorasan und durchquerten eineinhalb Tage lang eine unbewohnte Wüste, bis wir zur Stadt Balkh kamen. Sie ist völlig zerstört und menschenleer. Dabei erweckt sie gerade durch die Solidität ihrer Anlage einen bewohnten Eindruck, zumal das äußere Bild ihrer Moscheen und Schulen mit Inschriften auf den Gebäuden und Malereien aus Lapislazuli erhalten geblieben ist.

Ein die Geschichte sehr gut kennender Gelehrter erzählte mir, dass die Moschee von Balkh von einer Frau gebaut worden war, deren Gatte, Daud Ibn Ali, für die Abbasidenkalifen als Gouverneur diese Stadt und ihren Bezirk verwaltete. Eines Tages erfasste den Kalifen großer Zorn über einige Widerstände unter der Bevölkerung, sodass er einen Bevollmächtigten entsandte, der das Volk strafen und von ihm erhöhte Abgaben eintreiben sollte. Nach seiner Ankunft in Balkh begaben sich die Frauen mit ihren Kindern zur Erbauerin der Moschee und flehten sie an, ihnen in ihrer Lage zu helfen.

Da ließ sie dem Emir, der die Steuern eintreiben sollte, ihr eigenes Gewand, das mit Gold und Edelsteinen bestickt war und einen höheren Wert als die Steuer hatte, schicken. Der Bote überbrachte dazu die Nachricht: »Bringe dieses Kleid dem Kalifen. Ich gebe es anstatt der Steuer für das Volk von Balkh, das so arm ist.« Der Emir reiste daraufhin zum Kalifen, legte ihm das Kleidungsstück vor und erzählte die Geschichte. Da erfasste den Herrscher der Gläubigen große Scham und er rief aus: »Soll denn eine Frau großherziger sein als wir?« Er befahl, jegliche Strafe für die Bewohner des Gebietes sofort einzustellen und keine Abgaben zu verlangen.

Der Emir kehrte nach Balkh zurück, begab sich zur Frau des Gouverneurs und berichtete ihr, indem er das Gewand zurückgab, was der Kalif gesagt und angeordnet hatte. Da antwortete sie ihm: »Lagen die Augen des Kalifen auf diesem Kleid?« – »Ja«, erwiderte er. – »Gut«, meinte sie, »so werde ich dieses Gewand nicht mehr tragen, da auf ihm das Auge eines Mannes ruhte, der nicht mit mir verwandt ist.« Sie befahl, das Kleid zu verkaufen, und baute mit dem Erlös die Moschee, das Hospiz und eine Unterkunft für Gläubige, die heute noch bewohnt wird. Als diese Gebäude errichtet waren, stellte man fest, dass noch ein Drittel des Geldes übrig war. Sie ordnete an, diese Summe unter einer der Säulen in der Moschee zu vergraben und erst dann ans Tageslicht zu holen, wenn das Gold dringend gebraucht würde. Von dieser Geschichte hörte dann Dschingis Khan, der daraufhin alle Säulen niederreißen ließ, um an den Schatz zu gelangen. Als ein Drittel zerstört war und man nichts gefunden hatte, ließ er den Rest stehen.

Außerhalb von Balkh liegt ein Grabmal, in dem Ukkasha Ibn Mihsan aus dem Stamm der Asad begraben ist. Er war ein Gefährte des Propheten – Gott segne ihn und schenke ihm Frieden – und kam ins Paradies, ohne auf den Tag des Gerichts warten zu müssen. Darüber befindet sich ein ausgezeichnetes Hospiz, in dem wir untergebracht waren. Am Rand eines Teiches steht ein weit ausladender Walnussbaum, in dessen Schatten man sich im Sommer erholen kann.

Der Scheich dieser Unterkunft ist Al-Hajj Khurd, ein ehrenwerter Mann, der mit uns umherritt und uns die sehenswerten Plätze der Stadt zeigte. Dazu gehörte auch das Grabmal des Propheten Hizkil (Ezechiel) – Friede sei mit ihm –, über dem sich eine schöne Kuppel wölbt. Wir besuchten außerdem noch eine Reihe von Gräbern heiliger Männer, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Auch am Haus des Ibrahim Ibn Adham – Gott segne ihn – hielten wir uns auf, einem großen und sehr auffällig angelegten Gebäude aus weißen Steinen. Es wurde als Lagerhaus für das Getreide benutzt, das auf den dem Hospiz gehörenden Feldern geerntet worden war. Zu seinem Schutz war der Bau fest verriegelt, sodass wir ihn nicht betreten konnten. Er liegt in unmittelbarer Nachbarschaft der Hauptmoschee.

Über Berge und durch Schnee

Der elende Dschingis Khan verwüstete die Stadt und zertrümmerte ein Drittel ihrer Moscheen, weil man ihm erzählt hatte, dass unter einer Säule ein Schatz verborgen sei.

Sieben Tage lang durchquerten wir die Berge von Quhistan, mit ihren zahlreichen Dörfern, Gebirgsflüssen, Laubbäumen, vornehmlich Feigen, und Herbergen, die von frommen Männern bewohnt werden, deren Dienste Gott, dem Allerhöchsten, gewidmet sind.

Mit Harat (Herat) lernten wir die größte bewohnte Stadt Chorasans kennen. Sie gehört zu den vier größten des Landes, Balkh und Merw, den beiden zerstörten, und Harat und Maisabur, den bewohnten.

Ein Ort mittlerer Größe war Al-Jam (heute Turbat-i Shah). Da hier viele Maulbeerbäume wachsen, produziert man besonders Seidenwaren. Nächste Station war Tus, eine der berühmtesten Städte von Chorasan, die Heimat des gefeierten Imams Abu Hamid al-Ghazali – Gott sei ihm gnädig! Hier befindet sich auch sein Grabmal. Dann gelangten wir nach Meshed, einer großen und bedeutenden Stadt mit Obstplantagen, Bewässerungsanlagen und Mühlen. Sie weist ein bemerkenswertes Heiligtum auf, das in einem Hospiz von einer mächtigen Kuppel überragt wird. Dazu gehören noch eine Schule und eine Moschee. Diese Gebäude sind von eleganter Konstruktion.


Im Vorhof eines Gartens

(Aus der Schule von Herat, 14. Jahrhundert)

Über dem Grabmal befindet sich eine hölzerne, mit Silberplatten ausgelegte Balustrade, über der ein silberner Kandelaber hängt. Die Türeinfassung ist ebenfalls aus reinem Silber, und darüber sieht man einen golddurchwirkten Seidenvorhang. Es handelt sich um die letzte Ruhestätte Harun ar-Raschids, des Herrschers der Gläubigen – Gott möge ihn segnen! Wenn ein Besucher vor diesem Grabmal steht, so versetzt er ihm mit dem Fuß einen Tritt und spricht ein Segensgebet für Harun ar-Raschid.

Über Sarakhs erreichten wir Zawa, die Stadt des frommen Scheichs Qutb ed-Din Haidar, der den Haidari-Orden armer Brüder gründete. Dies sind Fakire, die in ihren Händen, Ohren und am Hals eiserne Ringe tragen. Ja, sie gehen sogar so weit, solche Ringe um ihr Geschlechtsteil schmieden zu lassen, damit sie nicht in Versuchung geraten, einen Beischlaf auszuführen.

Unsere Reise fortsetzend, kamen wir nach Naisabur (Nishapur), eine der vier Hauptstädte Chorasans. Ihrer Schönheit, Obstanlagen, Wasserläufe und Mühlen wegen wird sie auch »Klein-Damaskus« genannt. Viele Kanäle durchqueren sie; ihre Basare sind vorzüglich ausgestattet und beeindrucken durch ihre Weiträumigkeit. Inmitten des Basars erhebt sich die wunderbare Moschee mit ihren vier Schulen. Hier erwirbt sich eine große Zahl von Studenten die Kenntnisse in der Koranlehre und in der Rechtsprechung, sodass die Schule im ganzen Land einen vorzüglichen Ruf genießt. Von Naisabur wird sehr viel Seide nach Indien ausgeführt.

In Naisabur hatte ich mir einen jungen türkischen Sklaven gekauft. Als ihn der gelehrte und fromme Scheich Qutb ed-Din an-Naisaburi sah, warnte er mich: »Dieser Bursche ist für dich nicht passend; verkaufe ihn wieder!« – »Gut. Wenn du es meinst«, antwortete ich und verkaufte den Sklaven im Laufe der nächsten Tage an einen Händler. Als ich mich später in der Stadt Bistam aufhielt, bekam ich einen Brief von einem Freund aus Naisabur, in dem er mir mitteilte, dass dieser Sklave einen Jungen ermordet habe und nun zum Tod verurteilt und hingerichtet worden sei. Für diesen wunderbaren Hinweis bin ich dem Scheich dankbar – Gott möge es ihm lohnen!

Über Bistam gelangte ich in die Gegend von Qundus und Baghlan mit Obstgärten und Flussläufen. Wir nahmen bei einem Scheich der armen Brüder mit Namen Shir Siyah Quartier und hielten uns vierzig Tage auf, um die Kamele und Pferde ausruhen und weiden zu lassen. Die Bevölkerung hält hier ihre Tiere ohne Hirten im Freien, da jedes Stück mit einem Brandzeichen versehen ist. Auch wir taten dies mit unseren Kamelen und Pferden. Als ich eines Nachts die Tiere überprüfen ging, vermisste ich drei Pferde. Nach zwei Wochen wurden sie wieder von Tataren in unser Lager gebracht, da sich die Diebe vor der Strafe, die dort sehr hoch ist, fürchteten. Auch zwei weitere Pferde, die man uns entwendet hatte, gelangten später wieder in unseren Besitz.

Ein anderer Grund für unseren langen Aufenthalt war die Furcht vor großen Schneefällen. An unserem weiteren Weg liegt nämlich das Hindukusch-Gebirge. Der Name heißt so viel wie »Mörder der Inder« und wurde deshalb geprägt, weil viele Mädchen und Jungen, die man in Indien als Sklaven aufgekauft hatte, in diesen Bergen an der ihnen ungewohnt großen Kälte und in den Schneemassen umgekommen sind. Die Überquerung des Passes nimmt einen ganzen Tag in Anspruch. Wir warteten daher das Einsetzen der warmen Witterung ab und brachen dann auf. Gegen Ende der Nacht gelangten wir auf die Höhe, auf der wir einen Tag lang bis Sonnenuntergang weiterzogen. Vor den Kamelen breiteten wir Decken aus, damit sie nicht im tiefen Schnee versanken.

In dieser Höhe trafen wir auf eine Siedlung mit Namen Andar (Andarab). In früheren Zeiten gab es hier nämlich eine Stadt, deren Spuren fast ganz verschwunden sind. Wir fanden in einer Herberge Unterkunft, die dem ehrenwerten Muhammad al-Mahrawi gehörte. Unser gegenseitiges Verhältnis war sehr gut. Wenn wir nach dem Essen unsere Hände wuschen, trank er in Hochachtung vor uns das Wasser, in dem wir uns gewaschen hatten. Schließlich begleitete er uns noch bis zum Hindukusch. Als wir dort in einer heißen Quelle unsere Gesichter gewaschen hatten, riss die Haut auf und bereitete uns große Schmerzen.

Nachdem wir das Gebirge überschritten hatten, verweilten wir an einem Platz, genannt Banj Hir (Panjhir), was »Fünf Berge« bedeutet. Die früher schöne und volkreiche Stadt, die an einem Fluss und einem See lag, in denen man Rubine fand, wurde von Dschingis Khan, dem Tataren, zerstört und hat seitdem nicht mehr die geringste Bedeutung erlangt.

In den Bergen von Pashay wohnten wir in der Herberge des ehrwürdigen Scheichs Ata Awliya, des »Vaters der Heiligen«, der im Persischen auch Sisad Salah, also »Dreihundert Jahre« heißt. Man erzählt sich, dass er 350 Jahre alt sei. Er wird von vielen Menschen, auch Prinzen und manchem Sultan, besucht. Als ich ihm begegnete, umarmte er mich. Seine Haut ist frisch und zart, wie ich es selten zu sehen bekam. Man würde ihn normalerweise auf fünfzig Jahre schätzen. Er berichtete mir, dass er alle hundert Jahre frische Haut und neue Haare bekomme. Ich erkundigte mich, ob er irgendwelche Überlieferungen des Propheten wisse – ein mögliches Zeichen für die Richtigkeit seiner Altersangaben. Bei seinen vielen Erzählungen kamen mir doch zahlreiche Zweifel, und nur Gott wird wissen, inwieweit es bei ihm mit der Wahrheit bestellt ist.

Der Emir von Parwan, der mich beim Empfang beschenkte, schrieb sofort an seine Untergebenen in der Stadt Ghazna, die mich ehrenvoll aufzunehmen hätten. Es war bereits Sommer, als wir nach Al-Charkh kamen, wo wir eine Gruppe der armen Brüder und Theologiestudenten trafen, mit denen wir das Freitagsgebet sprachen.

Den größten Teil der Stadt Ghazna, die wir als nächsten Ort besuchten, fanden wir in Ruinen liegend vor. Ihr Sultan Mahmud war einer der bedeutendsten Herrscher, der besonders nach Indien vorstieß und dort Städte und Festungen eroberte. Im Winter, wo es extrem kalt ist, ziehen die Bewohner nach Kandahar. Ich selbst habe diese Stadt auf meiner Reise nicht berührt.

Unsere nächste Station war Kabul, in früheren Zeiten eine große Stadt, die jetzt von einem persischen Stamm bewohnt wird, der sich Al-Afghan nennt. Die Afghanen verfügen über starke Streitkräfte, und die meisten von ihnen sind Räuber. Ihr Hauptberg ist der Kuh Sulaiman (Takht-i Sulaiman). Von ihm erzählt man sich, dass ihn König Salomon, nach dem er auch benannt ist, bestiegen und auf das Land Indien herabgesehen habe, das damals noch mit Finsternis bedeckt war. Heute wohnt der König der Afghanen an diesem Berg.

Bei der Festung Karmash, die zwischen zwei Bergen liegt, pflegen die Afghanen den Reisenden aufzulauern und sie zu überfallen. Während wir durch den Engpass zogen, geschah es uns ebenso. Die afghanische Räuberbande hatte sich über uns in den Felsen versteckt, doch wir beschossen sie sofort mit Pfeilen, worauf sie die Flucht ergriffen und uns des Weges ziehen ließen. In Shashnagar (Hashtnagar), dem letzten Ort im türkischen Bereich, verbrachten wir die nächste Nacht. Vor uns lag ein Marsch von fünfzehn Tagen durch die große Wüste, die nur nach der Regenzeit, Anfang Juli, durchquert werden kann. Hier weht der tödliche Samum, der die Körper wie bei einer Verwesung zusammenschrumpfen lässt, sodass der sterbende Mensch seine Gliedmaßen verliert. Dieser Wind fegt auch über die Wüste bei Schiras hinweg. Eine große, vor uns reisende Karawane, bei der sich der Kadi von Tirmidh befand, verlor durch diesen Wind viele Kamele und Pferde. Uns jedoch geschah nichts, sodass wir sicher und wohlbehalten Banj Ab (Panjab), die »Fünf Flüsse« von Sindh, erreichten – Gott, der Allmächtige, sei dafür gepriesen!

Damit endet das, was wir über unsere erste Reise zu berichten haben.

Indien


Merkwürdige Art der Geschenke

Im Namen Gottes, des gnädigen Erbarmers! Gott segne unseren Herrn Mohammed, seine Familie und seine Genossen und gebe ihnen Heil!

So spricht der Scheich Abu Abdallah Mohammed, Sohn des Abdallah, Sohn des Mohammed, Sohn des Ibrahim vom Stamm Lewata aus Tanger, bekannt unter dem Namen Ibn Battuta:

Als der Kalender den ersten Tag des göttlichen Monats Moharrem des Jahres 734 (12. September 1333) zeigte, gelangten wir an den Indusstrom, auch Panjab genannt, was »die fünf Gewässer« heißt. Dieser Strom ist einer der größten der Welt und mündet in der heißen Zone; die Bewohner dieses Landes bestellen die Aussaat, wie es die Bauern Ägyptens bei der Nilüberschwemmung tun. Dieser Strom bildet die Grenze des Reiches, das der erhabene Sultan Mohammed Schah, der König von Indien, regiert.

Als wir das Ufer des Flusses erreicht hatten, kamen die zuständigen Beamten des Meldungsamtes zu uns, um dann Kutb el-Mulk, dem Gouverneur der Stadt Multan, von unserer Ankunft zu berichten. Damals war Sertiz, ein Leibeigener des Sultans, Gouverneur von Sindh, der gleichzeitig das Amt des Inspekteurs der Provinzen innehatte, und vor dem die Truppen des Sultans paradieren mussten. Sein Name Sertiz bedeutet so viel wie »Schlaukopf«. Zur Zeit unserer Ankunft hielt er sich in der Stadt Siwestan auf, die in Sindh liegt und von Multan zehn Tagesreisen entfernt ist. Zwischen der Provinz Sindh und der Stadt Delhi, der Residenz des Sultans, ist man fünfzig Tage unterwegs. Gibt aber das Meldeamt der Provinz Sindh eine Nachricht an den Sultan auf den Weg, so erreicht ihn die Meldung innerhalb von fünf Tagen mit der Staatspost.

Die Staatspost in Indien gründet sich auf zwei verschiedene Beförderungsarten. Für die Pferdepost, die sogenannte »Ulak«, stehen alle vier Meilen dem Sultan gehörende Pferde bereit. Die Läuferpost hingegen ist so eingerichtet, dass jede einzelne Meile in drei Abschnitte unterteilt wird. Am Ende eines jeden Abschnitts befindet sich eine gutbesetzte Ansiedlung, in der die zum sofortigen Aufbruch bereiten Läufer sitzen. Gegürtet und mit einer zwei Ellen langen Geißel neben sich, die an ihrem Ende Kupferschellen trägt, warten sie auf die zu befördernde Nachricht. Verlässt der Kurier die Stadt, nimmt er den Brief in die eine Hand, erfasst die schellenbehangene Geißel mit der anderen und stürmt mit aller Kraft davon. Den ihm vorauseilenden Klang der Schellen hören die Läufer der nächsten Station und machen sich bereit, die Post zu übernehmen. Erscheint nun der Kurier, so ergreift ein Läufer das Schreiben und jagt fort, so schnell er laufen kann. Auch er schwingt die Geißel, bis er zur nächsten Abschnittsstation gelangt, wo sich der Vorgang wiederholt, bis der Brief endlich seinen Bestimmungsort erreicht hat.

Auf diese Weise befördert man auch sehr oft Früchte, die aus Chorasan stammen und in Indien recht begehrt sind. Man legt sie in Schüsseln und versendet sie in höchster Eile, damit sie der Sultan möglichst schnell genießen kann. Ebenso transportiert man auch Schwerverbrecher, indem man den Delinquenten in einen Tragsessel packt, den die Kuriere auf ihren Kopf nehmen und im Laufschritt davontragen.

Wenn die Beamten der Meldebehörden dem Sultan schreiben, um ihn über die Ankunft eines Fremden zu unterrichten, der einen seiner Staaten betreten hat, so studiert der Herrscher den Brief in allen Einzelheiten, aus dem er auch entnehmen kann, wie sein Äußeres beschaffen ist und wie er sich kleidet. Dazu lässt man den Sultan wissen, von wie vielen Reisegefährten er begleitet ist, wie groß die Zahl seiner Diener und Sklaven, ja auch seiner Tragtiere ist. Hinzu kommt, dass man, soweit erkennbar, alle Gewohnheiten schildert, etwa wie der Fremde geht und steht. Schließlich enthält der Brief auch Angaben über das von dem Besucher mitgeführte Geld.

Kommt nun der Reisende nach Multan, in die Hauptstadt der Provinz Sindh, so muss er sich dort so lange aufhalten, bis eine genaue Verfügung des Herrschers vorliegt, die seine Vorsprache und Behandlung bei Hof regelt. Dies gibt einen Eindruck vom Verhalten, Charakter und von den Ausgaben des Fremden wieder.

Der König von Indien, Sultan Abu’l Mujahid Mohammed Schah, erweist den Fremden hohe Ehren und besonderes Wohlwollen. Da er ihnen Verwaltungsämter und Würden verleiht, ist die Mehrzahl seiner Hofleute, Kammerherren, Wesire und Richter, aber auch seiner Schwäger, ausländischer Herkunft. Auf seinen Befehl hin müssen die Fremden in seinen Staaten mit dem Titel »A’izza«, was »Erlauchte Herren« heißt, angesprochen werden. Mit der Zeit ist dieser Titel dann zu einem Eigennamen geworden.

Jeder Besucher, der zur Audienz geladen wird, muss dem Sultan ein Geschenk anbieten und es ihm, gewissermaßen als Einführung, überreichen. Der Herrscher aber gibt es ihm doppelt und bisweilen mehrfach zurück. Als man sich nun an dieses Verhalten des Königs gewöhnt hatte, sahen die Kaufleute in Sindh und Indien darin eine Chance für ihr Geschäft. Sie räumten jedem, der am Hof des Sultans vorsprechen wollte, Kredite von Tausenden von Dinaren ein und statteten ihn mit dem aus, was er als Geschenk zu überreichen gedachte oder für sich selbst in Gestalt von Reittieren, Kamelen und Ausrüstung benötigte. Sie dienten ihm nicht nur mit ihrem Geld, sondern auch mit ihrer Person, indem sie sich ihm als Gefolge zur Verfügung stellten. Kam der Fremde nun zur Audienz vor den Sultan und erhielt das entsprechende Geschenk, so zahlte er den Kredit und die ganzen Vorschüsse zurück. Auf diese Weise warf das Geschäft den Kaufleuten einen großen Profit ab, sodass es letztlich zu einer guten und beständigen Einnahmequelle wurde.

Als ich in der Provinz Sindh angelangt war, verfuhr ich in gleicher Weise und deckte mich mit Pferden, Kamelen und Sklaven ein. So hatte ich in der Stadt Ghazna bei dem irakischen Kaufmann Mohammed ed-Duri rund dreißig Pferde und ein Kamel, das eine Last Perserpfeile trug, gekauft, da der Sultan ein solches Geschenk besonders schätzte. Dieser Kaufmann erzielte durch mich einen beträchtlichen Gewinn und kehrte als schwerreicher Mann heim. Nach vielen Jahren begegnete ich ihm noch einmal in der Stadt Aleppo.

Als wir den Indus, der hier Panjab heißt, hinter uns gelassen hatten, durchquerten wir auf unserem Weg einen schilfbewachsenen Sumpf. Da griff uns ein Karkadann, ein Nashorn, an. Es ist dies ein Tier von dunkler, fast schwarzer Farbe, mit einem ungeheuren Leib und einem mächtigen, ungewöhnlich dicken Kopf. So pflegt man zu sagen: »Das Karkadann ist ein Kopf ohne Rumpf.« Das Tier ist kleiner als der Elefant, während sein Kopf weit größer als ein Elefantenkopf ist. Zwischen seinen beiden Augen hat es ein einziges Horn, dessen Länge ungefähr drei Ellen und dessen Dicke etwa eine Spanne beträgt. Als es uns angriff, stellte sich ihm einer unserer Reiter entgegen. Das Nashorn wandte sich sofort gegen das Pferd, durchbohrte mit seinem Horn dessen Schenkel, warf es zu Boden und kehrte ins Schilfdickicht zurück, sodass wir keine Gelegenheit hatten, es zu erlegen. Nach dem Nachmittagsgebet sah ich wieder ein Nashorn, das in einer Niederung weidete. Bei unserem Näherkommen ergriff es jedoch die Flucht. Zusammen mit dem König von Indien sah ich schließlich zum dritten Mal ein Nashorn. Der Sultan und wir, sein unmittelbares Gefolge, saßen auf Elefanten, während die Jäger zu Fuß und mit Pferden in den Schilfwald eindrangen, das Tier aufscheuchten, es töteten und seinen Kopf ins Lager brachten.

Nachdem wir am Indus zwei Tage lang unterwegs gewesen waren, kamen wir in die Stadt Jenani, einen großen und schönen Ort am Ufer des Flusses mit prächtigen Marktplätzen. Die Bewohner gehören einem Volksstamm mit Namen Samira an. Schon ihre Ahnen hatten sich zur Zeit ihrer Eroberung in den Tagen des Hajjaj Ibn Yusuf hier niedergelassen. Darüber und über die Gewohnheiten dieser Leute berichtete mir der Scheich und Gebetsvorsteher, der gelehrte, fleißige, keusche und fromme Rukn ed-Din, einer der drei Männer, die ich nach Ankündigung des heiligen und rechtschaffenen Scheichs Burhan ed-Din al-Araj aus Alexandria auf meiner Reise antreffen würde und die ich auch tatsächlich traf, Preis sei Gott! Die Angehörigen dieses Stammes Samira essen niemals mit jemandem zusammen, noch darf ihnen irgendwer beim Essen zuschauen, auch verschwägern sie sich ausschließlich mit ihresgleichen.

In der Stadt Jenani lebten der Emir Unar es-Samiri und der Emir Kaisar ar-Rumi, beide im Dienst des Sultans. Sie hatten dort rund 1800 Reiter zur Verfügung. In der Stadt wohnte auch ein ungläubiger Hindu mit Namen Ratan. Als ein sehr geschickter Rechner und Sekretär nahm er an einer Delegation eines Emirs an den Herrscher von Indien teil. Da der König Gefallen an ihm fand, gab er ihm den Titel »Herr von Sindh«, ernannte ihn zum Gouverneur dieses Gebietes, belehnte ihn mit Siwestan und Umgebung und übergab ihm die Insignien seines Amtes, nämlich Trommeln und Fahnen, wie sie hohe Würdenträger erhalten. Als er in das Land Sindh zurückkehrte, waren Unar, Kaisar und die anderen erbost, dass ihnen allen der Ungläubige als Herr vorgesetzt worden war, und sie fassten den Beschluss, ihn zu beseitigen. Als nun einige Tage nach seiner Rückkehr vergangen waren, machten sie ihm den Vorschlag, die Umgebung der Stadt zu besuchen und sich über deren Zustand genau zu unterrichten. Er ging auf ihren Rat ein und verließ mit ihnen die Stadt. Als sich die Nacht über die Erde senkte, veranstalteten sie einen Tumult im Lager und gaben vor, ein Löwe sei eingedrungen. Sie stürmten in das Zelt und töteten den Ungläubigen. Dann kehrten sie in die Stadt zurück und ergriffen alles, was sich dort an Schätzen des Sultans befand. Dies waren zwölf Lak. Ein Lak hat den Wert von zehntausend indischen Golddinaren oder 25 000 maghrebinischen (marokkanischen) Golddinaren. Die Aufrührer wählten Unar zu ihrem Anführer und nannten ihn Malik Firuz. Er teilte das Geld unter die Soldaten auf. Dann aber fürchtete er um sein Leben; denn er hielt sich weit entfernt von seinem Stamm auf. So verließ er die Stadt, und mit ihm suchten seine nächsten Verwandten ebenfalls ihr Heil in der Flucht, die sie schließlich in ihre Heimat brachte. Der Rest der Truppen wählte Kaisar ar-Rumi zu ihrem Anführer.

Die Nachricht von diesem Geschehen erreichte Imad ul-Mulk Sertiz, den Leibeigenen des Sultans, der damals Generalgouverneur von Sindh war und in Multan residierte. Er zog Truppen zusammen und setzte sie zu Lande und auf dem Indus in Marsch. Zwischen Multan und Siwestan sind zehn Tagesreisen. Kaisar trat ihm entgegen, wurde aber mit seinen Soldaten schmählich besiegt, sodass er sich hinter den Stadtmauern verschanzen musste. Sertiz schloss die Stadt ein und brachte Wurfmaschinen in Stellung. Nach vierzig Tagen baten die Belagerten um Gnade, die ihnen Sertiz auch gewährte. Als sie sich jedoch ergeben hatten, brach er sein Wort und befahl, die Aufrührer hinzurichten. Jeden Tag ließ er einige enthaupten, andere mitten entzweischneiden und wieder andere schinden, deren Haut mit Stroh gefüllt und an der Stadtmauer aufgehängt wurde, sodass über weite Strecken dieser Mauer entlang diese ans Kreuz geschlagenen Häute zum Entsetzen aller Betrachter hingen. Sertiz ließ auch die abgeschlagenen Köpfe in der Mitte der Stadt zu einem Hügel aufschichten.

Schon bald nach diesem Ereignis stieg ich in der Akademie dieser Stadt ab, auf deren Flachdach ich zu schlafen pflegte. Wenn ich in der Nacht erwachte, sah ich die gekreuzigten Häute, sodass mich Schaudern ergriff und ich kein Vergnügen an meinem Aufenthalt in der Akademie empfand. So entschloss ich mich, diese Stadt möglichst bald wieder zu verlassen.

Besitzer von Dörfern

Der ehemalige Kadi von Herat, der treffliche und gerechte Ala ul-Mulk aus Chorasan, nach einer Audienz beim Herrscher von Indien zum Gouverneur der Stadt Lahari in der Provinz Sindh ernannt und mit der Verwaltung ihrer Einkünfte betraut, hatte an der Expedition unter Imad ul-Mulk Sertiz mit seinen Soldaten teilgenommen. Ich beschloss, mit ihm nach der Stadt Lahari zu reisen. Er besaß fünfzehn Schiffe, mit denen er über den Indus abwärtsfuhr; sie beförderten sein Gepäck, und auch ich reiste mit ihm.

Unter den Schiffen Ala ul-Mulks befand sich auch ein Fahrzeug, Ahaura genannt, eine Art Jacht, wie sie bei uns vorkommt, nur dass sie etwas breiter und kürzer war. In der Mitte des Schiffes befand sich ein hölzerner Aufbau, zu dem man auf einer Treppe hinaufstieg und auf dem ein Pavillon errichtet war, der für den Emir bestimmt war, wenn er dort Platz nehmen wollte. Dabei saß ihm sein Gefolge gegenüber, und seine Sklaven standen rechts und links von ihm. Die Mannschaft jedoch, die rund vierzig Leute umfasste, musste rudern. Die Ahaura wurde von vier Schiffen zur Rechten und Linken umgeben. Zwei von ihnen trugen die Insignien des Emirs, nämlich die Fahnen, Pauken, Hörner, Trompeten und Oboen, die man in Marokko »gaita« nennt. Auf den beiden anderen Schiffen hielten sich die Musiker auf. Es war eine recht unterhaltsame Fahrt von Tagesanbruch bis zur Zeit des ersten Mahls; da wurden die Pauken gerührt und die Hörner geblasen, bald ließen sich die Sänger hören, und so ging es ohne Unterlass weiter. Zur ersten Mahlzeit des Tages schlossen sich die Schiffe zusammen und legten aneinander an. Sie wurden durch Stege verbunden, und die Sänger betraten die Ahaura des Emirs. Dort mussten sie singen, bis er die Tafel aufhob. Dann aßen sie selbst und kehrten auf ihr Schiff zurück. Nach dieser Unterbrechung wurde die Fahrt in der vorgeschriebenen Ordnung bis in die Nacht fortgesetzt. Bei Anbruch der Dunkelheit wurde am Flussufer das Nachtlager aufgeschlagen, wo der Emir in seinen Zelten abstieg. An der gedeckten Tafel nahm der größte Teil der Truppen teil. War das letzte Abendgebet verrichtet, so zogen die Nachtwachen, die regelmäßig abgelöst wurden, auf. Sooft eine Wachmannschaft ihren Dienst beendet hatte, rief ein Ausrufer aus ihren Reihen mit lauter Stimme: »Herr und König, soundso viele Stunden der Nacht sind verflossen!« Dann übernahm die nächste Abteilung die Nachtwache, und wenn sie abgelöst war, verkündete auch ihrerseits der Ausrufer, wie viele Stunden inzwischen vorübergegangen waren. Kam der Morgen, wurden die Hörner geblasen, die Pauken geschlagen, das Morgengebet gebetet und das Frühstück aufgetragen. War dies beendet, so nahm man die Reise wieder auf.

Entschließt sich der Emir jedoch zu einer Landreise, so geschieht dies unter Hörnerklang und Paukenschall. Voraus ziehen die Kämmerer des Emirs, dann folgen die Infanteristen, die dem Emir vorangehen. Unmittelbar vor ihnen befinden sich sechs Reiter, von denen drei Pauken umgehängt haben, während die anderen drei Oboen führen. Nähert man sich einem Dorf oder einer anderen Siedlung, so schlagen diese Reiter die Trommeln und lassen die Oboen ertönen, worauf die Pauken und Hörner der militärischen Eskorte einfallen. Beiderseits der Kämmerer befinden sich die Sänger, die abwechselnd singen. Zur Zeit der ersten Mahlzeit wird haltgemacht.

Fünf Tage lang reiste ich mit Ala ul-Mulk. Wir gelangten an den Sitz seiner Statthalterschaft, nämlich die Stadt Lahari, einen sehr schönen Ort am Strand des Ozeans. Bei ihr ergießt sich der Indus ins Meer, sodass dort zwei große Wasser zusammenkommen. Lahari hat einen bedeutenden Hafen, den die Seefahrer aus Südarabien und Persien besuchen. Deshalb sind auch die Steuereinnahmen der Stadt groß und das Vermögen der Bewohner beträchtlich. Emir Ala ul-Mulk berichtete mir, dass der Steuerertrag dieser Stadt jährlich sechzig Lak beträgt. Davon erhält er fünf Prozent. Unter diesen Bedingungen übergibt der Sultan seinen Beamten die Provinzen: Sie dürfen nämlich die Hälfte des Zehntels vom Steuerertrag für sich einziehen.

Eines Tages ritt ich mit Ala ul-Mulk in die Umgebung der Stadt aus. Wir kamen dabei in eine Ebene, die rund sieben Meilen von der Stadt entfernt ist und Tarna genannt wird. Dort erblickte ich eine unübersehbare Menge von Steinen, die aussahen, als wären es Menschen- oder Tierbilder. Sie waren jedoch größtenteils verwittert, sodass ich die Gesichtszüge der Gestalten nicht erkennen konnte. Von ihnen war nichts weiter übriggeblieben als die Figur eines Kopfes oder eines Fußes. Unter diesen Steinen befanden sich auch welche, die Getreidearten darstellten, wie Weizen, Kichererbsen, Bohnen und Linsen. Auch ganze Trümmer einer Stadtmauer und Häuserreste waren zu sehen. In den Ruinen eines Hauskomplexes, der aus behauenen Steinen bestand, erhob sich ein Postament, das wie aus einem einzigen Stück gearbeitet aussah. Darauf stand die Statue eines Mannes, der einen übermäßig langen Kopf hatte und den Mund seitwärts am Gesicht, die Hände jedoch hinten am Rücken wie ein Gefesselter trug. An dieser Stelle gab es auch Wasserpfützen von äußerst üblem Geruch und auf einer Mauer eine indische Inschrift. Ala ul-Mulk erklärte mir, dass die Geschichtsschreiber behaupten, an diesem Ort sei einst eine große Stadt gewesen, deren Einwohner sehr böse gewesen seien, sodass sie in Stein verwandelt wurden; die Figur auf dem Postament in dem großen Hauskomplex sei ihr König gewesen, weshalb man das Gebäude bis jetzt den Königspalast nenne. Die indische Inschrift auf einer Mauer erzähle die Geschichte des Untergangs dieser Stadt. Dieses Ereignis fand vor rund eintausend Jahren statt (möglicherweise handelt es sich um die Ruinen des alten Daibal – Dewal – Debal es-Sindh).

Fünf Tage lang hielt ich mich bei Ala ul-Mulk in Lahari auf. Zum Abschied versah er mich reichlich mit Lebensmitteln. Ich begab mich nach Bakar, einer ansehnlichen Stadt, die von einem Kanal des Indus durchschnitten wird. In der Mitte dieses Kanals befindet sich ein schönes Hospiz, in dem Reisende untergebracht und verpflegt werden. Dieses Hospiz wurde von Kalu Khan in der Zeit seiner Statthalterschaft über die Provinz Sindh erbaut. Neben dem Rechtsgelehrten und Gebetsvorsteher Sadr ed-Din und dem Richter der Stadt, Abu Hanifa, lernte ich den ehrwürdigen, frommen und keuschen Sems ed-Din Mohammed aus Schiraz kennen, der hochbetagt ist. Er erklärte mir, dass er über 120 Jahre alt sei. Von Bakar aus kam ich nach Ujah, einer großen Stadt am Indus, die schöne Märkte und prachtvolle Bauten besitzt. Ihr Gouverneur war ein trefflicher und edler Fürst, Jelal ed-Din al-Kiji, ein tapferer und großmütiger Mann. Später starb er in dieser Stadt nach einem Sturz vom Pferd.

Zwischen mir und diesem edlen Fürsten bildete sich eine Freundschaft. Als der Sultan nach Daulat-Abad reiste und mir befahl, in der Residenz Digli zu bleiben, sagte Jelal ed-Din zu mir: »Du benötigst viel für deinen Unterhalt, und der Sultan wird lange ausbleiben. So nimm denn mein Dorf und ziehe dessen Einkünfte ein, bis ich zurückkehre.« Dies tat ich auch und bezog aus diesen Einkünften ungefähr fünftausend Dinare. Gott möge ihn aufs Beste belohnen!

In der Stadt Ujah traf ich den frommen, enthaltsamen und edlen Scheich Kutb ed-Din Heidar vom Geschlecht Alis, der mich das Büßergewand anziehen ließ. Er war ein rechtschaffener Mann. Das Kleid, das er mir geschenkt hatte, führte ich immer mit mir, bis zu jenem Tag, als mich die ungläubigen Inder auf dem Meer ausplünderten.

Von Ujah reiste ich nach der Stadt Multan. Dies ist die Hauptstadt der Provinz Sindh und die Residenz des Generalgouverneurs. Auf dem Weg dorthin befindet sich in der Entfernung von zehn Meilen vor der Stadt der Fluss, der unter dem Namen Chosrau Abad bekannt ist. Diesen großen Strom kann man nur mit einem Schiff überqueren. Dabei wird das Gepäck der Reisenden aufs Genaueste durchstöbert und ihre Ausrüstung untersucht. Zur Zeit unserer Ankunft war es üblich, dass von allem, was die Kaufleute mit sich führten, der vierte Teil als Abgabe entrichtet werden musste; ferner zog man für jedes Pferd sieben Dinare als Zoll ein. Später, zwei Jahre nach unserer Ankunft in Indien, hob der Sultan diese Zölle auf und ordnete an, dass von den Reisenden nur die Armentaxe und das Zehntel erhoben würden. Als wir uns anschickten, diesen Fluss zu überqueren, und unsere Ausrüstung durchsucht werden sollte, war mir dies sehr peinlich. Obwohl sich in meinem Gepäck nichts Besonderes befand, schien es den Leuten doch sehr wertvoll zu sein. Ich fand es widerwärtig, dass man meine Habe durchsuchte. Durch Gottes Gnade kam gerade ein General des Kutb el-Mulk, des Gouverneurs von Multan, an. Er befahl, dass meine Sachen nicht untersucht werden sollten. Dies geschah auch, und ich pries Gott für die Güte, die er mir erwiesen hatte. Nachdem wir am Flussufer übernachtet hatten, besuchte uns am nächsten Morgen der Leiter des Meldeamtes, der aus Samarkand stammende Dihkan. Er hat die Aufgabe, dem Sultan die Neuigkeiten aus dieser Stadt und ihrem Bezirk mitzuteilen, zu berichten, was dort vorfällt und wer dort ankommt. So wurde ich denn von ihm ausgefragt und kam in seiner Gesellschaft vor den Gouverneur von Multan.

Als ich vor Gouverneur Kutb el-Mulk, einem der bedeutendsten und verdienstvollsten Emire, erschien, kam er mir entgegen, fasste meine Hand und hieß mich an seiner Seite Platz nehmen. Zum Geschenk machte ich ihm einen Sklaven, ein Pferd und getrocknete Rosinen und Mandeln. Gerade dies ist eines der größten Geschenke, die man den Bewohnern dieses Landes machen kann, da sich dort weder Rosinen noch Mandeln befinden und nur von Chorasan eingeführt werden. Der Sitz des Emirs befand sich auf einer mit Teppichen ausgelegten, großen Estrade. In seiner nächsten Nähe hielten sich der Richter Salar und der Prediger auf. Zu seinen beiden Seiten saßen die Generale der Armee und hinter ihm standen die Bewaffneten. Vor ihm paradierten die Truppen. Auf dem Platz waren viele Bogen aufgestellt. Erscheint nun ein Mann, der ins Heer als Schütze aufgenommen werden will, so bekommt er einen dieser Bogen, um ihn zu spannen. Diese Bogen sind der Stärke nach verschieden. Nach der Kraft, die der Mann beim Spannen anwendet, fällt sein Sold aus. Wünscht jemand als Reiter zu dienen, so muss er eine andere Leistung vollbringen: Er treibt sein Pferd an und stößt mit einer Lanze nach einer befestigten Scheibe. An einer niedrigen Mauer ist außerdem ein Ring aufgehängt; er treibt sein Pferd zum Galopp an und nimmt den Ring mit seiner Lanze auf. Hat er das vollbracht, so gilt er als ein besonderer Reiter im Heer. Will jedoch jemand als reitender Schütze dienen, so wird ein Ball auf die Erde gelegt. Der Soldatenanwärter versucht, im Reiten den Ball zu treffen. Nach dem Maß der Geschicklichkeit beim Treffen des Zieles fällt dann der Sold des Mannes aus.

Als wir bei dem Emir erschienen waren und ihn begrüßt hatten, ordnete er an, dass wir in einem Haus außerhalb der Stadt absteigen sollten, das den Schülern des frommen Scheichs Rukn ed-Din gehört. Normalerweise wird dort niemand als Gast aufgenommen, bevor nicht ein Befehl vom Sultan kommt. Zwei Monate nach meiner Ankunft in Multan erschienen ein Kammerherr des Sultans, der Polizeikommandant und drei Eunuchen bei mir. Sie fragten mich nach dem Grund meiner Ankunft. Ich erklärte ihnen, dass ich gekommen sei, in den Dienst des »Herrn der Welt« zu treten, also des Sultans, wie er in seinen Ländern genannt wird. Eine Anordnung des Sultans besagte nämlich, dass niemandem, der aus Chorasan komme, der Eintritt nach Indien zu gestatten sei, außer er erscheine in der Absicht, sich dauernd niederzulassen. Nachdem ich die Delegation des Sultans informiert hatte, dass ich gekommen sei, in Indien zu bleiben, ließen sie den Richter und die Notare kommen, um einen Vertrag für mich und diejenigen meiner Gefährten aufzusetzen, die ebenfalls hierbleiben wollten.

Es war mir die Möglichkeit geboten worden, mit einem hohen Gast des Sultans, Chodawend Zadeh, von Multan in die Residenz zu reisen. Bis zur Hauptstadt benötigt man vierzig Tagesreisen, die jedoch in einem durchaus wohlbebauten Land vor sich gehen. Der Kammerherr und sein Gefährte, die zur Begleitung Chodawend Zadehs delegiert waren, besorgten alles, was man zur Bewirtung des Gastes und seiner Gefährten benötigte. Sie nahmen aus Multan an die zwanzig Köche mit sich. Der Kammerherr reiste stets über Nacht zum nächsten Halteplatz voraus, um dort die Mahlzeiten und andere Dinge vorzubereiten, sodass Chodawend Zadeh und wir stets zum fertig zubereiteten Essen ankamen. Nachdem jeder im Allgemeinen mit seiner Reisegruppe zusammen aß, hatte ich nur einmal Gelegenheit, beim Essen mit Chodawend Zadeh zusammen zu sein. Dabei wurden folgende Speisen serviert: Zuerst wird das Brot vorgelegt. Dies ist eine Art dünner Kuchen, etwa wie ein Fladen. Dann wird das gebratene Fleisch in große Stücke geschnitten, sodass ein Hammel etwa vier oder sechs Teile bildet, wobei jeder Mann ein solches Stück erhält. Außerdem serviert man in Butterschmalz gebackene Kuchen, die dem gewöhnlichen Weißbrot unserer Länder ähnlich sehen. In diese Kuchen gibt man eine Süßigkeit hinein, eine weiße Sülze mit Mandeln, die Subaniya heißt. Jeden dieser Kuchen belegt man mit einer dünnen, süßen Bäckerei, die aus feinem Mehl, Zucker und zerlassener Butter angefertigt ist. Dann wird in großen Porzellanschüsseln mit Butter, Zwiebeln und grünem Ingwer gebratenes Fleisch aufgetragen. Anschließend wird das Samusek serviert, kleingehacktes, mit Mandeln, Nüssen, Pistazien, Zwiebeln und Grüngewürz bereitetes Fleisch, das sich im Inneren einer in Butterschmalz gebackenen Pastete befindet. Jeder Teilnehmer am Essen erhält vier bis fünf Stück davon. Der nächste Gang ist in zerlassener Butter gedünsteter Reis, der mit Hühnern belegt ist. Nach den »Kadi-Happen« wird schließlich Kairenser Naschwerk geboten. Der Kammerherr steht bei der Tafel, bevor gespeist wird, und verneigt sich in Ehrerbietung nach der Weltrichtung, in der sich der Sultan aufhält. Alle Anwesenden tun das Gleiche. Das Zeichen der Ehrerbietung ist ein Neigen des Kopfes, wie die Gebetsverbeugung. Hat man dies getan, so setzt man sich zur Mahlzeit nieder. In Becher aus Gold, Silber und Glas wird Kandiszuckerwasser gefüllt, das ist Rosenzucker, den man in Wasser aufgelöst hat. Während man es vor dem Essen trinkt, spricht der Kammerherr: »Im Namen Gottes, des Allmächtigen!« Ist das Essen vorbei, so bringt man die Krüge mit Bier. Noch einmal werden Betel und Pinangnüsse serviert. Hat man auch davon genommen, so sagt der Kammerherr wiederum: »Im Namen Gottes, des Allmächtigen!«, die Gäste stehen auf, verneigen sich wie vor der Mahlzeit und ziehen sich zurück.

Festlich geschmückt zur Verbrennung

Die erste Stadt Indiens, die wir betraten, war Abuhar, klein, aber hübsch, mit vielen Gebäuden, Wasserläufen und Baumanlagen. Hier gibt es mit Ausnahme des Lotos keinen Baum unserer Heimat. Aber auch der Lotos ist hier außergewöhnlich stark entwickelt, und seine Frucht ist so groß wie ein Gallapfel und ungemein süß. Überhaupt begegnet man hier Blumen, die es bei uns und auch anderswo nicht gibt. Da ist beispielsweise der Mangobaum, der den meisten Schatten wirft. Wer aber unter ihm schläft, wird von einem heftigen Fieber befallen.

Von Abuhar durchquerten wir einen Tag lang eine unwirtliche Ebene. Sie war von unzugänglichen Bergen umgeben, in denen ungläubige Inder lebten, die oft die Wege unsicher machten. Indiens Bewohner sind größtenteils Heiden. Ein Teil von ihnen, vornehmlich die Bewohner der Dörfer, steht unter muslimischem Schutz, den im Auftrag und als Lehen des Sultans ein Richter wahrnimmt. Die dem Islam Widerstand leistenden Inder verteidigen sich in den Bergen und betätigen sich als Straßenräuber.

Beim Aufbruch von Abuhar zog unsere Karawane am frühen Morgen los, während ich in der Gesellschaft meiner Gefährten bis zum Mittag in der Stadt blieb. Als eine Truppe von 22 Reitern, größtenteils Araber und Perser, verließen wir die Stadt. In der genannten Ebene griffen uns 80 Ungläubige zu Fuß und zwei Reiter an. Meine Reisegefährten waren jedoch kühne und entschlossene Männer. Es entbrannte ein heftiger Kampf, bei dem wir einen Reiter und zwölf Mann der Fußtruppe töteten. Auch mich traf ein Pfeil, ein weiterer mein Pferd. Doch hielt Gott seine Hand über mich, sodass mir nichts geschah; denn ihre Pfeile hatten nicht die durchschlagende Kraft. Ein weiteres Pferd wurde verwundet, weshalb wir es schlachten mussten. Den Türken unter meinen Leuten kam dies sehr gelegen; denn als Liebhaber von Pferdefleisch aßen sie es gleich auf. Die Köpfe der erschlagenen Ungläubigen nahmen wir mit in das Kastell von Hisn Abi Bakhar, wo wir sie an der Mauer aufhängten.


Arabische Kamelkarawane

Als wir nach zwei Tagen in die Stadt Ajudehen kamen und ich dort dem frommen Scheich Ferid ed-Din Grüße des heiligen Scheichs Burhan ed-Din al-Araj aus Alexandria überbrachte, liefen die Leute meines militärischen Schutzkommandos und einige meiner Gefährten plötzlich davon. Ich erkundigte mich nach ihrem Verhalten und bekam die Antwort, dass ein ungläubiger Inder gestorben sei und man einen Scheiterhaufen angezündet habe, auf dem er und seine noch lebende Frau verbrannt würden. Nach diesem Ereignis kamen meine Leute zurück und berichteten mir, dass die Frau den Toten umarmt habe, bis sie selbst verbrannt sei. Später sah ich in Indien selbst solche Verbrennungen. Frauen der ungläubigen Inder hatten sich zu diesem Zweck festlich geschmückt und saßen hoch zu Ross, gefolgt von einer Volksmenge, darunter auch Muslime. Vor der Witwe spielte man Pauken und Trompeten, während sie von Brahmanen – dies sind die Großen Indiens – begleitet wurde. Soll im Hoheitsgebiet eines muslimischen Sultans eine Witwenverbrennung stattfinden, so wird der Herrscher zuvor um Erlaubnis gefragt. Er erteilt sie auch.

Ich selbst erlebte ein solches Schauspiel in der Stadt Amjhera, deren Bewohner, von einem muslimischen Gouverneur regiert, größtenteils Heiden waren. In der Umgebung der Stadt gab es ungläubige Rebellen, die einen schweren Straßenraub durchgeführt hatten, sodass sich der muslimische Emir entschloss, sie zu bekämpfen. Zwischen seinen Truppen und den Räubern kam es zu einem heftigen Gefecht, in dessen Verlauf sieben Leute des Emirs den Tod fanden, die keine Muslime waren. Drei von ihnen waren verheiratet. Ihre Witwen entschlossen sich zur Verbrennung. Dieser Akt gilt bei den Indern als eine lobenswerte Tat, die jedoch nicht Bedingung für eine Frau ist, die ihren Mann verloren hat. Tut sie es hingegen nicht, so zieht sie grobe Kleider an und wohnt bei ihren Verwandten in der wenig geachteten Lage einer nicht treuen Frau. Gegen ihre persönliche Haltung kann sie jedoch nicht zur Verbrennung gezwungen werden. Lässt sie sich aber verbrennen, so erntet ihre Verwandtschaft dadurch große Ehren, und sie selbst wird noch lange wegen ihrer Treue gerühmt.

Nachdem die drei Witwen der gefallenen Soldaten übereingekommen waren, sich verbrennen zu lassen, verbrachten sie zuvor drei Tage mit Gesang, Musik, Essen und Trinken, als wollten sie zum Abschied noch einmal die Genüsse dieser Welt in ihrer Fülle erleben. Von allen Seiten wurden sie von Frauen besucht. Am Morgen des vierten Tages brachte man jeder von ihnen ein Pferd. In vollem Schmuck und stark parfümiert, bestiegen sie die Rösser, mit der rechten Hand mit einer Kokosnuss spielend, in der linken einen Spiegel haltend, in dem sie sich dauernd betrachteten. Die Brahmanen und ihre Verwandten begleiteten sie. Vor ihnen wurden Trommeln gerührt und Trompeten und Hörner geblasen. Alle Ungläubigen riefen ihnen zu: »Überbringt Grüße meinem Vater oder meinem Bruder oder meiner Mutter oder meinem Herrn!« Die Witwen antworteten: »Ja, ja«, und lächelten den Leuten zu. Meine Gefährten und ich stiegen vom Pferd, um mitzuerleben, wie sich die Frauen bei ihrer Verbrennung verhalten würden. Wir gingen mit ihnen ungefähr drei Meilen weit, bis wir an einen düsteren Ort mit viel Wasser und großen, schattigen Bäumen kamen. Zwischen diesen Bäumen erhoben sich vier Kuppelbauten, die jeweils ein steinernes Götzenbild enthielten. Von den Tempeln umgeben, lag ein Weiher, über dem dichter Schatten ruhte, sodass die Sonne nicht durchdringen konnte. Es war ein Platz wie ein Tal der Hölle – Gott bewahre uns davor!

Als ich diese Tempel erreicht hatte, stiegen gerade die Frauen am Weiher ab und tauchten im Wasser unter. Sie legten Kleidung und Schmuck ab und verteilten alles als Almosen an die Leute. Man brachte jeder ein grobes, ungenähtes Baumwollgewand, das sie teils um ihre Lenden befestigten, teils um Haupt und Schulter legten. In einer Niederung nahe des Weihers waren bereits die Feuer entzündet, in die man Sesamöl goss, damit die Flammen recht hoch schlugen. Dort standen etwa 15 Männer mit Bündeln von Holzspänen und weitere zehn mit langen Holzstangen. Die Trommelschläger und Trompetenbläser erwarteten die Frauen. Mit einem großen Vorhang entzogen die Männer das Feuer den Blicken der Witwen. Da sah ich eine Frau, wie sie dem nächsten Mann den Vorhang entriss und rief: »Willst du mich mit dem Feuer erschrecken? Weiß ich doch, dass es Feuer ist! Mach mir Platz!« Lächelnd faltete sie die Hände über dem Kopf zusammen als Huldigung für die Flammen und stürzte sich in das Feuer. Hörner und Trompeten erklangen, die Männer warfen das Holz auf die Frau und drückten ihren Körper mit den Stangen nieder, damit sie sich nicht etwa bewege. Ein ungeheures Geschrei erhob sich. Als ich dieses grässliche Schauspiel sah, wäre ich beinahe ohnmächtig umgefallen, hätten mich meine Gefährten nicht mit Wasser erfrischt. Ich ließ mir von ihnen das Gesicht waschen und eilte nach Hause.


Badende Frauen

(Indische Miniatur)

Eine ähnliche Sitte haben die Inder mit dem Ertränken. Viele Leute ertränken sich freiwillig im Ganges, zu dem sie eine Pilgerfahrt unternehmen und in den die Aschenreste derjenigen gestreut werden, die verbrannt worden sind. Die Inder behaupten, dass der Ganges im Paradies entspringe. Kommt jemand mit der Absicht, sich zu ertränken, so erklärt er den Umstehenden: »Glaubt nicht, dass ich mich irgendeiner weltlichen Sache oder der Armut wegen ertränke. Mein Wunsch ist nur, Kusai nahe zu sein.« Mit Kusai meinen sie Gott in ihrer Sprache. Daraufhin ertränkt er sich. Dann zieht man den Toten an Land, verbrennt ihn und streut seine Asche in den Fluss.

Vier Tage nach unserer Abreise von Ajudehen kamen wir in die Stadt Sarsati. Hier wird sehr viel Reis angebaut und in die Stadt Delhi gebracht. Über Hansi gelangten wir zwei Tage später nach Masud-Abad, nur noch zehn Meilen von der Residenz Delhi entfernt. Hier hielten wir uns drei Tage auf. Des Königs Wesir Chodscha Jihan sandte uns aus der Hauptstadt seine Leute entgegen, uns zu empfangen. Zur Begrüßung eines jeden von uns waren Männer auserwählt worden, die von gleichem Rang wie wir waren. Der darunter befindliche Rechtsgelehrte Ala ed-Din schrieb an den Sultan, um ihm unsere Ankunft mitzuteilen, und sandte den Brief mit der Läuferpost ab. Bereits drei Tage danach traf die Antwort des Sultans ein, sodass uns die Richter, Rechtsgelehrten, Scheichs und einige Emire offiziell willkommen heißen konnten.

Daraufhin verließen wir Masud-Abad und stiegen in der Nähe des Ortes Palem ab. Am nächsten Morgen erreichten wir die Residenz Delhi.

Indiens Früchte und Getreidearten

In Indien gibt es sehr viele bei uns nicht bekannte Bäume, die deshalb besonders erwähnenswert sind. Da ist zunächst der Mangobaum, der Orange sehr ähnlich, jedoch viel blattreicher. Seine Frucht ist etwas größer als eine Birne. Vor der völligen Reife nimmt man das Obst, bestreut es mit Salz und legt es wie bei uns die Limone ein. In gleicher Weise legen die Inder den Ingwer und die Pfefferschoten ein, um sie zur Mahlzeit zu essen. Dabei nehmen sie nach jedem Bissen ein wenig von diesen gesalzenen Früchten. Die ausgereiften Früchte des Mangos sind gelb. Dann werden sie von den Einwohnern wie Äpfel gegessen. Einige zerschneiden sie mit dem Messer, während andere nur ihren Saft saugen. Die Frucht ist süß, jedoch mit etwas Herbheit vermengt. Sie hat einen großen Kern, den man aussät, worauf daraus ein neuer Baum sprießt, ebenso wie bei den Orangenkernen.

Ein hohes Alter erreichen die Schaki- und Barkibäume (zwei Gattungen des Brotbaumes), deren Laub wie Nussblätter aussieht, während die Früchte am Stamm wachsen. Beim Barki berühren sie den Erdboden; sie sind süß und angenehm zu essen. Hoch über der Erde wachsen die Früchte des Schaki, die dem Wasserkürbis ähnlich sind. Sind sie im Herbst gelb geworden, so schneidet man sie ab und spaltet sie mittendurch. Im Inneren jeder Frucht befinden sich hundert bis zweihundert Fruchtkapseln, die wie Gurken aussehen. Jede enthält einen bohnenähnlichen Kern. Sind die Kerne geröstet oder gekocht, so schmecken sie auch wie Bohnen, die in Indien nicht vorkommen. Man bewahrt die Kerne in einer roten Erde auf, in der sie sich bis zum nächsten Jahr halten. Der Schaki und der Barki bringen die besten Früchte Indiens hervor.

Die Frucht des Ebenholzbaumes heißt Tendu. Sie hat die Größe der Aprikose, ist jedoch weit süßer. Der Jumun erreicht ein hohes Alter. Seine schwarze Frucht enthält nur einen Kern, der dem der Olive sehr ähnelt. Während man die saure Orange nur recht selten antrifft, kommt die süße Orange in Indien häufig vor. Dazwischen gibt es noch eine Gattung, die halb süß und halb sauer ist. Da sie einen herrlichen Geschmack hat, aß ich sie gern und oft.

Der Mahwa ist eine Baumart, die sehr alt wird. Die Blätter gleichen dem Laub des Nussbaumes, nur haben sie einen Stich ins Rote und Gelbe. Die Frucht hat die Größe einer kleinen Birne und schmeckt außergewöhnlich süß. Am oberen Ende jeder Frucht befindet sich eine kleine, hohle Beere, die das Aussehen und den Geschmack der Weinbeere hat. Isst man davon jedoch zu viel, so bekommt man leicht Kopfschmerzen. Wird sie in der Sonne getrocknet, so schmeckt sie genau wie die Feige, die in Indien nicht zu Hause ist. Die Bewohner nennen diese Beere Angur, was in ihrer Sprache auch Weinbeere heißt. Allerdings wächst dieses Obst in Indien nur sehr selten, und zwar hauptsächlich in der Umgebung von Delhi. Der Mahwabaum trägt im Jahr zweimal Früchte. Aus ihren Kernen erzeugt man Öl, das zu Beleuchtungszwecken verwendet wird.

Im Boden gedeiht die Kastra, eine knollige Wurzel, der Kastanie ähnlich und von süßem Geschmack. Der aus unserer Heimat bekannte Granatapfel trägt in Indien zweimal Früchte. Auf den Malediven sah ich, dass er fortwährend Früchte hat. Die Inder nennen ihn Anar. Ich glaube, dass dies der Ursprung des Wortes Julnar ist, da Jul auf Persisch Blüte und Anar Granatapfel heißen.

Die Bewohner Indiens säen zweimal im Jahr Getreide aus. Wenn mitten im Sommer die Regenzeit eintritt, so säen sie und ernten rund 60 Tage später. Von den Körnerfrüchten sind bemerkenswert: das Kudru, eine Art Hirse, die am häufigsten in Indien vorkommende Getreideart, und das Kal, eine Gattung der Negerhirse. Kleinere Körner als das Kal hat das Schamah, das sehr häufig wild wächst. Es ist die Nahrung der Frommen und Asketen, der Armen und Bettler, die über das Land gehen und aufsammeln, was ohne Aussaat aufgewachsen ist. Dazu trägt jeder in der linken Hand einen Korb, während er mit der rechten eine Geißel schwingt und die Körner herausschlägt, sodass sie in den Korb fallen. Auf diese Weise sammeln sie genug Vorrat für das ganze Jahr. Das Korn des Schamah ist sehr klein. Hat man es geerntet, so breitet man es in der Sonne aus. Anschließend wird es in hölzernen Mörsern gestoßen, wobei die Spreu wegfliegt und das weiße Mehl übrigbleibt. Man bereitet daraus einen dicken Brei, den man mit Büffelmilch abkocht. Es schmeckt weit besser als das aus dem üblichen Mehl gewonnene Brot. Ich habe in Indien sehr oft davon gegessen.

Ein weiteres Nahrungsmittel ist das Masch, eine Art Erbsen. Besonders viel verwendet wird das Munj, eine weitere Art des Masch, jedoch mit länglichen Körnern in kräftiger grüner Farbe. Man kocht das Munj mit Reis, isst es mit Butterschmalz und nennt das Gericht Kiscgri. Es ist das tägliche Frühstück der Inder. Das Lubiya ist eine Art Bohne. Das Mot hat kleine Körner und dient als Futterpflanze für die Saumtiere, die recht fett davon werden. Gerste kennt man nicht. Als Tiernahrung wird auch die Kichererbse verwendet. Zu diesem Zweck wird sie grob gestoßen und ins Wasser gelegt, wo sie aufquillt. Anstelle von Grünfutter gibt man den Tieren Maschblätter, nachdem man sie zehn Tage lang zerlassene Butter hat trinken lassen, täglich etwa drei bis vier Pfund. In dieser Zeit darf man die Tiere nicht reiten. Dann erhalten sie einen Monat lang Maschblätter.

Die bisher beschriebenen Körnerfrüchte sind die des Herbstgetreides. Hat man sie 60 Tage nach der Aussaat geerntet, so baut man jenes Getreide an, das man im Frühjahr ernten will, nämlich Kichererbsen und Linsen. Die Aussaat geschieht auf dem gleichen Boden, auf dem die Herbstfrüchte gewachsen waren. Die Erde ist dort sehr fruchtbar und ertragreich. Der Reis, eine der wichtigsten Getreidearten Indiens, wird dreimal im Jahr gesät und geerntet. Mit der Herbstsaat zusammen werden Sesam und Zuckerrohr gepflanzt.

Im Dienst des Herrschers von Indien

Delhi ist eine gewaltige, Weltruf genießende Stadt, die Schönheit und Befestigungsanlagen in sich vereint. Sie wird von Mauern umgeben, wie man sie in keinem Land der Erde kennt. Delhi ist die größte Stadt Indiens, die größte sogar von allen Städten des Islam im Osten.

Delhi hat eine große Flächenausdehnung und sehr viele Gebäude. Es besteht aus vier benachbarten, zusammenhängenden Städten. Neben der von den Heiden erbauten Altstadt, die im Jahre 584 (1188/89 n. Chr.) von den Muslimen erobert wurde, gibt es den Siri oder als »Wohnung des Kalifats« bezeichneten Stadtteil, den Togluk-Abad, den vom Vater des gegenwärtigen Herrschers erbauten Teil, und den Jihan-Penah, wo sich Mohammed Schah, der Sultan von Indien, aufhält. Dieser wollte die vier Städte von Delhi durch eine einzige Mauer verbinden, begann auch mit dem Bau, ließ ihn aber dann aufgrund der ungemein hohen Kosten wieder einstellen.

Besonders bemerkenswert ist die Stadtmauer, die nicht ihresgleichen kennt. Ihre Breite beträgt elf Ellen. In ihr sind Kasematten eingebaut, in der sich die Torwächter und die Nachtwachen aufhalten. Außerdem enthalten sie Lebensmittelmagazine, Räume für die Kriegsausrüstungen, Wurfmaschinen und die »Donnerin« (Brandsatz-Schleudermaschinen). Ohne schlecht zu werden, halten sich hier Getreide und Reis für lange Zeit. So sah ich, wie man Reis aus dem Magazin holte, der zwar ganz dunkel geworden, aber von ausgezeichnetem Geschmack war, und den Sultan Balban vor 90 Jahren hier eingelagert hatte. Im Innengang der Mauer können Reiter und Fußgänger von einem Ende der Stadt zum anderen marschieren. Durch Fenster, die sich zur Stadtseite hin öffnen, dringt das Tageslicht ein. Der untere Teil der Mauer ist aus Steinen erbaut, der obere aus Ziegelsteinen. Die in großer Zahl vorhandenen Türme stehen dicht beisammen. Delhi hat insgesamt 28 Tore.

Die Hauptmoschee der Stadt ist von außerordentlicher Größe. Ihre Wände, ihr Dach und ihr Fußboden bestehen aus weißen, kunstvoll polierten und behauenen Steinen, die durch Blei untereinander verbunden sind. Zum Bau ist kein Stück Holz verwendet worden. In der Mitte der Moschee erhebt sich eine gewaltige Säule, die aus einem unbekannten Metall angefertigt ist. Von einem der Gelehrten erfuhr ich, dass man sie Haft Jusch nenne, »Sieben Metalle«, aus denen sie zusammengesetzt sei. An dieser Säule hat man ein Stück von der Länge eines Zeigefingers poliert, wobei ein außergewöhnlicher Glanz entstanden ist. Die Säule, die sich mit Eisen nicht ritzen lässt, hat eine Höhe von dreißig Ellen. Mit einem Turbantuch, das wir um sie herumlegten, stellten wir den Umfang fest; er beträgt acht Ellen.

Das Minarett der Moschee sucht seinesgleichen in den islamischen Ländern. Es ist aus roten, kunstvoll behauenen Steinen erbaut und außerordentlich hoch. Die Aufsätze des aus weißem Marmor bestehenden Turmknaufs sind aus reinem Gold. Der Aufgang wurde derart breit angelegt, dass über ihn ein Elefant emporsteigen könnte. Beim Bau sollen auch Elefanten die Steine in die Höhe getragen haben. Nebenan wollte Sultan Kutb ed-Din ein noch weit höheres Minarett errichten lassen, das aber nicht vollendet wurde, da der Sultan, als ungefähr ein Drittel fertig war, verstarb. Sultan Mohammed, der in dieser Tatsache ein böses Omen sah, ließ von weiteren Bauarbeiten ab. Immerhin gehört dieses unvollendete Minarett, über dessen Aufgang drei Elefanten nebeneinander gehen könnten, zu den Weltwundern, ist es doch als Rumpf so groß wie das eigentliche Minarett. Ich bestieg es eines Tages und hatte von oben einen eindrucksvollen Blick auf die Stadt.

Während mir Scheich Kemal ed-Din, der Oberrichter, die Geschichte der indischen Könige erzählt hatte, erlebte ich jedoch den gegenwärtigen König in den Tagen meines Aufenthalts in diesen Ländern selbst.

Sultan Mohammed Schah hatte sich selbst den Beinamen Abu’l-Mujahid, »Vater des Glaubenskampfes«, gegeben. Er ist unter allen Menschen derjenige, der es am meisten liebt, Geschenke zu machen und – Blut zu vergießen. An seiner Tür findet man stets einen Armen, der reich beschenkt, oder einen Lebenden, der umgebracht wird. Die Erzählungen über seine Großmut und Tapferkeit, über seine Härte und Brutalität gegen Verbrecher sind weltbekannt. Dennoch ist er wieder der demütigste Mensch, vornehmlich Recht und gleiche Behandlung zum Grundsatz seines Handelns machend. Die Zeremonien der Religion werden von ihm genau beachtet; er ist streng auf die Einhaltung der Gebetsvorschrift bedacht und ahndet es ebenso streng, wenn man sie nicht wahrnimmt. Er gehört zu den Herrschern, die laufend vom Glück begünstigt werden und deren außerordentlicher Erfolg das Maß des Alltäglichen überschreitet. Eine Charaktereigenschaft aber übt den größten Einfluss auf seine Handlungen aus: die Freigebigkeit. Vieles in seinem Tun grenzt nahezu an Wunderdinge, doch rufe ich Gott, seine Engel und seine Propheten als Zeugen an, dass alles, was ich über ihn zu berichten habe, unverbrüchliche Wahrheit ist. Gott wird mir als Zeuge genügen.

Es ist Brauch bei diesem Volk, dass nur derjenige zum Palast und zum Audienzsaal Zutritt hat, den der Sultan dafür ausersehen hat. Er bestimmt auch für jeden, wie viele Diener und Gefährten ihn begleiten dürfen. Am dritten Tor des Palastes, durch das man eintreten darf, notieren die Sekretäre: »Der Soundso ist um die 1. oder 2. Stunde oder später angekommen.« Nach dem letzten Abendgebet liest der Sultan diese Liste durch, auf der auch verzeichnet ist, was sich sonst noch am Palasteingang und in dessen Umgebung zugetragen hat. Es ist außerdem Sitte, dass jeder, der sich länger als drei Tage entfernt hat, ob nun entschuldigt oder nicht, nur mit Sondererlaubnis des Sultans den Palast wieder betreten darf. Kann nun ein solcher Mann eine Entschuldigung, etwa wegen Krankheit, vorbringen, so bietet er dem Sultan ein passendes Geschenk an. Dies tun auch jene Leute, die von einer Reise zurückkommen. So schenkt der Gelehrte einen Koran, ein Buch oder Ähnliches, der Fakir einen Gebetsteppich, einen Rosenkranz oder Zahnstocher, Emire und Leute von ähnlichem Rang schenken Pferde, Kamele oder Waffen.

In einem geradezu gigantischen Audienzsaal, der Hezar Ustun, »Tausend Säulen«, genannt wird, hält der Sultan vor versammeltem Volk seine Audienzen ab. Die Säulen bestehen aus lackiertem Holz, die eine Holzdecke mit wunderbarer Bemalung tragen. Bei einer Audienz, die meistens nach dem Nachmittagsgebet oder ganz früh am Morgen stattfindet, sitzt der Sultan auf einer mit weißen Stoffen bedeckten Erhöhung, auf der ein Thron errichtet ist. Seinen Rücken stützt ein großes Polster; rechts und links von ihm liegen Ruhekissen. Er sitzt nach indischer Sitte wie etwa bei der Ablegung des Glaubensbekenntnisses. Hat er nun Platz genommen, so steht der Wesir vor ihm, zusammen mit den Sekretären. Hinter ihnen wiederum befinden sich die Kammerherren. Großkammerherr ist Firuz Malik, der Vetter des Sultans und dessen Statthalter. Unter allen Kammerherren steht er dem Herrscher am nächsten. Nach ihm folgen der Leibkämmerer, dessen Stellvertreter, der Befehlshaber des Schlosses und dessen Stellvertreter, die beiden ersten Kämmerer und schließlich die Masse ihrer Untergebenen. Nach den Kammerherren ordnen sich in der Rangfolge ungefähr hundert Palastoffiziere ein.

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