Kitabı oku: «Die Turnachkinder im Sommer»

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Ida Bindschedler

Die Turnachkinder im Sommer

Saga

Die Turnachkinder im SommerCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1906, 2020 Ida Bindschedler und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726583854

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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Aufs Land hinaus

Das frühe Morgenlicht schien in die kleine Stube, in der Hans schlief. Er träumte von einem Kampf im Schulhofe; aber wie es im Traume so geht, die Schulbuben verwandelten sich unversehens in wilde Krieger, die mit Schwertern aufeinander losgingen. Bum, bum –! wie das tönte, wenn sie auf die Schilder schlugen! . . . Hans fuhr in die Höhe und öffnete die Augen. Es dröhnte immer noch fort, ein ganz gewaltiges Hämmern und Klopfen. Nein, das waren gar nicht Schilde, auf die man schlug – das waren die Kisten, die man drunten zuhämmerte, und die Bettladen, die man auseinander klopfte! Heute war ja außer Weihnacht der allerschönste Tag des Jahres! Heut zog man aufs Land in die liebe Seeweid hinaus!

Hans sprang aus dem Bett zum Fenster.

«Hurra, Hurra!» schrie er in den Hof hinunter; der Hausknecht Ulrich mit dem Hammer in der Hand sah auf.

«Hurra, Hansel!» antwortete er. Und da ihm zu allem immer gleich ein Gesang einfiel, begann er mit seiner Baßstimme das Wanderlied zu singen:

«Kamerad, ich nehm’ den Stab zur Hand

Und sag’ dir heut ade . . .»

Nur hätte Ulrich eigentlich umgekehrt singen müssen; denn er blieb den Sommer über in der Stadt im Geschäft, wo er seine Arbeit hatte.

Als Hans angezogen war, sprang er die Treppe hinunter und auf eine Türe zu, an der er einen Augenblick horchte.

Die schlafen natürlich noch wie die Ratten, dachte er und legte die Hände als Trompete an den Mund:

«Tütütüh – tütütüh –!» blies er aus allen Kräften, und um sicher zu sein, daß sein Morgenruf gut gewirkt habe, machte er die Türe auf. Da lagen die beiden Schwestern, die fast neunjährige Marianne und das siebenjährige Lotti, unter ihren Decken am Boden. Die Bettstellen hatte Ulrich schon gestern abend herausgetragen, und die Kinder hatten bloß ihre Matratzen gehabt. Das war ein Vergnügen gewesen! Sie hatten lange mit dem kleinen Werner um die Bettstücke herumgetanzt und ihre Matratzen in diese und dann in jene Ecke gezogen, um zu sehen, wo es am schönsten zu schlafen sei, bis Sophie gekommen war und sie ein wenig gescholten hatte.

Jetzt sahen sie beide ganz verschlafen auf Hans.

«Ach du! Warum weckst du einen auf mit deinem dummen Tütütüh!» sagte Marianne und legte ihren Kopf mit den blonden, wirren Zöpfen wieder aufs Kissen.

«Das ist gar nicht dumm», erwiderte Hans. «Ihr solltet froh sein, daß ich euch wecke! Ihr denkt wohl gar nicht, was heute für ein Tag ist –?»

Aber Lotti hatte schon ihre Füße draußen und zog eilig die Strümpfe an.

«Marianne, Marianne! in der Nacht hab’ ich’s ganz vergessen! wir ziehen ja heut in die Seeweid hinaus –! Geschwind, Marianne! wir müssen unsere Puppen zur Reise richten!»

«Eure Puppen könnt ihr noch lange richten», sagte Hans. «Zuerst kommt etwas Wichtigeres: wir müssen den Abschiedsumzug halten; er wird sehr schön; ich hab’ mir’s gestern ausgedacht. In einer Viertelstunde solltet ihr im Hof sein.»

Die Schwestern klatschten in die Hände.

«Ja, ja, in einer Viertelstunde!»

«Den Werner laßt aber lieber noch schlafen», meinte Hans; «er hält uns nur auf.»

Doch kaum hatte Hans die Türe zugemacht, als der kleine Werner in seinem Bettchen, das man ihm gelassen, sich aufstellte und über das hohe Gitter hinausrief: «Auch aufstehen, auch aufstehen!»

«Ach, Werner, schlaf du noch ein wenig!» sagten Marianne und Lotti zugleich; denn sie waren so eilig.

Aber Werner wollte nicht mehr schlafen. Er versuchte, mit seinen dicken Beinchen über das Gitter weg zu klettern; da mußte Marianne doch hinzuspringen. Werner hätte fallen können. Und wie er sie nun um den Hals faßte, brachte sie ihn nicht mehr los; er war so ein herziger Bub und konnte so nett betteln. Weder Mama noch Sophie waren da, um zu helfen; so mußten denn Marianne und Lotti abwechselnd sich selbst anziehen und den kleinen Werner. Sie wuschen ihn auch, und er schrie gehörig, gerade wie alle Morgen bei Sophie; also hatten sie es recht gemacht.

Nun waren die drei fertig und suchten Hans im Hofe. Hans stand unter dem Vordach, wo in einer Ecke Moos und Tannenreiser lagen. Man hatte das vor acht Tagen gebraucht, um die Stubentüre zu bekränzen, als Papa von der Reise zurückgekommen war. Hans hatte ein paar lange Stäbe vor sich und war eifrig daran, sie mit dem Grün und mit roten Papierstreifen zu verzieren. – «Endlich!» sagte er, als die Mädchen unter der Hoftür erschienen. «Bei euch hat eine Viertelstunde scheint’s dreißig Minuten. Und den Werner bringt ihr auch mit –!»

Doch als der kleine Bub auf ihn zulief und bat: «Mir auch einen Stock geben – bitte, bitte!» da strich ihm der große Bruder über den Kopf und sagte freundlich: «Ja, ja, Werner bekommt einen Stock.» Und nun kam noch der Schnauzel, der Hund, auf Hans zu und wedelte stark mit dem Schwanz, als wollte er sagen: «Mir auch, mir auch!» – Da lachten die Kinder, und Marianne steckte dem Schnauzel einen grünen Zweig in das Halsband.

«Wenn der wüßte, daß er dableiben muß, wär’ er nicht so vergnügt», sagte sie.

Es war ein wenig ärgerlich, daß nun mitten in die Zurüstung hinein Sophie zum Frühstück rief. Aber in der Stube ging’s auch lustig zu, recht drunter und drüber. Fast alle Dinge waren schon eingepackt; Löffel fanden sich nur noch zwei, und Marianne und Lotti hatten zusammen ein Milchschüsselchen. Jedes trank immer einen Schluck; sie lachten und stießen sich, so daß die Milch fast verschüttet wurde. Hans machte dem Werner große Brocken, daß es aufspritzte, und erzählte, das seien Meerschiffe, die im Sturm versinken. Mama und das Kindermädchen Sophie gingen nur hie und da eilig durchs Zimmer und trugen Wäsche und Körbe hinaus. Solche Unordnung im Haus dünkte die Kinder wunderschön.

Aber nun ging es wieder in den Hof, wo der Abschiedsumzug geordnet wurde. Jedes der Kinder erhielt einen grünen Stab und steckte sich in den Gürtel, oder wo es anging, kleine Tannzweige. Hans stellte sich voran; hinter ihm kam Marianne, dann Lotti und Werner; der Schnauzel machte den Beschluß.

Erst schritt man dreimal im Hof herum; Hans sprach das Gedicht, das er gemacht hatte, und in das Marianne und Lotti bald auch einstimmten; nur der kleine Werner sagte alles verkehrt. Hansens Gedicht hieß:

Ade, ade, du altes Haus!

Nun geht es bald zum Tor hinaus.

Wir ziehn heut in die Seeweid ein;

Dort wird’s im Sommer herrlich sein.

Wir kommen wieder mit dem Schnee;

Du altes Haus, ade, ade!

Dann ging es die Treppe hinauf und vor Papas Büro. Sonst hatte es Papa nicht gern, wenn man so zu viert oder fünft kam; aber heute klopfte Hans frisch an und machte auf. Man mußte doch dem Büro Lebewohl sagen. Der Herr Oberauer und der Herr Frei saßen schon an ihrem Schreibpult und sahen erstaunt auf die grün geschmückte Schar. Papa kam aus der innern Stube:

«Was gibt’s denn jetzt?»

Da machten alle vier Kinder eine tiefe Verbeugung; nur der Schnauzel konnte das nicht. Papa lachte, und die Herren lachten mit.

«Papa, Papa», riefen Marianne und Lotti, «wir können ein Gedicht! Hans hat es selbst gemacht!»

Sie sagten alle miteinander das Abschiedslied auf, und da Werner immer mithelfen wollte und man ihn korrigieren mußte, entstand ein ganzer Tumult. Aber da nahm Papa die Türe in die Hand: «Schön, Hans, schön! doch jetzt macht, daß ihr weiterkommt!» Vom Büro ging’s hinauf in die Küche. Balbine, die Geschirr in einen Korb packte, fand Hansens Gedicht auch sehr hübsch; aber sie war froh, als die Kinder aus all den Tellern und Töpfen wieder draußen waren.

Aus dem hintern Schlafzimmer kam gerade Sophie.

«Bitte, Sophie», sagten die Kinder, «dürfen wir zum Schwesterlein hinein? Es muß doch auch wissen, daß man heute aufs Land zieht!»

«Was euch immer einfällt –! Meinetwegen! Aber leise und manierlich!» Sie ließ die grüne Schar ins Zimmer ein. Das Schwesterlein lag in seinem Korbwagen. Es hieß eigentlich Hedwig; aber das galt erst für später. Es war gerade zehn Wochen alt und noch ganz winzig. Man konnte nicht mit ihm spielen; doch die Kinder liebten es sehr, und Marianne durfte es manchmal, wenn es im Kissen lag, auf den Schoß nehmen.

Jetzt sah das Schwesterlein mit großen Augen auf die Geschwister, und als sie ihm, so leis sie konnten, ihr Abschiedslied aufsagten, da blinzelte es ein wenig.

«Es lacht, es lacht!» riefen die Kinder, und jedes behauptete: «Mich hat es angelacht, mich –!»

«Ja, ja, es hat euch alle angelacht», sagte Sophie; «aber jetzt laßt mir mein Kleines in Ruhe!»

Droben im dritten Stockwerk waren schon die Läden zugemacht; im großen Zimmer standen Sofa und Klavier mit grauen Tüchern verhängt; es war ganz dunkel. Werner faßte Mariannes Hand und drückte den Kopf an ihre Schürze.

«Wenn er sich da schon fürchtet, so kann man ihn nicht mit in die Holzkammer nehmen», sagte Hans. «Werner, setz dich unten auf die Treppe! Wir müssen nun hinauf und bis auf die Zinne.»

«Werner auch auf die Zinne!» rief der kleine Bub. Aber es war wirklich besser, daß er unten blieb. Die oberste Treppe war steil wie eine Leiter und hatte schrecklich hohe Stufen.

Doch prächtig war’s da droben. Man konnte über den Kornplatz wegsehen und über die ganze Stadt und ihr Lebewohl zurufen. Die Kinder jauchzten und schwenkten ihre grünen Stäbe. Die Frühlingssonne schien über die Dächer; an den hohen grauen Münstertürmen vorbei sah man den hellen See, und weit, weit draußen, wo die Pappeln standen, war die Seeweid!

Plötzlich deutete Marianne auf den Kornplatz hinunter, der am Flusse lag.

«Hans, Lotti!» rief sie, «das Schiff, das Schiff –!»

Und nun stürmten sie hintereinander alle Treppen hinunter und zur Haustüre hinaus über den Kornplatz. Hans und der Schnauzel waren die ersten.

Da fuhr das Schiff heran. Es war ein großes, breites Fahrzeug mit ganz flachem Boden. Drei Schiffsleute lenkten es mit langen Stachelstangen und hielten an, wo die steinernen Stufen zum Kornplatz hinaufführten. Die Männer banden das Schiff mit festen Stricken an die Pfähle und schritten dann über den Platz dem Turnachhause zu. Denn sie waren bestellt, um die Möbel, Betten, Kisten und Körbe zu holen und auf dem Schiffe in die Seeweid hinauszuführen. Die Kinder liefen hinter den Männern drein und klatschten in die Hände. Im Hause ging es nun mit großem Gepolter und Rufen treppab und treppauf. Die Kinder wollten auch helfen und trugen Stühle und leichtere Sachen auf das Schiff; denn es war prachtvoll, da auf- und abzugehen wie auf einer Insel!

Aber Mama mahnte die Kinder, ihre eigenen Sachen zusammenzuholen und das, was zurückblieb, aufzuräumen. «Den Werner nehmt ihr auch dazu, Hans. Der kleine Bursche ist ganz betrübt.»

Werner stand im Korridor und sah zu, wie alle Leute an ihm vorbei die Treppe hinunter liefen. Hinaus durfte er leider nicht; es war zu gefährlich für ihn auf dem Schiff, das gar keine Seitenwände hatte. Nun war er sehr glücklich, als Hans ihn rief.

Die beiden trugen alles mögliche heraus, die Baukasten auch und einen ganzen Stoß Bücher.

«Und mein Pferd, Hans! Mein Pferd auch mit!» schrie Werner eifrig und zog seinen Braunen am Kopf daher.

Aber Balbine schlug die Hände zusammen, als sie das Zeug sah.

«Du liebe Güte! Buben! all den Kram! Ihr wollt euch wohl ein besonderes Schiff mieten?»

Mama kam auch heraus: «Nein, Hans, das tragt nur wieder weg. In der Seeweid draußen gibt es Spiel und Unterhaltung genug –! Den kleinen Baukasten für Werner, die Malschachtel und meinetwegen drei oder vier Bücher. Aber nicht den dicken «Lederstrumpf»; den kannst du ja auswendig! Und mein kleiner Wernermann – wozu denn das hölzerne Pferd, wo draußen die lebendigen Kaninchen sind und die Hühner und Kühe und vielleicht ein Kälbchen–?»

«Vielleicht ein Kälbchen –!» rief Werner erwartungsvoll und führte seinen Braunen wieder in den Stall hinterm Ofen. Auch Hans gehorchte. Dann ging er zu den Mädchen hinüber, die unter ihren Puppen hantierten.

«Wenn ihr meint, daß ihr das alles mitnehmen dürft!» sagte er und steckte die Hände in die Hosentaschen.

Lotti drückte zärtlich ihre drei Kinder in die Arme, und Marianne lief zu Mama; aber da ließ sich nicht viel machen.

«Jedes nimmt eine Puppe mit», entschied Mama, «und Mariannes Wagen genügt; in dem können die beiden Kinder den Sommer über auch schlafen. Ihr wißt, daß wir in der Seeweid nicht so viel Platz haben.»

«Aber unsere Badepüppchen doch, Mama, unsere Badepüppchen?» riefen die beiden Mädchen, und Hans stimmte ein; denn sie hatten sich zusammen ausgedacht, draußen aus Schindeln eine kleine Badanstalt in den See zu bauen. Die fünf Porzellanpuppen, nicht viel länger als ein Finger, schon in roten und blauen Schwimmanzügen, die Marianne selbst gemacht hatte, durften noch in den Puppenwagen gelegt werden. Lotti besann sich lange vor ihren Kindern; endlich wählte sie das Julchen mit dem braunen Zopf, und Marianne nahm Ella, welche die Augen auf- und zumachte. Die Puppenkinder bekamen ihre Hüte und Kragen, damit sie sich auf der Reise nicht erkälteten, und wurden ermahnt, den zurückbleibenden Schwesterchen artig Adieu zu sagen.

Da fiel Sophie noch etwas ein: «Weißt du, Marianne, ihr könntet alle unsaubere Puppenwäsche zusammensuchen und in dieses kleine Tuch binden. Dann haltet ihr einmal am See eine ordentliche Wäsche.»

Marianne und Lotti fanden das sehr nett; sie durchmusterten ihr sämtliches Zeug und zogen die Puppenbettchen ab; es gab ein ganz tüchtiges Bündel, das Lotti dann zum Schiff trüg.

Vom Münster läutete es jetzt elf Uhr, und gleich darauf kam der Bäckerbursche mit zwei riesengroßen flachen Brotkuchen auf runden Holzbrettern. Der eine war reichlich mit kleinen Speckwürfeln und Kümmel bestreut; auf dem andern lagen dicht geschichtet Apfelstücke mit Zucker und Zimmet darüber. Die beiden Kuchen dufteten herrlich durch die ganze Wohnung.

Und nun gab es das allerseltsamste Mittagessen vom ganzen Jahr. Kein Tischtuch, keine Bestecke, bloß ein paar Teller und ein Messer. Die Großen setzten sich auch nicht einmal recht hin; die Kleinen aber taten es mit vielem Behagen. Zuerst bekam jedes Kind ein großes Stück Speckkuchen. Lotti dachte, als sie das ihre mit beiden Händen hielt, sie hätte bis am Abend daran zu essen. Aber es ging sehr leicht und rasch; auch mit dem Apfelkuchen. Hans und Marianne meinten, sie könnten eigentlich ganz gut noch ein drittes Stück essen; doch sie wollten nicht darum bitten; denn Mama mochte nicht, daß man unmäßig war.

«Wenn Mama uns jetzt nur das eine erlaubt!» sagten sie und berieten am Fenster.

«Das letztemal haben wir nicht mitdürfen», sagte Marianne etwas kleinmütig.

«Da hat es geregnet, und der See hatte starke Wellen!» erklärte Hans.

«Und das vorletztemal –?» fragte Lotti.

«O, da hatte ich Halsweh, und ihr wart noch zu klein! Nein, diesmal dürfen wir sicher. Es wäre schrecklich, wenn wir nicht dürften!» Und wirklich, Mama erlaubte es.

«Ja, Kinder, ihr dürft auf dem Schiff mitfahren. Werner natürlich nicht; der kommt mit mir und mit dem Schwesterlein in der Droschke nach. Versprecht mir nur, daß ihr vernünftig sein wollt und still sitzt. Hans, du weißt, du hast nicht zu helfen und keine Stange und kein Ruder anzurühren. Die Schiffsleute werden schon allein fertig!»

Die Kinder versprachen alles Gute und liefen jubelnd zum Schiff hinunter, um sich jetzt schon die Plätze auszusuchen. Der Herr Nachbar stand eben unter der Türe seiner Apotheke.

«Herr Lorez, wir dürfen mitfahren!» Die Kinder sprangen auf ihn zu, um Lebewohl zu sagen.

«Nun denn, gut Glück, ihr Meerfahrer!» sagte Herr Lorez lachend und gab ihnen als Reisestärkung eine kleine Schachtel Malzbonbons mit.

Endlich kam am Nachmittag der große Augenblick der Abfahrt.

«Nun ist alles beisammen», sagten die Männer und machten sich daran, die dicken Seile zu lösen. Marianne und Lotti setzten sich vorn auf einen Schemel, jede ihre Puppe im Arm. Sie waren so vergnügt, daß sie die Füße gar nicht stillhalten konnten. Hans saß hinter ihnen auf einer Kommode. Auf der Ufermauer standen eine Reihe großer und kleiner Buben.

«Ade, ade! wir möchten auch mit!» schrien sie, und Hans schwenkte grüßend seine Fahne zum Hause zurück, wo Mama mit Werner herauswinkte und Papa mit den Herren des Büros unterm Fenster stand. Von Ulrich und vom Schnauzel hatte man schon vorher Abschied genommen.

Das Schiff fing an sich zu bewegen. Klatschend schlug das Wasser an den Holzboden. Mit aller Kraft stießen die Männer ihre Stachelstangen in den Grund; denn sie mußten das schwere Fahrzeug gegen die starke Strömung flußaufwärts bringen.

«Wenn es uns nur nicht an die Pfähle hinunter nimmt!» sagte einer. «Das Wasser ist gehörig gewachsen, seit in den Bergen der Schnee schmilzt.»

Hans sah gespannt zu. Wenn es etwas gäbe, dann, dachte er bei sich, müßte er doch am Ende helfen. Mama konnte noch hinuntersehen und würde ihm vielleicht zunicken.

Aber das Schiff fuhr nun ruhig dahin und der Brücke zu, unter deren dunklem Bogen die Männer durchlenkten.

«Jetzt gehen die Leute und die Wagen über unsere Köpfe, und wir spüren es gar nicht!» lachte Lotti.

Da wurde es plötzlich frei und weit und sonnig. Der ganze See lag vor den Augen der Kinder. Das Wasser wurde tiefer. Vorher hatte man durch die grünlich klaren Wellen alle Steine des Grundes und die seltsamen langen Wasserpflanzen gesehen, die sich flußabwärts schlängelten. Nun verschwand der Boden, und man sah in eine bläuliche Tiefe. Die Schiffsleute hatten ihre Stachelstangen mit den Rudern vertauscht, und es ging vorbei an den letzten Häusern der Stadt und zu den ersten Landhäusern, die mit ihren kleinen Buchten und den alten, überhängenden Bäumen traulich im Sonnenschein dalagen.

«Aber unsere Seeweid ist doch am allerschönsten!» erklärte Marianne.

Auf einmal hörten die Kinder hinter sich ein gewaltiges Rauschen und Stampfen; Hans von seinem erhöhten Sitze aus konnte am besten zurücksehen.

«Es ist ein Dampfschiff!» rief er. «Es ist der ,Neptun‘! Der gibt die schönsten Wellen. Das ist der nette Steuermann mit dem roten Bart – Marianne, Lotti – winkt doch!»

Hans streckte sich, so hoch er konnte, und grüßte mit seiner Fahne, während die Mädchen ihre Taschentücher schwenkten. Das Dampfschiff fuhr in stolzem Bogen nahe vorbei, und der Steuermann erkannte die Winkenden. Er blieb unbeweglich an seinem Steuerruder; denn das durfte er keinen Augenblick verlassen; aber er lachte mit dem ganzen Gesicht. Das sind ja die Turnachkinder! dachte er. Nun wird’s wieder lebhaft in der Seeweid!

Das Schiff hob und senkte sich in den Wellen des «Neptun»; das Wasser spritzte über den Rand herein und den Kindern als lustiger, frischer Sprühregen ins Gesicht.

Jetzt tauchte aus dem Wasser ein hoher grauer Stein auf, die Thomassäule. Marianne sah sie zuerst.

«Die Thomassäule! Hans! Nun kommt gleich die Seeweid! Dort sind die Pappeln, und die Mauer von der obern Einfahrt erkenn’ ich gut!»

«Wenn wir nur innerhalb vorbeifahren; dann kommen wir ganz nahe an die Thomassäule hin», sagte Hans.

Und wirklich, die Männer lenkten nach links, obgleich der alte Steppinger dagegen war.

«Da können wir artig aufsitzen!» brummte er.

Das Wasser wurde ganz seicht; man sah auf dem bräunlichen Grunde die großen runden Kiesel. Auf der Thomassäule stand eine grau und weiße Bachstelze und wippte lustig mit dem Schwänzchen, als wollte sie die Schiffsgesellschaft auslachen.

Ritsch – ritsch – machte es auf einmal und gab einen starken Stoß. Man war richtig aufgefahren. Die Männer sahen einander an und sagten sich Worte, die nicht sehr höflich klangen. Sie griffen eilig nach den Stachelstangen, um das schwere Schiff vom Fleck zu bringen.

Marianne und Lotti faßten sich etwas ängstlich an den Händen:

«Du, Hans! wenn wir nun gar nicht wegkämen, gar nicht in die Seeweid –?»

Aber Hans hörte nicht. Er sah immer auf Steppinger. Wenn Mama wüßte, wie gut Hans mit der Stachelstange umgehen konnte, hätte sie ihm gewiß nicht verboten zu helfen.

Ritsch – mit einem Ruck war das Schiff aufgesessen, mit einem Ruck kam es endlich wieder in Gang. Ohne weiteren Zwischenfall fuhr es nun ruhig der Seeweid zu; nur als man an dem kleinen Landungssteg unter der Gartenmauer anhielt, flog Hansens Mütze ins Wasser; er hatte es gar so eilig gehabt, aus dem Schiff zu springen. Steppinger fischte sie wieder auf.

«Mama, es war wundervoll!» schrie Hans. «Der ,Neptun‘ kam ganz nah an uns vorbei, und neben der Thomassäule sind wir aufgefahren . . .»

Marianne und Lotti umarmten den kleinen Werner, der mit Mama am Stege stand und auch von seiner Fahrt erzählen wollte. Aber es war keine Zeit dazu. Es gab soviel Herrlichkeiten jetzt. Wohin wollte man zuerst rennen –? Nach allen Seiten zog es einen zugleich.

«Ich muß einmal schnell meine Kammer sehen!» rief Hans und flog die Treppen hinauf bis unters Dach in seine kleine Stube und dann in den Taubenschlag, von wo er ein glückliches Juhuh! hinausschrie, so daß die Tauben ihm entsetzt um den Kopf flatterten.

Unten aber bettelte Werner: «Zum Kälbchen, Marianne! das Kälbchen ansehen –»

Die Kinder liefen unter den blühenden Birnbäumen hinüber zum Stall. Doch als Werner das Kälbchen sah, das bei seiner braun und weiß gefleckten Mutter stand, fürchtete er sich.

«Ich will kein großes Kälbchen! ich will ein kleines – eins zum auf den Arm nehmen –»

Die Kinder lachten; aber der Knecht Jakob führte den Werner zu einem Verschlag: «Da ist etwas zum auf den Arm nehmen!» und er zog ein junges graues Kaninchen heraus. Werner drückte es zärtlich an sich. Es war seidenweich.

«Oh, Jakob, mir auch eins, mir auch eins!» riefen Hans und die Mädchen, und jedes erhielt eines von den strampelnden Tieren auf den Schoß. Marianne wollte das ihre gar nicht mehr loslassen und band ihm, damit sie es morgen wieder kenne, ein blaues Bändchen um, das sie in der Tasche hatte. – «Das ist noch viel netter als die Puppen, Lotti! und Mama hat es gewußt. Drum hat sie uns nur die Ella und das Julchen mitnehmen lassen.»

Hans aber drängte, daß man wieder zum See hinunter komme, und lief voraus bis ans Ende des Obstgartens, der durch keine Mauer und kein Gitter vom See getrennt war. Da lag das weite blaue Wasser. Drüben am andern Ufer sah man die Dörfer mit den weißen Häusern und am obern Ende des Sees die fernen Schneeberge, die von der Abendsonne beleuchtet waren. Der See warf langsam kleine Wellen über das flache Kiesufer. Werner bückte sich, um den schimmernden Schaum zu streicheln, und fiel dabei ein wenig ins Wasser.

«So, Werner», sagte Hans, «nun bist du getauft; nun bist du auch ein Seebub. Letztes Jahr ließ dich Mama noch nicht mit uns an den See; da warst du noch zu klein. Aber wir, wir sind ein paarmal getunkt worden! Weißt du noch, Marianne, wie du von der Badhaustreppe gefallen bist? Und das Lotti, das wollte die Enten füttern und sprang mit dem letzten Brotbrocken selbst hinein! Und damals im Schilfmeer, als wir gegen Onkel Alfred kämpften und alle drei ins Wasser plumpsten –!»

Die Kinder liefen hintereinander zum Schilfmeer. Es lag unten vor der Gartenmauer. Im Sommer, wenn das Schilf grün und hoch stand, war Onkel Alfred manchmal mit ihnen hineingerudert, daß es rauschte und krachte und man in große Gefahr kam, stecken zu bleiben. Das war immer prachtvoll gewesen. In Zeiten, wo der See niedrig war, stand das Schilf trocken, und man ging dann wie durch einen dichten Urwald. In der Ecke ragten noch ein paar Pfähle auf von einer Robinsonhütte, die Hans gebaut hatte.

«Dies Jahr bauen wir noch eine größere, schönere, einen indianischen Wigwam», sagte Hans. «Vielleicht gibt mir Onkel Alfred sein altes Rehfell als Dach, und dann kommt ein Feuerherd hin; da kochen wir das Abendessen –»

Die Kinder sahen einander an, und auf einmal fiel ihnen ein, daß sie schrecklich Hunger hatten.

«Ich auch hab’ Hunger!» sagte Werner und rieb sich über seine kleine Schürze. Aber als sie ins Haus kamen und in die Küche schauten, war da kein Feuer und keine Balbine.

«Au, au!» machte Hans. «Heut gibt’s scheint’s trockenes Brot, wie beim Däumling und seinen sechs Brüdern.»

«Ja, vom Däumling erzählen!» rief Werner sofort, der nichts lieber hörte als Märchen.

Doch heute brauchte man keine zu erzählen. Heute ging es von selbst zu wie im Märchen. Als die Kinder sich daran machten, Mama zu suchen, kam es in bedächtigen Tritten die Treppe herunter: voran Frau Völklein, die dicke alte Frau Völklein von droben.

«Grüß Gott, Kinderlein!» rief sie mit ihrer hohen, freundlichen Stimme. «Grüß Gott, Kinderlein! Da hab’ ich etwas zu Abend gekocht, weil Mama und Balbine doch keine Zeit finden.»

Sie trug eine große Schüssel voll prächtiger braungerösteter Bratwürstchen, und hinter ihr folgte Grite, die Magd, mit einem dampfenden Kartoffelbrei.

«Nein, heute geht’s euch aber fast zu gut!» sagte Mama, als alles am Tisch saß. «Vom Morgen bis zum Abend lauter Lust und Vergnügen! Wollt ihr dran denken, wenn dann die Tage etwa wieder Unangenehmes und Langweiliges bringen, und wollt ihr immer recht zufrieden und artig bleiben?»

«Ja, Mama! ja, Mama!» versprachen die Kinder.

Und als der schöne Tag nun zu Ende war und die Kinder in ihren Betten lagen, da meinte Marianne, als sie ihr tägliches Nachtgebet gesagt hatte, das sei eigentlich gar nicht genug.

«Mama, weißt du kein Gebet, das besonders für diesen Tag paßt?» fragte sie Mama, die vor ihrem Bette stand.

«Sprich du zum lieben Gott nur, so wie du selber denkst, Kind», sagte Mama.

Marianne setzte sich noch einmal auf und Lotti drüben auch.

«Lieber Gott», betete Marianne, «ich dank’ dir vielmal für den schönen Tag und daß du uns den See und den Garten und das Schilf und alles gegeben hast. Ich bin so vergnügt! Und ich will auch recht brav sein und nicht streiten mit Hans und mit Lotti. Amen.»

Mama gab ihr den Gutenachtkuß und ging hinaus.

Aber Marianne hielt die Augen offen; sie konnte noch nicht einschlafen. Es war nicht ganz dunkel; sie sah deutlich die dicken hellen Blumen auf der Tapete.

«Lotti, schläfst du?» fragte sie.

«Nein, gar nicht!» gab Lotti zurück. «Ich muß immer an den Garten denken. Ich hab’ eine solche Lust, zum Fenster hinauszuklettern und einmal schnell um die Tanne herumzuspringen. Vorher kann ich gewiß nicht einschlafen.»

Lotti huschte zum Bett hinaus und ans Fenster. Die Luft war lau und roch süß von Blüten. Der Mond stand hoch am Himmel, und rings um ihn schwammen schöne weiße Wolken. Die Bäume waren wie mit Silber übergossen.

«Marianne, komm! das ist schön –!»

Das Schlafzimmer lag zu ebener Erde, und im Nu waren die beiden Kinder draußen und sprangen in ihren langen weißen Nachthemden zur Tanne in der Mitte des Rasens.

«Ach, du liebe Güte – Gespenster!» rief eine Stimme. Es war Balbine, die noch ein wenig im Garten saß.

Nun trat auch Papa aus der Wohnstube: «Gespenster –? Wahrhaftig, da laufen sie! Ganz merkwürdige Gespenster! das eine mit den blonden Zöpfen gleicht auffallend unserer Marianne und das andere dem Lotti –»

«Kinder, Kinder!» mahnte Mama. «Ihr wollt euch wohl erkälten! Marsch, zurück ins Bett!»

Papa lachte.

«Na, es soll ja eigentlich gesund sein, im feuchten Gras herumzuspringen!»

Marianne und Lotti stiegen rasch wieder zu ihrem Fenster hinein und schlüpften unter die Decke. Sie schwatzten noch ein Weilchen; aber bald fielen ihnen die Augen zu, und sie schliefen fest und gut die ganze Nacht hindurch.

Pfahlbauergeschichten

Die Familie Turnach war nun schon drei Wochen in der Seeweid, und wie Mama vorausgesagt hatte: neben dem Schönen und Lustigen war hin und wieder auch etwas Unangenehmes und Langweiliges gekommen. Einmal hatte Marianne zwei Nächte hindurch Zahnweh gehabt; Hans hatte wegen Husten und Halsweh ein paar Tage im Zimmer bleiben müssen. Lotti war gesund gewesen; aber ihr waren die Strickstunden, zu denen sie sich etwa an Regentagen mit Marianne hinsetzen mußte, immer eine große Betrübnis. Auch war es schrecklich, wenn man Aufgaben hatte und draußen die Sonne durch die Bäume schien und die Wellen plätscherten. Marianne und Lotti bekamen noch nicht viel auf; aber Hans, der schon zehn Jahre alt war, hatte allerlei zu schreiben und zu lernen. Manchmal wollte so ein Gedicht gar nicht in den Kopf hinein. Immer mußte Hans wieder von vorn anfangen:

«Es ritt ein Herr, das war sein Recht;

Zu Fuße hieß er gehn den Knecht –

– – – – – den Knecht . . .»

Vom Garten her hörte man Marianne und Lotti lachen; sie liefen über die niedrige Mauer und machten in der Ecke, wo der Efeu eine ganze Laube bildete, eine Puppenwohnung.

«Marianne, du hast deine Rechnung auch noch nicht gemacht!» rief Hans hinüber.

«Ich muß sie erst auf übermorgen machen!» sagte Marianne und wiegte sich behaglich in ihrem Efeubusch.

Hans seufzte und begann noch einmal, indem er sich beide Ohren zuhielt:

«Es ritt ein Herr, das war sein Recht;

Zu Fuße hieß er gehn den Knecht.

Er reitet über Stock und Stein,

Daß kaum der Knecht kam hintendrein . . .»

Es kostete wirklich eine Anstrengung, tapfer bei dem langweiligen Gedicht zu bleiben, wo draußen alles so sonnig und lustig war . . .

Aber heute, als Hans erwachte, gab es keine Plage und keine Aufgabe. Es war Sonntag, früher, schöner Sonntagmorgen. Hans stand schnell auf und machte sich fertig. Doch als er herunterkam, war er gar nicht der erste: Papa war schon am See und löste eben das kleine Ruderschiff los, das frisch weiß, blau und rot angestrichen am Landungssteg lag. Marianne und Lotti in ihren hellen Sonntagskleidern saßen auf der Schiffsbank, Es war immer ein Hauptvergnügen, wenn Papa, der so selten Zeit hatte, die Kinder einmal ruderte.

Hans sprang hinter Papa ins Schiff und ergriff die Sitzruder, um sie einzuhängen.

«Ich kann eigentlich auch stehrudern», sagte er.

«Nein, nein, Papa, lieber du! bei dir geht’s so ruhig und schnell!» riefen die Mädchen. «Hans, der tut mit jedem Ruderschlag so einen Ruck –»

«Aber ich kann’s doch wenigstens», gab Hans zurück, «während Lotti nicht einmal sitzrudern kann. Bei der geht’s immer im Kreis herum – so –!» Er tat mit dem Ruder ein paar ungeschickte Schläge.

«Das wäre nun hübsch, wenn ihr an dem prächtigen Sonntagmorgen miteinander streiten wolltet!» sagte Papa. «Wenn Lotti noch nicht gut rudert, so kann sie dafür singen. Fangt einmal an, ein schönes Lied!»

Lotti sah auf Marianne. «Wollen wir das traurige, weißt du, das uns Ulrich gelehrt hat:

,Zu Straßburg auf der Schanz,

Da ging mein Trauern an . . .‘»

«Nein, wart», sagte Marianne. «Zuerst: ,Lobt froh‘ – das paßt für den Sonntagmorgen.»

«Lobt froh den Herrn,

Ihr jugendlichen Chöre . . .»

begannen Lotti und Marianne mit hellen Stimmen. Hans und Papa sangen mit. Dann kam ein zweites und drittes Lied, schließlich auch Lottis Lieblingslied.

Papa fuhr langsam hinaus auf den blauen, schimmernden See, dann gegen die Thomassäule und am Ufer entlang; als er zurückkehrte, sah man Mama im Garten winken.

«Ei, was ist denn das für ein Sängerfest da draußen?» rief sie. «Der ganze Verein ist jetzt freundlich zum Frühstück eingeladen!»

Aber – «du liebe Güte!» würde Balbine gesagt haben, wie sah der Frühstückstisch aus –! Im Brotkorbe lagen, weil es Sonntag war, etwa ein Dutzend Butterhörnchen, und jedes – nein, es war zu arg! – jedes verunstaltet, verstümmelt; alle vierundzwanzig Spitzen waren abgebrochen und verschwunden! Die Familie war sprachlos. Wer konnte das getan haben! Man sah ringsum, dann unter den Tisch; man sah sich gegenseitig an. Endlich rief eines: «Wo ist denn Werner?»

Ja, wo war Werner? Mama hatte ihn bei Balbine geglaubt; aber Balbine, die nun auch hereinkam und die Hände zusammenschlug ob dem Anblick, wußte nichts.

Nun lief alles hinaus: «Werner! Werner –» Und Mama wollte schon ängstlich werden, als um die Hausecke der kleine Mann erschien, aber ebenfalls in schlechtem Zustande. Seine Hände und seine weiße Schürze waren ganz schmutzig und schwarz von feuchter Erde. Er war etwas verlegen, als er die ganze Schar auf sich zukommen sah und hielt die kleine Faust über die Augen.

«Werner, mein Bub, komm einmal her!»

Mama zog ihn ins Zimmer.

«Was sind denn das für häßliche, schwarze Hände?»

«Ich – ich hab’ müssen graben!» stotterte Werner, ohne Mama anzusehen.

«O Mama! dann weiß Werner nichts von den Hörnchen, dann ist er unschuldig!» rief Marianne, die den kleinen Bruder zärtlich liebte und ihn bei jeder Gelegenheit verteidigte.

Aber Werner sah gar nicht so unschuldig aus. Er versuchte, sich aus Mamas Händen loszumachen, und als sie auf den Tisch nach dem Brotkorb zeigte, drückte er die Augen zu.

«Nein, Werner, jetzt sag lieber rasch und ehrlich heraus: Hast du alle unsere schönen Butterhörnchen zerbrochen?»

Nun sah der Kleine Mama an, und seine Augen füllten sich mit Tränen; aber er brachte kein Wort heraus.

«Stellt euch nicht so vor ihn hin», sagte Mama zu Hans und Lotti, «gerade als ob es euch Spaß machen würde, euer Brüderchen in Verlegenheit zu sehen. Komm, mein Bub, sag es der Mama leise –» Da drückte Werner sein Mäulchen an Mamas Ohr und flüsterte etwas hinein.

«O, o! Was für einen unartigen Buben haben wir doch, den man gar nicht allein im Zimmer lassen kann! Und wo sind denn die vielen, vielen Zipfel hingekommen? Hast du sie gar alle aufgegessen –?»

«Nein, nicht aufgegessen!»

«Aber was in aller Welt hast du mit ihnen angefangen?» Werner hob den Kopf, als ob ihm der Mut wieder käme.

«Ich – ich hab’ Pf-Pfahlbauten draus gemacht.» Er sah stolz im Kreis herum, weil er das schwere Wort hatte sagen können. – «Pfahlbauten –? was sagt er da –?» fragte Papa sehr belustigt. «Das wird ja immer merkwürdiger. Komm her, du kleiner Prähistoriker, und erzähle uns, wie man Pfahlbauten macht aus den Zipfeln von Butterhörnchen!»

«Ich hab’ es so gemacht wie – Hans und Marianne und Lotti.»

«Aha», sagte Papa. «Also steckt ihr Großen hinter der Geschichte. Wartet nur, ihr kommt nachher an die Reihe! Nun, mein Wernermann, willst du uns wenigstens mitteilen, wo du deine interessanten Pfahlbauten angelegt hast?»

Werner schüttelte den Kopf; er wurde nun wieder fast übermütig. Erst nach vielem Drängen gab er nach und lief den andern voraus in den Garten zu einer abgelegenen Ecke, wo ein paar dichte Fliederbüsche standen. Die kleine Schaufel, die Werner geschenkt bekommen hatte, lag da auf der Erde.

Hans fing an zu graben; die «Pfahlbauten» steckten nicht tief. Aber wie sah das schöne Brot aus! von der feuchten Erde ganz schwarz und ungenießbar. Die Kinder wollten den Kleinen necken. Was das für ein Einfall war von dem Wernerlein!

Aber Mama fand, daß er doch ein wenig Strafe verdiene: «Du siehst nun, denke ich, doch ein, daß du etwas sehr Dummes gemacht hast und etwas Unrechtes dazu. Darfst du denn eigentlich vom Tisch wegnehmen, was dir nicht gehört, und es verderben? – Nun geh nur zu Sophie, daß sie dir das Werktagskleidchen anzieht; in diesem Schmutz wollen wir dich nicht sehen. Und laß dir ein Stück Brot in der Küche geben. Was du von den Butterhörnchen übrig gelassen, das reicht kaum für uns; du bekommst natürlich nichts davon.»

Werner zog ein Mäulchen und weinte ein wenig; dann lief er zu Sophie. – «Nun möcht’ ich aber doch wissen, Kinder», begann Papa, «wie Werner auf die Pfahlbauten gekommen ist und was für wunderliches Zeug ihr ihm vorgemacht habt!»

Die Kinder sahen einander an und lachten.

«Ach, Papa, das war ganz anders. Das war etwas sehr Ernsthaftes, was wir taten, und Werner hat zugeschaut; aber er hat es natürlich gar nicht verstanden!»

«Also heraus denn mit dieser sehr ernsthaften Sache! Ihr macht mich wirklich neugierig!»

Ja, das war eine lange Geschichte, und wenn man ganz von vorn anfangen wollte, waren es eigentlich zwei.

An einem Samstagnachmittag, zwei Wochen vor dem Ereignis mit den Butterbrötchen, kam Hans aus dem Hause mit einem großen, weiten Einmachglase, das Mama ihm geschenkt hatte.

Marianne und Lotti richteten eben am See die Puppenbadeanstalt wieder her, die sie tags zuvor aus kleinen Pflöcken und Schindeln gebaut hatten, die aber von den Dampfschiffswellen zerstört worden war. Die Porzellanpüppchen warteten im Sand.

«Kommt!» sagte Hans. «Wir gehen ins Klaregg hinaus und sehen, ob wir dort etwas finden für unser Aquarium.»

«Ins Klaregg –! Gleich, Hans!» rief Lotti, packte schnell mit Marianne die Badepüppchen zusammen und holte die Hüte.

Die drei Kinder gingen zwischen den Weißdornhecken und Feldern hinaus zum Klaregg. Hans trug das Glas, Marianne eine Botanisierbüchse und Lotti ein altes Schmetterlingsnetz, mit dem man auch fischen konnte. Das Klaregg lag wie die Seeweid am Wasser. Es bildete eine kleine Halbinsel, die in den See hinausragte und von einem Bach durchflossen war. Ringsum standen Weiden und Erlenbüsche; dazwischen gab es kleine Wassertümpel und Teichlein, in denen allerlei lustiges Getier sein Wesen trieb: kleine Frösche und große stattliche mit grünem, gestreiftem Rücken und weißem Bauch. Die konnten schwimmen und tauchen, als ob sie es beim Schwimmlehrer gelernt hätten. Und ihre Kleinen, wie sahen die lächerlich aus! Dicke dunkle Köpfe und ein kleiner Schwanz dran; das war alles. Lotti konnte immer gar nicht glauben, daß aus diesen komischen schwarzen Fischlein Frösche würden mit richtigen vier Beinen. In einem anderen Wasserloche tauchten tief aus dem Grunde schwarze Molche auf in schlängelnder Bewegung. Auf der Unterseite waren sie goldgelb. Auch seltsame Käfer oder Spinnen fuhren da auf dem Wasser herum wie Schlittschuhläufer. Und auf dem trockenen steinigen Land, wo weißer Klee und blaue Salbei wucherten und wo es so gut nach Thymian roch, huschten prächtige Eidechsen hin und her, bräunliche und smaragdgrüne. Wenn man eine in die Hand nahm, konnte man sehen, was für eine schöne Zeichnung die kleinen Schuppen bildeten und welch hübsche, goldglänzende Äuglein das kleine Tier hatte, das seine lange zweispitzige Zunge zeigte und blitzschnell wieder einzog.

Die Turnachkinder hatten eine große Liebe zu allen Tieren. Aber leider war Mama mit dieser Liebe nicht immer einverstanden.

«Wenn ihr die Tiere fangt und herumschleppt», sagte sie, «tut ihr ihnen gar nichts Gutes. Am liebsten haben sie es, wenn ihr sie in Ruhe laßt.»

«Oh, Mama, wir tun ihnen nicht weh. Die Eidechsen tragen wir bloß in den Garten. Da können sie ja so gut leben wie im Klaregg. Das ist dann so hübsch, wenn wir sie immer wieder auf den Gartenwegen sehen! Und den Fröschen und Molchen tun wir Sumpfwasser in das Einmachglas und Schlammpflanzen und als Insel einen Stein; da können sie hinaufsitzen, wenn sie gern wollen im Trockenen sein. Bitte, Mama!»

Da erlaubte denn Mama, daß die Kinder hie und da eines der Tiere heimbrachten. Aber die Frösche und Molche mußten sie nach einem oder zwei Tagen immer wieder ins Klaregg zurücktragen und in Freiheit setzen. Lotti nahm dann jedesmal wortreichen Abschied von dem Amphibium, das sich schleunigst entfernte und nicht die geringste Anhänglichkeit zeigte trotz der liebevollen Behandlung.

Nur einmal sprang ein großer Frosch freiwillig zurück in das Glas, das von den Kindern Aquarium genannt wurde. Unter Jubel trugen sie ihn wieder nach Hause.

«Das ist ja ganz ähnlich wie in der schönen Geschichte von dem getreuen Sklaven, die ich einmal als Kind gelesen habe», sagte Balbine. «Er hat, glaub’ ich, Alexius geheißen.»

Alexius – nun hatte der anhängliche Frosch einen Namen. Nachdem er auf Mamas Anordnung zum zweitenmal ins Klaregg getragen worden war, behielten ihn die Kinder im Auge. Er bewohnte den ganzen Sommer denselben Wassertümpel. Manchmal saß er unbeweglich auf einem Stein. Die Kinder behaupteten, er sehe sie freundlich an und wolle gewiß gern wieder ein wenig in die Seeweid kommen; er lasse sich auch ganz leicht fangen. So geschah es, daß er noch ein paarmal in der Turnachfamilie zu Gast war. Jeder im Hause kannte den dicken Alexius.

An dem Samstag jedoch, da die Kinder mit Glas und Netz und Botanisierbüchse ausgezogen waren, schien es nichts zu geben fürs Aquarium. Sie kauerten alle drei über einem kleinen Tümpel und sahen in das trübe Wasser, aber umsonst.

«Marianne», sagte Hans, «du mußt mit dem Stock im Wasser hin und her fahren; dann schwimmen die Molche vielleicht bei mir herauf.»

Marianne bewegte ihren Stock; kein Molch wurde sichtbar.

«Ich möchte wissen», sagte sie, «was eigentlich da unten ist. Es muß etwas Flaches, Großes sein; ich kann es mit dem Stock vorwärts stoßen.»

Hans kam hinzu. Das mußte man herausbringen. Er legte sich auf den Boden und griff, nachdem er den Ärmel aufgestülpt, hinein; aber er kam nicht auf den Grund und fiel beinahe ins Wasser. Nun suchte er sich auch einen Stecken und einen für Lotti, und mit vereinten Kräften machten sie sich daran, das geheimnisvolle Ding zu heben. Einmal brachten sie es fast heraus; es war rund und schwarz, sank aber wieder zurück in den schlammigen Grund. Alle drei Kinder schrien laut auf. Hans sagte, Lotti sei schuld, und Lotti klagte Marianne an. Das zweitemal brach Hansens Stock, und es war wieder nichts. Das drittemal brachten sie das Ding vollständig ans Tageslicht. Es war schwer wie ein Stein und etwa so groß wie ein Eßteller. Hans trug es zum See, um die schwarze, schlammige Kruste abzuwaschen. Er rieb und rieb.

«Es kommt ein Kranz heraus ringsum», sagte er, «und jetzt – ein Mann in der Mitte und eine Frau und unten – wartet – seltsame Buchstaben –»

«Zeig, zeig!» baten Marianne und Lotti. Hans wies ihnen das eingegrabene Bild; aber er gab die Scheibe nicht aus den Händen, sondern sah sie immer mit ernsthaftem Gesicht an und drehte sie nach allen Seiten.

«Marianne, Lotti – ich glaube, wir haben etwas sehr, sehr Wichtiges gefunden, etwas ganz Uraltes – wahrscheinlich aus der Pfahlbauerzeit –»

Die Schwestern hörten erstaunt zu.

«Das war ein altes Volk, das in den Seen auf Pfählen lebte –»

«Oh», sagte Lotti, «auf Pfählen? das war nicht angenehm!»

«Ach Lotti, du bist noch schrecklich dumm! Es ist gut, wenn du jetzt dann auch einmal rechte Bücher liesest, damit du etwas lernst. Das vom Onkel Doktor, wo alles von den Pfahlbauern drin steht, ist prachtvoll. Also, Lotti, sie saßen natürlich nicht jeder auf einem Pfahl, sondern legten Bretter über die Pfähle und bauten ganze Häuser darauf. Und sie gingen auf die Jagd und brachten Bären und Auerochsen heim, und die Kinder band man an Stricke.»

«Warum?» fragte Lotti und hatte Mitleid mit den kleinen Pfahlbauerkindern.

«Natürlich damit sie nicht ins Wasser fielen. Und sie aßen gedörrtes Obst und trugen große Ringe an den Ohren. Und sie glaubten nicht an Gott. Man weiß nicht recht, was für eine Religion sie hatten; vielleicht beteten sie Götzen an. – Wißt ihr, was ich glaube –?» Marianne und Lotti waren sehr gespannt.

«Ich glaube, die Platte da ist ein altes Götzenbild von den Pfahlbauern! Was könnte es anders sein –?»

«Oh!» riefen die Mädchen.

«Aber, du, Hans», fragte dann Marianne, «wie ist denn das Götzenbild daher gekommen?»

«Ja, die Pfahlbauer sind später besiegt worden von anderen Völkern oder sonst gestorben, ich weiß nicht recht, und ihre Sachen sind ins Wasser gefallen und in den Schlamm. Und jetzt gräbt man sie wieder aus und heißt sie Altertümer.»

Alle drei betrachteten noch einmal die Platte, und die beiden Mädchen fanden auch, daß das gewiß ein Götzenbild sei. Das war ja ein wundervoller Fund, viel schöner als alle Frösche und Eidechsen im Klaregg.

«Hans, was tun wir doch damit?» bestürmten Marianne und Lotti den Bruder, während er das Götzenbild in sein Taschentuch einwickelte.

«Ja, wenn wir es verkaufen würden, bekämen wir jedenfalls viel Geld dafür. Aber es ist viel feiner, wenn wir es verschenken.»

Hans sah die Schwestern großartig an.

«Ich hoffe, ihr versteht das. Wir schenken das Götzenbild der Stadt, und dann kommt es ins Museum, in einen großen Saal, wo es eine Menge Pfahlbautenüberreste gibt. Wir waren ja mit Papa einmal dort, Marianne. Dann kommt die Platte in einen Glasschrank, und auf einem Zettel steht dabei: Geschenk von Hans, Marianne und Lotti Turnach.»

In einem Glasschrank im Museum und die Namen dabei –!

Die Mädchen wurden nun auch ganz aufgeregt.

«Und wenn wir im Winter an einem Sonntag ins Museum dürfen, dann gehen wir immer zuerst zu unserm Götzenbild und lesen, was auf dem Zettel steht!» rief Lotti und folgte mit Marianne dem Bruder, der, die Platte sorgfältig im Arm haltend, den Heimweg antrat.

Mama saß mit Großmama, die für den Nachmittag gekommen war, vor dem Hause, und die alte Frau Völklein stand auch ein wenig dabei mit dem Strickzeug. Werner baute nebenan eine Mauer aus Sand und Steinen.

«Guten Tag, Großmama, guten Tag, Frau Völklein! Mama, Mama! wir haben etwas furchtbar Seltenes gefunden, etwas sehr Wertvolles; Mama – da ist es im Taschentuch, damit es nicht zerbricht! Von den Pfahlbauern, Mama! es ist ein Götzenbild, und es kommt in einen Glaskasten; wir schenken es der Stadt . . .», so stürmten alle drei Kinder auf Mama los.

Großmama hielt sich die Ohren zu; Frau Völklein lachte: «Nein, die Kinder, Frau Turnach, die Kinder –!»

«Nur ordentlich der Reihe nach, daß man euch versteht!» mahnte Mama, und während die Kinder noch einmal von vorn anfingen, nahm Großmama behutsam das Götzenbild aus Hansens Taschentuch.

«Die Pfahlbauer beteten es an», erklärte Lotti eifrig. «Und sie wohnten im Wasser und aßen gedörrte Zwetschgen . . .»

«Das waren merkwürdige Leute!» sagte Großmama. Frau Völklein aber nahm das Bild ebenfalls in Augenschein.

«Ach», rief sie, «wie nett! wie mich das anheimelt! Nein, Kinder, wo habt ihr das her? Das ist eine Kuchenform – wissen Sie, Frau Turnach, für die flachen Honigkuchen, die zu unserer Kinderzeit auf Neujahr gebacken wurden. Der Vetter unserer Mutter war Zuckerbäcker und zeigte uns manchmal seine Formen –» Sie drehte die Platte vergnügt um und um.

«Da – da unten haben wir auch eine Jahreszahl . . . achtzehnhundert – neun! Das ist alt, Kinder; das müßt ihr aufheben!»

Hans nahm der Frau Völklein die Platte wieder ab. Alt! – Wenn man gedacht hatte, das Ding sei viele tausend Jahre alt, und nun zählte es nur etwas über hundert! Und wenn man der festen Überzeugung gewesen war, es sei ein Götzenbild eines fremden Volkes der Urzeit, und man mußte hören, daß es eine Kuchenform war, wie der Vetter von Frau Völkleins Mutter ganz viele gehabt hatte –!

Hans war schrecklich enttäuscht, und als Frau Völklein fortfuhr, der Großmama von dem vortrefflichen und kunstvollen Backwerk dieses Vetters zu erzählen, schlich er mit seinem Götzenbild um die Ecke. Lotti und Marianne folgten ihm mit langen Gesichtern zum See hinunter. Eine Weile sagte keines ein Wort.

«Jetzt wird es nichts mit dem Glasschrank und den Zetteln; gelt Hans?» fing Lotti endlich an.

«Natürlich nicht», sagte Hans zornig. «Es ist alles aus!» Er legte die Platte auf die Mauer.

Marianne gab ihr einen Stoß. «Was tun wir nun damit? Kannst du sie noch ansehen? Ich nicht!»

«Nein, ich hasse sie!» erwiderte Hans, und Lotti fand nun, daß der Mann auf dem Bilde sehr unschön sei und daß die Frau ja gar keinen Kopf habe.

Plötzlich nahm Hans das Götzenbild und schlug es mit aller Macht an die Mauer; es zerbrach mit einem Krach in zwei Stücke. Lotti und Marianne erschraken einen Augenblick; aber dann fanden sie, daß dies das Richtige sei. Sie hoben die Stücke auf und warfen sie hin und noch einmal und noch einmal. Schließlich standen sie vor einem Haufen Scherben. – «So», sagte Hans etwas erleichtert, «nun müssen wir das versenken in den See.»

«Ich habe eine Pappschachtel; da tun wir’s hinein!» schlug Marianne vor und lief zum Hause.

«Aber nicht die mit den roten Blumen!» rief Hans, «die paßt nicht.» Marianne kam zurück mit einer grauen Schachtel, und Lotti brachte eine schwarze Wollschnur zum Festbinden.

«Nicht wahr, schwarz muß sie sein, weil das eine traurige Geschichte ist?» sagte sie.

Nun stiegen die Kinder ins Schiff, und Hans ruderte hinaus bis da, wo es tief war. Dann nahm Marianne die Schachtel und warf sie ins Wasser. Sie sank langsam, und die Kinder sahen ihr ernsthaft nach, bis sie in der grünblauen Tiefe verschwand.

Am folgenden Abend kam Onkel Alfred in die Seeweid hinaus. Onkel Alfred war der Bruder von Mama, aber viel jünger als sie. Er studierte noch.

«Na, ihr Spatzen –» Onkel Alfred nannte die Turnachkinder immer Spatzen, – «ihr habt ja scheint’s einen merkwürdigen Fund getan! Wollt ihr die Form verkaufen? Der Herr Bannot sammelt doch alte Sachen. Da, seht einmal her, was er euch geben will dafür!»

Onkel Alfred zog aus seinem Geldbeutel ein Frankenstück und hielt es den Kindern hin. Er war sehr erstaunt, daß keines darnach griff.

«Nun, Lotti, den dritten Teil davon bekommst du. Rechne das einmal aus!»

Da zog Lotti die Augenbrauen herauf, zwinkerte mit den Augen und fing an zu weinen. Sie konnte nicht helfen. Gerade hinausweinen mußte sie. Marianne biß die Zähne auf die Lippen, und Hans rieb mit seinem Daumen die linke Hand. Eigentlich hatten sie ja das Götzenbild großmütig der Stadt umsonst geben wollen. Aber da das nun doch nichts gewesen und der Franken jetzt so vor ihnen lag, reute sie schrecklich, was sie gestern getan.

Onkel Alfred sah vom einen zum andern.

«Ja, wenn ihr nicht wollt! Zu weinen brauchst du deswegen nicht, Lotti. Aber vielleicht darf ich das Stück wenigstens sehen?»

Lottis Tränen flossen stärker. Sie dachte an einen kleinen Wassereimer mit rotem Rand, den sie und Marianne schon lange gern gekauft hätten. Marianne dachte auch daran, und dem Hans fiel das Taschenmesser ein in dem kleinen Laden unten an der Schimmelgasse; zwanzig Rappen hatte er schon dazu in seiner Sparbüchse. «Onkel», begann endlich Marianne. «Wir – wir haben es nicht mehr. Wir haben gemeint, es sei ein Götzenbild von den Pfahlbauern, weißt du, und da hat Frau Völklein gesagt, es sei bloß eine Kuchenform. Und da sind wir bös geworden und haben es – haben es zerschlagen und –»

«Und haben es in den See geworfen!» beendigte Hans; denn es sah gerade aus, als ob Marianne auch noch wollte zu weinen anfangen. Onkel Alfred lachte, daß er zuerst gar nicht sprechen konnte.

«Das ist wundervoll!» rief er endlich und schlug sich aufs Knie. «Das heiße ich radikal! Wenn man so alles, was einen ärgert, zusammenhauen und in den See werfen könnte – patsch, fertig –! Ihr seid Prachtsspatzen! Hahaha –»

Die Lustigkeit wirkte ansteckend. Lotti rieb sich mit dem Taschentuch die Augen trocken.

«Onkel», sagte sie, «willst du die Stelle sehen, wo das Götzenbild im Wasser liegt? Dann können wir vielleicht noch ein bißchen herumfahren.»

«Natürlich will ich!» antwortete Onkel Alfred. Er steckte das Silberstück wieder ein, nahm aber für jedes Kind einen Zehner aus seinem Beutel.

«Den ganzen Franken geb’ ich euch nicht, Spatzen; sonst verliert ja diese amüsante Geschichte ihren Hauptpunkt. Aber da – das steckt ein. Man nennt das Schmerzensgeld.»

Dann ging er mit den Kindern zum Schiff. Es war sehr schwer, die Stelle zu bestimmen, wo die Schachtel mit den Trümmern des Götzenbildes versenkt war. Ein Kind zeigte dahin, eines dorthin, und Marianne meinte einmal sogar, sie könne die Schachtel tief unten durch das blaugrüne Wasser sehen; aber dann war es bloß ein großer Stein. Onkel Alfred mußte beständig mahnen, daß nicht etwa eins der Kinder kopfüber hineinfalle.

Hans aber konnte die Pfahlbauergeschichte nicht so leicht vergessen. Er ging die nächsten zwei Tage ganz nachdenklich umher. Als er am Dienstagabend mit Marianne von der Schule heimkam und sie zur Abwechslung einmal den Weg durch die kleine Baumschule nahmen, blieb er plötzlich stehen.

«Siehst du, Marianne, das wäre grade ein guter Platz –» Er zeigte auf eine Stelle, wo der Boden locker war; man hatte da kürzlich einen jungen Kastanienbaum ausgegraben.

Marianne merkte, daß Hans wieder etwas im Sinn hatte; aber vor lauter Nachdenken konnte er noch nicht erklären, was.

«Das Loch muß nämlich sehr tief sein», fuhr er fort.

«Tun wir einen Vogel begraben?» fragte Marianne. Kürzlich hatten sie eine tote junge Schwalbe gefunden und beerdigt.

«Nein, etwas ganz anderes. Es gibt – du darfst es aber niemand sagen als dem Lotti – wir graben Altertümer ein – das heißt, es sind noch keine; aber wenn wir das Loch recht tief machen, dann findet man die Sachen sehr lange nicht, vielleicht erst in zwei- oder dreitausend Jahren –»

«Was für Sachen?»

«Ja, das ist eben jetzt die Frage. Es müssen Waffen, Werkzeuge, Kleidungsstücke, Geschirre und Schmucksachen sein, damit das Volk, das später einmal hier lebt, genau weiß, was für Dinge man bei uns gehabt hat.»

«Aber wenn sie dann die Sachen finden, sind wir schon lange gestorben», warf Marianne ein, der das andere mit dem Glasschrank, wo man am Sonntag hingegangen wäre, besser gefallen hatte.

«Ja, Marianne, man muß auch etwas für die Nachwelt tun. Das hat der Herr Altschmid einmal in der Schule gesagt. Denke, wie schön für die Leute, wenn sie die Sachen einmal finden.»

Marianne lief nun mit Hans, um eine Hacke zu holen und Lotti zu rufen. Dann berieten die Kinder lange, was man zum Eingraben hätte. Marianne gab ein Zinntöpfchen her und zwei blau geränderte Puppenteller. Hans brachte eine kleine Zange und sein Taschenmesser, an dem aber die Klinge abgebrochen war.

«Du», sagte Marianne, «mein Zinntöpfchen ist dann aber ganz! An dem zerbrochenen Messer hat das spätere Volk gewiß keine Freude.»

«Wenn ich aber doch kein anderes habe! Und überhaupt, die ausgegrabenen Altertümer im Museum sind auch oft beschädigt; das macht gar nichts.»

«So, dann kann ich den auch geben», meinte Lotti und zeigte einen Ring, den sie kürzlich von einem Schulkind gegen vier Fruchtbonbons eingetauscht hatte und aus dem der Stein verloren war. Dazu legte sie noch ein aus Perlen gestricktes Geldbeutelchen; es war sehr hübsch rosa, grün und schwarz; aber das Schloß ging nicht mehr zu. Lange fand sich keine Waffe; denn das meiste Spielzeug der Kinder war ja in der Stadt geblieben. Endlich fiel dem Hans etwas ein. Er lief zu Balbine, die am offenen Küchenfenster für sich nähte.

«Balbine, wenn ich dir die hübsche runde Holzschachtel gebe, die ich von Großmama habe, gibst du mir dann meine alte Patronentasche wieder, in der du deine Knöpfe und Haften aufhebst?»

«Freilich», sagte Balbine und leerte den Inhalt der kleinen Patronentasche auf ein Papier. «Da mach ich ja einen guten Tausch. Bring mir aber die Schachtel heut abend noch!»

Hans versprach es und rannte mit der Patronentasche hinaus zu den Schwestern.

«Natürlich ein Gewehr oder ein Degen wäre besser», sagte er. «Aber die Patronentasche geht auch. Lotti, als Kleidungsstück könntest du noch den braunen Lederhandschuh in meiner Schublade holen; Papa hat ihn mir geschenkt, weil er den andern verloren hat.»

Nun begannen sie das Loch tiefer zu graben; es war mühsam; denn die Erde war von vielen feinen Wurzeln durchzogen.

Auf einmal hörte man Werners Stimme: «Marianne! Lotti! Marianne –!»

«Seid ganz still!» befahl Hans. «Wir können ihn nicht brauchen. Es ist ein Geheimnis, was wir da tun. Wenn man es erfährt, gräbt man uns am Ende die Sachen wieder aus.»

«Lotti –! Marianne!» rief der kleine Werner wieder.

«Nein, das kann ich nicht hören», sagte Marianne. «Er will so gern mit uns spielen, und Mama sagt auch immer, wir sollen ihn bei uns haben.»

Sie ging und holte den kleinen Werner.

Werner kam eilig daher gelaufen, so daß das Glöcklein, das er zum Spaß um den Hals gebunden hatte, hell klingelte.

«Werner», rief ihm Lotti zu, «wir machen Pfahlbautenaltertümer.»

«Ach, Lotti», entgegnete Hans, «du sagst es immer falsch. Wir sind doch keine Pfahlbauer!»

Dem Werner hingegen gefiel das Wort sehr gut.

«Ich will auch Pfahlbauten machen!» rief er und versuchte in das Loch hinunterzusteigen.

«Halt, mein Sohn!» wehrte Hans. «Das geht nicht. Du kannst dahin stehen und zusehen. Zuerst aber mußt du uns versprechen, daß du gar niemand ein Wort sagst. Das hier ist ein Geheimnis. Aber du bist noch so schrecklich klein und dumm und kannst nicht schweigen.»

«Gar nicht schrecklich klein!» verteidigte sich Werner. «Papa hat mich gemessen. Ich bin – so viel größer!» Werner streckte seine flache Hand, so hoch er konnte.

Die Kinder lachten.

«Schweigen kann er eigentlich schon», sagte Marianne. «Mama hat ihm meine Geburtstagspuppe gezeigt, und er hat nichts gesagt.»

«Weil man ihn gleich zu Bett legte und am andern Morgen der Geburtstag war!» erwiderte Hans.

Aber Marianne gab dem Kleinen einen Kuß: «Ja, ja, du bist ein lieber, kluger, großer Bub!»

Nun sah Werner zu, wie die Arbeit weiterging. Hans holte bei der Scheune einige Dachziegel, die schon lange dort gelegen hatten, und formte eine Art Gruft, in die man die Sachen hineinlegte. Dann zog Hans eine Scherbe von einer Schiefertafel aus der Tasche und einen Nagel und ritzte die Jahreszahl und die Namen der Gegenstände ein.

«Es geht sehr schwer so», sagte er. «Aber ein Blatt Papier würde vielleicht nicht halten.»

«Reden die Leute in 4000 Jahren auch deutsch?» fragte Lotti.

Hans besann sich: «Nein, sie reden jedenfalls eine neue, andere Sprache; aber es macht nichts. Sie haben dann Gelehrte, und die können alle alten Sprachen.» – «Oh, und nun auch noch unsere Namen darunter!» bat Marianne.

«Du, und schreib noch: Freundlichen Gruß. Das ist dann nett, wenn das neue Volk das liest», sagte Lotti.

Hans ritzte den freundlichen Gruß und die Namen ein.

«Hans, Marianne und Lotti Turnach», buchstabierte er langsam während des Schreibens.

«Mich auch schreiben!» rief Werner, der mit großem Vergnügen sah und hörte, was vorging.

«Dann mußt du aber auch etwas dazu geben», sagte Hans. «Gib dein Glöcklein!»

Aber Werner schüttelte sehr bestimmt den Kopf und hielt sein messingenes Glöcklein fest.

«Nicht? Ja, dann gehörst du also nicht dazu, und ich kann auch deinen Namen nicht daher schreiben.»

Nun wurden über die kleine Gruft noch zwei Ziegel gelegt. Ein Weilchen schauten die Kinder, ohne etwas zu sagen, hinunter und dachten an das Volk, das die Sachen ausgraben würde. Es war seltsam, daran zu denken. Schließlich warfen sie Erde darauf, bis alles wieder aufgefüllt war. Marianne hob ein paar Unkrautbüschel mit der Erde aus, damit Hans sie über der Gruft einpflanze. So sah alles natürlich aus; niemand konnte ahnen, daß da drinnen etwas begraben liege.

Sehr befriedigt von ihrer Tat liefen die Kinder zum Hause zurück. Werner folgte langsam nach, und in seinem kleinen Kopf dachte er sich aus, daß er einmal ganz allein «Pfahlbauten» machen wolle. Und so geschah es, daß er an jenem Sonntagmorgen die Zipfel der Butterhörnchen im Garten unter den Fliederbüschen vergrub. Warum es allerdings gerade das schöne Sonntagsgebäck sein mußte, das hat kein Mensch jemals begriffen, der kleine Mann selbst wahrscheinlich am allerwenigsten.

Vom Rudern und Schwimmen

Das Schönste in der Seeweid war natürlich das kleine Schiff, das in der Bucht an der Gartenmauer lag. Jeden Tag wurde mindestens eine Fahrt unternommen. Marianne und Lotti hatten allerdings recht gehabt; Hans konnte noch nicht so gut rudern wie Papa; immerhin wußte er schon ordentlich mit dem Schiff umzugehen, so daß Papa gleich am Anfang erklärt hatte, Hans dürfe dieses Jahr allein hinausfahren.

«Und wir mit, Papa!» hatten Marianne und Lotti gebeten.

«Ja, ihr mit. Es muß nur alles vernünftig geschehen.»

«Und», sagte Mama, «an ein paar Gesetze werdet ihr euch zu halten haben. Einmal wirst du nicht denken, Hans, man lasse dich gleich über den ganzen See fahren. Ich will euch, wenn ich vom Garten hinaussehe, im Auge haben.»

«Natürlich», stimmte Papa bei. «Ihr fahrt nicht weiter hinaus als – sagen wir einmal: als dreißig Ruderschläge vom Lande weggezählt.»

«Papa, das ist furchtbar wenig», wendete Hans ein.

«Dreißig Ruderschläge vom Lande weg. Dann seeaufwärts bis –»

«Bis zum Färberschiff, Papa!» schlug Marianne vor.

«Gut, bis zum Färberschiff. Und abwärts bis zum Rittmergut. Verstanden, Hans?»

«Ja, Papa.»

«Selbstverständlich fahrt ihr nur bei ganz ruhigem See hinaus. Steigt ein Wind auf, während ihr draußen seid, so kommt ihr sofort herein und wartet nicht, bis man euch erst ruft.»

«Dürfen wir durch das Schilf fahren, wo es recht dicht ist?» fragte Lotti.

«Jawohl!» antwortete Mama. «Da kann nichts geschehen, als daß ihr stecken bleibt.»

«Dann steigen wir aus», sagte Lotti. «Da wo das Schilf steht, geht mir das Wasser nie höher als bis ans Knie. Und dann stoßen wir das Schiff los und steigen schnell wieder ein; gelt, Hans?» Lotti sah dieses Abenteuer schon vor sich.

Das Wassergebiet zwischen dem Färberschiff und dem Rittmergarten, das Papa den Kindern zugewiesen hatte, war allerdings nicht sehr groß für Hansens Tatenlust. Aber die Schiffahrten gestalteten sich doch äußerst abwechslungsreich.

Schon allein das Wegrudern –! Das Schiff war meistens auf das Land heraufgezogen und mit der Kette an einen Pflock befestigt. Hans machte es los und schob es etwas ins Wasser; Marianne und Lotti stiegen ein; Hans faßte den Kiel und stieß das Schiff mit aller Kraft hinaus; im letzten Moment schwang er sich platt auf das Sitzbrett der Spitze.

Es begegnete oft, daß Hans ein bißchen mit dem Schiff ins Wasser hineinlief. Aber das schadete nichts.

«Ein Seebub hat bald trockene Füße, bald nasse, wie’s grade kommt», sagte Jakob.

Die zweite Schwierigkeit war, aus der schmalen, auf beiden Seiten mit Mauern eingefaßten Bucht herauszukommen. Hans mußte mit den Stehrudern rückwärts fahren. Bald kam er zu stark links, bald zu weit rechts.

«Ui!» rief Marianne, «wir bekommen alle Augenblicke einen Puff!»

«Das ist lustig; das macht nichts!» meinte Lotti.

«Euch nicht, aber dem Schiff!» sagte Hans. «Ich kann nicht recht rückwärts sehen; sagt mir die Richtung ein wenig!»

«Links – rechts! rückwärts! stopp –», kommandierten die Schwestern.

«Stopp» hatten sie vom Kapitän des «Neptun» gelernt, als sie mit Großmama einmal eine Dampfschiffahrt hatten machen dürfen.

Zuletzt kam man glücklich hinaus auf den freien See. Dann nahm Marianne die Sitzruder, die am Boden lagen, und hängte sie ein. Sie ruderte schon ganz schön mit Hans im Takte. Manchmal versuchte es auch Lotti, obgleich Hans nicht viel hielt auf ihr Geruder, wie er es nannte.

Eine besondere Freude hatten die Kinder, wenn Mama mit dem Schwesterlein und mit Werner an der Gartenmauer stand und zusah, wie die drei vorbeiruderten. Für Werner war es zwar zuerst immer ein Schmerz gewesen, nicht dabei zu sein. Er durfte nur mit, wenn ein Erwachsenes im Schiffe war. Nach und nach hatte er sich aber drein gefügt und schrie jedesmal lustig: «Hurra, hurra! ich darf dann mit Papa fahren!»

Er hatte eine kleine Trompete, auf der man ihn blasen hieß, wenn die Kinder hereinkommen sollten. Dieses Mittel machte er sich bald zunutz und rief die Geschwister mit seinen Trompetenstößen heim, so oft es ihm einfiel. Natürlich zankten sie deswegen mit ihm.

«Also, siehst du, Werner», erklärte ihm Hans, «wenn du wieder bläst, ohne daß man dich heißt, dann trauen wir dir nicht mehr und kommen auch nicht, wenn es gilt. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.»

«Ich habe nicht gelügt», verteidigte sich Werner. «Wenn ich im Garten spaziere und Trompete blase, weil es mir langweilig ist, dann hab’ ich nicht gelügt!»

Die Kinder lachten über das possierliche «gelügt» und weil Wernerlein sich so schlau herauszureden versuchte.

Die Turnachkinder richteten ihre Fahrten womöglich auf die Zeit, da ein Dampfschiff vorbeifuhr. Hans wendete dann mit ein paar starken Ruderschlägen, so daß der Kiel die daherziehenden Wellen schnitt. Es war prächtig, wenn man so auf und ab geschaukelt wurde.

«Eigentlich fein ist’s erst, wenn man recht nah beim Dampfschiff ist», sagte Hans. «Da geht’s hoch hinauf und dann hinunter, daß man fast meint, man versinke. Nächstes Jahr darf ich hoffentlich weiter hinaus. – Jetzt wollen wir zu den Steinen rudern, wo die jungen Fische sind.»

Die Steine waren große Blöcke, die überall längs den Ufermauern aufgeschüttet waren, damit die anschlagenden Wellen die Mauer nicht zerstörten. An der Ecke des Rittmergutes waren jetzt, am Anfang des Sommers, eine Unmenge von ganz kleinen Fischen zu sehen. Zu Hunderten und Hunderten schwammen sie da, so dicht ineinander, daß sie das Wasser verdunkelten. Fuhr man in sie hinein, so flohen sie nach allen Seiten, konnten aber in ihrem eigenen Gewimmel gar nicht schnell genug entkommen. Da schossen denn die einen sogar aus dem Wasser auf und in weitem Sprunge darüber hin. Es war, als ob kleine silberne Blitze aus dem grünblauen Wasser aufsprühten, um im nächsten Augenblick wieder zu versinken.

Am lustigsten aber war es, wenn man irgendwo an einer seichten Stelle auffuhr.

«Kann man da noch drüber oder nicht?» war jedesmal die wichtige Frage. Um sie zu lösen, fuhr man frisch drauflos, bis das Schiff auf den Kieseln des Grundes knirschte und man feststeckte. Dann griff Hans nach einem Sitzruder und begann zu stacheln, während Marianne mit dem andern hantierte. Lotti saß auf der Mittelbank und schrie: «Fest, Hans, fest –! Marianne, du tust falsch –! links – links!» Einmal wurden sie gar nicht mehr flott. Da hieß Hans Marianne und Lotti aussteigen, damit das Schiff leichter werde. Als sie die Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatten und im Wasser standen, das ihnen nicht viel über die Knöchel ging, kam wirklich Hans mit einem tüchtigen Stoße los.

«Halt, halt!» riefen die Mädchen; «nimm uns doch auch mit!»

Aber Hans fuhr im Übermut davon, ganz weit weg. Da erhoben die Mädchen ein Geschrei. Ans Land konnten sie nicht waten, weil dorthin der Grund wieder tiefer wurde.

Balbine, die eben im Gemüsegarten nach dem Erbsenbeete sah, kam ans Ufer gelaufen. Sie war nicht an einem See aufgewachsen und deshalb sehr mißtrauisch gegen alles Schiffen und Rudern.

«Kinder, Kinder!» jammerte sie; «du liebe Güte! wie kommt ihr da hinaus! Ich rufe Sophie oder Jakob –»

Sie eilte zum Hause, ohne in der Bestürzung zu sehen, daß Hans in einem schönen Bogen eben wieder zu den ausgesetzten Schwestern zurücklenkte. Aber die Kinder schrien ihr nach: «Balbine, Balbine! es war nur ein Spaß. Er holt uns wieder!» Balbine blieb stehen.

«Wartet ihr –!» brummte sie und drohte mit dem Finger. «Es wird noch gehen wie beim Werner und seiner Trompete: Wenn ihr einmal recht in der Klemme seid, hilft man euch auch nicht.»

«Ach, Balbine», sagte Hans, der nahe herfuhr. «Wir kommen nicht in die Klemme! Willst du vielleicht ein wenig mitfahren?»

«Ich danke, ich danke höflich! Was mich betrifft, ich bleibe auf dem Lande und bewege mich auf meinen zwei Füßen; da weiß ich doch, woran ich bin. Dieses Wassergeschwampel ist mir höchst verdächtig.»

Damit ging Balbine zurück zu ihrem Erbsenbeet. –

Einen wirklich großartigen Charakter aber nahmen die Schiffahrten an, wenn Onkel Alfred oder Fritz Völklein dabei waren. Fritz Völklein war der Großneffe von Frau Völklein. Er wohnte in der Nähe der Seeweid und kam sehr oft zu seiner Tante. Er war schon fünfzehn Jahre alt, stark und gewandt und ruderte ausgezeichnet. Auch hatte er etwas Vorsichtiges, Besonnenes. Mit ihm ließ Frau Turnach die Kinder überall hinfahren, seeauf, seeab und querüber. Wenn sie noch so lange nicht heimkamen, sie ängstigte sich nicht.

Die Kinder kannten auch nichts Schöneres, als mit Fritz Völklein zu fahren.

«Zuerst zum Färberschiff!» hieß es dann meistens. Das Färberschiff war ein plumper, viereckiger Kahn mit einem großen Tisch in der Mitte und einem festen Dach. Das Schiff lag draußen auf dem See und war durch eine eiserne Kette gehalten, die am Grund befestigt war. Meistens sah das Wasser ringsum dunkelrot oder violett aus von den Garnstrangen, die hier ausgewaschen wurden. Wenn die Färber nicht da waren, konnte man in das komische Schiff hinübersteigen. Das war ein Hauptspaß. Aber man durfte es nur tun, wenn Fritz Völklein oder Onkel Alfred dabei waren.

Manchmal brachte Onkel Alfred ein eigenes kleines Boot aus der Stadt mit. Dann wurde ein wundervolles Spiel gespielt. Das Färberschiff war Sankt Helena, weil es da draußen lag wie eine Insel im Meer. Hans war Kaiser Napoleon der Erste, den man auf die Insel Sankt Helena verbannt hatte mit seinem Gefolge, das aus Marianne und Lotti bestand. Fritz Völklein war der englische Feind und fuhr bewachend um die Insel. Wenn er ihr aber einmal den Rücken drehte und weiter hinausfuhr, kam Onkel Alfred als Anhänger Napoleons mit seinem Schoner daher, um Napoleon zu befreien. Es war sehr aufregend, bis der Kaiser und sein Gefolge in dem französischen Schoner geborgen waren. Denn der Kapitän der englischen Brigg nahm die Einschiffung wahr und schoß in großer Eile herbei, um den Fluchtversuch zu vereiteln. Nun entstand eine wilde Jagd auf dem See. Napoleon selbst mußte mitrudern. Die englische Brigg bemühte sich, zuvorzukommen und den Hafen zu versperren. Manchmal gelang es trotzdem, den Kaiser und sein Gefolge auf Frankreichs Boden zu setzen. Oft aber kam die englische Brigg dem französischen Schoner so nahe, daß der Kapitän die Kette hinüberwerfen konnte; das war das Zeichen, daß Napoleon gefangen war und mit seinem Gefolge wieder nach Sankt Helena zurück mußte.

Schade war es, wenn mitten im Spiel Werner mit seiner Trompete auf der Gartenmauer erschien, und neben ihm Sophie, zum Zeichen, daß es Ernst gelte und daß die Trompetenstöße als Ruf zum Abendessen zu nehmen seien.

Der Mai war dieses Jahr schön und warm gewesen. Am 27. nachmittags hatte das Seewasser schon 16 Grad gehabt, und es konnte jetzt mit dem Baden begonnen werden. An der Mauer des Obstgartens stand, in den See hinausgebaut, das nette alte Badhaus. Hans machte immer den Anfang und war schon im Wasser, wenn die Mädchen in ihren roten Anzügen auf der Treppe erschienen.

«Es ist prachtvoll!» schrie er. «Ganz warm! Kommt nur!»

Ganz warm –? nein – Lotti, die mit der Fußspitze hineintippte, fand es eher kalt. Sie blieb ein Weilchen auf der Stufe stehen; dann stieg sie langsam zur folgenden hinunter.

«Au –!» Sie zog die Achseln in die Höhe.

Nun kam aber Hans: «Wart, Lotti; ich will dir helfen. Ich weiß ein Mittel, da bist du im Augenblick im Wasser –»

Damit fing er an zu spritzen, daß Lotti über und über naß wurde und gar nicht mehr wußte, ob das Wasser warm oder kalt sei. Schreiend und pustend sprang sie hinunter und fand es alsbald auch prachtvoll. Sie lief auf Marianne zu, um sie zu fangen. Es war so komisch, wie man im Wasser gar nicht rasch gehen konnte. Die Kinder versuchten zu tauchen und übten sich im Schwimmen.

«Seekinder müssen schwimmen können wie die Enten!» sagte Papa immer.

Hans schwamm schon ziemlich gut. Marianne machte fünf oder sechs Züge; dann fing sie an zu zappeln, bis sie mit den Füßen an den Boden kam. Das war noch nicht das Richtige. Lotti wagte gar nicht recht, sich auf das Wasser zu legen.

«Ich hab’ immer Angst, ich komme mit dem Kopf hinunter und könne dann nicht mehr atmen!» sagte sie.

Hans erinnerte Mama daran, daß er letztes Jahr eine Schwummel gehabt habe, mit der er ganz leicht schwimmen gelernt.

«Ja, Mama, bitte, mach uns Schwummeln!» riefen Marianne und Lotti, und Werner, der das Wasser gar nicht liebte, und immer mörderisch schrie, wenn Sophie ihn eintauchte, bettelte natürlich mit: «Mir auch eine Schwummel! Ich will auch schwimmen!»

Zu einer Schwummel brauchte man von den Binsen, die da und dort im See wuchsen, wo er nicht tief war. Man band die leichten Stengel mit Bindfaden zu einem langen, geraden, stark armdicken Bündel zusammen, den man dann in der Mitte knickte und an beiden Enden durch eine Schnur verband. Zum Schwimmen legte man sich in das Dreieck hinein. Eine frische Schwummel trug einen so sicher, daß man damit hätte über den See schwimmen können. Nach und nach wurde sie gelb und welk und trug mit jedem Tag weniger gut. Aber während der Zeit hatte man gelernt, sich selber über Wasser zu halten und vorwärts zu kommen. Und wenn die Schwummel gar nichts mehr taugte, ging das Schwimmen ohne sie.

In der Nähe der Seeweid gab es nicht viele und keine großen Binsen. Man mußte sie weiter seeaufwärts holen. Mama versprach aber, daß die Kinder Schwummeln bekommen sollten.

«Nur müßt ihr noch eine Weile warten, bis sie hoch und dick gewachsen sind», sagte sie. «Dann fährt Fritz Völklein oder Sophie einmal mit euch hinaus. Bis dahin zappeln Marianne und Lotti halt noch eine Weile im Wasser herum, so gut es geht.»

Der böse Mann

Der Schulweg, den die drei Turnachkinder zu machen hatten, war eine ganz kleine Reise, und sie erlebten da alles mögliche. Am Morgen freilich mußte es schnell gehen. Hans, dessen Klasse viermal um sieben Uhr begann, hatte also meistens schon vor sechs aufzustehen. Das tat er auch pünktlich. Nicht ein einziges Mal war er von der Seeweid zu spät in die Schule gekommen. Marianne und Lotti mußten erst eine Stunde später fertig sein. Doch weil sie zu zweit waren, ging das viel schwerer. Man lachte und schwatzte zusammen, und oft konnte man die Frühstücksmilch nur schnell noch stehend hinuntertrinken, was Mama nicht gut fand. Marianne war die Vernünftigere. Sie mahnte zuletzt immer:

«Vorwärts, Lotti! Wo hast du deinen Schultornister? So! und das Rechnungsbüchlein willst du gewiß da lassen! Nimm dein Neunuhrbrot! Du machst doch immer so langsam! Jetzt lauf’ ich – ohne dich –!»

In die Nachmittagsschule kamen die Kinder meistens auf eine ganz feine und bequeme Art: Wenn es heiß war, ließ sich Papa durch den Schiffmann Steppinger vom Kornplatz in die Seeweid zum Essen fahren, und der Steppinger nahm dann in seinem Schiff, das ein breites Verdeck hatte, die Kinder um halb zwei in die Stadt zurück. Auf dem See draußen wehte immer ein wenig frische Luft, und es war herrlich, so im ruhigen, festen Takte der Ruder dahinzufahren. Man konnte, wenn man wollte, da auch noch schnell die Aufgaben überlesen; Marianne versuchte es hin und wieder. Aber Lotti, die an der Seite saß und die Hand in das helle Wasser tauchte, neckte die Schwester und spritzte sie ins Gesicht.

«Das erfrischt dich!» sagte sie das eine Mal, und das andere Mal: «Es ist nur, damit du nicht einschläfst!»

Wenn es aber regnete, war der Schulweg auch wieder lustig. Schon das gab einen Spaß, daß man den großen Regenkragen überhing und die Kapuze über den Kopf zog.

«Nun sind wir zwei von den sieben Zwerglein im Schneewittchen!» lachte dann Lotti und hüpfte herum wie ein übermütiges Bergmännchen. Aber Marianne war schon in ihren Überschuhen; die waren prächtig; man konnte mit ihnen durch alle Pfützen patschen und blieb doch trocken. So ging es munter unter den triefenden Birnbäumen hinauf und die nassen Wege entlang bis in die Stadt zum Hause der Großmama, das an der Kronengasse ganz nah beim Schulhaus stand. Da wurde fest angeläutet, und alsbald streckte Friederike, Großmamas Köchin, den Kopf zum Fenster hinaus.

«Guten Tag, Friederike, guten Tag!» riefen die Kinder hinauf. «Mama läßt Großmama grüßen, und ob wir alle drei statt heimzugehen zu ihr zum Mittagessen kommen dürften, weil es so regne?»

«Jawohl, jawohl!» sagte Friederike, die wußte, daß Großmama nie nein sagte. «Was befehlen denn die Herrschaften zu Mittag?» Dann riefen die Kinder alles hinauf, was sie gerne aßen, und es gab einen ellenlangen Speisezettel, wie Friederike sagte.

«Behüte, behüte!» wehrte sie zuletzt. «Da dürft ihr gar nicht in die Schule, sondern müßt beide heraufkommen und mir helfen, sonst werd’ ich bis zwölf Uhr nicht fertig!»

Marianne und Lotti aber liefen vergnügt die Kronengasse hinauf. Friederike kochte wahrscheinlich nicht gerade das Bestellte; aber etwas Gutes gab es bei Großmama immer.

Wenn man auf dem Hinweg zur Schule immer etwas eilen mußte, so ging es auf der Heimkehr um so gemächlicher. Zuerst, durch die Gassen der Stadt, war man immer noch mit einer ganzen Reihe von Schulkindern zusammen; dann sagte eines an dieser Ecke Adieu, ein anderes an jener, und schließlich blieben die Turnachkinder allein übrig in der breiten Straße, die zur Stadt hinaus führte. Es standen da wenig Häuser mehr; zwischen ihnen lagen weite Gärten und unbebaute Plätze. Bei einem großen Hofe blieb Lotti regelmäßig stehen; es waren da eine Menge Hühner, gewöhnliche und ausländische mit seltsamen Büscheln auf dem Kopfe und Federgamaschen an den Beinen. Dazwischen stolzierte ein großer Truthahn, der einen langen, blutroten Lappen über dem Schnabel hin und her schwenkte und mit seinen weiß und bräunlichen Schwanzfedern ein Rad schlagen konnte. Lotti fürchtete sich ein wenig vor dem Truthahn und behauptete, er möge sie in ihrem buntkarierten Kleid nicht ausstehen. Aber sie fand es doch sehr lustig, jedesmal ein paar Schritte in den Hof hineinzugehen, bis das Tier steif und mit ärgerlich aufgepusteten Federn auf sie zukam. Dann lief sie eilig davon.

Marianne hatte in der Nähe auch einen Bekannten, mit dem sie aber auf freundlicherem Fuße stand als Lotti mit ihrem Truthahn. Jeden Tag hielt vor einer kleinen Wirtschaft ein Milchwagen mit einem alten Schimmel. Der Milchmann aß und trank in der Wirtschaft, und der Schimmel mußte draußen warten. Er sah sehr müde aus und hängte traurig den Kopf. Einmal strich ihm Marianne behutsam über die Nase und zog den Rest von ihrem Neunuhrbrot aus der Tasche. Sie streckte es dem Pferde etwas ungeschickt hin; denn sie fürchtete sich vor den langen Zähnen. Da kam ein Dienstmädchen vorbei und zeigte ihr, wie sie das Brot auf die flache Hand legen müsse.

Als Marianne weiterging, sah der Schimmel ihr nach. Am nächsten Morgen dachte Marianne schon in der Schule an ihren neuen Freund und sparte fast das ganze Brot für ihn. Und nun bekam der Schimmel jeden Tag sein Frühstück, ein paarmal sogar einige Stück Zucker, die Mama ihr spendete. Er kannte Marianne und schnupperte nach ihrer Hand, wenn sie zu ihm kam.

Einmal war es zwischen elf und zwölf Uhr sehr heiß. Der arme Schimmel stand in der hellen Sonne am Gartenzaun angebunden; den Kopf hatte er tief zur Erde gesenkt. Marianne hatte großes Mitleid mit ihrem Freund. Papa hatte kürzlich erzählt, daß die Pferde auch leiden unter der großen Hitze.

«Wenn ich nur einen Schirm hätte!» dachte sie und zog ihre Schürze aus und hielt sie über den Kopf des Schimmels, damit er ein wenig Schatten habe. Zehn Schritte weiter hing eine prächtige dichte Linde aus einem Garten über die Straße. Aber Marianne konnte doch nicht das Pferd mit dem Wagen bis dahin führen.

«Hoho –! was hat denn die kleine Jungfer mit meinem Schimmel zu schaffen?» rief plötzlich ein Mann aus dem offenen Fenster der Wirtschaft heraus.

Marianne erschrak; aber dann faßte sie sich ein Herz.

«Herr Bodenweiler», sagte sie höflich – sie hatte hinten an dem Milchwagen gelesen, daß der Milchmann Samuel Bodenweiler heiße und von Walkhofen war –, «Herr Bodenweiler, wollten Sie nicht so gut sein und das Pferd an den Schatten dort stellen? Die Sonne brennt ihm so auf den Kopf.»

Der Wirt sah nun auch heraus, lachte und sagte etwas zu dem Milchmann, was Marianne nicht verstand. Der schaute zuerst ärgerlich drein; aber dann kam er doch, um sein Pferd am Zaum zu nehmen. «Meinetwegen!» sagte er und führte es unter die Linde.

Marianne hatte große Freude, als sie am nächsten heißen Tag ihren alten weißen Freund wieder unter dem Baume traf.

Wenn sich Lotti von ihrem Truthahn und Marianne von dem Schimmel getrennt hatten, fanden sie etwas weiter draußen den Hans gewöhnlich vor der Schmiede an der Neugasse oder sehr oft drinnen, wo das Feuer aufloderte und der Blasbalg brauste, wo das glühende Eisen im Wasser zischte und die Hammerschläge dröhnten. Das war alles so wild und schön anzusehen. Wenn Hans nur einmal hätte einen Hammer in die Hand nehmen dürfen, um zu versuchen, wie stark sein Arm sei! Er dachte an den Heldenknaben Siegfried, der in der Höhle des Zwerges sich sein Schwert selbst schmiedete. Wenn er nicht so ganz fest im Sinn gehabt hätte, Arzt zu werden wie Onkel Doktor, so wäre er am liebsten ein Schmied geworden.

Lotti und Marianne standen meistens auch noch ein Weilchen vor dem sprühenden Feuer, bis es von dem nahen Kirchturm halb zwölf schlug oder gar drei Viertel. Dann fingen alle drei an zu laufen und kamen rasch hinaus, wo ein schmaler Fußweg abzweigte und an Kornfeldern vorbei zur Seeweid führte.

«Die Kornfelder», sagte Hans einmal, «sind unsere Uhr, nicht für den Tag, aber fürs Jahr. Sie zeigen genau, welche Zeit es ist.»

Er hatte recht. Im Frühling, wenn die Familie Turnach in die Seeweid zog, sahen die Kornäcker aus wie schöner, dichter Rasen. Dann wuchsen die Halme hoch und höher, und man sah die Ähren daran. Bald waren diese ganz lang und um und um mit graugrünen Staubbeuteln behängt. Zuerst standen die Ähren gerade auf; wenn sie aber anfingen sich zu neigen und gelber zu werden, dann wußten die Kinder, daß die Sommerferien kamen. War das Korn geschnitten, so daß man nur mehr Stoppeln und bald darauf die umgepflügte braune Erde sah, so ging’s wieder in die Schule. Dann eines Tages waren da auf einmal in langen Reihen Rüben gepflanzt. Die wuchsen auch rasch und sahen rötlich weiß hervor. Das hieß: Nun kommen die langen Abende, wo es kühl wird und man früher ins Zimmer muß. Und wenn die Rüben so groß waren, daß man sie zu Lampen aushöhlen konnte, dann gab es Herbstferien, und man zog aus der Seeweid zurück in die Stadt.

Auch die Wiesen wechselten mit jedem Monat ihr Aussehen. Am lustigsten war’s, wenn sie gemäht waren und das Heu in großen Haufen lag. Dann konnte man quer über die untere Wiese laufen und auf die kürzeste Weise nach Hause kommen. Am Abend zwar eilte es den Kindern gar nicht so sehr. Sie warfen ihre Schultornister hin und rannten über die Heuhaufen weg. Sie machten Nester, Höhlen und Wälle und begruben einander in dem raschelnden Heu, das so schön nach Sommer roch. Der Knecht Jakob zankte manchmal, wenn die Kinder die schönen Haufen zerstörten. Dann holten sie Rechen und machten alles wieder in Ordnung, bis Sophie mit dem Schwesterlein im Wagen vor dem Hause erschien und hinüberrief: «Die drei Heuer sollen nun endlich heimkommen und ihre Milch trinken!»

Letztes Jahr waren die Turnachkinder wie alle Leute manchmal von der Landstraße ab schräg über einen mit Unkraut bewachsenen Platz gegangen, um auf den unteren Weg zur Seeweid zu kommen. Jetzt war der Platz umzäunt, und man mußte einen Umweg machen, der die Turnachkinder ärgerte. An dem Platze stand eine kleine alte Scheune, vor welcher oft ein Mann mit einem gelben, strengen Gesicht und grauschwarzem Bart arbeitete. Hans hatte gesehen, daß er einmal einen Knaben, der über den Lattenzaun gestiegen war, böse geschüttelt und gezankt hatte. Seither haßten ihn die Turnachkinder und nannten ihn den bösen Mann.

An einem Abend standen Hans und Lotti an dem Zaun; der böse Mann war nicht zu sehen. Sie hatten große Lust, über den Platz zu laufen; aber sie wagten es doch nicht.

«Es würde ihm und seiner wüsten Wiese da gar nichts schaden», brummte Hans; «aber er mag andern Leuten nur nichts gönnen.»

«Wenn ich ihn wieder sehe, so rufe ich: ,Sie sind ein böser Mann!‘ und springe fort!» sagte Lotti, die manchmal ein wenig unartig war.

Da nahm Hans aus seiner Heftmappe ein weißes Blatt und schrieb mit großer Schrift darauf: «Sie sind ein böser Mann, weil Sie einen nicht mehr über den Platz gehen lassen.»

Er schob das Blatt, soweit er konnte, unter dem Lattenzaune durch und beschwerte es mit einem Stein; wenn der böse Mann aus der Scheune kam, konnte er das Blatt sehen.

Dann gingen Hans und Lotti heim. Als sie Marianne am Abend erzählten, was sie getan hatten, fand diese es nicht sehr nett. Hans hatte denn auch immer ein etwas schlechtes Gewissen, so oft er in den nächsten Tagen an das Blatt dachte.

Am Dienstag darauf war es schon in der letzten Schulstunde zwischen drei und vier Uhr ganz dunkel geworden; die Schüler in Hansens Klasse, die an der Wand saßen, konnten kaum mehr lesen. Als Hans auf die Straße kam, sah er, daß ein Gewitter heranzog; man hörte schon ein fernes, dumpfes Donnerrollen. Hans ging an Mariannens und Lottis Schulhaus vorbei und trieb die beiden Schwestern an, so rasch als möglich mit ihm nach Hause zu gehen. Die drei liefen und liefen und waren schon ziemlich weit draußen, als sie die ersten Tropfen spürten.

In der Nähe der Schmiede war ein kleiner Bäckerladen. Die Bäckersfrau stand eben vor der Türe, um an den Himmel zu sehen.

«Kinder, Kinder!» rief sie; «ihr kommt nimmer heim! Wartet lieber bei mir das Wetter ab!»

Lotti wäre gerne hinein zu der freundlichen Frau. Es roch da so gemütlich nach frischem Brot, und die Bäckerin hatte ihr einmal eine kleine Salzbretzel geschenkt. Aber Hans lief zu, und Lotti rannte hinterdrein, so schnell sie konnte in dem starken Wind, der zu blasen anfing.

Da fuhr ein greller Blitzstrahl über den schwarzen Himmel hin, und fast zu gleicher Zeit krachte der Donner ganz furchtbar. Lotti schrie, und Hans faßte sie an der Hand, damit sie besser vorwärts komme; denn jetzt begann es auch zu regnen. Nein, das war mehr als Regen; das war, wie wenn es in Strömen vom Himmel heruntergösse! Und dazu Blitz auf Blitz und Donnerschlag auf Donnerschlag. Die Kinder waren wie betäubt und wußten gar nicht mehr, wohin sie liefen. Da – vor ihnen war etwas wie ein Haus und ein Dach. Schnell drauf zu! Sie drückten sich alle drei an die Wand. Es war kein rechter Schutz vor dem Regen; aber sie konnten doch wieder Atem schöpfen.

«Marianne, Lotti –!» sagte Hans, der sich den Regen aus den Augen gewischt und umhergesehen hatte, «wißt ihr, wo wir sind –? Das ist die Scheune des bösen Mannes! Wir können nicht da bleiben!» Aber Lotti fing an zu weinen; sie wollte nicht wieder in den Gewittersturm hinaus.

«Lotti!» mahnte Hans, «denk doch an das mit dem Blatt Papier. Der böse Mann weiß jedenfalls, daß wir es geschrieben haben. Wenn er uns jetzt da findet –»

Im selben Augenblick ging die Türe auf, an die die Kinder sich angelehnt hatten. Der böse Mann sah heraus und zog, ohne ein Wort zu sagen, die drei zur Türe herein und machte zu, ehe sie wußten, was ihnen geschah. Es war, wie wenn ein Riese sie in einen dunklen Sack geschoben hätte. Lotti zitterte vor Angst und faßte Marianne am Arm. Dem Hans war auch gar nicht gut zu Mut.

«Wenn ich nur das nicht geschrieben hätte!» dachte er. Natürlich hatte der böse Mann sie da hereingeholt, um sie zu strafen. Vielleicht würde er sie schlagen, vielleicht einsperren bis in die Nacht . . .

Neben dem bösen Manne stand noch ein anderer mit einer Axt auf der Schulter. Die beiden Männer sprachen halblaut miteinander, und das war sehr unheimlich. Nach einer Weile machte der mit der Axt die Türe ein wenig auf; aber er hielt sie in der Hand; es war an kein Fliehen zu denken.

Jetzt ging der böse Mann nach hinten; es war so dunkel dort, daß man nicht sehen konnte, was er tat. – «Er holt gewiß einen Stock», sagte sich Hans, und sein Herz klopfte stark.

Als aber der Mann auf Marianne und Lotti zuging, da trat Hans einen Schritt heraus und stellte sich vor die Schwestern.

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