Kitabı oku: «Die Turnachkinder im Winter»

Yazı tipi:

Ida Bindschedler

Die Turnachkinder im Winter

Mit vielen Bildern

Saga

Die Turnachkinder im WinterCoverbild / Illustration: Pixabay: winter-wonderland-1082511 Copyright © 1909, 2020 Ida Bindschedler und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726583847

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

DIE REISE NACH LARSTETTEN

Der Mittwoch, an welchem die Familie Turnach in die Stadt ziehen wollte, rückte heran. Aber die Kinder hatten nicht Zeit, an den Umzug zu denken. Am Montag war ganz plötzlich ein Brief von Tante Doktor gekommen, in welchem sie Hans, Marianne und Lotti für die Herbstferien einlud.

„Papa, Papa, bitte, gelt, wir dürfen —!“ riefen die drei, als Papa ins Zimmer trat.

„Ja, das ist nun die Frage“, sagte Mama zu Papa gewendet. „Niemand hat am Mittwoch Zeit, die Kinder nach Larstetten zu begleiten —“

„O, Mama, wir können allein reisen!“ bat Hans. „Ich will gewiß acht geben und alles recht machen! In Konradzell müssen wir aussteigen und auf der andern Seite vom Stationshaus eine halbe Stunde warten. Der Zug für Larstetten steht dann schon da, und man kann zusehen, wie sie die Lokomotive heizen.“

„Ja, Mama!“ flehte Lotti. „Es ist so furchtbar lustig, allein zu reisen! Ich will aber mein Billet selber haben, Hans!“ Sie zog ein dickes altes Portemonnaie heraus. „Da, in das Extrafach kommt es.“

„So“, meinte Hans,.„und dann, wenn du es dem Kondukteur zeigen mußt, ist es natürlich nicht mehr da. Ich wollte wetten.“

„Vielleicht verlierst du deines noch vorher!“ erwiderte Lotti kampflustig.

„Kinder, das heißt man nun, um die Haut des Bären streiten, bevor man ihn hat!“ sagte Papa. Aber die Kinder merkten, daß er nichts Ernstliches gegen die Reise hatte.

„Sie sollen es einmal versuchen“, wendete er sich zu Mama. „Wenn sie in Konradzell aus Versehen den Zug nehmen, der zurückfährt, dann behalten wir sie eben wieder da.“

„Nein, nein, Papa, wir passen schon auf! Also dürfen wir —? ja —? Juhuh!“

„Mama“, rief der kleine Werner, der merkte, daß es sich um ihn gar nicht handle, „ich will auch mit!“

„Ach, Wernermännchen, du bist noch zu klein; du bleibst bei mir und bei Sophie und bei dem Schwesterlein.“

„Nein!“ rief Werner kläglich. „Ich will auch nach Larstetten! Ich will auch sehen, wie man die Loko — die Lokotomotive heizt!“

Es dauerte lange, bis Werner sich zufrieden gab mit dem Versprechen, er dürfe im nächsten Jahre ganz bestimmt nach Larstetten reisen.

Am Dienstag nachmittag wurde gepackt. Hans rannte mit den Schwestern hinauf in die Bodenkammer, um das Handköfferchen zu holen und die Rolle.

„Die Botanisierbüchsen hängen wir auch um; da geht viel hinein!“ beschlossen die Kinder.

„Und ich brauche eine Schachtel, Sophie“, erklärte Lotti. „Ich will Trudi alle meine Muscheln mitbringen.“

„Ich wüßte für Otto etwas“, sagte Hans, “— etwas ganz Feines. Eigentlich hat Fritz Völklein ihn für mich gemacht; aber weil am Samstag Ottos Geburtstag ist — ja, ich bringe Otto den Bogen mit den Pfeilen!“

Marianne aber ging, ihre Puppe, das Julchen zu holen, das nun auch einmal auf der Eisenbahn fahren sollte.

„Das gibt ein hübsches Handgepäck!“ sagte Mama lachend, als zu dem Köfferchen, der Rolle, den zusammengeschnallten Schirmen und den Botanisierbüchsen noch der Bogen, die blaue Schachtel und die Puppe kamen. „Ich will gern hören, wie viel von dem allem wirklich in Larstetten ankommt.“

„Wir lassen nichts liegen“, versicherte Marianne. „Onkel Alfred hat mir ein gutes Mittel gesagt: Wie er nach London und noch viel weiter gereist ist, habe er immer beim Aussteigen gedacht: Jetzt nur ruhig Blut; vier Stück müssen es sein.“

„Eins — zwei — drei“, zählte Hans “— neun; das ist eine Zahl, die man gut im Sinn behält.“

„Man wird den Kindern etwas zum Essen mitgeben müssen, Frau Turnach?“ meinte Sophie. „Sie fahren über Mittag.“

„Mama“, bat Hans, „in Sommerweil hält der Zug zehn Minuten; da hat uns Papa das letztemal warme Würstchen geholt und Semmel. Bitte, dürfen wir’s auch so machen, Mama! Weißt du, alles ganz wie rechte Reisende.“

„Also, Hans! wie rechte Reisende, vernünftig und besonnen!“

Der Zug fuhr um elf Uhr ab. Aber schon um halb elf standen die Turnachkinder in der Einsteigehalle.

„Das Ganze dauert dann länger“, erklärten sie.

Die Turnachkinder reisten selten. So eine Eisenbahnfahrt mit allem, was drum und dran hing, war ein ungeheures Vergnügen.

„Ah, das riecht schon so schön nach Reisen!“ rief Lotti, die mit der Schachtel unterm Arm und den Schirmen in der Hand neben Hans stand. Sie schnupperte den Rauch ein, der die Halle erfüllte.

Hans aber war in die Betrachtung einer Lokomotive versunken. Ein Mann wischte mit einem Lappen an den Rädern und Stangen; es sah aus, als ob er das schwarze Ungetüm streicheln wollte, weil es so brav gelaufen war.

„He — phäs — tos, was heißt das?“ fragte Hans den Fritz Völklein, der auf Frau Turnachs Bitte die Kinder begleitet hatte.

„Hephästos hieß bei den Griechen der Gott der Schmiedekunst“, erklärte Fritz. „In seiner Werkstätte war viel Feuer und Getöse; also paßt der Name nicht schlecht für eine Lokomotive.“

Marianne war vorn stehen geblieben und sah dem Strom von angekommenen Leuten nach. Männer rollten Handwagen vorbei mit hochaufgetürmten Koffern. „Rom“ stand auf dem einen. Das war ziemlich unten auf Papas Wandkarte. „Frankfurt, Dres-den“ buchstabierte Marianne weiter. Wie viel Städte es gab und eine Menge fremder Menschen darin! Draußen in der Seeweid dachte man gar nicht an das ...

„Hallo, Marianne! Einsteigen!“ rief Fritz Völklein. „Einsteigen oder dableiben!“

Er brachte die Kinder in den Wagen. Marianne und Lotti eroberten glücklich zwei Fensterplätze, und Hans stellte sich zwischen sie; so konnte man alles sehen und besprechen.

Die Gepäckstücke machten einige Schwierigkeiten. Der Bogen wollte nicht oben auf dem Köfferchen bleiben, und Lottis Botanisierbüchse fiel auch zweimal herunter, ihr fast auf die Nase.

„Na, ich muß sagen — so ein Kram!“ brummte ein älterer Herr mit grauem Backenbart und grauer Reisemütze. „Ihr wollt wohl nach Amerika auswandern —? Übrigens seid ihr dann nicht im rechten Zug!“

„Nein, wir reisen nur nach Larstetten in die Ferien!“ sagte Lotti und sah den Herrn vergnügt an. Der aber faltete eine große Zeitung auseinander und verschwand dahinter mit samt seinem Backenbart und seiner Mütze.

Fritz gab noch Ermahnungen:

„Nicht zum Fenster hinauslehnen, Lotti! Weißt, auf der Eisenbahn geht alles rasend geschwind. Im Hui saust man an eine Telegraphenstange und — weg der Kopf! Ja, lach nur!“

Dann schüttelte er den Kindern die Hand:

„Lebt wohl, lebt wohl! Grüßt mir den Otto und das Trudi!

Otto soll ordentlich umgehen mit dem Bogen. Au — Hans! laß los!“

Fritz sprang ab. Der Zug tat einen Ruck und fing an zu pusten und zu rasseln: Tem — tem — tem — langsam und dann immer rascher: Temteretem, temteretem — Die Kinder sahen einander strahlend an; jetzt ging’s los! Fast vergaßen sie draußen Fritz Völklein, der schon weit zurück war und den Hut schwenkte.

„Ade, ade!“ Die Kinder winkten mit den Taschentüchern, und Lotti ließ das ihre flattern, als schon lange kein Fritz mehr zu sehen war, bis plötzlich — hui! nicht zwar Lottis Kopf, aber das Taschentuch davon flog. Die Kinder schrien auf.

„Das fängt gut an!“ brummte der Herr mit der Mütze.

„Es war nur ein altes mit zwei Löchern; Mama hat mir’s mitgegeben, die Hände abzuwischen“, beruhigte Lotti.

Aber das Gesicht des Herrn war schon wieder hinter der Zeitung. Nicht ein einziges Mal sah er hinaus, und es gab doch so ungeheuer viel zu sehen: Die Geleise mit den Weichen und Signalen, die Schuppen und Werkstätten, ein halbrunder Raum, in dem die Lokomotiven standen wie Pferde im Stall. Dann sauste der Zug hinaus aus der Stadt an Gemüsegärten und Wiesen vorbei; von ein paar neuen Häusern lachten Kinder herunter; am Bahndamm arbeiteten Italiener.

„Guckt, guckt!“ rief Lotti. „Die Telegraphendrähte sind lebendig! Sie hüpfen hinunter, da — ganz tief! und wenn die Stange kommt, springen sie wieder hinauf! Nein, wie lustig!“

Aber als der Zug an einem großen Walde vorbeifuhr, wurde es noch lustiger. Die Bäume tanzten; alle wirbelten durcheinander, hohe Buchen und niedrige junge Tannen; diese drehten sich wie Mädchen in grünen Röcken. Zuletzt wurde einem selbst wirblig zu Mut. Marianne schloß die Augen und hörte auf das Temteretem des Zuges:

„Jetzt ist mir, als führe der Zug rückwärts — nein, das wäre gräßlich, wenn es wieder zurückginge —!“

Marianne riß die Augen auf, um sich zu versichern, daß man in der Richtung nach Larstetten fahre, und Lotti machte das Experiment nach. Dann fingen beide an zu singen nach dem Takte des rasselnden Wagens. Draußen flogen die Hügel vorbei und die Felder, wo die Bauern pflügten und einen Augenblick aufsahen nach dem Bahnzuge. Hin und wieder hielt man an einem mit Weinlaub umsponnenen Stationshaus. Hans schrieb sich die Ortsnamen in sein Notizbuch und allerlei dazu; später sollte das eine Reisebeschreibung geben.

Nun ging’s an einer großen Fabrik vorbei; links und rechts standen Häuser und Warengebäude; die Schienen verzweigten sich; der Zug pfiff und bremste.

„Sommerweil!“ rief Hans und steckte sein Notizbuch ein. „Jetzt also die Würstchen! Ihr bleibt ruhig sitzen, Marianne! Die Restauration ist weit vorn.“

Er sprang ab und verschwand in der Menge der Reisenden.

„Wenn er nur recht warme bringt!“ sagte Lotti, indem sie sich auf den Magen klopfte.

Es stiegen Leute aus und ein; Marianne sah immer nach Hans aus.

„Hoffentlich kommt er bald. Es ist, glaub’ ich, höchste Zeit; alles rennt hin und her.“

Da, auf einmal — die Mädchen sahen sich starr an — begann der Zug zu fahren, wegzufahren ohne Hans —! Entsetzt schrien beide:

„Hans! Halten, halten —! unser Bruder ist noch nicht da —“

Unter lautem Weinen liefen sie an die Türe des Wagens.

„Hans, Hans —!“ schrie Lotti und wollte vom Tritt abspringen. Ohne Hans konnte man doch nicht fahren!

Aber da stand breit ein Kondukteur auf der untern Stufe und versperrte den Weg:

„Oha, mein Fräulein! im Fahren springt man nicht ab!“

Und Marianne wurde ebenfalls zurückgehalten, und zwar von dem Herrn mit der grauen Mütze, der sie fest am Rockzipfel gepackt hatte.

Von außen aber ertönte auch ein Geschrei. Es war Hans, der im größten Schrecken dahergerannt kam.

„Halt, halt!“ rief er atemlos. „Ich muß mit; ich muß zu meinen Schwestern —“

Vor Aufregung und Jammer bemerkte keins von den Kindern, daß der Zug seinen Lauf wieder verlangsamte.

„Da!“ sagte der Herr mit der Mütze. „Jetzt steht er! Sie hängen ja bloß einen Wagen an. Wie kann man gleich so den Kopf verlieren —!“

Er ließ Marianne los und setzte sich wieder mit seiner Zeitung. Die andern Reisenden lachten. Hans aber kam hereingestürzt; er konnte noch kaum reden vor Überraschung und Schrecken, und den Schwestern liefen die Tränen herunter. Doch als dann Hans das Papier aufmachte, wischte sich Lotti die Augen.

„Hast du doch keine Wurst verloren?“ fragte sie.

Nein, es waren alle drei da und auch die Semmel. Und nun schmeckte nach der überstandenen Angst das Mittagessen doppelt gut; dazu erzählte man sich immer wieder, wie furchtbar es gewesen sei, als der Zug plötzlich angefangen hatte zu fahren.

„Das brauchst du nicht aufzuschreiben, Hans! das behältst du gewiß im Sinn“, sagte Marianne, während sie die Botanisierbüchse aufmachte, in welche die gute Frau Völklein Butterbirnen und Fenchelbrötchen gepackt hatte.

In Konradzell nahm Hans sich vor, recht vernünftig und besonnen zu sein, wie Mama ihm anempfohlen hatte, und stellte sich mit den Schwestern nahe zum Larstetterzug. Es war nicht seine Schuld, daß gegen Ende der halben Stunde Wartezeit vorn beim Güterschuppen ein Kälbchen jämmerlich zu brüllen anhub.

„O, das Arme!“ sagte Marianne und lief hin. Hans und Lotti folgten und entdeckten, daß das Kälbchen über eine Stufe hinuntergerutscht war und nicht mehr aufstehen konnte, weil der Strick zu straff zog. Es lag auf den Knien und sah die Kinder mit seinen großen Augen an. Hans legte das Gepäck weg und versuchte, das Kälbchen hinaufzubringen. Es ging aber schwer. Das Kälbchen, das vielleicht auf seiner Reise schon allerlei Böses von groben Leuten und großen Hunden ausgestanden hatte, begriff nicht, daß die Turnachkinder ihm helfen wollten. Es benahm sich störrisch und brüllte fort und fort. Schließlich, als Lotti und Marianne mit aller Kraft von hinten schoben, kam es doch wieder auf die Beine. Hans band den Strick fester, damit das Kälbchen nicht noch einmal die Stufe hinunterfalle.

„Reiß halt nicht so, sondern steh still!“ mahnte er, indem er das Tier auf den rauhhaarigen Rücken patschte.

Da ertönte eine laute, ärgerliche Stimme; die Kinder wandten sich zurück; es war der Herr mit der Mütze, der zu einem Waggonfenster hinaussah:

„Was ist —? wollt ihr nach Larstetten oder nicht? Im Augenblick fahren wir ab!“

Die Kinder rafften ihre Sachen zusammen und rannten zum Zug; der Kondukteur schob sie scheltend hinein, pfiff, und fort ging’s!

„Grad noch recht!“ sagte Marianne aufatmend.

Hans aber fuhr sich übers Haar. Das Reisen war doch eigentlich schwieriger, als man meinte. Indessen begegnete nun weiter nichts mehr, und nach einer kleinen Stunde sah man schon den Weißberg und die rote Turmspitze von Larstetten. Die Kinder griffen nach ihrem Gepäck.

„Nur ruhig Blut!“ sagte Marianne. „Neun Stück müssen es sein.“

Wahrhaftig! alle neun Stück waren noch beisammen.

„Und Mama hat gemeint, wir verlieren die Hälfte“, sagte Marianne draußen, als ihr plötzlich aus dem Fenster ihre Jacke, die sie ausgezogen hatte, auf den Kopf flog.

„So“, sagte der Herr mit der Mütze, der die Jacke nachgeworfen hatte, „jetzt ist es mir dann aber recht, wenn ich nicht mehr Kindswärterin sein muß!“

„Er hat immer gebrummt; aber eigentlich war er doch nett!“ fand Lotti, als sie hinter Hans über die Schienen hüpfte.

Ein lautes Freudengeschrei empfing die Turnachkinder; denn am Stationsgebäude standen nicht nur Otto und Trudi, sondern noch etwa zwei Dutzend andere Larstetter Buben und Mädchen.

Larstetten war ein ganz kleiner Ort. Daß die Doktorskinder Besuch bekamen, war ein Ereignis; alle Freunde und Freundinnen wollten am Abholen teilnehmen. Zuerst zwar ließen sie Otto und Trudi mit ihren Gästen vorausgehen und folgten kichernd und sich stoßend. Aber als Otto sich umdrehte, um Lehrers Bernhard den schönen Bogen zu zeigen, kamen alle Buben herzu, und die Mädchen rückten auch näher, um zu hören, was da von einem Taschentuch, einem Kälbchen und von Würsten erzählt wurde.

„Du“, fragte Marianne Uhrenmachers Pauline. „Lebt doch der Peter noch?“

Der Peter war ein zahmer Rabe, den die Turnachkinder von früher kannten.

„Freilich“, sagte Pauline. „Und wir haben jetzt noch eine Merkwürdigkeit in Larstetten. Wir haben eine Amerikanerin —“

„Ja, und sie ist fast immer dabei, wenn wir etwas Lustiges machen“, fiel Otto ein.

„Sie hat einen kuriosen Namen“, erklärte Pauline weiter. „Auf deutsch heißt’s Edith; aber wenn man englisch reden will, muß man sagen Idiß —“

„Eigentlich Idifs“, erklärte Trudi.

„Nein, Idids“, verbesserte Otto. Er machte einen seltsamen Mund und steckte die Zunge zwischen die Zähne, um das schwierige englische th herauszubringen.

Nun versuchten alle Larstetter- und auch die Turnachkinder ihre Kunst:

„Idids, Idifs, Idiß —“ ging es durcheinander, als die Schar zum Städtchen hinein und über den kleinen Kirchenplatz kam.

„Was wollen Sie?“ antwortete eine frische Stimme aus dem Pfarrgarten. „Tun Sie nicht stören mich!“

Die Kinder traten ans Gitter. Vor dem Hause neben Frau Pfarrers Oleanderbäumen stand ein etwa dreizehnjähriges Mädchen mit einer hellblauen Schleife im braunen Haar und versuchte, ein graues Kätzchen auf den Rücken des großen weißen Pfarrspitz zu setzen. Der Spitz knurrte. Er war ein wackeres Tier und wußte manches Kunststück zu machen; aber was ihm nun da zugemutet wurde, ging doch über alles Maß. Und das Kätzchen wollte auch nicht, sondern miaute ärgerlich.

„Was machst du?“ rief Otto. „Das geht nicht!“

„Ich gebe Lektion an diese Tieren“, sagte Edith. „Ich auch muß lernen bei Onkel Pfarrer jedes Vormittag. Guten Abend, kleine Mädchen! guten Abend, kleine Knabe!“ wandte sie sich den Turnachkindern zu, während die kleine Katze die Pause benutzte, um auf das Fenstersims zu springen, von wo sie mit feindselig erhobenem Schwanze auf den Spitz herabsah, der sie anbellte.

Hans bot Edith höflich die Hand, obgleich die Anrede ihn etwas kränkte. Des Mädchens Augen aber fielen auf den Bogen.

„Feiner Gewehr!“ sagte sie anerkennend. „Zeig, Otto —“

Sie spannte den Bogen und schoß den Pfeil hoch zum Dach des Waschhauses hinauf.

„Schlecht getrefft!“ rief sie. „Ich habe wollen durch den Loch von die Kamin.“

Lotti lachte hell auf, weil Edith alles so verkehrt sagte.

„Warum lachen Sie?“ fragte Edith scheinbar ernsthaft. „Es ist sehr traurig, daß deutsche Sprache hat so viel unnütze Worten: der, die das, dem, den — horrible!“

Edith wollte eben den Bogen noch einmal spannen. Aber um die Ecke kam Tante Doktor.

„Ja — Kinder! wo bleibt ihr denn stecken mit Sack und Pack —? Aha, Edith —! Nun, trennt euch jetzt für einmal, in unserm Larstetten findet man sich ja immer wieder.“

„Wir wollen sein Freunde“, sagte Edith, indem sie den Turnachkindern die Hände schüttelte.

„Gud bei!“ rief Otto sich verabschiedend in den Pfarrgarten zurück. „Das bedeutet nämlich, leb wohl“, erklärte er Hans. „Man schreibt es aber g-o-o-d b-y-e. Im Englischen ist die Hauptsache, daß man alles ganz anders sagt, als es eigentlich heißt.“

Die Tante Doktor hatte Mühe, die Kinder vor sich herzutreiben. Immer drehten sie sich wieder um:

„Gud bei, Idifs, gud bei!“ Besonders die Turnachkinder fanden es prächtig, nun auf einmal englisch sprechen zu können.

WIE ES AUF DEM LARSTETTER JAHRMARKT ZUGING

Jedes Jahr im Herbst war Markt in Larstetten. Das war immer ein großes Vergnügen. Schon in aller Frühe wurden die Kinder am Freitag geweckt. Wagen mit quiekenden Schweinen rasselten über das holperige Pflaster. Laut schwatzende Frauen kamen daher mit Körben auf dem Kopfe. Einige Buben mußten bereits Einkäufe gemacht haben; schrille Pfeifen- und Trompetentöne drangen herauf.

„Geld habe ich ziemlich viel“, sagte Trudi beim Frühstück. „Ich hab noch zuletzt vier Zehner verdient!“

„Potz! mit was denn?“ fragte Hans.

„Ja, es war gar nicht so lustig. Allemal am Samstag haben wir zwei Stunden lang gejätet. Man bekommt einen ganz steifen Rücken. Aber ich hab immerfort an das Karussell gedacht. Im ganzen hab ich 70 Rappen Marktgeld.“ Trudi klapperte freudig mit der gelben Hornbüchse, die ihr als Börse diente.

Die andern überzählten auch ihren Besitz. Mama hatte den Turnachkindern zum Glück etwas Taschengeld mitgegeben. Eilig ging’s nun auf die Straße hinunter. Es war kalt und neblig. Undeutlich tauchten die Merkwürdigkeiten des Larstetter Marktes aus der weißen Luft auf. Vor dem Doktorhaus befand sich ein Stand mit Mützen und Hüten, daneben einer mit Schuhen und einer mit geblümten Stoffen; das war nicht besonders interessant. Dann aber kam eine Geschirrbude, von der man die Mädchen nicht wegbrachte; denn sie hatten einen Korb mit Puppengeschirr entdeckt, mit kleinen Tassen, Milchkrügen und braunen Tiegelchen, die man aufs Feuer stellen konnte. Marianne und Lotti kauften zusammen ein weiß und gelbes Töpfchen, und Trudi nahm sechs kleine blaue Teller, die ihr die Händlerin zu 40 Rappen erließ. Dann ging’s weiter. Aber auf einmal, als Marianne zurücksah, war Trudi stehen geblieben.

„Was hast du?“ fragte Marianne.

„Mir ist —“ Trudi schluckte halb weinend. „Mir ist eingefallen, daß ich jetzt schon viel weniger Geld habe. Und ich wollte noch Abziehbilder kaufen und eine Waffel — und dann das K — K —“

Das Karussell blieb im Halse des schluchzenden Trudi stecken.

Da beschlossen Marianne und Lotti, dem von Reue gequälten Cousinchen zwei Teller abzukaufen, worauf Trudi wieder lachte und mit den beiden die Buben einholte, die vor einem Mann in grünem Rock standen. Er hatte keine Bude, nur einen Tisch; aber er redete sehr viel und sagte, er könne alles, was zerschlagen sei, wieder ganz machen.

„O weh, o weh, o weh!“ rief er und hielt zwei Scherben in den Händen mit einem schrecklichen Gesicht des Jammers, der sich plötzlich in die größte Heiterkeit verwandelte, sowie die Stücke wieder aneinander waren.

„Wenn ich nur solche Grimassen machen könnte!“ sagte Otto bewundernd und stellte einige Versuche an.

Marianne aber wurde gegenüber festgehalten. Da saß eine Frau vor einem Kissen, in dem sehr viele Nadeln steckten mit Fäden, und an jedem Faden hing ein Hölzchen. Wenn die Frau die Hölzchen recht rasch übereinander warf, so entstand eine schöne Spitze. Es war wie eine Zauberei. Hans mußte Marianne schließlich am Arm fortziehen.

Die Dreißigrappenbude war weiter oben. Viele Leute standen schon davor. Es war aber auch zum Stillstehen. Hier konnte man alles, geradezu alles haben: Puppen, Dominospiele, Malhefte, Federnschachteln, Perlschnüre, Handwerkszeug, nette Taschenmesser, kleine Käfige mit gelbwollenen Vögeln, Uhren, kurz, was sich nur denken ließ.

„Hört“, flüsterte Lotti. „Balbine hat einmal gesagt, man solle nie so schnell sein auf dem Markt; sie halte immer die Hand in der Tasche und spaziere zuerst bloß so vorbei.“

Doch kaum hatte Lotti den weisen Rat gegeben, so schrie sie laut auf:

„O, o, ein Kaleidoskop!“

„Ein — was?“ fragte Trudi.

„Ein Kaleidoskop!“ Und Lotti fuhr mit der Hand, die sie hatte in der Tasche behalten wollen, nach einer kleinen mit lila Papier überzogenen Röhre. „Man guckt hinein und dreht es. Dann sieht man lauter gelb und rot und blaue Figuren, die sich immer bewegen, Trudi! Wie lebendige Sterne. Es ist furchtbar nett!“

„Jetzt geht es dir dann wie vorhin dem Trudi!“ warnte Otto; aber im selben Moment fiel sein Auge auf einen Kompaß.

„Hans, sieh —!“

„Ach, das kann doch kein rechter Kompaß sein für 30 Rappen —“ sagte Hans leise.

„Doch, doch“, erwiderte Otto eifrig. „Sieh, das ist Norden, und dann kommt Nordwest! Wenn ich im Sommer wieder bei euch bin und wir im dicken Nebel auf den See hinausfahren, so haben wir mit dem Kompaß immer die Richtung!“

„In den Sommerferien gibt es ja gar keinen dicken Nebel.“

Otto ließ sich jedoch nicht abbringen. Entschlossen zählte er sein Geld heraus.

„Ich häng ihn gleich um. Hans, gib mir ein wenig Bindfaden!“

Hans hörte nicht. Er hatte einen kleinen Hammer ergriffen und wiegte ihn in der Hand:

„Genau so einen hätte ich eigentlich schon lang gebraucht —“

„Hans!“ flüsterte Marianne. „Wir haben ja zwei daheim. Besinn dich doch noch —“

Plötzlich aber entdeckte sie eine kleine Schachtel, hinter deren Glasdeckel vier Strähnchen bunter Perlen lagen. Da vergaß sie selbst das Besinnen, und im gleichen Augenblick, da Hans seinen Hammer von der Händlerin in Empfang nahm, bot ihr der Mann die eingewickelte Perlenschachtel herüber.

So, jetzt waren alle fünf Kinder ungefähr gleich weit in ihren Finanzen. Balbine hatte gut reden! Vor diesem Dreißigrappenstand wäre sie gewiß auch nicht vorbeispaziert mit der Hand in der Tasche!

Nun war es aber höchste Zeit, weiter zu gehen. Trudi stand in Gefahr, sich schon wieder in einen Handel einzulassen.

„Trudi, du bist wirklich zu dumm!“ sagte Otto. „Eine Uhr, die nicht geht —!“

„Aber man kann ja den Zeiger drehen. Und von meinem Platz in der Schule sehe ich grad auf den Kirchturm; da könnte ich die Uhr immer richten —“

„Bis Herr Fink sie dir wegnimmt! Nein, Trudi —!“ Otto zog die Schwester aus dem Bereich der verführerischen Uhr weg. „Komm, jetzt gehen wir zu den Waffeln!“

Die Waffelbude stand an der Ecke des Seilergäßchens. Ohne sie ließ sich der Larstetter Jahrmarkt nicht denken. Es war ein Hauptvergnügen, da eine frische braungebackene Waffel zu kaufen, nachdem man eine Weile zugesehen hatte, wie die dicke Frau in der Haube die langstielige Form in den Teig tauchte, dann in die Pfanne hielt und hierauf den fertigen Kuchen von der Form klopfte und mit Zucker bestreute.

Von ihren Waffeln herunterbeißend lenkten die Kinder ihre Schritte zur Halde. Die Sonne schien jetzt hell, und von der Sägenwiese herauf tönte lustig und einladend die Musik des Karussells.

„So, und den Lebkuchen für die Josephine!“ rief Otto plötzlich anhaltend. Josephine war die Köchin.

„Dort hat’s Lebkuchen!“ deutete Lotti in eine Seitengasse, wo auch noch ein paar Buden standen. Ein altes Männlein saß da und hielt Lebkuchen feil.

„Beim Rathaus ist ein viel größerer Stand“, meinte Otto. „Dort kaufen alle Leute.“

„Vielleicht hat der Mann aber auch gern, wenn man zu ihm kommt“, erwiderte Marianne und ging zu dem Alten, der freundlich nickte.

„Brav einkaufen! Lauter gute Ware!“ rief er und legte seine Lebkuchen her.

„Wir möchten einen für zehn Rappen“, sagte Otto.

„Fünf Kinder und bloß einen kleinen Lebkuchen —?“ Der Alte machte ein enttäuschtes Gesicht.

„Wir haben eben schon Waffeln gekauft, und jetzt möchten wir zum Karussell“, erklärte Lotti.

„O jeh, o jeh! heut geht das Geschäft doch gar nicht!“ jammerte das Männchen. „Es kommt kein Mensch da vorbei, und wenn einer kommt, so hat er schon eingekauft. O jeh!“

Betrübt schob er die Pakete wieder zusammen.

Die Kinder sahen einander an und berieten leise, bis sie zu dem Entschluß kamen, zusammen einen runden Lebkuchen für 25 Rappen zu kaufen.

„So ist’s recht!“ sagte das Männlein und suchte den bestgeformten Kuchen aus. „Und wenn man etwa bei euch zu Haus noch mehr brauchen sollte, so denkt an mich.“

Die Kinder versprachen es. Es war jedoch schwer, das Lebkuchenmännlein im Sinn zu behalten. Auf der Sägenwiese gab es neben dem Karussell noch ein Kasperletheater; das war über alle Beschreibung lustig. Am Nachmittag war große Vorstellung. Es trat ein Sultan Schuri-muri auf mit seinem Diener Karabatschi, und dann der freche Kasperle, der eine Reihe von Missetaten ausführte und sich immer hinausredete, ja den stolzen Sultan sogar in eine Kiste sperrte. Auf diese Kiste setzte er sich und sang: „Tirallala, tirallala!“ bis der Herrscher der Hölle erschien, schwarz und grauenvoll, und den verbrecherischen Kasperle davon schleppte.

„Wie schade!“ riefen Lotti und Trudi, als nach dieser Höllenfahrt das Stück zu Ende war.

Sie trösteten sich dann aber mit der Aussicht auf eine zweite Vorstellung um drei Uhr. Inzwischen konnte man wieder zum Karussell oder ins Städtchen hinauf zu den Verkaufsbuden gehen. So wären die Kinder beständig von einer Herrlichkeit zur andern hin und her gelaufen, wenn nicht schließlich etwas Besonderes sie festgehalten hätte ...

Der Lärm des Jahrmarktes drang nur von Ferne in den Pfarrgarten. Frau Pfarrer pflückte vom Spalier die letzten Birnen; Spitz sah ihr zu, und die schwarze Katze lag in der Sonne. Beide hatten heute frei; denn Edith war nach dem Essen gegangen, sich den Markt anzusehen. Frau Pfarrer wandte sich ein paarmal nach der Straße; jetzt sollte das Kind eigentlich zurück sein.

Da kamen Doktors Otto und Hans Turnach herangerannt:

„Guten Abend, Frau Pfarrer —“

„Guten Abend, Otto! Wißt ihr vielleicht, wo Edith ist?“

„Ja, sie steht in einer Bude an der Trümpengasse und verkauft Lebkuchen —“

„Was sagt ihr? Wo steht sie —?“

„In einer Bude und verkauft Lebkuchen. Es ist ein ganzes Gedränge um sie herum, und wir sollen Einwickelpapier holen —“

„In einem Lebkuchenstand — auf dem Jahrmarkt — nein, das ist nun doch zu arg! David —!“

Der Herr Pfarrer sah oben zu dem grün umrankten Fenster heraus und lachte. Er hatte die Geschichte mitangehört.

„Rege dich nicht auf, Berta! Ediths Taten sind manchmal etwas ungewöhnlich; aber sie meint’s gut.“

„Nein, David, was zu viel ist, ist zu viel —“

„Marianne und Lotti und Trudi sind auch in dem Lebkuchenstand“, fuhren Hans und Otto in ihrem Bericht fort.

Frau Pfarrer seufzte erleichtert auf.

„Und der Mann ist sehr froh, und wenn Sie uns, bitte, Papier geben wollten — Edith hat gesagt, wir sollten schnell wieder kommen —“

„Siehst du, Berta“, sagte der Herr Pfarrer. „Gib den Buben, was sie brauchen. Zu deiner Beruhigung und zu meinem Vergnügen gehe ich nachher gleich hinüber in die Trümpengasse und sehe, wie sie es treiben.“

Das mit der Lebkuchenbude war so gekommen: Edith hatte in der Hauptgasse vor einem Stande, wo man nach Scheiben schießen konnte, die Turnach- und Doktorskinder getroffen.

„Ich kann nicht verständen“, sagte sie, „daß Tante Pfarrer mich verbietet zu schießen hier. Ist doch eine sehr hübschen Sache.“

Aber sie widerstand der Versuchung und schlenderte mit den Kindern weiter.

Auf einmal lief Hans um die Ecke. Der Lebkuchenmann war ihm eingefallen. Der kleine Alte stand wie am Morgen da und sah nach Käufern aus.

„Einkaufen, einkaufen!“ rief er mit seiner dünnen Stimme, als er die Kinder wieder sah.

Die Kinder waren etwas verlegen; denn sie hatten gar kein Geld mehr. Und der Edith, die sonst immer viel Taschengeld besaß, war es heute auch ausgegangen.

„Das ist ein Unglück“, sagte sie. „In zwei oder drei Tage ich bekomme wieder von mein Papa; aber jetzt ich habe nur noch diesen Zwanzig.“

Dafür nahm sie einen Kuchen. Sie sah umher. Warum kamen denn keine Leute?

„Sie haben eine schlechte Platz hier!“ sagte sie.

„Ja freilich“, nickte das Männlein. „Sonst geht immer meine Frau auf die Märkte. Sie versteht das besser.“

„Warum Sie haben nicht ein weißes Mütze und Schürze wie die Frau in der Waffelladen?“

Der kleine Mann sah sie an.

„Warum Sie machen nicht Lärm? In Amerika man hat eine Trommel oder ein Glocke und die Leute kommen und kaufen —. Geben Sie acht —“, man sah, daß Edith ein lustiger Gedanke kam. „Geben Sie acht! ich will Sie zeigen, wie man macht bei uns!“

Sie nahm einen Bogen weißes Papier, heftete es mit einer Stecknadel zu einer Mütze zusammen und setzte sie auf ihr Haar. Dann schlüpfte sie zu dem kleinen Alten in die Bude hinein. Die Mütze stand ihr sehr gut.

„Edith, wir wollen auch Mützen! wir wollen auch helfen!“ rief Lotti, angefeuert durch das Beispiel.

„Ja, ist sehr gut!“ erwiderte Edith. „Jeden muß haben ein weißes Mütze. Sechs Bäcker von Kuchen in einem Reihe, und man denkt, es ist ein sehr große, gute Geschäft. Otto, wir brauchen ein Glocke. Besinne dir, wer hat ein Glocke!“

Otto rannte davon und kam zurück mit einer laut bimmelnden Kuhglocke.

Es gab ein starkes Gedränge in dem kleinen Lebkuchenstand, als nun alle sechs Kinder drin waren. Der kleine Mann wußte nicht recht, was er sagen sollte, und rieb sich hinter dem Ohr.

Drei Bauern, die in der Hauptgasse vorbeigehen wollten, drehten sich um bei dem lauten Schall der Glocke; ein paar Frauen aus den Nachbarhäusern traten auch näher.

„Meine Herrn und Damen, kommen Sie schnell kaufen, vor es ist zu spät!“ rief Edith mit heller Stimme. „Hier, nehmen Sie von dieses außerordentlich schöne Lebkuchen für —“ sie wandte sich zu dem Männlein — „für 30 Rappen!“

Die Leute bildeten schon einen Kreis um die Bude, in der sechs Kuchenbäcker standen mit weißen Mützen und lustigen Gesichtern. Das Männlein dahinter sah man kaum.

„Für dreißig Rappen! Ein ganz unglaubig kleine Preis!“

Das wunderliche Deutsch machte die Leute lachen.

„Ja, Jungfer, wir haben eben schon eingekauft, beim Rathaus drüben“, sagte ein Bauer.

„Ist gut. Jene Mann am Rathaus will verkaufen Lebkuchen, und wir wollen verkaufen, und kleine Kinder zu Hause wollen haben Lebkuchen. Also, bitte, nicht stehen hier und verlieren Zeit!“

Wieder ertönte ein lautes Gelächter, das andere Neugierige herbeilockte.

„Die versteht das Geschäft“, sagte der Bauer und ließ sich drei runde Lebkuchen geben. Zwei Frauen kauften kleine Pakete. Und nun rückte eins nach dem andern heran, um der munteren Verkäuferin mit dem Kauderwelsch etwas abzunehmen.

Das Lebkuchenmännlein fuhr geschäftig umher. Es kam fast nicht nach mit Geldeinziehen und -herausgeben; Marianne wickelte ein; Hans und Otto handhabten die Glocke, während Lotti und Trudi an den Gestellen hinaufkletterten, um neue Pakete herunterzuholen. Und nun erschien der Herr Pfarrer und lachte herzlich und kaufte natürlich. Und dann langte Tante Doktor an, erstaunt und belustigt, und kaufte auch. Und Frau Pfarrer kam ebenfalls, und Edith sah, daß sie wie die andern lachte, und rief:

„Hier, ich habe dich der letzte Pack Mandelkuchen behalten! Wir mußten diese Mann ein wenig helfen. Er immer stand da und nichts verkaufte!“

Also kaufte Frau Pfarrer die Mandelkuchen und noch drei große Pakete dazu. Der kleine Alte hatte sich ganz überwältigt auf seine Kiste im Hintergrund gesetzt. Er wollte immer zählen, was er schon eingenommen; aber beständig kam neues Geld hinzu.

„Es ist unerhört, unerhört!“ sagte er vor sich hin. „Was wird doch meine Alte sagen daheim! Die wird mir gesund vor lauter Freude.“

Schon dunkelte es stark. Hans und Otto zündeten ein paar Kerzenstümpfchen an. Als aber der Polizeidiener Drehbaum sich durch die Leute schob und mit strenger Miene erklärte, die Marktzeit sei um, es müsse geschlossen werden, da war der Vorrat des Lebkuchenmännleins zu Ende, rein zu Ende.

„Ausverkauft!“ schrien die zwei Buben und warfen ihre Mützen in die Höhe.

„Ihr habt Glück gehabt!“ sagte Drehbaum zu dem Männlein.

„Ja, über Verdienen!“ sagte das Männlein. „Aber der liebe Herrgott wird es wegen meiner Alten daheim so gerichtet haben. So will ich ihm halt recht danken und dem gescheiten Jüngferlein da auch und den andern, tausendmal!“

Er schüttelte den Kindern ringsum die Hand. Unter Hallo und Glockengeschell krochen die sechs aus der Bude heraus.

„Und nächstes Jahr“, erklärte Lotti dem Lebkuchenmännlein zum Abschied, „wenn wir in den Herbstferien nach Larstetten kommen, helfen wir Ihnen wieder!“

EINE THEATERVORSTELLUNG

Nach dem Jahrmarkt wurde das Wetter schlecht. Der Wind trieb einen Regenguß um den andern daher. In der Hauptgasse von Larstetten, wo am Freitag solch ein Getümmel geherrscht hatte, war es jetzt still und leer. Drinnen im Doktorhaus ging es um so lebhafter zu.

Die Kinder standen alle in dem weiten, weiß getünchten Hausgang an dem alten Guckkasten, den schon Tante Doktor und Mama Turnach besessen hatten, als sie klein waren. Wenn man vorn durch das runde Glas sah, so erschienen die Bilder, die man hineinstellte, stark vergrößert. Es waren prächtige Sachen da: Eine Eisbärenjagd mit glutroter Mitternachtssonne; der Turmbau von Babel; eine Überschwemmung, bei der das Meer über einen Damm hereinstürzte; ein Negertanz; ein feuerspeiender Berg; Attila, der furchtbare Hunnenkönig mit seinen Reiterscharen dahersausend, und viel andere gewaltige Dinge.

„Halt, Hans! Noch einmal den Wald mit den Elefanten —! Nein, die Jungfrau von Orleans —!“ Jedes der Kinder wollte Selbst ein Bild hineinstecken.

„Bitte, meine Herrschaften“, rief Hans mit schnarrender Stimme, „immer der Reihe nach —“

„Ja“, lachte Lotti, „grade so hat gestern der Herr mit den goldenen Borten geredet vor der Bude, wo wir nicht haben hinein dürfen. Wenn ich groß bin, gehe ich der Reihe nach in alle Schaubuden. Hans, gib doch den Negertanz her!“

Aber Hans legte das Blatt weg. Er überlegte etwas.

„Hört“, sagte er. „Wir könnten eigentlich selber eine Bude einrichten da mit dem Guckkasten! Natürlich kostet es Eintrittsgeld —“

„Ja“, rief Otto. „Wir machen eine Kasse! Ein Tischchen mit einem roten Tuch und einem Teller —“

„Aber, Hans, Eintrittsgeld und dann bloß den Guckkasten!“ wandte Marianne ein.

„Wir hätten ja noch das Lebensrad!“ schlug Otto vor. „Trudi, hol das Lebensrad!“

Trudi brachte das Lebensrad. Es sah aus wie eine runde Pappschachtel ohne Deckel, die sich auf einem Gestell drehte; sie besaß viele Einschnitte zum Hineinsehen. Die Bilder da drinnen vergrößerten sich nicht; aber was noch merkwürdiger war, sie fingen an, sich zu bewegen, wenn man rasch drehte, und trieben allerlei komisches Zeug: Ein Mann warf grüne Kugeln auf und fing sie wieder; ein kleines Mädchen sprang Seil; ein Schuster wollte seinem Lehrbuben eine Ohrfeige geben; aber jedesmal, wenn er ausholte, bog der Bub den Kopf weg; es war sehr spaßhaft. Ebenso ein Pudel, dem eine Brummfliege um die Nase summte. Er tat einen Schnapp — und die Fliege flog davon.

Also hatte man schon die zweite Nummer für die Aufführung. Aber in Hansens Sinn wurde die Sache immer großartiger.

„Otto, du hast doch einmal so Taschenspielerkünste gehabt!“

„Das Zauber-Ei meinst du und die Schnur, die man zerschneidet und mit dem Spruch wieder ganz macht? Und die geheimnisvollen Münzen, die bald in der kleinen und bald in der großen Büchse sind —“

Otto lief die Treppe hinauf; die andern folgten ihm. Glücklich fanden sich die Sachen. Der Zauber-Eierbecher hatte verschiedene ineinander steckende Deckel. Wenn man die Sache rasch und gut machte, so konnte man das weiße Ei in ein rotes verwandeln, dann in ein blaues, und schließlich das ganze Ei verschwinden lassen.

„Das wären also drei Zauberkünste“, sagte Hans.

„Otto — und die sterbenden Schweinchen!“ rief Marianne „Nimm die sterbenden Schweinchen dazu!“

Otto hatte die sterbenden Schweinchen vor kurzem von einem Freunde seines Papas geschenkt bekommen.

„Du hast sie doch noch keinem gezeigt?“ fragte Hans.

Nein, zum Glück waren die sterbenden Schweinchen etwas durchaus Neues für Larstetten.

Otto sah in der halbdunkeln Kammer umher, ob sich vielleicht noch etwas finde. In den Ecken standen allerlei Kisten und altes Spielzeug, ein Schaukelpferd ohne Kopf, auf dem Lotti und Trudi zu reiten begannen.

„Was ist da drinn, Otto?“, fragte Marianne und zog eine große Schachtel hervor.

„Ach, das ist ein Theater — Papas Theater, wie er noch ein Bub war.“

„Ein Theater —?“ rief Hans. „Und das sagst du einem erst jetzt!“

„Es ist ja gar nichts Rechtes mehr da“, antwortete Otto und machte auf.

Man sah einige Drähte mit abgerissenen Köpfen und verschiedene Kartonstücke, auf denen man Teile eines gemalten Waldes und einer Säulenhalle erkennen konnte.

„Das waren die Kulissen“, erklärte Otto. „Papa hatte mehr als zwanzig Puppen; aber später sind seine kleinen Vettern darüber gekommen.“

Hans hatte indessen unter den Trümmern zwei noch ziemlich guterhaltene Figuren entdeckt. Die eine stellte einen Hirtenjüngling dar mit blonden Locken, die andere einen ältern Mann in braunem Rock und grauen Strümpfen.

Hans betrachtete die zwei Drahtpuppen um und um. Dann sah er auf.

„Ich will euch etwas sagen! Mit den zweien da können wir ein feines Stück aufführen!“

„O!“ riefen Otto und Marianne.

„Ja, wir führen Siegfrieds Kampf mit dem Drachen auf! Onkel Alfred hat das auf dem Theater gesehen. Er hat mir alles erzählt. Der da —“ Hans deutete auf die Figur mit den Locken, „der da ist Siegfried, und der —“ Hans nahm den Mann im braunen Rock und knickte ihn zusammen.

„Au! Du zerbrichst ihn ja!“ schrien Otto und Marianne.

„Nein, ich richte ihn zu einem Zwerg her. Jetzt brauchen wir nur noch einen Drachen, eine Höhle, Goldschätze und einen Wald.“

„Zu was brauchst du einen Drachen?“ fragte Trudi und stieg von ihrem Schaukelpferd herunter.

„Ach, Trudi, du wirst wohl keinen haben“, sagte Hans etwas geringschätzig.

Aber Trudi zeigte sich wider Erwarten von großem Nutzen.

„Mama hat einen Drachen in einem Buch. Er hat einen grünen geringelten Schwanz, und aus dem Maule haucht er Feuer —“

Zu fünft ging’s hinunter ins Wohnzimmer, wo Tante Doktor nähte.

„Mama! Tante! wir sollten einen Drachen haben! Bitte, zeig uns das alte Buch mit dem Drachen!“

Die Tante vernahm, was im Plane war, und holte das Buch, in welchem die Kinder das Ungeheuer alsbald fanden.

„Mama“, rief Otto. „Wenn wir doch den Drachen herausschneiden dürften! Das Buch ist ja schon ein wenig zerrissen.“

„Ja, Tante!“ bettelte Lotti. „Es wäre doch nett für den Drachen, wenn er mitmachen dürfte!“

Da lachte die Tante:

„Also, Lotti; er soll mitmachen!“ Und sie gab Marianne das Blatt, daß sie den Drachen für die Vorstellung herrichte. Er wurde auf steifes Papier geklebt, ausgeschnitten und auf der Rückseite bemalt, damit er da ebenso natürlich aussehe wie vorn. Dann versah ihn Hans mit einer Holzleiste und einem Draht. Siegfried erhielt ein Fell über die Schulter aus einem Stückchen Katzenpelz; Tantes Trennmesserchen bildete sein Schwert. Es gab alle Hände voll zu tun. Als Goldschätze konnten einige Vorhangringe, ein Messingkettchen und ein Schlüsselschildchen dienen.

Jetzt der Wald. Hans und Otto schleppten Geranien- und Laurusstöcke und ein Gummibäumchen herbei und stellten sie in Form eines Hufeisens auf eine breite Kiste in den Hausgang. Dann wurden Brettchen zurechtgesägt und über die Topfränder gelegt. Das gab den Boden für die Drahtpuppen und den Drachen. Es sah sehr hübsch aus, wie ein freier Platz unter Bäumen.

„Zur Drachenhöhle nehmen wir ein paar Tuffsteine aus dem Garten“, ordnete Hans an und setzte sich dann in eine Ecke, um die Gespräche aufzuschreiben, die Siegfried, der Zwerg und der Drache halten sollten. Das war auch noch ein Stück Arbeit.

„Wir müssen tüchtig einüben“, sagte Hans, „Während man spricht, rückt man die Figur immer ein wenig hin und her, wie wenn sie sich bewegte. Ich nehme den Siegfried, Marianne hat den Zwerg —“

„Wenn ich ihn nur kann!“ sagte Marianne.

„Vielleicht kann ich ihn?“ schlug Lotti vor.

„Nein, Lotti, dazu passest du nicht!“ erwiderte Hans. „Du darfst die Dame an der Kasse sein.“

„Und ich?“ fragte nun auch Trudi.

„Du ziehst die Billette ein an der Türe. Otto, du nimmst natürlich den Drachen.“

„Ja, ich muß aber auch noch meine Zauberkünste probieren.“

In diesem Augenblicke trat Edith zur Haustüre herein mit einem Korb Birnen aus dem Pfarrgarten. Mit großem Interesse vernahm sie, was im Tun war, und besichtigte die Figuren, besonders den Drachen.

„O, ich weiß“, rief sie. „Das ist ein europäische wilde Tier, welchen es nicht gibt! Otto, laß mich das Drache spielen!“

Otto willigte ein; Hans war etwas bedenklich.

„Du mußt aber ganz ohne Fehler sprechen und sehr ernst!“ sagte er. „Es ist nämlich kein Stück zum Lachen.“

„Ich werde lern, bis ich kann, und ich will so ein ernste Drache machen, daß alle werden zitter!“ versprach Edith und lief dann schnell zurück, um dem Onkel Pfarrer zu sagen, daß sie heute eine Deutschstunde im Doktorhaus habe.

Lotti und Trudi wurden indessen ausgeschickt, um den Freunden und Freundinnen im Städtchen die Vorstellung anzukündigen.

An die Haustüre aber befestigte man einen großen Zettel, auf dem folgendes geschrieben stand:

Theatervorstellung.

1 Der Guckkasten mit elf Bildern aus verschiedenen Ländern und Völkern.

2 Das Lebensrad, wo sich alles bewegt.

3 Der wunderbare Eierbecher, die Zauberschnur, die geheimnisvollen Münzen und die sterbenden Schweinchen.

4 Siegfrieds Kampf mit dem Drachen. (Es kommt ein Zwerg vor; der Drache und der Zwerg werden umgebracht.)

5 Beginn um drei Uhr. Erster Platz zehn Rappen, zweiter Platz fünf Rappen.

Es war kein Wunder, daß auf diese verlockende Anzeige hin eine Menge Kinder sich gegen drei Uhr im Doktorhaus einfanden. Lotti saß an der Türe und verkaufte mit wichtigem Gesicht die Billette. Der zweite Platz wurde stark bevorzugt. Spenglers Klara brachte zwar einen Zehner, aber zugleich drei kleine Geschwister und sagte, die Mutter lasse grüßen, und für zehn Rappen werden wohl vier zusehen dürfen. Einige hatten nur einen Zweier, und Felix Scharrelbach kam mit einer Tüte voll Sonnenblumenkörner und behauptete, die seien gut einen Fünfer wert.

Die große Zuschauerzahl machte allerdings einige Schwierigkeiten, als die Vorstellung mit dem Guckkasten eröffnet wurde. Hans rief umsonst:

„Bitte, meine Herrschaften, immer der Reihe nach!“

Alles drückte herzu, und die Hintern schrien, sie sehen nichts. Als jedoch Hans mit lauter Stimme die Bilder zu erklären begann, horchte man gespannt zu, und wer vorn keinen Platz fand, guckte von der Seite hinein.

Auch das Lebensrad mit dem bösen Schuster und der Brummfliege gefiel sehr.

Dann erschien Otto als Zauberer; er hatte eine spitze gelbe Mütze auf und einen schwarzen Mantel um. Er machte seine Künste geschickt. Nur als er das rote Ei unter „Hokus pokus tamalachtuggtugg“ in ein blaues verwandeln wollte, kam es noch einmal rot zum Vorschein.

„Oha!“ rief Felix Scharrelbach. „Das könnte ich auch!“

Als aber Hans einen drohenden Blick hinüberwarf und Klara, die ein handfestes Mädchen war, dem vorlauten Felix einen Puff gab, schwieg er, umsomehr, als Otto ihm das jetzt blaue Ei unter die Nase hielt.

Am meisten Beifall fanden Ottos Schweinchen. Dick und vergnügt standen sie da mit ihren langen Ohren und Ringelschwänzchen. Aber ihr Wohlbefinden dauerte nur kurz. Unter kläglichem Geschrei magerten sie zusehends ab; das Schwänzchen senkte sich trübselig; sie schrumpften ganz ein, sanken zusammen, erst das eine, dann die zwei andern und legten mit einem letzten Quiek den Kopf auf den Boden. Als Otto sie aufhob, bestanden sie nur noch aus Haut, Ohren und Schwanz.

„Noch einmal, noch einmal!“ riefen die Kinder.

Immer wieder mußte Otto die Schweinchen rund werden und sterben lassen.

Dann kam die Pause. Die Zuschauer wurden aufgefordert, in der Holzkammer zu warten, wo Otto sie einsperrte. Als er sie nach einer Weile herausholte, war das vorgespannte Leintuch im hintern Teil des Hausganges weggenommen, und man erblickte das Puppentheater. Links auf der Bühne neben dem zweiten Geranienbusch stand Siegfried, sein Tierfell über den Schultern; neben ihm war im braunen Kittel der bucklige Zwerg zu sehen.

Still vor Erwartung nahm das Publikum auf den bereitgestellten Bänken und Stühlen Platz. In der Höhe quer über dem Walde und zu beiden Seiten waren Vorhänge angebracht. Dahinter hörte man leise flüstern; das machte die Sache noch geheimnisvoller.

„Zwerg!“ begann jetzt Siegfried laut. „Du hast gesagt, du wollest mich das Fürchten lehren!“ Hans rückte, während er sprach, den Siegfried am Drahte gegen die Mitte vor.

Der Zwerg rutschte an Siegfrieds Seite und fragte ihn, ob er sich denn wirklich noch nie gefürchtet habe im dunkeln Wald, wo die reißenden Tiere herumschleichen. Marianne, die für den Zwerg sprach, nahm eine sehr hohe Stimme an, wie es zu der kleinen Gestalt paßte. Siegfried aber lachte:

„Hahaha! Die wilden Tiere! Erst gestern habe ich einen Bären bezwungen und ihn festgebunden, so daß er mir nachfolgen mußte wie ein Hündchen!“

„Siegfried“, erwiderte der Zwerg, „wenn du so tapfer bist, so suche doch den Drachen auf, der hier haust, und erschlage ihn! Dann wärst du der größte Held der Welt und würdest die Schätze gewinnen, die er bewacht.“

Der Zwerg beschrieb dem Siegfried die Pracht der Goldgeschmeide.

„Dort hinten wohnt er in der Felsenhöhle. Ich muß jetzt gehen. Lebe wohl.“

Arglistig kichernd zog sich der Zwerg gegen die Laurusstöcke zurück, indem er leise für sich sagte:

„Wenn es nur so käme, daß sie sich beide umbrächten, dann würde ich der Besitzer des Schatzes werden!“

Damit verschwand er.

Siegfried aber eilte kampflustig der Felshöhle zu, die unter dem Gummibaum sichtbar war. Da begegnete ihm etwas Fatales: Er verfing sich in einem Zweige und fiel der Länge nach hin.

„Hoppla!“ rief Felix Scharrelbach. „So geht’s, wenn man nicht acht gibt!“

„Still!“ riefen die andern, die in höchster Spannung auf den Kampf mit dem Drachen warteten.

„He, man wird wohl noch etwas sagen dürfen!“

„Nein! Still! wenn’s jetzt grad so schön wird!“

Felix bekam von links und rechts Püffe und Vorwürfe.

Siegfried hatte sich rasch wieder erhoben und versuchte, weiter zu sprechen. Doch der Tumult unter den Zuschauern wuchs. Felix setzte sich lärmend zur Wehr:

„Mach du, daß du aufhörst!“ schrie er seinem Nachbarn zu.

„Hör du zuerst auf! Du, mit deinen Sonnenblumenkernen!“

„Und du mit deinem Zweier —“

Felix stieß an die Bank, so daß die Spenglerkinder fast herunterfielen und zu weinen begannen. Es gab ein allgemeines Geschrei und Gepolter.

Hans, Otto und Marianne waren empört. Hans ließ den Siegfried neben dem Gummibaum stehen und trat hervor.

„Wenn ihr nicht sogleich Ruhe gebt, so hören wir ganz auf und jagen euch alle fort!“

„Man braucht bloß den Felix hinauszutun, Hans!“ rief Lehrers Bernhard. „Sollen wir —?“ Ein halbes Dutzend Hände packten bereitwillig an.

Das half denn doch. Felix setzte sich und knurrte bloß noch ein wenig. Nach verschiedenen Sßt —! Sßt —! wurde es ruhig, und alle Augen wandten sich wieder dem Theater zu, wo das Schauspiel nun seinen Fortgang nahm.

Siegfried stand furchtlos unter dem Baume; aber in der Drachenhöhle begann es sich zu regen, und plötzlich ertönte von ihr her ein furchtbares Gähnen:

„U — ah!“

Edith hatte das zuhause besonders geübt; denn Hans hatte gesagt, es gehöre dazu. Es klang ungemein natürlich. Bernhards kleiner Bruder wurde sogar angesteckt und gähnte laut nach, was man aber weiter nicht beachtete; denn jetzt streckte der Drache den Kopf zwischen den Steinen hervor.

Siegfried näherte sich und rief:

„Was ist denn das für ein seltsames Tier?“

„Komm nur her!“ antwortete der Drache. Edith machte ihre Sache sehr gut. Sie sprach mit einer so unheimlich dumpfen Stimme, daß die Spenglerskinder näher an die Schwester hinrückten und mit ängstlichen Augen guckten, was nun begegne.

„Komm nur her, damit ich dich verschlinge!“

Siegfried aber lachte:

„Wir wollen sehen, ob dir das gelingt, oder ob du nicht vielmehr von mir getötet wirst!“

Drohend fuhr der Drache zwischen den Felsen hin und her und schoß dann gegen Siegfried. Aber dieser wußte ihm auszuweichen, indem er in weitem Sprung über ihn wegsetzte. Dann drang er plötzlich auf das Untier ein und traf ihn mit einem offenbar tödlichen Stich; denn der Drache brüllte laut auf und legte sich mit einem Ruck auf die Seite.

„Ich sterbe!“ stöhnte er. „Aber ich verzeihe dir und gebe dir noch einen Rat: Traue dem Zwerge nicht! Er ist falsch!“

Siegfried betrachtete den toten Lindwurm; dann trat er hinter den Felsen, um die Schätze zu holen.

Vorsichtig kam nun der Zwerg wieder hinter dem Lauras hervor.

„Aha!“ sagte er leise. „Es scheint, daß Siegfried den Drachen getötet hat; aber er selbst ist am Leben geblieben. Jetzt muß ich versuchen, ihn zu vergiften.“

Siegfried erschien mit den Ringen und Ketten behängt. Sowie er jedoch den Zwerg erblickte, rief er:

„Ha! Zwerg! ich kenne jetzt deine Gedanken. Du hast Böses gegen mich im Sinn! Da nimm deinen Lohn!“

Er drang auf den Zwerg ein, und alsbald stürzte dieser erschlagen hin, womit das Stück schloß. Siegfried stand stolz mit seinem Schwert und seinem Gold zwischen dem toten Drachen und dem toten Zwerg, und der Vorhang fiel herunter.

Das war aber schön gewesen! Lehrers Bernhard, den sein Vater einmal ins Theater mitgenommen hatte, wußte, was Brauch war. Er fing an zu klatschen, und alle klatschten mit, so stark sie konnten, und die vorn auf der Kiste saßen, trommelten mit den Füßen.

In diesem Augenblick trat Ottos und Trudis Papa zur Haustüre herein.

„Papa! Onkel! grade ist es aus! Aber wir spielen es dir und Mama heut abend noch einmal!“

„Gut!“ sagte Onkel Doktor. Dann jedoch fiel sein Blick auf den Teller mit dem Geld.

„Was soll denn das sein? Ihr habt doch den Kindern nicht im Ernst Geld abgenommen? Was fällt euch ein? Das geht nicht!“

Die fünf machten verlegene Gesichter. Das war grade so nett gewesen, das Eintrittsgeld! Mit dem Zwanziger, den Edith hinzugelegt, machte es fast einen Franken.

„Oder seht wenigstens, daß ihr das Geld gemeinnützig verwendet!“ sagte der Onkel, indem er rasch die Treppe hinaufging.

„Papa, was ist das, gemeinnützig —?“ rief Trudi. Doch Papa schritt schon durch den Korridor seinem Zimmer zu.

Im Hausgange aber entspann sich eine lebhafte Beratung, an der die Zuschauer ebenfalls teilnahmen.

Gemeinnützig, das hieß natürlich das Geld so verbrauchen, daß jedes etwas davon hatte. Das war nett.

„Ja, so machen wir’s!“ riefen alle, auch die Turnach- und die Doktorskinder.

„Wir könnten bei Frau Schlumpf Marbeln kaufen und sie verteilen!“ schlug eines vor.

„Sie hat auch Schokoladebonbons“, sagte Trudi. „Man bekommt fünf für einen Fünfer.“

„Wenn nur noch Jahrmarkt wäre!“ meinte Spenglers Klara. „Dann würden wir das Geld dem Karussellmann geben, daß er uns alle recht lang reiten ließe —“

„Hört!“ rief einer hinten hervor. „Wir machen miteinander eine kleine Reise. Wir fahren nach Schiebeldorf. Das halbe Billet kostet bloß fünf Rappen, und zurück können wir zu Fuß gehen.

Edith, die den Verhandlungen folgte, lachte unbändig über diesen Vorschlag.

„Ja, wir reisen allen nach dieses Schiebeldorf. Ich will gehen und packen mein Reisetasche!“

„Wenn wir es ganz fein machen wollen“, sagte jetzt aber Hans, „so wüßte ich etwas! Otto, der Onkel hat doch heute vorgelesen, daß der Larstetter Gesangverein nach seinem Konzert das Geld geschenkt hat für die Anlagen am —“

„Am Weißberg!“ fielen die Larstetter Buben und Mädchen ein. „Es gibt einen Aussichtsturm und Bänke und junge Bäume —“

„Also, wir machen es auch so. Wir schenken unser Geld für die Anlagen —“

„Ja, ja!“ riefen Otto, Bernhard, Marianne und verschiedene andere. „Hans hat recht! Das wäre am allernobelsten!“

Lotti, Trudi und die Kleinern dachten vielleicht einen Augenblick noch an die Schokolade und die Reise nach Schiebeldorf; aber dann rannten sie wichtig mit zu Bernhards Vater, der die Gelder für die Anlagen einkassierte.

Herr Fink saß am Tisch und ordnete seine Pflanzensammlung. Er lachte, als die Kinder von dem Theater erzählten und ihr Geld brachten. Edith hatte die 86 Rappen zu einem Franken aufgerundet.

„Schön, schön!“ sagte er, indem er ein langes blaues Heft herholte. „Ein Franken ist immer ein Franken —“

Er schlug das Heft auf und lachte noch einmal ein wenig, während er die Feder ergriff.

„Jetzt wird’s eingeschrieben! jetzt wird’s eingeschrieben!“ riefen die Kinder sich zu, und dann durfte jedes in das Heft gucken, wo mit schöner Schrift geschrieben stand: „Am 17. Oktober Ertrag der Theatervorstellung im Doktorhaus: Ein Franken.“

„Herr Fink“, fragte Trudi. „Könnte man eine Bank machen lassen aus dem Franken?“

„Ach, Trudi!“ rief Otto. „Für einen Franken bekommt man keine Bank!“

„Nein“, sagte Herr Fink; „aber wir wollen sehen, daß es ein junges Ahorn- oder Lindenbäumchen gibt. Das habt ihr dann gestiftet —“

„Und da sitzen wir jedesmal drunter!“ riefen die Kinder.

„Und wir auch, wenn wir in Larstetten sind!“ stimmten Hans, Marianne und Lotti ein.

„Wenn es nur recht bald groß und schattig wird! Ja, wir müssen es manchmal begießen! Ihr schreibt uns dann, wie es wächst! Wir heißen es das Theaterbäumchen! Oder die Siegfriedlinde! Ja, ja! die Siegfriedlinde!“ So ging es durcheinander unter den Buben und Mädchen, bis man sehr befriedigt sich trennte.

Als Onkel Doktor von der Schenkung und von der Siegfriedlinde hörte, lachte er auch.

„Das habt ihr ja ausgezeichnet gemacht!“ sagte er.

AUF DER FÄHRE

Am nächsten Nachmittag kamen Marianne, Lotti und Trudi schon wieder ins Pfarrhaus gerannt, Edith solle mitkommen, sie gehen alle zum Eschenweiher hinunter.

Der Eschenweiher war ein stilles, langgestrecktes Wasser an der Sägenwiese.

Lehrers Bernhard, Hans und Otto waren nach dem Mittagessen daran vorbeispaziert.

„Schrecklich schmal!“ hatte Hans gesagt.

„Aber ziemlich lang!“ hatte Bernhard erwidert. „Wenn man von der Bank aus hinuntersieht und den Kopf nicht rechts und links dreht, meint man fast, es sei ein kleiner See.“

Hans wollte Bernhard nicht kränken; sonst hätte er laut herausgelacht. Ein See —! Bernhard hatte jedenfalls in seinem Leben noch nie einen See gesehen. Otto guckte Hans von der Seite an; er wußte wohl, was der dachte.

„Nein, Bernhard, von einem See kann man da nicht reden. Denk nur, wie tief ein See ist! In unserm Eschenweiher geht einem das Wasser höchstens bis daher —“ Otto zeigte an seinen Gürtel.

„Da kann man also nicht einmal recht naß werden!“ sagte Hans.

„Und dann müßten doch Schiffe da sein!“ fuhr Otto fort.

„Im Sommer bin ich einmal auf einem Brett drauf herumgefahren“, erzählte Bernhard.

„Das ist etwas! Auf einem Brett, wo grade zur Not einer stehen kann!“ Hans mußte sich Luft machen. „In unserm kleinen Schiff haben sechs Personen Platz. Und in einem ordentlichen Steinschiff etwa dreißig. Und auf einem Dampfschiff — aber natürlich von einem Dampfschiff habt ihr in Larstetten keinen Begriff!“

Bernhard schwieg besiegt, und die Knaben trennten sich bald. Bernhard ging den Eschenweiher entlang bis zur Säge, die seinem Vetter gehörte. Man baute da die Scheune um, und das große Tor stand angelehnt an der Mauer. Bernhard kam ein Gedanke.

Er ging auf des Vetters Sohn zu, der da arbeitete.

„Du, Gustav, könnte ich nicht das Tor haben für heut nachmittag?“

„Was willst?“ rief Gustav, der meinte, nicht recht gehört zu haben.

„Das Tor.“

„Das Tor? Brauchst du nicht vielleicht noch das Rathausdach und den Kirchturm dazu?“

„Ich meine es im Ernst. Es ist nicht wegen mir, sondern wegen Larstetten —“

Und Bernhard erzählte von dem Gespräch vorhin und was er nun im Sinn habe.

„Ein Schiff soll unser Scheunentor in seinen alten Tagen noch werden —?“ sagte Gustav belustigt. „Ja, wenn die Ehre von Larstetten auf dem Spiel steht, so wird es halt sein müssen.“

„Was man nicht erlebt!“ sagten die zwei Arbeiter, die zugehört hatten. „Jetzt gibt’s aus unserer Säge einen Seehafen!“

Mit vereinten Kräften schafften die drei Männer das Scheunentor auf den Eschenweiher hinaus, nachdem man auf beiden Seiten noch zwei breite Bretter festgenagelt hatte. Denn je mehr Leute Platz hatten, desto besser war es für Larstetten.

Dann rannte Bernhard ins Städtchen hinauf, um Otto und Hans zu holen. Die beiden folgten neugierig. Die Mädchen schlossen sich auch an.

„Es ist natürlich kein Dampfschiff!“ sagte Bernhard, als man am Eschenweiher anlangte.

„Famos ist es! Prachtvoll!“ schrien Hans und Otto.

Alle sprangen auf das Scheunentor, das breit auf dem Wasser lag. Es schaukelte angenehm und machte kleine Wellen.

„In Larstetten schiffahren!“ rief Lotti entzückt.

„Gelt!“ sagte Otto. Er war fast so stolz wie Bernhard.

In der Mitte des Schiffes stand ein Schemel, und drei Stangen lagen bereit.

„Das ist nun unsere Fähre“, erklärte Hans, indem er eine der Stangen ergriff.

„Ja!“ rief Marianne. „Wir warten am Ufer und rufen« Hoiho! Hol über!» Dann kommt ihr, Hans!“

„Wir können auch große Leute hinüberfahren, wenn sie vom Stampfenweg kommen oder vom Städtchen herab. Die sind gewiß froh. Es ist eine ziemliche Abkürzung.“ Hans stemmte die Stange ein und lehnte sich über den Rand des Fahrzeugs hinaus.

„Gib acht, daß du nicht hineinfällst!“ warnte Bernhard.

„O“, machte Hans. „Das geht nicht so schnell!“ Er legte sich noch etwas weiter hinüber. „Den ganzen Sommer sind wir nicht ins Wasser gefallen, keins von uns.“

Er lenkte das Schiff in grader Linie über den Weiher. Die Mädchen standen in der Mitte und spähten zum Stampfenweg hinauf und zurück zum Eschensteig. Niemand wollte sich zeigen, den man hätte können die Annehmlichkeit der Fähre genießen lassen.

Endlich tauchte auf der Stampfenhöhe etwas wie eine Mütze auf.

„Dort kommt einer!“

„Es ist der Polizeidiener! Der Drehbaum!“

Die Mädchen sprangen hinaus.

„Herr Drehbaum, wollen Sie sich nicht hinüberfahren lassen zum Eschensteig?“ lud Marianne ein.

„Sie brauchen nicht machen das weite Umweg!“ rief Edith.

„Wir tun es umsonst!“ fügte Lotti hinzu.

„Aber ich tue es nicht umsonst“, sagte Drehbaum schlecht gelaunt. „Und für Geld auch nicht. Das fehlte mir grade. Überhaupt — wem gehört das Tor?“

„Dem Vetter in der Säge!“ schrie Bernhard. „Der Gustav hat’s uns selber auf den Weiher herausgetan.“

„Das war etwas Gescheites!“ brummte Drehbaum, indem er sich zum Wege zurückwandte und mißbilligend mit seinem Stocke fuchtelte. Im Weitergehen zankte er noch vor sich hin; man hörte etwas von Narreteien und von Verbieten.

Die Kinder sahen ihm nach.

„Sie sind keine besonders nette Polizmann!“ rief Edith.

Der Ärger verging indessen bald. Denn jetzt kam vom Städtchen her langsamen Schrittes mit dem Tragkorb auf dem Rücken die Botenfrau von Rollingen.

„Schnell, Hans! schnell —!“ Hans, Otto und Bernhard stachelten mit aller Kraft, um rasch das jenseitige Ufer zu erreichen.

Die Botenfrau blieb erstaunt stehen, als das Fahrzeug auf sie lossteuerte.

„Frau Enzenstein“, riefen alle sieben. „Warten Sie, warten Sie! wir fahren Sie hinüber! Sie können sogar sitzen!“

Die Botenfrau trat entsetzt zwei Schritte zurück.

„Ich da drauf —?“

„Es ist ganz fest; sehen Sie —“, ermunterte Lotti und sprang mit beiden Füßen auf und nieder.

„Nein, nein, aufs Wasser bringt man mich nicht, Kinder, nicht mit zehn Pferden! Ich hab das von meinem Großvater. Der hat einmal nach Amerika auswandern wollen, und wie er in Bremen sich das Wasser ansieht, auf dem er hätte hinüber sollen, fällt er hinein; man hat nie recht erfahren wie. Zwei Schiffleute haben ihn gerade noch am Fuß erwischt. Da hat er genug gehabt und ist wieder nach Larstetten zurück. Seither will keines von uns mit Wasser und Schiffahrt zu tun haben.“

Die Kinder sahen das ein und ließen die Botenfrau ziehen. Neben ihr aber hatte sich ein kleiner, etwa fünfjähriger Bub hingestellt, um sich das große Brett auf dem Weiher zu besehen.

„Wo mußt du hin, Eduard?“ fragte Otto.

„Nach Rollingen in die Mühle.“

„So, dann darfst du mit uns hinüberfahren zum Stampfenweg.“

Der Bub rührte sich nicht. Marianne sprang hinaus, um ihn zu holen.

„Nein!“ schrie er jetzt und rannte über die Wiese hinauf.

„Fang ihn, Marianne“, rief Hans, „und bring ihn! Wenn er auf dem Schiff ist, findet er es dann gewiß nett.“

Marianne faßte den kleinen Eduard. Aber der fing an so fürchterlich zu brüllen und sich zu wehren, daß sie ihn wieder losließ. Heulend entfloh er gegen das Städtchen.

„Wie man so dumm sein kann!“ sagte Hans und stieß das Schiff hinaus.

Da bewegte sich drüben hinter den Büschen des Stampfenweges wieder etwas.

„Ein Mann!“ Man hörte meckern. „Ein Mann mit vier Ziegen — und einem großem Hund!“

Diesmal kam die ganze Schiffsgesellschaft heran, umringte den Mann — es war Bieland, der manchmal im Doktorgarten arbeitete — und redete auf ihn ein, um ihm die Vorteile der Fähre klarzumachen.

Bieland schüttelte den Kopf.

„Sie tun doch nicht vielleicht dem Wasser fürchten wie der Familie von Frau Enzenstein?“ fragte Edith.

„Das nicht gerade. Aber mein besseres Gewand hab ich an, und euere Geschichte da kommt mir etwas wacklig vor. Nein, ich danke.“

„Aber die Ziegen doch? Die Ziegen? Wir möchten so schrecklich gern jemand hinüberführen!“ riefen die Buben und Mädchen.

Bieland überlegte und lachte.

„So nehmt sie! Sie können meinetwegen ja zur Abwechslung einmal eine Schiffahrt machen. Da — aber gebt acht!“

Mit Freudengeschrei bemächtigten die Kinder sich der Ziegen. Es war ein schweres Stück Arbeit, sie auf das Schiff zu bringen. Glücklicherweise hatte jede einen Strick um. Der Hund Zangger blieb bei seinem Herrn.

„Vier Ziegen! das ist doch etwa so viel wie zwei Menschen, gelt, Hans!“ rief Trudi und versuchte, eine der Ziegen an sich zu ziehen.

Die Tiere aber, besonders als das Schiff nun hinausgestoßen wurde, stolperten und drängten sich zusammen. Es gefiel ihnen gar nicht auf dem Wasser; sie hätten viel lieber den Weg um den Eschenweiher herum gemacht; aber es hatte sie niemand gefragt.

Mit sechs oder acht Stößen war das Schiff dem andern Ufer nahe. Hans sah nach einer guten Landungsstelle aus für die Ziegen. Derweil kam der Hund Zangger vom untern Ende des Weihers dahergerannt und stellte sich bellend ans Ufer. War es nun, daß ihn reute, nicht mitgefahren zu sein, oder meinte er, er müsse nach den Ziegen sehen, kurz, er tat einen Sprung und schoß auf das Schiff.

„Ui —!“ Das Schiff schwankte heftig. Die Ziegen fuhren erschreckt zurück und stießen Trudi um. Die andern Kinder wollten sie in die Höhe ziehen —

„Halt!“ schrie Hans. „Nicht — nicht alle auf eine Seite —“ Er verstummte; denn plötzlich schnappte das Schiff auf, und im Bogen flog Hans in den Weiher. Auf der andern Seite aber rutschte die ganze Gesellschaft in das Wasser, Ziegen und Hund, Buben und Mädchen in einem Knäuel.

„Wetter noch einmal! Was ist denn! —“ rief Bieland und eilte zur Stelle des Schiffbruches, von wo ihm ein schreckliches Geschrei, Gebell und Gemecker entgegentönte.

Der erste, der aus dem Wasser kroch, war Bernhard, triefend und schnaubend wie ein Walroß. Otto plätscherte mit seiner Stange herum, die er nicht losgelassen hatte. Edith und Marianne wurden, als sie sich auf die Füße geholfen, von neuem umgeworfen durch die Ziegen, die einfach über sie wegstrampelten. Hans war kopfüber ins Wasser gefallen; als er sich aufrichten wollte, hielt ihn Lotti am Ärmel fest, und er mußte sehen, wie er samt der zappelnden Schwester ans Land kam. Der Hund Zangger, der eigentlich schuld an allem war, gab sich die größte Mühe, den Schemel zu retten, als ob das die Hauptsache wäre. Zuletzt zog Bieland trotz seinem „besseren Gewand“ noch Trudi heraus, die hart am Ufer im Wasser saß und sich am Bein einer Ziege hielt; die Ziege und Trudi schrien, wie wenn sie am Spieß stäken.

Endlich waren alle sieben Kinder glücklich auf dem Lande. Das Wasser floß in Strömen an ihnen herunter.

„Heul doch nicht so gräßlich, Trudi!“ sagte Otto, als er so weit war, daß er wieder reden konnte.

„Ich-h-heule nicht“, weinte Trudi. „Aber ich frier-rrr-re.“ Sie schlotterte am ganzen Leib.

„Rrr —“ zitterten und schnatterten auch die andern. Es war nicht mehr Sommer; das Wasser war kalt gewesen, und es blies ein rauher Wind.

„Hört“, sagte Bieland, „das beste ist, ihr rennt heim, so schnell ihr nur könnt. Und ihr da —“ er wandte sich zu seinen Ziegen, die kläglich meckerten, „ihr lauft auch, damit ihr mir nicht den Husten bekommt.“

„Den Husten!“ lachte Lotti, so gut es ging neben dem Zähneklappern, und rannte mit den andern den Eschensteig hinauf. Eine lange Wasserstraße zog sich hinter ihnen durch das ganze Städtchen, und eine kleinere zweigte zum Pfarrhaus ab.

Entsetzt schlug die Tante die Hände zusammen, als die triefenden Kinder ankamen. Wenn sich nun eins erkältet hatte! Und die Kleider —! Sie wußte sich nicht anders zu helfen, als die ganze Mannschaft ins Bett zu schicken.

Erst waren die fünf etwas verdutzt, so unversehens am hellen Tag im Bett zu stecken. Aber dann ging bald durch die offene Tür eine lebhafte Unterhaltung an. Jedes schilderte, auf welche besondere Weise es hineingefallen und wieder herausgekommen war; dann gab man sich Rätsel auf, und als Tante Doktor nach einer Weile hereinkam, rief Otto:

„Mama, ist es zur Strafe oder nur zur Wärme, daß wir ins Bett mußten? Wir finden es nämlich furchtbar lustig!“

Lehrers Bernhard aber war nicht minder vergnügt. Er hatte für gut gefunden, sich zum Trocknen in die Säge zu begeben; seine Mutter verstand in solchen Sachen keinen Spaß. Er saß, während seine Kleider am Herd hingen, in der Küche der guten Base, eingehüllt in den Winterüberzieher des Vetters.

Da kam Gustav herein:

„Oha —!“

„Ja, wir sind hineingefallen, alle sieben. Und der Hans hat grade vorher erzählt, sie seien den ganzen Sommer nie in ihren See gefallen, in ihren großen. Und er hat gesagt, im Eschenweiher könne man nicht einmal recht naß werden. Aber du hättest sehen sollen, wie uns das Wasser übers Gesicht und die Haare gelaufen ist, dem Hans auch!“

„So? Mehr kann man nicht verlangen“, sagte der Vetter. „Dann hat also der Eschenweiher seine Sache recht gemacht, und die Ehre von Larstetten wäre gerettet.“

EINE KAFFEEGESELLSCHAFT

Ganz Larstetten bestand bloß aus der langen Hauptgasse und etwa acht oder zehn Nebengassen. Der einen Seite des Städtchens entlang lief eine alte graue Mauer; sie war zerfallen und mit Gras und Holunderbüschen bewachsen. An der Mauer stand ein Turm mit schwerem rotbraunem Dach. Er hieß der Rosenturm. Hier wohnte die Turmsette mit ihrem Raben Peter oben in einer großen Stube, an deren Fenster vier Kallastöcke mit weißen, tütenförmigen Blüten standen. Die Turmsette bügelte die feine Wäsche für die Leute. Hans, Marianne und Lotti stiegen mit den Doktorskindern oft zur Turmsette hinauf und zu dem Vogel Peter.

Der Vogel Peter gehörte zu der Art der Dohlen, war also ein kleiner, netter Rabe mit schwärzlichem Gefieder, schelmischen runden Augen und einem festen Schnabel. Sprechen konnte der Peter nicht. Man habe es ihm nicht gelehrt, wie er jung gewesen sei, erklärte die Turmsette. Er sagte bloß „Kräh!“ oder „Kräkräh!“ Die Turmsette und der Rabe verstanden sich aber doch sehr gut.

„Kräh!“ rief Peter begrüßend, als die fünf Kinder eintraten, und ging ihnen höflich entgegen.

Die Turmsette stand an ihrem Bügelbrett und gab eben einer blendend weißen Hemdenbrust den letzten Druck. Dann sah sie nach dem Feuer des kleinen Ofens, aus dem die rote Glut herausstrahlte. Der Rabe schlug aufgeregt mit den Flügeln und hüpfte ein paar Schritte zurück. Er war früher einmal mit dem Fuß auf eine brennende Kohle geraten.

„Kochen Sie jetzt zu Mittag?“ fragte Trudi die Turmsette. Bei der Bereitung des Essens zeigte sich Peter nämlich im vollen Lichte seiner Klugheit.

Grade begann es elf Uhr zu läuten. Peter eilte mit freudigem Gekrächz auf die Turmsette zu.

„Nun sagt er, es sei Zeit zum Kochen!“ riefen die Kinder. „Wie er gescheit ist —!“

In der Küche standen die geschnittenen Kartoffeln schon bereit. Peter stellte sich auf den Tisch und verfolgte mit Aufmerksamkeit, wie sie in die heiße Butter kamen und da zu zischen begannen. Dann aber, als sie allmählig gelb wurden, kam er mit einem schnellen Hupf zur Pfanne und erhaschte eine Kartoffelscheibe. Aber er verschluckte sie nicht, sondern flatterte damit zum offenen Fenster und legte sie neben das Schnittlauchglas. Dann kehrte er zurück, um ein neues Stück zu holen. Die Turmsette drohte mit dem Schäufelchen; aber Peter blinzelte mit seinen schelmischen Augen. Das hieß:

„Ach was! du meinst es doch nicht ernst!“

Auf dem Gesimse entstand eine Reihe von Kartoffelstücken. Und wie nun anzunehmen war, daß das erste erkaltet sei, machte sich der kluge Peter unter vergnügtem Krächzen daran, es zu verzehren.

Das war so possierlich, daß es sich wohl lohnte, gegen elf Uhr die fünf Treppen zur Turmsette hinaufzusteigen.

Ein wenig mußte man den Peter necken. Als er am dritten Stück war, nahm ihm Otto rasch das fünfte weg. Peter wendete sich mit einem Satze und wiegte den Kopf hin und her:

„Gibst du es wieder oder nicht —?“

Aber Otto steckte es in den Mund. Da wurde Peter sehr zornig. Er zankte: „Kräh, kräh!“ und ging mit dem Schnabel auf Otto los, der lachend in die Ofenecke flüchtete.

„Er wird doch auch mitkommen morgen?“ rief Lotti entzückt.

„Wohin?“ fragte die Turmsette.

„Ja, das hätten wir fast vergessen“, sagten die Kinder. „Wir sollen Sie einladen zu Frau Schnezler; sie gibt eine Kaffeegesellschaft.“

„Eine Kaffeegesellschaft?“

„Ja, morgen um drei Uhr. Und also der Peter auch! Auf Wiedersehen, Peter!“ Die Kinder stiegen polternd die Treppe hinunter.

Die Turmsette blieb kopfschüttelnd an der Türe stehen: Eine Kaffeegesellschaft —? Was fällt ihr denn ein!

Es war auch der Frau Schnezler gar nicht eingefallen. Diese Kaffeegesellschaft war das Werk der übermütigen Edith.

Frau Schnezler wohnte in einem netten kleinen Hause am andern Ende des Städtchens und nähte Weißzeug. Edith hatte zweimal in der Woche bei ihr Unterricht; denn im Handarbeiten war es bei dem Mädchen jämmerlich bestellt, sagte Frau Pfarrer. Wenn Edith bei Frau Schnezler saß und sich in Saum- und Steppstichen übte, so plauderte sie gern.

„Es ist zu viel still in Ihren Stube, Frau Schnezler“, sagte sie eines Nachmittags. „Sie müssen haben eine Hund oder Katze.“

„Nimm den Faden nicht so lang!“ mahnte Frau Schnezler. „Behüte, nein, so ein Tier, das immer fressen will und meine Sachen herunterwirft.“

„Oder Sie können geben einigen Mal Gesellschaft“, schlug Edith vor. „Sie müssen einladen die Turmsette mit ihres fröhliche Vogel oder die Kinder von Doktorhaus.“

„Was denkst du! Das ist etwas für reiche Leute, nicht für mich!“

„Ich glauben, Sie gar nicht sind arm, Frau Schnezler. Sie haben eine hübsche Sofa und viele Tassen in Ihre Schrank und zwei Zuckerbüchs. Damit Sie können sehr gut geben eine Gesellschaft. Sie nur müssen kochen Kaffee und holen viel Kuchen.“

„Laß jetzt die Geschichten und gib acht auf deinen Saum!“ sagte Frau Schnezler. „Nein, was sind das für Stiche — greulich!“ Sie nahm Edith die Arbeit aus der Hand und begann aufzutrennen.

Edith aber setzte sich in den Kopf, Frau Schnezler solle einmal eine Kaffeegesellschaft geben. Man mußte ihr nur die Leute einladen; dann würde sie schon sehen, wie nett das sei. So bestellte sie denn die Turnach- und Doktorskinder auf Dienstag zu Frau Schnezler und trug ihnen auf, auch die Turmsette einzuladen. Tante Doktor wunderte sich über die Einladung; aber die Kinder waren sehr dafür, sie anzunehmen. Bei einer Kaffeegesellschaft gab es doch immer etwas Gutes, und dann kamen der Peter und die Edith.

Punkt drei Uhr läuteten die Kinder bei Frau Schnezler an.

„Ei“, sagte diese, „was kommt denn da für Besuch? Habt ihr die Schuhe abgestreift?“

„Einen freundlichen Gruß von Mama“, sagte Otto, „und sie sei so frei und schicke uns.“

„Schön“, versetzte Frau Schnezler. „Man putzt wohl bei euch heut und kann euch drum nicht brauchen?“

„Nein“, antwortete Trudi. „Wir putzen erst nächste Woche.“

„Nun, setzt euch jedenfalls ein wenig!“ sagte Frau Schnezler und rückte Stühle zurecht.

Die Kinder fanden die Rede sonderbar, wo sie doch zum Kaffee eingeladen waren. Sie setzten sich und sahen einander an. Da überkam sie auf einmal, ohne daß sie recht wußten, warum, ein Lachen. Bei Trudi und Lotti begann es. Sie zogen die Achseln herauf und drehten sich gegen die Wand. Aber je mehr sie sich wehrten, desto stärker kam das Lachen. Natürlich wurden die andern angesteckt. Es war schrecklich. Man konnte gar nicht mehr aufsehen. Hans und Otto drückten die Faust an den Mund; doch das half nichts; immer wieder ging es los: „Dh — dh —!“ Marianne wurde rot vor Anstrengung, und es wäre ihr fast gelungen, aufzuhören, wenn nicht Lotti gegenüber solche Grimassen gemacht hätte.

Frau Schnezler nahm einen Stoß fertig genähter Bettanzüge vom Tisch.

„Ja, ja“, sagte sie. „Wenn man jung ist und es einem gut geht, kann man wohl lachen.“

„Dhi — dhi —“ kicherte es wieder von links und rechts.

„Übrigens weiß ich nicht, was euch hier so lächerlich dünkt“, fuhr Frau Schnezler fort.

Die Kinder merkten, daß sie das Lachen nicht sehr nett fand. Aber was konnte man tun? Es wurde immer ärger.

Endlich kam Rettung. Es läutete wieder, und die Turmsette trat herein.

„Guten Nachmittag, Sette“, sagte Frau Schnezler erstaunt. „Sieht man dich auch wieder einmal?“

Die Turmsette hatte am Arm eine Tasche, aus welcher Peter seinen Schnabel herausstreckte.

„Wenn du erlaubst — ich habe den mitgebracht“, sagte sie und zog den Vogel aus der Tasche.

Die Kinder liefen alle fünf auf den Peter zu. Jetzt konnte man endlich loslachen! Sie nahmen den Vogel zum Fenster und trieben, während die beiden Frauen auf dem Sofa zu plaudern anfingen, ihre Späße mit ihm. Sie setzten ihm das rote Türkenkäppchen von Frau Schnezlers Lampenzylinder auf und banden es fest. Peter schüttelte den Kopf, so daß die Trottel hin- und herflog. Sie zeigten ihm einen Fingerhut — Peter liebte alles Glänzende — und versteckten diesen dann, damit der Vogel suche.

So vergaßen sie fast, daß sie zum Kaffee eingeladen waren. Nur einmal sagte Otto, indem er mit der Nase schnupperte:

„Ich will sehen, wann es eigentlich angeht. Man riecht gar nichts.“

Die Turmsette schien dasselbe zu denken. Sie sah an die Wanduhr:

„Schon zwanzig Minuten vor vier Uhr!“

„Ja, eher etwas mehr“, sagte Frau Schnezler und dachte, die Turmsette gehe nun wieder und nehme die Kinder vielleicht mit.

„Es ist nur wegen dem Kaffee“, fuhr die Turmsette fort. „Ich kann ja mit in die Küche gehen und dir ein wenig helfen.“

Frau Schnezler sah sie verwundert an.

„Mein Kaffee? Der ist nachher schnell gemacht.“

„Schnell gemacht? Ein Kaffee und was dazu gehört für sieben Personen? Das ist keine Kleinigkeit. Ich war wirklich erstaunt über die Einladung. Respekt vor dir!“

Frau Schnezler sah ganz verständnislos drein.

„Was sagst du, Sette —? Ich eine Einladung? Eine Kaffeegesellschaft?“

„Treib jetzt keine Späße, sondern mach vorwärts! Die Kinder möchten gewiß schon lange gern etwas haben.“

Frau Schnezler sank entsetzt in ihr Sofa zurück.

„Du wirst doch nicht sagen wollen, ich habe dich — ich habe die Kinder eingeladen —!“

Nun wurde die Turmsette böse.

„Kommt daher, Otto und ihr andern — sind wir zu Frau Schnezler eingeladen oder nicht —?“

„Ja“, meldete Otto, „auf heute punkt drei Uhr zum Kaffee, hat Edith gesagt.“

„Edith —? diese Edith —? Es — es ist kein Wort wahr — kein Wort! Das ist ja ein gräßliches Kind —“

Vor Empörung konnte Frau Schnezler nicht weiter sprechen. Die Turmsette und die Kinder waren ebenfalls starr und stumm. Nur der Rabe Peter sagte: „Kräh!“ aber weiter wußte er auch nichts.

Da läutete die Hausglocke.

„Vielleicht noch ein paar Kaffeegäste?“ sagte Frau Schnezler grimmig.

Als sie jedoch aufmachte, erblickte man den Albert vom Obertorbäcker mit einem Brett, auf dem ein gewaltiger goldbrauner Butterkranz lag. Die Butterkränze vom Obertorbäcker waren berühmt. Am Arm trug Albert einen Korb voll weißgezuckerter Rosinen- und Mandelstengel. Im Nu war Frau Schnezlers Gang und Stube von dem herrlichen Duft durchzogen, den Otto vorhin vermißt hatte.

Frau Schnezler aber streckte abwehrend die Hand aus.

„Was willst denn du? Du bist nicht am rechten Ort. Ich habe keinen Butterkranz bestellt — behüte!“

„O weh!“ dachten die Kinder. „Den schönen Butterkranz und die Stengel wieder fortschicken —!“

„Der Vater hat gesagt, das gehöre zur Frau Schnezler“, entgegnete Albert und blieb hartnäckig stehen.

„Ja, ja, dieses Knabe ist an den rechte Ort!“ rief jetzt eine helle Stimme, und durch die offene Haustüre trat Edith herein.

„So, da kommt sie noch selber, das unartige, naseweise Kind!“ sagte Frau Schnezler. „Wart nur, das will ich deiner Tante erzählen —! Einer rechtschaffenen Frau so etwas anzustellen —!“

„Nicht bös sein, Frau Schnezler! Jetzt der Anfang von Gesellschaft ist gemacht. Alle sind da, Frau Turmsette und die Kinder und das Vogel —“

Aber Frau Schnezler schüttelte mit der Hand.

„Mach daß du gehst! Ich will dich gar nicht mehr sehen! Und die Kinder können grade mit. Und du, Sette, wirst ja wohl so viel Vernunft haben —“

„Hör“, sagte die Turmsette. „Es wäre am besten, du nähmest selber Vernunft an. Der Butterkranz und die Stengel sind jetzt einmal da — ich weiß zwar nicht, wie sie herkamen —“

„Habe ich bestellt und bezahlt von meines neue Taschengeld“, erklärte Edith.

„Siehst du“, nahm Sette wieder das Wort, „nun wird es dir schon wohler. Komm, wir werden doch einen Kaffee zu stand bringen. Die Kinder helfen.“

„Ja, ja, wir helfen!“ riefen die Kinder.

Frau Schnezler sagte nichts. Ihr Zorn hatte sich noch nicht ganz gelegt; aber sie folgte der Turmsette in die Küche.

„Zucker und Kaffee hast du gewiß“, fuhr die Turmsette fort. „Die Milch übernehme ich, damit ich auch meinen Teil habe an dieser merkwürdigen Gesellschaft. Trudi und Edith geht hinüber in den Hirschen. Dort haben sie immer Milch.“

Trudi und Edith liefen mit zwei großen Töpfen. Hans und Otto mahlten Kaffee, daß die Bohnen flogen. Marianne deckte mit Lotti den Tisch. Es ging, wie wenn die Heinzelmännchen lebendig geworden wären im Haus, und nach kurzer Zeit saß Groß und Klein beim Kaffee. Der Rabe Peter thronte auf Turmsettes Schulter; er bekam von links und rechts Kuchenbrocken und krähte vergnügt mit, wenn die Kinder, die durch die Verwirrung noch übermütiger geworden, lachten und durcheinander schwatzten.

„Jetzt machen wir Spiele!“ rief Lotti, nachdem alle dem Kaffee, dem Butterkranz und den Stengeln gehörig zugesprochen hatten.

„Ja, Kinder! und wir sehen zu“, sagte die Turmsette.

Aber bald wurden die beiden Frauen mit hineingezogen; denn es stellte sich heraus, daß die Spiele der Kinder dieselben waren, die man schon vor vierzig Jahren in Larstetten gespielt hatte: Das Tellerspiel, das Kompliment- und das Handwerkerspiel; dann „Wie gefällt dir dein Nachbar?“ und „Alle Apothekerbüchsen rühren sich!“ Es ging sehr laut und lustig zu in Frau Schnezlers sonst so stiller Stube. Der Rabe, der zuerst munter um den rollenden Teller und zwischen den Komplimenten der Kinder herumgehüpft war, flüchtete auf die Kommode und sah erstaunt auf das Treiben hinunter.

Als schöner Schluß kam noch das Nachtwächterspiel. Alle setzten sich auf die in eine Reihe gestellten Stühle; die Lampe wurde ausgelöscht, und Hans ging mit einer Kappe des verstorbenen Herrn Schnezler, einem Laternchen und einem Stock ringsum, indem er mit lauter Stimme verkündete:

„ Seht die Nachtwach kommt heran

Mit einem langen Stocke.

Haltet fest und haltet fest,

Haltet fest am Rocke!“

Die Person, vor der er dreimal mit dem Stocke klopfte, mußte hinter ihm herziehen durch den Hausgang oder die Küche. Es war sehr spannend, wenn der Nachtwächter alsbald wieder erschien, um eines zu holen. Je mehr der Schwanz wuchs, desto größer wurde die Wanderung. Es ging zum Dachboden hinauf und durch das nächtliche Gärtchen, und schließlich, als die ganze Gesellschaft anhing, hinaus in die Seilergasse.

„Kinder, Kinder“, wehrte die Turmsette. „Das geht nicht. Was werden sie im Städtchen sagen!“

„Nicht loslassen!“ riefen aber die Kinder. „Bitte, nur durch die Seilergasse! Das ist grad das Netteste!“

Sie trieben und zogen und fuhren im Chore fort:

„ Haltet fest und haltet fest,

Haltet fest am Rocke!“

„Wie das doch in letzter Zeit bei uns zugeht!“ sagten die Nachbarn, als die Nachtwache beim Schein des Laternchens daherkam. „Kürzlich der Zusammenlauf an dem Lebkuchenstand, dann bei Doktors das Theater, und die Geschichte mit dem Scheunentor auf dem Eschenweiher. Und jetzt noch ein Umzug — nein, die Turmsette —! Seid ihr beide nicht bei Trost?“

„Doch, doch! wir machen ein Spiel. Die Frau Schnezler hat eine Einladung gegeben.“

„Potz!“ sagten die Nachbarn.

Wieder vor dem Hause angelangt, trennte man sich. Die übermütige Edith schüttelte ihrer Nählehrerin die Hand.

„Nun Sie sehen, Frau Schnezler, daß ich habe gesagt wahr, Kaffeegesellschaft ist eine sehr hübsche Sache!“

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
230 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788726583847
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar