Kitabı oku: «Die zerbrochenen Flöten»
Zum Andenken an Reginald Danielewski,
meinen geliebten Vater,
der mich beim Schreiben begleitet hat.
Die zerbrochenen Flöten
Jadefisch und Motecuzoma
Historischer Roman
von
Ida Spix

Impressum
Die zerbrochenen Flöten, Ida Spix
TraumFänger Verlag Hohenthann, 2021
1. Auflage eBook Januar 2022
eBook ISBN 978-3-948878-13-9
Lektorat: Michael Krämer
Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag
Datenkonvertierung: Bookwire
Titelbild: Benjamín Orozco
Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG, Hohenthann
Inhalt
Die Erwählung
Die Höhle des Toltekenkönigs
Maisblüte
Die Entführung
Das Jadeherz
Die Zeit des hundeköpfigen Gottes
Die Stadt der Grünfederschlange
Die dreizehn Unglückstage des Windes
Das blaue und das gelbe Wasser
Die Ankunft des Gesandten
Glänzender Adler
Das Ultimatum
Toxcatl
Personen, Orte, Begriffe
Personae-dramatis
Atlixca: Feldherr von Motecuzoma. Titel: Herr-Des-Richterhauses
Baumleguan: Cihuacoatl und Stellvertreter von Motecuzoma
Cacama: Herrscher von Tetzcoco
„Cihuacoatl“: Weibliche-Schlange, Stellvertreter des Herrschers, der die Erdgöttin verkörperte – Baumleguan
Cortés, Hernán: Konquistador, Anführer des spanischen Invasionsheers
Cuitlahua: Bruder von Motecuzoma und Herrscher der Stadt Iztapalapan
Eins-Affe: Liedmeister im Tempel des Tezcatlipoca
Erdsonne: Jadefischs Mutter
Goldfasan: junger Krieger aus Jadefischs Gefolge
Ixiptla: Abbild, Jadefischs Titel
Jadefisch: Sohn von Nachtjaguar und Abbild des Tezcatlipoca
Maisblüte: Tochter von Motecuzoma und Jadefischs Geliebte
Malin-tzin: Übersetzerin von Cortés
Motecuzoma: Der Wie-Ein-Herr-Zürnt. Herrscher in Mexico-Tenochtitlan und wichtigster Herrscher des aztekischen Bundes
Nachtjaguar: Jadefischs Vater, Herrscher eines Teils von Cholollan
Opossum: Herr-Des-Schwarzen-Hauses, Ratgeber des Herrschers
Quetzalcoatl: Grünfederschlange, einer der Schöpfergötter, Titel der beiden Hohepriester
Quetzalmatte: zweite Hauptgemahlin von Motecuzoma, Maisblütes Mutter
Reiherfeder: Nebenfrau von Motecuzoma, Schwester von Cacama
Sechs-Tod Feuerpfeil: Halbbruder von Jadefisch
Sternfinder: der Priester-Weise im Tempel des Tezcatlipoca (↓)
Tepehua: Motecuzomas Bruder und Feldherr. Titel: Herr-Des-Speerhauses
Tezcatlipoca: Rauchender Spiegel, einer der Schöpfergötter
Tlacotl: Speerschaft, um übertragenen Sinn auch so viel wie Tapferer Krieger, rechte Hand des Herrn-Des-Schwarzen-Hauses und dessen Amtsnachfolger
Totecuiyo: Unser Herr, Anrede des Herrschers
Vanilleblume: Ixtlilxochitl, Bruder und Rivale von Cacama
Erstes Kapitel
Die Erwählung
1
Die Musik erhob sich wie ein Vogel. Mit schrillem Ruf, leicht federnd, sprang sie ab und zog dann kraftvoll immer höher. Als sie genügend Raum gewonnen hatte, hielt sie inne. Sie trug sich selbst, sie schwebte schwerelos. Dann stieg sie wieder. Sie begann zu oszillieren. Sie stieg, sie ließ sich fallen, stieg und fiel und fing sich wieder und drängte doch unbeirrt weiter empor, hin zu dem einen Ton aus Schatten und Licht, der wie kein anderer die Gegenwart des willkürlichen Gottes Tezcatlipoca, Rauchender Spiegel, verkündet. Jadefisch ließ die Finger auf der Blumenflöte tanzen. Mühelos umkreiste er den Ton, die dunkle Mitte, wo der Gott Tezcatlipoca wohnte. Eins-Affe sah die runde, modellierte Blüte wippen, das schmale Rohr, auf dem sie saß, und dachte an den süßen Duft der weißen Winde, der berauschte und betörte, und an die dunklen, runden Samen, durch die der Mensch zu der Gottheit gelangte. Das war der Augenblick! Der Ton erklang. Eins-Affe schloss die Augen. ‚O Nacht, die eine neue Sonne hütet, in Demut nehmen wir unser Schicksal entgegen. Vernichte uns nicht!‘
Beinahe schmerzhaft vibrierte ihm dieser Ton im Bauch; endlich, endlich verschob er sich ins Helle. ‚Licht, Erneuerung!‘, dachte Eins-Affe. Er vernahm Flügelschlagen, und unter seinen Augenlidern zeichnete sich ein makelloser, bläulich schimmernder Reiher ab: Der Gott war ihm in Tiergestalt erschienen. Die Flöte sang jetzt noch höher, das dunkle Motiv wie am Himmel spiegelnd. Dann, plötzlich, stürzte sie ab. Die Spannung löste sich in einer Kadenz falscher Töne. Der blaue Reiher floh.
Eins-Affe öffnete enttäuscht die Augen. Warum konnte sein begabtester Schüler das Blumenlied des Gottes Tezcatlipoca nicht fehlerlos spielen?
Die übrigen neun Schüler, die mit gekreuzten Füßen vor ihm saßen, taten unbeteiligt. Hinter ihnen stand der alte Priester-Weise, der Eins-Affe unterstützte. Während Eins-Affe ihnen die Melodien und die Technik des Flötenspiels beibrachte, kümmerte Sternfinder sich um ihre geistige Führung. Gleich würde er Jadefisch mit dem Agavendorn stechen, um dessen Fleisch zu lehren, was sein Verstand anscheinend nicht begriff.
Doch dies geschah nicht. Sternfinder ließ den Stachel sinken und ging in die Hocke, um die Geste des Erdessens zu vollziehen. Dafür legte er zwei Finger seiner rechten Hand erst auf den Boden, dann auf die Lippen. Eins-Affe machte es ihm unwillkürlich nach, obgleich er noch nicht sehen konnte, wen Sternfinder da grüßte. Auch die Schüler rollten kopfüber.
Nur der ungeschickte Spieler blieb stehen. Beschämt und wütend auf sich selbst bohrte er die Blicke in den Boden.
Schritte näherten sich von der Seite. „Der Große Sprecher“, „unser geliebter Herrscher …“, raunte es im Saal.
Jadefischs Schläfen pochten: ‚Mo-tecu-zo-ma, Der-Wie-Ein-Herr-Zürnt‘!
Der König auf dem Jaguarthron in der Metropole Mexiko-Tenochtitlan! Der das aztekische Bündnis anführte, mit dessen Hilfe er nun schon fast die ganze Welt beherrschte. Cemanahuac, die Welt im Ring des Wassers, erstreckte sich vom Seenland im Ring der Berge bis an die Meere im Osten und Westen. Tief im Süden und Südosten verloren sich die Wege in geheimnisvollen Regenwäldern, wo die Mayavölker wohnten, im Norden schließlich grenzte sie an dürre, karge Steppen, über die allein der Wind und wilde Jäger streiften. Und über das gewaltige Gebiet dazwischen gebot Motecuzoma! Nur wenige wagten es, ihm zu trotzen. Und dieser Mann war höchstpersönlich im Haus der Blasinstrumente erschienen. Er war gekommen, um den besten Flötenspieler zu bestimmen, jenen, der durch ein ganzes Sonnenjahr hindurch den Gott Tezcatlipoca verkörpern durfte. Bald jährte sich Sein Festtag, da Er sterben und sich durch den Tod erneuern würde. Ein Abbild würde ausgerufen werden, damit der wiedergeborene Gott erkennbar unter den Menschen weilte. Es würde Seine Blumenflöte spielen, geliebt, gefeiert und verehrt, um schließlich als Tezcatlipoca selbst zu sterben und in das Haus der Sonne zu gehen.
Der Herrscher hatte, ohne sein Gefolge, hinter einem der bemalten Pfeiler des Wandelganges zwischen Haus und Innenhof gelauscht. Die ungeheuerliche Zerstörung des anfänglich so gut gespielten Liedes berührte ihn wie ein Sakrileg. Drohend kam er aus der Deckung. Dem unglücklichen Jadefisch setzte der Herzschlag aus. Sein Gehirn wurde so leer wie eine Schale, aus der das Wasser gelaufen ist. Die Flöte glitt ihm aus der Hand, und als sie auf den Boden fiel, gab sie einen letzten, unpassenden Ton ab.
„So willst du unsern Gott erfreuen?” In Motecuzomas Stimme kämpften Zorn und Spott.
Jadefisch schwieg. Musste er ausgerechnet dem Großen Sprecher missfallen? Dieser ahndete selbst kleine Fehler unerbittlich. Jadefisch schoss durch den Kopf, was man sich über Motecuzoma erzählte: ‚Sein Leben hat verwirkt, wer seinen Zorn erregt, wer seine Pflicht verletzt, wer ihm nicht ehrerbietig dient, wer seinen Blick zu ihm erhebt.‘ Und Jadefisch hatte nicht nur seine Ohren beleidigt. Anstatt ihn mit dem Gruß des Erdessens zu ehren, stand er noch immer wie erstarrt.
Der Herrscher fixierte ihn. Da wusste Jadefisch plötzlich, was er sich schuldig war. Er hob das Haupt, um dem Unheil zu begegnen. Motecuzomas hagere Gestalt ragte vor ihm auf wie eine Opferfahne. Beinahe hätte er sich noch beirren lassen, als er die blaugrüne Tilma sah: Einzig der Große Sprecher trug einen Umhang in der Farbe des Lebens! Dann das Türkisdiadem mit der Dreiecksspitze! Aber Jadefisch hielt stand. Seine Tage waren ohnehin gezählt. Wie jeder seiner neun Gefährten hier war er nur ein Mensch, der sterben musste, ein Opfersklave, dessen Herz ein Gott erheischte, wenn nicht erst morgen, dann schon heute.
Motecuzoma atmete tief, Zorn blähte ihm die Nasenflügel: Ein Großer Sprecher spiegelte sich in den Pupillen eines andern! Ein Opfersklave, den man auf dem Schlachtfeld gefangen hatte, der Sohn eines Feindes, starrte ihn an! Er hatte Mühe, sich zu beherrschen. Auf keinen Fall durfte er das Gesicht verlieren. Was sollte er tun? Unwillkürlich glitt sein Blick zum Priester-Weisen. Sternfinder war ein Wissender, der die verborgenen Dinge erforschte, ein ernsthaft Suchender, der jede Mühe auf sich nahm. Dafür zuerst und dann natürlich auch für ein entsagungsreiches Leben nach den Tempelregeln hatte ihm Tezcatlipoca einen klaren, beweglichen Geist und ein vollkommenes Herz verliehen; es hieß von ihm, er gliche einer Fackel ohne Rauch. Motecuzoma suchte gerne Rat bei ihm. Schon normalisierte sich sein Atem, nur die Daunenfeder an seinem Nasenschmuck zitterte noch.
Sternfinder ließ die Blicke auf dem Sklaven ruhen.
Auch Motecuzoma sah den Sklaven wieder an, der in einem schlichten Lendenschurz aus Agavefasern barfuß, aber immer noch erhobenen Hauptes vor ihm stand. Wer war er, dass er das wagte? Für einen kurzen, seltsamen Moment durchforschte der Herrscher die Augen seines Gegenübers. Die Iris glich poliertem Bernstein, in den der filigrane Flügel eines Falters eingeschlossen war. Dort war keine Auflehnung zu finden, eher ungläubige Überraschung und … Neugier.
Die Augen allein auf den Sklaven gerichtet, stand der Priester-Weise auf, führte sich zwei Finger an die Lippen, um schließlich, mit derselben Hand, einen Bogen bis zum Kopf des Sklaven zu beschreiben. Motecuzoma verstand. Wer würde es wagen, den Großen Sprecher anzuschauen, wenn nicht jener, den die Gottheit erwählt hatte? Ihn und keinen anderen hatte Tezcatlipoca zu Seinem Abbild bestimmt. Darum deutete Motecuzoma nun seinerseits die Geste des Erdessens an, vor dem Gott, der in dem Opfersklaven leben würde.
Jadefisch glaubte zu träumen. Der Große Sprecher erhöhte ihn? Oder verhöhnte er ihn womöglich? Vergebens bemühte sich Jadefisch, in seinen Augen zu lesen. Die glänzten dunkel wie Obsidian und gaben keine Gefühle preis. Sein Antlitz blieb glatt wie ein Spiegel. Darin eine Raubvogelnase mit einem kristallenen Stäbchen sowie ein schmaler Mund mit goldenem Plättchen an der Unterlippe. An seinem Kinn ein dünner, schwarzer Bart, den nur ein Herrscher tragen durfte.
In diesem Augenblick berührte der Priester-Weise Jadefisch mit dem Agavendorn. In Jadefisch kam Bewegung: Er gab den Gruß des Herrschers zurück. Die Ordnung der Dinge war wiederhergestellt. Motecuzoma besann sich, dass das künftige Abbild des Tezcatlipoca noch der Schüler des Liedmeisters Eins-Affe war.
„Wie heißt du vollständig?“
„Zwölf-Bewegung Jadefisch.“
In seinem Rücken flüsterte es: „Totecuiyo.“
Das hieß ‚Unser Herr‘ und war eine der Anreden der Ehrerbietung, die man dem Herrscher zollte. „Totecuiyo“, wiederholte Jadefisch.
„In welchem Jahr schickten die Götter dich auf die Welt?“
„Im Jahr Fünf Haus, vor 21 Jahren, Totecuiyo.“
„Wohin schickten sie dich?“
„Nach Cholollan.“
„Die Stadt der Grünfederschlange. Wer ist dein Vater?“
„Der verehrte Herr Nachtjaguar.“
„Einer eurer sechs Gebieter. Und deine Mutter?“
„Die verehrte Frau Erdsonne, die Tochter des Hüters-Der-Erde.“
„Eines eurer beiden Hohenpriester. Ist sie die Hauptgemahlin deines Vaters?“
„Sie ist seine Erste Hauptgemahlin.“
„Mögest du dich ihrer beider als Abbild des Tezcatlipoca würdig erweisen!“ Damit drehte Motecuzoma sich um und verließ das Haus der Blasinstrumente.
Jadefisch fühlte sich benommen. Er hob die Flöte auf und wischte sie mit den Händen ab, die Befehle des Liedmeisters erwartend. Aber da kam nichts. Eins-Affe wirkte ein wenig entrückt, er strahlte wie der volle Mond. Der Priester-Weise legte Jadefisch die Hand auf die Schulter:
„Du kennst nun die Macht von Tezcatlipoca. Mache dich leer, damit der Gott in dich eintreten kann. Dann wirst du Ruhm erlangen, mehr Ruhm als deine Brüder, die auf dem Schlachtfeld für die Götter starben. Du wirst Gott selbst sein. Durch dich wird sich unser Herr erneuern.“
In den folgenden Tagen trieb Jadefisch wie ein Boot auf einem aufgewühlten Fluss, umhergeworfen von den Wellen der Gefühle, bald oben auf dem Kamm, in dem Geglitzer des grünen Wassers und des Sonnenlichts, bald unten vor den Mündern schwarzer Strudel, die sich gierig öffneten, wenn über ihm die Gischt zusammenschlug: der Ruhm und sein Preis.
Jadefisch hatte es inzwischen begriffen: Er sollte das neue Abbild sein! Er frohlockte – Ruhm und Ehre, Pracht und Glanz und – fiel dann wie der Ton, den er nicht hatte halten können, aus der Höhe: Tod! Tod hieß das Ende seines Jahres. Das Herz, ausgerissen! Der Kopf, an den Schläfen durchbohrt und auf ein rundes Holz gezogen, gereiht in die Schädelwand vor dem Tempel. Er konnte nur noch daran denken. Scham befiel ihn, denn wenn dies so blieb, dann würde er das Blumenlied nie richtig spielen.
Doch das musste er, er hatte keine Wahl. Ihm war der Tod bestimmt, seitdem er in Gefangenschaft geraten war, diesem Schicksal konnte er sich nicht einmal durch die Flucht entziehen. Jeder Gefangene aus der Adelsschicht gehörte den Göttern. Wohin Jadefisch auch ginge, und wäre es zurück in seine Heimatstadt, würde er sein Leben dennoch auf dem Opferstein verlieren. Warum also hatte er ein Herz, das sich nicht fügte? Warum, bei all der Mühe, die er sich gab, verspielte er sich?
Zum Glück für ihn gab es nicht nur die Flöte. Eins-Affe und der Priester-Weise führten ihn behutsam in die Rolle eines Gottesabbildes ein. Jadefisch übte die Tänze des Tezcatlipoca, er lernte lange Tabakspfeifen zu rauchen, gelbe Blumensträuße in der Luft zu schwenken, und währenddessen malte er sich sein künftiges Leben als Gottesabbild aus. Die aztekische Metropole erwartete ihn! Auf ihrer Insel im Schilf, in den Binsen, im mittleren der flachen Seen des Hochtals von Mexiko mit seinen Wäldern, Feldern und Gärten, erhob sie sich, bewundert und gefürchtet, so weit der Wind die Kunde von ihr trug, und Jadefisch würde sie sehen! Würde nach Lust und Laune die Straßen entlang der Kanäle durchstreifen. Menschen würde er begegnen, die weder Priester noch Wächter waren, die ihrem Tagewerk nachgingen. Mädchen, die sich in den Hüften wiegten, wenn sie, mit bunten Bändern im Haar und den noch leeren Körben auf dem Rücken, früh zum Marktplatz zogen, lachend, taufrisch.
„Du präsentierst dich wie ein Kolibri, der eine Blüte voll Nektar umschwirrt!“, rügte der Priester-Weise. Jadefisch schluckte. Er hatte der keusche Jüngling zu sein. Erst am Ende seines Jahres würde er Liebesfreuden genießen.
Wenigstens musste er nicht auch noch fasten wie ein Priester, tröstete sich Jadefisch. Immerhin erhielt er bisweilen scharf gewürzten, roten Kakao mit Honig und Vanille und durfte den süßen Saft, der sich im Herzen der Agave sammelt, trinken.
Auch den vergorenen, den säuerlichen, der verboten war? Wäre nicht der Flötenunterricht gewesen, Jadefisch wäre noch gänzlich in das Luftreich der Träume entschwebt. Aber die Blumenflöte schien, so klein sie war, so himmelhoch sie sang, die alte Erde anzuziehen. Dann taumelten die Töne, suchten, wie an den Abgrund gedrängt, ihr Gleichgewicht zu erhalten. Sie stürzten, sie zerschellten. Immer an derselben Stelle. Eins-Affe nannte sie den magischen Ort der Verwandlung, den dunkel-hellen Ton des Übergangs von Nacht zu Tag, von Tod zu Leben. Wenn Jadefisch ihn spielte und Eins-Affe selbstvergessen die Augen schloss, erfasste ihn Jubel: Er gefiel Tezcatlipoca! Der Gott verlieh ihm mittels der Musik Zaubermacht über die Menschen. Doch auf dem Gipfel des Triumphes krampfte sich sein Herz zusammen, und er verspielte sich. Der von Eins-Affe ersehnte Ton, er war der Tod, nichts als der Tod, den man ihm auferlegte. Der Ton fiel und fiel in den Abgrund hinein, ging ganz und gar zuschanden. Unweigerlich öffnete Eins-Affe dann enttäuscht die Augen, stach der Priester-Weise Jadefisch mit dem Agavendorn.
Jadefisch musste sich mehr bemühen. Es war undenkbar, dass er versagte. Dass er sich selbst, sein Elternhaus und seine Heimatstadt verächtlich machte.
Er hatte nicht mehr sehr viel Zeit. Schon war man im Monat des Großen Wachens. Dann brachen die zwanzig Tage von Toxcatl, dem Dürre-Monat, an, in dem man allerorten das Fest des Tezcatlipoca beging; bis dahin musste Jadefisch das Blumenlied beherrschen.
Draußen ging das amtierende Abbild des Tezcatlipoca mit seiner Blumenflöte einher. Manchmal hörte Jadefisch die durch vieles Üben vertraute Melodie. Er lauschte dann auf jedes Detail: die Dauer eines Tons, Vibrato, Tempo, Stimmung.
Einmal betrat jener andere den Raum. Während Eins-Affe und der Priester-Weise sich vor ihm verneigten, beobachtete Jadefisch ihn aus den Augenwinkeln. Der andere, der das bemerkte, setzte die Flöte ab. Jadefisch senkte die Lider und wiederholte den Gruß des Erdessens wie vor dem Großen Sprecher. Der andere kam näher. „Du also bist der Auserwählte, der mir nachfolgen wird. Nenne mir deinen Namen!”
„Jadefisch, Ehrwürdiger”, antwortete dieser. „Darf ich den deinen wissen?”
Das schwarz bemalte Antlitz vor ihm wurde undurchdringlich und hoheitsvoll. „Als Mensch trug ich den Namen eines Kriegers aus Tlaxcallan. Jetzt bin ich das Abbild des Tezcatlipoca! Was das bedeutet, wirst du bald erfahren.“ Er begann, um Jadefisch herumzutanzen. Aus einer unbegreiflichen göttlichen Laune heraus steckte er ihm das Ende seiner Pfeife in den Mund. „Du musst tief einatmen”, raunte er ihm zu, „das führt dich in ein anderes Land.” Dazu ließ er die goldenen Schellen an den Waden klingeln.
Jadefisch zog kräftig an dem langen Rohr. Kaum hatte er den Rauch verschluckt, als ihm flau und schwindlig wurde. Der andere beugte sich über ihn. „Du wirst dich leicht wie eine Wolke fühlen.” Dann verließ er den Raum so unverhofft, wie er gekommen war. Nur die Musik hing mit dem Tabakrauch noch eine Weile in der Luft.
Eins-Affe riss seinen Schüler aus den Gedanken. „Übe weiter, Jadefisch!”
Dieser sammelte sich. „Bin ich denn würdig, jetzt, nach dem ehrwürdigen Abbild, zu spielen?”
Eins-Affe schien nicht verstehen zu wollen. „Wie solltest du nicht würdig sein? Du bist der Erwählte …” Plötzlich aber strahlte er. „Du wirst spielen wie der Gott persönlich – so wie es immer ist.“
„Glaubst du, ich werde es zustandebringen?“
„Darum musst du Tezcatlipoca bitten. Es ist Sein Blumenlied.“ Er und der Priester-Weise tauschten einen Blick. „Wenn du dein Schicksal annimmst, wird Er dich erhören.“
Jadefisch senkte beschämt den Kopf: Sie hatten seine Feigheit erkannt.
„Furcht ist kein Makel“, tröstete der Priester-Weise. „So wenig wie es ein Verdienst ist, sich das Leben leicht zu machen, indem man seine Bestimmung vergisst.“
„Was meinst du?“
„Den Schicksalston, an dem du scheiterst. Die meisten überspielen ihn.“
„Sie lassen ihn aus?“
„Keineswegs, sie spielen ihn korrekt. Aber sie geben sich nicht hin. Wie mit Schmetterlingsfüßen tippen sie ihn an und sind wieder weg.“
„Das Abbild, das soeben hier war, hat den Ton doch gut getroffen.“
„Mit jener Leichtigkeit, die ihm die schwarze Götterfarbe gibt.“
Eins-Affe nahm den anderen in Schutz: „Er ist ein ausgezeichneter Spieler.“
„Es gibt nichts an ihm auszusetzen“, bestätigte der Priester-Weise. „Auch du kannst so spielen, Jadefisch. Du musst dich nur erinnern.“
„Erinnern? Woran?“
„An deine Heimat, an Cholollan. Die Stadt der Grünfederschlange steht inmitten wogender Felder wie ein blühender Baum. Vögel zwitschern in den Zweigen, die Luft ist von ihren Stimmen erfüllt. Im Hause deines Vaters ist überall Musik.“
Der Priester-Weise hatte recht. Die Musik war immer dagewesen. Sie wob in den Räumen, sie drang aus jeder Ritze im Stein, sie lebte in allen Dingen. Jadefisch fand sich auf der Stelle in seine Kindheit zurückversetzt. Bilder schoben sich vor seine Augen wie in einem Traum; die Zeit schien darin aufgehoben. Was war, wird sein, es ist, doch seltsam losgelöst vom Träumer. Ist er der kleine Knabe? Vier, fünf Jahre ist er alt, er spielt mit anderen Kindern im Hof. Am Brunnen singt das Amselhähnchen mit den gelben Flügelbinden. Die alte Magnolie duftet, und der Gärtner pflückt die großen weiß-rosa Blüten, fröhlich singend: ‚Heut abend gibt der König ein Fest! Er hat die Krieger eingeladen.‘ Der rote Sonnenball sinkt hinter das Dach, das Licht wird honigfarben. Es folgen die kurze Dämmerung, der frische Wind, die kühle Nacht. Der Ruf der großen Trommel! Der Knabe huscht in den Festsaal, versteckt sich hinter dem Räuchergefäß. Seine Haut berührt Ton, der schwingt und summt, durch alle Poren dringt. Es surrt und pfeift! Die Luft vibriert! Unter ihm der Boden ist ein Tier; er hat ein Herz, das rhythmisch schlägt, und auch der Knabe hat ein Herz, etwas in der Brust, das sich bewegt, ihm in den Hals springt. Herz, mein Herz, denkt er verwundert. Es macht Musik, es antwortet dem Boden und der Luft und dem Räuchergefäß, an dem er vorbeilugt. Nun sieht er es: Inmitten des Saales lodern zwei Feuer. Sie leuchten einen Baldachin aus Magnolienblüten an und den darunter sitzenden Vater. Neben ihm hocken zwei Onkel. Der ältere schlägt eine Trommel, sie kennt der Knabe schon. Sie ist so groß wie er, hat ein Gesicht mit einer Nase und zwei Augen und einem scharf gezackten Mund. Sie ist mit einer Tierhaut bespannt. Der Onkel schlägt sie mit Handballen und Fingern. Wie aber heißt das Instrument des jüngeren Onkels? Es sieht wie eine Walze zum Maismahlen aus. Oben treffen sich zwei lange Hölzer in der Mitte, die wippen, wenn der Schlegel sie trifft. Ein Holz klingt dunkel und das andere hell.
„Die Zungentrommel!“, flüstert jemand neben ihm.
„Painal!“
Das ist der große Bruder des Knaben. Er ist schon zehn; stolz zählt er alle Instrumente auf, die Pfeifen und Flöten aus Ton, aus Holz, aus Rohr und aus verzierten Knochen, die Rasseln, Schellen, sogar Schrapknochen und Schneckentrompeten, die gar nicht dabei sind.
„Schildkrötenpanzer“, erfährt der Kleine, „spielt man mit Hirschgeweihen und – psst, die Krieger tanzen!“ Sie erheben sich von ihren Matten und stürzen sich, wie Vögel kreischend, in den Raum zwischen den Feuern. Sie wirbeln im Kreis, besingen gellend ihre Ruhmestaten. Ein Halbbruder der Knaben ist schon dabei. Sein Haar ist auf der linken Seite kurzgeschnitten, denn er, Sechs-Tod Feuerpfeil, hat seinen ersten Feldzug bestanden, seinen ersten Feind gefangen. Für ihn gibt der Vater das Fest. Sechs-Tod Feuerpfeil trägt einen schmucken Umhang aus Entenfedern und ein weißes Band im Schopf. Er hält sich einen großen, runden Prunkschild vor die Brust und stößt ein Kurzschwert in die Luft.
„Wir wollen schwören, Fisch!“
„Au ja!“, freut sich der Kleine. „Wir schwören. Und was?“
„Dass wir Ruhm erlangen!“
„Wie Feuerpfeil?“
„Wie er, im Blumenkrieg.“
„Kämpfte er mit Blumen?“
„Nein doch, das heißt nur so. Ein Blumenkrieg ist, wenn man Feinde fangen geht.“
„Wie fängt man Feinde?“
„Man packt sie am Schopf.“
„Und wer sind die Feinde?“
„Die Azteken. Das sind wilde Krieger, die hinter dem Gebirge leben, hinter der Weißen Frau und dem Rauchenden Berg.“
„Dem Popopel?“
„Dem Po-po-ca-te-petl, Fisch.“
„Was machen die Azteken?“
„Sie überfallen fremde Städte, damit die ihren Königen Tribut bezahlen. Aber in unsere Stadt kommen sie nicht!“
„Weil wir sie vorher fangen?“
„Weil sie nicht dürfen, Fisch. Das haben unsere und ihre Könige vor langer Zeit so ausgemacht. Wir treffen uns mit ihnen in einem Tal weit vor der Stadt. Dort – und nirgendwo anders – kämpfen die Heere gegeneinander.“
„Passiert das oft?“
„Ich glaube schon. Die Azteken haben einen neuen König; er heißt Motecuzoma, und der hat uns gleich zu einem Blumenkrieg eingeladen.“
„Und – haben wir gewonnen?“
„Klar.“
Der Kleine freut sich. „Gewinnen wir immer?“
„Na ja, manchmal auch nicht.“
„Und wenn die Azteken gewinnen?“
„Dann kehren sie zufrieden in ihre eigenen Städte zurück, mit all unseren Kriegern, die sie gefangen haben.“
„Und wir?“
„Wir auch. Wir nehmen unsere Gefangenen und gehen nach Hause.“ „Wie nach einem Ballspiel?“
„Ganz genau.“
Der Kleine lacht. Er kann noch nicht erfassen, wovon die Rede ist. Ein Spiel! Feuerpfeil hat daran teilgenommen und ist ein Held. Das möchte er auch sein. Die beiden Jungen schwören. Sie werden in den Blumenkrieg ziehen, um als Helden zurückzukehren. „Auch wir werden hier tanzen!“, verspricht der Große dem Kleinen.
Die Bilder hielten an, als hätte der Betrachter die letzte Seite eines gemalten Faltbuches umgeklappt. Jadefisch war wieder in der Gegenwart. ‚Ach, mein Bruder‘, musste er denken. Paínal hatte sein Wort gehalten. Sein Name bedeutete Der-Schnelle-Läufer. Immer war er zuerst im Ziel. Früh hatte er gelernt, die Waffen zu führen, früh seinen Mut bewiesen. Von Mal zu Mal war er in der Achtung des Vaters und der älteren Krieger gewachsen.
Weitere Bilder kamen. Jadefisch half seinem Bruder, seinen ersten Helm aufzusetzen; der war aus Holz, mit Stoff überzogen und mit schillernden Federn besetzt – dem Kopf eines Berglöwen täuschend ähnlich. Aus dem Fang eines Pumas schaute Paínals Gesicht hervor, und seine Bernsteinaugen verwandelten sich in die Lichter des Raubtiers. Ihm konnte nichts passieren! Er kehrte als gefeierter Sieger zurück. Ja, er tanzte um das Feuer! Bald erhielt Paínal sein erstes Kommando, und Jadefisch, der noch zur Tempelschule ging, trug ihm den Proviant und auch das Kurzschwert mit den scharfen Seitenklingen aus Obsidian. Kämpfen durfte er noch nicht. Er wurde auf einen Ausguck geschickt, um der Schlacht aus sicherer Entfernung zuzusehen. Zum ersten Mal! Unter dem Getöse der Feldmusik und dem Geheul der Krieger rückten die Heere aufeinander zu. Zuerst die Bogenschützen, dann die Speerwerfer und Steinschleuderer. Nahkämpfer mit Schilden, Schwertern, Lanzen prallten aufeinander. In dem Gewirr der Leiber, wo war da Paínal?
Jadefisch unterschied weder Freund noch Feind in dem wogenden Meer, aus dem die Federbanner der Anführer ragten. Erst mit der Zeit erkannte er die Signale von einem Hügel schräg gegenüber: die Standarte seines Vaters! Nach ihr richteten sich die kleineren Banner der Truppenführer. So entdeckte Jadefisch schließlich erst seinen Halbbruder Sechs-Tod Feuerpfeil und dann Paínal, gegen drei Gegner ankämpfend. Wäre Sechs-Tod Feuerpfeil ihm nicht zu Hilfe geeilt, Paínal wäre unterlegen gewesen. So aber nahmen die beiden gemeinsam, nachdem der dritte geflohen war, zwei feindliche Krieger gefangen. Jadefisch verlor sie aus den Augen. Wie ein Strudel war die Schlacht; er glaubte, eine Spindel zu sehen, riesengroß, die sich auf dem Felde drehte, Freund und Feind mit sich riss. Einmal aber blieb sie stehen. Jadefisch sah nur noch eine bunt getupfte Blumenwiese, und alles war still.
Die Blumen waren die Krieger, die verwundet oder tot auf dem Talgrund lagen. Jadefisch half bei der Bergung und fand auch Paínal: erschlagen. In seiner Kriegerrüstung aus wattiertem, dicht mit Federn überzogenem Stoff klaffte ein langer Riss an der Seite, und daraus sickerte dunkles Blut.
Jadefisch wurde still wie ein Teich ohne Frösche und Vögel. Sein Vater nahm ihn in den Festsaal mit. Sechs-Tod Feuerpfeil sprang um das Feuer und pries Paínals Taten. Dann übernahm der Vater. Wie ein verletzter Vogel taumelnd, bald flatternd, bald die Flügel ausgestreckt, unverhofft hochschnellend und wieder fallend, sang er sein Klagelied. Immer wieder fiel Paínals Name – dumpf oder schrill, gedehnt, verzerrt, geweint, geschrien, dann hell und klar: Der tote Blumenkrieger war im Haus der Sonne. Er begleitete das Gestirn auf dessen Reise über den Himmel. Nun sang der Vater melodisch. Paínals Name perlte ihm von den Lippen wie Tau, und Jadefisch sah ihn leuchten wie den grünen Stein des Lebens.
Er lächelte unmerklich. Dann wurde ihm bewusst, dass er nicht in Cholollan war. Und anders als sein Bruder war er auch kein großer Krieger. Nach dem Tod Paínals hatte sich der Vater nicht mehr gern am Blumenkrieg beteiligt. Zwar wurde Jadefisch gut ausgebildet, aber er zog in keine Schlacht; sein Vater, der König, erlaubte es nicht. Nachtjaguar willigte erst ein, als es sich nicht mehr schickte, dass sein jüngster Sohn, der einstige Erbe seines Thrones, ohne Meriten war. Und Jadefisch war losgestürmt, er hatte jeden guten Rat in den Wind geschlagen, selbst den Befehl des Truppenführers Sechs-Tod Feuerpfeil, auf ihn zu warten. Er wollte seinen ersten Feind allein, ohne fremde Hilfe, fangen! Als Sieger mit den Kriegern um das Feuer tanzen! Doch dieser Traum endete jäh. Ein Azteke zerrte Jadefisch am Schopf in sein Lager. Nie würde Jadefisch den Applaus vergessen, den jener von seinen Leuten dafür erhielt. Er fühlte sich wie ein Versager, obwohl Gefangenschaft an sich doch nicht als Schande galt. Die Götter selbst, hieß es, wählten ihre Opfer. Ob sie den Tod nun auf dem Schlachtfeld oder auf dem Opferstein gewährten – die Ehre war dieselbe.
Sie konnte aber, wie der alte Priester-Weise Sternfinder gesagt hatte, noch größer sein, wenn man als Abbild einer Gottheit starb. Das wurde Jadefisch langsam bewusst. Er stand seinem Bruder Paínal in nichts nach. Er war in Tenochtitlan, um den Gott Tezcatlipoca zu verkörpern, um Seine Musik zu spielen. Deshalb würde auch sein Name bald wie ein Edelstein erstrahlen. Sein Vater würde um das Feuer tanzen. ‚Mein Sohn Jadefisch, der als Abbild des Tezcatlipoca ins Haus der Sonne gegangen ist‘, würde er singen. Jadefisch war ganz ein Teil der Seinen, er hatte seinen Platz in ihren Herzen. Ein unsichtbares Seil verband ihn mit ihnen, das ihn halten würde, wenn er am Abgrund den Tritt verlor. Plötzlich schoss ihm das Blut in den Kopf: Er hatte sich vor dem Großen Sprecher Mexiko-Tenochtitlans blamiert! Jadefisch spannte die Muskeln wie ein Tier zum Sprung. Besser als jedes Abbild vor ihm würde er spielen, damit Motecuzoma jene schändliche Begebenheit vergaß!
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Der Große Sprecher dachte indes ganz und gar nicht abschätzig von Jadefisch. Zwar war noch nie ein Spieler ausgezeichnet worden, der das Blumenlied Tezcatlipocas ruinierte, doch sah er darin eine Fügung. Hatte Jadefisch nicht wunderbar gespielt, bis ihn der Gott hatte straucheln lassen? Und warum? Doch nur, um ihm, Motecuzoma, einen Wink zu geben – denn Jadefisch war ein Geschenk.
Sein Vater war Motecuzomas letzter ernstzunehmender Widersacher in der Stadt der Grünfederschlange. Hartnäckig weigerte Nachtjaguar sich, dem aztekischen Bund beizutreten, stellte sich lieber den verlustreichen Blumenkriegen, auf denen Motecuzoma eben deshalb gnadenlos bestand. Vor einem Menschenalter hatte man den Vertrag darüber ausgehandelt. Er sicherte die Opfer für die Götter, aber auch die Unabhängigkeit der Mitgliedsstaaten; Motecuzoma dachte hier vor allem an das nördlich von Cholollan liegende Tlaxcallan, dann auch noch an das kleine Huexotzinco, das wie ein Adlerhorst im Bergmassiv des Popocatepetl saß. Motecuzoma durfte diese Gegner nicht erobern, sie ihrerseits sich ihm nicht unterwerfen.
Nun sollte Jadefisch Motecuzomas Lockvogel sein. Nachtjaguar würde seinen Sohn als Abbild des Tezcatlipoca in ganzer Pracht erleben wollen. Und wenn er erst in Tenochtitlan war, konnte er sich den Gesprächen kaum entziehen, die Motecuzoma den Königen von Cholollan anbot.
Nachtjaguar war früher oder später ohnehin gezwungen zu verhandeln. Er brauchte sein geschrumpftes Heer neuerdings zum Schutz der Stadt. Tlaxcallan, der größte und stärkste der Blumenkriegsstaaten, strebte nach der Herrschaft über seine Nachbarn. Es nutzte jede Schwäche aus – und was für eine fette Beute wäre die Stadt der Grünfederschlange!
Ein anderer, ein kalter Wind begann zu wehen. Nicht nur Nachtjaguar wappnete sich. Motecuzoma witterte darin die Chance seines Lebens: ein Reich, von ihm allein regiert! Wenn sich die Gegner stritten, konnte er sie einzeln unter seine Herrschaft zwingen. Zuerst den schwächsten und dabei doch angesehensten: Cholollan.
Motecuzoma kam ins Träumen. Was für eine Stadt das war! Cholollan war fast so alt wie die Welt. Es hütete das Erbe zweier alter Reiche, die längst zu Staub zerfallen waren. Das erste, ältere bestand nur noch in Träumen fort. In ihm hatte es noch Riesen gegeben, und es war dunkel gewesen, bis zwei Götter als Leuchten an den Himmel gestiegen waren. Das war in der großen Stadt der Götter, in Teotihuacan, geschehen. Motecuzoma kannte jene beiden gewaltigen Hügel, auf denen einst die Götter ihre Scheiterhaufen errichtet hatten, um sich durch die Kraft des Feuers in Sonne und Mond zu verwandeln. Immer, wenn er sein Orakel dort aufsuchte, maß er sie mit den Blicken ab, erklomm er ihre Hänge im Geist. Einmal hatte er sie selbst erstiegen, um eine Opfergabe dort niederzulegen. Seither stellte er sich vor, dass in ihrem Innern Pyramidenstümpfe steckten.
Auch in Cholollan gab es eine solche Pyramide, den „Von Menschenhand Gemachten Berg“. Längst hatte dichtes Buschwerk ihn besiedelt, so dass er wie ein natürlicher Hügel aussah. Es hieß, die Riesen hätten ihn errichtet. Und eine Quelle sollte dort entspringen, die dem, der aus ihr trank, ein langes Leben schenkte.
Von dem zweiten und jüngeren Reich, dem der Tolteken, bewahrte Cholollan noch weitaus mehr, denn kein Geringerer als der große Gott Quetzalcoatl, der Herr Grünfeder-Schlange, war in der Stadt gewesen und hatte ihr sein Erbe hinterlassen. Einst hatte er über die Tolteken geherrscht und ihre Metropole Tollan zum Inbegriff aller erstrebenswerten Dinge gemacht. Das Kunsthandwerk, die Schrift, die Religionsausübung, die Art, wie man regierte, wie man baute – alles ging auf ihn zurück. Das Reich von Tollan blühte und gedieh, solange Quetzalcoatl darüber wachte. Doch wie die Menschen hatten auch die Götter Feinde. Eines Tages tauchte darum folgerichtig der Gegenspieler des Quetzalcoatl auf: Tezcatlipoca, Rauchender Spiegel. Dieser wandte seine schwarzen Zauberkünste an. Quetzalcoatl fiel auf ihn herein, ließ sich austricksen, verführen, betrügen, und am Ende floh er aus Scham. In weitem Bogen südwärts ziehend gelangte er zunächst zu dem Von Menschenhand Gemachten Berg. Man hieß ihn dort willkommen, man setzte ihn auf seine Matte, seinen Thron, begann, ihm eine neue Pyramide zu errichten – vergebens: Er regierte nicht. Sein Feind, Tezcatlipoca, fand ihn tief im Innern, und er floh erneut. Es trieb ihn ohne Rast und Ruhe immer weiter, bis zum Rand der Welt und zum Schluss aufs Meer hinaus.
Hinter seinem Rücken zerfiel das Toltekenreich. Dürre, Hunger, Kriege verheerten das Land. Die Städte fielen eine nach der andern. Der Palast des Quetzalcoatl in Tollan wurde zur Ruine, wo der Wind um dächerlose Säulen pfiff. Nur Cholollan, die Schöne, konnte sich halten. Quetzalcoatl hatte, als er ging, der Stadt ein paar Reliquien gegeben, die seine göttlichen Kräfte enthielten, und diese schützten sie. Motecuzoma hatte die Reliquien noch nie gesehen. Sie wurden von Cholollans Priestern an geheimem Ort verwahrt und nur alljährlich einmal auf die neue Pyramide des Quetzalcoatl getragen. Dann erhob sich immer der Wind. Der Gott in seiner Tiergestalt flog durch den Himmel, die Schuppen tauig glänzend und mit der Saat für die Felder beladen. Schon sah Motecuzoma sich dort oben stehen als der Eine Sprecher der Welt im Ring des Wassers. ‚O Herr des Neuen Reiches von Cemanahuac‘, sagten die Hohepriester. Motecuzoma hörte es rascheln, als würden sie schon das Bündel mit den Reliquien enthüllen.
„O Totecuiyo, mein Enkel …“
„Was gibt es, mein Vater?“ Vor Motecuzoma kauerte sein alter Diener. Die Gegenwart verlangte ihr Recht.
„Der Herr-Des-Schwarzen-Hauses, der als zweiten Titel den eines Fürsten-Priesters führt, der Herr Opossum wartet draußen.“
Motecuzoma war alarmiert: Wenn Opossum ungerufen und in Person erschien, dann war etwas Bedeutsames geschehen. Sein Gehörsinn schärfte sich; Opossum pflegte nur zu flüstern.
„Die Wasserhäuser sind zurückgekommen, Totecuiyo.“
„Dieselben wie im letzten Jahr?“
„An ihren Masten blähen sich die gleichen weißen Planen mit dem roten Kreuz des Himmels. Aber es sind diesmal mehr: Elf Schiffe kamen die Küste herauf. Ihre Besatzung ist in Xicalanco, noch bei den Maya, an Land gegangen. Es kam zu einem wüsten Gefecht, bei dem die Fremden obsiegten. Der Mayafürst hat sie mit Geschenken versöhnt, so dass sie weiterfuhren.“
„Wo sind sie gelandet?“
„In der Provinz der Totonaken.“
„Wer führt sie an?“
„Ein Mann mit einem aschefarbenen Gesicht und einer Narbe an der Unterlippe, von seinem dichten Bart nicht ganz verdeckt – und er begann sofort, nach dir zu fragen.“
„Wer ist er?“
„Ein Fürst vom anderen Ufer des Meeres.“
Motecuzoma spürte den Boden unter sich wanken. Er hörte nicht mehr, was Opossum ihm weiter zu berichten hatte. Er dachte nur noch eins: Quetzalcoatl. Kam Er jetzt vom Meer zurück?
Wenig später schickte ihm der Diener den Tributeinnehmer. Dieser hatte, wie im Vorjahr, Bilder von den Fremden malen lassen. Der Herrscher erblickte die gleichen bärtigen Krieger mit der hellen Haut, die von Kopf bis Fuß in dicken Kleidern steckten, die Helme, Harnische und lange, glatte Schwerter ohne Seitenklingen trugen. Aber diesmal waren da noch ungeheuerliche Kreaturen mit zwei Leibern, Doppelwesen, deren Unterhälfte großen Hirschen und deren Oberhälfte Männern glichen! Er sah ein Rohr auf einem Gestell, und der Tributeinnehmer schwor, dass dieses Ding runde Steine spie – fähig, Bäume zu zerfetzen! Zweifellos besaß der Gott mächtige Waffen und Zaubertiere. Motecuzoma schauderte bei dem Gedanken, dass er Ihn durch seine Pläne mit der Stadt der Grünfederschlange selbst herbeigerufen haben mochte.
Quetzalcoatl schien ihm aber nicht zu zürnen, denn Er machte ihm Geschenke. Es waren wundersame Dinge, wie er sie nie zuvor gesehen hatte. Tiefrote Perlenschnüre funkelten ihn an. Dann kam ein Thron mit runden Seitenlehnen, in dem er kaum die Füße kreuzen konnte, der aber höher als der seine war. Ein roter Stoffhut, weich wie Moos – der hatte einen goldenen Schmuckbesatz mit einer verwirrenden Kampfszene darauf. Motecuzoma konnte umso weniger damit beginnen, als er noch einen Helm erhielt, den er mit Goldstaub füllen sollte. Verlangte der Gott Tribut von ihm?
Der Herrscher brauchte eine Rückversicherung bezüglich der Natur des Fremden. Er ließ die klügsten Priester rufen. Kaum hatten sie den Saal betreten, stieg er von seinem Thronpodest, um ihnen die seltsamen Gaben zu zeigen.
„Was seht ihr?“
„Totecuiyo …“ Die Priester wirkten irritiert. Sie sahen einen Thron aus Holz, sie sahen lange Perlenschnüre, einen Hut und einen Helm. „Betrachtet alles ganz genau! Saht ihr jemals einen solchen Thron? Wer könnte höher als ich selbst sitzen?“
„Sicher will dich jemand ehren“, versuchten sie sich. „Ja, man möchte dich erhöhen.“
Motecuzoma sah sich unwillkürlich auf der Pyramide des Quetzalcoatl in Cholollan. „Was haltet ihr von diesen Perlen?“ fragte er hastig.
„Roter Bergkristall?“, mutmaßte einer.
„Saht ihr je dergleichen?“
Die Priester schüttelten die Köpfe. „Was für eine Kostbarkeit!“
„Erlaubst du, Totecuiyo?“, wagte der Priester-Weise Sternfinder sich vor. Motecuzoma nickte. Der Priester-Weise griff sich eine Schnur heraus und ließ sie durch die Finger gleiten. „Die Perlen sind fast so leicht wie Korallen. Sie sind nicht aus Bergkristall.“
„Woraus dann?“
„Das Material ist mir unbekannt.“
„Dann ist es Blendwerk, Zauberei!“, befand Sternfinders Vorgesetzter. Als Oberpriester des Tezcatlipoca besaß Yaopol, Großer Feind, in religiösen Fragen eine beinahe schon göttliche Autorität. Alles starrte auf die Hände mit den Perlen. Wenn Sternfinder nun eine Krankheit befiel?
„Der würdige Yaopol-tzin hat hoffentlich nicht recht“, sagte Motecuzoma verstimmt. „Auch ich habe diese Perlen berührt.“ Nun war er es, dem man verstohlen auf die Hände schaute.
Der älteste Priester rettete die Situation. „Seht doch, seht doch die Farbe der Perlen! Wie das Morgenrot! Wie der Löffelreiherfedersitz der Sonne! Totecuiyo, woher kommen die Geschenke?“
„Aus dem Osten.“ Motecuzomas Spannung wuchs. Er sprach nun von den Wasserhäusern von jenseits des Meeres.
„Ein anderes Ufer?“ Die Priester legten sich ungläubig die Hand auf den Mund. Dann begannen sie zu deklamieren.
„Die Welt ist von Wasser umgeben …“
„Wie ein Schildkrötenpanzer ragt sie aus dem endlosen Meer …“
„Das nur der Himmel begrenzt.“
„In der Ferne türmen sich die Wassermassen zu einer unermesslichen Wand …“
„Auf der die Himmelsschichten aufliegen.“
„Wer von dort kommt …“
„Ist ein Gott.“
Motecuzoma ließ sich verleiten. „Ja! Unser Herr Quetzalcoatl ist zurückgekehrt!“
Als Erster fasste sich der Oberpriester. „Wie willst du Ihn empfangen, Totecuiyo?“
„Mit einem Schatz, der seinesgleichen sucht. Die besten Kunsthandwerker haben ihn erschaffen: Zeremonialwaffen, Brustpanzer, Schilde. Goldene Meeresschnecken, künstliche Vögel aus echten Federn, deren Kiele in Gold gefasst sind, mit goldenen Füßen, Schnäbeln und Augen, die sich der Gott in den Kopfputz steckt. Federmäntel, Baumwollstoffe, hauchdünn und mit Kaninchenhaar durchwirkt, verziert mit Quetzalcoatls Symbolen. Als Krönung zwei Kalenderräder, ein goldenes mit der Sonne, ein silbernes mit dem Mond.“
„Gibst du kein Buch mit, Totecuiyo?“
„O doch, das älteste, das wir von unserm Herrn bewahren. Und dann“, Motecuzoma senkte die Stimme, als wolle er ein Geheimnis weitergeben. „Seht ihr den Helm bei den Geschenken? Ihn wünscht der Gott bis an den Rand mit Gold gefüllt zurück.“
„Wozu braucht ein Gott einen Helm voll Götterdreck?“, entfuhr es dem Priester-Weisen Sternfinder.
„Ja, wozu?“, bestärkte ihn der Oberpriester. „Braucht Er nicht vor allem Opferherzen?“
„Er wird auch sie erhalten. Yaopol-tzin, du begleitest die Gesandtschaft und nimmst Opfersklaven mit.“ Motecuzoma wollte die Beratung schließen, aber Sternfinder räusperte sich:
„Totecuiyo, Unser Herr! Wie zeigt sich uns der Fremde? Trägt er die Vogelmaske des Quetzalcoatl? Seinen Hut aus Jaguarfell? Sein Wind-Emblem, das man aus einer Meeresschnecke schneidet?“
„Er trägt nichts dergleichen.“
„Wie kannst du dir dann sicher sein, dass er es ist?“
Alle starrten Sternfinder an.
„Er wird sich zu erkennen geben“, sagte Motecuzoma schließlich.
„Wie soll dies geschehen?“
„Was rätst du mir?“
„Prüfe ihn! Vier Göttertrachten lass ihm übergeben.“
Motecuzoma nickte. „Vier verschiedene.“
„O Totecuiyo, deine Voraussicht bezeugt deine Weisheit. Möge der Ankömmling wählen. Die Welt ist vielleicht größer als wir ahnen.“
Motecuzoma behielt die Verwunderung ob dieser letzten Äußerung Sternfinders für sich. Ruhiger, als er sie empfangen hatte, entließ er die Priester. Er begann zu hoffen, dass der Fremde doch nicht Quetzalcoatl war.
Die königliche Trägerkarawane war der prachtvollste Zug, der Tenochtitlan je verlassen hatte. Fünf mal zwanzig Männer gingen unter der Last der Geschenke, und doppelt so viele schleppten in ihren Kraxen den Proviant. Dazu kamen etliche Priester sowie ein Heer von Dienern für die fremden Gäste. Alles wurde gesichert von einem Begleitschutz – vorn und hinten. Meldeboten, die den Verantwortlichen über alles auf dem Laufenden hielten – etwa, wenn Träger erkrankten, so dass er in der nächsten Stadt Ersatz für sie beschaffen musste. An Tlacotl, Speerschaft, hing alles. Er war erst Ende zwanzig, doch schon seit längerem die rechte Hand des Herrn Opossum, seinem einstigen Lehrer der Politik und Geheimdiplomatie. Opossum war Motecuzomas Emissär, der die Geschenke überreichen sollte. Als Herr-Des-Schwarzen-Hauses reiste er in einer Sänfte mit einem Baldachin und verhängten Seitenwänden. In die eingewirkten Blumen und Schmetterlinge auf dunklem Grund hatte er Gucklöcher einarbeiten lassen. ‚Schau, aber lass dich nicht durchschauen!‘, dachte Tlacotl, der nie auf die Idee verfallen wäre, dergleichen auch nur anzudeuten. Allerdings war Opossum mit lichtempfindlichen Augen geschlagen, seit er bei der letzten Sonnenfinsternis auf die verdunkelte Scheibe am Himmel gestarrt hatte. Nur wenn der Zug die Sonne im Rücken hatte, ließ Opossum die Vorhänge aufschlagen. Dann ertönte ein warnender Pfiff. Ein Diener rannte nach Wasser, während die anderen die großen Fächer für ihren Herrn zu bewegen begannen. Kam die Sonne dann wieder von vorn, wurden die Vorhänge erneut geschlossen.
Die Reise dauerte sechs Tage; Tlacotl hörte bald auf, an Opossum zu denken. Er dachte nicht einmal mehr an die fremden Gäste. Sie würden denen gleichen, die er vor einem Jahr gesehen hatte. Zügig führte er die Karawane am Popocatepetl vorbei, umging ebenso zügig die Stadt der Grünfederschlange, so dass er nach drei Tagen den größten Markt der Region erreichte, wo Proviant und ausgeruhte Träger zu besorgen waren, und zog, den Freistaat Tlaxcallan zur Linken und vor sich den Sternenberg – den höchsten Gipfel, den er kannte – weiter in östlicher Richtung. Die Ortschaften wurden rarer. Tlaxcallan wurde immer kleiner, vom Sternenberg sah er nur noch den weißen Kegel, der auf den Wolken zu schweben schien: Der Abstieg ins Tiefland begann. Tlacotls Zeitgefühl schwand, während die Landschaft ein unwirkliches Gepräge annahm. Hatte der Menschenwurm eben einen Bergkamm erklommen, auf einem Weg aus Sand und Geröll, vorbei an dornigen Büschen, grauen, staubigen Zypressen und riesigen Säulenkakteen, schob er sich bald schon, Glied für Glied, den meerwärts abfallenden Hang hinab, wo üppiger Nebelwald ihn aufnahm. Ohrenbetäubender Lärm, verursacht von Vögeln und Affen, drang aus dichtem Blattwerk und hinter fransigen Moosflechten hervor. Es wurde immer heißer, und die feuchte Luft legte sich auf die Lungen. Tlacotl wollte Rast einlegen lassen, als Opossum sein verschwitztes Haupt durch den Vorhang steckte.
„Wir sollten heute noch eine Stadt erreichen. Hier möchte ich nicht übernachten.“
Tlacotl musste die Leute antreiben, doch eine Stadt erreichten sie nicht. Immerhin wich der Nebelwald vor kultiviertem Land zurück. Kakaopflanzungen, Baumwollsträucher unter Kapokbäumen rückten ins Bild, an Palmen rankende Vanille-Orchideen mit Knospen, Blüten und Früchten in den Achseln fleischiger Blätter. Schwarze Blumen nannte man sie, obgleich die grünlich-gelbe Schönheit nicht einen dunklen Tupfen vorwies. Erst wenn sie welkte, wenn die einer Vulva ähnliche Blüte in sich zusammenfiel, färbte sie sich braun bis violett. Es blieb ein Auge, der Fruchtknoten, stehen, um eine zunächst grüne und dann schwarze Schote voll des köstlichsten Marks auszubilden.
Am nächsten Mittag erreichten sie ihr Ziel. Tlacotl führte den Zug durch eine ausladende Schleife zum Meer hinab, die gleißende Wasserfläche zur Rechten, um Opossum zu schonen. Schon kamen die Palmhütten der Fremden in Sicht, und Opossum ließ vorn den Vorhang aufschlagen. Schon kündigte sich auch der Tributeinnehmer an. Opossum stieg aus der Sänfte. Feierlich schritten der Herr-Des-Schwarzen-Hauses und der Tributeinnehmer, jeder mit einem Strauß bunter Blumen, ins Lager der Fremden. Hinter ihnen gingen die Priester. Tlacotl folgte mit der Trägerkarawane.
Vor der größten Palmhütte hielten sie an. Davor saß der Anführer der Fremden in einem hohen, runden Stuhl. Von ihm mochten gefährliche Kräfte ausgehen. Um sie zu bannen, steckten die Priester das Kopalharz in ihren Räucherlöffeln in Brand, und der Fremde versank mit seiner ganzen Umgebung in den weißen, süßlich duftenden Schwaden.
Sobald diese sich verzogen, tauchte zunächst ein runder Hut mit Feder und einer breiten Krempe auf, dann eine gerade Nase, ein bärtiges, huldvolles Antlitz, schließlich ein schwarzer Überwurf mit güldenen Schleifen, darüber eine Kette mit einem ovalen Goldanhänger, den Tlacotl von seinem Standort aus nicht gut erkennen konnte. Es mochte sich um ein Vogelei handeln, denn für ein Schlangenei erschien er ihm zu groß.
„Was hat er nur alles an?“, fragten sich die Priester, die sich von Tlacotl die Göttertrachten geben ließen. „Er ist gekleidet, als gelte es, sich vor den kalten Winden des Totenreichs zu schützen.“ Tlacotl musste lächeln. Unter dem Überwurf trug der Fremde ein dickes Wams mit langen Ärmeln bis an die Handgelenke. Leib und Schenkel waren von einer Haut aus Stoff umspannt, selbst seine Füße steckten in geschlossenen Schuhen mit kniehohen Röhren.
Die Priester, in luftigen Sandalen und Hemden, nahmen die Trachten entgegen, um den Fremden zu prüfen.
„Wartet noch“, sagte Tlacotl. „Der Herr-Des-Schwarzen-Hauses muss ihn zuerst begrüßen.“
„Ja, und?“, wunderte sich der Oberpriester des Tezcatlipoca. „Wir müssen da sein, wenn er fertig ist.“
„Das kann dauern, Yaopol-tzin. Der Gott nimmt seine Rede nicht direkt entgegen. Dafür hat er zwei Zungen – eine Frau und einen Mann.“
„Er braucht Dolmetscher?“
„So sieht es aus.“
Im Vergleich zum Vorjahr hatte sich die Verständigung etwas gebessert. Damals hatte man nur mit Händen und Füßen geredet. Tlacotl brachte sich weiter nach vorn. Die Priester beorderte er je zwei und zwei an seine Flanken. Auch der Fremde hielt nun eine Rede. Der Dolmetscher – ein Mann mit seltsam blauen Augen in einem braungebrannten Gesicht und mit den langen, wirren Haaren eines fastenden Priesters – öffnete den Mund.
„Was sagt er?“, fragte der Oberpriester.
Tlacotl zuckte die Achseln. Es hörte sich nach einer Maya-Sprache an, die er nicht verstand.
Die Frau übernahm das Reden. Sie trug nach Landessitte eine ärmellose Bluse über ihrem Wickelrock.
„Mein Gebieter fühlt sich geehrt“, sagte sie in korrektem Nahuatl zum Herrn-Des-Schwarzen-Hauses. „Motecuzoma ist ein großzügiger Fürst, der einen Gast zu empfangen weiß.“
Opossum verneigte sich.
Tlacotl winkte den Dienern zu. Tücher wurden vor dem Fremden ausgebreitet. „Die Kalenderräder, schnell!“
Sofort erschienen die kreisrunden Scheiben, gefolgt von Tieren aus Silber und Gold. Die Augen des Gastes erstrahlten. Seinen Mund umspielte ein Lächeln; sein Antlitz wurde heller mit jedem neuen Stück, das die Diener platzierten.
Tlacotl gab das Zeichen für den Einsatz der Schneckentrompete. Ein dunkler, weittragender Ton erschallte. Vier Priester schritten in die Mitte und legten die Tanztrachten der Götter aus.
Der Fremde lächelte noch immer, doch er schien nicht zu begreifen. Unentschieden glitten seine Blicke von der Türkismaske des Feuergottes zu der regengrünen Federkrone, dann zu dem kegelförmigen, mit Sternen besetzten Nachthelm des Tezcatlipoca und wieder zurück, bis sie endlich an der Vogelmaske mit dem goldenen, bezahnten Schnabel haften blieben, die Quetzalcoatl gehörte.
Die Priester setzten sie ihm auf. Sie schälten ihn aus seiner dicken Kleidung und legten ihm das Hemd mit roter Borte und das goldene Wind-Emblem an. Zwischen den Schenkeln zogen sie ihm den göttlichen Prunkschurz hindurch und befestigten an seiner Hüfte den runden Spiegel aus Obsidian, in dem die Götter die Welt erkennen.
Da wurden die Priester von Ehrfurcht erfasst, erblickten sie doch ihren Herrn Quetzalcoatl. Ihm musste geopfert werden. Ohne zu zögern begannen sie, sich mit Agavendornen zu stechen und das Blut auf Papierstreifen tropfen zu lassen. Diese legten sie in eine Schale, die sie vor Quetzalcoatl auf den Boden stellten.
Sie waren im Begriff, sich demütig zurückzuziehen, als der Gott, der bislang keine Regung gezeigt hatte, ganz plötzlich ergrimmte. „Waren dies all eure Geschenke?“
Nur der Oberpriester des Tezcatlipoca besaß den Mut zu einer Antwort: „Erheischt unser Herr ein menschliches Herz?“
Der Gott gab keine Antwort. Der Oberpriester versprach ihm ein Herz.
Der Gott erhob die Hand. „Deines etwa?“ Der Mann zu seiner Rechten zog ein langes Schwert und setzte es dem Oberpriester an die Brust.
„Wie du es wünschst“, erwiderte dieser mit belegter Stimme.
Der Gott lachte verächtlich. „Diese Rolle spiele ich nicht!“ Dann riss er sich die Maske ab. „Deine Götter sind alle falsch. Sie betrügen dich. Du darfst für sie nicht töten!“
Der Oberpriester vereiste. „Wer bist du, dass du so redest?“
„Ein Freund, der euch wohlgesonnen ist. Ich wurde entsandt, um euren Großen Sprecher zu treffen.“
„Was willst du von ihm?“
„Ihm vom wahren Gott berichten.“
Neben den Oberpriester trat der Herr-Des-Schwarzen-Hauses. „Wen soll ich dem Großen Sprecher denn melden?“
„Den Abgesandten des Großen Sprechers des Landes Caxtillan.“
„Hast du auch einen Namen?“
„Don Fernando Cortés.“
„Ton Pelnanto“, sagte die Frau.
„Und du?“
„Marina.“
„Malina? Malin-tzin?“
„So nennt mich mein Herr. Eigentlich heiße ich Ce Malinalli.“
Das hieß Eins-Drehgras und bedeutete den Tag, an dem sie geboren war.
„Malin-tzin“, zischte der Oberpriester, dem der Zusammenhang entgangen war. Noch zu aufgewühlt von dem unerhörten Vorfall eben, war er ganz auf den Fremden fixiert. „Der Gesandte heißt also Malintzin: Der-Die-Dinge-Verdreht.“
„Wer ist der Mann zu seiner rechten Seite?“, fragte der Herr-Des-Schwarzen-Hauses weiter. „Mir ist, als hätte ich ihn schon einmal gesehen.“
Der Gesandte stellte vor: „Pedro de Alvarado.“
Er war ein ausnehmend schöner Mann mit gelben Haaren. Darum nannte Tlacotl ihn Tonatiu, „Sonne“. Er hatte im vergangenen Sommer mit den Totonaken getanzt. Während Tlacotl noch daran dachte, dankte der Gesandte für die Geschenke und lud den Herrn-Des-Schwarzen-Hauses in sein Wasserhaus ein.
„Ich werde deine Gegengabe an Land erwarten“, erklärte Opossum. Der Gesandte, damit nicht zufrieden, erhob sich von seinem Sitz. Lächelnd fasste er den Emissär am Arm. Sonne trat neben den Tributeinnehmer, auch Tlacotl und die Priester erhielten unverhoffte Begleiter.
„Ich fühle mich geehrt“, sagte Opossum notgedrungen und ließ sich von dem Fremden zu einem großen Boot am Ufer führen. Dieses war, anders als die Einbäume Mexikos, aus Planken zusammengefügt und viele Male breiter als diese. Opossum stieg ein, erhobenen Hauptes, aber mit gesenkten Lidern, um von den Wellen nicht geblendet zu werden. Das Boot legte ab in Richtung der Wasserhäuser, die ein Stück weit entfernt auf dem Meer zu sehen waren.
„Jenes ist es!“, rief der Gesandte. Stolz wies er auf das Schiff in der Mitte, es war das einzige mit einer wehenden Fahne am höchsten Mast. Tlacotl erkannte ein blaues Kreuz und etliche Punkte, welche beim Näherkommen zu gebogenen Linien wurden.
„Amicisequamurcrucem, etsinosfidem …“ deklamierte der Gesandte, ohne dass eine Übersetzung gefolgt wäre. Der Oberpriester hielt die Äußerung für einen Zauberspruch. „O schwarzer Gott“, stieß er zwischen den Zähnen hervor und meinte damit Tezcatlipoca, „mach, dass Malin-tzin das Blut in den Adern verklumpt!“
Das Ruderboot erreichte das Schiff mit der Fahne und wurde hochgezogen. Oben führte der Gesandte seine unfreiwilligen Gäste herum. Tlacotl sah ein großes hölzernes Rad mit Speichen, das man drehen konnte, und hohe Masten voller Seile, von denen gefaltete Planen hingen. Wenn diese Planen ausgespannt waren wie Vogelschwingen, wusste er, setzte der Wind das Schiff in Bewegung. Er sah auch lange Rohre, die über die Brüstung schauten. Doch über all dies staunte er weniger als über die enormen Ausmaße des Wasserhauses. Tlacotls gesamte Verwandtschaft – und die füllte leicht ein ganzes Dorf – hätte sich hier einrichten können.
Der Gesandte streckte den Arm aus. „Von dort sind wir gekommen!“ Opossum fühlte sich genötigt, mit ihm auf das gleißende Meer zu schauen. „Ich erkenne nichts“, erklärte er wahrheitsgemäß.
„Nichts als Wasser“, sagte der Gesandte. „Den größten Teil der Reise begleiten nicht einmal Vögel das Schiff, und dennoch liegt jenseits Caxtillans Küste.“
Dann sagte er, dass er unbesiegbar wäre. „Seht nur meine Macht!“ Er legte seine Hand auf eins der dicken Rohre auf der Brüstung und gab einen Befehl. Dann trat er ein Stück zur Seite. Der Mann, der schon die ganze Zeit dabeigestanden hatte, entzündete nun einen langen Span und schob ihn von hinten ins Rohr. Tlacotl hörte es zischen und puffen, das Rohr vibrierte, und dann schoss eine Kugel donnernd aus der Mündung. Unter Tlacotl erbebten die Planken. Er verlor das Gleichgewicht, er hatte Angst wie nie zuvor im Leben. Dazu noch der Gestank nach faulen Eiern! Das Rohr schien wie ein großes, wildes Tier gefurzt zu haben. Naserümpfend stand Tlacotl auf und klopfte sich den Umhang ab. Er sondierte die Umgebung: Wo waren die anderen?
Opossum klammerte sich an die Brüstung. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er der Kugel nach, die gerade tosend ins Wasser fiel. Andere aus seinem Gefolge hielten sich die Ohren zu. Nur dem Oberpriester war keine Furcht anzusehen. Als sich der Qualm verzogen hatte, baute er sich vor dem Fremden auf:
„Malin-tzin! Du magst sehr viel Macht besitzen. Doch du bist gar nichts vor Tezcatlipoca. Wenn Unser Herr die Erde beben lässt, hört niemand mehr deine Feuertrompete.“
Der Gesandte lächelte nur. Er ließ Geschenke für den Großen Sprecher bringen: seltsame Kleidungsstücke aus Stoff, Schnüre blauer Perlen und einen wie Zahnschmelz schimmernden Kelch. Abermals bat er um Audienz bei Motecuzoma. Er könne anders nicht mehr vor seinen eigenen Herrscher treten. Dann entließ er seine Gäste.
Opossum wäre beim Einsteigen ins Boot beinahe fehlgetreten. Er konnte kaum noch etwas sehen. Das Meer bestand aus Licht – aus Licht, das in den Augen schmerzte.
Die Rückkehr der Gesandtschaft vollzog sich heimlich, in der Nacht, wie die eines Handelszuges – aber nicht, um sich vor Neid und Missgunst abzuschirmen, sondern weil der Herr-Des-Schwarzen-Hauses sich der dürftigen Gaben des Fremden schämte. Barfuß und in einem Überwurf aus rauem Agavenstoff trat er vor den Großen Sprecher – er, ein Kronratsmitglied! Er wirkte mitgenommen. Seine Augen waren entzündet, er blinzelte und schien zu frieren. Ihm blieben alle Worte in der Kehle stecken, so dass der Oberpriester ihm die Stimme leihen musste. Hätte Opossum nicht durch Gesten jedes Wort bezeugt, Motecuzoma hätte nicht ein einziges davon geglaubt. Der Fremde, dem er mit Ehrfurcht begegnet war, schmähte die Götter! Jener Fernando Cortés Malin-tzin war ein falscher Quetzalcoatl – zu schwach, die Maske des Gottes zu tragen, zu schwach, ein Opfer entgegenzunehmen.
„Er pflegt nur weißes, süßes Brot zu essen, das so leicht wie Maisstroh ist – auch gedörrtes Obst und Fleisch“, erklärte der Oberpriester. „O Totecuiyo, er ist nur ein Mensch. Wiewohl ein böser, eine üble Menscheneule. Ohne Grund hat er dem Herrn-Des-Schwarzen-Hauses eine Krankheit angehext. Und, Totecuiyo, er verachtet unsere Sitten. Er ist nicht würdig, dass du ihn empfängst.“
„Ist es denn üblich, den Gesandten eines fernen Landes abzuweisen?“
„Würdest du je einen Boten entsenden, der sich derart befremdlich benimmt? Jener Mann verursacht Lärm! Er hat schreckliche Feuertrompeten. Wenn er aus ihnen schießen lässt, dröhnt es wie Donner in den Bergen, und es blitzt dazu! Das schreckt die kleinen Leute auf. Sie werden noch die Flucht ergreifen, ihre Felder brachliegen lassen.“ „Übertreibst du nicht?“
„Es wäre besser, wenn er wieder dorthin führe, von wo er kam.“
„Nach … Caxtillan?“ Dem Großen Sprecher fiel Sternfinders Vermutung ein. „Glaubst auch du, Yaopol-tzin, an eine andere Küste, die nicht der Himmel ist?“
„Ich maße mir nicht an zu spekulieren. Eines aber weiß ich sicher, Totecuiyo: Jenem Malin-tzin kannst du nicht trauen. Hüte dich vor ihm!“
Motecuzoma folgte dem Rat des Oberpriesters und brach den Kontakt zu dem Fremden ab.
3
Jadefisch erfuhr davon nicht das Geringste. Er konzentrierte sich ganz auf die Musik und spielte endlich makellos, er beherrschte das Blumenlied des Tezcatlipoca. Dennoch stimmte etwas nicht. „Gutes Handwerk“, lobte Eins-Affe, aber er schloss die Augen nicht mehr. Jadefisch war nicht zufrieden. Er wusste, dass er unter seinen Möglichkeiten blieb.
„Spotte nur! Vor meiner Erwählung habe ich besser gespielt.“
„Deine Flöte könnte klingen, als käme sie aus dem dreizehnten Himmel.”
„Dann hast du die Augen geschlossen.”
„Und du verspieltest dich.”
„Wie soll ich besser werden, wenn du mir das Zeichen nicht gibst?“
Eins-Affe nickte, tat ihm aber den Gefallen nicht. Jadefisch begann zu provozieren. Er flötete bald falsch, bald richtig, bald schlecht, bald gut, manchmal hinreißend – und beobachtete dabei Eins-Affe aus den Augenwinkeln. Es war lächerlich. Sie hatten beide Angst, der Lehrer wie der Schüler – Eins-Affe vor einem Rückfall Jadefischs und dieser davor, nicht weiterzukommen. Jadefisch fand einfach nicht heraus, wann er Eins-Affe betörte. Seine Willkür brachte ihn dabei allmählich von der überlieferten Weise ab. Ein eigener Gestaltungswille regte sich in Jadefisch und ließ ihn mit dem Muster spielen, das Tezcatlipoca den ehrwürdigen Vorfahren enthüllt hatte.
Der Priester-Weise beschloss einzugreifen. „Du darfst die Melodie nicht ändern.“
„Ich versuche lediglich, ihr Leben einzuhauchen.“
„Das vermagst du nur, wenn dich Tezcatlipoca leitet. Allein Sein Atem darf sich in der Blumenflöte bewegen.“
Jadefischs Brauen gingen nach oben. „Sternfinder, das verstehe ich nicht.“
„Die Macht des Blumenliedes kommt von unserm Herrn Tezcatlipoca. Er ist es, der damit die Menschen bezaubert – nicht du.“
„Aber …“
„Du bist nur Sein Gefäß. Mach dich leer, damit Tezcatlipoca in dich eintreten kann.“
Jadefisch legte die Flöte zur Seite. „Wozu bemühe ich mich eigentlich, wenn Ihm die leere Hülle genügt?“
„Jadefisch! Willst du Tezcatlipocas Nähe nicht? Seine Süße, Seinen wunderbaren Duft der kleinen weißen Puffmaisblüte?“
Jadefisch besann sich. „Doch, natürlich.“
„Dann öffne dich. Mach dich leer.“
„Wie, Sternfinder? Soll ich alles, was ich bin, vergessen?“
Sternfinder betrachtete Jadefisch besorgt. Eine dunkle Kraft schien ihn anzutreiben. Das Blumenlied des Tezcatlipoca wurde seit undenklichen Zeiten unverändert weitergegeben. Warum genügte es Jadefisch nicht, es so gut wie möglich zu spielen? Was bewog ihn, vom Muster abzuweichen? Er durfte sich Tezcatlipoca nicht entgegenstellen, noch sich mit Ihm identifizieren. Sonst würde ihn der Gott wie eine Eierschale zerbrechen.
„Wie hast du als Tempelschüler deine Skorpione gefangen?“
„Meine Skorpione?“ Jadefisch verzog angewidert das Gesicht. Die Knaben wurden nachts hinausgeschickt, um giftige Tiere zu sammeln. Die Priester brauchten sie für ihre schwarze Götterfarbe. Damit würde man auch Jadefisch bald bemalen.
„Wie konntest du sie fangen, Jadefisch?”
„Wie man es mich lehrte, Sternfinder.”
„Dachtest du dabei an deine Lehrer? Deine Freunde? Deine Feinde?” „Gewiss nicht.”
„Dachtest du, dass du gestochen werden, dass du gar sterben könntest?”
„Ich weiß nicht mehr. Ich glaube, ich habe an gar nichts gedacht.”
„Nur der Skorpion ist da. Er kriecht über den Boden. Er bewegt seine Scheren. Du, Jadefisch, bist nicht da. Deine Hände funktionieren ohne dich. Dein Geist ist leer wie das Gefäß für deine Beute.”
Fing Jadefisch an zu begreifen? Er sah den Priester-Weisen aufmerksam an.
„Nur der Skorpion ist da”, wiederholte dieser monoton. „Er kriecht, er bewegt seine Scheren.” Endlich entspannte sich Jadefisch. Hatte er verstanden?
Nun, in gewisser Weise. Jadefisch erinnerte den Skorpion und über ihm die feuchte Hand des Kindes. Woran dachte der Stachelbewehrte? Dass er gefangen, ja, zerstoßen werden könnte? Er tanzte, sein kopfwärts gebogener Schwanz mit dem Giftstachel zuckte im Takt, und seine Scheren wippten. Er behexte den ängstlichen Jäger, der seinen Bewegungen folgte, bis er ganz benommen war. Gegriffen hat ihn dann Ayo, Jadefischs Freund. Irgendjemand, irgendetwas rettete ihn immer.
Irgendetwas lag auch in der Luft. Die Menschen schienen auf etwas zu warten. Das mochte der erste Regenfall sein. Wenn jetzt kein Wasser kam, verdorrten die Saaten. Auf dem Weg zum Unterricht begegnete Jadefisch nun den Armen der Stadt, die sich vor dem Palast einfanden. Motecuzoma öffnete für sie den Speicher. Das tat er immer um die Jahreszeit, sobald der Hunger seine Fratze zeigte. Der Regen also. Unterschwellig aber spürte Jadefisch weitere Zeichen des Wandels. Eins-Affe, der um die Mittagszeit gern ein Nickerchen machte, blieb seit ein paar Tagen hellwach, und der Priester-Weise war nicht mehr immer bei der Sache. Neuerdings vergaß er, Jadefisch zu stechen, und ließ zu guter Letzt den Agavendorn im Priesterhaus liegen.
Auch der Amtsvorgänger hatte sich verändert. Einmal traf Jadefisch ihn auf der Straße. Flöte spielend kam er daher. Aber er glitzerte und glänzte nicht wie früher, trug keine goldenen Schellen mehr. Die schwarze Bemalung fehlte, sein Haar fiel nicht mehr lose herab, sondern war hochgesteckt wie bei einem verdienstvollen Krieger. Oh – und Mädchen hatte er bei sich. Als er Jadefisch erkannte, blieb er orakelnd vor ihm stehen. „Merkwürdige Dinge geschehen. Fremde sind an der Küste erschienen. Du wirst Unglaubliches erleben.” Dazu vernahm Jadefisch das irritierende Lachen der Frauen. Das Gottesabbild trieb wohl Schabernack mit ihm. Oder doch nicht?
Schließlich kam der große Festtag des Tezcatlipoca, an dem Sein Erwählter Tenochtitlan verließ. In einem bunt bemalten Boot paddelte man ihn südwärts über den See, um ihn an einem leeren Strand aus Muschelschalen abzusetzen. Von dort aus wanderte er auf die kleine, rote Tempelpyramide des Tezcatlipoca zu. Feierlich erstieg er sie, seine hellen Flöten spielend. Dabei zerbrach er eine nach der anderen und warf die Stücke in die auf dem Platz versammelte Menge. Ein Leuchten ging von ihm aus, das mit jeder Stufe wuchs. Als er die Plattform mit dem Heiligtum betrat, war er ganz von Licht umflossen. So empfingen ihn die Priester, so malte Jadefisch es sich aus, denn er sah ihn gar nicht wirklich. Er befand sich noch im Inneren der Pyramide. Gedämpfte Stimmen drangen zu ihm. Die erregte Menge riss sich um die Reliquien. Immer, wenn Flötenteile niederfielen, johlte sie auf. Das Flötenspiel war auch zu hören, je höher das göttliche Abbild kam, desto reiner und schöner. Schließlich aber verstummte es. Ein Klagegesang erhob sich, schwoll an, verebbte in Schweigen. Der Gott war tot. Die Priester hatten ihm das Herz herausgeschnitten und boten es, damit das Leben fortbestand, der Sonne und dem Kreuz des Windes dar. Es zuckte noch; dem auf die Innentreppe gekauerten Lauscher pochte es in den Ohren. Seine Wahrnehmung setzte aus – er wurde auf die Plattform geschoben. Hinter der Statue des Tezcatlipoca kam er heraus. Der Priester führte ihn weiter, an der Opferschale mit dem Blut des anderen vorbei. Nun stand er oben auf der Pyramide als der erneuerte, der durch das Opfer verjüngte Gott, und wurde vom Volk bejubelt.
Deutlich zeichnete sich das Schicksal vor Jadefisch ab. Es hatte die klaren Konturen des mexikanischen Hochtals, das sich an diesem strahlenden Tag erstmals seinen Blicken auftat.
Er sah den grünen Ring der Berge, die Felder und Haine an ihrem Fuß und tief im Tal die langgestreckte Seenplatte mit ihren kleinen, bewohnten Inseln und den Wassergärten um diese herum. Wie funkelte die Wasserfläche! Wie herrlich schmückte sie das Perlenband der Uferstädte! Und im mittleren der Seen thronte stolz die Metropole Mexico-Tenochtitlan auf ihrer großen, befestigten Insel. Ihre hohen Tempelpyramiden ragten in den Himmel.
Jadefisch blickte nach oben. Dort saß die blaue Himmelsblüte mit dem gelben Pollen, und das Abbild aus Tlaxcallan flog als Kolibri in sie hinein. Jadefisch spürte den Sog, der von ihr ausging. Auch ihm würde die Sonne ihre Macht aufzwingen. Sie übte Gewalt aus, weil sie ohne Blut nicht leben konnte. Was aber wären wir ohne sie? Benommen von ihrer Hitze schloss er die Augen. Das pulsierende Zentrum blieb als dunkler Fleck auf seiner Netzhaut zurück.
Voller Ehrerbietung brachte man Jadefisch nach Tenochtitlan zurück. War das dieselbe Stadt, die er am Morgen verlassen hatte? Das Licht war auf dem Rückzug, so kurz vor Sonnenuntergang eroberten Schatten die Häuser.
Die Pyramide des Tezcatlipoca erhob sich im Südosten des Tempelbezirks auf einem großen, von Arkaden umsäumten Hof. Man geleitete Jadefisch durch den Wandelgang des Priesterhauses, und plötzlich stand sie riesig da! Unwillkürlich duckte er sich. Ihre vier Terrassenkörper türmten sich auf wie ein Ungeheuer. Zum Glück wurden gerade die Fackeln entzündet. Das Rückgrat jenes Tiers war nur die Treppenrampe, sein aufgesperrtes Maul nur die gezackte Mauerkrone auf dem Heiligtum. Jadefisch zieh sich der Torheit. Wie konnte er so kindisch sein?
Aus der Pyramide trat der Oberpriester. „Ixiptla-tzin!“
Ehrwürdiges Abbild? Natürlich. Jadefisch sammelte sich und grüßte zurück.
„Ixiptla-tzin, du wirst die Nacht im Heiligtum verbringen.“
Die unpersönliche Stimme ließ Jadefisch frösteln. Er sah in ein basaltenes Gesicht, in dem die Augen eines Jaguars glühten. Und sehnige Hände hatte der Oberpriester – Hände, die ein Opfermesser zu führen verstanden.
Jadefischs Blicke flohen seitwärts am Oberpriester vorbei. Da entdeckten sie Eins-Affe. Auch er gehörte dem Tempel an, und er, der als Lehrer immer so ernsthaft gewesen war, zog hinter dem Rücken des Oberpriesters eine flüchtige Grimasse, grotesk vom Fackelschein verzerrt. Jadefischs Mundwinkel zuckten. Der Oberpriester bemerkte den Kampf zwischen Lachen und Ernst im Antlitz des Gottesabbilds. „Tezcatlipocas unzählige Eigenschaften färben auf seine Diener ab”, tadelte er Eins-Affe. „Sternfinder ist auch hier”, sagte er dann unerwartet mild zu Jadefisch. „Du kannst ihn alles fragen.“
In die Pyramide war zu ebener Erde ein Raum mit einer kleinen Hinterkammer eingelassen. Dort fand Jadefisch den Priester-Weisen, beleuchtet von einem Feuergefäß.
„Sternfinder!”
„Ixiptla-tzin!”
„Bin ich jetzt wirklich … Tezcatlipoca?”
„Du bist Sein Abbild, Sein Ixiptla – die Haut, in die Er schlüpft, so oft Er will.“
„Und was ist mit … Jadefisch?“
„Es gibt ihn noch. Aber er sollte sich ruhig verhalten.“
„Und wenn der Gott nicht in mir ist?“
„Lässt du es niemanden merken.“
Jadefisch dachte an den Ixiptla aus Tlaxcallan. Ob sich dieser wohl mit oder ohne Tezcatlipoca dem Tod überantwortet hatte? Er fühlte sich wieder auf jenen Tempel versetzt. Er hörte wieder das Klagen der Menge und ihren Jubel, als er vorgetreten war. Den tosenden, nicht enden wollenden Beifall, und plötzlich verspürte er Wut. Den Azteken war es einerlei, ob Tezcatlipoca ihn beseelte! Ihnen genügte ein Als Ob. Eine Flut von Bildern schlug über Jadefisch zusammen. Da war die kleine, rote Pyramide des Gottes … die Sonne beschien die Stufen, die eine Gestalt emporschritt und dem Volk die zerbrochenen Flöten zuwarf, während sie das Blumenlied des Tezcatlipoca zerfetzte. Sie spielte es so gräulich falsch, dass niemand es je würde vergessen können. Unten stand die Menge, verständnislos schweigend und unbeweglich wie eine Wand. Niemand stritt um die entweihten Überreste einstigen Wohlklangs.
„Was ist dir?“
Jadefisch saß mit zusammengekniffenen Augen und geballten Fäusten da. Der Priester-Weise rüttelte ihn. „Der Gott ist oft sehr weit von uns entfernt. Aber am Tag des Opfers wird Tezcatlipoca dich vollständig erfüllen.“
Der Priester-Weise erinnerte Jadefisch daran, dass es der Gott war, der starb. Jadefisch brauchte keine Angst zu haben. „Das wirst du verstehen, wenn du bei der Statue gewesen bist. Dann erfährst du die göttliche Kraft. Wenn du zurückkommst, gibt man dir Tezcatlipocas Insignien und Seine Kleider. Du wirst mit Seiner Farbe bemalt, die dir die Furcht nimmt, und des Nachts wirst du in Seinem Quell, dem Schwarzen Wasser, baden. Nun geh nach oben in Sein Heiligtum.”
Jadefisch zog sich dorthin zurück. Nur ihm, Tezcatlipocas Priestern und dem Herrscher war es erlaubt, sich in dem Raum mit der Statue aufzuhalten. Sie war ein Meisterwerk der Kunst. In einem Stück war sie aus einem Block von makellosem, schwarzem Obsidian gehauen worden und hatte feurige Augen aus blauen Türkisen. Sie stand auf einem steinernen Altar, so dass der Eintretende zu ihr aufschauen musste. Vor ihr brannte in einer Schale ein ewiges Feuer. Erst nach geraumer Zeit, als seine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten, bemerkte Jadefisch, dass die Figur auch prachtvoll geschmückt und gekleidet war. Goldene Ohrringe und ein kristallener Lippenpflock mit einer zarten blauen Feder darin zierten das Antlitz, Reifen und Schellen die Hände und Füße. Ein fein gewirkter Netzumhang aus weißen und schwarzen Fäden umspielte den Leib und hob dabei den funkenden Türkis des Bauchnabels hervor. Am eindrucksvollsten aber waren die herrlichen Schwanzfedern eines weißen Reihers, die dem Gott im Haarknoten steckten.
Ja, Tezcatlipoca war der Inbegriff männlicher Schönheit. Ihm hierin zu gleichen, war eine der Aufgaben Seines Ixiptla. Scheu betrachtete Jadefisch das glänzende Antlitz. Er erschrak vor den strahlenden Türkisaugen, die die Welt in Brand setzen konnten. Rasch wandte er den Blick von ihnen ab – doch nur, um in der Hand des Gottes den dunklen Spiegel zu entdecken, der in der Mitte durchbohrt war. Darin sah Tezcatlipoca den verborgenen Grund der Dinge; er blickte mit dem Spiegel, wie man sagte, in das Innere von Holz und Stein, Er erkannte alles, was verhüllt war – auch die Menschenherzen. Jede Tat, selbst jeder Gedanke und jeder Zweifel, fing sich in dem Spiegel aus schwarzem Obsidian, und dann brachte Tezcatlipoca alles, das Gute wie das Böse, ans Licht. Er sorgte dafür, dass sich alles manifestierte. Der Gedanke musste weitergesponnen, der Zweifel erhärtet werden. Gutes wie Böses musste gelebt werden, und wenn es böse war, verdarb der Gott den Schuldigen gnadenlos.
Jadefisch begann zu zittern. ‚Oh, dass ich nicht in Seinem Spiegel bin, dass ich nichts denke, fühle, will und frage, was Ihm nicht gefällt.‘ Er sank auf den Steinfußboden. Wenn nun die Statue sich bewegte? Wenn sie den Fuß hob, wenn dabei die goldenen Schellen aneinanderschlugen? Wenn sie den Arm ausstreckte und dabei die Schmucksteine zu klingeln begannen? Schauer jagten Jadefisch über den Rücken. Wie gern wäre er geflohen, aber draußen standen Wächter. ‚Oh, dass ich nichts Unrechtes in mir habe!‘ wünschte er sich. ‚Dass ich niemals wieder einen falschen Ton erzeuge!‘ Die heilige Flamme knisterte, und Tezcatlipoca schwieg. Was sah Er in Seinem Spiegel? Bloß jetzt nichts fragen, nichts fühlen, nichts denken, nichts wollen. Damit nicht irgendetwas in Jadefischs Herzen Seinen Zorn heraufbeschwor. Endlich verfiel er in einen unruhigen Halbschlaf, aus dem er immer wieder aufschreckte. Er sah sich Körbe und Kisten ausleeren. Mit fahrigen Bewegungen stieß er Gefäße um, in denen sich zu seinem Entsetzen immer noch Dinge befanden. Erst am nächsten Morgen wurde der Träumer von dieser erschöpfenden Arbeit befreit.
Der Priester-Weise Sternfinder und Yaopol, der Oberpriester, führten ihn in den Königspalast. Der Große Sprecher saß auf dem mit einer hohen Rückenlehne versehenen Thron, der zugleich sein Richterstuhl war. Auch er war ein Abbild des Gottes, auch er verkörperte in dieser Welt Tezcatlipoca.
Die Einkleidung eines Ixiptla nahm er seit siebzehn Jahren vor, er musste sich darauf schon lange nicht mehr konzentrieren. Aber diesmal war es anders. Jadefisch war der Sohn seines Widersachers Nachtjaguar. Er gab Motecuzoma das Gefühl, etwas falsch zu machen.
Die Priester nahmen Jadefisch den Umhang ab. Nackt stand er vor dem Großen Sprecher, der ihn, dem Ritual folgend, mit „mein geliebter Gott” anredete. Zum Glück sieht ihn so niemals eine meiner Töchter, musste er denken. Das irritierte ihn noch mehr. Er sollte Jadefisch in Tezcatlipoca verwandeln und wusste plötzlich nicht mehr, wie. Neben dem Thron lagen die Sachen. Motecuzomas Blick fiel auf die lange, kostbar verzierte Schambinde. Er ließ sie sich geben, um den Ixiptla zu bekleiden. Was starrte ihm der Oberpriester dabei auf die Hand? Motecuzoma wurde klar, dass er die Reihenfolge der rituellen Handlungen vertauscht hatte. Er hätte zuerst die Gesichtsbemalung vornehmen müssen, hätte dem Ixiptla die schwarze Farbe des Fastens und der Enthaltsamkeit auftragen müssen. Ein solcher Fehler war ihm noch nie unterlaufen. Scheinbar gelassen machte er sich an das Auftragen der Farbe. Dann folgte die Haartracht. Er kämmte das lange Haar eines Jünglings, der sich noch nicht im Kampf ausgezeichnet hatte, und klebte die mit Harz bestrichenen Adlerdaunen, das Zeichen des späteren Opfers, hinein. Motecuzoma gewann die Sicherheit zurück. Beim Anlegen des Schmuckes halfen ihm die beiden Priester. Nacheinander reichten sie ihm Armbänder und Ketten, die goldenen Ohrgehänge, den weißen, aus einer Meeresschnecke geschnittenen Lippenpflock und zum Schluss den kristallenen Stab mit der Feder, den er dem Abbild durch die Nasenscheidewand zog. Er setzte ihm den Kranz aus weißen Puffmaisblüten aufs Haupt, warf ihm den schwarz-weißen Netzmantel um, band ihm je zwanzig goldene Schellen um die Waden und hüllte seine Füße in Sandalen aus Jaguarfell. Er machte keinen weiteren Fehler mehr in der Reihenfolge. Befriedigt betrachtete er sein Werk. Das Abbild des Gottes sah prachtvoll aus. Es konnte in die Welt entlassen werden. Motecuzoma klatschte in die Hände. Acht junge Männer erschienen – vier Krieger, vier Priester. Sie schworen, dem neuen Abbild zu dienen – auf Schritt und Tritt, bei Tag und Nacht.
Jadefisch fing an, sich stark zu fühlen. Kurz nachdem der Herrscher ihm die Götterfarbe aufgetragen hatte, intensivierte sich seine Wahrnehmung der Dinge. Als er mit seinem stattlichen Gefolge den Palast verließ, spürte er eine kleine Sonne im Bauch. Sie wärmte, ohne zu verbrennen. Aus der harten Straße wurde federnder Wiesenboden. Die Luft durchschwirrten Kolibris, das Wasser des Kanals entlang der Königlichen Prachtallee glitzerte in allen Farben. Die Menschen, die ihm dort entgegenkamen, liebten ihn, er liebte sie. Er war jung und schön und fühlte sich zu allem fähig. So also war es, wenn man ein Gott wurde. Dann wandelte sich das dunkle Schicksal in etwas wunderbar Verheißungsvolles. Der blaue Himmel war ein Kelch der Freude, der ihm zuteil werden würde, wenn der Tag des Opfers sich jährte. Gelöst nahm er sein Amt auf. Zuerst besuchte er die große Doppelpyramide, die dem Kriegsgott Huitzilopochtli und dem Regengott Tlaloc gewidmet war und sich – nur einen Pfeilschuss weit von seinem eigenen Tempel entfernt – mit ihren beiden Heiligtümern hoch über die anderen Bauten erhob. Nach seinem Aufstieg über steile 114 Stufen stand er atemlos dort oben, mit einem Rauschen in den Ohren und einem Schwindelgefühl im Kopf. Erst konnte er kaum etwas sehen, doch dann hob sich der Schleier von den Augen, und da lag die Stadt zu seinen Füßen! Tenochtitlan! Ein riesiger Bienenstock, durch hohe Dammstraßen und Aquädukte in Viertel geteilt und dem Festland verbunden, schwamm, Wabe an Wabe, auf der Lagune. Wie viele Häuser mochte es in jeder Himmelsrichtung geben? Zwei mal achttausend – oder noch mehr? Berauscht zog er die Flöte hervor und blies in die vier Winde hinaus.
Zweites Kapitel
Die Höhle des Toltekenkönigs
4
„Ich habe keinen Thronerben mehr!“, fauchte Nachtjaguar.
Der Unterhändler blieb gelassen. „Hast du keinen Sohn mehr, o Herr?“
„Keinen, dem ein König seine Tochter geben würde. Seine Mutter ist nur die Tochter eines kleinen Fürsten. Er kann niemals den Königstitel tragen.“
„Die Zeiten ändern sich. Abstammung ist für meinen Herrn nicht halb so wichtig wie die Befähigung im Krieg. Und Sechs-Tod Feuerpfeil ist tapfer – ein Mann, der viele Gefangene nahm, ein Feldherr, der die Stadt zu schützen vermag.“
„Er dient mir, nicht deinem Herrn.“
„Indem er dir dient, dient er ihm.“
„Mein Sohn hat schon eine Hauptgemahlin und ist frei, die zweite selbst zu wählen.“
„Du hast also nichts dagegen?“
„Was bewegt deinen König? Seit wann ist er mir wohlgesonnen?“
„Er möchte sich mit dir verbünden.“
„Will er Cholollan so billig erwerben?“
„Er will keinen Krieg mit dir.“
„Warst du schon bei den anderen fünf Sprechern?“
„Mein Herr will erst dein Herz ergründen. Du bist es, der Cholollans Unabhängigkeit bewahrt. Wenn du dich seinem Wunsch verschließt, braucht er die anderen erst gar nicht zu fragen.“
Nachtjaguar fühlte sich bedrängt. Ein Nein würde die Spannungen mit Tlaxcallan verstärken, ein Ja – die mit dem aztekischen Bund. Er musste Zeit gewinnen. „Was sagen eure anderen drei Herrscher?“
Wie Cholollan wurde auch Tlaxcallan nicht nur von einem Herrscher regiert. Vor jeder wichtigen Entscheidung in Tlaxcallan trat der Rat der vier Könige zusammen, und dies geschah noch nicht einmal im Palast desjenigen, der den Unterhändler zu Nachtjaguar geschickt hatte. Dieser, Maxixca, war nur der Zweite im Rang. Sein Wort war es nicht, das bei Entscheidungen den Ausschlag gab.
Der Unterhändler überging die Anspielung zunächst. „Das Heiraten steht jedem frei“, äußerte er obenhin, ließ dann aber doch wieder eine Klinge aufblitzen, als spräche er in Wahrheit vom Krieg. „Wäre mein Herr mit dir verbündet, wer würde dann noch gierig auf Cholollan schielen? Wer würde es wagen, euch anzugreifen?“
Der Zweite von Tlaxcallan galt als Draufgänger, der zu Extremen neigte und – so befürchtete Nachtjaguar – durchaus bereit war, geltendes Recht zu brechen. Der Blumenkriegsvertrag verbot ihm jeden Angriff auf Cholollan, doch würde er sich daran halten? Es sah so aus, als wäre er mit seiner Stellung nicht zufrieden. Er griff nach mehr Macht, als ihm zustand. Nachtjaguar wollte nicht in sein Ränkespiel verwickelt werden, doch es erschien ihm auch nicht klug, ihn abzuweisen.
„Ich schicke Sechs-Tod Feuerpfeil als meinen Gesandten an den Hof deines Herrn, des Herrschers Maxixca-tzin. Dann wird sich die Gelegenheit ergeben, dass mein Sohn das Mädchen sieht.“
Der tlaxcaltekische Unterhändler verbeugte sich. „Deine Weisheit sei gepriesen.“ Als er fort war, atmete Nachtjaguar auf.
Er kam aber nicht dazu, die Angelegenheit zu überdenken, denn der nächste Besucher wurde bereits gemeldet. Seitdem die Fremden im Lande waren, schien es Boten vom Himmel zu regnen: von den Totonaken an der Küste, den Otomi von der Nordwestgrenze Tlaxcallans, den Tlaxcalteken selbst – so wie der letzte eben – und jetzt schon wieder einer von dort, wie die Kordel um seine Stirn verriet.
„Was führt dich zu mir?“, fragte Nachtjaguar mürrisch.
„Mein Herr will dir Ehre erweisen“, näselte der Bote.
Nachtjaguar konnte den Dialekt Tlaxcallans nicht mehr hören. „Mir werden dauernd Töchter angeboten. Welcher der vier Könige hat dich geschickt?“
„Keiner.“ Der Bote legte erst das Stirnband, dann den Umhang ab. Zum Vorschein kam ein zweiter, heller, mit Augenmusterborte. „Zu deinen Diensten. Tlacotl aus Tenochtitlan!“
Nachtjaguar ließ sich die Überraschung nicht anmerken. „Was wünscht Motecuzoma?“
„Nichts.“
„Dann kannst du ja wieder gehen.“
„Der Große Sprecher hat deinen Sohn Jadefisch erhöht. Er ist das Abbild des Tezcatlipoca!“
Nachtjaguar wich das Blut aus dem Kopf. Tlacotl sprach von Ehre, von der Würde, die sein Sohn ausstrahlte, von der Erhabenheit seiner Person und der Vollkommenheit seines Flötenspiels. „Du wirst doch kommen?“, hörte er es säuseln.
Motecuzoma mutete ihm zu, das Opfer anzusehen? Nachtjaguar begann sich zu wehren. „Warum schickt er dich schon jetzt? In einem Jahr kann viel geschehen.“ Er würde sich mit Tlaxcallan verbünden, dachte er hasserfüllt.
„Nicht doch“, sagte Tlacotl. „Du sollst Jadefisch in aller Pracht erleben. Du kannst ihn sehen, mit ihm sprechen. Motecuzoma gibt dir eine Residenz, damit du nach Belieben kommen und gehen kannst. Schließlich bist du der verehrte Vater unseres Gottesabbildes.“
„Das hat es noch nie gegeben.“
„Die Zeiten ändern sich.“
„Du bist der Zweite, der mir das sagt.“ Nachtjaguar ließ alle Vorsicht außer Acht. Ein aberwitziger Wunsch erhellte wie ein Blitz die Dunkelheit, in der er lebte, seitdem er keinen Thronerben mehr hatte. Konnte er Jadefisch zurückgewinnen? Er sagte zu, gleichzeitig seine Schwäche verfluchend.
Jadefisch fand sich in seiner Rolle nicht zurecht. Er spürte nie die göttliche Präsenz Tezcatlipocas. Umso mehr litt er darunter, dass er nur noch „Ixiptla-tzin“, „Sein verehrtes Abbild“, hieß. Als hätte er selbst keine Persönlichkeit. Sein Menschenname schien bedeutungslos, so wie auch sein Gesicht bedeutungslos war, unkenntlich unter der schwarzen Bemalung. Jeden Tag erwachte er in einem Lattenkäfig. Zum Schlafen schloss man ihn immer ein – wohl, damit er sich nicht, die Müdigkeit seiner Wächter ausnutzend, aus Tenochtitlan entfernte. Oder damit er den Tag als glücklichen Gegensatz zu jenem ihm auferlegten nächtlichen Leiden feierte, damit er Freude, Heiterkeit und Zuversicht ausstrahlte, wenn er – endlich wieder frei – durch die Stadt ziehen durfte.
Vorher wurde er noch bemalt und geputzt. Manchmal kamen Würdenträger, um ihn zu ehren, sie spendeten ihm Blumen, Tabak, feine Speisen und Kakao. Der nachts ein Sklave war, saß ihnen tags als Gott der Götter gegenüber, angetan mit seinem ganzen Schmuck, mit dem Türkis im Nabel, mit den weißen Puffmaisblumen auf dem Haupt und seinem Antlitz, schwarz und glänzend wie die Statue im Heiligtum.
Jeweils durch einen anderen Ausgang verließ er täglich den Tempelbezirk, ohne dass er sich viel bei der Reihenfolge dachte.
„Er ist durch die Pforte des Schilfrohrs gegangen, in Richtung Osten“, meldete sein Gefolge dem Oberpriester. Tags darauf: „Nach Norden, durch das Tor der Spiegelschlange!“ – „Durchs Westtor am Alten Königspalast!“ – Zu guter Letzt: „Nach Süden! Durch die Adlerpforte!“
Der Oberpriester zeigte sich erfreut. „Er hat den ersten Kreis vollendet.“
Jadefisch begann zu variieren. Wenigstens sollten seine Wege nicht vorhersehbar sein. Aber auch damit war der Oberpriester offenbar zufrieden. Nun hieß es: „Wahrlich, Tezcatlipoca geht, wo es Ihm beliebt.“ Daraus schloss Jadefisch, dass er tatsächlich tun und lassen konnte, was er wollte. Und so wanderte er bald unbekümmert kreuz und quer durch Tenochtitlan, spazierte sogar in die Häuser hinein und wurde überall freundlich empfangen: Seine Person verlieh einem Raum eine besondere Weihe. Er verweilte aber nicht. Es zog ihn immer weiter, fort aus dem Zentrum mit den Residenzen der Fürsten und Würdenträger, hinein in die Siedlungsbezirke des Volkes, das – nach Verwandtschaft und Beruf geordnet – um kleine Plätze lebte, wo sich jeweils ein Tempel für den Schutzgott der Gemeinde, ein Amtshaus und eine Kriegerschule befanden. Und weiter, immer weiter. Zehn Tage war er erst im Amt, als er auf seiner rastlosen Wanderung an den Rand der Lagune gelangte. Es war unsicheres Gelände, das hätte Jadefisch sich sagen können. Aus der soliden Straße war ein verschlammter Trampelpfad geworden, das Schwemmland rechts und links zur Brutstatt für Myriaden Mücken, die über jedem Moderloch tanzten. Für einen kurzen Augenblick erwog er wirklich, umzukehren, dann aber hörte er das Teichhuhn im Ried. Ein altvertrautes Rauschen drang ihm ins Ohr, das sich mit jedem Schritt verstärkte: Der Wind strich durch das hohe, gelbe Schilf, in dem das Teichhuhn sich versteckte. Jadefisch sog den fauligen Geruch des Sumpfes ein und ging noch schneller. Der Boden schmatzte gierig unter seinen Füßen, zog ihn bald knöcheltief hinein. Aber es gab kein Halten.
Jadefisch schlug sich zum Ufer durch, setzte sich auf einen Stein und ahmte mit der Flöte das Teichhuhn nach, wie einst als Knabe im Bruch bei Cholollan. Allmählich glitt er dabei in die alten Melodien seiner Heimat über. Das lockte einen Halsband-Taucher und einen Mann in einem Boot voll Schilf herbei. Der Halsband-Taucher linste aus schwarz umringten Augen neugierig auf den Flötenspieler, der Mann erschrak und ließ die Stake fahren. Als er das Gottesabbild grüßen wollte, kenterte auch noch der Kahn. Der Vogel tauchte fort, der Mann, im grünen Algenwasser, drehte schimpfend sein Kanu um, fischte die Stake aus dem Schilf, durchstocherte mit ihr den Schlick nach dem verlorenen Schneidemesser, fluchte: „Schurke! Übeltäter! Was fällt dir ein? Da beug ich mich vor dir nieder, und so vergiltst du es mir!“
Jadefisch lachte schallend. „Mach dich nur lustig über deinen treuen Diener!“
Der Mann kam an Land gewatet, das Kanu mit sich ziehend, und wurde von Jadefischs Wächtern gestellt.
„Was passt dir nicht?“
„Ich habe mein ganzes Schilfrohr verloren.“
„Du bist selbst schuld!“
„Wenn ich keine Matten flechte, haben meine Kinder nichts zu essen.“
Jadefisch schlug das Gewissen. Er löste einen Stein aus einer Kette. Jetzt erschrak der Mattenflechter wieder. „Ja … Ja … Jade zu besitzen ist verboten.“
„Natürlich.“ Jadefisch gab ihm stattdessen eine goldene Perle. „Die kannst du auf dem Markt versetzen.“
„Ich bin arm. Leicht kann man glauben, dass ich sie gestohlen hätte.“ „Dann kaufe ich den Mais für dich.“ Er schickte sich an, zum Marktplatz zu gehen, aber das Gefolge hielt ihn zurück: Der Himmel schwärzte sich. Es wurde dunkel wie zur Nacht. Frösche fingen an zu quaken, und ein verwirrter Rohrdump stimmte seinen Balzgesang an, so dass man vermeinte, eine tief gestimmte Zungentrommel zu hören.
Da war die Wetterfront auch schon heran. Wohl dem, der jetzt ein Obdach hatte. Das Spitzdach einer Pfahlhütte lugte durchs Schilf. Der Mattenflechter nahm die Beine in die Hand, und Jadefisch besann sich nicht lange. Kaum war er in Sicherheit, als sich der Himmel wütend auf die Erde stürzte. Der letzte im Gefolge wurde, noch auf der Stiege zur Hütte hinauf, bis auf die Haut durchnässt.
Drinnen herrschte Dämmerlicht. Schattenhafte Wesen hockten eng aneinandergedrängt um die Feuerstelle. Eine alte Frau rührte die Asche zwischen den drei Herdsteinen auf. Die Glut schlug einen Funken, und der Funke nährte eine Flamme. Die Frau setzte eine Tonpfanne darüber. Es gab nur diese eine, wie überhaupt der ganze Hausrat mehr als spärlich war. Ein Topf, von dem der Henkel abgebrochen war, ein abgenutzter Maismahlstein mit seiner Walze und ein paar Kürbisschalen. Eine Steinaxt. Weiter nichts. Die alte Frau griff in den Topf. Schlug in den Händen einen Klumpen Teig zu einem Fladen, den sie auf die Pfanne warf. Dann schaute sie auf. „Ixiptla-tzin …“ Sie entblößte die zwei Zähne, die sie noch besaß, und begann, den göttlichen Besucher in den höchsten Tönen zu preisen. Er habe den Regen zurückgebracht!
Der Wasserspiegel würde steigen, das Schilf neue Schösslinge treiben, die Fische würden laichen, die Vögel Eier legen, die Tomaten in ihrem Wassergarten, dem Pfahlbeet im See, die würden dick und rot. Und sie, sie würde ihr Elend vergessen, denn sie war Tezcatlipoca begegnet. Jadefisch lächelte verlegen. Das Mütterchen löste das Entschädigungsproblem, es hatte keine Scheu, ein Stückchen Jade anzunehmen, geschweige denn eine goldene Perle. Glücklicherweise endete der Regen bald, und Jadefisch konnte die Hütte verlassen. Die kleine Tochter des Mattenflechters zeigte ihm einen begehbaren Weg. Plappernd führte sie ihn erst ans Ufer, wo ihr Vater seinen Kahn an einem Steg vertäute, dann über einen Knüppeldamm durchs Ried auf die feste Straße zurück.
Im Tempel löste seine Rückkehr nicht die gewohnte Freude aus. Der Ixiptla glänzte nicht! Nicht nur waren die Sandalen und die goldenen Schellen schmutzverkrustet, der Dreck war ihm die Beine hoch bis an den Saum des Umhangs gespritzt! Auch das Gefolge hatte anscheinend ein Schlammbad genommen. Der Oberpriester wurde geholt. Schwer atmend begutachtete er die Zurückgekehrten. „Dort hinein!“ Das Gefolge wurde ins Priesterhaus getrieben. Zu Jadefisch sagte er beherrscht: „Sie haben dich nicht gut behütet, verzeih, Ixiptla-tzin.“ Später – das Gefolge hatte wohl inzwischen das Abenteuer gebeichtet – rügte ihn der Priester-Weise: „Gefällt es dir, die Leute zu erschrecken?”
„Gehören diese Hütten nicht zu eurer Stadt?”
„Die Leute sind es nicht gewohnt, dass ein Ixiptla bis zu ihnen kommt. Schon gar nicht, dass er sich im Schilf versteckt.”
„Willst du dem Gott den Weg vorschreiben?“ Jadefisch erschrak ein wenig vor sich, denn Tezcatlipoca hatte nicht mit ihm im Schilf gesessen. Oder doch? Was wollte denn der Priester-Weise anderes von ihm hören? Dieser wurde leiser: Das verehrte Gottesabbild möge auf sein Äußeres achten, wenn es sich in jene Gegend verirrte. Hörte der göttliche Schützling seinem besorgten Hüter noch zu? In seinem schwarzen Antlitz zuckte kein Muskel. Innerlich aber schämte er sich.
Der Ausflug zum fauligen Schilfwasser wiederholte sich vorerst nicht. In Tenochtitlan trafen jetzt aus allen Richtungen des Himmels Tributzüge aus den Provinzen ein. Dieses Schauspiel wollte Jadefisch sich nicht entgehen lassen. Vom Tanzplatz vor dem Singhaus aus sah er die Karawanen zum Schatzhaus ziehen.
„Über die Königliche Prachtallee!“, prahlte einer im Gefolge. „Zum Palast der Zwanzig Tore meines verehrten Oheims, des Großen Sprechers!“
Tzompan, Schädelwand. Der spielte sich gern als Neffe des Herrschers auf.
Im Gefolge begann man zu tuscheln. „Ob der Ixiptla das Schatzhaus beehrt?“
„Ob er dem Schatzverwalter zuwinkt?“
Schädelwand, der sich missachtet fühlte, rümpfte die Nase: „Pah! Was ist so Besonderes an einem Schatzverwalter?“
„Dass es deines geliebten Oheims Schatzverwalter ist!“ Wie Coxcox, Goldfasan, das sagte! So übertrieben weihevoll. Schädelwand ballte die Fäuste. ‚Ho’, dachte Jadefisch, ‚der braucht nicht viel, um in die Luft zu gehen.‘ Und Goldfasan? Der war ein Schalk. Wie spöttisch seine Augen blitzten!
„Du willst gleich deinen Herrscherneffenhals riskieren?“
„Sag das noch mal!“
„Wenn uns deinetwegen der Ixiptla entflieht, dann nehmen sie dich!“
„Nein, dich!“
„Weil du Motecuzomas vierhundertster Neffe bist?“
Schädelwand senkte die Stirn und preschte auf Goldfasan los. Der ließ ihn ins Leere laufen. Die andern im Gefolge feixten. Schließlich mischte sich ein Diener ein: „Gebt endlich Frieden, sonst nimmt man euch beide!“ Das einte die Streitenden auf der Stelle. Ehe man es sich versah, standen die vier Krieger-Wächter gegen die vier Priester-Diener, vier stolze Schöpfe, im Nacken mit weißen Bändern gebunden, gegen vier geschorene Häupter! Jadefisch lachte auf. Ihn überkam die Lust auf einen Streich. Er entfernte sich ein Stück von ihnen, um dann laut auszurufen: „Halloho! Habt ihr schon mal den Wind gefangen?“ Damit rannte er davon. Der verdutzten Wachmannschaft gelang es nicht, ihn aufzuhalten. Er lief mit flatterndem Gewand vor ihnen her und blieb erst auf dem großen Innenhof des Schatzhauses stehen, wo er ein Spottlied blies.
Das geschäftige Treiben hörte jäh auf. Die Träger, die Schreiber, die Tributeinsammler verharrten in der Bewegung. Der Schatzverwalter unter der schattigen Federstandarte blickte verärgert auf – weshalb wurde ihm nichts mehr angesagt, weshalb kratzte der Holzpinsel seines Gehilfen nicht mehr über das Papier, wer pfiff da bei der Arbeit? – O Gott, der Ixiptla!
Ein Diener öffnete ein kleines, kugeliges Gefäß mit Holzkohleglut, um für den Ixiptla eine Tabakspfeife anzuzünden. Dieser nahm einen tiefen Zug, wobei er den Rauch verschluckte und durch die Nasenlöcher wieder austreten ließ. Dann begab er sich in eines der Speicherhäuser. Der gleichermaßen geschmeichelte wie besorgte Schatzverwalter schloss sich ihm an. Wahrlich war Tezcatlipoca, der schurkische Spötter, in ihn gefahren. Musste er mit seiner Pfeife ausgerechnet in das Lager für die Baumwollstoffe gehen?
Dem Ixiptla lag nichts daran, die bunten Decken und die vielen verschieden großen Webstücke zu inspizieren, aus denen man die Umhänge nähte. Hätte er nicht den Blick auf seiner Hand gespürt, er wäre bald gelangweilt umgekehrt. Der Schatzverwalter starrte ängstlich auf den Pfeifenkopf, in dem es glomm. Vor einem Stapel Decken mit weißen Schneckenhäusern auf rotem Grund paffte der Ixiptla frech die kunstvollsten Kringel. Der arme Schatzverwalter beugte sich zu Boden – jederzeit bereit, den Funken auszulöschen, während er zum wiederholten Mal die Geste des Erdessens vollzog. Als der Ixiptla dann auch noch die Papierabteilung betrat, verlor der Schatzverwalter die Nerven. „Unser Papier! Unser weißes und braunes Papier!“
Wer interessierte sich für rohes, unbemaltes Papier? In hohen Stapeln wurde es gehortet.
„Wir dienen damit den Göttern. Wir fertigen ihre Kleider daraus, wir schneiden die Opferfähnchen … und stellen sie vor die Götterbilder …Wir schmücken die Opfersklaven damit …“ Durch das leise, ehrfürchtige Sprechen beruhigte sich der Schatzverwalter ein wenig. Dem Ixiptla hingegen wurde unwohl. Er stellte sich die Berge von Papier zu Streifen geschnitten als Zeichen des Todes vor.
„Nehmt ihr es nicht auch für Faltbücher und Schriftrollen?“, fragte er, um sich abzulenken.
Geflissentlich nickte der Schatzverwalter. „Die Papiermacher schälen die Feigenbäume. Mit ihren schweren Bastklopfern schlagen sie die Rinde breit – bum, bum, bum …“
„Bum, bum, bum …“, echote Jadefisch. Was machte er hier? Warum starrte ihm der Schatzverwalter auf die Finger? Funken sprühten aus dem Pfeifenkopf. Verlegen lächelnd trat er sie aus.
Wieder im Freien gesellte er sich zu einer kleinen Abordnung aus einer entfernten Provinz, die vor kurzem eingetroffen sein musste. Da er weder flötete noch rauchte noch sonst etwas tat, schaute bald alles auf den aztekischen Tributeinnehmer, der gelangweilt auf dem Platz neben seinem Schreiber stand. Wie der Ixiptla hielt er als Zeichen der Vornehmheit in der Hand einen Blumenstrauß, an dem er bisweilen roch. Endlich kam der Schatzverwalter aus dem Speicherhaus. Der Tributeinnehmer durfte sich nähern. Begrüßungen wurden ausgetauscht, ein Diener brachte eine Schriftrolle; dann wurden die Listen verglichen.
„Vierhundert rot gestreifte Decken …“
„Vierhundert schwarz gestreifte Decken …“
„Ein Quetzalfeder-Kriegeranzug …“
Die Träger liefen mit den Lasten auf dem Rücken in die angewiesenen Häuser. Kaum war alles verstaut, kam der nächste Zug.
„Achttausend Bündel Pfeile …“
Jadefisch gähnte. Da kam ein Läufer in den Hof geeilt. „Die Provinz der Totonaken, hoher Herr …“
„Kannst du nicht warten, bis du dran bist?“
Der staubbedeckte Bote senkte den Kopf. „Es kommen keine Tribute.“
„Was? Habt ihr euch etwa von den Regengottpriestern erwischen lassen?“
Goldfasan, der Schalk, stieß Schädelwand an. „Gleich kommt ein desolater Haufen, den man vermöbelt und ausgeraubt hat.“
„Bestimmt nicht! Schon lange hat sich keiner mehr erdreistet, das Eigentum des Großen Sprechers anzutasten.“
„Deines geliebten Oheims geschätzte Tribute! Was für ein Jammer! Die Regengottpriester bessern damit ihr Einkommen auf, der Herrscher selbst erlaubt es ihnen nach altem Recht.“
Dass sich Schädelwand nicht auf Goldfasan stürzte, lag am Gebrüll des Schatzverwalters. „Konnten diese Trottel keinen Bogen um die Regengottpriester machen?“
„Es ist viel schlimmer, hoher Herr!“ Wie eine aufgescheuchte Pute scharrte der Läufer mit dem Fuß und flüsterte dabei dem Schatzverwalter etwas zu.
„Was sagst du?“, schrie der Schatzverwalter. „Festgesetzt? In der Provinz der Totonaken? Die Tributeinnehmer? Alle fünf? Wie soll ich das dem Herrscher beibringen?“ Er zog die Schultern hoch. „Nun gut, ich habe nichts damit zu tun. Ich schicke erst mal einen Boten – oder soll ich mich lieber selbst darum kümmern? Ich muss allerdings zuvor die letzte Sendung fertigmachen. Wo war ich stehengeblieben?“
„Zweihundert Traggestelle …“, wiederholte der hilfreiche Schreiber, der neben seinem Herrn gewartet hatte.
„Siehst du“, triumphierte Schädelwand, „die Regengottpriester haben den Tributeinnehmern kein Haar gekrümmt.“
„Nein, nur die Totonaken. Das ist nicht der Rede wert.“
Es gab nur eine Antwort auf eine Rebellion. Der Ixiptla stimmte ein Kriegslied an und verließ das Schatzhaus in Richtung Adlertor. Dort, an der Südpforte des Tempelbezirks, befand sich das nächste der vier Speerhäuser der Stadt; er musste nur wieder auf die Prachtallee hinaus und dann noch ein paar Schritte bis ans Ende gehen.
Schon von weitem erblickte er das Speerhaus, das sich klotzig rechts und links der Pforte aus der Mauer erhob. Jadefisch blieb auf dem Vorplatz bei der Skulptur des Adlers stehen und blickte hinüber. Noch war es still. Noch schliefen die Kurzschwerter, Lanzen, und Schilde, die Pfeile, die Bögen, die Speere, die Schleudern, Fangnetze, Morgensterne – doch nicht mehr lange, und es nahte ihr Gebieter. Der hieß Tepehua, Herr der Berge, und er war, wie Schädelwand erklärte, ein Halbbruder des Großen Sprechers. Er sah vorsorglich nach dem Rechten, sicher würde er schon bald die Waffen an die Krieger verteilen. Jedoch zu Jadefischs Verwunderung geschah dies nicht, weder jetzt noch in den nächsten Tagen.
„Will dein geliebter Oheim nicht Vergeltung üben?“, fragte Jadefisch mit dem spöttischen Unterton, den er Goldfasan abgelauscht hatte.
„Der Große Sprecher kümmert sich doch nicht um Kleinigkeiten“, sagte Schädelwand pikiert, „schon gar nicht vor dem Fest der Regengötter.“
Er übertrieb natürlich. Ein Fest beanspruchte Motecuzoma mehr als eine Rebellion! Unglaublich! Schwankend zwischen Spott und Staunen ließ sich Jadefisch erzählen, wie der Große Sprecher auf die Doppelpyramide gestiegen war, um mit den Priestern um Regen zu fasten.
Und währenddessen zitterten die Totonaken vor Motecuzomas aufgespartem Zorn.
„Das ehrwürdige Gottesabbild wird wissen, dass der Große Sprecher nur mit dem Finger schnippen muss, damit die Totonaken sich besinnen“, fuhr Schädelwand fort. Jadefisch wurde es langsam zu viel. Seine Blicke tasteten die Prachtallee nach Abwechslung ab. Goldfasan reckte grienend den Hals.
„Was gibt es?“, wunderte sich Schädelwand.
„Nun, was siehst du?“
„Da eilen zwei Boten über die Prachtallee.“
„Ich würde eher sagen, sie schleichen. So schlappe Läufer – was für eine Schande!“
Jadefisch drehte sich um. Die beiden Läufer blieben keuchend stehen, um ihr Haar zu richten, denn aus den Knoten über dem Scheitel hatten sich Strähnen gelöst.
„Siehst du auch, was ich sehe?“, fragte Schädelwand zurück. „Steinpfeilerfrisuren? Gemusterte Baumwollmäntel? Ich will blind sein, wenn das nicht unsere Tributeinnehmer sind!“
Er kannte natürlich auch einen von ihnen. „Das war es!“, trumpfte er nun auf. „Der Totonaken-Häuptling ist bestimmt schon hingerichtet worden. Zwei Schergen haben ihn mit einer Baumwollschnur erdrosselt.“
„Das hat er sich gefallen lassen?“
„Ixiptla-tzin, was sollte er tun? Hinter den Schergen standen ja die Krieger aus unserer Garnison.“
„So einfach ist das?“
„Meistens“, sagte Schädelwand.
Jadefisch zog sich der Hals zusammen. Er warf einen Blick auf Goldfasan. Der widersprach nicht, sondern seine Augen glänzten vor Bewunderung. Wie mächtig Motecuzoma war!
Immer unwiderstehlicher zog es Jadefisch zum Königspalast. Bislang hatte er die Nähe des Großen Sprechers gemieden, hatte nur ein einziges Mal von der Pyramide des Tezcatlipoca in Richtung Süden auf die Palastanlagen geschaut. Was aber hatte er zu befürchten? Jadefisch begann, um den Palast zu streichen. Hier saß, im ersten Stock über der Marmortreppe, der Große Sprecher auf dem Jaguarthron und hielt die ganze Welt am Faden. Alles drehte sich um ihn.
5
Die Regensonne hat die Macht ergriffen. Luft wird zu Wasser, Boden zu einem Laichgrund für Frösche und Kröten. Fische schwimmen durch die Straßen, springen die Stufen zum Thronsaal empor; auch er versinkt in der aquatischen Welt, Motecuzoma braucht dringend Kiemen – wo, bei den Göttern, bleibt der Diener?
„Totecuiyo?“
Na endlich. Aber weshalb hörte er den Diener so gedämpft, als ob er Stöpsel in den Ohren hätte? Viel zu langsam tauchte er aus den Fluten seines Traumes auf. Er schnappte nach Luft, ihn fror. Der Diener legte ihm einen Mantel um und stellte ein Feuerbecken auf. Über ihm prügelte der Regen das Dach.
„Bring noch sechs Papageienfedermäntel, mein Vater, von der Farbe des Feuers, mehr gelb als rot.“ Die Könige Cholollans, die er zu geheimen Verhandlungen eingeladen hatte, erholten sich in ihrer Residenz. Zu der Zeit, da die frühe Nachmittagssonne sich von den Wolken verschlucken ließ, hatten sie in Sänften mit falschen Emblemen die Brücke der Festung Xoloc passiert. Als sie ausgestiegen waren, hatte schon der Regen sie umsponnen. Unmöglich, dass ein Unbefugter sie erkannt haben könnte.
Der Diener kam wieder. Er schlug einen Vorhang hinter dem Thron zur Seite, und Motecuzoma schlüpfte durch die geheime Tür in den angrenzenden Saal, wo er neben Schilden, Fächern und Geschmeide auch die sechs Federmäntel vorfand. Er kontrollierte noch einmal alles und schritt zufrieden den Kreis der Sitze ab.
Am Abend empfing er die Gäste. „Meine älteren Brüder, ihr seid in eure Stadt gekommen – auf eure Matte, euren Thron.“ Er überreichte die Geschenke und bewunderte wortreich die ihren. Unvergleichliches Geschirr für seine Tafel, orangefarben und mit mythischen Szenen kunstreich bemalt, schimmerte im Fackelschein. „Was für eine Augenweide! Die Stadt der Grünfederschlange hat ihren Ruf zu Recht. Sie wird noch mehr Prestige erlangen – und meine älteren Brüder mit ihr.“
Links neben ihm raschelte Temic, der Herr Traum aus Cholollan-Am-Markt, erfreut mit seinem Federmantel. Nachtjaguar, der den Sitz zu seiner Rechten, angeblich um den Ältesten zu ehren, ausgeschlagen hatte, lächelte undefinierbar von gegenüber. Die Übrigen interessierten nicht.
Der Diener stellte einen Krug und sieben hohe Becher mit Trinkrohren vor Motecuzoma; der Gastgeber füllte sie eigenhändig. „Herz und Blut!“ Der rote, scharf gewürzte Schaum aus der frischen Kakaobohne zerging auf der Zunge. „Malt euch ein neues Reich aus – das wiedergeborene Reich der Tolteken, ein blühendes Land, von Eintracht regiert“, begann Motecuzoma, nachdem sie das Getränk genossen hatten. Er redete die Könige Cholollans um ihren Verstand, damit sie unbedingt dazugehören wollten. Er ließ das neue Reich erstrahlen; er säte Mais, der fünfmal trug, er pflanzte Bäume, die bis in den Himmel wuchsen, und baute goldene Städte ohne Festungsringe. Seine Gäste ließen sich verlocken.
„Was müssen wir dafür bezahlen?“, fragte Temic, der nicht nur der ranghöchste Sprecher der sechs, sondern auch der Oberste der Kaufmannschaft Cholollans war.
„Nichts“, sagte Motecuzoma betont. „Wir haben euch ja nicht erobert, und für einen freiwilligen Beitritt fordert der aztekische Bund niemals Tribut.“
„Nur freiwillige Geschenke“, stichelte der Sprecher links neben Nachtjaguar. Nachtjaguar selbst blieb unbeteiligt.
„Das ist so üblich“, rügte Temic. „Ich habe kein Problem damit. Wir werden schließlich alle davon profitieren.“
„Ach, sind wir schon beigetreten?“, gab die spitze Zunge zurück.
„Welchen Nutzen würden wir denn daraus ziehen?“, fragte Nachtjaguar.
Motecuzoma schwieg gewichtig. Die sechs sahen ihn erwartungsvoll an. „Ist Cholollan nicht die Stadt der Grünfederschlange?“, begann er endlich salbungsvoll. „Befolgen wir nicht alle seit jeher die Gesetze, die sie uns gab? Wie sollte sie da nicht die heilige Stadt unseres Reiches sein?“
„Ist sie das nicht längst?“, meldete sich der Älteste rechts neben Motecuzoma.
„Das würde niemand leugnen, zieht sie doch das ganze Jahr hindurch Scharen von Pilgern an. Allerdings war sie dereinst auch anerkannt als Ort der Fürstenweihen. Mit dem geheiligten Adlerknochen haben eure beiden Hohenpriester selbst den Mächtigsten der Welt die Nasenscheidewand durchbohrt und ihnen den Herrscherschmuck eingesetzt. So soll es wieder sein.“
Nachtjaguar und Temic tauschten einen Blick. „So viel Macht willst du uns geben?“, fragte für sie die spitze Zunge.
„Das ist mein Wille. Ich werde eure Hohepriester anerkennen.“
„Ach, meinst du: sie ernennen?“
Motecuzoma fühlte sich durchschaut. „Welchen Einfluss hätte ich wohl? Wählt ihr nicht stets die ältesten Priester? Ich werde dies gewiss nicht ändern.“
Damit schienen alle zufrieden. Temic kam auf den Handel zu sprechen. „Welche Privilegien lässt du unseren Pochteken, die mit ihren Tauschwaren bis an die Meeresküsten und in die Wälder der Maya ziehen?“
„Du fürchtest, Tenochtitlan will den Fernhandel allein kontrollieren?“
„Ihr habt nur wenigen Städten Fernhandelsrechte verliehen.“
„Wir brauchen ein zweites Zentrum jenseits des Popocatepetl: Cholollan.”
In Temics Augen glimmte es. „Und den großen Markt in Tepeyacac lässt du fallen?“
„Sollte ich so unbedacht sein?“
„Tepeyacac war nichts weiter als ein Dorf, bevor ihr es erobert habt.“
„Heute gehen alle Waren aus dem Süden und Osten über diesen Markt. Auch Händler aus Cholollan sind dorthin gezogen.”
„Uns kommt das nicht zugute. Sie zahlen bei uns keine Marktsteuern mehr.“
„Ihr tauscht nicht etwa billig ein? Federn, Steine, Silber, Gold – was immer ihr benötigt, um euren edlen Schmuck zu schaffen, den ihr dann teuer weiterverkauft? Ihr werdet jenen Markt sehr brauchen, wenn ihr noch reicher werden wollt. Wird man nicht bald überall nach Gegenständen der Verehrung lechzen? Reliquien aus der heiligen Stadt … Und überhaupt: Was willst du auf dem ohnehin schon überfüllten Platz am Tempel des Quetzalcoatl noch alles unterbringen? Vielleicht den großen Vogelmarkt?“
Temic lachte. „Um das Gekreisch der Aras reiße ich mich nicht.“ Der Scheinkampf war vorüber.
Allerdings lag die Entscheidung nicht allein bei Temic. Die Könige mussten sich einig sein. Und sie wussten, was Cholollan wert war. Motecuzoma musste jedem einen Wunsch erfüllen. Nur Nachtjaguar hielt sich zurück. Er allein schien nichts zu fordern, und das beunruhigte Motecuzoma.
„Was willst du außer unserem Beitritt haben?“
„Was sollte ich haben wollen, Nachtjaguar?“
„Den Festungsberg vor unserer Stadt?“
„Um euch zu schützen, mein älterer Bruder.“
„Nicht um Tlaxcallan anzugreifen?“
„Nein. Wir verletzen den Vertrag über den Blumenkrieg nicht.“
„Wir haben schon zu viele Menschen durch die Blumenkriege verloren.“
Das also war es. Motecuzoma atmete auf. „Die Zeit der Blumenkriege ist vorbei, jetzt sind wir Glieder eines Reiches.“ Er hatte diesen Part geübt wie ein Sänger sein Lied.
Nachtjaguar war aber noch nicht fertig. „Es geht die Rede, dass die Fremden, die bei den Totonaken sind, andere Götter verehren als wir – Götter, die keine Herzen begehren.“
„Sie ziehen sich auch kein Blut aus den Ohren“, wusste Temic zu berichten. „Lediglich räuchern sie und erniedrigen sich, indem sie niederknien. Wie ihre Götter davon leben können, begreife ich nicht.“
„Fast alle meine Söhne habe ich schon den Göttern gegeben”, sagte Nachtjaguar schlicht.
Also hatte er noch einen. Einen, der dem Vater auf den Thron folgen würde. Motecuzoma erwog im Stillen, ihm eine Tochter zur Frau zu geben.
„Jadefisch, mein Jüngster, ist Ixiptla.“
„Er ist der letzte Tezcatlipoca aus der Stadt der Grünfederschlange. Sein Name wird niemals vergessen werden.“
Motecuzoma wurde unbehaglich. Nachtjaguar sah ihn unverwandt an. Fast gehörte es sich nicht, dass er die Augen so lange auf ihn gerichtet hielt. Er forderte doch nicht … nein, das war ganz unmöglich. Die wenigen Gefangenen der Blumenkriege, die noch keiner Gottheit versprochen waren, konnte Motecuzoma vielleicht gehen lassen – nicht aber jene anderen, und einen Ixiptla schon gar nicht. „Der Gott der Götter hat ihn erwählt, Er-Durch-Den-Wir-Leben. Du kannst überaus stolz auf ihn sein.“
Nachtjaguars Gesicht erstarrte zu einer höflichen Maske. Motecuzoma wusste nicht, was er tun sollte. Temic sprang in die Bresche. Er fing an, Tezcatlipocas Namen aufzuzählen. Als er bei Er-Der-Seinen-Spott-Mit-Uns-Treibt angekommen war, hatte Nachtjaguar die Sprache wiedergefunden: „Er ist auch Der-Feind-Auf-Beiden-Seiten.“ So gab er zu verstehen, dass er sich dem Beitritt versperrte.
Aber Motecuzoma gab noch nicht auf. Er beschloss, seinen Gegner auf dem kochenden Boden der Ehre zu stellen. Leise seufzend bot er an: „Sollte dein Herz es wünschen, dass ich wegen Jadefisch mit Tezcatlipoca rede?“
Nachtjaguar sprang auf. „Du willst einen unbescholtenen Krieger entehren?!! So hat man uns noch nie beleidigt!“
„Willst du Jadefisch nicht wiederhaben?“
„Ich habe nichts dergleichen verlangt!“
„Dann habe ich dich falsch verstanden. Sag mir also, was du willst!“ Nachtjaguar setzte sich wieder. „Nichts! Ich will überhaupt nichts von dir!“
Die Verhandlungen waren gescheitert.
„Wir sollten morgen weiterreden“, schlug der Älteste noch vor.
„Wozu?“ Temic, der Herr Traum, sah die Dinge, wie sie waren. „Nachtjaguar ist stur. Selbst wenn die ganze Erde bebt, wird er sich nicht von seinem Platz bewegen. Ich reise ab.“
Motecuzoma verbarg seinen Ärger. Ruhig sah er Nachtjaguar an. „Du kannst dich immer noch entscheiden.“ Dann lud er die Gäste zu einem Bankett.
Wie eine Hummel summte es ihm in den Ohren: Der Große Sprecher gibt ein Fest! Heut Nacht im Haus der Wolkenschlangen. Er wusste es von Schädelwand. Der hatte mal wieder einen gekannt – einen Musiker des Hoforchesters.
„Was spielt er für ein Instrument?“
„Die Zungentrommel, Ixiptla-tzin.“
Jadefisch gab sich desinteressiert. Insgeheim jedoch zog es ihn dorthin. Sogar Könige wurden erwartet, und dass Schädelwand nicht wusste, wer sie waren, reizte ihn umso mehr. Auch das Gefolge schien darauf zu brennen. Goldfasan stellte allerlei Mutmaßungen über den Ablauf des Festes an.
„Was glaubst du, Schädelwand: Wird dein geliebter Oheim heute eher einen Alligator oder eine Boa servieren?“
„Da müssen wir in der Küche nachfragen, ich kenne den Koch.“
„Natürlich.“ Goldfasan griente. „Ist das nicht unter deiner Würde?“
„Es ist eine Ehre, dem Großen Sprecher dienen zu dürfen. Noch der geringste seiner Sklaven ist von Adel.“
„Dennoch wagst nicht einmal du, des Herrschers Neffe, dich ungeladen ins Haus der Wolkenschlangen.“
Das durfte nur der Ixiptla. Verstohlen sahen sie ihn an. Endlich ließ Jadefisch sich herab. „Von mir aus. Wenn es euch glücklich macht.“
Er ging jedoch nicht gleich dorthin, sondern geduldete sich bis weit nach Einbruch der Nacht. Erst als der Mond so klein und gelb wie ein halber Maisfladen über dem Adlertor stand, machte er sich auf den Weg. Wer hätte sich heute verlaufen können? Auch ohne Schädelwand hätte Jadefisch das Haus der Wolkenschlangen unter den Palastgebäuden leicht herausgefunden, denn die Trommeln hörte man von weitem.
Als er eintraf, ging es schon hoch her. Im Festsaal hing eine Wolke aus säuerlichem Atem und Rauch. Am Feuer tanzten schöne Frauen. Motecuzomas Gäste standen, saßen oder lagen überall im Raum. Jadefisch erkannte Tepehua, den Herrn des Speerhauses, wieder.
„Wer ist der Würdenträger neben ihm?“
Schädelwand stellte vor: „Atlixca, Erster des Kriegsrats und Herr des Richterhauses! Und da ist sogar der Cihuacoatl, die Weibliche Schlange!“
Das Amt eines Cihuacoatl gab es in Jadefischs Heimatstadt nicht. Man erzählte sich dort, dass sein Träger so etwas wie ein Kanzler und des Großen Sprechers Stellvertreter sei. „Das also ist der zweite Mann des aztekischen Bundes?“, spekulierte Jadefisch.
Schädelwand bejahte. „So wie du sagst, Ixiptla-tzin. Er empfängt seine Autorität von der Erdgöttin und kommt gleich nach dem Großen Sprecher.“
„Schädelwand übertreibt mal wieder“, sagte Goldfasan. „Er hat in den anderen Städten nichts zu sagen, denn die Macht des Cihuacoatls ist auf Tenochtitlan begrenzt.“
„Aber nicht mehr lange!“
„Noch wird das Bündnis vom Dreifachen Thron regiert.“
„Willst du sagen, mein verehrter Oheim …“
„Ist einer von dreien.“
„Das glaubst du ja wohl selbst nicht!“
„Er ist der Erste unter Gleichen.“
„Dein Glück!“
„Wo sind denn die anderen beiden Großen Sprecher?“, fragte Jadefisch.
Schädelwand zuckte die Achseln. „Sie sind wohl nicht hier. Bei dem König von Tlacopan ist das auch kein Wunder. Der Tepaneken-Fürst ist hochbetagt. Jedoch Cacama? – Aber halt, da ist er …“
Die Frauen hörten auf zu tanzen, und der König von Tetzcoco, der zweiten Hauptstadt des Bundes, die am östlichen Seeufer lag, sprang zwischen die Feuer. Nun tanzte er zum Schlag der Trommeln. Er war jung, der Herr Cacama, 25 Jahre vielleicht. Im Nacken wippten ihm zwei bunte Federquasten. Sein geölter Körper glänzte wie ein Otterfell.
„Der erste Neffe deines geliebten Oheims“, stichelte Goldfasan.
Schädelwand reagierte nicht. Ein zweiter Mann sprang zu Cacama, sang eine weitere Strophe. Ihm floss über Haupt und Rücken ein funkensprühender, blaugrüner Kamm: Federn des Quetzalvogels, die das Feuer reflektierten. Es war die höchste Kriegsauszeichnung, die ein Mann erlangen konnte.
„Mein Oheim Cuitlahua, der Herr der Stadt Itztapalapan!“
„Du bist hier wohl mit jedem verwandt?“, stichelte Goldfasan weiter.
„Meine Mutter ist Motecuzomas Schwester.“
„Dann wirst du sicher selbst einmal König.“
Schädelwand betrachtete Goldfasan kalt. „Ich werde in Xochimilco, der Blumenstadt, regieren.“
„Meinen Glückwunsch“, sagte Goldfasan. „Hoffentlich erkennt dich unser Cihuacoatl auch an.“
Schädelwand griff Goldfasan am Schulterknoten. „Hüte dich!“ Dann stieß er ihn zurück. Die beiden anderen Wächter schritten ein. Einer packte Goldfasan, der andere Schädelwand.
Jadefisch beachtete sie nicht. Die Trommeln wurden lauter und schneller, Rasseln, Pfeifen, Flöten fielen ein. Die Sänger kreischten auf wie Möwen. Sie schienen jetzt um das Feuer zu fliegen, sie schienen mehr zu sein als zwei – ein ganzer Schwarm im Sturzflug auf die Beute, während das niederbrennende Feuer gespenstische Schatten erzeugte. „Owaja!“ schrie Cacama. „Owaja!“ rief Cuitlahua. Damit endete der Tanz. Der Saal applaudierte.
Es wurde immer heißer und dunkler. Die Fackeln an den Wänden und die Feuerbecken in der Mitte spendeten nur noch wenig Licht. Die nächsten Sänger waren kaum mehr auszumachen. Motecuzoma, hieß es, tanze, wohingegen andere meinten, er sitze unter seinem Baldachin. Die letzte Flamme sank in sich zusammen. Nur Holzkohle, halb von Asche bedeckt, glomm noch im Becken. Der Tänzer, wenn es ihn gab, zog sich zurück, und eine Zungentrommel – rrrattatick – fuhr wirbelnd auf.
Ein Schatten trat in die Mitte. „Einer unserer Feinde …“, flüsterte Schädelwand, der sich beruhigt hatte, Jadefisch zu, „… vielleicht einer der vier Herrscher von Tlaxcallan. Niemand soll ihn erkennen.“
Der feindliche König begann seinen Tanz. Wie er um das Glutbecken sprang! Etwas an ihm zog Jadefisch an. Er schob sich weiter nach vorne. Als der unbekannte König zu singen begann, setzte ihm der Herzschlag aus. Er kannte die Stimme, er kannte das Lied. Am Ende der Strophe fiel er unwillkürlich ein. Der andere verlor für einen Flügelschlag den Rhythmus, sang dann wie getrieben weiter, und Jadefisch antwortete wieder, diesmal aus einer anderen Richtung. Während dies eine Weile so ging, entfernte er sich im Dunkeln allmählich von seinem Gefolge.
Schließlich stieß er am Rand des Kreises beinah mit dem Sänger zusammen.
„Jadefisch?“
„Vater?“
„Du hier? Hat Motecuzoma dich holen lassen?“ Der Vater hörte es sich erstaunt, beglückt und auch ein bisschen aufgebracht an. Doch just in dem Moment wurde eine Kienfackel entzündet. Feuerschein strich über die beiden hin und beleuchtete ihre Gesichter.
„Ixiptla-tzin, Ixiptla-tzin!“ Die Umstehenden warfen sich nieder.
„Ich hätte es wissen müssen“, sagte Nachtjaguar dumpf. „Du bist ja das Abbild des Gottes.“ Auch er vollzog die Geste des Erdessens. Jadefisch, den dieser Anblick zutiefst schmerzte, stand wie versteinert. „Wer wagt es, eine Fackel zu entzünden?“
Alle Köpfe gingen in die Richtung, aus der die Stimme des Herrschers kam, der selbst noch immer im Dunkeln saß. Jadefisch machte sich das geistesgegenwärtig zunutze. Rasch zog er seinen Vater aus dem Fackelkegel. Dann erkundigte er sich leise nach seinem Befinden und nach der Lage in Cholollan.
„Motecuzoma will sich unsere Stadt einverleiben. Er hat viel, sehr viel, geboten – sogar das eine, dies jedoch auf eine Weise, dass ich es nicht annehmen kann”, presste Nachtjaguar mühsam heraus. „Ich weigere mich, seinem Bündnis beizutreten.“
„Und die anderen?“
„Sind gespalten. Temic wird mich hassen.“
„Fürchtest du nicht, dass Motecuzoma uns angreifen wird? Temic kann die Stadt an ihn verraten.“
„Dazu ist dein Onkel zu vernünftig. Und zu loyal. Außerdem kann sich Motecuzoma diesen Krieg nicht leisten. Sein Stern beginnt zu sinken.“ Jetzt sprach Nachtjaguar fest und bestimmend. „Höre: Der Große Sprecher von Tetzcoco hat einen unzufriedenen Bruder. Dieser, Prinz Ixtlilxochitl, Vanilleblume, hält sich für den legitimen Herrscher. Er meint, Motecuzoma habe ihn um sein Thronrecht betrogen. Vor drei Jahren lehnte er sich gegen die Königswahl auf. Da das Bündnis ihn nicht schlagen konnte oder wollte, wurde das Reich von Cacama geteilt. Vanilleblume regiert über den Norden. Aber er erstrebt noch immer Tetzcocos Thron. Er sammelt Verbündete gegen Motecuzoma. Schon rebellieren die Totonaken. Ihr beleibter König leitet den Aufstand von seiner Felsenburg aus.“
„Er wurde nicht hingerichtet?”
„Dafür ist Motecuzomas Besatzung nicht stark genug, und in der Regenzeit wird er kein Heer zur Küste schicken. Zudem werden die Totonaken von fremden, bärtigen Kriegern beschützt. Ihre Waffen sind Donner und Blitz.”
„Woher sollten solche Krieger kommen?”
„Aus dem Meer des Morgensterns.”
Nachtjaguar wollte noch etwas dazu sagen, besann sich aber anders. „Da kommen Motecuzomas Spione. Sie bewegen sich so linkisch, dass selbst ein Blinder sie bemerkt. Mit kleinen, runden Räucherschalen leuchten sie den Gästen ins Gesicht. Sie sind nur noch wenige Schritte entfernt.“ Er wandte sich zum Gehen. Sein Sohn hielt ihn zurück. Er löste einen Stein aus einer Kette. „Gib das meiner Mutter.“ Nachtjaguar öffnete die Hand, ächzte plötzlich wie ein Baum im Wind: „Davon wird sie auch nicht froh. Und ich …“
Das schwache Licht der Räucherschalen glitt über Nachtjaguar. Es streifte Jadefischs Füße. Es fiel auf das schwarze Schlangenmuster auf den Sandalen des Ixiptla! „Was erlaubt ihr euch?“, rief dieser, den Erbosten spielend. Während die Spione betreten ihre Lampen sinken ließen, entschwand Nachtjaguar.
Der Ixiptla nahm seine Flöte und spielte das Blumenlied des Tezcatlipoca. Gleich wurde es still. Die Feuer in der Mitte des Saales wurden wieder entfacht. Auf seinem Sitz unter dem Baldachin war Motecuzoma zu sehen.
Jadefisch drängte es nach draußen. Er musste auf der Stelle an die frische Luft. Den Ausgang suchend gelangte er an eine Wand, an die jemand immer wieder mit der Stirn anrannte. Ein anderer stand dabei und deklamierte Verse. „Sie sind im Land der Götter“, sagte Schädelwand, der den Ixiptla aufgespürt hatte. Eine Schale machte die Runde. Schädelwand griff dort hinein und hielt einen bräunlichen Pilz in die Höhe. „Das Fleisch der Götter, Ixiptla-tzin.“ Auch die anderen nahmen sich Pilze. Doch Schädelwand aß nichts davon, er würde den Ixiptla nicht entfliehen lassen. Als Jadefisch das sah, verzehrte er die seinen ohne Honig mit Hut und Stiel. Sie bissen im Hals. Ihm wurde heiß und alles um ihn gläsern. Die Menschen und die Dinge, selbst die Luft, begannen zu irisieren, und sein Vater war wieder da. Auch er war von einer Aura umgeben, er trug ein überirdisch schönes Jaguarfell von sattem Gelb, von dichtem Schwarz – so intensiv, dass Jadefisch hätte weinen mögen. Mit ausgestreckten Armen rückwärts gehend rief der Vater: „Jadefisch, folge mir!“ Das Echo war in seinem Kopf, als er am nächsten Tag in seinem Saal im Priesterhaus erwachte.
Eine quälende Unruhe bemächtigte sich seiner. Er dachte an Vanilleblume, den Rebellen. Cholollan musste unbedingt zu dessen Kriegsbund stoßen und die Feindschaft mit Tlaxcallan überwinden. Vanilleblume brauchte jeden Mann. Es war nicht gut, nur abzuwarten, sonst würde Cholollans Freiheit den Tag nicht überdauern, an dem Vanilleblume den Sieg errang und seine Mitstreiter belohnte. Nachtjaguars Sohn bekam glänzende Augen. Sein Herz schlug schneller – so, als gäbe es für ihn noch etwas zu wollen.
6
Nachtjaguar war nicht im Unrecht – weder, was Vanilleblume, noch was die Rebellion der Totonaken betraf. Boten von Vanilleblume waren bei deren König gewesen – und nicht nur das. Im Lager der Fremden waren zwei Krieger vom Volk der Otomi aufgetaucht, die man an ihren um die Stirn gewundenen Steinschleudern erkannte. Sie hatten einen Krieger vom Range eines Cuachic eskortiert, eines Geschorenen, der zwanzig Heldentaten vollbracht hat und keinerlei Gefahren scheut. Der hielt sich hinter einer Standarte verborgen, aber einmal hatte man kurzzeitig eine Kopfhälfte gesehen – die Glatze, auf dem Scheitel mit einem imposanten Kamm gekrönt, der wie der eines Baumleguans aussah, die Haare zu langen Stacheln frisiert, und, wie man ahnen konnte, mit Cochinille rot gefärbt. Wenn dies stimmte, war der Mann, der sich da im fahlen Dämmerlicht zu dem fremden Gesandten schlich, Vanilleblume höchstpersönlich. Motecuzoma ging im Thronsaal unruhig auf und ab: Was suchte sein missratener Neffe bei dem Fremden? Er nutzte aus, dass derzeit jeder zu dem Fremden kam, der einen Anspruch auf Tribut aus der Region besaß. Auch Cacama hatte eine Gesandtschaft bei ihm, und Motecuzoma hatte den Herrn des Schwarzen Hauses geschickt, um für die Freilassung der Tributeinnehmer zu danken, die der Fremde bewirkt hatte. Er wollte immer noch nach Tenochtitlan kommen und trug dem Großen Sprecher auf diese Weise seine Freundschaft an. Gleichzeitig bat er um Verschonung der Rebellen. Frieden also, dachte der Herrscher.
Eigentlich hatte der totonakische König, der ob seiner Leibesfülle einfach nur „der Dicke“ hieß, ja den Tod verdient. Motecuzoma stellte ihn sich vor; nichts an ihm erinnerte auch nur entfernt an einen Krieger, und sein Wille war möglicherweise so weich wie sein Fleisch. Eine Frist von achtzig Tagen konnte Motecuzoma ihm gewähren, ohne das Gesicht zu verlieren. Der Dicke würde ihm die Füße küssen, ihm die doppelten Tribute schicken, wenn Motecuzoma ihm verzieh. Einstweilen allerdings saß er in seiner Felsenburg, einstweilen baute der fremde Gesandte am Meer eine Festung mit Mauern und Türmen.
Krieg also. Motecuzoma hatte die engsten Verbündeten konsultiert und mehr als eine Meinung gehört. Der Dreifache Thron war zu keinem Beschluss gelangt. Niemand konnte den Fremden einschätzen. Cacama von Tetzcoco wünschte mit ihm Frieden, der alte König von Tlacopan wollte lavieren. „Was verschlägt es? Gib dem Dicken doch die achtzig Tage, inzwischen spalten wir ihm seine neuen Freunde ab.“ Dagegen war kaum etwas einzuwenden. Die kleinen Könige der Uferstädte, die Motecuzoma noch hinzugezogen hatte, waren auch für eine Zwischenlösung. Nur einer, sein jüngerer Bruder Cuitlahua, forderte eindringlich Krieg. Wenn Motecuzoma in Richtung Saalausgang schritt, hörte er die Stimme von Cacama – Frieden –, und wenn er umgekehrt den Thron im Blickfeld hatte, die seines Bruders – Krieg.
Draußen wartete der Feldherr Atlixca; immer, wenn die Türvorhänge sich fast unmerklich bewegten, wie von einem Lufthauch angeblasen, entsann er sich dessen. Schließlich wurde ihm das heimliche Spähen des Dieners zu viel.
„Schick ihn herein, mein Vater.“
Motecuzoma nahm auf dem Jaguarthron Platz. Seinem Vetter Atlixca unterstanden die Angriffstruppen. Er durfte im Palast Sandalen tragen. Auf diese fixierte sich Motecuzoma während der Begrüßung. Sie waren schlicht für seine hohe Stellung: einfach gebunden, unverziert, zweckmäßig wie die des einfachen Kriegers. Darin verriet sich Atlixcas Vater, der Große Sprecher Ahuízotl, Motecuzomas Amtsvorgänger. Er, König Otter, hatte sich in jeder Lage auf das Kurzschwert verlassen, und Atlixca schlug ihm nach. Motecuzoma erlaubte ihm aufzustehen.
„Feldherr Atlixca-tzin, ein neues Wasserhaus ist angekommen. Seinem Bauch entstiegen sechzig bärtige Männer und einige Hirsche des Landes Caxtillan. Und kaum war die Verstärkung eingetroffen, da fuhr ein Schiff von der Küste fort.“
„Um noch mehr bärtige Krieger zu holen?“
„Wer weiß. Der fremde Gesandte ließ inzwischen die meisten Wasserhäuser zerstören.“
„Hat er vom Rauschpilz gegessen?“
„O Atlixca-tzin, er war bei Trost. Er ließ die Ladung bergen, er weidete die Schiffe förmlich aus und ließ Masten, Planen, Taue, alle Dinge aus Metall und Holz ins Trockne schaffen. Es sieht so aus, als ob er bleiben wollte.“
„Totecuiyo, unsere Krieger sind bereit.“
„Ich werde mich daran erinnern.“
„Wünschst du nicht, dass ich sie an die Küste führe?“
„Der Dreifache Thron setzt auf Diplomatie.“
„Dann kann der Fremde ungehindert weiter Schaden stiften. Er hat doch den Dicken aufgewiegelt!“
„Vielleicht ist es auch umgekehrt. Der Dicke könnte ihn erwartet haben. Es waren ja schon einmal Fremde da. Der Herr des Schwarzen Hauses hat einen davon wiedererkannt.“
„Totecuiyo, ist das nicht egal? Der Dicke muss begreifen, wer der Herr im Hause ist – und auch der Fremde muss es wissen.“
„Darum wirst du deine Krieger jetzt in der Regenzeit trainieren. Du musst immer marschbereit sein.“
„Totecuiyo.“ Rückwärts gehend entfernte sich Atlixca, und der Herrscher nahm seine Wanderung wieder auf. Auf und Ab. Ab und auf. Auf und ab und auf, ab, auf. Niemand wagte es, ihn zu stören.
7
Tags darauf begehrte ein sonderbarer Mensch Audienz beim Großen Sprecher. Sechs Finger hatte er an jeder Hand, an jedem Fuß sechs Zehen. War er ein Bote der Unterwelt? Vorsorglich begab sich Motecuzoma zu den Schwarzen Häusern. So hieß die Höhere Schule für Söhne und Neffen des Großen Sprechers und des Cihuacoatl, der Weiblichen Schlange. Sie stand am Tempel der Erdgöttin, die mit dem Totenland und überhaupt mit dunklen Dingen und allem Geheimnisvollen verbunden war. Hier hatte Motecuzoma einen stillen Raum, der ihm angemessen schien, solch einen Gast zu empfangen. Er überquerte den Innenhof der Schwarzen Häuser und betrat das mit blauschwarzen Wandbehängen ausgekleidete Gemach. Noch hörte er den Brunnen plätschern. Er ließ ein Feuerbecken in seine Nähe rücken und, sobald die Flamme kräftig brannte, den Mann mit den sechs Fingern rufen.
Der kam lautlos wie ein Geist heran, denn seine Schritte wurden von den dichten Federteppichen verschluckt. Noch als er sich niederwarf, vernahm Motecuzoma nicht das leiseste Geräusch.
Der Fremde durfte sich erheben. „Was führt dich zu mir?“
„Totecuiyo, hast du nicht Befehl erlassen, dass ein jeder – ob Mann, ob Frau, ob Kind – dich aufzusuchen habe, der etwas Ungewöhnliches bemerkt? Namentlich Traumdeuter, Wahrsager und Zauberer, die das Verborgene kennen?“
„Wohl sehe ich, dass du dergleichen in einem Sack auf dem Rücken trägst. Doch hüte dich, mir Trug zu enthüllen.“
„Ich heiße Uhu und bin der Erste Magier am Hof meines Herrn.“
„Dass du mir ja keine Menscheneule bist, die sich der Schwarzen Kunst schuldig macht. Woher kommst du?“
„Ich bin aus der Stadt Tetzcoco gebürtig, wo eine eigene Strafkammer sich mit solchen Leuten beschäftigt.“ Der Magier zog ein Blatt Papier hervor, auf dem Cacamas Namenszeichen, ein Maiskolben, prangte.
„Was schickt mir mein Neffe?“
Der Bote nahm den Sack von der Schulter und zog ein längliches Etwas heraus. „Dies gehört dir. Du allein vermagst seine Bedeutung zu ermessen. Streck deine Hände aus, o Herrscher!”
Dies tat Motecuzoma. Die Gabe wurde ihm in beide Hände gelegt. Steifes Gefieder streifte seine Haut. Sprachlos blickte er auf ein totes Purpurhuhn mit violettem Kopf und Bauch und einem leuchtend grünen Rücken.
Der Magier schwenkte eine Kürbisrassel. „Es ist ein ganz besonderes Purpurhuhn, o Herrscher, eines mit einem göttlichen Zeichen, denn an der Stirn trägt es den Zauberspiegel.“
Motecuzoma erkannte ein blaues Oval, und darin flammte plötzlich der Widerschein des Feuers.
„Wenn du es wünschst, wirst du darin den Himmel und die Sterne sehen – die Zukunft, Totecuiyo.”
„Woher hast du den Spiegelvogel?“
„Ich fand ihn im Schilf, o Herrscher. Nachdem ich das Zeichen entdeckt hatte, zeigte ich es meinem Herrn. Er wurde grau wie der Nebel im Sumpf und sprach, dass es alleine dir gebühre, es zu deuten.“
„Lass mich das Zeichen sehen!”
Der Zauberer ließ etwas in das Feuerbecken rieseln. Ein weißer Ball explodierte, darauf verbreitete sich ein herber, betörender Duft. Es wurde taghell um Motecuzoma.
„Der Spiegel gleicht dem nächtlichen Himmel. Aus seiner Tiefe kommen Lichter. Sie treiben heran, sie fallen wie Sterne. Siehst du sie, Totecuiyo?”
Motecuzoma schaute in den Spiegel. Kleine Punkte rasten auf ihn zu, die immer größer wurden, bis sie die Form von Sternen hatten.
„Sie kommen, o Motecuzoma-tzin, sie kommen! Sie fallen über uns her!“
Gebannt starrte Motecuzoma auf den Kopf des Vogels, den er noch immer in den Händen hielt. Schwindel erfasste ihn. „Es sind die Sterndämonen.“
„Nicht die Sterndämonen! Sieh genau hin, Totecuiyo! Die fremden Zauberwesen sind es.”
Der Herrscher sah Männer auf riesigen Hirschen. Sie rasten über das Land.
„Krieger der Totonaken sind mit ihnen.”
Motecuzoma sah auch sie.
„Krieger aus Tlaxcallan folgen.”
Motecuzoma sah Männer mit Tierhelmen, Schilden und Speeren im Spiegel.
„All jene kommen, die nicht unter deiner Herrschaft leben wollen.”
„Wer führt sie?”
„Ein entrechteter Prinz.”
Im Spiegel formte sich ein Antlitz, stolz, unbeugsam, auf dem Haupt ein roter Kamm, wie das Urbild eines Kriegers, ja des Krieges selbst: Vanilleblume!
„Hat Cacama es wie ich gesehen?“
„Cacama? Nein.“ Der Magier lachte. „Es ist Vanilleblume, der mich zu dir schickt.“
„Dann bist du eine Menscheneule.“ Motecuzoma wollte seine Wachen rufen, aber er brachte keinen Ton heraus, er konnte nicht einmal die Hand bewegen. Der Magier schwenkte eine zweite Rassel, die wie eine Klapperschlange klang. Das Geräusch nahm Motecuzoma den Willen. Er starrte wie gebannt in den Spiegel. Dort wälzte sich ein Heer heran! Die fremden Männer auf den großen Hirschen bildeten die Spitze. Sie zogen in Tenochtitlan ein. Sie schossen aus ihren Feuertrompeten und setzten die Pyramiden in Brand.
„Krieg! Tenochtitlan wird zuschanden werden! Es wird wie das Toltekenreich in Rauch und Asche untergehen!”
Dem Herrscher glitt der Spiegelvogel aus den Händen. Was für ein böser Atem von der Menscheneule ausging!
„Der Pfeil hat sein Ziel gefunden“, sagte die Menscheneule. Hilflos sah Motecuzoma an, wie sie sich bückte und in ihrem Sack das Zaubertier verstaute. Motecuzoma sank zusammen. Er nahm noch wahr, dass vorn am Ausgang seine Wachen ihre Lanzen kreuzten: Ohne sein Wort gelangte auch eine Menscheneule nicht hinaus.
Motecuzoma war in tiefen Schlaf gefallen. Nichts und niemandem gelang es, ihn zu wecken. Er wälzte sich auf seinem Lager und phantasierte wie im Fieber. Ein Name hallte durch die Träume: Huemac. So hieß der Toltekenkönig, dessen Reich untergegangen war. Am Abgrund stehend hatte er sich selbst den Tod gegeben. Motecuzomas Seele reiste in die Höhle, wo jener Selbstmord geschehen war. Sie irrte durch Gänge, Gewölbe und Grüfte, bis des Huemac Wächter sie stellten. Fürchterliche Schwerter wuchsen aus dem Boden, stachen von der Decke herab, verwehrten ihr den Weg zu Huemac, Hueeemaac, Eeemaaac. Motecuzomas Fieber stieg. Die Ärzte wussten nicht mehr weiter.
Nun spross die Sorge wie ein Giftkraut auf. Im Tempel des Tezcatlipoca versammelten sich morgens mehr Würdenträger als sonst zur Huldigung des Ixiptla. Sie saßen niedergeschlagen vor ihm und wagten schließlich gar, ihn anzureden. „Was sollen wir tun, Ixiptlatzin? Fremde Krieger sind im Land, und der Große Sprecher schläft. Wer wird die Stadt beschützen?“
Jadefisch verbarg die Überraschung hinter einer halb entrückten Göttermiene. Sein Vater hatte also Recht: Motecuzomas Stern begann zu sinken.
„Er erteilt nur noch Befehle, die keinen Sinn ergeben. So müssen seine verwachsenen Zwerge die Höhle des Toltekenkönigs aufsuchen und Opfergaben niederlegen. Er schickt sie immer wieder.“
„Und, gehen sie?“
„Ixiptla-tzin, wie sollten sie nicht? Es genügt, dass unser Herrscher die Lippen bewegt.“
„Spricht er nicht im Fieber?“
„Er ist der Große Sprecher!“
„Selbstverständlich. Aber sagt – nimmt der Toltekenkönig seine Opfergaben an?“
Die Würdenträger schluckten. „Ist es nicht so?“
„Seid unbesorgt. Jedoch, erlangt Motecuzoma seine Gunst?“
Der Priester-Weise schaltete sich ein. „Der Toltekenkönig weist ihn ab, damit er weiterlebt.“
„Gut gesprochen!“
Auf die Runde fiel ein Schatten. Der Oberpriester! Jadefisch fühlte sich ertappt. „Ich bete Tag und Nacht für seine Genesung“, sagte der Oberpriester. „Wie geht es ihm? Du warst an seinem Lager, Sternfinder.“
„Es sind zu viele Ärzte um ihn – Wahrsager, Traumdeuter, Zauberpriester, sogar Schamanen mit ihrem Tamtam.“
„Hilft gar nichts?“
„Nein.“
„Die Menscheneule, die den Zauber bewirkte, muss ihn auch aufheben!“
„Sie weigert sich.“
In die Würdenträger kam Bewegung. Der Übeltäter wurde verflucht. „Wenn ich den in die Finger kriege!“, drohte Atlixca, Herr des Richterhauses. „Seinetwegen warte ich vergeblich auf den Marschbefehl!“ Dabei schielte er auf den Ixiptla, in dem er wohl vor allem einen Kriegsgott sah. Sollte dieser ihn ins Feld beordern? ‚Atlixca, ich befehle dir …‘ Der verwirrte Jadefisch begann zu lachen. Lag das an der Gesichtsbemalung? Er wollte die Menscheneule sehen.
Die Würdenträger blickten zu Boden. Das Gottesabbild lachte noch einmal. Wie war die Welt so heiter! Welch himmlischen Duft verströmte der Blumenstrauß, den Atlixca – oder wer war es gewesen? – ihm gespendet hatte! Solche große bunte Blüten! Oh, er verdiente, dafür die göttliche Musik zu vernehmen. Welche Flöte sollte er benutzen? Er hatte in jeder Hand eine. Der Priester-Weise nahm ihm eine Flöte ab und führte ihn hinaus.
Auch die Würdenträger gingen. Der Priester-Weise hatte vor, sich seinen Büchern zu widmen, aber der Oberpriester hielt ihn zurück. „Der Ixiptla macht mir Sorgen.“
„Weswegen?“
„Erschien es dir nicht auch, als habe er den Rausch nur vorgetäuscht? Zu lange lauschte er mit unbewegter Miene, zu plötzlich sprang er wie ein Clown von seinem Sitz. Er foppt uns, Sternfinder.“
„Durch ihn spricht Tezcatlipoca.“
„Ja! Tezcatlipoca lässt ihn seine göttlichen Sandalen in ein Schmutzloch setzen. Ins Schatzhaus schickt Er ihn mit angesteckter Pfeife! Jetzt sendet Er ihn zu der Menscheneule – und wer weiß, zu welchem Zweck!“
„Er, Der Seinen Spott Mit Uns Treibt.”
„Der Ixiptla soll nicht die dunkle, sondern die helle Seite des Tezcatlipoca verkörpern. Freundlich, gefällig soll er sein – ein Gott, dem wir vertrauen können, der Regeln folgt, der tut, was nützt.“ Der Oberpriester seufzte. „Sternfinder, du allein kannst ihn dazu bewegen.“
„Wie werde ich dem Gott gebieten?!“
„Verstärke die Wirkung der Götterfarbe. Gib mehr von den zermahlenen Samen der weißen Acker-Winde hinein.“
Darum also war der Oberpriester heute so gesprächig. Der Priester-Weise wiegte das Haupt. „Wenn er zu viel davon bekommt, dann wird er einer Gliederpuppe gleichen. Er wird dumm und stumpf, als würde seine Götterfarbe nicht mehr leuchten.”
„Das darf natürlich nicht geschehen. Normalerweise macht die Acker-Winde sanft. Sie hat noch jedem Abbild geholfen, seine Bürde zu tragen. Finde die beste Dosierung heraus! Keineswegs darf der Ixiptla unser Ritual verletzen.”
Der Oberpriester kannte sich selbst sehr gut mit den heiligen Pflanzen aus. Er würde die Farbe alleine bereiten, fiele es ihm nicht so schwer, die Samen abzuzählen. Seine Augen veränderten sich. Er konnte immer weiter in die Ferne sehen, indes die kleinen Dinge nahe bei ihm mehr und mehr verschwammen. Er brauchte also den Priester-Weisen.
„Ich werde nichts tun, was ihm schadet“, bekräftigte dieser.
„Du bist es, der ihn durch sein Jahr geleitet. Bedenke, dass ihm noch mehr Bedeutung zuwächst, falls der Herrscher nicht gesundet.“
Der Priester-Weise antwortete vage. Er wollte nicht den Grund für ein Zerwürfnis legen.
Indessen streifte Jadefisch um das Gefängnis. „Wartet hier!“, befahl er dem Gefolge. „Drinnen ist es eng, leicht kann einer durch die Latten fingern.“
„Was sollte ihm das nützen?“ fragte Goldfasan.
„Etwas Tabak, etwas Glut. Er legt ein Feuer, und man wird sie alle retten müssen – Diebe, Räuber, Mörder, unkeusche Priester, Händler, die kleine Kinder in die Sklaverei verkauften, Ehebrecher, vielleicht sogar Spione, Geheimnisverräter, auch jene Menscheneule, die den Anschlag auf den Großen Sprecher verübte.“
„Und du, Ixiptla-tzin, willst dich allein zu jenen begeben?“
„Niemand wird wagen, mich zu berühren.“
Jadefisch betrat das Gefängnis. Wo hielt man die Menscheneule fest? Das schummrige Haus war voll mit Leuten jeden Standes. Im letzten der niedrigen Lattenverschläge fand er den Schwarzmagier schließlich. Er hatte wirklich etwas Eulenhaftes, wie er da auf dem Steinfußboden hockte, klein und grau und reglos, doch mit wachen Augen, die den Besucher taxierten.
„Was verschafft mir die Ehre? Kann ich dir von Nutzen sein?“
„Du? Mir?“
„Ich besitze viele Fähigkeiten.“ Der Magier legte gleich drei Finger auf die Lippen und spreizte die anderen ab. Jadefisch blickte verstohlen auf die Hand. Hinter dem kleinen Finger stand noch einer, kurz und knubbelig, zur Seite ab.
„Nur Flughäute habe ich nicht“, sagte der Gefangene schmunzelnd.
„Es heißt, die Zauberer flögen jede Nacht an die Grenzen der Welt.“
„Auf den Schwingen des Windes.“
„Weshalb bist du dann noch hier?“
„Hat man mich nicht meiner Hilfsmittel beraubt?“
„Wo sind sie?“
Die Menscheneule wies auf eine Bank an der Wand gegenüber. „In dem Sack dort drüben.“
Jadefisch holte ihn. „Lass sehen. Ein ausgestopfter Vogel. Eine Rassel. Pülverchen und Pflanzensamen.“
„Farbiger Salpeter, Bärlappsporen und Anis.“
„Lässt sich damit Verwirrung stiften?“
Die Menscheneule grinste breit. „Streu es ins Feuer, Ixiptla-tzin.“
„Was davon brauchst du, um dich in die Luft zu schwingen?“
„Nur den Vogel.“
„Leuchtet ein.“
„Er hat die Größe meines Kopfes.“
„Dann passt er ja nicht durch die Stäbe.“ Während Jadefisch dies sagte, löste er von außen schon den Riegel.
Der Magier spielte mit den Fingern in der Luft. Im Gefängnis erhob sich Geschrei: „Mich auch, Ixiptla-tzin, auch mich!“
„Wer von euch sitzt unschuldig hier?“
„Ich!“
„Ich!“
„Ich!“
Das ganze Haus begann zu toben. Rasch schob Jadefisch den Vogel durch den Spalt und stellte sich davor, so dass die herbeieilenden Wärter nichts sahen. Die schlugen mit Stöcken gegen die Stäbe. Auch zu der Menscheneule kam einer.
„Was brüllst du so?“
„Was, ich? Ich kriege kaum den Mund auf, bring mir endlich Wasser!“
„Zauber dir welches!“
„Ich hex dir gleich was an!“
„Warte nur, bis der Große Sprecher erwacht. Dann lässt er dich in Stücke hacken oder den Boden deines Käfigs mit scharfen Schneiden übersäen.“
„Er hat nicht mehr die Kraft, dergleichen zu befehlen.“
„Du wagst es noch, ihn zu verspotten? Die Kehle möge dir verdorren!“
„Welch nobler Wunsch“, ließ Jadefisch sich vernehmen.
„Verzeih, Ixiptla-tzin. Ich war in Sorge um Motecuzoma.“ Der Wärter beugte sich zu Boden.
„Du gehst auf der Stelle Wasser holen! Und zwar für jeden hier!“
„Jjjjawohl, Ixiptla-tzin.“
„Ein bisschen plötzlich!“
Der verschreckte Wärter sprang auf und pfiff seine Mannschaft zusammen.
Jadefisch verlor keine Zeit. Er zog auch den zweiten Riegel heraus.
„Solltest du je in Bedrängnis kommen – oder jemand, der dir nahesteht“, flötete die Menscheneule, „geh in die Stadt Otompan, in den Palast Vanilleblumes, und frag nach Uhu, der den Spiegelvogel fand.“
„Wo liegt Otompan?“
„Du paddelst nach Norden über die Lagune, durchquerst die enge Stelle, die dem dünnen Hals eines Flaschenkürbisses gleicht, und fährst in die oberen Seen hinauf, bis zur Höhe der Sandspinneninsel Xaltocan. Dort biegst du nach Osten. Vom Ufer aus wanderst du weiter der aufgehenden Sonne entgegen.“ Der Magier nestelte an seinem Gürtel. Er gab Jadefisch einen vertrockneten Vogelfuß. „Diese Klauen einer Eule haben mich bis heute beschützt. Sie können sogar unsichtbar machen. Wer sie mir bringt, dem schulde ich mein Leben.“
Jadefisch versteckte das Pfand in der Verzierung der linken Sandale. Er erhob sich. Die anderen Insassen riefen nach ihm. Damit sie ihn nicht zu früh verrieten, öffnete er im Vorübergehen wahllos die Türen. Dann begab er sich nach draußen, um das Durcheinander zu betrachten. Während die Flüchtenden mit den Wasserträgern zusammenstießen, drückte sich der Magier an der Wand um das Hofgeviert.
„Warum hast du das getan?“, fragte Goldfasan.
„Weil Tezcatlipoca die Unschuldigen schützt.“
„Was – die haben alle nichts verbrochen?“ Goldfasan lachte. „Fehlte nur, dass du auch die Menscheneule …“
„Die Menscheneule!“ Schädelwand stürzte los und stolperte aber über Jadefischs Bein.
„Ixiptla-tzin! Ich wollte doch nur …“
„Tezcatlipoca ins Handwerk pfuschen?“
Schädelwand fügte sich, in seinem Stolz verletzt. Was war das nur für ein Ixiptla?
Dasselbe fragte sich der Oberpriester, der den Ixiptla starr vor Wut empfing.
„Den Gott bewegt die Lust auf üble Streiche. Darf man den Grund erfahren?“
Jadefisch erschrak. War er zu weit gegangen? Er setzte eine ernste Miene auf. „Yaopol-tzin, der Ruf des Großen Sprechers war gefährdet. Ich habe ihn nur wiederhergestellt.“
„Das ist ja lächerlich!“
„Lächerlich ist, dass ein kleiner, grauer Magier dem Großen Sprecher etwas anhaben kann.“
Der Oberpriester schluckte. „So habe ich das noch gar nicht betrachtet.“ Er verneigte sich.
Der Priester-Weise tat ein Übriges, ihn zu besänftigen. „Wenn du doch im Hof der Schwarzen Häuser deine Flöte spielen wolltest?“
Jadefisch begriff, dass es nicht gut war, abzulehnen.
Das Erste, was Motecuzoma durch die Mauern des Schlafes vernahm, war leise Musik. Er wähnte sich jetzt auf dem Weg zum toten König Huemac. Sehnsüchtig folgte er den Tönen. Aber dann verstummte die Musik, und Huemac war noch immer nicht zu sehen. Er lauschte, ob nicht wenigstens ein Echo in den Gängen hallte – aber nichts. Man narrte ihn!
Er wurde langsam ungehalten. Anstatt des Huemac kamen seine Ärzte. Sie bebliesen ihn mit Rauch. Sie strichen ihm mit Kräuterbüscheln über den Leib. Sie machten ihm Wickel. Das Fieber sank, er hörte auf, im Traum zu reden. Endlich erwachte er.
„Lasst mich mit ihm allein“, sagte eine vertraute Stimme.
„Sternfinder?“ Er blinzelte. Vom Licht, das in den Raum fiel, taten ihm sogar die Wimpern weh.
Der Priester-Weise hielt ihm eine Schale an die Lippen. „Du bist die Mutter und der Vater Tenochtitlans. Du musst zu Kräften kommen.“
Die Medizin schmeckte bitter. „Was fehlt mir, Sternfinder?“
„Du wurdest Opfer eines bösen Zaubers.“
„Der Magier mit dem Spiegelvogel …“ Die Bilder des Krieges kehrten zurück, die Männer auf den Hirschen, die Feuertrompeten, das Heer des Küstenlandes, das Heer von Tlaxcallan, das Heer von Vanilleblume. Motecuzoma sank auf das Lager. Er schloss die Augen und dachte an Huemac. Die Höhle des Toltekenkönigs leuchtete ihm golden durch die Nacht.
8
Jadefisch strich wieder am Schilfrand der Lagune umher. Die Last des Amtes fiel von seinen Schultern, wenn er den Wind im Nacken spürte. Er ertappte sich dabei, dass er die Wasserfläche nach der Sandspinneninsel absuchte, die Wegbeschreibung des Schwarzmagiers im Ohr. ‚Dort biegst du nach Osten. Vom Ufer aus wanderst du weiter der aufgehenden Sonne entgegen – nach Otompan, zu Vanilleblume. Ein Wesen, winzig klein, das er nicht sehen konnte, fiepte ihm ins Ohr: „Tezcatlipoca ist nicht wirklich in dich eingetreten. Du bist nur ein einfacher Mensch!“ Nun rief ihn, wie im Pilzrausch, auch sein Vater wieder: ‚Jadefisch, folge mir!‘ Er fing an, sich einzureden, Nachtjaguar beordere ihn zu Vanilleblume – weshalb hatte er ihm sonst von ihm erzählt? – und wusste dabei doch, dass seine Flucht ihn nur entehren würde. Er hoffte gegen jegliche Vernunft, einen Handel mit dem Schicksal abzuschließen – einen Aufschub, sei er noch so kurz, herauszuschinden, während er im Kampf sein Leben erneut den Göttern anböte. Wenn er sich dabei bewährte, wäre seine Schande dann nicht ausgelöscht? Er würde um das Feuer tanzend seine Ruhmestaten besingen. Er würde heiraten, er würde König werden! Das Leben schillerte in allen Farben, und das Wesen fiepte: ‚Worauf wartest du?‘
Auf den Neumond, dachte Jadefisch. Am Abend, auf dem Rückweg in die Stadt, hörte er den Rohrdump balzen. Er saugte Wasser an, das er dann aus dem Halse pumpte, ein heller wechselte mit einem dunklen Ton, als spielte in der Ferne eine Zungentrommel, re-dim, re-dom. Und dort im Schilf, wo die Rohrdommel stand, war da nicht nahebei ein Steg? Und an dem Steg, lag da nicht auch des Mattenflechters Boot vertäut?
Der Mond nahm ab. Er wurde wie ein Schilfblatt, schmal und dünn, dann wie ein Baumwollfaden; dann kam die Nacht, da er verschwunden war.
Im Hof des Priesterhauses schürte der Tempelwirtschafter das Feuer. Er schüttete Glut in das Becken im Säulengang und streute Pinienspäne darüber. Er blies die Glut an, bis die Flamme zischte. Er schichtete Holzscheite auf. Die Flamme knisterte und leckte mit ihrer roten Zunge. Als sie schon ein wenig gelb geworden war, ging er mit seiner Glutpfanne weiter, gefolgt von einem kleinen Priesterschüler, der ihm die Scheite trug. Er würde noch ein Feuer anzünden – vor dem Eingang in die Pyramide. Jadefisch fiel jenes Zauberpulver ein, das er der Menscheneule abgenommen hatte, und als der Tempelwirtschafter mit dem Novizen zurückgekehrt war, erhob er sich.
„Ich gehe ins Heiligtum.“
Die Wächter folgten ihm bis vor die Pyramide. Während sie am Eingang blieben, stieg er die Innentreppe empor. Oben entfernte er das Fußband mit den Schellen. Dann schlich er sich wieder hinunter. Er hörte, wie das Feuer das Öl der Pinienscheite trank. Es hatte an Kraft gewonnen. Es brannte hell und gelb, es beleuchtete die Wächter, indes der Türsturz über Jadefisch einen dichten Schatten warf. Zügig tauchte Jadefisch dort ein. Sie konnten ihn im Dunkeln nicht sehen, als er seine Hand ausstreckte und die Bärlappsporen ins Feuerbecken warf. Ei, wie es zischte, wie es knallte! Ein weißer Ball stieg auf, und die Wächter wurden wie erwartet davon in Bann gezogen. Jadefisch verlor keine Zeit. Er hielt sich dicht an den Wänden, umwandelte unhörbar die Säulen des Priesterhauses, erreichte die Umfassungsmauer des Heiligen Bezirks und schlüpfte durch die Pforte des Schilfrohrs hinaus.
Wie gut kam ihm jetzt seine Ortskenntnis zupass! Er lauschte in die Nacht, um die Rohrdommel zu orten, dann lief er los. Nach einer Weile aber hörte er es hinter sich keuchen. Rasch trat er hinter einen Busch. Ein Mann mit einer Fackel kam gerannt. Und weil er stehen blieb, fiel Licht auf ihn, und Jadefisch erkannte seinen Wächter Schädelwand. Der war ihm nachgesetzt! Der wollte ihn offenbar ergreifen! Suchend fing er an, die Gegend abzuleuchten. Dabei kam er dem Busch, unter dem Jadefisch sich versteckte, gefährlich nahe. Geistesgegenwärtig warf Jadefisch einen Kiesel auf den Weg. Das lenkte Schädelwand kurzzeitig ab. Der Flüchtling rollte sich die Böschung des Kanals hinab und warf dann einen weiteren Stein ins Wasser. Platsch! Wieder suchte Schädelwand an der falschen Stelle, und während Jadefisch sich an den Boden presste, arbeitete sich der Verfolger den Kanal weiter unten in Richtung der Strömung entlang. Die Fackel hüpfte unstet wie ein Irrlicht durch die Dunkelheit, und als sie klein genug war, robbte Jadefisch wieder auf den Weg und rannte, was das Zeug hielt, zu dem Steg im Schilf. Re-dim, re-dom, so wie der Rohrdump rief, schlug ihm der Puls.
Zum Glück fand er dort das Boot. Er löste die Leine und sprang hinein. Sich besinnend wickelte er noch einen Jadestein in ein Stück Stoff und warf ihn als Bezahlung für den Bootsbesitzer auf den Steg. Dann stieß er ab. Rau krächzend flatterte die Rohrdommel auf. Jadefisch bemerkte den gedrungenen Schatten auf dem Wasser. Damit hatte er nicht gerechnet. Es lag Licht auf der Lagune! Sie glich einem dunklen Spiegel, und der Himmel – mondlos, aber voller Sterne – glühte gnadenlos darin. Tezcatlipoca! Hatte der Gott den Flüchtling entdeckt? Nicht lange auch, und Jadefisch vermeinte, einen zweiten Paddelschlag zu hören, der wie ein Echo seinem folgte: Schädelwand? Der hatte sich einen Einbaum besorgt und fuhr wütend hinter ihm her. Aber auch vor ihm lauerten Gefahren: Ein Pfahlbeet ragte vor ihm auf, mindestens 100 Schritte breit. Obwohl es an allen vier Seiten durch Bäume im Seegrund verankert war, fürchtete er plötzlich doch, dass es sich losreißen könnte. Und dahinter drängten sich weitere Wassergärten.
Ein ganzes Heer versperrte ihm den Weg! Aber Jadefisch wollte sich Schädelwand auf keinen Fall ergeben. Lieber floh er zwischen die gespenstischen Parzellen, aus deren Randgehölz es wie mit dürren Knochenfingern nach ihm griff, und wo das Wasser zwischen schlangenhaften Wurzeln gluckste, die seinem Einbaum nachstellten. Nur Weiden, Pappeln, Sumpfzypressen, sagte er sich tapfer; aber immer, wenn ihn feuchtes Blattwerk streifte, zuckte er zusammen. Und Schädelwand verfolgte ihn noch immer. Wie sein Herzschlag raste hinter ihm das Paddel. Er glaubte, Schädelwands Atem zu spüren. Da vertraute Jadefisch sich einem Baumgreis an, dessen Zweige wie ein Dach in die Fahrrinne hingen. Er glitt dahinter, und Schädelwand fuhr weiter. Jadefisch wartete eine Zeit lang, dann wagte er sich aus der Deckung hervor. Er musste das offene Wasser gewinnen. Er erinnerte sich, dass er die Wassergärten schon vom Ufer aus gesehen hatte. Sie lagen wie auf Schnüre gezogen, im rechten Winkel trafen sich die Kanäle zwischen ihnen; er brauchte weiter nichts, als geradeaus zu paddeln. So gelangte er hinaus. Und Schädelwand? Wo war er? Jadefisch begann zu zählen. Die Furcht ließ nach. Als er bei zwanzig angekommen war, hatte er sich ganz beruhigt. Die Strömung trug ihn, was ihm half, Kraft zu sparen. Die Wellen schienen geradezu im Gleichklang mit ihm zu sein – so stark, wie sie ihn mit sich zogen. Er spürte Wind im Rücken; der wühlte den See auf, denn seine Ohren vernahmen ein lauter werdendes Glucksen und Plätschern, als schlüge Wasser gegen einen Wall. Dann sah er den Rücken einer Echse: der Dammweg nach der Tepaneken-Stadt Tlacopan! Nun hieß es gegensteuern, sonst würde er gegen die Mauer prallen. Endlich ließ die Gegenströmung nach.
Und da Jadefisch nicht wusste, wo im Damm die Schleusen waren, peilte er notgedrungen das Westufer an. Dann musste er eben dort in Ufernähe einen Fahrweg finden oder notfalls sogar an Land gehen und den See zu Fuß umrunden. Seine Position auf der Lagune konnte er nicht genau bestimmen. Ganz dem glücklichen Zufall musste er sich überantworten. Nicht denken, nicht bangen, fahren sollst du, sagte er sich.
Er war indes nicht allein auf dem Wasser. Ein zweites, größeres Boot hatte in direkter Richtung nach Westen von Tenochtitlan abgelegt. Zwei Männer saßen darin – der eine hinten, ruhig und kraftvoll steuernd, der andere vorn, in sich versunken. Er fuhr zum Stelldichein mit einem Toten. Er wollte in die Höhle des Toltekenkönigs Huemac, in der dieser bestattet war. Der unglückliche Huemac hatte vergebens auf seine Truppen gewartet, während die Gegner ihm den Rückweg abschnitten. Um ihnen nicht in die Hände zu fallen, nahm Huemac sich am Ende das Leben. Wie war er sich des Untergangs seines Reiches gewiss geworden? Welche Zeichen hatte er gesehen?
Motecuzoma war entschlossen, den Geist des Toten zu beschwören. Beschied er ihm Unheil, wollte er ihn bitten, ihn mit sich in sein Land des Überflusses und der Sicherheit zu nehmen. Zu diesem Zwecke führte er einen kleinen goldenen Krug mit sich, welcher einen Aufguss aus dem berauschenden und bisweilen tödlichen Stechapfel enthielt. Er war so sehr mit sich beschäftigt, dass er nichts um sich her bemerkte.
Auch Jadefisch bemerkte nichts. Die Wellen, die von rechts an seinen Einbaum schlugen, schob er auf eine natürliche Strömung, das leise Plätschern, das er hörte, auf sein eigenes Paddel. Fast wäre er dem anderen, größeren Boot in die Seite gefahren. Aber der Gegenüber hielt ihn mit seinem Paddel auf Distanz. „Wer da?“
Jadefisch schwieg. Wenigstens gehörte diese Stimme nicht Schädelwand. Wem aber dann? Jadefisch erkannte lediglich Konturen. Ein Mann stand aufgerichtet hinten im Boot, und vor ihm saß noch jemand. Oben – dort, wo dessen Kopf, die Stirn war – blitzte ein Stern. Jetzt machte Jadefisch eine Dreiecksform aus: das königliche Diadem! Zu allem Unglück bückte sich der Paddler nach einer Leuchte.
„Unser Ixiptla!“ Der Paddler verneigte sich. Der Herrscher rührte sich nicht.
Jadefisch musste die Situation in den Griff bekommen, sonst war er verloren.
„Totecuiyo, o Herrscher!“ begann er, noch tastend nach den Worten, die ihn ins Recht setzen sollten – denn etwas stimmte hier nicht mit dem Großen Sprecher, so viel war klar. Was trieb diesen, nahezu alleine, bei Nacht auf den See? Und ihn selbst? Jadefisch trat die Flucht nach vorne an. „Unser Gott Tezcatlipoca, der alles sieht, dem nichts verborgen bleibt, hat mich dir nachgeschickt. Er trug mir auf, dich deiner Pflichten zu gemahnen.“ Sagte er das wirklich? Wagte er es, so mit dem mächtigsten Mann der Welt im Ring des Wassers zu reden? „O mein geliebter Herrscher!“, mäßigte er sich. „Du gehörst in deine Stadt, auf deinen Thron.“ Was sollte er sonst noch sagen?
Überraschend kam Motecuzoma ihm zu Hilfe. „Sahst du die Höhle des Toltekenkönigs leuchten?“
Jadefisch bejahte. „O Motecuzoma-tzin, du kommst zu spät. Vor kurzer Zeit noch stand sie wie ein Berg aus purem Gold, jetzt ist sie Fels und Erde. Kehre um!“
„Zuerst will ich meine Opfergaben niederlegen. Und du sollst mit mir kommen.“
So fuhren sie also Boot an Boot über die Lagune und gingen schließlich irgendwo an Land, der Leibwächter erkundete den Weg.
Argwöhnisch beobachtete der Herrscher seinen unfreiwilligen Begleiter. Wohin könnte er wollen, wenn nicht nach Cholollan? Wählte er den Umweg, um die Verfolger zu täuschen? Oder zog es ihn etwa nach Norden?
„Dort drüben“, der Herrscher deutete in jene Richtung, „liegt Otompan. Dort hat Vanilleblume sich verschanzt. Weil er ein paar Dörfer erobert hat, bildet er sich ein, das aztekische Bündnis schlagen zu können.“
„Er hat von Tag zu Tag mehr Krieger“, wagte Jadefisch zu sagen.
„Wenn sie merken, dass sie keinen Ruhm erlangen können, wird er sie wieder verlieren.“
Jadefisch entgegnete nichts. Er wartete auf eine günstige Gelegenheit, dem Herrscher zu entkommen. Wenn Motecuzoma doch nicht ständig den Blick auf ihn gerichtet hielte, so dass er das Weiße des Augapfels sah! Wenn sie doch endlich die Höhle erreichten, so dass er sich vielleicht im Labyrinth der Gänge absetzen könnte!
Der Felsen öffnete sich über einer Wasserader. Der Herrscher füllte ein kleines Gefäß mit weißem Kopal und stellte es als Opfergabe am Eingang ab. Sobald der Duft aufstieg, hieß er den Ixiptla vorangehen, den Leibwächter sich am Eingang postieren.
Sie wateten bachauf. Die Fackeln fraßen kleine Löcher in die Schwärze, so dass man erkannte, wo der schmale Raum sich weitete und trockener Grund begann. Bevor Motecuzoma aber weiter in die Höhle eindrang, hielt er Jadefisch die Fackel vors Gesicht. Und das war fleckig! Im Kopfputz fehlten etliche der angeklebten Adlerdaunen, allerdings trug der Ixiptla seine Göttertracht. Er schien so weit in Ordnung zu sein. Bis das abwärts gleitende Licht seine Waden enthüllte.
Oben, auf der Erde, hätte Motecuzoma wegen der fehlenden Schellen gezürnt. Die Höhle aber war eine Spiegelwelt. Bei den Toten waren alle Dinge ins Gegenteil verkehrt. War nicht auch Motecuzomas königlicher Umhang eine Täuschung? Verbarg er nicht den Deserteur, der seine Stadt im Stich ließ? Der vor dem Schicksal floh, das ihm bestimmt war? Kein Mensch, schon gar nicht er, durfte so etwas tun. Schweigend betrachtete er den Ixiptla. Nach geraumer Zeit sagte er: „Wir sind beide Abbilder Tezcatlipocas. Ich regiere an Seiner statt und übe Seine Gerechtigkeit aus. Du verkörperst den Sinn hinter den Dingen. Vor mir hat man Angst, denn ich halte die Ordnung dieser Welt aufrecht. Dich liebt man, weil du nichts forderst. Du gehst einher mit Flöten und Blumen und kündest von der anderen Welt, in die du bald eingehen wirst und aus der heraus die hiesige in Wirklichkeit lebt. Auch ich würde es vorziehen, die hellere Seite des Gottes zu sein. Es ist nicht leicht, Verantwortung für so viele Menschen zu tragen.”
Jadefisch wusste keine Entgegnung. Motecuzoma fuhr fort: „Was weißt du von König Huemac?“
„Er hat sein Reich verloren.”
„Gewiss. Aber warum?”
„Darüber gibt es viele Geschichten. Man sagt, dass er ungehörige Wünsche hegte. Auch sagt man, er habe den Krieg gegen die Stämme des Nordens verloren, weil sein Reich schwach und zerstritten war.” Motecuzomas Blick glitt über das kleine, längliche Goldgefäß an seinem Gürtel. Jadefisch sah es im Fackelschein aufblitzen. Eine dunkle Ahnung ergriff ihn. Wie redete man mit einem Toten? Wieder musste er daran denken, dass Motecuzoma ohne Gefolge hier war.
„Gib mir das Gefäß, das du am Gürtel trägst, o Herrscher. Ich werde es für dich bewahren, während du mit dem Toten sprichst. Unser Gott Tezcatlipoca hat dich auf den Thron gesetzt, Er allein wird dich abberufen.”
Schweigend händigte Motecuzoma ihm die goldene Kalebasse aus. Während das Gefäß mit einer knappen Bewegung zu ihm kam, spürte Jadefisch zum ersten Mal, was es hieß, Macht über jemanden zu haben. Er streckte die Hand aus, und das Gefäß wurde ihm hineingegeben.
Der Weg zu Huemacs Höhlengrab führte durch lange, unebene Gänge. An manchen Stellen tropfte Wasser von der Decke und sickerte von der Wand auf den Boden. Schritt für Schritt wurde Jadefisch in Huemacs böse Geschichte gezogen: Auf dem Marktplatz gegenüber dem Palast saß ein Pfefferschotenhändler, der niemand anders als Tezcatlipoca war, und entzweite die Tolteken. Er zeigte ihnen eine Puppe, einen kleinen Kriegsgott aus Holz, stellte ihn auf seine Hand und ließ ihn tanzen. Die Leute rasten vor Begeisterung. Jeder wollte dieses Schauspiel sehen. Sie trampelten einander nieder, denn jeder wollte vorn beim Puppenspieler sein. Am selben Tag begann der Krieg, dem König Huemac zum Opfer fiel. Motecuzoma sollte Gleiches widerfahren, wünschte Jadefisch.
Da glitt er auf dem feuchten Kalkgestein aus. Er stürzte unsanft und blieb liegen wie eine Gliederpuppe, unfähig aufzustehen. Ein Schmerz, so grausam, dass er jede andere Empfindung auslöschte, durchbohrte ihm den linken Fuß. Die Feuerklinge schnitt bis in den Knochen, und sein Aufschrei hallte in der Höhle wider. Dann sah er die schwarze Statue Tezcatlipocas. Der Gott nahm Jadefisch und setzte ihn auf seine Hand. Ohne Gnade zwang Er ihn zu tanzen. Jadefisch mühte sich ab. Er hüpfte auf einem Bein und kroch auf allen vieren. „Ist das dein Kriegstanz?”, höhnte der Gott. „Du willst in Vanilleblumes Kriegen deine Schuld bei mir begleichen?” Tezcatlipocas Stimme klang wie ein Erdbeben: „Höre! An Motecuzomas Seite kehrst du nach Tenochtitlan zurück und spielst meine Flöten!”
Was anschließend geschah, konnte Jadefisch sich später nicht erinnern. Motecuzoma ließ ihn zurück und drang allein in jenen Teil der Höhle vor, in dem sich Huemacs Grab befand. Gelang es ihm, den Geist des Toten zu beschwören? Jadefisch wurde nicht Zeuge.
Er wurde vom Schrei eines Reihers geweckt. Er lag im Boot des Großen Sprechers mit einem dicken Wickel um den Knöchel. Im Licht der Sonne nahmen die Dinge wieder Gestalt an. Durch die Wimpern blinzelnd erkannte er Motecuzoma, der ihn betrachtete. Die Miene des Königs wurde hoheitsvoll, als er sich davon überzeugte, dass der Ixiptla das Bewusstsein wiedererlangt hatte. Er erteilte einen Befehl. Paddel tauchten ins Wasser.
„Wie geht es deinem Fuß, Ixiptla-tzin?”, erkundigte sich Motecuzoma mit einem leicht spöttischen Unterton. „Wahrlich hat Unser Herr dich zu Seinem Abbild gemacht!”
Damit spielte er auf die Geschichte an, bei der Tezcatlipoca im Kampf mit dem Erdungeheuer den linken Fuß verloren hatte. Wahrlich, dachte Jadefisch. Er konnte, hätte er es auch gewollt, an seiner Auserwähltheit nicht mehr zweifeln. Er war das Abbild des Rauchenden Spiegels.
Drittes Kapitel
Maisblüte
9
Der Große Sprecher machte Tezcatlipoca ein reiches Geschenk. Er spendete Ihm eine Opferschale aus grünem Jade und Seinem Abbild neue Schellen und einen neuen Puffmaisblumenschmuck. Zudem, welch Ironie, ein königliches Boot, damit – trotz des gestauchten Fußes – die Blumenflöte weiterhin zu hören wäre. Es war aus dem Stamm einer Zypresse gehauen, gelb und schwarz bemalt und vorn mit dem geschnitzten Emblem des Tezcatlipoca, dem runden Spiegel, versehen, aus dem eine Rauchfahne tritt. Daneben prangte, kleiner, Motecuzomas Namenszeichen: ein Diadem mit Dreiecksspitze. Jeder sollte sehen, dass der Große Sprecher die Gunst des Gottes mehr denn je besaß.
Strahlend schwebte er in seiner Sänfte auf den Schultern von acht Fürsten in den Tempelhof. Der Oberpriester ließ den Weg vor ihm fegen und ging ihm dann zum Heiligtum voraus. Er stieg die verwinkelten Stufen der Innentreppe hinauf, half seinem König durch die Luke und führte ihn vor den Altar. Dort glänzte schon die neue Opferschale im matten Licht des ewigen Feuers. Der Oberpriester weihte sie, dann ließ er Motecuzoma allein. Seine Schritte hallten auf der Treppe nach.
Motecuzoma lauschte, bis nichts mehr zu hören war. Er ging noch einmal hinter den Altar, um sich zu vergewissern, dass niemand sonst dort war. Dann warf er sich vor der Statue nieder. „O Tezcatlipoca, Lebensspender, Herr des Nah und Bei! Ich bin nicht würdig, dass Du mich erhörst!”, begann er wie gewöhnlich sein Gebet. „Bestrafe mich für meine Verbrechen, stoße mich vom Thron, denn ich bin unfähig, den Staat zu lenken.” Auch das sagte er immer. Er machte sich klein, um den Willkürlichen günstig zu stimmen, bevor er Ihm sein Blutopfer darbrachte. Mit einem Jadedorn durchstach er sich die Waden, fing das Blut mit Papier auf, setze darauf eine Kugel aus Zacate-Gras, steckte den blutigen Stachel hinein und legte das Ganze auf den Altar. „O Herr der Welt! Der Du im Himmel, auf der Erde und in der Unterwelt gleichzeitig weilst! Ich bin fürwahr vor Dir erschienen. Ich bin der Jaguar mit Deinem Fang und Deinen Krallen. Ich übe Deine Gerechtigkeit aus.”
Als er aber hätte dazusetzen müssen, ‚Ich bin Deine Flöte, ich bin das Instrument, durch das Dein Wille sich kundtut‘, geriet er ins Stocken. War das noch so? „Du hast mich auf dem Thron belassen, aber ich, ich tauge nicht mehr zum Regieren. Ich bringe überhaupt nichts mehr zustande“, sagte er tonlos. „Nicht einmal die junge Reiherfeder will ich sehen, die mich sonst mit einem irren Glück erfüllte. Bei ihr fühle ich mich nicht wie der geplagte Herrscher eines Reiches, das ich mit starker Hand und nach den geltenden Gesetzen zu regieren habe, sondern frei und unbeschwert. Ich pflegte bei ihr einzuschlafen. Und jetzt? Ich bräuchte nur ein Wort zu sagen, aber wozu.“ Motecuzoma unterbrach sich, denn damit durfte er den Gott nicht behelligen. Ohnehin wusste Er alles. Dennoch sprach er weiter, um sich zu sammeln. „Meine Zweite Hauptgemahlin möchte wissen, ob ich schon Heiratspläne für unsere jüngste Tochter habe. Natürlich will sie hören, dass dem nicht so ist. Unsere Maisblüte ist erst fünfzehn, sie hat noch drei, vier Jahre Zeit. So lange möchte Quetzalmatte sie behalten. Trotzdem spricht sie bereits von einem möglichen Schwiegersohn. Es ist der junge Schädelwand. Der ist Wächter im Gefolge des Ixiptla, ein Kronprinz, und er hat noch keine Frau. Maisblüte wäre seine Erste Hauptgemahlin. Sie bliebe ganz in unserer Nähe, denn den Palast in Xochimilco kann man fast zu Fuß erreichen. Allerdings …“ Motecuzoma stockte wieder. Ein Windhauch berührte ihn, und der konnte nur von der Statue kommen! Von der Gottheit selbst! „O mein Herr Tezcatlipoca, es geschehe, was Du willst. Schädelwands Vater ist mir immer ein loyaler Freund gewesen. Welche Gründe hätte ich, seine Brautwerber abzuweisen? Waren meine Mühen um Cholollan nicht vergebens? Nachtjaguar verweigert sich.“ Motecuzoma atmete hörbar: „Nachtjaguar! Ausgerechnet sein pflichtvergessener Sohn musste mich meiner Pflichten erinnern! Wenn ich doch wüsste, wie ich sie erfüllen soll.“ Ein Funkenregen sprühte über die Statue hin. Sie glitzerte wie der gestirnte Himmel. Motecuzoma wandte den Blick ab. „Vergib mir meinen Unmut. Die Welt gerät aus den Fugen, seitdem die Fremden im Lande sind. O mein Herr Tezcatlipoca, was soll ich ihretwegen unternehmen? Wenn Du mir doch enthüllen wolltest, was Du in Deinem Spiegel siehst. Welche Zukunft wirst Du der Stadt, dem Land bereiten?“ Der Betende hielt inne, um zu horchen, aber Tezcatlipoca schwieg. „Sprich doch zu mir, o Herr des Nah und Bei“, bat er nach einer Weile, als er die Stille nicht mehr ertrug. „Versage mir nicht Deinen Beistand, gib mir meine Kraft zurück!“ Motecuzoma blickte wieder auf. Tezcatlipoca schwieg noch immer. Nun erlosch auch noch der Funkentanz. Motecuzoma ging zum Altar und fütterte die ewige Flamme. Hell loderte sie auf. Sie ließ die neue Opferschale nur so leuchten. Der blanke Jade reflektierte sein Gesicht. Er sah sich selbst in die Augen. Jedoch, da war ein zweites Augenpaar, ein dunkles Antlitz! Er war nicht allein!
Motecuzoma starrte auf das Jadegefäß. Sein eigenes Gesicht verschwamm dabei allmählich, das andere wurde immer klarer: der Ixiptla! Wollte Tezcatlipoca durch Sein Abbild sprechen? Der Herrscher war so überrascht, dass er nicht einmal fragte, wie der Ixiptla, der nur humpeln konnte, so unbemerkt hierhergekommen war.
Jadefisch erging es ähnlich. Auch er hatte sich allein gewähnt. Am frühen Morgen hatte man ihn die Pyramide hinaufgetragen, ihn aber über den Besuch des Großen Sprechers wohl vergessen. Er war eingenickt und erst durch die Gebetsworte wieder erwacht. Er hatte gehofft, nicht aufzufallen, doch jetzt verriet ihn sein Spiegelbild.
Er musste wieder einmal improvisieren. „Totecuiyo?“
„Du schon wieder?“ Motecuzoma hatte sich gefasst.
„Ich habe immer noch deine goldene Kalebasse. Sie gehört mir nicht.“
„Gibst du sie mir wieder?“
Der Ixiptla gab sie ihm. Motecuzoma öffnete sie und ließ das Gift im heiligen Feuer verzischen. „Dem Schicksal kann man nicht entfliehen.“
Er half dem Ixiptla zum Ausgang, der auf die Plattform führte. Dort schlug er den schweren Vorhang auf, der das Heiligtum von der Vorhalle abtrennte. Das Gefolge des Ixiptla war sogleich zur Stelle. Der Ixiptla wurde vorsichtig wieder heruntergetragen; Motecuzoma schloss sich an. Er schritt die achtzig Stufen der Pyramide würdevoll hinab und wurde vom Oberpriester empfangen, der sich die Augen rieb.
Fortan musste der Ixiptla täglich mit Motecuzoma speisen, der Große Sprecher bedurfte seiner Gegenwart. In ihm war die Kraft, die er brauchte.
Jadefisch genoss die Privilegien, die das mit sich brachte. Der Herrscher ließ ihm, bis er wieder laufen konnte, seine eigene Sänfte schicken. Wenn man ihn hineinhob, stellte er sich vor, er sei selbst der Große Sprecher und begebe sich in seinen eigenen Palast. Er war darin von Schönheit umgeben. Breite, flache Dächer lagen auf bemalten Säulen, um die der Wind säuselte – meist nur ein Hauch, der in den Galerien zirkulierte und von dort aus in die Säle wehte. Drinnen duftete die Deckentäfelung nach fernen Wäldern, und das rote, gemaserte Holz spiegelte sich unten im Steinmosaik. In den Federteppichen entlang der Wände schienen sich Vögel zu verstecken. Mit den Sälen wechselten die Farben. Am Ende traf er aber immer auf den Wandschirm mit den geschnitzten, goldbeschlagenen Göttermasken, hinter dem der echte Hausherr saß. Dann musste er für ihn die Flöte spielen. Er wurde aus der Sänfte gehoben und neben Motecuzoma platziert, der sein Gefolge fortzuschicken pflegte.
Anmutige Frauen bedienten sie. Zwei, auf den Fersen sitzend, hielten Auffangschalen unter seine Hände, eine dritte ließ aus einem Tonkrug Wasser plätschern; es liebkoste seine Haut, perlte vom Handrücken über die Finger. Eine vierte schließlich reichte ihm ein weißes Tuch, das er langsam, fast zögerlich entgegennahm.
Inzwischen erschienen noch mehr Mädchen. Diese deckten die Tafel weiß ein und trugen kostbares Geschirr aus Jadefischs Heimatstadt auf. In Schüsseln auf Wärmpfannen dampften die leckersten Speisen, und die Mädchen brachten ihm von allem. Damit sie öfter kamen und gingen, ließ er sich jeweils wenig vorlegen. Leider wohnten auch immer vier alte Ratgeber des Herrschers dem Zeremoniell des Mittagsmahls bei. Steif wie Stöcke standen sie da, die Augen stur geradeaus gerichtet, aber sicher registrierten sie alles, denn wenn Motecuzoma ihnen ein Gericht reichen wollte, dankten sie ihm schon, bevor er die Hand bewegte. Sicherlich bemerkten sie auch jede Regung des Ixiptla. Sie gingen erst, wenn nach dem Essen die Akrobaten und die Zauberkünstler zur Unterhaltung des Herrschers auftraten. Um diese Zeit wiederholte sich das Händewaschen. Dann wurde dem Ixiptla wieder ein Tuch entgegengehalten, und diesmal pflegte er zu zögern, bis das Mädchen seine Hände in den weißen Stoff einhüllte. Motecuzoma bemerkte nie etwas dazu. Er ließ die Pfeifen anzünden – lange, vergoldete Röhren, mit feinem Tabak und duftendem Balsam gestopft – und war bald nicht mehr zu sprechen. Auch Jadefisch mochte die Mischung. Doch anders als der Große Sprecher schlief er nach dem Genuss nicht ein. Er schaute den Mädchen nach, die sich entfernten. Ob eine davon wohl Motecuzomas Tochter war?
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