Kitabı oku: «Die Berlinerin»
Ilka-Maria Hohe-Dorst
Die Berlinerin
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Kleid
Der Zug
Prenzlauer Berg
Sommersprosse
Köln
Eskalation
Brief aus Berlin
Weihnacht
Mr. Right
Café Choccocino
Die Entscheidung
Freunde
Rivalen
Potsdam
Café Haferkater
Berlin-Wedding
Der Hinterhalt
Julians Warnung
Der Seidenschal
Hanau
Koma
Epilog
Impressum neobooks
Das Kleid
Eriks Magen rumorte. Was in gedämpften Intervallen begonnen hatte, war mittlerweile einem lauten Knurren gewichen, das sich nicht mehr ignorieren ließ. Also überlegte er, wo er sich zum Mittagessen niederlassen konnte, um nicht bald vor Entkräftung mitten in der Hanauer Innenstadt weiche Knie zu bekommen.
Wie jeden Morgen hatte sein Frühstück lediglich aus schwarzem, ungesüßtem Kaffee bestanden, was ihm Nadjas missbilligenden Blick eingetragen hatte. Sie hielt es für unvernünftig, sich den leeren Magen mit Kaffee vollzupumpen, aber Erik war ein Morgenmuffel, der erst in Schwung kommen musste, ehe er etwas Festes kauen und schlucken konnte.
Nachdem Nadja zur Arbeit aufgebrochen war, hatte Erik wie gewohnt den Frühstückstisch abgeräumt, die Tassen und Teller zusammen mit dem Geschirr vom Vortag gespült, abgetrocknet und in die Hängeschränke einsortiert. Dann hatte er ihre „To‑do“‑Liste in die Brusttasche seines Hemdes gesteckt und sich auf den Weg in die Innenstadt gemacht. Er war fast zwei Stunden unterwegs gewesen, um ihre Aufträge zu erledigen, ehe er die Reinigung ansteuerte, um ihr Kleid abzuholen. Die Bedienung hinter der Ladentheke hatte eine Ewigkeit danach gesucht, und Erik war unwohl geworden bei dem Gedanken, es könne sich unter der Einwirkung von Chemikalien restlos aufgelöst haben, was unweigerlich Nadjas Zorn und tagelange schlechte Laune nach sich gezogen hätte. Als man es ihm, in eine transparente Schutzfolie gehüllt, endlich überreichen konnte, war ihm ein Stein vom Herzen gerollt.
Mit dem Kleid über der linken Schulter, so dass der Haken des Drahtbügels, der aus der Folie ragte, bei jedem Schritt gegen seine Rippen wippte, erreichte er das Steakhaus im Hotel „Römerhof“. Er fand auf Anhieb einen freien Tisch und warf, während er sich setzte, seine unbequeme Bürde über die Rückenlehne des Nachbarstuhls.
„Ich kann Ihnen das argentinische Rib Eye Steak mit Folienkartoffel und Sour Cream empfehlen.“ Die Bedienung, eine hübsche junge Frau mit einem Pferdeschwanz, die schlanke Figur in hautenge Jeans und eine weiße Bluse gekleidet, lächelte Erik aufmunternd zu. In den Händen hielt sie Block und Kugelschreiber bereit, um die Bestellung aufzunehmen. „Oder möchten Sie die Speisekarte sehen?“
Er winkte ab. „Nein danke. Mir genügt etwas Einfaches, möglichst Leichtes.“
„Dann vielleicht gebratene Garnelen mit Schalotten und Cherry-Tomaten?“
„Klingt gut. Dazu bitte ein Glas Weißwein, trocken.“
„Kalifornischen oder lieber einen Württemberger?“
„Der Württemberger wäre perfekt.“
Sie strahlte ihn an. „Kommt in fünfzehn Minuten. Der Wein natürlich sofort.“
Erik sah ihr mit Wohlwollen nach, wie sie in die Küche tänzelte. Er mochte Menschen, die von ihrem Job erfüllt waren und ihren Kunden das Gefühl gaben, soeben den Ritterschlag empfangen zu haben.
In Erwartung seines schlichten Mahls lehnte er sich auf seinem Sitz zurück und bedankte sich bei einem älteren Kellner, der ihm den Weißwein servierte. Wenigstens ließ ihm Nadja genügend Freiraum, dass er sich ein- bis zweimal in der Woche diesen bescheidenen Luxus leisten konnte. Andere Frauen wären bei ihrem schmalen Budget bestimmt kleinlicher und ließen ihn aus Dosen und Büchsen vom Discounter essen, als sei er ein Hauskater. Schließlich entging ihm nicht, wie es bei anderen Paaren in seinem Freundeskreis zuging. Nadja hingegen verzichtete sogar darauf, dass er über jeden Cent der Ausgaben, die bei den täglichen Erledigungen anfielen, am Wochenende Rechenschaft ablegte.
Erik hatte es lange Zeit für ein großes Glück gehalten, Nadja gefunden zu haben. Oder genauer gesagt: Sie hatte ihn gefunden. Bis dahin hatte er sie im Vorlesungssaal der Goethe-Universität nur flüchtig wahrgenommen, geschweige denn jemals ein Wort mit ihr gewechselt, und es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, sie könne auf ihn, der sich für zurückhaltend und unauffällig hielt, aufmerksam geworden sein. Doch als er den ersten Tiefpunkt seines noch jungen Lebens erfahren und sich von Gott und der Welt verlassen geglaubt hatte, war sie auf ihn zugekommen. „Ich bin Nadja Seeler und möchte dich auf ein Eis einladen“, hatte sie mit kokettem Lächeln, aber tiefem Ernst in den Augen zu ihm gesagt. „Du wirkst ein bisschen verloren, und ich denke, jemand sollte sich um dich kümmern.“
Ihre ungespielte Offenheit hatte ihn verblüfft, so dass er auf ihr Angebot eingegangen und ihr ins Eiscafé Michielin gefolgt war, das nur eine U-Bahn-Station vom Campus entfernt lag . Nachdem die Bedienung ihre Bestellung serviert hatte, war Nadja ungeniert auf den Punkt gekommen: „Ich beobachte seit Wochen, wie du lustlos im Hörsaal herumlümmelst. Durchhänger sind schon mal drin, aber bei dir scheint es ein Dauerzustand geworden zu sein. Läuft’s etwa mit dem Studium nicht?“
„War schon besser. Aber das ist es nicht.“
„Was quält dich dann? Raus damit!“
Erik hatte gezögert, weil er es grundsätzlich für aufdringlich, wenn nicht gar peinlich hielt, andere Menschen mit seinen Sorgen zu behelligen. Andererseits hatte er Nadja, die aufrichtig an ihm interessiert zu sein schien, nicht vor den Kopf stoßen wollen. Auch hatte er begriffen, dass sie nicht der Typ war, der schnell aufgab, sondern über ein unerschöpfliches Repertoire verfügte, einem introvertierten Menschen wie ihm auf die Sprünge zu helfen. „Komm schon! Es kostet doch nichts, sich den Kummer von der Seele zu quatschen. Bleibt auch alles unter uns. versprochen.“ Zur Bekräftigung ihrer Aufrichtigkeit hatte sie die flache Hand auf die Stelle ihrer Brust gelegt, wo das Herz schlägt, so dass Erik sich einen Ruck gab und begann, erst stockend, dann immer flüssiger zu erzählen.
*****
„Mama, du isst ja wieder nichts.“
„Tut mir leid, Erik.“
Er hatte gekocht. Wie jeden Abend. Und wie jeden Abend konnte Margret Durante, die mit dunklen Augenringen vor ihrem Teller saß, vor Müdigkeit kaum das Besteck halten.
„Dein Essen schmeckt wie immer großartig, Erik, an dir ist wirklich ein Sternekoch verloren gegangen. Aber ich bin fix und fertig und gehe besser schlafen.“
Meistens sank sie noch angekleidet auf ihr Bett und zog sich erst am Morgen aus, um zu duschen und sich frische Kleidung überzustreifen. Sie nahm bedenklich schnell ab. Erik plagten Schuldgefühle, denn Margret hatte sich ein Ziel gesetzt, von dem nicht einmal Gott sie hätte abbringen können: Erik sollte studieren, und dafür war ihr jeder Einsatz recht. Sie fuhr mit ihrem Taxi erheblich mehr Stunden am Tag, als gesetzlich zulässig waren, denn nur so konnte sie genügend Geld nach Hause bringen, dass es für den Unterhalt und die Finanzierung des Studiums reichte.
Eigentlich Drogistin von Beruf, hatte sich Margret als Taxifahrerin selbständig gemacht, nachdem ihr Arbeitgeber gezwungen gewesen war, seine Drogerie zu schließen und die Mitarbeiter zu entlassen. Mit den Drogerieketten, die immer stärker den Markt beherrschten, hatte er auf Dauer nicht konkurrieren können. Margaret musste schon bald begreifen, dass sie keine Chance hatte, bei einer dieser Drogerieketten ausreichend entlohnt zu werden, um ihren Lebensstandard und Eriks Studium weiterhin finanzieren zu können. Eine Fernsehdokumentation über Taxifahrer in Berlin hatte sie schließlich auf die Idee gebracht, für die Taxifahrerprüfung zu lernen, einen Kredit aufzunehmen und ein Fahrzeug zu leasen. Das Risiko, das mit einer unternehmerischen Tätigkeit verbunden gewesen war, hatte ihr zwar Herzdrücken bereitet, war ihr jedoch annehmbarer erschienen, als sich arbeitslos zu melden und dem Staat auf der Tasche zu liegen.
Die Prüfung war anspruchsvoll gewesen, aber Margaret hatte sie souverän bestanden. Schon bald genoss sie den Respekt der Taxifahrerkollegen und begann, ihren neuen Beruf zu lieben.
Als sie sich eines Nachmittags mehrere Stunden lang nicht über Funk gemeldet hatte und auch bei Einbruch der Nacht nicht an ihren Halteplatz zurückgekehrt war, wurden die Kollegen und die Mitarbeiter in der Taxi-Zentrale nervös und informierten die Polizei. Die Einsatzbeamten, die bereits von Verkehrsteilnehmern über ein Autowrack auf der Bundesstraße 8 informiert worden waren und nach der beschriebenen Stelle suchten, fanden Margrets Taxi an einem Brückenpfeiler und ihren reglosen Körper in einem nahen Gebüsch, wohin er durch die Windschutzscheibe geschleudert worden war, weil sie sich nicht angeschnallt hatte.
In der Klinik erkannten die Ärzte auf den ersten Blick, dass ihre Chancen schlecht standen. Ihr Brustkorb war eingedrückt und hatte die Lunge zerquetscht, so dass die Chirurgen jede einzelne Rippe an Silberdrähten aufhängen mussten, um das Organ zu entlasten. Sie kämpften vergeblich: Drei Tage nach dem Unfall war Margret tot.
Erik stand über Nacht vor dem Nichts.
*****
Nadja hatte zugehört, ohne Erik zu unterbrechen. Sie saßen vor ihrem zweiten Eis.
„Und jetzt?“
„Was schon? Die Studiengebühr ist bis Ende des Semesters bezahlt. Dann muss ich aussteigen. Allein kann ich das nicht stemmen.“
„Was ist mit deinem Vater? Kann er dir nicht helfen?“
Erik hatte die Augenbrauen hochgezogen. „Welcher Vater? Wie kommst du darauf?“
„Wieso? Jeder Mensch hat einen Vater.“
„Ich nicht.“
„Wie?“
„Ich kenne meinen Vater nicht. Für mich hat es nie einen gegeben.“
Nadja hatte begriffen und nicht weiter danach gefragt.
„Ich habe für mein Studium gebrannt, Nadja. Nach fünf Semestern Soziologie wusste ich, was ich später machen wollte. Psychologie draufpacken und dann in die Welt der Organisations- und Arbeitspsychologie einsteigen … das wäre total spannend geworden. Die Menschen müssen immer stärker mit Zeitmanagement, Teamarbeit und psychischen Belastungen fertig werden. Das Fach hat irre viel Zukunft. Aber für mich ist das jetzt aus und vorbei.“
„Stimmt. Riesig spannende Themen. Das war auch für mich der Grund, Soziologie zu studieren. Und deshalb sind wir uns über den Weg gelaufen und sitzen jetzt hier. Du musst weitermachen, Erik. Unbedingt.“
„Hast du mir nicht zugehört, Nadja? Ich kann es nicht aus eigener Tasche bezahlen. Die paar Kröten, die meine Mutter sparen konnte, reichen gerade mal, um noch eine Weile die Miete und meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Nach diesem Semester ist für mich Schluss. Ich muss sehen, dass ich schnellstens an Arbeit komme.“
„Ich könnte meinen Vater bitten … Er hätte Verständnis. Weißt du, um Geld musste ich mir nie Sorgen machen. Meine Eltern sind … “
Erik unterbrach sie und schüttelte energisch den Kopf. „Akademiker in den gehobenen Kreisen des vornehmen Frankfurter Westends, die ihrer Tochter jeden Wunsch erfüllen würden. Oder erfolgreiche Manager eines Industrieunternehmens. Vergiss es, Nadja. Ich will von niemandem abhängig sein. Ich muss selbst meinen Weg finden.“
„Sie sind beide Zahnärzte, und Papa praktiziert außerdem als Kieferchirurg. Es würde ihm nichts ausmachen, einem Studenten unter die Arme zu greifen.“ Als Erik schwieg, zuckte sie die Schultern und seufzte. „Aber wie du meinst.“
Sie hatten ihre dritte Portion Eis verspeist und über zwei Stunden miteinander geplaudert, ehe sie aufbrachen und sich für ein nächstes Mal verabredeten. Von da an hatten sie sich regelmäßig getroffen, und nach wenigen Wochen waren sie ein Paar.
Als Nadja ihr Studium beendet und eine Assistenzstelle in einem Beratungsunternehmen gefunden hatte, willigte Erik ein, mit ihr in eine bezahlbare Wohnung nach Hanau zu ziehen. Über ihre junge Liebe und den harmonisch verlaufenden, sorgenfreien Alltag verblassten allmählich seine einstigen Ideale und Zukunftspläne, und er sah seine Aufgabe mehr und mehr darin, Nadja den Rücken zu stärken, indem er ihr die häuslichen Pflichten abnahm. Auch wenn sich in der letzten Zeit beim Nachsinnen über Adornos berühmten Aphorismus, es gebe kein richtiges Leben im falschen, Störgefühle meldeten, konnte er sich damit beschwichtigen, ein moderner junger Mann zu sein, der seine Identität nicht mehr an eine traditionelle, längst obsolet gewordene Männerrolle knüpfen musste.
*****
„Noch einen Württemberger?“
Erik erwachte aus seinen Gedanken, als ihm die Frau mit dem Pferdeschwanz den Teller mit den gebratenen Garnelen servierte. Er nickte: „Gerne.“
Als ihm der köstliche Duft der warmen Speise vom Teller in die Nase stieg, spürte er, wie ausgehungert er war, und augenblicklich machte er sich über seine Mahlzeit her.
„Das ist ein außergewöhnlich hübsches Kleid. Die Farbe ist faszinierend. Eine Augenweide.“
Erik schaute von seinem Teller auf. Die Frau am Nebentisch, in deren Stimme etwas nachklang, das ihn an das volltönende und zugleich zarte Spiel einer Harfe denken ließ, hatte weit auseinanderstehende, graugrüne Augen. Er folgte ihrem Blick auf Nadjas Kleid, das durch die Schutzfolie schimmerte. Es war aus einem mattglänzenden Stoff, der von hellblau über türkis bis zu meergrün changierte. Erik hatte die Farbe bisher nicht bewusst wahrgenommen. Wäre er nach ihr gefragt worden, hätte er wahrscheinlich ratlos mit den Schultern gezuckt. Doch jetzt erinnerte er sich daran, einmal in einem Buch über die Symbolik von Farben gelesen zu haben, dass einige Sprachen dieser Welt nicht zwischen Blau und Grün unterscheiden, sondern darin die gleiche Farbe sehen, jedoch in unzähligen Nuancen.
Die Frau lächelte Erik zu, und er lächelte einen kurzen Moment zurück, doch lange genug, um ihre grazile Gestalt, ihren blassen Teint und die Sommersprossen auf ihrer Nase wahrzunehmen. Ihr brünettes Haar hatte einen leichten, kaum wahrnehmbaren Rotstich. Ein bisschen erinnerte sie ihn an die französische Schauspielerin Isabelle Huppert.
Als die Bedienung an den Tisch der Frau trat, um ihr das bestellte Menü zu servieren, wünschte Erik guten Appetit und wandte sich wieder seinem Teller zu. Er aß zu Ende, trank seinen Wein aus und winkte der Bedienung, dass er bezahlen wolle.
Ihm war nicht bewusst, welcher Teufel ihn ritt, als er Nadjas Kleid nahm und es über die Rückenlehne eines der freien Stühle am Tisch der Frau schwang. „Es scheint für Sie gemacht zu sein. Bestimmt sehen Sie darin fantastisch aus.“
Schnellen Schrittes, als treibe ihn die Sorge, es sich im letzten Moment anders zu überlegen und das Kleid wieder an sich zu nehmen, verließ er das Restaurant. Draußen war ihm, als habe ihm die Frau etwas hinterhergerufen, nicht laut, um kein Aufsehen zu erregen, sondern gerade noch hörbar. Doch er ignorierte es und ging weiter. Erst nach einer Weile begann er sich zu fragen, warum er ihr Nadjas Kleid nur deshalb überließ, weil es ihr gefallen hatte. Welches Recht hatte er überhaupt, über etwas zu verfügen, das nicht sein Eigentum war? Und dennoch hatte er die tiefe Überzeugung, etwas Richtiges und Sinnvolles getan zu haben. Er konnte nur keine Antwort auf die Frage finden, warum.
Und was sollte er Nadja beichten, wenn er ohne das Kleid nach Hause kam?
Wie befürchtet, lief seine Ausrede ins Leere. „Wieso haben sie mein Kleid nicht gefunden? Sie haben eine Woche Zeit gehabt, also wieso sollte es noch nicht fertig sein?“
„Es war halt nicht da. Weshalb ist gerade dieses Kleid so wichtig für dich?“
„Mein Gott, bist du wirklich so blöd? In diesem Kleid habe ich dich kennengelernt. Und ich hab’s getragen, als wir uns zum ersten Mal küssten. Weißt du das nicht mehr?“
Erik strengte seinen Kopf an, doch er hatte keinen blassen Schimmer, was Nadja trug, als er sie zum ersten Mal küsste. Eher hatte ihn beschäftigt, was unter dem Kleid dieser hinreißend schönen Studentin mit der atemberaubenden Figur zu erkunden war. Als er allmählich begriff, was ihr Herz bewegte, verspürte er Schuldgefühle. „Doch, doch, Schatz. Alles gut. Ich gehe morgen noch einmal zur Reinigung und frage nach. Vielleicht ist es ja inzwischen aufgetaucht.“
Nadja schnaubte ihn an. „Lass es. Ich gehe selbst hin. Du bist einfach zu nichts zu gebrauchen. Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“
Der Vorwurf versetzte Erik einen Stich, doch er verzichtete darauf, aufzuzählen, was er alles erledigt hatte, denn Nadja hörte seit langem nur unkonzentriert, wenn überhaupt noch zu, und schon gar nicht kam ihr ein Wort der Anerkennung über die Lippen.
Er schützte Bedauern und Mitgefühl vor, als sie von ihrer Exkursion zur Reinigung unverrichteter Dinge zurückkam: Das Kleid sei abgeholt worden, habe man ihr gesagt, aber damit habe sie sich nicht abspeisen lassen und gefordert, herauszufinden, wer es unberechtigterweise mitgenommen hat. Das könne sie wohl erwarten, denn schließlich müsse man doch durch die Folie gesehen haben, ob man das richtige oder falsche Kleidungsstück ausgehändigt bekommen hat. Man habe ihr versichert, weiter danach zu forschen und, sollte man nicht fündig werden, Schadenersatz zu leisten. Sie habe erwidert, damit sei ihr nicht gedient, denn sie hänge an dem Kleid, weil es mit Erinnerungen verknüpft sei, und wenn es nicht mehr auftauchen sollte, könne man ihr den Buckel runterrutschen, und natürlich werde sie sich dann eine andere Reinigung ihres Vertrauens suchen.
Erik war überrumpelt, als sie nach diesem Schwall der Empörung in Tränen ausbrach und sich an seine Brust warf: „Es war unser Kleid!“
Eine Welle der Zärtlichkeit überkam ihn. Er strich über Nadjas Haar, hob ihr Kinn und küsste ihr die Tränen aus dem Gesicht. Ihre Gefühlsoffenheit, in die er sich während ihrer gemeinsamen Zeit an der Universität verliebt hatte, die aber seit Antritt ihrer Stelle bei dem Unternehmensberater unter ihrer Arbeitswut nach und nach verschüttet gegangen war, schien an die Oberfläche zurückzukehren. Er spürte Lust in sich aufsteigen und presste Nadja enger an sich. Wann hatten sie eigentlich zuletzt miteinander geschlafen?
Aber unvermittelt stieß sie ihn weg und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen: „Schon gut, Erik, irgendwann muss man sich mit der Realität abfinden. Ich bin ja kein Kind mehr.“
Mea culpa, dachte Erik. Wie hatte er Nadja durch eine spontane Handlung, für die er keine Erklärung hatte, derart verletzen können?
Er musste seinen Fauxpas wiedergutmachen und das Kleid unbedingt zurückholen.
Aber wie?
Der Zug
„Es war unser Kleid!“
Nadjas Kummer klang in Erik nach, doch es fiel ihm schwer, sich in sie hineinzuversetzen, da ihm jede Form von Sentimentalität fremd war. Sogar vom Hab und Gut seiner Mutter hatte er sich nach ihrer Beerdigung ohne Bedauern trennen können. Er vertrat den Standpunkt, dass eine devote Wertschätzung von Erbstücken einen geliebten Menschen nicht ersetzen kann. Ihm genügte die Kostbarkeit seiner Erinnerungen, und jedes Mal, wenn er besonders intensiv an seine Mutter dachte, empfand er eine tiefe Traurigkeit.
Aber Nadja war anders als er, das hatte er falsch eingeschätzt. Sie hatte enttäuscht einen leeren Pappkarton geschlossen und dabei gesagt, sie habe das Kleid zur Reinigung gebracht, obwohl es ihr inzwischen zu eng geworden war, weil sie es sauber und ordentlich habe wegpacken wollen, wie es Bräute nach der kirchlichen Trauung mit ihrem Hochzeitskleid zu tun pflegen.
Auch wenn sie so getan hatte, als könne sie sich mit dem Verlust des Kleides abfinden, falls es wirklich nicht mehr auftauchen sollte, stand ihr der Gram darüber in den Augen und nährte Eriks schlechtes Gewissen. Die Idee, eine Anzeige aufzugeben, um die fremde Frau ausfindig zu machen, verwarf er, denn hätte Nadja zufällig davon Wind bekommen, wäre seine Lügengeschichte aufgeflogen. Stattdessen ging er jeden Mittag von der Jahnstraße in die Hanauer Innenstadt und trottete die Salzstraße entlang bis zu dem großen Platz vor dem Rathaus, auf dem das Brüder-Grimm-Denkmal steht und zweimal in der Woche, mittwochs und samstags, der Markt abgehalten wird. Von dort bog er nach rechts in die Fahrstraße ein und lief bis zum Freiheitsplatz, dann die Hammerstraße nach Süden bis zur Römerstraße und zum Steakhaus „Römerhof“, immer in der Hoffnung, die fremde Frau irgendwo bei einem Stadtbummel oder in einem Straßencafé zu entdecken.
Eine Woche lang schaute er vergeblich nach ihr aus, dann verlor er die Zuversicht, ihr noch einmal zu begegnen, und so gab er die Suche auf.
Am Samstag darauf machte er sich auf seine gewohnte Tour für den Wochenendeinkauf. Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus wimmelte es vor Menschen, die sich um die Stände drängten, um frisches Obst und Gemüse zu kaufen oder bei einem der Winzer ein Glas Wein zu trinken. In der Römerstraße, die südlich am Markt vorbeiführt, hatte sich vor der Tiefgarage eine lange Autoschlange gebildet, die ruckweise in das Gebäude kroch.
Erik tauchte in das Marktgetümmel ein. Er sollte einen Kopfsalat, eine Gurke („sie darf getrost krumm sein“), Äpfel, Weintrauben und ein Bauernbrot nach Hause bringen. An verschiedenen Ständen blieb er stehen, um die Qualität der Angebote zu prüfen und die Preise zu vergleichen.
Er hatte sich noch nicht entschieden, bei welchen Händlern er kaufen wollte, als ihm eine markante Farbe in den Blickwinkel fiel, die sein Augenmerk zum Verkaufswagen eines Metzgers lenkte. Dort waren nur wenige Menschen unterwegs, so dass Erik freie Sicht hatte und die Frau deutlich erkennen konnte, die sich von dem Metzger bedienen ließ. Ihr Anblick kam für Erik so unerwartet, dass er reglos, als sei er in Trance, zu ihr hinüberstarrte. Nadjas blaugrün schillerndes Kleid passte dieser Frau wie maßgeschneidert, und wie Erik prophezeit hatte, sah sie hinreißend darin aus. Sie war größer, als er sie im Steakhaus geschätzt hatte, so dass das Kleid knapp über ihren Knien endete und ihre schlanken, festen Waden sehen ließ.
Erik und sie trennten nur wenige Schritte voneinander, aber er war so überrascht von ihrem Auftauchen, dass er nicht wusste, wie er handeln sollte. Er blieb einfach stehen und beobachtete sie weiter. Sie ließ sich ein belegtes Brötchen einpacken, das sie in ihrer Umhängetasche verstaute, bevor sie bezahlte und ihr Wechselgeld empfing. Sie hatte Gepäck dabei, einen mittelgroßen, rollbaren Schalenkoffer, der mit den Sehenswürdigkeiten europäischer Metropolen bedruckt war. Obenauf befand sich eine Fototasche, die sie mit einem Vorhängeschloss am Ausziehgriff des Rollkoffers befestigt hatte.
Sie schaute auf ihre Armbanduhr und setzte sich in Richtung Ostseite des Marktes in Bewegung. Erik ging ihr nach, als stünde er unter einem Zauber und hätte keine andere Wahl, als die Anweisung seines Meistermagiers zu befolgen.
In der Lotto-Verkaufsstelle am Parkhaus deckte sich die Frau mit einer Tageszeitung und zwei Zeitschriften ein. Dann rollte sie ihren Koffer die Fahrstraße entlang in Richtung Freiheitsplatz. An der Bushaltestelle der Linie 1, die zum Hauptbahnhof fuhr, stellte sie sich zu den Wartenden. Erik hielt genügend Abstand, um nicht in ihr Blickfeld zu geraten. Als der Bus kam und anhielt, stieg er nach ihr ein und achtete beim Hinsetzen darauf, von anderen Fahrgästen abgeschirmt zu sein und sein Gesicht so wenig wie möglich zu zeigen.
Nach etwa zehn Minuten Fahrt erreichten sie den Hanauer Hauptbahnhof, und die Frau stieg aus. Erik folgte ihr in das Gebäude. Sie ging die Treppe zum Gleis 7 hinauf, setzte sich auf eine der Bänke und begann, in den Zeitschriften zu blättern. Offensichtlich war sie auf eine längere Wartezeit eingestellt.
Erik hielt sich abseits und behielt den Bahnsteig im Blick. Die Frau interessierte sich weder für das Display, noch für die einlaufenden Züge. Erst als gegen 15:30 Uhr der Zug nach Berlin einrollte, blickte sie auf, packte ihre Zeitschriften und die Tageszeitung zusammen und schob sie in ihre Umhängetasche. Dann erhob sie sich und zog ihren Rollkoffer die Waggons entlang, bis sie die richtige Nummer fand, wartete, bis alle Fahrgäste ausgestiegen waren, und kletterte hinauf.
Als sie verschwunden war, stieg Erik ebenfalls ein. Er sah, dass sie nach ihrem reservierten Sitz suchte und sich an einen Fensterplatz in der Mitte des Waggons niederließ. Erik blieb im Türbereich stehen, bis alle Fahrgäste eingestiegen waren und ihre Plätze eingenommen hatten. So verharrte er, bis die Türen geschlossen waren und der Zug sich behäbig wie ein sattes Tier in Bewegung setzte.
Einen Moment lang wunderte sich Erik über sich selbst. Auf was ließ er sich gerade ein? Warum war er nicht rechtzeitig ausgestiegen? Hatte er völlig den Verstand verloren?
Da er keine Antworten fand, schüttelte er die Fragen von sich ab und betrat entschlossen den Großraum des Waggons. Der Zug hatte das Bahnhofsgebäude hinter sich gelassen und Fahrt aufgenommen, so dass der Boden unter Eriks Füßen schwankte und er sich beim Vorwärtspendeln an den Sitzlehnen festhalten musste, bis er den Platz der Frau erreichte.
„Ich wusste es: Das Kleid steht Ihnen ausgezeichnet.“
Sie wandte ihren Blick vom Fenster ab und sah überrascht an Erik hoch. „Sie? Was machen Sie denn hier?“
„Ich wollte Sie wiedersehen. Einfach war’s nicht. Hat mich ziemlich viel Geduld gekostet und wäre auch beinahe schief gegangen.“
„Sie haben gar kein Gepäck dabei. Und für jemand, der auf Reisen geht, sind Sie ziemlich leicht bekleidet.“
Erik sah auf seine hellblaue Leinenhose und die braunen Sandalen hinunter und zuckte die Schultern. „Vor zwei Stunden hatte ich noch keine Ahnung, dass ich in diesen Zug steigen würde.“
Die Frau runzelte die Stirn. In ihren Augen stand Argwohn. „Sie sind nicht etwa auf Drogen … oder? Und Sie wissen hoffentlich, wo Sie wohnen. Was Sie tun, scheinen Sie jedenfalls nicht immer zu wissen.“
„Jahnstraße in Hanau, Altbau, zweiter Stock, Fenster zur Straße. Keine Drogen. Ihre dritte Vermutung stimmt allerdings, sonst hätten Sie ein anders Kleid an, und ich wäre jetzt nicht hier.“
Sie lächelte amüsiert. „Sie müssen völlig verrückt sein.“
„Ganz im Gegenteil, ich habe mich schon lange nicht mehr bei so klarem Verstand gefühlt wie gerade jetzt. Sie fahren bis Berlin?“
Sie nickte. „Prenzlauer Berg. Dort bin ich zu Hause.“
Er deutete auf den leeren Sitz neben ihr. „Darf ich?“
Ohne ihre Antwort abzuwarten, setzte er sich zu ihr.
Ein Schaffner betrat den Waggon, um die Fahrscheine der Reisenden zu kontrollieren. Erik löste bei ihm ein Ticket nach Berlin, was ihn beinahe seine gesamte Barschaft kostete und ihm beim Schließen seines Portemonnaies einen Seufzer entlockte. Die Frau konnte ihr Lachen nicht zurückhalten. „Sie sind wirklich ein total übergeschnappter Kerl. Hoffentlich haben Sie eine Kreditkarte dabei, sonst werden Sie in Berlin nicht weit kommen. Warum tun sie das alles überhaupt, Mr. Crazy?“
Erik blickte einen kurzen Moment zum Fenster hinaus, um über seine Antwort nachzudenken. Draußen schien die Landschaft an ihm vorbeizufliegen. „Mag sein, dass ich einen reichlich schrägen Eindruck auf Sie mache“, gab er schließlich zu, „aber die Wahrheit ist, dass ich Sie nicht noch einmal aus den Augen verlieren will, nachdem ich Sie wiedergefunden habe.“
„Was meinen Sie mit ‚wiedergefunden‘? Sie kennen mich doch gar nicht.“
Statt auf die Frage einzugehen, zog Erik es vor, das Thema zu wechseln. „Verraten Sie mir, wie Sie heißen?“
Sie zögerte kurz, ehe sie antwortete. „Romina Bonero. Meine Freunde nennen mich Romy.“
„Hübscher Name. Gefällt mir.“
„Eigentlich heiße ich Rosa-Maria Müller. Banal und scheußlich altmodisch, finden Sie nicht? Romina Bonero ist mein Künstlername.“
„Oh, und was machen Sie?“
„Was ich mache? Ich sitze in einem Zug und lasse mich auf eine Unterhaltung mit einem durchgeknallten Waggonhopper ohne Gepäck ein, der versucht, mich anzubaggern.“
Erik musste über ihre Schlagfertigkeit lachen. „Der Punkt geht an Sie, Romy Bonero. Also nochmal meine Frage: Was machen Sie künstlerisch, um Ihre Brötchen zu verdienen?“
„Verschiedene Dinge. Modell stehen für Versandhaus-Mode, fotografieren für Zeitschriften. Manchmal bekomme ich auch Aufträge, für Reportagen zu recherchieren. Ich mache alles Mögliche, sozusagen querbeet, solange es sich für mich spannend anhört.“
„Eine ‚Hanna-Dampf in allen Gassen‘ also, die für den Job eines Vorzimmerdrachen nicht zu begeistern wäre.“
„Ich bin gerne unabhängig. Routine und Bürostaub würden mich umbringen.“
„Was haben Sie in Hanau gemacht? Das ist nicht gerade eine der interessantesten Städte in Deutschland. Nicht einmal in Hessen.“
„Sagen Sie das nicht, Mr. Crazy. Wie heißen Sie eigentlich?“
„Erik. Erik Durante. Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt, ein verkrachter Student der Soziologie, ohne Berufsausbildung und arbeitslos. Was möchten Sie noch wissen?“
„Das genügt, den Rest sehe ich selbst“, antwortete Romy mit wohlwollendem Blick, der Erik nicht entging. Obwohl er nicht die Jugendausgabe eines Harrison Ford war, fanden ihn die meisten Frauen attraktiv, besonders wegen des Kontrasts seines breiten Kinns und der kräftigen, etwas zu langen Nase mit seinen ansonsten weichen Gesichtszügen. Dazu war er groß und gut gebaut, ein Jogging-Typ.
„Also, Mr. Crazy“, schickte sich Romy an, seine Frage zu beantworten, „ich war hier, um für eine Reportage über die demokratischen Bewegungen in Hanau von 1830 bis zur Revolution von 1848 zu recherchieren. Auch über die damals entstandene erste Eisenbahnstrecke von Hanau nach Frankfurt.“
„Klingt ziemlich anspruchsvoll. Für wen machen Sie das?“
„Für die Berliner Morgenpost. Von Hanau gingen wichtige revolutionäre Impulse aus.“
„Wieso interessiert man sich in Berlin dafür, was vor beinahe zweihundert Jahren in Hanau passierte?“
„Die Reportage ist Teil einer Serie über die gesamte deutsche Revolution.“
„Die gescheitert ist.“
„Wie fast alle Revolutionen.“
Sie schwiegen eine Weile. Erik schaute wieder zum Fenster hinaus, und während er die sonnenbeschienene Landschaft unter dem blauen, wolkenfreien Himmel in sich aufnahm, überkam ihn ein seit langem nicht mehr gekanntes Gefühl der Freiheit.
„Sie können in Fulda aussteigen und zurückfahren“, nahm Romy den Faden wieder auf. „Ehe Ihre Familie eine Vermisstenanzeige aufgibt.“
Erik sah sie an und schüttelte den Kopf. „Ich habe bis Berlin gelöst, und so einfach werden Sie mich nicht wieder los.“
„Ich fürchte, darüber werden Sie noch einmal nachdenken müssen, Mr. Crazy. Wem gehörte eigentlich das Kleid, bevor Sie es für mich vom Himmel fallen ließen?“
„Meiner Lebensgefährtin. Nadja. Sie ist darüber unglücklich und hat sich mit den Leuten von der Reinigung angelegt. Weil ich mich bei ihr damit rausgeredet hatte, man hätte es nicht finden können.“
Romy schwieg eine Weile. Sie schien beeindruckt zu sein, als habe sie eine wild konstruierte Lügengeschichte erwartet, die ihr einen plausiblen Grund unterjubeln sollte, weshalb Erik das Kleid ihr überlassen hatte und ihr eine Woche später bis in den Zug gefolgt war, vielleicht Floskeln wie „meine Frau und ich verstehen uns nicht mehr“ oder „sie hat den Fummel nur noch getragen, um andere Männer anzumachen“ oder „ich bin gerade Single, und das Kleid stammt noch von einer Verflossenen“. Doch offensichtlich nahm sie Erik beim Wort. „Zwischen Ihrem Mädel und Ihnen scheint es nicht mehr zu stimmen.“ Erik antwortete nicht. „Sie haben recht, Mr. Crazy, es geht mich nichts an. Wenn wir in Berlin sind, bekommen Sie das Kleid zurück und können es nach Hause mitnehmen. Ich werde Ihnen die Rückfahrt bezahlen, das fällt für mich unter abrechenbare Spesen. Sie haben mir eine wundervolle Geschichte geliefert, die ich aufschreiben und bei einem der Zeitungsverlage, für die ich arbeite, unterbringen kann.“
Erik hätte am liebsten aufgeschrien: Ich will das Kleid gar nicht zurückbringen, diesen Fetisch des ersten Kusses, dieses nostalgische Etwas, das für mich jede Bedeutung verloren und keine Versprechung gehalten hat, an das ich mich nicht einmal erinnern könnte, wenn Nadja es nicht in die Reinigung gebracht und damit dieses ganze Drama ausgelöst hätte. Ich wollte, sie hätten es in der Reinigung wirklich nicht gefunden. Ich wünschte, mit diesem Kleid wäre auch Nadja aus meinem Leben verschwunden …
Bei seinem letzten Gedanken erschrak Erik vor sich selbst. Er verwirrte ihn, und gerne wäre er ihn wieder losgeworden. Doch wie eine Gewehrkugel war er in sein Gehirn eingedrungen und steckte darin fest. Da war sie also, die Erkenntnis, die er zu ignorieren versucht hatte, weil es zu schmerzhaft gewesen wäre, sich ihr zu stellen. Weil er nicht den Mut hatte, mit Nadja Schluss zu machen und ihr das Herz zu brechen. Weil er nicht wusste, wie sein Leben ohne sie weitergehen sollte, mittellos wie er war.
Das seien Phasen, wie sie in jeder Beziehung vorkommen, hatte er sich jedes Mal beschwichtigt, wenn er sich unglücklich fühlte und ihn bei der Vorstellung, sein Leben wie jetzt weiterführen zu müssen, der blanke Horror überfiel. Aber das Kleid, dieses vermaledeite Kleid! Wie der Schlüssel zu einer verbotenen Tür hatte es einen Raum geöffnet und Erik gezwungen, einzutreten und das darin Verborgene anzuschauen. Seine spontane Handlung, es zu verschenken, war mehr als eine Laune gewesen, mehr als die Bewunderung für eine attraktive Frau, die er gar nicht kannte: Es war eine Symbolhandlung gewesen, erwachsen aus einer in Eriks Unterbewusstsein schlummernden Wahrheit, die sich ihm jetzt glasklar offenbarte.
Er wollte kein Hausmann mehr sein, sich nicht jeden Tag wie ein Laufbursche in die Stadt schicken lassen, nicht mehr mit ansehen, wie Nadja abends ausgelaugt von der Arbeit nach Hause kam, kaum ein Wort mit ihm wechselte, todmüde ins Bett fiel und ihn allein vor dem Fernsehgerät sitzen ließ. Nach dem Tod seiner Mutter hatte er nie wieder von jemandem abhängig sein wollen, aber genau das war ihm passiert. So schleichend, dass er es anfangs nicht bemerkt hatte. Doch inzwischen war es ihm bewusst geworden, und er hatte diesen Zustand satt, restlos satt. Das war die unbequeme, nackte und kompromisslose Wahrheit.
„Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Romys Stimme schien von weit her zu kommen. Erik nickte kurz. „Worüber haben Sie denn so intensiv nachgedacht? Sie sahen einen Moment lang ziemlich grimmig aus.“
„Ich dachte darüber nach, was ich Nadja erzählen soll, wenn ich nach Hause komme“, log Erik. „Weshalb ich so lange weg war. Nichts Verrücktes, sondern etwas, das sie mir abnehmen kann.“
„Knifflige Sache, scheint mir.“
„Haben Sie eine Idee?“
„Nein, aber einen Rat: Sagen Sie Ihrer Nadja, in der Reinigung habe man einen Fehler gemacht und das Kleid der falschen Kundin ausgehändigt, Sie seien dann zufällig der Frau begegnet, die es getragen hat, und ihr gefolgt, um es zurückzuholen.“
„Bis nach Berlin?“
„Wohin denn sonst? Oder was tun Sie gerade?“
„Sie haben gut spotten! Nadja wird mich in Stücke reißen, wenn ich ihr das gestehe. Haben Sie keine Idee auf Lager, die weniger erklärungsbedürftig ist?“
„Besser nicht, Herr Durante. Die beste Idee ist die Wahrheit, denn an ihr wird am meisten gezweifelt. Das weiß ich aus Erfahrung. Zu Hause werden Sie eine Feuerprobe zu bestehen haben, darauf sollten Sie sich gefasst machen. Also fangen Sie nicht mit Schwindeleien an, in die Sie sich nur verstricken würden. Erzählen Sie Nadja einfach, wie es wirklich gewesen ist, und zwar, so oft sie will. Sie wird immer die gleiche Geschichte hören, weil sie wahr ist.“
Erik dachte eine Weile über Romys Worte nach, ehe er auf sie einging. „Hört sich ziemlich klug an, Romy Bonero. Und schließlich: Was ist denn schon passiert?“
Prenzlauer Berg
Erik und Romy standen auf dem Washington-Platz vor dem modernen Bau des Berliner Hauptbahnhofs, der die Stelle des ehemaligen Lehrter Bahnhofs eingenommen hatte. Sobald der Strom der Reisenden sich aus dem Gebäude ins Freie ergossen hatte, verlor er sich auf dieser riesigen Fläche in Richtung Südost, denn vor allem für die jugendlichen Rucksacktouristen war es wegen der zentralen Lage des Hauptbahnhofs keine Anstrengung, alle Ziele im Herzen von Berlin Mitte zu Fuß zu erreichen und somit das Fahrgeld für die Schnellbahn zu sparen.
„Und was jetzt, Mr. Crazy?“ Romys Tonfall hatte nichts von ihrem milden Spott eingebüßt.
Erik hob die Schultern. „Keine Ahnung.“
„Habe ich mir gedacht. Wieviel Geld haben Sie noch?“
„Nicht viel, aber ich kann jederzeit Bargeld vom Automaten abheben oder mit meiner EC-Karte bezahlen.“
„Sehr schön. Wir nehmen jetzt ein Taxi zum Prenzlauer Berg, und dann suchen wir für Sie ein Hotel. Morgen früh können Sie das Kleid Ihrer Freundin bei mir abholen. Was Sie ihr zu Hause erzählen können, wissen Sie ja bereits.“
Erik zupfte sich am Ohrläppchen. „Bis auf eine Kleinigkeit, über die ich nochmal gegrübelt habe.“
„Und die wäre?“
„Jeder Kunde einer Reinigung kann durch die Folie sehen, was er ausgehändigt bekommt. Jedenfalls war das Nadjas Überlegung, und wenn ich darüber nachdenke, hatte sie recht. Eine Verwechslung ist praktisch ausgeschlossen. Also wie soll ich ihr plausibel erklären, dass Sie es trotzdem in der Reinigung angenommen haben?“
Romy sah ihn spitzbübisch an. „Habe ich doch gar nicht, Mr. Crazy.“
Erik rollte die Augen. „Natürlich nicht, aber …“
„Sagen Sie ihr, mir habe das Kleid besser gefallen als mein eigenes, und zufällig hatte es meine Größe.“
„Ich weiß nicht recht. Das klingt ziemlich weit hergeholt. Haben Sie keine andere Idee, die glaubhafter klingt?“
„Zufällig gerade nicht. Sie müssen sich wohl selbst etwas einfallen lassen, Mr. Crazy. Zeit genug haben Sie ja während der Rückfahrt.“
„Ich fahre nicht zurück.“
Romy zeigte sich von Eriks spontaner Äußerung überrascht. Das war eine neue Entwicklung. „Warum nicht?“
„Ich will Sie näher kennenlernen.“
„Wozu?“
„Sie interessieren mich.“
„Das ist wirklich eine originelle, erschöpfende Begründung.“
Erik ignorierte die Ironie in Romys Worten, nicht willens, sich den Instanzen zu beugen, die man als Vernunft und Verstand bezeichnet. „Jedenfalls fahre ich nicht gleich morgen nach Hanau zurück. Ich bleibe in Berlin, wenigstens für ein paar Tage. Außerdem will ich Sie zum Abendessen einladen.“
Romy schüttelte missbilligend den Kopf. „Schlagen Sie sich das aus dem Kopf, Mr. Crazy. Ich kenne Sie erst seit wenigen Stunden und muss völlig neben der Spur sein, mich überhaupt noch länger mit Ihnen abzugeben.“ Entschlossen packte sie den Griff ihres Rollkoffers und ging los, so dass Erik nichts anderes übrigblieb, als hinter ihr herzutrotten.
An der Westseite des Hauptbahnhofs nahmen sie ein Taxi, dessen Fahrer ein halsbrecherisches Tempo einlegte, um möglichst viele Grünphasen zu nutzen. Innerhalb von fünfzehn Minuten erreichten sie die U-Bahn-Station Schönhauser Allee im Bezirk Prenzlauer Berg, bogen in die Wichertstraße ein und hielten nach wenigen Metern vor einem Altbau.
Erik folgte Romy in den dritten Stock. Sie schloss die Tür zu ihrer Wohnung auf und wurde, kaum dass sie einen Fuß in den Flur gesetzt hatte, mit dem eindringlichen Miauen einer graugetigerten Katze begrüßt, die ihr um die Beine strich und den Kopf an ihren Waden rieb.
„Hallo, Lilly, mein Liebling. Da bin ich wieder.“
Romy stellte ihren Koffer ab und nahm die Katze auf den Arm. Doch als Erik in den Flur trat, fuhr Lilly erschrocken ihre Krallen aus, stemmte sich gegen Romys Brust, sprang ihr vom Arm und flüchtete ins Wohnzimmer.
„Sie braucht eine Weile, sich an Fremde zu gewöhnen. Erst recht, wenn es sich um Männer handelt. Tiefe Stimmen machen sie misstrauisch.“
„Sie haben die Katze tagelang allein gelassen?“
„Wofür halten Sie mich, Mr. Crazy? Lilly nimmt in meinem Leben den ersten Platz ein. Sie wird, wenn ich weg bin, von einer Nachbarin versorgt. Gehen Sie ins Wohnzimmer und setzen Sie sich. Ich mache uns Kaffee. Wie trinken Sie ihn?“
„Schwarz.“
„Genau wie ich.“ Mit diesen Worten entschwand Romy in die Küche.
Erik nahm auf der Couch Platz und sah sich im Wohnzimmer um. Es gab nur wenige Möbel, modern, hell und kühl im Design, dafür allerlei Dekorationsstücke und Schnickschnack: ein Schaukelpferd aus Holz, dessen Farben an vielen Stellen abgeblättert war; ein alter Schlitten, der als Blumenbank diente; eine dreibeinige Studiolampe, wie Beleuchter sie für Filmaufnahmen verwenden; eine chinesische Bodenvase mit Baumwollzweigen, an denen noch die weichen, faserigen Kugeln hingen. Auf einem Hängeregal waren vor den Bücherrücken Figuren und Figürchen aufgereiht, wahrscheinlich Reisesouvenirs und Erinnerungen an die Kindheit. Jede Menge Katzenfiguren: Romy war zweifellos eine Katzennärrin.
Erik fiel ein silberner Bilderrahmen ins Auge, der ganz oben auf dem Hängeregal stand. Er enthielt das Foto eines dunkelhaarigen, gutaussehenden Mannes mittleren Alters, dessen Anblick Erik ein mulmiges Gefühl verursachte.
„So, hier kommt der Kaffee.“ Romy stellte das Tablett mit den gefüllten Kaffeetassen und einer Schale mit Schokoladenkeksen auf dem Clubtisch ab. Erik nahm einen Keks und biss hinein. „Sie sind verheiratet?“
Romy lachte, als habe er einen Witz gemacht. „Ich? Wie kommen Sie darauf? Sieht meine Wohnung aus, als gäbe es hier noch jemanden außer mir? Abgesehen von Lilly.“
„Aber das Foto … dort oben auf dem Bücherregal …“
Im nächsten Moment wich die Unbekümmertheit aus Romys Gesicht, und sie senkte die Augen. „Mein Vater“, flüsterte sie. „Er ist schon lange tot. Ich war zwölf Jahre alt, als er starb. Er war achtunddreißig.“
Erik schwieg, sauer auf sich selbst, dass er mit seiner Neugier die Stimmung getrübt hatte. Aber er wollte nicht nur, sondern musste wissen, ob es in Romys Leben einen Mann gab, eine Frage, die ihm bis zur Konfrontation mit dem Foto nicht in den Sinn gekommen war.
Stumm tranken sie ihren Kaffee. Romy stellte die leeren Tassen auf das Tablett zurück und stand auf. „Ich hole Nachschub. Nach der langen Fahrt ist mir danach.“
Als sie zurückkam, hatte sie außer den Tassen mit frischem Kaffee zwei gefüllte Cognacschwenker auf dem Tablett. „Sie trauen sich nicht, danach zu fragen, warum mein Vater so jung gestorben ist, nicht wahr.“
„Ich will Ihnen nicht weh tun.“
„Das können Sie gar nicht. Es tut weh, immer, Tag für Tag.“ Sie machte eine kurze Pause, ehe sie freiwillig fortfuhr. „Er war bei der Polizei. Schon als Kind hatte er davon geträumt, Polizist zu werden. Er liebte seinen Beruf. Eines Tages klingelten zwei Kollegen an unserer Tür und sagten meiner Mutter, dass er während eines Einsatzes erschossen wurde.“
„Sie hingen an Ihrem Vater?“
„Sehr. Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn man einen Menschen verliert, den man über alles liebt? Den man für das Beste in seinem Leben gehalten hat?“
Erik nickte. „Bei mir war es die Mutter. Ein Autounfall.“
Romys Augen wurden feucht, aber sie hatte sich im nächsten Moment wieder im Griff. „Das tut mir leid“, murmelte sie und nahm die beiden Cognacschwenker mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit vom Tablett. „Hier, nehmen Sie. Den können wir jetzt gebrauchen.“
Während sie ihren Cognac nippten, tauchte die Abenddämmerung das Zimmer langsam in ein Halbdunkel. „Haben Sie ein Mobilphone dabei?“ Als wisse sie die Antwort bereits, setzte Romy ihren Schwenker auf das Tablett zurück und griff nach dem Festnetzapparat auf dem Beistelltisch.
Erik schüttelte den Kopf. „Liegt zu Hause. Bei kurzen Wegen brauche ich es nicht.“
„Von kurzen Wegen kann inzwischen keine Rede mehr sein, Mr. Crazy.“ Entschlossen hielt sie ihm das schnurlose Telefon hin. „Es ist neun Uhr vorbei, und Ihre Freundin macht sich bestimmt Sorgen. Sagen Sie ihr, wo sie stecken und dass Sie morgen nach Hause kommen werden.“
Erik schüttelte energisch den Kopf. „Ich bleibe in Berlin. Und anrufen kann ich morgen noch.“
„Sie Sturkopf! Ist Ihnen denn nicht klar, was Sie auslösen können?“
„Was denn?“
„Ihre Freundin wird überall anrufen und nach Ihnen fragen, aber niemand weiß etwas. Also wird sie die Polizei alarmieren und Sie als vermisst melden. Vielleicht hat sie es bereits getan und eine Fahndung ausgelöst. Nicht nur Nadja, sondern alle ihre Freunde, Bekannte und Familienmitglieder sind beunruhigt und werden …“
„Hören Sie auf!“
Zornig warf sie das Telefon neben Erik auf die Couch. Als er es nach einigem Zögern in die Hand nahm, stellte sie die leeren Tassen und die beiden Cognacschwenker auf das Tablett und begab sich damit in die Küche, um die Diskretion zu wahren. Erik tippte seine Hanauer Festnetznummer ein und hoffte inbrünstig, Nadja möge nicht zu Hause sein.
Sie weinte. „Wo steckst du? Ich habe mir deinetwegen fürchterliche Sorgen gemacht. Gerade wollte ich die Polizei anrufen.“
Mit allem hatte er gerechnet, mit einem Wutanfall, Vorwürfen, Drohungen, Unterstellungen – aber nicht mit angstvollem Schluchzen. Das passte nicht zu Nadjas Temperament. Er war von ihrer Reaktion dermaßen überrascht, dass es ihm die Sprache verschlug.
„Erik?“
Er nahm sich zusammen. „Tut … tut mir leid, Schatz. Du musst nicht weinen. Mit mir ist alles in Ordnung. Es ist nur so, dass ich … Also, ich bin in Berlin.“
Einige Sekunden lang hörte er nur Nadjas Schniefen, ehe sie konsterniert fragte: „Berlin? Was machst du denn in Berlin?“
Erik beherzigte Romys Ratschlag, die Wahrheit zu sagen. „Ich bin einer Frau nachgegangen.“
„Einer Frau? Weswegen?“
„Sie hatte dein Kleid an. Das aus der Reinigung.“
„Was hat das mit Berlin zu tun?“
„Sie wohnt in Berlin. In Hanau hatte sie nur beruflich zu tun. Als ich sie zufällig auf dem Markt sah, war sie auf dem Weg zum Bahnhof, um nach Berlin zurückzufahren.“
Nadja hatte aufgehört zu weinen. „Du Ärmster. Du wolltest mir mein Kleid zurückbringen und musstest deswegen bis nach Berlin fahren?“
„Ich konnte von dieser Frau schlecht verlangen, dass sie es am Hauptbahnhof in aller Öffentlichkeit auszieht.“
„Sie hätte in die Damentoilette gehen können.“
„Und womöglich ihren Zug verpasst …“
Nadja wirkte jetzt spürbar entspannter. „Wann kommst du nach Hause?“
„Morgen, Schatz, gleich morgen. Mit dem Kleid.“
„Ich liebe dich.“
Erik schluckte. „Bis morgen.“
Er stellte das Telefon auf die Ladestation zurück und ging in die Küche. Romy war nicht mehr hier. Die beiden Schwenker hatte sie auf einem Servierwagen abgestellt, auf dem auch die Cognac-Flasche stand. Erik nahm die Flasche und einen der Schwenker, goss sich einen ordentlichen Schwung ein und nahm einen tiefen Zug. Besser fühlte er sich danach nicht. Er hatte sich nicht nur von Nadjas Weinen im Handumdrehen entwaffnen lassen, sondern sie auch „Schatz“ genannt, und seitdem beherrschte ihn ein vages Unbehagen, als habe er eine nicht greifbare Schuld auf sich geladen.
Er fand Romy in ihrem Arbeitszimmer. Sie saß am Computer und bewegte die Maus hin und her.
„Der Zarenhof in der Schönhauser Allee hat Zimmer zu akzeptablen Preisen frei. Ich habe online für eine Nacht gebucht.“
Romy schrieb ihm die Reservierungsnummer auf einen Zettel. „Zu Fuß braucht man von hier bis zum Hotel etwa zwanzig Minuten. Ich werde Sie begleiten.“
„Und dann alleine nach Hause zurückgehen? Das kommt nicht in Frage.“
„Machen Sie sich keine Sorgen, wir sind hier nicht im Wilden Westen, sondern in Berlin. Ich bin an das Nachtleben dieser Stadt gewöhnt, und für Berliner Verhältnisse ist es noch früh am Tag.“
„Schreiben Sie mir Ihre Telefonnummer auf?“
„Wozu?“
„Ich will anrufen, um sicherzugehen, dass Sie unbehelligt nach Hause gekommen sind.“
Romy lächelte nachsichtig. „Hören Sie, Mr. Crazy: Ich brauche schon lange kein Kindermädchen mehr. Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen und absolut sicher. Kommen Sie morgen zum Frühstück, sagen wir um neun Uhr. Wenn wir damit fertig sind, übergebe ich Ihnen Nadjas Kleid und bestelle ein Taxi, das Sie zum Hauptbahnhof bringen wird.“
„Also gut, keine Telefonnummer. Dann machen wir es halt umgekehrt, und Sie rufen mich im Hotel an, wenn Sie wieder zu Hause sind. Bitte …“
Romy schüttelte lächelnd den Kopf. „Keine Chance, Mr. Crazy. Ich bin für mich selbst verantwortlich, und dabei soll es bleiben.“
Hart wie Granit, dachte Erik, widersprach aber nicht weiter. Als er eine Stunde später in seinem Hotelzimmer auf dem Bett lag und in die Dunkelheit starrte, fühlte er eine Mischung aus Enttäuschung und Verzweiflung in sich aufsteigen. Nichts war gelaufen, wie er es sich vorgestellt hatte, und wenn er in Gedanken den Tag passieren ließ, kam er sich wie der größte Narr vor, der jemals Berliner Boden betreten hatte.
Aber was hatte er auch erwartet? Seine Handlungen waren spontan verlaufen, und sicherlich hatte er jedes Mal ein Motiv gehabt. Wie sehr er auch versuchte, scharfe Bilder dieser Motive zu gewinnen, sie blieben verschwommen. Klar war ihm nur eins geworden: Er musste sein Leben ändern. Selbständig werden. Arbeiten. Geld verdienen. Aber wie sollte das ohne Studienabschluss und Berufserfahrung funktionieren? Der Weg zurück zur Universität war ihm aus finanziellen Gründen verwehrt, außerdem würde ihn die Fortsetzung des Studiums Jahre kosten, wertvolle Zeit, die er nicht zu verlieren hatte.
Während er vergeblich darauf wartete, dass ihn Müdigkeit überkam und entspannte, stiegen wie aus dem Nichts Bilder aus der Vergangenheit in ihm auf, als wollten sie ihm die Augen öffnen, wie das Problem zu lösen sei. Eine wachsende Unruhe erfasste ihn, und das Pochen seines Herzens stieg bis in seine Schläfen. Er verspürte den Drang, aus dem Bett zu springen und irgendetwas zu tun, um seinem inneren Brodeln ein Ventil zu verschaffen. Aber was hätte er hier und jetzt Sinnvolles anstellen können? Er musste warten, bis er wieder in Hanau war, ehe er den Versuch unternehmen konnte, seine noch vagen Fantasien erst in klare Bilder und dann in die Tat umzusetzen.
Nachdem er dreimal auf seine Armbanduhr gesehen hatte, kam er zu der Einsicht, dass sich nichts im Leben mit einem Fingerschnippen herbeiwünschen lässt. Seine Gedanken begannen langsamer zu kreisen, und allmählich wurde er müde. Gebettet in die Zuversicht, einer Idee zum Greifen nahe zu sein, die seinem Leben eine Wendung geben könnte, schlief er in den frühen Morgenstunden ein.
Sommersprosse
Als Erik am nächsten Morgen pünktlich um neun Uhr an Romys Wohnungstür klingelte und sie ihm öffnete, wehte ihm der Duft gebrühten Kaffees entgegen. Sie war in einen jadegrünen Hausanzug gekleidet, der die Farbe ihrer Augen unterstrich. Das Haar hatte sie hochgesteckt, was sie strenger wirken ließ als am Tag zuvor, als sie es offen getragen hatte. Obwohl sie nicht geschminkt war, fand Erik sie unverändert bezaubernd. Mit einem Dankeschön für die Einladung übergab er ihr einen bunten Gerbera-Strauß, den er am Vorabend beim Hotelservice bestellt hatte. Sie quittierte seine Geste mit einem anerkennenden Lächeln.
Lilly, die in den Flur getrottet war, um ihre Neugier über den Besuch zu befriedigen, schoss bei Eriks Anblick davon und verschwand im Wohnzimmer. Romy kicherte. „Zu ihrem Glück hat Lilly ihr Futter schon bekommen, sonst müsste sie vor Bammel jetzt hungrig in ihrem Versteck ausharren, bis Sie wieder fort sind.“
Sie winkte Erik, ihr in die Küche zu folgen. Während sie eine Vase mit Wasser füllte und die Gerbera hineinstellte, bestaunte Erik den gedeckten Tisch unter dem Küchenfenster: Schinken, verschiedene Sorten Käse, gekochte Eier, Butter, Marmelade und ein Körbchen mit Toastbrot, Croissants und Laugenbrötchen. Erik konnte seine Verwunderung darüber nicht zurückhalten. „Wo kommen am heiligen Sonntag all die frischen Sachen her?“
„Meine Nachbarin, die sich um Lilly kümmert, kauft für mich ein, wenn ich auf Reisen bin, damit ich bei meiner Rückkehr nicht auf dem Trockenen sitze. Ich brauchte nur noch die Croissants und die Brötchen beim Sonntagsbäcker bestellen.“
Romy stellte die Blumenvase auf das Fensterbrett, hob die Glaskanne von der Kaffeemaschine und entfernte den Filter. „Setzen Sie sich.“
Erik ließ sich auf einem der drei Schalenstühle nieder.
„War mit dem Hotelzimmer alles in Ordnung?“
„Alles okay.“
„Und sonst? Gut geschlafen?“
„Auch okay.“
„Konnten Sie noch etwas zu essen aufs Zimmer bekommen?“
„Kein Problem, das ging schon okay.“
Romy goss Kaffee in die Tassen, setzte sich Erik gegenüber und bestrich eine Scheibe Toastbrot mit Butter und Erdbeermarmelade. „Okay, okay“, neckte sie ihn, „gestern waren Sie gesprächiger, Mr. Crazy.“
Obwohl Erik sich auf das Wiedersehen mit Romy gefreut hatte, war er nach seiner durchgrübelten Nacht von seiner Bestform weit entfernt und zu zwanglosem Geplauder nicht aufgelegt. Ihr Versuch, ihn aus der Reserve zu locken, hellte seine Stimmung keineswegs auf. Vielmehr wirkte ihre Neckerei auf ihn wie der Vorwurf, unhöflich zu sein oder sie sogar provozieren zu wollen, und er fühlte einen Impuls, gereizt zu erwidern, er habe sich einsam gefühlt und Sehnsucht nach ihr gehabt, sei zudem vom Klamüsern über sein bisheriges und künftiges Leben am Schlaf gehindert worden und habe deshalb alles andere als erholsame Stunden hinter sich. Doch bevor er Gefahr laufen konnte, mit etwas Unbesonnenem herauszuplatzen, was er hinterher hätte bereuen müssen, war Romy aufgestanden und in ihr Schlafzimmer entfleucht. Sie kam mit einem Pappkarton zurück, der mit Paketschnur umwickelt war.
„Ich habe das Kleid zusammengefaltet und in Seidenpapier eingeschlagen, damit es beim Transport nicht zerknautscht.“
Mit einem gemurmelten Danke nahm Erik den Karton entgegen und stellte ihn hochkant auf das Fensterbrett neben die Blumenvase, während sich Romy wieder hinsetzte und in ihr Toastbrot biss. „Ihr Taxi kommt um 12:30 Uhr, Sie haben also noch jede Menge Zeit. Der Zug nach Frankfurt geht kurz nach 13 Uhr. Er wird höchstwahrscheinlich pünktlich sein, jedenfalls gibt es auf der Internet-Seite der Bahn bis jetzt keinen Verspätungsalarm. Außerdem habe ich zwei Sitzplätze reserviert, damit Sie für sich bleiben können. Das ist Ihnen hoffentlich recht.“
Erik schnitt vom Camembert eine Ecke ab und spießte sie mit der Messerspitze auf, ein bisschen zu heftig, als sei das Stückchen Käse ein lebendiges, aber feindliches Wesen, das den Tod verdiente. „An alles gedacht, hm? Sie gäben bestimmt eine tüchtige Sekretärin ab.“ Er hatte sich nicht bemüht, dem sarkastischen Ton seiner Worte einen humorvollen Anstrich zu geben.
Romy zog irritiert die Brauen zusammen. „Wieso? Was meinen Sie mit ‚tüchtig‘?“
„Na, so eine, die mit Vergnügen und Perfektion für ihren Boss Geschäftsreisen bucht, damit sie ihn los ist und ihre Ruhe hat.“
„Warum sagen Sie das?“
„Weil es wahr ist. Ich bin Ihnen unsympathisch, geradezu lästig. Sie können es gar nicht erwarten, mich loszuwerden, und bis dahin inszenieren Sie ein perfektes Frühstückstheater und quälen sich durch ein belangloses Geplauder, um uns einigermaßen bei Laune zu halten. Warum haben Sie mir nicht einfach den Pappkarton in die Hand gedrückt und mich zum Teufel gejagt?“
Eine leichte Röte legte sich über Romys Gesicht. Sie senkte den Blick und erwiderte nichts. Erik wertete ihr Schweigen als Bestätigung, dass er ihre Gedanken richtig erraten hatte, legte das Messer mit dem Stück Camembert auf seinen Brotteller und erhob sich. „Schon gut, Romy Bonero. Bestellen Sie das Taxi ab. Ich gehe zu Fuß zum Bahnhof. Das sollte in mehr als zwei Stunden locker zu schaffen sein.“
Er nahm den Pappkarton vom Fensterbrett und verließ ohne ein weiteres Wort die Küche. Doch binnen weniger Sekunden erfasste ihn Reue, dem Impuls seiner Übellaunigkeit nachgegeben und Romy mit einer idiotischen, unbeweisbaren Behauptung attackiert zu haben. Er war nicht zu ihr gekommen, um sie zu verletzen, auch nicht, weil ihm Nadjas Kleid übermäßig wichtig war, sondern weil er zwei Stunden des Zusammenseins mit ihr genießen und ihr dabei näher kommen wollte. Er hatte die Gunst der Stunde vermasselt, und selbst wenn er umkehrte und Romy um Verzeihung bäte, wäre der Zauber, den er sich für diesen Morgen erhofft hatte, nicht mehr zu beschwören.
„Erik!“
Bevor er die Wohnungstür erreicht hatte, war Romy bei ihm. Trotz der wenigen Schritte ging ihr Atem schnell. „Das stimmt nicht.“
Er wusste augenblicklich, was sie meinte. Trotzdem wollte er es von ihr hören. „Was stimmt nicht, Romy Bonero?“
„Dass ich dich nicht mag und loswerden will. Aber …“
„Aber was?“
„Meine Mutter mahnte mich oft: Kind, höre auf dein Herz, aber bedenke auch, dass man auf einem Scherbenhaufen kein Glück aufbauen kann.“
„Was bedeutet das für mich?“
„Denke über dein Leben nach, Erik. Gib Nadja eine Chance. Oder ziehe einen Strich unter deine Vergangenheit, bevor du dich auf eine neue Sache einlässt. Du musst das ohne mich entscheiden. Ich will nicht der Grund für das Unglück einer anderen Frau sein. Damit könnte ich nicht leben.“
Erik sah Romy eine Weile gedankenvoll an. Wie hätte er sie überzeugen können, dass sie nicht der Grund seines Konflikts war, sondern nur der Schlüssel zu der Kammer, in der er geschlummert hatte? Wäre Erik, als er Romy im Restaurant begegnete, im inneren Gleichgewicht gewesen, hätte er Nadjas Kleid nach Hause getragen und befände sich jetzt nicht in einer Wohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg.
Romy schien sein Schweigen zu werten, als könne er zu ihren Worten keinen Zugang finden. „Verstehe mich bitte, Erik“, fuhr sie fort, „wir kennen uns erst wenige Stunden, und du lebst in einer Beziehung. Wenn ich mich auf dich einlasse, verstricke ich mich vielleicht in eine Affäre, deren Folgen wir beide später bedauern könnten.“
Erik war gerührt darüber, dass sie ihn so inständig um sein Verständnis für ihren Standpunkt bat, obwohl sie nicht den geringsten Grund hatte, sich für irgendetwas zu rechtfertigen. Vielmehr wäre es an ihm gewesen, für seinen Fauxpas ihr gegenüber Abbitte zu leisten. Außerdem war ihm klar, dass sie mit jedem ihrer Worte recht hatte. Er strich ihr flüchtig über die Wange. „Ich verstehe dich, Romy. Sehr gut sogar. Wirst du auf mich warten?“
Romy schüttelte den Kopf. „Nein, nicht ins Blaue hinein. Wenn Mr. Right kommt, ist er da.“
„Also muss ich mich beeilen, wenn ich dieser Mr. Right sein will.“
„Vielleicht.“
„Sonst kannst du mir nichts auf den Weg mitgeben? Nichts weiter als ein ‚Vielleicht‘?“
„Nichts, Erik. Das ist alles.“
„Aber ich kann etwas zurücklassen.“ Erik ließ den Pappkarton aus der Hand gleiten, nahm Romy an beiden Schultern und küsste sie auf den Mund, nicht fordernd, sondern zärtlich und nicht länger, als es ihm für den Augenblick angemessen erschien. Sie ließ ihn gewähren, erwiderte seinen Kuss jedoch nicht.
„Ich komme zurück, Sommersprosse, verlass dich drauf.“ Er ließ ihre Schultern los, hob den Pappkarton vom Boden auf, öffnete die Tür und verschwand im Treppenhaus, ohne noch einmal den Kopf zu wenden. Erst als er unten ankam, hörte er, wie Romys Wohnungstür ins Schloss fiel. Sie schien ihm über das Treppengeländer den ganzen Weg bis zum Hauseingang nachgeschaut zu haben.
Am ersten Zeitungskiosk, auf den er traf, kaufte er einen Stadtplan und ließ sich vom Kioskbetreiber den Weg zum Hauptbahnhof zeigen: Richtung Süden bis zum Fernsehturm und zur Museumsinsel, dann nach Westen und ab Friedrichstraße am Spreeufer entlang bis zum Spreebogen und Humboldthafen.
Sie hat mich „Erik“ genannt und „du“ zu mir gesagt, und sie hat mir erlaubt, sie zu küssen, kam ihm zu Bewusstsein, als er, den Pappkarton unter den Arm geklemmt und den aufgefalteten Stadtplan in beiden Händen, losmarschierte und in seiner Brust ein Glücksgefühl aufstieg wie beim Anblick eines seltenen, erhabenen Naturschauspiels. „Ich komme wieder, Romy Bonero, was auch geschieht, ich komme wieder“. Unablässig wie eine Beschwörungsformel geisterte dieser Satz durch seinen Kopf, während er der Spree entgegeneilte. Doch je länger er unterwegs war, desto öfter drängten sich Romys mahnende Worte dazwischen: „Gib Nadja eine Chance. Ich will nicht der Grund für das Unglück einer anderen Frau sein. Damit könnte ich nicht leben.“
Köln
Nadja öffnete den Pappkarton und faltete das Seidenpapier auseinander. „Unser Kleid!“. Sie umarmte Erik und küsste ihn ungestüm. „Du bist einfach großartig! Dabei dachte ich zuerst, es sei dir nicht wichtig.“
Erik ließ ihren Ausbruch an Leidenschaft kommentarlos über sich ergehen. Im Gegensatz zu ihr war ihm klar, dass er nicht der wahre Mittelpunkt ihrer Happyend-Geschichte war, sondern lediglich als Stellvertreter für sentimentale Erinnerungen an eine Zeit fungierte, die längst jeden Bezug zum Hier und Heute verloren hatte. Er konnte schlicht und einfach nicht begreifen, wie Nadja in einem Meer nostalgischer Gefühlsduselei versinken konnte, anstatt wie er die Warnsignale schrillen zu hören, dass ihre Beziehung auf eine abschüssige Bahn geraten war. Beinahe schien es ihm, als diene ihr das Festhalten an der Vergangenheit als Schutzwall, der sie davor bewahrte, den unliebsamen Tatsachen der Gegenwart ins Gesicht sehen zu müssen.
Mit einem hatte sie allerdings recht, wenn auch anders, als ihr bewusst sein konnte. Denn für Erik hatten die Worte „unser Kleid“ eine neue Bedeutung gewonnen. Jetzt war es das Kleid, das ihn mit einer Frau in Berlin verband. Die es nur einmal getragen hatte und nie wieder tragen würde. Mit der er, alle Begegnungen zusammengezählt, weniger Stunden verbracht hatte, als ein halber Tag zählt. Die er, bevor er sie verließ, um nach Hanau zurückzufahren, Sommersprosse nannte.
Ahnungslos hatte Nadja in ihrer Sehnsucht nach den Relikten ihrer Jugend einen schlafenden Drachen geweckt, in dessen Obhut das blaugrüne Kleid lange in Vergessenheit geruht hatte und keinen Einfluss mehr auf menschliche Schicksale zu haben schien. Sie hatte ihr Kleid zurück, frisch gereinigt und sorgfältig verpackt, so dass sie es auf ihre sentimentale Art verwahren konnte. Aber der Drache, der wieder im Spiel war, riss jetzt an seiner Kette und wollte sich befreien.
Jeder Versuch Eriks, sich einreden zu wollen, sein Zusammentreffen mit Romys sei nur eine belanglose Episode gewesen, blieb wirkungslos gegenüber seiner tiefen Überzeugung, dass sich nur selten zwei Menschen begegnen, die schon nach wenigen Augenblicken wissen, füreinander geschaffen zu sein. Immer wieder gingen ihm die Worte aus der Filmromanze „Die Brücken am Fluss“ durch den Kopf, mit denen der Fotograf Robert der Farmersfrau Francesca seine Liebe gesteht: „Such certainty comes but once in a lifetime – eine derartige Gewissheit erfährt man nur einmal im Leben.“ Erik war sich seiner Gefühle für Romy absolut sicher, und er hegte auch keinerlei Zweifel, dass sie für ihn genauso empfand – warum hätte sie sich sonst widerstandslos von ihm küssen lassen?
Doch als Nadja ihn in wiedererwachter Verliebtheit umgarnte und mit Zärtlichkeiten überhäufte, hatte er nicht den Mut, ihr seine wahren Gefühle zu offenbaren, sondern ging auf sie ein, wie sie es von ihm gewohnt war. Er hatte sie lange nicht mehr so glücklich gesehen und scheute davor zurück, sie zu verletzen, obwohl er keinen anderen Wunsch hegte, als wieder nach Berlin zu fahren und Romy in seine Arme zu schließen. Nadja hatte ihn schlicht und einfach überrumpelt, bevor er angemessene Worte hätte finden können, ihr die Wahrheit schonend beizubringen. Auch sagte ihm sein Verstand, dass die Zeit für ein Geständnis noch nicht reif war, denn nie zuvor war ihm schmerzhafter bewusst gewesen, wie abhängig er von Nadja war. Ekel vor sich selbst übermannte ihn jedes Mal, wenn er sie ohne Hingabe küsste und ihrem Verlangen folgte, weil er nicht verdrängen konnte, dass er ihren Körper nur zu seiner Befriedigung benutzte, und wenn es vorbei war, fühlte er sich dreckig und verderbt.
Es kostete ihn Kraft, seine Desillusion vor Nadja zu verbergen. Doch sie schien nichts davon zu bemerken. Ihre frisch erblühte Leidenschaft hatte die Studentin von einst wiedererweckt, die zu beschwingt und glücklich war, auch nur einen blassen Schimmer seiner Gemütsverfassung zu erahnen. „Es ist wie früher, Erik, findest du nicht?“
Nichts ist wie früher, hätte er ihr am liebsten ins Gesicht geschrien, und nie wieder wird es so sein. Er machte sich nichts vor: Die Neugier einstiger Tage, einander zu erforschen, die Unbeschwertheit und Bedingungslosigkeit ihrer gegenseitigen Hingabe, die Bodenlosigkeit ihrer Leidenschaft, das alles war den Routinen des Alltags und den ungleich verteilten Machtverhältnissen ihrer Beziehung gewichen. Er war ein Gefangener, dessen Gedanken nur noch darum kreisten, sich zu befreien.
Er behielt seine Gedanken für sich. Stattdessen grub er, wenn Nadja und er beieinander lagen, sein Gesicht in ihre Halsbeuge und wunderte sich über den betörenden Geruch ihrer noch immer jugendlich frischen Haut und darüber, weshalb er keine Liebe mehr für sie empfinden konnte, obwohl sie ihn einst mit ihren dunkelbraunen, fast schwarzen Augen und den sinnlich geschwungenen Lippen bis in seine frivolsten Träume verfolgt hatte.
Die Träume kehrten nicht wieder, und Erik wurde von Tag zu Tag klarer, dass er sich vor einer Entscheidung nicht mehr länger drücken konnte. Er hatte Romys Aufforderung befolgt, seiner Beziehung zu Nadja eine Chance zu geben, doch seine behutsamen Versuche, mit ihr über seine Gefühle zu sprechen, waren gescheitert. Sie hatte ihm ungeduldig zugehört und die Stirn gerunzelt. „Was genau passt dir denn nicht? Brauchst du mehr Geld? Hast du Wünsche, über die du nicht sprechen kannst? Vielleicht ein Auto, oder was stellst du dir vor?“
„Es geht nicht ums Geld, Nadja, es geht um mich. Ich komme mir nutzlos vor.“
„Du bist doch nicht nutzlos. Du hältst mir den Rücken frei, machst den Haushalt, gehst einkaufen, kochst und putzt. Ohne dich käme ich überhaupt nicht zurecht.“
Erik seufzte: „Versteh mich doch. Ich komme mir vor als … als sei ich kein richtiger Mann.“
Sie lächelte kokett und fuhr mit der Hand über seinen Oberschenkel. „Was für ein Unsinn! Du bist ein Mann, das kann ich dir schriftlich geben.“
Er griff nach ihrer Hand und hielt sie fest, bevor ihre Berührung zu intim werden konnte. „Es ist mir ernst, Nadja“, erwiderte er barsch. „Ich will nicht den Rest meines Lebens als Hausmann verbringen.“
Verärgert zog sie ihre Hand von ihm zurück. „Willst du etwa gar nichts tun, während ich mich Tag für Tag im Büro abrackere? Es läuft doch bestens, so wie es ist.“
„Für dich läuft es bestens, Nadja, aber nicht für mich.“
„Dann mal Klartext: Was genau willst du?“
„Arbeiten. Eigenes Geld verdienen. Aber dann kann ich den Haushalt nicht mehr allein machen. Du müsstest einen Teil übernehmen.“
Nadja lächelte nachsichtig und schlug einen überlegenen Ton an: „Vergiss es! Du hast dein Studium abgebrochen, keinen Beruf gelernt und auch sonst keine praktische Erfahrung. Ich sehe nicht ein, dass ich mich wegen einer Laune von dir mit Hausarbeit belasten soll, damit du in einer Tankstelle oder als Taxifahrer ein paar lumpige Kröten zusammenkratzen kannst, die den Bock nicht fettmachen.“
„Warum kannst du nicht begreifen, dass es mir nicht allein ums Geld geht, sondern …“
Zornig fiel sie ihm ins Wort. „Weil du ein unvernünftiger, undankbarer Egoist bist, der in Problemen herumstochert, die gar nicht vorhanden sind.“
An diesem Punkt hatte Erik erkannt, dass jedes weitere Wort zwecklos gewesen wäre. Nadja hatte sich in ihrer Welt eingerichtet, einer Welt, in der sie die Macht in Händen hielt und nicht bereit war, von ihrem Terrain auch nur einen Quadratzentimeter abzutreten. Sie hatte seine Argumente, die er sich zurechtgelegt hatte, um ihr Verständnis zu gewinnen und ihre Beziehung in ein neues Fahrwasser zu lenken, von vornherein abgebügelt, so dass ihm keine andere Wahl blieb, als ohne sie und gegen ihren Willen zu handeln. Wenn ihm daran gelegen war, eigenständig zu werden, anstatt in Mutlosigkeit zu verfallen und sich aufzugeben, durfte er nicht mehr länger warten, sondern musste die Idee, die ihm in jener einsam verbrachten Nacht im Zarenhof zugeflogen war, in die Tat umsetzen. Wenn sein Plan funktionierte, könnte er ihm zu einer Beschäftigung verhelfen, von der sich leidlich leben ließe. Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe - das musste er um jeden Preis vermeiden, denn damit wäre kein guter Anfang gemacht. Nie wieder wollte er an eine Frau gebunden sein, der er nicht auf gleicher Augenhöhe gegenüberstand.
Sein Verlangen, Romy wiederzusehen, wuchs von Tag zu Tag. Da sie ihm ihre E‑Mail-Adresse und Telefonnummer nicht hatte geben wollen, schickte er ihr regelmäßig Briefe - keine Liebesbriefe, die sie als aufdringlich oder sogar albern hätte empfinden können, sondern Mitteilungen und Fragen unverfänglichen Inhalts, um mit ihr in Kontakt zu bleiben: Was sie so mache; ob sie vorhabe, in absehbarer Zeit wieder einmal im Raum Frankfurt zu sein, dann könne man sich auf einen Kaffee treffen; wie es ihrer Katze Lilly gehe. Auf jeden seiner unverbindlichen Plauderbriefe hoffte er, eine ebenso unverbindliche Antwort zu erhalten. Vergeblich, denn Romy schrieb kein einziges Mal zurück. Er forschte im Online-Telefonbuch nach ihrer Rufnummer, sowohl unter ihrem bürgerlichen Namen als auch unter ihrem Pseudonym, aber wie er befürchtet hatte, war sie nicht registriert. Also schrieb er ihr weiterhin Briefe.
Ihre Weigerung, ihm zu antworten, bestärkte ihn zusätzlich darin, aus seiner Idee so schnell wie möglich ein Konzept zu entwickeln, denn ginge sein Plan auf, könnte ihn nichts mehr daran hindern, nach Berlin aufzubrechen. An einem Montag, als Nadja sich auf den Weg ins Büro gemacht hatte, blieb er noch eine Weile am Frühstückstisch sitzen. Er schlug die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Samstag auf und blätterte, bis er die Karikatur von Greser & Lenz fand, die wie immer mit politisch unbequemen Aussagen provozierte. Bestimmt würde sie wieder Proteste von Lesern nach sich ziehen, die derartige Verstöße gegen die politische Korrektheit mit einer seriösen Tageszeitung wie der Frankfurter Allgemeinen nicht in Einklang zu bringen vermochten. Die Redaktion druckte diese Leserbriefe ab, hielt jedoch am Prinzip der Meinungsfreiheit und an dem Karikaturisten-Duo fest.
Erik liebte die Zeichnungen von Greser & Lenz, die sich im Gegensatz zu den üblichen, mit wenigen Strichen skizzierten Karikaturen üppig in Details ergingen und viele versteckte Botschaften enthielten. Vor Jahren hatte er, als Ausgleich zu seinem Studium, einen Zeichenlehrgang gemacht, weil er schon in seiner Gymnasialzeit gerne gezeichnet und eine Vorliebe für Karikaturen entwickelt hatte. Es war ihm sogar gelungen, ein wenig seinen eigenen Stil zu entwickeln. Doch nachdem er das Studium aufgegeben und als Hausmann seine täglichen Pflichten zu erfüllen hatte, ließ er sein Hobby erst schleifen und, seit er mit Nadja in Hanau lebte, ganz einschlafen. Dabei hätte er jede Menge Zeit gehabt, es zu pflegen und seine Fähigkeiten zu perfektionieren.
Jetzt begann er mit sich zu hadern, dass er das Potenzial, das in ihm schlummerte, nicht schon eher wachgerüttelt hatte. Er ging ins Schlafzimmer und öffnete den Karton, der als einziger seit dem Umzug nach Hanau noch verschlossen in einer Ecke stand, und kramte die vernachlässigten Dinge heraus: ein Tagebuch mit mehr leeren als beschriebenen Seiten, ein altes Fotoalbum, einen Tuschekasten, eine Blechschachtel mit Pinseln, ein paar Spitzerdosen, ein Ledermäppchen mit Bleistiften, Buntstiften und Radierern. Schließlich ein Comic-Zeichenlehrbuch, noch mehr Bleistifte unterschiedlicher Stärke, die von einem Gummiband zusammengehalten wurden, eine weitere Blechschachtel mit Kohlestiften und vom Boden des Kartons einen Zeichenblock und einen Stapel Blätter mit Skizzen.
Erik huschte ein Lächeln über die Lippen, als er die einzelnen Zeichnungen betrachtete und Erinnerungen an seine Studienzeit in ihm aufstiegen. Er nahm den Zeichenblock und die Bleistifte, setzte sich damit an den Küchentisch und begann, Striche und Bögen zu ziehen. Beglückt stellte er fest, dass er das Zeichnen nicht verlernt hatte. Die Linien kamen zwar noch ungelenk und zuweilen zittrig, aber mit jedem Strich wurde er sicherer.
Er zeichnete stundenlang, trank dabei einen Kaffee nach dem anderen und vergaß darüber, den Tisch abzuräumen und Nadjas Aufträge in der Stadt zu erledigen. Eine seligmachende Aufgeregtheit hatte ihn ergriffen, als sei er tagelang durch die Wüste geirrt und sei kurz vor dem Verdursten auf die rettende Oase gestoßen.
Er zeichnete Merkel, Seehofer, Trump, Putin, Macron. Kidman, Schwarzenegger, Clooney. Aber auch Prominente vergangener Zeiten: Adenauer, de Gaulle, Mitterrand, Brandt, Jelzin - Charakterköpfe, die nach wenigen Strichen erkennbar waren. Aber so zeichneten alle, das war also nicht das Gelbe vom Ei. Erik brauchte einen eigenen Stil. Er versuchte es mit dem Hinzufügen von Details und bewusst gesetzten Schattierungen, um seinen Karikaturen mehr Tiefe zu verleihen, jedoch ohne in die Detailverliebtheit seiner Vorbilder Greser & Lenz zu verfallen. Er fand, dass sich das Ergebnis sehen lassen konnte: Die Gesichter wirkten immer noch grotesk, aber trotzdem real, und auf einmal sah Donald Trump nicht mehr aus wie jemand, der mitten in einer Ansprache mit geschürzten Lippen und beleidigtem Gesichtsausdruck eingefroren war, sondern als würden ihm im nächsten Moment weitere markige Sprüche von den Lippen sprudeln.
Das ist schon mal ein Anfang, dachte Erik zufrieden. Wo aber eine Idee gezündet hat, kommt oft noch eine weitere hinzu: Wie wäre es, ging es ihm spontan durch den Kopf, eine individuelle Figur für einen täglich erscheinenden Comic-Strip, bestehend aus vier bis sechs Bildern, zu konzipieren? Nach einigen Überlegungen und Skizzen hatte Erik seine Figur gefunden: eine kluge Ratte namens Ziska, die sich über die politischen Ansichten des Wohnungsinhabers, bei dem sie sich eingenistet hat, lustig macht, wie auch über die Tatsache, dass dieser sie mit seinen raffiniertesten Versuchen nicht in eine Falle zu locken vermag. Auf diese Weise konnten einer Leserschaft die aktuellen politischen Probleme auf humorvolle Weise dargeboten werden.
An den folgenden Tagen zeichnete Erik Muster-Comics, fertigte Scans davon an und schickte sie zusammen mit einem Bewerbungsschreiben und seiner Kurzbiografie per E‑Mail an mehrere Verlage namhafter Tageszeitungen. Als Nadja ihn fragte, weshalb er neuerdings den Haushalt vernachlässige und ihre Aufträge nicht mehr erledige, gab er als Begründung an, sich nicht wohlgefühlt zu haben, was sie mit einem skeptischen Blick auf den Stapel seiner Zeichnungen quittierte, sich aber jeglichen Kommentars enthielt.
Zu Eriks Überraschung dauerte es nur zwei Tage, bis sich der Redakteur eines Kölner Zeitungsverlags telefonisch bei ihm meldete. „Ihre Arbeiten gefallen mir. Haben Sie noch mehr davon?“ Weitere drei Tage später saß Erik in Benno Salzmanns Büro. „Um es kurz zu machen, Herr Durante: Unser bisheriger Karikaturist fällt wegen einer Erkrankung für lange Zeit aus. Natürlich hatte er einen anderen Stil als Sie, aber unsere Leser werden sich an Ihre Zeichnungen gewöhnen.“
„Heißt das, ich bin engagiert?“
Salzmann nickte. „Sofern wir uns über die Konditionen einig werden können. Bekanntlich geht der Absatz bei den Tageszeitungen seit einiger Zeit dramatisch zurück. Deshalb verfügen die Verlage nur über schmale Budgets. Es kommt also darauf an, welche Vorstellungen Sie über Ihr Honorar haben und wie schnell Sie arbeiten können.“
Erik hatte sich in kluger Voraussicht im Internet über die Durchschnittshonorare für Comiczeichner informiert, hielt es aber für angebracht, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen. „Wieviel kann der Verlag mir bezahlen, und was muss ich dafür liefern?“
„Zwei Bilderserien in Farbe für die Freitags- und Samstagsausgabe, also zwölf Zeichnungen pro Woche. Unser Verlag zahlt Ihnen ein Stundenhonorar von 40 Euro. Die Exklusivrechte an Ihren Bildern treten Sie an den Verlag ab.“
Erik überschlug im Kopf das Angebot. Er brauchte für eine Farbzeichnung, wie sie ihm vorschwebte, höchstens eine Stunde, eher weniger, für detaillierte Bilder zwanzig bis dreißig Minuten länger. Sein monatliches Einkommen läge demnach zwischen 2.000 und 2.800 Euro brutto – zu wenig, um als Single über die Runden zu kommen. „Ich hatte an 50 Euro gedacht.“
„43 und keinen Cent mehr.“
Erik hielt sich einen Moment in gespieltem Nachdenken zurück, ehe er einlenkte. „Ihr letztes Wort?“
„Die Höchstgrenze. Mehr ist nicht drin.“
„Dann nehme ich das Angebot an.“
„Gut. Ich lasse einen Vertrag vorbereiten, den wir auf ein Jahr befristen. Sie liefern erstmals nächste Woche. Das Thema und den Abgabetermin wird der zuständige Redakteur mit Ihnen abstimmen.“
Erik hätte jubeln können vor Glück: Alles war besser gelaufen, als er zu hoffen gewagt hatte. Nachdem Salzmann ihn durch den Verlag geführt und ihn mit dem Redakteur bekannt gemacht hatte, der künftig sein Ansprechpartner sein würde, hatte er vor der Heimfahrt noch genügend Zeit, einen kurzen Besuch im Kölner Dom zu machen. Dort setzte er sich auf eine Bank in der Nähe des Hochaltars, schloss die Augen und genoss die erhabene Atmosphäre des gewaltigen Bauwerks, bis ihn eine tiefe Ruhe durchströmte. Er hatte den Fuß auf die Schwelle zu einem eigenständigen Leben gesetzt, und nichts konnte ihn jetzt noch aufhalten, diesen Weg weiterzugehen. Wäre er ein religiöser Mensch gewesen, hätte er Gott oder der Jungfrau Maria ein Dankgebet gen Himmel geschickt. Stattdessen warf er eine Zwei-Euro-Münze in die Kollekte, bevor er dem Dom verließ und sich auf den Weg zum Bahnhof begab.
Noch in derselben Woche stellte ihm die Post den Honorarvertrag zu, auf den er sich mit Salzmann geeinigt hatte, und nachdem kurz darauf sein Erstauftrag und die Deadline mit seinem Redakteur geklärt waren, stürzte er sich in die Arbeit.
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