Kitabı oku: «Sehnsucht nach Glück - im Gestern, im Morgen, im Jetzt!»
Ilona M. Fudali
SEHNSUCHT NACH GLÜCK
Im Gestern, im Morgen, im Jetzt!
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2021
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Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
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Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei der Autorin
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Tagebuch Teil 1 Finge das Herz an zu denken, würde es aufhören zu schlagen
03. Februar 2015/ Dienstag
16. Februar 2015/ Rosenmontag
15. März 2015/ Montag
23. März 2015/ Montag
06. April 2015/ Montag
10. April 2015/ Freitag
11. April 2015/ Samstag
19. April 2015/ Sonntag
22. April 2015/ Mittwoch
24. April 2015/ Freitag
28. April 2015/ Dienstag
29. April 2015/ Mittwoch
05. Mai 2015/ Dienstag
08. Mai 2015/ Freitag
11. Mai 2015/ Montag
19. Mai 2015/ Dienstag
21. Mai 2015/ Donnerstag
29. Mai 2015/ Freitag
30. Mai 2015/ Samstag
12. Juni 2015/ Freitag
13. Juni 2015/ Samstag
20. Juni 2015/ Samstag
04. Juli 2015/ Samstag
Tagebuch Teil 2 Und ich liebe dich doch!
29. Juli 2017 / Samstag
30. Juli 2017 / Sonntag
01. August 2017 / Dienstag
06. August 2017 / Sonntag
07. August 2017 / Montag
13. August 2017 / Sonntag
15. August 2017 / Dienstag (Mariä Himmelfahrt)
16. August 2017 / Mittwoch
18. August 2017 / Freitag
20. August 2017/ Sonntag
28. August 2017/ Montag
01. September 2017 / Freitag
03. September 2017 / Sonntag
04. September 2017 / Montag
15. September 2017 / Freitag
16. September 2017 / Samstag
17. September 2017 / Sonntag
18. September 2017 / Montag
19. September 2017/ Dienstag
20. September 2017/ Mittwoch
22. September 2017/ Freitag
23. September 2017/ Samstag
26. September 2017/ Dienstag
30. September 2017/ Samstag
01. Oktober 2017/ Sonntag
02. Oktober 2017/ Montag
03. Oktober 2017/ Dienstag
04. Oktober 2017/ Mittwoch
05. Oktober 2017/ Donnerstag
06. Oktober 2017/ Freitag
07. Oktober 2017/ Samstag
09. Oktober 2017/ Montag (6 Uhr)
11. Oktober 2017/ Mittwoch
13. Oktober 2017/ Freitag
15. Oktober 2017/ Sonntag
18. Oktober 2017/ Mittwoch
20. Oktober 2017/ Freitag
21. Oktober 2017/ Samstag
22. Oktober 2017/ Sonntag
26. Oktober 2017/ Donnerstag
27. Oktober 2017/ Freitag
29. Oktober 2017/ Sonntag
30. Oktober 2017/ Montag
31. Oktober 2017/ Dienstag
01. November 2017/ Mittwoch
02. November 2017/ Donnerstag
Tagebuch Teil 3 Das Heil der Welt beginnt in uns
11. November 2017/ Samstag
13. November 2017/ Montag
17. November 2017/ Freitag
18. November 2017/ Samstag
19. November 2017/ Sonntag
20. November 2017/ Montag
21. November 2017/ Dienstag
24. November 2017/ Freitag
25. November 2017 / Samstag
26. November 2017/ Sonntag (Letzter Tag im Kirchenjahr)
27. November 2017/ Montag
29. November 2017 /Dienstag
30. November 2017/ Donnerstag
01. Dezember 2017/ Freitag
01. Dezember 2017/ Samstag/ am Abend
03. Dezember 2017/ Sonntag
04. Dezember 2017/ Montag, um Mitternacht
06. Dezember 2017/ Mittwoch
07. Dezember 2017/ Donnerstag
01. Februar 2019 / Freitag
Epilog
PROLOG
Sie saß sehr oft und gerne vor ihrem Fenster und schaute nach draußen. Jeden Tag breitete sich die gleiche Gegend vor ihr aus; nicht nur die lange Straße, die sich weit hinzog und kein Ende zu haben schien, sondern auch sonst die vielen alten Häuser, die Bäume, die Fabrik am Horizont. Was sich lediglich veränderte waren die Jahreszeiten und das tägliche Wettergeschehen. Aber auch dieses berührte sie nicht sonderlich, obwohl ihr nie langweilig war, einfach nur so da zu sitzen und zu beobachten. Für denjenigen, der ganz genau hinschaute, offenbarte sich ein gläserner Blick, der verriet, dass sie in eine ganz andere Welt schaute – eine Welt, die hinter dieser vordergründigen Fassade oder noch wo anders steckte? Kein Wunder, dass sie die Katze von dem gegenüberstehenden Baum nie herunterspringen sah, dass sie den gebeugten alten Mann, der mit der Einkaufstasche jeden Tag an ihrem Haus vorbeiging, nicht bemerkt hatte. Auch dass die zwitschernden Vögel in den Ästen aufgeregt auf der Suche nach Grashalmen waren, um ihre Nester auszubessern, gingen an ihr vorbei. Stattdessen beschäftigten die vorüberziehenden Wolken ihren Geist, die immer wieder ihre Form veränderten und sich nach und nach im Nichts auflösten. Wieder einmal, dachte sie, würde es immer wärmer und heller werden. Wieder würden die Blumen aufblühen und etwas Leben in die grauen Straßen bringen. Aber genauso wie die Wolken würden die Blumen einmal wieder vergehen und sich dann im Nichts auflösen. Jedes Mal, wenn sie aus dem Fenster sah, wurde ihr ihre Vergänglichkeit bewusst, dass nichts ewig währt und im nächstbesten Augenblick sofort verschwindet. Sie seufzte, dass es fast schmerzte.
„Wozu also sich über etwas freuen, wenn man es doch gleich wieder verliert?“ Einmal mehr stellte sie sich diese Frage und dabei entgingen ihr die wärmenden Sonnenstrahlen, die sie angenehm auf ihrer Haut spürte. Wie sollte sie diese auch fühlen, wenn in ihr drin sich eine kalte Leere Platz verschaffte und ihr ihren Mut und ihre Energie nach und nach raubte. So nahm sie auch die Wärme der gelben, kariert gemusterten Decke ihrer geliebten, aber schon vor einem Jahr verstorbenen Oma auf ihren Knien nur zweitrangig wahr. Während draußen der Sommer aufwachte und alles sich zu regen und zu bewegen schien, kam es ihr selbst vor, als wenn sie als einzige auf der Stelle stehen geblieben wäre. Mit einem Seufzer sah sie wieder den Himmel an; sah seine Unendlichkeit und die ungeheure Weite und Tiefe und – Leere. Aber war das kleine Pünktchen, das sich jetzt dort ganz oben von links nach rechts bewegte nicht ein Flugzeug? Jetzt bemerkte sie ihn auch. „Bestimmt“, dachte sie sich, „sitzen da auch Menschen und schauen genau wie ich aus dem Fenster!“
Ihren fernen Gedanken und Grübeln machte plötzlich ein dumpfer Schlag an der Fensterscheibe einen scharfen Schnitt.
Sie stand von ihrem bequemen Stuhl verschreckt auf, öffnete das Fenster und entdeckte auf einmal auf der Fensterbank eine Papierschwalbe aus weißem Seidenpapier, was ihr ein Lächeln entlockte. Ja – sie lächelte! Sie konnte sich das nicht verkneifen, weil es ihr komisch erschien, dass ausgerechnet in dem Moment, wo sie mit den Gedanken bei einem Flugzeug war, ein Flieger aus Papier auf dem Fenstersims landete.
Sie hob die Schwalbe auf und bemerkte, dass darauf etwas Geschriebenes stand: „Wie geht es Dir? Du kennst mich nicht, nehme ich an, aber ich sehe dich oft am Fenster und frage mich, ob Du nicht einmal nach draußen kommen willst? Vielleicht könnten wir etwas unternehmen?“
Wer war das? Wer nahm sich das Recht, sie heimlich zu beobachten? Warum weiß sie nichts von diesem Fremden? Was will dieser Unbekannte eigentlich von ihr?
Während noch Tausend andere Fragen ihr Gehirn durchkreuzten, reckte sie noch einmal hastig den Hals zum Fenster vor, um vielleicht noch den heimlichen Beobachter zu entdecken. Sie guckte sich von rechts nach links, entgegen des Uhrzeigersinns um, und plötzlich durchdrang es sie wie ein Blitz: Ihre Augen trafen sich mit denen eines Jungen. Er stand an der Ecke des gegenüberstehenden Ziegelhauses mit einem Fuß an die Wand angelehnt, trug eine dunkelblaue Jeansjacke, darunter ein weißes T-Shirt und eine ausgewaschene Jeanshose. An den Füßen waren die Sneakers nicht zu übersehen. Sie hatten sogar die gleiche schwarz-weiße Farbe wie ihre! Er versteckte sein Kinn unter dem hochgestellten Kragen der Jacke, als wäre er James Dean, und schaute sie paradoxer Weise selbstbewusst aber gleichzeitig schüchtern aus den Augenwinkeln von unten an und dann lächelte er sie an. Wie konnte er nur? Frechheit. Wie konnte er sie nur so unverschämt anlächeln? Ohne lange zu überlegen machte sie das Fenster zu und zeigte ihm die kalte Schulter. Erst jetzt bemerkte sie, wie heiß es ihr auf einmal war. Der Blick in den Spiegel zeigte ihr, sie hatte glühende Wangen.
„Was war denn bloß los mit mir?“, fragte sie sich. Zuerst muss ich über eine blöde Schwalbe lächeln und dann dieser Typ! War das nicht unglaublich? Noch vor wenigen Tagen und Momenten war für mich fast alles relativ und mehr oder weniger nebensächlich, sogar meine Existenz. Nichts berührte sie sonderlich oder forderte sie heraus – und nun plötzlich dieses
Erdbeben, dieser Vulkanausbruch, dieser Windstoß! In heller Aufregung und Verärgerung zitterte sie am ganzen Leib. Was sollte sie machen? Sie setzte sich wieder auf den Stuhl, doch dieser schien ihr jetzt zu hart und irgendwie war er auf einmal nicht mehr so gemütlich wie vorhin. Sie spürte lauter Ameisen durch ihren Körper laufen, so dass das Stillsitzen nicht mehr so richtig klappte. Sie stand auf und tastete sich noch einmal vorsichtig ans Fenster.
Der Junge war nicht mehr da.
Ihr Puls wurde nun langsamer und endlich konnte sie wieder durchatmen. Sie kühlte ihre Wangen im Badezimmer mit kaltem Wasser ab und sah sich im Wandspiegel ihr eigenes Gesicht genauer an. Fast hätte sie sich nicht wieder erkannt. Waren das ihre glänzenden, blauen Augen, die sie jetzt so lebhaft anfunkelten? Hatte sie schon immer diese Grübchen in den Mundwinkeln? Und ihre Wangenknochen haben sich noch nie so bemerkbar gemacht, jedenfalls sind sie ihr bis jetzt nicht sonderlich aufgefallen. Sie nahm die Haarbürste in die Hand und kämmte langsam ihr schulterlanges Haar durch. Sie trug sehr selten ihre Haare offen, weil sie ihr immer ins Gesicht flogen. Doch nun sah sie, dass sie mit offenen Haaren sehr schön aussah – auf irgendeine Weise reifer. Außerdem schmückten diese ihr zierliches Gesicht, machten es noch sanfter und weiblicher.
Sie suchte sofort aber nach ihrer Spange und konnte nicht glauben, wie blöd sie doch war! Wieso hielt sie sich mit so unwichtigen Dingen wie den Haaren auf? Schnell und verärgert band sie sich diese zu einem Zopf zusammen und ging wieder in ihr Zimmer zurück. Von der Tür aus sah sie wie die Sonne in ihren letzten Zügen unterging. Doch irgendwie löste das bei ihr nicht wie gewöhnlich Melancholie oder Traurigkeit aus. Vielmehr verspürte sie zum ersten Mal die Kraft der Sonne; wie sie die Blätter des Baumes, der hinter dem Zaun gegenüberstand, mit ihren Strahlen zum Leuchten brachte und wie ihr Licht noch zu so einer späten Stunde einhüllende Wärme schenkte. Auch wenn die Sonne unterging, es machte ihr seltsamerweise nicht viel aus. Denn nun leuchtete etwas tief in ihr und das würde bestimmt nicht so schnell untergehen.
Sie ging bedächtig zur Fensterbank hinüber und nahm noch einmal aufgeregt die Papierschwalbe in die Hand. „Was ist bloß mit mir los?“. Und mit dieser Frage überkam sie ganz plötzlich Lust ganz laut „Somewhereovertherainbow“ zu singen.
Hastig packte sie ihr selbstgemachtes, in Pergamentpapier eingepacktes Butterbrot in ihre Stofftasche ein. Sie mochte gar nicht darüber nachdenken, was sonst noch alles da drin lag. Ganz kurz lief ihr nur das teure Deutschbuch durch den Kopf und die grauenhafte Vorstellung, dass vielleicht in der Sommerhitze die Butter aus dem Butterbrot auslaufen und alles verschmieren könnte. Sie hatte einfach keine Zeit mehr, jetzt noch nach einem Plastikbeutel zu suchen. Mit einem Schluck trank sie ihren Pfefferminztee aus, griff noch in der Türschwelle nach dem Hausschlüssel, knallte die Tür hinter sich zu – was ihre Mutter bestimmt aufweckte – und lief so schnell sie konnte Richtung Bushaltestelle. Hoffentlich kommt sie jetzt nicht zu spät! Auf dem halben Weg fiel ihr auf einmal ein, dass sie tatsächlich etwas Wichtiges vergessen hatte: Natürlich die Monatskarte für den Bus. Sie schaute auf die Uhr, doch es war schon zu spät, um umzukehren. Sie durfte die Frühstunde nicht verpassen, denn heute war sie mit dem Referat in Geschichte dran. Der Lehrer war ziemlich pingelig und achtete sehr auf Pünktlichkeit. Sie mochte ihn trotzdem irgendwie gut leiden, weil bei ihm der Unterricht einfach sensationell war. Die sonst so langweiligen Ereignisse von damals wurden jedes Mal zum wahren Erlebnis. Herr Lackmann, der Geschichtslehrer, konnte so unglaublich bildhaft erzählen, dass man glaubte, sich mittendrin in den Geschehnissen zu befinden und die Situationen der Menschen in den letzten Jahrhunderten sowie ihre Schicksale richtig nachempfinden zu können. Sie besprachen momentan das 18. Jahrhundert und sie war heute mit dem Thema „Französische Aristokratie zur Zeit der Revolution“ dran. Auch heute hat sie den Wecker nicht gehört und alles ging so schnell, dass sie fast ihren Kopf zu Hause vergessen hätte. Aber wenigstens kam sie jetzt rechtzeitig zum Bus. Im hinteren Bereich war noch ein Platz frei. Sie setzte sich erleichtert, aber außer Puste hin und atmete erst einmal tief und schwer durch. Sie hörte ihr Herz im Takt des Techno-Liedes schlagen, das aus den Kopfhörern des Mädchens vor ihr erklang. Sie atmete tief durch, schloss kurz die Augen und versuchte sich zu fassen. Seit dem letzten Vorfall am Fenster, der Papierschwalbe, dem unbekannten Jungen war sie zerstreut wie noch nie. Die dumpfen Geräusche des Busmotors und das wippende Gefühl auf dem Sitz ließen sie etwas zur Ruhe kommen.
Doch war die Ruhe nicht von langer Dauer, denn wie aus dem Nichts stupste sie auf einmal ein spitzer Finger drei Mal nacheinander an. Sie öffnete ihre Augen und sofort schoss ihr das Blut wieder in die Adern: „Fahrkartenkontrolle. Bitte zeigen sie ihren Fahrausweis vor“, lauteten die klaren, tief klingenden Worte des etwas stämmigen Schaffners. „Wieso passieren immer nur mir lauter so dummer Sachen und womit hab ich das hier verdient?!“ Sie schrie innerlich vor Verzweiflung. Die Leute um sie herum drehten sich auch genau in dem Augenblick zu ihr um, als wenn sie den Verzweiflungsschrei gehört hätten und schauten sie erwartungsvoll an. Der Schaffner wiederholte abermals seine Worte, während sie sich heimlich unter ihrer Tasche in den Arm zwickte, um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte. Und wenn sie träumte, so wollte sie endlich aus diesem Alptraum erwachen. „Hat es ihnen die Sprache verschlagen, junges Fräulein, oder fahren sie heute schwarz?“, betonte nochmals die etwas angehobene Stimme. Sollte sie jetzt anfangen, sich zu entschuldigen? Sollte sie ihm jetzt erklären, wieso, weshalb und warum? Ihre Kehle schnürte sich zu. Die Verzweiflung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Weglaufen war jetzt unmöglich! Sie stotterte nur ein klägliches „Ich, … ich …“ hervor und sah lauter hässlicher Glubschaugen der Mitreisenden auf sich kleben. Nur noch ein Wunder könnte sie jetzt von ihren Qualen erlösen.
„Hhmm“, räusperte sich jemand hinter dem Schaffner, „entschuldigen sie Herr Schaffner. Hier ist das Busticket der jungen Lady. Sie hat es vorhin in der Eile fallen lassen. Ich hätte es ihnen sofort geben müssen, aber ich Tollpatsch war gerade abgelenkt. Bitte, nehmen sie es.“ Der Schaffner nahm das Ticket nach kurzem Zögern in die Hand, sah es sich prüfend an und nickte dann schließlich zustimmend. Schweigend ging er weiter, ohne großartig irgendwelche Fragen zu stellen. Die Glubschaugen wurden verdächtig zusammengekniffen, bevor sie von ihr abließen.
Es konnte nicht wahr sein! Sie hatte doch kein Ticket gehabt und dieser Mensch kam ihr wirklich wie vom Himmel herab. Erleichtert drehte sie sich nach der Person, die ihr das Leben gerettet hat um, um sich zu bedanken, und wünschte sich im gleichen Augenblick, am liebsten sofort im Erdboden zu versinken.
Denn da war er wieder.
Der geheimnisvolle Junge, dessen Gesicht sie in letzter Zeit nicht aus dem Gedächtnis ausradieren konnte. Er lächelte sie wieder verschmitzt an. Eigentlich wünschte sie sich insgeheim, ihn einmal wieder zu sehen, aber nun war sie nur peinlich berührt und etwas wütend über den Vorfall. Sie zog die Stirn zusammen, senkte den Blick und drehte sich energisch wieder um. Sie fühlte nur wie sie langsam in sich zusammensackte und sich so lächerlich vorkam. Ihre Gefühle waren auf einmal so aufgewühlt und sie bekam sie nicht mehr in den Griff. Ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie wünschte der Tag sei zu Ende. Wie in Trance stieg sie an der Schule schnell aus. Sie sah zu allem Unheil aus den Augenwinkeln ihre Tasche voll beschmiert mit Butter und weil ihr das alles zu viel war, rannte sie ohne zu überlegen einfach drauf los. Sie rannte und sprintete davon, als wenn jemand ein Startschuss zum Wettlauf abgegeben hätte. Kein Hindernis konnte sie jetzt aufhalten. Sie merkte wieder den großen, dicken Knoten in ihrem Hals, der jetzt riesig zu schmerzen begann und ihr Herz schien gleich zu zerspringen. Die Dinge gerieten in letzter Zeit zu sehr außer Kontrolle und das war jetzt irgendwie zu viel für sie. Der Geschichtsunterricht rückte in die weite Ferne und die Konsequenzen waren ihr egal. Sie wollte weg, am liebsten bis an das andere Ende der Welt, wo sie keiner kannte und sah und alles Schlimme vorbei war.
Da saß sie nun, in dem Vorraum der Toilettenräume der Schule neben dem Waschbecken in der Ecke verweint und außer sich. Der ganze Greul und Schmerz brach nun aus ihr heraus, sie heulte wie ein Schlosshund, denn keiner konnte sie hier hören. Sie wusste nicht den genauen Grund, es brach aus ihr einfach aus. Wieso gab es denn so viele Hindernisse auf dem Weg zum glücklich sein, fragte sie sich immer und immer wieder. Sie verstand nicht, warum allen Leuten um sie herum alles gelang, warum sie lachen konnten, ständig Lorbeeren sammelten und keine Probleme hatten. Sie wüsste zu gerne, warum es bei ihr nicht so war und warum zum Kuckuck noch mal ihr das Leben so schwerfiel. Diese kalte und unberechenbare Welt, die sie um sich herum wahrnahm, machte es ihr zu schaffen. Das Weinen schien jetzt der einzige Trost zu sein, der ihr noch blieb. Schwer, eigentlich überhaupt nicht, konnte sie sich nur annähernd einen Menschen vorstellen, der sie etwas verstehen würde. Sie wünschte sich so unbeschwert und leicht wie eine Feder zu sein – alles wäre dann vielleicht leichter.
Als der tief innere Schmerz nach einiger Zeit langsam nachließ, öffnete sie die Augen, schluchzte und schniefte noch ab und zu, putzte sich die Nase und beäugte dann ihre Umgebung, in die es sie heute Morgen verschlug. Sie schaute sich die weißen Kacheln an den Wänden an, spürte auf einmal die starke Kälte, die vom Boden her zog ganz deutlich. Ihr Blick kreiste langsam umher, bis er an der gläsernen Eingangstür zu den Toilettenräumen hängen blieb. Eine Fliege versuchte verzweifelt gegen das Glas anzufliegen und verwendete die ganze Energie darauf, einen Weg in das Freie zu finden, einen Weg in die Natur zu schlagen. Die Fliege tat ihr leid, denn sie wusste, dass diese ohne ihre Hilfe ein unlösbares Problem hat. Sie stand kurz entschlossen auf und drückte die große Tür weit auf. Die Fliege wusste noch nicht so recht wohin, aber als sie den Luftzug erst einmal vernahm, war sie mit einem Flügelschlag auf und davon.
Sie schaute ihr sehnsüchtig hinterher bevor sie wieder zu ihrer Tasche zurückging, um sie aufzuheben. Etwas gedankenverloren strich sie sich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht zur Seite und schlenderte schleichend heraus aus dem „Raum der Tränen“. Kaum vor der Tür bekam sie aber einen riesigen Schreck, denn an der Tür stand jemand aus der Hocke vom Boden auf, so schnell, als würde er sich bei einer schlechten Tat ertappt fühlen.
Da war er wieder.
Der unbekannte Junge, der sie seit Tagen entweder auf der Straße oder heute im Bus oder seit dem Vorfall am Fenster in ihren Gedanken verfolgte. Ihr Schritt erstarrte für zwei Sekunden.
Der Junge schwieg und sah etwas verlegen aus. Die Blicke trafen sich. Schweigen umhüllte die gespannte Atmosphäre.
Sie biss die Zähne zusammen und schluckte, schaute ganz schnell weg und nahm ihren Schrittgang ohne ein Wort zu wechseln entschlossen auf. Immer schneller und schneller ging sie davon – sie wollte schnell flüchten, denn er sollte ihre verweinten und dadurch geschwollenen Augen nicht ansehen.
Sie fühlte sich beschämt, denn nun wurde ihr klar, er hat an der Tür alles mitgekriegt. Er dachte jetzt bestimmt von ihr, sie sei völlig übergeschnappt so wie sie da vor sich hin heulte. Sie hatte Angst, er würde sie auslachen, sie verspotten und nicht verstehen. Jetzt nur noch nach Hause gehen, dachte sie sich und wurde nur noch schneller im Gang bis sie rannte.
„Jule!!!“, rief er ihr nach, „Jule, warum rennst Du weg? Warte doch, ich möchte Dir etwas sagen!“ Sie sah sich hastig um, er lief ihr tatsächlich nach. „Warum machte er das?“, fragte sie sich, warum stellte er ihr das Leben auf dem Kopf und machte alles nur noch komplizierter als es schon selber war? Warum verschwand er nicht einfach und ließ sie nicht in Ruhe? Sie hatte doch keine Kraft mehr und nun, wie verteufelt, kriegte sie auch noch die riesige Ausgangstür der Schule nach draußen nicht auf. Schnell, dachte sie sich, bevor er mich einholt. Sie drückte und stemmte die Tür, sie schob und stieß diese. Doch die Tür rührte sich nicht von der Stelle. Die Kraft verließ sie, so dass sie schließlich der Kraftlosigkeit nachgab. Resigniert sanken ihre Hände nach unten. Gleich würde er sie einholen. Wie in eine Ecke gedrängt, wie gefangen fühlte sie sich. Gleich wird sie die riesige Welle überrollen und sie wird vor Scham und Angst untergehen. Sie fühlte sich hilflos und wie ein Opfer ihrem Täter ausgeliefert. Sie kniff die Augen fest zusammen.
„Warte, ich helfe Dir“, klang es nun sanft hinter ihrem Rücken. Er hat sie eingeholt und nun legte er seine Hand auf ihre Schulter und drehte sie zu sich um. Er hob ihr Kinn hoch und lächelte ihr aufmunternd zu. Vorsichtig machte sie die Augen auf und sah in seine leuchtenden Augen. Sie waren so strahlend und tief blickend. Er streichelte zart ihr Gesicht und drückte sodann die vorhin so schwere und klemmende Tür mit einem Ruck nach vorne weg. Mit prüfendem und fragendem Blick schaute sie ihn an und fragte verwundert, nachdem sie ihre Stimme wieder gefunden hat: „Woher kennst Du eigentlich meinen Namen?“ Sie standen noch immer im Eingang. Der Junge schwieg. Seine Augen umarmten ihr Antlitz. Er nahm vorsichtig ihre Hand und sagte nur: „Komm, lass uns gehen.“ Sie zögerte, gab ihm aber ihre Hand. Sie gingen langsam ein paar Schritte vor die Tür. Doch ein Gefühl des Unbehagens breitete sich in ihr aus, so dass sie seine Hand losließ und sich gezwungen sah zu sagen: „Ich kann nicht mit dir weitergehen.“ Sie blieben stehen. Die Stille und die Ratlosigkeit, Worte zu finden machten beide verlegen. Sie klammerte sich mit beiden Händen an ihre mit Butter beschmierte Tasche, während er schnell seine Hände in den Hosentaschen verschwinden ließ. Ihre Blicke wanderten zwischen Boden und Ihren Gesichtern. Nach einer Weile fingen sie plötzlich ohne Vorahnung den gleichen Satz an: „Ich … ähh … schon gut.“ und fingen erleichtert an zu lachen. Nach einer Weile sagte sie schließlich: „Ich muss gehen.“ „Ja“, antwortete er. Sie schwankte noch vom rechten Fuß auf den linken, drehte sich um und ging dann los. Bevor sie um die Ecke einbog, drehte sie sich noch einmal um und rief zu ihm hinüber: „Wie ist denn eigentlich dein Name?!“
„Ferdinand!“, rief er zurück.
Er stand immer noch wie angewurzelt da, mit den Händen in den Hosentaschen. Er sah noch, wie sie ihn anlächelte, bevor sie ganz um die Ecke verschwand.
Wird er sie nach den Ferien wieder sehen?
Es war ziemlich ruhig um Jule herum. Ab und zu fuhren nur irgendwelche Autos oder Busse vorbei. Sie war auf dem Weg nach Hause. Dieses Mal zu Fuß, da sie doch ihre Monatskarte für den Bus nicht bei sich hatte. Aber im Nachhinein kam ihr das wie gelegen. All die Dinge, die sie momentan tief berührten, konnte sie jetzt in Ruhe für sich verarbeiten. Hier gab es keine Glubschaugen mehr, wie heute Morgen und keine Überraschungen, wie den Ferdinand, jedenfalls hoffte sie das zumindest. Jeden Tag fuhr sie diesen Weg entlang, doch musste sie feststellen, vieles war ihr vorher nicht aufgefallen. Sie nahm nicht wahr, welche Gebäude, Menschen, Geschäfte und welche Gewohnheiten diese Straßen, die zu ihrem Haus führten, zu erzählen hatten. Die Sonne strahlte sie an; machte das Gehen etwas schwerfälliger. Kaum vorstellbar, dass es erst Frühling war. Aber Jule fühlte nicht die Wärme, sondern vielmehr die immer noch so große Leere in sich, und irgendwo ganz tief Trauer. Sie setzte sich auf eine Bank und holte erst einmal ganz tief Atem, der immer zu knapp zu sein schien. Sie dachte über Ferdinand nach. So war doch sein Name, nicht wahr? Er war ganz nett, aber sie wusste nicht so recht welchen Platz er in ihrem Leben einnehmen sollte. Sie hatte etwas Angst, ihn näher kennenzulernen. Es tat nämlich weh, wenn man Menschen an sein Herz ließ. Es schmerzte zu sehr, wenn sie dann wieder plötzlich aus dem eigenen Leben verschwanden und nicht mehr auftauchten. So wie ihre Oma. Sie musste ganz oft an sie denken. Ihre geliebte Oma. Seit ihrem Tod fehlte etwas Entscheidendes in Jules Leben, was nie mehr zu ersetzen war. Alles ging ganz schnell, damals, vor einem Jahr. Die plötzliche Nachricht vom Krebs, die Diagnose Endstadium, die kurze Therapie, bei der jeder wusste, es gibt keine Hoffnung mehr. Es war eine schwere Zeit für alle. Jule konnte es trotz ihrer 15 Jahre immer noch nicht begreifen. Ihre Oma ist verstorben. Sie war ein ganz besonderer Mensch, eine verwandte Seele, immer ein leuchtender Stern am Horizont, der mit einem Mal verloschen war und nie mehr zurückkommen würde. Tränen quirlten in ihren Augen auf. Sie wusste keinen Trost für sich. Sie fühlte sich so einsam. Ihre unerfüllte Sehnsucht nach dem, was sie mit ihrer Oma teilte, machte sie schwach und antriebslos. Sie würde nie wieder die gleiche Freude erlangen wie zuvor. Ihre Schultern hingen herab und sie hatte keine Lust jetzt in die leere Wohnung zu gehen. Ihre Mutter würde erst abends von der Arbeit kommen und die Schularbeiten mussten auch nicht dringend erledigt werden, da am folgenden Tag das Wochenende kam. Während Menschen von links und rechts an ihr vorbeigingen, saß sie auf der Bank, wie hinter einem Nebelschleier abwesend. Sie beachtete wieder nicht den alten gebeugten Mann mit der Einkaufstasche, der sich jetzt neben sie setzte, eine Zeitung aufschlug und begann in ihr zu lesen.
Erst nach einer Weile räusperte sich der Mann und fragte Jule: „Entschuldigen sie junge Frau, könnten sie mir sagen, wie spät es ist?“
Jule schaute überrascht auf, sah auf ihre Uhr und antwortete dann nur unbekümmert: „Es ist gerade zwanzig Minuten nach eins.“
„Danke“, gab der alte Mann zurück und vertiefte sich wieder in seiner Zeitung. Unbeteiligt fiel Jules Blick auf das aufgeschlagene Zeitungsblatt und wanderte über die großen Schlagzeilen. „Die Arbeitslosigkeit steigt!“, „Hilfe für Opfer im Erdbebengebiet“, „Mutter zweier Kinder wurde entführt“ … Jule schüttete nur den Kopf, schaute den Mann von der Seite an und konnte sich auf einmal eine Frage nicht verkneifen: „Entschuldigen sie, aber entsetzen sie diese vielen negativen Schlagzeilen nicht?“
„Wie bitte?“
„Ich möchte sie fragen, wie sie so ruhig die Zeitung lesen können, wenn die eine Nachricht schlimmer klingt als die andere. Wie schaffen sie es gelassen zu sitzen und nicht zu verzweifeln? Packt sie nicht die Hoffnungslosigkeit?“
Der Mann lachte kurz auf.
„Haha. Aber nein. Nicht doch. Dafür lebe ich schon zu lange, um zu wissen, dass das nicht alles im Leben ist. Auch wenn mich die düsteren Nachrichten oft treffen, verzweifle ich nicht. Ich weiß, dass alles einen Sinn hat. Ich glaube an das Leben. Ich glaube daran, dass alles sich zum Guten wendet.“
Jule war nicht zufrieden mit der Antwort.
„Aber schauen sie, diese vielen Leute verlieren Arbeitsplätze, geliebte Menschen oder auch Sachen, an die sie gebunden waren. Bei diesen Leuten entsteht Unsicherheit und Angst um die eigene Existenz. Sie haben keine Kraft, um weiter zu leben. Wenn sie selbst das erleben würden, würden sie dann immer noch so optimistisch daher reden und ihres Lebens froh sein?“
Der Mann machte ein nachdenkliches Gesicht, kniff die Augen zusammen und schaute Jule durchdringend an.
„Ich will ihnen nicht zu nahe treten, junge Lady, aber ich sehe, sie nehmen das Weltgeschehen sehr persönlich. Sie sind sehr aufgebracht und sehen traurig aus. Vielleicht haben sie einfach gerade nur Wut und sind über ihre eigene Lebenssituation verzweifelt?“
Der alte Mann war im Begriff die Zeitung zusammenzufalten und zeigte sich jetzt interessiert. Jule schwieg. Sie senkte den Kopf und schaute etwas verlegen zu Boden. Als Jule länger nicht antwortete, wollte der alte Mann sie nicht zum Reden zwingen und ging wieder auf Distanz, um Jule nicht zu bedrängen. Schließlich kannten sich beide nicht. Er breitete wieder die Zeitung aus und las weiter. Jule schwieg. Sie war einfach von Direktheit des Mannes überrascht. Sie fühlte sich etwas überrumpelt, weil ihr gar nicht bewusst gewesen war, dass die Schlagzeilen sie persönlich trafen und dass sie ein Problem hatte. Sie hat das so nicht gesehen. Sie bemerkte, dass sie sich gerade in ihrem Tonfall etwas gehen ließ. Sie kannte den Mann doch überhaupt nicht. Aber sie merkte auch, dass es ihr auch gut tat, den Gefühlen freien Lauf zu lassen. Das hat sie sehr lange nicht einfach so spontan gemacht. Sie hatte zwar oft ein unglaubliches Verlangen am liebsten alles an die Leute rauszulassen, was in ihr schrie und weinte, aber das konnte sie nicht seit dem Tod ihrer Oma. Sie schwieg seitdem nur noch und plötzlich war wieder dieser Schmerz da und die Leere nahm ihr den Atem. Sie konnte sich nicht mehr halten und schluchzte jetzt los. Tränen liefen ihr über die Wangen, was der alte Mann auch bemerkte. Er überlegte nicht lange, nahm nur ein Taschentuch aus seiner Brusttasche und reichte es Jule.
„Danke“, sagte Jule schniefend, „Ich weiß auch nicht was mit mir los ist. Ich bin einfach nur leer und traurig. Ich kann nicht verstehen, wie man Hoffnung haben kann und woher man Energie zum Leben findet. Es fällt mir alles so schwer und in letzter Zeit überfordert mich einfach alles. Entschuldigen sie.“
Der Mann legte die Zeitung zur Seite.
„Ich weiß. Sie fühlen sich schwach und sie glauben keine Kraft mehr zu finden. Das kenne ich viel zu gut. Wenn alles schwarz aussieht, man keinen Halt findet, keinen Plan hat und eine Wand vor dem Kopf sieht, die nicht zu durchbrechen ist, dann fühlt man sich so. Aber glauben sie mir, das ist nicht das Ende. Leere und Traurigkeit entstehen, wenn man von etwas vergangenem Abschied nehmen muss, aber in der Tiefe alles immer noch dagegen kämpft, es loszulassen. Lassen sie ihre Gefühle los und wenn sie weinen wollen, ist das ein guter erster Schritt.“
Der Mann machte eine kurze Pause und fügte dann noch hinzu: „Als meine Frau vor einigen Jahren verstorben ist, fühlte ich dasselbe. Ich fühlte einen großen Schmerz. Ich dachte, ich werde sterben oder wenigstens daran zerbrechen. Ich war wütend auf alles, doch ich fraß lieber alles in mich hinein. Doch sie sehen, ich lebe noch.“ Der Mann lächelte Jule aufmunternd zu.
„Aber verraten sie es mir: Wie haben sie es geschafft des Lebens froh zu werden?“, fragte Jule jetzt mit großen Augen und voller Neugierde.
„Sie wollen mein Geheimrezept erfahren?“
„Ja“, antwortete Jule aufmerksam.
„Gut, ich werde es ihnen zeigen. Haben sie jetzt etwas Zeit?“
Jule hatte in der Tat Zeit und auch nichts vor. Sie nickte nur.
„Dann kommen sie mit, ich lade sie auf einen kleinen Spaziergang durch unsere Stadt ein. Ich zeige ihnen den Beginn meines Weges zum Glück.“
Ein riesiges, altes Tor aus Holz, in welches menschliche Gestalten und undefinierbare Muster eingeritzt waren, eine massive Klinke aus Metall, die blank poliert und an einigen Stellen schon abgenutzt war, und die dunkelroten Ziegel der Wand, die dieses alte Kunstwerk in der Mitte, dieses Tor, einrahmten, beeindruckten Jule schon sehr. Da standen sie nun. An der Eingangstür zur Kirche, die sie, wie so vieles, bisher nicht bewusst wahrgenommen hat. Der alte Mann stand schweigend neben ihr und genoss lächelnd die großen Augen seiner jungen Begleiterin, bevor er die Klinke umfasste und an der Tür zog. Eine kühle Luft drang aus dem Inneren hervor und wehte einen leichten erfrischenden Hauch auf die Haut. Mit einer Handgeste lud der alte Mann die etwas unentschlossene Jule hinein. In der Kirche war niemand außer ihnen da, so dass ihre Schritte im Raum hallten. Jule hatte keine Ahnung, warum sie hier waren. Sie war nicht so oft in der Kirche. Sie fühlte sich erst einmal ziemlich unwohl und fehl am Platz, ohne sich das erklären zu können. Der alte Mann ging ein paar Schritte vor ihr. Auf einmal kniete er kurz nieder, machte ein Kreuzzeichen und schritt in eine der Bankreihen hinein. Er setzte sich entspannt in der Mitte der Bank hin, während Jule immer noch unentschlossen da stand. Der alte Mann blickte in ihre Richtung und winkte sie zu sich. Mit vorsichtigen Schritten kam sie auf ihn zu und nahm bedächtig neben ihm Platz. Da saßen sie schweigend und lauschten der Stille. Vor ihnen breitete sich der Altar aus. Bunt bemalte Fensterbilder, die durch die Sonne von draußen erstrahlten. Sie schienen Geschichten aus der Bibel zu erzählen. Der gekreuzigte Jesus war zu sehen, eine Taube, die ihre Flügel ausbreitete und einen kleinen grünen Zweig im Schnabel hielt, weinende Frauen, die ihr
Gesicht in den Händen hielten und Wolken, die sich entzweiten und brennendes Feuer. Daneben waren noch sehr viele andere bemalte Glasscheiben. Alles wirkte von weitem wie ein Mosaikkunstwerk, das der düsteren und kalten Kirche das Leben einhauchte. Nach einiger Zeit des Schweigens und Beobachtens stellte sich in Jule eine Art Gelassenheit und Entspannung ein. Sie lehnte sich zurück und war überrascht wie geborgen sie sich auf einmal fühlte. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Ruhe. Nichts als Ruhe.
„Ich komme oft hierher“, flüsterte auf einmal der alte Mann.
„Ich sitze einfach so da und genieße die Stille. Von alleine ergibt sich ein Gespräch mit Gott, der mir einfach nur zuhört. Wenn ich hier so sitze, ist es als wenn ich ihm in meinem eigenen Herzen begegnen würde, nur dass ich es mir hier mit offenen Augen besser vorstellen kann.“
„Wer ist Gott für sie?“, fragte Jule den alten Mann.
„Gott. Hm. Gott kann man nicht in Worte fassen. Es ist eine Macht, die unser Leben lenkt, die außen, innen und überall ist. Sie vereint das Leben in sich, gebärt es und nährt es. Gott, meine Liebe, hält unser Schicksal in der Hand und verschont uns vor gar nichts. Aber Gott liebt uns und alles geschieht aus Liebe, auch wenn wir das nicht verstehen oder unsere Lebensumstände uns was anderes vermitteln wollen. Es gibt eben Sachen, die können wir uns nicht wirklich erklären.“
Jule verstand nicht so ganz.
„Sie sagen, alles soll aus Liebe geschehen? Aber das kann doch nicht sein.“
„Oh doch, das ist die Wahrheit. Sie denken wahrscheinlich jetzt an den Tod, oder an schlimme Erfahrungen oder eben an die Sachen, die gerade in der Zeitung standen, nicht wahr? Aber das geschieht auch aus Liebe. Es ist nämlich in jedem dieser Geschehnisse eine Botschaft von ihm, Gott. Es sind Geschenke, die wir lernen müssen anzunehmen. Erst durch das Zulassen von Schmerz und Tränen, erst indem wir dieses Geschenk im Laufe der Zeit verstehen lernen, eröffnet sich uns das Geheimnis und die Schönheit dessen, was wir erhalten.“
„Aber ich will solche Geschenke nicht“, sagte Jule.
Der alte Mann lachte in sich hinein.
„Wer will sie schon? Wir haben keine andere Wahl, wenn wir glücklich sein wollen. Denn Gott allein weiß den Weg zu unserem Glück, wir nicht.“
„Ich will so gerne glücklich sein, wissen sie, aber es geht bei mir nicht.“
Der alte Mann betrachtete jetzt Jule von der Seite, wie sie traurig ihren Blick sinken ließ und seufzte. Er dachte kurz nach, dann griff er mit seiner rechten Hand in die Hosentasche, nahm mit seiner linken Hand die Hand von Jule und legte ihr ein 50 Cent Stück auf die Handfläche. Jule schaute in die lächelnden Augen des alten Mannes und war überfragt.
„Stehen sie auf“, sagte der alte Mann, „ich will ihnen etwas zeigen.“
Sie gingen zurück zur Eingangstür der Kirche, wo sich ein Metallständer mit vielen Kerzen befand. Der Mann schmiss ein Geldstück in die daneben stehende Box hinein, nahm sich eine der liegenden Kerzen, zündete sie an und stellte sie in einen der vielzähligen Behälter rein. Er kniete sich hin und faltete seine Hände, seinen Blick auf das Bild von der Heiligen Mutter Gottes Maria gerichtet. Jule verstand, sie sollte einfach das gleiche machen. Als sie sich schließlich die Hände gefaltet neben dem alten Mann kniend befand, sah dieser ihren fragenden Blick und holte erneut aus.
„Wissen sie was das bedeutet, eine Kerze anzuzünden? Zwar ist nicht zu verkennen, dass damit der Raum erhellt wird und Wärme entsteht, aber das Wesentliche daran ist der Akt selbst: Man zündet ein Licht an.“
Beide schauten nun aufmerksam die brennenden Kerzen an. Nach kurzem Augenblick sprach der alte Mann weiter: „Wenn ein Licht an ist, schwindet die Dunkelheit. Ungewissheit, Angst und Unsicherheit hat keinen Platz mehr. Die Hoffnung wird lebendig, das Leben kann beginnen, verstehen sie?“
„Ja. Ich glaube, schon. Es ist symbolisch gemeint, oder?“
„Ich denke, es ist zwar ein symbolischer Akt, aber in Wirklichkeit vollzieht sich da etwas ganz fassbares: Man bekommt auf einmal nämlich das gleiche Leuchten in den eigenen Augen und fühlt sich nicht mehr so einsam und im Stich gelassen. Man spürt einfach, da erwartet mich etwas, was ich nicht klar sehen kann, was ich nicht genau weiß, aber es ist da. Man spürt es.“
Jule spürte nur, wie gut ihr diese Worte des alten Mannes taten. Er schien all die Dinge in ihr anzusprechen, die sie nie zu denken wagte und die in ihrer Tiefe schlummerten, aber nie an die Oberfläche schwammen. Ob es mit den Worten dieses Mannes zu tun hatte, ist schwer zu sagen. Die kalte Leere in ihr vermischte sich mit der äußeren Kälte in der Kirche. Doch sie war jetzt in ihr nicht allein, sondern kniete neben dem alten Mann. Sie schaute den Mann schweigend an und es fühlte sich gut an. Diese Verbundenheit, die ihr Herz berührte und die Einsamkeit langsam aufbrechen ließ. Sie bemerkte noch keine fassbare Veränderung an sich. Es schien alles in ihrem Leben immer noch schwarz und dunkel zu sein, aber die Kerze, die sie gerade angezündet hatte, beruhigte sie. Der alte Mann sagte, dass mit dem Akt des Anzündens das Leben beginnen würde und sie hoffte, es wäre so.
„Wo warst Du, liebes Kind?“, fragte die Mutter Jule von der Küche aus, als sie die Wohnung betrat. „Ich bin etwas früher von der Arbeit gekommen und machte mir Sorgen wo du bleibst.“ „Ach weißt du, Mama, mir sind heute so viele Dinge passiert, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll“, antwortete Jule während sie sich auf ein Stuhl niedersinken ließ. Ihre Mutter stand am Herd und bereitete etwas leckeres zu Essen vor, keine Ahnung was, jedenfalls roch es lecker. „Ach Jule, was ist nur los mit dir? Du bist in letzter Zeit noch verschlossener geworden als du schon warst. Ich mache mir Sorgen wegen Dir, Liebes.“ Jule hatte nicht großartig Lust über sich zu reden. Wenn sie nur wüsste, was mit ihr los ist. Ihre Gefühle hatten keine Ordnung und sie hatte keinen richtigen Plan. Sie fühlte so vieles auf einmal und wünschte so vieles auf einmal. Aber nichts geschah und nichts tat sich. Sie hatte den Eindruck in einem Labyrinth zu irren. Was nützte es, darüber zu sprechen, wenn sie sich selbst noch nicht einmal verstanden hat. Die Begegnung mit dem alten gebeugten Mann tat ihr heute gut. Sie war traurig, als sie sich voneinander verabschieden mussten, weil jeder seinen Nachhauseweg angetreten ist. Er sagte ihr zum Ende mit einem zwinkernden Auge und einem selbstbewussten Lächeln, dass alles gut wird und sie ihren Weg finden wird, wenn sie nicht vergisst, ihre Gefühle loszulassen. „Mama“, sagte Jule plötzlich in die Stille hinein, „fühlst du dich nicht manchmal etwas verloren? Hast du nicht manchmal das Gefühl in dir gefangen zu sein und spürst einfach nur tiefe Trauer und kalte Leere?“ Ihre Mutter war überrascht, dass Jule anfing über sich zaghaft zu sprechen. Sie unterbrach das Kochen und überlegte, was sie ihr antworten könnte, um ihr aus dem dunklen Tal, den sie gerade offensichtlich durchmachte herauszuhelfen. Sie hatte keine Ahnung, was ihre Tochter bedrückte, aber sie spürte ihr Herz. Sie setzte sich zu Jule an den Tisch und nahm ihre Hand. „Jule, du bist nun 15 Jahre alt. Du bist schon so erwachsen aber noch so jung und vor dir liegt das ganze Leben, um glücklich zu sein. Jeder Weg steht dir noch offen und du kannst alles erreichen was du willst, verstehst du?“ „Aber“, entgegnete Jule, „ich weiß doch gar nicht welchen Weg ich überhaupt gehen soll. Das ist doch mein Problem, Mama. Ich fühle mich so verloren und so einsam und so traurig, weißt du. Alles fällt mir so schwer und das Glück, von dem du sprichst, liegt ganz woanders. Es kommt nie zu mir. Es ist nicht für mich gedacht.“ Jule ließ den Kopf hängen und sie spürte wieder den Kloß im Hals. „Aber Julchen, du bist nicht einsam und das was dich gerade bedrückt – jeder sehnt sich nach Glück. Aber nicht jeder lässt den Kopf so hängen wie du.“ „Mama, ich weiß einfach nicht was ich machen soll, um meinen traurigen Zustand zu ändern. Für mich ist alles sinnlos. Weißt du, Oma hätte mich verstanden. Aber sie ist nicht mehr da.“ „Oh ja, Oma war eine kluge Frau. Sie hat dich geliebt. Ich weiß, dass du sie auch geliebt hast. Geliebte Menschen zu verlieren tut weh. Sehr weh. Ich habe mir auch damals gewünscht Deinen Vater nicht zu verlieren. Aber er entschied sich fortzugehen. Er verließ mich und auch dich. Weißt du, was weh tut wenn geliebte Menschen aus dem eigenen Leben verschwinden?“ „Sie sind einfach nicht da“, antwortete Jule nachdenklich. „Ja, sie sind nicht da. Aber viel schlimmer ist, dass mit ihrem Fortgang auch ein Teil von dir mitgeht. Die Kunst besteht darin, dass man wieder von neuem anfangen und sich für neue Dinge und Menschen offen machen muss. Man muss sich auf die Suche begeben und das ist schwer. Sehr schwer. Doch es lohnt sich!“ „Aber wonach soll man denn suchen, Mama, wenn das, was man will, nicht mehr da ist!“, fragte Jule etwas aufgebracht. „Klar, Julchen, dass das Alte und Geliebte nicht mehr da ist. Aber darin sieht man unser Schicksal, Kind. Nichts auf dieser Erde ist für die Ewigkeit. Damit müssen wir klarkommen.“ Diese Aussage der Mutter machte Jule noch mehr traurig. Gerade zu spüren, dass alles für nichts ist und einmal wieder vergehen wird machte Jule so unglücklich. Sie hasste ihren Vater, weil er wegging und die Familie kaputt gemacht hat. Sie hasste den Tod, weil er ihr die Oma wegnahm und sie hasste ihre Hilflosigkeit sich selbst gegenüber, weil sie sie so lähmte. „Ich habe Angst, Mama.“ „Komm her“, sagte ihre Mutter warm und umarmte Jule behutsam. Es war nicht einfach für die Mutter alles in Worte zu fassen, weil sie selber oft verzweifelt und melancholisch war. Es stimmte sie jetzt traurig, dass ihre Tochter unglücklich war und sie nicht die Kraft hatte ihr die Geborgenheit und die nötige Liebe zu geben, die sie brauchte. Sie durchlebte auch oft tiefe Phasen, aber sie zwang sich immer wieder aufzustehen und weiterzumachen. Irgendwie geht es schließlich doch weiter. Dabei übersah sie ganz gerne, dass auch sie sich oft nach dem Sinn des Ganzen fragte. Es fehlte ihr ein Mann an der Seite, ganz klar. Sie sehnte sich nach Geborgenheit und Liebe und zarten Umarmungen. Auch sie fühlte sich einsam. Ihre Tochter damit zu belasten wollte sie nicht und so seufzte sie jetzt, während Jule in ihren Ärmel schluchzte. Aber sie hatte plötzlich eine Idee, wie sie ihrer Tochter Hoffnung spenden konnte. Sie erinnerte sich an ihr altes Tagebuch, in dem sie beschlossen hatte, dem Herzen zu folgen. Kurz entschlossen stand sie vom Stuhl auf und ging zu der alten Fotokiste hin, wo sich das alte Manuskript befand. Liebevoll strich sie mit der Hand darüber und sagte zu Jule gewandt: „Mein Liebes, ich habe eine Idee wie ich dir auf deinem Weg weiter helfen kann. Schau, das ist mein altes Tagebuch, in dem mir vieles bewusst wurde und das mir Hoffnung spendete. Da du nun Osterferien hast, findest Du sicherlich genug Zeit, um es zu lesen und dich auf die Spuren deiner Mutter zu begeben. Na? Bist du neugierig?“ Jule beruhigte sich und putzte sich noch einmal ordentlich die Nase, bevor sie das liebevoll gestaltete Tagebuch ihrer Mama in Empfang nahm: „Louise Maria und ihr Weg zum Glück“, las sie laut vor. Sie umarmte ihre Mama und dankte ihr mit einem Kuss für das Vertrauen. „Du bist ein Schatz, Mama“, flüsterte sie ihr ins Ohr und konnte es kaum erwarten in ihr Zimmer zu gehen, um sich in das geheime Werk ihrer Mutter zu vertiefen.
TAGEBUCH TEIL 1 FINGE DAS HERZ AN ZU DENKEN, WÜRDE ES AUFHÖREN ZU SCHLAGEN
23. Januar 2015/ Freitag
Ich muss das, was zwischen mir und Leon ist festhalten … Wenn ich mit ihm spreche oder bei ihm bin, habe ich das Gefühl mir selbst ganz nahe zu sein. Ich liebe mich trotz meiner Krankheit und egal wie ich bin. Ich möchte ihm ganz nahe sein und ihm doch seinen Raum lassen. Ich stelle mir vor, mit ihm eine Städtetour zu machen und freue mich, die Welt mit seinen Augen zu entdecken. Er hat so einen unversehrten Kern in sich, der mich anstrahlt und das fühlt sich unendlich gut an. Bei ihm zu sein ist wie an den eigenen Wurzeln zu fassen, die eigene Stärke zu spüren und die Lust, zu blühen zu beginnen. In seiner Nähe kann ich mich nicht verstecken, alle Räume sind hell und es wird alles darin sichtbar. Das tut zum einen weh und ist zum anderen sehr heilsam. Was nun? Ehrlich gesagt, ich habe Angst, möchte weglaufen. Doch so würde ich nur vor mir selbst weglaufen. Bin ich verliebt? Liebe ich ihn etwa? Was ist das, was ich fühle?
03. Februar 2015/ Dienstag
Da ist er, Leonard, mein Leoni. Noch vor einer Woche war da so ein Druck im Magen, dieses Kribbeln, diese Sehnsucht. Wir trafen uns heimlich in der Nacht, um sich dann früh morgens zu verabschieden, wir bekamen nicht genug voneinander. Dann waren diese Momente da, wo wir uns voreinander geöffnet haben und uns so gezeigt haben, wie wir ganz tief im Innern sind … wir weinten, weil wir da eine Seite an uns berührt haben, die lange Zeit verschüttet war. Nun liegt sie frei. Es sind nun ein paar Tage vergangen und ich merke, wie unbeholfen ich jetzt bin, wie schwer es mir fällt mit meinem Schatz zu sprechen, ihm zu begegnen. Ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Da ist zum einen das Bedürfnis zu flüchten und zum anderen ihm um den Hals zu fallen und ihn zu küssen. Ich bin dermaßen gelähmt, dass ich nicht weiß, was genau ich fühle. Ich spüre, dass es ihm genauso geht … dass wir uns eigentlich lieben, aber nun einen Rahmen brauchen. Wohin mit uns? Was ist unsere Bühne? Ist es zu früh, bereits so darüber nachzudenken? Wir haben uns einander selbst offenbart. Wir sehen uns nun ungeschminkt und pur. Trotzdem sagen wir uns ich liebe dich. Das tut gut, aber macht auch auf der anderen Seite unsicher und ängstlich. Irgendwie fühle ich mich zumindest ihm ausgeliefert. Er sieht mich, er kann in der Wunde stochern, er kann mich emotional auffangen oder mich fallen lassen, er kann mich jetzt manipulieren wollen oder mir eine Chance geben, um mich zu entfalten. Ich weiß nur, dass ich ihn brauche. Es tut gut ohne Panzer zu laufen und so gesehen zu werden wie ich bin.
16. Februar 2015/ Rosenmontag
Ich kann den inneren Schmerz kaum aushalten … phuuuuu es tut so weh! Was ist dieser Schmerz? Es ist ein alter Schmerz, ausgelöst durch den Ausflug von letzter Woche, und zwar nach Düsseldorf. Da sah ich auf einmal ganz deutlich, in was für einem abgehobenen Leben ich lebte. Lebte ich? Nicht wirklich. In Düsseldorf ist alles perfekt, alles hochgestochen, alles schnelllebig und glänzend. Ich sah am letzten Freitag dieses Leben durch die Fensterscheiben der Restaurants, der Wohnungen und beim Schlendern durch die Straßen. Plötzlich wurde mir ganz klar: Für mich mit meiner Krankheit und Herkunft ist kein Platz da. Die sieben Jahre, in denen ich in dieser Landeshauptstadt lebte, waren wie eine Seifenblase, die unwiderruflich geplatzt war! Alles ist futsch und weg, als hätte es mich da nie gegeben. Ich bin in dieser Stadt längst vergessen, als wäre ich bereits zu Lebzeiten gestorben. Nur allein dadurch, dass meine Familie mich noch kannte, dass sich eine Handvoll Freunde fanden, die mir meine Seele widerspiegelten, konnte ich etwas Halt finden und ein Gefühl für mich entwickeln. Doch aus der Düsseldorf-Zeit war niemand mehr da, um mich ganz zu verstehen. Das muss man erst einmal verkraften. Ich war in den letzten zweieinhalb Jahren zwischen den Welten verloren. Ich war plötzlich ein Niemand, eine Null, ich hatte keine Identität mehr, weder in Düsseldorf noch in Bottrop. Ich habe mein Leben restlos in eine Seifenblasen-Identität investiert und musste dann auf einmal feststellen, ich hatte nichts erreicht, alles löste sich in Luft auf; da war nichts mehr da. Wenn ich nach Düsseldorf fahre, habe ich Angst diese Seifenblasen-Welt zu betrachten. Ich sehe den Schein und ich sehe meinen Friedhof, ich spüre noch Schmerz, ich erinnere mich an die Zeit der Verblendung. Es tut weh. Ich bin ein Ruhrpott-Kind und doch zieht es mich nach etwas Höherem. Denn seit Kindesbeinen an liebe ich Kunst und Musik, liebe ich Poesie und die Wissenschaft. Doch zu welchem Preis? Ich bin in einem schwarzen Loch geboren und trotz eines harten Bodens zu einer zarten Blume gewachsen, beziehungsweise bin zu einem prächtigen Kirschbaum gewachsen und bereits aufgeblüht. Ich muss jetzt auf mich gut aufpassen, um nun nicht restlos zerrupft oder schlecht behandelt zu werden. Ich lebe, um zu wachsen, ich lebe, um es mir gut gehen zu lassen. Einfach leben, das ist was ich jetzt neu lernen muss. Nicht für Leistung, nicht fürs Gefallen, nicht für irgendeine Art zu leben … nur für mich. Ich brauche nur da zu sein. Ich bin nach der Zeit in Düsseldorf tief gefallen. Ich besuchte eine Klapse nach der anderen und fand ganz lange nicht mein Gleichgewicht. Da traf ich Leon und wir verstanden uns auf Anhieb. Wir trafen uns in der Gosse, krank, zerbrechlich, schwach und unserer Existenz beraubt. Und mitten aus dem schmutzigen Schlamm erwuchs zwischen uns eine Lilie der Liebe und sie ist wunderschön. Es ist der Schlamm, unsere Essenz, die uns verbindet und uns festen Stand gibt. Wir sind nicht in unseren Schein verliebt, in das fertige Produkt. Wir kennen die Abgründe der Welt, die wir am eigenen Leib erfahren haben, und wir haben trotzdem noch nicht aufgegeben.
15. März 2015/ Montag
Leon, 23 Jahre alt, kein Schulabschluss, keine Ausbildung, kein Führerschein, ein Straßenkind, ohne Geld und ein richtiges Zuhause. Das sind Tatsachen, die ins Auge stechen, die wahr sind. Doch da ist auch der kleine Leoni, der innen drin goldig ist, ein Träumer und nach Geborgenheit und Zuneigung Sehnsucht hat. Er ist da drin ein Sonnenschein, ein Mensch voller Glanz und Stolz und Würde. Deswegen haben mich die Tatsachen nicht gestört, sie waren für mich etwas, das zu jeder Zeit geändert werden konnte, nicht wesentlich. Ich liebe den Menschen da innen drin, der sich mir anvertraut hat, sich mir geöffnet hat und der nach mir die Hand gestreckt hat, weil er zum ersten Mal wieder Wärme gespürt hat. Denn ja, ich liebte ihn. Nun hat er einen Job, er hat sich um seine gesundheitlichen Beschwerden gekümmert, er hat die alte Zeit (Omas Tod) zu Grabe getragen und er versteht sich besser mit seiner Adoptivfamilie. Seine Wohnung ist aufgeräumt, seine Seele ist in Obhut. Er hat es geschafft. Ich habe daneben gestanden, während er sich selbst aus der Scheiße gezogen hat … und das ist gut so. Doch als wir an dem einen Abend, den Freitag auf Samstag dieses große Dramagespräch hatten, da ist etwas zwischen uns gefallen, das etwas in Gang gebracht hat und ich würde sagen, auch zerstört hat. Es ging um das Thema Kinder kriegen. Zuerst fragte er mich mittendrin, ob ich Kinder haben will und ich sagte ja. Da fing er an dieses Vorhaben als unmöglich aufzuzählen, da ich doch seit Jahrzehnten mit Tabletten vollgestopft sei und in meinem Körper so viele Ablagerungen davon seien, dass es nicht gut für das Kind sei und er das Risiko nicht eingehen würde. Auf der anderen Seite sei er durch Drogen, Alkohol und schlechte Lebensführung ebenfalls im Arsch, so dass er sagen würde, ein Kind in die Welt zu setzen sei unverantwortlich. Nach dieser Feststellung fühlte ich mich so schmutzig und so in die Enge getrieben, dass ich in diesem Augenblick am liebsten woanders gewesen wäre. Es war ein KOSchlag. Plötzlich hatte ich das Gefühl, Leon liebt mich nicht wirklich. Er schaute sich meinen inneren Müll an und erklärte diesen Müll für eine gegebene, nicht veränderbare Sache. Er will mit mir nach wie vor quasi schlafen. Ich fühle mich aber nun eher wie eine Hure als die Louise Maria, mit der er die ewige Liebe teilen will. Ich dachte am Anfang, er liebt mich mit meiner Krankheit und er will trotz diesem Monster in mir etwas mit mir aufbauen; er wolle alles von mir, er wolle, dass trotzdem die Welt uns gehört … nach dem Motto: Wir holen uns gegenseitig raus. Wir bräuchten nur Zeit, dachte ich. Doch er … er hat mich bereits verurteilt und im Stich gelassen. Er fickt die Hure in mir ohne Skrupel, ohne Angst vor Verlusten. Er sieht mich, die Louise Maria nicht … und indem er mir ins Ohr flüstert, er liebe mich, sagt er es eigentlich zu sich selbst. Ich habe ihm durch meine unbeschwerte Liebe geholfen, seinen Müll anzuschauen und ihm die Kraft gegeben, den Müll umzuwandeln statt sich selbst zu zerstören. Er hat es geschafft. Und jetzt chillt er zufrieden, teilt Freude und Glück mit seinen Freunden und der Familie. Wir hatten Abstand in der Zwischenzeit. Leon stand nun wieder auf seinen eigenen Beinen, ich habe meine Mission getan. Wie ich mich jetzt fühle? Ich habe einen Kloß im Hals, meine Augen füllen sich mit Tränen. Ich bin enttäuscht, denn ich glaubte zum ersten Mal seit langem wieder an die Liebe. Er aber hat mich benutzt … Ich liebe ihn nach wie vor … ich sehe meinen Schatz an und ich lächle innerlich, weil ich merke, ja, er liebt sich selbst, er sorgt für sich gut und ihm geht es gut. Leon geht es gut. Er hat sich an mir entlang aus dem Dreck gezogen. Nun schaut er mich an und sagt, komm lass uns eine Beziehung führen … während ich noch im Sumpf stecke. Er sagt zu mir, lass uns lieben, und was macht er? Er fickt mich. Dabei liebt er sich selbst und ich liebe mich selbst, aber wir uns nicht. Ja warum lieben wir UNS nicht mehr? Weil Leon uns zu kranken Wesen erklärt hat, die sich damit abfinden müssen und sich nun gegenseitig mit Sex ganz einfach trösten können. Ich bin damit nicht einverstanden. Ich habe die Krankheit in mir, aber ich glaube, dass ich trotz dessen alles noch erreichen kann und ich nicht die Krankheit bin, sie geht vorbei: So liebe und akzeptiere ich mich selbst. Ich habe Hoffnung, Zuversicht und ich glaube. Ich brauche keinen Trost, denn ich bin nicht tot. Ich brauche keine Pseudoliebe, um nicht alleine zu sein, denn ich kann alleine sein. Und ich kann nicht mit jemandem etwas aufbauen, der das Dunkle und Böse als Realität anerkennt. Die Realität (der Schatz) ist unsichtbar und das Dunkle und Böse ist dafür da, um das Unsichtbare hervorzubringen, also die sichtbaren Früchte der unsichtbaren Schätze (die inneren Stärken, die Ressourcen, die Werte). Meine Krankheit und Leonis dunkle Vergangenheit/ Gegenwart sind für mich wie der Ackerboden … eine Zwischeninstanz, aber nicht das Endstadium. Leon hat uns aber für unfruchtbar erklärt … und sozusagen festgestellt: Da ist nichts und das wird nichts. Ich aber liebe mich. Da ist diese Glut, dieses Feuer der Liebe. Das bedeutet für mich, dass ich an den unsichtbaren Schatz in mir fest glaube. Für mich ist dieser unsichtbare Schatz bereits jetzt Realität und alles, was man bei mir als dunkel, chaotisch und krank erlebt, was derzeit eben sichtbar ist, das zählt nicht! So möchte ich auch von anderen geliebt werden. Denn etwas sichtbar Schönes zu erreichen bedeutet, es bereits in sich zu tragen. Und wenn es noch nicht sichtbar ist, will ich mir nicht einreden lassen, es sei nicht da, oder ich hab versagt oder ich schaff es nicht. Ich möchte am liebsten sagen: Leute helft mir nicht mein Leben zu verändern oder fangt nicht an mich zu drängen, etwas aus mir zu machen, sondern zeigt mir jeden Tag, dass ihr mich tief im Innern liebt, meine wahre Realität seht. Ich bin nicht meine sichtbaren Erfolge, ich bin nicht der Dreck und Schmutz, der immer da ist. Ich bin immer da drunter.
Leon und ich. Unsere Liebesbeziehung in sechs Phasen:
Phase 1: Leon begegnet mir im Krankenhaus und merkt in meinen Augen, er hat auch einen glänzenden Schatz in sich. Seine schwere Vergangenheit ist nicht alles, merkt er, und er sehnte sich danach, mich kennenzulernen, also sozusagen auch sich selbst und den inneren Kern.
Phase 2: Ein paar Monate später fühlt er sich bereit, auf mich zuzugehen, und um mich solange zu werben, dass ich mich ihm zuwende. Er zeigt sich mir zunächst von der schmutzigsten und rauen Seite, mit dem Willen, mich nicht loszulassen, sondern zu lieben. Ich lasse mich nicht abschrecken und bleibe bei ihm und schaue jeden Tag durch seine Scherben seinen heilen Kern an – was ihm gut tut.
Phase 3: Leon spürt eine intensive Beziehung zu seinem heilen Kern und fängt an, alle Schichten, die ihn verdecken nacheinander wegzuräumen (Job, OP, Begräbnis, Familie, Freundeskreis). Es erfolgt eine 360 ° Drehung. Leon schließt Frieden mit allem, ist zufrieden und glücklich. Ich freu mich mit ihm.
Phase 4: Leon steht nun auf eigenen Beinen. Er braucht mich nicht mehr, um geliebt zu werden und um den rechten Weg zu gehen. Er schaut mich nun erneut an und fragt mich ratlos: Und nun? Wie geht es weiter? Ich ziehe mich zurück und lasse ihn jetzt los. Er ist etwas unsicher und enttäuscht, doch schnell merkt er, dass er nun alleine stehen und gehen kann, ohne Stütze, und er entdeckt, wie schön das Leben ist und wie stark er ist. Ich freu mich für ihn. Bin aber auch traurig, weil er mich zurückgelassen hat, ohne mich zu seiner Frau zu erheben.
Phase 5: Wir treffen uns. Ich merke, dass Leonis Liebe nicht mir gegolten hat, sondern ihm selbst. Es tut mir weh bestätigt zu sehen, er braucht mich nicht. Ich habe gehofft, er lasse meinen inneren Schatz nicht aus den Augen und dass er ihn wertschätzt, sich irgendwie bedankt, nicht indem er mich fickt, sondern indem er mir Zeit gibt und mir zeigt, welchen Platz ich in seinem Leben habe. Aus Verzweiflung und als Schutzreaktion lasse ich mich beim Treffen nicht ficken, nein, ich ficke ihn – und gehe dann.
Phase 6: Wir verabreden uns unverbindlich. Niemand braucht was, niemand sucht was, niemand ist für den anderen verantwortlich, niemand schuldet dem anderen was. Wir sind zwei Erwachsene, unabhängig und selbstausreichend. Keiner weiß, was uns beide noch verbindet. Der Leoni, den ich von Anfang an geliebt habe, hat sich vertrauensvoll in die Hände seiner Eltern, Familie und Freunde begeben. Endlich kann er sich annehmen, sich in den Spiegel schauen und Frieden mit allem schließen. Ich brauche ihn auch nicht, um mich zu lieben. Ich habe meine Freunde, Familie und seelische Begleiter.
Und nun?
Nun kommt Gott ins Spiel. Er ist die Quelle der Liebe zu mir selbst. Er sagt mir, du bist im Kern heil und ganz. Als ich vor zweieinhalb Jahren erlebte, wie alles weg war und nur Asche zurückblieb, da klagte ich Gott an und fragte Ihn: „Warum? Warum hast Du mir alles weggenommen und mich bis auf die kleinsten Zellen verflucht?“ Ich habe gedacht, Er liebt mich nicht. Ich wühlte in der Erde, quasi in der Asche – da war sie nicht. Mich umgab Dunkelheit, Trümmer, ein sinnloses Dahinvegetieren, ich hatte das Gefühl, ich werde zersetzt und sterbe. Alles, was ich anpflanzte, ging dahin. Alles, was ich anfing, schaffte ich nicht zu Ende zu führen. Ich dachte, ich habe versagt, ich bin nichts wert und meine Existenz sei ein einziger Fehler. Ich hatte nichts mehr in mir, was ich lieben konnte. Meine Erfolge aus der Vergangenheit zählten nichts, denn ich war leer, aus meinem Herzen ist mir alles rausgerissen worden, nichts als Schmerz blieb zurück. Ich suchte nach Hilfe, doch niemand schaffte es mir zu helfen. Ich dachte nur: Alles Sichtbare ist weg, also gibt es mich auch nicht mehr. Ich konnte mich nicht vom Boden erheben, weil da nichts war. Wohin mit mir? Leere, Schmerzen, Schmutz und Dreck … wozu leben? Ein Kampf ums Überleben. Ich brauchte etwas Sichtbares, um zu kämpfen. Ich mietete mir einen Schrebergarten und kämpfte mit dem Unkraut und den Wetterverhältnissen. Es nahm kein Ende. Ich war einsam. Mittendrin im Jahr hörte ich auf und kündigte den Garten. Ich habe kapiert, nicht in der Erde und dem Acker liegt die Antwort; sie muss in mir liegen. Hätte ich in dem Garten etwas eingepflanzt, um es wachsen zu lassen und zu ernten, so hätte ich mein Inneres betrogen: Denn ich musste etwas in mir drin pflanzen. Was ich erlebte war aber was anderes. Ich schaute mich eines Tages aufmerksam an und entdeckte … ich muss nichts suchen und anpflanzen. Ich habe einen Schatz gefunden, der meinen Namen trug und ich spürte Liebe zu mir. Diese Entdeckung hauchte mir neues Leben ein. Plötzlich war in mir ein helles Licht. Von da an spürte ich, ich bin doch da. Und ich schaute zu den Sternen und war wieder eins mit Gott. Kein Mensch konnte mir durch zureden dieses Licht anzünden. Ich musste es erleben. „Du bist im Kern heil und ganz. Ich liebe dich. Alles was da zwischen uns liegt, was drüber wächst oder nach der Ernte wieder von der Oberfläche verschwunden ist, das macht nichts aus. Du bist da, ich bin da. Ich liebe dich, du liebst mich.“ Ja, das passierte im letzten Sommer. Dann musste ich mich meiner letzten Prüfung stellen: Meiner Krankheit. Ich wurde noch mal in die Schlucht geworfen. Doch am Ende kam ich heil heraus, ich habe ganz schnell wieder das Gleichgewicht gefunden, mit Gott, und umgab mich dabei mit Freunden, die es bestätigten. Bis dann Leon kam … Er sagte mir: Ich liebe dich. Und ich wollte weglaufen, denn niemand kann mich lieben wie Gott. Ich wollte mich weiterhin so lieben wie Gott mich liebt. Doch Leon sagte, habe keine Angst, vertraue mir. Ja und letzte Woche, da hat er mich verletzt, indem er nicht meinen Kern sah und ihn nicht liebte wie Gott, sondern all das, was alle in mir sahen. Ich suchte das Alleinsein, um wieder mit Gott eins zu sein/ werden. Dabei ging eine Tür zu Leon zu und ich möchte ihn eigentlich da nicht mehr rein lassen. Gestern waren wir wie zwei Fremde, wir hatten trotzdem Sex – eine Lüge.
Heute werden wir uns wieder sehen. Er kommt zu mir nach Hause … ich möchte ihn, wie gesagt am liebsten nicht mehr zu mir rein lassen. Aber ich will es noch einmal wissen. Wie sollen wir uns begegnen? Vielleicht sollten wir einmal über die Beziehung zu Gott sprechen?“ Ich war bei dir, als du dich durch Schichten von Dreck hindurch gewühlt hast, um dein inneres Licht da tief drin anzuzünden. Und als ich dir von meinem Wunsch nach einem Kind, irgendwann mal, erzählt habe, da sagtest du, wir sind beide krank und es wäre nicht richtig. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als hättest du über meine leuchtende Flamme Wasser geschüttet und gleichzeitig auch über deine. Das tat weh und trennte mich von dir. Du warst sauer, nicht mehr auf dich, die Familie oder die dunkle Vergangenheit, sondern auf Gott. Du hast uns dadurch beide quasi zusammengeschlagen und dann bist du in deine Trauer abgestürzt, ja geflüchtet, zu deinem alten Leben, zu den falschen Freunden und der verlogenen Familie. Ich war fertig mit der Welt. Ich fühlte mich von dir mies behandelt und grob zurückgelassen. Musste mein Gleichgewicht mit Gott wieder allein finden, langsam meine Flamme wieder entzünden … Du hast mich enttäuscht. Und nun weiß ich nicht, ob es uns gut tut zusammen zu sein. Jetzt kommt es darauf an, ob wir das Gleiche fühlen, die Liebe zu Gott und uns selbst. Lieben wir uns selbst durch die Augen von Gott? Oder sehen wir nur das, was zu sehen ist durch unsere menschlichen Augen und fangen an, uns gegenseitig umzukrempeln? Oder wegzustoßen? Sex ist für mich nicht ficken. Denn beim Sex verbindet sich Gott mit der Erde, ich und du und am Ende ist mehr als Orgasmus da – es bleibt eine Erfüllung, eine Flamme der Liebe. Sex ist nur dann richtig, wenn wir uns echt lieben. Wir waren beide vor der Aktion am Freitag auf dem Weg Vertrauen aufzubauen. Dann haben wir uns verloren. Du wolltest danach weiter geliebt werden, ich hatte die Befürchtung, du übergießt mich wieder mit kaltem Wasser und tust mir weh.“
23. März 2015/ Montag
Heute habe ich versucht, uns beiden einen Weg vorzuschlagen, um da herauszukommen. Ich wollte mich kurz treffen, um sich in die Augen zu sehen, sich trotzdem zu umarmen und um sich einen Kuss zu geben. Ich dachte, wir machen einen Spaziergang und lassen uns dann ein paar Tage in Ruhe. Damit wir uns sammeln und ruhig überlegen können. Doch Leon will lieber bei den Eltern sein und sich dann mit einem Freund treffen … und er sagte mir, wenn es zwischen uns so ist wie die letzten Tage, dann will er nicht mehr. Das war ein Schlag ins Gesicht. Da fällt mir nichts mehr ein. Er liebt mich?
Ich glaube, es ist eher vorbei.
Ich schaue mich in der Wohnung um und sehe den Dreck der letzten Woche an. Überall sind Zeichen von ihm, Reste der Diskussionen und Unordnung.
06. April 2015/ Montag
Meditation: Sich jeden Morgen in der Stille im Schneidersitz setzen, die Augen zu machen, die Hände auf die Knie lagern und Gedanken und Gefühle kommen lassen. Heute habe ich dabei folgendes erkannt. Wenn man emotional mitten in Schmerzen ist oder gedanklich Kopf Kino hat, dann fühlt man sich niedergeschlagen und traurig. Man schaut in die Welt hinaus und sieht nur Schlechtes und Böses. Zu Hause herrscht dann meist Unordnung und Kälte, alles fliegt herum. Man möchte verzweifeln, fühlt sich hilflos und man meint, darin unterzugehen, wie in einem Sumpf. Alles tut weh, stinkt, wirkt vernichtend. Doch dann erinnere ich mich an das Bild von dem heiligen Tempel, der in jedem Menschen im Innern ist und wo Gott wohnt. Da ist es immer sauber, heile, ausgeglichen und schön warm. Man braucht dafür nichts tun. Wenn man meditiert, so kommt man mit diesem Ort in Berührung und ein Licht geht an. Man spürt alles Schmutzige und Böse noch einmal mehr. Doch indem man sich auf diesen Tempel konzentriert, geht alles langsam weg. Man spürt wieviel Kraft hoch steigt und wie die Energie einen ganz erfüllt. Plötzlich weiß man was zu tun ist: Mit dem Blick auf Gott öffnen sich die Augen für sich auf, als auch für den nächsten und man übernimmt Verantwortung. Wenn das Herz anfangen würde zu denken, würde es aufhören zu schlagen.
10. April 2015/ Freitag
Heute, beziehungsweise gestern hatte ich einen schlechten Tag … das bedeutet, alles um mich herum war belastend, ich fand kaum Platz für Gutes, denn von überall her kam nicht Energie, sondern Pflichten, Aufgaben, Regeln, Vorschriften und Probleme mit Konflikten. Ich wollte nur nach Hause, zurück zum heilen Kern. Wo kann ich mein Akku aufladen?, fragte ich mich. Hilfe! Zu nehmen weiß jeder, aber dafür im Gegenzug den anderen positiv aufladen, das fällt schwerer. Positiv aufladen heißt nicht Geld geben oder materiell zu entschädigen. Es heißt den anderen so sehen wie er/sie da tief innen drin ist und ihn/sie zu fördern. Es heißt aber andauernd, hilf mir hier, hilf mir da, zeig mir, lehr mich, begleite mich, und so weiter. Doch wer ist für mich da? Wer wäscht, spült saugt und putzt Staub für mich? Wer kocht für mich, zieht mich an und hört mir zu, wenn ich was hab? Wer geht für mich arbeiten, um Rechnungen zu bezahlen und um für das Auto und die Wohnung aufzukommen? Wer fördert meine Talente, sieht meine Potenziale, gibt mir Raum zur Entfaltung? Wer freut sich mit mir über meine Leistungen, Erfolge, bestandene Herausforderungen? Wer baut mich wieder auf, wenn ich Schmerzen habe, offene Wunden oder wenn ich mich verletzt fühle? Wer sagt mir jeden Tag, alles wird gut? Und lächelt? Wer nimmt mich an die Hand und unternimmt etwas Schönes mit mir? Ja, das alles gebe ich mir selbst. Aber auch nicht ganz – ich bekomme die Kraft dazu durch die Berührung mit Gott in mir innen drin. Indem ich die Begegnung mit ihm suche, stelle ich mich zunächst meinem heilen Kern entgegen. Ich spüre Erleichterung, Liebe, eine Quelle, die einfach ohne mein Zutun fließt und alles erneuert. Dann begegne ich meinem Körper. Oft ist er müde, tut weh, hat Hunger oder Durst oder stinkt und muss gewaschen werden. Wenn diese beiden Phasen durchlaufen werden, kommt die Zuwendung dem Umfeld zu; ob es die Katze ist im Moment, oder mein Schatz oder eben seit kurzem der Job im Supermarkt, wo ich einfach nur putze. Nach Arbeitsschluss bin ich bereit für die Gesellschaft, das heißt Papierkram ordnen/ erledigen oder sich für ein Ehrenamt engagieren und so weiter. Am Nachmittag dann, kommt das Essen und Ausruhen. Eventuell muss dann der Haushalt gemacht werden oder noch eingekauft werden. Danach bin ich für Sachen bereit, wie zum Beispiel mit Leoni zu kuscheln oder ein Film zusammenzugucken oder sich mit Freunden zu treffen oder einfach nur ein Buch zu lesen oder zu baden. Am Ende des Tages kommt noch ein stilles Gebet zu Maria und Gott und dann kommt auch schon die Schlafenszeit … alles wird an seinen Platz gelegt, der Körper kommt zur Ruhe. Nun, das ist der Tag wie ich ihn für mich gestalte, um mit mir in Balance zu leben. Ich mache mir gerade Gedanken wie es ist, wenn ich Leoni jetzt doch in mein Leben lasse? Mit ihm teile ich ein Stück der Krankheit, mit ihm teile ich Gott und mit ihm teile ich Sex. Was heißt ich liebe dich, wenn er mir oder ich ihm das sage? Heißt das, ich akzeptiere deine Krankheit, ich liebe genauso wie du Gott und ich habe gerne mit dir Sex? Ehrlich gesagt, ist mir egal was die anderen über ihn sagen. Soll er doch für diese Menschen ein Vollidiot sein, ein Drogendealer oder ein einfacher Arbeiter ohne Schulabschluss und ohne Ausbildung. Ja, er war/ ist krank und ja er hat nichts außer sich. Sein Leben ist ein Scherbenhaufen, so dass er den Glauben an sich selbst verloren hat. Aber Gott, weißt Du was? Ich liebe ihn. Nur weiß ich im Moment nicht, wie ich mit ihm umgehen soll. Ich muss auch an mich denken, weil mein Leben ebenfalls ein Scherbenhaufen ist. Ich baue mir gerade alles langsam auf. Ich kann ihn nicht mittragen. Er wiederum kann mir in meinem Leben nicht viel helfen. Er muss jetzt auch an sich denken. Mein Leben wäre in Butter, wenn ich einfach nur Routine in den Alltag rein bekommen würde. Ich weiß nicht, wie ich Leoni in diesen Alltag einbauen soll. Wir leben nicht zusammen, das heißt wir sind auf das Telefon angewiesen und auf freie Zeit, in der wir Lust haben aufeinander. Er sucht viel Aufmerksamkeit, sagt mir oft „Ich liebe dich“ und er möchte alles von mir wissen. Ich liebe ihn auch, aber wenn ich ihn in mein Leben einbauen soll, dann muss er mich schon heiraten und mit mir etwas aufbauen wollen und das bedeutet, all das, was er/ich an Heil und Liebe in sich/mir spürt, auch außerhalb von uns herstellen muss, aufbauen, um einander auch körperlich zu begegnen, ob am Esstisch, im Café oder auf der Straße. Wir sind beide Hartz IV-Empfänger, das heißt, wir sind nirgendwo im Einsatz, um die Welt zu verbessern. Im Moment verbessern wir uns selbst, wir schauen zu, dass wir gesund werden. Die Liebe, die wir zueinander spüren, steht auf der Probe. Wir sehen Krankenhäuser, wir haben kein Geld zum Leben, wir leben am Rand der Gesellschaft. Wir sind jeder für den anderen Last, keiner kann dem anderen helfen. Dies auszuhalten ist schwer. Am Ende ist es wahrscheinlich so, dass wir uns gegenseitig verbessern wollen und uns dann hassen … Ich hoffe nicht! Wie kann ich sagen, ich liebe dich ohne für den anderen die Verantwortung zu übernehmen? Wir sind zu schwach. Ich bin zu schwach für Leoni, weil ich noch nicht mal für mich sorgen kann. Was heißt dann „Ich liebe dich“? Vielleicht müssen wir das so stehen lassen. Wir lieben einander, doch im Moment brauchen wir eben Ärzte und unsere Eltern und Freunde, die uns unterstützen und uns hoch kommen helfen. Wir müssen auf die Beine kommen, klarkommen, stark werden. Und wie finden wir zusammen? Gott, wenn Leoni und ich zusammengehören, für immer, dann gib uns eine Chance, gib uns ein Zeichen, zeig uns einen Weg. Ich fühle mich im Moment einsam, habe Angst Leon zu verlieren, gleichzeitig aber auch die Berührung zu mir selbst. Ich brauche eine Arbeit, die mich würdigt, um Achtung vor mir selbst zu bewahren. Denn wie soll ich lieben, also Liebe schenken und nicht dafür sorgen, dass es da draußen ein Stückchen besser wird? Ich möchte zum Heil der Welt beitragen, um meiner Familie, meinen Freunden und meinem Mann sagen zu können: Alles wird gut, ich liebe mich und dich und schau, da überall ist es schön, ist es gut, ich glaube an Gott, an das Gute in der Welt! Nur weißt Du was, Gott? Seit meiner Krise in Düsseldorf sehe ich eher nur Böses. Die Menschen sind böse, die Welt ist böse, überall Vergeltung, überall Betrug, überall Nutznießer, die noch mehr Schmutz und Dreck verursachen und Ungerechtigkeiten verstreuen, überall Leute, die nach dem Sahnehäubchen greifen, um sich aufzupeppen. Es tut weh im Kopf und im Herzen und das macht krank. All das zu sehen macht krank, man sieht keinen Sinn sich dafür zu opfern, sich dafür zu engagieren und sich dafür den Arsch aufzureißen. Viele ergreifen die Flucht nach vorn und tun nur so als würden sie für eine bessere Welt arbeiten, aber eigentlich denken sie nur an sich selbst, um einen Mangel zu stillen. Ja, aber in Wirklichkeit möchte ich das alles nicht so sehen. Ich möchte an Gutes glauben, an Dich, Gott. Jeden Tag diese schreckliche Realität sehen und dann trotzdem das Gute, das Glänzende und Gesunde zu fördern. Ich bitte Dich, lieber Gott, hilf mir dabei. Hilf mir bitte, denn ich bin so schwach. Hilf mir, wenigstens meinen glänzenden Kern zu sehen und zum Leuchten zu bringen, nicht für die Welt, für mich und für Dich.
11. April 2015/ Samstag
Ich liebe mich. Das bedeutet, dass ich gut und schön und gesund und voller Freude bin. Das bedeutet, dass ich dafür sorgen kann, dass es mir gut geht. Ich muss mich selbst loben … ich sorge nämlich ganz gut für mich. Ich mache vieles gut. Doch seitdem ich mit Leon wieder zusammen bin, frage ich mich oft, ob er mich lieben kann. Ich möchte es oft von ihm hören und ich möchte, dass er mich nicht verlässt, dass er bei mir bleibt. Liebst du mich so wie ich bin?, frage ich mich selbst. Und ich bin sehr streng zu mir und sage: Ich liebe dich erst, wenn du das machst, das hast, dies erreichst und für jenes sorgst. Ich kritisiere mich dafür, dass ich vieles noch nicht machen kann, weil mir entweder die Kraft oder die Mittel fehlen. Also liegt vieles rum und ich komme nicht vorwärts. Wenn ich so in dem Dreck liege, verliere ich die Achtung vor mir. Doch wenn ich dauernd sauber mache und da nichts stattfindet, macht es irgendwann keinen Sinn. Die Ernte kommt so gut wie gar nicht und der Boden scheint sich zu weigern, etwas hervor zu geben. Arbeiten? Wofür? Kämpfen, am Leben festhalten und Humor bewahren – das ist worauf es ankommt. Arbeiten im Sinne Kultivieren macht ja Sinn. Doch was ist, wenn das Grundlegende fehlt? Wie kann ich Mode designen, tanzen, kochen oder musizieren, wenn alles im Dreck liegt oder wenn ich keine Mittel habe, um diese Dinge kontinuierlich zu machen oder wenn mein Kopf und Körper zugemüllt sind? Damit ich von meiner Arbeit leben kann, müsste ich ein Grundminimum an Geld haben, damit ich meine Existenz bestreiten kann und mir meine Entfaltung leiste. Ich habe ein Minijob. Jetzt brauche ich nur noch ein Teilzeitjob. Hätte ich 450 Euro und 900 Euro, dann würde das völlig reichen, um sich meinen Talenten zu widmen. Sich selbst versorgen und dann fördern … Sich selbst Geld geben und damit das nötigste stopfen und dann frei zu sein für den Geist … Alles wird gut. Ich muss nur lernen, dass es Jobs gibt, die Gelder bringen und dass es Berufe gibt, die mir Entfaltung bringen. Und dann gibt es noch die Arbeit, bei der weder Geld noch Entfaltung hervorspringen; hier geht es einfach nur um die Balance zwischen innen und außen. Viele haben das Ziel, sich selbst zu verwirklichen und damit Geld zu verdienen. Doch meistens funktioniert das nicht. Ich habe viele Talente; doch ich kann damit nicht Geld verdienen. Wer mit seinen Talenten Geld verdient, der brennt irgendwann mal aus. Was ist also mein Plan?
19. April 2015/ Sonntag
In mir drin ist Gott. Dort ist alles bereits perfekt und gut, heile und hell. Ich brauche nichts dafür zu tun. Um diesen Raum herum mit Gott, ist mein Körper. Er ist nicht perfekt, braucht jeden Tag von neuem Pflege und Aufmerksamkeit. Ich muss ihm Essen und Trinken zufügen und ihn bewegen, um ihn fit, straff und gesund zu erhalten. Das ist oft sehr anstrengend. Um meinen Körper herum befindet sich eine Wohnung, ein Zuhause, wo alles dem Körper dient. Um das Zuhause ist die Umwelt oder die Gesellschaft.
22. April 2015/ Mittwoch
Was ist mein Problem mit Leon? Ich liebe ihn von Herzen und kann mir sehr viel mit ihm vorstellen. Aber unser Zusammensein gerät immer wieder in eine Schieflage und ich werde das Gefühl nicht los, es liegt daran, dass wir unterschiedliche Erwartungen an die Beziehung haben. Wenn Leon bei mir ist, so kommt es mir vor, als hätte ich keinen Raum zum Atmen. Er tänzelt non Stopp um mich herum und will Aufmerksamkeit und Fürsorge und Zuneigung, fast wie so ein kleines Kind. Oft weiß ich nach ein paar Stunden nicht mehr was ich! will, was mich! bewegt und wozu ich! Lust hätte. Das zerrt an meinen Kräften. Ich kümmere mich gern um ihn und ich würde fast alles für ihn geben. Doch ich befürchte, wenn es so die ganze Zeit läuft, verlieren wir die Kontrolle über die Beziehung. Was ist also zu tun? Ich will ihn sehen, er will mich sehen. Doch was verbindet uns, wenn wir zusammen sind? Was wollen wir voneinander, was uns andere Menschen auch geben können? Ich habe Angst ihn zu verlieren, weil ich so grob zu ihm bin und schnell eingeschnappt bin. Ich weiß manchmal nicht, wie es weiter gehen soll. Worum geht es eigentlich zwischen uns?
24. April 2015/ Freitag
Ich bin innerlich aufgewühlt und ich kann damit nicht umgehen. Ich fühle Wut, Ohnmacht, fühl mich schwach und unsicher. Irgendwie komme ich bei meinem inneren Kern nicht an, weil mich die äußere Hülle beschwert. Ich weiß nicht was ich tun soll! Erkenntnis: Mit Leon Schluss machen.
28. April 2015/ Dienstag
Was machen mit destruktiven und negativen Gefühlen? Was machen, wenn der zwischenmenschlichen Beziehung irgendwelche materiellen Ebenen (sei es der Körper, die Wohnung, das Geld, die Straße, und so weiter) auf dem Weg stehen? Was ist mein Problem? Wenn ich nicht wünschenswerte Gefühle habe und sie ausspreche oder zum Thema mache, dann will ich nicht, dass sie gleich beseitigt werden oder dass ich mit ihnen kämpfe oder sie ausarten lasse. Diese Gefühle wollen verwandelt werden, sie wollen umsorgt und geliebt werden. Diese Liebe macht es, dass der negative Anteil sich traut da zu sein, ohne gleich alles zu zerstören. In Liebe zusammen zu sein ist einfach. Doch so gelingt kein echter Frieden. So kann man nichts aufbauen. Die negativen Gefühle müssen raus. Erst dann können sie umarmt werden. Doch die Erfahrung zeigt, meist will keiner für negative Gefühle oder Vorkommnisse die Verantwortung übernehmen. Man lässt durch andere den Störfaktor behandeln, reparieren oder man verurteilt diesen gleich ganz. Wiederum andere ignorieren diese Gefühle vollkommen und bauen woanders ihre Ideale auf. Doch diese Gefühle leiden; sie nehmen wahr, für sie ist kein Platz da. Es macht nichts diese zuzulassen und es ist niemand böse deswegen. Es gibt nur noch nicht die richtige Schublade dafür, in der es geordnet werden kann, beziehungsweise eingesetzt werden kann. Da ich in der Gesellschaft nicht darauf hoffe, dass jemand eine Lösung dafür findet, suche ich oft den Weg in das Zuhause, in die Kirche. Dort hoffe ich mir selbst die Aufmerksamkeit, den Platz und die nötige Liebe zu geben. Das überträgt sich dann nach und nach auf das Verhalten und dann auf das Handeln.
Am Nachmittag …
Gott,
er hat sich vor mir ausgekotzt, hat mir seine Schmerzen gesagt, seine Wunden gezeigt, sich mir von tiefsten Herzen anvertraut. Doch dann, anstatt dass ich bei ihm geblieben wäre, habe ich wieder auf Abstand geschaltet. Ich sagte ihm zwar, ich liebe ihn, doch ich lasse ihn mit seinem Selbst am Ende allein. Dann hoffe ich, dass Du bei ihm bist und ihn tröstest und wieder heile machst und ihm Ideen gibst und Kraft, wie er sein kaputtes Leben wieder auf die Reihe bekommt. Ich weiß allerdings nicht, wie ich mit ihm eine Beziehung führen kann, wenn seine Schmerzen, Wunden und verletzten Emotionen nicht vergangen sind und nicht weggehen. Ich weiß nicht, wie ich mit ihm weiter gehen soll, wenn der Alltag daraus besteht, dass es ihm eigentlich schlecht geht und ihm seine Hände gefesselt sind, um etwas zu machen. Er braucht Ruhe, Fürsorge und Freunde, die mit ihm den Tag gestalten, also sozusagen eine Krankenhaus Atmosphäre. Wozu bin ich an seiner Seite? Wozu braucht er mich und wofür brauche ich ihn? Ich glaube, lieber Gott – für eine Beziehung mit Dir?
29. April 2015/ Mittwoch
In der Gesellschaft sind negative Gefühle nicht erwünscht. Man schickt sie raus, wenn sie da sind, oder vergräbt sie. Dann begegnet man sich selbst zu Hause. Man will sich beruhigen oder ausgleichen. Doch im Raum sind die vielen negativen Gefühle und setzen einen unter Druck. Man ist davon schmutzig und will sich reinwaschen, indem man es abschüttet, man schimpft, weint, schreit auf. Man leistet draußen gute Arbeit – was man aber im Gegenzug vor die Tür bekommt, ist ein Sack Müll. Was ist zu tun? Auf jeden Fall den Druck nicht an anderen im Haus auslassen, nicht das Zuhause zerstören oder sogar sich selbst. Auch nicht nach draußen gehen und kriminell werden oder Terror ausüben, Unfälle bauen oder Regeln missachten. Der Druck braucht einen Raum und dieser Raum ist in einem drin, kann aber auch in Form eines Ruheraums sichtbar gemacht werden, wo getobt, geweint oder etwa geflucht werden darf. Aber man findet da auch liebevolle und schöne Gefühle. Am Ende sitzt man in der Mitte und es ist still. Man sieht das Zerstörte, man sieht das Liebevolle und nun braucht man eine Umarmung, etwas, das größer ist als beides. Und was ist das? Ein Mensch, der beide Seiten an einem sieht und trotzdem sagt: Ich liebe dich, und es am Ende auch zeigt. Und wie das? 1. Indem er/ sie da ist mit seinem/ ihrem gesunden Konzept und alles in Harmonie in sich selbst bringt, es also bei ihm/ ihr funktioniert. 2. Und indem er/ sie draußen den Weg frei schafft für das Wesentliche, ob es die Sauberkeit ist, die Bildung, die Kultivierung, eine klare Kommunikation, und des Weiteren. All das sind Mittel, um die Wege frei zu fegen, damit Menschen sich auf der Strecke nicht verlieren und wissen, wohin. Und wohin? In die Stille, zu Gott, zu Seiner Liebe. Der eine entdeckt sie in der Kirche. Der andere kultiviert sie zu Hause, indem er/ sie Gott zeigt, ich bin klar bei Dir, halte alles sauber, baue an Gemeinschaft in Dir und bekomme durch Frieden stiften Spaß mit anderen, Eintracht und Harmonie in Dir.
05. Mai 2015/ Dienstag
Was ist, wenn Gefühle aufkommen und keinen Platz finden? Wenn sie nicht gesehen oder nicht behandelt werden? Was ist, wenn sie nicht sein dürfen, weil sie die Ordnung stören würden oder mehr Aufmerksamkeit verlangten? Ich denke, dann kanalisieren sie sich in Sachen oder Menschen oder Handlungen, in denen sie nicht sein dürfen. Sie werden zu Störenfrieden, die man an einen Sündenbock bindet und vertreibt. Niemand möchte der Sündenbock sein. Doch auch niemand möchte in einer verschmutzten Atmosphäre sein Leben verbringen. Natürlich ist jeder Mensch daran interessiert, etwas Gutes aufzubauen, etwas Schönes in die Gemeinschaft zu tragen. Doch hier geht es nicht um das, was ich zu geben habe, sondern um das, was die Gemeinschaft braucht. Bei dem Ehrenamt geht es mir darum, eine Gemeinschaft um mich zu haben, die mir hilft, meine Schmerzen und meine momentane Hilflosigkeit auszuhalten und mitzutragen. In der therapeutischen Begleitung lerne ich trotz meiner Wehwehchen zu meinem heilen Kern vorzudringen und ihn zu bestärken. Doch irgendwas ist bei mir schief gegangen. Aus den Aufgaben, in denen ich mich immer mehr entfaltete, wurden Jobs, zu denen ich mich gezwungen fühlte. Sicher verlangen Aufgaben Disziplin, Ausdauer und Regeln. Aber wichtiger ist, dass man in ihnen in Berührung kommt mit sich. Momentan fällt es mir aber sehr schwer, Teil der Gemeinschaft zu sein. Die Atmosphäre ist irgendwie zerstört. Alles Mögliche kommt auf den Tisch und es herrscht Chaos. Jeder leidet daran, dass er nicht im Kern gesehen wird, sondern nur an der Oberfläche. Die Oberfläche wird behandelt, doch der Mensch fühlt sich selbst innerlich trotzdem nicht geachtet/ gesehen. Es wird nicht der Kern (das Erhabene) erkannt und anerkannt. Man reagiert lediglich auf die oberflächlichen Handlungen.
Jetzt am Abend fühle ich mich benutzt, schmutzig, ausgelaugt und einsam mit mir selbst. Ich habe viel geredet, viel erledigt, viel vermittelt, einiges einstecken müssen … mit dem Resultat: Niemand hat mich in echt gesehen. Niemandem ist aufgefallen, dass meine Seele nach Hilfe ruft. Sie will einen Platz bekommen in der Gesellschaft. Platon sagte schon damals, wir Menschen haben eine unsterbliche Seele – und sie ist der Wohnsitz der Vernunft, sie ist der Wohnsitz der Ideenwelt und vor allem, der Liebe. Was mich nervt ist, dass manche Menschen sich zum Ursprung der Seele erklären. Sie sagen zum Beispiel, ich mag dich, und schon bist du ein Teil ihrer Ideenwelt …
08. Mai 2015/ Freitag
Meine Gefühle finden keinen Raum. Vielleicht weil sie nicht klar sind und dahinter Bedürfnisse stecken, die nicht erfüllt werden können. Oft hängen wir Menschen unsere Bedürfniserfüllung an andere Menschen, an Orte oder an Gegenstände oder Reisen. Doch im Grunde gesehen kann einen selbst das alles nicht befriedigen oder erfüllen. Bedürfnisse sind ein ewiger Schrei nach Vollkommenheit und Liebe. Diese jedoch sind nicht im Sichtbaren zu finden. Die Welt ist unvollkommen und Liebe – man kann sie nicht greifen oder einfangen. Daher tut es weh, wenn man sie nirgendwo sieht und erlebt … und auf einmal spielen die Gefühle verrückt. Trotzdem bin ich der Meinung, dass wir in unserer Lebenszeit es möglich machen können, Liebe und Ganzheit zu erfahren. Nicht, indem man Lebenskonzepte einander aufzwingt, sondern einfach, indem man mit sich im Reinen ist. Und man ist im Reinen mit sich, wenn man ganz simpel ausgeschlafen ist, satt und gestillt ist und um sich herum ordentlich und sauber hat. Dann hat man Lust zu spielen, zu schmusen, zu lachen, etwas zu unternehmen oder aus sich rauszugehen. Daher denke ich, wenn negative Gefühle aufkommen, die die Atmosphäre verschmutzen, dann ist das so, weil irgendwer oder irgendwas im Moment krank ist. Das bedeutet aber, dass das nicht das Ende ist, sondern nur eine Erkenntnis des Momentzustandes, der nicht unüberwindbar ist! Man muss nur zu dem Kernpunkt zurückgehen. Denn der Kernpunkt ist gesund und gut und bereits vollkommen. Im Kern ist alles gut … man braucht nur Geduld und das Gute setzt sich nach außen durch.
Ich habe in den letzten Wochen einen großen Umgang mit kranken Menschen und Situationen gehabt, so dass ich vor lauter Schmutz, Gestank und faulen Gefühlen meine innere Mitte verloren habe. Es fehlte der gesunde Blick, eine gesunde Grundstruktur und eine gesunde Umgebung – und zwar für mich. Durch meinen gesunden Blick fanden viele zu sich selbst. Doch nun brauche auch ich so jemanden um mich, jemanden, der mir den Platz bietet, um mich mitzuteilen und um wahrgenommen zu werden. Denn auch ich habe jeden Tag mit dem Schmutz zu kämpfen und brauche die Aussicht auf etwas Heiles und Gesundes. Und oft finde ich das, indem mich jemand daran erinnert, dass ich doch ganz in Ordnung bin und alles, was ich sage oder tue, dem anderen, den ich liebe, gut und nicht weh tut. Ganz konkret gesagt … ich habe Leon eine Abfuhr erteilt, weil er keine Zeit für mich hat und wenn er Zeit hat, dann ist er nicht bereit, um für mich Platz zu finden, sondern um über sich zu sprechen. Ich gehe mit meinen Sorgen oder Freuden allein gelassen nach Hause und muss das woanders lassen, beziehungsweise mit jemand anderem teilen. Nur mit wem? In solchen Situationen merke ich, dass nicht viele Freunde da sind. Einfach Menschen, die auch Sorgen, Nöte oder Freude haben, aber einander treffen, um zum einen das zu teilen, aber zum anderen auch, um dann was Schönes gemeinsam zu unternehmen, was allen gut tut. Ich finde telefonieren schwer, weil man sich zwar einander mitteilt, aber man dann nach dem Auflegen des Telefonhörers allein bleibt und allein vor der Welt steht. Mit wem soll man danach etwas Gutes erleben? Wer nimmt einen in den Arm und gibt Geborgenheit, wenn man traurig zurückbleibt und weint? Wer tut etwas für einen, wenn man krank ist und sich was zu essen machen muss oder Hilfe bei etwas braucht? Ich dachte, der Leon wäre mein Herzensprinz, mein Schatz, der alles tun würde, um mich glücklich zu sehen … Aber er ist momentan in seinem Film. Ich brauche ihn aber momentan sehr, einfach dass er da ist, dass ich spüre, egal was passiert, ich sehe dich und ich liebe dich. Wenn ich Leon sage, Leon ich verstehe dich, ich bin für dich da und er daraufhin sich gar mehr um mich kümmert … ich kann so keine Liebe teilen. Er braucht auch jetzt jemanden, der ihn sieht und ihm zur Seite steht. Ich merke aber, dafür braucht er mich nicht. Er geht dafür zu seiner Mutter oder seinen besten Freunden. Für die ist er da und mit ihnen geht er respektvoll um. Mir zeigt er, du bist mir wichtig, aber erst, wenn ich Freizeit habe. Er würde nicht alles für mich tun … das spüre ich. Und solange das so ist … muss ich mich schützen. Vor ihm hatte ich guten platonischen Kontakt zu Freunden männlichen Geschlechts. Als Leon es mitbekommen hat, reagierte er eifersüchtig, wollte mich ausschließlich für sich haben. Doch jetzt, als er eingespannt ist, vermittelt er mir, sorry, warte bitte ein paar Wochen, dann habe ich wieder Zeit für dich. Und ich spüre Enttäuschung, weil bei mir auch ganz viel los ist und ich seine Nähe, seinen liebevollen Blick und seine Zuneigung brauche. Er ist alles für mich, so wollte er das … und nun kommt er an seine Grenzen und lässt mich im Stich. Das tut weh. Vor allem deswegen, weil er weiterhin erwartet, dass ich IHN verstehen muss und alles doch gut ist (obwohl klar ist, dass alles gut ist, aber es geht ihm nicht darum, nur für ihn da zu sein, sondern ständig seine Schwankungen aufzufangen). Ich finde, als Paar muss man dafür jeden Tag kämpfen, dass Schwankungen von außen in der Kommunikation und im gemeinsamen Sein aufgefangen werden, damit man das, was man eigentlich miteinander teilt, noch zelebrieren kann und Liebe empfindet. Es geht nicht darum, Schwankungen zu lösen, oder ihnen aus dem Weg zu gehen oder ihnen keinen Raum zu geben und eine heile Welt vorzuspielen … Es ist normal, dass jeden Tag was Neues passiert, was zunächst problematisch erscheint. Doch es ist wichtig, sich gegenseitig zu zeigen, ja, ich sehe es und auch wenn es nicht möglich ist das zu ändern, ich spüre dich, schau, ich bin für dich da, morgen wird es besser. Leon schreibt mir zwar schöne SMS und sagt, er liebe mich … doch wenn ich mich durch andere verletzt fühle oder irgendetwas oder irgendwer nicht gut zu mir war, dann weiß ich dass es nicht böse gemeint war, aber ich spüre, in dem Augenblick, wo ich mich schlecht fühle, den Leon nicht; dass er für mich da ist. Er ist nicht da, um mich zu küssen, um mich in den Arm zu nehmen, zu streicheln oder mir etwas Gutes zu tun … er kümmert sich nicht um mich, nur in der Freizeit, und da gehören verletzte Gefühle nicht hin, weil man doch endlich Spaß haben will. Also müssen demnach die „Müllmänner“ namens Freunde herhalten, um das Elend aufzufangen, damit zwei sich Liebende in den Arm fallen können und miteinander in den höchsten Gefühlen Sex haben können. So eine Beziehung brauche ich nicht. Das ist eine verlogene Beziehung. Man gibt sich das Beste, ohne den Preis dafür zu zahlen. Und der Preis ist nicht, sich Geschenke zu geben. Der Preis ist, in guten und schlechten Zeiten für den anderen da zu sein. So etwas kann man nicht auf das Wochenende, den Urlaub oder in die Freizeit verschieben. Es reicht eine Stunde am Abend für beide, dann läuft alles wie geschmiert. Ja, ja, es ist einfach wichtig, sich die Arbeit und seine Bedürfnisse so einzuteilen, dass jeden Tag (jeden!) ein klein bisschen Zeit da ist für den Partner, die Kinder oder das Haustier. Danach erst kommen Freunde und die eigene Art sich selbst auszuleben, also der Spaß und das Spiel und das Genießen. Klar sind das Umfeld und die Gesellschaft wichtig! Aber ohne innere Einkehr in sich selbst und ohne die Menschen, die einen begleiten, zu pflegen, wird man auch keine Kraft haben, um darüber hinaus zu agieren, und zwar auf Dauer. Es ist in Ordnung, mit allen Spaß zu haben. Dafür ist das Leben da! Doch wie kann ich Spaß haben, wenn mein Schatz oder meine Engsten unglücklich sind? Sie sind mir doch in erster Linie wichtig und dann erst der Rest der Welt! Wie gesagt, ich habe heute Leon ganz offen eine Abfuhr erteilt und ihm alles Gute gewünscht. Ich sage nichts mehr dazu, sonst macht er mich zum Problem. Ich möchte nicht um das Recht auf Aufmerksamkeit und Zuneigung und Bedürfnisse kämpfen müssen.
Bedürfnisse: Akzeptanz, Aufmerksamkeit, Austausch, Autonomie, Ehrlichkeit, Einfühlung, Entspannung, Freiheit, Frieden, Geborgenheit, Gemeinschaft, Gesundheit, Glück, Harmonie, Kontakt, Kraft, Lebensfreude, Liebe, Menschlichkeit, Mitgefühl, Nähe, Ordnung, Respekt, Ruhe, Schutz, Selbstbestimmung, Sicherheit, Struktur, Unterstützung, Verantwortung, Verbundenheit, Vertrauen, Wärme, Wertschätzung, Zugehörigkeit.
11. Mai 2015/ Montag
Wenn man morgens aufwacht und das Gefühl hat, der Körper tut weh oder die Seele ist verletzt und eingesperrt, dann kann man das meist schwer ertragen. Was nützt es mir, dass ich Gott in mir spüre, wenn ich von außen nicht den Schutz und die Geborgenheit und die Zuwendung bekomme. Wenn das, was in mir an Schätzen ist nicht durch die kaputte Schicht hindurchgesehen wird. Dann fängt man an zu zweifeln, wird traurig oder sogar depressiv. Das kaputte ist dann einfach zu groß und nimmt einen riesigen Platz ein. Gestern unterhielt ich mich mit Leon darüber. Er meint, es gibt in der Welt keine Liebe, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. In der Öffentlichkeit guckt jeder nur nach seinem Nutzen und Vorteil, meint er. Da herrsche ein rauer Ton und es gehe gar nicht um Nächstenliebe, sondern ums Überleben. Privat sei das mit der Liebe jedoch anders, so seine Sichtweise. Da könne man sich opfern und es gehe nicht verloren. Das machte mich nachdenklich. Denn ich fand, es sei wichtig, die Liebe, die man in sich spürt nach außen, gerade in die Öffentlichkeit zu tragen. Das bedeutet, ohne Zweifel, durchaus sich selbst wichtig zu nehmen, um zu leben. Doch der Nutzen sollte, meiner Meinung nach, dem Gemeinwohl dienen. Mein derzeitiges Problem ist nur, dass ich als Christ die Liebe, die ich spüre, da draußen lebe und gerne dem Gemeinwohl diene, ABER eben nichts dafür bekomme. Wahrscheinlich lachen viele Leute über mich; sie gibt und gibt und geht am Ende leer aus. Ich sollte doch an mich denken, sagen viele … an mich! So etwas wie Ordnung, Essen und Trinken, und eine sichere Bleibe, sollte ich für selbstverständlich nehmen. Computer, Auto, Handy und Navi gehören mittlerweile auch zum Standard dazu. Das muss man bezahlen und pflegen. Unabhängig davon kommt Kleidung und Acc’s hinzu, die zum Ausdruck der eigenen Identität beitragen. Das alles ist etwas, das man durch eine Arbeitsstelle sichern kann und sollte. Was darüber hinaus verdient wird, das kann man dann in Hobbys und Projekte einfließen lassen, die einem am Herzen liegen und wo man seine Liebe (die unsichtbare hinter dem Vordergründlichem) sichtbar macht und teilt. An mich denken … an mich! Das ist momentan etwas im Ungleichgewicht. Ich weiß derzeit nicht, wo ich was investieren soll. Wie viel Herz (Liebe), wie viel Verstand (Nutzen). Ich brauche auf jeden Fall jetzt eine Arbeit. Einen Job habe ich. Der ist für eine sichere Bleibe. Aus meinem Beruf derzeitigen Beruf als Journalistin (Zeitung) bezahle ich Essen/Trinken, Auto und Telefon. Nun brauche ich eine Arbeit, um für meine Katze zu sorgen und eventuell genug Geld zu sparen eventuell für meine Doktorarbeit oder Urlaub oder/und Kind(er) UND vor allem für die Beziehung zu meinem Leonischatzi. Tendenziell geht es mir darum, frei zu sein für alles, was über das Existenzielle hinausgeht. Frei sein bedeutet für mich, sich hingeben, ohne daraus gleich Nutzen zu ziehen, aber auch, nicht leer zu sein. Einfach einen Raum bilden für Gefühle und Gott, wo man einfach nur sein kann. Das Zuhause ist erst ein Zuhause, wenn da nicht bloß das Nötigste versorgt wird (das ist das Minimum), sondern auch Gott genährt wird. Das ist mein Ziel. Doch dafür muss das Nötigste versorgt sein. Also! Einem Job nachgehen?
Doch wenn eine Krankheit kommt, dann gerät alles ins Schleudern … die Existenz ist bedroht, Gefühle und Gott scheinen weit weg zu sein (es bleibt kein Raum dafür), die Gesellschaft hat Mitleid mit dir, die Nächsten sind überfordert und man wird zum Sozialfall. Eine Krankheit zieht dich in die Knie, du kannst nicht für dich sorgen, alles erstickt im Chaos. Ich weiß nur, dass in so einem Fall natürlich für das Nötigste gesorgt werden muss. Aber was dann erst wirklich Kraft gibt ist, die Achtung und der Respekt vor dem Antlitz Gottes in mir und in dem anderen zu bewahren. Erst dann findet man neuen Mut, um für sich zu sorgen und dann dem anderen durch seinen Dienst und seine Leistung Danke zu sagen, beziehungsweise das Gute zu schaffen, zu schützen, zu leben. Wenn man einen Mangel an Respekt und Achtung durch andere erfährt (man also reduziert wird auf das Mangelhafte), dann fühlt man sich der Flügel beschnitten. Oder anders, wenn man dich wertschätzt und lobt, aber man sich dafür nicht in irgendeiner Form erkenntlich zeigen darf, dann tut das weh und erniedrigt einen zum Dasein als Sklave, der von Almosen lebt.
19. Mai 2015/ Dienstag
Seit gestern bin ich in der Beziehung zu Leon ein paar Schritte zurückgegangen. Es hat mir wehgetan und ich heulte viel … Doch ich bin standhaft und halte meine Linie. Was passiert ist? Als ich Leoni kennenlernte, war sein Ego sehr traurig und verletzt. Er vegetierte dahin. Auf der anderen Seite hatte er auch keine Achtung vor sich selbst, kümmerte sich nicht um Arbeit und kam mit seinen Verwandten und auf der Straße sowie mit Nachbarn nicht klar. Seine Wohnung war ein Müllhaufen und sein einziger Halt war seine Mutter. Dann kam ich in sein Leben. Er hat mich angeschaut und ich sah in seinen Augen wie sehr er sich nach Liebe sehnte, wie sehr er lieben und geliebt sein möchte. Zu der Zeit fühlte ich mich ihm nahe. Mein Ego war auch angeknackst und ich war traurig, dass ich noch nicht Verantwortung für mich und das Gemeinwohl übernehmen kann. Trotzdem sehnte ich mich auch nach dem geliebt sein. Sowohl Leon als auch ich, hatten unsere Potenziale gesehen und uns vor Gott geküsst, uns vor Gott berührt, wir wollten es zusammen schaffen. Wir sahen unsere Wunden, wir sahen unsere Baustellen und trotzdem sagten wir uns: Ich liebe dich. Mein Problem ist jetzt, dass ich mich mit Leon nicht treffen kann, weil ich von vielen unangenehmen und schmerzhaften Gefühlen erfüllt bin aufgrund meiner derzeitigen beruflichen Lage. Wenn ich mit Leon zusammen bin, sucht er nach Aufmerksamkeit und Sex. Ich brauche aber ihn als Person. Ich dachte die ganze Zeit, wir wollen uns gegenseitig hoch helfen. Doch jetzt kommt von ihm die Aussage: Louise, kümmere dich um dich selbst und ich kümmere mich um mich selbst. Er sagte auch, erst kommt die Arbeit und dann du (also ich). Das traf mich tief ins Herz. Denn er hat mich zu seiner Ego-Sklavin gemacht, die er auf das Niveau einer persönlichen Putze, Hure und Animateurin herunter reduziert hat. Aua! Davor war ich kurz noch Mama für ihn, doch schnell merkte er, er hat ja schon eine Mama bei sich zu Hause um die Ecke. Jou, so ist das. Ich habe mich zu sehr für das UNS engagiert, wobei er dieses Faktum prompt für sich selbst ausgenutzt hat. Mein Leoni ist sozusagen auf einem Egotrip. Deswegen habe ich die Schlussleine gezogen und mich zurückgenommen. Er hat jetzt eine Mama, Freunde und einen Job, also all das, was ihm vorher fehlte. Ich bin jedoch nicht einverstanden nur den Bereich Sex abzudecken. Was ich will ist, als Louise Maria geliebt zu werden … die Louise, die sich für das Gute einsetzt, die aber auch mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Ich will täglich erfahren, dass Leon mich respektiert und er Gott in mir liebt, dass er mit mir die gleiche Haltung lebt, auch wenn wir verschiedene Wege gehen und komplett andere Menschen sind. Weder ich noch er sollten uns um unsere Egos drehen, sondern selbst für sie sorgen, um zusammen offen zu sein für die Welt da draußen, die uns täglich erwartet. Meine Aussage zum jetzigen Standpunkt: „Ich habe das Bedürfnis für mich selbst zu sorgen, um dann vom Herzen frei und ehrlich zu geben, soviel ich kann. Doch ich kann noch nicht geben, da ich noch nicht für mich sorge.“ Ich habe meine Miete diesen Monat noch nicht bezahlt und das Gehalt ist auch noch nicht da. Ich habe kaum Geld, um Lebensmittel einzukaufen und um Dinge zu tun, die mir spontan einfallen, um mir gut zu tun. Mein Äußeres ist noch nicht so wie ich es will, fühle mich deshalb unwohl in meiner Haut. Ich habe das Gefühl, ich brauche einen Partner, der meine Nöte sieht und mich nicht überfordert. Dem Leon geht es jetzt besser und er ist natürlich freier im Geben und Nehmen. Er kann seine Grenzen besser formulieren. Ich dagegen muss mit meinen Kräften haushalten, um die Löcher zu stopfen. Ich kann nicht so lieben wie ich will, so tun, als sei alles im Hintergrund fertig. Mein Leben ist eine einzige Baustelle. Ich liebe Leon nach wie vor. Doch ich kann ihm das erst zeigen, wenn meine Existenz sicher ist und meine Dinge erledigt sind. Vielleicht tut uns der Abstand gut. Wenn er mich wirklich liebt, dann gibt er mir die Zeit, damit ich mich fangen kann. Leider kann er mir nicht diese Wärme geben, die ich ihm in dieser Aufbauphase gegeben habe. Oder vielleicht sollte ich ihm eine Chance geben, mich zu unterstützen?
Lieber Gott,
ich schäme mich vor Dir, weil ich Dir mit meinem Körper und meinem Geist nicht die nötige Ehre erweisen kann. Schau mich an! Ich habe kein Geld, um mich für Dich schön zu machen; ich habe zwar ein Diplom und kann Dir doch mit meinem Wissen nicht entsprechend dienen. Ich gehe putzen, morgens früh. Ich diene so den Menschen. Doch schau, ich kann davon nicht die Miete bezahlen und muss um meine Existenz bangen. Es scheint alles, was ich mache falsch zu sein. Ich kriege das nicht auf die Reihe. Ich habe den durch Dich gespendeten wissenschaftlichen Geist studiert, es zog mich zu Dir, zu dem Höchsten! Ich war glücklich, dort auf dem Elfenbeinturm angekommen zu sein. Doch die Menschen brauchen das Höchste nicht. Sie wollen etwas, wovon sie satt werden. Also war alles umsonst?, frage ich mich. Umsonst, weil ich am Hungertuch nage und anstatt in höchsten Tönen zu zwitschern, selber zusehen muss wie ich satt werde, erbärmlich … (als wenn das Satt werden ein würdiges Ziel wäre). Aber ohne Essen und einem Dach über dem Kopf funktioniert auch mein Körper nicht und also auch der Geist nicht. Womit ich noch weniger Dir dienen kann … Ich schäme mich, dass ich meiner bewussten Würde nicht gerecht werden kann, um Dir zu sagen: Ich liebe Dich, Gott. Denn ich liebe Dich wirklich. Ich war in der Psychiatrie ganz unten, ich bin dort gesellschaftlich am Rande gewesen. Ich musste erfahren, was Liebe zu Dir bedeutet … nämlich ganz und gar zusehen wie das Ego zerbröckelt und der einzige Halt das Dunkel ist, beziehungsweise die Hoffnung, dass Du dahinter noch da bist. Ich habe mich nach Dir gesehnt, Gott. Ich wollte mit Dir eins sein und wusste nicht den Weg. Jetzt ist da der Leon da und er und ich haben uns in der Sehnsucht nach Dir gefunden, mitten im Dunkeln. Was ich mir von ihm wünsche ist einzig diese Bestätigung, dass Du, Gott, da bist und zwischen uns reell bist. Das ist für mich ein Liebesbeweis. Und wenn wir einmal ein richtiges Paar werden sollten, und vielleicht Kinder haben, dann weiß ich, dass es mit Deinem Segen geschehen ist, weil eigentlich logisch gesehen alles dagegen spricht. Wenn Leon und ich eine Chance bekommen, dann nur wenn Du es willst, mein lieber Gott. Dich zu lieben ist grausam, Gott. Du erniedrigst, Du erhöhst – ganz wie Du willst, um mir trotzdem zu sagen: Ich liebe dich. Und ich versuche Dir meine Liebe zu zeigen, doch Du brauchst sie nicht. Ich bin Dir vollkommen ausgeliefert. Ich weiß manchmal nicht was ich tun soll, um Dir zu gefallen. Ich flehe Dich fast schon an, liebe mich doch bitte, liebe mich, zeig, dass Du mich nicht verlassen hast, dass ich nicht allein bin. Ich will arbeiten, um Menschen zu dienen, aber auch, um Dir ein Denkmal zu setzen. Dieses Denkmal soll dem Allgemeingut nützen, beziehungsweise Dir Ehre machen. Ob dies in Form von der Putzstelle im Supermarkt sein soll oder in Form von der Arbeitsagentur oder vielleicht in der vom Ehrenamt … oder in Form von Leoni – ich stelle mich dem zu Verfügung. Bleib bei mir, Gott, ich liebe Dich. Amen.
21. Mai 2015/ Donnerstag
Wenn man Hunger hat oder um sein Dach über dem Kopf bangen muss, dann kann man kaum klar denken und was erst sich konstruktiv um ein Ergebnis kümmern … Wie kann man von Liebe oder Neigungen sprechen, wenn die Kammern in Brand stecken und nichts zurückgelegt ist. Wenn man in einer existenziellen Not lebt, dann redet man nicht über kultivierte Umgangsformen und die Farbe der Socken. Man ist froh, dass man atmet und dass das Herz schlägt. Doch weiß Gott, das reicht nicht aus, um wirklich hier auf der Erde zu leben! Um zu wachsen, gedeihen und sogar zu blühen, braucht der Mensch den Glauben an das Erhabene, an das große Ganze hinter dem allen vordergründigen. Entdeckt man, dass hinter dem Atem und dem Herzschlag Gott ist, der einen liebt und deswegen leben lässt, dann weiß man plötzlich, dass all die vorhandene Not, der Hunger und die Obdachlosigkeit einem nichts antun können. Gott liebt mich trotzdem und das heißt, Er wird mir Lösungen zukommen lassen. Ich habe mich ab April dahin begeben, dass ich die Kraft gefunden habe an Gott in mir zu glauben. Durch die therapeutische Begleitung fand ich den Mut einen kleinen Nebenjob anzugehen. Jeden Tag suche ich nach dem Aufstehen in der Versenkung die Verbindung zu Gott. Und Er sagt sozusagen: Ich liebe dich. Schau, du atmest, schau dein Herz pocht. Und ich fühle mich gehalten. Von da an widme ich meine Aufmerksamkeit meinem Körper und meiner unmittelbaren Umgebung. Ich sehe zu, dass alles all das bekommt, was es braucht. Erst danach mache ich mich auf den Weg nach draußen, höre Nachrichten, schaue mir beim Vorbeifahren die Straßen an und komme an einen Platz, wo ich unter der Oberfläche wiederum Gott entdecke. Ich begegne den Menschen vor Ort, ich begegne den Gegenständen und kann entscheiden, ob es möglich ist hier in Gott miteinander zu leben. Ich investiere dann meine Kraft, meine Zeit und stecke vorerst meine Bedürfnisse zurück, um dem heilen Geist Raum zu geben. Doch dann habe ich entdeckt, brauche ich jemanden, der das zu würdigen weiß, das Ergebnis sieht und wertschätzt und ich am Ende durch eine Prämie oder ein Honorar oder eine gesellschaftliche Stellung oder Liebe genug Anerkennung bekomme, um meine eigenen Bedürfnisse zu stillen. Bei der Putzstelle habe ich das Gefühl, dass die Arbeitgeber-Firma keinen Respekt vor meiner Person an sich und meiner Arbeit hat. Sie verlieren meine persönlichen Daten, zahlen mir nicht rechtzeitig den Lohn aus und wenn ich mit ihnen persönlich spreche oder sie anrufe, dann sind sie herablassend und unfreundlich. Sie tun so, als würde ich für das Putzen ihr Geld kriegen. Dabei sehen sie nicht, dass es schwer ist zu putzen, wenn man nicht weiß, worum es eigentlich geht und was gemacht werden soll. Der saubere, streifenfreie und glatte Boden ist selbstverständlich. Doch die Frage ist, wie schafft man diesen Standard kontinuierlich aufrecht zu erhalten, ohne den Kern kaputt zu machen, beziehungsweise um das, was da ist, zu pflegen. Am Ende arbeitet man nicht für Geld, sondern für die Basis und das ist: In einem Raum eine gute Atmosphäre zu schaffen. Und das kann man nur mit Liebe hinkriegen. Ich stecke also jeden Tag meine Bedürfnisse zurück, um das Wesentliche des Putzraumes zu erschaffen. Nach Feierabend möchte ich mich aber dann gerne irgendwohin begeben, wo das Wesentliche bereits wohnt und ich meine Bedürfnisse stillen kann. Das ist meist mein Zuhause, ein Zuhause, wo mein Körper tanken kann, wo er sich ausruhen kann, wo die eigene Seele auf die Bühne treten kann und sich selbst fühlen kann; Zeichen und Rituale fest macht, um Gott zu würdigen und sich fallen zu lassen. Wenn ich arbeiten gehe, erschaffe ich Räume und Möglichkeiten für die verschiedenen Akteure und das sind im Supermarkt etwa die Lebensmittel. Doch wenn ich ins Privatleben gehe, möchte ich den Raum und die Möglichkeiten nicht jeden Tag aus dem Boden stampfen. Ich möchte spüren, dass es bereits da ist und ich nur mit der Hand etwas an seinen Platz rücke oder den Staub wegwische oder die Ecke von Müll befreie und am Ende eine Musik laufen lasse oder eine Kerze anzünden kann und alles ist gut. Ich möchte nach Hause reinkommen und spüren, es ist da, ich kann mich fallen lassen. Danach bin ich bereit wieder aufzustehen und mich zu versorgen, dann die anderen lieben Menschen und dann mein Umfeld. Alles fängt mit Gottes Geist an und bewegt sich in Kreisen, immer und immer weiter.
Deswegen mein Fazit: Es ist bereits alles gut. Ja, ich habe kaum Geld für die Miete und fürs Essen und ja, ich bin nicht berufstätig und kann mich ohne festen Lohn nicht selbst versorgen und was erst die anderen um mich herum und so weiter. Doch Gott sagt durch Jesus, sorge dich nicht … lass dich tragen, spüre meine Liebe, alles andere kommt, auch ohne dein Tun: Ich liebe dich. Und wenn man diese Liebe empfangen kann, dann nimmt man sich automatisch zusammen und gibt diese Liebe sich selbst zurück und anderen weiter.
29. Mai 2015/ Freitag
Leon ist wieder im Krankenhaus. Ich habe gestern mit ihm Schluss gemacht.
Jeder von uns muss jetzt an sich denken … auch wenn wir uns unsterblich lieben. Wir müssen Abschied nehmen von unseren Verletzungen und auf einer neuen Ebene die Beziehung zu Gott neu entfachen. Leon, Du berührst in mir die tiefsten Schichten – ich komme an meine Grenzen. Ich glaube, Dir ergeht es genauso. Alte Verhaltensmuster greifen nicht mehr. Wir müssen unseren Wahrheiten in die Augen schauen und lernen, sie zu lieben. Unsere Bemühungen müssen nicht uns direkt, sondern dem Ganzen dienen. Und das ist die pure, unendliche Liebe Gottes. Und ich liebe Dich so sehr. Ich möchte mit Dir alles, für immer. Aber ich liebe Gott mehr.
30. Mai 2015/ Samstag
Als ich am Donnerstag mit Leon Schluss gemacht habe, da war ich verzweifelt: Sein Verhalten hat meine alten Wunden berührt. Aus Angst vor dem Schmerz wollte ich mich schützen und ein Schutzschild aufstellen. Doch damit verbaute ich mir den Kanal, durch den die Liebe fließt. Nun steht Schmerz gegenüber dem Fluss. Leon sagt, er liebt mich. Und ich sage ihm, ich liebe dich. Doch wie soll diese Liebe zwischen uns fließen? Während der Woche haben wir keine Zeit, um uns zu sehen, denn wir sind zu kaputt. Ich möchte keine SMS den Tag über schreiben, nur am Morgen und am Abend. Wir müssen tagsüber selber zusehen, wie wir mit uns und anderen klarkommen. Wir müssen gucken, dass wir beide auch ohne den anderen leben können, also unabhängig sind. Denn nur aus dieser Position heraus können wir auch wirklich frei Gefühle teilen. Nun trafen wir uns ganz am Anfang der Beziehung im Schmerz. Ich erinnere mich noch, wie er ganz tief im Loch war. Ich war gerade aus dem Loch herausgekrochen. Dann öffnete er sich und ich blieb bei ihm, schenkte ihm Trost, Geborgenheit, Zuwendung und meine Kraft und Energie. Er fing danach an, sich um sich zu sorgen. Zuerst stellte er sich der schweren OP und besorgte sich dann einen Job. Ihm ist die Sonne aufgegangen und er fühlte sich wieder super. Da blieb ich aber zurück. Ich und meine Baustelle. Ich habe noch keinen richtigen Job und ich habe mich Leon noch nicht so frei wie er geöffnet. Also bin ich offensichtlich schuld. Ich habe mich außer Acht gelassen, um für ihn da zu sein. Mal wieder das gleiche Muster.
Doch ich muss ihm unbedingt das sagen: Leon, meine Verletzung, meine Wunde ist, dass mich meine Eltern mit neun Jahren für ein Jahr verlassen haben. In diesem Alter ist man noch nicht erwachsen genug, um zu sagen, egal, ich habe doch mich! Meine Strategie, um zu überleben war, mir Zuneigung und Aufmerksamkeit durch gute Leistungen zu verschaffen. Je höher die Erwartungen waren, desto mehr Gas habe ich gegeben, mit dem Resultat, ich war in der Schule Klassenbeste, ich war die rechte Hand meiner Oma und bei mir konnte jedermann einen guten Rat und Zuneigung bekommen. Alles schön und gut, nur dass ich als Mensch im tiefen Innern nicht gesehen wurde. Wenn ich alleine war, sehnte ich mich nach jemandem, der mich einfach nur so liebt, ohne dass ich was leiste oder gebe. Ich fand es nur in der Natur oder in der Kirche, im Malen, Tanzen, Singen! Ich war also einsam und das über ganz viele Jahre. Ich habe gelernt unter Menschen zu funktionieren, wenn ich geliebt werden wollte; ich konnte mich nur selber lieben, im Allein sein. Als ich mich in dich verliebte, da dachte ich, das ist jemand, der mich zum ersten Mal versteht. Ich habe deine Liebe angenommen, dich in meine Welt rein gelassen. Aber du gingst irgendwann mal nicht mehr mit mir an diesen Ort, wo ich ich selbst war. Wir trafen uns im oberflächlichen Geben und Nehmen, wo ich in die Rolle der Gebenden gerutscht bin, und Liebe in Leistung umgeschwungen ist, ohne einen Namen dafür zu finden. Stichwort Ehe.
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