Kitabı oku: «Die Ahnenpyramide»
ILSE TIELSCH
DIE
AHNEN
PYRAMIDE
ROMAN

Meinem Vater gewidmet, der am 10. Mai 1980 gestorben ist.
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Ich war das Kind Anni. Ich las zuviel, dachte mir Geschichten aus und träumte mit offenen Augen. Manchmal war ich Prinzessin, manchmal das arme Kind, das sein Hemdchen verschenkte, manchmal der Held, der den Drachen erschlug. Abends holte ich mir heimlich einen ganz kleinen Stern vom Himmel, rieb ihn mit dem Taschentuch blank und lehnte ihn an den großen Kleiderschrank, der im Zimmer stand, er verbreitete ein sehr sanftes Licht und schimmerte wie die sternförmigen Perlmutterknöpfe an jenem Abendkleid, das meine Mutter zum Feuerwehrball trug.
Manchmal erfand ich seltsame Spiele. Zum Beispiel ging ich, einen Spiegel vor mir hertragend, durch alle Räume unserer Wohnung, bewegte mich, in den Spiegel blickend, über die schneeweißen Abgründe der weiß gestrichenen Zimmerdecken, aus denen Glasluster und Hängelampen an Ketten und Seidenschnüren steil emporragten, balancierte über Vorhangstangen, stürzte beinahe von der oberen Kante eines Türstocks in die mit grellbunten Arabesken bemalte Feuerschlucht des Vorzimmerplafonds, fing mich noch rechtzeitig im Fallen, schwebte, entfaltete unsichtbare Flügel, ich war ja keine Menschentochter, meine Mutter hatte mich nicht geboren, sie hatte mich im Wald gefunden, eines Tages würde sie mir gestehen, daß ich ein Elfenkind sei.
Vor den Fenstern schien die Sonne oder rauschte der Regen, klapperten die Hufe von Zugpferden, rollten die eisenbeschlagenen Räder der Bauernwagen über das Granitsteinpflaster der Straße, erklang der schaurige Ruf des Kalkbauern, WAAPNO, WAAPNO, halb gesungen, halb geschrien, ich kannte zwar die Bedeutung dieses Rufes, trotzdem stülpte ich rasch meine Tarnkappe über, sicher war sicher, so würde er mich nicht finden, so war ich unsichtbar geworden, auch für die alte Frau, deren Haus an der Straße zum Hof der Großeltern lag, die einen weißen Spitz besaß und eine Hexe war.
Ich war das Kind Anni, aber ich hatte mehrere Namen, ich hörte auf Anni genauso wie auf Anninka oder moja malinka, was soviel wie MEINE KLEINE hieß. Beim Spiel mit den Freunden zählte ich zweisprachig, EINS, ZWEI, DREI oder JEDEN, DVA, TŘI. Die Landeshymne beherrschte ich in zwei Varianten. KDE DOMOV MUJ, KDE DOMOV MUJ, oder auch WO IST MEIN HEIM, MEIN VATERLAND, WO DURCH WIESEN BÄCHE BRAUSEN, WO AUF FELSEN WÄLDER SAUSEN, WO EIN EDEN UNS ENTZÜCKT, WENN DER LENZ DIE FLUREN SCHMÜCKT. DIESES LAND, SO SCHÖN VOR ALLEN; BÖHMEN IST MEIN HEIMATLAND, BÖHMEN IST MEIN HEIMATLAND.
Als mein weißrotblaues Ansteckfähnchen zerbrach, weinte ich. Noch mehr weinte ich beim Tod des alten Präsidenten. Unsere Köchin Lischa wischte mir die Tränen energisch aus dem Gesicht und sagte: Weine nicht, unser seliger pan Präsident war ja schon sehr alt.
Ich war das Kind Anni, ich stand vor dem ovalen Tisch im Speisezimmer, er hatte eine Platte aus poliertem Nußholz, an den Rändern waren Girlanden aus helleren Hölzern eingelegt. Auf dem Tisch lagen weiße Blätter ausgebreitet, auf einem der Blätter waren sauber gezeichnete rechteckige Kästchen pyramidenförmig angeordnet, in die Kästchen hatte der Vater Namen und Daten geschrieben. Die Breitseite der Pyramide war nach oben gerichtet, die beiden untersten Kästchen waren durch zwei dünne, schräg zueinander laufende Linien verbunden. Wo sich die beiden dünnen, schräg zueinander laufenden Linien berührten, war noch einmal ein Kästchen gezeichnet, in dem Kästchen stand mein eigener Name.
Was ist das, fragte ich und deutete auf das Blatt.
Das sind deine Vorfahren, sagte der Vater. Er nahm einen Bleistift in die Hand, deutete auf die Kästchen und las mir die Namen vor.
Vier Großeltern hatte ich, acht Urgroßeltern, sechzehn Ururgroßeltern. Weiter oben, gegen den Blattrand hin, gab es leere Kästchen, in denen keine Namen standen. Nicht von allen Vorfahren wissen wir, wer sie waren und wie sie geheißen haben, sagte der Vater, aber wir werden es vielleicht noch erfahren.
Von den Namen, die er schon kannte, fand ich manche seltsam, ich hatte sie noch niemals nennen gehört, in unserer Gegend hieß niemand so. Andere klangen mir vertraut, aber ich hatte sie nie mit unserer Familie in Verbindung gebracht.
Die Apfelbecks waren in Kleinmariazell zu Hause, sagte der Vater, die Scheikls in der Steiermark. Die Koblischkes sind vor mehr als sechshundert Jahren nach Böhmen eingewandert, auch die Kröglers, auch jene, die so heißen wie du. Die Steurers kamen aus der Silberstadt Kremnitz, Kremnitz liegt heute in der Slowakei, früher hat es zu Ungarn gehört. Die Vorfahren des Vaters deiner Mutter stammen aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Sloup, das ist dort, wo die großen Tropfsteinhöhlen sind und die Mazocha, du weißt doch, die tiefe Schlucht, von der man sagt, daß einst eine Mutter ihr Kind hinuntergestürzt hat. Ich wußte, und was ich wußte, war tröstlich: Das in die Schlucht gestürzte Kind hatte überlebt, aber man hatte die böse Stiefmutter zur Strafe in die Tiefe gestoßen, das freute mich, ich gönnte der Stiefmutter ihren schrecklichen Tod, ihren Märchentod, meist wurde in den Märchen, die ich kannte, das Böse auf schreckliche Weise bestraft, und mein Gerechtigkeitssinn war sehr stark in jenen Jahren. Die erste Silbe des Namens, den deine Mutter getragen hat, als sie noch nicht verheiratet war, bedeutet Erde, wenn man sie ins Deutsche übersetzt, sagte der Vater.
Dann ist die Mutter früher keine Deutsche gewesen? fragte ich.
Früher, sagte der Vater, als du noch nicht geboren warst, waren wir alle Österreicher.
Das verstand ich nicht.
Ich war klein für meine sechs oder sieben Jahre, der Tisch mit der ovalen Platte war hoch. Ich sah die pyramidenförmig angeordneten Kästchen mit den Namen und Daten der Vorfahren aus nächster Nähe.
Hier, sagte der Vater und deutete mit dem Stift auf das unterste Kästchen, dies ist dein eigener Name, das bist du. Ich dachte mich in das Kästchen hinein, ich sah mich eingeschlossen in das Kästchen, die beiden schräg zu dem Kästchen gezogenen Linien liefen auf mich zu, sie waren mit den Kästchen der Eltern verbunden, ich dachte mir Vater und Mutter eingeschlossen in diese Kästchen, die wiederum durch schräg auseinanderlaufende Linien mit vier weiteren Kästchen verbunden waren, die Großeltern waren noch alle vier am Leben, ich dachte sie mir in die für sie bestimmten Kästchen hinein, sah weitere Linien auf weitere Kästchen zulaufen, in diesen Kästchen lagen die schon Verstorbenen, also die Toten, ich bekam Angst vor der Pyramide, die auf das Blatt gezeichnet war, ich hatte das Gefühl, die Pyramide auf meinen Schultern tragen zu müssen, alle die noch Lebenden und die schon Verstorbenen, die vor mir gelebt hatten, ich fühlte plötzlich ihr furchtbares Gewicht auf meinen Schultern, ich versuchte, meine unsichtbaren Flügel zu entfalten, es gelang mir nicht, ich war kein Elfenkind mehr, ich war ein ganz gewöhnliches Kind, von Menschen geboren, die von Menschen zur Welt gebracht worden waren, die wiederum menschliche Eltern gehabt hatten und so fort. Ich fühlte die Gewichte der Vergangenheit auf meinen Schultern, einer Vergangenheit, die aus Menschen bestand, die Menschen hatten in mir unbekannten Gegenden gelebt, vielleicht in unheimlichen Tropfsteinhöhlen, vielleicht in Schluchten, ich fürchtete mich, mir blieb nur die Möglichkeit, meine Tarnkappe überzustreifen, mich unbemerkt fortzuschleichen, aus dem Zimmer zu laufen, aber auch die Tarnkappe rettete mich nicht, ich war nicht unsichtbar geworden, meine Mutter sah mich trotzdem, ich hörte, wie sie zum Vater sagte: Laß das Kind, belaste es nicht mit dem, was gewesen ist.
Dann hörte ich noch, wie sie sagte: Später einmal wird sie sich vielleicht dafür interessieren.
1
Wir wissen nicht, woher sie gekommen sind und wann sie ins Land zogen, was sie mitbrachten an Hausrat, Geräten, Kleidung und vielleicht Sämereien, Tieren. Wahrscheinlich hatten sie, was sie besaßen, auf Wagen gepackt, einfache Bauernwagen mit eisenbeschlagenen Holzrädern, wahrscheinlich sind diese Wagen von Pferden gezogen worden, vielleicht waren sie von Stoffplanen überspannt, die sie über eiserne Reifen gebreitet hatten, die ein Dach bildeten, einen primitiven Schutz gegen den Regen und gegen die Kälte der Nächte, vielleicht lagen unter diesem Dach ihre Kinder auf einem Häufchen Stroh, saßen die Frauen vorne auf einem als Sitz quergelegten, mit Eisennägeln befestigten Brett, hielten die Zügel in den Händen, gingen die Männer neben dem Wagen her, um die Zugpferde zu entlasten.
Als man sie geworben hatte, als man sie überredete, das Land, in dem sie gelebt hatten, zu verlassen, Hab und Gut, alles, was beweglich war und was sich mitnehmen ließ, aufzuladen, mit Stricken festzubinden an Karren, als man sie dazu brachte, nach dem fernen, fremden Land Böhmen aufzubrechen, das sie nicht kannten, dessen Sprache sie nicht sprachen, was hat man ihnen damals versprochen? Reiches Bauernland, fruchtbare Erde, guten Absatz für im Handwerk gefertigte Waren, eine sorgenfreie Zukunft für ihre Kinder? Hat man Werber in ihr Land geschickt, Männer, die der überzeugenden Rede fähig waren, die die anfangs Zögernden überredeten, den Unentschlossenen Mut machten, MENSCHENFÄNGER, die von Haus zu Haus gingen, auf den Marktplätzen sprachen? Waren es einzelne, die aufbrachen, aus den Dörfern und Städten, die sich zu Trecks zusammenschlossen, oder sind miteinander verwandte, befreundete Familien aufgebrochen, halbe Dorfgemeinschaften, ganze Straßenzüge? Wir wissen es nicht.
Sie könnten aus Sachsen gekommen sein, wo heute noch Familien ihres Namens leben. Wahrscheinlich sind sie lange unterwegs gewesen auf holprigen Straßen, schlechten Wegen, auf denen die Wagenräder einsanken, wenn es regnete, die Pferde strauchelten, die Wagen kippten, nur mit viel Mühe sich wieder aufrichten ließen, durch Wälder, in denen habgieriges Gesindel lauerte, Räuber ihr Unwesen trieben, Durchreisende überfielen und um ihren geringen Besitz brachten. Sie müssen unter den letzten gewesen sein, die kamen, als das fruchtbare Bauernland schon vergeben war, als in den offenen, dem Handel freundlichen Tälern schon andere, Mutigere, Entschlossenere saßen. Für sie blieb ein Stückchen Land in einem hochgelegenen Tal, felsiges Hügelland, Grasland, Urwald, von Felskoppen umgeben, karge Erde, auf der nur dünnhalmiges Korn und Gebirgshafer gediehen, später die genügsame Kartoffel. In den Wäldern wuchsen die wilden Erdbeeren und Heidelbeeren, die Kirschen reiften erst im August und wurden nicht groß, die Beeren der Eberesche machten die Zähne stumpf und die Mundschleimhaut bis in den Hals hinein rauh, so herb schmeckten sie. Viel später Geborene sollten sich erinnern: NUR DER FLACHS GEDIEH ÜPPIG AUF DEN HÄNGEN, BLAU BLÜHEND WARF ER WELLEN IM WIND. Ob sie enttäuscht waren, ob sie an Rückkehr dachten? Sie waren als Freie gekommen, nach eigenem Willen und aus eigenem Entschluß. Sie hätten umkehren und dorthin zurückkehren können, woher sie gekommen waren. Aber kehrt man dorthin zurück, wo man alles, was man besaß, was man nicht mitnehmen konnte, verkauft, verschenkt, anderen überlassen hat, geht man dorthin zurück, wo man Abschied für immer genommen hat, zu jenen, die abgeraten, vielleicht Enttäuschung vorausgesagt haben, von denen man vielleicht verlacht und verspottet werden wird? Wagt man die beschwerliche Reise, die man unter gefährlichen Umständen unternommen, hinter sich gebracht hat, ein zweites Mal?
Sie blieben, nahmen das Land, das man ihnen zuwies, rodeten es, schlugen die Wälder, gruben die Steine aus der roten Erde aus. Immer wieder wurden die Häuser, die sie gebaut hatten, niedergebrannt, von den Hussiten, von den Schweden, von kaiserlichen Truppen, wurde gemordet, geplündert, geraubt und zerstört. Immer wieder flüchteten sie sich in die Wälder, kehrten zurück, begannen neu, bauten Hütten und Häuser wieder auf, brachten die zertrampelten, verwüsteten Felder wieder in Ordnung. Sie gaben nicht auf, blieben im Land, überlebten Hungerjahre und Katastrophen, Mißernten und Seuchen, sie zeugten unzählige Kinder, die, sofern sie überlebten, zum Teil im Ort selbst seßhaft blieben, zum Teil in die umliegenden Dörfer und Städte zogen. Manche dieser Kinder sind später wieder fortgegangen, weit weg aus Böhmen, sogar nach Amerika. Die meisten aber blieben, ließen sich in der Umgebung nieder, waren Bauern, Feldgärtner oder übten ein Handwerk aus. Ein Oberlehrer aus Wildenschwert im Bezirk Landskron stieß bei heimatkundlichen Forschungen auf den ersten eingetragenen Namen. ADAM muß um 1580 geboren worden sein. Neben dem Sterbedatum im Kirchenbuch befindet sich die Berufsbezeichnung RUSTICUS.
Einer von Adams Söhnen zeugte Georg, den wir der besseren Übersicht wegen GEORG DEN ERSTEN nennen, Georg der Erste zeugte GEORG DEN ZWEITEN, Georg der Zweite zeugte PAULUS, Paulus zeugte GOTTLIEB, Gottlieb zeugte JOHANN WENZEL DEN ERSTEN, Johann Wenzel der Erste zeugte JOHANN WENZEL DEN ZWEITEN. Johann Wenzel der Zweite zeugte zehn Kinder mit ANNA JOSEFA, einer geborenen BÜHN.
Wir besitzen eine Fotografie des Hauses, das sie erbauten und in dem sie lebten, in dem sie ihre Kinder zur Welt brachten und starben. Es ist ein gut erhaltenes Bauernhaus, über dem Steinsockel weiß gekalkt, das Obergeschoß aus Holz. Zwei Fenster auf der Seite der Eingangstür, die in einen kleinen, gemauerten Windfang mündet, drei Fenster an der Giebelseite, gegen den bescheidenen Vorgarten hin, mehrere Fenster wahrscheinlich an der auf der Fotografie nicht sichtbaren Breitseite, an die sich ein Stallgebäude (Scheunentrakt) mit breiter Einfahrt anschließt. Der hinter dem Windfang wieder in die Normallinie zurückspringende Hausteil enthielt wahrscheinlich Kammern und Stall. Das Dach in zwei Stufen abfallend, die untere flach, als Wetterschutz über die Fenster gezogen, mit Holzbalken abgestützt, die obere steiler, vielleicht später aufgesetzt, mit Holzschindeln gedeckt. Vor der offen stehenden Haustür zwei ausgetretene Steinstufen, dann ein schmaler Weg über ein aufgeschüttetes grasbewachsenes Hügelchen hinunter zur Straße. Grasumwachsen das ganze Haus, der steinerne Sockel, der aus schmalen Holzlatten gezimmerte Vorgartenzaun, Gras gegen den gewölbten Torbogen zur Einfahrt hin, nach rückwärts zur Stalltür, wo der hölzerne Karren steht. Gras auch im Vordergrund der Fotografie, in die, vom Rand her, die hölzerne Wagendeichsel ragt. Vor dem Windfang ein Kirschenbaum, mehrere kleine, ruppige Bäume mit dünnem Geäst.
Ein gutes Haus, sicher mehrere hundert Jahre alt. Ein kleines Haus, wenn man Vergleiche zieht zu den wuchtigen Vierkanthöfen anderer Gegenden, solche Vergleiche darf man nicht anstellen, sonst schrumpft es sofort, wird zur engen Behausung bescheidener Bauersleute. Ein großes Haus, wenn man die Hütten und Keuschen der Häusler in der Umgebung betrachtet, aus Holzbalken gezimmert, mit Kalk bestrichen, der Fußboden aus gestampftem Lehm, in der Kammer oft nur ein einziges Bett, in dem die Eltern mit den jüngsten Kindern schliefen, die anderen lagen auf Strohsäcken, auf der hölzernen Ofenbank, auf dem Fußboden. Die Ställe fensterlos, die Stallwände mit einer Laubschicht gegen die Kälte des Winters umgeben. Ein großes Haus, wenn man vergißt, was man an größeren Häusern gekannt hat, wenn man die Armut und Kargheit der Felder bedenkt.
Ich setze die Brille auf, meine Augen sind nicht mehr jung genug, um die Gräser, die Unkrautpflanzen, die Blätter der Bäume zu unterscheiden. Die kleinen, ruppigen Bäumchen vor den Vorgartenfenstern, denke ich, könnten magere Apfelbäumchen sein. Ich will es genau wissen, noch genauer, um noch besser zu sehen, halte ich eine Lupe vor mein rechtes Augenglas, gehe nahe an die Fotografie heran, kneife das linke Auge zu. Etwas Seltsames geschieht. Das Bild wird plastisch, dreidimensional, die Kanten der Mauern treten hervor, die Fensterflügel mit den kleinen gläsernen Scheiben stehen von der Hauswand ab, ich sehe die Zwischenräume in den Holzschindeln des Daches, die Spalten unter den Steinen der Stufen, der hölzerne Karren steht da, als könnte ich ihn greifen, die Wagendeichsel ist rund und glatt. Ich erkenne, daß die schmale Tür hinter dem Windfang aus weiß gekalkten Holzbrettern gemacht ist, daß von unten her ein feuchter dunkler Streifen in die weiße Farbe hochkriecht, auch die aus Steinen gefügte Rampe vor der Tür ist dunkel und feucht, die Nässe steigt aus dem Stallmist hoch, der unterhalb der steinernen Rampe gelagert ist. Ich sehe die Schattenstellen auf den Blättern der Bäume, sehe, daß die Blätter sich alle nach einer Seite hinneigen, biegen, also haben sie sich, als die Fotografie gemacht worden ist, leicht im Wind bewegt. Ich halte die Lupe vor mein rechtes Augenglas, neige mich noch näher zu dem Bild hinunter, das vor mir auf dem Tisch meines Wohnzimmers liegt, da streift mich ein Windhauch, ich fühle ihn auf der Haut. Ich stehe auf der schmalen Dorfstraße, die Sonne scheint, die Blätter der Bäume bewegen sich, ich höre sie rauschen, die nach außen geöffneten Flügel eines der Fenster klappern, die kleinen, ruppigen Bäume werfen dünne Schatten, die Schatten bewegen sich. Ich rieche Gras, rieche Erde und Staub, fühle Sonne und Wind auf der Haut. Nein, Stimmen höre ich nicht, nicht die Stimmen von Erwachsenen, auch keine Kinderstimmen. Aber ein Flügel der Haustür steht offen, ich sehe durch den Spalt in den schattigen Hausflur hinein.
Gottlieb zeugte Johann Wenzel den Ersten, Johann Wenzel der Erste zeugte Johann Wenzel den Zweiten, Johann Wenzel der Zweite zeugte IGNAZ DEN ERSTEN, Ignaz der Erste zeugte IGNAZ DEN ZWEITEN. Ignaz der Zweite war der letzte der Familie, der den Hof übernahm. Wenige Jahre nach seiner Hochzeit mit einem sehr schönen Mädchen kam ein Sohn zur Welt, der nicht der Sohn Ignaz’ des Zweiten war. Als Ignaz der Zweite dahinterkam, daß seine sehr schöne Frau es mit einem anderen getrieben hatte, nahm er einen Strick, ging auf den Dachboden seiner Scheune und erhängte sich. Als er starb, war er dreiunddreißig Jahre alt, sein Vater, Ignaz der Erste, überlebte ihn um wenige Jahre.
Ich halte die Lupe vor mein rechtes Augenglas, kneife das linke Auge zu, betrachte die Fotografie des Hauses, in dem sie gelebt haben. Ich stehe auf der staubigen Straße, das Haus ist von der Sonne beschienen, ich höre die Blätter des Kirschbaumes im Wind rauschen, höre die Fensterflügel klappern, ein Geräusch, das ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehört habe, weil es nach außen zu öffnende Fenster kaum noch gibt, ich rieche Grasgeruch, Unkrautgeruch, in den sich Stallgeruch mischt, ich sehe durch den offenen Türspalt in den Hausflur hinein. Obwohl auf der Fotografie keine Eberesche zu sehen ist, habe ich den Geschmack von Ebereschenkompott im Mund.
Ich, Anna F., möchte wissen, wie sie gelebt haben. Ich bin durch mein rechtes Augenglas und die davorgehaltene Lupe in eine Landschaft eingetreten, in der ich nie vorher gewesen bin, habe aber das deutliche Gefühl der Vertrautheit, des Wiedererkennens. Ich weiß, daß ich, würde ich nach der Wagendeichsel greifen, diese glatt und rund in meiner Hand fühlen würde, in Jahrzehnten glattgeriebenes Holz, wieder und wieder umspannt vielleicht schon von den Händen Johann Wenzels des Zweiten, der das Haus, vor dem ich stehe, vielleicht neu mit Kalk bestrichen, vielleicht um ein Nebengebäude erweitert, im ganzen aber von seinen Eltern übernommen hat, umspannt von den Händen seiner Söhne, die ihm halfen, das Heu einzufahren, das dünnhalmige Korn mit den zu kleinen Ähren, den mit den Händen gerauften und sorgfältig in Büscheln getrockneten Flachs. Es hilft nichts, daß ich mir sage, daß Wagendeichseln nicht jahrhundertelang halten, daß sie in Regen und Sonnenhitze verwittern, Sprünge bekommen, ausgewechselt, durch neue ersetzt werden müssen. Der Kirschbaum auf dem Hügelchen kann auch höchstens zwanzig Jahre alt gewesen sein, als Johann Wenzels des Zweiten Urenkel Adalbert nach Böhmen reiste, um das Haus seiner Vorfahren zu fotografieren. Das allerdings ist nun auch schon ein halbes Jahrhundert her.
Im April 1827 wurde das letzte Kind Johann Wenzels des Zweiten und seiner Frau Anna Josefa geboren, Paten waren die Tante des Kindes, die Feldgärtnerin Marianne Koblischke, und der Müller Wenzel Jeschek, dies geht aus den Kirchenbüchern hervor, aus denen der Oberlehrer aus Wildenschwert seine Daten geschrieben hat. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie am Tag, an dem das Kind getauft werden soll, aus der auf dem Bild offenstehenden Haustür treten, über das grasbewachsene Hügelchen hinunter, über die Straße zur Kirche gehen, gefolgt von den Kindern, die noch im Hause leben, dem zehnjährigen Vinzenz, dem siebenjährigen Benedikt, dem fünfjährigen Josef, auch die sechzehnjährige Josefa wird dabeigewesen sein, hat vielleicht den vierjährigen Ignaz an der Hand geführt. Albert, vierzehnjährig, wird um diese Zeit schon in Schildberg mitgeholfen haben, die Küpe für den Blaudruck zu bereiten, wird Stoffballen geschleppt, Druckformen in die Regale zurückgestellt, der Frau seines Meisters Töpfe und Fußboden geschrubbt, sonstige, Lehrlingen früherer Zeiten gerne übertragene Arbeiten verrichtet haben, Franz, der Älteste, zweiundzwanzig Jahre alt, knetete Lebkuchenteig in Liebau und versah Lebkuchenherzen mit der damals sicherlich schon beliebten Zuckerglasur. Ob Johann, achtzehnjährig, ob sein zu diesem Zeitpunkt zwanzigjähriger Bruder Johann Nepomuk noch im Land gewesen sind, ob sie schon auf der Reise nach Amerika waren, ist nicht bekannt.
Dreiundzwanzig Jahre alt ist Anna Josefa, geborene Bühn, gewesen, als sie ihr erstes Kind gebar, Franz kam fünf Monate nach ihrer Hochzeit zur Welt. Jetzt, als sie ihr Letztgeborenes, ein Mädchen, das Anna heißen wird, durch diese Tür trägt, deren rechter, halb geschlossener Flügel durch geschnitzte Hölzer in drei gleich große Felder unterteilt ist, ist sie fünfundvierzig und wird keine Kinder mehr gebären. Ich versuche sie mir vorzustellen, wie sie, nicht mehr jung, in der Kirche steht, neben der Patin, die das Kind über das Taufbecken hält, der Pfarrer gießt aus einem Krüglein geweihtes Wasser über den kleinen, flaumigen Schädel des Täuflings, die Kinder sehen neugierig zu, der heilige Laurentius blickt milde vom Altarbild herab, Johann Wenzel steht ein wenig hilflos dabei, er hat nun durch Arbeit und Fleiß und mit Gottes Hilfe ein weiteres Familienmitglied zu versorgen, eine Tochter zu verheiraten, er ist, als das Kind getauft wird, beinahe fünfzig Jahre alt.
Ich stelle mir die kleine Menschengruppe vor, die da in der Kirche steht, ich sehe sie etwas später in der Stube ihres Hauses um den Tisch sitzen, Anna Josefa stellt eine Schüssel mit Krautkuchen auf den Tisch, die sie am Tag vorher gebacken hat, Hefekuchen, mit fein geschnittenem, geröstetem Weißkraut gefüllt, ich weiß, wie sie schmecken, ich weiß, wie sie duften, das Rezept der Krautkuchen ist durch direkte Erbfolge auf mich gekommen, der Geschmack des gesüßten Krautes im Hefeteig überrascht mich nicht.
Ich sitze beim Tisch, esse Krautkuchen und sehe sie der Reihe nach an, die beiden Paten und das Paar, Anna Josefa und Johann Wenzel den Zweiten, beide nicht mehr jung, ihre Krautkuchen essenden Kinder, ich sehe die junge Josefa an, die einen Illichmann heiraten und nach Schildberg ziehen wird, Vinzenz, der in Ziadlowitz Bier brauen wird, ich weiß, daß der eben fünfjährige Josef in dem Dorf Schmole Blaudruck erzeugen, mit seinen gefärbten Leinen- und Stoffballen zu den Jahrmärkten fahren wird. Und während Anna Josefa, geborene Bühn, aufsteht und die greinende, eben getaufte Anna, die den Bäckermeister Langhammer heiraten und mit ihm in die nahe Stadt Landskron ziehen wird, aus der Wiege nimmt, um ihr die Brust zu geben, wandert mein Blick zu dem kleinen, ahnungslos Krautkuchen kauenden Ignaz hin. Ich sehe ihn als erwachsenen Mann hier in der gleichen Stube, am gleichen Tisch, auf dem gleichen Platz, sehe neben ihm seine Frau, die den neugeborenen, eben getauften Ignaz den Zweiten im Arm hält, sehe Ignaz den Zweiten in rasender Eile den Windeln entwachsen, ich sehe ihn, zusammen mit seinen Geschwistern, bei der Arbeit im Heu oder im Flachsfeld, mit der Heugabel die Zeilen wendend, das trockene Heu zu Schobern schichtend, von denen es der Vater und die Mutter aufnehmen und auf den Heuwagen laden, dessen Deichsel in den Rand der Fotografie hineinragt. Die Mutter steht oben auf dem Wagen, schichtet das Heu, achtet darauf, daß der Wagen gleichmäßig beladen ist, Ignaz der Erste bindet den hölzernen Wiesbaum fest, der die Fuhre hält, fährt den Wagen zur Scheune. Auf dem Scheunenboden verteilen die Kinder das Heu, treten es fest, stopfen es in die Ecken und Winkel, auch der kleine Ignaz der Zweite ist dabei, weiß nicht, daß er eines Tages, wenn er erwachsen sein wird, aus Kummer mit einem Strick in der Hand auf diesen Heuboden klettern wird, daß später keiner seines Namens mehr auf diesem Hof leben, Heu und Flachs einfahren, Heu auf diesen Heuboden bringen wird. Er ist ahnungslos, spielt, wie andere Kinder spielen, er weiß nicht, daß er sich Jahre später an einem Dachbalken erhängen wird, weil es ihm unmöglich erscheinen wird, die Untreue seiner schönen, LEIDER LEICHTFERTIGEN Frau zu ertragen.
Ich, die viel später Geborene, weiß es. Ich sitze vor meinem Schreibtisch, halte die Lupe vor mein rechtes Augenglas, kneife das linke Auge zu, versuche mir vorzustellen, wie sie um den Tisch sitzen, Ignaz der Erste, alt geworden, sein Sohn Ignaz der Zweite und dessen schöne, leider leichtfertige Frau. In der Wiege greint Otto, den Ignaz der Zweite noch für seinen eigenen Sohn hält, Ignaz der Zweite schaukelt die Wiege mit dem Fuß, während er die Knoblauchsuppe löffelt, blickt hin und wieder liebevoll nach dem greinenden Otto hin, blickt seine schöne junge Frau an, wünscht sich weitere Kinder von ihr.
(Auch das Rezept der Knoblauchsuppe ist, von der Frau Ignaz’ des Ersten aufgeschrieben, in meine Hände gekommen: EIN HÄUPERL KNOBLAUCH IN SALZ ZERRIEBEN, IN FETT EIN WENIG ANGERÖSTET, MIT DER ENTSPRECHENDEN MENGE HEISSEN WASSERS ÜBERGOSSEN, GESALZEN, BROTSTÜCKE HINEINGESCHNITTEN. DAZU KARTOFFELN IN DER SCHALE.)
Wer von den im Dorf Lebenden, wer von den Nachbarn oder Verwandten, wer von den Jescheks, Koblischkes, von den Kröglers hat von dem Geheimnis gewußt, hat die sehr schöne Frau Ignaz’ des Zweiten mit jenem anderen im Wald, im Heu, im Flachsfeld, in der Scheune ertappt? Wer ist ihr nachgegangen, wenn sie, um Beeren zu pflücken, Schwämme zu suchen, vor Sonnenaufgang in die Wälder gegangen ist? Wer hat ihr nachspioniert, wenn sie, um jenen anderen heimlich zu treffen, ihr Haus verlassen hat, wer hat, hinter üppig blühenden Fuchsienstöcken, Petunien, Pelargonien, hinter gestärkten Vorhängen aus dem Fenster geblickt, wenn sie vorbeigegangen ist, hat kurz nach ihr ebenfalls das Haus verlassen, ist ihr nachgeschlichen? Wer hat, lange nachdem das Kind Otto geboren war, Ignaz dem Zweiten verraten, was er gesehen, erlauscht, ausgekundschaftet, spioniert oder von anderen gehört, diesen anderen, weil redlich, gottesfürchtig und nicht leichtfertig, geglaubt hat? Wer hat es Ignaz dem Zweiten ins Ohr geraunt, zugeflüstert, versteckt angedeutet, mit vorsichtig gesetzten Worten, wer hat es ihm zugerufen, offen ins Gesicht gesagt? Wer hat es mit Ignaz dem Zweiten so gut gemeint, daß er ihm die Wahrheit unbedingt mitteilen mußte, die Wahrheit über das Kind seiner so schönen, leider so leichtfertigen Frau? Wer hat im Zusammenhang mit der Affäre den Namen des Flachsbrechers gedacht, geflüstert, vor sich hingesagt, ausgesprochen, wer hat den Namen weitergegeben? Wer hat, kurze Zeit nach Ignaz’ des Zweiten furchtbarem Tod, FEUER an die Flachsbrecherei gelegt?
Es steht nicht in den Taufbüchern, Sterbe- und Hochzeitsbüchern, aus denen der Oberlehrer aus Wildenschwert seine Daten geschrieben hat, und es hat ihn wahrscheinlich auch gar nicht interessiert. Ich, Krautkuchen essend und den kleinen Ignaz den Ersten im Kreise seiner noch ahnungslosen Familie betrachtend, weiß um die Tragödie des letzten Hoferben seines Namens, ich sehe ihn vor mir, obwohl wir von ihm keine Fotografie besitzen, sehe ihn vielleicht deshalb umso deutlicher, seinen Schmerz, seine Verzweiflung, sehe ihn in den Wäldern umherirren, zwischen den Hügeln, den felsigen Koppen, zwischen den zum Trocknen aufgereihten Flachsbündeln auf den Feldern, ich sehe ihn in jener Nacht die hölzernen Stufen hinauf auf den Scheunenboden klettern, den Strick zur Schlinge legen, an einem der Balken befestigen, ich sehe ihm zu, wie er das Gräßliche tut, das er vor nun schon mehr als achtzig Jahren getan hat, sehe ihn sterbend hängen. Ich sehe am nächsten Morgen die verzweifelte, vor Schrecken und Reue schreiende Frau, den gebrochenen Ignaz den Ersten, die mitleidigen, hämischen, verschreckten, lüsternen Blicke der Dorfbewohner, das abweisende Gesicht des Pfarrers, der dem Selbstmörder kein kirchliches Begräbnis geben will, keinen Segen am Grab, kein Glockengeläut, ich sehe, wie sie ihn einscharren, an der Friedhofsmauer, ohne Blumen, ohne Weihrauch, ohne priesterlichen Trost.
Ich sehe die Flammen aus dem Dach der Flachsbrecherei schlagen. Daß das Feuer gelegt worden ist, steht fest, denn das Gebäude brannte an mehreren Stellen zugleich. Obwohl bald nachdem der Brand bemerkt worden war, die Kirchenglocken WIE RASEND zu läuten begannen, obwohl die Feuerspritze aus dem Depot gezogen wurde, so rasch dies möglich war, Männer, Frauen und Kinder mit Eimern und Kannen Wasser schleppten, das Wasser in den hölzernen Kasten gossen, obwohl die Hebel der Pumpe VON ZWEI REIHEN KRÄFTIGER ARME betätigt wurden, der Wasserstrahl kräftig hervorschoß, konnte das Feuer nicht eingedämmt werden. Ein rasender Südoststurm soll die brennenden Flachsbündel aus den Lagern der Flachsbrecherei bis auf die Gipfel der umliegenden Koppen getragen haben. Die Flachsbrecherei brannte bis auf die Grundmauern ab. Obwohl für beinahe alle Dorfbewohner feststand, daß der Brand gelegt worden sei, konnte niemand der Tat überführt werden. Bringe ich, die viel später Geborene, das Abbrennen zu Unrecht mit dem Unglück in Verbindung, das Ignaz dem Zweiten angeblich durch jenen Flachsbrecher widerfuhr? Ist jener Flachsbrecher wirklich der Vater des Kindes gewesen, das Ignaz der Zweite anfangs für seinen Sohn gehalten hat? Wir werden es nie erfahren.
Otto jedenfalls blieb im Ersten Weltkrieg in Rußland vermißt. Seine Mutter heiratete ein zweites Mal, gebar jedoch keine Kinder mehr. Nach ihrem weiteren Schicksal wurde, da sie nicht blutsverwandt war, nicht geforscht. Ob sie und ihr Mann noch vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor der näherrückenden Front als alte Leute das Land verließen, Hausrat, Geräte und Kleidung auf einen Wagen gepackt, ob dieser Wagen von einer Stoffplane überspannt war, die sie über eiserne Reifen gezogen hatten, die ein Dach bildete, einen primitiven Schutz gegen den Regen und gegen die Kälte der Nächte, ob die Frau vorne im Wagen saß, auf einem als Sitz quergelegten Brett, der Mann neben dem Wagen herging, um die Zugpferde zu entlasten, ob sie über das Ende des Krieges hinaus geblieben sind, dann, weil sie Deutsche waren, das Land Böhmen verlassen mußten, einen Rucksack auf dem Rücken, ein Bündel mit dem Nötigsten in der Hand, WOHIN sie gegangen sind, wo sie schließlich bleiben durften, was sie erlitten haben und wie lange sie noch lebten, ist nicht bekannt.
Mein Schreibtisch hat eine Platte aus hellbraunem Holz, er steht in der Ecke eines Zimmers, dessen Fenster nach Süden gerichtet sind. Die Fotografie des Hauses, das wahrscheinlich schon Adam, der erste unseres Namens, von dem wir wissen, erbaut hat, das von seinen Kindern und von den Kindern dieser Kinder nur erweitert worden ist, hebt sich, schwarzweiß schattiert, von der hellbraunen Holzfläche ab.
Das Haus, durch dessen nach Süden gerichtete Fenster ich einen kleinen Garten mit Blumen, Bäumen und Sträuchern sehe, liegt am äußersten Nordrand Wiens. Wien, die Stadt mit der großen Vergangenheit, einst Mittelpunkt eines riesigen Reiches, Residenzstadt, Kaiserstadt, heute zu groß für den Rest, der geblieben ist, für das kleine neutrale Land, dessen Hauptstadt sie ist. Wenn ich groß bin, sagte das Kind Anni, will ich nach Wien.
Als wir jung waren, sagt der Vater, Urenkel Johann Wenzels des Zweiten, wollten wir alle nach Wien.
Wir sind also da, wohin wir immer schon wollten.
Das Haus, in dem mein Schreibtisch steht, durch dessen Fenster ich in den Garten sehe, gehört Bernhard und mir. Nach unserem Tod wird es vielleicht eines unserer Kinder bewohnen. Bevor wir es bezogen, lebten wir in einer kleinen Wohnung mit winzigen Zimmern. Die ersten Möbel für diese Wohnung schenkte uns die Hilfsgemeinschaft SOS: zwei flache, geschnitzte Schränke, einen ovalen Tisch mit geschnitztem Fuß und einer Platte aus poliertem Nußholz, einen Schreibtisch, einige Stühle. Wir holten die Möbel in einem Handwagen ab, Bernhard zog den Handwagen durch die ganze Stadt, ich schob rückwärts an und achtete darauf, daß nichts verrutschte und nichts vom Wagen herunterfiel.
Vorher besaßen wir ein Ausziehbett im Wohnzimmer von Bernhards Eltern.
Vorher lebten Anni und ihre Eltern in einer Küche mit einem Steinfußboden.
Vorher bewohnten sie einen schlauchartigen Raum im ersten Wiener Gemeindebezirk, gleich hinter dem Stephansdom. Anni gab sich Mühe, ihre von Wanzen zerbissenen und vom Kratzen rot geschwollenen Arme und Beine vor den Augen der Mitschülerinnen zu verbergen. Vorher bewohnte Anni der Reihe nach zuerst die Toilette eines mit Menschen vollgestopften Eisenbahnwaggons, dann ein Gebüsch an einem Bahndamm, der von Tieffliegern beschossen wurde, dann eine Kammer in einem oberösterreichischen Bauernhaus, dann ein Bett in einem Haus auf dem Froschberg in Linz an der Donau. Das Bett war frei geworden, weil man das Oberhaupt der in Linz ansässigen Familie in ein Lager für politische Gefangene abgeholt hatte.
Annis Eltern bewohnten ungefähr zur selben Zeit der Reihe nach zuerst einen Gemüse- und Obstkeller, dann ein Badezimmer, dann eine Scheune, dann einen kleinen Raum in einem niederösterreichischen Bauernhaus.
Bevor Annis Eltern das Badezimmer bezogen, bewohnten sie mit mehreren Verwandten und Bekannten den erwähnten Gemüse- und Obstkeller. Über ihren Köpfen heulten von der einen Seite her die Stalinorgeln, von der anderen donnerten die letzten Schüsse der deutschen Artillerie. In den umliegenden Obst- und Gemüsegärten detonierten kleinere und größere, jedenfalls die allerletzten der aus Flugzeugen abgeworfenen Bomben des Zweiten Weltkriegs. Aus einem der benachbarten Höfe drangen die furchtbaren Schreie einer Frau, der eine Granate beide Beine weggerissen hatte, in jenen Obst- und Gemüsekeller, in dem Annis Eltern saßen. Die Frau wurde noch während des Beschusses von Sanitätern abgeholt und soll trotz ihrer schweren Verletzungen nur langsam gestorben sein.
Bevor die Eltern den Gemüse- und Obstkeller bezogen, lebten sie zusammen mit Anni in einer normalen, geräumigen Wohnung in der südmährischen Kleinstadt B. Anni verließ die Stadt wenige Tage, bevor die Front B. erreicht hatte. Ihre Eltern, Heinrich, der Urenkel Johann Wenzels des Zweiten, und seine Frau Valerie, mußten, wie beinahe alle Deutschen, das Land nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verlassen.
Wie bin ich auf diese Gedanken gekommen? Wieso liegt die Fotografie des Hauses, in dem vielleicht schon Adam, der erste unseres Namens, gelebt hat, auf meinem Schreibtisch, wie ist sie dorthin gekommen?
Ich ziehe die mittlere, große Lade meines Schreibtisches auf, nehme einen Fragebogen heraus, der darin liegt, den mir die Post ins Haus gebracht hat, den ich gelesen und weggelegt, wieder hervorgeholt, wieder gelesen habe, den ich ausfüllen und abschicken soll, den ich aber immer noch nicht ausgefüllt und abgeschickt habe, über den ich mir die verschiedensten Gedanken gemacht habe.
Ich lege den Fragebogen auf die Schreibtischplatte, schiebe die Fotografie des Hauses, in dem Johann Wenzel der Zweite mit seinen Kindern gelebt hat, das sein Sohn Ignaz der Erste von ihm übernommen, in dem sein Enkel Ignaz der Zweite sich aus Kummer das Leben genommen hat, zur Seite, lese noch einmal den Satz, den man als den wichtigsten Satz einer Umfrage rot unterstrichen hat.
Ich fülle nur ungern Fragebogen aus. Obwohl ich die Notwendigkeit der Beantwortung gewisser, mir in Ämtern und bei Behörden, in Kanzleien und Büros, in Versicherungsanstalten und Sparkassenfilialen, bei den verschiedensten Dienststellen und Schaltern immer wieder gestellten Grundfragen natürlich verstehe, schreibe ich doch jedesmal nur widerstrebend hin, wie ich heiße, wo ich jetzt wohne, wo ich vorher gewohnt habe, wo ich in der nächsten Zeit wohnen werde, warum und wieso. Ich hieß früher, heiße jetzt, war vorübergehend, habe besucht, habe absolviert, habe beendet oder nicht beendet, war bei, war nicht bei, habe die Absicht, habe sie nicht, bin geimpft gegen, bin nicht geimpft, habe erlernt oder nicht erlernt, habe geboren, hatte als Kind die Masern, Scharlach und Keuchhusten hatte ich nicht. Ich erkläre, versichere, verspreche, bezeuge, ich schwöre niemals, werde jedoch dazu gezwungen, an Eides Statt zu erklären, nach bestem Wissen und mit dem besten Gewissen. Eine Stadt zählt ihre Bewohner, ein Land gibt die Zahl seiner Einwohner an, ein Wahlkreis ermittelt die Zahl der zur Wahl Berechtigten, ich werde erfaßt, ich werde mitgezählt, ich bin ein winziger, vielleicht wichtiger Bestandteil einer größeren oder kleineren Zahl. Das alles verstehe ich, sehe es ein, wehre mich nicht dagegen. Ich habe das Lesen und Schreiben erlernt, bin in der Lage, den Kugelschreiber oder Bleistift zu halten, Fragen zu beantworten, also lebe ich noch.
SCHREIBEN SIE IN HÖCHSTENS DREISSIG ZEILEN AUF, WAS IHNEN DER BEGRIFF HEIMAT HEUTE BEDEUTET.
Ich soll diese Frage beantworten, ich soll meine Antwort in höchstens dreißig Zeilen hinschreiben, knapp formulieren, ich soll, wenn mir nicht gleich eine Antwort einfällt, über eine Antwort nachdenken. Drei Monate habe ich Zeit.
Nicht nur ich habe diesen Fragebogen bekommen. Fragebogen werden zu Hunderttausenden gedruckt. Vielleicht haben diesen Fragebogen Hunderttausende bekommen. Hunderttausende sollen in dreißig Zeilen aufschreiben, was sie über den Begriff HEIMAT zu sagen wissen.
Hunderttausende sollen ihr Gewissen erforschen, sollen nach bestem Wissen und Gewissen erklären, glaubwürdig formulieren, zusammenfassend feststellen. Hunderttausendmal dreißig Zeilen sollen gesammelt, sortiert, wahrscheinlich in einem Computer gespeichert werden. Tasten werden gedrückt werden, Lampen werden aufleuchten, der Computer wird das Ergebnis auswerfen: HEIMAT IST …
Das Ergebnis wird publiziert werden, es wird in Nachschlagewerken neben das Wort HEIMAT gesetzt werden, es wird genützt und benützt werden. Es wird als Ergebnis gewertet werden.
Bis auf weiteres, bis zur nächsten Aussendung von mehreren hunderttausend Fragebogen, bis zur nächsten Umfrage also, wird angeblich geklärt sein, WAS HEIMAT IST.
Ich will nicht zusammenfassen, ich will nicht beantworten, ich will nicht in den Computer gespeichert werden, ich will nicht benützt werden. Ich lege den Fragebogen in die Lade zurück, ich schiebe die Lade wieder zu.
2
Olle meine Herrn
A Oppl is keene Bern
A Berne is kee Oppl
De Worscht hot zwee Zoppl
Zwee Zoppl hot de Worscht
Dr Bauer dar hot Dorscht
Dorscht hot dr Bauer
S Laba werd’m sauer
Sauer werd’m s Laba
Dr Weinstock treet Raba
Raba treet dr Weinstock
A Kolb is kee Ziechabock
A Ziechabock is kee Kolb
Meine Prediche is holb
Holb is meine Prediche
Mei Brudr is noch leediche
Leedich is mei Brudr
De Kotze is a Ludr
A Ludr is de Kotze
De Maus is a Frotze
A Frotze is de Maus
Meine Prediche is aus.
Es gibt keine Kinder mehr, die diese Reime beim Spiel hersagen. Ich versuche, die mir fremd klingenden Worte zum Leben zu erwecken, ich löse sie ab vom Papier, unterschiebe ihnen eine kleine, selbst erfundene Melodie, es ist eine Melodie, die nur aus wenigen Tönen besteht, die Tonfolgen wiederholen sich, plötzlich weiß ich, daß es Auszählreime sind.
Es, zwee, dreie, vere,
Stond a Mannla of dr Teere,
Hot a Flaschla ei dr Hand,
Kom’m Bohla ro gerannt.
Rannte über Wewrsch Haus,
Soch ’n schiene Fraue raus.
Kiephohn, Haushohn,
Dich wan mr naus john.
Ententinus, sauerracka minus,
Sauerracka, tickatacka,
Elle, helle, bums.
Ich sehe eine Gruppe von Kindern auf einem grasbewachsenen Hügelchen stehen, die Kinder heißen Vinzenz, Josef und Anna, auch Ignaz ist dabei, sie leiern den Text nach einer von mir erfundenen Melodie.
Ich lese in einer Chronik nach, die einer der letzten deutschsprachigen Bewohner des Dorfes geschrieben hat, zeichne einen Kranz grasbewachsener und bewaldeter Koppen um ein kesselförmig geweitetes Tal, nenne zwei der östlich gelegenen Koppen mit Namen: Ebereschenberg und Buchberg, lasse von ihren Hängen rieselnde Quellen zum Bach zusammenfließen. Der Bach schlängelt sich durch das Tal, einer Senke zu, stürzt dann steiler ab, zwischen felsigen Hängen, dem breiteren Wasserlauf der Stillen Adler entgegen. Ich setze Forellen in den Bach, die ruhig gegen die Strömung stehen, große dunkelgrüne Krebse unter die flachen Ufersteine, im Grün der Baumkronen lasse ich die feuerroten Beerenbüschel der Ebereschen leuchten. Dieses gedachte Bild ergänze ich durch Gerüche, Geräusche und Bilder, die mir das Kind Anni, obwohl es gerade dieses Dorf niemals betreten hat, doch als Erinnerung an ähnliche, in der näheren Umgebung gelegene Dörfer mitgegeben hat. Ich rieche zum Trocknen aufgehängten Wiesenkümmel, in Scheiben geschnittene Pilze, ich schmecke die kleinen wilden Erdbeeren, die winzigen bräunlichen Samen des Leins, ich erinnere mich an die Furcht, mich im Wald zu verirren, SCHATZHAUSER IM DUNKLEN TANNENWALD, BIST SCHON VIEL HUNDERT JAHRE ALT, erinnere mich an Märchen, Sagen, dem Kind erzählte Geschichten, in denen Berggeister vorkamen, die das Böse bestraften und das Gute belohnten, in denen von armen Leuten, häufig von Glasmachern, die Rede war, obwohl die Glasbläser in diesen Wäldern gar nicht zu Hause waren, obwohl ihre Hütten in viel weiter nördlich und nordwestlich gelegenen Wäldern standen. DIR GEHÖRT ALL LAND, WO TANNEN STEHN, LÄSST DICH NUR SONNTAGSKINDERN SEHN.
Auf dem Grund des Talkessels verteile ich, um den Wasserlauf des Baches, die Häuser, Hütten und Keuschen der Weber und Korbflechter, der Bürsten- und Pinselmacher, der Färber, Händler und Zimmerleute, die Höfe der Bauern.
Ich lese über das wechselvolle Schicksal des Dorfes nach, immer wieder erbaut, zerstört, niedergebrannt, Pest, Mißernten, Hungerjahre, Heuschrecken und Zigeuner, die Katastrophen hatten viele Namen, die Prüfungen waren hart und zahlreich, aber immer gab es einige von den Bewohnern, denen es gelang, sich vor irgendwelchen Söldnerscharen in die Wälder oder über die Grenze zu flüchten, immer überlebten einige, kamen wieder, begannen neu, hielten aus.
Man hatte sie ins Land gerufen, verjagt, man ließ sie zurückkehren, man haßte, bewunderte, duldete sie, man vertrug sich mit ihnen, man lebte mit ihnen, man lernte von ihnen.
Zu allen anderen Plagen kamen die Glaubenskämpfe, die religiösen Spannungen, ein Teil von ihnen fiel vom rechten Glauben ab, Gottliebs Vater Paulus, Sohn Georgs des Zweiten, und seine Frau Susanna, eine geborene Pollak, stifteten die Statue dem heiligen Johannes von Nepomuk zu Ehren, um ihn zur himmlischen Fürbitte gegen den Irrglauben der protestantischen Ketzer zu bewegen. O HEILIGER JOHANNES, VOR GARSTGEM SPOTT UND SCHAND BEWAHRE UNS. HIER IN UNSEREM VATERLAND. Ein schlichtes, zuletzt schon windschiefes Kirchlein aus Holz wurde auf Geheiß des Fürsten von und zu Liechtenstein abgerissen und an seiner Stelle von einem Baumeister aus Wien eine Kirche im spätbarocken Stil errichtet. Dies geschah in den Jahren 1781 und 1782, damals war Gottlieb ein alter Mann und sein Sohn Wenzel der Erste war zweiundvierzig Jahre alt. Johann Wenzel der Erste und seine zwölf Geschwister, seine Frau Juliane und ihre fünfzehn Kinder waren katholisch, sie gehörten dem RECHTEN GLAUBEN an, sie gehörten nicht zu jenen Ketzern, die man, nachdem man sie ordentlich verprügelt hatte, dazu zwang, am Bau der neuen Kirche mitzuarbeiten. Der Bischof kam aus Königgrätz, um den Kirchenbau zu inspizieren. Den Protestanten, die sich wegen der demütigenden Behandlung bei ihm beschwerten, riet er aus Mitleid, sich an den Kaiser in Wien zu wenden. Tatsächlich ging eine protestantische Abordnung aus dem Dorf im Adlergebirge nach Wien, wurde von Kaiser Josef II. empfangen und brachte die Zusicherung kaiserlichen Schutzes und die Bewilligung zur freien Religionsausübung mit nach Hause zurück. Zweihundertfünfzig Kilometer bis nach Wien, zweihundertfünfzig Kilometer zurück in das in den Wäldern am Rande Böhmens gelegene Dorf, eine beachtliche Leistung, der größte Teil des Weges mußte zu Fuß zurückgelegt werden, die Postkutschen waren teuer, und die Eisenbahn war noch nicht erfunden. Vielleicht hat sich ein fahrender Händler der armen Teufel unterwegs erbarmt, sie ein Stück des Weges mitgenommen, vielleicht durften sie hin und wieder auf einem Bauernwagen aufsitzen. Lange Wegstrecken jedenfalls werden in beschwerlichen Fußmärschen zu bewältigen gewesen sein.
Zur Zeit Johann Wenzels des Zweiten bildeten, wie ich in einer Chronik lese, Kirche und Pfarrhaus, EIN STATTLICHER BAU MIT STUFENDACH, sowie die schräg gegenüberliegende Schule, ebenfalls ein STATTLICHER BAU, von hohen Bäumen, wahrscheinlich Ulmen, umgeben, bereits einen ZENTRALEN, MALERISCHEN KOMPLEX inmitten des Dorfes. Der Bach soll KLAR gewesen sein. Das Erbgericht muß ebenfalls erwähnt werden, unter dessen mächtigem Dach ALLE GETREIDESORTEN PLATZ FANDEN. Der Gerichtssaal war Tanzsaal zugleich, eine Herberge und ein Stall boten den Fuhrleuten und ihren Pferden Unterkunft. Dem Fuhrwesen kam in jener Zeit GROSSE BEDEUTUNG zu.
Das von grünen Koppen umgebene, vom KLAREN FORELLENBACH durchflossene, vom schmiedeeisernen Kreuz des Kirchturms überragte, von Baumkronen durchgrünte, ZWISCHEN WALDBERGEN FAST VERLORENE DORF ist Johann Wenzel dem Zweiten, seiner Frau und seinen Kindern, auch seinem Vater und Großvater, deren Vätern und Großvätern, schon ADAM, dem um 1580 Geborenen, schon dessen Vater und Großvater HEIMAT gewesen.
Schlof ok, schlof, mei liew’s Kend,
Ei dam Peschl gieht dr Wend,
Ofm Meste kräht dr Hohn,
Ei dr Stuwe brummt dr Mon.
Ei dr Keche kocht dos Kraut,
Ei dam Stüwla flennt de Braut.
Es ist Anna Josefa, geborene Bühn, die der kleinen Anna ein Wiegenlied singt. Ich sehe sie durch die Lupe, die ich vor mein rechtes Augenglas halte, ich sehe durch die Mauer des Hauses hindurch. Die kleine Anna liegt in der Wiege, Strohsack und Federbett sind mit weißem Leinen überzogen, die kleine Anna trägt ein Hemdchen aus Leinen, ein Häubchen aus Leinen, Anna Josefa trägt über dem weißleinenen Hemd und dem weißleinenen Unterrock Rock und Leibchen aus Leinen, aber braun oder blau gefärbt, darüber eine Schürze aus Leinen. Hemd, Unterrock, Schürze, beinahe alles leinene Bettzeug, die Laken, die Überzüge, hat Anna Josefa in die Ehe mitgebracht, sie hat den Faden dazu selbst gesponnen, den Flachs, aus dem sie den Faden drehte, mit eigener Hand gerauft, geriffelt, gebrochen, geschwungen, gehechelt. Den Faden hat sie zum Weber getragen, vom Weber hat sie die fertige Leinwand geholt, hat die Stücke zugeschnitten, geheftet, genäht, hat sie gewaschen, an sonnigen Tagen auf die Wiese gebracht, ausgebreitet, immer wieder mit Wasser besprengt, wenn es zu regnen begann, zusammengefaltet, ins Haus getragen, am nächsten Sonnentag wieder ausgebreitet, so lange, bis sie weiß leuchteten wie frisch gefallener Schnee. So hat es ihre Mutter gehalten, die Großmutter, so haben es alle Frauen in der Gegend gehalten, solange man zurückdenken kann. Nach ihrer Heirat hat sie ihren Kindern und natürlich auch Johann Wenzel Hemden aus Leinen genäht.
Jetzt, während sie der kleinen Anna ein Wiegenlied singt, sitzt sie auf einer Holzbank, hat ein Spinnrad vor sich stehen, zieht mit zwei Fingern Fasern vom Rocken, dreht die Fasern mit den Fingern zusammen, die mit den Fingern zusammengedrehten Fasern werden als fertiger Faden auf der sich drehenden Spindel aufgerollt, die Spindel wird durch eine über das Rad gespannte Schnur gedreht, das Rad wird über eine Tretkurbel betrieben. Als sie jung war, saß sie an den Abenden mit den anderen Mädchen des Dorfes beisammen und spann den Faden für ihr Heiratsgut. Es soll lustig zugegangen sein in diesen Spinnstuben, man erzählte Geschichten, Spukgeschichten, Schauergeschichten, Druden und Hexen kamen darin vor, Irrlichter und Spukgestalten, Johann Wenzel wird, wie andere Burschen seines Alters, wahrscheinlich dabeigewesen sein.
Anna Josefa und Johann Wenzel an den Abenden in der Spinnstube, ich stelle mir die beiden vor, obwohl wir keine Bilder von ihnen besitzen, ich leihe mir die Gesichter später Geborener, Blutsverwandter für sie, Gesichter, die ich von Fotografien her kenne, ich leihe Anna Josefa mein eigenes Gesicht, etwas von ihr ist ja in mich übergegangen. Ich sehe die junge Anna Josefa, wie sie den Faden vom Rocken zieht, heimlich blickt sie zu Johann Wenzel hinüber, heimlich wirft ihr Johann Wenzel Blicke zu, Anna Josefa errötet unter Johann Wenzels Blick, ihre Augen glänzen, sie dreht ihren Faden ungleich zusammen, der an solchen Abenden von Anna Josefa gesponnene Faden wird vielleicht hart, voller Knoten gewesen sein, man wird aus diesen Fäden vielleicht kein Leinen für Kinderhemdchen gewebt haben. Vielleicht sind sie später zusammen aus der Spinnstube weggegangen, vielleicht hat Johann Wenzel das Spinnrad getragen, vielleicht waren die Nächte warm und die Wiesen noch nicht gemäht, vielleicht gingen die beiden ein Stück am Waldrand entlang, nahmen nicht gleich den kürzesten Weg zu Anna Josefas Haus. Ihr erstgeborenes Kind kam fünf Monate nach der Hochzeit zur Welt.
SCHLOF OK, SCHLOF, MEI LIEW’S KEND, EI DAM PESCHL GIEHT DR WEND.
Von Zeit zu Zeit taucht Anna Josefa die beiden Finger, mit denen sie die Fasern zum Faden zusammendreht, in ein Wassergefäß, das an der Rockenstange angebracht ist. Mit dem Fuß tritt sie die Kurbel, die Kurbel bewegt das Rad, das Rad dreht die Spindel, die Spindel rollt den Faden auf. OFM MESTE KRÄHT DR HOHN, EI DR STUWE BRUMMT DR MON. Anna Josefa hat die Kunst des Spinnens von ihrer Mutter erlernt, es hat lange gedauert, bis sie es zuwege brachte, den Faden so weich, so gleichmäßig zu spinnen, daß man das feine Leinen daraus weben konnte, aus dem zum Beispiel das Hemdchen der kleinen Anna genäht worden ist. Schon ist zu viel Zeit vergangen, schon fällt es schwer, sich vorzustellen, daß sie es überhaupt konnte, heute, da diese Arbeit nur noch von Maschinen geleistet wird, da die menschliche Hand nur noch die Hebel dieser Maschinen bedient. Nicht nur von der Feinheit und Weichheit der Flachsfaser hing es ab, je nachdem, wie viele Fasern Anna Josefa vom Rocken zog, je nachdem, wie stark oder weniger stark der Druck gewesen ist, den Daumen und Zeigefinger auf diese vom Rocken gezupften Fasern ausübten, so wurde der Faden, den die Spindel aufrollte: fein oder weniger fein, dünn oder dick, hart oder weich. Faden zum Weben von Kinderhemdchen, von Kissenbezügen, von Laken und Mehlsäcken. Schon ist zu viel Zeit vergangen, um sich, weiterdenkend, vorstellen zu können, daß die Hausweber auf ihren einfachen, aus Pfosten und Latten gefügten Webstühlen zustande brachten, was dann zu Wäsche oder zu Bettuch verarbeitet werden konnte. Tausende feiner Fäden mußten gespannt werden, viele tausend Male mußte der Weber mit den Füßen die Tritte bedienen, das Schiffchen werfen, mit dem Weberkamm den durchgeschossenen Faden an das Webgut anschlagen, zweimal, dreimal, nicht zu stark, nicht zu schwach, zehntausendmal die gleiche Bewegung der Arme, der Beine, der Hände, zehntausendmal der Griff nach dem Schiffchen, das die Spule enthielt, den auf dem Spulenstock gleichmäßig über ein Stück Schilfrohr oder Holunderholz gewickelten Faden. Zehntausendmal hin und her, hin und her, auf und nieder, vor und zurück, tagelang, nächtelang, bis ein Stück Leinwand gewebt war, dann verkauft werden konnte, oft für sehr wenig Geld. Reich wurden die Weber nicht. Was sie verdienten, reichte für Kartoffeln, für Knoblauchsuppe, selten für Fleisch, für Fett, für Eier und für das Mehl, das sie für den Teig der Krautkuchen brauchten. Das Kraut für die Krautkuchen zogen sie auf einem Stückchen Land, das sie vielleicht besaßen. So jedenfalls stelle ich, die viel später Geborene, es mir vor. Johann Wenzel dem Zweiten und den Seinen mag es besser gegangen sein. Sie zogen Korn und Kartoffeln auf ihren Feldern. Die Winter waren schneereich, der Boden enthielt viel Feuchtigkeit. Obwohl der Flachs erst Anfang Mai gesät werden konnte, gedieh er gut. Wenn der Acker frei von Unkraut blieb, wenn der Südwind nicht kam, den sie den BÖHMISCHEN WIND nannten, der die jungen Pflänzchen welken ließ, verbrannte, wenn sich die Erdflöhe nicht stark vermehrten, wenn Spätfröste nicht alles noch verdarben. Der Flachs stellte zwar, was die Qualität des Bodens betraf, keine Ansprüche, brauchte aber Feuchtigkeit zur richtigen Zeit, MAIREGEN BRINGT SEGEN. Setzte vor der Ernte eine Regenperiode ein, konnte es geschehen, daß die Pflanzen noch einmal zu blühen begannen. Lösten sich die Zöpfe der Frauen und Mädchen beim Faschingstanz, daß die Haare flogen, waren die Eiszapfen im Winter lang, dann war eine gute Flachsernte zu erwarten.
Grüß dich Gott mei liebr Flochs,
tu nimmer nix, wie immer wochs,
long wie a Weid,
klor wie a Seid,
dr Mutter Gottes of a Kleid.
Ich sage LEINEN und weiß mehr als andere, die ebenfalls Leinen sagen. Ich höre, rieche, taste dieses Wort, ich sehe Farben, die mit dem Wort in Verbindung stehen, auf deren Hintergrund das Wort schwimmt, von dem es sich abhebt, das Wort liegt in langen Bahnen ausgespannt, an den Enden angepflockt, auf grasbewachsenen Flächen, wird aus Gießkannen berieselt, liegt in Ballen gerollt, zusammengefaltet im Schrank. Ich sage LEINEN und höre Unterröcke rascheln, die vor dem Bügeln in Kartoffelstärke getaucht worden sind, ich sehe WEISS, wenn ich Leinen sage, aber dieses Weiß ist umgeben von Grün, ich sehe Sonne über dem Grün, stehe mit nackten Füßen bis zu den Knöcheln im Bach, schöpfe Wasser, wate im Wasser.
Ich verlange Leintücher von einer Verkäuferin in einem Bettwarengeschäft, sie bringt in durchsichtige Kunststoffhüllen Verpacktes, ich lese die Aufschrift, sage: das ist Baumwolle, das wollte ich nicht, die Verkäuferin antwortet, das sei Baumwolleinen.
Sie können auch Mischware haben, sagt die Verkäuferin, Baumwolle mit Kunstfaser, beinahe bügelfrei, jedenfalls PFLEGELEICHT, ich rate Ihnen dazu, ich habe selbst nur pflegeleichte Bettwäsche.
Schon dreht sie sich zu den Regalen um, greift nach weiteren Bettüchern, in Klarsichtfolie verpackt, legt sie mir auf das Pult.
Nein, sage ich, das wollte ich nicht. Ich wollte Leintücher aus LEINEN.
Das wird bei uns nicht mehr erzeugt, sagt die Verkäuferin, das gibt es nicht mehr. Vielleicht in der Tschechoslowakei, wenn Sie einmal hinüberfahren.
(Einige Wochen vor ihrem Umzug in den erwähnten Gemüse- und Obstkeller wurde von Annas Eltern in der zu diesem Zeitpunkt noch völlig intakten Wohnung ein großer, mit grünem Leinen bespannter Koffer gepackt. In diesen Koffer legte die Mutter Leib- und Bettwäsche, einige warme Kleidungsstücke, Strümpfe, Handtücher und Taschentücher. Nach sieben Kriegsjahren gab es nicht mehr viel Entbehrliches, das man verpacken konnte. Selbst die Abschnitte auf den Kleiderkarten, die zum Bezug von Textilien berechtigten, waren nicht mehr einlösbar, die Geschäfte hatten kaum noch etwas zu verkaufen. Zwei oder drei Kleider aus verschiedenfarbigen Stoffen ergaben ein neues.
DAMALS WAREN DIE KOMBINIERTEN KLEIDER IN MODE, sagt die Mutter, erinnerst du dich?
Für Schuhe mußte man einen Bezugsschein beantragen, einmal im Jahr gab es ein Paar Sandalen aus buntem Baumwoll- oder Zellwollstoff, die Sohlen waren aus Holz.
Als die Mutter alles verpackt hatte, was irgendwie entbehrlich war, war in dem Koffer immer noch Platz. Sie holte ein rotsamtenes Abendkleid aus dem Schrank, das sie Jahre vor Kriegsbeginn zum Feuerwehrball getragen hatte, legte es sorgfältig zusammen und verstaute es im Koffer. Vielleicht würde man sich, wenn man nichts anderes mehr hatte, nicht scheuen, ein Kleid aus feuerrotem Samt zu tragen. Die noch verbliebenen Hohlräume im Koffer füllt sie mit gestrickten mehrfarbigen Wollsocken, Fäustlingen, schließlich mit Tischwäsche aus. Zuletzt ging sie noch einmal zum Schrank und entnahm ihm ein sehr großes, über und über besticktes Leinentischtuch mit zwölf dazugehörigen ebenfalls bestickten Servietten, deckte mit Tischtuch und Servietten das feuerrote Abendkleid zu und schloß den Koffer sorgfältig ab.
Der Koffer wurde mit einem der damals noch verkehrenden Züge FÜR ALLE FÄLLE zu Bekannten nach Österreich geschickt.
Leib- und Bettwäsche, Handtücher und Taschentücher, Strümpfe und Wollsocken haben Anna und ihren Eltern schon kurze Zeit später ein Vermögen bedeutet. Das rotsamtene Abendkleid ist gegen Lebensmittel eingetauscht worden. Das kostbar bestickte Leinentischtuch und die zwölf dazugehörigen Servietten haben sich als unverkäuflich erwiesen, weil jedes Stück mit einem kunstvoll gestickten Monogramm versehen war. Leute, die sich in der ersten Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gestickte Leinentischtücher und dazugehörige übergroße Servietten leisten konnten, wollten diese mit ihrem eigenen Monogramm versehen haben.
Nachdem wir, Bernhard und ich, die uns von der Hilfsgemeinschaft SOS geschenkten Möbel, die beiden Schränke, die vier Stühle, den ovalen Tisch mit dem geschnitzten Fuß und den Schreibtisch, vom Handwagen abgeladen und ins Haus getragen, in den Zimmern der Wohnung gleichmäßig und gerecht verteilt hatten, fuhren wir noch einmal mit dem Handwagen durch die Stadt und holten das Ausziehbett ab.
Die Eltern schenkten uns zur Komplettierung unseres Haushaltes das bestickte Leinentischtuch und die zwölf dazugehörigen, ebenfalls bestickten Servietten, von denen jede einzelne so groß war, daß wir sie als Tischtuch für einen kleineren Tisch, den wir später noch kauften, verwenden konnten.
Das bestickte Tischtuch und die Servietten sind die einzigen Wäschestücke in unserem Haus, von denen ich mit Sicherheit sagen kann, daß sie wirklich aus LEINEN gewebt sind.)
3
Fast hundertzwanzig Jahre alt ist die oval zugeschnittene, schon stark verblichene Fotografie, aus der mir Johann Wenzels des Zweiten siebentes Kind, Josef, der Färbermeister, mit melancholischem Gesichtsausdruck entgegenblickt. Mit stark abfallenden Schultern, modischem Halstuch, abstehenden Ohren und Backenbart steht er hinter seiner zu einem verschüchterten Häuflein zusammengedrängten Familie. Er trägt eine Weste aus bedrucktem Samt, die Kanten der Weste sind mit Seide eingefaßt. Die Uhrkette liegt, gut sichtbar, halbkreisförmig über dem mageren Leib. Einer der merkwürdig langen Arme hängt seitlich unbeholfen herab, einer ist abgewinkelt, die Hand liegt schwer auf der Schulter seiner ältesten Tochter Anna, die, unter dem Gewicht dieser väterlichen Hand seltsam verkrampft, nach vorne geneigt dasteht. Halblinks hinter der Tochter die in dunklen, gefältelten Taft gekleidete, verschreckt ins Objektiv blickende Mutter, die großen Hände ungeschickt im Schoß haltend, sichtlich eingeengt durch ein wahrscheinlich ungewohntes Mieder, halbrechts hinter der Mutter die jüngere Tochter Cäcilie, in (wahrscheinlich blau bedrucktem) geblumtem Kleid, rundköpfig, ein Samtband um den Hals. Im Vordergrund, eng an die Mutter gedrängt, je ein Knabe, der etwa achtjährige Johann und der fünfjährige Adalbert, beide rundköpfig, beide je einen großen runden Hut mit aufgebogener Krempe in der Hand. Alle vier Kinder haben die abstehenden Ohren des Vaters geerbt.
Im Hintergrund ist ein Marmorkamin zu sehen, auf dessen Sims Porzellanfiguren zwanglos verteilt sind, die Wand hinter dem Kamin ist mit Stuck verziert, der Stuck deutet Wohlstand an, ein Vorhang hängt mit schweren Falten von rechts in die Fotografie.
Kamin, Stuckzierat, Porzellan und Vorhang sind kunstvoll auf Pappe gemalt.
Josef, das Bauernkind aus den böhmischen Wäldern, aus dem IN DEN WÄLDERN FAST VERLORENEN DORF, hat es zum selbständigen Färbermeister gebracht, ein sozialer Aufstieg, der Beachtung verdient.
Ich stelle mir Josef vor, einen kleinen, mageren Bengel mit abstehenden Ohren und melancholischem Blick, wie ihn Johann Wenzel, der Vater, nach Schildberg ins Haus seines Lehrherrn bringt.
Schon daheim hat er tüchtig mithelfen müssen, man rechnete mit der Arbeitskraft der Kinder in jener Zeit, Bauernjungen hatten im Flachsfeld, im Heu, bei der Kartoffel- oder Getreideernte frühzeitig zuzupacken, die Kinder der Weber hatten die aus Holunderholz gefertigten Spulen für das Garn herzustellen, auch sonst kräftig mitzuhelfen. Aber auch Lehrlinge hatten nicht viel zu lachen. Der kleine Josef wird, wie die meisten seiner Altersgenossen, die ein Handwerk erlernen wollten, ein hin- und hergehetzter, zu Botengängen und niedrigen Arbeiten mißbrauchter, auf jeden Fall ein bedauernswerter, wahrscheinlich spindeldürrer, niemals ganz sattgefütterter Junge gewesen sein, der die Fußböden der Meisterin schrubbte, die Wege und das Haus kehrte, die Kinder beaufsichtigte, der Töpfe und Pfannen zu reinigen, blank zu reiben hatte, der schwere Lasten schleppte. Er mußte die großen, in der Färberei verwendeten Holzgefäße säubern, die schweren Leinen- und Stoffballen tragen, auf hohen Leitern balancierend Gefärbtes auf Stangen hängen, von diesen wieder herunterholen, er war seinem Meister und dessen Frau, überhaupt sämtlichen Mitgliedern der Familie des Meisters, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
In einem Jahrzehnte später im »Mährischen Gewerbeblatt« abgedruckten Aufsatz zum Lehrlingsproblem findet sich die Bemerkung: DIE ERZIEHUNG DER LEHRLINGE RUHT EINZIG UND ALLEIN IN DER HAND DES MEISTERS. Daß diese Erziehung gelegentliche Püffe, Schläge, Ohrfeigen mit einschloß, wenn nicht vom Meister und seiner Frau, dann doch von den Gesellen, ist mit Sicherheit anzunehmen. Der Lehrling war der Kleinste, der Jüngste, er nahm die unterste Stufe der sozialen Rangordnung im Hause des Lehrherrn ein, er hatte nebenbei noch das Kunststück fertigzubringen, das Handwerk seines Meisters tatsächlich zu erlernen, was er schließlich durch eine Gesellenarbeit zu beweisen hatte.
Josef hat diese harte Zeit überstanden, er hat sein Gesellenstück fertiggebracht, er ist auf Wanderschaft gegangen, hat hier oder dort bei einem Meister Arbeit gefunden, hat diesen Meistern das eine oder andere Geheimnis bei der Bereitung der Farbmischungen abgeguckt, seine Kenntnisse erweitert, schließlich sein Meisterstück, vielleicht einen besonders kompliziert bedruckten Leinenballen, geliefert, nach einem Ort gesucht, an dem noch kein Färbermeister sich niedergelassen hatte, diesen Ort gefunden. Sein Wanderbuch ist bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Besitz seines Enkels gewesen, es ist, zusammen mit vielen anderen Dokumenten, Briefen und Papieren, in den ersten Tagen nach dem Ende des Krieges verlorengegangen.
Den Ort, in welchem Josef sich niederließ, kann ich im DEUTSCH-TSCHECHOSLOWAKISCHEN ORTSVERZEICHNIS (ETWA 2500 ORTE MIT DEN EHEMALS DEUTSCHEN UND NUNMEHR TSCHECHOSLOWAKISCHEN BENENNUNGEN, UNENTBEHRLICH FÜR DEN BAHN- UND POSTVERKEHR, VERLEGT IN WIEN 1946) nicht finden. Der Vater, Josefs Enkel, Johann Wenzels des Zweiten Urenkel, gibt die geographische Lage des Ortes mit ETWA 20 KM SÜDLICH VON MÄHRISCH-SCHÖNBERG, DAS HEUTE NUR NOCH ŠUMPERK HEISST, an. Nördlich des Ortes lag Lesche, östlich lag Janoslavice, südlich lag Lukavetz, westlich lag Unter-Heinzendorf. Somit scheint die Lage des Dorfes SCHMOLE eindeutig festgestellt.
Mein Vater, Adalberts Sohn, Josefs Enkel, Johann Wenzels des Zweiten Urenkel, hat mir dreißig Fotografien des Dorfes gebracht, in dem Josef sein Färberhandwerk betrieben hat. Er hat das Dorf, in dem sein Großvater geboren wurde, gekannt, er hat, über die Dorfstraße gehend, DAS KLAPPERN DER WEBSTÜHLE IN DEN HÄUSERN gehört.
Erzähle mir bitte, was du noch weißt, sage ich, und er nimmt einen Stift und ein Stück Papier und zeichnet einen halbkreisförmigen Bogen vom linken äußeren zum rechten äußeren Rand des Blattes.
DAS IST DIE MARCH, sagt er, hier oben liegt Hohenstadt, hier unten Lukavetz oder Lukavice, hier zweigt die ZAZAVA ab, von der Zazava der Mühlgraben, der Mühlgraben beschreibt einen Bogen und mündet bei Lukavetz in die March. HIER IST DIE MÜHLE, sagt Adalberts Sohn, zeichnet ein rechteckiges Kästchen, schreibt MÜHLE daneben hin. HIER IST DIE HOLZBRÜCKE, AUF DER HOLZBRÜCKE BIN ICH OFT GESTANDEN, HABE DEN SCHÄUMENDEN WASSERSTURZ BESTAUNT.
Hinter der Mühle lag ein von einer Steinmauer umschlossener Garten, daneben waren Wiesen, auf denen die Frauen und Mädchen Wäsche zum Bleichen auslegten, die sie mit Mühlgrabenwasser begossen. DEM GARTEN ENTFLATTERTEN DIE BUNTESTEN SCHMETTERLINGE.
Vom Mühlbach her, sagt der Vater, zweigt ein KLEINES GERINNE ab, fließt in einem Bogen durch das Dorf und mündet wieder in den Mühlbach ein.
Der Vater hat das Bild des Dorfes, in dem seine Großeltern lebten, genau im Gedächtnis behalten. Er zeichnet das kleine Gerinne, er zieht einen halbkreisförmigen Bogen vom Mühlbach weg, um die Mühle herum, wieder zum Mühlbach zurück. HIER WAR EIN ERLENWÄLDCHEN, sagt er, die Ortsbewohner nannten es ŠKARPI. Er deutet mit einem Strich das Erlenwäldchen an.
Das Feld zwischen dem Bogen der March und der halbkreisförmigen Linie, die den Mühlbach bezeichnet, schraffiert er leicht mit dem Stift, sagt: DAS SIND DIE MARCHWIESEN. Seine Stimme bekommt einen sehnsüchtigen Klang. DIE MARCHWIESEN DEHNTEN SICH GEGEN OSTEN BIS AN DAS UFER DER MARCH, DAHINTER RAGTEN WALDIGE BERGKUPPEN. Auf einem schmalen, ausgetretenen Steig ging man, zwischen duftenden Gräsern und Blumen, zum Fluß. DORT HABE ICH OFT GEANGELT UND DIE FISCHE, DIE ICH GEFANGEN HABE, ÜBER EINEM HOLZFEUER GEBRATEN.
Durch die Marchwiesen zieht der Vater einen dünnen Strich, die Bahnlinie, die von Böhmisch-Trübau nach Olmütz führt. MANCHMAL LEGTEN MEIN VETTER UND ICH KLEINE MÜNZEN, EIN- ODER ZWEI-HELLERSTÜCKE, AUF DIE SCHIENEN.
Schließlich zeichnet der Vater die Hauptstraße in den Plan ein, setzt kleine Rechtecke an beide Straßenseiten, schreibt: Tante Cäcilie, Schule, Meierhof, Tante Anna Peschek. Zuletzt zeichnet er ein Rechteck an das Ufer des KLEINEN GERINNES, schräg gegenüber der Mühle, schraffiert das Rechteck mit dem Stift und schreibt mit zitternder Hand daneben: MEINES GROSSVATERS HAUS.
Ich breite auf der hellen Holzplatte meines Schreibtisches dreißig Fotografien aus, lege sie neben- und untereinander, habe das Dorf Schmole vor mir mit allen für die Erinnerung wichtigen Straßen und Gassen, Brücklein und Bäumen, Toreinfahrten und Türen, mit dem Kirchturm, der die Kirche spitz überragt, mit der steinernen, von Pflanzen umwucherten Mariensäule, Maria mit dem Sternenkranz über dem Haupt, betrete das Dorf durch Lupe und Augenglas, trete in die Vergangenheit ein. Ich stehe auf dem Platz mit den Lindenbäumen, höre den Wind in den Blättern rauschen, spüre den Wind auf der Haut, gehe am Meierhof vorbei, sehe durch die Einfahrt hinein in den Hof, sehe die weiß gekalkten Arkaden, die Bogen und Laubengänge, Kummet und Zaumzeug hängen im Dämmerlicht an der Wand, hinter den Stalleingängen weiß ich die Pferde, höre sie schnauben, höre die Ketten klirren, rieche den warmen Duft ihres Fells, rieche Stallgeruch, greife mit den Händen in ihre Mähnen, lege die Wange an ihren Leib, reiße mich los, gehe weiter, die staubige Straße entlang. Ich komme erst an der deutschen, dann an der tschechischen Schule vorbei, da spielt die schöne Tochter des tschechischen Lehrers Musik von Smetana auf dem Klavier, an der Fleischerei, da schneidet Tante Anna Peschek Fleisch ab für ihre Kunden, am Kaufmannsladen, dort steht meine Großtante Cäcilie hinter dem Verkaufspult, sagt abwechselnd mouka und Mehl, chleb oder Brot. Co si přejete, pani Hartmannova, sagt sie zu einer Kundin, was wünschen Sie, Frau Svoboda, sagt sie zur anderen, gießt Petroleum aus einer Kanne in einen Behälter, schaufelt Zucker aus Säcken, nimmt mit der hölzernen Zange Sauerkraut oder Salzgurken aus einem Faß, mit der kleinen Blechschaufel Himbeerbonbons aus einem dickbauchigen Glas. In einer Ecke des Gewölbes steht die verglaste Vitrine mit den Tabakwaren, Tante Cäcilie nimmt auf Wunsch ihrer Kunden Zigarren und Zigaretten aus Kartons, zählt sie ab. Fünf Stück DRAMA zu je einem Heller, zehn UNGARISCHE, eine SPORT kostete zwei Heller, eine MEMPHIS fünf, die ÄGYPTISCHEN zu sechs Heller das Stück werden seltener verlangt. Peschek, der Fleischhauer, raucht die dunkelbraune, duftende PORTORICO, auch die hat Cäcilie unter Glas, auch die dickbauchige CUBA, die schlanke VIRGINIA und natürlich den allseits beliebten Schnupftabak. Sonntags stapelt sie die Schachteln hinter einem ebenerdig gelegenen Fenster ihres Hauses, vor und nach dem Kirchgang kommen die Kunden vorbei, klopfen mit dem Finger an die Scheibe, dann öffnet Cäcilie ein Fensterchen im Fenster, reicht das Gewünschte hinaus, zwei Sport, sechs Drama, eine Virginia, nimmt das Kleingeld entgegen, děkují, prosim, dankeschön, bittesehr, wünscht einen guten Sonntag, dobry den, guten Tag. Ich sehe Cäcilie Schnaps aus großen Flaschen in kleine, nach unten sich verjüngende Gläser füllen. Da sitzen die Männer auf der hölzernen Bank, der Glasvitrine mit den Tabakwaren gegenüber, trinken den gelblichen Korn, den wasserhellen Kümmel, den aus Korn und Kümmel GEMISCHTEN, manche trinken auch Rum, ein leiser Petroleumduft hängt im Raum. Die Hausfrauen warten geduldig auf Salz und Gewürze, auf eine Spule Zwirn, ein paar Meter Gummiband, Zucker und Druckknöpfe, Lampendocht oder Mehl, die Männer auf ein neues, bläulich schimmerndes Sensenblatt, eine Sichel, einen Peitschenstiel.
Ich, Anna F., beobachte meine Großtante Cäcilie, wie sie mit flinken Händen aus Säcken, Behältern, Fässern schaufelt, gabelt, greift, aus Flaschen gießt, mit Eisen- und Messinggewichten hantiert, den Zeiger der Waage beobachtet, das Geld durch einen in die hölzerne Theke geschnittenen Schlitz in die Geldlade streicht, wo es klimpernd, klingelnd, rasselnd zu den anderen Münzen fällt, Heller zu Heller, Krone zu Krone, wo es sich langsam, aber stetig vermehrt. Hundert Heller geben eine Krone, hundert Kronen geben einen Hundertkronenschein.
Abends, wenn das Geschäft geschlossen ist, oder am Sonntagnachmittag wird Cäcilie diese Scheine auf ein Bügelbrett legen, sorgfältig wird sie die eingebogenen Ecken, die zerknitterten Stellen mit dem lauwarmen Bügeleisen glattstreichen, sie wird mit einer eisernen Zange den auf dem Herd erhitzten Stahl in das innen hohle Bügeleisen schieben, vorsichtig mit der befeuchteten Spitze des rechten Zeigefingers die Fläche des Bügeleisens berühren, auf diese Weise feststellen, ob das Eisen nicht zu heiß, nicht zu kühl ist, sie wird die gebügelten Hundertkronenscheine auf einen kleinen Stapel legen, am Ende des Monats zur Sparkasse tragen. Ich folge Cäcilie zur Sparkasse, kehre mit ihr in den Laden zurück, ich trete mit ihr in die neben dem Laden gelegene Wohnstube ein, Cäcilie scheucht ihre beste Legehenne vom Ledersofa, zwei weitere Hühner unter dem Tisch hervor, die Hühner laufen hinaus in den Hof, um in den Hof zu kommen, müssen sie ein langgestrecktes Vorhaus passieren. Im Vorhaus steht der Brotschrank, im Brotschrank steht eine Schüssel mit Krautkuchen, das Kind Anni, das hier Annele genannt wird, steht vor dem geöffneten Brotschrank, der OLMA heißt, Cäcilie nimmt einen Krautkuchen von der Schüssel und reicht ihn dem Kind, das Kind hüpft durch das Vorhaus hinaus in den steingepflasterten Hof.
Die Sonne scheint, der Hof setzt sich in einem in allen Farben des Sommers blühenden Garten fort, nie vorher hat das Kind Anni einen solchen Garten gesehen, nie nachher habe ich im August so viele, in allen Farben schattierte Astern, Dahlien, Begonien oder Pelargonien, Fuchsien und Türkische Nelken, Ringelblumen, Löwenmäulchen und Sonnenblumen in so unglaublicher Menge auf so engem Platz beisammengesehen. Zwischen den Astern, Dahlien, Türkischen Nelken glühten im saftig grünen Strauch die reifen Tomaten, schlängelten sich Salatgurken am Boden hin, wucherten Brennesseln üppig am Zaun. Diesen Garten betrat man nicht, man tauchte in ihn ein, man ging unter in seinen Düften und Farben. Diesen Garten vergaß man nicht, man nahm sein Bild für immer in sich auf, die Netzhaut wehrt sich dagegen, ihn zu vergessen.
Mit dem Bild dieses Gartens untrennbar verbunden, von ihm nicht abzuschneiden, ist das Bild meiner Großtante Cäcilie, klein, dick und freundlich, mit gestreifter Schürze, rundem Gesicht und abstehenden Ohren, glatt um den Kopf frisiertem, schütterem Haar.
Ich löse mich ab von dem Bild dieses Gartens, der auf keiner der Fotografien zu sehen ist, von dem es keine Fotografien gibt, betrete die Straße, sie ist mit Granitsteinen gepflastert. Ich halte die Lupe an mein rechtes Augenglas, gehe mit Lupe und Augenglas näher an das Granitsteinpflaster der Straße heran. Ich sehe die mit Sand ausgefüllten Fugen und Spalten zwischen den Steinen, die von eisenbeschlagenen Rädern und Pferdehufen rundgeschliffenen Kanten, ich beuge mich nieder zu diesen Steinen, taste mit den Fingerspitzen ihre Rundungen ab, höre einen Pferdewagen kommen, höre das Rumpeln der Räder, das Klappern der Hufe, die mir von Kindheit an vertrauten Geräusche, weiß, daß Wagen und Pferde meinem Urgroßvater Josef gehören, daß er mit einer Ladung gefärbter oder bedruckter Leinen- und Stoffballen zu einem der Jahrmärkte unterwegs ist, die in den Städten der Umgebung in regelmäßigen Abständen abgehalten werden. Neben ihm auf dem Kutschbock sitzt seine älteste Tochter Anna, hochmütig und schön, ein Wolltuch um die Schultern geschlagen. Der aus Blaudruckleinen geschneiderte Rock reicht ihr bis an die Knöchel, die Füße stecken in schwarzen Lederschnürschuhen, das Haar hat sie zu einem Zopf geflochten und um den Kopf gelegt.
Ich gehe weiter, überschreite ein Brücklein, höre den Mühlbach rauschen, rieche das Holz der Baumstämme an der Brettersäge, rieche Feuchtigkeit, durchquere das Erlenwäldchen, entziffere die Schrift am Wappen der Grafen von Žierotin an der Mühlenwand, erreiche einen mit Kies bestreuten Platz, niedrige Bauernhäuser stehen mit der Giebelseite zum Kiesweg hin ausgerichtet, ich sehe am Ende der Häuserzeile das Dach eines höher gebauten, mit der Breitseite zur Straße stehenden Hauses, bewege mich auf dieses Haus zu, komme dem Haus näher, das Haus kommt näher an mich heran, ich bewege mich langsam über die Fotografie, sehe mich schließlich gezwungen, über ihren Rand hinweg in ein anderes Bild zu treten, welches das Haus in seiner vollen Größe zeigt. Es ist ein großes, aber häßliches Haus, ein Haus, in dem ich nicht leben möchte. Dieses Haus hat Josef, der Färber, mit seiner Frau Anna und seinen vier Kindern bewohnt.
Ich blicke durch Lupe und Augenglas, spüre die Kiesel des Gehweges, auf dem ich stehe, durch die Sohlen meiner leichten Schuhe. Es ist Sommer, man sieht es am Laub der Lindenbäume, am Gras, das den Sockel des Hauses umwuchert, am hellen, von Schäfchenwolken bedeckten Himmel. Trotzdem ist mir kalt, ich friere, ich fühle eine heftige Abneigung gegen das Haus, das Haus meines Urgroßvaters gefällt mir nicht, sein Anblick bedrückt mich, wie mich der Anblick der auf der Fotografie vor gemaltem bürgerlich-protzigem Prunk zum verschüchterten Häuflein zusammengedrängten Familie Josefs bedrückt. Ich würde gerne fortgehen von diesem Haus, das nicht zu den mit der Giebelseite zur Straße hin ausgerichteten viel kleineren Bauernhäusern paßt, weg aus der Fotografie, die mir der Vater gegeben hat, ich muß mir ins Gedächtnis zurückrufen, warum ich hier stehe, mitten im zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, in der Gegenwart derer, die vor mir gewesen sind, auf die meine eigene Existenz zurückgeht, zurückzuführen ist, ohne die meine Gegenwart nicht denkbar ist. Das Wort VORVERGANGENHEIT fällt mir ein. ICH STEHE IN MEINER EIGENEN VORVERGANGENHEIT, denke ich, und ich sage mir, daß ich, wenn ich die Spur derer, die vor mir gelebt haben, weiterverfolgen, mehr über sie erfahren will, keinen von ihnen auslassen, überspringen darf.
Es GAB KEINEN LIEBLICHEREN ANBLICK ALS EIN BLÜHENDES FLACHSFELD IM SOMMER.
Was im späten Frühjahr in den sorgfältig bearbeiteten Boden der Felder gesät wurde, hellgrün gesprießt, bald darauf hellblau geblüht hatte, schließlich bräunlich gereift war, wurde von den Mädchen und Frauen mit den Wurzeln aus dem Boden gerauft. VON WEITEM SAHEN DIE BLÜHENDEN FLACHSFELDER WIE TEICHE AUS.
Ich sehe Frauen auf den Feldern mit von den Halmen zerstochenen, vom Raufen der Stengel wundgeriebenen Handflächen, Frauen mit Schwielen an den Händen, mit eingerissenen Fingernägeln, mit vor Anstrengung roten Gesichtern, mit schweißnassen Haaren. Sie legen den gerauften Flachs in Büscheln gleichmäßig auf den Boden, nehmen ihn von dort wieder auf, lehnen ihn in Bündeln kreuzweise an zwischen Pflöcken gespannte Drähte, binden ihn später, wenn er trocken ist, zu Garben und bringen ihn ein. Wenn das dünnhalmige Korn gemäht ist, legt man den trockenen Flachs noch einmal auf den Stoppelfeldern aus und läßt ihn dort so lange liegen, bis sich die Stengel in Regen, Nebel und Tau silbergrau verfärbt haben, in den Holzteilen brüchig geworden sind, holt ihn wieder in die Scheunen, befreit die Stengel von den Samenkapseln.
Wieder sind es vor allem Frauen, die den grau gerösteten, gedörrten, geriffelten Flachs mit der linken Hand ruckweise über zwei Hartholzbrettchen schieben, die Hartholzbrettchen sind auf einem massiven Gestell parallel nebeneinander angebracht, ihre Oberkante ist geschärft, ein drittes Brett mit ebenfalls scharfer Unterkante wird mit der rechten Hand auf den Flachs geschlagen, dieses Brett, durch ein Scharnier beweglich gemacht, schlägt in den Zwischenraum der beiden stabilen Holzbrettchen hinein, der Flachs wird auf diese Weise GEBROCHEN, die Holzteile von den Stengeln fallen ab. Frauen mit Spreu in den Haaren, mit vom Staub verkrusteten Lippen, den fertigen Flachs nach Feinheit sortierend, zu Strähnen drehend. Frauen, die mit Kämmen die Fasern von den noch an ihnen haftenden Holzteilen befreien, die schließlich, was von dem Flachs nicht an den Händler verkauft worden ist, auf ihren Spinnrädern zu Garn verspinnen, das Garn zu den Webern bringen. Kinder, die mithelfen, die Garnspindeln zu spulen.
Ich sehe Frauen, die das Webgut in großen Bahnen auf den Wiesen zur Bleiche ausspannen, anpflocken, mit Wasser begießen.
Was zu Röcken, Schürzen, Kleidern, Tüchern verarbeitet, also nicht weiß bleiben sollte, wurde zum Färber gebracht. Einer dieser Färber war Josef, Johann Wenzels des Zweiten siebentes Kind.
Es ist wenig, was von Josef, dem Färber, überliefert ist. Er sei, heißt es, ein überaus ernster Mensch gewesen, er habe niemals gelacht. Er habe es in dem Dorf, in dem er sich niedergelassen hatte, durch Fleiß und Können zu einigem Wohlstand gebracht, jenes Haus gekauft, von dem wir die Fotografie besitzen, einige Grundstücke erworben. Ehe er sich in Schmole niedergelassen habe, sei er längere Zeit auf Wanderschaft gewesen. Einmal habe er bei einem Unfall zwei seiner Pferde verloren, es habe viel Mühe und Arbeit gekostet, den Verlust zu ersetzen. Er sei mit seinen Leinen- und Stoffballen, mit dem von Pferden gezogenen Wagen weit gefahren, um seine Ware auf den Märkten der Städte zu verkaufen, auf diesen Fahrten habe er am liebsten seine älteste Tochter Anna mitgenommen. Einmal, sagte der Vater, habe er seinem Großvater zugesehen, wie er ZWEI TAUBEN IN EINEM SACK ERWÜRGT habe. EIN EINZIGES MAL HAT ER MEINE ELTERN BESUCHT. BALD DARAUF HÖRTE ICH VON SEINEM TOD.
Der Vater beschreibt Cäcilies Haus, beschreibt den Laden, den er DAS GEWÖLB nennt, die über diesem Laden gelegenen Räume, ZIMMER MIT VERBLICHENER MALEREI AN DEN WÄNDEN, Glasvitrinen mit Porzellan und alten Gläsern, einen Vorratsraum, der nach Gewürzen duftete, auf einem großen Tisch Stöße der Zeitschrift ÜBER LAND UND MEER.
Über diesen Räumen der Dachboden, auf dem er sich gerne aufgehalten habe, HIER TÜRMTEN SICH IM DÄMMERLICHT BÜNDEL ALTER SCHRIFTEN UND IN SCHWEINSLEDER GEBUNDENE BÜCHER. Blau-weiße Steinkrüge habe es dort gegeben und seltsam geformte Glasgefäße, Überbleibsel des Inventars einer Apotheke, die früher in diesem Haus gewesen sei. Auf einem alten Schrank habe er, damals ein Junge von vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahren, alte Druckformen aus der Färberei seines Großvaters entdeckt, damit aber nichts anfangen können.
Wie diese Druckformen ausgesehen haben? Rechteckige Holzscheiben, mit geschnitzten Mustern bedeckt. Ja, einige hätten in das Holz eingefügte Messingstiftchen gehabt.
ICH ERINNERE MICH NICHT MEHR GENAU, sagt der Vater.
Nachdenken über Menschen, die es nicht mehr gibt, die vor mir gelebt haben, Witterung aufnehmen, ihre Spur verfolgen, sie herauslösen aus einer alten Fotografie, aus ihrer vom Fotografen befohlenen Erstarrung lösen, erlösen, Josef die schwere Hand von der Schulter seiner Tochter nehmen lassen, die Tochter, vom Druck der väterlichen Hand befreit, aufatmen, sich strecken, aufrichten lassen.
Josefs Frau erhebt sich von ihrem Stuhl, schüttelt die beiden Kleinen von der Rockfalte ab, ordnet die Falten der Seidenschürze über dem Rock, steht linkisch da, im zu eng geschnürten Mieder, Cäcilie, die Zweitälteste, wendet das runde Köpfchen, blickt sich um im Ungewohnten, läßt die flinken Augen wandern, tappt mit schnellen Fingerchen über den gemalten Marmorkamin, die gemalten Vorhangfalten, die Mutter hebt eine ihrer großen Hände, zieht die Vorwitzige mit sicherem Griff zurück, verzieht das strenge Gesicht, schon sind die beiden rundköpfigen Knaben bei dem mit schwarzem Tuch geheimnisvoll verhüllten Wundergerät, einer hebt vielleicht ein Zipfelchen des Tuches hoch, die Mutter packt ihn mit der zweiten großen Hand, der Fotograf bringt seine Glasplatten in Sicherheit, Josef zieht verlegen die Uhr an der Kette aus der Westentasche, läßt den silbernen Deckel aufspringen, wirft einen melancholischen Blick auf das Zifferblatt, schnappt den Deckel zu, steckt die Uhr wieder ein. Der Fotograf hat inzwischen ein Zettelchen geschrieben, überreicht Josef das Zettelchen, Josef zieht den gestickten Geldbeutel aus der Tasche, legt Geld auf ein Tischchen, sammelt die Seinen mit den Augen ein, bedeutet ihnen, daß es Zeit sei, das Lokal zu verlassen. Nacheinander reichen sie dem Fotografen die Hand, erst Josef, dann seine Frau, dann knicksen die Mädchen, dann verbeugen sich linkisch die Buben, dann gehen sie durch die Tür, draußen wartet der Wagen.
Vielleicht ist die Fotografie, die über viele Umwege in meinen Besitz gekommen ist, in Landskron gemacht worden, oder in Mährisch-Schönberg, das heute Šumperk heißt, auf der Rückseite findet sich kein Hinweis auf den Entstehungsort.
Bewegung in die auf der Fotografie seit eineinhalb Jahrhunderten fixierte Gruppe bringen, Eltern und Kinder aus der Tür auf die Straße treten lassen, sie steigen auf den Wagen, Josef nimmt die Zügel in die Hand, die Pferde ziehen an, ihre Hufe klappern, die mit Eisen beschlagenen Holzräder des Wagens rumpeln über das Steinpflaster.
Den Wagen am schlichten, wenige Jahre vorher renovierten Renaissancebau des Rathauses von Landskron vorbeifahren lassen oder an der spätgotischen Dekanalkirche St. Wenzel, oder am Rathaus von Mährisch-Schönberg mit Sonnenuhr und wuchtigem, kupfergedecktem Turm, an der Mariensäule, Maria mit dem Sternenkranz über dem Haupt, am LANGEN TEICH vorbei, dessen Ufer mit rotem Sand bedeckt sind, WENN DER STURM IN DIE WELLEN FUHR, FÄRBTE DER SAND DAS WASSER ROT, zwischen Feldern, deren Erde rot leuchtet, zwischen Wiesen und bewaldeten Hügeln.
Sie sitzen sehen im Wagen, über ihr Schicksal Bescheid wissen, das Schicksal derer, die zu diesem Zeitpunkt noch Kinder sind.
Anna, die Älteste, wird einen Fleischhauer heiraten, im Laden stehen, Schweinefleisch, Rindfleisch, Kälbernes in Stücke schneiden, Knochen mit dem Beil zerhacken, co si přejete pani Koblischkova, wieviel darf es sein, prosim, dankeschön, beehren Sie uns bald wieder. Adalbert wird in Mährisch-Trübau an Blasenkrebs sterben, Johann wird als alter Mann aus Verzweiflung darüber, daß man ihm nach seiner Pensionierung die Dienstwohnung in der Taubstummenanstalt gekündigt hat, deren Direktor er lange Jahre gewesen ist, einen Strick nehmen und sich erhängen, wie sein Onkel Ignaz Jahre vorher, an seinem Grab werden taubstumme Kinder singen, wie es ihnen nach seiner Methode beigebracht worden ist, die Umstehenden und die Trauergäste werden vom Gesang der taubstummen Kinder ergriffen sein. Cäcilie wird als Neunzigjährige in einem Viehwaggon über die Grenze nach Deutschland abgeschoben werden, aus Verzweiflung im Krankenhaus der Stadt Forchheim ununterbrochen reden müssen. Sie wird auch nachts nicht zu reden aufhören, die diensthabende Schwester wird nichts von Cäcilies Leben, nichts von ihrem Heimatort wissen, sie wird überarbeitet, übermüdet sein. Zu viele Kranke, zu viele Flüchtlinge, Vertriebene in jener anstrengenden Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, zu viele, die von irgendwoher gekommen sind, wo man sie nicht mehr haben wollte. Die Schwester wird das viele Gerede der alten Cäcilie nicht mehr ertragen können, sie wird ihr eine Beruhigungsspritze geben, am Morgen wird Cäcilie tot in ihrem Bett gefunden werden.
Zurückdenken, eineinhalb Jahrhunderte zurück. Noch ist das alles nicht geschehen, noch sind sie Kinder, Johann, Adalbert, Anna und Cäcilie, Josef legt Geld für sie zusammen, sie sollen es besser haben, als er es gehabt hat, uralter Elternwunsch, mehr erreichen, als er erreicht hat, sollen Schulen besuchen, vielleicht sogar studieren. Nicht Flachs raufen mit bloßen Händen sollen die Mädchen, nicht die blaue Indigoküpe bereiten die Jungen, nicht immer blau gefärbte Finger haben, nicht immer diese Farbspuren unter den Fingernägeln, die sich so schwer entfernen lassen, in der Westentasche eine goldene, nicht nur eine silberne Uhr. Johann wird die Lehrerbildungsanstalt in Olmütz besuchen, Adalbert wird Tierarznei studieren. Johann wird keine Kinder zeugen, Adalbert nur noch zwei.
Ich halte die Lupe vor mein rechtes Augenglas, kneife das linke Auge zu, stehe vor meines Urgroßvaters Haus, das geräumig genug ist, um alle die Bottiche, Küpen, Drucktische, Trockengestelle, alle die hölzernen Gefäße aufzunehmen, die er zur Ausübung seines Gewerbes braucht, die Regale, in denen die hölzernen Druckplatten wohlgeordnet und numeriert gereiht sind, dazu die Musterbücher, die man den Kunden zur Auswahl vorlegt, das Lager für unbedruckte und bereits bedruckte Leinenballen, die kupferne Indigomühle. Das Haus bietet genügend Platz für Wohnräume, Arbeitsräume, Schlafräume, im Hof, von der Straße her nicht sichtbar, der Wagenschuppen, der Raum, in dem die hölzerne Mangel steht, deren Zugbalken von einem im Kreis gehenden Pferd bewegt werden, der Pferdestall.
SCHARFE KÜPEN GEBEN BROD, SÜSSE KÜPEN LEIDEN NOTH.
Es ist anzunehmen, daß Josef bei seinem Lehrherrn die Druck- und Färbekunst nur in bescheidenem Ausmaß erlernt, sich aber auf seiner Wanderschaft bei verschiedenen Meistern weitergebildet hat. Sein Gesicht, das ich durch Lupe und Augenglas betrachte, ist das Gesicht eines strebsamen, ehrgeizigen Mannes. Sein melancholischer Blick deutet auf künstlerisches Empfinden hin.
Ich stelle mir vor: Josef hat beim Einkauf der geschnitzten Holzdruckformen Geschmack und Sicherheit in der Wahl modischer Muster bewiesen, er hat den Indigo in der richtigen Qualität eingekauft, ihn so fein zu mahlen verstanden, daß, WENN EIN TROPFEN AUS DER MÜHLE IN EIN CYLINDERGLAS MIT WASSER FIEL, SICH KEIN SPLITTER ODER KÖRNCHEN AUS DER SICH BILDENDEN INDIGOWOLKE ABSCHIED, er hat die Indigoküpe in der richtigen Konzentration zu bereiten gewußt. Vielleicht hat er das grundlegende Werk über die DRUCK- UND FÄRBEKUNST IN IHREM GANZEN UMFANGE VON WILHELM HEINRICH VON KURRER, erschienen in Wien 1849, besessen und immer wieder darin gelesen (vielleicht ist dieses UNENTBEHRLICHE HANDBUCH FÜR DRUCKFABRIKANTEN, COLORISTEN, FÄRBER, CAMERALISTEN UND TECHNISCHE CHEMIKER unter den alten Folianten und Büchern gewesen, die Josefs Enkel auf dem Dachboden der Tante Cäcilie liegen sah).
Ich stelle mir vor, daß Josef nicht nur die Kunst des Blaufärbens und -druckens verstanden hat, daß er auch wußte, wie man die Krappwurzel erntet und drischt, trocknet, durch Siebe passiert, zu Pulver verarbeitet, daß er das ROTFÄRBEN MIT KRAPP beherrscht hat (vielleicht hat er FÄRBERRÖTHE aus Schlesien bezogen, nicht die billigere HERBSTRÖTHE, sondern die besonders feine, teurere SOMMERRÖTHE verwendet), das Gelbfärben mit Krapp auf Zinnbeize oder mit Gelbholz, Wau oder Rhamnusbeeren, daß er Küpenblau und Gelbholz zu Grün, Krapp mit Tonerde und Eisenbeize zu Braun, Küpenblau und Gelbholz zu Schwarz vermischt hat, daß ihm vielleicht, das Alizarin vorsichtig dosierend, ein besonders sanftes Rosa gelang. Ich stelle mir vor, daß er sich, obwohl er Wolle, Seidenstoffe, Zwirne und Garne, Federn zu färben verstand, der großen Nachfrage wegen auf das Bedrucken von Leinen-, später auch Baumwollstoffen, spezialisiert hat, in dieser Kunst ein wirklicher Meister gewesen ist. Josef, der Mann mit dem melancholischen Blick und den abstehenden Ohren, die er allen seinen Kindern vererbt hat, war vor allem seiner mit Indigo blau bedruckten Leinen- und Baumwollwaren wegen weit über das Dorf, in dem er lebte, hinaus, in allen Dörfern und Städten der Umgebung bekannt.
Der Vater hat das Haus seines Großvaters Josef auf seinem Plan als Kästchen an das Ufer des KLEINEN GERINNES gesetzt, das kleine Gerinne ist auf der Fotografie nicht zu sehen, wahrscheinlich fließt es hinter dem Haus, also an der Hofseite des Hauses, vorbei. Das Wasser des KLEINEN GERINNES wird selten KLAR, meistens bläulich oder blau, manchmal aber auch gelb, grün oder orange, sogar blutrot gefärbt gewesen sein. Am Wasser des KLEINEN GERINNES wird sichtbar geworden sein, ob in Josefs Haus kurz vorher die HELLBLAUE VITRIOLKÜPE FÜR HELLE TÖNE, die MITTELBLAUE VITRIOLKÜPE oder die HEITERBLAUE PERLKÜPE, alle mit Indigo hergestellt, verwendet worden ist, ob er die von den Holzformen mit einer aus Gummi, Pfeifenerde und Stärke bestehenden Mischung auf das Leinen gedruckten Muster, die sich nach dem Blaufärben und Waschen weiß vom blauen Grund abhoben, im Chromorange-, Quercitron- oder im Krappbade gelb, orange oder rot, durch Kombination von Blau- und Gelbtönen grün, ob er sie rosa oder nur in einem helleren Blauton ausgefärbt, auf diese Weise mehrfarbig bedruckte Ware hergestellt hat. Da das Wasser des kleinen Gerinnes in dem vom Vater auf den Plan gezeichneten Bogen wiederum in den Mühlbach zurückgeführt worden ist, wird auch der Mühlbach in seinem unteren Lauf in mehr oder weniger sanften Farben geleuchtet haben. Ob in diesem unteren Teil des Mühlbachs Forellen, Fische, Krebse, andere Wassertiere leben konnten, ob auch dort, wo der Mühlbach in die March mündet, noch Buntes in den breiteren Flußlauf wölkte, ob ein wechselndes Farbenspiel das Auge der Wanderer, Bauern, Fischer noch kilometerweit unterhalb dieser Mündung des Mühlbaches erfreute, weiß von den heute Lebenden niemand mehr.
Ich versuche, zurückzudenken, mich in die Zeit zu versetzen, in der mein Urgroßvater Josef, Johann Wenzels des Zweiten siebentes Kind, ein junger Mann gewesen ist, ich sehe diese ferne, weit zurückliegende Zeit indigoblau, heiterblau, mittel- bis tintenblau. Ich vertiefe mich in Heinrich von Kurrers für Färber und Coloristen unentbehrliches Handbuch der Druck- und Färbekunst, lese die Farbrezepte, an die sich wahrscheinlich auch Josef gehalten hat, trete ein in sein Haus, sehe ihn rühren, reiben, mischen, brauen, die warme Pottaschenküpe, die Sodaküpe, die Urinküpe zum Blaufärben für Sächsischgrün, sehe ihn die Reserve für den Weißdruck bereiten, in großen Behältern Flußwasser, Kupfervitriol, Grünspan, Gummi, Stärke und Pfeifenerde über dem Feuer mischen, auflösen, dann durch ein Leinwandsieb passieren, ich versuche mir vorzustellen, wie er mit Säuren, Zinnsalz und Blei, verdicktem Gummi, Alaun, Ätzkalk, gebrannter Stärke, Eisenvitriol zurechtkam, dem Kalkbrei, salpetersauren Kupfer, dem teigartigen schwefelsauren Blei, essigsaurer Tonerde, Zinkvitriol, sehe ihn auf der Klotzmaschine klotzen, auf der großen Holzmangel mangeln, endlose Leinenbahnen über Drucktische, Trockengestelle ziehen, in gleichmäßigen Falten an eisernen Ringen befestigen, die eisernen Ringe an Rollen in die Küpe hinablassen. DAS FÄRBEN WURDE NACH ZÜGEN GEMESSEN, siebenmal wurde das Leinen mit der unteren, siebenmal mit der oberen Seite in die Küpe getaucht. Zwischen den einzelnen Zügen muß das Gefärbte jeweils zehn Minuten gelüftet, mit Stäben gebeutelt werden, um das Aneinanderkleben der Stoffbahnen zu verhindern, doppeltes Blaufärben erfordert vierzehn Züge, dann wird das Leinen getrocknet, Josef wäscht den aufgedruckten Papp, ehe er die danach weiß gebliebenen Muster in verschiedenen Farbbädern ausfärbt, in einer schwachen Lösung von Schwefelsäure aus.
Abwiegen, abfüllen, auflösen, messen, in Kesseln rühren, über dem Feuer erwärmen, abkühlen, eindicken, passieren, Kuhkot verdünnen, Säuredämpfe einatmen. Es ist kein leichtes Geschäft gewesen, das Josef betrieben hat, auch wenn er wahrscheinlich den einen oder anderen Gesellen oder Arbeiter beschäftigt hat, wenn er die durchweichte Pfeifenerde zum Beispiel nicht mit den eigenen Füßen so lange treten mußte, bis sie EINE BUTTERARTIGE GESCHMEIDIGKEIT angenommen hatte, wenn er derlei Arbeiten anderen übertragen konnte.
Die in Landskron oder Mährisch-Schönberg (Šumperk) hergestellte Fotografie betrachtend, kann ich mir die Länge seiner Arme, die Größe und Schwere seiner Hände erklären, jener Hände, die sein Enkel beim Erwürgen der Tauben beobachtet hat, aber auch die Größe und Schwere der Hände seiner Frau.
Denn: wer hat die gefärbten Leinenbahnen von den Trockenstangen genommen, wer hat sie in Körbe gelegt, wer hat sie zum Mühlbach geschleppt, wer hat das Leinen im Mühlbach gebadet, geschwemmt, gewässert, aus dem Mühlbach gezogen, wer hat die noch ungefärbten Leinenbahnen auf den an den Mühlbach angrenzenden Rasenflächen zur Bleiche ausgelegt, Wasser aus dem Mühlbach geschöpft, wer hat die mit Krapp gefärbte Ware mit Wasser berieselt, auf dem Rasen GESCHÖNT? Selbst wenn Josefs Frau eine Magd oder sogar mehrere Mägde beschäftigt hat, wird sie an diesen Arbeiten mitbeteiligt gewesen sein.
Ich denke an Josef, den Färber, sehe BLAU in allen Schattierungen, Königsblau, Türkischblau, Sächsischblau, Dunkel- bis Heiterblau, sehe weiße und hellblaue Figuren auf blauem Grund, doppelseitig bedruckte Hals- und Umhängetücher MIT WEISSEN TÜPFCHEN, aber auch andere Farben, Dunkelblau mit Goldgelb, Orange oder feurigem Rot, das beliebte GÄNSEKOTHGRÜN, aber auch Apfelgrün, Seladongrün, Olivengrün, beobachtete Josef bei einer der schwierigsten Arbeiten, dem Orangefärben der weißen Muster auf blauem Grund.
Ich sehe ihn abends beim Licht einer Ölfunzel, Tranfunzel, beim Licht einer Kerze die von Dr. Ganswindt in Wien redigierte ÖSTERREICH-UNGARISCHE FÄRBERZEITUNG lesen.
Ich weiß nicht, ob Josef zum Bedrucken der Leinen- und Baumwollbahnen nur die von Cäcilie auf dem Dachboden gelagerten Holzmodel verwendet hat, ob er vielleicht die in der zweiten Hälfte seines Jahrhunderts entdeckten und entwickelten synthetischen Farben erprobte. Die Fotografie zeigt ihn mit weichen Zügen und melancholischem Blick, ich lese Skepsis aus seinem Gesicht. Den Durchbruch des künstlichen Indigos und die damit verbundene Änderung der Färbemethoden wird er nicht mehr verfolgt haben, und seine Nachkommen haben sich nicht dafür interessiert.
Keines von Josefs Kindern hat das Färberhandwerk erlernt.
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Altgewordene erinnern sich gerne vergangener Zeiten. Wenn der Vater und die Mutter beisammensitzen, sprechen sie häufig davon, wie es FRÜHER war. Das Wort HEIMAT gebrauchen sie nicht, sie sagen: DAMALS ZU HAUSE. Weißt du noch, die Caramelle-Zuckerln, sagt die Mutter, während sie an einem Schal für die Enkelin häkelt, und der Vater sagt: JA, ICH ERINNERE MICH. Meine Mutter hat sie gemacht, die Caramelle-Zuckerln. Ich weiß noch, wie sie geschnitten wurden. Man konnte sie mit Zitronensaft machen, dann waren sie weiß, oder mit Kaffee oder mit Schokolade oder mit einem Tropfen Himbeersaft. Dann waren sie rosarot.
Weißt du noch, sagt die Mutter, wie ich die Grillage gemacht habe, von irgendwoher hatte ich Nüsse bekommen und Zucker hatte ich auch gespart.
DAMALS ZU HAUSE. Wir saßen im Wohnzimmer unter der Hängelampe, im Ofen, AMERICAN HEATING, glühte das Feuer hinter den Marienglasscheiben, die Mutter verpackte kleine, haltbare Näschereien in braune Packpapiersäckchen, die Packpapiersäckchen wurden an die Front geschickt. Statt einer Anschrift gab es eine Feldpostnummer.
Manchmal lebten die Empfänger nicht mehr, wenn die Päckchen ankamen. Manchmal trafen, lange nach dem Abschicken der Päckchen, Feldpostkarten oder graue Faltbriefe mit überschwenglichen Dankesworten ein.
Weißt du noch? Die Köchin Fanni hatte das Rezept, die herrlichen Fondant-Zuckerln, ich bin zu ihr gegangen und habe sie darum gebeten.
An den Zweigen unserer Christbäume hingen Fondant-Zuckerln, nach dem Rezept der Köchin Fanni gemacht, Caramelle-Zuckerln, nach dem Rezept der Mutter des Vaters. Die Großmutter hatte die Herstellung der Caramelle-Zuckerln wiederum von ihrer Mutter im an der steirisch-niederösterreichischen Grenze gelegenen Furthof erlernt.
Weiß du noch, damals die Forellen, wir haben sie in die heiße Butter gelegt, erst hat man sie auf der einen Seite gebraten, dann auf der anderen.
Sie zerfallen leicht, die Forellen.
Nun, in Furthof hat man den Forellen nicht das Rückgrat eingeschnitten. Das habe ich überhaupt noch nie gehört, sagt der Vater. Und den Schleim hat man den Forellen in Furthof auch nicht abgewaschen. Der Schleim muß draufbleiben, sonst schmecken sie nicht so gut.
Meine Großmutter in Furthof hat die Forellen immer in Sardellenbutter gebraten.
ICH MÖCHTE NOCH EINMAL NACH FURTHOF FAHREN, sagt der Vater, Urenkel Johann Wenzels des Zweiten, Großneffe des unglücklichen Ignaz, der sich seiner untreuen, leider leichtfertigen Frau wegen auf dem Scheunenboden seines Hauses im Adlergebirge erhängte, Enkel Josefs, der Färber in jenem mährischen Dorf Schmole südlich von Mährisch-Schönberg war, aber auch Urenkel des k. k. Waldübergehers Karl, der mit seiner Familie, Frau und zwei Kindern, im burgenländischen Rosaliengebirge lebte, und wiederum ein Sohn des FRANZISKUS aus der königlich freien Bergstadt Kremnitz war.
Karl zeugte zwei Kinder mit seiner Frau, einer geborenen Apfelbeck, die ebenfalls Anna hieß, wie jene Anna Josefa in Böhmen, wie Josefs, des Färbers, Frau, wie deren ältestes Kind, er wurde, noch jung, in seinem Revier eines Nachts von Schmugglern erschossen, seine Frau blieb mit den Kindern mittellos zurück. Ich habe das Forsthaus, in dem sie mit Mann und Kindern gelebt hat, gesehen, ich bin mit dem Vater dort gewesen, es liegt auf einer einsamen Höhe, umgeben von dichten Wäldern, ich kenne den Ort, an dem sich das traurige Schicksal des k. k. Waldübergehers Karl erfüllte, ich brauche, um mir das furchtbare Geschehen vorzustellen, keine Lupe, kein Augenglas, keine Fotografie.
Ich stelle mir eine Neumondnacht vor, kein Stern am Himmel, kein Schimmer von Licht zwischen den hohen Bäumen, ich sehe Karl nicht, von dem wir kein Bild besitzen, aber ich weiß ihn im Wald, auf schmalen, finsteren Wegen, das Gewehr über der Schulter, in Erfüllung seiner Pflicht den Schmugglern auf der Spur, vielleicht ist er gewarnt worden, vielleicht hat eine Schmugglerbraut ihren ungetreuen Liebsten verraten, vielleicht hat Anna, die Frau, ihn gebeten, den gefährlichen Gang zu unterlassen, auf die beiden unmündigen Kinder gezeigt, versucht, ihn zurückzuhalten, er aber, eingedenk seiner Pflicht, ist trotzdem gegangen, hat das Knacken der Zweige im Gebüsch gehört, sein Gewehr in Anschlag gebracht, er hat vielleicht HALT, WER DA! gerufen, hat die Schmuggler erschreckt.
Vielleicht hat er auch einen oder mehrere Warnschüsse in Richtung des Knackens abgegeben, aus dem Gebüsch haben die Schmuggler zurückgeschossen, Karl ist auf dem Waldweg niedergesunken, am nächsten Morgen haben ihn Holzarbeiter gefunden und seiner Frau Anna ins Forsthaus gebracht. Ich stelle mir Anna, geborene Apfelbeck, vor, wie sie niedersinkt an der Bahre, vielleicht hat sie geschrien, vielleicht hat sie geweint, vielleicht war sie stumm, ohne Tränen, versteinert, erstarrt in furchtbarem Schmerz. Ich sehe sie, Wochen später, aus der grün gestrichenen Tür des Forsthauses treten, das ich ja kenne, die beiden Kinder an der Hand, das Forsthaus für immer verlassen. Wo sie hingegangen ist, wo sie gelebt hat, gestorben ist, wissen wir nicht, nur, daß sie, weil sie arm war, gezwungen war, sich von ihren Kindern zu trennen.
Alle Fotografien, Dokumente und Briefe, alle die Familie betreffenden Erinnerungsstücke, die der Vater gesammelt hatte, sind in den ersten Tagen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verlorengegangen. Nachdem die Artillerie der deutschen Wehrmacht ihre letzten Schüsse über die Häuser der Stadt hinweg in die gegenüberliegenden Weinberge und Weinkeller, aber auch in die Häuser und Gärten der Stadt hinein abgefeuert hatte, nachdem die Stalinorgeln von den der deutschen Artillerie gegenüberliegenden Hügeln zu heulen aufgehört hatten, nachdem sich in den Häusern, Hauskellern, Weinkellern, in den Straßen und Gassen, sogar im Hause des Pfarrers, in das sich Frauen, Mädchen und Kinder geflüchtet hatten, beinahe Unbeschreibliches zugetragen hatte, nachdem es also in der Stadt wieder einigermaßen ruhig geworden war, die Eltern aus dem Obst- und Gemüsekeller in das erwähnte Badezimmer übersiedelt waren, richtete man in der Wohnung, die sie vorher bewohnt hatten, ein Lazarett für die verwundeten russischen Soldaten ein. Man entfernte die überflüssigen Möbelstücke und warf, was man nicht brauchte, einfach aus dem Fenster auf die Straße hinaus. Bücher und Briefe, Klavierauszüge und Noten, Czernys Schule der Geläufigkeit, aber auch der Fingerfertigkeit, Annas Schulhefte und Zeugnisse, überhaupt alles, was aus Papier war, womit man nichts anzufangen wußte, soll in einem großen, beinahe bis an das Fenster der im Halbstock gelegenen Wohnung hinaufreichenden Haufen auf dem Gehsteig gelegen sein. Auch das Wanderbuch von Josef, dem Färber, ist auf diese Weise abhanden gekommen.
Da auch aus den Fenstern der Wohnungen und Häuser der anderen in Böhmen und Mähren ansässigen Verwandten Papiere, Dokumente, Briefe und Fotografien auf die Straßen und Gehsteige geworfen, von dort auf Abfallhaufen gebracht oder einfach vom Wind weggetragen, vom Regen aufgeweicht, von den Schuhen darüber wegsteigender Leute zerrissen und zertreten worden sind, ist es später nicht mehr möglich gewesen, auch nur einen Teil davon wiederzubekommen. Es ist aber auch von den in Wien und in der Umgebung von Wien, in Graz und in der Umgebung von Graz, in Niederösterreich und in der Steiermark lebenden Verwandten und anderen der Familie befreundeten Personen beim Entrümpeln von Schubladen, Schränken, Dachböden, bei Übersiedlungen, Wohnungswechsel oder nach dem Tod einiger schon alt gewordener Familienangehöriger, von anderen ungenügend Informierten vieles weggeworfen, verbrannt, vernichtet worden, was nicht hätte vernichtet werden müssen. Trotzdem sind durch Schenkung und Erbschaft einige wenige Erinnerungsstücke in meinen, beziehungsweise in den Besitz meiner Eltern gekommen. Vor allem von dem aus Niederösterreich und aus der Steiermark stammenden Teil der Verwandtschaft, also der Familie der Mutter des Vaters, ist einiges erhalten geblieben, es wurde uns zu verschiedenen Anlässen geschenkt, beziehungsweise von noch lebenden Verwandten ins Haus gebracht, manchmal auch von Verwandten an uns verkauft.
In meinem Besitz sind zum Beispiel ein mit rotem Samt überzogener Osterhase mit Butte, der einst der Tochter des Waldübergehers Karl gehörte, sowie ein Mörser aus Messing samt dazugehörigem Stössel und eine eiserne Kaffeemühle mit verborgener Kurbel, beides von Karls Tochter wiederum ihrer Tochter als Heiratsgut mitgegeben. Außerdem besitzen wir ein Kästchen, das Franz Joseph, der Kaiser, anläßlich einer Jagd im Lainzer Tiergarten der dort bei ihrem Onkel und dessen Frau lebenden, damals dreizehnjährigen Tochter des unglücklichen k. k. Waldübergehers geschenkt hat und auf dessen Deckel die k. k. Hofoper abgebildet ist.
Es sind aber auch durch Schenkung und Erbschaft wieder Fotografien in den Besitz des Vaters gekommen, der Vater hat sie sorgfältig in einem Album gesammelt, das Album hat er bei einem Trödler erstanden, der Rücken des Albums ist beschädigt, die Ecken sind abgestoßen, aber die Fotografien passen in die schon vergilbten, mit ovalen und rechteckigen Aussparungen versehenen Blätter hinein, als wären sie immer schon darin gewesen.
Aus den Bildern, die in dem Album versammelt sind, blicken mir einige von denen, die vor mir gelebt haben, entgegen. Bräunlich verfärbt, heben sich ihre Gesichter und Körper vom bräunlich verfärbten Hintergrund ab. Sie stehen vor gemalten Kulissen, an gemalte oder aus Holz und Pappe gefertigte Marmorkamine, Kommoden, Birkenzäune gelehnt, in dem Album sind sie versammelt, Anna, die Frau des Waldübergehers als Witwe, ihre Tochter, ihr Sohn Hermann, als Leobner Student, als Feilenfabriksdirektor, dessen Frau Amalia, Tochter Franz Xavers, des Erbpostmeisters, ihre Kinder und Enkelkinder, aus den Fotografien sehen sie mich an, mit aufgesteckten Zopfkronen, Lockenfrisuren, mit sorgfältig gescheiteltem Haar, gebürsteten Bärten, in Loden, Tuch, in gefältelten Taft, in Seide oder in gefärbtes, bedrucktes Leinen gekleidet, in festlichen Roben, im schlichten, rüschenbesetzten Hauskleid mit Flügelärmeln, den Hals von Spitzen umkraust, die Brust in enge Mieder gezwängt. In dem Album sind sie vereint, die einander nicht kannten, aber zur gleichen Zeit lebten, Josef, der Färber, in Mähren, Hermann, der Feilenfabriksdirektor, im niederösterreichischen Furthof, Anna, die Färbersfrau, mit den großen, verarbeiteten Händen und dem griesgrämigen Gesichtsausdruck, und Amalia, die Tochter des Erbpostmeisters, die Geselligkeit liebte, für Mondscheinpartien schwärmte, auf zugefrorenen Teichen Schlittschuh lief, die in Gasthäusern jodelte und ihrer schönen Stimme wegen nicht nur in Furthof, sondern auch in Hohenberg und überhaupt in der näheren Umgebung Furthofs als DAS LERCHERL bekannt und beliebt war. Anna, die Schwerblütige, die ihre schöne, vom städtischen Leben träumende Tochter zwang, einen Fleischhauer aus dem eigenen Dorf zu heiraten, Amalia, die das Kind ihrer Tochter Marie zu fremden Leuten brachte, wo es an Tuberkulose erkrankte und starb.
Ich, die viel später Geborene, weiß um ihre Sünden und um ihre Träume, ich weiß, wie sie lebten und wie sie gestorben sind.
Ich greife zur Lupe, setze die Brille auf, halte die Lupe vor mein rechtes Augenglas. Das Gesicht FRANZ XAVERS, des Gastwirts und Erbpostmeisters, der in steirischem Lodenrock und steirischer Weste, den steirischen Almstock in der linken, die Pfeife mit dem langen Rohr in der rechten, von Gichtknoten verformten Hand, auf einem künstlichen Felsen vor gemalter Almhütte und gemalten Tannenbäumen sitzt, hebt sich ab vom verblichenen Papier, die Barthaare, die buschigen Augenbrauen, die Falten auf den Wangen und am Hals werfen Schatten, die lebhaften, klugen Augen hinter den winzigen, metallgefaßten Brillengläsern sehen mich mit freundlicher Skepsis an. Ich sitze dem Vater eines meiner Urgroßväter gegenüber, der von einem steirischen Hufschmied abstammt, dessen Ahnen bis in eine weit zurückliegende Vergangenheit steirisch gewesen sind, dessen Heimat die Steiermark gewesen ist, der seine Zugehörigkeit zu diesem Land durch Kleidung und Haltung dokumentiert. Als die Fotografie, die ich von ihm besitze, gemacht wurde, war er schon ein alter Mann, war am Grab eines seiner Söhne gestanden, hatte die Frau verloren, das Unglück der Enkelin miterlebt. Ich sehe ihm in die Augen, ich betrachte das Gesicht dieses Mannes, der lange vor mir gelebt hat, ohne den ich nicht wäre, was ich bin, ich empfinde Zuneigung zu diesem Gesicht.
Ich wende die Seiten des Albums, das auf der Holzplatte meines Schreibtisches liegt, betrachte durch Lupe und Augenglas die Gesichter derer, die nach Franz Xaver gewesen sind. Dann nehme ich ein Blatt und zeichne rechteckige Kästchen, in die ich Namen schreibe, denke mir Landschaften um diese Kästchen, mährische Hügel, böhmische Wälder, denke mir die Gold- und Silberstadt Kremnitz in ein enges, von Bergen eingeschlossenes Tal, Kremnitz, Körmetz, den ungarischen Namen gibt es nicht mehr, denke mir ein gotisches Schloß, Kirchen, Bürgerhäuser, Kapellen, Kremnitz, wo man im Münzamt die Gold- und Silbergulden prägte, ich höre in den Pochwerken die Pochstempel pochen, ich höre das Klingeln der Münzen, die zu den anderen Münzen fallen.
WIR WOLLTEN ALLE NACH WIEN, sagt der Vater. Franziskus verließ Kremnitz, das schon seinem Vater und dessen Vater HEIMAT gewesen war, er ging mit Frau und Kindern nach Wien, ich ziehe zwei schräge, auseinanderlaufende Linien von dem Kästchen, in welchem sein Name steht, abwärts, schreibe die Namen seiner Söhne hinein, denke mir burgenländischen Laubwald um das Kästchen mit dem Namen des unglücklichen, von Schmugglern erschossenen k. k. Waldübergehers Karl, die sanften Hügel des Rosaliengebirges, zeichne zwei weitere, wiederum auseinanderlaufende Linien von seinem Namen weg abwärts, trage die Namen seiner Kinder ein. Die Tochter nahm ein Bruder des Waldübergehers zu sich, er war Förster im Lainzer Tiergarten bei Wien, im Lainzer Tiergarten fanden kaiserliche Jagden statt, es kam vor, daß die Jäger im Forsthaus einkehrten, von der Försterin bewirtet wurden. Die Tochter Karls aus dem burgenländischen Rosaliengebirge erlebte im Forsthaus ihres Onkels den wahrscheinlich größten Augenblick ihres Lebens, an den sie noch im Alter zurückdachte, den sie ihrer Tochter so eindringlich, so anschaulich zu schildern wußte, daß diese wiederum ihrer Tochter das Erscheinen des jungen Kaisers in der Tür, den Eintritt des Kaisers in das Forsthaus, seine Kleidung, seinen Gesichtsausdruck, ja den Klang seiner Stimme noch so genau zu beschreiben vermochte, als wäre dies alles ihr selbst und erst vor ganz kurzer Zeit widerfahren.
Der Kaiser also, Franz Joseph, siebenundzwanzigjährig, betrat das Forsthaus, der Förster verneigte sich tief, die Försterin brach beim Knicks beinahe in die Knie. Franz Joseph aber sah nur die dreizehnjährige Nichte des Paares an, ging lächelnd auf sie zu und überreichte ihr seinen Säbel. Die Tochter des Waldübergehers Karl, das Waisenkind, durfte den Säbel des jungen Kaisers in Verwahrung nehmen. Ich brauche keine Lupe und keine Fotografie, um mir dieses Ereignis in allen Farben und Dimensionen vorzustellen.
Hermann, den siebenjährigen Sohn des Waldübergehers, holte ein Verwandter, ein Bäckermeister, als Lehrling zu sich in das hunderttürmige, goldene Prag. Sie haben nichts voneinander gewußt, aber sie haben zur gleichen Zeit gelebt, sie sind zur gleichen Zeit, wenn auch an verschiedenen Orten, in verschiedenen Landschaften, Kinder gewesen.
Wie Josef, der Färberlehrling in Schildberg, so hatte auch Hermann als Bäckerlehrling in Prag kein leichtes Leben. Die Mehlsäcke konnte der Kleine zwar noch nicht schleppen, die Tröge, in denen der Teig geknetet wurde, aber die Körbe mit den Broten allein schon waren schwer, die Püffe und Schläge, die er vom Meister und seinen Gehilfen, wohl auch von der Meisterin einzustecken hatte, werden zahlreich gewesen sein.
Lange vor Tagesanbruch jagte die Meisterin oder eine ihrer Mägde das Kind aus dem Bett, wenn es in einem solchen überhaupt geschlafen hat, wenn es nicht irgendwo in einem Winkel auf einem Strohsack oder auf Lumpen lag. Im Morgengrauen, wenn in der Backstube das Nötige getan war, machte sich der Junge mit Körben voll Gebäck auf den Weg durch die Gassen der Hauptstadt Böhmens, er wird nicht viel gesehen haben vom Glanz dieser Stadt, er schleppte Brot vor die Türen der Bürgerhäuser, wurde gescholten, wenn er nicht pünktlich kam, wenn er unterwegs gerastet hatte, sich um Minuten verspätete. Schließlich zog er sich, schwächlich, wie er war, beim Heben eines großen Brotkorbes einen Leistenbruch zu, wurde zum unnützen Esser, den man zur Arbeit nicht mehr verwenden konnte, den man aber, da er zur Verwandtschaft gehörte, da man ihn aus Mildtätigkeit ins Haus genommen hatte, nicht einfach auf die Straße jagen, zur Mutter zurückschicken konnte, wurde noch mehr herumgestoßen, noch öfter geschlagen, war allen im Haus und in der Bäckerei Tätigen im Wege, ein krankes, unglückliches Kind.
Wir kennen den Namen des Mannes nicht, der sich schließlich seiner angenommen, ihn aus dem Haus des Bäckers weg in sein eigenes Haus geholt, zur Schule geschickt hat. Sein Name und seine Person sind im Dunkel geblieben. Dem Bäckerjungen Hermann aber ist in Prag eines jener Wunder widerfahren, die es selten, aber doch hin und wieder gibt. Er durfte die Schule abschließen, deren Besuch man ihm ermöglichte, er wurde nach sorgfältiger Prüfung seiner Talente nach Leoben zum Studium an die Bergakademie geschickt. Er war fleißig, gewissenhaft, legte erfolgreich die erforderlichen Prüfungen ab, brachte es nach vielerlei Umwegen und Zwischenstationen zum technischen Angestellten in einem Eisenwerk im steirischen Kindberg, später zum leitenden Direktor einer neu eröffneten Feilenfabrik in Furthof.
Franziskus aus Kremnitz zeugte Karl, den Waldübergeher, Karl zeugte Hermann, Hermann zeugte vier Kinder, Helene, Marie, Friederike und Franz.
ICH MÖCHTE NOCH EINMAL NACH FURTHOF FAHREN, EINMAL NOCH, sagte der Vater. Furthof ist die Heimat seiner Mutter gewesen. Wenn man so alt geworden ist wie er, hat man bei allem, was man unternimmt, das Gefühl, es sei das letztemal.
Der Sommer in diesem Jahr war feucht gewesen, Regen im Juli, Regen im August, überall Überschwemmungen, Katastrophen. Im September war endlich die Sonne gekommen, der Herbst war warm und hell, Ende Oktober hing das Laub noch in den Bäumen, die Rasenflächen in den Parkanlagen und zwischen den Häuserblöcken der Satellitenstädte waren grün, alles war vollgesogen mit Feuchtigkeit.
Das Wetter war immer noch schön, war, wie es häufig Ende September ist, weiße Wolken zogen über den in allen Blautönen schattierten Himmel.
Wir unternahmen die Fahrt an einem Wochentag, der Vater und ich, wir fuhren auch nicht über die Autobahn, sondern über die Bundesstraße. Der Wienerwald leuchtete in allen Gelb- und Brauntönen. In Sankt Pölten zweigten wir ab.
Wir wollen zuerst nach Kilb fahren, sagte der Vater. Die Häuserfassaden des winzigen Marktfleckens waren in Sonnenlicht getaucht.
Hier hat deine Großtante gelebt, sagte der Vater und zeigte mir das Haus, ein hübsches Bürgerhaus gleich neben der Kirche. Der Vater fotografierte die Kirche, er fotografierte das Haus, er ging mit kleinen, vorsichtigen Greisenschritten hin und her, von einer Straßenseite zur anderen, er schützte die empfindlich gewordenen Augen mit vorgehaltener Hand gegen das zu grelle Licht, ließ sich Zeit mit der Einstellung der Entfernung, der Belichtung, der Blende, überlegte die Schattenwirkung.
Das Kirchenportal, der Gasthof ZUM SEIDENSCHWAN, das Tor des Hauses, in dem die Schwester seiner Mutter mit einem Mann gelebt hatte, der ONKEL PEPI hieß.
Helene, eine lebenslustige junge Frau, sagte der Vater, hierher verschlagen, MAN MUSS SICH DAS VORSTELLEN. Furthof war auch nicht größer, aber dort waren die Geschwister, dort war die Familie, dort war immer etwas los, DAFÜR HAT SCHON DIE MUTTER GESORGT.
Der Onkel Pepi, EIN GUTMÜTIGER MENSCH, Postmeister und Stationsvorsteher zugleich, die Station der Mariazellerbahn. Die Züge gingen selten, sagt der Vater, zweimal im Tag, einmal hin, einmal zurück. Wenn der Zug kam, war der Onkel Pepi im Dienst, dann setzte er die rote Kappe auf und eilte zum Bahnhof. Seine Freizeit verbrachte er im Gasthof ZUM SEIDENSCHWAN.
Helene war viel allein, sie langweilte sich, der Gemeindearzt war jung und hatte ein Motorrad mit Beiwagen.
SIE HABEN ETWAS MITEINANDER GEHABT, sagt der Vater, DER GEMEINDEARZT UND DIE TANTE HELENE. Der Onkel Pepi hat sich, wie er es endlich erfahren hat, scheiden lassen, die Tante Helene ist nach Wien gegangen, als Beamtin der Post- und Telegraphendirektion, der Sohn ist beim Vater geblieben. Ich sah zu den Fenstern des hübschen Bürgerhauses hinüber, ich versuchte mir Helene vorzustellen, von der wir mehrere Fotografien besitzen, Helene als Kind, als Mädchen, als junge Frau, als Beamtin der Post- und Telegraphendirektion, ich dachte mir ihr schönes ovales Gesicht hinter die Scheiben eines der im ersten Stockwerk gelegenen Fenster, ich sah ihr zur Krone aufgestecktes dichtes Haar, über das sie gerne seidene Schleifen knotete, den schmalen Hals im Spitzenkragen, die dunklen Augenbrauen, den schön geschwungenen, hochmütig wirkenden Mund, ich stellte mir vor, wie sie auf den Gemeindearzt wartete, ich hörte das Motorrad knattern, ich hätte gerne eine Fotografie des Gemeindearztes gehabt, doch eine solche hat es niemals gegeben, jedenfalls keine, die im Besitz der Familie war.
Die Tante Helene ist schon als Mädchen in Furthof Postbeamtin gewesen, POSTFRÄULEIN, sagte der Vater. In Kilb hat sie ihren Beruf nicht ausgeübt. In Kilb war Langeweile, war der Gemeindearzt mit dem Motorrad. ICH MÖCHTE NOCH EINMAL MIT DER MARIAZELLERBAHN FAHREN, sagte der Vater, EINMAL NOCH.
Im Frühjahr, wenn du willst, können wir fahren, sagte ich.
Wir gingen über den Platz, um das Haus herum, in welchem Helene gelebt hatte, an das Haus schloß sich ein Garten an, der Vater erkannte den Garten wieder, den Bach, der am Garten vorbeifloß. Als Sechsjähriger war er mit seinen Eltern hier gewesen und hatte seine Tante Helene besucht.
DER REIS RUDI, sagte er plötzlich, HATTE EIN DREIRAD. Kindersehnsucht, nach beinahe achtzig Jahren wieder wach geworden, niemals ganz vergessen. Der fremde Junge damals hatte ein Dreirad, er hatte keines gehabt. Altgewordene kehren in die Kindheit zurück, der Kreis schließt sich, die Kindersehnsüchte kehren wieder. Der Reis Rudi mußte, wenn er noch lebte, fünfundachtzig Jahre alt sein, vielleicht mehr.
Wiederbegegnung mit Orten, an denen man als Kind gewesen ist, später vielleicht noch ein oder das andere Mal, aber die Jahre dazwischen sind untergegangen, vergessen.
In Marktl suchten wir nach dem Haus Nummer neunzehn, in dem Hermann, der Sohn des Waldübergehers, nach seiner Pensionierung gelebt hatte. Ob der Park damals schon so gewesen sei? Die alte Linde stand sicher schon, LINDEN WACHSEN NICHT SO SCHNELL.
Der Vater fotografierte das Haus und die Linde, im Gras neben dem Weg lag ein alter Mühlstein, das Laub der Linde leuchtete gelb im einfallenden Sonnenlicht, auch die Birken vor dem Haus leuchteten.
Mittags aßen wir in dem Gasthof, der früher anders geheißen hatte und der dem Haus Nummer neunzehn gegenüberlag.
HIER HABEN MEINE GROSSELTERN OFT ZU MITTAG GEGESSEN. Statt der Funderplatten an der Wand mußt du dir eine Holztäfelung denken, sagte der Vater, dort, wo die Theke ist, wird ein Ofen gestanden sein, man sieht noch das Abzugsloch in der Wand. Und der Fußboden war auch nicht lackiert, den hat man mit Seifenwasser weiß gerieben.
Wir saßen an einem Tisch, dessen Platte mit Kunststoff belegt war, von den Fußbodenbrettern war der Lack an vielen Stellen abgetreten, die abgeblätterten Stellen waren schwarz und schmutzig, auf dem Fensterbrett lagen tote Fliegen.
DU BAUERNSAU, sagte ein Kartenspieler am Nebentisch zu seinem Nachbarn, DU VERFLUCHTE BAUERNSAU. Er trug eine schwarze Samtjacke und eine auffallend gestreifte Krawatte. Die anderen lachten.
Der Wirt fragte nach unseren Wünschen, wir bestellten das Essen. Meine Großeltern, sagte der Vater, haben hier längere Zeit gewohnt, sie waren mit dem Fabrikanten N. befreundet. Sein Sohn müßte noch leben.
Der ist schon lange tot, sagte der Wirt.
Um 1893 herum muß es gewesen sein, sagte der Vater hartnäckig. Er sprach die Jahreszahl aus, als sei es vorgestern oder gestern gewesen. Der Wirt sah ihn halb belustigt, halb erstaunt an. Die Männer am Nebentisch waren plötzlich still und drehten sich neugierig nach uns um.
Das alles betrifft mich nicht, dachte ich, als wir weiterfuhren, und es geht mich doch an. Wenn der Vater gestorben ist, wird alles, was er gewußt hat, vergessen sein.
Das Haus in Furthof lag direkt an der Straße, neben der Feilenfabrik, es war groß, einstöckig, das in zwei Stufen abfallende Dach war mit grauen Schindeln gedeckt. Zur Eingangstür führten fünf Stufen hinauf, die Tür war von einem kleinen, eisernen Balkon überdacht, der Balkon wurde von eisernen Säulen getragen.
MAN NANNTE ES DAS HERRENHAUS, sagte der Vater, hier war auch die Poststation untergebracht, hier hat die Postkutsche gehalten, sie ist von Schrambach gekommen, um ein Uhr mittags, glaube ich, von weitem hat man den Postfranzl auf seinem Horn blasen gehört.
Er ging auf die andere Straßenseite hinüber, stellte sorgfältig Entfernung, Zeit, Blende ein, fotografierte das Haus von der Vorderseite, ging um das Haus herum, fotografierte es von der Rückseite, den an die Rückseite des Hauses anschließenden, früher wahrscheinlich gepflegten, jetzt verwilderten Garten.
Hier muß es einen Springbrunnen gegeben haben, sagte er, meine Mutter hat mir davon erzählt.
An lauen Sommerabenden sei die Familie oft im Garten beisammengesessen, der Mond habe geschienen, der Springbrunnen habe geplätschert, Hermann, der Großvater, habe einen KURZEN TSCHIBUK geraucht, den Tschibuk habe er mit schwerem türkischen Tabak gestopft. KINDER, IHR WISST NICHT, WIE SCHÖN IHR ES HIER HABT, habe er oft gesagt, auch das habe ihm, dem Vater, seine Mutter berichtet. SIE HAT IMMER EIN WENIG HEIMWEH NACH FURTHOF GEHABT.
Ich suchte den Garten nach den Resten eines Springbrunnens ab, aber ich fand nichts, was auf die Existenz eines Springbrunnens in früheren Zeiten hingewiesen hätte, ich fand nur ein kleines, abgezäuntes Viereck, in dem Karotten, Petersilie und einige Krautköpfe wuchsen. HIER HAT MEINE GROSSMUTTER WAHRSCHEINLICH IHR GEMÜSE GEZOGEN. Die Familie habe einfach gelebt, sagte der Vater, zum Abendessen habe es oft STERZ gegeben, Braten nur sonntags und an Feiertagen. Amalia habe Gänse und Hühner gehalten, sie außer mit dem üblichen Körnerfutter auch mit in Milch getauchten Semmeln gefüttert, um den Geschmack des Fleisches zu verbessern. (Das SCHOPPEN der Gänse sei in ihrer Heimat, der Steiermark, nicht Sitte gewesen und habe als Grausamkeit und Tierquälerei gegolten.)
Den Pferden habe man übrigens, wenn man von einem Ausflug rascher heimkommen wollte, ebenfalls Semmeln zu fressen gegeben, diese Semmeln aber habe man in Wein getaucht.
Dem Feilenfabriksdirektor seien Wagen und Pferde zur Verfügung gestanden, oft habe man Ausflüge unternommen, man sei in das Gasthaus ZUR BRUCK gefahren, nach Marktl, Sankt Egyd, Lilienfeld, man habe Bekannte besucht, aber auch größere Fahrten unternommen, etwa nach Neuberg, Freiland oder Mariazell. Das alles wisse er, sagte der Vater, aus Amalias Tagebuch.
Nach Amalias Tod sei dieses Tagebuch unter den Erben geteilt worden und er, der Vater, habe seinen Teil gewissenhaft abgeschrieben und an die anderen Erben verschickt, seinerseits die Abschrift der anderen Teile von ihnen erbeten, aber auf seine Bitte niemals Antwort erhalten. Außer mir, sagte er, hat sich wahrscheinlich niemand die Mühe des Abschreibens gemacht. WER WEISS, OB SIE ES ÜBERHAUPT GELESEN HABEN, WAHRSCHEINLICH HABEN SIE, WAS SIE BEKOMMEN HABEN, EINFACH WEGGEWORFEN ODER VERBRANNT.
Rückwärts an den Garten schlossen sich kleine Gebäude an, Schuppen und Stall, HIER WAREN DIE KUTSCHEN UND DIE PFERDE UNTERGEBRACHT, MEINE MUTTER LIEBTE PFERDE UND HIELT SICH BESONDERS GERNE IN DER KUTSCHERSTUBE AUF, im Hintergrund stiegen die Wiesen zu einem Hügel an, auf dem Hügel begann der Wald.
HIER GING MAN ÜBER DIE ANNENHÖHE ZUR BRENNALM HINAUF. Ausflüge zur Brennalm, Schlittenpartien, Feuerwehrfeste. Am Fronleichnamstag trugen die Mädchen Blütenkränze im aufgelösten, tags zuvor mit Zuckerwasser befeuchteten und eingedrehten Haar. FRÜHMORGENS BRACHTE DIE WERKSKAPELLE MEINEM GROSSVATER EIN STÄNDCHEN.
Laientheater bei Silvesterfeiern, LEBENDE BILDER, meine Mutter und ihre zwei Schwestern sollten einmal GLAUBE, LIEBE UND HOFFNUNG verkörpern, sagte der Vater, meine Mutter sollte dabei einige Verse sprechen, verlor aber aus Lampenfieber die Sprache und brachte nur die Worte: ICH BIN DIE LIEBE heraus.
Hermann, der Sohn des Waldübergehers aus dem Rosaliengebirge, reiste nach London und brachte von dort moderne Feilenhaumaschinen mit, er stellte die Fabrik auf Maschinenbetrieb um.
Der Vater fotografierte die Feilenfabrik, er fotografierte die Haupt- und Nebengebäude, die Aufschrift über dem Portal.
Er habe nie herausbekommen können, sagte er, warum sein Großvater so früh pensioniert worden sei. In Amalias Tagebuch sei von GROSSEM KUMMER die Rede, Näheres habe wahrscheinlich in den anderen, durch die Nachlässigkeit der Erben verlorengegangenen Teilen gestanden. Er habe sich bemüht, der Sache auf den Grund zu gehen, irgend etwas müsse damals geschehen sein, wovon seine Mutter ihm nie erzählt habe, worüber sie nicht habe sprechen wollen, er habe schon vor vielen Jahren damals noch lebende Bekannte seines Großvaters nach den Zusammenhängen gefragt, aber nie die erwartete Auskunft bekommen. JETZT IST ES ZU SPÄT, sagte er, JETZT SIND ALLE, DIE ES GEWUSST HABEN, SCHON LANGE TOT, JETZT WERDEN WIR NIE MEHR ERFAHREN, WAS DAMALS GESCHEHEN IST.
Ich stand auf der Straße, vor dem Haus, beobachtete den Vater, der mit kleinen, vorsichtigen Schritten hin und her ging, ließ die Zeit zurückspringen, ein ganzes Jahrhundert zurück, dachte an jene, die in diesem Haus gelebt hatten, sah Amalia, wie ich sie von den Bildern her kannte, jung, resolut, lebenslustig und selbstbewußt, Tochter des Gastwirts und Erbpostmeisters aus Mürzhofen, die in ihrem Tagebuch gewissenhaft registrierte, wann sie Wäsche eingeweicht, Kleider zugeschnitten, Jacken genäht, Gemüse geerntet, wann sie Gäste empfangen, Besuche gemacht hat, wann sie mit den Kindern zur Kirche ging, wann sie geweint hatte und wann sie glücklich war, sah vier Kinder, drei Mädchen und einen Jungen, in einem von Ziegenböcken gezogenen Wägelchen sitzen, hörte die Kinder lachen, ließ die Zeit wieder vorwärtslaufen, das Leben dieser Kinder an mir vorbeiziehen, dachte daran, wie jedes von ihnen sein eigenes, ganz persönliches Unglück gehabt hatte.
Ich dachte daran, daß man Helene den Sohn genommen hatte, daß sie von Onkel Pepi, DER EIN GUTMÜTIGER MENSCH GEWESEN IST, aus dem Haus gejagt worden war.
Ich dachte an die schöne, unglückliche Marie, die zweitälteste der Töchter, die von einem im Haus arbeitenden Zimmermaler vergewaltigt worden war, sie mußte das Kind zur Welt bringen, es war ein Sohn, man brachte ihn sofort nach der Geburt zu fremden Leuten, für Marie war das Leben zu Ende, man war glücklich, als sich schließlich ein Mann dazu bereit erklärte, sie trotzdem zur Frau zu nehmen. Der Mann war Witwer, er war so alt wie Hermann, der Feilenfabriksdirektor, er hatte Krebs und hoffte auf Heilung im warmen Klima von Abbazia, Marie durfte ihn dorthin begleiten, Abbazia brachte jedoch, wie sich denken läßt, keine Linderung seiner Leiden, er starb wenige Jahre nach der Heirat, und Marie war wieder allein. Sie versuchte, ihrem verpfuschten Leben einen Sinn zu geben, pflegte Schwerkranke und die Kinder anderer Leute, während ihr eigener Sohn, den sie nicht sehen durfte, selbst krank war und mit sechzehn Jahren an Tuberkulose starb.
Wir besitzen eine Fotografie von Marie aus jener Zeit, große Augen in einem schmalen, immer noch schönen Gesicht, eine Schwesternhaube auf dem hochgekämmten Haar. IN TREUER LIEBE MIT EUCH VERBUNDEN WIRD SEIN UND BLEIBEN SR. MARIE.
Später trat sie in den Orden der Franziskanerinnen ein. Um für die Sünde zu büßen, die andere an ihr begangen hatten, soll sie die niedrigsten Arbeiten verrichtet haben. Beim Waschen der Steinfußböden in den Klostergängen im Winter zog sie sich ein Nierenleiden zu, an dem sie wenige Jahre später starb.
(Darüber nachdenken, von welchen Zufällen, Kleinigkeiten, unüberlegt getroffenen Entscheidungen ein Leben bestimmt wird, der Verlauf eines Lebens abhängt.
Wäre der Malergeselle damals nicht mit der jungen Marie alleingelassen worden, hätte Amalia, aber auch Hermann, der Feilenfabriksdirektor, hätten Maries Schwestern dem fremden Malergesellen nicht vertraut, wäre nur eines der anderen Familienmitglieder im Haus geblieben, hätte die Möglichkeit, dem Mädchen Marie GEWALT ANZUTUN, für den Malergesellen nicht bestanden, hätte Marie kein Kind geboren, hätte sie einen Mann ihrer Wahl heiraten können, wäre sie VIELLEICHT GLÜCKLICH GEWORDEN.
Hätten Amalia und Hermann anders entschieden, hätten sie den Sohn ihrer Tochter Marie nicht zu fremden Leuten gegeben, wäre er vielleicht ein gesunder, tüchtiger Mann geworden, hätte er vielleicht die Tuberkulose nicht bekommen, obwohl Tuberkulose damals sehr verbreitet gewesen ist. Vielleicht wäre er ein guter Schüler gewesen, vielleicht hätte man ihn zum Studium an die Bergakademie nach Leoben geschickt, vielleicht hätte er Überdurchschnittliches geleistet, vielleicht wäre er Feilenfabriksdirektor geworden.)
IN HOHENBERG KÖNNEN WIR JAUSNEN, sagte der Vater.
Wir fuhren nach Hohenberg hinüber, suchten den Gasthof DURST, fanden ihn unter anderem Namen, er hieß jetzt GASTHOF ZUM ROTEN HAHN.
Im Gasthof SINGER war ein SALETTL, sagte der Vater, IN DIESEM SALETTL WAR JEDE WOCHE JOUR FIXE, du kannst es im Tagebuch nachlesen.
Der Vater hätte gerne das Salettl gesehen, aber der Gasthof Singer war geschlossen. Die jetzige Besitzerin ist eine Wienerin, sagte der Wirt vom ROTEN HAHN, sie kommt erst gegen Weihnachten wieder. ZU WEIHNACHTEN KÖNNEN SIE DAS SALETTL SEHEN.
Vielleicht können wir von der Anhöhe hinter dem Gasthof Singer von rückwärts in den Garten und auf das Salettl hinunterschauen, sagte der Vater.
Hinter der Kirche führte ein sehr schmaler Weg auf die Anhöhe hinauf, aber er war steil und steinig. Der Vater versuchte einige Schritte, gab dann auf, wagte sich nicht weiter vor, aber auch nicht zurück. Ich bleibe hier stehen, sagte er, geh du allein weiter und sage mir dann, was du gesehen hast.
Ich wollte ihm nicht sagen, daß mir das Salettl, in dem die Urgroßmutter ihren Jour fixe gehalten hatte, eigentlich gleichgültig war, kletterte ein Stück weiter hinauf, blickte immer wieder zurück, fürchtete, der Vater könnte abrutschen, fallen, sich weh tun, am Ende den Fuß brechen, wagte es nicht, ohne das Salettl gesehen zu haben, umzukehren, sah schließlich wirklich von weitem einen geschnitzten hölzernen Giebel zwischen den Bäumen eines Gartens, aber nicht mehr, der Rest war von den Baumwipfeln verdeckt, mehr als der Giebel war nicht zu erkennen. Ich kehrte um, ging zum Vater zurück, der immer noch auf dem schmalen Weg stand und auf mich wartete.
Es hat keinen Sinn, sagte ich, man sieht nur den Giebel. Wir werden gegen Weihnachten einmal herfahren, wenn der Gasthof geöffnet ist.
Wer weiß, was zu Weihnachten ist, sagte der Vater.
5
Hinhören, wenn die Altgewordenen sich erinnern.
Wir hatten einen Alabasterschirm, sagt die Mutter, in den war eine Frauengestalt mit wehendem Gewand eingraviert. Den Schirm hat man vor eine Kerze gestellt, und dann hat er ein gedämpftes Licht verbreitet, es hat ausgesehen, als ob das Gewand der Frau sich bewegt hätte, wenn die Kerzenflamme geflackert hat.
Nein, sagt die Schwester der Mutter, es war keine Kerze, es war ein Petroleumlicht.
Wir, sagt der Vater, hatten auch so einen Schirm, aber er bestand aus vier zylindrisch aneinandergefügten Alabasterplatten, so daß das Licht von allen vier Seiten eingeschlossen war, er war auch nicht graviert, die Bilder waren erhaben.
Du hast recht, sagt die Mutter, nicht graviert, wenn man mit dem Finger darübergestrichen hat, hat man die Rundungen gespürt.
Ja, sagt der Vater, RELIEFS waren es.
Nachts hat immer ein Öllicht gebrannt, ein Nachtlicht, das war ein Glas mit Öl, in dem Öl ist ein Schwimmer mit einem Docht geschwommen, es war ein ganz schwaches, sanftes Licht.
Man konnte ja auch, wenn man einmal aufstehen mußte, nicht einfach den Lichtschalter andrehen, es gab ja auch noch keine Lichtschalter, es war nicht so einfach, Licht zu machen, deswegen hat das Nachtlicht gebrannt.
Ich erinnere mich genau, sagt die Mutter, einmal bin ich abends beim Tisch gesessen und die Petroleumlampe hat gebrannt, ich habe meine Schulaufgaben gemacht, da hat mir die Mutter über das Haar gestrichen und hat gesagt: Morgen haben wir schon elektrisches Licht.
Sich vorstellen, daß die Altgewordenen Kinder gewesen sind, die kleinen Köpfe über Schulhefte gebeugt, die Finger krampfhaft den Federstiel oder den Bleistift haltend, die ersten Buchstaben mit einem Kreidegriffel auf die schwarze Schiefertafel malend, bei Petroleumlicht, zwei mal zwei ist vier, fünf mal drei ist fünfzehn, man weiß nicht, was aus ihnen werden wird, aber wir, die später Geborenen, wissen, was ihnen widerfahren ist.
Noch hält die Postkutsche, schwarzgelb gestrichen, mittags gegen ein Uhr vor dem Herrenhaus in Furthof, noch bläst der Postfranzl seine Melodien auf dem Posthorn, sind auf den Straßen zweispännig, vierspännig, von Pferden gezogene Wagen unterwegs, aber schon sitzen irgendwo Herren mit schwarzen Halbzylindern oder mit weißleinenen Schirmkappen in hochrädrigen Benzinkutschen, noch nimmt das Postfräulein Helene täglich den Postsack vom Postillion in Empfang, aber bei Siemens und Halske bastelt man schon an der Herstellung eines Tasten-Schnelltelegraphen, noch staunen die Menschen mit verdrehten Hälsen dem riesigen lenkbaren Luftschiff des Grafen Zeppelin nach, aber die Brüder Wright unternehmen bereits, als Verrückte bestaunt und begafft, ihre waghalsigen, selbstmörderischen Flüge in ihren selbstgebastelten Motorflugapparaten. Noch schreiben die Kinder ihr zwei mal zwei ist vier beim Schein der Petroleumlampe aufs Papier, aber Marie und Pierre Curie ist die Entdeckung der Radioaktivität gelungen. Noch flackern Kerzen hinter Alabasterschirmen, verbreiten Öllämpchen in Kinderschlafzimmern sanftes Licht, aber ein neues Zeitalter der Technik und der Chemie hat bereits begonnen, wir, die viel später Geborenen, wissen noch nicht, was daraus werden wird.
Sich vorstellen, daß das Kind, das der Vater werden wird, in einem von Gaslicht erhellten Treppenhaus steht, an der Hand seiner Mutter Friederike, der jüngsten Tochter des Feilenfabriksdirektors, daß der Sarg mit dem toten Großvater an ihm vorbeigetragen wird. Alt geworden, wird sich der Vater an die bogenförmigen Gasflammen im Treppenhaus erinnern.
Das Kind am Fenster der Brünner Wohnung stehen, auf die Geleise der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn hinunterschauen sehen. DIE EIN- UND AUSFAHRENDEN ZÜGE MIT IHREN QUALMENDEN LOKOMOTIVEN ZOGEN MICH AUSSERORDENTLICH AN.
Das Kind, sonntäglich herausgeputzt, mit vor Aufregung roten Wangen im Brünner Stadttheater, neben der Mutter Friederike sitzend, EINE NACHMITTAGSVORSTELLUNG DER OPERETTE PRINZ METHUSALEM VON JOHANN STRAUSS WAR MEIN ERSTES THEATERERLEBNIS. Dieses Kind auf dem eisernen Aussichtsbalkon oberhalb der Mazochaschlucht stehen sehen, erschrocken und fasziniert in die grausige Tiefe blikkend, sich am eisernen Geländer festhaltend. IN DER SOGENANNTEN MÄHRISCHEN SCHWEIZ, UNWEIT VON BRÜNN, KLAFFT EIN ETWA 140 METER TIEFER ABGRUND MIT SCHROFFEN KALKSTEINWÄNDEN UND EINEM WASSERSPIEGEL AM GRUNDE, DER VON DEM FLUSS PUNKWA GESPEIST WIRD.
Alt geworden, wird sich der Vater erinnern, wie sich sein Vater Adalbert für ihn eigens neben das Schwungrad der Lokomotive eines der Prager Schnellzüge stellte, das ihn um ein gutes Stück überragte.
Er wird sich an den schwarzen Landauer erinnern, der vor dem Bahnhofsgebäude in der nordmährischen Kleinstadt Zwittau wartete und ihn mit den Eltern nach Mährisch-Trübau brachte, das 18 Kilometer entfernt von der Hauptstrecke lag.
Die Zeit noch einmal zurückdrehen, zurückspringen lassen. Die Julisonne aufgehen lassen über Furthof, ein schöner Tag, ein sonniger Tag, Amalia hat es in ihrem Tagebuch aufgeschrieben:
(27. Juli 1892, früh aufgestanden, sehr schöner Tag gewesen. Für Friederike den Koffer gepackt.)
Amalia holt den mit Leinen bespannten Koffer vom Dachboden, staubt ihn sorgfältig ab, legt mit Spitzen besetzte Unterwäsche aus Leinen hinein, gestrickte Strümpfe aus Leinen- oder Baumwollgarn, raschelnde Unterröcke, sie holt das tags zuvor gewaschene weiße Batistkleid der jüngsten Tochter aus dem Wäschekorb, besprengt es mit Wasser, erhitzt am Küchenherd den Stahl des Bügeleisens, prüft mit der Spitze des befeuchteten Zeigefingers die Bügelfläche, horcht dem Zischen nach, greift nach dem eingerollten Batistkleid, legt es auf den Bügeltisch, bügelt die Volants, die mit Spitzen besetzten bauschigen Ärmel, die übrigen Teile des Kleides,
(Friederike ihr weißes Batistkleid gebügelt)
geht an den Schrank, holt ein blaues Leinenkleid heraus, setzt sich damit zum Tisch, trennt mit der Schere den Saum des Kleides auf, bügelt den Saum mit dem Bügeleisen, heftet den aufgetrennten, gebügelten Saum neu um, näht ihn mit kleinen Stichen fest,
(Friederike ihr blaues Leinenkleid länger gemacht)
holt weitere Kleider, Jacken, Blusen, Röcke aus dem Schrank, näht hier eine Schlaufe fest, bessert dort einige Stiche aus, näht, besprengt mit Wasser, bügelt, faltet zusammen, packt den Koffer für ihre jüngste Tochter, die von der mit Hermann und Amalie befreundeten Familie des Gutsverwalters und Alaunbergwerksdirektors Ferdinand Weinkopf nach Drnowitz in Mähren eingeladen worden ist.
(Brief von Weinkopf gekommen, Friederike nach Drnowitz eingeladen, große Freude gehabt.
Vormittags viel geplagt, nachmittags mit dem Packen fertiggeworden, Telegramm an Weinkopfs geschickt.
29. Juli 1892, Vater und ich Friederike zum Bahnhof gebracht.
3. August 1892, Brief von Friederike gekommen, ist gut in Drnowitz angekommen.)
Drnowitz oder Drnovice liegt südlich von Eiwanowitz oder lvanovice, östlich von Račice, westlich von Wischau, das heute Viškov heißt. Nordöstlich von Drnowitz liegt Boskowitz oder Boscovice. Aus Boskowitz kam Adalbert, der Sohn des Färbermeisters Josef, nach Drnowitz, er war inzwischen Tierarzt geworden, vielleicht hatte man ihn gerufen, um nach einer erkrankten Kuh, einer Zuchtsau, einem Pferd zu sehen, vielleicht quälte sich eine Stute mit der Geburt eines Fohlens ab, vielleicht lahmte das Lieblingsreitpferd des Alaunbergwerkdirektors, Adalbert kam, sah, diagnostizierte, kurierte, sah aber nicht nur die Kuh, die Zuchtsau, das Reitpferd, er sah auch Friederike aus Furthof bei Lilienfeld, sie war gerade sechzehn Jahre alt geworden, sie trug das dichte hellbraune Haar zu dicken Zöpfen geflochten, auf der Fotografie, die aus der ovalen Aussparung im vergilbten Karton des Albums blickt, fallen ihr kleine Löckchen in die glatte Stirn. Adalbert war beinahe doppelt so alt wie Friederike, er sah die Zöpfe, die Löckchen, verliebte sich in das Mädchen, in seine durch mütterlichen Einfluß leicht steirisch gefärbte niederösterreichische Aussprache, in seine Zwielaute, Umlaute, Vokale, verliebte sich überhaupt in Friederike, fuhr bald darauf nach Furthof, kam wahrscheinlich in Furthof mittags gegen ein Uhr mit der Postkutsche an. Der Postfranzl blies auf seinem Horn, das Postfräulein Helene kam aus dem Herrenhaus, nahm die Post entgegen, blickte erstaunt nach Adalbert hin, Adalbert fragte nach Friederike, fragte nach Hermann, dem Feilenfabriksdirektor, wurde von Helene ins Haus gebracht.
Noch im gleichen Jahr verlobten sich Adalbert und Friederike, zu Beginn des folgenden Jahres fand die Verlobung der älteren Schwester, Helene, mit jenem Mann statt, der später ONKEL PEPI hieß.
In Amalias Tagebuch sind beide Ereignisse eingetragen:
(12. Dezember 1892, sehr schöner Tag, kam Adalbert um Friederike anhalten, haben einen guten Karpfen gehabt, schön gespeist. Adalbert sehr lieber Kerl.
14. Dezember, Schnee und Regen, Adalberts und Fritzerls Verlobung gefeiert.
16. Dezember, Schneegestöber, mit Friederike nach Lilienfeld gefahren, Spitzen einkaufen. Verlobungskarten ausgeschickt. Abends Jägerunterhaltung im Salettl, sehr gut unterhalten.
6. Mai 1893, ziemlich schön, an Fritzerl ihrem blauen Kleid genäht, hergerichtet für den Abend, Vater nach Lilienfeld gefahren, nachmittags wieder zurückgekommen, abends Verlobung Helene und Pepi gefeiert.
15. Mai, Regen, entsetzlicher Kot, Wäsche eingeweicht, Verlobungskarten geschrieben. Abends mit Vater zu Durst gegangen, Kegel geschoben, dann ins Salettl gegangen bis % 12 Uhr. Prächtig unterhalten.)
In Amalias Tagebuch ist auch festgehalten, was in der Zeit nach der Verlobung der Töchter für sie neben der täglichen Hausarbeit noch zu tun gewesen ist:
(Kleider und Blusen für Helene und Fritzerl zugeschnitten, fleißig genäht.
Fleißig gestickt.
Fleißig die Rosakleider für Mädeln fertiggemacht.
Sehr müde gewesen, zeitlich schlafen gegangen. Fritzl ihre Hosen, Nachtkorsetten und Unterröcke zugeschnitten. In Lilienfeld gewesen, Spitzen eingekauft, Nachtkorsetten fertiggemacht.
Polsterziechen genäht.
Duchetziechen gemacht.
Fleißig genäht bei Fritzi und Lenerl ihre Sachen.
Mäderln ihre Hochzeitskleider zugeschnitten, bis abends genäht, sehr müde.
Endlich die Wäsche von die Mäderln fertigbekommen.)
Amalia, die tüchtige Gastwirtstochter aus Mürzhofen, hat nicht nur jedes Kleidungsstück für ihre Töchter selbst zugeschnitten, geheftet, Stich für Stich mit eigener Hand fertiggestellt, sie hat das gleiche mit jedem Wäschestück getan, das die Töchter als Heiratsgut mitbekamen, sie hat diese Wäschestücke mit gestickten Monogrammen versehen, sie hat die Brautkleider der Töchter genäht. Nebenbei hat sie gekocht, gebacken, Wäsche gewaschen, in den Garten zum Trocknen gebracht, gebügelt, in die Schränke gelegt, sie hat ihren Garten bestellt,
(Knoblauch, Zwiferl, Petersil und gelbe Rüben gesetzt, Kartoffeln gelegt, Kohlrüben, Karfiol, Kraut und Kohl gepflanzt, gehackt, gejätet, geerntet, gedüngt, Karfiol ausgeschnitten, Kartoffeln ausgenommen, Blumen gesetzt und gepflegt, Rosen geschnitten)
sie hat Fische gesotten, Kletzenbrot gebacken, die Bücher TROTZKOPFS BRAUTZEIT und GOLDELSE gelesen, sie hat Jour fixe im Salettl gehalten, im Gasthof Durst Kegel geschoben, im Gasthof Singer gejodelt und Pilsner Bier getrunken, sie hat auf der Brennalm getanzt (Große Brennalm-Partie, 15 Personen, Feuerwerk abgebrannt, Musik, sehr lustig gewesen), sie ist mit Hermann nach Mariazell gefahren, auf die Bürgeralpe gegangen, hat Verwandte in Wien besucht, ist in den Prater gefahren, ins Theater und in die Oper gegangen.
Sie hat, ganz heimlich und nebenbei, ihr Geheimnis gehabt.
(Brief von S. bekommen.
Geantwortet.
Kummer gehabt. Viel geweint.
Großer Verdruß mit Hermann, ist mir sehr schwer gewesen.
Brief geschrieben.
Sehr schwerer Abschied von S.)
Friederike und Adalbert wurden zwei Jahre nach ihrer Verlobung in der Stiftskirche von Lilienfeld vom Abt persönlich getraut. Friederike verließ ihre HEIMAT Furthof und folgte Adalbert nach Boskowitz, später nach Brünn, wenige Jahre nachher wurde Adalbert in die nordmährische Kleinstadt Mährisch-Trübau versetzt.
WIR SOLLTEN EINMAL NACH MÄHRISCH-TRÜBAU FAHREN, sagte ich zum Vater.
Obwohl der Vater in Boskowitz geboren wurde und in Brünn die ersten Jahre seiner Kindheit verlebt hat, ist ihm Mährisch-Trübau HEIMAT gewesen.
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