Kitabı oku: «Verschwunden in Deutschland»

Yazı tipi:

Imke Müller-Hellmann

Verschwunden in Deutschland

Lebensgeschichten von KZ-Opfern

Auf Spurensuche durch Europa

Saga

Ebook-Kolophon

Imke Müller-Hellmann: Verschwunden in Deutschland. © 2014 Imke Müller-Hellmann. Alle Rechte der deutschen Ausgabe © Osburg Verlag Hamburg [2015] www.osburg-verlag.de. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.

ISBN: 9788711449301

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

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Engerhafe

Mein Urgroßvater hieß Detmer Ihnen Detmers. Er war ein Bauunternehmer, der Häuser baute und Särge, und er kam aus Münkeboe in Ostfriesland. Er ist 81 Jahre alt geworden und dann, 1959, an Blasenkrebs gestorben. Begraben wurde er auf dem Friedhof in Münkeboe und man gab ihm einen Grabstein mit seinem Namen. Im selben Grab liegen die sterblichen Überreste sechs weiterer Menschen, Menschen, die noch Kinder oder schon Frauen waren, als sie starben, ihre Namen stehen nicht auf dem Grabstein. Es waren seine beiden Frauen Elsche Detmers, geborene Henning, die jung an Tuberkulose erkrankte, und seine zweite Frau Auguste Detmers, geborene Siekmann, die als Diakonissin seine erste Frau in ihrer Krankheit und ihrem Sterben gepflegt hatte. Auguste wiederum starb mit 67 Jahren an den Folgen eines Unfalls, bei dem Detmer Ihnen im Garten von einem Baum gestürzt und auf sie gefallen war. Drei Kinder von Detmer und eine Enkelin mussten auch noch vor ihm in das Grab, das seinen Namen trägt: drei Söhne, die er alle Ihne genannt hatte, und von denen keiner die ersten Jahre überlebte, und eine Tochter meiner Oma, die tot zur Welt kam, sie blieb ganz ohne Namen.

In dem Haus mit dem Garten, wo mein Urgroßvater auf meine Urgroßmutter fiel, ist meine Großmutter zur Welt gekommen. Am 28. März 1917 erblickte sie das Licht Ostfrieslands, ein Flecken Land zwischen Ems und Jade, flach und weit mit schrägen Bäumen und geraden Windmühlen, die dem Wind trotzen, der beständig vom Meer herüberweht. Das Land gehört zu den Wolken und den Kühen und die gehören zu den Bauernhöfen mit den tief gezogenen Dächern und die wiederum zu den Menschen mit den Holzclogs, die eine eigene Sprache haben und gerne Tee trinken, genau genommen 2,5 Kilo pro Kopf und Jahr, das ist zehnmal so viel wie hinter den Mooren, weiter südlich in Deutschland.

Als die Moore im Süden und das Meer im Norden dieses Stück Land noch gut umschlossen, hatte erst Radbod das Sagen, der großfriesische König. Nach dem kam Karl der Große und mit ihm der christliche Glaube, den Luidger und Willehad verbreiteten. Dann kamen die Redjeven, die Rechtsprecher und Ratsmänner, dann die Hovedlinge, die Häuptlinge, dann die Grafen, die Fürsten, die Preußen, schließlich Kaiser Wilhelm II. und dann der Führer.

Als meine Großmutter in diesem Stück Land ins Leben eintrat und noch nicht verstrickt war in die politischen Ereignisse und noch keinen Bluthochdruck hatte von 2,5 Kilo Schwarztee im Jahr, waren Lüdde, Anni und Minni schon da. Besagte Auguste Detmers, geborene Siekmann, ehemalige Diakonissin, kam also doch zu dem eigentlich in ihrem Leben nicht vorgesehenen Zustand, meine Großmutter Elli, die nach der ersten Frau ihres Vaters Elsche genannt worden war, aus ihrem Körper zu pressen. Es wurde in der Familie üblich, kürzlich Verstorbene aus den eigenen Reihen durch die Weitergabe ihrer Namen an Neugeborene in Erinnerung zu behalten und sie so zu ersetzen. Nun hatte Detmer also wieder eine Elli.

Elli heiratete Adolf Janssen Müller. Adolf war auch das Kind einer zweiten Frau. Diese war Altje Müller, die ihren unehelichen Sohn Klaas in die Ehe mit Johann Müller brachte, der wiederum schon vier Kinder aus erster Ehe hatte: Johann, Bole, Herti und Hima. Altje und Johann bekamen noch einmal fünf Kinder zusammen: Johanna, Maria, Adolf, Okkeline und Etta. Altje war sich sicher, dass Adolf auch eine Tochter werden würde und wollte diese nach sich selber benennen, aber es wurde ein Sohn und aus dem Namen Altje wurde der Name Adolf. Das war 1914.

30 Jahre später kam mein Vater zur Welt, sie haben ihn auch Adolf genannt, das war 1944. Adolf Detmer. Sein Vater Adolf Janssen war im Krieg an der Ostfront und so hatte Elli wieder einen Adolf. Adolfs Kinder fanden diesen Namen in unterschiedlichem Ausmaße merkwürdig bis unangenehm, Adolf selber nicht. Dieser Name stehe für seinen Vater und nicht für ihren Führer, so erklärte er, und das erklärte er auch in der Zeit, 25 Jahre nach seiner Geburt, in der strukturelle Parallelen zwischen Vätern und Führern in seiner Generation vermehrt diskutiert wurden. Adolf jedoch wohnte diesen Gesprächen nicht bei und so blieb ihm das gute Gefühl zu seinem Namen erhalten.

Zwischen 1940 und 1948 lebte meine Großmutter in Engerhafe, einem kleinen Ort am westlichen Rand der ostfriesischen Geest der Gemeinde Südbrookmerland. Dort hatte der Häuptling Keno tom Brok seinen Sitz auf einer Burg ganz in der Nähe gehabt. Sein Sohn Ocko tom Brok dehnte seine Macht auf beinahe ganz Ostfriesland aus, aber das gefiel den freiheitsliebenden Ostfriesen nicht, und auch nicht den konkurrierenden Häuptlingen, und so kam es unter Häuptling Focko Ukena am 28. Oktober zur »Letzten Schlacht auf den Wilden Äckern«. Das war 1427. 506 Jahre später hatten die Ostfriesen, und nicht nur die, wieder einen Häuptling, mit einem anderen Namen, jetzt sagte man »Führer«. Dieser befahl am 28. August 1944 den Bau des »Friesenwalls«, der die gesamte Nordseeküste in zwei Stellungen gegen eine befürchtete Invasion schützen sollte. Geplant waren Wälle an der Küste, Unterstände direkt am Seedeich, und Kanonenstände und Panzergräben im Hinterland. Die Panzergräben sollten oben vier bis fünf Meter breit werden und an der Sohle 50 Zentimeter. Und sie sollten bis zu drei Meter tief in die Erde gegraben werden.

Elli lebte an diesem 28. August 1944 an der Ostseite der Kirche, ein wenig links, wenn man abgebogen ist. Es ist eine alte Kirche, eine einschiffige, hoch aufragende Anlage aus dem 13. Jahrhundert, die auch schon der »Schlacht auf den Wilden Äckern« gleichmütig zugesehen hatte. An der Nordseite der Kirche, über die Straße hinweg, im Gelände des Pfarrgartens, wurde von Oktober bis Dezember 1944 ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme errichtet, ein oder zwei Steinwürfe von dem Haus an der Ostseite entfernt. 2200 Männer wurden in fünf unbeheizten Baracken zusammengepfercht, in denen lediglich die dreistöckigen Betten Platz hatten, die sich jeweils zwei bis drei Männer pro Strohsack teilten. Die notdürftig bekleideten und ausgehungerten Häftlinge mussten den Zaun ziehen, der sie einsperrte, und die Wachtürme bauen, mit denen man sie bewachte. Dann marschierten sie jeden Morgen um sechs zum Bahnhof Georgsheil, fuhren in Güterwagen nach Aurich und liefen durch Aurich hindurch zur Arbeitsstelle. Dort gruben sie die bis zu drei Meter tiefen Gräben in den nassen Kleiboden, standen stundenlang bis zu den Knien im Wasser, waren Regen, Schneeregen und Sturmböen in ihren zerrissenen Lumpen ausgesetzt. Wer zusammenbrach, wurde geschlagen, bis er weitermachte oder nicht mehr weitermachte. Auf dem abendlichen Rückmarsch mussten die Überlebenden ihre toten und halbtoten Kameraden mitschleppen. Weil sie selber keine Kraft mehr hatten, zogen sie die ausgemergelten Körper an den Füßen hinter sich her, sodass die Köpfe immer wieder auf das Pflaster schlugen. Die Lumpen rutschten dabei über die Gesichter und verbargen die verhungerten Körper nicht mehr.

Das hatte meine Großmutter gesehen, diesen Treck hatte sie gesehen und nie mehr vergessen, davon hat sie immer wieder erzählt.

Bald gingen die Bewohner aus Engerhafe schnell ins Haus, wenn sie die Holzschuhe auf der Straße hörten, die Bewohner in Aurich auch. Sie ertrugen es nicht, diesen Anblick und den Gestank.

Elli hatte ein Baby und ein Kleinkind, einen Mann an der Front und eine Tochter im Grab. Rückenschmerzen vom Torfabbauen als Kind, Bluthochdruck und rote Augen beim Weinen. Und Angst. Ein Fahrrad mit Lumpen um die Felgen, den Glauben an den Herrgott, den Glauben an die deutsche Nation. Einen kleinen Adolf, wenn der große nicht wiederkam, und die Überzeugung, dass es der andere Adolf schon richten wird, irgendwie.

188 Männer haben die zwei Monate im KZ Engerhafe nicht überlebt. 68 Polen, 47 Niederländer, 21 Letten, 17 Franzosen, neun Russen, acht Litauer, fünf Deutsche, vier Esten, drei Belgier, zwei Italiener, ein Slowene, ein Däne, ein Spanier, ein Tscheche. Die ersten zehn wurden in fünf Holzkisten beerdigt, die darauf Folgenden nur noch mit Dachpappe und Draht umwickelt und die Übrigen in Papiersäcken oder völlig nackt verscharrt. Die Ersten lagen einen Meter tief, die Letzten nur noch 40 Zentimeter. Anfangs schmückte ein deutscher Wachmann die Gräber, mit kleinen Holzkreuzen, die er selber angefertigt hatte. Das wurde ihm untersagt. Dann gab es auch keine einzelnen Gräber mehr, nur noch Massengräber. Zwei Tage nachdem der Letzte neben der Kirche verscharrt worden war, feierte Elli dort Weihnachten und der kleine Johann, ihr erster Sohn, hörte die Frage »Mensch, wo gehst du hin?«, die der Pfarrer mehrfach in die Kirche gerufen hatte, und rief genervt zurück: »Wo gehst du denn hin?« Die 2000 Häftlinge wurden zurück nach Neuengamme gebracht. Dort oder auf den »Todesmärschen«, zu denen sie am Ende des Krieges gezwungen wurden, um die KZs zu vertuschen, oder in der Ostsee auf den Dampfern Cap Arcona und Thielbek nahm man ihnen ihr Leben.

Adolf Janssen kam doch noch zurück. Eine Verwundung rettete ihn. Elli und Adolf lebten mit Johann, Adolf und Auguste in Engerhafe und dann in Emden. Alle drei Kinder kehrten Ostfriesland später den Rücken zu. Elli blieb und Gräber blieben und Namen. Adolf Janssen starb am 9. Juli 1978 an Magenkrebs, Ellis Bruder Lüdde starb 1979, Minni 1988 und Anni 2001.

2005 stand Elli 88-jährig, schief und mit Stock, mit ihrer Enkeltochter auf dem Friedhof in Engerhafe. Sie ging nicht mit hinein in die kleine Anlage, die mit Buchsbaum abgetrennt ist. In der Mitte war eine Hecke in Kreuzesform.

Elli blieb draußen und schaute in den Abendhimmel. Die Enkelin las die Namen.

Bertulis Veinsberg, Gerrit Paul Edzes, Chaiw Jorkelski, Anton Skuda, Raymond Hermel, Josef Nowak, Israel Kowalis, Jan Michalski, Konstantin Spirikow.

Und Elli wartete.

Turis Krimus, Juri Lüü, Johannes Murs, Antoni Klosinski, Henry Eppler Sørensen, Isaak Kukies, Ignatz Velionaks, Eugenjusz Dzerner, Hirsch Kagan.

Und Elli sagte: Gib mir die Autoschlüssel, ich kann nicht mehr stehen.

Eugenjusz Nowinski, Kārlis Helfers, Maks Mateski, Dirk Dorland, Saul Izer, Karls Lanowsnis, Albin Chmielewski.

Und Elli nahm die Autoschlüssel.

Und ging.

Edward Gregorek, Cornelis van Drie, Stefan Szanawski, Badislaw Jenarcik, Roger Levy, Kazimierz Milczarek, Alphons Derknideren, Roman Wyganowski, Josef Ambroziak, Israel Meierowitsch, Peteris Avotnisch, Wladislaw Stepien, Akim Fiodorow, Tadeusz Blazejewski, Sebastien Kinberg, Andries Schipper, Wladislaw Capanda, Edward Prus, Daniel Weijs, Hendrik Olofsen, Augusts Sniedze, Janis Musikants, Witold Pyrek, Kasimir Kieszskowski, Johann van Wijngaarden, Tomasz Edward Gruca, Witold Jerzy Rzadkowski, Jerzy Dybowski, Jazeps Stankewitsch, Tadeusz Sassek, Henryk Godlewski, Arie Kiesling, Jacob Lodewijk Hamming, Marten de Vries, Janis Camans, Jaamis Kwiesis, Nicolas Boyard, Antonio Messarotti, Omer Marechal, Johannes Flapper, Siemions Valtins, Peter Josephus Vranken, Otto van Noggeren, Louis Raymond Bouchet, Lambertus Schuitema, André Albert Coste, Jozef Wozniak, Theo Stok, Feiwa Cosne, René Levij, Ladislaus Jasinski, Manuel Canto Guerrero, Leon Wojciechowski, Willem Petersen, Adrien Bessas, Heinrich Rieck, Josef Abramowitsch, Hendrik Vermeulen, Louis Marie L. Arband, Hendrikus Muldery, Elmars Stumbergs, Willem Klaassen, Lammert Wever, Josef Tewzak, Leon Kalaruch, Felix Wieclaw, Willem Heine, Rients Westra, Bronislaw Waleka, Edward Bogacki, Jan Elibert van der Helden, Israel Smorgonski, Rudolf Sejkora, Timofej Salij, Michel Malerzyty, Henryk Laszkiewics, David Koton, Solomon Kulkes, Owsicj Prusak, Vladislaus Vilecoskis, Sander de Beun, Witold Piotrowski, Fiodors Strogonows, Stanislaw Golaszewski, Dirk Zuidam, Georges Richemond, Peter Verbeek, Gustaaf Baccauw, Harald Cimsetis, Virgilis Carniel, Bronislaw Krol, Aart van Someren, Konstantin Kujawski, Janis Skutuls, Oscher Levin, Janusz Magierza, Geurt van Beek, Pansili Jurjew, Maarten ter Vrugte, Leendert Serier, Cornelius Bak, Louis André Guiot, Willem van de Pol, Adolf Sientniks, Nikolay Wlassow, Johann Dracht, Tadeusz Skrzypezak, Jan Wisniewski, Georges Charles Raillard, Theodors Baumanis, Mieczyslaw Tcharzewski, Matwey Sklas, Michel Kultis, Arwed Wikard, Ottis Witola, Michel Grange, Josef Lyakowski, Henryk Lukasik, Miecyslaw Lebroda, Frederik Kroeze, Henriyk Krysiek, Gustave Weppe, August Chlebek, Claas de Vries, Eduard Randberg, Leyba Brenner, Jakob de Graaf, Stanislaw Mastaleiz, Jan Skrzeczyna, Louis Vincent, Herbert Strobel, Cornelius de Roij, Roger Edmond Peres, Henricus Rutgers, Johannes Gortzak, Wladislaw Golaszewski, Bronislaw Miesiel, Aleksander Taraneks, Reijer Kleyer, Wladislaw Tchorek, Johann Meyboom, Jan Hoefmann, Roman Rulkowski, Eugeniusz Weijcmann, Ewald Neumann, Franc Sovdat, Jan Dawidowski, Jakob van Etten, Jan Klasztozny, Gijsbert van den Top, Adriane Mandel, Arkady Lardrow, Erich Siebert, Wladimir Dmytrow, Pieter van der Weij, Stanislaw Pietrzyk, Afanasi Dimitriew, Gerrit Hellendorn, Elgasz Chajes, Stanislaw Sawicki, Creslew Ochmann, René Godelier und Joseph Denoyette.1

Neuengamme

Neuengamme liegt am Ostrand der Stadt Hamburg an einem Nebenarm der Elbe. Der Zug braucht vom Hauptbahnhof bis Bergedorf zehn Minuten und von da ab fährt ein Bus. Er überquert eine Autobahnbrücke und dann beginnen die Wiesen, von Kanälen durchzogen, die unter einem weiten Himmel liegen, der hellblau ist heute, ohne Wolken.

Der Bus passiert eine Flussbrücke und erreicht das Dorf, das beschaulich wirkt. Links und rechts alte Bauernhöfe, reetgedeckt, grüne Fensterläden, Jahreszahlen und Segenswünsche über den Türen. Gewächshäuser stehen in zweiter Reihe und der Bus überholt einen Traktor, der dafür rechts ranfahren muss. Hinter dem Dorf liegen Äcker, aufgebrochene Erde, grobe Schollen, und am Horizont stehen Windräder, fünf oder sechs an der Zahl, und nur das Windrad ganz rechts dreht sich langsam.

Ich sitze allein im Bus und für einen Tag Anfang März ist es außergewöhnlich warm. Ich krempele die Ärmel des Pullovers hoch und dann sehe ich die langgezogenen Klinkergebäude am Ende des Feldes. Kälte kriecht mir den Rücken hinauf und packt im Nacken fest zu; noch nie habe ich die Gebäude eines ehemaligen KZs besucht. Der Bus biegt ab und hält, ich blicke geradeaus, die Fahrerin dreht sich um. Ob ich nicht zur Gedenkstätte wollte, fragt sie mich, sie hat die Sonnenbrille abgenommen und blickt mich misstrauisch an. Ich nicke, sie macht die Türen auf, ich greife den Rucksack und stehe draußen.

Das Gelände ist groß. Zwei lange Gebäude stehen sich gegenüber und zwischen ihnen sind die einstigen Häftlingsblocks angedeutet: Aufgeschichtete Steine, handhoch, die von niedrigen Zäunen eingefasst sind. Es ist ein weiter Platz und es ist still. Ich setze mich auf eine Stufe, in der Ferne sind die Rufe einer Schar Kraniche zu hören, die Richtung Nordosten ziehen, sehr weit oben. Ein Übersichtsplan zeigt die Lage der ehemaligen Produktionsstätten der Zwangsarbeit: Klinkerwerk und Rüstungshallen, den Stichkanal und das Hafenbecken, dazu SS-Hauptwache und -garagen. Eingezeichnet sind auch die Fundamentreste des Arrestbunkers, ein Mahnmal und das Haus des Gedenkens.

Ich laufe über den Platz, betrete ein Klinkergebäude, »Ehemaliger Waschraum«, steht auf dem Schild an der ersten Tür, der Gang ist lang und alle Fenster stehen weit auf, ein Sommertag mitten im März, ich bin die einzige Besucherin heute. »Da lang«, sagt der Mann im Eingangsbereich und streckt müde einen Arm in eine Richtung aus. Ich laufe an nachgebauten Stockbetten vorbei, an gestreifter Häftlingskleidung und an Bildern, die Szenen des Lageralltags zeigen, die Inhaftierte gemalt haben. Auf großen Stoffbahnen sind Zitate aus Briefen oder Interviews von ehemaligen Häftlingen zu lesen: »Harret die Weile noch aus, bald ist der Kreis wieder rund und der Mensch wieder gut«, zitiert Reinhold Meyer, ein Mitglied des Hamburger Zweigs der »Weißen Rose«, in seinem letzten Brief den Dichter Martin Beheim-Schwarzbach. Auf Tischen liegen kleine rote Ordner, die Einzelbiografien erzählen, lachende und ernste Gesichter schauen von den Umschlagdeckeln. Die Wände der Räume sind weiß, der Boden beige und die Fenster sind ebenso weiß. Ich überfliege die Bilder und Zahlen, auf großen Plakaten wird die Geschichte des Lagers erzählt.

Das KZ wurde 1938 als Außenlager des KZs Sachsenhausen errichtet, 1940 wurde es eigenständig. Das SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH kaufte das 50 Hektar große Gelände mit der stillgelegten Ziegelei der Stadt Hamburg ab und die Stadt unterschrieb einen Vertrag über 20 Millionen Ziegel im Jahr für neue Prachtbauten am Ufer der Elbe.

1938 waren es 100 Häftlinge und 1940 knapp 3000, am Ende des Jahres waren 430 von ihnen tot. Die Häftlinge bauten das Lager, gruben einen Stichkanal zum Elbseitenarm, bauten Ton in den Gruben ab und brannten die Klinkersteine.

1941 kamen für die Arbeit 1002 Häftlinge aus Auschwitz, später dann belgische und niederländische Widerständler und Kommunisten, die schnell verstarben, »Vernichtung durch Arbeit« nannten die Nationalsozialisten das. 1000 sowjetische Kriegsgefangene wurden in separate Baracken gesperrt, sie arbeiteten nicht, sie verhungerten.

Anfang 1942 kam es zu einer Epidemie, der 1000 Menschen erlagen, und dann wurde das »SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt« eingerichtet, das nun darauf drängte, dass die Inhaftierten nicht allzu früh sterben sollten, weil die KZs von wirtschaftlicher Bedeutung seien. Die Häftlinge bekamen mehr Nahrung und mussten Motoren, Torpedos, Zeitzünder, Tarnnetze, Patronenkästen und automatische Gewehre bauen. Ende 1942 waren 10 000 Häftlinge in Neuengamme, von ihnen starben 3140 im Laufe des Jahres, Arbeitsunfähige waren nach Dachau deportiert worden, jüdische Häftlinge nach Auschwitz und sowjetische Häftlinge hatte man mit Gas umgebracht, ebenso wie andere versehrte Kriegsgefangene.

1943 begann man, die Häftlinge außerhalb des Lagers zur Arbeit zu zwingen, wie zum U-Boot-Bunkerbau in Bremen oder zur Trümmerbeseitigung in Hamburg. Im Sommer des Jahres 1943 waren 9500 Menschen inhaftiert, 2700 von ihnen in provisorischen Außenlagern.

1944 erhöhte sich die Anzahl der militärischen Niederlagen der Wehrmacht und die Versorgungslage in Deutschland wurde prekär. Die Lebensbedingungen im KZ verschlimmerten sich und in diesem Jahr wurden 25 000 Menschen aus 28 Nationen in das Lager verschleppt. Tausende von ihnen aus dem KZ Compiègne in Frankreich, das wegen der Landung der Alliierten in der Normandie geräumt worden war, 1030 Männer kamen aus Lettland, 500 aus Bergen-Belsen, die gegen entkräftete Häftlinge »ausgetauscht« worden waren und 589 Männer aus Putten. Putten ist ein Ort in den Niederlanden, der als Vergeltung für einen Anschlag auf ein Auto mit vier deutschen Offizieren, von denen einer starb, von der deutschen Wehrmacht zerstört wurde. Alle 661 männlichen Bewohner wurden in KZs deportiert, sechs starben in Engerhafe, zurück nach Putten kehrten 49. Am Ende des Jahres betrug die Zahl der Häftlinge 48 800, 8000 Menschen waren verstorben, und ein SS-Arzt hatte medizinische Versuche an Kindern und Erwachsenen durchgeführt, danach wurden die Probanden erhängt. Es gab eine Bibliothek mit 800 Büchern – und ein Lagerbordell als »Anreiz für höhere Leistungen«. Heinrich Himmler hatte dies angeordnet, und wer diese Idee in Frage stelle, der würde weltfremd sein, so steht es in der geheimen Verschlusssache zu diesem Befehl.

1945 waren es 49 000 Häftlinge, unter ihnen 10 000 Frauen, und im März begann die Räumung des Lagers, die Häftlinge wurden auf die »Todesmärsche« gezwungen oder in Zügen evakuiert, 20 000 von ihnen nach Bergen-Belsen, Sandbostel und Wöbbelin, viele Tausende verhungerten. Ein Häftlingszug wurde vom britischen Militär bombardiert, 2000 Menschen starben, und 6400 Häftlinge kamen auf den Schiffen Cap Arcona und Thielbek durch englische Bombardements in der Neustädter Bucht ums Leben. Die Akten des Konzentrationslagers wurden vernichtet, um die Spuren zu verwischen, das Lager wurde aufgeräumt und teilweise demontiert.

In einem Raum der Ausstellung sind auf einer großen Europakarte alle KZs eingezeichnet, auch die Vernichtungs- und Außenlager. Im Zentrum ist Deutschland. Es sind kleine farbige Dreiecke, die das ganze Land überziehen, in dem 915 000 Männer in die SS eingetreten waren, 37 000 davon in die »Totenkopfverbände«, das Wachpersonal der KZs.

Einige Räume weiter hängt eine ähnliche Karte, diesmal von Norddeutschland. Es sind Kreise, die für die 86 Außenlager von Neuengamme stehen, und die Namen der Firmen sind aufgelistet, die die Arbeitskraft der Häftlinge in Anspruch nahmen: Hew, Grün & Bilfinger, Wayss & Freytag, Blohm & Voss, die Borgward-Werke, Drägerwerk, Rheinmetall, die Stadt Bremen und viele mehr. 1945 waren es 40 000 Menschen, 28 000 Männer und 12 000 Frauen, die in den provisorischen Barackenlagern und in leer stehenden Gebäuden im ganzen Norden des Landes lebten, in der Rüstungsproduktion und in Industrieanlagen, bei Bauvorhaben, Instandsetzungen und der Trümmerbeseitigung schufteten.

Sechs der 86 Außenlager waren die Panzergraben-Kommandos in Meppen-Versen und Meppen-Dalum, Husum und Ladelund, Hamburg-Wedel und Engerhafe. Tausende von Zivilarbeitern – Schuljungen und nicht wehrpflichtige Männer – hatten nicht ausgereicht, um die Befestigungsarbeit des »Friesenwalls« zu leisten. Im letzten Ausbaubericht für den Seekommandantenbereich Ostfriesland vom 22.12.1944 ist notiert, dass um Aurich herum ein 45,44 km langer Graben und insgesamt 15,8 km Annäherungsgräben ausgehoben, 10 392 Minensperren, 1436 MG-Feuerstellungen, 176 Geschütz- und Flakfeuerstellungen, 10 Unterschlupfe, ein Unterstand und 698 Ringstände angelegt wurden. Ostfriesland galt nach einer Meldung des »Führungsstabs Nordseeküste« an das Oberkommando des Heeres vom 3. Januar 1945 als »bedingt verteidigungsfähig«, die »Rundumverteidigung Aurichs« als 100 Prozent intakt.

In dem Ausstellungsraum, der von den Außenlagern berichtet, sind Fotos zu sehen und Namen zu lesen, von Ortschaften und Betrieben. Eine Zeichnung von Hans Peter Sørensen zeigt viele Menschen mit gelben Kreuzen auf dem Rücken, die mit Spaten in einem Graben stehen und von einem Mann in Uniform und mit einem Knüppel angetrieben werden. Die Zeichnung zeigt den Panzergrabenbau in Hamburg, 150 Dänen sind bei dem Einsatz dabei gewesen, es ist das zehnte Bild von Sørensens Neuengamme-Mappe von 1948. Auch in Engerhafe trugen die Häftlinge gelbe Kreuze auf ihren Rücken, »Gelbkreuzler« wurden sie deshalb genannt. Ich finde eine Mappe über das Außenlager Engerhafe, mit einem Bericht aus der Kirchenchronik von Pfarrer Janßen, der ab Ostern 1944 die ehemals unbesetzte Pfarrstelle übernahm. Er berichtet von der Erweiterung des Kirchhofs um den neuen Friedhofsteil hinter dem Glockenturm und dass sich das Barackenlager, sobald es mit Gefangenen belegt worden war, zu einer »großen Not der Gemeinde« gestaltete. Die Bewachung sei durch nicht voll kriegsverwendungsfähige Marinesoldaten erfolgt und die Aufsicht hätten »Kapos«, deutsche Sicherheitsverwahrte, gehabt. Die 600 Schwächsten der Häftlinge seien nach sechs Wochen wieder abtransportiert und dem Totengräber insgesamt 187 Tote gemeldet worden. Pfarrer Janßen schließt mit den Worten: »Gemeindeglieder beobachteten empört Misshandlungen und nicht zu verantwortende Missstände. Ich darf sagen, dass die ganze Gemeinde« – an dieser Stelle ist das Zitat unterbrochen – »empört war. Im Winter stand das Lager leer.«

187 Tote, schreibt Janßen, seien bekannt. Auf dem Gedenkstein in Engerhafe ist es ein Name mehr. Ich habe die Namen auf einem Zettel in meiner Hosentasche, ich habe sie vorgelesen, auf Lesungen, alle 188 hintereinander, immer war es sehr still im Raum. Nach jedem Vortragen habe ich mich gefragt, was das für Menschen waren, die in Engerhafe ihr Leben ließen, was ihre Lebensgeschichten waren, wer sie vermisste. Die Nachfahren, so dachte ich, müssten doch irgendwo sein, irgendwo ihre Kinder. Ich würde sie gerne treffen und nach ihren Vätern und Großvätern fragen. Doch wo finde ich sie?

Ich verlasse das Ausstellungsgebäude und überquere den Platz. Die Sonne steht tief, Güllegeruch liegt in der Luft, und ich laufe die Straße, auf der auch der Bus gefahren war, ein bis zwei Kilometer hinunter. Sie ist schnurgerade, links trennen Eichen den Asphalt von dem in der Nachmittagssonne liegenden Feld und rechts trennen ein Graben und eine Reihe von Pappeln die Straße vom KZ-Gelände. Ein Wachturm ist erhalten und das alte Klinkerwerk. Auf einer Gedenktafel steht, dass es 106 000 Menschen waren, die das KZ durchliefen, und mindestens 42 900 ließen dabei ihr Leben. Andere Schätzungen sprechen von 55 000. Ein Weg führt zu einer Figur aus Bronze, sie liegt verdreht auf dem Boden, die Rippen schauen hervor und der Kopf liegt auf der Erde. Auf den Knien stützt sie sich ab, ein Arm ist ausgestreckt und die Finger der Hand sind gespreizt. »Der gestürzte Häftling« heißt die Skulptur von Françoise Salmon, eine französische Bildhauerin, die mehrere KZs überlebte. Eine hohe Stele daneben trägt große Lettern: »Euer Leiden, euer Kampf und euer Tod sollen nicht vergebens sein.«

Das Haus des Gedenkens ist ein quadratischer Raum, der eine umlaufende höhere Ebene hat, an deren dunkelrot gestrichenen Wänden meterlange weiße Stoffbahnen hängen. Alle bekannten Namen der Toten sind schwarz und chronologisch nach Todestagen untereinander aufgedruckt. An einigen Stoffen hängen Fotos und Blumen oder Grüße auf Papier. Cinja van Laaten schreibt in Kinderschrift an Johann van Laaten: »Du hast alles richtig gemacht. Ruhe in Frieden. Tod mit 32 Jahren.« Unten im Raum gibt es einen Tisch, auf dem vier in weiß-beiges Leinen gebundene, fotoalbenähnliche, schwere Bücher liegen: Die Totenbücher des KZs Neuengamme. Den Toten I bis IV steht auf den abgegriffenen Einbänden, jedes Buch hat 500 Seiten. Ich ziehe den Zettel aus meiner Hosentasche, ich falte ihn auseinander, setze mich und fange an: Bertulis Veinsberg. Ich finde ihn genauso geschrieben, wie auf dem Stein in Engerhafe, dazu die Information, dass er am 31. August 1903 in Lettland geboren wurde und dass er am 20. Oktober 1944 starb. Der zweite Tote in Engerhafe war Cervil Paul Edjes. Ich finde ihn nicht, vielleicht ein Buchstabendreher, ich überfliege seitenweise Eintragungen mit E, es dauert sehr lange. Edzes, das könnte er sein, Gerrit Paul Edzes, Buchhändler, geboren am 24. Dezember 1913 in Groningen, gestorben am 31. Oktober 1944. Ich notiere alles mit Bleistift auf den Zettel hinter den Namen. Dann der dritte, Chaiw Jorkelski. Ich suche, ich finde ihn nicht, womöglich wieder ein Buchstabendreher, ich überlege, wie man die Buchstaben in welche Richtung verdreht haben könnte, blättere und überfliege, endlich habe ich ihn, Chaim Iskolski, Bäckermeister aus Mir, geboren am 20. Mai 1904. Der Museumsangestellte tippt mir auf die Schulter, es ist Schließzeit. Ich habe drei von 188 Namen gefunden und dafür über eine Stunde gebraucht, ich werde noch Tage an diesen Büchern verbringen. Ich frage ihn: »Gibt es die Namen auch im Netz?« Er schüttelt den Kopf, aber verschwindet in seinem Aufseherhäuschen und kommt mit einer CD-ROM wieder, die ich erwerbe und mit der ich viele Abende zu Hause verbringen werde.

Der Aufseher schließt hinter mir die Tür und ich setze mich auf die Bank in der Bushaltestelle. Die Sonne scheint tief über dem Feld und ein Traktor fährt in der Ferne langsam vor einer Baumreihe entlang. Ich habe die Arme vor der Brust verschränkt, ich sehe der Sonne lang zu, und dann fasse ich einen Entschluss: Ich werde Nachfahren finden, ich werde sie besuchen und sie nach den Lebensgeschichten ihrer Angehörigen fragen.

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Pieter van der Weij

Pieter van der Weij war Drucker. Er wurde am 25. September 1910 von Klasina van der Weij, ehemals Kuipers, in den Niederlanden geboren und er lebte in Friesland, oben im Norden. Er arbeitete in der Druckerei seines Vaters Tiede und er hatte drei Brüder: Sjouke, Theunis und Klaas. Theunis und Klaas waren Zwillinge. Seine Schwestern waren Feikje und Sjoukje, Feikje war die Älteste der Geschwister und Sjoukje die Jüngste, sie lebt heute noch. Pieter heiratete Jakobje Kollen, gerufen wurde sie Jouk, und Jouk gebar vier Kinder: Greet, Ini, Tiede und Willy.

1940 war Pieter van der Weij 30 Jahre alt und wurde zum dritten Mal Vater, sein Sohn Tiede kam auf die Welt. In diesem Jahr bombardierte Deutschland die Stadt Rotterdam und besetzte die ganze Region. Die Deutschen blieben bis 1945 und ermordeten 112 000 jüdische Niederländer, dazu Sinti und Roma, Kommunisten und andere Menschen, die gegen sie waren. Die anderen Niederländer kooperierten oder taten so, als würden sie kooperieren, während sie Menschen versteckten: Juden und Zwangsarbeitsverweigerer, Deserteure, Kriegsgefangene und vom Himmel heruntergeholte alliierte Soldaten. Viele versteckte Juden waren in die Niederlande geflohen, in Amsterdam saß ein Mädchen aus Frankfurt 25 Monate in einem Versteck im Hinterhaus und schrieb in ein Tagebuch, das war Anne Frank. Als die Deportationen in den Niederlanden begannen, im Februar 1941, organisierten kommunistische Niederländer einen Generalstreik, den »Februaristaking«, zu dem Dirk van Nimwegen aufrief. Der Streik wurde blutig niedergeschlagen.

Pieter van der Weij arbeitete in dieser Zeit mit seinem Vater Tiede und seinen Brüdern Sjouke und Theunis in der familieneigenen Druckerei in Leeuwarden. Klaas nicht. Klaas wollte nicht Drucker sein, er hatte andere Pläne, doch es war Krieg und die Deutschen schickten ihn zur Zwangsarbeit nach Berlin. Der Vater und seine Söhne druckten Zeitungen, Zeitschriften und Bücher für die Deutschen, aber nicht nur, sie druckten auch andere Zeitungen, »Vrij Nederland« (Freie Niederlande) und »Trouw« (Treue), und die Inhalte dieser Blätter stimmten nicht mit den Zielen der deutschen Besatzung überein. Es ist nicht bekannt, ob Tiede und seine Söhne das vorher lange überlegt und abgewogen haben, ob sie mit Klasina in der Küche saßen und diskutierten, ob Tiede das alles allein beschloss oder ob es nichts zu beschließen gab, weil er wusste: Das musst du jetzt tun. Bekannt ist, dass Zeitungen viele Verteiler brauchen, und dass ein Verteiler in die Hände der Deutschen fiel und man ihm versprach, ihn zu verschonen, wenn er den Namen der Drucker verrate. Er verriet sie, doch gerettet hat ihn das nicht.

Pieter fuhr am Morgen des 20. März 1944 zur Arbeit. Er saß auf dem Fahrrad und er hatte ein Brot auf dem Gepäckträger und winkte Jouk zu. Das war das vorletzte Mal, dass sie ihn sah. Sie war schwanger und ihr Sohn Tiede war vier. Das letzte Mal sah Jouk Pieter am Zug, mit dem die Deutschen den Vater und die Brüder verschleppten. Jouk stand auf dem Bahnsteig und schrie. Sie war außer sich. Aus dem Durchgangslager schrieb Pieter Briefe nach Hause, er fragte darin, wie Tiede sich auf dem Dreirad mache.

Die Brüder und der Vater wurden in eins von fünf deutschen KZs innerhalb der Niederlande gebracht, Kamp Vught bei ’s-Hertogenbosch. Dann brachte man sie in das KZ Sachsenhausen, nördlich von Berlin, und dann trennte man sie. Pieter und Theunis kamen nach Neuengamme in Hamburg, Sjouke nach Bergen-Belsen bei Celle, Vater Tiede nach Groß-Rosen in Polen. Tiede starb in Groß-Rosen am 22. Januar 1945, morgens, kurz nach halb sechs. Akute Darmentzündung, Abmagerung und Herzschwäche wurde im Totenbuch von Groß-Rosen notiert.

Sjouke starb im April, kurz vor Ende des Krieges. Er wurde in einen von drei Zügen gezwungen, mit 6800 Juden, Geiseln, die in das KZ Theresienstadt in Tschechien kommen sollten, man wollte sie später austauschen. Sjouke war kein Jude. Die Züge verließen am 6., am 9. und in der Nacht auf den 11. April das KZ. Am 15. April wurde das Lager von den Briten befreit. Ein Zug erreichte Theresienstadt, einer wurde nach sieben Tagen bei Magdeburg von Amerikanern gestoppt, und der dritte irrte durchs Land und wurde beschossen, in seinen Waggons brach Typhus aus. Man behängte den Zug mit weißen Tüchern und Laken, und wenn er hielt, wurden die Toten neben den Gleisen verscharrt. Am 23. April öffneten Soldaten der Roten Armee die Türen der 46 Waggons, in der Nähe von Tröbitz, 60 km nördlich von Dresden. Sjouke überlebte die Fahrt und 35 weitere Tage. Sein Vater und seine Brüder waren bereits tot.

Theunis und Pieter starben in Neuengamme. Theunis am 17. Dezember 1944 und Pieter einen Tag davor, in einem Außenlager von Neuengamme, in Ostfriesland, in Engerhafe. In diesem Dorf lebte damals meine Großmutter Elsche Müller, von allen Elli genannt. Sie war Krankenschwester der »Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt« und davor Gruppenführerin im »Bund Deutscher Mädel« gewesen. Als sie die »dunkle Masse an Männern« sah, so hat sie es später erzählt, kehrte sie um, schloss sich ein und ließ die ganze Nacht das Petroleum brennen, oder war es schon Strom? Sie erinnerte sich nicht genau. Sie hatte im Bett gelegen, in ihrem Zimmer in Engerhafe, und sie hatte die Augen nicht schließen wollen, damit die Bilder des Grauens nicht wiederkämen. Pieter wurde neben der Kirche verscharrt, offiziell starb er an Durchfall. Der Arzt, der den Totenschein ausstellte, hieß Dr. Schomerus und er war gut mit Familie Müller bekannt.

188 Männer haben die Zeit in Engerhafe nicht überlebt und ihre Namen sind in zwei Steinblöcke geschlagen, die neben dem Friedhof stehen. Bei einem Ausflug 2005 sah ich diese zum ersten Mal und las die Namen laut vor. Seitdem fuhren Elli und ich manchmal dorthin. An einem Tag im Frühling 2010, Elli war 93, fanden wir vor den Namen ein Gedicht. Auf einem Stück ausgeblichenem Papier, beschwert von einem Stein, stand auf Niederländisch: »Op de graven van beton is een bloem geboren, weer wetend van de zon.« (Auf den Gräbern aus Beton ist eine Blume geboren, wieder der Sonne gewiss.) Unter den Zeilen stand ein Name: Marleen van der Weij.

Klasina hatte ihren Mann und drei Söhne verloren. Sie wurde ihres Lebens nicht mehr froh. Sie starb am 14. Mai 1973. Klaas, der vierte der Brüder, kehrte 1944 von der Zwangsarbeit zurück aus Berlin. Er hatte gesehen, wie die Bomben fielen, und er hatte Tuberkulose. Er lag im Bett, als die Deutschen die Brüder und den Vater holten, ihn ließen sie liegen, aus Angst sich anzustecken. Klaas überlebte. Am 1. Juli 1946 übernahm er die Druckerei. Er blieb verschlossen und in sich gekehrt, aber um Tiede und seine Schwestern kümmerte er sich. Tiede war vier, als Pieter starb. Jouk nahm die Nachricht entgegen und sprach zu ihren Kindern darüber fast nie mehr ein Wort. Tiede dachte, bis er zehn war: Der Vater kommt noch zurück. Jouk hat nicht wieder geheiratet. Sie arbeitete und brachte die Kinder durch, sie versuchte, nur das Gute zu sehen, Trauer und Wut kamen nicht vor. Jouk starb 2001 in einem Altersheim. Tiede heiratete Nynke und sie bekamen zwei Kinder: Pieter und Marleen. 1994 kam ein Journalist zu Tiede und fragte nach der Druckerei, so kam es, dass Tiede das erste Mal über den Vater sprach. Tiede hat seitdem Spuren gesucht, er hat den Namen seines Vaters in Engerhafe gefunden, er ist oft dort gewesen, und an Pieters Grab, auf einem Friedhof in Osnabrück. 1952 hat ein Suchdienst die Leichen in Engerhafe exhumiert und die sterblichen Reste von vielen der 188 zurück in die Heimatländer gebracht. Jouk lehnte das damals ab, sie glaubte nicht, dass das, was sie bekommen würde, die richtigen Knochen seien. Später, so heißt es, habe sie es bereut. Bei Tiedes letztem Besuch in Engerhafe, das war im April 2010, nahm er ein Gedicht seiner Tochter Marleen mit und legte es vor die 188 Namen unter einen Stein.

Marleen bekam Post. Ob sie eine Tochter oder Enkelin von Pieter van der Weij sei, ich hätte ein Gedicht mit ihrem Namen gefunden. Sie schrieb gleich zurück: Ja, das bin ich.

Marleen hat Elli gefragt, was sie damals gedacht habe. Was das für Menschen seien, die halb verhungert durch Engerhafe liefen, die die Toten hinter sich über die Straße zogen. Elli sagte, sie habe gedacht, das seien die Bösen, die Verbrecher, das habe man ihr so erzählt. Ich dachte: Das wollte man wohl auch so glauben. Elli sprach von der Vermieterin, die wollte, dass sie das Licht auslösche, von bettelnden Männern, die den Rauch ihres Schornsteins gesehen hatten, und von denen, die ihr Fahrrad mitnehmen wollten, sie versteckte es auf dem Dachboden. Elli saß am Tisch und ihre Augen sahen durch alles hindurch, ihre Hände lagen im Schoß. Marleen sagte auf Englisch zu mir: »Sag ihr, dass ich nicht will, dass sie sich schuldig fühlt.« Sie sagte es leise und schnell. Ich nickte und schwieg. Elli sagte: »Die Deutschen«, sie sagte: »unsere Deutschen mussten die Latrinen des KZs sauber machen«. Und: »Den Arzt kannte ich gut, er musste den Totenschein schreiben, alles wurde genau notiert, er hat mir oft davon erzählt.« Marleen schaute fragend über den Tisch, ich übersetzte, einiges, nicht alles. Marleen zeigte Elli die Fotos von Tiede, Pieter, Sjouke und Theunis. Sie zeigte mit dem Finger auf den, der ihr Opa gewesen war, und Elli tauchte von weit her wieder auf. »Was für ein schmucker Kerl.« Marleen trank eine weitere Tasse Tee, er schmeckte ihr, Elli bemerkte es und lächelte ihr zu. »Kommen Sie wieder, Sie sind jederzeit herzlich willkommen.« Dann standen Elli und Marleen auf, sie schüttelten sich die Hände, und Marleen fragte auf Deutsch mit Akzent, ob sie sie »knuffeln« dürfe, Elli drehte sich zu mir: »Was will sie?«, ich sagte: »Dich drücken.« Elli sagte: »Ach so.« Sie umarmten sich, es sah sehr herzlich aus.

Marleen stellte zwei Töpfe mit Blumen vor die Blöcke aus Stein. »Eine für meine Familie und eine für Elli.« Sie zündete vier Kerzen an und verharrte schweigend davor, dann sagte sie: »Es ist gut, alle vier Brüder beisammen zu sehen.«

Wir setzten uns auf eine Parkbank, auf der anderen Seite der Straße, vor ein Schild, auf dem stand: Hier befand sich die Latrinenanlage des KZs Engerhafe. Wir aßen Brot und Käse, Tomaten und Lakritz. Eine Frau zog ihre Hunde an uns vorbei und es war sehr warm. Wir waren müde und wir begannen in unseren Muttersprachen zu sprechen, manches verstanden wir, anderes nicht. Wir hatten kleine schwarze Punkte auf der Haut, überall, Gewittertierchen, und dunkle Wolken hingen tief über den Wiesen, aber sie kamen nicht näher, sie blieben am Ende des Himmels, des Stückchens Himmel, das man als Enkelin an diesem Tag von jener Parkbank aus sah.

Marleen kam wieder. Sie brachte ihre Eltern mit, ihren Bruder, ihre Tante, und Sjoukje, 88-jährig, mit ihrer Tochter und deren Mann. Alle setzten sich auf ein Podium in Engerhafe und erzählten den Menschen aus dem Ort und der Umgebung im Saal, wer Pieter gewesen war und wie das gewesen ist, ohne ihn, seine Brüder und seinen Vater weiterzuleben. Sie weinten auf dem Podium und im Saal war es sehr still. »Nie konnte ich mit meiner Mutter darüber sprechen«, sagte Sjoukjes Tochter Wies, die neben Sjoukje saß, unter Tränen, und Tiede sagte: »Dafür konnte ich mit Sjoukje sprechen, aber mit Jouk nicht, was für dich möglich gewesen war.«

André Coste

André Coste war Bäcker. Er kam aus Frankreich, aus der Region Rhône-Alpes im Departement Drôme, im Süden des Landes. Der Ort seiner Herkunft ist klein. Er heißt Claveyson und er hat 837 Einwohner, im Jahr 1911 waren es sogar 902. Am 24. Januar 1911 brachte Isabelle in Claveyson André zur Welt. Isabelle war von den Ursulinen großgezogen worden, sie war 22 Jahre alt und es war ihre erste Geburt. Ihr Mann war Albert. Albert war Bürgermeister des Ortes und er war Kommunist. Er war strikt eingestellt gegen Kirche und Religion, und seine Frau Isabelle war das auch.

André wuchs heran und verliebte sich in Marcelle, eine katholische Frau. Diese sang im Kirchenchor mit, und es heißt, man sei sich nach der Mitternachtsmesse an Weihnachten nähergekommen und aus dieser geheimen Begegnung entstamme ein Kind. Nun besaßen die Eltern ein großes Anwesen, auf dem Tabak und Spargel wuchsen, und im Schuppen neben den Wohnräumen hingen die Tabakblätter zum Trocknen von Schnüren herab. André hätte als Erstgeborener Anrecht auf dieses Anwesen gehabt, auch er hätte also Tabakblätter geerntet und getrocknet, und Spargel aus der Erde herausgeholt. Doch der Ort war zu klein und in Claveyson wussten bald alle, dass der Sohn des kommunistischen Bürgermeisters eine katholische Frau geschwängert hatte. Für Familie Coste war das eine Schande. André packte seine Sachen und floh. Er ging nach Grenoble, 80 Kilometer entfernt, und lernte dort das Handwerk des Backens. Marcelle gebar im September 1934 eine Tochter. Es waren Marcelles Eltern, die das Kind großzogen, denn ohne Mann musste Marcelle arbeiten gehen.

Zwei Jahre später kam André zurück in die Nähe von Claveyson. Er arbeitete erst in Valence, 35 Kilometer Süd, und dann in Tain l’Hermitage, 15 Kilometer Südwest. Dort kaufte er eine Bäckerei, 1936, in dem Jahr, in dem er auch heiratete: Marthe, eine katholische Frau. Die Mutter von Marcelle wusste, wo der Vater des Kindes war, das sie großzog, und nicht selten passierte es, dass sie – resolut, wie sie war – in der Bäckerei in Tain I’Hermitage auftauchte und nach Geld verlangte. Andrés Frau ahnte also, dass da irgendetwas noch war. Am 8. Januar 1939 brachte Marthe eine Tochter zur Welt. Marthe hätte sie Lucienne genannt, nach dem Heiligen dieses Tages, Sankt Lucian, aber André widersprach: »Nein, sie heißt Monique.« Später bekam sie ein weiteres Kind, einen Sohn, Alain. Die junge Familie ging zurück nach Valence, und gleich hinter Valence beginnt der Vercors.

Der Vercors ist ein Gebirgsmassiv, das in diesen Jahren an Bedeutung gewann, denn es war Krieg. Am 14. Juni 1940 besetzten deutsche Truppen Paris. Frankreich wurde geteilt in eine okkupierte Zone im Norden und eine freie Zone im Süden. Die Regierung im Süden kooperierte eng mit den Besatzern. Auch der Vercors liegt im Süden, doch die Berge des Vercors gehörten der Résistance. 4000 Kämpfer sollen es gewesen sein, die sich in den Schluchten und Pässen auskannten, die sich dort versteckten und Überfälle organisierten, mit großem Rückhalt, so heißt es, aus der Region. Die Schroffheit der Zweitausender-Gipfel und die tief eingeschnittenen Täler gaben den Widerstandskämpfern, Maquisards genannt, Schutz. Die Alliierten versprachen Verstärkung und schwere Waffen und so rief man im Juni 1944 die freie République du Vercors aus.

André war nicht in den Bergen, André war in der Bäckerei. Man weiß nicht genau, wie er mit der Résistance verbunden war. Eine Geschichte besagt: Er buk Brot für die Maquisards. Eine andere sagt: Er schmuggelte Waffen im Mehl. Vielleicht ist es der Feindschaft zwischen Kirche und Kommunismus in der Familie Coste geschuldet, dass auch erzählt wird, es sei ein als Priester verkleideter Kunde gewesen, der ihn verriet. Fragt man heute die Überlebenden der Maquisards, so sagen diese: Wir wissen nicht, was er tat, darüber sprach man nicht, wir misstrauten uns. Jeder hätte ein Falscher sein können. Wir schwiegen. Wir führten nur die Befehle aus.

Monique war viereinhalb Jahre alt, 1943, als uniformierte Männer in die Bäckerei eintraten und nach dem Vater fragten. Monique weiß bis heute, dass der Vater die weiße Bäckermütze trug und die Schürze und das Bäckerhemd, blau-weiß kariert, und dass er Mehl an den Händen hatte. Sie sieht die Stufen der Bäckerei, den Laden, die Küche dahinter, das Zimmer, und sie weiß, dass es ein Samstag war. Dann war der Vater weg. Sie besuchten ihn im Gefängnis, die Mutter, Monique und Alain, erst in Valence und dann in Lyon, 100 Kilometer entfernt, in der Festung Montluc. In Montluc saßen Tausende von Menschen, die Feinde der Nazis waren, hinter dicken Mauern, isoliert. Es waren Gitter zwischen André, seiner Frau und seinen Kindern, und man hörte Gewehrsalven in der Nähe. Und das, sagt Monique heute, vergisst sie nie, und es habe Jahrzehnte gebraucht, um zu vergeben. Die Mutter schrie, dass sie nicht gehen werde, bevor der Vater die Kinder noch einmal umarmt habe. Sie haben sich umarmt und sich nie wiedergesehen. Jede Woche sind sie zum Bahnhof gegangen und haben gehofft, dass er kommt. Züge kann Monique nicht mehr sehen, und Abschied, das heißt für sie: Tod.

André Coste starb am 27. November 1944 in Engerhafe, dem Dorf, in dem meine Großmutter lebte, sie war damals 27 Jahre alt. Ihr Mann war an der Front in Russland und vorher war er »unabkömmlich« gewesen, er war bei der Bahn. Man weiß, was die Bahn in diesen Jahren getan hat: Sie hat Waffen transportiert und Soldaten an die Fronten und Menschen in die Lager, das heißt: in den Tod. Elli war entsetzt über die 2200 Männer, die jeden Morgen und jeden Abend durch die Straße des Dorfes liefen. Sie hat die Toten gesehen, die sie hinter sich herzogen, und die Erschöpften. André Coste wurde neben der Kirche begraben.

Im Vercors hatte man die Republik ausgerufen. Für die deutschen Besatzer eine Provokation. Am 21. Juli 1944 schickten sie Gebirgsund Fallschirmjäger und einen Trupp aus einer Panzerdivision. Es waren keine Einheiten der SS, es waren Gruppen der Wehrmacht: die Gruppen Schwehr und Seeger, Zabel und Schäfer. Gruppe Schäfer waren die Fallschirmjäger, die, mit einem Ostbataillon als Verstärkung und dem SS-Mann Werner Knab, einem Juristen, die Dörfer Vassieux-en-Vercors, La-Chappelle-en-Vercors und zahlreiche Einzelgehöfte niederbrannten und über 70 Menschen aus dem Dorf Vassieux erschossen. Auch die gefangenen Widerstandskämpfer wurden erschossen, 639 von ihnen, und Zivilisten, insgesamt 201. Die anderen Widerstandskämpfer flohen in den unzugänglichen Wald. Die deutschen Soldaten entdeckten auch die Grotte de la Luire, eine Höhle, in der sich ein Lazarett befand. Sie ermordeten die 19 Verwundeten, die zwei Ärzte und den Priester. Zwei Krankenschwestern wurden in das KZ Ravensbrück verschleppt. Eine von ihnen konnte fliehen, Rosine Cremieux, später schrieb sie auf, was geschehen war.

Monique half der Mutter in der Bäckerei. Ein paar Jahre ging sie zur Schule, dann erkrankte die Mutter, also ließ sie es wieder und half ihr aus. 1952 wurden die sterblichen Überreste von André nach Frankreich gebracht. An den Zug der Beerdigung erinnert Monique sich genau. Vorne liefen die Musiker, dann die Fahnenträger, dann die Familie und schließlich Marthe, die Mutter, ganz hinten, sie war eine katholische Frau. Später war Marthe einverstanden, als ihre Tochter sagte, sie wolle eine Ordensschwester sein. Die Großeltern Isabelle und Albert waren das nicht. Monique hat Isabelle das letzte Mal an dem Tag gesehen, als sie ihr sagte, dass sie ins Kloster gehe. Die Großmutter meinte, sie würde das Andenken des Vaters beschmutzen, packte sie am Oberarm und warf sie kurzerhand raus. Isabelle starb 1962, Albert 1979. Ihn hat Monique wiedergesehen, vier Monate vor seinem Tod. Sie hat ihr Schwesterngewand zu Hause gelassen und ging in Zivil. Nie hatte er auf ihre Anfragen reagiert. Jetzt sagte er: »Warum bist du nicht früher gekommen?«

Monique wurde eine »Kleine Schwester Jesu«. Sie lebte 35 Jahre in Portugal, in einem armen Viertel von Lissabon mit afrikanischen Einwanderern, auf einem illegal besetzten Grund. Auf den Fotos, die sie zeigt, sieht man Hütten aus Blech und aus Stein, und lachende Männer zwischen den Ordensschwestern, die helfen, die Steine aufeinanderzuschichten. Zur Expo 1998 wurde ein großer Teil der Siedlung zerstört. Damit der internationale Besuch keine Armut sähe.

Andrés Sohn Alain hat Spuren des Vaters gesucht, sein Leben lang. Er wurde Bäcker aus Leidenschaft. Und er hasst die Deutschen bis heute. Sein Sohn Christophe wollte auch Bäcker werden, doch er verunglückte mit dem Moped, tödlich, 17-jährig, am letzten Tag seiner Ausbildung. Alain sagte: »Ich habe nie mit meinem Vater gebacken und nie – als Bäckerkollege – mit meinem Sohn.« Er ging hin, ohne jemandem etwas zu sagen, und grub die Urne des Vaters aus. Er bettete sie noch einmal um, diesmal in das Grab seines Sohnes.

2005 rief Alain seine Schwester an und sagte sehr laut in das Telefon, ob sie gewusst habe, dass es eine Halbschwester gäbe? Monique verneinte dies überrascht und Alain fuhr wutentbrannt zu den Onkeln, die es bestätigen mussten: Das ganze Dorf wusste es, die Familie, nur die beiden Geschwister nicht. Die erste Tochter von André, deren Mutter Marcelle im Kirchenchor in der Mitternachtsmesse gesungen hatte, hatte zwei Kinder bekommen: Line und Gilles. Line hat hartnäckig Stammbaumforschung betrieben und nachgefragt, bis sie die Spur gefunden hatte. Der Zufall half auch dabei, ein Zeitungsartikel über André. Die Geschwister telefonierten, sie trafen sich, erst zu zweit, dann zu dritt, man verstand sich auf Anhieb sehr gut. Monique begann zu verstehen, dass sie gar nicht die Älteste war, Alain begann zu verstehen, was seine Mutter getragen hatte, aber niemand konnte verstehen, warum der Vater beiden Töchtern denselben Namen gegeben hatte: Monique und Monique. Alain hatte nicht mehr nur eine Schwester, von dem Tag an hatte er zwei, zwei Moniques. Monique, die Ordensschwester geworden ist, überließ der Älteren ihren Namen. Sie nannte sich um in »Mónica«, so wie man in Portugal ihren Namen ausspricht: Mónica Coste.

Das Treffen mit Mónica war in Paris, in einem Vorort von Paris, in Vitry-sur-Seine. Die Häuser sind dort nicht hoch, sie haben nur ein oder zwei Etagen, sie stehen für sich, Steinplatten bis zur Tür, etwas Garten. Auch die Läden in den Einkaufsstraßen sind klein. Es gibt Ahornbäume davor und Cafés, Farbe an den Wänden und Bilder: Graffitis, Kunst. Die Hauptstraßen des Ortes heißen »Avenue du Groupe Manouchian«, eine Partisanengruppe der Résistance, und »Rue des Fusillés«, die »Straße der Erschossenen«. Steigt man am Bahnhof des Ortes aus und läuft zu dem Haus der »Kleinen Schwestern«, passiert oder streift man die Straßen »Rue Gabriel Péri«, »Avenue Danielle Casanova« und »Avenue Guy Môquet«. Das sind Namen von Kommunistinnen und Kommunisten, die von den Nazis getötet wurden.

Das Haus in Vitry-sur-Seine ist ein Treffpunkt der durchreisenden »Kleinen Schwestern«. Drei Frauen leben dort und beherbergen die, die auf dem Weg sind in andere Länder, zu anderen Gemeinschaften. Sechs Schwestern aus drei Kontinenten saßen am Tisch und jede von ihnen sprach mehrere Sprachen und hatte in entferntesten Orten gelebt. Es war kalt an dem Tag der Begegnung, aber die Sonne schien hell in das Zimmer. Es war Lichtmess, und zu Lichtmess gehen die Schwestern natürlich zur Kirche und im Anschluss daran essen sie Crêpes. Es wurde geplaudert und auch gelacht. Bis dann die Frage fiel: Warum der Besuch denn die Reise gemacht habe? Ja, überhaupt, was führte den Besuch von Deutschland so weit hierher?

Mónica sprach über das Leben von André in einem sehr kleinen Zimmer unter der Dachschräge. Sie hatte Bleistiftnotizen auf etlichen Blättern Papier und Fotos. Es gab viel zu erzählen und sie hat sehr viel geweint. Am Abend und am nächsten Morgen liefen wir durch die eiskalte Luft zum Gemeindesaal einer Kirche. Die Messen wurden von drei verschiedenen Priestern gehalten, von einem schwarzen, einem gesichtsgelähmten und einem alten, beständig schmunzelnden. Der Raum, in dem sich die Schwestern zur Stille trafen, war mit Teppichen ausgelegt, die Schuhe blieben vor der Tür. Übernachtet habe ich in dem Zimmer, in dem der Kopierer stand und die Nähmaschine, unruhig war die Nacht und kurz, ich lag in einem Netz von Straßennamen und Sätze des Nachmittags flatterten um mich herum. Gefrühstückt wurde im Schweigen. Später brachte Mónica mich zum Bahnhof, zum Zug. Gut verstaut hatte ich das Geschenk: Eine Weltkarte, auf der Indonesien im Zentrum liegt und Europa rechts unten am Rand. Wir gingen den Aufgang hinauf, umarmten uns und standen unschlüssig da. Eine junge Frau sprang mit Anlauf über die Zugangssperre vom Gleis, in dem Moment, als Mónica sagte: »Und jetzt geh.«

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