Kitabı oku: «Jette»

Jette - Von Ostpreußen über das Sauerland nach Ostwestfalen
1. Auflage, erschienen 10-2020
Umschlaggestaltung: Romeon Verlag
Text: Ina Paradine
Layout: Romeon Verlag
ISBN (E-Book): 978-3-96229-859-3
www.romeon-verlag.de
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INA PARADINE
Jette
Von Ostpreußen über das Sauerland nach Ostwestfalen

Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. (Jean Paul)
Teil I
Flucht aus Ostpreußen, 1944
Wie Jette als Dreijährige gegen Ende des 2. Weltkrieges die weite Flucht von Ostpreußen nach Werdohl im Sauerland durchgestanden hat, daran kann sie sich überhaupt nicht erinnern. Nach den Erzählungen ihrer Mutter, ihrer Tante Anneliese, die Schwester ihres Papas und deren Mutter, also Jettes Großmutter, muss es unvorstellbar schrecklich gewesen sein. Im Juli 1944 gingen drei Frauen mit drei Kindern auf die Flucht: Sie, gerade 3 Jahre alt; Marisa, 15 Monate alt; Heinz-Jürgen, deren Cousin, 4 Wochen alt.
Flüchtlingstrecks, die aus dem Osten kamen, zogen schon tagelang durch den östlichsten Landkreis Deutschlands, der Kleinstadt Ebenrode. Noch am 29. Juli 1944, einem Samstag, zehn Tage nach dem 26. Geburtstag von Jettes Mutter, war es allen Einwohnern streng verboten, die Stadt zu verlassen. Doch schon am Sonntagvormittag hieß es plötzlich, dass Personen mit einem Berechtigungsschein fahren könnten, wohin sie wollten. Zu der „berechtigten“ Gruppe gehörten auch die sechs: Frau Jülich mit zwei kleinen Mädchen, Tante Anneliese mit dem vier Wochen alten Säugling Heinz-Jürgen und deren Mutter, Oma Jülich als Begleitperson. Der letzte Zug Richtung Berlin verließ am Abend die Stadt. Es blieben sechs Stunden, um die Flucht zu organisieren. In aller Eile packten die drei das Nötigste für die Reise: Butterbrote, gekochte Eier, Milchflaschen, Windeln, Babykleidung, ein zweites Sommerkleidchen, Unterwäsche zum Wechseln. Natürlich benötigten die Erwachsenen auch noch Kleidung und Unterwäsche für sich. Die Mütter packten die Koffer, als wenn sie in die Ferien fahren würden. Sollten sie vielleicht auch noch etwas von dem Familiensilber im Koffer mitnehmen? Nein, der würde zu schwer! Wo blieb das Silber, wenn „der Russe“ einmarschierte? Sollten die Kinder Spielsachen mitnehmen? Der Teddy wurde Jette einfach in den Arm gedrückt, damit Marisa und sie etwas hatten, das ihnen von zu Hause her bekannt war, zu dem sie auf der Reise sprechen könnten. Niemand wusste, wie lange sie unterwegs sein würden. Von wem sollten sie sich verabschieden?
Außerdem mussten die beiden jungen Mütter sich bei der Behörde noch persönlich um die Berechtigungsscheine kümmern. Also setzten sie sich aufs Fahrrad und fuhren zum Amt. Die Schwestern Jette und Marisa wurden in der Obhut der Oma und der jungen Cousine Gisela gelassen. Diese konnte sich einfach nicht vorstellen, dass die Familie auf diese Weise auseinandergerissen würde. Cousine Gisela war für Jettes Mutti wie eine Schwester. Weil Gisela früh Waise geworden war, wuchsen die beiden zusammen auf. Was würde nun aus ihr werden? Sollte sie allein bei Onkel und Tante bleiben? Sie weinte und weinte.
Weil stillende Mütter Anrecht auf eine Begleitperson hatten, durfte Tante Anneliese ihre Mutter, Jettes und Marisas Großmutter väterlicherseits, mitnehmen. Auch für sie brachten die beiden Mütter den Berechtigungsschein mit.
Auf dem Bahnhof spielten sich entsetzliche Szenen ab. Natürlich wollten unzählig viele Menschen mit dem letzten Zug in die Sicherheit fahren. Aber die verantwortlichen Diensthabenden überwachten solche Aktionen streng und erbarmungslos, sodass diejenigen ohne Berechtigungsschein keine Chance hatten. Sie wurden von der SS zurückgehalten, sogar wieder aus dem Zug geholt. Dabei waren die Gefechte der näher rückenden Russen mit der Wehrmacht schon hörbar. Es klang wie weit entferntes Donnergrollen.
Die Eltern von Jettes Mutter und die 16-jährige Cousine von Frau Jülich durften also nicht mit dem letzten Zug aus Ebenrode fahren. Sie bekamen keine Genehmigung, und Jettes Mutti durfte auch keine Begleitperson als Betreuung mitnehmen. Ihre beiden Töchter waren nämlich „zu alt“. Jettes Omi Trescher und Gisela ordneten sich Wochen später mit dem Pferdefuhrwerk, bepackt mit eigenen Habseligkeiten und auch einigen der Eltern, in die unendlich langen Trecks ein, die aus östlicher Richtung durch die Kleinstadt gen Westen zogen. Der Opa Trescher war für die letzte Lokomotive verantwortlich und musste sie nach Königsberg fahren, damit sie nicht in die Hände der nachrückenden russischen Soldaten fiel. Er war später allein von Königsberg nach Werdohl geflohen. Gisela und Omi hatten sich mit Verwandten zusammengeschlossen.
Die Reise, die zu normalen Zeiten mit der Bahn 10 Stunden betrug, dauerte für Frau Jülich, ihre Töchter, Tante Anneliese mit Säugling Hans-Jürgen und Oma Jülich mehrere Tage, da ständig Züge ausfielen, Bahnlinien bombardiert wurden und auf den Bahnhöfen, besonders in Berlin, Chaos herrschte. Außerdem mussten Tante Anneliese und Jettes Mutti an Hydranten frisches Wasser holen. Der Rest der Butterbrote, die sie mitgenommen hatten, wurde genau aufgeteilt. Sie durften alle nur dann etwas essen, wenn sie wirklich Hunger hatten!
Welch unglaubliche Willenskraft, welch außerordentliches Durchhaltevermögen, welch einzigartiges Organisationstalent diese beiden 24- und 26-jährigen jungen Frauen bewiesen, muss jeder aus der heutigen Perspektive nur bewundern, ganz abgesehen von der seelischen Belastung, vielleicht die Heimat, ihre Ehemänner, die Verwandten nie wiederzusehen, alles verloren zu geben, was sie als junge Familien gerade im Begriff waren aufzubauen. Oder steckte in ihnen lediglich die Angst vor dem nahenden Russen?
Jette war mit dem ehemaligen Schultornister ihrer Mutter bepackt. Er war mit Unterwäsche für ihr Schwesterchen und sich angefüllt, und sie trug ganz stolz ihre neuen roten Leder-Lack-Schuhe. Aber die musste sie unter den Augen ihrer Mutti für die Reise wieder ausziehen und dafür ihre braun-beige-karierten, bis zum Knöchel reichenden Filzpantoffeln mit dunkelbraunen Metallschnallen anziehen. Sie weinte und jammerte: „Ich hab’ mich doch ‚ssön‘ gemacht für die Reise! Ich kann doch nicht auf ‚Pfuffen‘ reisen!“ Sie nannte sie so, weil sie Pantoffeln nicht aussprechen konnte. „Mein liebes Jettchen!“, sagte ihre Mutti nun, „es ist doch so, so heiß! Und Du hast Dir neulich schon einmal ein paar Blasen an Deine Füßchen gelaufen. Weißt Du noch, wie weh das tat? In den weichen Pfuffen kann Dir das nicht passieren. Wir werden nämlich noch ganz lange unterwegs sein. Hör auf Mutti! Die weiß es am besten!“
Immerhin war Jette die einzige Kleine, die schon laufen konnte. Wie weit wäre sie wohl mit an den Füßen brennenden Lackschühchen gekommen? So war offensichtlich von ihrer Mutti alles genauestens durchdacht und zum Überleben wichtige Entscheidungen getroffen worden. Bis auf den Teddy, den sie im Arm halten und mit sich herumtragen durfte, gab es nichts an Spielzeug. Mit der anderen Hand musste sie sich an dem rotweiß karierten Rock ihrer Mutter festhalten. Ihr wurde eingebläut, dass sie ihn nie und nimmer loslassen durfte. Da sie ein sehr folgsames Kind war, war auf diese Weise gewährleistet, dass sie nicht verloren ging und nie von ihrer Mutter getrennt wurde. Frau Jülich trug Schwesterchen Marisa auf dem Arm. Sie konnte noch nicht lange genug laufen.
„Einander verlieren, das muss schlimmer sein als zusammen sterben“, hatte Jettes Mutti später Freunden und Verwandten gesagt! Dieser rot-weiß-karierte Rock war in Jettes Gedächtnis haften geblieben: Als sie in der Grundschule im Religionsunterricht vier Jahre später die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern erzählt bekam, stand genau der Rock vor ihren Augen. Sie eilte nach der Schule nach Hause, lief ganz aufgeregt zum Kleiderschrank der Mutter, nahm ihn heraus und verbreitete überall, dass der Rock, den die Brüder Josephs dem Vater Jakob überbrachten, bestimmt so aussah!
In Berlin auf dem Bahnhof in dem Menschengewimmel wollte ein junger Soldat Jettes Mutter beim Umsteigen behilflich sein. Er hat Jette auf den Arm genommen und trug sie ihrer Mutti nach. Als die das jedoch bemerkte, schrie sie um Hilfe, ohrfeigte ihn und beschimpfte ihn als Kindesdieb.
Misstrauen gegenüber allen Fremden mischte sich offensichtlich mit der Sorge um die Sicherheit ihrer Kinder.
Überfüllte und zum Teil völlig ausgefallene Züge, die Hitze, Übernachtungen in Luftschutzbunkern machten die Reise zur Qual, doch waren die drei Erwachsenen dankbar, dass sie ein Ziel im Westen hatten, das ihnen sicher schien. Eine mehrtägige Flucht mit der Bahn ohne jegliche Habseligkeiten bedeutete den Müttern jedenfalls mehr als eine monatelange Flucht mit Pferdefuhrwerken, die ihr wertvolles Hab und Gut mit sich führten.
Warum flüchtet die Familie nach Werdohl, einer Kleinstadt im Sauerland?
Nun, Tante Annelieses Schwiegereltern lebten dort. Ihr Mann hatte ihr bei seinem letzten Feldurlaub in Ostpreußen geraten, wenn es „hart auf hart“ käme, solle sie dorthin flüchten. Und da die Jülichs keine direkten Verwandten im Westen hatten, die westlichsten lebten in Berlin, entschloss sich Jettes Mutti an dem entscheidenden Sonntag, sich zusammen mit Schwägerin und Schwiegermutter auf die Flucht ins Sauerland zu begeben.
Dem Tagebuch der Tante nach wurde die Entscheidung für ihre Ausreise in Wirklichkeit von Frau Jülichs Eltern getroffen, da sie selber an dem Sonntag ins nahegelegene Dorf Göritten gefahren war, um aus dem ehelichen Haus einige wichtige Sachen zu holen. Das Haus war beschlagnahmt worden, um dort Führungskräfte der Wehrmacht wohnen zu lassen. Papa Jülich kämpfte an der Front in Italien. Mutti Jülich war deswegen mit den Kleinen von Göritten zu ihren Eltern nach Ebenrode gezogen. Als sie an dem Sonntagmittag nach Hause kam, wurde ihr mehr oder weniger von ihren Eltern befohlen, Ostpreußen am Abend mit ihren Töchtern und Tante Anneliese und „Oma Jülich“ zu verlassen.
Welche Abschiedsszenen hatten sich da im Hause Trescher abgespielt? Wie hat man sich für die Zukunft verabredet? Was sollte mitgenommen werden? Was war wichtig? Wie konnte Jettes Papa, Herr Jülich, benachrichtigt werden?
In Werdohl verlief das Leben zu der Zeit im August 1944 eigentlich noch ganz „normal“. Man hatte zwar davon gehört, dass die Rote Armee die Ostgrenze Ostpreußens zu überschreiten drohte und die Alliierten in Nordfrankreich die deutsche Front zurückdrängten. Das Attentat auf Hitler war, wie sie alle heute wissen, verschleiert worden. Das deutsche Volk war über die wahren Beweggründe der Widerstandskämpfer, die als Verbrecher und Verräter beschimpft wurden, getäuscht worden. Die Menschen in Werdohl glaubten noch an Hitler, glaubten an einen Sieg. Sie waren doch so weit von der Ostgrenze entfernt!
Ankunft in Werdohl im Sommer 1944
Endlich am sicheren Ziel angekommen, ließ sich die Gruppe in einer Ecke des Wartesaals nieder: Die Großmutter mit einem Säugling im Arm, die Mutter mit einem Kleinkind auf dem Schoß, die dreijährige Jette in Pantoffeln mit einem Teddy unterm Arm, zwei abgesetzte Kleinkoffer, eine junge Frau, die sich von der Gruppe mit den Worten verabschiedete: „Ich bin in etwa einer Stunde wieder da und hole Euch ab.“
Während sich Tante Anneliese zu Fuß auf den Weg zum Haus ihrer Schwiegereltern machte, das ungefähr eine halbe Stunde vom Bahnhof entfernt lag, bestaunten die Leute sie, ja fast gafften sie sie an. Jettes Mutti fragte nach frischem Wasser, das sie auch bekamen. Ansonsten hatten vereinzelte Leute im Wartesaal, außer Soldaten und anderen erwachsenen Reisenden, noch nie solch eine Gruppe gesehen. Als Jettes Mutter verlauten ließ, dass sie aus Ostpreußen kämen und vor dem nahenden Russen geflüchtet wären, wollte man es ihr nicht glauben: „Liebe Frau! Das ist völliger Unfug! Wir werden den Krieg gewinnen! Hören Sie mit dem ‚dämlichen‘ Gerede auf!“ – „Dem Führer ist zu trauen; er weiß, was er tut. Sie müssen nur geduldig sein, durchhalten! Er wird uns schon zum Siege führen! Alle widersprüchlichen Berichte sind Unsinn.“
„Geben Sie sich um Gottes willen nicht als Flüchtlinge aus! Es gibt keine deutschen Flüchtlinge, merken Sie sich das! Heil Hitler!“ Das war die Einstellung der Werdohler im August 1944.
So gelangten sie zum Bausenberg 21, in das Haus der Schwiegereltern von Jettes Patentante, das ein 2 ½ - Familienhaus und zweigeschossig in den Bausenberg hineingebaut war. Jede Wohnung hatte eine Küche, ein Schlafzimmer, eine gute Stube und ein Badezimmer mit Toilette. Im Dachgeschoss gab es noch drei Zimmerchen und eine Toilette. In der ersten Etage wohnte der älteste Sohn der Familie Schröder zu fünf Personen: Tante Friedchen und Onkel Willi, der zu der Zeit an der Front kämpfte, mit ihren Kindern Dieter, Christa und Detlef. In der zweiten Etage wohnte Opa Schröder mit seiner Frau und der verheirateten Tochter Edith, deren Mann auch irgendwo Soldat war. Niemand wusste, wo er sich aufhielt oder kämpfte. Zu diesen Personen gesellten sich nun plötzlich weitere 6 Personen, denen ein Plätzchen im Haus gegeben wurde. Sie machten alle Platz für die Verwandten aus dem fernen Ostpreußen. Wo sollten all diese Personen nur schlafen? Die drei Jülichs waren ja nur „Anhängsel“, aber die Familie Schröder zeigte sich sehr gastfreundschaftlich und hilfsbereit. Tante Friedchen gab den dreien ihr Wohnzimmer, in das ein großes Bett, ein Tisch mit vier Stühlen und später eine elektrische Kochplatte gestellt wurden. Dass dieses Zimmer die Bleibe für die nächsten vier Jahre werden sollte, ahnte sicherlich niemand zu der Zeit! Alle hofften und glaubten, dass bald den Neuankömmlingen eine sichere Bleibe irgendwo in der Stadt vom Amt angeboten würde.
Tante Anneliese lief mit Jettes Mutti jeden Tag zu Fuß zum Rathaus in Werdohl, um ein Quartier zugewiesen zu bekommen, doch die Antwort lautete: „Gehen Sie bitte dahin, wo es mehr Platz gibt als in unserem kleinen Werdohl!“
Man hatte mit Flüchtlingen einfach noch keine Erfahrung. Und – wo sollten sie denn schon hin? Die beiden Mütter waren ziemlich ratlos. Sie gaben nicht nach, sondern zogen weitere vierzehn Tage jeden Morgen zum Amt, um doch nur wieder vertröstet zu werden. Sie bekamen allerdings jede einen Korb mit Küchengeräten zugeteilt: 2 Blecheimer, 2 Kochlöffel, 1 Backform, eine Kochplatte.
Nach drei Wochen stand plötzlich Vater Jülich vor der Tür. Nun, ein großes Bett, das für drei reichte, sollte es wohl auch für die vier tun! Papa Jülich stand an der italienischen Front, hatte Sonderurlaub bekommen, war von Italien nach Ostpreußen „gefahren“, hatte dort weder seine Frau noch seine Töchter angetroffen, aber von Nachbarn gehört, dass sie nach Werdohl „geflüchtet“ wären. Dann fuhr er von Ostpreußen nach Werdohl. Wie viele Tage er wohl unterwegs gewesen sein mag?! Ob Soldaten in Uniform zu jener Zeit schneller befördert wurden?
Welche Freude bei Jettes Eltern, die sich gegenseitig „Tschiepschen“ nannten, sich endlich wieder einmal in den Arm nehmen zu können! Welche Freude bei dem Vater, die beiden Töchter zu herzen! Er hatte außerdem vor einigen Monaten seinen ersten Neffen bekommen und konnte ihn nun zum ersten Mal bestaunen!
Auch Herr Jülich erreichte beim Amt nichts. Doch erhielt die Familie Jülich schließlich die Genehmigung mit dem Einverständnis der Familien Schröder, dass sie dort „Am Bausenberg 21“ bis auf Weiteres wohnen durfte. Schnell wurde die Taufe des kleinen Heinz-Jürgen geplant und gefeiert, da der Patenonkel, Jettes Vater, anwesend war. Der Vater des kleinen Heinz-Jürgen kämpfte zu der Zeit irgendwo an der Ostfront.
Mit der Feldpost hatte Jettes Tante ihren Mann von der Geburt des Sohnes unterrichtet, hatte allerdings keinerlei Nachricht von ihm erhalten. Es musste für sie sicherlich sehr enttäuschend gewesen sein, dass alle Ehemänner im Haus auf „Feldurlaub“ kamen, nur ihr eigener Ehemann nichts von sich hören ließ. Immer wieder die Eintragungen in ihr Tagebuch: „Ob der liebe Vati wohl schon von unserem Jungen weiß?“
Nach Jettes Papa tauchte dann plötzlich auch der Ehemann von Tante Friedchen auf; kurze Zeit darauf auch der Ehemann von Edith. Doch Onkel Willy reiste nach 6 Tagen wieder ab. Onkel Carl, der Mann von Tante Edith, trug gar keine Uniform und war schon nach wenigen Stunden wieder verschwunden. Alle gingen sehr geheimnisvoll mit ihm um. Er sagte ihnen allen nicht einmal guten Tag. Was sprachen die jungen Ehepaare miteinander? Machten sie Pläne für die Zukunft? Konnten sie das schreckliche Ende voraussehen? Erzählten die drei Soldaten nie, wie es an den Fronten aussah, oder saßen diese drei sicher in irgendwelchen Amtsstuben? Wie viel wussten sie über die wirkliche Kriegssituation? Wollten sie ihren jungen Frauen die Wirklichkeit verheimlichen?
Wollten die drei Soldaten niemanden mit ihren Berichten beunruhigen? Glaubten sie daran, den Krieg zu gewinnen? Das waren Fragen, die heute nicht mehr beantwortet werden können. Die Aufzeichnungen der Tante reichen nur bis Ende des Monats September 1944, und über Berichterstattungen oder Gespräche im Hause Schröder, die den Verlauf des Krieges betrafen, war leider nichts zu lesen.
Das Haus „Am Bausenberg 21“ war also bis unters Dach voll mit Kindern, jungen Müttern, Großmüttern, Tanten und einem einzigen Mann, Opa Schröder, dem Besitzer des Hauses. Es gab zu der Zeit noch alles zu essen. Zur Taufe von Heinz-Jürgen z. B. bereiteten die Frauen alle ein Festessen vor, und anschließend tischten sie Torten und Kaffee auf.
Gegen Ende des Monats September wurde es in dem sauerländischen Städtchen langsam kälter, und alle jungen Frauen gingen in den nahen Wald, um Brennholz für den Winter zu sammeln. Jette ging auch manchmal mit und suchte kleinere Ästchen für den Korb. Dieser Wald lag dem Haus des Bürgermeisters Filthaus gegenüber, der später noch eine wichtige Rolle in Jülichs Leben „am Bausenberg“ spielen sollte.
Bis hierher hatte Jette sich auf die Eintragungen im Tagebuch ihrer Tante gestützt. Es war ein Segen, dass sie es ihr geschenkt hatte. Allerdings hatte ihr Tantchen alles in Sütterlin geschrieben, die Schrift, die etwa bis 1945 die Amtsschrift in Deutschland war. Nicht jeder versteht heutzutage, Sütterlin zu lesen, geschweige denn zu schreiben. Jette hatte sich darin später geübt, damit sie Tante Annelieses Tagebuch auch wirklich gut lesen und verstehen konnte.
Jettes Gedächtnis setzt ein
Etwa zu der Zeit, September 1944, setzte plötzlich ihr Gedächtnis mit einem Erlebnis ein, das sicherlich der Schwere und des Schocks wegen haften geblieben war:
Jettes Mutti, Hilla, besaß ein Radio, einen Volksempfänger, mit dem sie nicht nur vaterländische Nachrichten und Marschmusik hörte, sondern auch versuchte, Nachrichten der BBC abzuhören, was zu der Zeit in Deutschland verboten war. Hilla hielt sich, wie Jette es später auch noch beschreiben wird, an keinerlei Vorschriften. Da der Empfang in dem sauerländischen Städtchen der umliegenden Berge wegen sehr schlecht war, suchte sie nach der richtigen Frequenz, bis sie etwas hörte. Das leichte Quietschen und Piepen drang an Jettes Ohr. Dann sprach der englische Nachrichtendienst. Sie verstand nichts. Aber nach dem „Psssst!“ von ihrer Mutti saß sie auch ganz still und beobachtete sie, wie sie mit intensiv ernster Miene und einem Ohr nah am Lautsprecher zuhörte. Ob sie Englisch verstand, wusste sie nicht. Ohne Zweifel fühlte sie sich in dem Haus sicher und hatte keine Angst, Verbotenes zu tun.
Doch plötzlich stand der Opa Schröder im Zimmer. Er schrie mit rotem Gesicht: „Wenn Du noch einmal diesen Sender abhörst, Hilla, dann erschieße ich Dich!“ Mit diesen Worten richtete er seine Pistole auf Jettes Mutter: „Und ich meine das im Ernst!“ Nach dem geschrienen Hitlergruß und den laut zusammengeschlagenen Hacken knallte er die Tür zu und verschwand. Jette weinte und weinte. Ihre Mutti nahm sie auf den Arm, setzte sich auf den Stuhl neben der Tür und begann, sie zu beschwichtigen, zu streicheln. Dabei wiegte sie sie in ihren Armen. Nichts konnte sie trösten!
Von dem Zeitpunkt an hatte sie unendliche Angst um ihre Mutter und auch davor, diesem schrecklichen kleinen Mann mit Schnurrbart, schwarzen Stiefeln und Pistole irgendwo im Haus zu begegnen. Das Bild von dem herumfuchtelnden und Pistole schwingenden Opa Schröder in der Situation in ihrer damaligen kleinen Welt hat sie nicht vergessen, und es immer noch vor ihrem inneren Auge!
Selbst wenn Jette heute im Fernsehen Hitler sieht, sieht sie gleichzeitig Opa Schröder. Es hätten Brüder sein können! Die Identifikation mit dem Idol Hitler ließ viele Männer zu der Zeit Frisur und Schnurrbart nachahmen.
Es dauerte lange, bis sie das gemeinsame Zimmer verließ. Nach oben, wo der schreckliche Mann wohnte, ging Jette nie wieder, so dass sie sich an die Oma Schröder so gut wie gar nicht erinnert.
Wie hat Jettes Mutter diese plötzliche Drohung auf ihr Leben verarbeitet? Sie hat sich in keiner Weise einschüchtern lassen; denn sie hörte weiterhin den britischen Sender ab! Das machte sie allerdings nun in der Nacht! Jette gab vor zu schlafen, doch ständig spitzte sie ihre Ohren, um zu hören, ob jemand die Treppe herunterkäme oder sich jemand der Zimmertür näherte.
Direkt unter dem Fenster des Zimmers, das einen wunderschönen Ausblick auf das Lennetal mit seinem sich dahin schlängelnden Fluss und dessen Damm, auf die Sportplätze, die Bahnlinie und den gegenüberliegenden Königsberg bot, rankten Weinreben, die viele kleine Trauben trugen. Sie gehörten ihnen natürlich nicht, aber zu der Zeit wusste Jette auch noch nicht, dass sie essbar waren. Sie konnte sich aber gut daran erinnern, wie ihre Mutti eines Tages in der Dämmerung das Fenster leise öffnete, sich weit hinauslehnte und etwas Grünes mit der Schere abschnitt. Sie wusch die kleinen grünen Kugeln und steckte ihrer Tochter eine davon in den Mund. Sie mochte sie nicht. Sie waren zu sauer! Aber ihre Mutti aß ein paar davon, den Rest warf sie weg.
In den nächsten Tagen erntete Opa Schröder selber die Trauben. Hatten sie ein Glück gehabt, dass sie wenigstens einige vorher probiert hatten! Sie wussten ganz genau, dass sie einfach zu sauer waren. Offensichtlich wollte er mit Jettes Mutter nach dem Zwischenfall Frieden schließen und brachte ihr und den Kleinen eine große Traube zur Versöhnung. Jette verkroch sich unterm Tisch, als er das Zimmer betrat. Sie hatte Angst um ihre Mutti, doch er trug weder Stiefel noch eine Pistole. Die Mutti nahm jedoch die Traube nicht an. Er verließ sprachlos den Raum. –
Sie für ihren Teil blieb so lange unter dem Tisch sitzen, bis der Opa Schröder oben die Tür ins Schloss fallen ließ. Sie war dreieinhalb Jahre alt.
Bis heute weiß Jette nicht, ob es der Stolz ihrer Mutter war, der sie zur Ablehnung des Geschenks veranlasst hatte, oder die Gewissheit, dass die Trauben ohnehin nicht schmeckten! Sie wollte diese Zeichen der Entschuldigung einfach nicht annehmen!
Winter und Weihnachten 1944
Das Zimmer im Haus „Am Bausenberg“ war ihre Zuflucht. Hier wohnten sie, Jette, ihre Mutter, die zwei Jahre jüngere Schwester Marisa. In dem kleinen Raum spielte sich ihr Leben ab: Anfangs schliefen die drei in einem großen Bett. In einer Ecke neben einem Kachelofen, der von Tante Friedchens Küche aus beheizt wurde, kochte Jettes Mutter auf dem elektrischen Kocher, den sie von der Stadtverwaltung Werdohl erhalten hatte; sie aßen und spielten an dem einen Tisch in der Mitte des Zimmers. Er war auch für Essensvorbereitungen ideal. Jettes Mutter hatte die sogenannte Koch- und Waschecke mit einem Paravent abgeteilt; einen Luxusgegenstand gab es hier im Zimmer auch, das war das Radio, aus dem Nachrichten, laute Reden und Musik kamen. Irgendwie gesellte sich später ein Ohrensessel dazu, der mit weinrotem Bouclé bezogen war und zur Nacht zu einem Liegestuhl ausgeklappt wurde. Allerdings konnte er nicht gänzlich flach gestellt werden, er behielt das Rückenstück mit einer Neigung von ca. 25° bei. Als Jette etwas älter war, diente er ihr oder Besuchern als Bett.
Obwohl zwei andere Kinder im Haus wohnten, sah Jette diese selten. Der Altersunterschied war damals wohl zu groß; sie waren schon 5 und 6 Jahre alt und konnten mit ihr, der Dreieinhalbjährigen wohl wenig anfangen. Ihre Oma, die mit ihrer Patentante und dem Baby Heinz-Jürgen ganz oben unter dem Dach eingezogen war, bekam sie auch selten zu Gesicht. Die Treppen waren steil, der Weg nach oben oder unten für sie allein sehr beschwerlich.
Mit der Zeit wurden die Lebensmittel sehr knapp. Wenn die Mütter zum Hamstern unterwegs waren oder Brennholz holten, musste Jette auf die kleine Schwester aufpassen. Wie? Das hatte sie von ihrer Mutti „abgeguckt“. Am schönsten empfand sie die ersten langen Winterabende in dem Zimmer. Dann saßen sie beide auf Muttis Schoß in der Ecke am wärmenden Ofen, und die las ihnen aus einem Märchenbuch vor, erzählte ihnen von ihrem Papa, sang wunderschöne Lieder, in die sie einstimmten, und lehrte sie Kinderreime oder kleine Verse in der ostpreußischen Mundart: „Putthäneke, Putthäneke, wat deist up unserm Hof …“ „Schneeflöckchen, Weißröckchen …“ wurde in ihrem „ersten“ Winter zu ihrem Lieblingslied. So tat sie es ihrer Mutter nach, wenn diese zum Hamstern „unterwegs“ war und nahm Marisa auf ihren Schoß!
Die ersten Schneeflocken waren ein riesiges Erlebnis für Jette. Als diese an die Fensterscheibe flogen, stand sie „stundenlang“ dort und beobachtete die kleinen Kristalle, die alle unterschiedlich aussahen, und doch dann in Sekundenschnelle wieder schmolzen und einfach weg waren. Sie konnte sich nicht satt sehen an den weißen Flöckchen, die aus dem Himmel zu ihnen herniederrieselten! Obendrein kam am nächsten Morgen dann die nächste Überraschung! Als sie zum Fenster lief und mehr Schneeflocken beobachten wollte, konnte sie nicht hinaussehen: Der „Herr Frost“ hatte über Nacht Eisblumen an ihr Fenster gemalt. So sagte es jedenfalls ihre Mutti, und sie hatte lange die Vorstellung, dass dieser unbekannte große Mann tatsächlich diese Eisblumen über Nacht ans Fenster gemalt hatte.
Als Jette zum ersten Mal nach draußen gehen durfte, konnte sie die Pracht, die alles in eine weiße Decke gehüllt hatte, überhaupt nicht begreifen. Torpfosten, Mauern, Büsche, Bäume, Häuser trugen ein weißes Häubchen. Die Straße war plötzlich über Nacht so breit geworden! Bürgersteige und Straße waren eins! Im Haus existierte ein Schlitten, den, was sie viel später erfuhr, der „unheimliche“ Opa Schröder selber gezimmert hatte. Ihre Mutter setzte die beiden Töchter darauf und zog sie über den Bausenberg bis hin zum Wald. Eingemummelt in Decken fühlte Jette sich auf dem Schlitten, als säße sie in einem Bett. Der Unterschied war nur, dass sie draußen war und auch noch eine kleine weiße Wolke aus ihrem Mund kam! Marisa saß vor ihr. Sie musste sie festhalten.
Der Winter 1944 war hart und dauerte lang
Jettes Mutter zog immerzu mit Tante Friedchen oder Tante Anneliese los, um Brennholz im nahen Wald zu sammeln. Da dann noch zwei oder drei Frauen im Haus zurückblieben, konnten Marisa und Jette allein gelassen werden. Wenn Marisa nach ihrer Mutti rief oder es ihr langweilig wurde, nahm Jette sie, wie bei der Mutti abgeguckt, auf ihren Schoß, sang und erzählte ihr Geschichten oder ließ sie Reime nachplappern. Zum Essen wurden sie meistens aus dem Zimmer gerufen und mit den anderen großen Kindern abgespeist. Danach durften sie wieder in ihr Zimmer gehen und warten und warten, bis ihre Mutti nach Hause kam.
Zum Weihnachtsfest 1944 gab es eine riesige Überraschung. Jettes und Marisas Papa tauchte für zwei Tage von der italienischen Front auf. Eines Abends in der Dämmerung klopfte es an der Tür, und dieser Mann stand plötzlich mitten im Zimmer. Jettes Mutti schrie vor Freude und Überraschung und flog ihm um den Hals. Jette erkannte ihren Vater natürlich nicht im Dämmerlicht. Doch als er sie und Marisa gleichzeitig auf den Arm nehmen wollte, hatte er nur Jettes Zutrauen erhalten. Marisa wollte sich nicht drücken und küssen lassen. Nur Jette ließ es zu, weil Mutti ihr versicherte, dass das ihr Papa sei.
Er hatte sich einen Bart stehen lassen, und das gefiel Jette überhaupt nicht; er kratzte und fühlte sich so rau an ihrer Wange an. Sie ließ ihn jedoch gewähren, weil ihre Mutti so glücklich und fröhlich war. Sie lachte, weinte und sagte immer wieder: „Das ist euer Papa!“ Das kleinere Schwesterchen Marisa jedoch hatte sich unter dem Tisch verkrochen und weinte und rief: „Schick den fremden Mann weg! Schick den fremden Mann weg!“
Nun kam die erste Nacht, in der die Große auf dem Ohrensessel schlief und es himmlisch fand, weil sie sich erstens umdrehen konnte, wann sie wollte, und zweitens atmete ihr niemand ins Gesicht. Sie fühlte sich sehr erwachsen, weil sie ein Bett für sich allein hatte! Dass das keine sonderlich gesunde Bettstatt war, daran hatte sicherlich auch ihre Mutti nicht gedacht. Aber auf Jettes Bitten hin durfte sie auch, nachdem ihr Papa abgereist war, weiterhin auf dem Ohrensessel schlafen.
Das Schlafen in dem großen Bett zusammen mit ihrer Mutter und Marisa hatte Jette für immer geprägt. Sie hasst es heute noch, ihr Bett, ja sogar das Schlafzimmer, mit jemandem, außer ihrem Mann, zu teilen. Sogar ein Zweibettzimmer im Krankenhaus ist eine Qual für sie, weil sie jemanden in der Nähe atmen hört. Der Liegestuhl (25° Neigung) sollte sich später in ihrem Leben als nicht so gesund für ihre Wirbelsäule herausstellen.
Jettes Papa hatte aus Italien etwas unglaublich Exquisites und Schönes als Weihnachtsgeschenk mitgebracht. Die kleine Familie saß am Tisch, und zum Nachtisch zauberte er drei gelbrote Bälle auf einen Glasteller und erklärte ihnen, dass das Apfelsinen seien, die man obendrein auch noch essen konnte! Mutti Jülich nahm ein kleines Messer zur Hand und schnitt in bestimmten Abständen in diese Frucht. Dann pellte sie sie, ließ jedoch die Schale unten ringsherum in den Segmenten stehen, sodass der kleine Ball in der Mitte lag, der dann wiederum von Mutti von der Mitte aus in Segmenten auseinandergedrückt wurde. Inzwischen duftete es im Zimmer nach einem wunderbaren Parfüm! Ein prächtiges Gebilde, das einer Blume glich, lag vor ihnen. Jette konnte sich gar nicht vorstellen, dass sie das essen durften. Aber dann reichte Mutti Jülich jedem von ihnen ein Stückchen, das sie dann in den Mund steckten. Es war ein himmlischer Genuss mit so viel Süße und Saft, dass sie hoffte, dieser Festschmaus würde nie enden. Nun, er hörte ja auch nicht auf, denn es lagen ja noch zwei weitere Apfelsinen auf dem Tisch. Mit ihnen wurde genauso verfahren wie mit der ersten Frucht. Nachdem alle ihren Nachtisch genossen hatten, wurden die Schalen nicht einfach weggeworfen! Mutti zeigte ihnen, wie man noch mehr Apfelsinenduft im Zimmer verbreiten konnte. Die Schalen wurden gebogen und gedrückt, sodass Jette sehen konnte, wie winzige Spritzer aus den Poren sprühten. Diese ganze Handlung war so aufregend, dass sie sie nie, nie in ihrem Leben vergessen hat. Bis die Kinder je wieder eine Apfelsine zu Gesicht bekommen würden, sollten mindestens 5 Jahre vergehen. Der Papa verließ sie nach zwei Tagen wieder, um in Italien weiter zu kämpfen, kam aber nach 3 Wochen noch einmal zurück, im dicken Schnee!
Herr Jülich hatte „das große Los gezogen“ und stand nicht an der Ostfront im Gefecht mit der russischen Armee, wie die Ehemänner der Tanten oder weitläufigen Verwandten im Haus. Wie Tante Anneliese, Frau Jülich, die Großmutter und alle anderen Hausbewohner die niederschmetternden Nachrichten vom Vorrücken der Roten Armee bis Berlin in den letzten Kriegsmonaten verkrafteten, davon bekam Jette nichts mit. Hier im Haus war sie ja nur ständig mit ihrer kleinen Schwester allein.
Ihre Mutti war so oft mit den anderen Frauen unterwegs, um Brennholz für die Öfen zu sammeln, und um Essen auf den Tisch zu bringen. Sie ging so häufig hamstern. Die Lebensmittel wurden immer knapper! Die Luftangriffe wurden immer häufiger! Dann und wann, wenn die Sirenen aufheulten und Mutti zu Hause war, griff sie und führte ihre Kinder in den Luftschutzbunker im Keller, wo dann auch die anderen Hausbewohner nach und nach eintrafen. Wenn sie zufällig alleine waren, ging Jette mit ihrer kleinen Schwester auch allein in den Keller.
Die Großmutter, Oma Jülich, war eine sehr gläubige Frau, die meistens die Bibel aufschlug und einige Psalmen vorlas oder mit ihnen allen betete. Alle machten mit oder hörten gebannt zu, immer den Blick zur Decke gerichtet, ob ihnen etwas Schlimmes drohte. „Ob Mutti wohl auch jetzt in einem Luftschutzbunker sitzt? Hoffentlich passiert ihr nichts da draußen!“
Später zogen die Alliierten als Besatzungs- und Siegermacht durch die Straßen und Häuser. Es muss März oder April 1945 gewesen sein, weil Jettchen nach der Schneeschmelze schon allein draußen vor der Kellertür spielen durfte. Dort sprach sie ein Soldat an. Er fragte sie, wo ihre Mutter sei. Sie nahm seine Hand und zog ihn mit sich und ging ganz stolz voran zu ihrem Zimmer. Er hatte der Kleinen etwas in die Hand gedrückt. Als Frau Jülich sie beide sah, war diese überrascht, schien aber zugleich auch sehr böse zu sein! Sie nahm ihrer Tochter nämlich das Geschenk aus der Hand und sie schützend auf den Arm. Jettchen wusste gar nicht, was das alles bedeuten sollte! Überhaupt hatte sie solch etwas bunt Eingepacktes noch nie gesehen! Also störte sie der Verlust nicht.
Die Mama beschimpfte jedoch lauthals den Soldaten und fragte, was er mit dem Töchterchen gemacht hatte. Aber da dieses weder weinte noch traurig aussah, ließ sie es dabei bewenden. Sie sprach zu ihm in Worten, die Jette überhaupt noch nie gehört hatte und auch nicht verstand. Plötzlich entdeckte er auf der Fensterbank Muttis Fotoapparat und ging darauf zu und sprach wieder in Worten, die Jette nicht verstand. Ihre Mutti hatte anscheinend Angst, dass er den Apparat mitnehmen wollte, aber nach seiner Inspektion gab er ihn wieder zurück. Mutti Jülich war überglücklich und erzählte ihm wieder in ganz fremden Worten etwas. So kannte Jette ihre Mutti gar nicht! Plötzlich nickte der Soldat zustimmend und nachdenklich und wollte das Zimmer verlassen. Er hielt jedoch inne und gab Frau Jülich noch ein paar bunt eingepackte Sachen aus seiner Tasche, die ähnlich aussahen wie das Ding, das er der Kleinen vor der Kellertür geschenkt hatte. Frau Jülich lächelte ein wenig. Er freute sich, dass er der Familie eine solche Freude damit machen konnte. Die beiden lachten noch einmal kurz zusammen, dann sagte er: „Good-bye!“ – und Jettes Mutti auch, und dann war er verschwunden. Sie nahm Marisa und Jette auf ihren Schoß, und dann packte sie die kleinen Sachen aus: Ihr erstes Stückchen Schokolade, das sie zusammen aßen! Ach, sie schmeckte ganz gut und war auch süß, aber die Farbe war schon komisch: braun!
Opa, Gustav Trescher
Im April 1945 gab es plötzlich ein großes Hallo im Jülichschen Zimmer! Der Opa, Gustav Trescher, stand plötzlich davor. Endlich konnten sich Vater und Tochter nach neun Monaten wieder einmal in die Arme schließen. Der Opa kannte beide Enkelinnen seit der Geburt, aber sie kannten ihren Opa nicht! Er war ein stattlicher Mann mit Glatze und Schnurrbart. Er hatte die gleichen Augen wie ihre Mutti und eine besonders weiche Stimme, die sie als so vertrauenswürdig und lieb empfanden, dass sie sich einfach auf seinen Arm nehmen und liebkosen ließen. Ihre Mutti war seine einzige Tochter. Wohin seine zweite Frau, Elisabeth, geflüchtet war, wusste er zur Zeit seiner Ankunft in Werdohl nicht. Opa war Reichsbahnobersekretär in Stallupönen (Ebenrode) und hatte mit seiner Frau und Tochter und Muttis Cousine Gisela die gesamte obere Etage des Bahnhofs bewohnt, wo die kleine Jette geboren wurde.

Das Foto aus Ostpr., das letzte von Jettes Opa Trescher. Er besaß einen großen Fischteich in seinem Garten. (1941)
Seine erste Frau Bertha, nach der Marisa ihren zweiten Vornamen erhielt, war 1940 an Herzschwäche gestorben. Er heiratete dann Elisabeth. Übrigens starb die Schwester von Bertha, Frau Jülichs Tante Lotte, auch an Herzschwäche. Deren Tochter Gisela, 8 Jahre jünger als Jettes Mutti, wuchs nach dem Tod ihrer Mutter bei Omi und Opa Trescher auf. Wegen der jungen Gisela hatte Herr Trescher schnell wieder geheiratet.
In einem Bericht über die deutsche Reichsbahn schreibt Werner Kahrau im Ostpreußenblatt: „Ihr Ende fand die deutsche Eisenbahngeschichte von Stallupönen (Ebenrode), als der Reichsbahnobersekretär Trescher mit der letzten Lokomotive in der Nacht vom 16. zum 17. Oktober 1944 den Bahnhof Stallupönen in Richtung Königsberg (Pr) verlassen musste.“ Offensichtlich hatte er den Auftrag bekommen, die deutsche Lok bis nach Königsberg zu retten, damit sie nicht in russische Hände fiel und diesen den Weg in den Westen schneller ermöglichte.
Nun, wie Jettes Mutter immer wieder berichtete, stammt die Familie Trescher aus dem Salzburgischen Land. Sie waren Grund- und Großgrundbesitzer gewesen, aber als Protestanten/Lutheraner 1732 des Landes verwiesen worden. Da Jettes Mutter in Gumbinnen geboren wurde, nimmt sie an, dass ihre Vorfahren zu der oben beschriebenen Gruppe Salzburgern gehörten, die ihrer Religion wegen verfolgt worden waren … Nun waren sie wieder auf der Flucht.
Nachdem Opa Trescher zu seiner Tochter gestoßen war, wohnte auch er bei ihnen im Zimmer. Wo sie alle schliefen? Nun, das war recht einfach: Opa erhielt den Ohrensessel mit verlängertem Fußstück! Jette wurde „ausquartiert“, und ihre Mutti und Marisa hatten das große weiße Bett für sich. Zuerst schlief Jette oben bei Tante Anneliese, Baby Heinz-Jürgen und Oma Jülich.
Oft übernachtete auch Marisa ganz oben. Eines Tages kam Tante Anneliese ganz aufgeregt zur Jülichschen Familie die Treppe heruntergelaufen: „Schaut doch einmal, was hinter dem Bettchen lag, in dem Marisa geschlafen hat: lauter kleine Haarbüschel! Die habe wir gerade erst beim größeren Reinemachen entdeckt!“
Was war passiert? „Marisachen“ hatte sich zum gemütlicheren Einschlafen ein paar Haare ausgezupft, sich um den Daumen gewickelt und dann mit dem dritten und vierten Finger genuckelt. Mit dem haarigen Daumen strich sie sich etwas schön Weiches um die Nase und konnte dann schneller einschlafen! Zu der Zeit gab es keine Nuckel oder Ähnliches! Morgens hatte Marisa dann das kleine Büschelchen hinters Bett geworfen. Damit war das Rätsel gelöst: Ihre Mutti hatte eine kahler werdende Stelle an Marisas Köpfchen entdeckt und wusste nicht, woher diese kam! – Jeder hatte so seine Methode, sich lauschig und angenehm in den Schlaf zu befördern. Das war Marisas! Da musste also Abhilfe geschaffen werden.
Bald nachdem die Geschichte bekannt wurde, erklärte sich die Nachbarin, Tante Elli, sehr schnell bereit, Jettchen zum Schlafen aufzunehmen. Sie wohnte gegenüber und hatte eine ganze Etage (5 Zimmer!) für sich und ihre Tochter Gisela. Jette wurde abends hinübergebracht, und schnell ging’s dann auch gleich ins Bettchen. Die Übernachtungen bei dieser Tante Elli waren allesamt interessant. Sie hatte viel mehr Bücher, und Jette hörte wunderschöne andere Geschichten, die ihr die schon große, fast erwachsene Gisela vorlas. Sie kam ihr so unendlich alt vor; dabei war diese erst 14 oder 16! Das Übernachten bei Freunden war ja so spannend, eigentlich wie heute auch noch!
Und wohin war Opas Frau geflüchtet? Lebte sie noch? Das Deutsche Rote Kreuz zusammen mit der Evangelischen Kirche hatte 1945 in Hamburg einen Suchdienst eingerichtet, wo Familien nach ihren Angehörigen suchen konnten: Es wurden Ehemänner, Ehefrauen, Kinder, Onkel, Tanten gesucht? Viele Fotos wurden herumgereicht und an Aushängetafeln (Kirche, Rathaus usw.) angeheftet. Später wurde speziell nach Kindern gesucht. Sie konnte sich gut daran erinnern, dass Opa und Mutti mittags um 14 Uhr mit Bleistift und Papier am Radio saßen und den Suchdienst anhörten, um Adressen von verwandten und bekannten Familien mitzuschreiben. 12 Millionen Menschen suchten in Deutschland damals ihre Familienmitglieder. Weil sehr viele nach Schleswig-Holstein geflüchtet waren, bildete sich in Flensburg auch eine Suchzentrale, in der Tausende von Karteikarten abgeliefert wurden. Was wäre es einfach gewesen, hätte es damals schon das Internet und all die Suchmaschinen und Chat Rooms gegeben! Aber zu der Zeit gab es in einem normalen Haushalt weder ein Telefon noch eins in einer Straße wie dem Bausenberg. Zu der Zeit gab es eins lediglich auf der Post, unten in der Freiheitsstraße, etwa eine halbe Stunde zu Fuß vom Bausenberg entfernt.
Über den Suchdienst am Radio erfuhr Opa Trescher, dass seine Frau mit ihrem Bruder und dessen Familie nach Sattenhausen bei Göttingen geflüchtet war. Jedenfalls ging die Familie Jülich eines Tages zum Bahnhof und begleitete den Opa dorthin, damit er zu seiner Frau, Jettes und Marisas Omi, fahren konnte. Jette war so traurig, dass ihr geliebter Opa wegfuhr!
„Opa, nick-nack?“
An eine kleine Episode, die Opa und Jette betraf, kann sie sich noch sehr gut erinnern; sie wurde auch oft von ihrer Mutti zum Besten gegeben. Sie saß so gern bei Opa auf dem Schoß und kuschelte mit ihm nach dem Mittagessen, wenn er ein kleines Nickerchen hielt. Nun, sie hatte am Morgen gesehen, wie er sich mit einer kleinen Nagelschere den Schnurrbart saubergestutzt bzw. beschnitten hatte. Sie fand das so spannend und wollte eigentlich auch mal mit dem kleinen Scherchen schneiden. Nun saß sie bei ihm auf dem Schoß und entdeckte genau die kleine Schere auf der Fensterbank. Sie brauchte nicht einmal von seinem Schoß herunter, um sie in die Hand zu nehmen! Sie schnitt sich selber ein paar Haare kürzer, um auszuprobieren, wie das Schneiden so funktionierte. Opa hielt die Augen geschlossen. Er war eingedöst, und deshalb fragte sie ihn leise: „Opa, nick-nack?“ Keine Antwort. Sie wieder: „Opa, nick-nack?“ Sie hatte sein Ohrläppchen in der geöffneten Schere! Sie wieder: „Opa, nick-nack?“ Und dann grummelt er: „Ja, ja, mein Jettchen; mach nur!“ Und sie schnitt, weil er es ihr ja erlaubt hatte, in sein Ohrläppchen.
Er schrie auf, schnellte auf seine Beine, hielt sie aber immer noch in den Armen. Das Blut tropfte auf sein Hemd und auf ihr Kleidchen. Aber dann fing er plötzlich ganz laut an zu lachen, gab ihr einen Kuss und setzte sie ab. In dem Augenblick kehrte Mutti ins Zimmer zurück, sah Jette mit der Schere in der Hand, Opas blutendes Ohr und wollte ihr gerade einen Klaps für die Ungezogenheit geben, als er dazwischenfunkte und rief: „Aber ich hatte es ihr doch erlaubt! Was kann Jettchen dafür, dass ich so dumm war!“ Unmittelbar danach gab es eine Erziehungsstunde von Mutti Jülich über die Gefährlichkeit einer Schere, und dann musste Jette den Kinderreim lernen und oft aufsagen: „Messer, Gabel, Scher’ und Licht, dürfen kleine Kinder nicht!“ Als gehorsames Kind hatte sie lange gebraucht, bis sie überhaupt je wieder eine in die Hand genommen hat. Ihr Opa war für sie der beste Opa der Welt, weil er nicht schimpfte und ihr auch nie böse war. Sie hatten seit der Begebenheit immer ein ganz besonders inniges Verhältnis. Als er abfuhr, war sie sehr, sehr traurig und musste ihm versprechen, dass sie ihn in Sattenhausen besuchen käme.
Kriegsende und schwere Jahre danach
Wie wurde das Kriegsende gefeiert? Alle aus dem Haus am Bausenberg und auch die Nachbarn mit ihren Kindern liefen auf die Straße, nahmen sich gegenseitig in den Arm, wollten tanzen, aber taten es dann doch nicht! Unter die Freudentränen mischten sich schnell die „Trauer-Tränen“ der Frauen, deren Ehemänner noch erst nach Hause kommen mussten, um das wirkliche Kriegsende zu bestätigen. Jede Frau tröstete die andere, man jubelte nicht, denn es fehlten zu viele Mitglieder der Familien. Bis auf „Opa Schröder“ lebten in dem Haus drei, manchmal vier junge Frauen, deren Ehemänner irgendwo an der Front kämpften. Im gegenüberliegenden Haus gab es noch zwei junge Frauen mit kleinen Mädchen in Jettes Alter, die nicht einmal wussten, wo ihre Männer kämpften oder ob sie noch lebten. Ihnen blieb nur die Hoffnung, dass sie eines Tages zurückkehren würden. Wer von den Vätern wird wohl zuerst wiederkommen? Welcher wird wohl nie nach Hause kommen?
Frau Jülich, Jette und Marisa lebten weiterhin in dem kleinen Zimmer, in dem sich ihr gesamtes Leben abspielte. Das Ende des Krieges hatte ihr alltägliches Leben nicht verändert. Weiterhin begaben sich die Muttis auf Hamsterfahrten zu Fuß oder mit dem Fahrrad, um Eier, Brot, Gemüse auf den Tisch zu bekommen. Lebensmittel waren äußerst knapp. Ja, sie waren nach Kriegsende eigentlich noch knapper geworden. Außerdem gab es Lebensmittel nur auf Marken. Jeder Person wurden diese Marken durch das Amt zugeteilt, ob Frau, Kind, Oma, Pensionär, Säugling oder Kranker.
„Experten forderten damals eine tägliche Mindestration von rund 2.000 Kalorien, doch in Köln oder Hamburg, Berlin oder Leipzig standen nicht selten nur 1.000, mancherorts sogar nur 800 Kalorien täglich zur Verfügung. Die Menschen hungerten. Der Verlust der Lebensmittelmarken konnte den Tod bedeuten.“
Irgendwann ging ein Geheimtipp von Nachbar zu Nachbar: An einer der metallverarbeitenden Fabriken in Werdohl liegen Schrauben, Nieten und Nägel so einfach auf einem Schuttplatz herum. Tante Friedchen, Tante Anneliese und Jettes Mutti zogen nun erst einmal dorthin und holten sich von dem Weggeworfenen, was sie tragen konnten. Dann machten sie sich am nächsten Tag auf den Weg zu den umliegenden Bauernhöfen, um diese Dinge gegen etwas Essbares einzutauschen.
Wie weit sie unterwegs waren, kann man erst heute begreifen. Es führte die jungen Frauen sogar bis ins Hessische, bis hinter Kassel, auch bis zur Möhnetalsperre, die 58 km weit entfernt von Werdohl lag. Sie kamen nicht nur mit ein paar Eiern, Mais und Gerste zurück, sondern auch mit Erlebnisberichten der umliegenden Bewohner, wie diese 1943 die Bombardierung der Staumauer durch die Briten mit der eigens für Staumauern erfundenen Rollbombe erlebt hatten, wobei 1600 Menschen ums Leben gekommen waren. Erschütternde Berichte, die von den Nazis geheim gehalten worden waren. Als Propaganda jedoch wurde der Wiederaufbau der Staumauer 6 Monate nach der Bombardierung der breiten Bevölkerung mitgeteilt.
Weiterhin waren die Lebensmittel sehr knapp. Mit den erhamsterten bzw. eingetauschten Sachen bereitete Jettes Mutti für alle ein Gersten- und Maisbrot zu. Ach, was schmeckte das schrecklich! Jette und Marisa spuckten es wieder aus; das Gemisch aus Spelzen und Wasser konnten sie einfach nicht schlucken. All die Müh und Arbeit war dahin. Und Mutti schimpfte nicht einmal mit ihnen; sie konnte es selber kaum essen!
Am ergiebigsten jedoch war die Natur ringsum, die alle mit so manchem fütterte. Wenn sie „zum Spaziergang“ in den nahegelegenen Wald gingen und Mutti Jülich einen Korb, eine Schere und ihre Handschuhe mitnahm, wussten die Töchter schon, was es am Abend zu essen gab: Brennnessel Suppe! Damit sie nicht zu viel weinten, weil sie den Kleinen nicht schmeckte, schüttete Mutti Jülich zwei Esslöffel Milch hinzu. Dann war sie nicht so bitter. Viel, viel besser schmeckte die Sauerampfer Suppe! Aber natürlich gab es nicht so viel Sauerampfer wie Brennnesseln, wo sie wohnten! Dort fehlten die feuchten Wiesen in der Nähe. Da mussten sie mit der Brennnessel Suppe vorlieb nehmen. Heute gehört die Sauerampfer Suppe zu den kulinarischen Köstlichkeiten. Hätten sie das zu der Zeit doch schon gewusst!
Nun, Gerste und Hafer landeten von den Hamstertouren in der Waschküche unten im Keller. Das Gemisch wurde dort von den drei Frauen in einer Pfanne geröstet. Die Rösterei konnten die Kinder zwar riechen, aber keinen Reim daraus machen. Sie sollten auch immer „schön“ oben bleiben und spielen. Eines Tages gingen die drei, Frau Jülich und die beiden Frauen Schröder, dann wieder in den Keller. Wurde wohl noch mehr geröstet? Wieder sollten die Kinder fein oben bleiben und spielen. Warum durften sie denn nicht nach unten? Alles war so geheim! Kinder waren einfach dort unten nicht erlaubt! Neugierig waren sie trotzdem! Christa, Dieter und Jette schlichen einmal nach unten und standen vor der angelehnten Waschküchentür und beobachten, wie Tante Anneliese die Kaffeemühle, die sie zwischen ihre Beine geklemmt hatte, heftig drehte und mahlte. War das denn verboten? Was war denn da so spannend dran? Sie sah so aus wie immer, wenn sie mit ihrer vorgebundenen Schürze Kaffee mahlte. Was war denn dabei so geheimnisvoll? Sie konnten es sich einfach nicht erklären! Muckefuck tranken doch alle immer!
Was das Geheimnis um die Rösterei im Keller war, konnte Jette bis heute niemand beantworten. Warum war die verboten? Warum durften die Kinder sie nicht sehen?
Jettes Asthma
Nicht lange nach der Abfahrt des Großvaters nach Sattenhausen begann für Jette gesundheitlich die schreckliche Zeit des Asthmas. War seine Abreise der Grund der Krankheit? Sie wachte eines Morgens auf, konnte nicht atmen und rief und weinte nach ihrer Mutti, die sie in den Arm nahm und tröstete und sie sofort zu Doktor Schaab brachte, der diese Krankheit dann feststellte. Außerdem sagte er Frau Jülich, dass das Kind unterernährt sei und verschrieb zusätzliche Nahrungsmittel. Sobald sie nur fünfzig Schritte tat, konnte sie nicht mehr atmen, und es pfiff in ihrem Brustkasten, wie kleine Orgelpfeifen. Sie zog immer die Schultern hoch, um wenigstens beim Einatmen ein bisschen Luft zu bekommen. So „lief“ sie fast den ganzen Tag mit hochgezogenen Schultern herum. Damit sie überhaupt zusammen ein paar schöne Spaziergänge machen konnten, setzte Frau Jülich ihr Töchterchen in einen Kindersportwagen und nahm sie so mit. Die arme Jette schämte sich unendlich, dass sie (4 1/2J.) im Kinderwagen saß und die kleine Schwester Marisa (2 1/2J.) neben ihr hersprang. Mutter und Ärzte versuchten alles, um ihr zu helfen. Alle drei Tage fuhr Frau Jülich sie zum Arzt. (Nicht im Auto, sondern im Kinderwagen! Niemand hatte zu der Zeit ein Auto in der Straße, nur der Bürgermeister!) Nach 14 Tagen schickte der Hausarzt Mutter und Töchter zum Hals-Nasen-Ohrenarzt, Dr. Böllhoff. Bei Jette sowie Marisa stellte er Wucherungen/Polypen fest, die natürlich im Werdohler Krankenhaus operiert werden mussten.
Für Jette war die Operation ein Trauma, für die kleine Schwester war die gesamte Angelegenheit sehr, sehr spannend. Weiter nichts! Jette tat der Hals noch tagelang weh, und sie lag in ihrem Bett und wollte „von nichts etwas“ wissen. Nicht einmal Märchen oder andere Geschichten wollte sie hören. Marisa spielte nach 2 Tagen schon wieder draußen, während Jette blass im Armsessel lag, die Ruhe suchte. Warum tat es ihr bloß so weh und Marisa nicht? Die kleine Jette verstand die Welt nicht mehr. Einige Wochen später, nachdem auch sie die Operation vergessen hatte, mussten sie wieder zu Dr. Schaab in die Sprechstunde, weil ihr Asthma einfach nicht aufhören wollte. Er hatte in seiner Praxis eine völlig neue Methode, um Keuchhusten und Asthma bei Kindern zu heilen. Er schlug als Behandlung für Jette den Aufenthalt in „seiner“ Klimakammer vor, die er neu erworben hatte. In der Druckkammer wurde Höhenluft wie in einem Hochgebirge erzeugt. Durch diese Luftveränderung sollte sie nun geheilt werden, ohne überhaupt Medizin zu nehmen.
Es sah darin so aus wie in einem ganz „klitze-kleinen“ Wohnzimmer. Auf der Bank fanden die beiden Schwestern genau nebeneinander Platz. Die beiden? Ja! Um die Große nicht alleine in dieser Röhre sitzen zu lassen, setzte ihre Mutti Marisa dazu: „Das kann Marisa auch nur guttun“, sagte die Mutti und gab Jette ein Bilderbuch mit, das sie sich mit Marisa zusammen ansehen konnte, um die Zeit von einer halben Stunde zu vertreiben. Wenn sich die runde Druckkammertür hinter ihnen schloss, winkte Mutti ihnen von draußen. Sie saß bei den ersten Sitzungen vor der Röhre und zwinkerte ihnen dann und wann zu. Nach drei Sitzungen schon fühlten die Mädchen sich sicher, und sie ging aus Platzmangel davor zurück ins Wartezimmer.
Diese Behandlung hatte Jette ein wenig Erleichterung gebracht, und sie konnte wieder ohne Muttis Hilfe spazieren gehen, auf dem Bausenberg spielen und mit Marisa ein wenig herumtollen. Aber „ihr“ Asthma war immer noch da!
Frau Jülich war immer auf die Gesundheit ihrer Töchter bedacht, und als Jette gar nicht aufhörte, von Opa und einem Besuch bei ihm zu sprechen, fasste Frau Jülich plötzlich den Entschluss, Jette nach Sattenhausen fahren zu lassen. „Diese Luftveränderung wird dir bestimmt auch guttun! Und auf dem Land bekommst du vielleicht auch bessere Milch! Und mehr zu essen!“
15 Stunden allein mit dem Zug von Werdohl nach Sattenhausen – im zarten Alter von 5 Jahren, 1946
Nun, auf die Fahrt nach und auf den Besuch in Sattenhausen, wie Jette es Opa versprochen hatte, brauchte sie also gar nicht so lange zu warten. Mit 5 Jahren, also 1946, wurde sie nach Sattenhausen geschickt. Ja, richtig gelesen! Geschickt! Heute kann es gewiss niemand begreifen, dass Frau Jülich sie allein mit der Bahn von Werdohl nach Sattenhausen fahren ließ. Sie war noch nicht in der Schule, sie konnte also weder lesen noch schreiben. An die Jahreszeit erinnert Jette sich sehr wohl: Auf dem Land wurde Heu eingefahren, und bei der Kartoffelernte war sie immer noch in Sattenhausen; sie half nämlich fleißig mit!
Die Reise von Werdohl nach Sattenhausen, für die man heute mit dem Auto knapp 3 Stunden benötigt, mit der Bahn 5 1/2, hatte sie damals mit dem Zug in mehr als 15 Stunden gemacht, mutterseelenallein mit einem kleinen Koffer an der Hand. Warum fuhr Jette allein? Wie sah die Fahrt aus? Ihre Mutti und ihr Opa hatten sich sicherlich schriftlich verabredet, dass sie an einem bestimmten Tag mit der Bahn von Werdohl nach Wöllmarshausen fahren sollte. Das war der Bahnhof, an dem die Endstation für die „Bimmelbahn“ von Göttingen nach Sattenhausen lag. Auf dem Land gab es weit mehr zu essen als in dem kleinen Werdohl, wo alle noch hamstern gingen. Außerdem war Jettes Papa inzwischen nach Hause gekommen, so dass die Platznot in dem einzigen Zimmer doch sehr groß war und entweder Marisa oder Jette gut verreisen konnten, um dem entgegenzuarbeiten.
So machten sie sich im Morgengrauen in Werdohl auf den Weg zum Bahnhof. Jette erhielt ein Pappschild an einem Bindfaden um den Hals gehängt, auf dem ihr Name, ihre Adresse und der Ankunftsbahnhof standen. Dann wurde sie dem Schaffner übergeben, der sie mit in sein Dienstwagenabteil steigen ließ. Nicht wirklich steigen, denn sie wurde einfach dort hineingehoben.
Für die heutigen Verhältnisse unvorstellbar! Das Vertrauen in die Bahn und deren Angestellte durch den Beruf des Großvaters (Reichsbahnobersekretär) musste bei Frau Jülich und Opa selbst so groß gewesen sein, dass sie Jette, das kleine Mädchen von 5 Jahren, allein, ganz allein auf die lange und weite Reise schicken konnten.
So saß Jette also allein auf der Holzbank im Dienstwagenabteil, drückte sich die Nase am Fenster platt und schaute sich, als wenn es die normalste Geschichte der Welt war, die vorbeihuschenden Felder, Häuser, Bahnhöfe an, hörte die Trillerpfeifen, dann das Stampfen und Zischen der Dampflokomotive und wartete immer wieder erneut auf die Ankunft des Fahrdienstleiters, der ab und zu mit ihr sprach, sie dann und wann neckte und manchmal nach den Haltestellen an größeren Bahnhöfen zu ihr ins Abteil stieg und sich auf die Bank gegenüber setzte. Nach etwa 2 Stunden kamen sie in Hagen an. Dort wurde sie mitsamt ihrem Köfferchen von eben diesem Fahrdienstleiter aus dem Abteil gehoben und einem neuen Fahrdienstleiter übergeben. Der las die Pappkarte, die sie um den Hals trug, versicherte sich, dass er der „richtige Mann für sie“ war, nahm sie an die Hand und auf den nächsten Bahnsteig mit, trug sogar noch ihr Köfferchen. Angst hatte Jette überhaupt nicht, denn Mutti hatte ihr noch gesagt, dass sie nur mit dem Beamten mitgehen dürfe, der den breiten roten Gürtel wie eine Schärpe trüge, sowie eine rote Dienstmütze auf dem Kopf! Immer begleiteten sie nur solche Männer. Also war alles in Ordnung. Und die Freude, ihren geliebten Opa bald wieder zu sehen, überdeckte alle Zweifel oder Beklemmungen, mit völlig fremden Menschen mitzugehen.
Ja, sie hatte gar keine! Völlig furchtlos und bedenkenfrei lief sie an der Hand des Schaffners zum nächsten Zug und Bahnsteig, als ob er der beste „Onkel“ der Welt wäre. – Von Hagen ging’s nach Kassel. „Das ist die längste Fahrt zwischen den Umsteigebahnhöfen“, meinte der Fahrdienstleiter. Und er nahm sein riesiges Buch von unterm Arm und schlug es auf.
„Hier, das ist das Kursbuch, das die An- und Abfahrtzeiten der Züge zeigt, siehst Du?“, erklärte er ihr kurz nach Hagen. Aber sie verstand nichts. Jette konnte weder lesen noch schreiben. „Bis wir in Kassel ankommen, müssen wir an diesen vielen Bahnhöfen anhalten.“ Und er zeigte ihr die lange Liste im Kursbuch. „Und warum müssen Sie immer aussteigen?“, fragte sie verwundert. „Nun, ich muss an jedem Bahnsteig als Erster aus dem Zug springen und zusehen, dass alle Menschen gut aus- und einsteigen. Wenn dann alle eingestiegen sind, rufe ich: Türen bitte schließen! Dann halte ich diese grünweiße Kelle hoch und pfeife auf meiner Trillerpfeife. Das ist dann das Zeichen für den Lokomotivführer, dass er abfahren kann. Wenn der Zug gerade anfährt, springe ich hier wieder hinein zu Dir, und dann geht es zum nächsten Bahnhof. Manchmal muss ich auch von außen noch vorher die eine oder andere Tür zuknallen, weil die Leute mit den schweren Koffern das nicht gemacht haben. Wenn Du einmal später allein mit dem Zug fährst, darfst Du aber nie, nie, nie auf einen fahrenden Zug springen. Das muss gelernt sein und ist so gefährlich, hörst Du, kleine Maus? Gefährlich ist das!“
„Und wie Jette sich an diese Worte erinnerte! Aber davon viel später!“
Um die Mittagszeit packte der Fahrdienstleiter eine Stulle (Butterbrot) und einen Apfel aus und fragte Jette, ob sie auch etwas zu essen mithätte, denn jetzt wäre Zeit dazu. „Wenn Du nichts hast, gebe ich Dir von meinem Butterbrot etwas ab. Wir könnten ja teilen!“ -
„Oh ja!“ Die Mutti hatte ihr morgens noch eine kleine Butterbrottasche um den Hals gehängt (Leder, braun), wo sie ihr „Proviant“ (was für ein Wort!) fand. Zu ihrer Freude hatte sie auch einen Apfel dabei. „Wir brauchen nur die Stulle zu teilen, einen Apfel habe ich auch!“ Sie war äußerst stolz, dass sie dem netten Mann mit der roten Schärpe eine Hälfte von ihrem Brot abgeben konnte. Und die Hälfte von seinem Butterbrot schmeckte so anders! Das war das Brot. Solches Brot hatte Jette noch nie gesehen: voller Körner! Am liebsten wollte sie sie alle ausspucken. Aber das ging nicht! Vielleicht wäre er dann böse geworden?
Die großen Umsteigebahnhöfe hat sie sich bis zum heutigen Tag gemerkt. In Kassel „wurde“ sie dann wieder umgestiegen, und es ging nach Göttingen, wo die Bahn für sie endete. Damit war die Reise aber noch nicht zu Ende! Sie wurde dort in einen Bus gesetzt, der sie nach Wöllmarshausen brachte, wo für sie endlich (!) die Endstation war. Hier sollte auch ihr Opa stehen und sie in Empfang nehmen.
Sie erinnert sich gut, dass es die Endstation Wöllmarshausen war, weil der Name sie damals an Wölfe erinnerte. Nun, inzwischen war es dunkel geworden, Nacht. Sie war heute im Morgengrauen losgefahren, allein, und jetzt war es Abend und schon dunkel! Ob da wohl auch Wölfe in Wöllmarshausen herumlungerten?
Eine Bahnfahrt von mindestens 16 Stunden lag hinter ihr. Was hatte man ihr zugetraut? Wer hatte es ihr zugetraut? Ihre Mutti zusammen mit dem Opa; dass ihr Papa auch an der Entscheidung teilgenommen hatte, weiß sie nicht. War er überhaupt schon aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft aus Italien zurückgekehrt? Auch das weiß sie nicht mehr.
Nun, am anderen Ende der Welt, in Wöllmarshausen, erwartete sie ihr Opa. Sofort entdeckte Jette ihn, als sie der Schaffner aus dem Bus hob. Sie lief ihm entgegen! Er breitete seine Arme aus: „Wer in meine Arme kommt, den hab’ ich lieb!“ Ihr altes Spiel! Sie warf sich hinein. Fast kullerten ihr vor Freude die Tränen über die Backen. Mit einem kleinen Leiterwagen, in den sie von Opa gesetzt wurde, ging ihre Reise dann weiter. Er hüllte sie in Wolldecken ein und unter ihren Po legte er auch noch zur Polsterung ein kleines Kissen. Dann stellte er das Köfferchen an ihre Seite und zog sie bestimmt eine Dreiviertelstunde von Wöllmarshausen nach Sattenhausen hinter sich her. Es ging über Feldwege, und es ruckelte ganz heftig. Manchmal glaubte sie, ihr Kopf würde fast aus dem Wagen fallen! So doll ruckelte es.
Opa hielt die Taschenlampe und leuchtete seinen Weg aus. Und so kamen sie dann an dem unheimlich dunklen Gehöft an. Umrisse von einem Misthaufen konnte Jette gerade noch davor ausmachen, und es stank nach Kuhstall! Wenige Fenster waren erleuchtet und nur ganz schwach der Eingang, eine doppelte Glastür. Opa deutete auf ein Fenster in der oberen Reihe und sagte Jette beim Aussteigen, dass Oma dort oben auf sie wartete. Da kam sie auch schon angelaufen und trug Jette eine Treppe nach oben. „Was bist Du groß geworden, Jettchen! Lass Dich einmal ansehen! Als ich Dich das letzte Mal gesehen habe, warst Du noch so klein!“ Sie tippte ihr in ihren Bauchnabel. Aber das wusste Jette besser, denn sie war immer so groß wie heute!
Bei Omi und Opa auf dem Bauernhof in Sattenhausen
Omi hatte etwas Schönes zu essen gemacht. Es war Kartoffelsalat, und dann gab es noch ein Stückchen Kuchen! Kuchen, abends um 10 Uhr! – „Das ist ja hier wie im Schlaraffenland!“, sagte Jette, und ihre Oma meinte: „Na, na! Aber Kuchen gibt’s bei uns auch nicht jeden Tag! Aber heute ist ein besonderer Tag, weil Jettchen zu Besuch angekommen ist!“ Und dann drückte sie sie noch einmal ganz doll. Danach ging es auch schnell ins Bettchen, das unglaublich kalt war, aber sie kuschelte sich in das blütenweiße Bettzeug, denn sie war so schrecklich müde. Als ihre Oma mit der Wärmflasche, der „Krucken“, kam und sie ihr an die Füße legte, war sie schon fast eingeschlafen. Endlich war sie bei ihrem geliebten Opa!! Am nächsten Morgen schaute sie aus dem Fenster: Die Großeltern wohnten im ersten Stock des Bauernhofes und hatten 3 Zimmer. Sie hatten nur eins in Werdohl für 3 Personen!
Das kleine Dorf Sattenhausen zählte 1945 etwa 500 Einwohner. Nach Kriegsende kamen 300 Flüchtlinge aus Schlesien und Ostpreußen dazu, die über das Flüchtlingslager Helmstedt dorthin verteilt wurden. Es war sicherlich nicht einfach, diese Menschen in dem kleinen Dorf unterzubringen. Opa und Oma waren 3 Zimmer zugewiesen worden. Omas Bruder mit Familie und einer Schwägerin, Tante Emma Dietrich, waren auch in diesem Dörfchen gelandet. (Insgesamt waren 2,5 Millionen Ostpreußen gen Westen geflüchtet.)
Jettes Mit-Abiturientin Dorothee hatte damals erlebt, wie die 500 Flüchtlinge an der Sammelstelle in Sattenhausen den einzelnen Haushalten/Häusern zugewiesen wurden. Ihr Vater war Pfarrer der Gemeinde und wollte die Flüchtlinge kennenlernen und wissen, bei wem sie untergebracht wurden. Er hatte die kleine „Dota“ mitgenommen. Dota hatte Verwandte in Gütersloh, wo sie als Gymnasiastin hingeschickt wurde, um am Wohnort selbst das Gymnasium besuchen zu können. Welche Zufälle es im Leben gibt! Da wurden Flüchtlinge aus Ostpreußen dem kleinen Dorf Sattenhausen als neue Bürger zugeteilt – Omi und Verwandte gehörten dazu –, und die Tochter des Pfarrers dort saß mit Jette zusammen in der Unter- und Oberprima in Gütersloh! Sie stellten dieses fest, als sie einmal zusammen Schularbeiten machten und sich nebenbei über Großeltern unterhielten. Davon aber später!
In dem Bauernhaus gab es „komische“ Dinge! Zum ersten Mal in ihrem Leben musste Jette nun über den Hof auf ein Plumpsklo gehen. Eine Toilette in einem Badezimmer wie am Bausenberg gab es nicht! Hier wuschen sie sich morgens an einer großen weißen Porzellanschüssel, wo sich ihr Opa auch rasierte. Das Wasser schöpfte ihre Oma aus einem riesigen Eimer, und das „Abfallwasser“ goss sie in einen anderen Eimer. Wenn Jette zur Toilette musste, kamen Opa oder Oma immer mit; sie hielten die Tür mit eingeschnitztem Herzchen zu. Opa nahm auch immer Toilettenpapier mit, das auch nicht so war wie in Werdohl! Opa hatte es aus Zeitungspapier geschnitten; viele kleinere Blättchen. Er zeigte ihr, wie sie es rubbeln musste, damit es weicher wurde. Nachts oder abends in der Dunkelheit brauchte sie nicht dorthin zu gehen; denn es gab ein Nachttöpfchen in ihrem Schlafzimmer. Aber, … dort hinein durfte sie nur „Pippi“ machen! Das große „Geschäft“ musste auf dem Plumpsklo erledigt werden, am besten nach dem Mittagessen! In der Nacht kam sie sich immer wie eine Prinzessin vor, wenn sie auf dem „Thrönchen“ saß. Oma hatte den schönen Namen für den Nachttopf erfunden!
Erst drei Tage später merkte sie, dass ihr Opa frisches Wasser an einer Pumpe im Hof holte. Manchmal lief Jette einfach neben ihm nach unten und „half“ beim Pumpen. Ach, und wenn er das Wasser hoch in das Zimmer schleppte und dabei stöhnte, dann schimpfte er immer so doll. Das Schimpfwort gefiel ihr so gut, dass sie es bei der ersten Gelegenheit benutzte: „Schockschwere Not!“ Oma stellte sie eines Morgens auf einen kleinen Schemel, weil sie mit ihr einen Kuchen backen wollte. Sie sollte die Margarine und das Ei schön geschmeidig rühren. Das war gar nicht so einfach, und so rief sie beim Rühren mehrmals: „Schockschwere Not!“ - „Na, na, mein Kind, solch eine Not ist das doch nicht! Außerdem macht Kuchenbacken doch Spaß, nicht wahr!“
Im Hinterzimmer gab es ein wundersames Fenster, das auf eine Gasse schaute, die niemand benutzte und nur etwa ein Meter breit war. Diesem Fenster gegenüber lag nur die Hauswand des Nachbarhauses, das gar keine Fenster hatte. Jettes Opa putzte an diesem Fenster die Schuhe, die natürlich oft sehr, sehr matschig waren, wenn sie über den Hof hereinkamen. Die Schuhe zogen sie sofort aus und stellten sie in dem Hinterzimmerchen auf Zeitungspapier zum Trocknen. Morgens dann wurden sie von Opa folgendermaßen geputzt: Durchs geöffnete Fenster bürstete er den getrockneten Lehm einfach in die Gasse. Dann rieb er sie mit Schuhwichse ein, ließ sie ein wenig einwirken und striegelte sie dann mit einer weichen Bürste. Schließlich „wienerte“ er sie mit einem Lappen fein blank. Deshalb gingen die drei immer mit den schönsten und blanksten Schuhen von zu Hause los!
Am Eingang dieses Bauernhofes rechts lag ein großer Misthaufen, auf dem Hühner nervös herumliefen und pickten und auch ein bunter Hahn, der alle morgens durch sein Krähen aufweckte. Jette spielte eigentlich nicht gern auf dem Hof, weil es dort so stank. Aber sie sollte dort immer auf Oma und Opa warten, wenn sie spazieren gehen wollten und sie schon früher als die Großeltern fertig angezogen war.
Die Hühnergeschichte
Eines Tages kam plötzlich Frau Wöppner aus dem Haus und versuchte, ein Huhn zu fangen, das vor Aufregung laut kreischte und gackerte und halb fliegend, halb laufend zu entkommen versuchte. Beinahe hätte sie es gefangen! Das war ein unglaubliches Wettrennen, an dem Jette einfach mitmachen wollte. Das war ein schönes Spiel! Das erinnerte sie plötzlich an Lackners Hühnerhof in Ostpreußen. So lief Jette auch juchzend hinterher, nämlich hinter Frau Nachbarin. Als diese das Huhn nicht packen konnte, drehte sie sich zu Jette um und befahl ihr, nach oben zu gehen.
Nun war ihre Neugier natürlich viel zu groß, als dass sie das tat, was die Bäuerin ihr gesagt hatte! Stattdessen verdrückte sie sich in den Hauseingang und beobachtete das Spiel heimlich von dort aus. Warum wollte sie das Huhn überhaupt fangen? Alles begann von Neuem. Dieses Mal hatte Frau Wöppner Erfolg: Sie nahm es, streichelte es, ging mit ihm unterm Arm zum Misthaufen. Plötzlich drehte sie ihm den Hals einfach um und warf den Kopf auf den Misthaufen! Jette konnte es gar nicht fassen und war so schockiert, dass sie dann doch nach oben zu ihren Großeltern lief und weinte und erzählte, was sie da gerade beobachtet hatte: „Sie hat das Huhn totgemacht! Sie hat das Huhn totgemacht! Und den Kopf hat sie auf den Misthaufen geschmissen!“
Oma nahm sie in den Arm und tröstete sie und erklärte ihr die Hühnergeschichte: „Weißt Du, mein Jettchen, das war kein Spiel. Frau Wöppner hat das Huhn gefangen und ihm den Hals umgedreht, weil sie es sicherlich für ihre große Familie zum Mittagessen kochen will. Man hält sich hier im Dorf Hühner, weil sie Eier legen, die man zum Frühstück und zum Braten und zum Backen braucht, und weil man auch mit dem ganzen Huhn eine wunderbare Suppe kochen kann, die allen schmeckt. Als Du bei uns ankamst, habe ich auch eine schöne Hühnerbrühe mit Nudeln gemacht, die Dir doch auch geschmeckt hat. Nur, ich musste das Hühnchenfleisch hier beim Metzger kaufen, weil wir keine eigenen Hühner halten können. Die würden auch alle durcheinanderlaufen, und wir wüssten nicht, welches Huhn wem gehört.“ - „Aber, Oma, man kann doch bestimmt nicht die Federn mitessen.“ - „Nein, mein Jettchen, sicherlich steht Frau Wöppner nun im Hof und rupft das Hühnchen sauber. Wir gehen jetzt sowieso, dann sehen wir uns die Arbeit einmal an!“ –
So gingen die zwei, Oma mit Jette, in den Hof und schauten Frau Wöppner beim Rupfen zu. Oma hob ein paar Federn auf und zeigte ihrer Enkeltochter unterschiedlich große und erklärte ihr auch, dass man manchmal mit den ganz, ganz feinen Federn Kopfkissen füllen kann, wenn man viele davon sammelt. Dann hob sie die schönsten für Jette auf, bündelte sie und gab ihr das kleine Sträußchen. So machten sie ihren Spaziergang. Jette behielt das Federbüschelchen die gesamte Zeit in der Hand. Sie waren so weich, dass sie immer wieder mit dem kleinen Federbusch über ihre Nase streichelte. Ein so flauschiges Gefühl hatte sie noch nie an ihrer Nase erlebt! Später, als sie wieder zu Hause waren, kitzelte sie auch Opas Nase damit, und er fand es ebenfalls schön. Als Oma bemerkte, dass Jettchen über die schönen Federn den „Hühnermord“ ganz vergessen hatte, band sie alle Federn mit Nähgarn zu einem Sträußchen zusammen: „Kann ich bitte ein Wasserglas als Vase für mein Sträußchen haben? Und ich brauche auch kein Wasser!“ Sie stellte es mitten auf den Tisch.
Später bei den Spaziergängen durchs Dorf und durch die Wälder war Jette stets darauf bedacht, schöne Federn zu finden und zu sammeln. Opa erklärte ihr auch immer, wenn sie mit ihrem neuen Fund zu ihm eilte, zu welchem Vogel oder Federvieh, wie er es nannte, gehörte, welche Feder von einem Flügel stammte, von einem Schwanz oder „nur“ vom Körper. Ihre Lieblingsfedern waren die langen weißen von einem Schwan, die blauweißen von der Stockente und die bunten kurzen von einem Eichelhäher. Faszinierende Gebilde der Natur!
Vor wenigen Jahren (2007) durfte Jette während eines privaten Besuchs bei einem Falkner in Südengland eine Schleiereule streicheln, berühren. Das Gefühl kann sie fast nicht beschreiben; es war nämlich so, als ob sie ein „Nichts“ berührt hätte. Und doch sank ihre Hand ein wenig in den Flaum ein, aber spüren konnte sie kaum etwas. Sie hatte damit gerechnet, dass sie auf ein festes, sehr dichtes Federkleid stoße. Aber da war fast nichts zu erfühlen! Dieses Erlebnis erinnerte sie an die „Hühnergeschichte“ und an Sattenhausen!“
Der Jauchewagen
Auf dem Bauernhof geschah für Jette noch einmal etwas „Unheimliches“. Sie spielte eines Vormittags im Hof mit einem Nachbarjungen in der Sonne Ball. Überraschenderweise fuhr ein Trecker mit einem Jauchewagen als Anhänger in den Hof, und zwei starke Männer sprangen herab. Einen Jauchewagen kannte sie vom Spaziergang übers Feld mit ihrem Opa. Er hatte ihr erklärt, dass der Boden mit Nahrung, mit Jauche versorgt würde, damit die Pflanzen gut wachsen könnten. Düngen nannten die Bauern das. Und Regen allein würde auch nicht helfen! „Weißt Du, Jettchen, das ist so wie mit Omis Blume im Wohnzimmer auf der Fensterbank. Wenn die nicht alle zwei/drei Tage etwas zu trinken bekommt, dann wächst sie nur langsam! Nahrung, also Dünger, braucht die auch alle drei Monate.“
„Die Männer vom Trecker hatten Gummischürzen um und trugen ganz hohe Gummistiefel. Sie schrien uns an, dass wir verschwinden und uns eine Stunde nicht im Hof blicken lassen sollten. Sie machten uns Angst, aber meinem kleinen Freund nicht. Er trudelte nach Hause und rief mir noch zu: „Bis in einer Stunde dann!“ Jette lief voller Schrecken nach oben zu ihren Großeltern und erzählte ihnen, dass da zwei große Männer im Hof mit einem Trecker und Jauchewagen angekommen seien, die sie weggescheucht hätten. Sie verstand das alles nicht; sollte denn jetzt der Hof gedüngt werden, wo doch da nur Schlamm lag? Aber dann nahm sie Opa ans Fenster, und sie beobachteten zusammen, wie die Männer hinter dem Plumpsklo verschwanden. „Siehst Du, nun holen sie den Kübel vom Plumpsklo und leeren den in den Jauchewagen. Dann fahren sie wieder weg zum nächsten Plumpsklo und holen dort die vollen Kübel ab. Und das war alles.“ - „Und warum haben uns die Männer so angeschrien?“ – „Ach, die wollen nur, dass sie nicht bei der Arbeit gestört werden, und dass Ihr Kleinen nicht diese Dreckarbeit seht.“ – Damit war sie zufrieden, verließ das Fenster und schaute Omi zu, wie sie das Mittagessen vorbereitete.
Immer band sie Jette dann schnell eine Schürze um, damit sie helfen konnte. Heute gab es Senfeier, und sie durfte die Eier pellen, die Omi dann halbierte und in die Senfsoße legte. Mmmmh, Senfeier hätte es eigentlich jeden Tag geben können! Die aß sie doch so gerne. Und nun wusste sie auch, wo sie herkamen. Bestimmt von ähnlichen Hühnern wie die, die im Hof immer herumliefen und so nervös nach den Körnern pickten.
Ein neues Röckchen und eine schöne neue Bluse zum Osterfest
Montag vor Ostern nahm Jettes Omi sie mit zur Schneiderin ins Dorf. Sie bekam zum Fest ein neues Röckchen und eine weiße Bluse. Die Schneiderin maß sie aus, sie durfte sogar den Stoff für ihr Röckchen aussuchen: „rote“ Kirschen und „blaue“ Pflaumen mit „grünen“ Blättchen auf weißem Untergrund. Die Bluse bekam „Puffärmelchen“, und nach vier Tagen, am Karfreitag holten sie ihr neues Kostüm ab. Sie durfte es aber erst Ostersonntag anziehen. Da sie es aber nicht aushalten konnte bis Ostern, weil sie es unbedingt noch einmal anziehen wollte, bettelte sie: „Omi, aber der Opa muss doch mein Neues sehen. Ich muss jetzt beides anziehen und ihm zeigen.“ – Opa bewunderte seine Enkelin, nahm sie in die Arme, gab ihr einen dicken Kuss und sagte: „Du bist Ostersonntag die Schönste im ganzen Dorf!“ – „Gehen wir dann auch zusammen spazieren?“ „Natürlich, mein Jettchen“. – Und so konnte sie es kaum erwarten, bis endlich Ostersonntag war. Opa sprach schon seit Tagen von dem Osterlämmchen, das er mit Jettchen zusammen am Himmel sehen würden. „Sehen werden wir es erst Ostersonntag in der Frühe. Und Du musst ganz früh mit mir aufstehen und nach draußen gehen.“
In der Nacht zum Ostersonntag konnte sie kaum schlafen und war voller Erwartung auf die Entdeckung des Osterlämmchens am Himmel und auf den Spaziergang in den neuen „Anziehsachen“! Um sieben Uhr schon standen sie auf, es gab eine heiße Milch, und dann musste sie etwas Warmes anziehen und mit Opa nach draußen in den Hof gehen. Er hielt in der Hand eine handgroße Glasscherbe, die er aus seiner Tasche hervorgezaubert hatte. Dann nahm er ein Streichholz und schwärzte diese Scherbe. Mindestens zehn Streichhölzer verbrauchte er, ehe sie völlig verrußt war. Dann sah er durch sie hindurch gen Sonne und rief: „Ich kann es sehen, das Osterlämmchen! Möchtest Du auch mal gucken?“ Und er hielt ihr die Scherbe vor die Augen. Sie schaute zum Himmel, sah nur kleine Wolken sich bewegen, und das war alles. „Na hast Du das Osterlämmchen schon gesehen?“
„Nein, wo ist es denn? Ich sehe nur Wolken vorüberziehen.“
„Aber das Osterlämmchen steckt ganz in der Sonne. Du musst die Sonne finden, dann siehst Du auch das Osterlämmchen. Und dann ist Ostern!“
Sie suchte die Sonne, fand sie und sah tatsächlich in der Sonne dunklere Schatten, und sie glaubte nun ganz fest, dass das das Osterlämmchen war. „Ich glaub’, ich hab’s gefunden, das Osterlämmchen!“
„Na dann fröhliche Ostern, mein Jettchen!“ Und er nahm sie auf den Arm und gab ihr einen dicken Kuss. „Und nun geh zur Omi und erzähl ihr, dass Du das Osterlämmchen gesehen hast und dass wir jetzt Ostern feiern können.“
Gesagt, getan! Sie warf sich oben in Omis Arme, wünschte ihr „Frohe Ostern“ und erzählte aufgeregt von dem Osterlämmchen. Die Überraschung war groß, der Frühstückstisch war nun richtig gedeckt: In den drei Eierbechern standen drei bunt bemalte Ostereier, und auf dem Tisch lagen als Dekoration ein paar braune Eierschalen verstreut. Nach dem Frühstück machten sie den versprochenen Osterspaziergang. Es war schon wunderschön warm, und Jette konnte ihr neues Röckchen und die neue Bluse anziehen und auch die weißen Söckchen. Sie sprang die Treppe hinunter in den Hof, drehte sich, damit das Röckchen flog und wartete, bis Omi und Opa auch herunterkamen. Frau Wöppner war die Erste, die sie bewunderte: „Was siehst Du heute hübsch aus!“
Omi und Opa schauten ganz stolz auf Jette, während sie hüpfend zwischen ihnen die Dorfstraße hinaufging. Und immer wieder von Bekannten hörten sie: „Hast Du ein schönes Röckchen an. Ist das neu? Dreh dich doch mal im Kreis.“
Und genauso machte sie es – auf Wunsch. Alle riefen sich gegenseitig „Fröhliche Ostern!“ zu. Das war die besondere Begrüßung allüberall an den beiden Osterfeiertagen, ob man sich kannte oder nicht. Jette wollte bis zum Ende des Dorfes spazieren, damit alle sie auch sehen und bewundern konnten. Am Ende des Dorfes und der Dorfstraße lag ein großer Ententeich, dessen Oberfläche völlig mit Entengrün bedeckt war, und auf dem drei, vier Enten herumschwammen und immer wieder mit ihrem Köpfchen durch das Grün ins Wasser tauchten. Wie sie da überhaupt durchpaddeln konnten, begriff Jette gar nicht richtig. „Warum bleiben sie nicht stecken? Das ist doch da so dicht!“
Sie wollte sehen, wie weit das grüne Zeug reichte. Bis zum Rand? Neugierig sprang sie vor, übersah die Stufe der Teichumrandung und Platsch fiel sie in den grünen Sumpf. „Mein neuer Rock! Mein neuer Rock!“, und sie weinte, während Omi und Opa sie aus dem gar nicht so tiefen Teich zogen. Sie sah aus wie eine kleine Meerjungfrau, von der Taille abwärts mit Entengrün „verziert“! Omi und Opa trösteten sie: „Das können wir alles waschen, und morgen ist der Rock genauso schön wie heute Morgen.“
Sie schlugen beide mit den Händen das Entengrün von ihrem Rock, wrangen ihn an beiden Seiten aus. Aber nun kam das Schlimmste: Ihre kalten Füße merkte sie nicht; ihre Beinchen hatte Opa mit seinem Taschentuch ein bisschen abgetrocknet, aber sie mussten ja durchs ganze Dorf zurück nach Hause gehen. Ihre Söckchen und Schuhe waren so nass und so kalt! Dann begann der Spießrutenlauf: „Aber Jettchen, was ist denn da passiert?“ Diese Frage hörte sie alle fünf Minuten und schämte sich zu Tode. Aber weinen tat sie nicht mehr, denn Opa hatte ihr noch am Teich gesagt: „Tränen zeigen wir niemandem. Genauso fröhlich, wie wir hierher spaziert sind, gehen wir auch wieder zurück! Mit Lachen und guter Miene zum bösen Spiel kommen wir über dieses kleine Pech ganz schnell hinweg.“
War Jettes Traum von Ostern im neuen Röckchen in den Ententeich gefallen? Aber Omi rettete sie und ihr Röckchen, wusch und bügelte es noch am selben Nachmittag, und so sah es am Ostermontag genauso hübsch aus wie am Morgen des Ostersonntags. Nur ihre mit Zeitungspapier ausgestopften Schuhe mussten noch ein paar Tage in der Sonne stehen und trocknen!
Bald schon waren dann ihre Ferien bei Omi und Opa in Sattenhausen zu Ende. Es war ihr dort in Sattenhausen so gut gegangen! Kein Asthma, keine Atemnot, keine Medikamente, die sie einnehmen musste.
Genauso wie sie hingefahren war, ging es nach vier Wochen wieder zurück nach Werdohl. Wieder mit der Adressenkarte um den Hals und der Übergabe an die verschiedenen Fahrdienstleiter fuhr sie die einzelnen Strecken im jeweiligen Dienstabteil zurück. Als sie zu Hause ihr Köfferchen auspackte, bewunderte Mutti ihre neuen „Anziehsachen“, und Schwesterchen Marisa wollte auch unbedingt sofort zu Oma und Opa fahren, weil sie ja dann auch ein neues Röckchen und eine neue Bluse von ihnen als Geschenk erwarten konnte!
Herr Jülich kehrt aus der Gefangenschaft zurück
Als Herr Jülich nach Hause kam, waren sie alle überglücklich. Aber in dem kleinen Zimmer hatten die vier Jülichs nicht alle Platz zum Schlafen. So wurde Marisa oder Jette wieder wie bei Opas Rückkehr ausquartiert. Was bis dahin eine lustige Abwechslung für Jette und Marisa war, wurde nun eine stete Einrichtung. Alles war ihnen recht, solange ihr Papa nur bei ihnen blieb! Marisa nächtigte am liebsten bei Rehms. Der Grund dafür war, dass dort im Haus unten ein Mädchen in ihrem Alter wohnte, Heide Bakzies. Die gefiel ihr, weil sie gern mit ihr spielte und sie die gleichen Vorlieben hatte: Verkleiden und Tanzen!
Herr Jülich machte sich sofort auf den Weg zum Werdohler Amt: Er suchte nicht nur eine Wohnung für seine Familie, sondern bemühte sich auch um eine Lehrerstelle an der Gemeinschaftsschule, der „Roten Schule“. Dort bekam er eine Stelle, aber eine Wohnung konnte er nicht besorgen.
Da es in Werdohl eine katholische Schule und eine Gemeinschaftsschule gab, aber nur ein einziges Gebäude, wurde der Unterricht in Schichten gehalten: 14 Tage lang gingen die katholischen Kinder morgens in die Schule und die Gemeinschaftsschüler mit einem sehr großen Anteil von evangelischen Kindern nachmittags und umgekehrt.
Die größte Umstellung im alltäglichen Leben war sicherlich die für Mutti Jülich. Nun musste sie in einem Zimmer für vier Personen wirtschaften, d. h. kochen, nähen, die Betten so machen, dass sie noch Platz zum Arbeiten am Tisch hatte. Fließendes Wasser gab es nur aus dem gegenüberliegenden Badezimmer, das nicht nur von ihnen benutzt wurde, sondern auch von Tante Friedchen mit ihren drei Kindern: Christa, Dieter und Detlef. Jettes Papa arbeitete ebenfalls am großen Küchentisch an seinen Vorbereitungen für den Unterricht. Sie saß meist dabei und malte oder tat so, als ob sie auch arbeitete. Sie war von ihm fasziniert und wollte auf jeden Fall auch solch eine Arbeit machen wie er. Sie vergötterte ihn!
Die Schule war zu Fuß eine halbe Stunde vom Bausenberg entfernt. Er ging in der ersten Zeit mit seiner Aktentasche unterm Arm los und kam nach 5-6 Stunden wieder. Er spielte auch ab und zu seine Geige und sang sehr viel mit den beiden Mädchen. Er hörte Radio, und Mutti und auch Papa Jülich waren darauf besessen, keine Nachrichten auszulassen.
Papa Jülich interessierte der Schulfunk sehr. Besonders wenn er nachmittags unterrichtete, hörte er ihn vormittags während seiner Vorbereitungen. Mutti und Papa Jülich zankten sich manchmal, weil Mutti den Tisch fürs Kochen bzw. Vorbereitungen fürs Essen brauchte und Papa für seine Akten und Bücher und Malereien. Er malte wunderschöne Bilder für den Unterricht als Anschauungsmaterial … Und Jettchen konnte überhaupt nicht malen! Sie konnte nur „Das ist das Haus vom Nikolaus“ aus einfachen Strichen zeichnen, aber kein einziges Huhn aufs Papier bringen. Aber auf die Schule freute sie sich schon so sehr; denn dann konnte sie mit ihrem Papa zusammen dorthin gehen.
Der wiedergefundene Freund
Eines Tages saß Herr Jülich auch wieder am Tisch und arbeitete. Sein Unterricht fand nachmittags statt. Es war gegen 10 Uhr, und Jette freute sich auch auf den Schulfunk. Und da hörte sie schon die Musik: „Der Vogelfänger bin ich ja …“
„Diese Musik ist von einem berühmten Komponisten! Mozart hat sie geschrieben“, hatte ihr Papa einmal erzählt, als sie schon am Tisch saßen und „arbeiteten“. Mit dieser Musik als Einleitung begann der Schulfunk damals! Sie liebte die Sendung, 1. weil ihr Papa dann neben ihr saß und 2. weil immer etwas Interessantes zu hören war. Es wurde von Tieren erzählt, aus einer kleinen Stadt berichtet oder etwas Heimatkundliches besprochen. Nach zwei Stunden war das Programm immer zu Ende, wurde aber am Nachmittag noch einmal genauso wie am Vormittag ab 14.00 Uhr wiederholt. Außerdem gab es Englisch-Unterricht, dem Herr Jülich zuhörte und Jette auch, gebannt, obwohl sie nichts verstand! Um 12:00 Uhr schlossen sich an jedem Tag die Nachrichten an. Dann mussten Mutti und Jette und auch Marisa sehr leise sein; denn da hörte Jettes Papa ganz genau zu.
Und genau so war es an dem besonderen Tag auch. Nach den Nachrichten packten sie immer ihre Sachen zusammen, damit Mutti den Tisch decken konnte. Jette half ihr dabei. Plötzlich hielt ihr Papa inne und lauschte angestrengt dem Gesang, der aus dem Radio kam. „Hört alle gut zu, ich glaube, ich kenne ihn …, der da singt! Es könnte mein Freund sein, mit dem ich zusammen in der Kriegsgefangenschaft in Italien musiziert habe! Tschiepschen, hör auch Du gut zu! Ich kenne die Stimme. Das ist Dietrich! Er singt Die Forelle von Schubert. Sie blieben alle wie angewurzelt stehen und wagten nicht einmal, sich überhaupt zu bewegen. Es war wie in dem Spiel „Figurenwerfen“. Papa legte beide Finger auf seine Lippen, als der Gesang zu Ende war. „Das war die Stimme des jungen, vielversprechenden Tenors Dietrich Fischer-Dieskau“, erklärte der Ansager. Papa Jülich klatschte in die Hände und freute sich so sehr, dass er seine Frau in den Arm nahm und ihr einen Kuss gab. „Genau das Lied von Schubert hatte er auch bei den Amerikanern vorgesungen! Hab’ ich doch gesagt, dass ich ihn kenne! Wir haben so oft, fast jeden Tag in Italien zusammen musiziert. Ich habe ihn beim Singen mit meiner Geige begleitet. Manchmal war auch ein Klavierspieler dabei, aber sie hatten nicht immer einen. Die amerikanischen Offiziere wollten uns dauernd hören. Sie sagten damals alle zu Dietrich: „Du wirst noch einmal ein ganz begnadeter Sänger, lieber Dietrich, und berühmt!“ Und … „Da haben wir’s! Das war Dietrich! Das ist Dietrich!“, rief Herr Jülich und war so glücklich.
Tatsächlich war es der später weltberühmt gewordene Bariton Dietrich Fischer-Dieskau, der zehn Jahre jünger als Jettes Papa war und mit ihm zusammen in Italien von den Amerikanern gefangen genommen und dort im Lager gehalten worden war.
„Er kehrte 1946 aus der Gefangenschaft nach Berlin zurück, wo er an der Musikakademie seine Studien, die er bereits 1941 bei Georg Walther begonnen hatte, allerdings bei Hermann Weißenborn wieder aufnahm. Ende 1947 hatte er sein öffentliches Debüt mit Brahms’ Requiem in Badenweiler. Wirklich bekannt wurde er mit Schuberts Winterreise im Radio. Seine Opernaufführungen an der Deutschen Oper Berlin machten ihm seinen Namen und waren das Sprungbrett für internationale Engagements an den großen Opernhäusern im Ausland. Von Mitte 1950 bis Anfang 1980 blieb die Oper sein signifikantester Arbeitsbereich. Aber auch in großen Konzerten, wie zum Beispiel in Bachs und Brahms’ Passionen, wurde sein Bariton immer wieder verpflichtet. Als Freund von Benjamin Britten sang er 1962 in der Kathedrale von Coventry die Uraufführung dessen „War Requiems“.
(Mit freundlicher Genehmigung der Zeitung „The Times“, Ausgabe: 19. Mai 2012, Register = Todesanzeigen. (Artikel von der Autorin übersetzt.)
Jettes Papa hatte natürlich sofort mit dem Rundfunk Kontakt aufgenommen und sich nach Dietrichs Adresse erkundigt und ihn in Berlin besucht. Zu der Zeit, als er mit der berühmten Filmschauspielerin Ruth Leuwerik verheiratet war, kam er die Familie Jülich etwa 1965/66 besuchen. Sicherlich war er auf der Reise zu einem seiner Konzerte.
Malkünste
Herr Jülich konnte, wie erwähnt, sehr schön malen. Er malte bewundernswerte Bilder für seinen Unterricht … mit Jettes Buntstiften! Oft wünschte sie sich, auch so schön malen zu können, aber sie brachte einfach kein einziges Tier oder Spielzeug aufs Blatt, worüber sie sehr, sehr traurig war. Sie malte am liebsten mit dem Lineal, der Untertasse oder Tasse als Schablonen-Formen, die sie dann bunt ausmalte. Das machte ja auch Spaß, denn diese Bilder sahen so aus wie Kirchenfenster. Sie hoffte so sehr, dass sie auf jeden Fall in der Schule malen lernen würde. Wozu war die Schule da! „Und warum steht unter oder in jedem Bild ein Buchstabe?“
„Nun, Schulfibeln gibt es noch nicht zu kaufen“, erklärte ihr Papa, „es war doch so lange Krieg, und so male ich die Bilder, mit denen ich meinen Schülern Buchstaben, Lesen und Schreiben beibringe.“

Herr Jülich ließ seine Tochter häufig die Buchstaben lesen und auch schreiben. Es machte Jette viel Spaß. „Wann komme ich endlich in die Schule?“ Jette fragte fast jeden Tag danach. Ihre Mutti erklärte ihr, dass es nach Ostern so weit sein würde und auch, dass sie mit ihrem eigenen alten Tornister zur Schule gehen dürfe. Sie war sehr, sehr stolz und freute sich darauf. Außerdem kannte Jette den Tornister schon sehr lange; er gehörte fast zu ihr; denn mit ihm auf dem Rücken ist sie aus Ostpreußen geflohen. Darin hatte sie Unterwäsche für Marisa und sich nach Werdohl getragen. Tja, dort hinein gehörten bestimmt Bücher. Auch danach fragte sie ihre Mutti. „Weißt Du, mein Kind, da hinein kommen deine Schiefertafel, dein Griffelkasten, ein Butterbrot und ein Taschentuch. Es gibt ja noch keine Bücher und Hefte für dich. Wenn man ins erste Schuljahr kommt, schreibt man sowieso erst einmal auf eine schöne Tafel. So muss man schreiben lernen und üben und üben und üben! So habe ich auch in der Schule angefangen.“
Nun, Jette begnügte sich mit der Antwort, aber meinte nur noch: „Bestimmt bekomme ich später, wenn ich groß bin, ein paar Bücher. Ich habe nämlich drüben bei Tante Elli viele Bücher im Bücherschrank gesehen. Und Gisela packt immer ein paar in ihren Tornister.“
„Sie ist ja auch schon im vierten Schuljahr, mein Kind. Und dort muss sie natürlich ein paar Bücher haben und daraus lernen! Zu Hause in Ostpreußen hatten wir ein Zimmer, das war voll mit Büchern. Die Schränke reichten von oben bis unten und hatten Glastüren. Vielleicht kommen ja noch ein paar Sachen aus unserer Heimat hierher. Opa hatte einiges an diese Adresse geschickt.“
„Und wann kommen die Bücher hier bei uns an?“
„Das weiß der Schinder!“ Das war Muttis liebste Antwort. Und immer benutzte sie sie, wenn sie keine gute Antwort parat hatte.
Sie erhielt von irgendwoher eine Schiefertafel und einen hölzernen Griffelkasten! Das war im Moment alles, was sie für die Schule besaß. An der Schiefertafel, die in dem rötlich-gelben Holzrahmen ein Loch hatte, wurden an selbstgedrehten Kordeln aus bunter Wolle ein Schwämmchen und ein kleiner Tafellappen angehängt; der sah so aus wie Topflappen aus der Küche! Das Osterfest und Ostereiersuchen waren für Jette halb so wichtig in dem Jahr wie ihr Schulbeginn!
Jettes erster Schultag

Dann war es endlich so weit. Sie wurde im April 1948 eingeschult. In der Nacht vor ihrem ersten Schultag konnte Jette kaum schlafen. Sie war viel zu aufgeregt. Wird sie mit ihrem Papa zur Schule gehen können? Ob sie ihn wohl in der Schule sehen wird? Und darf sie mit ihm überhaupt sprechen? Was passiert wohl, wenn ihr Papa mit ihr an der Hand auf den Schulhof kommt? Wissen dann alle Kinder, dass sie seine Tochter ist?
Und würden sie Jette dann hänseln? Wer wird wohl mit ihr spielen in den Pausen? Was könnte und dürfte sie tun, wenn sie plötzlich krank wird? Dürfte sie zu ihm gehen und ihn um Hilfe bitten? All diese Fragen wollte sie mit ihrem Papa auf dem Weg zur Schule besprechen. Schade, dass ihr die nicht schon früher eingefallen waren. Plötzlich musste sie noch einmal unbedingt zu ihrem Tornister gucken, ob er noch gegenüber an der Tür stand. Sie richtete sich auf ihrem Ohrensessel, der ihr Bett war, auf und wollte gerade noch einmal nachschauen, da sagte ihre Mutti: „Nun, schlaf schön, mein Kind, morgen wird für dich ein anstrengender Tag! Da musst du ausgeschlafen sein.“ So legte sie sich also wieder hin und machte die Augen zu und wartete darauf, dass sie einschlief.
Ganz, ganz früh wachten sie alle drei am nächsten Morgen auf. Marisa schlief bestimmt noch bei Tante Elli Rehm. Jette fühlte sich deshalb schon so groß. Sie durfte mit den Erwachsenen aufstehen. Ihre Mutti machte Frühstück, Papa ging ins gegenüberliegende Badezimmer = Toilette, aber kam sofort wieder zurück. Es war besetzt. Er musste sich an der Waschschüssel neben dem Herd rasieren. Dann rief er Jette, und sie wusch sich und putzte die Zähne, auch an der Waschschüssel, nur mit frischem Wasser, das Mutti ihr hineingab. Dann frisierte sie ihr eine Tolle und Zöpfchen, obwohl sie lieber ein Kränzchen haben wollte. Aber da hatte Mutti ihre eigenen Vorstellungen. Sie bekam eben kein Kränzchen geflochten! Weinen hatte bei Mutti sowieso keinen Sinn, Jammern auch nicht! Also war Jette still und ließ alles mit sich geschehen. Mutti hatte für sie eine schöne Haferflockensuppe gekocht, und Papa bekam eine Tasse Kaffee und zwei belegte Brote. Dann zogen sie sich die Mäntel an, gaben Mutti einen Kuss und gingen dann zusammen die steile Treppe hinunter.
Jettes Papa hatte in der einen Hand seine Aktentasche, mit der anderen Hand hielt er Jette fest, und beide gingen so gemeinsam den Bausenberg entlang, vorbei an den Häusern und vorbei an dem dunklen Wald, der rechts lag, bogen dann in die Neuenrader Straße links ein, gingen bei Röthers vorbei um die Kurve Richtung Stadt. Dort ging es ein wenig den Berg hinunter, und rechts floss die Lenne. Das Wasser rauschte, und Jette musste an das Lied denken: ‚Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp-klapp, klipp-klapp, klipp-klapp!’ „Na, freust Du dich schon auf die Schule?“
„Ja und wie! Kann ich jetzt jeden Morgen mit dir zur Schule gehen?“ „Ich glaube nicht! Du hast sicherlich an manchen Tagen einen anderen Schulanfang als ich! Und wenn Du mit der Schule fertig bist, kannst Du nach Hause gehen. Ich muss nämlich auch noch andere Schüler und Klassen unterrichten. Manchmal haben die Lehrer auch eine Konferenz. Da besprechen sie wichtige Dinge mit anderen Lehrern. Und so eine Konferenz dauert meistens noch 1 Stunde oder 1 ½ nach der Schule. Dann bist Du schon lange zu Hause bei Mutti und Marisa! Und Du kannst mit ihr spielen oder Deine Schularbeiten machen oder Mutti helfen oder Oma besuchen.“
„Aber das wird ja ganz langweilig, wenn ich die halbe Stunde alleine nach Hause laufen muss.“
„Ich weiß, dass ein Mädchen vom Bausenberg auch heute in die Schule kommt, auch ihren ersten Schultag hat. Vielleicht ist sie in deiner Klasse und ihr beide könnt euch gemeinsam auf den Heimweg machen. Du wirst schon herausfinden, wer das ist.“
„Weißt Du denn, wer mein Lehrer wird?“
„Da lass dich mal überraschen. Es gibt so viele nette Lehrer und Lehrerinnen an dieser Schule. Du bekommst bestimmt einen freundlichen Lehrer. Ich darf dir ja nichts verraten, nur weil Du meine Tochter bist!“
„Schade! Aber die anderen Kinder haben ja auch keinen Vater oder keine Mutter, die an der Schule Lehrer oder Lehrerin ist.“
Damit verstand Jette, dass sie zwar etwas Besonderes war, aber keine Sonderregeln haben durfte. Vor der Schule angekommen, verabschiedete sich ihr Papa von ihr und ging in das Gebäude, während sie draußen warten musste, bis es klingelte. Nach wenigen Augenblicken tat es das, und die großen Kinder stellten sich in Zweierreihen auf und wurden dann von einem Lehrer ins Schulgebäude geführt. Es waren ganz viele Klassen. Ihren Papa sah sie nicht. Nur die kleinen Erstklässler standen bunt gemischt als Überbleibsel vor der großen Tür. Manche Muttis standen auch noch auf dem Schulhof herum.
Plötzlich trat Jettes Papa aus der großen Schultür nach draußen! Sie wagte kaum zu atmen. Was sollte das denn bedeuten? Er stand dort mit einem großen weißen Blatt in der Hand, lächelte, begrüßte sie alle und verriet ihnen, dass er ihr Klassenlehrer sei und sich auf die Kinder freue. Jette konnte es kaum fassen! War er wirklich ihr Lehrer? Das hatte er aber besonders gut geheim gehalten! Das war ja eine Überraschung! Ob Mutti wohl wusste, was heute passierte? War ihr eigener Papa wirklich ihr Lehrer? Am liebsten wäre sie ganz schnell nach Hause gelaufen und hätte ihrer Mutti und Marisa die Neuigkeit erzählt. Die würden staunen, wenn sie es ihnen erzählen würde!
Dann sollten alle Kinder sich in Zweierreihen aufstellen, vorne die Mädchen und dahinter die Jungs, so wie er sie aufrief. Und dann führte Lehrer Jülich sie in den Klassenraum. Er ging vorneweg, und die i-Männchen gingen hinterher. Als sie den Klassenraum betraten, bat er sie, dort Platz zu nehmen, wo er es ihnen anzeigte. Das lief ganz einfach ab, weil sie ja schon in Paaren hineingegangen waren.
Der Klassenraum lag im Erdgeschoss und beherbergte mindestens 20 hölzerne Doppelschulpulte mit Bänken für 40 Kinder. Der Lehrer zeigte ihnen auch, wo sie ihre Tornister in Höhe ihrer Knie in den Schlitz gleiten lassen sollten. Sein Pult stand auf einem Podest, das sich an der gesamten Stirnseite des Raumes entlang zog. Die Seitenwand gegenüber der Klassentür war die Fensterwand. An der „Pultwand“ befand sich eine große schwarze Wandtafel, auf der ein schönes buntes Bild gemalt war: ein Bild aus einem Märchenbuch. Es zeigte „Sterntaler“, zu dem ihr Lehrer, Herr Jülich, ihr Papa, ihnen das Märchen vorlas, nachdem einige von ihnen sagen durften, was ihnen zu dem Bild an der Tafel eingefallen war. Anschließend hörten sie noch eine andere schöne Geschichte. Sie lauschten. Schule war so schön!
Danach stellte Herr Jülich ihnen einige Fragen zu dem, was sie gerade gehört hatten. Sie mussten immer den Finger hochheben, wenn sie etwas sagen wollten. Dann rief er all ihre Namen noch einmal auf, und wenn sie ihn hörten, sollten sie kurz aufstehen und allen Klassenkameraden zuwinken, nach hinten, nach vorne und auch zu den Seiten. Das machte Spaß! Und so lernten sie ihre Namen. „Und ich muss ja auch all eure Namen lernen“, sagte Herr Jülich. Einige Kinder kannten sich, weil sie aus der gleichen Straße stammten, und saßen schon zusammen. Sie hießen Waltraud, Ingeborg, Liesel, Hannelore, Ulrike und Egon, Herm-Dierk, Jürgen, Klaus, Heinz-Jürgen.
Eine zweite Jette gab es in der Klasse nicht. Das war schon einmal gut! Sie wollte nämlich in ihrer Klasse einmalig sein! Ach, das war sie ja sowieso schon! Vom Kindergottesdienst kannte sie einige Gesichter, aber so richtig war ihr niemand bekannt. Darüber war sie nicht traurig; denn sie kannte ja den Lehrer sehr gut, ihren Papa! Aber sie sagte niemandem, dass es ihr Papa war, der da vorne stand!
Auf einmal holte er seine Geige aus dem Geigenkasten und spielte seinen kleinen Schülern ein paar Lieder vor. Ob sie die wohl erraten könnten? Sie durften wieder mit dem Finger aufzeigen, wenn sie ein Lied erkannten. Darin war sie ganz prima; denn die Lieder kannte sie alle! Dann sagte ihnen ihr Lehrer, dass sie jeden 2. Tag ein kleines Kochgeschirr mitbringen sollten oder eine Schüssel, denn sie bekämen dann eine Schulspeisung, die ihnen die Amerikaner schenkten. Einige Kinder riefen „igittigitt“, weil sie wahrscheinlich über das Essen von ihren Geschwistern gehört hatten. Aber der Lehrer sagte: „Die Schulspeise schmeckt sehr, sehr gut. Ihr müsst einfach alle einmal morgen probieren.“ Dann klingelte es einmal kurz; die erste Stunde war schon(!) zu Ende. Aber auf den Schulhof durften sie noch nicht. Sie sollten bis zum nächsten längeren Klingeln warten, sagte ihnen Herr Jülich. „Dann kommt nämlich die große Pause, in der ihr 20 Minuten auf dem Schulhof spielen oder spazieren gehen könnt.“
In der nächsten Stunde sollten die Schüler und Schülerinnen von sich selber erzählen und von ihren Geschwistern und den Eltern. Jette erzählte natürlich nur von Marisa und Mutti. Von ihrer Mutti berichtete sie stolz, dass sie aus gefaltetem Zeitungspapier eine wunderschöne Puppenreihe schneiden konnte; und von Marisa, dass sie gerne bei Tante Elli und Gisela schliefe. Von den Jungs ganz hinten erzählte einer, dass er Schieren hieß und ganz weit unten an der Lenne wohnte. Sie hätten kein richtiges Haus, aber sie wohnten in „so Hütten“. Danach malte Herr Jülich Punkte an die Tafel. „Und ihr malt die Punkte bitte jetzt auch auf eure Schiefertafel.“
„Oh! Das sind die Punkte von einem Würfel!“, rief jemand von hinten. „Ja, da hast Du recht. Wie viele Punkte sind denn auf dem Würfel?“ „Oh! Ganz viele! Erst einer, dann zwei, dann drei, dann vier auf einer Seite, dann fünf auf einer Seite und dann sechs! Und sechs ist die Glückszahl! Da darf man beim Spiel ‚Mensch, ärgere dich nicht!‘ noch einmal würfeln.“
„Das hast Du aber fein gesagt.“ Und damit schrieb der Lehrer die Zahlen hinter die Anzahl der Punkte, und die Kleinen mussten sie auch hinter ihre Punkte auf die Schiefertafel schreiben. Der Lehrer ging durch die Reihen und schaute sich an, was seine kleinen Schüler dort schrieben und wie sie ihren Griffel hielten. Bei manchen Kindern blieb er stehen und half ihnen. Und dann kam auch schon bald das längere Klingelzeichen, das sie zur großen Pause nach draußen schickte. Aber vorher mussten sie alle aufstehen und dann ganz langsam den Klassenraum verlassen. Jette fragte ihre Nachbarin, ob sie mit ihr zusammen draußen spielen würde. Gerade vorher hatte die gesagt, dass sie Doris hieß und keine Geschwister hatte. Jette erzählte ihr, dass sie auf dem Bausenberg wohne und fragte sie, ob sie noch den Namen von ihrer kleinen Schwester behalten hätte. Den hatte sie natürlich vergessen, aber Jette sagte ihr, dass sie Marisa hieße. „Sie ist aber noch klein!“, sagte sie, „und kommt erst in zwei Jahren in die Schule.“ Doris erzählte ihr, dass sie auch am Bausenberg wohne. Was war Jette froh, dass sie sie einfach so gefunden hatte! Dann erfuhr sie auch, dass sie am Ende ihrer Straße wohnte, dort am Bach, wo im Augenblick die schönen Schlüsselblumen blühten. „Wenn du heute nach Hause gehst, könntest Du ja mitkommen und für deine Mutti einen schönen Strauß pflücken. Ich helfe dir dabei.“
„Au ja, dazu habe ich Lust. Dann könnten wir uns auch ein bisschen erzählen, woll?“ Dazu hatte sie auch große Lust. Und plötzlich fühlte sie sich gar nicht mehr so alleine.
Nach der Pause stellten sie sich wieder in Zweierreihen auf, aber dieses Mal wie alle anderen Schüler. Nun gehörten sie zu allen dazu. Dieses Mal wurden sie als erste Gruppe in die Schule hineingeführt. Einige Jungs aus der Klasse wollten die Mädchen überholen und in die Klasse laufen, aber der Klassenlehrer rief sie zurück. Und die, die vorgelaufen waren, mussten sich nun ganz hinten! anstellen. Das hatten sie davon!
Die nächsten 2 Stunden vergingen wie im Fluge. Und dann schellte es wieder etwas länger, und sie durften nach Hause gehen. Herr Jülich erinnerte sie an den Henkelmann, den sie am nächsten Tag unbedingt mitbringen sollten.
Noch eine Überraschung! Als sie auf dem Schulhof ankamen, warteten dort einige Mütter und Väter auf ihre Kinder. Jettes Mutti und Marisa standen auch dort, und Jette lief ihnen entgegen. Doris war plötzlich verschwunden. Aber dann kam sie mit ihrer Mutter auf Jülichs zu- gelaufen: „Und das ist meine neue Freundin Jette.“
„Und das ist meine neue Freundin Doris“, sagte Jette zu Marisa und Mutti. Frau Jülich nahm ihren Fotoapparat und machte ein Foto von ihrer Tochter; allerdings gab sie ihr noch vor der Aufnahme eine Rolle Drops als kleines Geschenk zum ersten Schultag. „Die haben wir gerade bei Mötters gekauft“, sagte Marisa, „und Du kannst mir ja auch ruhig einen Drops abgeben!“
Mutti Jülich sprach ein paar Worte mit Doris’ Mutter, Frau Filthaus, die sie offensichtlich schon kannte, und lud sie zum gemeinsamen Nachhause Gehen ein. Der Vorschlag wurde angenommen, und so liefen, tanzten und sprangen die drei Mädchen vor ihren Müttern her. Bei Doris und Jette hüpfte der Tornister auf dem Rücken auf und ab. Marisa sagte nicht viel. Ob sie wohl neidisch war? Und nun konnte sie Mutti nicht mit den Schlüsselblumen überraschen, dachte sie. Aber das konnte sie ja am nächsten Tag machen. Jette konnte es kaum erwarten, bis sie mit ihrer Mutti und Marisa in ihrem Zimmer eintrafen. Sie hatte ja eine andere große Überraschung für sie.
Endlich, endlich konnte sie erzählen, dass ihr Papa auch ihr Lehrer war! Sie lächelten ganz verschmitzt und sagten nur: „Das war ja eine Überraschung!“ Sie kannte ihr Lächeln nur zu gut und wusste ganz genau, dass sie es schon lange vor ihr gewusst hatten. Marisa sagte: „Dann kriegst Du ja nur gute Zensuren, weil Papa dir alles vorsagt.“
Jette war so fröhlich wie noch nie und wirklich gespannt auf den nächsten Tag, den 2. Schultag! Der sollte allerdings ganz anders beginnen als gestern! Lehrer Jülich kam nämlich in die Klasse, sie standen auf, er begrüßte sie und betete mit ihnen ein Morgengebet, das er sich sicherlich ausgedacht hatte:
„Lieber Gott!
Die Nacht ist vorbei,
geschenkt ist uns ein neuer Tag.
Sei Du mit dabei,
was immer auch geschehen mag.
Amen.“
Dann durften sie sich setzen. Sie waren ganz gespannt, was nun kommen würde. Herr Jülich hatte zwei kleine Stäbchen in der Hand und erklärte ihnen, dass sie nun auf Läuse untersucht werden müssten. „Das ist eine Regel hier in der Schule. Ich muss nämlich auf Euren Köpfen im Haar nachsehen, ob Ihr Läuse habt. Das tut gar nicht weh, aber ich muss es machen. Das hat der Herr Rektor mir gesagt.“ Und er ging ganz nach hinten und fing bei den Jungen in den letzten Bänken an. Sie durften sich in der Zeit mit ihren Nachbarn leise unterhalten und sich von den Spielen erzählen, die sie nachmittags und draußen spielten. Es dauerte nicht lange, und er untersuchte schon bei den Mädchen die Zöpfchen und Kränzchen. Herr Jülich war sehr erleichtert, dass sie alle keine Läuse hatten!
Nach der Läuseuntersuchung sollten sie alle aufstehen. Er wollte mit ihnen zusammen ein Lied singen. „Welche Lieder kennt ihr denn?“ „Alle Vögel sind schon da!“
„Sie pflügen und sie streuen!“
„Hänschen klein!“
„Nikolaus, komm in unser Haus!“
Alle riefen zur gleichen Zeit! Der Lehrer musste lachen. Dann nahm er seine Geige aus dem Kasten und spielte ihnen eine kurze Melodie vor, die sie alle nachsummen sollten. Dann eine zweite, dann eine dritte. Und sie hatten so viel Spaß! Bloß hinten bei den Jungs waren ein paar Brummer! Die konnten gar nicht nachsummen. Aber dann ging Herr Jülich zu ihnen, gab ihnen den Ton und summte vor, und plötzlich konnten es auch die Brummer! Dann klatschten sie einige Rhythmen nach, die ihr Lehrer ihnen vorklatschte. Das war auch lustig! Vor allen Dingen gab es längere Pausen vor den einzelnen Klatschern, und da mussten sie sich ganz doll anstrengen, dass keiner da hineinklatschte. Sie lachten dabei so viel und fanden das Spiel sehr, sehr schön!
Und so hatten sie gerade ihre erste Musikstunde hinter sich und hatten gar nicht gemerkt, dass es eine war! Na ja, eine Schulstunde lang hatte es gar nicht gedauert! Oder doch?
Und dann nahm der Lehrer, Jettes Papa, die Bilder zur Hand, die er zu Hause schon vor einiger Zeit vorgemalt hatte. Sie erkannte sie; die lustigen Figuren mit den Buchstaben.

„Das ist ein „r“ für das Wort „rollen“, den Ball rollen. Wer findet denn noch ein Wort, das mit einem „r“ beginnt?“ Inge sprang auf und rief: „Rennen!“
„Aber, liebe Inge, könntest Du Dich bitte melden, wenn Du etwas sagen möchtest?“ Inge setzte sich wieder hin und zeigte ordentlich mit dem Finger auf: „Rennen“, sagte sie, als sie wieder aufgerufen wurde, und war sehr stolz, dass sie es noch einmal sagen durfte. „Hat sonst noch jemand einen Vorschlag für ein anderes Wort?“ Herm-Dierk meldete sich: „Rufen“, sagte er und wurde auch gelobt. Herm-Dierk war ein kleiner blonder Junge mit einem spitzbübischen Gesicht. Er sah sehr lustig aus in seiner Latzhose. Nach dem „Buchstabenlernen“ durften sie auf den Schulhof gehen und spielen und sich unterhalten.
Schnell fanden sie sich zusammen, mit wem sie spielen wollten. Ein paar Jungen liefen schreiend hintereinander her. Manche spielten „Fischer, wie tief ist das Wasser?“, so wie Doris F. und Inge H. und Jette; sie kannten sich schon ein bisschen. Doris wohnte ja am Ende des Bausenbergs und saß in der Klasse neben Jette. Inge H. saß vor ihr und hatte heute ein besonders schönes Röckchen an, was Jette ihr auch bescheinigte. Sie begann plötzlich zu weinen und erzählte, dass ihre Mutti so krank wäre. Jette war darüber auch ganz traurig und nahm sie in den Arm, um sie zu trösten: „Ich bin jetzt deine Freundin! Sei bitte, bitte nicht so traurig! Deine Mutti wird bestimmt auch wieder gesund!“ Und sie nahm sich vor, zu Hause ein Bild für Inges Mutter zu malen, natürlich nur aus Dreiecken und Rechtecken, aber hübsch bunt!
„Du, Jette, bist Du eigentlich die Tochter von unserem Lehrer? Meine Mama hat mir das nämlich erzählt. Stimmt das?“
„Ja, das bin ich. Aber mein Papa erzählt mir zu Hause nicht, was wir in der Schule machen. Das darf er nämlich gar nicht, hat er mir gesagt. Und daran muss er sich halten. Und meine Mutti passt aber auch noch ganz schön auf; das kann ich dir sagen.“
„Hat er denn schon gesagt, ob wir Kinder in der Klasse ihm gefallen?“ „Ach, die gefallen ihm alle! Er ist so gerne Lehrer. Und außerdem spielt er so gerne Musik mit seiner Geige. Hast Du das schon gemerkt?“
„Ja, und singen kann er auch ganz gut.“ Nun war Jette richtig stolz auf ihren Papa! Und Doris sagte ihr auch, dass sie froh wäre, dass sie bei unserem Papa in der Klasse ist. „Er sieht so lustig aus“, meinte sie, „wenn er mit der Geige vor der Klasse steht und spielt.“
Als Jette am Nachmittag wieder mit allen zu Hause war und sie alle um den Küchentisch saßen und etwas tranken und ein Marmeladenbrot aßen, erzählte sie, dass die Kinder jetzt wüssten, dass sie die Tochter vom Lehrer sei. Sie erzählte ihrem Papa aber auch, dass Inges Mutter so krank sei und dass sie deswegen auf dem Schulhof geweint habe. Ihre Mutti sagte: „Dann musst Du aber sehr nett zu Ingeborg sein, wenn sie so traurig ist.“ – Nach der Kaffeepause war Jettes Papa plötzlich verschwunden. Er hatte sich das Fahrrad von Onkel Willy ausgeliehen und war weggefahren. Und Jette malte ein schönes Bild für Ingeborgs Mutti.
Am nächsten Tag in der großen Pause erzählte Ingeborg, dass Herr Jülich bei ihnen zu Hause einen Besuch gemacht und lange mit ihrem Papa gesprochen hatte. Und Jette gab Ingeborg das Bild für ihre Mutti mit, damit sie es mit ins Krankenhaus nehmen konnte. Darüber freute sie sich sehr.
Von da an fand Jette es sogar sehr gut, dass sie ihrem Papa von der kranken Mutti von Ingeborg erzählt hatte. Sie waren jetzt beste Freundinnen, weil sie sich gegenseitig brauchten. Ingeborg hatte nämlich keine Geschwister und war mit ihrem Papa momentan zu Hause ganz alleine. Und das stellte Jette sich ziemlich einsam vor.
Schule war so schön, aber der Weg dahin …? Sie lernten in der Schule ganz langsam etwas Lesen und Schreiben und Rechnen. Sie hatten viel Spaß miteinander. Wenn das Wetter es erlaubte, gingen sie auf den Schulhof und spielten die schönsten Laufspiele, zum Beispiel „Fischer wie tief war das Wasser?“ oder „Dreht euch nicht um, denn der Plumpsack geht rum.“ Außerdem spielten sie in kleinen Gruppen Ballspiele. Die große Seitenwand der Schule bot Platz für so viele Mädchen!
Mit ihren Freundinnen spielte Jette auch gern „Pröbchen“ oder „Probe“. Da drin waren sie alle Meisterinnen! Dazu benötigt man nur einen Ball, seinen Körper und eine Wand. Zehnmal muss der Ball an die Wand geworfen und dann auch aufgefangen werden. Neunmal muss der Ball mit der rechten Faust hintereinander gegen die Hauswand gestoßen und gefangen werden. Achtmal hintereinander mit gefalteten Händen, siebenmal mit nach innen gefalteten Händen, sechsmal mit der Armbeuge und fünfmal mit dem Knie usw. Wenn der Ball zur Erde fiel, war die Gegnerin dran. Und so wurde die bessere von zweien oder dreien festgestellt und war dann Siegerin. Da hatten sie mächtig Spaß! Aber die Jungs machten das nicht. Sie spielten lieber Fußball oder Völkerball. Komisch, dass die Jungs nicht gerne „Pröbchen“ spielten!
Gibt es einen schwarzen Mann?
An einem Tag holte Doris sie nicht für den Schulweg ab, und so musste Jette alleine zur Schule gehen. Ob sie wohl krank war? Da wollte sie gleich am Nachmittag einmal nachfragen gehen. Papa war schon lange weg, und so machte sie sich allein auf den Weg zur Schule. Es war ein bisschen nebelig, was sie gar nicht so gerne hatte. Das waren eigentlich die schlimmsten Tage im ersten Schuljahr für Jettes Asthma, weil sie dann kaum Luft bekam. Heute war es ein wenig so, aber sie hatte es ihrer Mutti nicht gezeigt, sonst hätte sie sie gar nicht zur Schule gehen lassen. Sie ging auf dem Bürgersteig rechts an den Nachbarhäusern vorbei Richtung Neuenrader Straße. Der Bürgersteig hörte nach den Häusern auf, und sie wollte gerade auf die gegenüberliegende Seite gehen, wo es einen Bürgersteig gab, als eine dunkle Gestalt aus dem Wald sprang. Sie drehte sich um, weil sie ganz fürchterliche Angst hatte, dass der Mann, der „schwarze Mann“, sie bestimmt gleich einholte. So lief sie schreiend bis zu ihrem Haus zurück. Viele Nachbarn kamen auf die Straße gelaufen, und sie war froh, dass sie sich unten an der Treppe in Muttis Arme werfen konnte. Sie weinte und schrie immer wieder und erzählte der Mutti, dass da am Wald jemand auf sie gelauert hatte. Ihre Mutti tröstete sie, dass sie sich bestimmt vertan hätte. „Du, mein liebes Kind, hast, glaube ich, ein wenig geträumt! Ich gehe jetzt mit dir dort vorbei bis zur Neuenrader Straße, und Du wirst schon sehen, dass dort niemand war und ist.“
Sie putzte ihre Tränen weg, sprach ein paar Worte mit den Nachbarn und begleitete sie dann den Bausenberg am Wald entlang. Jette zeigte ihr auch die Stelle in der Kurve, wo die dunkle Gestalt herausgesprungen kam. Sie blieben stehen, Jette wollte gar nicht weitergehen. Aber ihre Mutti schaute in den Wald hoch, beschwichtigte sie noch einmal, ging auch auf die gegenüberliegende Seite und schaute dort hinunter. „Siehst Du, mein Jettchen, da war niemand und ist nichts. Du hast wirklich nur geträumt.“ Bis zur Neuenrader Straße nahm sie ihre Tochter an die Hand, dann ließ sie sie allein weitergehen. Jette war immer noch ganz außer Atem und musste ganz schön hart die Luft einziehen, damit sie überhaupt Luft bekam. Gott sei Dank hatte Mutti das nicht bemerkt.
Bis zur Schule ging sie im flotten Schritt und kam ganz außer Atem dort an. Sie ging wirklich schnell, obwohl sie das gar nicht so richtig konnte; denn sie hatte immer noch Angst! Erst als sie Ingeborg, die auf sie wartete, die Geschichte erzählte, ging es ihr etwas besser. Komisch, auch die meinte: „Deine Mutti hatte bestimmt recht; Du hast geträumt.“ Und so wurde sie ein bisschen ruhiger und dachte: „Vielleicht hast Du dir das doch eingebildet und nur geträumt!“
Von da an hatte Jette immer mehr Schwierigkeiten mit dem Atmen. Ihre Mutti nahm sie oft zum Arzt, zu Dr. Schaab. Plötzlich hatte sie auch nicht viel Spaß an der Schule und in der Schule. Sie konnte die Spiele nicht mitmachen, sogar beim Kästchenhüpfen musste sie nach 5 Minuten aufhören. Warum konnten Doris und Ingeborg und Hannelore so wild herumlaufen, und sie nicht? Am liebsten stand sie in einer Ecke und schaute einfach zu, wie die anderen sich vergnügten. Sie musste auch wieder ein paar Male in der komischen Klimakammer sitzen. Da das aber nicht half, sagten ihre Mutti und auch ihr Papa ihr eines Tages, dass sie eine große Luftveränderung brauchte und an die Nordsee auf eine Insel geschickt würde. „Nach Langeoog, so heißt die Insel, kommen auch viele andere Kinder, aus vielen anderen Städten. Da bist Du nicht alleine! Und dort ist ein schönes Kinderheim, wo sich Ärzte und Krankenschwestern um Dich und die anderen kranken Kinder kümmern werden.“
Jette war sprachlos, aber wenn sie dann wieder zurückkäme und gesund wäre und alles machen könnte, was Ingeborg und Doris auch machten, dann wäre es bestimmt ganz prima für sie! Nun konnte Jette es kaum erwarten, bis es losging. Je früher sie fahren würde, desto schneller wäre sie bestimmt gesund!
Langeoog 1948, Kinderkurheim „Haus Bodelschwingh“
Frau Jülich begann plötzlich, ihrer Tochter noch etwas mehr Schreiben bzw. Lesen beizubringen, und zwar zwei ganze Sätze: „Es gefällt mir gut“, und „Es gefällt mir überhaupt nicht.“ Solche langen Sätze hatte sie ja in der Schule noch gar nicht gelernt! Sie ging doch erst seit drei Wochen dorthin! Diese beiden Sätze schrieb Frau Jülich getrennt auf zwei Zettel, die sie ganz oben in Jettes Koffer legte mit einem frankierten adressierten Briefumschlag. Nun erklärte sie ihr, dass sie einen von diesen zwei Zetteln nach einer Woche Langeoog abschicken dürfte. Das Wort „gut“ erkannte sie sofort und „nicht“ auch. Da brauchte sie gar nicht viel zu lernen. „Du musst dir aber ein wenig Zeit lassen, mein Kind, und dich eingewöhnen. Nicht gleich nach drei Tagen weinen! Und wenn es Dir mit dem Asthma besser gehen soll, musst Du eigentlich schon die acht Wochen bleiben, das wäre das Beste.“ Das nahm sie sich zu Herzen. Mutti und Papa wussten sowieso immer alles besser. Sie verließ sich auf sie und traute ihnen unendlich.
Ihr kleines Köfferchen war schnell gepackt. Ob sie wohl wirklich einmal in der Nordsee schwimmen würde? Aber es war draußen noch so kalt, dass das wohl nicht passieren würde. Es war fast wie vor ihrem ersten Schultag! In der Nacht vor der Abreise konnte sie vor Aufregung überhaupt nicht schlafen. Mutti hatte ihr ein paar „Bütterchen“ geschmiert, die sie ihr in den kleinen Henkelmann für die Bahnreise legte. Und dann ging es zu Fuß eine halbe Stunde hinunter zum Bahnhof Werdohl. Es standen noch ein paar Familien mit Kindern auf dem Bahnsteig. Es waren etwa vier kleinere Kinder und ein älteres Mädchen. Mutti ging mit Jette zu ihr und machte sich mit ihnen bekannt. Das war also Doris Weber, die etwa 14 Jahre alt war und von der Jettes Mutti schon gesagt hatte, dass sie auch nach Langeoog ins Kinderheim fahre. „Bitte, bitte, Doris, pass gut auf meine ‚kleine Große‘ auf! Ihr werdet euch sicherlich bestens verstehen.“ - „Hast Du denn auch Asthma, Doris?“, fragte sie. Aber sie verneinte. „Ich bin einfach zu dünn!“, sagte sie dann. „Du könntest ein paar von meinen Hasenbroten bekommen. Die schmecken am besten, wenn sie schon ein oder zwei Stunden mit dem Zug gefahren sind. Wenn ich zu meinem Opa nach Sattenhausen fahre, esse ich auch immer erst nach 2 Stunden das erste.“ Aber sie schmunzelte nur.
Und so stand Jette, zusammen mit fünf anderen Kindern aus Werdohl, auf dem Bahnsteig und wartete auf den Zug. Zugfahren konnte sie ganz prima, weil sie schon zu Opa und Oma nach Sattenhausen allein gefahren war. Auf das Schiff, das sie nach Langeoog bringen würde, war sie gespannt. Zum Abschied am Bahnhof konnte sie gar nicht weinen, denn beim Weinen wurde ihr Asthma immer noch schlimmer, genauso ging es ihr beim lauten Lachen. Deshalb war sie in letzter Zeit wohl eher ein gleichbleibend ruhiges, stilles Kind geworden.
Nach einer Tagesfahrt mit dem Zug stiegen sie am frühen Abend auf ein Schiff um, das sie nach Langeoog brachte. Die Schifffahrt war aufregender als alles andere, was sie je erlebt hatte! Sie war noch nie mit einem Schiff gefahren. Eigentlich sah es im „Bauch“, in dem sie alle saßen, so aus wie in einem Zugabteil. Dort standen lange Holzbänke mit Tischen davor. Nur die Fenster waren klein und rund, jedenfalls nicht so wie im Zug. Ob sie wohl alle gut in Langeoog ankommen werden? Jette hatte ein bisschen Angst, als das Schiff anfing zu schaukeln. Aber Doris hielt ihre Hand fest und beschwichtigte sie, dass ein Schiff immer schaukeln und auf den Wellen tanzen würde. „Ich tanze in Gedanken und auch mit meinem Bauch immer mit“, sagte Doris ihr und bewegte sich nach links und nach rechts. Und da machte sie mit und schaukelte dagegen, und schon ging es ihr viel besser. Sie saßen alle auf den langen Bänken und schauten aus den runden Fenstern. Sie sah nur Wasser und Wellen. Und das Wasser leuchtete so grün! Ob sie dann auch so grün aussieht, wenn sie darin schwimmt? Hoffentlich nicht!
Als die Kleinen in Langeoog ankamen, dauerte es eine Weile, bis sie aussteigen durften. Sie gingen über viele schräggestellte Holzplatten. Sie mussten ganz schön aufpassen, dass sie nicht stolperten. Und endlich hatten sie wieder festen Boden unter den Füßen. Das war auch plötzlich wieder ein ganz komisches Gefühl! Eigentlich wollte sie noch immer schaukeln, aber das ging nun gar nicht mehr. Vom Hafen machten sie alle noch eine kleine Wanderung bis zum Kinderheim. Hier blies der Wind ganz doll, aber auf den Straßen und Bürgersteigen war außer den 20 Kindern niemand zu sehen. Es war ja auch schon spät! Um ihre Köfferchen brauchten sie sich nicht zu kümmern. Die überholten die kleine Fußgängergruppe auf einem Pferdewagen. Die Kinder hatten beim Aussteigen aus dem Schiff gesehen, wie sie abgeladen und auf den Pferdewagen gestellt wurden.
Endlich standen sie vor dem großen Kinderheim. Oben am Haus stand in weißer Schrift: „Haus Bodelschwingh“. Eigentlich hatten Jettes Mutti und Papa immer von einem „Haus Seeruhe“ gesprochen. Aber da, wo die Doris hinging, da sollte bestimmt auch sie hin. Jette ließ sie gar nicht aus den Augen. Zuerst mussten sie sich alle in einem großen Tagesraum versammeln. Dort begrüßte sie ein Pfarrer und ganz viele Kinderschwestern, bestimmt fünf oder sechs. Schwester Hermine war Jettes Kinderschwester. Sie rief vier Kinder auf, unter denen auch sie war, und sagte ihnen, dass sie ihr folgen sollten. „Es geht nämlich jetzt zu den Schlafsälen und anschließend, wenn wir uns eingerichtet haben, gibt es noch etwas zu essen. Dann treffen wir uns genau wieder hier in diesem Tagesraum.“
Jette lief ganz schnell zu Doris, denn sie wollte unbedingt, dass sie in ihrem Schlafzimmer schlief. Die anderen Mädchen kannte sie alle nicht. Sie bat Doris, ob sie Schwester Hermine nicht fragen könnte, ob sie bei ihr schlafen dürfe. Das tat sie und kam mit einem strahlenden Lächeln zurück. Sie durfte es! Für ein paar Tage! Nun half sie Jette oben, ihr kleines Köfferchen auszupacken und die Sachen in den Kleiderschrank zu legen. Und dann half sie ihr auch und reichte ihr die Sachen aus ihrem Koffer. Sie war doch ziemlich glücklich, dass sie die Doris hatte! Danach ging es wieder runter in den Tagesraum, wo sie nur noch eine Tasse „roten“ Tees und ein Butterbrot bekamen. Dann ging es ins Bett, aber vorher noch ins Badezimmer.
Das war riesig groß: So etwas hatte Jette noch nie gesehen! Ein Badezimmer mit acht Waschbecken in der Mitte und acht Toiletten an einer Wand entlang und zwei Badewannen auf den sich gegenüberliegenden schmalen Wänden. So sah also ein Badezimmer in einem Kinderheim aus! Lustig! Dann mussten sie alle noch nach Anweisung der Kinderschwester Hermine eine Katzenwäsche machen und die Zähne putzen. Jette musste lachen und frage ganz laut: „Was ist denn eine Katzenwäsche?“
„Katzenwäsche heißt eigentlich nur, schnell das Gesicht waschen und nicht mehr“, bekam sie zur Antwort. „Und merkt euch auch, wo ihr euer Handtuch hinhängt, denn da muss es immer wieder abgeholt und nach dem Waschen aufgehängt werden. Und den Zahnbecher mit der Zahnbürste und der Zahnpaste stellt ihr bitte auch immer wieder in das gleiche Fach.“
So ging es in den Schlafsaal zu dem Bett, das Jette sich ausgesucht hatte und vor dem ein kleiner Hocker stand. Sie zog sich aus, legte ihre Anziehsachen darauf und schlüpfte in ihr Nachthemd, das sie nach dem Kofferauspacken schon auf ihr Bett gelegt hatte. Es war ein schmiedeeisernes weißes Kinderbett, in das sie über diesen Hocker hineinklettern musste. Die Seiten waren offen, und sie konnte, Gott sei Dank, Doris sehen. Durch die geschwungenen Bögen winkte sie ihr zu, dann faltete sie ihre Hände und betete wie zu Hause das Abendgebet: „Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe beide Augen zu. Vater, lass die Augen Dein über meinem Bettchen sein! Amen.“ Dann zog sie die Bettdecke fast bis über ihren Mund, weil es so kalt war. „Frierst Du auch so, Doris?“, fragte sie sie. Und diese nickte und flüsterte: „Das wird sich bestimmt gleich ändern.“ Damit stieg sie aus ihrem Bett und legte ihr ihr Kopfkissen auf den Bauch. Sie war fast so lieb wie Jettes Mutti. Dann streichelte sie ihr noch die Wange durch die schmiedeeisernen Rosetten und ging wieder zurück in ihr Bett. Ob Jettes Mutti, Papa, Marisa, Heinz-Jürgen, Tante Anneliese und Oma sie wohl vermissen? Und dann schlief sie auch bald ein.
In der Nacht wurde Jette einmal wach und wusste gar nicht so recht, wo sie war. Aber irgendwo schien ein Licht ins Zimmer, und sie sah die vielen Betten um sich herum. Und da wusste sie plötzlich, dass sie im Kinderheim auf Langeoog war. Irgendwo im Schlafsaal hörte sie ein leises Weinen. Sicherlich war sie deshalb aufgewacht. Sie merkte, wie eine Schwester an ihrem Bett vorbeihuschte und in die Ecke lief, woher das leichte Weinen kam. Und dann hörte Jette, wie sie dem Mädchen beruhigende Worte zuflüsterte. Nach kurzer Zeit hörte das leise Weinen auf, und noch eine kleine Weile später huschte die Kinderschwester wieder an ihrem Bett vorbei. Bald darauf war die Kleine auch wieder eingeschlafen.
Der erste Tag im Kinderheim
Geweckt wurde Jette am folgenden Morgen von einem schönen Flötenspiel. Zuerst dachte sie, dass sie träumte! Aber da stand tatsächlich ihre Schwester Hermine mit der Flöte an der Tür und spielte: „Wachet auf, wachet auf, es kräht schon der Hahn.“ Schnell stiegen sie aus ihren Betten, zogen die Hausschuhe an und wollten alle gleichzeitig ins Badezimmer laufen. Aber da kam die Anweisung von Schwester Hermine: „Ihr passt doch nicht alle gleichzeitig ins Badezimmer!“
Sie teilte ihre Schützlinge schnell ein, wer wann ins Badezimmer gehen durfte. Danach kam die große Entscheidung für Jette, was sie denn wohl anziehen sollte. Die Mutti hatte ihr doch immer am Abend vorher ihr Kleid hingelegt! Sollte sie einfach das von gestern anziehen? Und das tat sie einfach und war damit auch zufrieden. Schwester Hermine allerdings nicht! „Na, Jette, da wollen wir mal an deinen Kleiderschrank gehen. Heute Vormittag turnst Du ein wenig und danach steigst Du nach dem Inhalieren in eine Badewanne mit Salzwasser. Deshalb solltest Du lieber den Trainingsanzug anziehen, wenn Du einen mitgebracht hast.“ Sie war ganz stolz, schlüpfte in den dunkelblauen Anzug und stellte sich dann angezogen an ihr Bett. Es dauerte nicht lange, und alle Kleinen gingen über die Treppe nach unten in ihren Tagesraum, wo sie nach dem Morgengebet frühstückten. Es gab zwei Teller dicke Haferflockensuppe mit Milch, und wer mochte, konnte auch noch ein Brot essen.
Flugs ging es zum Turnen in einen kleinen Saal. Na, turnen konnte Jette ja nicht viel, weil sie dann immer ganz außer Atem war, aber sie machten Übungen zum Atmen. Dazu legten sie sich auf den Rücken, legten die Hände auf den Bauch und atmeten ganz doll ein und aus. Das Wichtigste war, dass sie beim Einatmen den Bauch hinausstrecken musste, weil ja Luft in ihren Körper kam. Und sie hatte das immer genau anders herum gemacht. Die Turnlehrerin kam zu Jette und übte mit ihr. Ob sie deswegen Asthma hatte? Sie lächelte, als sie sie fragte, und meinte: „Das kann schon sein. Da musst du von jetzt ab fein aufpassen und auch im Bettchen ein wenig üben, wenn du daran denkst.“
Und ob Jette daran dachte! Immer wieder atmete sie bewusst ein und aus, damit sie das schnell richtig machen konnte.
Hier der Schriftverkehr zwischen Langeoog und Werdohl. Jettes Papa hatte schon die Postkarten vorbereitet und adressiert, damit sie erstens schnell geschrieben werden konnten und zweitens die Kosten für Papier und Porto nicht ans Kinderheim fielen. Jette diktierte ihre Briefe nach Hause entweder der Kinderschwester oder der „großen“ Doris. Jettes Mutti hatte all diese in ihrem kleinen Tagebuch aufbewahrt. Für sie?

Ich bin in Langeoog gut angekommen. Doris war immer bei mir. Jetzt schläft sie bei den großen Mädchen, und ich bin mit elf kleinen Mädchen bei Schwester Hermine. In ihrem Zimmer schlafen noch vier Mädchen. Es gefällt mir hier gut. Heute waren wir spazieren gegangen. Da haben wir viele schwarze und weiße Schäfchen gesehen. Gestern haben wir im Warmbad gebadet. Da habe ich mich ganz allein gewaschen. Die Mädchen waren so lieb. Wir haben auch schon schön gespielt. Viele Grüße von eurer Jette.
Freundl. Grüße Schwester Hermine
Liebe Mutti und lieber Papa! Liebe Marisa! Mir geht es gut, dasselbe ich auch von euch hoffe. Ihr Lieben, ich esse jeden Tag vier Teller leer und noch zwei Butterbrote dazu. Herr und Frau Jülich: Jette hat kein Heimweh, sie war immer munter und fröhlich.
Viele Grüße, Jette und Doris
Morgen hat Jette Geburtstag. Sie freut sich schon sehr und hofft, dass sie morgen Post hat.
Freundliche Grüße, Schwester Hermine

Auch diese Postkarte, wie alle anderen, war von Herrn Jülich vorbereitet. Die obige = Nr. 2 hat wohl Doris für Jette geschrieben: Kinderschrift! Und dieses Mädchen schien wohl sehr gewissenhaft zu sein, denn auf dem Absender hat sie „Haus Seeruhe“ berichtigt! Sie wohnte also im Haus Bodelschwingh! Poststempel: 11.5.1948, 6 Tage nach Jettes 7. Geburtstag
Liebe Mutti u. lieber Papa! Liebe Marisa!
Jette hat sich gut eingelebt und auch schon tüchtig erholt. Mit den Kindern versteht sie sich gut, Heimweh hat sie bis jetzt noch nicht gehabt. Jetzt ist das Wetter herrlich, sie gehen jeden Tag an den Strand und bauen Burgen! Sie ist am liebsten in der Nähe des Wassers. An ihrem Geburtstag hat sie ein kleines grünes Schippchen gefunden; darüber hat sie sich sehr gefreut. Sie trug es mir auf, Ihnen davon zu schreiben. Ihr Päckchen hat sie bekommen und hat sich besonders über die Stundenlutscher und die Bilder in dem Album, die sie erst einen Tag später fand, gefreut. Daraufhin nahm sie ihr inzwischen leer gegessenes Päckchen vor und untersuchte es, in der Hoffnung, noch verborgene Herrlichkeiten zu finden. Sie war aber enttäuscht. Die Karten und den Brief hat sie auch erhalten. Von uns bekam sie auch einige Karten, so dass sie nun schon 8 hat, die sie alle in ihr Album kleben will. Sie steht neben mir und lässt sagen, dass sie dicke Backen hat und gern zum Strand geht. Sie dürfen noch nicht ins Wasser, aber große Jungens sprangen mitten ins Wasser und konnten nicht wieder zurück. Im Sand sackt man ein, man kann aber gut bauen. Schönes Wetter war hier, gestern hatten wir Kuchen. Viele Grüße Jette
Viele Grüße an Marisa, Heinz Jürgen und Tante Elli
Freundliche Grüße Schwester Hermine

Poststempel: 25.5.48
Liebe Mutti, lieber Papa. Wir gehen immer zum Strand und suchen schöne Muscheln. Sonntag waren wir zum Westende, da haben wir Baltrum gesehen. Das Wetter ist hier schön, wir laufen im Sand barfuß. Wir spielen immer schön und bauen Burgen. Baden dürfen wir noch nicht. Ich habe schon im Strandkorb gesessen. Gestern haben wir zur Taufe gesungen. Der Junge vom Pastor wurde getauft, er heißt Heiner. Hoffentlich habe ich heute Post von Mutti. Freut sich Marisa über die schöne Karte? Denkt sie auch an mich? Sie wollte auch immer an das Wasser kommen.
Liebe Grüße von Eurer Jette (selbst gedruckt), Schwester Hermine.

Langeoog, den 31. Mai, 1948
Liebe Mutti, lieber Papa! Mir geht es noch gut. Ich habe schon zugenommen und schon dicke Backen. Hier war es schön. Heute scheint die Sonne wieder.
Über den Brief habe ich mich sehr gefreut. Schreibt immer mit Bleistift, dann kann ich ausradieren und malen oder einen Brief schreiben. Die Grüße von der Klasse erwidere ich. Wenn ich zu Hause bin, kann Doris Burghardt zu mir kommen und mit Marisa spielen. Ich gebe ihr dann auch mein Seilchen zum Springen. Wenn ich wieder in der Schule bin, erzähle ich viel vom Strand, wo man immer so einsackt und die Schuhe voller Sand hat. Am liebsten laufe ich barfuß. Ich suche immer Muscheln, ich habe schon viele schöne. Ein paar bringe ich der Marisa mit. Gestern waren wir ein Stück zum Ostende raufgegangen und haben „Auslandsschalen“ = (Austernschalen) gefunden. Das Wasser machte so viel Schaum wie die Mutti zum Waschen braucht. Wenn der Wind kommt, spritzte es bis zu uns. Der Werner hat den Hedu da hineingeschubst, dass er ganz voll war.
Gestern Mittag gab es das siebte Ei und am Nachmittag schönen Kuchen. Viele Kinder hatten bei uns Durchfall und mussten im Bett bleiben. Ich aber nicht. Da habe ich mich gefreut. Als wir gestern im Kindergottesdienst waren, haben die Insulaner-Kinder ganz laut gelacht, gerade als der Herr Pastor gebetet hat. Das tue ich nicht. – Es war schön, dass Marisa Blumen pflückt. Findet sie auch Veilchen? Ich kann der Mutti keine mitbringen, sie werden welk.
Wir singen auch viel. Immer, wenn wir spazieren gehen, singen wir: „Es blies ein Jäger wohl in sein Horn.“ Auch am Morgen vor der Andacht singen wir ein Lied, am liebsten singe ich „Die güld’ne Sonne“ und „Wer recht in Freuden wandern will“.
Ich will auch keine Lockendreher mehr. Aber auch keine Stundenlutscher, wir sollen keine Päckchen geschickt bekommen. Zu Hause lutsche ich sie lieber. Dann hat Marisa auch einen und hier müssen die anderen zusehen, weil sie nichts bekommen. Ein Blatt mit Buchstaben schicke ich dem Papa schon mit. Sind sie schön geworden?
Viele liebe Grüße an Papa, Mutti, Oma, Marisa, Tante Anneliese, Tante Elli, Gisela, Heinz Jürgen und Christa
von Eurer Jette
Viele Grüße, Schwester Hermine Beer. Ich danke Ihnen für die lieben Zeilen, auch für die Briefumschläge.
Liebe Mutti und lieber Papa! Liebe Marisa!
Jette freut sich jedes Mal über Post. Sie meint, die Christa hat schlecht geschrieben. Sie hätte „gequackelt“. Das Geburtstagspäckchen hat sie erhalten und sich auch über die zahlreichen Karten gefreut. Auch der Brief aus der Klasse kam hier an. Als ich Jette den Brief zeigte und vorlas, erzählte sie mir von jedem Kind. Jette hat auch schon manches Bild gemalt. Leider besitze ich selbst kaum noch Briefumschläge und kann Ihnen die Zettel, auch einige mit Buchstaben beschrieben, nicht schicken.
Ob Marisa noch das schlimme Knie hat? – Hier war es wunderschön, gestern haben die Kinder das erste Mal nur Spielanzüge angehabt, aber nur für 10 Minuten. Barfuß laufen sie schon immer am Strand, was Jette besonderen Spaß macht. Jette isst gut, besonders wenn es ihr schmeckt. Mit dem Brot wird sie nicht so schnell fertig wie mit der Suppe. Dann bekommt sie es später am Strand. Jette möchte ein paar Lockendreher. Das ist nicht notwendig, ich habe es zu ihrer Beruhigung geschrieben.
Viele Grüße Schwester Hermine Grüße von Jette
Liebe Mutti, lieber Papa, liebe Marisa!
Viele Grüße von Eurer Jette. Bald komme ich nach Hause. Holt Mutti mich wieder von Hagen ab? Als sie immer neben dem Zug herlief, musste ich ganz doll lachen. – Das Päckchen habe ich bekommen. Am schönsten schmeckt der Stundenlutscher. Hat Marisa auch einen gehabt oder nur ich? Gestern hatten wir ein Pralinchen und Pflaumen und Kartoffeln. Den Käse mochte ich gestern nicht, er war schimmelig. (Camembert). Milchsuppe esse ich gern, wir hatten schon Datteln und Rosinen. – Viele Grüße und Küsse Eure Jette und Schwester Hermine
Doris Weber lässt herzlich grüßen.

Die Rückseite hatte Jette mit Buchstaben vollgeschrieben. Rück- und Vorderseite waren ausradiert, sodass Jette Papier zum Üben, d. h. zum Schreiben hatte. Das Kinderheim litt unter Papiernot; Herr Jülich hatte Schwester Hermine einige Briefumschläge und Papier geschickt. Das hat Jette einem Brief entnommen, siehe oben. Darüber liest man schnell hinweg.
Werdohl, den 12.6.48
Liebes Jettchen!
Deinen letzten Brief mit den Bildern u. den schön geschriebenen Buchstaben haben wir erhalten. Noch 1 1/2 Wochen bist Du auf Langeoog. Jetzt habt Ihr sehr schönes Wetter und werdet sicherlich auch baden. Hoffentlich bleibt es noch recht lange so warm. Hast Du auch schon gemerkt, dass das Meerwasser salzig ist? Von Opa aus Sattenhausen bekamen wir einen langen Brief. Er schrieb, dass er von dir schon zweimal Post erhalten hat und sich darüber sehr gefreut hat. In den Sommerferien fahren wir ja alle nach Sattenhausen u. dann musst Du Omi und Opa viel von Langeoog erzählen. – Muttel holt Dich von Hagen oder Altena ab. Marisa und Gisela, auch Heinz-Jürgen lassen Dir sagen, dass Du die Muscheln und Austernschalen nicht vergessen möchtest. Nun grüße Schwester Hermine und auch Doris Weber herzlich von uns und sei Du gegrüßt und geküsst von Mutti + Papa + Marisa. Auch Oma, Tante Anneliese, Heinz-Jürgen, Tante Elli und Gisela lassen grüßen.
Wie sehr Jette darauf bedacht war, dass die anderen Kinder im Kinderheim nicht neidisch werden sollten: „Lockendreher“ waren gedrehte Bonbons, denen Marisa und Jette den wundersamen Namen gegeben hatten, und Stundenlutscher waren die großen Bonbons „am Stiel“. Deswegen hatte sie in einem der Briefe geschrieben, dass sie lieber keine solche Süßigkeiten von zu Hause geschickt haben wollte. Sie bekam dann ja nicht genug, um jedem Kind etwas zu geben.
Poststempel: 14.6. 1948
Dieses war die letzte Karte, die Schwester Hermine für Jette nach Hause geschrieben hat.
Liebe Mutti u. lieber Papa! Liebe Marisa!
Wir waren schon im Wasser. Das war schön. Bald komme ich nach Hause. Dann freue ich mich. Wir fahren erst mit dem Inselbähnchen, dann mit dem Schiff und dann mit der Eisenbahn bis zu Hause. Mir geht es gut. Die Marisa soll mal ruhig kommen, meine Butterbrote kann sie alle haben. – Wir lernen viele Lieder und Spiele. Einmal war ich ein Zwerglein und hab aus dem Haus heraus gesehen. Da kamen die großen Riesen aus dem Wald. – Stehen schon die großen Margeriten auf der Wiese? Wenn ich nach Hause komme, pflücke ich der Mutti einen großen Strauß. – Ich spiele gleich mit der Puppe und mit dem Ball von der Helga. Der kleine Werner spielt auch mit. Gleich schreibe ich dem Opa Trescher. Heute habe ich mein Spielhöschen an. Nach dem Mittagsschlaf gehen wir wieder an den Strand. Hat Tante Elli schon Obst gebracht? Wenn ich zu Hause bin, dann erzähle ich viel. Was macht die Marisa? Geht der Papa noch zur Schule? Haben die Kinder viel gelernt? Wir sind mit der Inselbahn gefahren.
Viele Grüße Eure Jette
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