Kitabı oku: «1968 in der westeuropäischen Literatur»

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Inês Gamelas

1968 in der westeuropäischen Literatur

Der Generationenkonflikt und die akademischen Unruhen in Prosawerken zwischen 1968 und 1979

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Umschlagabbildung: Celso Assunção © 2021

Die vorliegende Studie wurde 2020 am Fachbereich 05 Sprache, Literatur, Kultur der Justus-Liebig-Universität Gießen und von der Universität Aveiro im Rahmen eines internationalen Cotutelle-Vertrages als Dissertation angenommen.

Gedruckt mit Unterstützung des Förderungsfonds Wissenschaft der VG WORT.

© 2021 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetztes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de

ISBN 978-3-7720-8749-3 (Print)

ISBN 978-3-7720-0136-9 (ePub)

Inhalt

  Einleitung

  1 Historischer und kultureller Rahmen der akademischen Unruhen und des Generationenkonfliktes der 1960er-Jahre in Westeuropa 1.1 Das soziokulturelle Brodeln im Westeuropa der späten 1960er-Jahre 1.2 Die Bundesrepublik: die Herausbildung einer Alternativkultur 1.3 »Sois jeune et tais toi«: der Ausbruch des Mai 68 in Frankreich 1.4 Die italienische 1968er-Bewegung: ein langer und heftiger Frühling 1.5 Öffnung vs. Beharren: die Dissidenz der jungen Spanier in den 1960er-Jahren 1.6 Portugal in den 1960er-Jahren: eine Bühne für Utopie 1.7 Schlussbemerkungen

 2 Darstellung der Prosawerke2.1 Lenz von Peter Schneider und Heißer Sommer von Uwe Timm2.1.1 Peter Schneider und Uwe Timm: die literarisierte Revolte in der Bundesrepublik2.1.2 Erzählstrategien2.1.3 Ereignisse der Studentenrevolte in Lenz und in Heißer Sommer2.1.4 Liebe und Sexualität: die Revolution der Sitten2.2 Derrière la vitre von Robert Merle2.2.1 Derrière la vitre und die literarische Darstellung der französischen Studentenbewegung2.2.2 Erzählstrategien2.2.3 Der Vorabend des akademischen Aufruhrs in Nanterre: der Fokus von Derrière la vitre2.2.4 »S’il y a quelqu’un qui vit dans la terreur de ressembler à ses parents, c’est moi«: einige Aspekte der sexuellen Revolution und des Sittenwandels2.3 I giorni del dissenso von Giorgio Cesarano2.3.1 I giorni del dissenso im Kontext der 1968er-Literatur in Italien2.3.2 Erzählstrategien2.3.3 »questa patata che scotta«: die Mailänder Studentenbewegung in I giorni del dissenso2.3.4 »voler essere tra vestiti capelli e barbe una razza diversa«: Anmerkungen zur sexuellen Befreiung und zum Sittenwandel2.4 Condenados a vivir von José María Gironella2.4.1 Die Darstellung des Generationenkonfliktes der 1960er-Jahre im Spanien Francos in Condenados a vivir2.4.2 Erzählstrategien2.4.3 Darstellungen des Widerstands der jungen Generation2.4.4 Von verwöhnten Kindern zu jungen Rebellen: die sexuelle Revolution und der Sittenwandel2.5 Sem Tecto, entre Ruínas von Augusto Abelaira2.5.1 Das Portugal von 1968 in Sem Tecto, entre Ruínas2.5.2 Erzählstrategien2.5.3 Die Sichtweise der jungen und der nicht mehr jungen Figuren auf die politischen Unruhen von 19682.5.4 »E o que era tabo, desejo angustiado, consciência pecaminosa, já hoje o não é«: Zeichen der sexuellen Revolution und des Sittenwandels

 3 Gegenüberstellung der literarischen Darstellungen von 1968 in den Prosawerken3.1 Generationenkonflikt3.2 Politischer Aktivismus3.2.1 Gegen die Ordinarienuniversität3.2.2 Für die Meinungs- und Pressefreiheit3.2.3 Für den Arbeiterkampf3.2.4 Für die Veränderung der Welt3.2.5 Mal engagierter, mal weniger engagiert3.3 Sexuelle Revolution und Sittenwandel3.3.1 Erfahrungen3.3.2 Reflexionen3.3.3 Kinder vs. Eltern3.3.4 Schlussbemerkungen3.4 Aktion und Reflexion

  Fazit

  Literaturverzeichnis

Meinen Eltern

Danksagung

Verschiedene Werke, zahlreiche Sprachen, ein Netzwerk von interessierten und engagierten Menschen – und eine Dissertation wird geboren. Ihnen allen gegenüber, Forschern und Freunden, die zur Verwirklichung dieser Arbeit beigetragen haben, möchte ich meine wahrhafte Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.

Das vorliegende Buch ist die leicht überarbeitete Fassung meiner Dissertation, die im Rahmen eines internationalen Cotutelle-Vertrages zwischen der Universität Aveiro und der Justus-Liebig-Universität Gießen entstanden ist und die ich im Februar 2020 in Aveiro verteidigt habe. Beiden Universitäten danke ich für ihre dafür erstmals eingegangene Partnerschaft. Eine Übersetzung der Abgabefassung dieser Dissertation ins Portugiesische steht auf Anfrage im Repositorium der Universität Aveiro zur Verfügung.

Ich danke aufrichtig Frau Prof. Dr. Maria Teresa Cortez von der Universität Aveiro: Dank ihrer vorbildlichen wissenschaftlichen Betreuung sowie ihrer permanenten Hingabe konnte diese Studie entstehen. Ich bedanke mich für ihre Unterstützung und Ermutigung zu dieser Idee seit der Masterarbeit und für die Tatsache, dass sie diese durch internationales Wasser führen konnte, immer überzeugt, diese Arbeit in einen sicheren Hafen bringen zu können.

Besonders dankbar bin ich auch Herrn Prof. Dr. Joachim Jacob von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Seit dem Moment, in dem wir uns in Gießen zum ersten Mal trafen, zeigte er großes Interesse an diesem Projekt und schlug vor, es im Rahmen einer Cotutelle durchzuführen. Im Laufe dieses internationalen gemeinsamen Weges hat er immer sein Wissen, seine Kommentare und Vorschläge mit mir geteilt, die zweifelsohne meine Arbeit sehr bereicherten.

Mein herzlicher Dank geht auch an Dr. Sabine Großkopf, die Hochschuldozentin, die ich 2008 in Hamburg kennenlernte und die entscheidend sowohl für die Inspiration als auch für das kontinuierliche und sorgfältige Begleiten dieser Studie über 1968 war – ohne diese unermüdliche Biene wäre diese Arbeit nicht aus dem Bienenstock gekommen.

Ein sehr herzliches Wort des Dankes geht nicht zuletzt an Christian, Jennifer und João für die Unterstützung, die über die aufmerksame und geduldige Lektüre meiner Arbeit weit hinausging, an Márcia Neves und Silvia Brunetta für die Hilfe bei der Überprüfung der französischen und italienischen Übersetzungen, an Herrn Prof. Dr. Paulo Pereira von der Universität Aveiro für den Vorschlag, Sem Tecto, entre Ruínas zu untersuchen, und für seine Betreuung während der Masterarbeit sowie an die vielen Professoren und Forscher des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) für den ständigen Ideenaustausch an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) danke ich für zwei Kurzstipendien in den Jahren 2015 und 2017 sowie der Fundação Portuguesa para a Ciência e a Tecnologia (FCT) [Portugiesische Stiftung für Wissenschaft und Technologie] für die finanzielle Unterstützung durch ein Doktorandenstipendium.

Sehr dankbar bin ich dem Narr Francke Attempto Verlag für die Aufnahme meines Buches in sein Programm und der VG Wort für die Übernahme der Druckkosten.

Schließlich danke ich meinem Partner und meiner Familie für die Liebe und die Anteilnahme, die sie immer im Laufe dieser Zeit zeigten. Sie sind der Leuchtturm, dessen Licht mein Leben orientiert.

Einleitung

Die Atmosphäre der Unruhen und der Jugendrevolte, die sich in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre verstärkte und ausbreitete, war ein beispielloses weltweites Phänomen. Junge Menschen aus zahlreichen Ländern rebellierten gegen das Establishment und führten eine Protestkultur an, die die ältere Generation auf den verschiedensten Ebenen in Frage stellte: Familie, tradierte Lebensweisen, gesellschaftliche Vorgaben, sexuelle Normen, Universität, nationale und internationale Politik, Konservatismus, Autoritarismus, alles wurde kritisiert. Der Diskurs des Widerstands internationalisierte sich dank der weltweit durch die Medien verfügbaren Informationen. Er fand in der provokativen Haltung der Jungen den Antrieb, der dazu beitrug, aus dem Jahr 1968 ein mythisches Jahr zu machen. 1968 war in der Tat ein Jahr, in dem die herrschenden Werte auf eine explosive Weise herausgefordert waren und ein Jahr eines einzigartigen Generationenkonfliktes, der historisch zum Symbol der Befreiung der Jugend wurde.1 Zuerst in den Universitäten und danach auf den Straßen der großen Städte bekundeten die jungen Menschen ihren Willen, die Gesellschaft auf der politischen Ebene zu verändern und mit dem Establishment zu brechen. Diese Spaltung wurde auch im Privatleben deutlich, wo die junge Generation sei es durch die Musik, durch die Kleidung oder sei es durch die sexuelle Befreiung alternative Verhaltensweisen auslebte. Trotz der Unterschiede zwischen den politischen Systemen und Lebenswirklichkeiten der verschiedenen Länder sowie zwischen den Protestzielen, die in jedem Land von den jungen Menschen ausgewählt wurden, um ihre Empörung zu äußern, sticht doch eine gemeinsame Widerstandshaltung der jungen Generation Westeuropas hervor.2 Diese Neigung zum Widerstand und zum Protest kennzeichnet den Generationenkonflikt jener Epoche. Aus der Sicht der jungen Menschen verkörpern die Eltern die herrschende soziale Ordnung, während die neue Generation vorgibt, der Motor des gesellschaftlichen Wandels zu sein, indem sie sich am Aufbau einer erneuerten und von dem Wertekanon der älteren Generation befreiten Welt beteiligt.

Die Literatur blieb nicht unberührt von dieser Welle der Rebellion. Es gibt eine beachtliche Anzahl von Prosawerken in verschiedenen nationalen Literaturen in Westeuropa, die den Generationenkonflikt und die Studentenrevolte in den Vordergrund rücken. In diesen Werken, die ab 1968 und im Laufe der 1970er-Jahre erscheinen, werden die individuellen und die kollektiven Erfahrungen von Jungen und nicht mehr Jungen verarbeitet, die das soziopolitische Umfeld von Krise und Aufruhr am Ende der 1960er-Jahre in allen seinen zahlreichen Facetten erleben. Der diegetische Fokus jedes einzelnen dieser Texte betont den nationalen Raum, in dem sich die mit der Revolte verbundenen Ereignisse abspielen, was aber eine Öffnung zur anderen Seite der Grenzen nicht ausschließt. Gerade weil die 1968er-Bewegung und die Protestkultur am Ende der 1960er-Jahre einen transnationalen Charakter haben, gibt es Berührungspunkte, die sich auf verschiedenen Ebenen durch diese Werke ziehen.

In der vorliegenden Arbeit unternehme ich es, die Darstellung der Jugend und die literarische Verarbeitung des Generationenkonfliktes am Ende der 1960er-Jahre in Westeuropa durch eine exemplarische Auswahl von Prosawerken, die zwischen 1968 und 1979 geschrieben und/oder publiziert wurden, zu untersuchen und zu vergleichen. In der Reihe der ausgewählten Prosatexte sind dies Werke aus der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Portugal. Es sind fünf Räume mit einem unterschiedlichen soziopolitischen Kontext, in denen aber durchgehend die junge Generation, der die Protagonisten der verschiedenen Texte angehören, die Führungsrolle des Widerstands und des Protestes gegen den Status quo einnimmt. Das Ziel ist die Durchführung einer interdisziplinären und transnationalen Studie, die sich mit der »literarisierte[n; IG] Revolte« (Schnell, 2003: 388) in den ausgewählten Texten beschäftigt, d.h. eine Untersuchung der literarischen Darstellungen der Studentenunruhen und des Generationenbruchs sowie der soziokulturellen und politischen Spaltungen jener Epoche. Der Begriff literarisierte Revolte, der von Ralf Schnell geprägt wurde, erscheint zum ersten Mal im Band Literatur der Bundesrepublik: Autoren, Geschichte, Literaturbetrieb (1986). Schnell identifiziert eine Reihe von Texten (vor allem Romane und Erzählungen), die die politischen und soziokulturellen Ereignisse der Studentenbewegung von 1968 in der Bundesrepublik zum Thema der Literatur machen (vgl. Schnell, 2003: 388f.). In meiner Arbeit wird dieser Begriff im weiteren Sinne verwendet, da er über die Grenzen der deutschen Literatur hinausgeht und für Prosawerke aus Westeuropa gilt, die ebenfalls die Protestkultur, die Studentenrevolte und den Generationenkonflikt am Ende der 1960er-Jahre fiktionalisieren. Indem das Konzept der literarisierten Revolte erweitert wird, werden die Gemeinsamkeiten und Einzelheiten, wie auch die Unterschiede und Ähnlichkeiten der Darstellung des Generationenkonfliktes und der akademischen Unruhen in den Texten der deutschen, französischen, italienischen, spanischen und portugiesischen Literatur erforscht.

Der komparatistische Ansatz fokussiert die literarische Behandlung verschiedener Fragen, die alle Texte durchziehen. Unter diesen Fragen sind besonders relevant: die Zeichen von Bruch und Spaltung, die die Beziehung zwischen den Generationen in den 1960er-Jahren prägen; der politische Aktivismus der jungen Menschen und ihr Wille, die Gesellschaft zu verändern; das Ausleben der sexuellen Revolution; und schließlich die narrativen Optionen bei dem Aufbau der Erzählung, die eher die Fiktionalisierung der turbulenten Zeiten vor und nach 1968 oder eher die Reflexion über diese Zeiten in den Vordergrund stellen. In dieser komparatistischen Gegenüberstellung werden ebenfalls die Erzählstrategien im Hinblick auf die Erzählsituationen, den narrativen Aufbau und den Diskurs betrachtet.

Bevor ich die Auswahlkriterien des literarischen Korpus dieser Arbeit erkläre, werde ich kurz die Gründe nennen, die zum Ausschluss der in den Staaten des Warschauer Paktes veröffentlichten Texte aus dieser Zeit geführt haben. Der erste Grund liegt in meinen Kenntnissen von Fremdsprachen: Da ich die Sprachen dieser Länder nicht beherrsche, wäre es unmöglich gewesen, jene Texte – und die entsprechende Sekundärliteratur – im Original zu lesen. Der zweite Grund liegt in der politischen Lage. Unbestreitbar erlebten auch einige der Staaten des kommunistischen Lagers wie Ungarn, Polen und die Tschechoslowakei im Jahre 1968 einen sogenannten Frühling der Jugendrevolte, mit Zusammenstößen zwischen Studenten und den Ordnungskräften. Dennoch war die Lebenswirklichkeit in diesen Ländern eine andere als in der Mehrzahl der westeuropäischen Länder. Die deutlichen Unterschiede in der Geschichte, Politik und Kultur der Länder des Warschauer Paktes und Westeuropas in den Zeiten des Kalten Krieges würden eine eigene Untersuchung erfordern.

Selbst im westeuropäischen Raum gibt es große Variationen in der literarischen Verarbeitung der Studentenrevolte. Als deutlichstes Beispiel dafür sei Großbritannien genannt. Auch in die englische Literatur fanden die Studentenunruhen von 1968 Eingang, vor allem in campus novels wie Changing Places (1975) von David Lodge und The History Man (1975) von Malcom Bradbury.3 Aber der satirische Blick dieser und anderer englischer Romane auf die akademische Welt und auf die Studentenbewegung (vgl. Moseley, 2007: 110) ist weit entfernt von der vorherrschenden engagierten Orientierung der Erzählprosa Kontinentaleuropas. Aus diesem Grund wird die englische Literatur in dieser Studie nicht berücksichtigt.

Für die Auswahl jedes Werkes in das Textkorpus dieser Arbeit gab es diverse Kriterien. Das Hauptkriterium liegt in der Zentralität des Generationenkonfliktes und des von der jungen Generation angeführten akademischen und politischen Aufruhrs in der Diegese jedes Werkes. Außer diesem Kriterium sei bemerkt, dass nur zwischen 1968 und Anfang der 1970er-Jahre verfasste Werke ausgewählt wurden. Daher sind alle behandelten Werke gleich 1968, also noch im Jahr der Studentenrevolte, oder einige Jahre später geschrieben.4 Diese zeitliche Eingrenzung zielt darauf ab, einen Vergleich der Verarbeitung des Generationenkonfliktes und der Studentenrevolte zu ermöglichen, der die zeitliche Nähe des Verfassens der Texte zu den Ereignissen von 1968 mitberücksichtigt. So fiel die Wahl auf die folgenden Werke: Lenz (1973) von Peter Schneider, Heißer Sommer (1974) von Uwe Timm, Derrière la vitre (1970) [Hinter Glas] von Robert Merle, I giorni del dissenso (1968) [Die Tage des Dissenses] von Giorgio Cesarano, Condenados a vivir (1971) [Zum Leben verurteilt] von José María Gironella und Sem Tecto, entre Ruínas (1979) [Ohne Dach, zwischen Ruinen] von Augusto Abelaira.5

Gemeinsamkeiten in den Biographien oder in der literarischen Laufbahn der Autoren und ihrer Werke boten sich auch für die Analyse als interessant an, waren aber kein ausschlaggebendes Auswahlkriterium. Nachdem sie Ende der 1960er-Jahre als Studenten aktiv an der Studentenbewegung in Westdeutschland beteiligt waren, veröffentlichten Peter Schneider und Uwe Timm mit Lenz und Heißer Sommer zwei Werke, die die Studentenrevolte literarisch verarbeiten und in denen sich einige autobiographische Spuren ihrer Erlebnisse im Widerstand finden. Giorgio Cesarano und Augusto Abelaira waren am Ende der 1960er-Jahre schon ältere Autoren, beide in ihren Vierzigern und mit mehreren Veröffentlichungen. Sie verfolgten aufmerksam die Proteste der jungen Menschen in Italien, in Portugal und auch in ganz Westeuropa. Das war auch der Fall von José María Gironella, zu der Zeit schon über fünfzig, und Robert Merle mit über sechzig, zwei Schriftsteller mit einer etablierten literarischen Karriere. Trotz der Altersunterschiede ist ihnen jedoch allen gemeinsam eine mehr oder weniger sichtbare Sympathie mit den Idealen der politischen Linken (die einzige Ausnahme ist der spanische Autor) und das Interesse, die zeitgeschichtlichen Ereignisse in die Literatur zu tragen. Darüber hinaus teilen sie eine literarische Grundeinstellung, die von einem auffallenden historischen Bewusstsein und von der Verbindung der Literatur mit der Gesellschaft gekennzeichnet ist.

Wie zu bemerken ist, umfasst das Textkorpus dieser Arbeit wenigstens jeweils ein Werk der analysierten literarisch-kulturellen Räume. Der Grund für die stärkere Präsenz deutscher Werke liegt im besonders häufigen Vorkommen der literarisierten Revolte in der deutschsprachigen Literatur. Obwohl die Jugendrevolte in Europa am Ende der 1960er-Jahre (und Anfang der 1970er-Jahre) sich quer durch viele Länder zieht, hat ihre literarische Verarbeitung mehr Bedeutung im deutschen Raum, wo die Anzahl von Werken, die sich diesem Thema widmen, ungleich größer ist als in den anderen Literaturen Westeuropas. Mit Lenz und Heißer Sommer wurden zwei Werke ausgewählt, die von der Kritik als die repräsentativsten Texte der literarisierten Revolte in der Bundesrepublik angesehen werden (vgl. Cornils, 2000: 116). Außerdem ergänzen sich beide Texte auf gewisse Weise im Hinblick auf die fiktionale Darstellung der 1968er-Zeit (vgl. Götze, 1981: 379; Rinner, 2013: 36). Von den französischen Romanen, die gleich nach 1968 die diversen Facetten der Studentenbewegung und die Erfahrungen der jungen Aktivisten während des Mai 68 in Frankreich verarbeitet haben, ist Derrière la vitre der einzige, der bei der Fiktionalisierung der Revolte das universitäre Milieu betont (vgl. Combes, 1984: 148; Combes, 2008: 161; Eichelberg, 1987: 23). Für Italien fiel die Wahl auf I giorni del dissenso von Giorgio Cesarano, eines der wenigen Beispiele der italienischen Literatur, das die Universitätsrevolte von 1968 in Mailand herausstellt. In Spanien und in Portugal sind Condenados a vivir und Sem Tecto, entre Ruínas Einzelfälle von Werken, die noch in den 1970er-Jahren die Atmosphäre des Widerstands der jungen Generation in die Literatur einfließen lassen. Sie stellen nicht die Proteste und die Stimmung des Aufruhrs in den Universitäten in den Mittelpunkt, sondern eher den Generationenkonflikt und die unterschiedlichen Weltsichten von Eltern und Kindern in der spanischen und portugiesischen Gesellschaft der 1960er-Jahre.

Bis heute wurde noch keine vergleichende Studie zur literarischen Bearbeitung der Studentenunruhen und der Generationenkonflikte in den 1960er-Jahren in Westeuropa durchgeführt, die mehrere Werke aus verschiedenen nationalen Literaturen betrachtet. Auch sonst gibt es nur wenige literaturwissenschaftliche Studien zu diesem Thema.6 Darüber hinaus beziehen sich die wenigen diesbezüglichen Veröffentlichungen auf einen einzelnen literarischen Raum und beschränken sich in der Regel auf die Analyse eines einzigen Werkes. Im Folgenden wird die wichtigste Sekundärliteratur vorgestellt, die sich mit den in dieser Arbeit untersuchten Prosawerken befasst.

Die meisten Studien über Werke und Autoren der 1968er-Jugendrevolte sind bislang in Deutschland erschienen. Die Aufmerksamkeit der Germanistik begann in den 1970er-Jahren, kurz nach dem Erscheinen von Klassenliebe (1973) von Karin Struck, Lenz (1973) und Heißer Sommer (1974), Werken, die im Laufe der Jahren emblematisch werden (vgl. Schnell, 1986: 284f.).7 In den zwei darauffolgenden Jahrzehnten gibt es mit der Ausnahme von Ralf Schnell – der in einem kurzen Unterkapitel in seinen Literaturgeschichten nach 1945 über die literarisierte Revolte schrieb; vgl. Die Literatur der Bundesrepublik: Autoren, Geschichte, Literaturbetrieb (1986): 284–288 und Geschichte der deutschsprachigen Literatur seit 1945 (1993): 420–4248 – nur wenige Untersuchungen über den Widerhall der Studentenrevolte in der bundesdeutschen Literatur. Dennoch gibt es fünf umfassende Studien, die Werke verschiedener deutscher Autoren vergleichend analysieren.9 Die erste, von Keith Bullivant verfasst und betitelt Realism Today. Aspects of the Contemporary West German Novel (1987), befasst sich mit Texten, die die Erfahrungen der jungen Menschen während der Unruhen am Ende der 1960er-Jahre im Rahmen der »Neuen Subjektivität« oder »Neuen Innerlichkeit« in den Vordergrund rücken. Die zweite ist die Dissertation des polnischen Germanisten Andrezej Talarczyk, der 1988 an der Universität Stettin mit der Arbeit Die Studentenbewegung als Thema der Literatur der BRD promovierte.10 Eine weitere Studie, Der poetische Mensch im Schatten der Utopie: Zur politisch-weltanschaulichen Idee der 68’er Studentenbewegung und deren Auswirkung auf die Literatur (1990) von Alois Prinz, beschäftigt sich mit der Frage der Utopie, die sich durch die Prosawerke über die Studentenbewegung von Peter Schneider und Uwe Timm sowie durch Nicolas Borns Die erdabgewandte Seite der Geschichte (1976) zieht. In Politisierung der Literatur – Ästhetisierung der Politik (1992) konzentriert sich Martin Hubert auf Heißer Sommer, Lenz und Die Reise (1977) von Bernward Vesper. Zwei Jahre später wird das Buch Abschied von der Revolte: Studien zur deutschsprachigen Literatur der siebziger Jahre (1994) veröffentlicht. Ingeborg Gerlach analysiert darin Texte von Autoren wie Karin Struck, Peter Schneider, Uwe Timm und Peter-Paul Zahl (unter anderen) und ordnet sie der »Neuen Subjektivität« zu.

Abgesehen von diesen Studien ist das Interesse der Germanisten an der literarisierten Revolte bis zum Ende der 1990er-Jahre gering ausgeprägt. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts nimmt es wieder zu.11 Ingo Cornils ist einer der Forscher, die sich dieser Thematik am intensivsten gewidmet haben. Von besonderer Bedeutung sind ›(Un-)erfüllte Wirklichkeit‹. Neue Studien zu Uwe Timms Werk (2006) – eine zusammen mit Frank Finlay herausgegebene Sammlung, die sich ausschließlich mit dem Werk von Uwe Timm befasst – und Writing the Revolution: The Construction of ‹1968› in Germany (2016).12 Susanne Rinner ist eine weitere wichtige Forscherin. In ihrem Aufsatz »From Student Movement to the Generation of 1968: Generational Conflicts in German Novels from the 1970s and the 1990s« (2010) analysiert sie die deutsche Studentenrevolte der 1960er-Jahre in Lenz und Heißer Sommer und untersucht sie diese vergleichend mit späteren Werken der beiden Autoren. Diese komparatistische Gegenüberstellung wird in der Studie The German Student Movement and the Literary Imagination: Transnational Memories of Protest and Dissent (2013) wieder aufgenommen und erstreckt sich mithilfe eines literatur- und kulturwissenschaftlichen Ansatzes auf Texte von Peter Schneider, Uwe Timm, Bernhard Schlink, Ulrike Kolb, Irmtraud Morgner und Emine Sevgi Özdamar.13

Dazu gibt es umfassende Veröffentlichungen über einzelne deutsche Autoren der 1968er-Generation (vgl. Rinner, 2010: 139). Besonders Peter Schneider und Uwe Timm, die wichtigsten Vertreter dieser Autorengeneration (vgl. ebd.: 141), haben die Aufmerksamkeit der Literaturwissenschaftler auf sich gezogen. Hervorzuheben sind Peter Schneiders Erzählung ›Lenz‹: Zur Entstehung eines Kultbuches. Eine Fallstudie (1997) – eine umfassende Analyse der Erzählung Lenz von Markus Meik –, Zwischen Dableiben und Verschwinden: Zur Kontinuität im Werk von Peter Schneider (2006) von Petra Platen und drei Studien über das Gesamtwerk von Uwe Timm zur Studentenbewegung: Die 68er-Revolte im Werk von Uwe Timm (2009) von Sabine Weisz, (Ent-)Mythologisierung deutscher Geschichte: Uwe Timms narrative Ästhetik (2012) von Kerstin Germer und ›Erinnern führt ins Innere‹: Erinnerung und Identität bei Uwe Timm (2015) von Simone Christina Nicklas. Obwohl keine dieser Studien sich ausschließlich auf die Darstellung des Generationenkonfliktes und des akademischen Aufruhrs konzentriert, wie es in dieser Arbeit geschehen soll, dienen sie als Analysehilfe bei meiner Untersuchung von Lenz und Heißer Sommer.

Was den literarischen und kulturellen Raum Frankreichs betrifft, ist die Zahl der Publikationen deutlich geringer und konzentriert sich fast ausschließlich auf die literarische Verarbeitung der Ereignisse vom Mai 68. Patrick Combes war der erste, der eine umfassendere Studie über die Fiktionalisierung der 1968er-Revolte in der französischen Literatur veröffentlichte: Littérature & le mouvement de Mai 68. Écriture, mythes, critique, écrivains 1968–1981 (1984), in der er ungefähr fünfzig Werke (vor allem Romane) über den Mai 68 und die Erfahrungen bei den Jugendprotesten am Ende der 1960er-Jahre identifiziert. Sowohl in dieser als auch in einer weiteren Studie, 2008 veröffentlicht und betitelt Mai 68, les écrivains, la littérature, hebt Combes den Roman Derrière la vitre von Robert Merle hervor. Auch Ingrid Eichelberg, eine deutsche Romanistin, beschäftigte sich in den 1980er-Jahren mit der französischen Studentenrevolte und den Ereignissen vom Mai 68 in der Literatur und veröffentlichte drei Studien dazu: Mai ’68 in der Literatur. Die Suche nach menschlichem Glück in einer besseren Gesellschaft (1987),14 Mai 1968: une crise de la civilisation française; anthologie critique de documents politiques et littéraires (1986) und L’écriture de Mai 68 (1987), die zwei letzten auf Französisch geschrieben zusammen mit Wolfgang Drost. Margaret Attack beschäftigte sich in May 68 in French Fiction and Film: Rethinking Society, Rethinking Representation (1999) auch mit dem Roman von Robert Merle, den sie damals für den berühmtesten über den Mai 68 hielt (vgl. Attack, 1999: 33). Die Lektüre dieser Studien bestärkte meine Entscheidung für Derrière la vitre, einen Roman, der erst in den letzten Jahren eine größere Aufmerksamkeit der Forschung erlangte.15

In Italien gibt es wenige Publikationen über italienische Autoren, die den Aufruhr von 1968 und die Protestkultur der jungen Menschen in Literatur verwandelten, und noch weniger sind die, die das Werk Giorgio Cesaranos erwähnen, eines wenig bekannten Schriftstellers. Unter denen, die sich dem literarischen Schaffen zu 1968 in Italien widmen und die I giorni del dissenso unter den Werken der 1960er- und 1970er-Jahre hervorheben, die sich mit der Studentenbewegung und dem akademischen Aufruhr beschäftigen, gehören besonders: Linea rossa: Intellettuali, letteratura e lotta di classe, 1965–1975 (1982) und der Sammelband Cercando il ’68. Documenti, cronache, analisi, memorie (2012), beide von Giampaolo Borghello, Letteratura italiana d’oggi, 1965–1985 (1987) von Giuliano Manacorda und der Aufsatz »Il percorso letterario di Giorgio Cesarano« (2011) von Giorgio Luzzi.

Ähnlich ist es mit der Forschung zum Werk von José María Gironella in Spanien, besonders zum Roman Condenados a vivir. Die einzige Ausnahme scheint die Doktorarbeit von Pedro Fernandez-Blanco mit dem Titel José María Gironella, romancier témoin de son époque (1985) zu sein, in der er die Figuren und die Themen in jedem einzelnen Roman des umfangreichen Gesamtwerkes von Gironella analysiert. In der vorliegenden Arbeit werde ich diese Studien gelegentlich erwähnen und heranziehen und zugleich versuchen, nicht nur neue Wege der Forschung zu den Werken Cesaranos und Gironellas zu eröffnen, sondern auch die Relevanz dieser zwei Autoren für die literarische Behandlung der Studentenunruhen und des Generationenkonfliktes in Italien und Spanien hervorzuheben.

Was die Analyse des Romans von Abelaira betrifft, ist die Aufgabe, die ich mir vorgenommen habe, identisch. Von den wenigen vorhandenen Studien über Sem Tecto, entre Ruínas wird deutlich, dass sie den Roman nur aus der Sicht der Elterngeneration untersuchen und die junge Generation und ihren Willen nach Veränderung nicht beachten. Publikationen wie »Augusto Abelaira: a Palha e o Resto« (1986), Um Romance de Impoder. A Paragem da História na Ficção Portuguesa Contemporânea (1994) – beide von Luís Mourão –, Entre a Utopia e o Apocalipse: Augusto Abelaira e o Fim da História (2003) von Carlos Machado sowie Imagens Líquidas na Obra de Augusto Abelaira: Sujeito e História na Pós-Modernidade (2007) und »De Brandão a Abelaira: um tempo de desesperança« (2008) von Edimara Luciana Sartori untersuchen vor allem die Darstellungen von Machtlosigkeit, Trägheit und Verzweiflung, die sich in Sem Tecto, entre Ruínas im Zusammenhang mit der älteren Generation finden lassen.

Nach diesem ersten Forschungsüberblick sollen die in dieser Arbeit angewandten theoretischen und methodologischen Prämissen vorgestellt werden. Da der Fokus der Analyse sich auf die Fiktionalisierung des Generationenkonfliktes und der soziopolitischen Unruhen von 1968 konzentriert, stützt sich meine Studie der ausgewählten Prosawerke auf einen vergleichenden kulturwissenschaftlichen Ansatz.

Die gegenwärtige Methodologie zur Untersuchung literarischer Werke mithilfe eines kulturwissenschaftlichen Ansatzes beruht auf dem Konzept der Interdisziplinarität. Die kulturwissenschaftliche Neuorientierung der Literaturwissenschaft wird von immer mehr Forschern der Anglistik, Germanistik und Romanistik umgesetzt – besonders im Bereich der Untersuchungen, die einen vergleichenden Zweck haben (vgl. Nünning/Sommer, 2004: 9) – mit dem Ziel, den sprachenübergreifenden und interdisziplinären Dialog zu verstärken.16 Im Sammelband Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft (2004) stellen Ansgar Nünning und Roy Sommer fest, dass eine kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft nicht nur ihre Berechtigung hat, sondern auch von großer Bedeutung in der Gegenwart ist, indem sie erlaubt, das Wertesystem, die Normen und Perspektiven sowie die Kollektivvorstellungen zu untersuchen, die sich in literarischen Texten zeigen (vgl. ebd.: 19).17 Die kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft bedeutet keineswegs, die in der Literatur- und in der Kulturwissenschaft vorhandenen Analyseparadigmen außer Acht zu lassen. Im Gegenteil: Was Ansgar Nünning und Roy Sommer als »einen neuen Diskurs« (ebd.: 10) der Annäherung von Literatur- und Kulturwissenschaft bezeichnen, das berücksichtigt die Besonderheiten beider Disziplinen. Auf diese Weise werden die in dieser Arbeit analysierten Werke in ihrer Qualität als kulturelle Dokumente und als literarische Texte verstanden. Es wird angestrebt, auf ihre Singularität zu achten, die unbestreitbar durch die Fiktionalität und durch einen einzigartigen semiotischen Charakter geprägt ist.

Im Rahmen dieser theoretischen und methodologischen Ausrichtung muss der Beitrag von Doris Bachmann-Medick erwähnt werden, die die »Hybridisierung« bei der Analyse literarischer Texte verteidigt (vgl. Bachmann-Medick, 2004: 156) und die sich dabei Analyseinstrumente anderer Disziplinen der Sozial- und Geisteswissenschaften bedient.18 Dennoch soll diese »Hybridisierung« die Vorgehensweise jeder einzelnen Disziplin nicht in Frage stellen. Für den konkreten Fall der Literaturwissenschaft bemerkt die Autorin, dass nur eine kulturwissenschaftliche Sichtweise, die die Eigenart des jeweiligen literarischen Textes berücksichtigt, dazu beitragen könne, die Verbindungen zwischen kultureller Bedeutung und Textualität zu erkennen, nämlich das, was die Fiktionalisierung, die wirkungsästhetischen Strategien und die stilistischen und formalen Innovationen betrifft (vgl. ebd.).19

Mein Interesse für die kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft wird durch die in den Prosawerken dieser Arbeit vorliegende Verbindung zwischen literarischem und politisch-soziokulturellem Diskurs gerechtfertigt: Die Zeitgeschichte ist mit der Fiktion verwoben und die Ereignisse der Epoche spielen eine herausragende Rolle in der Entwicklung, dem Verhalten und der Mentalität der unterschiedlichen Figuren der einzelnen Werke. In ihrer Interpretation von »Kultur als Text« verteidigt Doris Bachmann-Medick, dass die literatur- und kulturwissenschaftliche Hermeneutik der Gegenwart nicht von den sozialen Ereignissen und von den Handlungszusammenhängen, die zu einer gewissen wahrgenommenen Realität gehören, getrennt werden darf (vgl. Bachmann-Medick, 2014: 77). Auch im Sammelband Methoden der literatur- und kulturwissenschaftlichen Textanalyse (2010), herausgegeben von Vera und Ansgar Nünning, wird erwähnt, dass die kulturelle Dimension eines literarischen Textes (beziehungsweise der kulturelle Kontext, der soziale Hintergrund und die soziokulturelle Umgebung) bei der literarischen Analyse durch ein Verfahren des wide reading berücksichtigt werden muss (vgl. Hallet, 2010: 293f.). Dieses Verfahren, das eine ausgedehnte komplementäre Lektüre ermöglicht, auch durch den Zugang zu nicht-literarischen Texten, ist besonders wichtig bei der Analyse literarischer Texte mit einer starken zeitgeschichtlichen und soziokulturellen Komponente, wie es bei den Prosawerken dieser Arbeit der Fall ist. Indem ich den Schwerpunkt meiner Studie auf die Darstellungen der Jugend und auf die literarische Bearbeitung des soziopolitischen Aufruhrs der Jugendrevolte lege, beabsichtige ich, zu untersuchen, auf welche Weise jedes der ausgewählten Werke nicht nur dazu beiträgt, das kulturelle Gedächtnis der zeitgeschichtlichen, politischen und sozialen Ereignisse von 1968 herauszukristallisieren, sondern auch ein originelles Bild des Generationenkonfliktes und der Studentenunruhen am Ende der 1960er-Jahre zu schaffen: originell, denn es ist nicht in den Zwängen der geschichtswissenschaftlichen und soziologischen Perspektive gefangen, sondern geht vom kritischen und persönlichen Blick eines jeden Autors aus, der die der Literatur eigene kreative Freiheit dazu benutzt, Wirklichkeiten zu konstruieren, die sich nicht darauf beschränken, die reale Welt, von der sie erzählen, widerzuspiegeln.20

Ausgehend von dem Bild, das jedes einzelne Werk vom Generationenkonflikt und der Studentenrevolte bietet, liegt das Ziel meiner Studie auf der Darstellung eines heterogenen und vielfältigen Porträts der Berührungspunkte und Divergenzen, die bei der Fiktionalisierung der Erlebnisse der Jungen und nicht mehr Jungen im Laufe der 1960er-Jahre vorkommen. Auf diese Weise, und dem komparativen Charakter der vorliegenden Studie entsprechend, wird den jüngsten Tendenzen und methodologischen Ansätzen im Rahmen der Vergleichenden Literaturwissenschaft spezielle Aufmerksamkeit gewidmet. Diese Disziplin, so Steven Tötösy de Zepetnek, steht in der Tradition der Förderung interdisziplinärer und interkultureller Studien von Literatur und Kultur (vgl. Tötösy de Zepetnek, 2003: 235).

Die Forscher César Domínguez, Haun Saussy und Darío Villanueva unterstreichen in Introducing Comparative Literature. New Trends and Applications (2015), dass die Vergleichende Literaturwissenschaft am Ende des 20. Jahrhunderts in ein »neues Paradigma« eintrat, das eine eher kulturwissenschaftliche Interpretation der Literatur voraussetzt (vgl. Domínguez/Saussy/Villanueva, 2015: 13).21 Diese Interpretation soll nicht nur auf den literarischen Text als solchen, sondern auch auf den Kontext seiner Entstehung, seine Rezeption und auch auf soziale Faktoren achten, deren Analyse auch über nationale Grenzen hinausgehen sollte (vgl. ebd.). Darüber hinaus heben diese Forscher hervor, dass es noch eine andere Dimension gibt, die im Rahmen des »neuen Paradigmas« berücksichtigt werden muss: »It consists, basically, in the imperative of abandoning of any supposed genetic relation to justify comparative analysis, and attending to the empirical evidence that is available to us« (ebd.: 15). Wie sie verdeutlichen, bezieht sich diese »empirische Evidenz« auf ein gemeinsames Element zwischen zwei literarischen Systemen oder zwischen einem literarischen Werk und einem Werk aus einem anderen künstlerischen Bereich, ohne dass eine Abhängigkeit zwischen zwei oder mehr Werken unterstellt wird (vgl. ebd.). Diese Perspektive der Vergleichenden Literaturwissenschaft ist besonders hilfreich in der vergleichenden Gegenüberstellung von Darstellungen, Themen oder Stoffen, die diversen literarischen Texten gemeinsam sind, unabhängig von ihrer Gattung (vgl. Nebrig, 2012: 91–96).

In diesem Rahmen hat diese Arbeit das Ziel, Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Texten verschiedener Literaturen zu untersuchen, die sich mit dem Generationenkonflikt, den akademischen Unruhen und der Studentenrevolte der 1960er-Jahre befassen und diese bearbeiten. Konkret wird dabei dem methodologischen Vorschlag von Peter Zima gefolgt, der ein Analysemodell der intertextuellen Beziehungen vorstellt, welches auf eine Differenzierung zwischen »typologischem Vergleich« und »genetischem Vergleich« beruht.22 So wie Zima erklärt (der Ausführung von Gerhard R. Kaiser folgend): »Während der genetische Vergleich als Kontaktstudie […] Ähnlichkeiten zum Gegenstand hat, die durch Kontakt, d.h. durch direkte oder indirekte Beeinflussung entstehen, werden im Rahmen eines typologischen Vergleichs Ähnlichkeiten untersucht, die ohne Kontakt aufgrund von analogen Produktions- oder Rezeptionsbedingungen zustande kommen« (Zima, 2011: 105; Hervorhebung im Original). In der vorliegenden Arbeit sind die Beziehungen zwischen den Texten typologischer Natur und der Vergleich wird in diesem Rahmen stattfinden.

Nach der Vorstellung der methodologischen Koordinaten sollen nun die Struktur und die Gliederung dieser Arbeit verdeutlicht werden.

Im ersten Kapitel werden die Studentenrevolte und der Aufruhr der jungen Generation von 1968 sowie die Vorgeschichte und die Nachwirkungen der Folgejahre dargestellt. Damit werden die wichtigsten Momente und Ereignisse in Westeuropa zunächst im Allgemeinen und dann spezifisch in jenen Ländern identifiziert, in denen die untersuchten literarischen Werke entstanden sind. Diese geschichtliche und soziokulturelle Kontextualisierung der außerliterarischen Wirklichkeit folgt den Prinzipien des wide reading. Da die zeitgeschichtlichen Ereignisse dieser Epoche mit der Diegese eines jeden Werkes verwoben sind und eine hervorgehobene Rolle in der Entwicklung, dem Verhalten und dem Charakter der unterschiedlichen Figuren spielen, ist diese Kontextualisierung essentiell.

Danach folgt die Einführung in jedes einzelne Werk. Nach der kurzen geschichtlichen und literarischen Einordnung der ausgewählten Texte liegt der Fokus auf den Erzählstrategien sowie auf Aspekten wie der Verknüpfung der Fiktion mit der Zeitgeschichte und den Wahrnehmungen der akademischen Unruhen und der Revolte gegen das Establishment auf öffentlicher und privater Ebene. Diese Einführung der unterschiedlichen Texte dient dazu, das Hauptkapitel dieser Arbeit vorzubereiten, d.h. das dritte Kapitel, das dem Vergleich der Darstellungen des Generationenkonfliktes und des akademischen, politischen und soziokulturellen Aufstands gewidmet ist.

Im dritten Kapitel erfolgt eine systematische Gegenüberstellung der ausgewählten Werke, wobei relevante Fragen, die alle Texte durchziehen, hervorgehoben werden (siehe S. 15). Zunächst werden die Profile der Generation der Eltern und der Kinder verglichen und dabei die Differenzierungen des Generationenkonfliktes analysiert. Die beiden folgenden Unterkapitel leiten über zum Vergleich der Darstellungen der Jugend, indem zwei grundlegende Fragen untersucht werden: die Frage des politischen Aktivismus der jungen Generation und die der sexuellen Befreiung und der Revolution der Sitten in den 1960er-Jahren. Im vierten und letzten Unterkapitel wird versucht, die Strategien bei dem Aufbau der Erzählung einander vergleichend gegenüberzustellen, besonders was die Aktion – meistens mit den Studentenunruhen und dem Bruch der jungen Menschen mit dem Establishment verbunden – oder was die Reflexion über die Zeit des Wandels betrifft. Die Erforschung all dieser Fragen mittels einer vergleichenden kulturwissenschaftlichen Lektüre dient der Untersuchung der Berührungspunkte und der Divergenzen in den verschiedenen literarischen Bearbeitungen der Atmosphäre von Bruch und Spaltung am Ende der 1960er-Jahre.

Dadurch dass die vorliegende Arbeit fünf literarische Räume untersucht, wird die Erforschung der interliterarischen und interkulturellen Beziehungen der literarisierten Revolte in einem größeren internationalen Maßstab weiter vorangetrieben. Ich hoffe, dass diese transnationale Perspektivierung neue Sichtweisen für eine vergleichende Lektüre von Schlüsseltexten der deutschen, französischen, italienischen, spanischen und portugiesischen Literatur eröffnet, die durch den Generationenkonflikt und die akademischen, politischen und soziokulturellen Unruhen in Westeuropa am Ende der 1960er-Jahre verbunden sind.

1 Historischer und kultureller Rahmen der akademischen Unruhen und des Generationenkonfliktes der 1960er-Jahre in Westeuropa

Die Zeit der akademischen Unruhen und des Generationenkonfliktes am Ende der 1960er-Jahre ist ein zentraler Aspekt der Diegese jedes der in dieser Arbeit analysierten Prosawerke. Die geschichtlichen Ereignisse des Jugendprotestes gegen das Establishment sind nicht nur miteinander im Erzählfaden verwoben, sondern sie spielen auch eine Hauptrolle für das Verhalten, die Mentalität und den Lebenslauf der verschiedenen Figuren in jedem Text. Seien sie durch aktivistische Überzeugungen bedingt oder lediglich durch Neugier, die Ereignisse der sogenannten »Neuen Zeiten« zu begleiten, bleiben viele der jungen und nicht mehr jungen Figuren nicht unbetroffen von den Vorkommnissen jener Epoche und fühlen das Bedürfnis, die nationale und internationale Wirklichkeit auf eine kritische Weise zu lesen.

Da die Darstellung des Generationenkonfliktes und der ideologischen Brüche in der Handlung jedes Prosatextes über die nationalen Grenzen hinausgeht und sich nicht allein auf die Unruhen des Jahres 1968 beschränkt, ist es notwendig, die verschiedenen ökonomischen, soziopolitischen und kulturellen Faktoren der 1960er-Jahre zu berücksichtigen. Durch den supranationalen Charakter dieser Faktoren können die Gemeinsamkeit der Erfahrungen, die die junge Generation der roaring sixties überall in den unterschiedlichen Ländern in Westeuropa erlebte, besser hervorgehoben werden. In diesem Kapitel wird somit eine historische, politische und soziokulturelle Darstellung vorgenommen, die sich sowohl auf einen transnationalen als auch auf einen zeitlich breiter angelegten Rahmen bezieht. Ihr Ziel ist es, die Vorläufer dieses Jahres des Aufruhrs sowie einige der Konsequenzen der Zeit danach zu erörtern.1 Angesichts der Besonderheiten der Herkunftsländer der einzelnen Prosawerke wird auch eine ausführliche Schilderung der landesspezifischen historischen Ereignisse gegeben. Diese soll die Entstehung und die Entwicklung der Studentenbewegung und des Generationenkonfliktes der 1960er-Jahre in der Bundesrepublik Deutschland, in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal verdeutlichen.

1.1 Das soziokulturelle Brodeln im Westeuropa der späten 1960er-Jahre

Die 1968er-Studentenbewegung und die Protestkultur der jungen Generation am Ende der 1960er-Jahre nahmen weltweit eine einzigartige Gestalt an und wurden somit zur »ersten globalen Revolte« (Kraushaar, 2000: 19) nach dem Zweiten Weltkrieg.1 Die Vielzahl der Protestorte, die Originalität der Protestaktionen und die Intensität der Unruhen sind prägende Zeichen der 1968er-Studentenbewegung. Sie erreichte ihren symbolischen Höhepunkt 1968, das als Schlüsseljahr des Aufruhrs bekannt wurde (vgl. Marwick, 1998: 585). 1968 war nicht nur für den Protest gegen die etablierten Werte entscheidend, sondern gab auch ein Zeichen für eine einzigartige soziokulturelle Wende der westlichen Welt. Provokation, Konfrontation und Widerstand internationalisierten sich und verwandelten sich in Parolen der jungen Menschen. Sie gaben der erneuernden Geisteshaltung Ausdruck, die eine ganze Generation zusammengebracht hat. Wie Mark Kurlansky in 1968: The year that rocked the world (2004) schreibt:

What was unique about 1968 was that people were rebelling over disparate issues and had in common only that desire to rebel, ideas about how to do it, a sense of alienation from the established order, and a profound distaste for authoritarianism in any form. […] The rebels rejected most institutions, political leaders, and political parties. (Kurlansky, 2004: xvii)

Diese »Rebellen« waren vorwiegend junge Menschen in ihren Zwanzigern, hauptsächlich Studenten, deren Familien meist der Mittel- und Oberschicht angehörten und die sich als Kraft politischer und soziokultureller Veränderung behaupten wollten, indem sie sich von den etablierten Weltanschauungen, Lebensstilen wie auch von den verschiedenen Formen, in Gemeinschaft zu sein, zu unterscheiden beabsichtigten. Diese jungen Protestler der 1960er-Jahre gehörten zwar verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen soziokulturellen Wirklichkeiten an und hatten daher auch landesspezifische Protestziele. Aber der Wille, die Gesellschaft zu verändern und mit dem Status quo zu brechen, vereinte die junge Generation auf der Suche nach einer Utopie von transnationalem Wandel. Die Grenzen jedes Landes überschreitend hat sich diese Utopie teils latenter, teils offenkundiger in vielen westeuropäischen Ländern verbreitet.2 Trotz der bestehenden Divergenzen in den politischen Systemen wurde der Kampf der Aktivisten überall spürbar, sowohl in den demokratischen Gesellschaften als auch in Ländern, die sich in Westeuropa noch unter dem diktatorischen Joch befanden – was der Fall in Spanien und Portugal war. In der Sichtweise der europäischen Protestler basierte das Hauptproblem auf der Diskrepanz zwischen der Realpolitik, die von ihnen als dysphorisch wahrgenommen wurde, und dem Bild von Ruhe und Wohlstand, welches durch die Regierung verbreitet wurde. Ende der 1960er-Jahre waren die Bundesrepublik, Frankreich und Italien – zusammen mit dem Vereinigten Königreich – die am höchsten entwickelten Ökonomien in Westeuropa. Sie alle wurden von Verfechtern des Kapitalismus und konservativen Regierungen, parlamentarischen Mehrheiten oder großen Koalitionen geführt, so dass die rebellierenden Studenten sie als autoritär, manipulierend und desinteressiert an der Schaffung von Alternativen kritisierten. Selbst im totalitären Spanien und Portugal hatte sich dieses Bild von friedlichen und wohlhabenden Ländern verbreitet. Hier jedoch war der Begriff, den die jungen Menschen von Propaganda und Manipulation hatten, ein ganz anderer und trotz der Repression demonstrierten sie und organisierten verschiedene Protestaktionen gegen die herrschenden Regime.3

Diese gemeinsame Widerstandsbereitschaft kennzeichnet wiederum die ideologische und soziokulturelle Generationenspaltung jener Zeit. Für die jungen Menschen repräsentierte die ältere Generation real und symbolisch die herrschende Ordnung, die von bürgerlichen, traditionellen und konservativen Vorstellungen geleitet wurde. Sie sahen in dieser Ordnung eine Kultur der Oberflächlichkeit und des Scheins, die sie beenden wollten, und profilierten sich als Verteidiger einer Erneuerung. Ihr Ziel war es, eine neue Welt zu erbauen, eine Welt, die auf Kreativität, Freiheit und auch auf politischem und gesellschaftlichem Engagement beruht. Diese neue Ordnung predigte das Ende des West-Ost-Konfliktes des Kalten Krieges und somit eine gerechtere und humanere globale Gesellschaft. Wie Rudi Dutschke, einer der Anführer der westdeutschen Studentenbewegung am Ende der 1960er-Jahre, behauptete:

Jede radikale Opposition gegen das bestehende System, das uns mit allen Mitteln daran hindern will, Verhältnisse einzuführen, unter denen die Menschen ein schöpferisches Leben ohne Krieg, Hunger und repressiver [sic!] Arbeit führen können, muß heute notwendigerweise global sein. Die Globalisierung der revolutionären Kräfte ist die wichtigste Aufgabe der ganzen historischen Periode, in der wir heute leben und an der menschlichen Emanzipation arbeiten. (Dutschke, 1968: 85)

Zur Entstehung der Widerstandsbereitschaft der jungen Generation und ihrer Kritik an der Gesellschaft trugen historische, soziopolitische und kulturelle Faktoren bei, die sich überall in Westeuropa manifestierten und die jungen Leute vereinigten. In seiner Analyse der Vorläufer von 1968 charakterisiert Laurent Joffrin den ökomischen Kontext der Nachkriegszeit und hebt ähnliche Merkmale dieser jungen Generation vor:

Dans l’après-guerre occidental, les « baby-boomers » reçoivent d’emblée, par le hasard de l’histoire, des traits marquants, communs à des millions d’enfants sur trois continents. Ils ne connaîtront plus la guerre sur leur sol […]. Ils grandiront dans une atmosphère de croissance rapide et régulière. Ils vivront tous les effets, culturels, bienfaisants ou pervers, de la « société d’abondance ». […] Nés dans la pénurie, les « baby-boomers » sont nubiles dans un début d’abondance et adultes dans la prospérité. (Joffrin, 2008: 36f.)

[In der Nachkriegszeit im Westen haben die »Babyboomer« sofort, durch historischen Zufall, markante Züge bekommen, die Millionen von Kindern auf drei Kontinenten gemeinsam sind. Sie werden keinen Krieg im eigenen Land kennen lernen […]. Sie werden in einem Umfeld schnellen und beständigen Wachstums groß werden. Sie werden alle Effekte, kulturell, wohltuend oder pervers, der »Überflussgesellschaft« erleben […]. In Mangelzeiten geboren, wurden die »Babyboomer« in einem anfänglichen Kontext von Überfluss zu Jugendlichen und im Wohlstand Erwachsene.]

Der Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg folgte in Europa eine Zeit des physischen und psychischen Wiederaufbaus. Sie war angetrieben durch Bevölkerungswachstum in städtischen Bereichen und durch eine beispiellose Industrialisierung.4 Das Klima von allgemeinem Wachstum, Wohlstand und Sicherheit (vgl. Flores/De Bernardi, 2003: 92) verbunden mit der Wahrnehmung von soziopolitischer Stabilität der 1950er-Jahre bereitete den Boden für die Entstehung der Überflussgesellschaft. Die Babyboomer, die in der Konsumgesellschaft erzogen wurden, in der der Kapitalismus und standardisierte Verhaltensregeln dominierten, hatten die Gelegenheit, nicht nur den technologischen Fortschritt zu verfolgen, sondern auch die Vorteile des modernen Luxus zu genießen. Viele von diesen Vorteilen wurden durch die Industrialisierung für einen Großteil der Bevölkerung zugänglich. Der Fernseher, zum Beispiel, wurde damals zum allmächtigen Massenkommunikationsmittel und Unterhaltungsmedium (vgl. Marwick, 1998: 80f.). Außerdem wurden Vorteile wie schicke Modekleidung, Urlaubsreisen ins Ausland, der Kauf eines eigenen Autos und andere äußere Statusmerkmale zu Symbolen einer Scheinwelt, die die Mentalität der bürgerlichen Schichten im Europa der 1950er- und 1960er-Jahre prägten. Gemäß der anerkannten Standards des American way of life wurde das materielle Besitztum conditio sine qua non sowohl für einen außergewöhnlich hohen Sozialstatus als auch für einen vom Komfort geprägten Lebensstil.5 Dieser Lebensstil sollte durch ein konservatives Verhalten, durch Moralvorstellungen und gutes Benehmen eingehalten werden.6

Auf der einen Seite ermöglichte der wirtschaftliche Aufschwung eine allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen in Westeuropa, aber auf der anderen Seite endete er in einem ideologischen Zwiespalt, der ein erstes Zeichen war für den Antagonismus zwischen Eltern und Kindern. Die Herausbildung einer Kultur des Konsums und der bürgerlichen Werte in den 1950er-Jahren und bis zur Mitte der 1960er-Jahre (vgl. Judt, 2010: 485), das verbreitete Szenario politischer Stagnation sowie ein Paradigmenwechsel im Wirtschaftsbereich waren in den Augen der jungen Menschen zentrale Aspekte, die Ende der 1960er-Jahre den Weg für Aufruhr bereiteten.7

1966, 1967 und 1968 erlebten die Bundesrepublik, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Italien – alle damaligen Antriebskräfte der westeuropäischen Ökonomie – eine Rezession, die der erste systemische Krisenmoment des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg war. Nach dem Klima des wirtschaftlichen Optimismus der 1950er- bis zur Mitte der 1960er-Jahre, die für viele der goldene Zeitraum des Kapitalismus war (vgl. Flores/De Bernardi, 2003: 22), folgte eine Verlangsamung der Industrialisierung in ganz Europa, die direkte Auswirkungen im Finanzsektor dieser Länder hatte. Da die Regierungen sich gezwungen sahen, das Haushaltsdefizit zu kontrollieren, investierten sie weniger in den Sozialstaat und in den öffentlichen Sektor und optierten sie für Lohnsenkungen und für Steuererhöhungen bei den Arbeiterklassen. Diese waren es, die am meisten unter der Krise litten. Die negativen Folgen dieser Politik manifestierten sich im Anstieg der Arbeitslosenzahlen, in einer starken Inflationsrate und in der Verschlechterung der Lebensbedingungen der Ärmsten.

All diese Maßnahmen und ihre sozialen Konsequenzen brachten eine Unzufriedenheit in die Gesellschaft, die ein wichtiges Fundament der 1968er-Studentenbewegung wurde. Angesichts der Unfähigkeit der Regierungen, auf die ökonomische Krise zu reagieren und grundlegende Änderungen in der parteipolitischen Ideologie vorzunehmen, wurde die Unzufriedenheit der jungen Generation zuerst im akademischen Milieu und danach auf den Straßen großer Städte lauter. Diese Generation drückte ihre Empörung über den zunehmenden sozialen Abstieg und ihren Willen zu einer radikalen Transformation der vorherrschenden Institutionen aus.

Der Protest der jungen Leute Ende der 1960er-Jahre in Westeuropa wurde in den Universitäten entzündet, wo die Studenten nach einer grundlegenden Reform der akademischen und administrativen Strukturen des Hochschulsystems verlangten.8 Unter den Fahnen des Studentenkampfes verbreiteten sich besonders die Forderungen nach einer größeren Anpassung des Curriculums an die außeruniversitäre Wirklichkeit, nach Öffnung des Lehrkörpers zu dringenden Themen der Aktualität und nach mehr Investitionen im Bildungsbereich.9 Auf der anderen Seite wurden die hohe Zahl von Studenten pro Professor, das Fehlen von Stipendien und die geringe Rate von Neueinstellungen aufgrund von Kürzungen im Bildungsetat als Zeichen des Niedergangs der europäischen Hochschulen identifiziert. Die Universitäten beruhten auf veralteten Modellen, die nicht zu den neuen Zeiten passten, die der zunehmenden Zahl von Studenten kaum eine Ausbildung mit Qualität boten und ihnen die Teilhabe an Hochschulpolitik verwehrten. In einem Manifest, das 1968 veröffentlicht wurde, beschrieb der italienische Studentenführer Guido Viale die Wirklichkeit der damaligen Universitäten (in Italien und nicht nur dort), wie sie die Studenten erlebten:

[…] per la maggioranza degli studenti […] l’Università funziona come strumento di manipolazione ideologica e politica teso ad instillare in essi uno spirito di subordinazione rispetto al potere (qualsiasi esso sia) ed a cancellare, nella struttura psichica e mentale di ciascuno di essi, la dimensione collettiva delle esigenze personali e la capacità di avere dei rapporti con il prossimo che non siano puramente di carattere competitivo. (Viale, 2008: 77)

[[…] für die Mehrheit der Studenten […] funktioniert die Universität als Instrument für ideologische und politische Manipulation und dies mit dem Ziel, ihnen einen Geist von Unterordnung unter die Macht (egal welcher Art) einzutrichtern sowie die kollektive Dimension der persönlichen Forderungen und die Fähigkeit, mit dem Nächsten Beziehungen zu führen, die nicht nur rein kompetitiv sind, aus der psychischen und mentalen Struktur jedes Studenten zu löschen.]

Geleitet durch einen reformistischen Geist setzten sich die Studenten für eine demokratische Erneuerung der Universitäten ein und forderten öffentlich eine höhere Autonomie der Hochschulen bei den Verwaltungsentscheidungen, die frei von staatlichen Einflüssen bleiben sollten.10 Durch originelle Protestformen, wie Barrikaden, Sit-ins, Fakultätsbesetzungen, Parolen und Massendemonstrationen auf den Campus der Universitäten, versuchten sie, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf die ihrer Auffassung nach fehlende Freiheit der Meinungsäußerung – sowohl innerhalb der akademischen Welt als auch in der Öffentlichkeit – zu erregen und rebellierten sie gegen die pseudodemokratische Farce, in der sie zu leben glaubten.11

Sowohl im Kampf gegen den Autoritarismus des Establishments als auch durch die Zurückweisung des standardisierten bürgerlichen Lebens – welches sie als konservativ, kleinlich, beklemmend und repressiv betrachteten (vgl. Morin et al., 2008: 14) – verlangten die jungen Leute mehr Transparenz und Befreiung der sozialen Kommunikationsmedien.12 Sie forderten auch die Herabsetzung des Wahlalters – damals durfte man erst mit 21 Jahren wählen –, so dass sie aktiv am nationalen Entscheidungsprozess teilnehmen konnten. Außerdem solidarisierten sie sich mit den Arbeitern und Angestellten bei Streiks und Demonstrationen für mehr soziale Gerechtigkeit. Dies erwähnen Martin Klimke und Joachim Scharloth in ihrer Einführung zum Sammelband 1968 in Europe: A History of Protest and Activism (2008):

Decrying the alienation and the lack of democratic participation in their societies, students from Western Europe largely blamed capitalism for the rise of technocratic and authoritarian structures. […] In this process, the universities could serve as «centers of revolutionary protest» to prevent domestic repression, connect to the working class, and transform the underlying roots of society […]. (Klimke/Scharloth, 2008: 1)

Entscheidend für die Vereinigung der europäischen jungen Leute und für die Verbreitung ihrer Proteststimmung war auch die Rolle der Studentenführer. Einer linken Ausrichtung treu, sei diese marxistisch, kommunistisch oder anarchistisch, engagierten sie sich auch in den Medien für eine Verstärkung des Aufruhrs. Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Mario Capanna oder Tariq Ali gaben Ende der 1960er-Jahre der Proteststimmung ein Gesicht. Und dank ihrer Stimmen und ihrer Initiativen wurden Mobilisierungsformen entwickelt und die Koordination der gemeinsamen Ideen und ihrer Verbreitung in den verschiedenen nationalen Bewegungen geleistet.13

Es sei daran erinnert, dass der allerorts vorhandene Zugang zu den verschiedensten Informationen in den Medien ̶ vor allem im Fernsehen14 – zum Interesse der Studenten für die Probleme der unterdrückten Völker und sozial Marginalisierten beitrug. So vereinten sie sich bei internationalen Protestaktionen. Der Kampf gegen Rassendiskriminierung und die Forderungen nach dem Ende der diktatorischen Regime, die selbst in europäischen Ländern wie Spanien und Portugal fortbestanden, sind Beispiele des Aufstands der jungen Menschen für eine gerechtere, freiere und egalitärere Gesellschaft. Außerdem fügten sich die Unterstützung von Befreiungsbewegungen der sogenannten Dritten Welt und die Verehrung von revolutionären Führern wie Che Guevara und Fidel Castro in den antiautoritären Kampf der jungen Generation damals ein. Dessen Ziel war es, koloniale und imperialistische Unterdrückung und Tyrannei, besonders in Afrika und Lateinamerika, zu beenden.15

Im Kontext des antiimperialistischen Engagements der jungen Generation stand kein historisches Ereignis der 1960er-Jahre so sehr im Fokus der Kritik wie der Vietnamkrieg. Beim Hinterfragen der Legitimität der amerikanischen Bombenangriffe auf Vietnam, die sowohl durch das Fernsehen seit 1965 als auch durch Fotos weltweit übertragen wurden, betrachteten die Studenten diesen Krieg als den Katalysator des Protestes gegen die weltweite US-Hegemonie (vgl. Kraushaar, 2000: 24). Arthur Marwick beschreibt es folgendermaßen:

The Vietnam War – the attempt of the Americans to bolster the corrupt regime in South Vietnam against Communist North Vietnam and the Communist Vietcong in South Vietnam – waging a brutal campaign against ordinary villagers, killing hostages, using napalm, defoliants and other poisons, and then carrying the bombing raids to North Vietnam was the biggest single cause of protests and demonstrations [in the USA and Western Europe; IG]. (Marwick, 1998: 15)

Sprechchöre und der dabei wiederholte Ausruf des Namens des vietnamesischen Widerstandsführers Ho-Chi-Minh in den Hörsälen verschiedener westeuropäischer Hochschulen (vgl. Frei, 2008: 213) sowie die Verbreitung des Mottos »Make love, not war« waren sowohl für die US-amerikanischen jungen Protestler als auch für die europäischen ein Ventil für ihre Empörung gegen den Vietnamkrieg. Tatsächlich, und gemäß der Prophezeiungen Herbert Marcuses,16 der damals als der geistige Vater der internationalen Studentenbewegung betrachtet wurde (vgl. Joffrin, 2008: 95), sollte die rebellierende europäische junge Generation in die Fußstapfen der US-amerikanischen treten und in die Haut junger Revolutionäre schlüpfen:

Diese Jungen und Mädchen teilen nicht mehr die repressiven Bedürfnisse nach den Wohltaten und nach der Sicherheit der Herrschaft – in ihnen erscheint vielleicht ein neues Bewußtsein, ein neuer Typus mit einem anderen Instinkt für die Wirklichkeit, fürs Leben und fürs Glück; sie haben die Sensibilität für eine Freiheit, die mit den in der vergreisten Gesellschaft praktizierten Freiheiten nichts zu tun hat und nichts zu tun haben will. (Marcuse, 1967: 6)

Der politische Aktivismus der 1968er-Studentenrevolte wurde von einer kulturellen Revolution begleitet, in der verschiedene Experimente im Rahmen eines interkontinentalen Phänomens gemacht wurden. Dieses wurde als »Gegenkultur« bekannt und umfasst laut Arthur Marwick die verschiedenen Formen, Aktivitäten und Verhältnisse, die von den Lebensweisen und Werten der sogenannten mainstream culture abweichen oder diese in Frage stellen (vgl. Marwick, 1998: 12).17 Die Vorliebe der jungen Menschen für Provokation und für die Zurückweisung der etablierten Sitten und Gebräuche – die sowohl in den USA als auch in Westeuropa als Quintessenz der 1968er-Gegenkultur betrachtet wurde (vgl. Tanner, 2008: 75) – war charakteristisch für die Suche nach kreativen und avantgardistischen Alternativen zu der Doktrin des traditionellen und konservativen Ethos ihrer Eltern. Indem sie der Vorstellungskraft Raum gab, fand die junge Generation durch bunte und gewagte Kleidung, durch den Schock der visuellen Künste und den subversiven Klang des Beats und des Rock’n’Rolls die Ausdrucksformen einer internationalen Protest- und Widerstandssprache. Jeans und lange Haare, die Ausstrahlung der pazifistischen Strömung flower power ebenso wie die frenetischen Rhythmen der Beatles und Rolling Stones, neben den Protestliedern von Bob Dylan und Joan Baez, sind nicht nur einige Zeichen des Verschmelzens der Popkultur mit politischen Motivationen, sondern sie trugen auch zur Kennzeichnung der jungen, rebellischen 1968er-Generation bei. Darüber hinaus kannte das Westeuropa der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre eine wachsende Hippiebewegung, in der Musikgruppen mit psychedelischer Musik und Erfahrungen mit Drogen – unter anderem mit LSD – bei den jungen Leuten beliebt waren. Damit strebten die jungen Männer und Frauen nach einer Horizonterweiterung jenseits der Welt ihrer Eltern.18

Es war in diesem Kontext intensiver Provokation und Proteste gegen konservative Sitten und Gebräuche, dass die sexuelle Revolution stattfand – eine Revolution, die im Streben der jungen Menschen nach Freiheit und Emanzipation verankert war. Was vorher ausschließlich in die Privatsphäre gehört hatte, wurde öffentlich gemacht. Teile der jungen Generation machten spontanes Ausleben von Sexualität öffentlich und machten aus Permissivität ein Schlüsselelement der Gegenkultur der 1960er-Jahre im Westen: »‹Permissiveness› […] [refers to; IG] a general sexual liberation, entailing striking changes in public and private morals and […] a new frankness, openness, and indeed honesty in personal relations and modes of expression« (Marwick, 1998: 18).

Mit einer Verknüpfung von Öffentlichem und Privatem, von Persönlichem und Politischem kam es Ende der 1960er-Jahre in Westeuropa zu einer Verbreitung des hedonistischen peace & love – einer Weltanschauung, die vom Genießen der Empfindungen und von der Hervorhebung der Emotionen und Instinkte geprägt war. Das Erleben des gegenwärtigen Augenblicks, des Hier und Jetzt, wurde zu einem Imperativ, der die freie Liebe verteidigte, d.h. das Erleben von Beziehungen ohne Beschränkungen, Verbote oder Verbindlichkeiten.19 Dem zementierten rigiden Lebensentwurf der Älteren, so sahen es die Jungen, stellten sie ihr alternatives Modell entgegen: eine tolerantere und offenere Gesellschaft angesichts der sexuellen Freiheiten des Einzelnen, frei von moralischen Vorurteilen. Unter der Schirmherrschaft von Transparenz und Öffnung der Mentalitäten wurden nicht nur Tabuthemen wie die Pille, Kondome und Abtreibung, die zum Alltagsleben vieler Menschen der jungen Generation gehörten, sondern auch Fragen bezüglich Rollenstereotypen und Familienmodellen öffentlich diskutiert.

Dank der Infragestellung soziokultureller Konventionen und einer Zurschaustellung des Intimlebens der 1968er-Generation hat der Feminismus am Ende der 1960er-Jahre an Bedeutung gewonnen. Noch mehr Widerhall bekam er in den 1970er-Jahren (vgl. Schulz, 2008: 281f.). Aktivistinnen wie die Französin Simone de Beauvoir, die Deutschen Alice Schwarzer und Helke Sander, die Italienerin Carla Lonzi und die Britin Sheila Rowbotham brachten die nationalen Feministinnengruppen zu einem gemeinsamen Anliegen zusammen. Sie orientierten sich an einem Kampf für das Engagement der Frau in der Gesellschaft, für die Gleichheit der Rechte zwischen Männern und Frauen, für gleichen Lohn in den Fabriken und im Dienstleistungssektor und für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch.20

Durch mehr oder weniger durchdachte politische Überzeugungen motiviert oder lediglich um einen Gegensatz zu einer ihrer Meinung nach ökonomisch entfremdeten Gesellschaft zu setzen, wurde die Kultur des sex, drugs & rock’n’roll zu einem verbreiteten, identifizierenden Merkmal der jungen Generation Ende der 1960er-Jahre.21 Kühn und vielfältig verstärkte die Gegenkultur den Aufruf zum Widerstand der 1968er-Generation und präsentierte sich damit als moderne Alternative zum reaktionären und traditionsverhafteten Establishment im Europa der Nachkriegszeit:

Sovversione e protesta hanno coinvolto la sfera pubblica e quella privata, la dimensione collettiva e lo spazio individuale. Politica e musica, droga e religione, arte e sesso hanno formato per il mondo giovanile un intreccio che ha cambiato in profondo la propria vita: era inevitabile che la baby boom generation riversasse quel mutamento sull’intera società, e cercasse di farlo rapidamente e dovunque. (Flores/De Bernardi, 2003: 115; Hervorhebung im Original)

[Subversion und Protest erreichten die öffentliche und private Sphäre, die kollektive Dimension und den persönlichen Raum. Politik und Musik, Drogen und Religion, Kunst und Sexualität verknüpften sich so auf eine Weise in der Welt der jungen Menschen, die das Leben selbst so tief veränderte: Es war unvermeidlich, dass die Baby-Boomer-Generation diese Veränderungen in die ganze Gesellschaft trug und dies schnell und überall.]

Wie die Historiker Marcello Flores und Alberto De Bernardi im letzten Zitat aufzeigen, kannte der revolutionäre Charakter der jungen Europäer keine Grenzen. So sehr die Art Protest auszudrücken auch variierte, sie beruhte doch immer auf derselben Utopie von Veränderung. Es war diese Utopie, die die Identität der jungen Deutschen, Franzosen, Italiener, Spanier und Portugiesen am Ende der 1960er-Jahre definierte.

Nach der Präsentation der allgemeinen historischen, politischen und soziokulturellen Umstände und Bedingungen des generation gap Westeuropas soll jetzt eine detaillierte Darbietung des »extratextuellen Kontext[es; IG]« (Danneberg, 2007: 334) folgen. Dieser Kontext liegt den Darstellungen des studentischen Aufruhrs und des Generationenkonfliktes in den einzelnen Prosawerken zugrunde und stellt den Hintergrund ihrer Narrative dar.

1.2 Die Bundesrepublik: die Herausbildung einer Alternativkultur

Am Anfang der 1960er-Jahre war die Bundesrepublik eine junge Republik, die erst wenig älter als eine Dekade war. Sie erlebte eine Realität, die durch eine solide Regierung und durch eine ungehemmte Kraft der Industrie geregelt wurde, angetrieben vom Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre. Dieses Phänomen großen wirtschaftlichen Wachstums, das in den Grundsätzen der Sozialen Marktwirtschaft fundiert war (vgl. Ambrosius, 1989: 56f.), hatte direkte soziale Auswirkungen. Sie bestanden nicht nur in einem allgemeinen finanziellen Wohlstand, sondern auch im Wandel der Sitten und des Lebensstils vieler deutscher Familien, die die Gelegenheit hatten, die Annehmlichkeiten der Konsumgesellschaft zu erleben und die bürgerlichen Konzepte der »Kultur des Scheins« anzunehmen.1

Mitte der 1960er-Jahre begann jedoch der wirtschaftliche Optimismus erste Zeichen eines Abflauens zu zeigen. Die Prognosen eines Einbruchs des ökonomischen und finanziellen Booms – und dessen unheilvollen Konsequenzen im sozialen Bereich – führten zu einer Infragestellung sowohl der kapitalistischen Grundfesten der Überflussgesellschaft als auch der politischen Realität des Landes. Rolf Uesseler beschreibt diesen historischen Wendepunkt:

Die Bundesrepublik und die meisten westlichen Länder befanden sich Mitte der 60er Jahre in einer Situation, in der auf einmal – aus scheinbar unerfindlichen Gründen – all das nicht mehr funktionieren wollte, was bis dahin so reibungslos geklappt hatte: steigender Wohlstand, Vollbeschäftigung, Abwesenheit von Wirtschaftskrisen, allseits vorhandener moralischer Grundkonsens und somit allgemeine Zufriedenheit und ein verbindendes Wir-Gefühl. (Uesseler, 1998: 15)

Seit dem Anfang der Ära Adenauer im Jahre 1949 war die Christlich Demokratische Union (CDU) – entweder allein oder in Koalitionen – an der Macht und seitdem bestimmte sie die Politik der Bundesrepublik der 1950er- und 1960er-Jahre. Mit dem Verfall des wirtschaftlichen Aufschwungs und dem Beginn der »ersten wirklichen Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit« (Ambrosius, 1989: 63) im Jahre 1966 wurde diese Mitterechtspartei zur Zielscheibe der Kritik. Diese Kritik kam hauptsächlich von Studenten, die entschlossen waren, einen Protest, den Knut Hickethier als »Protest gegen den CDU-Staat« bezeichnete, in Angriff zu nehmen: »[ein Staat; IG], den man nicht nur als vermufft und angestaubt, sondern auch als zu wenig offen, zu wenig weltläufig und zu wenig modern fand« (Hickethier, 2003: 19). Die Proteststimmung wuchs Ende 1966 mit der Entstehung einer neuen Koalitionsregierung aus den beiden größten Parteien der Bundesrepublik: die Christlich Demokratische Union (CDU) und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD). Diese »Große Koalition«, als die sie damals bekannt wurde, wurde zu einem Symbol der Verständigung zwischen zwei politischen Parteien, die ursprünglich unterschiedliche Ideologien und Perspektiven für die Regierungsarbeit hatten. Mit ihrer Bildung wurde jedoch zugleich auch ein Problem geschaffen, denn dadurch fehlte im Parlament gegenüber der absoluten Mehrheit eine tatsächliche Opposition. Dieses einheitliche politische Bild rief auch außerhalb des Parlaments Oppositionsbewegungen hervor. Die bedeutendste war die Außerparlamentarische Opposition (APO), eine Bürger- und Studenteninitiative, die zusammen mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) in den Universitäten die Avantgarde der soziopolitischen Alternative bildete.2

Es war in diesem aufgeladenen Kontext, dass im Sommer 1967 anlässlich des Schahbesuchs ein Ereignis stattfand, das den Auslöser für die deutsche Studentenbewegung bildete: der Tod des Studenten Benno Ohnesorg. Ohne Vorwarnung wurde Ohnesorg am 2. Juni von der Polizei erschossen, als er an einer vom SDS organisierten Demonstration persischer und deutscher Studenten teilnahm.3 Seine Tötung führte zu einer beispiellosen Protestwelle (vgl. Klimke, 2008: 97): Studenten, Intellektuelle und Kritiker des Establishments drückten ihre Missbilligung der Brutalität des Polizeiansatzes aus und nahmen an großen Demonstrationen teil, die 1967 und 1968 in vielen Universitätsstädten der Bundesrepublik stattfanden.

Im Prozess der Mobilisierung der jungen Generation für mehr Teilhabe am politischen Leben muss die Rolle des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) hervorgehoben werden. Unter der Führung von Rudi Dutschke, der Hauptfigur der westdeutschen Studentenrevolte bis zu dem Moment eines Attentatsversuchs auf ihn im April 1968, orientierte sich der SDS an sozialistischen und marxistischen Leitlinien. Sie sollten zu einer radikalen Umgestaltung der Gesellschaft führen, und zwar durch Sichtbarmachung der repressiven Züge im Bildungswesen, im soziopolitischen Bereich und auch in den Familien.4 Aus der Perspektive der jungen Protestler, die das sogenannte Dritte Reich entweder überhaupt nicht oder nur in der Kindheit erlebt hatten, fehlte der Bundesrepublik sowohl eine Demokratisierung als auch ein Auseinandersetzen mit der NS-Vergangenheit, die sie vom »Muff der 1000 Jahre« (zit. nach Kraushaar, 2000: 196) des Nationalsozialismus befreien konnte.5 Aus diesem Grund beharrte der SDS darauf, dass die unantastbare Autorität der Hochschullehrenden abgeschafft wurde. Dagegen und wegen drängender politischer Themen wie der Besuch des Schahs und die umstrittenen Notstandsgesetze organisierte er Demonstrationen.6

Im Rahmen des Kampfes für die freie Meinungsäußerung protestierten die Studenten dabei vor allem gegen die Springer-Presse, den übermächtigen Zeitungskonzern, der ihrer Meinung nach die Wahrhaftigkeit und die Unabhängigkeit eines Informationsmediums verstieß (vgl. Frei, 2008: 124). Am Ende der 1960er-Jahre war die Berichterstattung traditionell konservativer Zeitungen dieses Verlags durch den Stil der sensationslüsternen Klatschpresse geprägt. Unter ihnen stach besonders die auflagenstarke Bild-Zeitung hervor, die die Proteste der jungen Generation öffentlich diskreditierte und das Vorgehen der Autoritäten gegen die sogenannten »Rebellen«, d.h. gegen die Studenten und die Kritiker der gegenwärtigen Politik, unterstützte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Kampagne des SDS gegen den Springerkonzern Erfolg bei den jungen Menschen hatte, die in den großen Städten wie Berlin, Hamburg oder München vor den Redaktionen und Verlagstoren demonstrierten, um die Auslieferung und den Verkauf der Bild-Zeitung zu verhindern.7

Neben der Kritik an der Innenpolitik war der Vernichtungskrieg der USA gegen die Guerillakämpfer der Vietcong der Hauptgrund für das internationale Engagement der deutschen Studentenbewegung (vgl. Dahmer, 1998: 25).8 In den 1960er-Jahren diskutierten und kritisierten die jungen Leute zentrale Ereignisse wie den Bau der Berliner Mauer und die Kubakrise zwar schon fernab eines einfachen, polarisierenden Ost-West-Gegensatzes, der ausschließlich zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion existierte.9 Jedoch wurde mit dem Vietnamkrieg der Ton der Kritik gegen die Legitimation der Großmächte, sich in innere Angelegenheiten der sogenannten Entwicklungsstaaten einzumischen, viel schärfer und die USA und die Bundesrepublik wurden dabei von den Protestierenden zunehmend als Symbol einer Politik angesehen, die ökonomische Interessen über die Menschenrechte stellte. Im Jahre 1968 – das als das symbolische Jahr des Aufruhrs in der Bundesrepublik und im Westen gilt (vgl. Uesseler, 1998: 282) – wurde die transnationale Dimension der Protestbewegung offenkundig, indem die jungen Deutschen sich auch für viele internationalen Ereignisse interessierten. Sie befürworteten die revolutionären Ideen des Pariser Mai und solidarisierten sich mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA (diese wurde von Martin Luther King angeführt, der 1968 ermordet wurde). Dazu kämpften sie ebenfalls für die Befreiungsbewegungen in den sogenannten Dritte-Welt-Ländern und demonstrierten für die von Alexander Dubčeks vorgeschlagenen Reformen im Rahmen des »Prager Frühlings«.10

Wie in anderen Ländern Westeuropas beschränkte sich die Utopie des Wandels der jungen Deutschen nicht auf politischen Aktivismus: Durch die kosmopolitischen und städtischen Studenten erlebte die Bundesrepublik die Herausbildung einer »Alternativkultur« (Hickethier, 2003: 26) – eine Kultur, die im Rock’n’Roll und in der Popmusik Inspiration für die von Unbefangenheit und Kampfgeist geprägte Geisteshaltung der jungen Leute fand. Wie Volker Brand ausführt:

Die neu entstandene musikalische Popkultur der Jugendlichen äußerte sich immer mehr als Affront gegen die materielle, spießig-versteinerte Erwachsenenwelt. Dafür spricht jedenfalls der Erfolg von Rockgruppen wie »The Who« oder »The Rolling Stones«, die bewußt provozierend gegen die »guten Sitten« der Gesellschaft verstießen. (Brand, 1993: 134)

Begierig auf ein modernes Leben, das ihnen gleichermaßen neue Erfahrungen und einen von moralischen Vorhaltungen freien Lebensstil ermöglichte, entschieden sich viele deutsche Studenten am Ende der 1960er-Jahre auch für andere Wohnformen. Sie verließen die engen Zimmer in Studentenheimen und zogen in sogenannte gemischte Wohngemeinschaften, wo junge unverheiratete Männer und Frauen ohne Verpflichtungen zusammenlebten.11 Wegen des eindeutigen Verstoßes gegen die herrschende soziale Norm überrascht es nicht, dass die konservativeren gesellschaftlichen Kreise und die öffentliche Meinung von skandalösen Zuständen sprachen, insbesondere aufgrund der sogenannten »sexuellen Revolution« und des ihrer Meinung nach promiskuitiven und unmoralischen Verhaltens der jungen Generation.

Der Versuch, Ende der 1960er-Jahre in der deutschen Gesellschaft eine »Alternativkultur« zu implantieren, hatte laut Helmut Dahmer andauernde politische und soziokulturelle Folgen:

Die Jugendrevolte der sechziger Jahre hat in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft neue »Werte« kreiert und eine Änderung der Mentalität und Lebensweise durchgesetzt. Sie bereitete damit den (Bildungs- und Rechts-)Reformen und den neuen »sozialen Bewegungen« der siebziger und achtziger Jahre (der feministischen, der pazifistischen und der »grünen«) den Weg. In der Nach-68er-Bundesrepublik ließ es sich freier atmen, der Horizont der Gesellschaft schien bedeutend erweitert, und es gab einen neuen Toleranz-Spielraum für »alternative« Denk- und Lebensweisen. (Dahmer, 1998: 33)

Die 1968er-Generation trat für einen Bruch mit der Vergangenheit und für das Entwerfen neuer Horizonte ein und versuchte, sich als alternative Kraft für die Gestaltung der jungen Bundesrepublik zu profilieren. Dabei betonte sie ein von Grund auf neues Ethos, das sich sowohl von den geerbten autoritären Tendenzen des Nationalsozialismus als auch von den konservativen gesellschaftlichen Zügen der Ära Adenauer radikal unterscheidet. Das junge Engagement hinsichtlich der antiautoritären Bewegung zusammen mit dem Willen, die Gesellschaft für die neuen Zeiten zu öffnen, waren Leitmotive der deutschen Studentenbewegung und trugen bei zur Bekräftigung von 1968 als dem Jahr der Jugendrevolte, das nach der Meinung von Wolfgang Kraushaar große Veränderungen in der Bundesrepublik nach sich zog (vgl. Kraushaar, 1998: 323).

1.3 »Sois jeune et tais toi«:1 der Ausbruch des Mai 68 in Frankreich

Während in der Bundesrepublik die Hauptphase der 1968er-Studentenbewegung die Jahre 1967 und 1968 umfasste und von unterschiedlichen Ereignissen geprägt wurde, die den Revolutionsenthusiasmus der Studenten ständig erneuerten, kristallisierte sich in Frankreich der Höhepunkt des Aufruhrs in den Vorkommnissen des Mai 68. Die Intensität der Proteste, die hohe Zahl der Beteiligten, die auf beiden Seiten der Barrikaden standen – Studenten und Arbeiter vs. Staatsmacht und Polizisten –, das beispiellose Medieninteresse für die Widerstandsaktionen und die Verbreitung aufgeheizter Reaktionen in der öffentlichen Meinung trugen zum Stilisieren des Mai 68 als Mythos bei und machten sie zur Standarte der Studentenbewegungen in Europa.2 Der Mai 68 war jedoch kein isoliertes Ereignis im Kampf der jungen Franzosen für eine Veränderung des Establishments: So wie in anderen westeuropäischen Ländern fanden die jungen Franzosen die Triebkraft für ihre révolution in einer Wirklichkeit mit zahlreichen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen.

1967 erlebte Frankreich eine Verlangsamung des seit dem Zweiten Weltkrieg andauernden wirtschaftlichen Wachstums, was zur Implementierung eines Sparmaßnahmenkatalogs im öffentlichen und im privaten Wirtschaftssektor führte. Die Befürchtung, dass eine Krise und eine Rezession, wie sie auch andere große Mächte wie die Bundesrepublik, das Vereinigte Königreich und die USA erlebten, sich auf das unternehmerische und industrielle französische Netz ausbreiten würden, führte zu einer Zügelung in der von General de Gaulle betriebenen politique de grandeur – eine Politik, die neben der Betonung der Autonomie Frankreichs in Bezug auf die Außenpolitik auf ständigen ökonomischen Fortschritt basierte. Die Implementierung dieser Maßnahmen führte zu allgemeiner Unzufriedenheit der Arbeiterklasse, die unter Kaufkraftverlust und geringen Möglichkeiten in der Karriereentwicklung litt. Die junge Generation, besonders die Studenten und Studienabsolventen, spürte ebenfalls diese Unzufriedenheit und sah sich in einer prekären Lage wegen der fehlenden beruflichen Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt und den steigenden Arbeitslosenbeiträgen.3

Entscheidend für die Zuspitzung der Jugendproteste im Verlauf des Jahres 1968 waren die von der jungen Generation gefühlte Ausgrenzung von der Gesellschaft und die Krise im Hochschulwesen.4 Trotz der seit einer halben Dekade vorgenommenen Änderungen infolge der Bildungsreform der Minister Christian Fouchet und Alain Peyrefitte, die eine Umgestaltung des Hochschulwesens anhand einer hauptsächlich ökonomischen Perspektive beabsichtigten, sahen sich die französischen Studenten am nde der 1960er-Jahre in einem defizitären Bildungswesen.5 Die Überfüllung der Hörsäle, ein zu kleiner Lehrkörper gegenüber der hohen Studentenzahl, die Wertlosigkeit der akademischen Abschlüsse und Diplome, sowie der autoritäre und elitäre, obsolet gewordene Lehrstil, waren allgemeine Probleme der Universitäten. Diese Probleme bestanden seit Langem sowohl innerhalb der Universitäten als auch auf den neuen Campus, die im Verlauf der 1960er-Jahre in der Peripherie der großen Städte entstanden waren, um der wachsenden Zahl der Studenten zu begegnen.6 Trotz der modernen Bauweise waren diese Universitätsgelände nicht geeignet, die Erwartungen an eine Erneuerung der Ausbildungsstrukturen zu erfüllen und wurden durch den Gegensatz von moderner Architektur und akademischer Stagnation selbst zu Gründen weiterer studentischen Proteste.

Es war auf dem Campus von Nanterre, einer Dependance der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Sorbonne in der Umgebung von Paris, wo die Studentenrevolte begann, bevor diese sich in die Hauptstadt verlagerte. Am 22. März 1968, im Anschluss an die Festnahme von Aktivisten durch die Polizei bei einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Paris, entschieden sich Cohn-Bendit und unterschiedliche kommunistische Gruppen, Trotzkisten, Marxisten und Anarchisten aus Nanterre, dazu, in den Verwaltungsturm der geisteswissenschaftlichen Fakultät einzudringen und den Raum des akademischen Rats zu besetzen. Dabei forderten sie die Einrichtung einer sogenannten kritischen Universität (vgl. Gilcher-Holtey, 2008: 112), d.h. eines neuen Universitätsmodells, das auf kritischem Denken und auf freier Meinungsäußerung basierte.7 Im Verlauf der Monate März und April erlebte Nanterre eine Eskalation des Aufstands. Die Studenten organisierten Demonstrationen, Examensstreiks und Boykotts der Lehrveranstaltungen im Protest gegen die Universität, gegen die Polizei und auch gegen einen stark bürokratisierten und zentralisierten Staat, der traditionell aus geschlossenen Institutionen bestand, welche staatlichen Anordnungen unterstanden (vgl. Judt, 2010: 411). Jedoch war es erst Anfang Mai, als sich die Bewegung aus der Umgebung zur Sorbonne und in die Straßen der Hauptstadt verlagerte, dass die Jugendproteste größere Ausmaße annahmen: Die Verwandlung von Paris in ein »Schlachtfeld« – ein Ereignis, das seinen Höhepunkt in der »langen Nacht der Barrikaden« fand8 – sowie die Solidarität zwischen Studenten und Arbeitern während der Generalstreiks, die das Land wochenlang lahmlegten, sind Ausdruck der Radikalisierung des Protestes gegen die Polizeigewalt und den Autoritarismus eines von de Gaulles dominierten Staats.9

Während der Maiaufstand die Abgrenzung der jungen Menschen von den konservativen Werten der Fünften Französischen Republik – mit ihrem schon 77-jährigen General de Gaulle an der Spitze – deutlich machte, trug er auch dazu bei, die Unzulänglichkeiten der nationalen und internationalen Politik der damaligen Regierung offenzulegen. Dafür war der Protest der Studenten gegen den Vietnamkrieg ein Beleg. Trotz seiner offiziellen Stellungnahme, in der de Gaulle den Krieg verurteilt, zeigte er sich unfähig, diese Position gegenüber den US-Amerikanern mit Nachdruck zu vertreten, und lehnte es sogar ab, das Vietnam-Kriegsverbrechen-Tribunal auf französischem Boden stattfinden zu lassen (vgl. Fauré, 1998: 19). Da die junge Generation den Algerienkrieg um die Unabhängigkeit von Frankreich nicht vergessen hatte, entschied sie, ihre Empörung in Bezug auf den US-Imperialismus und auf die unterwürfige Haltung anderer Großmächte nicht zu verschweigen.10 Dem Schweigen des gaullistischen Frankreichs auf der internationalen Bühne entgegneten die jungen Protestler mit der Unterstützung der Befreiungsbewegungen der sogenannten Dritten Welt. Darüber hinaus solidarisierten sie sich mit den Bürgern aus ehemaligen Kolonien oder diktatorischer Regime, die in beklagenswerten Umständen in den Vororten großer französischer Städte lebten.11

Noch bevor die Streitfälle in den Universitäten und die Tumulte in Paris zu Sinnbildern der Utopie des Wandels der jungen Franzosen wurden, hatten diese schon andere Barrikaden gegen die vorherrschenden Gebräuche der konservativen gaullistischen Gesellschaft errichtet. Beeinflusst von der Kultur des Rock’n’Rolls ahmten die jungen Menschen im Verlauf der 1960er-Jahre den Stil der Stars des yéyé wie Johnny Hallyday, Sylvie Vartan und Claude François nach – eine von den anglosächsischen Rhythmen inspirierte Musikrichtung, die das Bewusstsein der Teenager und Twens jener Zeit revolutionieren sollte (vgl. Joffrin, 2008: 39) – und ließen sich von den Drogen und der Hippiebewegung anstecken. Ende der 1960er-Jahre wurde auch in den großen Metropolen die Herausbildung unterschiedlicher Jugendkulturen, die sich der Massenkultur und -ideologie widersetzten, deutlich (vgl. Capdevielle/Rey, 2008: 140). Die Unangepasstheit der jungen Generation in Bezug auf die von der Konsumgesellschaft aufgezwungenen Moderichtungen fand auf unterschiedlichste Art und Weise Ausdruck, zum Beispiel durch die Zugehörigkeit zu künstlerisch-literarischen Gruppierungen wie den Beatniks, den Surrealisten oder den Existentialisten oder selbst durch die Zuschaustellung von Bärten und langen Haaren, den Stil Che Guevaras und Fidel Castros nachahmend.12

Zu diesem soziokulturellen Umsturz kamen auch andere Themen im Rahmen der sexuellen Revolution: Die Kämpfe für die Legalisierung von Verhütungsmitteln (durch das Neuwirth-Gesetz von 1967 umgesetzt) und für die Aufhebung der Geschlechtertrennung in Studentenheimen waren als eine offene Konfrontation dessen gedacht, was aus Sicht der jungen Menschen eine oberflächliche und obsolete Koketterie der Elterngeneration war.13

Mit dem Appell an die Phantasie, die Kreativität und Veränderung der Wirklichkeit versuchten die jungen Franzosen, sowohl das Schweigen, zu dem sie sich in politischer und medialer Hinsicht gezwungen fühlten, zu brechen als auch das Recht auf Andersartigkeit und Teilhabe an der Gesellschaft einzufordern.14 Die Ereignisse vom Mai 1968 waren im Laufe der Jahre Gegenstand verschiedenster soziologischer Interpretationen und noch heute ist man sich nicht ganz einig in Bezug auf die sozialen, politischen und kulturellen Auswirkungen des Geschehens dieser Zeit.15 Eins ist dabei jedoch unbestritten: Die »expérience utopique« (Morin et al., 2008: 41) [utopische Erfahrung] der jungen Menschen stellt sich sowohl als ein Meilenstein der soziopolitischen und kulturellen Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert als auch als eine Referenz im Rahmen der Studentenbewegung der 1960er-Jahre in Europa dar. So wie die Geschichtswissenschaftler Marcello Flores und Alberto De Bernardi behaupten: »È a maggio che il 1968 diventa il ‹Sessantotto›« (Flores/De Bernardi, 2003: 71) [Im Mai wurde 1968 zur 1968er-Jugendrevolte].

1.4 Die italienische 1968er-Bewegung: ein langer und heftiger Frühling

Am Ende der 1960er-Jahre war Italien ein weiteres demokratisches Land in Europa, in dem die junge Generation gegen die herrschenden Sitten rebellierte und heftig bis kämpferisch versuchte, das Signal zu einem politischen, sozialen und kulturellen Aufbruch zu geben. Die Studentenunruhen begannen 1967 in den Universitäten, verlagerten sich aber schon 1968 schnell auf die Straßen der Städte landesweit (vgl. Casilio, 2013: 130f.), wo sie bis Ende 1969 andauerten. Die italienische Protestbewegung fand in der Allianz von Studenten und Arbeitern die höchste Ausdrucksform eines gemeinsamen Willens, die autoritäre, stark hierarchische, wenig offene und konservative Realität zu reformieren – eine Realität, die nicht dem Partisanentraum von Freiheit, Fortschritt und Demokratie entsprach, der die junge Republik Südeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg bei ihrer Gründung angetrieben hatte.

Auf seinem langen Weg zur Demokratie kannte Italien große Fortschritte: Dank dem sogenannten »Wirtschaftswunder« am Ende der 1950er-Jahre und in der ersten Hälfte der 1960er und dem Wiedererstarken der Industrie beobachtete man eine Erhöhung der Kaufkraft und eine allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen sowie die Herausbildung einer modernen und urbanen Mittelschicht, die hauptsächlich freie Berufe ausübte und nicht so einem traditionellen Lebensstil folgte.1 Diese wirtschaftliche und industrielle Entwicklung führte jedoch keineswegs zu einer allgemeinen Liberalisierung der Gesellschaft (vgl. Azzellini, 2008: 173), die die Kritiker der traditionellen parlamentarischen Politik und die jungen Menschen für dringend erforderlich hielten, besonders wegen des Widerstrebens der politischen und akademischen Institutionen gegen jegliche Veränderung.

Neben den gewöhnlichen Krisen in den Regierungen war die Politik gekennzeichnet durch das Fehlen einer starken parlamentarischen Opposition im Parlament und durch Stagnation, Mangel an neuen Ideen und Vorschlägen.2 Als 1964 Aldo Moro an die Macht kam, wurde Italien von einer großen Koalition aus vier Mittelinksparteien regiert. Sie waren dennoch unfähig, sich über die Umsetzung struktureller Reformen zu einigen.3

Der Unmut der Studenten über die akademische Lage wuchs parallel mit der politischen Ziellosigkeit, dem Ansteigen der Arbeitslosenzahlen, den Streiks. In den Universitäten von Mailand, Rom, Pisa und Trient gab es erste Anzeichen einer Studentenbewegung, die sich ab 1965 verstärkten. Das war das Jahr, in dem im Parlament eine Reform des Hochschulsystems beraten wurde, deren Ziel es war, die Anzahl der Studienjahre zu reduzieren und die Bildung auf den Bedarf der Wirtschaft auszurichten (vgl. Frei, 2008: 166). Diesem Ansinnen widersetzten sich die Studenten und ergänzten die Liste der Kritikpunkte um die Starrheit des Curriculums und die zu geringe Anzahl an Dozenten, den Mangel an Kommunikation zwischen Professoren und Studierenden (vgl. ebd.) und das Fehlen einer demokratischen Entwicklung der akademischen Strukturen, die von der unhinterfragten Autorität der Professoren geprägt wurde. Über die akademische Realität in Italien am Ende der 1960er-Jahre schreibt Fred Halliday:

The Italian universities have a most authoritarian pedagogical tradition: professors teach courses from manuals they have themselves written, and both set and mark examinations themselves on these courses; this is clearly not a situation in which a critical approach to what the student is offered is advisable if he wishes to get good marks. (Halliday, 1969: 304)

1967 wurde zum ersten Jahr einer langen Periode von studentischer Mobilisierung (vgl. Flores/De Bernardi, 2003: 194). Die Studentenbewegung erlangte größere Ausdruckskraft, verstärkt durch die Protestinitiativen unterschiedlicher Spontangruppen, die an den Universitäten eine Vielzahl von Aktionen organisierten, welche lokalen wie internationalen Strömungen entsprachen.4 Nur um zwei Beispiele zu nennen: An der Universität von Trient war es die Debatte über den Vietnamkrieg, welche die Gemüter der Menschen befeuerte und die Revolte auslöste (vgl. Horn, 2007: 81). Dies führte zu den ersten Fakultätsbesetzungen und Streiks und verhinderte auch die fristgerechte und reguläre Eröffnung des akademischen Jahres 1967/1968.5 Und in Mailand fand das erste Sit-in im November 1967 in der Katholischen Universität statt. Dabei handelte es sich um eine Protestaktion, die gegen die Erhöhung der Studentengebühren organisiert wurde. Als die Anführer des Protestes exmatrikuliert wurden – unter ihnen der charismatische Führer der Studentenorganisation Movimento Studentesco (MS) [Studentenbewegung], Mario Capanna – brachte dies eine Welle der Solidarität unter den Studenten hervor.6 Ende 1967 und Anfang 1968 verbreiteten sich die Unruhen aus Trient und Mailand auf andere italienische Universitäten, wo unzählige Universitätsgebäude besetzt und Flugblätter verteilt wurden wie auch große Diskussionsveranstaltungen und Vorlesungs- und Prüfungsstreiks stattfanden.7

Am 1. März 1968 erfolgte jedoch eine Wendung der Studentenrevolte (vgl. Kurz/Tolomelli, 2008: 89): Die gewalttätigen Zusammenstöße von Studenten und Polizei vor den Toren der Architekturfakultät in Valle Giulia, in Rom, bedeuteten den Übergang zu den Straßenunruhen.8 Von diesem Tag an wurden Massendemonstrationen alltäglich und gewalttätig, die Städte wurden im Verlauf von 1968 zu großen Auditorien, in denen die Rufe nach einer radikalen Reform des Staates, nach Beendigung der Polizeirepression und gegen die konservative Presse lauter wurden.9 Die Annäherung von Studenten und Arbeitern wuchs ebenfalls ständig. Die Studenten solidarisierten sich mit der Arbeiterbewegung und verstärkten die Kampfesreihen des Proletariats bis 1970. Zum einen, dank der politischen und sozialen Bewusstwerdung, entschieden sich viele, »studenti-proletari« [Werkstudenten] zu werden, d.h. Studenten, die ihre Studien vor allem durch Fabrikarbeit finanzierten (vgl. Azzellini, 2008: 179). Zum anderen nahmen die jungen Menschen aktiv an den politischen Aktionen verschiedener Gruppen teil, die am Rande des Parlaments entstanden, und auch an den Streiks, die die Produktion in Unternehmen wie Pirelli oder Fiat während des Frühlings und des »autunno caldo« [heißen Herbsts] 1969 lahmlegten. So wird in Italien die Phase bezeichnet, in der die Arbeiterbewegung und der Kampf gegen den Autoritarismus auf allen Ebenen der Gesellschaft ihren Höhepunkt erreichten (vgl. Giachetti, 2012: 867).10

Schon vor der Phase des antiautoritären politischen Aktivismus des Jahres 1968 hatten die jungen Italiener in kultureller Hinsicht ihre Ablehnung gezeigt. Durch Rock’n’Roll und Anderssein – lange Haare, nachlässige Kleidung und Auszug von Zuhause (vgl. Casilio, 2013: 104f.) – markierte man in Italien die Entstehung einer Beatgeneration, mit Gruppen wie den »provos« [Provokateuren] und den »capelloni« [Langmähnigen], die die soziokulturelle Avantgarde am Ende der 1960er-Jahre bildete. Mithilfe eines Ausschnittes eines Flugblattes der Gruppe Provos stellen Marcello Flores und Alberto De Bernardi das neue Ethos der jungen Menschen in der Zeit der Gegenkultur dar:

Non siamo figli, né padri di nessuno […] siamo uomini che non vogliono credere in niente e a nessuno: senza dio, senza famiglia, senza patria, senza religione, senza legge, senza governo, senza stato, senza polizia […]. Ecco siamo dei bastardi. (zit. nach Flores/De Bernardi, 2003: 167)

[Wir sind weder die Kinder noch die Eltern von irgendjemandem […] wir sind Menschen, die an nichts und niemanden glauben wollen: ohne Gott, ohne Familie, ohne Heimat, ohne Religion, ohne Gesetz, ohne Regierung, ohne Staat, ohne Polizei […]. Das ist es, wir sind Bastarde.]

Es war diese junge Generation, die es in den Studentenversammlungen wagte, Themen wie Scheidung, voreheliche sexuelle Beziehungen, Pille und Abtreibung anzusprechen. Dies waren Themen, die die Gesellschaft provozierten und herausforderten – eine Gesellschaft, die zwischen Katholizismus und einem unumkehrbaren Modernisierungsprozess in einer stetig stärker industrialisierten und globaleren Welt stand.11

Der »Frühling« der italienischen Jugendrevolte war zweifelsohne einer der längsten und intensivsten im Rahmen der westeuropäischen Aufbruchsbewegungen. Der Kampf der jungen Generation gegen die Repression fing mit der antiautoritären Bewegung in den Universitäten an und setzte sich allmählich für den Wandel eines politischen Systems ein, das viele als ineffizient und wenig transparent betrachteten (vgl. Borgna, 2012: 113). Die Revolte war gleichzeitig durch die Solidarität mit der Arbeiterbewegung, durch ein Bewusstsein für die Probleme der sogenannten Dritten Welt und durch die öffentliche Debatte über die Gültigkeit der katholischen Werte gekennzeichnet, die die italienische Gesellschaft prägten. Zu diesem Widerspruch eines Italiens im wirtschaftlichen Aufschwung und dennoch im Stillstand, was die Demokratisierung ihrer Strukturen betrifft, schrieben Marcello Flores und Alberto De Bernardi: Die 1968er-Bewegung war »un esito imprevisto e traumatico di una frattura sempre più profonda tra giovani e società […]« (Flores/De Bernardi, 2003: 191) [ein unvorhergesehenes und traumatisches Ereignis eines ständig zunehmenden Bruches zwischen den jungen Menschen und der Gesellschaft […]].

1.5 Öffnung vs. Beharren: die Dissidenz der jungen Spanier in den 1960er-Jahren

Wie bisher ausgeführt setzten sich Ende der 1960er-Jahre die deutschen, französischen und italienischen jungen Frauen und Männer im Kampf gegen die Repression ein, um die akademischen und politischen Institutionen transparenter und demokratischer zu machen. Die junge spanische Generation ihrerseits befand sich schon seit Langem in einem dauerhaften Kampf gegen ein autoritäres und unterdrückerisches System. Geboren nach dem Ende eines blutigen Bürgerkriegs (1936–1939), der Republikaner traditionalistischen Nationalisten gegenüberstellte, kannten diese jungen Spanier der 1960er-Jahre nichts anderes als eine militaristische, despotische und repressive Diktatur, die gewaltsam gegen alle vorging, die sich zu widersetzen wagten. Das antiparlamentarische, antiliberale und antikommunistische Regime des General Franco stützte sich seit 1939 einerseits auf eine Allianz mit der katholischen Kirche und andererseits auf ein Einparteiensystem, um das Leben der Menschen zu kontrollieren.1 Selbst nach dem Zusammenbruch des Faschismus in Deutschland und Italien am Ende des Zweiten Weltkriegs und nach dem Demokratisierungsprozess in vielen Ländern Westeuropas gab das repressive System nicht nach und blieb bis 1975, dem Todesjahr Francos, an der Macht.

Neben der politischen und ideologischen Kontrolle machte sich die autoritäre Führung des Franquismus auch im sozioökonomischen Bereich bemerkbar. Francos Beharrung auf einer Politik wirtschaftlicher Autarkie (vgl. Tosstorff, 2008: 189) brachte die spanischen Familien in den 1940er- und 1950er-Jahren in große Existenznöte. Nach der Periode von Armut, Rationierung und wirtschaftlicher Depression in der Zeit des Bürgerkriegs und des Zweiten Weltkriegs dauerten die Entbehrungen fort, verschärft durch eine Situation internationaler Isolierung.2 Während der 1950er-Jahre gab es punktuelle Anzeichen von Fortschritt dank der Kredite, die die USA dem Franco-Regime gewährten (vgl. Tusell, 2005: 156), und dank der beschränkten Grenzöffnung für Industrielle und die Bourgeoisie.3 Nutznießer dieser Fortschrittsanzeichen blieben dennoch lediglich die Geldeliten der großen Städte wie Madrid und Barcelona, die entwickelter waren als der Rest des Landes.

Der Wendepunkt von der Stagnation zum wirtschaftlichen Boom erfolgte am Ende dieser Dekade. Er wurde in erster Linie ausgelöst vom wachsenden Einfluss der mit dem Opus Dei verbundenen Technokraten in der Regierung, die Vertreter einer größeren Liberalisierung der Wirtschaft waren (vgl. Gracia/Ruiz Carnicer, 2004: 237), und nach 1959 dank des in Kraft gesetzten Stabilisierungsplanes. Dieser Plan, der Neuerungen brachte, war den (unproduktiven) Maßnahmen der Selbstversorgung entgegengesetzt, die das Regime vertreten hatte. Er begünstigte die Privatwirtschaft, belebte die Industrie und zog ausländisches Kapital an. Auf diese Weise bekam die nachfolgende Generation mehr Kaufkraft und Zugang zu den Neuerungen der Massenkultur. Außerdem gab es andere wichtige Faktoren, die den Weg für eine Veränderung der rückständigen und isolierten Agrargesellschaft in den 1960er-Jahren öffneten: das Aufkommen des Massentourismus (besonders in den Küstenregionen), die Migrationsbewegungen aus den ländlichen Gebieten in die großen Städte und die Emigration vieler Erwerbstätiger nach Frankreich, Belgien und in die Bundesrepublik. Letztere war entscheidend sowohl für Geldüberweisungen nach Spanien als auch für die Verbreitung internationaler Nachrichten aus demokratischen Ländern, die das Franco-Regime nicht mitteilte.

Es war die Erkenntnis des Widerspruchs zwischen dem Modernisierungsszenario und dem Beharren einer repressiven Politik, die den Aufruhr der jungen Generation jener Zeit ganz besonders im akademischen Milieu auslöste.4 Am Beginn der Dekade begann der Protest für die Autonomie der akademischen Strukturen hinsichtlich der Staatsorientierungen in Barcelona und sprang auf Madrid und andere Universitäten über (vgl. Gómez Oliver, 2008: 97).5 Für diese Generation war der wirtschaftliche und soziale Boom mehr als ein Vorwand, das Bildungssystem der Zeit nach dem Bürgerkrieg zu verändern. Dieses System war dem Nationalkatholizismus unterworfen und insistierte auf autoritären Konzepten wie der strikten Auswahl der Dozenten nach dem ideologischen Programm Francos (unabhängig von ihrem wissenschaftlichen Verdienst) und auf der Zwangsmitgliedschaft der Studenten in dem Sindicato Español Universitario (SEU), der einzigen vom Regime zugelassenen Studentengewerkschaft. Zwischen 1962 und 1966 gründeten die Studenten illegale Organisationen wie Federación Universitaria Democrática Española (FUDE) [Spanischer Demokratischer Studentenverband] und streikten, um so die Zulassung einer neuen Gewerkschaft zu erreichen. Diese sollte sie auf eine freie und demokratische Weise vertreten.6

Neben den Protesten im Rahmen der Arbeiterbewegung war es die Studentenbewegung, die wichtige Öffnungen in der Regierung erzwang. Diese wurden vom Informations- und Tourismusminister Manuel Fraga Iribarne vorangebracht, der im Laufe der 1960er-Jahre eine Reihe antiautoritärer Maßnahmen und die Überarbeitung des Pressegesetzes in Gang setzte (vgl. Kornetis, 2008: 256).7 Ab 1967 radikalisierten sich die Studentenproteste an den Universitäten und bis zu Francos Tod nahm die Repression gegen die jungen Oppositionellen durch Verhaftungen, Polizeieinsätze an den Hochschulen und Exmatrikulationen zu.

Die Franco-Diktatur unternahm alle Anstrengungen, um die Hochschulen unter Kontrolle zu halten – schwieriger war es aber, die Gegenkultur zu kontrollieren. Die Ablehnung der ultra-konservativen soziokulturellen Normen begann am Ende der 1950er-Jahre. Durch die jungen Menschen der oberen Mittelschicht verbreitete sich der Pop zunächst durch das Radio und den Musikimport aus Italien und den USA, danach durch Fernsehprogramme wie Escala en Hi-Fi. Einerseits führte die Begeisterung für Gruppen wie El Dúo Dinámico, Los Brincos und Los Bravos zu einem Wechsel in der Musikszene: Anstelle von früher geliebten traditionellen Stilen wie Copla, Bolero und Ranchera hörten die jungen Männer und Frauen Rock und Beat (vgl. Tusell, 2005: 188f.). Andererseits trug die Popmusik zur Aufsässigkeit der jungen Menschen bei, zur allmählichen Frauenemanzipation, zum Austesten von Drogen, zur sexuellen Befreiung und zur Hippiebewegung, die aus dem Ausland kam.8

Die Unterschiede zum Werterahmen der Elterngeneration wurden überdeutlich: Die jungen Spanier trennten sich sowohl vom traditionellen Nationalkatholizismus als auch von der durch die schnelle Industrialisierung geschaffenen Scheinwelt und schmiedeten aus Musik, Mode und freien und unverbindlichen Liebesbeziehungen ihre Protestwaffen gegen die alte Gesellschaft. Es ist damit eher den kulturellen als den politischen Veränderungen zu verdanken, dass diese junge Generation am Geist der Liberalisierung von jenseits der Pyrenäen teilhaben konnte:

Las experiencias que les aportaba el vivir su época, o si se quiere, el pertenecer a la generación de los Beatles emblemáticamente, los distanciaba por fuerza de sus mayores, a quienes les extrañaban sus actitudes y su talante en cambio, sus costumbres y maneras más libres y espontáneas […], sus gustos musicales, sus lecturas, sus aficiones y afecciones… Las inquietudes, expectativas y actitudes ante la vida se manifestaron en una especie clara de ruptura generacional. (Hernández Sandoica et al., 2007: 180; Hervorhebung im Original)

[Die Erfahrungen, die sie auf der Höhe ihrer Zeit machten, oder anders gesagt, die symbolische Zugehörigkeit zur Beatles-Generation, entfernten sie zwangsläufig von den Älteren. Diese wiederum empfanden die Verhaltensweisen und den Willen zum Wandel, die freien Sitten und spontanen Aktionen […], den Musikgeschmack, die Lesetexte, die Vorlieben und Tendenzen der jungen Menschen als fremd. Die Unruhe, die Erwartungen und Lebenseinstellungen zeigten sich in einem deutlichen Generationenbruch.]

Trotz der Einschränkungen bei äußeren Protesten versuchten die jungen Spanier der Mittel- und Oberschicht, ihren Veränderungswillen kundzutun. Dabei wandten sie sich gegen die Komplizenschaft ihrer Eltern mit einem Regime, mit dem sie nicht übereinstimmten. Außerdem hielten sich diese jungen Menschen an ihre politischen und kulturellen Idole, um es derem revolutionären Impetus gleich zu tun und sich auf diese Weise von einer ihrer Meinung nach vielfach in Isolation und sterilem Traditionalismus verharrenden Gesellschaft abzugrenzen. So wurde die junge Generation in den 1960er-Jahren zu einer bedeutsamen Antriebskraft für eine Vision von einem veränderten Spanien.

1.6 Portugal in den 1960er-Jahren: eine Bühne für Utopie

Ähnlich wie Spanien erlebte Portugal während vier Dekaden eine lange Nacht der Diktatur und Unterdrückung. Der sogenannte Estado Novo [Neuer Staat] – die offizielle Bezeichnung des diktatorischen Regimes – wurde 1933 unter der Führung von António de Oliveira Salazar gegründet und orientierte sich an einer faschistischen, autoritären und repressiven Ideologie. Er durchdrang die portugiesische Gesellschaft der 1930er- und 1940er-Jahre, überlebte sowohl den Sturz der totalitären Regime von Hitler und Mussolini als auch die Auflösung der Kolonialreiche nach dem Zweiten Weltkrieg und hielt sich bis zur Nelkenrevolution am 25. April 1974. Während seiner langen Existenz gab es oft Opposition gegen die rückwärtsgewandte, unterdrückende und reaktionäre Politik des Regimes. Dabei waren es vor allem die PIDE (Geheimpolizei) und die Zensur, die unnachgiebig die Bevölkerung kontrollierten und die dunkle Seite des Salazarismus verewigten. Dennoch wurde die Diktatur niemals so sehr erschüttert durch Unruhen, Widerstand und den Willen zur Veränderung wie während der 1960er-Jahre: Dank einer Reihe nationaler und internationaler historischer Ereignisse erlebte Portugal in dieser Zeit wichtige soziokulturelle Erneuerungen.

Am Vorabend der 1960er-Jahre begannen verschiedene Maßnahmen Früchte zu tragen: die Eingliederung Portugals in die Europäische Freihandelszone (EFTA), die Wanderung vom Land in die Städte und die Industrialisierung. Darüber hinaus trugen ein bemerkenswerter wirtschaftlicher Entwicklungsschub, das Anwachsen der Mittelschicht und die Erhöhung des Wohlstandes zu einer zunehmenden Modernisierung der Lebensumstände der Portugiesen bei. Besonders bei den bürgerlichen Eliten in den Großstädten, die gebildeter und mit mehr Kaufkraft ausgestattet waren, zeigte sich diese Modernisierung sowohl in der Möglichkeit, touristische Reisen ins Ausland machen zu können, als auch in der Vergesellschaftung in Cafés und Restaurants. Beide zeigten das Verlangen der Portugiesen, sich dem entwickelteren Europa anzunähern, und die Verbürgerlichung der portugiesischen Gesellschaft, in der sich Nachahmungen von importierten Moden, der Wunsch nach als unsittlich betrachteten Lesetexten und Lust auf abweichende Konsumgüter fanden (vgl. Mónica, 1996: 221).1

Neben dieser allmählichen soziokulturellen Öffnung muss die wichtige Rolle der Medien für das Durchbrechen der Isolierung gegenüber der Wirklichkeit auf der anderen Seite der Pyrenäen hervorgehoben werden: Trotz der Einschränkungen durch die Zensur leisteten die britischen, amerikanischen und französischen Musiksendungen im Radio und die täglichen Sendungen der Rundfunkanstalt Portugals (RTP), die die modernen Tendenzen der Musik, der Mode, des Sports und sogar der Werbung übertrugen, einen entscheidenden Beitrag zu einer Liberalisierung der Verhaltensweisen.2

Die Avantgarde dieser Liberalisierung waren die jungen Menschen, die sich, indem sie eine alternative Sicht auf das Alltagsleben annahmen, der europäischen jungen Generation durch die Kultur des Rock, Twist und yéyé so weit wie möglich annäherten. Außerdem schlossen sie sich den Trends des langen Haarschnitts, der Jeans und der Miniröcke an.3 Bei den einkommensstärksten und intellektuelleren Familien war der Generationsbruch deutlicher, da viele junge Portugiesen die Einflüsse der Unterhaltungsindustrie überwiegend mit ihrer Universitätserziehung verbanden, um die Autorität der Eltern in Frage zu stellen. Dort begann auch das (in)direkte Bekämpfen des geschlossenen Regimes, das seinem offiziellen Motto »Deus, Pátria e Família« [Gott, Vaterland und Familie] und den entsprechenden Werten des Katholizismus, eines totalitären Staates und traditioneller, konservativer Erziehung treu blieb.

Die provozierende Haltung vieler junger Menschen zu den etablierten Familienwerten und die Weltoffenheit der oberen Mittelschicht führten auch zu einer vorsichtigen, eher symbolischen Emanzipationsbewegung. Diese wurde besonders von gebildeten Frauen befürwortet, die sich in der patriarchalischen Gesellschaft des Estado Novo eingesperrt fühlten. Trotz des tief verwurzelten Konservativismus wuchs in den 1960er-Jahren die Zahl der Arbeitsmöglichkeiten für Frauen (vgl. Vieira, 2000: 26). Ebenso wuchs die Zahl der aus der Oberschicht stammenden jungen Frauen, die die Universität besuchten. Diese jungen Frauen hatten zum ersten Mal die Chance, sich intellektuell zu bilden, freie Berufe in der Anwaltschaft oder in der Medizin auszuüben und sich so von der traditionell einschränkenden Rolle der Ehefrau, Mutter und Hausfrau, die von den Vertretern des Regimes bevorzugt wurde, zu befreien (vgl. Mónica, 1978: 275f.). Neben diesen Aspekten muss auch die Verfügbarkeit der Anti-Baby-Pille ab 1962 als ein Meilenstein der Portugiesinnen auf dem Weg der Emanzipation erwähnt werden. Dadurch konnten sie ihr Verhalten in Richtung sexueller Revolution und größerer Unabhängigkeit vom Ehemann weiter profilieren.4

Parallel zu diesen Veränderungen im soziokulturellen Bereich konnten auch in der Politik Neuerungsversuche beobachtet werden. Angetrieben von der zunehmenden Modernisierung des Landes und dem Willen, Portugal aus der Diktatur zu befreien, war es einmal mehr die junge Generation von Intellektuellen, angeführt von den Studenten der Universitäten in Lissabon, Porto und Coimbra, die den Widerstand vorantrieb. Sie deckte während der 1960er-Jahre auf, dass das akademische System auf eine rückständige Weise funktionierte (vgl. Caiado, 1990: 74), und stand gegen die Repression des Estado Novo auf. 1962 führte das staatliche Verbot, den Tag der Studenten zu begehen, zu unerwarteten Reaktionen und entfesselte eine Reihe von Protesten wie u.a. Vorlesungsstreiks und Demonstrationen, die die erste sogenannte »akademische Krise« auslösten. Sie war ein Meilenstein für den Ausbruch dieser Generation, indem sie den Rahmen für die politische Bewusstwerdung dieser jungen Menschen bildete, die in den folgenden Jahren zu einem der kämpferischsten Teile des Widerstands wurden (vgl. Rosas, 1994: 539). Drei Jahre später, als innerhalb der Studentenorganisationen eine Phase der zunehmenden Politisierung der Jungen begann, wiederholten sich die Proteste mit starker Intensität. Marta Benamor Duarte charakterisiert die Studentenproteste ab 1965 und den Studentenkampf für eine Erneuerung der portugiesischen Hochschulinstitutionen folgendermaßen:

As possibilidades de agitação visível para fora da faculdade estavam seriamente limitadas pela violência policial; lá dentro vivia-se numa instituição caduca e incompatível com o processo desenvolvimentista do país. Assim, havia que continuar a contestar, mas a contestar a própria universidade e o que ela representava na realidade – a perpetuação do fabrico de ideólogos de um regime autoritário, insensível às necessidades da população em geral. E contestar a universidade era indagar da validade do que se ensinava nas salas de aula e da legitimidade de quem ensinava. Nascia a contestação pedagógica e robustecia-se a crítica de fundo ao regime. (Benamor Duarte, 1996: 644)

[Die Möglichkeiten eines in der Öffentlichkeit sichtbaren Protestes waren durch die Polizeigewalt stark eingeschränkt; innerhalb der Fakultät lebte man in einer überalterten und insofern mit dem Entwicklungsprozess des Landes nicht mehr übereinstimmenden Institution. So musste weiterhin protestiert werden, und zwar protestiert gegen die Universität selbst und gegen das, was sie repräsentierte: die ewige Produktion von Ideologen eines autoritären Systems, unsensibel gegenüber den allgemeinen Bedürfnissen der Bevölkerung. Der Protest gegen die Universität umfasste das Überprüfen des Wahrheitsgehalts der Dinge, die in den Seminarräumen gelehrt wurden, und auch die Legitimation derjenigen, die lehrten, stand auf dem Prüfstand. Es kam zu pädagogischem Widerstand und die Kritik am Regime wurde stärker.]

1969 lernte jedoch das Regime, von Coimbra ausgehend, die größte »akademische Krise« kennen: Examensboykotte, Aussperrungen aus den Fakultäten und Massendemonstrationen richteten sich nicht nur gegen die elitären Strukturen der Hochschulen, sondern auch gegen die autoritäre Politik des Staats und den Kolonialkrieg (vgl. Caiado, 1990: 194).5

Der Kampf gegen den Kolonialkrieg spaltete die portugiesische Gesellschaft während der Diktatur und war immer ein drängendes Anliegen der Studentenbewegung und der »akademischen Krisen« der 1960er-Jahre (vgl. ebd.: 132). Viele Mitglieder der intellektuellen und gebildeten jungen Generation empörten sich über die militärischen Anstrengungen, die in ihren Augen typisch für die Imperialisten und Kolonialvertreter waren.6 Sie sollten sich für eine hoffnungslose Ideologie verpflichtend einsetzen. Aus diesem Grund setzten sich viele junge Menschen für ein Ende dieses Krieges ein, der tausende Opfer kostete, und kritisierten die Unnachgiebigkeit des Diktators, der das koloniale Imperium unbedingt beibehalten wollte (vgl. Vieira, 2000: 24). Trotz der Strafmaßnahmen des Regimes wie Gefängnis, Folter, Exil oder Zwangsverpflichtung bei den überseeischen Kampfeinheiten waren diese Jungen entschlossen, die Gesellschaft zu liberalisieren. So schufen sie einen unüberwindlichen Abgrund zwischen sich und dem Salazarismus.7

Obwohl das Regime gegenüber Veränderungen feindselig und hartnäckig war, konnte es die zunehmende Neigung zur Öffnung, Freiheit und Emanzipation keineswegs aufhalten.8 Ermutigt durch den ökonomischen Fortschritt, die demographische Mobilität, die signifikanten Änderungen der Familienverhältnisse und die politischen Aktionen der jungen Generation gewinnt Portugal neue Hoffnung auf einen ersehnten Wandel. Ende der 1960er-Jahre nahm sie noch zu durch besondere politische Ereignisse.

Im Jahre 1968 bekam Portugal die Nachricht, dass – aufgrund einer schweren Erkrankung des Diktators – Salazar durch Marcelo Caetano als Oberster Führer der Nation ersetzt wurde. Caetano war vom ultrakonservativen Flügel weiter entfernt und gab Anlass zur Hoffnung auf eine gewisse Entspannung des Estado Novo, auf weitere Öffnung und Liberalisierung (vgl. Reis, 1996: 546).9 Mit einem neuen Mann an der Macht glaubten viele an einen bevorstehenden Sturz der portugiesischen Diktatur. Sie erwarteten das Ende der Isolierung und der Rückständigkeit Portugals:

No início da década de 60, só se falava em desenvolvimento, desenvolvimento e desenvolvimento. Os economistas defendiam que o país tinha de se abrir à Europa. […] Portugal iria modificar-se profundamente [ao longo da década; IG]. Alimentado pelas notícias que os emigrantes traziam lá de fora, estimulado pelas séries que a RTP começara a importar, invadido por turistas com hábitos estranhos, o país saía, por fim, da letargia. Quando, em 1968, Salazar caiu da cadeira, os valores que tentara inculcar aos Portugueses estavam moribundos. (Mónica, 1996: 224)

[Am Anfang der 1960er-Jahre wurde nur von Entwicklung gesprochen, Entwicklung und nochmals Entwicklung. Die Wirtschaftler traten für eine europäische Öffnung des Landes ein. […] Portugal sollte sich [während der gesamten Dekade; IG] grundlegend verändern. Durch die Nachrichten, die die Emigranten vom Ausland mitbrachten, angeregt von den von der RTP importierten Serien, geflutet von Touristen mit fremden Sitten, befreite sich das Land endlich aus seiner Lethargie. Als Salazar 1968 stürzte, waren die Werte, die er den Portugiesen einschärfen wollte, dabei abzusterben.]

Während einiger Monate im Jahr 1968 hofften viele in Portugal auf eine Transformation des Regimes.10 Jedoch dauerte es nicht lange, bis der Glaube der Portugiesen an Caetanos Reformwillen verblasste und sie einsahen, dass die Liberalisierungsversprechen sich in seinem Motto »evolução na continuidade« (zit. nach Rosas, 1994: 548) [Evolution in der Kontinuität] verflüchtigen würden. Von 1969 bis 1974 verhärtete sich das Regime gegenüber den Gegnern der Diktatur: Caetano antwortete mit mehr Gefängnis, Exilierungen und Zensur auf den Widerstand der Studenten und auf die Umsturzversuche der oppositionellen Gruppen oder der Militärs. Erst die Nelkenrevolution am 25. April 1974 ließ Portugal aus der langen Nacht der Diktatur aufwachen, in der es bis dahin gefangen war.

1.7 Schlussbemerkungen

Wie deutlich wird, ist die historische Wirklichkeit jedes hier untersuchten Landes ziemlich unterschiedlich. Sie wird durch die zahlreichen Ereignisse gekennzeichnet, die sowohl auf der nationalen als auch auf der internationalen Ebene die Art und Weise prägten, wie die junge Generation die Aufbruchsstimmung in Westeuropa im Laufe der 1960er-Jahre (und danach) erfuhr. Diese kaleidoskopische Wirklichkeit wird nicht nur durch die Vielfalt der Protestziele sichtbar (eher mit einem nationalen oder internationalen politischen Charakter oder eher auf die Sitten und Lebensweisen ausgerichtet), sondern auch durch die verschiedenen Protestformen, die von den jungen Deutschen, Franzosen, Italienern, Spaniern oder Portugiesen ausgewählt wurden, um ihren Widerstand auszudrücken.

Im Fall der Bundesrepublik und von Frankreich und Italien manifestiert sich die Neigung der jungen Menschen zur Veränderung der Gesellschaft sowohl auf der politischen als auch auf der soziokulturellen Ebene und es gibt eindeutige Gemeinsamkeiten. Die Jungen – vor allem die Studenten – fordern an den Universitäten zunächst mehr Reformen für eine Modernisierung (besonders der Lehrmethoden und der -inhalte) wie auch mehr Gelder für Bildung und mehr Demokratisierung, indem sie sich gegen die herrschende Atmosphäre von Hierarchie und Autoritarismus (verkörpert in der Figur des Professors) auflehnen. Aber ihr Wille nach Veränderung erstreckt sich auch auf die Politik, weshalb sie auf die Straße gehen und radikale Reformen innerhalb des ihrer Meinung nach zu lahmen, konservativen politischen Apparates verlangen, der es ihnen lange unmöglich machte, am Prozess der Willensbildung und Entscheidungsfindung teilzuhaben. Darüber hinaus – und trotz der Unterschiede zwischen den Ländern – zeigen die jungen Menschen auch einen gemeinsamen Willen, den etablierten Wertekodex herauszufordern, der durch die moralisierende Wertschätzung der sogenannten guten Sitten geprägt wird. Diese Ähnlichkeiten manifestieren sich in der sexuellen Befreiung (freie Liebe, Partnertausch, Beziehungen ohne Verpflichtungen), in der Kultur des Beat und Rock, in der Mode mit Jeans und langen Haaren oder im offenen Umgang mit Drogen und in dem Hippiemotto peace & love.

In Spanien und in Portugal, wo das politische Leben durch das diktatorische Regime bestimmt wurde, war die Wirklichkeit anders, da die Freiheit der jungen Spanier und Portugiesen zum Protestieren und zum Demonstrieren eingeschränkt und dadurch die Aufbruchsstimmung nicht so ausgeprägt war. Trotz allem fehlen auch hier nicht die Zeichen jenes Willens, die Gesellschaft zu verändern, sichtbar nicht nur in den Universitäten (in Form von Demonstrationen gegen das Hochschulsystem und gegen das Regime Francos und Salazars), sondern auch in der Art und Weise, wie die junge spanische und portugiesische Generation sich gegen den Status quo auflehnte und dabei versuchte, die Vorteile einer zunehmend globalisierten Welt zu nutzen, um die alternativen Tendenzen der Gegenkultur jenseits der nationalen Grenzen zu verfolgen und zu erfahren.

Trotz der landesspezifischen soziopolitischen Besonderheiten teilt die junge Generation in der Bundesrepublik und in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal den gemeinsamen Willen, ihren Dissens gegen das Establishment durch Provokation, Irreverenz und Aufsässigkeit auszudrücken. Das tut sie sowohl mit der Teilnahme an Protestaktionen und Demonstrationen, die die Widerstandshaltung der jungen Generation in den Vordergrund rücken, als auch mit dem Versuch, die jüngsten nationalen und internationalen Ereignisse zu begleiten und dazu ihre Meinung zu äußern. Viele von diesen soziopolitischen und kulturellen Ereignissen werden in den verschiedenen literarischen Werken, die zum Textkorpus der vorliegenden Arbeit gehören, bearbeitet. Sie sind entscheidend für die Räume und Milieus (u.a. Plätze, Straßen, Familie, Studenten-, Arbeiter- und Protestmilieu), die in den Texten geschaffen bzw. dargestellt werden, wie auch für den Aufbau der Diegese und sie haben einen direkten oder indirekten Einfluss auf den Weg der unterschiedlichen Protagonisten der jungen wie auch der älteren Generation von Heißer Sommer, Lenz, Derrière la vitre, I giorni del dissenso, Condenados a vivir und Sem Tecto, entre Ruínas.

2 Darstellung der Prosawerke

Als Nachwirkung der intensiven Jahre des akademischen Aufruhrs und der Unzufriedenheit der jungen Generation mit dem soziopolitischen Status quo am Ende der 1960er-Jahre kam die historische, politische und soziokulturelle Bewegung der roaring sixties in der literarischen Szene wieder zum Leben. Sie fand in verschiedenen Prosawerken in der Bundesrepublik, in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal Ausdruck. Thematiken wie die Studentenrevolte, der Generationenkonflikt und der transnationale und transkulturelle Prozess der Kampferfahrungen gegen das Establishment hallen in jedem dieser Werke in vielfältigen individuellen und kollektiven Erlebnissen der jungen und nicht mehr jungen Figuren wider, die die historische Epoche der Protestkultur in den 1960er-Jahren erleben.

In diesem Kapitel werden die untersuchten Prosawerke einzeln analysiert. Dabei werden die Aspekte hervorgehoben, an denen sich die Ideologie- und Generationsspaltungen beobachten lassen. Nach einer kurzen Einordnung der Texte in das Werk des jeweiligen Autors und ihren literarischen Kontext werden die Erzählstrategien und der ästhetisch-literarische Ansatz der jeweiligen Prosawerke kommentiert. Danach wird in erster Linie fokussiert, in welcher Beziehung die Protagonisten und die Figuren der beiden im Streit befindlichen Generationen zur jeweils erzählten allgemeinen Geschichte jener Epoche stehen. Dabei wird ihre Rolle, sei es als Akteure oder Mitläufer, im Kontext der von ihnen erlebten Veränderungen reflektiert. Obwohl sie keine historischen Dokumente sind, stellt jedes der Werke ein fiktionales Bild jenes zeitgeschichtlichen Kontextes dar und rückt verschiedene Ereignisse in den Vordergrund, die die Diegese durchziehen und die mit der individuellen Wirklichkeit der Hauptfiguren verbunden sind. Hier werden die in den Texten erzählten Ereignisse behandelt, die mit dem antiautoritären Kampf verbunden sind, wie die akademischen Unruhen, der Generationenkonflikt und das nationale und internationale politische Tagesgeschehen. Diese Gegenstände der Erzählung zeigen die Verbindung zwischen der historischen Zeit und der individuellen Realität der Hauptfiguren jedes Textes. Anschließend, und wie in der historischen Zeit die Widerstandshaltung der jungen Generation sich nicht nur auf politischen Aktivismus beschränkte, werden andere öffentliche sowie private Momente in Augenschein genommen, die den Bruch der jungen Menschen mit den vorherrschenden Lebensentwürfen bedeuten: Das Ausleben der freien Liebe und der sexuellen Emanzipation ebenso wie das Auftauchen einer subversiven Gegenkultur sind einige der Zeichen der Aufsässigkeit der jungen Figuren, deren Darstellung in den Werken der Analyse bedarf.

2.1 Lenz von Peter Schneider und Heißer Sommer von Uwe Timm
2.1.1 Peter Schneider und Uwe Timm: die literarisierte Revolte in der Bundesrepublik

Nach dem Klima der Agitation, das an den Universitäten und auf den Straßen der Bundesrepublik 1967 und 1968 herrschte, erhielten die liberale Haltung der jungen Generation und ihre Erfahrung bei den Ereignissen des akademischen, politischen und soziokulturellen Aufruhrs Platz in der literarischen Szene. Sie zeigten sich in der literarisierten Revolte, d.h. in einer Reihe von Texten, die sich der fiktiven Darstellung der Studentenbewegung Ende der 1960er-Jahre widmeten.1 Herausgefordert durch die allmähliche Auflösung der Außerparlamentarischen Opposition (APO), durch das Auftauchen tiefer ideologischer Unterschiede, die zur Auflösung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) führten (vgl. Scott Brown, 2013: 106), sowie durch das Abflauen der Mobilisierung der jungen Generation für die Erneuerung der politischen und soziokulturellen Strukturen Westdeutschlands, wurde die antiautoritäre Protestkultur als literarisierte Revolte fortan in den Bereich der Literatur verlagert.2 Die literarische Produktion, die im Kontext der literarisierten Revolte erschien, entstand vor allem in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre durch eine neue Autorengeneration. Diese literarische Produktion fand in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre ihren inhaltlichen Schwerpunkt und sie konzentrierte sich sowohl auf die politischen als auch auf die soziokulturellen Erfahrungen, die die junge Generation während und nach der Revolte machte:

Es ist eine Zeit-Literatur im genauen Sinn des Wortes: Reflex persönlicher Geschichten und gesellschaftlicher Entwicklung, Verarbeitung von Erlebnissen und Wandlungsprozessen, auch Kritik und Distanzierung festgefügter Standorte und Positionsbestimmungen. (Schnell, 2003: 388)

Im literarischen Milieu debütierend und vereint durch die Erfahrungen im Rahmen der intensiven Jahre der Studentenbewegung von 1968 (vgl. Talarczyk, 1988: 143), bemühte sich die neue Autorengeneration darum, Zeugnis des Erlebten abzulegen. Gleichzeitig reflektierte jeder Autor individuell über die ersehnten Utopien vom Wandel, über die sowohl im öffentlichen wie im privaten Bereich erreichten Veränderungen und auch über die persönliche und kollektive Erfolglosigkeit im Rahmen der Studentenbewegung.3 Weit über eine bloße Dokumentation der Jugendrevolte hinaus nahm sich diese junge Autorengeneration vor, der westdeutschen Literatur eine neue Richtung zu geben. Sie zielte auf eine politische Ausrichtung, die der linken Ideologie nahestand, und auf eine ausgeprägte soziale Verantwortung. Dieser Vorschlag der jungen Autoren der 1970er-Jahre distanzierte sich gleichermaßen von der »bourgeoisen« Sichtweise der »etablierten« Literatur – die sie lediglich als Unterhaltungsliteratur ohne eine politisch oder sozial engagierte Dimension ansahen (vgl. Bullivant, 1989: 37) –, wie von der Richtung einer politisierten Literatur der Gruppe 47.4 Sie schrieben der literarischen Produktion der neuen Dekade eine aktivere und zeitgemäßere Funktion von gesellschaftlicher Intervention zu, in der sie gleichermaßen zur Reflexion über die Fragen der Studentenbewegung anregen wie sich als Motor politischer und soziokultureller Veränderung präsentieren sollte.5

Trotz der starken dokumentarischen Komponente, die mit den historischen Ereignissen der 1960er-Jahre verbunden ist, beschränkt sich das literarische Ethos der literarisierten Revolte nicht auf ein realistisches Abbild der akademischen Unruhen und auch nicht auf einen mobilisierten Appell, um die Massen zum politischen Aktivismus und zur Umgestaltung der Gesellschaft zu bewegen. Es wird deutlich, dass dieses »minor genre« (Preece, 1992: 301)6 der 1970er-Jahre weder einem politischen noch einem vereinheitlichten literarischen Programm folgte, sondern sich durch individuelle Tendenzen und Stile leiten hieß (vgl. Hubert, 1992: 17): Dabei wurde die persönliche, subjektive Sichtweise eines jeden Autors auf die Unruhen am Ende der 1960er-Jahre bevorzugt. Diese persönliche Ansicht der politischen und soziokulturellen Ereignisse jener Zeit, die von einem starken autobiographischen Register bestimmt wurde, entspricht der individuellen und introspektiven Fokussierung der »Neuen Subjektivität« oder »Neuen Innerlichkeit«, einer literarischen Strömung der 1970er-Jahre, die als Reaktion auf die politisierte Literatur der Studentenbewegung entstand.7 In ihr befanden sich viele der Autoren der 1968er-Generation, die über ihre Erfahrungen mit der Studentenbewegung und über ihre jeweilige Suche nach Identität in dieser zugleich öffentlich wie privat bewegten Zeit schrieben:

»Neue Subjektivität« […] weist auf eine Distanzierung hin: Man will sich dezidiert absetzen von der Literatur der vorausgegangenen Phase, und zwar durch prononcierte Ichhaftigkeit und Emotionalität. Akzentuiert wird der Gegensatz zur »Literatur der Politisierung«, die im Kontext oder Gefolge der studentischen Revolte der sechziger Jahre entstanden war. Mit der neuen Schreibweise soll nun der Erwartungshorizont des Lesers, der auf politische Literatur fixiert war, überschritten werden, und zwar in Richtung auf ein bisher tabuiertes Thema, nämlich das der persönlichen Empfindungen, das in den Jahren der Revolte als besonders obsolet gegolten hatte. (Gerlach, 1994: 9f.)

Es ist daher nicht verwunderlich, dass die literarisierte Revolte eine in Form und Inhalt vielfältige Produktion hervorbringt, die offen für verschiedene Weltanschauungen jener Epoche ist:

Denn diese Autoren schreiben Romane, Erzählungen, Prosatexte, Autobiographien, die Entwicklungsprozesse vorführen, nicht selten ihre eigenen: Politisierungen, Einstellungsveränderungen, den Zusammenhang und Widerspruch von Privatheit und Öffentlichkeit, von theoretischer Reflexion und politischem Handeln. Es findet sich in dieser Literatur auch ein Moment der Selbstkritik, der Abrechnung mit eigenen Fehlern und Versäumnissen. (Schnell, 2003: 389)

Es gibt in der Tat zahlreiche Gemeinsamkeiten in der narrativen Fiktion der Autoren der 1968er-Generation. Die während der literarisierten Revolte geschriebenen und veröffentlichten Werke haben als diegetisches Zentrum die aufrührerische Zeit der Revolte an den Universitäten und die Zeitspanne der individuellen und intellektuellen Introspektion nach 1968. Darüber hinaus beschäftigen sie sich mit den Themen dieser Epoche, wie zum Beispiel dem Konflikt zwischen Eltern und Kindern, oder zwischen Professoren und Studenten, dem Versuch eines Bruches mit dem Establishment, der Infragestellung des Engagements für den politischen Aktivismus, dem Erlebnis der sexuellen Befreiung und nicht zuletzt der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Mal direkter, mal indirekter zeigen sich diese zentralen Fragen in der Erzählung Lenz (1973) von Peter Schneider und im Roman Heißer Sommer (1974) von Uwe Timm, beide von der Kritik als Schlüsseltexte der literarisierten Revolte bezeichnet (vgl. Cornils, 2000: 116). Betrachtet als Kultbücher jener Zeit – nicht nur wegen der Verkaufszahlen, sondern auch im Urteil der Leserschaft und der Kritik (vgl. Götze, 1981: 369) –, markieren Lenz und Heißer Sommer den Aufstieg der jungen Autoren Schneider und Timm in der literarischen Szene der Bundesrepublik der 1970er-Jahre.8 Sie verschafften ihnen einen hervorstechenden Platz unter der Autorenschaft der Zeit, die versuchte, das soziopolitische Umfeld von Krise und Agitation innerhalb der jungen Generation am Ende der 1960er-Jahre literarisch zu verarbeiten (vgl. Rinner, 2013: 35).9

1940 geboren, hatten Schneider und Timm einen Start ins Leben, der dem vieler Angehöriger der 1968er-Generation ähnelte. Während ihrer Kindheit erlitten viele tagtäglich nicht nur die Entbehrungen und Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg, sondern teilten auch die Abwesenheit des Vaters im Haushalt, der im Dienst der Wehrmacht stand. Als Angehöriger der Generation der Trümmerkinder erlebten Schneider und Timm die Vertreibung aus ihren Geburtsorten, um vor den Bombardierungen während des Zweiten Weltkrieges zu fliehen: Die Familie Schneider sah sich gezwungen, nach Grainau umzuziehen (vgl. Riordan, 1995: 13); die Familie Timm, nachdem sie ihr Haus in den Hamburger Bombenangriffen 1943 verloren hatte, musste nach Coburg übersiedeln (vgl. Hielscher, 2007: 10). Außer diesen traumatischen Erfahrungen gab es in beiden Familien ein weiteres Kriegsmerkmal: Die Väter beider Autoren waren beide Soldaten – Timms Vater ging freiwillig zur Luftwaffe (vgl. Hielscher, 2007: 14) und Schneiders war Signalgeber (vgl. Riordan, 1995: 13) – und beide waren nach der Kapitulation Deutschlands Kriegsgefangene.10 Nach dem Ende des Nationalsozialismus und während der ersten Schritte einer demokratischen Regierung erlebten sie in den 1950er- und 1960er- Jahren das ökonomische Wachstum sowie soziokulturelle Veränderungen durch das Wirtschaftswunder und die Konsumgesellschaft in der Bundesrepublik. Noch größere Ähnlichkeiten bestehen jedoch in den biographischen Laufbahnen dieser zwei damals jungen Autoren in der Zeit ihres Studiums und der 1968er-Studentenrevolte.11

Nach kurzen Aufenthalten in Freiburg und in München schrieb sich Peter Schneider 1962 an der Freien Universität Berlin für Germanistik, Geschichte und Philosophie ein. Während dieses Jahrzehntes kombinierte er das Studium mit Tätigkeiten beim Rundfunk und nachher bei Zeitungen und Zeitschriften, wo er Essays und Literaturkritiken veröffentlichte, was ihn in den Intellektuellenkreisen Westberlins zunehmend bekannt machte.12 Später, im Jahre 1967, entwickelten sich Beziehungen zu Rudi Dutschke und dem Schriftsteller und Vordenker der Studentenbewegung Hans Magnus Enzensberger.13 Im weiteren Verlauf nahm Schneider eine immer herausragendere Stellung innerhalb des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) sowie als Redner und Koordinator des »Springer Tribunals« ein. Das »Springer-Tribunal« war eine studentische Protestaktion, um die Voreingenommenheit und die Manipulation von Information durch den Springerkonzern in der medialen Öffentlichkeit anzuprangern (vgl. Scott Brown, 2013: 193). Schneider war auch Autor unterschiedlicher Reden, Flugblätter und Essays, die die Ideen der jungen Protestler inner- und außerhalb der Universitäten verbreiteten.14 Trotz seiner Zweifel bezüglich der Leitprinzipien und der antiautoritären Kampfformen der Studenten, die er Anfang 1968 zu spüren begann (vgl. Riordan, 1995: 16), blieb Peter Schneider der Studentenbewegung bis zum Ende der 1960er-Jahre verbunden. Aufgrund seines herausragendes Rufes in der deutschen Szene wurde er aufgefordert, auch an der italienischen Studentenrevolte in Trient teilzunehmen (vgl. Schneider, 2008: 309), und, nachdem er 1969 nach Berlin zurückgekehrt war, beteiligte er sich an Arbeitsgruppen, die die Arbeiterklasse mithilfe der Veränderungsideale der Studentenbewegung zu mobilisieren versuchten.15

Seine Erfahrung der Studentenbewegung machte Uwe Timm nicht in Berlin, sondern hauptsächlich in München, wo er sich 1963 für Germanistik und Philosophie einschrieb. Wie viele andere jener Zeit kam er Ende der 1960er-Jahre in Kontakt mit den akademischen Unruhen in den Universitäten. Seine Erfahrung als Promotionsstudent an der Sorbonne noch vor dem Ausbruch des Mai 68 in Frankreich, wo er seine Doktorarbeit voranbrachte, machte ihn vertraut mit Themen wie dem Vietnamkrieg, der Lage in der sogenannten Dritten Welt und den Protesten gegen das kapitalistische System, die die internationale Studentenbewegung kennzeichneten (vgl. Timm, 2007: 109). Aber es war vor allem nach dem Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 und der daraus resultierenden Protestwelle, die die Bundesrepublik erfasste, dass Uwe Timm für die Ideale des antiautoritären Kampfes entbrannte.16 Nach diesem einschneidenden Ereignis in seinem Leben beschließt er, in den SDS einzutreten, und schon in München entscheidet er sich dazu, Flugblätter zu verfassen, Teach-ins zu organisieren und an Fakultätsbesetzungen und Demonstrationen teilzunehmen (vgl. Hielscher, 2007: 64). Das Ziel, den Status quo zu verändern und die Menschen zu mobilisieren, das Uwe Timm im Protestimpetus seiner Generation fand, brachte ihn auch dazu, Straßentheaterstücke zu organisieren und Protestgedichte zu schreiben (vgl. Kraft, 1993: 1086). Auf diese Weise vertiefte er seinen Glauben an die gesellschaftsverändernde Rolle der Literatur und an die Wichtigkeit des politisch engagierten Schriftstellers (vgl. Bullivant, 1989: 35).17

Die Bedeutung des Erlebnisses des Aufruhrs von 1968 für Peter Schneider und Uwe Timm zeigte sich nicht nur in den Erstlingswerken, sondern blieb auch lebenslang in ihren anderen Romanen und Texten sichtbar. Nach dem Erfolg von Lenz (1973) erregte Schneider Aufsehen mit …schon bist du ein Verfassungsfeind (1975), einer Erzählung, die ein akutes und für viele der 1968er-Generation bekanntes Thema behandelte: die Frustration derjenigen, denen aufgrund ihrer Vergangenheit als Aktivisten die Aufnahme ins Beamtenverhältnis per Gesetz verboten wurde.18 Später in Paarungen (1992) thematisiert er die Beziehungsprobleme der inzwischen 50-Jährigen der Studentenbewegung und in Eduards Heimkehr (1999) beschäftigt er sich mit den Leitlinien der Studentenrevolte anhand eines ehemaligen 1968er-Aktivisten, der seine alten Überzeugungen der letzten Phase der 1960er-Jahre überprüft, als er sich in einem wiedervereinten Berlin mit dem Erbe des Nationalsozialismus auseinandersetzt (vgl. Rinner, 2013: 45).19 Bei Uwe Timm tauchen die historischen Ereignisse der 1968er-Generation regelmäßig auf: In Kerbels Flucht (1980), wo das Scheitern der Utopien von 1968 problematisiert wird, danach in Rot (2001) und in Freitisch (2011), zwei Werken, die den Hoffnungsvollen und Desillusionierten der Studentenbewegung Ausdruck geben – dies geschieht in einer Retrospektive ehemaliger Protestler, die in die Jahre gekommen sind. Ein weiteres wichtiges Zeugnis ist die autobiographische Erzählung Der Freund und der Fremde (2005), in der, ausgehend von den Erinnerungen Uwe Timms und seines Freundes Benno Ohnesorg aus der Jugend- und Studentenzeit, ein Bild der 1968er-Bewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich gezeichnet wird (vgl. Nicklas, 2015: 81).20

Lenz und Heißer Sommer konzentrieren sich auf die utopischen Hoffnungen und auf die Erfahrungen der Enttäuschung oder Desillusionierung, die eine ganze Generation kennzeichnen. Beide Texte prägen die literarische Laufbahn beider Autoren, die sich durch ein akzentuiertes geschichtliches Bewusstsein, eine intensive Sozialkritik und die Neubetrachtung der Vergangenheit als Infragestellung des Verhaltens der jungen Generation am Ende der 1960er-Jahre charakterisieren lässt.21 Dieses Interesse für die verschiedenen Wertvorstellungen der Protestkultur zusammen mit einer ständigen Reflexion machen Schneider und Timm zu Autoren der 1968er-Generation par excellence. Beide machten aus der Studentenbewegung eine Art Leitmotiv ihrer literarischen Produktion (vgl. Durzak, 2006: 603) und erreichten schon in ihren Erstlingswerken eine problematisierende und in Frage stellende Darstellung der Studentenbewegung auf ihrem Höhepunkt.

2.1.2 Erzählstrategien

Eingerahmt von der »Neuen Subjektivität« der 1970er-Jahre sind Lenz und Heiβer Sommer zwei Werke, die ähnliche narratologische Optionen wählen. Sie tragen gemeinsame Züge einer literarischen Strömung, die sich durch die Vorherrschaft des Ich-Gefühls, durch die subjektive Verarbeitung der alltäglichen Erfahrungen und durch die Selbstbestimmung auszeichnet (vgl. Meid, 2004: 486).

Es ist besonders der individuelle, nach innen gerichtete Blick auf die historische Aktualität jener bewegten Zeit, die Lenz zu einem der Schlüsselwerke der »Neuen Subjektivität« macht (vgl. Platen, 2006: 28):

Man feierte den »Lenz« als literarischen Fürsprecher einer Neuorientierung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den verhärteten Kurs der linken Kadergruppen zu korrigieren und die Bewegung wieder an ihre ursprüngliche Idee, die Verbindung von Politik und Sensibilität, zu erinnern. Für die Literaturkritik ist denn der »Lenz« auch der literarische Markstein eines Umdenkens innerhalb der Bewegung, nicht nur was das inhaltliche Bekenntnis, sondern auch, was die literarische Darstellung betrifft. (Prinz, 1990: 213)

Als Eine Erzählung betitelt, ähnelt Lenz einer Chronik ohne konkrete Datumsangaben. Die Eintragungen scheinen nicht nur die Erlebnisse des Protagonisten in der unmittelbaren Zeit nach der Hauptphase der 1968er-Revolte, sondern auch auf eine intime und persönliche Weise seine Überlegungen und Beunruhigungen darzustellen.1 Interessanterweise ist Lenz dennoch keine autobiographische Erzählung – so wie viele andere Werke der »Neuen Subjektivität«, in denen in der ersten Person erzählt wird.2 Entsprechend der Terminologie von Franz Stanzel gibt es in Lenz eine Er-Erzählsituation, in der der Protagonist nah an der Rolle einer »Reflektorfigur« ist (Stanzel, 2008: 16).3 Alle Ereignisse der Erzählung werden durch die Wahrnehmung von Lenz gefiltert und nur das, was der Protagonist weiß, erlebt und denkt, wird bekannt gegeben. Zu dieser Nähe zwischen dem Erzähler und dem Protagonisten trägt die erlebte Rede bei: »Die Erzählung ist in erlebter Rede von einem Erzähler erzählt, der sehr selten den Blickwinkel des Protagonisten überschreitet« (Platen, 2006: 42).

Auch in Heißer Sommer verknüpfen sich die Zeichen der zeithistorischen Wirklichkeit der 1968er-Revolte mit den für die »Neue Subjektivität« kennzeichnenden Zügen:

Trotz der Nähe des Romans zum […] Konzept des politischen Realismus, gibt es auch in Heißer Sommer eben jene poetischen Durchschüsse, die auf eine subjektive Erfahrungsebene jenseits des ideologischen Überbaus verweisen. (Fuchs, 2003: 229)

So wie in Lenz entsteht diese subjektive Darstellung der Erlebnisse der Studentenbewegung in Heißer Sommer durch die Er-Erzählsituation, in der der Erzähler zurücktritt. Nach einem ersten Versuch, den Roman in der Ich-Erzählsituation zu verfassen, wählte Uwe Timm eine andere narrative Perspektive, die sich nah am autodiegetischen Fokus befindet. Darin übernimmt der Protagonist die Funktion des »Reflektors« (Stanzel, 2008: 16) und der Leser sieht die Welt durch Ullrichs Augen.4 In Heißer Sommer dominiert die Darstellung (nach Stanzel) und der Erzähler beschränkt sich darauf, die Narrative zu organisieren, und verzichtet auf wertende oder reflektierende Interventionen. Diese Unmittelbarkeit des Erzählten trägt dazu bei, die Zeichen von einer Vermittlung seitens des Erzählers zu mindern.

Im Verlauf des Romans folgt der Erzähler nicht nur anderthalb Jahren von Ullrichs Lebenslauf, sondern er begleitet auch die Überlegungen des Protagonisten über das, was passierte, und das, was er erlebte. Die Erinnerungen Ullrichs an seine Erlebnisse während der Studentenbewegung ebenso wie jene der Kindheit und Jugendzeit werden mithilfe von Analepsen vorgestellt, die direkt vom Protagonisten abhängen. Diese Analepsen ermöglichen die Darstellung einer individualisierten Perspektive der Zeit des Umbruchs 1968, da sie Ullrichs Anstrengungen bei seiner Identitätsfindung zeigen.

Diese Identitätsfindung und die Suche nach emotionaler Reife beider Protagonisten in bewegten Zeiten – einer Reife, die ihnen zu mehr Gelassenheit im Rahmen der von ihnen gemachten Erfahrungen während der Studentenrevolte (und danach) verhilft – sind ein Zeichen der Interdependenz zwischen dem Psychologischen und dem Politischen, die Peter Schneiders und Uwe Timms Werke charakterisiert. Sowohl Ullrichs als auch Lenzʼ Handeln wird nicht nur durch die historischen Ereignisse geprägt, sondern beide Protagonisten werden auch durch ihre introspektive Haltung und ihre Reflexionen, durch ihre emotionale Unzufriedenheit gestaltet, die sie antreibt und wachsen lässt. Wie im Folgenden dargestellt wird, versuchen beide, in Zeiten von Tumult und Agitation sowohl im Rahmen des politischen Aktivismus als auch der sexuellen Revolution und des Sittenwandels ihr Gleichgewicht und innere Ruhe zu finden.

2.1.3 Ereignisse der Studentenrevolte in Lenz und in Heißer Sommer

Nach der Regierungsübernahme durch Kurt Georg Kiesinger und dem Beginn der »Großen Koalition« aus CDU/CSU und SPD erlebte die Bundesrepublik die Entstehung eines ausdrücklichen soziopolitischen Widerstands. Während 1967 und 1968 traten viele Studenten in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) ein und engagierten sich in der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Viele nahmen an Demonstrationen und Protestaktionen teil, um eine Veränderung der Universitäten und der Gesellschaft zu erreichen. Ereignisse wie die Tötung Benno Ohnesorgs oder das Attentat auf Rudi Dutschke waren nicht nur entscheidend für die Verstärkung der Proteste, sondern wurden auch als Symbole jener Zeit der Mobilisierung der jungen Generation betrachtet (vgl. Rinner, 2013: 2). Ende 1968 und Anfang 1969 verließ dennoch die Studentenbewegung die universitären Bühnen und die Straßen der großen Städte und erlebte zunehmend Gegenwind gegen den antiautoritären Kampf und eine kollektive Enttäuschung jener politischen Ideale, die sie vorher inspiriert hatten.

Diese Zeit der Entstehung, des Aufstiegs und des Abflauens der Unruhen der 1960er-Jahre bildet den geschichtlichen Hintergrund dieser zwei Werke der literarisierten Revolte in der Bundesrepublik. In Heißer Sommer tauchen die historischen Momente der Studentenbewegung in ihrer Blütezeit von 1967 und 1968 auf. Lenz zeigt die Nachwirkungen der Euphorie in einem Kontext von individuellen und kollektiven Unsicherheiten und Zweifeln am Erfolg der Revolte und an den von den radikalen Studenten postulierten Alternativen, um den Kampf für die Ideale der jungen Generation fortzuführen.1 Während beide Werke Geschichte und Fiktion verknüpfen, ergänzen sie also einander in der chronologischen Darstellung der historischen Episoden der akademischen und soziokulturellen Unruhen. So beschreiben sie die Entwicklung der jeweiligen Protagonisten während dieser Zeitphase und wie diese den unterschiedlichen Herausforderungen der Studentenbewegung begegnen. Obwohl Lenz ein Jahr vor Heißer Sommer erschien, soll hier zunächst der Roman von Uwe Timm dargestellt werden – auf diese Weise wird die chronologische Abfolge der historischen Zeit der zwei Werke respektiert. Dabei wird die Laufbahn jedes Protagonisten im Laufe der Ereignisse der 1968er-Bewegung hervorgehoben.

Die Handlung von Heißer Sommer beginnt im Sommer 1967 und verläuft bis Anfang 1969 parallel zu dem Weg des Aufruhrs und der Tumulte der bundesdeutschen Studentenbewegung, gesehen durch die Augen des Protagonisten. Entlang der drei Teile, in welche der Roman aufgeteilt ist, werden etwa anderthalb Jahre des Lebens von Ullrich Krause begleitet: ein Germanistikstudent fast am Ende seines Studiums, der sich in persönlicher wie akademischer Hinsicht in einer schwierigen Phase befindet. Während dieser Zeit lässt er sich von der Faszination für die Studentenrevolte, vom Gefühl universitärer Solidarität und von der kollektiven politischen Mobilisierung Ende der 1960er-Jahre zunächst in München und dann in Hamburg anstecken.

Diese Umbruchsphase des Protagonisten zeigt sich deutlich gleich im Sommer 1967 und wird durch zwei Gründe verursacht. Einerseits macht die Beziehung mit seiner Freundin Ingeborg eine Zeit der Unsicherheit und Krise durch. Andererseits spürt er keine Motivation, seine Abschlussarbeit an der Universität in München zu schreiben und sein Studium abzuschließen.2 In dem Maße, wie die Zeit vergeht – und Ullrich Entscheidungen verschiebt, die diese Situationen lösen würden –, merkt er, dass seine individuellen Beunruhigungen die einzelne Person überschreiten und sich mit der politischen Realität verbinden. Insbesondere ist es die Nachricht vom Tod Benno Ohnesorgs anlässlich des Schahbesuches in Berlin, die das politische Bewusstsein des Protagonisten weckt. Die Gewalt und die Brutalität, mit der die Polizei gegen Demonstranten vorging, bewegt ihn dazu, an einer Demonstration gegen die angebliche Tötung des jungen Mannes teilzunehmen, die einige Tage später in München stattfindet.3 Obwohl er sich empört und wütend fühlt, erlebt Ullrich auf dieser Demonstration Freude und Begeisterung für das Gefühl der Gemeinschaft unter den Teilnehmern (vgl. HS: 61). Diese Zugehörigkeit zu einer Gruppe fasziniert ihn und so wächst sein Interesse für die Studentenbewegung und er lässt sich allmählich von der Protestwelle mitreißen.4

Tatsächlich ist es der Tod Ohnesorgs, mit dem der »heiße Sommer« beginnt: Die Stimmung an den Hochschulen heizt sich auf und der Protest der Studenten bekommt eine nationale Dimension.5 Ullrich spürt, dass es notwendig ist, gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit anzugehen. Dabei öffnet er sich den Vorschlägen des alternativen Widerstands der jungen Aktivisten, die die Wertvorstellungen und Prinzipien des Establishments in Frage stellen und die von ihnen als apathisch wahrgenommene Gesellschaft, in der sie aufwuchsen, aufrütteln wollen: »Man muß etwas tun. Man muß etwas machen. Dieser Kurras, sagte Ullrich, dieses Schwein, nicht, der schießt einen Demonstranten nieder, und was passiert? Nichts, absolut nichts« (ebd.: 97).

In diesem Kontext zunehmender kollektiver Empörung innerhalb der jungen Generation geht die politische Bewusstwerdung des Protagonisten weiter: Nach München setzt er sein Studium an der Universität Hamburg fort und engagiert sich in der 1968er-Studentenbewegung. Ullrich nimmt regelmäßig an Diskussionen und Debatten teil (vgl. ebd.: 138–145) und lässt sich von der euphorischen Rhetorik von Conny, Petersen und anderen Studentenführern des SDS überzeugen. Sie rufen die Studenten dazu auf, nicht nur an der Veränderung des akademischen Systems mitzuwirken, sondern auch an dem radikalen Wandel der konservativen Gesellschaft. Von dieser Utopie inspiriert, beteiligt sich der Protagonist an den Protestaktionen des SDS gegen Kapitalismus, gegen autoritäre Regime in Ländern der sogenannten Dritten Welt und gegen den Krieg in Vietnam. Außerdem setzt er sich zusammen mit seinen Freunden für den Kampf gegen die Autoritätspersonen ein. Dabei rebelliert er gegen die unantastbare Macht der Professoren, streitet mit dem unnachgiebigen Vater zu Hause und versucht selbst, die Polizei herauszufordern.6 Diese Phase von Ullrichs Engagement in der Studentenbewegung erreicht ihren Höhepunkt, als im April 1968 ein Attentat auf Rudi Dutschke verübt wird. Daran schließt sich eine große Demonstration vor dem Springerverlag in Hamburg an, der im Roman die Diffamierung der Studenten in der Öffentlichkeit symbolisiert. Während dieser Ereignisse fühlt Ullrich, dass er und seine Freunde Geschichte schreiben und auf diese Weise die ersehnte Revolution starten können:

Er hatte [die Menschen] untergehakt, er konnte lachen und reden mit ihnen, als kennten sie sich schon lange. Was er fühlt, ist eine Freude, die über ihn hinausgeht, die ihm ein Gefühl der Weite und Stärke gibt. Eine Freude, die vom Haß getragen wird, ein Haß, der verändert. […]

Menschen, die am Straßenrand stehen, reihen sich ein.

Solidarisieren, mitmarschieren.

Sie sind eine Kraft geworden. Sichtbar. Hörbar. […]

Etwas ist anders geworden, denkt Ullrich, etwas ist neu. Etwas, das alle betrifft. (HS: 217; Hervorhebung im Original)

So wie die Studentenbewegung historisch ihren geschichtlichen und politischen Höhepunkt im April und Mai 1968 erreichte7 und dann allmählich nachließ, so erreicht auch Ullrichs Teilhabe an den studentischen Protestaktionen in der Erzählwelt eine neue Phase, in der er sich mehr auf die Arbeiterbewegung konzentriert. Entschlossen für eine über das akademische Milieu hinausgehende proletarische Revolution zu kämpfen, nimmt er nicht mehr nur an Demonstrationen teil, sondern organisiert auch Straßentheater. Auf diese Weise versucht er, die Arbeiterschaft für die notwendigen Veränderungen zu sensibilisieren und so eine gerechtere und würdigere Gesellschaft zu schaffen. Aufgrund seiner Unzufriedenheit mit der leeren Rhetorik der Diskussionen über die Anwendbarkeit der linken Theorien auf das Alltagsleben entscheidet er sich auch, in einer Fabrik zu arbeiten, wo er Kontakt mit Arbeitern, Gewerkschaftern und Mitgliedern der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) hat. Dadurch glaubt er, eine praktische Umsetzung seines Wunsches nach einem soziopolitischen Wandel realisieren zu können. In dieser Phase entdeckt der Protagonist von Heißer Sommer seine Berufung zum Lehrer. Sie wird durch die Vorstellung bestärkt, den Kindern der Fabrikarbeiter bei der Gestaltung eines besseren Lebens zu helfen (vgl. HS: 327).

Die Suche nach einem Lebensweg nach der Euphorie von 1968 ist ein Identitätszeichen der jungen Generation, die die hitzige Phase der Jugendrevolte in der Bundesrepublik intensiv lebt (vgl. Hubert, 1992: 128). Sie fragt sich in der Nachwirkung dieser Erfahrung nicht nur, welche Rolle die jungen Menschen in der Gesellschaft spielen sollen, sondern überdenkt auch die individuellen und kollektiven Verfahrensweisen, die zur Gesellschaftsveränderung beitragen können. Gekennzeichnet von Zweifeln an dem Erfolg der 1968er-Revolte und von der Unsicherheit über den politischen, sozialen und kulturellen Einfluss der studentischen Protestaktionen, ist es diese weniger enthusiastische und nachdenklichere Phase der Studentenbewegung, die den Hintergrund von Lenz darstellt.8

In der Erzählung werden die Erlebnisse des Protagonisten geschildert, eines jungen Intellektuellen, der dem studentischen Milieu nahesteht und der sich nach dem politischen Aufruhr in Westberlin von der Revolte enttäuscht fühlt, weil er die Leidenschaft und die Begeisterung, die ihn früher bewegten, nicht mehr spüren kann.9 Während der Blüte der 1968er-Bewegung war Lenz ein begeisterter Anhänger der Ideale, die von den revolutionären Studenten vertreten wurden. Dabei hatte er an vorderster Front gekämpft, an Demonstrationen teilgenommen und die Polizei herausgefordert (vgl. L: 30). Dennoch, als die Studentenbewegung für ihn an Reiz verliert, versteckt der Protagonist weder seine Enttäuschung über die kollektiven Aktionen der Revolte noch seinen Willen, die sozialen Verbindungen zu kappen, die ihn an das radikale Engagement banden. Er sucht im Gegenteil einen Weg, der seinem Leben besonders im persönlichen Bereich Sinn gibt.10 So nimmt Lenz im ersten Teil der Erzählung eine Vollzeitarbeit in einer Elektrofirma an. Dort insistiert er darauf, am Fließband mit denen, die diese monotone und schlecht bezahlte Arbeit machen, zu arbeiten: »Er sei Student […], er arbeite hier, um die Lage der Arbeiter kennenzulernen« (L: 27).

Als er jedoch feststellt, dass diese Form der Annäherung an die Arbeiterklasse nicht gelingt, weder um den erwünschten soziopolitischen Wandel in die Realität umzusetzen, noch um seine eigene Rolle in der Gesellschaft zu finden, versinkt Lenz in einer Spirale aus Zweifeln und Unsicherheiten.11 Die fehlende Überzeugung bei einer Demonstration gegen die griechische Diktatur (vgl. L: 30f.), die kritische und distanzierte Haltung in den Betriebsgruppen, in denen er sowohl am Sinn der Lektüre von Mao Tse-tungs Schriften als auch an dem von den theoretischen Erörterungen zweifelt (vgl. ebd.: 36–38), und auch die Verachtung der Kultur des Scheins bei den sozialen Treffen, die von Linksintellektuellen organisiert wurden, sind Episoden, die die Krise des Protagonisten enthüllen. Außerdem unterstreichen sie auch seinen Wunsch, sich von dieser überpolitisierten Szene, die ihn umgibt, zu distanzieren.12 Aufgrund dieses existentiellen Unbehagens und wegen einer Verwirrung in seinem Liebesleben trifft Lenz eine radikale Entscheidung: Kurz vor dem Sommer gibt er seinen Arbeitsplatz in der Fabrik auf und reist ohne Rückfahrkarte nach Rom.

In der ersten Zeit in der italienischen Hauptstadt erlebt Lenz eine Phase des Hin und Her, die von seinem Wunsch, an nichts zu denken, sich ganz dem Erleben der Gefühle des Augenblicks hinzugeben, geprägt wird. Zugleich macht er sich Gedanken über die Unfähigkeit, eine Antwort auf die Frage zu finden: »Was wollte er hier, wie war er hierhergeraten?« (L: 69). Danach nimmt er wieder Kontakt zu Pierra auf, einer jungen Schauspielerin, die er vor einiger Zeit in Berlin kennengelernt hatte. Während dieser Reflexionsphase des Protagonisten bezüglich seines Lebensweges zeigt sich Pierra bereit, ihm bei der Lösung seiner inneren Konflikte und seiner Unsicherheiten hinsichtlich der soziohistorischen Realität zu helfen.13 Durch sie hat Lenz die Gelegenheit, wahrzunehmen, wie die Italiener die Zeit der Studentenrevolte erleben. Sowohl auf einer Feier, auf der verschiedene Persönlichkeiten aus Kunst und Theater anwesend sind – alle revolutionär oder Sympathisanten der Revolte (vgl. Prinz, 1992: 231) –, wie auch im Zusammenleben in Pierras Freundeskreis erkennt der Protagonist, dass selbst unter jungen Menschen das Desinteresse über die politischen und sozialen Fragen vorherrscht (vgl. L: 87) und die Gespräche von persönlichen Problemen (und dem Privaten) dominiert werden:

Teils aus Trotz, teils aus Interesse begann er, systematisch die Zeitungen zu lesen und Pierras Freunde durch Fragen nach den Anlässen der zahlreichen Demonstrationen zu provozieren. Er erklärte Pierra, was er empfand. Ihre Freunde, behauptete er, bewegten sich in einer ähnlich geschlossenen Welt wie die politischen Gruppen, in denen er es nicht mehr ausgehalten habe. Führten jene jeden Konflikt, auch noch den privatesten, auf den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit zurück, so versteiften sich diese darauf, jeden Konflikt, auch noch den gesellschaftlichsten, aus der Familiensituation abzuleiten. Er wüßte nicht, welche von beiden Gruppen verrückter sei, nur, welche ihm lieber sei. (L: 88)

Lenz’ endgültige Entscheidung für eine von diesen Gruppen bleibt zu erläutern, aber ihn beunruhigen gleichermaßen die Widersprüche zwischen revolutionär »sein« und revolutionär »aussehen« wie diese von ihm kritisch gesehene Besessenheit der jungen Italiener, ihre private Seite in der Öffentlichkeit zu zeigen. Aus diesem Grund spürt er weiterhin den Drang, sich von dieser Realität, in der er sich nicht gut integriert fühlt, zu entfernen. Dies macht deutlich, warum Lenz eine Einladung von Rom in den Norden Italiens zu fahren, annimmt. Der italienische Studentenführer Paolo und B., ein deutscher Intellektueller, Genosse von Lenz aus den Zeiten der Revolte in der Bundesrepublik, der aus Berlin gekommen ist, um an der Universität Trient einen Vortrag zu halten, wollen ihn an diese Universität mitnehmen – eine Universität, die seit Monaten durch die Studentenproteste erschüttert wird.

In Trient erweitert sich die Erzählung auf die Jugendrevolte und auf einige Ereignisse (u.a. Streiks, Fakultätsbesetzungen, Demonstrationen), die den in Lenz dargestellten italienischen Aufruhr von 1968 bestimmen. Begeistert von dem warmen Empfang der jungen Aktivisten, die ihm die Stadt und verschiedene Orte des Protestes zeigen, lässt sich Lenz erneut von dem Geist der Studentenbewegung faszinieren (vgl. L: 100). Darüber hinaus versteckt er nicht seine Bewunderung für die große Nähe zwischen Studenten und Arbeitern, die gleichzeitg eine Rebellion gegen die autoritäre Macht der Professoren in der Universität und gegen die Besitzer der Fabriken führen. Um den lang ersehnten Sinn in der politischen Arbeit zu finden (vgl. ebd.: 101), entscheidet er sich, seinen Aufenthalt in Trient zu verlängern. Während einiger Wochen nimmt er an den Universitätsversammlungen teil, lebt mit Arbeitern und Gewerkschaftern zusammen und bemüht sich, die Ideen der Studenten aus der akademischen Welt heraus zu tragen und sie mit den Bedürfnissen der Gesellschaft zu verbinden (vgl. ebd.: 103f.).

Dieses Gleichgewicht zwischen politischer Theorie und individueller Praxis führt zu einem neuen Engagement des Protagonisten. Die Erfahrung der italienischen Studentenbewegung gibt Lenz die Begeisterung und die Gewissheit über die Beweggründe seiner Generation wieder, die er gleich nach der Studentenrevolte in der Bundesrepublik und während der Phase der Überpolitisierung der Aktionen und Diskurse nicht mehr erkennen konnte. Tatsächlich, als er aus Trient aufgrund seiner Protestaktionen ausgewiesen wird und gezwungenermaßen nach Westberlin zurückkehren muss, scheint er optimistischer zu sein, was die Zukunft betrifft: Nach dieser Erfahrung scheint er dazu aufgelegt, die Schwierigkeiten bezüglich einer Wiedereingliederung in eine nach 1968 kaum veränderte bundesdeutsche Gesellschaft zu überwinden.14

Wie zu erkennen ist, werden die Protagonisten von Heißer Sommer und von Lenz von den soziopolitischen nationalen und internationalen Ereignissen, die mit dem antiautoritären Kampf der jungen Generation Ende der 1960er-Jahre verbunden sind, nacheinander herausgefordert. Als junge Studenten und junge Intellektuelle während der Zeit des Tumults in der Bundesrepublik sehen Ullrich Krause und Lenz ihre Überzeugungen permanent auf die Probe gestellt, sehen sich mit ihren Zweifeln und Ängsten konfrontiert und dazu aufgerufen, über ihre Rolle in der Gesellschaft zu reflektieren. Das intensive Erleben verschiedener Momente der Studentenbewegung bringt sie nicht nur dazu, ihren Standort in der Welt zu überdenken, sondern es führt auch zu einer ausdauernden kritischen Haltung gegen das Establishment. Dieser Bruch zeigt sich in den Fragen, die die damalige politische Aktualität bestimmten, aber auch in denen des soziokulturellen Kontextes. Damit beschäftigt sich das folgende Unterkapitel.

2.1.4 Liebe und Sexualität: die Revolution der Sitten

Die kollektive Mobilisierung aus politischen Gründen ist entscheidend für das Bild der jungen Generation in Heißer Sommer und in Lenz, aber genauso relevant dafür ist die Rolle der sexuellen Revolution. Geleitet durch das Schlagwort »Das Private ist politisch!«, ließen sich die jungen Menschen aus dieser Zeit von der Liberalisierung der etablierten Sitten inspirieren (vgl. Kraushaar, 2000: 271). Und auch die jungen Figuren dieser zwei Werke der literarisierten Revolte sind bereit, das, was vorher privat war, öffentlich zu machen. Dabei lassen sie sich von dem Wunsch nach Bewusstseinsveränderung, nach einem bedingungslosen Ausleben von Liebesbeziehungen sowie nach dem kompromisslosen Ausdruck von Gefühlen leiten:

Die Bewegung von 1968 lässt sich […] als eine umfassende Kulturrevolte begreifen: Als Intellektuellenbewegung richtete sie sich allgemein gegen tradierte Formen des kulturellen Zusammenlebens und fokussierte sich [sic!] dabei sowohl politisch-ökonomische Ziele gegen Technisierung, Anonymisierung und Bürokratisierung als auch soziale hinsichtlich der Geschlechterrollenbeziehung und des Umgangs mit Sexualität und Sinnlichkeit. (Germer, 2012: 98f.)

Die bundesdeutsche Generation, die die 1968er-Bewegung erlebte, fand in hemmungslosem und provokativem sozialen Verhalten ihre Protestform und drückte im soziokulturellen Schock und in der Verbreitung der Alternativkultur ihre Unzufriedenheit mit dem konservativen und traditionellen Ethos ihrer Eltern aus. Als junge Menschen ihrer Zeit sind Ullrich und Lenz keine Ausnahme von der Regel. Die Veränderungen, die sich im soziokulturellen Bereich am Ende der 1960er-Jahre zeigen, sind auch für die individuellen Veränderungen der beiden bestimmend, und zwar sowohl auf der emotionalen wie auf der sexuellen Ebene.

Im Falle von Heißer Sommer werden die Liebesbeziehungen, die Ullrich im Verlauf des Romans hat, dargestellt. Von den längeren Beziehungen bis zu den kurzen Abenteuern tragen sie zur persönlichen Entwicklung des Protagonisten bei und verfolgen auch die allmähliche Entfernung der Studentengeneration vom soziokulturellen Status quo während der aufrührerischen Jahre der Revolte.

Zu Beginn der Handlung durchläuft Ullrich eine Krise, in der er sowohl über sein Studium als auch über sein Privatleben reflektiert. Dabei wird er von Zweifeln geplagt, die ihn über seine Beziehung zu Ingeborg nachdenken lassen. Mit dieser Studentin hatte er bis zum Sommer 1967 eine feste Beziehung. Im Laufe der Zeit ist der Protagonist mit der auf Treue und Verbindlichkeit gründenden Beziehung unzufrieden und verliert das Interesse – zwei Anzeichen, die als Symptome des Endes seiner Leidenschaft vorkommen. Der Drang, sich zu befreien, lässt Ullrich nach sexuellen Abenteuern suchen: Sowohl mit Gaby, einer Frau, die er eines Nachts in einer Bar kennenlernt, als auch mit anderen Frauen, zeigt er sich kühner und lässt sich von den momentanen Gefühlen mitreißen.1 Bewegt von dem Wunsch, sich zu amüsieren und neue unverbindliche Erfahrungen zu machen, scheint der Protagonist von Flirt zu Flirt mehr Vertrauen in den gewählten Weg zu bekommen – einen Weg, der von der Flucht vor der Routine der Traditionen und vor den guten Sitten, die ihn abstoßen und unterdrücken, geprägt ist.

Von den zufälligen Begegnungen, die im ersten Teil des Romans vorkommen, scheint Christa die einzige Ausnahme zu sein – eine Studentin aus der höheren Mittelschicht, die Ullrich am Ende des Sommers 1967 kennenlernt und mit der er die Entschiedenheit teilt, nach Hamburg umzuziehen: Dort will er sein Studium fortsetzen und sie die Ungewissheiten ihres Liebeslebens auflösen (vgl. HS: 98f.). Nach einem kurzen und angespannten Aufenthalt in Braunschweig, wo Ullrich mit seinem wenig verständnisvollen Vater über die Gründe seines Studienortswechsels diskutiert, versteckt Ullrich seinen Wunsch nicht, Christa in Hamburg weiter zu sehen und mit ihr zusammen zu sein, allerdings ohne Verpflichtung für beide Seiten.

In Hamburg wird Ullrich deutlich, dass das Lebensmodell der dortigen jungen Generation die Abwesenheit von Konventionen in den Liebesbeziehungen und der Wunsch, öffentlich die etablierten Sitten herauszufordern, zu sein scheint. Fasziniert von der offenen und kosmopolitischen Studentenatmosphäre dieser Stadt, lässt er sich von der Mode und von der alternativen Musik der Gegenkultur begeistern und kleidet sich wie ein junger Rebell der 1968er: Zum Klang der Rhythmen des Rock’n’Rolls trägt er Jeans, Parka und lange Haare, experimentiert mit den Drogen der Zeit und lebt die freie Liebe. Mehr noch: Je politisch aktiver Ullrich wird und je mehr sich sein Interesse für die vom SDS organisierten Protestaktionen verstärkt, desto ungehemmter wird er in Bezug auf Liebesbeziehungen, da Hemmungs- und Bindungslosigkeit der Schlüssel zum Erfolg bei den jungen Frauen zu sein scheinen. Zunächst in spontanen Begegnungen mit jungen Frauen in der Studentenkneipe Cosinus (vgl. HS: 142) und später nach dem Einzug in die Kommune mit Conny, Petersen und Erika gibt sich Ullrich dem sex, drugs & rock’n’roll hin und lernt die sexuelle Befreiung kennen.2 Im Zusammenleben von Männern und Frauen in gemischten WGs, in der freien Liebe ohne Tabus und in »Emanzipationsversuch[en; IG]« (ebd.: 155) wie Gruppensex, wollen Ullrich und sein Freundeskreis den herrschenden Sozialkodex von Liebesbeziehungen umstoßen. Sie machen aus ihren Erlebnissen Protestformen gegen das bürgerliche, traditionalistische und konservative Establishment ihrer Eltern.

Im dritten Teil des Romans markiert die Abkühlung des revolutionären Impetus des SDS bei Ullrich eine Phase wachsender Unzufriedenheit mit der Studentenbewegung. Diese zeigt sich nicht nur im politischen Bereich, sondern auch im Persönlichen, wo sein Einverständnis mit dem alternativen Lebensstil der roaring sixties allmählich abnimmt. Seine Erfahrung als Fabrikarbeiter und seine Entfernung vom Studentenmilieu geben ihm die Reife, über die flüchtigen und von ihm rein sexuell erlebten Beziehungen zu reflektieren sowie über die daraus entstehende Leere, die er empfindet (vgl. ebd.: 244). Außerdem schafft er es nicht, für das Leben ohne Verpflichtungen und Verantwortungen begeistert zu bleiben: Weder die Beziehung zu Renate – die Verfechterin der freien Liebe und der offenen Beziehungen (vgl. Weisz, 2009: 49) – noch das Zusammenleben mit Nottker und Christian in der neuen Wohngemeinschaft bringen ihm den früheren Enthusiasmus für den Lebensstil des peace & love. Ganz im Gegenteil: So wie er eine ausgewogene Haltung im Hinblick auf seine politischen Überzeugungen gefunden hat, scheint er auch emotional reifer geworden zu sein. Als am Ende des Romans sein Wunsch, nach München zurückzukehren und Lehrer zu werden, klarer wird, wird auch Ullrichs Entscheidung deutlich, sich von Renate und von seinen Freunden zu trennen (vgl. HS: 325). Dies bedeutet auch, sich von dem Hippieleben und dem Dogma der permissiven und emotionslosen Beziehungen zu entfernen.

Wie in Heißer Sommer kommen auch in Lenz durch die Liebesbeziehungen des Protagonisten unterschiedliche Züge der sexuellen Revolution vor. Dennoch, da die Handlung von Lenz in der Phase des Abflauens der 1968er-Unruhen spielt, gibt es weniger Zeichen der Begeisterung der jungen Generation beim Kampf gegen den Status quo. Anders als in Heißer Sommer tauchen kontroverse Themen wie die Abtreibung ebenso wie die Drogenerfahrungen in Lenz nicht auf. Und auch die Erlebnisse der freien Liebe scheinen einen geringeren Raum in dieser Erzählung einzunehmen (der Protagonist hat auch viel weniger Liebesbeziehungen als Ullrich Krause). Mehr als von den Zügen des sex, drugs & rock’n’roll wird Lenz von den Reflexionen des Protagonisten über seine Identitätskrise und den fehlenden Lebenssinn sowohl im Politischen als auch im Privaten geleitet.3

Seine Unsicherheit in politischer Hinsicht entsteht aus der Enttäuschung über die kollektiven Aktionen der Studentenbewegung. Der Grund für die Verunsicherung in emotionaler Hinsicht liegt aber vor allem im Scheitern der Beziehung mit L., einer jungen Frau mit der er zwei Jahre zusammen gelebt und von der er sich gerade getrennt hatte. Er ist unfähig, sich von der Obsession, die er noch für sie empfindet, zu befreien. Aufgrund dieser Obsession – die mehr von dem Zweifel erzeugt wird, ob er je wieder geliebt werden wird, als von der Trennung von L. (vgl. L: 25) – gerät Lenz immer mehr in eine depressive Verstimmung. Zum Teil sind der Freiheitswille und sein Wunsch, neue Erfahrungen zu machen, unvereinbar mit der von seiner ehemaligen Freundin eingeforderten Erfüllung ihrer Bedürfnisse nach Nähe und Liebe (vgl. ebd.: 56f.). Dieser Forderung kann Lenz nicht nachkommen, denn seine Erfahrung als intellektueller Aktivist und seine konsequente Politisierung im Verlauf der Studentenbewegung haben ihn seine emotionale Seite vernachlässigen lassen.4 Und nicht einmal die gelegentlichen und flüchtigen Beziehungen zu anderen Frauen befriedigen ihn in dieser ausweglosen Situation, die von dem Wunsch sowohl nach Unverbindlichkeit als auch nach liebevollen Beziehungen gekennzeichnet wird. Ein Beleg dafür ist Marina, mit der er sich sexuell einlässt. Sie ist an politischen Diskussionen und der Teilnahme an Aktionsgruppen interessiert und mit einer Beziehung ohne Zwänge und Ansprüche einverstanden. Wenige Tage später, nachdem Lenz Marina auf einem Fest gesehen hat, besucht er sie in ihrem Haus. Als sie anfängliche Zweifel überwunden hat, sich jemandem, den sie kaum kennt, hinzugeben, schlafen sie miteinander. Wie Lenz argumentiert: »Es gibt nur ein paar Arten, sich kennenzulernen, wenn man miteinander arbeitet, wenn man zusammen spinnt, wenn man sich anfaßt« (L: 12). Beim ersten Zusammentreffen wie bei den folgenden wird dennoch deutlich, wie unwohl sich Lenz in gefühlsarmen Beziehungen fühlt. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die einzigen Momente, in denen er sich Marina nähert, diejenigen sind, in denen er sie zu seiner Vertrauten macht: Er öffnet sich ihr gegenüber, spricht von seinen Problemen mit L. und hört ihr zu, als sie von ihren Empfindungen und Wünschen erzählt.

Angetrieben von dem Willen, sein Liebesleben weiter zu entpolitisieren und eine Lösung für die Abwesenheit emotionaler Nähe zu denen, die um ihn sind, zu finden, beginnt Lenz, schon in Rom angekommen, ein Verhältnis mit Pierra. Die Spontaneität der Italienerin, ihre Fähigkeit, leicht mit allen in sozialen Kontakt zu treten und ohne Einschränkungen ihre Gefühle auszudrücken, faszinieren ihn. Dieses Verhalten und dieser Lebensstil waren ihm unbekannt.5 Trotz der Unvereinbarkeit zwischen dem nachdenklichen und introvertierten Lenz und dem impulsiven Charakter von Pierra kann er sich ihr gegenüber öffnen: Er spricht über seine vergangenen Erlebnisse, lernt, sich von der Angst, Gefühle zu äußern, zu befreien und findet in ihr eine »geschwisterliche Beziehung« (L: 86). Sie hilft ihm, seine Obsession zu L. zu überwinden und ein Gleichgewicht zwischen Denken und Fühlen, zwischen Rationalität und Emotionalität zu finden.

Die Zeit in Rom, in der er wichtige Fragen seiner Existenz verarbeiten konnte, ist entscheidend für den Fortgang im Leben des Protagonisten, der sich in emotionaler Hinsicht selbstsicherer fühlt. Dies wird besonders klar, als Lenz die Gelegenheit hat, sich in die Trientiner Studentenbewegung wieder zu integrieren. Dort lebt er täglich mit anderen Studenten zusammen, mit denen er nicht nur über Politik diskutiert, sondern auch Persönliches teilt in jener ersehnten Nähe, die er in den Betriebs- oder Freundesgruppen in Berlin nie erreicht hatte. Während dieser Monate versteckt er nicht seine Bewunderung für die Offenheit der italienischen Studenten, über verschiedene Angelegenheiten zu sprechen, seien sie politischer oder persönlicher Art. Nach der Zeit der Orientierungslosigkeit während der studentischen Unruhen in der Bundesrepublik scheint Lenz im Zusammenleben mit den jungen Italienern und deren Fähigkeit, den politischen Aktivismus mit dem Privatleben zu vereinen, den Schlüssel für sein emotionales Gleichgewicht gefunden zu haben. Diese Ausgeglichenheit gibt ihm bei seiner Rückkehr nach Berlin Vertrauen in sich selbst und lässt ihn mit gewissem Optimismus auf einen neuen Lebensabschnitt in der Bundesrepublik blicken.

Obwohl Heißer Sommer und Lenz in verschiedenen Phasen der Jugendproteste Ende der 1960er-Jahre ihren Schwerpunkt haben, zeigen beide in erster Linie die Probleme und Zweifel einer Generation, die sich zum Ziel setzte, mit den etablierten Werten und Sitten zu brechen. In Hamburg zeigen Ullrich und seine Freunde auf dem Gipfel der Studentenrevolte das intensive Erleben des sex, drugs & rock’n’roll und bringen dabei Themen wie die Abtreibung und das Experimentieren mit Drogen und mit der freien Liebe ins Spiel. Lenz ist introspektiver: Während er sich mit den Nachwirkungen dieser durch Exzesse geprägten Phase konfrontiert, versucht er, mit den persönlichen Auswirkungen der revolutionären Ideale umzugehen. Trotz dieser Unterschiede ist es wichtig festzuhalten, wie die Erfahrungen der sexuellen Revolution und des Wandels der Lebensweisen eine entscheidende Rolle spielen bei der individuellen Entwicklung und (Wieder-)Entdeckung der Identität jedes Protagonisten. Keiner von beiden lässt sich unkritisch von den Tendenzen der Gegenkultur oder vom sexuellen Befreiungsfieber als Phänomen der Emanzipation anstecken: Sowohl Ullrich als auch Lenz hinterfragen die Effekte der freien Liebe, besonders als sie das Flüchtige und die Gefühllosigkeit rein sexueller Beziehungen erkennen. Im Grunde ist es genau dieser Zugang zum Inneren der Protagonisten, zu ihren Wünschen, Beunruhigungen, Ängsten und Widersprüchen, der zu einem individualisierten Bild der von vielen Mitgliedern der jungen Generation erlebten Alternativkultur am Ende der 1960er-Jahre beiträgt.

2.2 Derrière la vitre von Robert Merle
2.2.1 Derrière la vitre und die literarische Darstellung der französischen Studentenbewegung

Im Mai 1968 durchbrach die Jugendrevolte gegen die konservative Politik von de Gaulle die Mauern der Universität und ergoss sich ins öffentliche Leben bis zu dem Punkt, an dem sie die politische und soziokulturelle Aktualität Frankreichs dominierte. Studenten und Intellektuelle, Journalisten und Soziologen, Politiker und normale Bürger – jünger oder älter, links oder rechts –, niemand konnte angesichts der Besetzungen von Universitätsgebäuden, des gewaltigen Zusammenstoßes zwischen jungen Menschen und Polizei, der Generalstreiks und auch der Massendemonstrationen in den Straßen von Paris und anderen großen Städten des Landes gleichgültig bleiben. Motiviert durch politische Fragen und zahlreiche kulturelle Impulse (oft gewagt und avantgardistisch, aufrufend zu Phantasie und Kreativität) wurden diese Szenen einer täglichen Rebellion während der kritischen Monate Mai und Juni 1968 schnell nicht nur zu einem Symbol für die Utopie einer Jugendbewegung, sondern auch zum Spaltungsthema in der Gesellschaft (siehe Kapitel 1.3). In dieser Zeit lebte Frankreich an der Grenze zum Ausnahmezustand, in einer Atmosphäre andauernder Unruhen, die sich erst mit den Parlamentswahlen Ende Juni 1968 und dem darauffolgenden Sieg der Gaullisten beruhigte. Dieses Ereignis beendete die Hoffnung der jungen Generation und der Mehrheit der Aktivisten und Sympathisanten der Linken auf einen politischen und wirtschaftlichen Wechsel. Dennoch vermochte es es nicht, die (fast zu einem Mythos erhobene) Symbolkraft der Jugendrevolte in jener Zeit des Aufruhrs auszulöschen.

Das Interesse an den Ereignissen der Studentenrebellion von Mai 68 und an den Protesten der Arbeiter auf den Straßen verblasste nicht, selbst nachdem die Barrikaden abgebaut und die Demonstrationen aufgelöst waren. Es fand auch in der Literatur Widerhall. Die 1968er-Revolte wurde von vielen Schriftstellern der Zeit als attraktives Thema voller Symbolkraft angesehen (vgl. Combes, 2008: 154f.) und vom ersten Moment an als literarisches Sujet angenommen. Besonders am Ende der 1960er-Jahre und bis in die Mitte der 1970er war sie Thema in zahlreichen Romanen, die die unterschiedlichen Facetten der Studentenbewegung und die Erfahrungen der Dissidenten im Kampf gegen das Establishment in jenen bewegten Zeiten aufzeigten. Nach Patrick Combes bilden die literarischen Werke, die die 1968er-Revolte zum Thema hatten, einen umfangreichen Korpus (vgl. ebd.: 154). Ohne jemals genau zu benennen, welche und wie viele Romane zu diesem Korpus gehören, spricht Combes von einer umfangreichen literarischen Produktion (vgl. ebd.) nach 1968, wobei 1971 das Jahr mit den meisten Publikationen gewesen sei (vgl. ebd.: 156).1 Ingrid Eichelberg ihrerseits präsentiert in der Studie Mai ’68 in der Literatur. Die Suche nach menschlichem Glück in einer besseren Gesellschaft eine Sammlung von Kurzporträts von sechzig Romanen, die zwischen 1966 und 1984 veröffentlicht wurden (vgl. Eichelberg, 1987: 168–176). Sie alle werden von der Autorin als »Mai-Romane« bezeichnet, weil es sich um Romane handelt, die sich auf die Ereignisse der 1968er-Revolte und der Zeit danach beziehen (vgl. Eichelberg, 1987: 23).2

In diesen Romanen werden die Ereignisse vom Mai 68 von den Autoren auf unterschiedliche Weisen wiederbelebt. Dabei werden die politischen Überzeugungen der Jungen und der Alten, die verschiedenen Erfahrungen des Phänomens der Gegenkultur und die Überlegungen darüber, was mit der Studentenrevolte und der Arbeiterbewegung gewonnen oder verloren wurde, einander gegenübergestellt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich diese literarische Produktion stark durch Heterogenität und eine Vielzahl von Inhalten auszeichnet, wie Patrick Combes ausführt:

Mai est tantôt l’objet d’une fresque réaliste, tantôt un prétexte à variations sur le thème de la politique-fiction ; tandis que certains romans s’emploient à en refléter passivement le seul aspect factuel, spectaculaire, c’est à la genèse ou aux conséquences profondes de la crise que d’autres s’attachent […]. De la présence explicite de la crise à sa transposition dans l’imaginaire, en passant par l’allusion fugitive, les choix, les mobiles, les effets, sont multiples, qu’il est malaisé par nature de saisir. (Combes, 2008: 156)

[Der Mai ist jeweils Objekt eines realistischen Rahmens und jeweils ein Vorwand für die Variationen über das Thema der Polit-Fiktion; während einige Romane ausschließlich den faktischen, spektakulären Aspekt passiv widerspiegeln, befassen sich andere mit der Entstehung oder mit den tiefen Ursachen der Mai-Krise […]. Von der expliziten Präsenz der Krise bis zu ihrer Umsetzung in das Imaginäre mitsamt flüchtigen Anspielungen, gibt es zahlreiche Wahlmöglichkeiten, Motivationen, Effekte, die von Natur aus schwierig zu fassen sind.]

Trotz dieser Heterogenität ist es bemerkenswert, dass es Züge gibt, die diese Romane miteinander teilen. Einer dieser gemeinsamen Züge ist die Frage nach der Veränderung der Gesellschaft und der Suche nach einem besseren Leben. Diese Frage ist ein Leitmotiv der meisten dem Mai 68 gewidmeten Romane (vgl. Eichelberg, 1987: 17). Darüber hinaus kann diese gewisse Nähe der Romane auch durch die Verarbeitung ähnlicher Aspekte belegt werden, wie zum Beispiel die soziale Herkunft der Rebellen und ihre Motivation für die Revolte, die Widersprüche der Studentenbewegung und/oder die von den unterschiedlichen Aktivisten erlebte Identitätskrise (vgl. Combes, 2008: 165–167). Neben diesen Aspekten darf nicht vergessen werden, wie jeder Roman bestrebt ist, die Ereignisse in Bezug auf die Studentenbewegung, die soziopolitische Krise und die Zeit nach dem Mai 68 zu dokumentieren. Ingrid Eichelberg bemerkt dazu: »[…] [diese Romane; IG] veranschaulichen Folgen und Problematik dieser Bewegung, Reformbemühungen und utopische Gesellschaftsideale am Leben der Personen und Gruppen in einem fiktiven, der Realität nachgebildeten Wirklichkeitsausschnitt« (Eichelberg, 1987: 12). Diese Tendenz zur getreuen Darstellung der Ereignisse und ihre Nähe zur historischen Realität kann tatsächlich eine der kritischsten Beurteilungen erklären, die man in Bezug auf die Mehrzahl dieser Romane macht: Da sie wenig bis gar nicht innovativ in literarisch-ästhetischer Perspektive sind (vgl. Combes, 2008: 204), waren sie unfähig, mit der etablierten Literatur zu brechen oder dem Appell der 1968er zu Innovation und Erneuerung zu folgen.3

Ein weiterer erwähnenswerter Aspekt hängt mit den Verfassern dieser Romane zusammen. Im Gegensatz zur literarisierten Revolte in der Bundesrepublik war es nicht die Generation der jungen Autoren, die die ersten Romane der 1968er-Revolte verfasste: In Frankreich waren es tatsächlich schon etablierte Schriftsteller, die sich damit beschäftigten. Die meisten hatten Werke vor 1968 veröffentlicht, von denen viele literarisch ausgezeichnet worden waren, und schrieben diese Mai-Romane im Rahmen einer fortwährenden literarischen Karriere (vgl. Combes, 2008: 205).4 Ob sie die Revolte bejahten oder ablehnten, legten diese Autoren ein persönliches Zeugnis jener Epoche ab und erschufen mit mehr oder weniger autobiographischen Spuren die 1968er-Ereignisse in ihren Romanen neu – vor, während und nach der Mai-Krise.5

Zu dieser Schriftstellergruppe gehört Robert Merle, der Autor von Derrière la vitre. Während die Bewegung vom Mai 68 in die Universitäten einzog, arbeitete Merle als Professor für englische Sprache und Literatur in der neuen geisteswissenschaftlichen Fakultät der Sorbonne in Nanterre. So konnte er vor Ort die Studentenbewegung mitverfolgen. Trotz seines Alters von 59 Jahren und der langen akademischen Karriere interessierte er sich für die Protestaktionen der Studenten auf jenem Campus, auf dem die Pariser Revolte begann, und solidarisierte er sich mit ihren Bemühungen, das akademische System zu verändern.6 Dieser in Algerien geborene französische Schriftsteller hat im Verlauf seiner Universitätslaufbahn seine Sympathie für die Ideale der Linken nie verheimlicht. In der Tat brachten ihm die Nähe zu den Idealen der Kommunistischen Partei Frankreichs während einer Phase seines Lebens (später distanzierte er sich davon) und der Umstand, dass er Artikel für die Zeitung Libération schrieb, einige Probleme im akademischen Milieu (vgl. Merle, 2008: 248). Als Autor verschiedener Romane, besonders historischer Romane, beschäftigte er sich oft mit zeitgenössischen Problemen und klagte sie an: Die Kritik am Nationalsozialismus,7 an autoritären und kolonialen Systemen und an der Rassendiskriminierung kehrte häufig in seinen Werken wieder und führte dazu, dass er als engagierter Autor galt (vgl. Eichelberg, 1987: 25f.; Wattel, 2018: 28). Diese Ausrichtung der Literatur als Medium sozialer Intervention lässt sich besonders in seinem Roman Un animal doué de raison [Ein vernunftbegabtes Tier] bemerken. Dieser politisch-fiktionale Roman aus dem Jahre 1967 ist stark vom Geist der antiamerikanischen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und der Kritik am Materialismus und an den autoritären Strukturen des Establishments geprägt (vgl. ebd.: 26). Später, im Jahre 1970, wird Merles Derrière la vitre veröffentlicht – ein Roman, der von Beginn seiner Publikation an Kontroversen hervorrief (vgl. Merle, 2008: 281) und der vorrangig die Studentenbewegung in Nanterre einige Wochen vor dem Ausbruch vom Mai 68 in den Straßen von Paris behandelt. Der Autor selbst schreibt im Vorwort, dieser Roman habe als Ausgangspunkt ein vorheriges Projekt von 1967, in dem er über den Alltag der jungen Generation auf dem Campus von Nanterre schreiben wollte. Mit den Ereignissen vom Mai 68 und dem antiautoritären Kampf der jungen Generation gewann aber dieses Projekt eine neue Dimension:

Les événements de Mai donnèrent un caractère nouveau à mon entreprise, sans la changer radicalement. Mon projet était de décrire la vie quotidienne des étudiants à Nanterre, et cette vie resta, bien entendu, quotidienne pour la majorité d’entre eux, même quand la contestation des éléments actifs prit tout d’un coup un tour dramatique. C’est pourquoi, à la réflexion, je choisis comme objet de mon récit la journée du 22 mars 1968. Pour les douze mille étudiants de Nanterre, ces vingt-quatre heures n’eurent rien d’exceptionnel. Ils vécurent cette journée comme tant de jours semblables d’un deuxième trimestre éprouvant qui tirait à sa fin. Par contre, pour cent quarante d’entre eux, le 22 mars s’acheva par l’occupation de la tour administrative et de la salle du Conseil des professeurs. (DV: 10)

[Die Mai-Ereignisse gaben meinem Unternehmen einen neuen Charakter, änderten es aber nicht von Grund auf. Mein Plan sah vor, das alltägliche Leben der Studenten in Nanterre zu beschreiben, und dieses Leben blieb für die meisten von ihnen auch dann alltäglich, als das Aufbegehren der auf Veränderung drängenden Kräfte plötzlich eine dramatische Wende nahm. Darum habe ich den Tagesablauf des 22. März 1968 zum Gegenstand meines Romans gewählt. Für die zwölftausend Studenten von Nanterre hatten diese vierundzwanzig Stunden nichts Außergewöhnliches. Für sie glich dieser Tag all den anderen Tagen eines schwierigen zweiten Trimesters, das bald vorüber war. Für hundertvierzig von ihnen endete der 22. März hingegen mit der Besetzung des Verwaltungsturms und des Konferenzsaales der Professoren. (Hinter Glas, 1974: 6)8]

Derrière la vitre wird als eine der besten literarischen Reinszenierungen der Mai-Revolte (vgl. Combes, 1984: 148, Combes, 2008: 161; Eichelberg, 1987: 23) angesehen. Es ist ein herausragender Fall unter den Romanen des unmittelbaren Nach-Mai. Er ist in der Tat der einzige Roman im Rahmen der französischen Literatur über die Ereignisse im Mai 1968, der das absolute Primat des Erlebens der Studentenbewegung in den damaligen universitären Kontext setzt. In ihrer Studie über die Mai-Romane hebt Ingrid Eichelberg Derrière la vitre als Referenzroman hervor (vgl. Eichelberg, 1987: 25) und widmet ihm ein ganzes Kapitel. In den anderen von der Autorin untersuchten Romanen werden die Ereignisse, die mit der 1968er akademischen Bewegung und dem antiautoritären Kampf in den Universitäten zusammenhängen, entweder ignoriert oder spielen nur eine untergeordnete Rolle. Sie konzentrieren sich auf die Auswirkungen der 1968er-Revolte, wie die Arbeiterbewegung oder die Identitätsprobleme der jungen Intellektuellen nach Mai 68 (siehe Fn. 46 im Kapitel 2.2.1). Indem Derrière la vitre den Anfang des Aufruhrs in Nanterre fokussiert, der noch weit entfernt ist von den Szenen an den Barrikaden und den Lagerkämpfen zwischen den jungen Menschen und der Polizei, stellt er eine originelle Perspektive auf den Ausbruch der akademischen Revolte dar sowie ein vielseitiges Bild der Studenten und Professoren, der Befürworter und Gegner der Revolte. In den Worten von Combes:

C’est peut-être chez lui [le roman de Merle ; IG], hors de toute la considération esthétique, qu’on pourrait chercher, si nécessaire, de quoi expliquer et revivre les mentalités, les dialogues, les mouvements complexes qui président à l’événement [de la révolte ; IG]. (Combes, 2008: 161)

[Es ist vielleicht bei ihm [im Roman von Merle; IG], unabhängig von ästhetischen Maßstäben, wo man, wenn nötig, etwas suchen könnte, um die Mentalitäten, die Dialoge, die komplexen Bewegungen, die das Ereignis [der Revolte; IG] leiten, zu erklären und wieder erlebbar machen.]

Im Folgenden soll gezeigt werden, wie in Derrière la vitre die 1968er-Revolte in Frankreich gleichermaßen deskriptiv und kritisch reflektiert erneut belebt wird. In diesem Roman vermischen sich Episoden des antiautoritären Kampfes der Studenten mit der persönlichen Geschichte verschiedener Figuren. So entsteht ein Porträt mit zahlreichen politischen und soziokulturellen Abtönungen, die dem politischen und soziokulturellen Bruch mit dem akademischen Leben am Ende der 1960er-Jahre nahekommen.

2.2.2 Erzählstrategien

Für die literarische Bearbeitung der vielen Facetten der 1968er-Jugendrevolte spielen die Erzählstrategien eine entscheidende Rolle, um aus Derrière la vitre ein Romanmosaik zu machen: Ein Mosaik, das aus verstreuten Stücken besteht, die der Leser zusammenfügen soll. Merles Roman stellt ein fiktionalisiertes Bild jener Zeit dar, indem reale zeitgeschichtliche Geschehnisse in die Erzählwelt gebracht werden, die die Diegese prägen und sich mit der individuellen Wirklichkeit der verschiedenen Figuren verweben. Dabei besteht jedoch ein gewisser Mangel von Ereignissen im Text, die mit der Studentenrevolte zu tun haben. Zusammen mit der Beschränkung dieser Ereignisse auf einen einzigen Ort (der Campus von Nanterre) und auf einen einzigen Tag (der 22. März 1968) trägt dies dazu bei, dass die Erlebnisse der unterschiedlichen Figuren mehr Bedeutung im Romangeschehen erhalten (vgl. Hocke, 1973: 166). Die ideologische Spaltung der jungen und der älteren Generation wird auf diese Weise durch die individuellen Geschichten der zahlreichen Figuren rekonstruiert (vgl. Combes, 2008: 161), ebenso wie durch die einzelnen Ausrichtungen der Studentenrevolte selbst:

Through its multiple stories, fictional and non-fictional, the major themes of politics, class, and sexuality are treated. Gauchiste themes are well represented too: the political nature of knowledge, knowledge serving the interests of the bourgeoisie; workerism; Vietnam; police-state; repressive sexualities; the need for provocation and contestation. (Attack, 1999: 39)

Diese Behandlung zahlreicher politischer, sozialer und kultureller Fragen wird hauptsächlich durch die ausgewählte Technik der simultanen Erzählung ermöglicht. Wie Robert Merle im Vorwort klarstellt, schien ihm diese Erzählstrategie als die richtige, um der Vielzahl von Figuren – Studenten und Professoren von Nanterre, mit ihren eigenen Lebensgeschichten – eine Stimme zu geben (vgl. DV: 11f.). Indem er sich auf die Sorgen, Überzeugungen und Überlegungen der Studenten und Professoren konzentriert, rückt Merle die kleinen, individuellen und persönlichen Welten in den Vordergrund, die im akademischen Umfeld Ende der 1960er-Jahre nebeneinander existierten. Er macht es nach eigenen Aussagen, um die Einsamkeit an der Universität freizulegen (vgl. ebd.: 11f.). Dies ist im Roman ein zentrales Thema im studentischen Alltag von 1968, ein Ergebnis des Fehlens von Kommunikation und Kontakt zwischen den Mitgliedern der zwei sich in jener Zeit gegenüberstehenden Generationen.1

Der Zugang zum Inneren der Figuren findet auch durch die ständig wechselnde Erzählperspektive statt. Die subtilen Gestaltungen der Erzählsituationen in Derrière la vitre, mit großem Nachdruck auf die personale Erzählsituation (der Terminologie von Stanzel entsprechend) und auf die der ersten Person, tragen zu der besonderen Lebendigkeit des Romans bei und ermöglichen eine gewisse Nähe zu den Figuren (vgl. Hocke, 1973: 170). Diese Variationen in der Erzählstimme lassen sich in folgendem Ausschnitt lesen, in dem der Literaturstudent Lucien Ménestrel über die jüngsten Momente des Aufruhrs auf dem Campus von Nanterre nachdenkt:

Ménestrel rit tout seul en mâchonnant le pain un peu mou. Les bancs, les fameux bancs, que les types des groupuscules, le mois dernier, ont mis en pièces pour s’en faire des armes contre la police. Les groupuscules, moi, je me les mets où je pense. D’ailleurs, la politique. Mais insulter le doyen, pas d’accord. Cependant, quand les agents se sont rappliqués, je me suis mis dans le coup, à mon avis on ne peut quand même pas tolérer la flicaille ici, ce serait la fin de tout. Et le doyen, là, il a loupé le virage, on l’appelle « flic » et il appelle les flics!

Ménestrel regarda avec déplaisir la dernière bouchée de son hot-dog. On se disait, il faut économiser, mais non, ce n’est pas possible, c’est la dernière chose qu’on peut faire. Il ralentit à nouveau l’allure. (DV: 134f.)

[Ménestrel lachte in sich hinein, während er sein nicht gerade knuspriges Brötchen verzehrte. Die Bänke, die berühmten Bänke, die die Grüppchen im vorigen Monat zertrümmert hatten, um sich Waffen gegen die Polizei draus zu machen. Die Grüppchen, die können mir gestohlen bleiben. Überhaupt, die ganze Politik. Den Dekan beschimpfen, nein, da hört der Spaß auf. Aber als die Polizei ankam, habe ich mitgemacht, denn was hatte die Polente hier zu suchen, das war ja wohl das letzte. Da hat sich der Dekan ganz schön vergaloppiert, sie schimpfen ihn »Flic«, und er ruft die Flics!

Ménestrel blickte bekümmert auf den letzten Bissen seines Würstchens. Man sagt sich: du mußt sparen, aber es geht nicht, man kann’s einfach nicht. Er verlangsamte seine Schritte von neuem. (Hinter Glas, 1974: 97)]

Die Begleitung der Figuren aus einer nahen Perspektive wird auch in der linguistischen Stilebene deutlich, die sowohl Jugendsprache als auch den gehobenen akademischen Diskurs der Professoren beinhaltet. Diese sprachliche Unterscheidung akzentuiert die Spaltung zwischen der jungen und der älteren Generation auf dem Campus und verstärkt gleichermaßen die Realitätsnähe des Romans. Birgit Hocke schreibt dazu:

Obgleich ihre Grundsituation die gleiche ist (Manipuliertheit, Vereinzelung, Lebensüberdruß, Tatunfähigkeit, Liebesunfähigkeit), treten sie in ihrem – jeweils als Variation auf dasselbe Thema verstandenen – Verhältnis zur Wirklichkeit plastisch hervor. Der Leser wird tatsächlich vertraut mit ihren Denkweisen, Lebensgewohnheiten und Moralauffassungen. Als Meister der Sprache gibt Merle ihnen vor allem durch ihre eigenständige Sprechweise und durch die sorgsame Beschreibung ihres Habitus, ihrer Gesten und ihrer Stimme ein besonderes Profil (Hocke, 1973: 166).

Neben der Sprache sind Elemente wie das Auftreten historischer Persönlichkeiten,2 die genaue Beschreibung des Campus in Nanterre und die Sorgfalt bei der Darstellung verschiedener politischer Ausrichtungen und soziokutureller Verhaltensweisen (auch wenn sie widersprüchlich sind) Zeichen der fast dokumentarischen Sicht von Derrière la vitre auf den akademischen Mikrokosmos, wo die 1968er-Jugendrevolte beginnt.

2.2.3 Der Vorabend des akademischen Aufruhrs in Nanterre: der Fokus von Derrière la vitre

In Derrière la vitre werden die Momente des akademischen Aufruhrs vor dem Ausbruch des Mai 68 in Paris nicht anhand eines einzigen Protagonisten, sondern anhand einer breit gefächerten Gruppe junger und älterer Hauptfiguren nachgezeichnet. Die erzählte Zeit erstreckt sich im Wesentlichen auf den 22. März 1968, den Tag, an dem sich die revoltierenden Studenten der Fakultät für Geisteswissenschaften in Nanterre zu einer Protestaktion versammeln. Dies ist der Beginn der Studentenrevolte im Frühjahr 1968. Die Diegese umfasst die Ereignisse dieses Tages vom Morgengrauen bis in die Nacht. In jedem der elf Teile, aus denen der Roman zusammengesetzt ist, werden in Form von kurzen Kapiteln die individuellen Erlebnisse der Studenten, der Professoren oder sogar von Figuren des außeruniversitären Milieus wie die algerischen Bauarbeiter, die auf der Baustelle des Campus von Nanterre arbeiten, ins Licht gerückt. Alle diese Figuren sehen sich während dieser knapp vierundzwanzig Stunden direkt oder indirekt in die studentischen Kämpfe involviert. Durch eine nahe und individualisierte Beschreibung des Alltags, der Seminare und Vorlesungen und der Gespräche mit anderen Kollegen hat man Zugang zu dem Inneren der Akteure der Revolte – sowohl zu ihren politischen Motiven als auch zu ihren privaten Problemen.1

In diesem Roman sind die Figuren der jungen rebellischen Generation etwa zwanzig Jahre alt und studieren Sprachen und Kultur, Soziologie und/oder Psychologie in Nanterre. Jeder dieser Männer und Frauen durchlebt eine zugleich öffentlich wie privat bewegte Zeit: Persönliche Unsicherheiten in Bezug auf den erfolgreichen Abschluss ihrer Studiengänge, auf ihre berufliche Perspektive (oder den Mangel an Perspektiven) und auf Ängste im Liebesleben sind mit Gedanken politischer Art aus jenem historischen Moment verbunden. Aktivisten und Mitläufer, eher engagiert in der Revolte oder eher mit Persönlichem und Familiärem beschäftigt, bilden die jungen Figuren in Derrière la vitre ein heterogenes und vielfältiges menschliches Mosaik.2 Die einzelnen Teile dieses Mosaiks lassen sich durch ein gemeinsames Empfinden der jungen Menschen verbinden, und zwar eine Unzufriedenheit mit der Universitätsrealität, die sie tagtäglich auf dem Campus von Nanterre verspüren. Jener neuer Campus, der Mitte der 1960er-Jahre im Rahmen einer Welle des Fortschritts und der Erweiterung der Universitäten errichtet wurde, war nicht nur in der realen Welt das Zentrum für den Durchbruch der studentischen Unruhen der 1968er-Generation, sondern er ist es auch in der erzählten Welt. Anne Wattel erklärt wie folgt die Bedeutung von Nanterre als Bühne für die Revolte im Roman:

Merle se fait alors observateur ironique et distancié des ingrédients du cocktail explosif de 68, dans une France étouffoir, sclérosée. Car mai 68 – ses ingrédients, ses aspirations, ses contradictions, et ses limites – émerge en mars, à Nanterre. Par le seul prisme de Nanterre, un Nanterre carcéral, un Nanterre de la déliance à l’image de société gaullienne, Merle met en scène une « civilisation du verrou » […], une civilisation vitrifiée, pour reprendre le motif éponyme de la vitre qui dit à la fois la transparence et l’obstacle, la déliance et l’aspiration à une reliance à l’autre, au monde, une reliance qui suppose de briser la glace. (Wattel, 2015: 70)

[Merle ist ein ironischer und distanzierter Beobachter der einzelnen Bestandteile des explosiven 1968er-Cocktails in einem erstickten und verödeten Frankreich. Der Mai 68 mit seinen Bestandteilen, seinen Vorstellungen, seinen Widersprüchen und seinen Begrenzungen beginnt im März in Nanterre. Durch das einzigartige Prisma von Nanterre, eines geschlossenen Orts, eines Orts der Trennung wie die gaullistische Gesellschaft, stellt Merle eine »geschlossene Gesellschaft« dar […], eine Gesellschaft hinter Glas, um das Leitmotiv des Glases wieder aufzunehmen, das gleichzeitig Transparenz und Hindernis, Trennung und Streben nach einer Verbindung zum Anderen, zur Welt, andeutet, eine Verbindung, die den Glasbruch voraussetzt.]

Derrière la vitre kontextualisiert die Genese der Revolte und beginnt mit einer detaillierten Darstellung der Entwicklung von Nanterre in eine Universitätsstadt. Er zeigt ein Nanterre, das vor 1960 wenig mehr als eine Wüste vor den Toren von Paris gewesen ist (vgl. DV: 21), wo nur Bidonvilles auftauchen, d.h. Viertel mit Wellblechhütten, in denen die Gastarbeiter oft illegal und ohne finanzielle Mittel wohnen und ihren Lebensunterhalt in den Fabriken des Pariser Umlandes zu verdienen versuchen. Mit dem Anwachsen der Studentenzahlen an der Sorbonne in Paris zog die geisteswissenschaftliche Fakultät 1964 nach Nanterre auf einen im Bau befindlichen Universitätsstandort. Wie es im Roman zu lesen ist, führte dies in kurzer Zeit zu einer Veränderung der Stadt in eine »ville-usine, ville-dortoir et ville-universitaire« (ebd.: 25) [Fabrikstadt, eine Schlafstadt und Universitätsstadt]. Die Campusuniversität besteht aus geräumigen Glasbauten aus modernen und neuartigen architektonischen Entwürfen. Dieses neue Projekt sollte den Studenten eine bessere Infrastruktur bieten, um so dem Problem der überfüllten Hörsäle der alten Universität zu begegnen (vgl. ebd.: 23). Trotz dieses Vorhabens wurde auch Nanterre in kurzer Zeit zu einem überfüllten universitären Standort, in dem die mehr als 12 000 Studenten Tür an Tür mit den mehrheitlich algerischen Arbeitern der Wellblechsiedlung leben.3 Weit davon entfernt, sich auf diesem modernen Campus privilegiert zu fühlen und zufrieden zu sein, erleben diese Studenten im Roman die Einschränkungen eines Campus, der mehr einer Baustelle als einer Hochschule gleicht (vgl. DV: 38).4 Darüber hinaus spüren sie ein Gefühl der Isolierung, da sie von der lebendigen Hauptstadt entfernt und entfremdet neben den Bidonvilles, die die Fakultät umringen, leben sollen. Die Studentin Danièle Toronto meint:

Et qu’est-ce que ça veut dire, d’abord, Nanterre, pour un étudiant? Strictement rien. Qui de nous connaît la mairie, l’église, un seul des 40 000 ouvriers nanterrois, un seul des 10 000 Algériens des bidonvilles? Tous ces mondes existent côte à côte, sans fenêtre l’un sur l’autre. […] Elle pensa avec désespoir, trois mondes fermés, sans aucun contact. Nanterre, les bidonvilles, la Fac. Une juxtaposition de ghettos, et le pire de tous, la Fac. Dans les bidonvilles, au moins, ils se connaissent, ils s’entraident, ils sont malheureux ensemble. Ici, c’est l’isolement total, l’anonymat désolant. Personne n’existe pour personne. […] La solitude la plus irrémédiable, chacun enfermé dans son moi et sa pauvre histoire personnelle, oh, c’est affreux, c’est intolérable, je hais Nanterre! Ces buildings industriels, ce grouillement d’insectes, le gigantisme des amphis, et ce couloir surtout, ce couloir kafkaïen, inhumain, interminable. (DV: 135f.)

[Und was bedeutet Nanterre für uns Studenten? Genaugenommen nichts. Wer von uns kennt das Rathaus, die Kirche, einen einzigen der vierzigtausend Arbeiter der Stadt, einen einzigen der zehntausend Algerier in den Bidonvilles? Jede dieser Welten existiert für sich allein. […] Drei abgeschlossene Welten, dachte sie verzweifelt, ohne jeden Kontakt. Nanterre, die Bidonvilles, die Uni. Lauter Ghettos, und das schlimmste davon die Uni. In den Bidonvilles kennen sie sich wenigstens, sie helfen sich untereinander, sie sind gemeinsam unglücklich. Aber hier, totale Isolation, trostlose Anonymität. Keiner ist für den anderen da. […] Unabänderliche Einsamkeit, jeder in sein Ich und seine eigene klägliche Geschichte vergraben, oh, es ist schrecklich, unerträglich, ich hasse Nanterre! Diese Betonklötze, dieses Insektengewimmel, der Gigantismus der Hörsäle, und dieser Flur vor allem, dieser kafkaeske, unmenschliche, endlose Flur. (Hinter Glas, 1974: 98f.)]

Zusammen mit dem Missfallen an der industriellen Architektur und der fehlenden Öffnung des Campus von Nanterre zu den umgebenden Welten ist auch die innerhalb der Mauern der Fakultät erlebte Wirklichkeit unbefriedigend für die Studenten in Derrière la vitre. Sie beklagen sich über eine Massenabfertigung in der Lehre, die die Interessen und Motivationen jedes einzelnen jungen Menschen vernachlässigt, sowie über die unpersönlichen Beziehungen zwischen Studenten und Professoren. Die fehlende Nähe zwischen Studenten und Dozenten und das autoritäre Verhalten vieler Professoren gehören zu den hauptsächlichen Kritikpunkten der jungen Figuren in diesem Roman. Ein Beleg dafür ist ihr Aufbegehren gegen das Verhalten des Dekans der Fakultät, Pierre Grappin, den sie als »flic« und »nazi« ansehen (DV: 49). Ein anderes Beispiel ist die fehlende Meinungsfreiheit in den Seminaren von Rancé, der der Meinung ist, die Universität sei für die Professoren da und nicht für die Studenten (vgl. ebd.: 80). Weiterhin erleben die Studenten die Konsequenzen eines standardisierten Universitätssystems, das sie zum Erfolg in einer akademisch und beruflich durch Konkurrenz geprägten Welt zwingt. All diese Gedanken finden sich in den Äußerungen des Literaturstudenten Lucien Ménestrel:

[…] il regarda à l’horizon le chantier de la Fac de Droit, et sur sa droite, les cubes de béton de la Fac des Lettres. Verre, béton et aluminium, les cubes bien carrés et les fenêtres rectangulaires. L’immense usine à fabriquer des licenciés, rendement faible, très faible, 70 % d’échecs, et qu’est-ce qu’on faisait des déchets, et moi je peux pas me permettre d’être un déchet, ni de perdre ma bourse, ni de piétiner des années comme pion. (DV: 38f.)

[[…] er sah die Baustelle der Juristischen Fakultät am Horizont und seitlich die Betonblöcke der Phil-Fak. Glas, Beton, Aluminium, die Gebäude schön quadratisch, die Fenster rechteckig. Eine riesige Fabrik zur Herstellung von Lizentiaten, die Ausbeute war kläglich, sehr kläglich, siebzig Prozent fielen durch, und was wurde aus denen, die »abgeschossen« wurden, ich kann es mir nicht leisten, abgeschossen zu werden oder mein Stipendium zu verlieren oder Jahre als Einpauker zu verplempern. (Hinter Glas, 1974: 26)]

Diese Enttäuschung über das Bildungswesen und das Gefühl der Nichtteilhabe an den akademischen und administrativen Entscheidungen in der Universität werden zum Antrieb der Rebellen für die Revolte in Derrière la vitre. Die »enragés«, oder wildgewordene Studenten, wie sie Professor Rancé nennt (DV: 279), setzen sich dafür ein, sich auf einem Campus Gehör zu verschaffen, auf dem sich Studenten und Professoren seit März 1967 im Konflikt miteinander befinden (vgl. ebd.: 53).5 Zeichen für die zunehmende Verschärfung der Revolte sind die Vielzahl von linken Gruppen, seien sie kommunistisch, anarchistisch, marxistisch-leninistisch, trotzkistisch oder maoistisch, und die Organisation verschiedener Protestaktionen. Nach Monaten des Streiks, nach dem Eindringen in das Studentenwohnheim, dem Angriff auf den Dekan und dem Widerstand gegen die Präsenz der Polizei auf dem Campus entsteht jetzt eine neue Idee: den Verwaltungsturm und den Sitzungssaal des Professorenrates zu besetzen. In den Augen der Studenten symbolisieren diese zwei Orte die tyrannische, repressive, akademische Macht, der begegnet werden muss und die sich hinter den modernen Glasbauten von Nanterre befindet – jene Glasbauten, die mit einem Aquarium, einem Käfig aus Glas vom Professor für englische Sprache und Literatur Frémincourt verglichen werden in einer deutlichen Anspielung zum Titel des Romans (vgl. ebd.: 406).6 Diese Lust der jungen Figuren, eine solche Macht zu bekämpfen, kommt zum Ausdruck in den Worten vom politisch engagierten Studenten David Schultz:

David regarda avec colère, de l’autre côté de la terrasse, la tour administrative. Ce monument de prétention, ce chef-d’œuvre de hiérarchie verticale, ce symbole phallique de l’autorité répressive, et tout en haut de la tour, au huitième étage, l’immense baie vitrée du conseil des professeurs, chacun bien assis sur sa « chaire » et surveillant, comme du haut d’un mirador, les douze mille étudiants dociles, douze mille bêtes à parquer, à gaver de science « objective », à sélectionner en fin de parcours, et à restituer enfin à la société, transformées en parfaits petits cadres « apolitiques » et châtrés de la société capitaliste. […] Leur sélection, leur fameuse sélection de fin d’année et son rituel sadomasochiste sacré d’examen magique, c’est là qu’il fallait frapper. (DV: 121)

[David blickte zornig zum Verwaltungsturm auf der anderen Seite der Terrasse hinüber. Dieses Monument der Anmaßung, dieses Meisterwerk vertikaler Hierarchie, phallisches Symbol der repressiven Autorität, und oben auf dem Turm, im achten Stock, die riesige Glasfront vom Konferenzsaal der Professoren, jeder fest auf seinem »Stuhl«, jeder ein Wächter von der Höhe herab über zwölftausend gelehrige Studenten, zwölftausend Tiere, die man einpfercht, mit »objektiver« Wissenschaft mästet, am Ende des Durchlaufs einer Auslese unterzieht und schließlich auf die Gesellschaft losläßt, verwandelt in perfekte, für den kapitalistischen Apparat kastrierte »apolitische« Kader. […] Ihre Auslese, ihre berühmte Auslese am Ende des Studienjahrs mit dem geheiligten sadistisch-masochistischen Ritual der Wunderprüfung, da müßte man hineinschlagen. (Hinter Glas, 1974: 87f.)]

An dieser Protestaktion, die am Ende des Nachmittags stattfindet, nehmen circa einhundertfünfzig Studenten teil (vgl. DV: 383). Unter ihnen sind sowohl historische Persönlichkeiten wie Daniel Cohn-Bendit oder Xavier Langlade als auch fiktive Figuren wie der Anarchist David Schultz oder die Vertreter der Studentenvereinigung Union des Étudiants Communistes (UEC) [Kommunistischer Studentenverbund], Jaumet und Denise Fargeot.7 Trotz der unterschiedlichen Visionen und Strategien in Bezug auf die Ausrichtung der Revolte verbindet diese Figuren und ihre verschiedenen Gruppierungen, zu denen sie gehören, an diesem Tag ein gemeinsames Ziel: Sie wollen gegen die politisch motivierte Verhaftung von Xavier Langlade und anderer Aktivisten am 20. März 1968 protestieren, die verdächtigt wurden, den Sitz der US-amerikanischen Bank American Express in Paris während einer Demonstration gegen die US-Bombardements in Vietnam verwüstet zu haben (vgl. DV: 179). In der Tat gilt das Engagement nicht nur der Reform des Erziehungswesens und dem Machtkampf gegen die Universitätsprofessoren, sondern diese jungen Figuren mobilisieren sich auch aus politischen Gründen. Im Roman zeigt sich der Aufstand gegen das konservative Regime von de Gaulle beispielsweise deutlich, als 1967 der Minister für Jugend und Sport, François Missoffe, auf den Campus von Nanterre zu Besuch kommt.8 So ist es auch Anfang 1968 beim Protest gegen das Schweigen der französischen Gesellschaft angesichts der US-Greuel in Vietnam und bei den Solidaritätsbekundungen einiger Studenten hinsichtlich der Lage der illegalen Einwanderer und Bewohner der Bidonvilles, besonders im Falle des jungen Algeriers Abdelaziz. Alle diese Beweggründe einigen die Rebellen von Derrière la vitre und werden in einem von den Studenten verfassten Manifest am Ende der Versammlung im Raum des Professorenrats deutlich, in dem sie ihr Kampfziel äußern: »A chaque étape de la répression […] nous riposterons d’une manière de plus en plus radicale« (ebd.: 532; Hervorhebung im Original) [Auf jede Steigerung der Repression […] werden wir von Mal zu Mal radikaler zurückschlagen (Hinter Glas, 1974: 397)].

An jenem Tag ist die Revolte das einigende Thema, das alle Gespräche zwischen Studenten, Aktivisten, Nicht-Aktivisten, Professoren und auch sogar der Universitätsleitung bestimmt (vgl. Eichelberg, 1987: 29). Keiner bleibt unbeeindruckt von dem Willen der Studenten, inner- und außerhalb des Campus sich zu behaupten und gegen ihren Status als unbekannte junge Menschen zu kämpfen, den sie in den Augen der älteren Generation hatten (vgl. DV: 384). Mehr als durch eine gemeinsame Ideologie ist der 22. März geprägt durch die Infragestellung des Handelns der Autoritäten und durch die Entschlossenheit der »Wütenden« des Romans, das Establishment zu verändern. Diese Widerstandshaltung umfasst jedoch nicht nur den politischen Aktivismus, sondern genauso den sozialen und kulturellen Bruch mit dem Status quo.

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