Kitabı oku: «Unabwendbare Zufälligkeiten»

Yazı tipi:

Inge Borg

Unabwendbare Zufälligkeiten

Einen Sommer lang – im Netzwerk der Zufälle

Roman


Inge Borg

Unabwendbare Zufälligkeiten

Einen Sommer lang – im Netzwerk der Zufälle

Roman

Cover: Richard Welde

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ISBN E-Book 978-3-96136-071-0

ISBN Print 978-3-96136-070-3

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Inhalt

Einleitung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Kapitel 90

Kapitel 91

Kapitel 92

Kapitel 93

Kapitel 94

Kapitel 95

Kapitel 96

Kapitel 97

Danksagung

Einleitung

Was soll ich da noch hinzufügen oder gar besser machen?, überlegte Susanne Schnells und schwenkte in Gedanken verloren den Pinsel im Wasserglas hin und her. Für dieses ganz spezielle Gemälde stand der Platz im Wohnzimmer bereits fest. Sie erschuf es nur für Michael und sich selbst, es würde nicht verkäuflich sein.

Ich sollte schon einmal einen schönen Rahmen kaufen, dachte sie wiederholt und bedauerte immer noch, dass Mark es nie würde sehen können, dazu war es zu spät. Obwohl er sie genau zu diesem Motiv animierte, vor etlichen Jahren. Sie schmunzelte, vielleicht schaut er ja von irgendwo her zu …

Seit Wochen nahm sie sich vor, neue Leinwand zu kaufen und Rahmen, zumindest schon mal den für dieses Gemälde. Nach vielen Jahren wollte sie ihr Hobby wieder zu Geld machen, das war ihr festes Ziel! Sie verließ ihr Zimmer, lief die Treppe hinab und da stand auch ihr Entschluss fest: Heute, genau jetzt, warum es immer noch weiter hinaus zögern? Ich fahre in die Stadt.

1

Susanne Schnells eilte zum Parkplatz. Den Autoschlüssel schon in der Hand, blieb sie für einige Sekunden an ihrem Wagen stehen, kopfschüttelnd öffnete sie dann die Tür und stieg ein. Der soeben unfreiwillig gehörte oder schon mehr miterlebte Klatsch und Tratsch zog noch einmal in ihrem Innern vorbei.

Sie waren nach ihr in das kleine Steh-Café gekommen, zwei Frauen wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Eine vollschlank, eher klein zu bezeichnen und ihre Stimme leise, unauffällig. Die andere hoch gewachsen schon beinahe dürr, dafür aber laut redend, ja sehr laut sogar und immer mit flinken Augen umherschauend, vermutlich um festzustellen, ob nur ja auch alle Anwesenden mithörten.

Susanne hasste derartiges Getratsche, sie versuchte nicht hin zu hören, aber bei diesem überlauten Wortwechsel war es nur bei einem Versuch geblieben. Das Gerede war derartig aufdringlich und direkt an ihre Ohren gedrungen, dass sie bestürzt aufgesehen und dann erst diese beiden Frauen wirklich wahrgenommen hatte. Anscheinend ging es denen um eine weitere, eine dritte Person, ebenfalls eine Frau. Diese erdreistete sich offensichtlich mit über fünfzig Jahren einen Mann zu heiraten, der nach Meinung der Lauten um etliche Jahre jünger sein dürfte als diese und der es bestimmt auch nur auf ‚versorgt sein‘ anlegte. ‚Der ist doch ein Filou, wie er im Buche steht! Und sie tut sich auch noch dicke mit dem Kerl, ich verstehe sie nicht, zeigt ihn stolz überall rum!‘ Irgendetwas wollte wohl die kleinere Dame zu der bisher recht einseitigen Unterhaltung beitragen, doch sie war entschieden zu leise. Ihre Freundin, oder wie immer sie ihr Gegenüber sah, überhörte und übertönte sie lautstark: ‚Das hätte ich nicht von ihr gedacht, dass sie es so nötig hat!‘ So abfällig ausgedrückt ging das auch noch weiter, dieses schäbige Herziehen über jene bestimmte Abwesende.

Für Susanne war das bisher Gehörte mehr als genug. Die Gemütlichkeit in diesem Café war für sie dahin, sie zahlte und verließ das Lokal. Welch ein Glück, ich bin zufrieden wie es ist, brauche mir keinen Filou oder Kerl zu angeln – ganz bestimmt nicht, ganz sicher nicht, und sie fuhr los. Sie war sowieso inzwischen spät dran. Irgendwie musste sie sich total verzettelt, auch ein bisschen das Zeitgefühl verloren haben. Dabei wollte sie doch nur … Es kam ihr vorhin ganz spontan in den Sinn, genau heute, diesen Morgen für einen kleinen Bummel in der Stadt zu nutzen, ein wenig der ländlichen Stille entfliehen oder vielmehr, um in Horsts-Fundgrube einen Blick zu werfen. Horst Patt bekam sie jedoch nicht zu Gesicht. Zu dumm, ich hätte nach ihm fragen sollen, fiel ihr verspätet ein. Immerhin war ihr jetziges privates Gemälde so gut wie vollendet und danach – ob Horst Patt noch an weiteren Bildern von mir interessiert ist?, fragte sie sich. Aber jetzt galt es schnellstens nach Hause zu fahren, den dämlichen Tratsch aus dem Kopf zu bekommen – mein Gott wie blöd –, lieber das Mittagessen auf den Tisch bringen für ihren Sohn und sich selbst. Oft war es nicht mehr vorgekommen in den letzten Jahren, dass sie in die Stadt fuhr, nur so zur Ablenkung schon gar nicht. Doch heute war ihr danach gewesen. Eigentlich gab es keinen Grund die Stadt aufzusuchen, denn sämtliche Einkäufe und Besorgungen konnten im nahen Ort getätigt werden. Es gab nichts, was es dort nicht gegeben hätte – außer, den Bahnhof natürlich und Horsts-Fundgrube, wohin sie einst jahrelang ihre Bilder zum Verkauf brachte. Und genau darum war es ihr auch hauptsächlich gegangen, als sie die blitzartige Idee fassend auf und davon in die Stadt aufbrach. Die Fahrt war umsonst, dachte sie und erkannte: Ich hätte vorher anrufen sollen. Und die Rahmen? Nein! Irgendwie gefiel ihr keiner so wirklich und unschlüssig ließ sie die Finger davon. Na, ja, dass sie dann noch in dem kleinen Café einkehrte, dumm gelaufen.

Immer noch gedanklich etwas abgelenkt, deckte sie den Tisch. In der Pfanne brutzelte das Fleisch und jeden Moment konnte … Da fiel mit einem lauten Krachen die Haustüre ins Schloss. Michael – ach du liebe Zeit, was war ihm denn jetzt schon wieder in die Quere gekommen?

Im nächsten Moment flog die Küchentür auf, der Schulranzen wurde unsanft abgestellt und Michael flappte sich stumm auf die Bank hinter den Tisch. Es war deutlich sichtbar, irgendetwas musste ihn restlos verstimmt haben. Beide Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf zwischen die Hände gestützt ging sein finsterer Blick unter den Augenbrauen durch zu seiner Mutter.

Sie sah ihn prüfend an, das kannte sie ja, dieses plötzliche Aufbrausen, welches zum Glück genauso schnell auch wieder abflaute. Warum nur ließ er sich immer derartig aus der Fassung bringen? „Also, Micha – was ist? Sag schon!“

„Mama, da saß gerade einer am Steg und angelte.“

„Und, du hast ihn gefragt, ob er nicht lesen kann, oder?“

„Ja Mama, hab ich, genau das habe ich zu ihm gesagt, ganz genau so, aber er hat ganz verdutzt rumgeguckt und zurück gefragt, von was ich eigentlich sprechen würde.“ Und dann schlug Michael mit der Faust auf den Tisch. „Mama, unser Schild ist weg! Weg! Es liegt auch nicht im Gras oder Schilf, falls du das meinst, es ist weg, verschwun-den!“

Susanne überlegte, das letzte Mal waren sie im Herbst, etwa Ende November am Fluss gewesen, jetzt war April bald vorbei und sie fragte: „Micha, denk mal nach, im Herbst war doch noch alles in Ordnung, das Schild stand und es war auch nicht wackelig. Und neulich, als du am Steg unser Uferstück bereinigt hast, stand es denn da noch? Und die anderen Hinweise am Parkplatz, waren die auch noch da?“

„Ja klar! Alles war wie immer. Nee Mama, das ist nicht umgefallen, überleg mal, dann müsste es doch irgendwo liegen. Nein, nein das hat jemand verschwinden lassen, mit Absicht!“

„Wozu denn? Welchen Zweck soll das denn haben? Oder, es soll nur ein Streich sein, von Jugendlichen oder so.“

„Mensch Mama – meinst du, die kommen aus dem Ort, laufen fast einen Kilometer, nur für ein Verbotsschild verschwinden zu lassen? So’n Quatsch! Und dann geht auch noch jemand hin und angelt? Rein zufällig oder wie? Das ist doch gewollt!“

Schon komisch, ja. Michaels logischer Gedankengang war nicht vor der Hand zu weisen. Angeln konnte man schließlich am ganzen Fluss entlang, wenn auch nicht so bequem wie vom Steg. Möglicherweise steckte System dahinter. „Sag mal Michael, kanntest du denn den Mann? Ich meine den Angler, und wie hat er reagiert?“

„Genau so sauer wie ich! Er hat seinen Eimer mit den drei gefangenen Fischen in den Fluss gekippt, seine Angel zusammen geräumt, sorry gemurmelt und ist durch den Pfad zurück zum Parkplatz gestampft. Da stand nämlich ein Jeep, der gehörte ihm bestimmt, würde zu ihm passen. Und nein, den hab ich noch nie gesehen.“

Susanne hörte schon nicht mehr so richtig hin und überlegte laut: „Dann werde ich wahrscheinlich nicht drum herum kommen ein neues Verbotsschild zu kaufen, gehe morgen mal in Bergers-Markt.“ Sie sah ihren Sohn an und schlug vor: „Wir sollten aber vielleicht trotzdem erst mal nachsehen, ob die Schilder am Parkplatz noch einwandfrei zu lesen sind oder inzwischen durch Sträucher verdeckt werden. Zu blöd, dass es immer wieder Leute gibt die mein und dein nicht unterscheiden können. Wie sieht es denn überhaupt aus, müssten wir nicht längst wieder die wilden Gewächse schlagen und zum Verbrennen sammeln?“

„Dazu ist es jetzt zu spät, oder zu früh, Mama. Erst müssen die Enten und Vögel flügge sein, die letzten ihre Nester verlassen haben. In fünf oder sechs Wochen geht das frühestens. Bis zum Steg ist alles sauber und der Pfad ist frei, jedenfalls bis hinterm Parkplatz, weiter hab ich mich natürlich nicht umgesehen, konnte ja nicht ahnen was da auf uns zukommt. Es eilt also nicht.“

„Was? Wer hat denn das Stück Pfad sauber gemacht, und sogar hinter Schmitz? Die doch ganz bestimmt nicht“, sagte Susanne erstaunt.

Michael hob die Schultern. „Wenn wir das wüssten Mama, dann wüssten wir wahrscheinlich auch, wer das Schild geklaut hat!“ Auch wenn er vorläufig noch nicht so recht den Sinn dafür erkennen konnte, außer vielleicht: Wegen unerlaubtem Angeln? Wofür sonst? Eines war ihm vollkommen klar: „Unser Schild ist geklaut! Glaub‘s mir, Mama.“

Susanne hielt das von ihrem verstorbenen Mann so geliebte Endgrundstück am Fluss hoch in Ehren, auch wenn sie sich seit Jahren eher selten dort aufhielt. Da waren so viele Erinnerungen, die sie immer noch traurig stimmten. Ich muss mich endlich wieder kümmern, nicht alles Micha überlassen, entschloss sie sich und schüttelte den Kopf, welch ein verrückter Tag.

Damals, als die Gemeinde das breite Flussufer den wenigen anliegenden Grundstückbesitzern zum Kauf anbot, griff Mark Schnells sofort zu, das kam ihm vor wie gesucht und gefunden. Ein Stück eigener Fluss, die Füße hinein baumeln lassen und angeln. Sogar das Stück hinter dem Weber-Besitz kaufte er mit, denn die allein stehende Frau Weber sah keine Verwendung dafür. Im Gemeindebüro begrüßte man es, dass in der abseits gelegenen Kleinsiedlung Bergstraße Interesse für die Uferstücke bestand. Es wurde sogar an der etwa 900 Meter langen, sich windenden Wiesen- und Ackerstrecke unmittelbar am Fluss entlang, ein Fußweg eingerichtet. Allerdings entwickelte der sich inzwischen mehr und mehr zu einem Trampelpfad. Und damit dieser Weg nicht nur von den Anliegern genutzt werden konnte, wurde an der Straße ein kleiner Parkplatz geebnet, direkt angrenzend an das Anwesen der Familie Schmitz. Es gab damit nicht nur für Anlieger die Möglichkeit, entlang dem Fluss die Haupt-Ortschaft fußläufig zu erreichen, sondern auch für Jedermann, Ausflügler oder Spaziergänger. Der Parkplatz wurde zwar nur grob mit Schotter aufgefüllt, er war auch schon längst mit Gras und Moos überwuchert, aber das störte die seltenen Besucher, ebenso Angler und Schwimmer, die ab und an von außerhalb gerne diese Möglichkeiten nutzten, nicht. Hinweisschilder am Parkplatz zeigten mit Pfeilen den nach rechts führenden Fuß- oder Spazierweg in den Ort. An dieser gesamten Strecke war Angeln erlaubt. Ebenso auch an einer besonders seichten Stelle das Baden. Der nach links zeigende Pfeil kennzeichnete die Privatgrundstücke, mit zusätzlichem Vermerk: Kein Durchgang! Obwohl dies sehr deutlich angezeigt und erkennbar war, kam es in den ersten Jahren oft vor, dass Fremde neugierig auf den privaten Uferstreifen herumliefen, sogar mehrmals bis in die Gärten vordrangen. Herr Schmitz Senior war darüber mehr als verärgert, er grenzte kurzerhand sein Doppelgrundstück bis an den Pfad mit einem Wildzaun ab. Das Schmitz-Grundstück war besonders betroffen gewesen, denn einige Male muteten Plünderer seinem Garten Besuche zu, hinterließen nicht nur ihre Spuren, sondern ließen wie selbstverständlich einiges mitgehen. Zusätzlich befestigte er noch ein kleines Schild an diesem Drahtzaun, nur mit dem einzigen Wort „privat“ dick und fett gedruckt. Danach wurde es etwas besser. Es gab zwar leider noch vereinzelt unverschämte Menschen, die es auch weiterhin nicht schafften anderer Leute Eigentum zu achten, doch weiter wie zum Grundstück der Schnells führte der Pfad ohnehin nicht und so glaubte man, irgendwann werde es hoffentlich uninteressant, die Privatgegend zu erkunden.

Mark Schnells Versuch, den Teil hinter dem Weber-Grundstück als Liegewiese urbar zu machen, schlug fehl. Die Schilf- und Binsengewächse, die hohen, harten Stauden waren stärker. Der Wildwuchs würde nie vollständig zu bremsen sein, aber das beabsichtigten sie auch nicht wirklich. Mark pflasterte mit Naturplatten einen Fußweg durch das gesamte Grundstück vom Haus bis zum Fluss, über den man bequem und trockenen Fußes direkt zum Ufer gelangte, oder umgekehrt. Am Ufer verankerte Mark den breiten Holzsteg, den er mit Michaels Hilfe selbst zimmerte und imprägnierte, der auf Stahlstelzen stehend bis in den Fluss hinein reichte. Als Mark noch lebte, beschäftigten sie sich fast jeden Abend und an den Wochenenden der wärmeren Jahreszeit hier oder ruhten sich einfach nur aus. Susanne fand zu ihrem Hobby zurück, nach langer Zeit. Sie malte wieder. Mark gefielen ihre Bilder, ihre Heidelandschaften. Irgendwann einmal fragte er sie: ‚Warum malst du nicht mal diese Landschaft hier?‘ Damals sagte sie lachend: ‚Vielleicht später, erst muss ich meine uralten Erinnerungen festhalten‘. Wie hätte sie ahnen sollen, dass Mark dieses in Aussicht gestellte Gemälde niemals solange er lebte würde sehen können. Mark liebte Susanne, aber: ‚Uralte Erinnerungen? Du bist gerade was über dreißig‘, war seine verständnislose Reaktion gewesen. Und Susanne konnte heute noch über ihren Realisten lächeln. Sie saß stundenlang an einem Bild und vergaß die Wirklichkeit. Der Realist Mark fand indessen die hohen Erlen, die Trauerweide mit tief herab hängenden Zweigen und die alte Birke mit dem inzwischen recht knorrigen Stamm, romantisch. In all dem entdeckte er mit der Zeit den Ausgleich zu seinem stressigen Architekten-Beruf. Das war sowieso ziemlich erstaunlich gewesen, wie unkompliziert sich dieser Stadtmensch der ländlichen Gegend so schnell anpassen konnte. Und doch, auch Mark empfand diese Neugierde verschiedener unhöflicher Leute nicht gerade lustig. Und eines Tages kam ihm der Gedanke, den unerwünschten Besuchen endgültig ein Ende zu bereiten. Umgehend ließ er in der Stadt ein Schild anfertigen, dessen Text jedem normalen Leser verständlich sein dürfte. So jedenfalls glaubte Mark.

PRIVATBESITZ

BADEN – ANGELN & FISCHEN

NICHT GESTATTET

Der Eigentümer

Verboten, dieses Wort war für ihn nicht in Frage gekommen, wie es auf den fertig zu kaufenden Schildern stand. Außerdem hätte er dann zwei Schilder aufstellen müssen, denn gleichzeitig Bade- und Angelverbot auf einem Schild gab es nicht fertig zu kaufen. Seine Erklärung dafür: ‚Verboten, das passt nicht zu diesem idyllischen Ort! Erst recht nicht, weil meine geliebte Frau hier stundenlang ihre Bilder malt‘, und dazu zwinkerte er unverschämt mit seinem rechten Auge.

Susanne schmunzelte, es war nicht oft vorgekommen, dass Mark romantisch wurde, doch sie konnte sich noch sehr gut an die versteckten Liebesbezeugungen ihres Mannes erinnern. Aber seitdem war so manches Jahr dahin gegangen.

Jetzt kam Susanne plötzlich zu Bewusstsein, Michael lief am Ufer entlang, wieso? „Micha, sag mal, wollte Frau Pieper Markus und dich nicht von der Schule abholen?“

„Hat sie auch.“

„Aber warum brachte sie dich nicht nach Hause, wie es abgemacht war?“

„Ach Mama, Frau Pieper hatte es supereilig, es war ihr schon viel zu spät für – irgendwas, keine Ahnung – da bin ich bei Markus ausgestiegen und gelaufen.“

„Das erklärt aber immer noch nicht, wieso du den Umweg am Fluss entlang genommen hast.“

„Nein, ich bin nicht den Pfad gelaufen, bin erst beim Parkplatz abgebogen, na ja, den Rest kennst du ja.“ Michael tat genervt.

„Ja und wenn die Sportstunde nicht ausgefallen wäre, es Markus Mutter nicht so eilig gehabt hätte, und du nicht gedankenverloren in den Pfad abgebogen wärst, dann wüssten wir immer noch nicht, dass sich auf unserem Grundstück wieder mal Fremde herumtreiben. Noch schlimmer, Fremde, die sich wie zuhause fühlen.“, rekonstruierte Susanne aufgebracht.

„Zufall Mama, alles nur Zufälle!“

„Nee, nee Michael, das denke ich nicht. Du glaubst doch, das Schild ist geklaut, was mir eigentlich inzwischen auch so vorkommt. Weiß zwar nicht so ganz wozu das gut sein soll, außer Fische angeln, wer davon einen Nutzen haben kann oder will, aber Zufälle wie du sie siehst, nee, daran glaube ich nun mal nicht! Da gibt es sonst noch was!“

Michael verzog unwillig sein Gesicht. Jetzt geht das schon wieder los. Seine Mutter dachte ihm oft zu kompliziert, nur, wenn das Schild wirklich gestohlen wurde, wovon er überzeugt war, dann …?

„Du weißt wie ich darüber denke, warte ab! Da steckt mehr dahinter, das war nicht alles. Angeln kann man an mehreren Stellen am Fluss, warum also ausgerechnet an unseren Steg?“, setzte seine Mutter ihre Überlegungen fort.

Dann bestimmte Michael sehr energisch: „Nachher gehen wir ans Ufer und suchen noch mal alles ganz genau ab! Wenn’s ja doch nur ein Schabernack war, kann es überall da herum liegen, sogar auch am Parkplatz.“ Er war zwar erst zwölf Jahre alt, aber seit gut fünf Jahren der einzige Mann im Haus und er erbte nun mal neben seiner realen und logischen Denkweise auch ziemlich viel von der Entschlusskraft seines Vaters!

2

Frank Hauff war verärgert. Einmal im Jahr um die Osterzeit machte er drei Wochen Urlaub. Angelurlaub! Aber so etwas war ihm bisher noch nicht passiert. Dieser Junge bluffte nicht. Irritiert schaute auch er umher auf der Suche nach einem Verbotsschild, welches wohl normalerweise im Bereich des Angelstegs stand. ‚Das ist unser Steg‘ hatte sich der Junge entrüstet und ihm war schließlich nur ‚sorry‘ über die Lippen gekommen, es war ihm vorläufig nichts weiter dazu eingefallen. Die bereits gefangenen Forellen hatte er wütend im hohen Bogen in den Fluss zurück geschüttet. Wie ein begossener Pudel war er durch den Pfad zum Parkplatz gegangen, mit der Angelrute und dem leeren Eimer. Die Angelutensilien hatte er achtlos in den gemieteten Jeep geworfen, um dann voller Zweifel zum Hotel Haus Agnes zurück zu fahren.

Es gab zwei Möglichkeiten, entweder benutzte er unwissend seit eineinhalb Wochen den falschen Angelsteg und dieses Privatgrundstück gehörte nicht zum Hotel-Restaurant, wie es bisher für ihn den Anschein gehabt hatte, oder, und er wusste selbst nicht wieso ihm plötzlich dieser Gedanke kam, man brauchte mehr Gäste in dem Hotel? Ein Haus am Fluss – stand das nicht so in dem Flyer? Sollte dies eine Einladung speziell für Angler sein? Nur leider schloss ein steil abfallendes Ufer im Bereich des Hotels jede Angelmöglichkeit aus. Deshalb ließ man sich etwas einfallen auf Rückfragen betreffend Interesse am Angelsport? Man machte wissentlich falsche Angaben? Aber das wäre gesetzwidrig! Und das Schild, welches der Junge vermisste? War da nicht dieser Prospekt im Zimmer? Ein eigenartiges unerklärliches Gefühl beschlich Frank und er konnte es nicht einfach so verdrängen. Er parkte hinter dem Haus, schritt mit dem blauen Plastikeimer durch den Hintereingang direkt in die Küche, stellte ihn mit Nachdruck mitten auf einem Tisch ab und ging wortlos durch den Speiseraum zum Empfang.

Der Koch rief hinter ihm her: „Der ist ja leer“ und zeigte kopfschüttelnd auf den Eimer, den er mit ausgestrecktem Arm empor hielt.

Frank machte nur eine kurze verächtliche Handbewegung und eilte geradewegs zum Aufzug, der ihn in die zweite Etage brachte. Dort bewohnte er das Zimmer 206, wobei die 2 einzig und alleine für die Etage stand. Er trat ein, ging zielstrebig zum Schreibtisch auf dem der Fernseher platziert war, ebenso lag eine Mappe dort mit einigen Prospekten des Hauses und der näheren Umgebung. Frank suchte das Faltblatt mit der Beschreibung: ‚Zum Angelsteg‘ und sah, er warf genau an diesem bezeichneten Platz seine Angel aus. Es gab anscheinend überhaupt nur diesen einen Angelsteg. Ein privater Angelsteg, der laut diesem Blatt zum Hotel-Restaurant Haus Agnes, direkt am Fluss gelegen, gehörte und mit dem Auto bis Parkplatz oder per Fußmarsch über einen Pfad entlang dem Fluss, erreichbar war. Das verstehe wer will, erneut keimten Zweifel in ihm auf. Das feste Schuhwerk tauschte er mit Sandalen, warf seine Weste achtlos aufs Bett, fuhr in die Halle hinunter und bat die junge Empfangsdame: „Rufen Sie bitte Frau Hackler, ich muss sie dringend sprechen!“

Es vergingen einige Minuten, ehe die Inhaberin des Hotels freundlich lächelnd auf ihn zu kam. „Hallo, Herr Hauff, schon zurück? Das ging aber heute flott!“

Frank Hauff holte tief Luft. Was, wenn er sich täuschen ließ, wenn alles ganz anders, der Junge unwissend war? Egal, die Sache musste geklärt werden! „Frau Hackler, während meinem Angeln kam ein etwa zwölf- bis dreizehnjähriger Junge zu mir und fragte, ob ich nicht lesen könnte. Er suchte nach einem Verbotsschild, welches aber nicht an seinem Platz stand. Was soll ich davon halten, was sagen Sie dazu?“ Er zwang sich ruhig und bedächtig zu sprechen.

Frau Hackler senkte kurz ihren Blick. Beschämt suchte sie offensichtlich nach einer Ausrede oder Erklärung und begann stockend: „Ich – wir – ich meine, dazu war ich noch nicht gekommen, Frau Schnells um ihre Einwilligung zu bitten. Ich hätte es ihr bezahlt, aber wie gesagt … Mit dem Schild, das war mein Mann, es liegt unten im Keller, es ist unbeschädigt. Wir hätten es wieder aufgestellt, bald wäre der Steg ohnehin aus unserem Angebot gestrichen worden“, führte Frau Hackler ihre Erklärung fort: „In der wärmeren Jahreszeit müssen die Angler vom Ufer aus angeln, da dürfen wir den Steg nicht blockieren“, redete sie sich heraus. Sie sah flehentlich zu ihm auf und bat um Verzeihung für die ihm entstandene Unannehmlichkeit.

„Nein!“ Frank Hauff war jetzt endgültig verärgert. „Wie lange geht das denn schon so? Und überhaupt – wärmere Jahreszeit? Machen Sie meine Rechnung fertig, holen Sie das Schild aus dem Keller, mein Jeep steht hinten im Hof, legen Sie es rein. Und ich möchte die Adresse von dieser Frau, wie war noch der Name? Schnells? Also bitte, von Frau Schnells hätte ich gerne die Adresse!“ Sprach‘s, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand wieder im Aufzug. Im Zimmer angekommen, führte sein Weg ins Bad, er duschte und fühlte tief innerlich nichts als Ärger, was eigentlich bei ihm eher selten vorkam. Sein Entschluss stand fest, ich haue ab. So packte er seinen Koffer und die Tasche, verließ das Zimmer, schloss die Türe hinter sich ab und fuhr erneut zum Empfang hinunter. Auf gar keinen Fall würde er hier auch nur noch eine Minute länger wohnen bleiben! „Bitte meine Rechnung!“ Frank legte den Zimmerschlüssel auf die Theke, stellte sein Gepäck ab und griff nach der Brieftasche.

Die Rechnung lag jedoch noch nicht vor und verdutzt fragt die Dame im Empfang: „Aber, Herr Hauff, wollten Sie nicht auch noch nächste Woche …?“

Frank Hauff ließ sie nicht ausreden, sagte sehr bestimmt: „Ich hole inzwischen meinen Jeep vom Hof. Mein Gepäck lasse ich so lange hier stehen, aber dann möchte ich zahlen!“

Die junge Dame, Hofmann stand auf dem Schild neben der Klingel, nickte leicht verschüchtert und griff zum Telefonhörer.

Als Frank Hauff um die Hausecke bog, entfernte sich der alte Hausmeister gerade vom Jeep. Er hinkte leicht und seine Bewegungen waren langsam. Er hörte wohl Franks Schritte, drehte sich um und grüßte wortlos mit seiner linken Hand. Frank bemerkte nun das Schild samt Befestigungspfahl im offenen Jeep und ging auf den alten Mann zu, der sogleich eine Erklärung lieferte: „Ich habe es aus dem Keller geholt. Habe Alfons längst gesagt, so was tut man nicht, aber gegen den kommt keiner an!“

„Interessant, Herr … Herr?“

„Müller, Müller ist mein Name.“

„Mein Name ist Hauff, Frank Hauff. Alfons ist wohl der Besitzer vom Hotel?“

„Ja, ja und mein Schwiegersohn. Wir sind alle froh, wenn er nicht allzu oft hier auftaucht. Der Kerl hat einen Puff in der Stadt, nennt das Bar, dieser dreckige Zuhälter. Irgendwann bleibt er mal in seinem schmutzigen Milieu auf der Strecke – werde ihm nicht nachweinen!“

Frank Hauff schwieg erschüttert, in was war er da nur hinein geraten? Einen Moment stand er noch unschlüssig da und sah Herrn Müller nach, der sich schwerfälligen Schrittes entfernte. Dann fuhr er den Jeep zum Haupteingang, stieg aus und lief hinein, um endlich zu zahlen und sein Gepäck zu holen.

Fräulein Hofmann hielt ihm die Rechnung entgegen. „Die Chefin hat Ihnen 180 Euro in Abzug gebracht, weil Sie ja nun schon viel eher auschecken. Die gewünschte Anschrift steht auf der Rückseite, soll ich Ihnen sagen.“

Er zahlte. Fräulein Hofmann meinte nichts ahnend: „Einen schönen Tag noch und beehren Sie uns bald wieder.“

3

„Ganz bestimmt nicht“, murmelte Frank vor sich hin und lenkte sein Fahrzeug in die Bergstraße. In jene schwach ansteigende Straße, auf welcher er zum Angeln zu dem kleinen Parkplatz gefahren war. Doch diesmal führte sein Weg daran vorbei. Noch eine schwache Rechtskurve, das erste Haus tauchte auf, eines der beiden, welche vom Parkplatz aus für einen aufmerksamen Betrachter zu sehen oder mehr hinter Bäumen zu erahnen waren. Bisher beschäftigte er sich gedanklich nicht damit, ob und wie viele Gebäude oder eventuell gar Wohnhäuser hier existieren könnten, warum sollte ihn das interessieren? Er wollte nur seinem Hobby nachgehen und angeln. Dass es sich in diesem Falle so ergab, die Fische als Menü-Anreicherung der Restaurantküche zu fangen, war ihm gerade recht gewesen. Angeln war nun mal sein Hobby und die Möglichkeit für die Speisekarte Forellen zu fangen auch immer noch besser, als den Fang wieder frei zu lassen. Ja, Frank Hauff konnte keiner Fliege etwas zuleide tun, geschweige denn Fischen. Für ihn war sein Hobby wirklich nur Angel-Sport!

Das nächste Haus dürfte die 7 sein. Es war ein gepflegtes kleineres Haus. Durch einen schönen eingezäunten Vorgarten führte ein schmaler gepflasterter Fußweg zur Haustür. Das Gartentürchen stand einladend offen. Frank parkte und trat ein, lief über den Fußweg, stieg über zwei Stufen auf ein Podest und drückte den Klingelknopf.

Als sich die Tür öffnete, stand der Junge von vorhin vor ihm. Und ehe Frank noch etwas sagen konnte, rief der laut ins Haus hinein: „Mama, der Angler ist da!“

Susanne erschrak, oh Gott, Michael hörte sich grantig an, war das jetzt unhöflich? Oder? Dann stand sie dem Fremden im Halbdunkel gegenüber und musste schlucken, viel erkannte sie nicht von ihm. Nebenbei bemerkte sie, wie ihr Sohn den Weg in sein Zimmer fortsetzte, anstatt erst einmal abzuwarten.

„Hallo, sind Sie Frau Schnells?“, fragte der Fremde schroff.

„Ja, das bin ich, entschuldigen Sie die Unhöflichkeit meines Sohnes.“

Darauf ging Frank aber erst gar nicht ein. Er wollte nur so schnell wie möglich diese Angelegenheit hinter sich wissen, sich für etwas entschuldigen was er zwar getan, aber nur unwissend verschuldet hatte, dann diesem Ort aller schnellstens den Rücken kehren. Einen dringenderen Wunsch konnte er sich beim besten Willen derzeit nicht vorstellen. „Kommen Sie mit mir.“ Frank Hauff streckte seine Hand nach Susanne aus, ergriff ungeduldig ihre Linke und zog sie hinter sich her hinaus.

Susanne bemerkte einen dunkelgrünen Jeep. Sprach Michael nicht vorhin von einem Jeep? Sie sah sich nun den Mann erst einmal genauer an. Jetzt, bei Tageslicht, erkannte sie einen noch nicht sehr alten Mann, der geschmackvoll gekleidet war und so ganz und gar nicht wie ein Angler aussah. Was will der denn hier? Zaghaft entzog sie ihm ihre Hand, die er mit hartem Griff umspannte

„Schauen Sie mal, das müsste es sein“, begann Frank Hauff zielstrebig, doch im Aufsehen blickte er plötzlich in zwei blaue Augen und irgendwie, so schien es, stockte ihm für Sekunden der Atem. „Ich – äh – ich meine das Schild.“

Komischer Mann. „Wo haben Sie es gefunden? Woher wissen Sie denn überhaupt …?“, beeilte sich Susanne zu fragen und verstummte sogleich mitten in ihrem Satz. Hatte sie ihn etwa angestarrt? Seine Augen waren dunkelbraun, schon beinahe schwarz, unergründlich. Schaute er sauer, gar verärgert drein?

„Gefunden ist nicht das richtige Wort. Ich trage es hinein.“

Beide ergriffen sie gleichzeitig den Pfahl mit dem Schild und trugen es gemeinsam zum Haus.

Damit wurde natürlich die geplante Suche nach dem Schild an Fluss und Parkplatz, für Mutter und Sohn, hinfällig. Ebenso auch ein eventueller Neukauf. Weil aber Susanne nicht wusste, was sie von alledem halten sollte, andererseits auch neugierig war wo dieser fremde Mensch ihr Schild auftreiben konnte, überhaupt, dass er davon wusste und es her brachte – vielleicht doch nur ein Jungenstreich?, lud sie ihn kurz entschlossen zum Tee ein. Sie führte den Fremden ins Wohnzimmer. Während er im Sessel Platz nahm, ging sie rasch in die Küche und setzte Wasser auf. Am Treppenaufgang rief sie nach Michael: „Komm runter Micha und trink mit Herrn – oh – und mir Tee.“

Der Fremde begann laut zu lachen. Es war ein sympathisches und auch ansteckendes Lachen. Offensichtlich war er doch nicht allzu sehr verärgert? Susanne und Michael, der die Stufen herab sprang, mussten unweigerlich einstimmen. Damit war das Eis gebrochen.

„Entschuldigung, aber ich habe mich Ihnen noch gar nicht vorgestellt, ich bin Frank Hauff und habe zurzeit meinen dreiwöchentlichen Jahresurlaub. Das bedeutet für mich angeln und auch ein bisschen faulenzen.“ Und er wunderte sich über sich selbst, wieso er sich auf die Einladung zum Tee überhaupt einließ, war da nicht vorhin sein fester Vorsatz gewesen, diese Gegend schnellstens zu verlassen?

Im Gegenzug zum ersten Eindruck vom Angler, schien nun Michael auch beruhigt zu sein und beteiligte sich rege an der Unterhaltung. Er konnte Herrn Hauff sogar wider Erwarten dessen rechtswidriges Angeln verzeihen, noch ehe dieser die Geschichte vom verschwundenen und dann wieder gefundenen Verbotsschild erzählte.

Sie aßen Kekse zum Tee, während Frank Hauff berichtete wie er zu diesem Schild gekommen war. Susanne wusste über die Verhältnisse im Haus Agnes in etwa Bescheid, dass die es aber nötig hatten zu unerlaubten Mitteln zu greifen, noch dazu einen Gast animierten, mit Fische fangen zur Bereicherung der Küche beizutragen, nur, weil sich dieser Sport als sein Hobby entpuppte, das hätte sie nicht für möglich gehalten. Das ging entschieden zu weit! Sie würde die Namensträgerin des Hotels, ‚Agnes‘ Hackler darauf ansprechen müssen.

Frank Hauff erzählte auch von seinem anstrengenden Beruf als Abteilungsleiter in einem Großbetrieb, von derzeit zwölf Angestellten in seiner Abteilung und dass es deshalb in seinem Jahresurlaub so einfach wie möglich zuging. Er erzählte auch, dass er durch seinen Freund an dieses Hotel am Fluss Sieg mit Angelmöglichkeit gekommen war. Dies konnte nun wiederum nur bedeuten, Frank Hauff war nicht der erste Angler am Steg der Schnells! Allerdings der erste, der erwischt worden war! Das wäre auch die Erklärung dafür, dass immer wieder Fremde auf den Ufergrundstücken gesichtet worden waren. Wer weiß, wie viele Jahre das schon so ging? Eine ernsthafte Diskussion mit Frau Hackler wurde dringend nötig.

„Die letzten Jahre bin ich immer irgendwo am Bodensee gewesen“, erklärte Frank. „Nur diesmal ließ ich mich von Lukas überreden. Es war näher, ich sparte Anfahrtszeit. Lukas Rhode, er ist mein Stellvertreter in der Firma Hansen und gleichzeitig auch mein bester Freund.“

Mit Michaels Hilfe berichtete Susanne auch vom plötzlichen Tod ihres Mannes. Wie er damals im Winter versuchte, wie schon so oft davor, den angetauten Schnee vom Dach zu entfernen, als die Leiter, auf der er stand, seitlich zu rutschen begann und Mark herunterstürzte. Ihm wäre sicherlich nicht viel passiert in dem weichen, tiefen Schnee, aber da war diese kleine Mauer, alt, und im Sommer bot sie etlichen Blumenkästen Platz. Sie stand etwas geschützt und war inzwischen fast vollständig vom Schnee befreit gewesen, genau darauf war Mark hart mit dem Hinterkopf aufgeschlagen. Sein Genick war gebrochen, er spürte es wohl nicht mehr, hatte nicht leiden müssen. Kein wirklicher Trost für die Hinterbliebenen. Gerade noch lachend und scherzend, im nächsten Augenblick für immer schweigend. Es war alles so unvorstellbar schnell gegangen. Praktisch von einer Sekunde zur anderen waren sie völlig alleine auf sich gestellt gewesen. Eine sehr harte Zeit für Mutter und Sohn. Und diese kleine Mauer, die schon dort gestanden war als Mark das Haus kaufte, wurde von Michael mit seinen damals sieben Jahren wütend abgerissen. Mit Werkzeugen umzugehen, brachte ihm sein Vater früh bei. Die Mauer wäre eine bleibende Erinnerung an den Unfall gewesen, für beide unerträglich. Sie konnte und durfte nicht stehen bleiben! Die gesamten Reste der Mauer entsorgten sie nach und nach mit der Mülltonne, nichts sollte davon übrig bleiben!

Die Zeit war mit erzählen nur so verflogen und es war bereits dämmrig, als Frank Hauff in seinen Jeep stieg, wendete und Richtung Stadt davonfuhr. Sie winkten sich zu und er rief: „Ich melde mich!“ So, als wären sie alte Bekannte.

4

Es regnete. Wieder einer der düsteren Tage, an denen Helene Weber nicht in ihrem Gärtchen arbeiten mochte. Nötig war es ohnehin nicht, aber es ließ sich doch so gut über den Gartenzaun beobachten und es hätte ja auch eventuell mal die eine oder andere spontane Unterhaltung entstehen können, was ihrer Meinung nach sowieso selten genug vorkam. Ja, Helene war sehr vielseitig interessiert, wenn man das denn so nennen wollte, und sie wusste bestimmt auch sehr viel zu erzählen! Erst vor kurzem war sie sechsundfünfzig Jahre alt geworden. Sie verbrachte, wie üblich und wie alle anderen Tage auch im Jahr, diesen Tag alleine. Ohne einen nachbarschaftlichen Gruß, ohne ein paar Worte zu wechseln, es war einfach niemand zu sehen gewesen. Nicht, dass sie neugierig wäre, oh nein, aber ‚man muss doch am Leben seiner Mitmenschen teilnehmen’, war ihre Devise. Gemein, so einfach dahin gesagt: Helene Weber galt als die Klatsch- und Tratsch-Tante in der Siedlung, sogar bis in den Ort hinein. Und das dürfte sicher auch noch lange so bleiben, wenn nicht bald eine gravierende Änderung ihre Aufmerksamkeit in wenigstens halbwegs abwechslungsreichere Bahnen lenken würde. Oh ja, sie war durchaus über das Gerede der Leute im Bilde, was sie selbst anging, aber es machte ihr nichts aus, ganz und gar nichts! Sie warf einen Blick über den Zaun, komisch, das seltsame Schild steht immer noch neben Schnells Haustüre. Hm, w as stand denn heute an? Friseur, ja richtig, der war auch mal wieder fällig. Vielleicht sollte sie auch noch in die Schmiede fahren, dort könnte sie die Noppen kaufen, die unter die Stuhlbeine gehörten. An zwei Stühlen waren die derartig abgenutzt, vielleicht sollte sie sowieso dorthin zuerst fahren, also war zumindest der Morgen gerettet. Sie zog ihren Anorak über, hängte die Tasche um, nahm den Schlüsselbund vom Haken und verließ das Haus. Bevor sie jedoch zur Garage gehen konnte, um ihren Wagen heraus zu fahren, kam der Postbote am Gartentor an. Das passte! Ihr erstes Opfer war für diesen Tag gefunden. „Moment, Moment Herr May, ich komme, nehme die Post gleich in Empfang“, rief sie, mehr singend als sprechend.

Johann May war ein höflicher, junger Mann. Er kannte längst Frau Webers wissbegieriges, zugleich auch mitteilsames Wesen und beugte schon mal vor: „Drei Minuten, Frau Weber, nur drei.“ Dabei spreizte er drei Finger seiner rechten Hand und hielt sie in Augenhöhe, so als könnte Frau Weber es dann besser verstehen. Ob sie sich auch daran halten würde, war eine ganz andere Sache.

„Stellen Sie sich vor, Herr May, Frau Schnells hat endlich wieder einen Freund“, begann sie. „Nach so langer Zeit. Damit meine ich, seid ihr Mann tot ist. Er hat ihr auch ein Geschenk mitgebracht, der Neue, haben Sie es gesehen? Es steht schon seit zwei Tagen neben der Haustüre. Wenn Sie mich fragen, das ist ein ziemlich komisches Geschenk. Anscheinend weiß der Neue schon vom Steg am Fluss.“

„Jaja, Frau Weber, denke ich auch, jedenfalls passt der Text dahin“, parierte Johann May etwas desinteressiert.

Helene Weber wollte gerade so richtig los legen, da zeigte der Postbote auf seine Taschen, gab ihr die Briefpost direkt in die Hand, deutete auf seine Uhr, machte eine Handbewegung die anscheinend das Wort schade darstellen sollte und erinnerte daran: „Ich muss weiter, ich muss! Erzählen Sie mir demnächst mehr davon, Frau Weber. Wiedersehn.“ Damit schwang er sich auf das gelbe Fahrrad und fuhr eiligst zur nächsten Adresse.

Helene Weber lenkte ihren Wagen zum Parkplatz der Schmiede, sah sich beim Aussteigen nach allen Seiten um, fand jedoch auf die Schnelle kein bekanntes Gesicht. – Jedenfalls noch nicht. Für die Kleinigkeit, die sie nur kaufen wollte, holte sie sich erst gar keinen Einkaufswagen und ging zielstrebig durch die Drehtür. Und, wie es der Zufall wollte, Berger Junior gab gleich hinter dem Eingang Anweisungen an zwei Angestellte. Das kam Helene Weber natürlich sehr gelegen. „Morgen Herr Berger. Morgen“, und auf die mit Paletten beladene Karre deutend fragte sie: „Na, neue Ware bekommen?“

„Frau Weber, Sie habe ich aber lange nicht hier gesehen, geht es Ihnen gut?“

„Ja danke, aber ich brauche nicht immer was vom Baumarkt.“

„Dann haben Sie noch nicht mein schönes Gartenparadies in der neuen Halle besichtigt, Frau Weber? Das sollten Sie aber unbedingt nachholen. Übrigens, bei diesem nassen Wetter ist einpflanzen neuer Blumen genau das Richtige!“

Tüchtig, tüchtig! Der Junge weiß seine Ware anzubieten. Helene Weber lächelte ihn an. „Ich glaube, da besorge ich mir lieber vorsichtshalber direkt einen Einkaufswagen, so wie ich mich kenne!“ Sie blinzelte Ralf Berger zu und meinte: „Das muss ich unbedingt Frau Schnells erzählen, mit dem Paradies meine ich. Ach, haben Sie schon mitbekommen, Frau Schnells hat endlich wieder einen Freund!“

„Nein, hat sie?“ Ralf Berger war durch seine Arbeit etwas abgelenkt und es war ihm im Moment auch nicht bewusst, wer diese Frau Schnells sein könnte, bezweifelte sowieso ob er das überhaupt wissen wollte.

„Hat sie! Vor zwei Tagen kam er mit einem Jeep, wie lange die sich aber schon kennen, weiß ich nicht.“

Herr Berger begann plötzlich schallend zu lachen. Oh, diese redselige Weber. Ihm war inzwischen auch bewusst, wer Frau Schnells war.

Helene Weber, ein wenig irritiert über sein lautes Lachen, zuckte die Schultern und schwieg.

„Ist doch gut, Frau Weber. Ich gönne es der Frau“, fand Herr Berger.

„Aber ja, ich doch auch. Sie ist noch viel zu jung um alleine zu bleiben!“

Eine Angestellte suchte den Rat ihres Chefs und Herr Berger entschuldigte sich höflich: „Ich werde gebraucht, bis bald mal. Machen Sie’s gut, Frau Weber.“

Sie nickte hinter ihm her. Schade, sie hätte gerne noch mit dem Junior, auch über alte Geschichten, geplaudert. Immerhin kannte sie ihn schon seit seiner Jugend, aus der Zeit ihrer Beschäftigung bei seinen Eltern, die sich erst vor kurzem zur Ruhe gesetzt hatten. Damals nannte sich dieses Haus noch ‚Schmiede‘, die Bezeichnung existierte vom Großvater, der den Ackergäulen im gesamten Umkreis Hufe schmiedete und anpasste. Seitdem war das Unternehmen um einiges gewachsen und nannte sich schon seit einigen Jahren Bergers-Markt. Nur den Alteingesessenen passierte es immer noch ‚Schmiede‘ zu sagen und zu denen gehörte Helene auch. Sie machte so etwas wie eine Lehre bei Rudolf und Bettina Berger als Büroangestellte, oder richtiger gesagt: ‚Mädchen für Alles‘, und war bis zu ihrer Heirat im Geschäft geblieben. Sie lernte ihren um fast fünfzehn Jahre älteren Mann in diesem Haus kennen. Helene schüttelte ihren Kopf, doch lieber nicht zurückdenken, nicht jetzt, heute war heute und jetzt musste sie sich einen Einkaufswagen besorgen und die neue Gartenabteilung unter die Lupe nehmen. Der Junior hat Ideen, „Gartenparadies“. Mal sehen, ob es auch den Namen verdient hat, schmunzelte sie. Und dann vergaß Helene Weber vorläufig die aktuelle Neuigkeit aus der Nachbarschaft unter die Leute zu bringen. Sie war entzückt über diese Blumen- und Pflanzenpracht, auch darüber, wie geschickt alles arrangiert wurde und die Blicke auf sich ziehen musste. Immerhin gehörte derartige Kunst auch in ihre Berufszeit. Jetzt überlegte sie sich jeweils, wohin die eine oder andere Blume oder Staude in ihren Garten passen könnte und belud so nach und nach den Wagen. An der Kasse war sie zwar etwas erstaunt, aber der Bon zählte insgesamt elf Pflanzen und sie zahlte den stolzen Preis von 106,75 Euro. „Meine Güte, ein Glück, dass ich es mir leisten kann“, murmelte sie vor sich hin und freute sich auf den Nachmittag. Da musste der Friseur erst einmal zurückstehen. Und die Noppen, – die waren sowieso in Vergessenheit geraten. Sie schob den Einkaufswagen über den Parkplatz zu ihrem Fahrzeug. Das heißt, es war ihre Absicht gewesen, bevor sie Otto Scholz erspähte. Er stand rücklings an einen weißen Opel gelehnt da. Ein Auto mit fremdem Kennzeichen? Herr Scholz war ein Nachbar vom Ende der Bergstraße, der linken Seite. Seltsamerweise bekam sie ihn in letzter Zeit nicht zu Gesicht, eine ganze Weile schon nicht, fiel ihr soeben auf. Welchen Grund konnte das denn haben? Er sah gelangweilt aus, stocherte abwechselnd mit seiner linken, dann mit der rechten Schuhspitze zwischen den Pflastersteinen herum und schien sie noch nicht bemerkt zu haben, jedenfalls stellte es sich ihr so dar. Helene Weber vollführte einen kleinen Schlenker mit ihrem beladenen Einkaufswagen, steuerte ihn ein wenig umständlich in Richtung ‚Schwätzchen halten‘ und blieb neben Herrn Scholz stehen.

Er sah sie mit mürrischem Gesicht an.

Das störte sie aber nicht weiter und es konnte sie schon gar nicht davon abbringen, ihn anzusprechen: „Hallo Herr Scholz, wie geht es Ihnen? Ich habe Sie ja schon länger nicht mehr gesehen, gehen Sie nicht mehr Gassi mit ihrem Hund?“

„Rex ist tot!“ Herr Scholz kratzte sich am Hinterkopf. Muss die jetzt hier aufkreuzen? „Er war schon über dreizehn, bin jetzt alleine. Nur für ein paar Tage besucht mich mein Sohn.“

„Oh, das tut mir aber leid, das mit ihrem Rex, meine ich.“

„Mir auch“, sagte er und obwohl ihm so gar nicht der Kopf nach Tratschen stand, redete er weiter: „Mein Sohn will mich ins Altenheim stecken. Das kommt natürlich alles von seiner Frau, die konnte mich noch nie leiden. Angeblich kann ich mich nicht mehr richtig versorgen. So ein Blödsinn!“ Herr Scholz war sichtlich grantig, vielleicht auch enttäuscht und gleichzeitig traurig, aber der Ärger überwog deutlich. „Denen geht es nur ums Erbe! Schenkung zu Lebzeiten nennt sich das, dass ich nicht lache“, nörgelte er sich gerade so richtig in Rage. „Die wollen so schnell wie möglich mein Haus verkaufen, es geht nur um die Flocken, so ist das!“

Helene Weber fragte erschreckt: „Sie haben doch auch noch Töchter Herr Scholz, was sagen die denn dazu?“

„Meine zwei Mädchen? Die denken genau so, sagen im Heim hätte ich‘s doch viel besser, bekäme alles gemacht, gekocht, gewaschen und so. Nur Augenwischerei, sonst nix! Ne nee, es geht nur ums Geld!“

Helene Weber hätte dem aufgebrachten Mann gerne noch etwas Tröstendes zu diesem brisanten Thema gesagt, doch inzwischen war dessen Sohn Hans-Peter im Anmarsch und sie zog es vor, sich zu verabschieden und ihm noch schnell „alles Gute“ zu wünschen.

5

„Na, wer war das denn?“ Hans-Peter Scholz begann die Waren vom Einkaufswagen in den Kofferraum seines Autos zu räumen.

„Sie ist eine Nachbarin. Die Weber von Nummer 5, die lebt auch alleine, hat keine Kinder die sie ins Heim stecken wollen“, antwortete Vater patzig.

Hans-Peter sah einen Moment verblüfft aus, war das ernst gemeint? „Also Papa, haben wir das nun nicht schon oft genug durchgekaut? Außerdem, die Weber ist ja wohl noch keine zweiundachtzig, oder?“ Hans-Peter reagierte sauer. Jetzt kaufte er Tapete und Farbe, erklärte sich bereit, Vaters Wohnzimmer, die Diele und das Bad zu renovieren und trotzdem wurde er angemeckert. „Na komm schon, lass gut sein Papa“, lenkte er nachsichtig ein. „Möchtest du richtig zu Mittag essen, oder sollen wir was vom Bäcker mitnehmen?“

„Mir egal.“ Vater blieb verstimmt.

„Setz dich schon mal ins Auto, ich bringe nur schnell den Wagen zurück.“ Und als er dabei Helene Weber begegnete, die ihrerseits ebenfalls den Einkaufswagen zurück stellte, grüßte er höflich lächelnd mit: „Hallo“, welches sie vorsichtig mit leichtem Kopfnicken beantwortete. Schließlich weiß man nie, zu was Kinder, die den Vater ins Heim abschieben wollen, sonst noch so fähig sind. Vornehme Zurückhaltung erschien ihr diesmal der sicherste Weg. Einen Augenblick später dachte sie daran, dass sie sich von Kind an kannten, und sich dennoch soeben wie Fremde gegenüber standen.

„So Vater, dann fahren wir jetzt zur Agnes, mal sehen was es da Leckeres zu Mittag gibt.“ Hans-Peter schlug gewollt einen ungezwungenen Ton an und hoffte, seinen Vater auf andere Gedanken zu bringen. Seit Vaters Hund Rex gestorben war, bemerkte man eine starke Veränderung bei ihm, er war kaum wiederzuerkennen. Seine Freundlichkeit und die stets gute Laune, sein immerwährendes Interesse an allen Dingen, seine Geduld und Ausgeglichenheit, welche ihm selbst nach Mutters Tod nicht verloren gegangen waren, schien Rex mit in sein Grab genommen zu haben. Der Verlust des Tieres schmerzte ihn offensichtlich sehr. Bisher war Tag und Nacht immer jemand um ihn herum geschwänzelt. Ein Tier, welches nicht nur versorgt werden musste, dem alten Mann eine Aufgabe gab, sondern auch als treuer Freund und Kamerad seinen Platz einnahm, tagein, tagaus. Und nun war ihm nur ein stilles einsames Haus geblieben, keiner brauchte ihn mehr. So saß er nun oft für Stunden apathisch vor sich hinbrütend da und kam sich ziemlich überflüssig vor.

Otto Scholz Entschluss: Rex bleibt am Grundstück, musste in die Tat umgesetzt werden und so baute das alte Herrchen für seinen verstorbenen Gefährten eine Holzkiste, die täuschend einem der Särge ähnelte, wie man sie oft in alten Wildwestfilmen sehen kann. Unter dem Kastanienbaum hinterm Haus, hob er mühselig mit viel Kraftaufwand und stundenlang ein tiefes Loch aus, versenkte darin den seltsamen Sarg mit Rex und formte langsam mit Erde das Grab. Einen jungen Zwergbuchsbaum pflanzte er darauf, bearbeitete außerdem einen starken Birkenast zu einem Kreuz, welches er tief in die Erde rammte.

Als Hans-Peter vor zwei Tagen hier angekommen war, fand er seinen Vater, auf einem abgesägten Baumstamm sitzend, an genau diesem Grab. Der Sohn war erschüttert, traf auf einen völlig veränderten alten Mann, teilnahmslos, als habe der sich selbst aufgegeben und er erkannte mit Schrecken Vaters Trauer um seinen vierbeinigen Freund, seine plötzliche Einsamkeit.

„Lass uns ins Tierheim fahren, Vater, einen neuen Hund für dich holen“, war sein spontaner Vorschlag. Doch sein Vater beschimpfte die Idee als „Kokolores“ und jedes weitere Gespräch in diese Richtung blockte er ab.

Hans-Peter, schockiert und auch verwirrt über diese strikte Ablehnung, über die traurige unbekannte Sturheit seines Vaters, griff augenblicklich zum Handy um Margarete, seine Frau, zu informieren: „Hör mal, Marga, Papa geht’s überhaupt nicht gut, er lässt sich hängen! Er vermisst den Hund! Hier sieht es schrecklich aus, ich bleibe für ein paar Tage bei ihm. Sag Marlis und Georg Bescheid und ruf auch Anneliese und Siegfried an. Vielleicht könnt ihr es möglich machen, Sonntag herzukommen, ihn besuchen? Überlegt mal und ruft mich zurück.“ Seine Antwort auf Margas skeptische Frage: „Übertreibst du nicht ein wenig?“, war eindeutig: „Nein, wirklich nicht! Also beratet euch und versucht herzukommen. So wie es jetzt aussieht, können wir Vater nicht mehr alleine lassen, du weißt was ich meine – unser Thema von neulich im Fall der Fälle, was wir durchdacht haben!“ Im nächsten Moment drückte Hans-Peter die Austaste. Er glaubte ein Geräusch hinter sich wahrgenommen zu haben und es war ihm ganz und gar nicht recht, sollte Vater dieses Gespräch mitgehört haben.

Hatte der aber! Dummerweise gab ihm Hans-Peter dann sofort Antwort auf seine misstrauische Frage: „Was habt ihr neulich durchdacht?“ Denn ohne sich richtig Zeit zum Nachdenken zu nehmen, versuchte er eiligst die Überlegung: Seniorenheim, zu erklären. Dies schien für Vater jedoch mehr ein herber Schlag, als ein gutgemeinter Rat zu sein, was auch durchaus verständlich war. Jedenfalls ab da steigerte Vater sich vehement in die miese Laune hinein, die er offensichtlich nicht gedachte abzulegen.

Aber jetzt fragte Hans-Peter gar nicht mehr lange, er fuhr zum Haus Agnes. Die Familie ging gerne dort im Restaurant essen, immer schon, bei ihren Besuchen im Elternhaus.

Frau Hackler freute sich über die seltenen Gäste und bediente sie persönlich. Bemerkte auch die Verstimmung, die von Vater Scholz ausging und versuchte den alten Herrn aufzumuntern, was aber inzwischen endgültig an dessen Sturkopf scheiterte.

6

„Wenn morgen das Wetter gut ist, bringen wir das Schild zum Ufer und befestigen es neu. Dazu könnten wir ein kleines Picknick am Steg machen, was hältst du davon, Micha?“ Susanne Schnells sah ihrem Sohn, der gerade über seinen Hausaufgaben brütete, über die Schulter.

„Ja, okay Mama, von mir aus gerne, aber jetzt lass mich in Ruhe, das ist gerade sehr knifflig für Mathe.“

Susanne trällerte eine kleine Melodie vor sich hin, während sie die Treppe hinunter in die Küche lief. Ein bestimmtes Menü schwebte ihr bereits vor, auch wie das Picknick verlaufen konnte und sie begann einiges zu notieren, dabei bemerkte sie, sie würde noch einkaufen müssen. Nicht so schön dachte sie, dass wir alleine sind – na, auch egal. Sie entschloss sich für den bunten Reissalat und Frikadellen. Das mochte Michael besonders gerne. Dazu könnte sie auch beim Bäcker noch ein Stangenbrot kaufen und sie rief laut im Flur: „Michael? Hörst du mich? Ich fahre jetzt einkaufen!“

„Jaaaa.“ Immer diese Störungen mitten im Gedanken. Michael seufzte und ließ den Füller sinken. Doch nach einer Weile dachte er: Eigentlich könnte Markus mitmachen, hab nicht so richtig Lust mit Mama alleine.

Susannes spontaner Einkauf entpuppte sich umfangreicher, als gedacht. Soeben lud sie die vollgepackten Taschen und Tüten aus dem Auto, trug sie zur Terrasse hinters Haus und stapelte sie auf dem Tisch, rangierte ihr Auto nun in die enge Garage und sehnte sich zum x-ten Mal nach einem breiten Carport. Auf einmal kam es ihr so vor, als riefe jemand ihren Namen und sie schaute sich suchend um. Die Nachbarin, Helene Weber, stand am Weg, sie musste also nach ihr gerufen haben – und jetzt kam die auch eilends angelaufen.

„Hallo, Frau Schnells, hallo. Sie müssen sich unbedingt in der Schmiede, ach herrje, ich muss mich endlich mal an den Namen Bergers-Markt gewöhnen, die wunderschöne neue Gartenanlage ansehen, das Paradies!“, rief Frau Weber lachend, sofort zum Thema kommend.

„Da war ich schon, sogar pünktlich am Eröffnungstag, ich glaube es war vor drei Wochen, ja genau, in der Woche vor Ostern. Es wird Gartenparadies genannt, es ist schön und umfangreich, ein richtiger Anziehungspunkt. Selbst wenn man nicht vor hat etwas zu kaufen, nur langsam durch die Gänge schlendern dürfte schon ein Besuch wert sein. Eine prächtige Idee, auf diese Weiße bekommt der Baumarkt doch auch noch mehr Kundschaft. Ich finde es super und wir müssen nicht mehr bis in die Stadt fahren.“

„Ja, stimmt, ich bin gerade dabei einzupflanzen, was ich heute gekauft habe, ich konnte einfach nicht widerstehen.“ Helene Weber wendete sich ab, machte ein paar Schritte als wolle sie wieder gehen, blieb dann jedoch abrupt stehen und drehte sich erneut ihrer Nachbarin zu. Ein wenig zögerte sie noch, vielleicht sollte ich lieber nicht – doch ihre Neugierde war viel zu stark. „Ach, sagen Sie Frau Schnells, wo hat Ihr neuer Freund denn das Schild gekauft?“

„Mein Freund?“ Susanne blieb für Sekunden der Mund offen stehen, sie sank auf die Treppenstufen, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, brauchte einen Moment um das Gehörte zu verdauen. Für den Bruchteil einer Sekunde erschien das Bild der dürren Tratsche aus dem kleinen Café vor ihrem inneren Auge und sie schüttelte den Kopf. Das darf nicht wahr sein. Gleich darauf ließ sie ihre Hände sinken und erhob sich, um einige Schritte auf die Nachbarin zuzugehen. Leicht tadelnd sah sie diese an und fragte: „Frau Weber, Frau Weber, wem haben Sie das denn schon alles erzählt? Das war ein Herr Hauff, er hat unser entwendetes Schild wiederbeschafft und morgen werden Michael und ich es erneut beim Steg befestigen. Wir wollen nach langer Zeit dazu picknicken.“ Susanne musste sich zwar gestehen, wenn sich Herr Hauff melden würde wie er es sagte, das wäre okay, ja, aber ihr Freund? Nein, daran war doch überhaupt nicht zu denken! Sollte er tatsächlich anrufen oder gar herkommen, sie könnte sich darüber freuen, ja, ganz bestimmt sogar, aber Freund? Er war ein netter neuer Bekannter, ja, sie lächelte die verdutzt dreinschauende Frau Weber an. „Da fällt mir ein, möchten Sie nicht mitmachen? Mit uns zum Steg gehen, zum Picknick?“

Frau Weber zierte sich ein wenig, zu blöd, dass ihr das Wort Freund rausgerutscht war. „Meinen Sie wirklich, soll ich?“

„Ja bitte, immerhin sind wir schon seit Jahren Nachbarinnen! Außerdem kann ich Ihnen dann die peinliche Sache mit dem Schild erzählen.“ Susanne fand ohnehin schon lange, dass in dieser Kleinsiedlung alles viel zu fremd zuging. Wie in einer Großstadt. Außer den täglichen Grüßen, falls man sich überhaupt mal zu Gesicht bekam, in denen man vielleicht noch kurz das Wetter ansprach, blieb doch alles hinter den jeweiligen Haustüren verborgen. Na gut, die meisten Nachbarn waren berufstätig und sicher auch froh, wenn sie nicht mit Erzählungen irgendwelcher belangloser Tagesabläufe belästigt wurden. Frau Weber war da die große Ausnahme, sie hielt sich nun mal sehr oft in ihrem Vorgarten auf und sobald sich etwas auf der Straße bewegte, was nun wirklich nicht so oft vorkam, wurde ihr Interesse geweckt und sie begann ein Gespräch, versuchte es zumindest, und bekam auch irgendwie immer etwas heraus. Möglicherweise hörte sie auch mehr, als ihr anvertraut wurde? Vielleicht kombinierte sie auch so einiges in die falsche Richtung, so wie eben die Sache: Freund Hauff. Eventuell ließ sich gerade damit die Zurückhaltung der Leute erklären?

Als Mark Schnells gestorben war, gab es kurzfristig drei oder vier Gespräche zwischen ihnen, doch schon bald stellte sich leider wieder die übliche Distanz ein, von der eigentlich kein Mensch wirklich wusste, warum das denn so war. Susanne nahm sich augenblicklich vor: Das muss sich ändern! Den ersten Schritt ging sie soeben, sie bat Helene Weber ihr Gast zu sein, beim Picknick für den morgigen Samstag. „Oder haben Sie schon was vor?“

„Nein, ich komme gerne, vielen Dank für die Einladung.“

Susanne verstaute die Einkäufe und suchte gleichzeitig nach dem Rezept für den Salat, ihr eigenes Rezept, obwohl das eigentlich nur einige schnell notierte Zutaten waren, welche sie vor Jahren selbst zu einem Hauptmenü erdachte und es auch mehrfach ausprobierte. Genau das müsste die Nachbarin beeindrucken, mit Sicherheit! Susanne hörte ihren Sohn die Treppe herunter sprinten. Er kam direkt zu ihr in die Küche und legte seine Arme von hinten um ihre Taille. Das hat er schon ewig nicht mehr gemacht, dachte Susanne belustigt.

„Entschuldige Ma, dass ich vorhin so kurz angebunden war, aber auch wenn Mathematik mein liebstes Fach ist, denken muss ich trotzdem dabei!“

Susanne drehte sich um und nahm ihren Sohn in die Arme. Sie strich ihm gedankenverloren übers Haar und hielt plötzlich überrascht inne, bemerkte erstaunt: „Du bist gewachsen!“

Michael lachte herzhaft. „Das hättest du wohl gerne, dass ich so klein bleibe?“, dabei zeigte er mit einer Hand etwa in Höhe seiner Knie. „Übrigens, ich dachte zum Picknick könnte doch Markus auch kommen, oder?“

„Natürlich, wenn du das möchtest, lade deinen Freund ein. Damit sind wir dann schon vier. Du wirst staunen, wen ich soeben eingeladen habe, dreimal darfst du raten, also – was meinst du?“

Michael überlegte: „Frau Pieper?“ Er sah seine Mutter an, doch sie schüttelte nur wortlos den Kopf.

„Das kleine Mädchen von gegenüber? Rosa oder so?“

Und wieder Mutters Kopfschütteln.

„Sag schon, wen dann?“, fragte er ungeduldig.

„Frau Weber!“

Überaus langsam setzte Michael sich auf einen Stuhl, er sah seine Mutter an, als sehe er gerade einen Geist.

„Micha – was ist denn, hey – findest du das so schlimm? Sie ist doch ganz alleine und nur deshalb so neugierig. Außerdem hat sie unser Schild neben der Haustüre stehen sehen und ganz falsch gedeutet. Herrn Hauff hat sie wohl auch gesehen und sich ihren ganz speziellen Reim darauf gemacht.“ Susanne schwieg kurz. „Anscheinend erzählt sie jetzt herum, ich hätte einen neuen Freund“, erklärte sie. „Darum fand ich, die Einladung war nötig!“

Da ging plötzlich ein eigenartiges Grinsen über Michaels Gesicht. Die Idee kam ihm wie ein Blitz und begann, sich augenblicklich in seinem Kopf auszubreiten. Seine Mutter war jedoch viel zu beschäftigt, um dies bewusst wahrzunehmen. Wie sollte sie aber auch ahnen, dass inzwischen ein ganz bestimmtes Telefonat erfolgt war.

7

Das Handy spielte seine Melodie. Hans-Peter Scholz hielt am Straßenrand an, fingerte es aus der Brusttasche seines Hemdes, klappe es auf und erkannte im Display die Nummer seines Schwagers Georg. „Hallo Georg, ich rufe dich gleich zurück, bin gerade mit Vater auf dem Heimweg, bis später.“ Er ließ das Handy zurück in seine Hemdtasche gleiten und fuhr weiter zu Vaters Haus. Dort parkte er in der Einfahrt und begann die eingekauften Waren auszuladen. Nach einer Weile sah er sich nach seinem Vater um, der noch nicht bis zur Haustüre gekommen war, um zu öffnen. Nein – seltsamerweise saß er nach wie vor noch im Auto, zeigte immer noch seine miese Laune-Miene, machte auch keine Anstalten auszusteigen.

„Papa, willst du nicht die Haustür aufschließen?“, rief er.

Vater Scholz hielt seinen Schlüsselbund zum Beifahrerfenster hinaus, er wartete regungslos. Hans-Peter ging kopfschüttelnd darauf ein, nahm die Schlüssel an sich, öffnete die Eingangstür, hob die Renovierungs-Materialien auf und trug sie nacheinander ins Haus. Und Vater saß immer noch schweigend im Auto.

„So, jetzt reicht es, das ist mir doch zu toll.“ Seine verdammte Laune! Hans-Peter schritt resolut auf sein Fahrzeug zu und riss die rechte Türe auf. „Was soll das, steigst du endlich aus oder willst du den Rest des Tages im Auto verbringen?“

Vaters Antwort kam prompt: „Nein, nur so lange, bis mein einziger Sohn telefoniert hat, kannst mir ja sagen, wenn du damit fertig bist!“

„Wie bitte? Hey Papa, das war Georg, keine Heimlichkeit!“

„Ach so? Wieso haste denn nicht mit ihm gesprochen, vorhin?“ Vater Scholz verzog spöttisch die Lippen, seine wegwerfende Handbewegung sagte alles – er wusste doch inzwischen, was da hinter seinem Rücken lief.

Dem Sohn ging ein Licht auf, erleichtert lächelte er. „Das kann ich dir sagen, warum: Weil es verboten ist während der Fahrt ein Handy zu halten, um zu telefonieren, darum! So, jetzt steig schon aus, du sturer Kopp.“

Ein bisschen ungläubig sah ihn sein Vater an, das war ja interessant, neumodischer Kram und gleich mit neuem Gesetz dazu. Dann blieb er dabei als Hans-Peter und Georg miteinander telefonierten. Damit keine neuen Missverständnisse entstehen konnten, stellte Hans-Peter das Handy auf laut. „Na, was habt ihr euch ausgedacht für Sonntag?“, fragte Hans-Peter in den Apparat.

„Marlis und ich fahren zu Anneliese und Siegfried, holen sie ab und ihr könnt dann etwa ab 14 Uhr mit uns rechnen. Marga kommt mit den Kindern. Sie ruft dich aber auch noch an.“

„Alles klar, bestens. Dann streiche ich morgen die Diele und das Bad, mit tapezieren fange ich erst am Montag an. Will ein bisschen renovieren bei Papa, wenn ich schon hier bin. Grüß alle schön, auch von Papa, bis dann, Georg.“ Das Gespräch war beendet.

Otto Scholz‘ miese Laune schwand dahin, dennoch, er stand breitbeinig im Türrahmen, schüttelte ein paarmal den Kopf bevor er Wort für Wort abwägend, fragte: „Da bin ich doch jetzt neugierig, und das beschäftigt mich schon den ganzen Tag, wenn ihr wollt, dass ich in ein Heim gehe, warum willst du dann überhaupt noch hier renovieren?“

„Ach Papa, erstens – weil es nötig ist. Zweitens – wissen wir ja noch nicht wie und was wir alle zusammen entscheiden, uns einig werden und drittens – wenn du wirklich in ein Heim gehst, dann müssen wir erst mal eins für dich suchen und dich dort anmelden. Du bekommst nicht von heute auf morgen einen Heimplatz. So was kann dauern!“

Das war der Lichtblick! Ein schwaches Lächeln umspielte Vaters Mund, hoffentlich würde es noch recht lange dauern. Etwas später entschloss er sich in den Garten zu gehen, um nach dem Rechten zu sehen, wie er sich ausdrückte. „Komm Junge, lass uns etwas Ordnung schaffen, sonst denkt unser Besuch am Sonntag wirklich noch, ich tauge zu nichts mehr.“

„Na also, so gefällt mir mein Vater wieder besser“, grinste Hans-Peter aufatmend. Immerhin schien es Vater selbst bemerkt zu haben, wie vernachlässigt besonders sein Garten aussah.

Margas Anruf kam gegen Abend über Vaters Anschluss. Ein wenig atemlos erzählte sie von den Kindern, von Jonas und Jessica: „Als die zwei hörten, wir fahren am Sonntag zu Opa, musste ich noch mit ihnen ein Geschenk einkaufen. Wir sind kurz vor Ladenschluss noch in der Gärtnerei gewesen und haben etwas für seinen Garten gekauft.“

„Das ist prima. Und ich freue mich auf euch.“

„Soll ich Kuchen backen, oder backst du?“, fragte Marga.

„Bring du Kuchen mit, Liebes, ich will ab morgen renovieren, bleibe auch solange ich dafür brauche hier.“

„Alles klar, dann grüß Papa und tschüss bis Sonntag.“

Hans-Peter legte den Hörer auf. „Siehst du Papa, sie kommen und Marga hat für dich Grüße bestellt. Sie backt einen Kuchen, und die Kinder bringen dir ein Geschenk mit.“ Hans-Peter strahlte, endlich, nach über einer Woche würde er seine Familie wieder in die Arme schließen können und dass Vater sich wieder gefangen hatte, sich auch sichtlich auf den Besuch freute, war einfach großartig.

8

Alles war bereit für das geplante Picknick. Micha trug schon die Klappstühle zum Steg und auch den Campingtisch. Soeben ergriff er Spaten und Vorschlaghammer, dann nichts wie ab zum Steg damit. Schließlich kümmerte er sich noch um das vermeintlich geklaute und wiederbeschaffte Verbotsschild. Es war ein wenig sperrig zu tragen und er zog es neben sich her durchs Gras, legte es neben dem Steg ab. Er sah sich um, noch war niemand zu sehen und erneut lief er zurück zum Haus.

Seine Mutter rief ihm zu: „Micha nimm Kissen mit und auch Decken aus der Truhe, wer weiß, so warm ist es ja noch nicht.“

„Jawohl Mama. Dann bin ich aber auch genug hin und her gelaufen und bleibe gleich am Steg, Markus wird sicher jeden Moment da sein.“ Michael grinste innerlich, er war gespannt auf das Gesicht seiner Mutter, auf ihre Reaktion, wenn außerdem plötzlich seine eingeladene Überraschung dastehen würde.

Inzwischen zeigte die Uhr 14:22 und Frau Weber traf mit einem hübsch verzierten Tablett ein, worauf einige Schüsselchen mit verschiedenem Beerenobst gefüllt, platziert waren. „Da bin ich, war noch schnell Beeren kaufen für uns. Meine sind noch nicht reif“, grinste sie.

„Oh, Frau Weber, das ist eine gute Idee, danke“, freute sich Susanne. Dann schritten beide Frauen voll bepackt zum Fluss.

Markus war schon da und grüßte höflich wie immer oder war er heute besonders freundlich? Michael zog seinen Freund am Ärmel den Pfad entlang und sie entschwanden den Blicken der Frauen. Sehr komisch, Susanne schüttelte den Kopf, irgendwie verhielten sich die Jungen merkwürdig, oder? Bald war der Tisch gedeckt und sobald es die beiden Buben fertig bringen würden wieder zu erscheinen, konnte der gemütliche Nachmittag mit leckeren Schlemmereien beginnen. Doch vorher füllte Susanne zwei Gläser mit Saft, reichte eines Frau Weber und stieß mit ihr an, als wäre es Sekt. „Liebe Frau Weber, ich bin dafür, dass wir uns duzen, Prost!“

„Genau das schwebte mir auch schon vor, also, ich bin die Helene.“

„Und ich bin Susanne und ich wünsche mir, dass wir ab sofort ein freundschaftliches Verhältnis pflegen!“

„Unbedingt Susanne! Und ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig unterstützen und helfen, wann immer es nötig ist!“

Beide Frauen nahmen inzwischen auf Stühlen ihre Plätze ein, nippten am Saft, als Susanne auffiel: „Komisch, ein Stuhl ist zu viel, Michael kann nicht mehr bis vier zählen.“

Helene lächelte, sie saß Susanne gegenüber, ihre Sicht ging in Richtung Pfad, dorthin, wo vorhin die Jungen verschwunden waren. „Es ist sehr schön hier, vielleicht können wir das in Zukunft öfter mal …“ Helene bekam plötzlich große, erstaunte Augen und brachte es nicht fertig, ihren angefangenen Satz zu beenden.

Susanne sah fragend zu ihr hin und es ging ihr durch den Kopf: Was haben denn die Jungen jetzt schon wieder angestellt?, als eine Stimme sie herumfahren ließ.

„Darf ich mit picknicken?“

Susanne erkannte ihn sofort, es war Frank Hauff. Sie erhob sich langsam von ihrem Stuhl und ergriff seine Hände, die er ihr entgegenhielt. Sie war dermaßen überrascht, sie brachte kein Wort hervor und nickte nur. Dafür also ein zusätzlicher Stuhl! Michael musste das irgendwie eingefädelt haben. Jetzt kam ihr auch seine komische Grimasse zu Bewusstsein von gestern, als sie ihm von Frau Webers Verdacht: ‚Freund Hauff‘ erzählte. „Das gibt es doch nicht!“, rief sie jetzt übertrieben laut und versuchte sich der Magie, die ganz offensichtlich von diesem Mann ausging, zu entziehen.

Die Jungen hüpften indes vor Freude um beide herum. Die Überraschung war bombig! – Frank Hauffs Anruf war während Susannes Einkauf erfolgt. – Michael erzählte ihm natürlich gleich vom Picknick und er war augenblicklich einverstanden gewesen, als Micha ihn spontan dazu einlud. Mutter damit zu überraschen, dachte er sich aber erst in dem Moment aus, als er den Weber-Klatsch von ihr hörte.

Aber jetzt: Susanne Schnells sah Frank Hauff an, er sah gut aus und seine Augen? War das Freude? Und was empfand sie selbst? Ich muss etwas zu ihm sagen, dachte sie, etwas sagen, sagen, schwirrte es in ihrem Kopf. Doch sie konnte nur unentwegt in seine Augen schauen und um sie herum entstand eine seltsame Stille, kein Laut war zu hören, nicht einmal das Gurgeln des Flusses nahm sie wahr, und sie befand sich irgendwo in einem absoluten Nichts! Sämtliche Geräusche um sie herum schienen verstummt zu sein. Diese magische Stille schien gleichzeitig auch ihren Mund zu verschließen, obwohl sie immer noch versuchte etwas zu reden, ganz einfach nur irgend etwas.

Aber auch Frank Hauff schwieg, warum nur schwieg er?

Wie viel Zeit war vergangen? Sekunden? Minuten?

„Wir haben einen Mordshunger Mama, wann gibt es was zu essen?“ Michael unterbrach unbarmherzig diese gefühlvollen Augenblicke.

Und seine Mutter bemühte sich, in die Gegenwart zurück zu finden und flüchtete, erschrocken über ihre eigene unbekannte, gar seltsame Empfindung, in leichte Burschikosität. „Sieh dir das an, Helene. Diese Lauser, die bringen mich vollkommen aus dem Konzept. Das ist übrigens Frank Hauff, der unser Schild wieder beschafft hat, ach, das erzähle ich dir später mal etwas genauer!“

Helene war aufgestanden. „Wer dich aus dem Konzept bringt, na ja, die Jungen sind das eher nicht, denke ich“, nuschelte sie ihrer neuen Freundin ans Ohr und wandte sich spontan Frank Hauff zu, reichte ihm die Hand und stellte sich selbst vor: „Ich bin die Nachbarin, Helene Weber, sagen Sie bloß, Sie sind der Mann mit dem Jeep?“

„Ja genau, aber den habe ich heute nicht dabei“, lächelte er verschmitzt und wendete sich den Jungen zu, die ihm erst vorhin vom Weber-Klatsch petzten, beziehungsweise auch beichteten, dass Mutter nichts von seinem Besuch ahnte. Er tuschelte über etwas mit ihnen, dann reichte er Michael seinen Schlüsselbund und die Buben rannten durch den Pfad davon. Als sie bald darauf zurückkehrten, lieferten sie nicht nur Blumen ab, sondern auch eine Flasche Sekt im Kühlbeutel, beides übergaben sie Frank Hauff.

„Darf ich?“ Frank Hauff legte die Blumen in Susannes Arme.

„Danke“ hauchte sie, denn immer noch stand sie ziemlich neben sich. Vorsichtig brach sie dann eine gelbe Rose aus dem üppigen Strauß, die sie Helene reichte. Nur langsam wich der soeben erlebte eigenartige Bann der Freude. Es kam ihr vor, als hätte sie gerade etwas Wunderbares und überaus Wichtiges gefunden, etwas, zum nicht wieder loslassen.

Doch zuerst kehrte der Alltag zurück in Gestalt einer recht fröhlichen Runde, die Susannes Kochkünste nicht nur ausgiebig lobte, sondern auch die Ergebnisse schnell schmälerte. Der bunte Reissalat wurde zum besonderen Hit, kurz gesagt, die Esserei zog sich ziemlich lange hin. Während dem wurde die komplette Geschichte ausführlich, ab ‚Angler am Steg’, Helene und Markus kundgetan. Natürlich kam auch Helenes Verdacht ‚neuer Freund‘ nicht zu kurz. Dies war dann auch wiederum der Punkt, endlich die Flasche Sekt zu entkorken und nachdem selbst die Jungen vom Inhalt kosten durften, waren sich alle einig, ab genau diesem Augenblick Freunde zu sein. Das förmliche Sie wurde zum zwanglosen du. Doch, auch wenn es noch so schön war, die Dämmerung konnte niemand aufhalten. Nun war Eile geboten, schließlich musste das Schild noch aufgestellt werden. So befestigten sie feierlich und mit Franks Hilfe das Verbotsschild neu im Boden. Es war spät geworden und gemeinsam trugen sie alle Picknickgegenstände zurück zum Haus.

Helene umarmte Susanne, und gestand: „Es war so schön mit euch, ich könnte vor Rührung heulen“ und verabschiedete sich.

„Ja, Helene, heute war ein wunderschöner Tag“, stimmte Susanne versonnen zu.

„Und der ist auch noch nicht zu Ende“, kicherte Helene und zwinkerte ihr vielsagend zu. „Ich geh dann mal, gute Nacht.“

„Gute Nacht“, antworteten sie ein wenig kanonartig und winkten ihr nach.

Susanne war glücklich, diesen Tag würde sie nie und nimmer vergessen! Und wie auch immer es nun weiter gehen würde, irgendetwas war heute geschehen, das spürte sie sehr deutlich.

Frank lief mit den Jungen zum Parkplatz an sein Auto. Markus wurde nach Hause gefahren, obwohl er fand: „Das Stück kann ich doch laufen.“ Aber er kannte Frank noch nicht wirklich. Der bestand nämlich darauf, ihn mit Michael zu bringen und erklärte: „Man lässt einen Freund im Dunkeln nicht alleine gehen!“ Nun warteten Frank und Michael im Hof bei Piepers bis Markus die Haustüre hinter sich schloss, dann wendete Frank und fuhr zurück. „Jetzt bringe ich dich nach Hause, Michael. Ich glaube, ich muss mich noch ordentlich von deiner Mutter verabschieden und mich vor allen Dingen bei ihr bedanken für den schönen Tag. Das habe ich vorhin völlig verschwitzt.“

Michael grinste, als ob er nicht gewusst hätte, dass Frank noch mit Mama reden wollte, oder so. Vielleicht war es ein wenig vorlaut, aber Michael sagte es trotzdem: „Fahr vor die Garage, von der Straße runter, du bleibst ja doch noch länger!“

Und Frank gehorchte dem klugen Zwölfjährigen.

Ziemlich verschlafen schaute Michael aus seinem Zimmer, erst mal die Lage peilen, vielleicht …? Das Bad war frei. Schneller als jemals zuvor war er mit Duschen fertig, kleidete sich an und stieg vorsichtig, ganz gegen seine Gewohnheit jedes Knarren der Holzstufen vermeidend, die Treppe hinab. „Hi, morgen, ihr sitzt ja schon beim Frühstück, warum habt ihr mich denn nicht geweckt?“ Er setzte sich auf seinen Bankplatz und griff nach einer Scheibe Brot. Und als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, verlor er kein einziges Wort darüber, dass Frank über Nacht geblieben war.

Der Junge ist ein Schatz, dachte Frank beeindruckt.

„Michael, ich habe Frank eingeladen seinen Rest-Urlaub bei uns zu verbringen“, begann Susanne. „Natürlich nur, wenn du auch damit einverstanden bist?“

„Mm“, Michael nickte kurz. „Klar, kann er, und was stellen wir heute an?“ Die Schnelligkeit, mit welcher dieser Junge die neue Situation begriff und für sich nutzte, war bemerkenswert.

„Schlag was vor“, bat Frank schmunzelnd.

„Wir könnten in den Zoo fahren“, fand Michael.

„Aha – in den Zoo?“, rief Frank begeistert.

Susanne klärte ihn lachend auf: „Spricht Micha vom Zoo, meint er eigentlich Aquarium!“

„Das ist gut, richtig gut, das machen wir!“ Frank sprang auf. „Ich setze schon mal mein Auto raus“, rief er erfreut.

Kurze Zeit später fuhren sie schon auf der Autobahn. Da war also etwas, eine Gemeinsamkeit der beiden Männer, ein Hobby? Zumindest aber großes Interesse an Fischen und sonstigem Wassergetier, und diesmal spielte wenigstens die Angel keine Rolle. Eigentlich hegte Susanne eher die Hoffnung, ihr Sohn würde einige Stunden mit seinem Freund Markus verbringen wollen, doch da täuschte sie sich wohl. Andererseits konnte sie mehr als zufrieden sein, dass er sich mit Frank so gut verstand. Besser konnte es doch gar nicht kommen. Sie wunderte sich über sich selbst, dachte an ihren verstorbenen Mark, bisher fiel es ihr im Traum nicht ein, sich nach einem Mann auch nur umzudrehen, hielt es eigentlich auch nicht für möglich, sich noch einmal zu verlieben, aber jetzt – Frank! Da war gleich so viel Vertrauen zwischen ihnen gewesen. Durch einige Zufälle, die Susanne ein wenig anders sah als die meisten Leute, war er einfach da, so, als sollte es so sein. Oder, als wäre es nie anders gewesen.

Frank sah zu Susanne hinüber. „Na, so in Gedanken?“ Er ergriff Susannes linke Hand und drückte sie leicht.

„Ja, mir fiel eben ein, dass wir uns vorigen Samstag noch gar nicht kannten und es doch ist, als würden wir uns schon ewig kennen.“

Von der Rückbank meldete sich Michael: „Jetzt kommt das mit der Vorsehung“ und es hörte sich mehr wie ein Stöhnen an, „die uns führt. Mama glaubt nämlich, es gibt keine Zufälle, aber das wird sie dir mit der Zeit schon noch klar machen!“

Frank lächelte. „Schicksal Michael, glaube ich auch nicht, Micha, ich auch nicht. Zufall, das ist ein Wort, das eben mal so dahin gesagt wird, doch sehr oft eine viel ernstere und manchmal auch große Bedeutung haben kann. Aber gleich sind wir da, wir können ein anderes Mal darüber reden.“

„Och, lass mal, das muss nicht sein“, äußerte sich Michael träge, und dachte: Da haben sich ja die Richtigen getroffen. Ob Zufall oder nicht, das ist mir doch so was von egal.

Der Besuch des Aquariums nahm viel Zeit in Anspruch, sehr viel, sodass Susanne manchmal mehr die zwei männlichen Wesen betrachtete, anstatt die Wasserbewohner und sich außerdem auch manchmal wie das ‚fünfte Rad …‘ vorkam. Die zwei mussten die einzelnen Fische und sonstige Wassertiere nämlich genauestens besehen und studieren, hielten sich langatmig mit den Namen auf und ob Flossen oder Farbmuster, es war alles derartig interessant, die Zeit flog für Michael und Frank einfach nur so dahin, was Susanne ganz und gar nicht von sich behaupten konnte. Einfacher gesagt, sie zog schon eine Weile ‚ein Gesicht‘, denn für die Besichtigung des Zoos blieb nur noch der Schnelldurchlauf.

„Wir fahren noch mal her, dann machen wir es umgekehrt“, versprach Frank und legte tröstend den Arm um ihre Schultern. Und das hörte sich gerade so an, als habe Frank vollkommen vergessen, nur noch wenige Tage seines Urlaubes mit ihnen zu verbringen.

9

Der angekündigte Besuch, Georg und Marlis Sander mit Anneliese und Siegfried Maul, traf kurz nach 14 Uhr in der Bergstraße 10 ein. Hans-Peter lief freudestrahlend hinaus und begrüßte seine Schwestern und die beiden Schwager.

Beim Vater ging es heute ein wenig langsamer. Ein gehöriger Muskelkater, welchen er seit gestern ausgiebig pflegte, bremste ihn etwas. Schuld war natürlich die Gartenarbeit. Diese Tatsache sorge für die ersten Lacher. So entstand gleich zu Anfang eine locker, leichte Stimmung, die im Hinblick auf den dicken Ärger der letzten Woche auch unbedingt nötig war.

Minuten später fuhr Marga mit Jessica und Jonas vor. Jessica, dieses Temperamentsbündel, flog auf Hans-Peter zu. „Papa, du warst so lange fort, ich habe dich richtig vermisst!“

„Ja, das kann ich nur bestätigen“, kicherte Marga. „Eine unendlich lange Woche!“ Oh, diese zwei, Vater und Tochter. Jede Trennung, sei sie auch noch so kurz, sie war ihr spezielles Martyrium.

Im nächsten Moment war Jessica mit der Begrüßung ihres Opas beschäftigt, der seine Enkelin stoppte mit: „Langsam, langsam, ich bin kein junger Spund mehr!“

„Was denn Opa, tut dir was weh?“

„Nja, bisschen.“

Die Neuankömmlinge mussten sich nun auch die Geschichte vom Muskelkater anhören, aber das beeindruckte überhaupt niemand. Marga zeigte nur ein schwaches Lächeln, während Jonas ein gelangweiltes Gesicht aufsetzte. Ohnehin war er nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Und Jessica, nun ja, sie kannte zwar das Wort Muskelkater, doch wie sich das anfühlte war ihr in den acht Jahren ihres Lebens fremd geblieben. Wie auch, ständig war sie in Bewegung, körperlich ohne Rast und Ruh, und nicht zu vergessen ihr Mundwerk, auch das stand selten still. Manchmal schien sie gar für ihren großen Bruder mitzureden, der es schon immer gelassen hinnahm und seine um drei Jahre jüngere Schwester gewähren ließ. Selbst die Eltern waren so manches Mal ratlos. Und niemand konnte Jessica so gut wie Jonas verstehen und beruhigen, wenn es nötig wurde.

Aber jetzt beanspruchte Jessica trotzdem ihren Opa für sich. „Komm Opa, geh mit ans Auto dein Geschenk ausladen“ und ihre Mutter am Pulli ziehend: „Mama, Mama mach den Kofferraum auf, komm schnell!“

Marga, die bisher nicht einmal die Zeit fand, allen einen guten Tag zu wünschen, warf ergeben ihre Arme in die Luft und lief den beiden lachend nach. „Vater, lass mich dich erst einmal begrüßen.“ Und Marga tat etwas, was bisher noch nie jemand aus der ganzen Familie bei ihr gesehen hatte, sie umarmte ihren Schwiegervater. Beide sahen sich wortlos an, hatte Marga ihm vergeben? Sie lächelte und ihre Augen sagten ‚ja‘.

Georg trug inzwischen das pink blühende kleine Bäumchen aus Margas Auto in Richtung Garten, auch wenn es Sonntag war, es musste unbedingt eingepflanzt werden. Scholz Senior suchte jedoch den Platz vor dem Wohnzimmerfenster aus: „Nee nicht hinters Haus, hierhin! Damit ich das Bäumchen sehen kann, wenn ich am Fenster sitze.“

„Es ist ein Hibiskus, jetzt ist er noch klein, er wird aber ziemlich groß, Papa“, gab Georg zu bedenken.

„Soll er, aber da ist das Bäumchen auch vor Regen etwas geschützt und ich will es sehen, wenn sich draußen was tut.“ Also bekam das Hibiskus-Stämmchen seinen Platz vor dem Fenster des Wohnzimmers, selbst wenn es irgendwann einmal die Sicht auf die Straße einschränken sollte, Vater wollte es dorthin einpflanzen und schließlich war das sein Geschenk! Die kluge Jessica erinnerte zudem daran: „Mit seinem Geschenk darf man machen was man will!“

„Basta!“, bestätigte Opa lachend und holte den Spaten.

Jessica sah ganz genau hin, vergaß kurzzeitig die Aufgabe ihres Plappermundes, während Opa das Bäumchen einpflanzte.

„Fertig! Nur noch angießen, dann können wir die Gartenarbeit für heute beenden“, schmunzelte Opa und klopfte sich, wie gewohnt, die Hände an seiner Hose ab, nur, dass die heute eine Sonntagshose war. Was nun wieder Anneliese missbilligte. Sie schimpfte: „Also Vater, wie kannst du nur?“ Im nächsten Moment griff sie nach der Kleiderbürste und entfernte ungeduldig die Erdflecken von seiner Beinkleidung. Schließlich, in der Küche angekommen, wurde Margas Kuchen ausgepackt.

Anneliese und Marlis deckten gerade den Kaffeetisch, Marga schnitt die Torte auf und bediente die Kaffeemaschine. Die vier Männer nahmen schon mal ihre Plätze um den Tisch herum ein. Plötzlich wurde dieses harmonische Miteinander lautstark durch wütendes Gekreische gestört. Es kam von draußen! Oh Gott, die Kinder wollten das Grab von Rex im Garten suchen. Hans-Peter sprang erschreckt auf, rannte durch die Hintertür hinaus, mit den Kindern ist was, dachte er und lief auf die beiden zu.

Als er nahe genug war, versuchte Jonas, der seine schreiende, tobende Schwester im Schwitzkasten hielt, aufzuklären: „Sie will, dass ich sie hochhebe, damit sie Blätter vom Baum abpflücken kann, die will sie aufs Grab legen. Ach Papa, hilf mir doch mal!“ Jonas schien am Ende seiner Kräfte.

„Joooo, sofort! Heb mich endlich hoch, los, mach schon!“ Jessica tobte, sie kreischte in den höchsten Tönen.

Hans-Peter dachte nicht daran, der Bitte seines Sohnes nachzukommen, dieses wild um sich schlagende und tretende Mädchen festzuhalten. Momentan sah er nicht seine Tochter, sondern ein eher Kraken ähnliches Monster mit viel zu vielen Armen und Beinen herum rudern. „Lass sie los, Jonas! Lass sie meinetwegen in den Dreck fallen! Und du, junge Dame, gibst augenblicklich Ruhe!“ Hans-Peters Stimme war mit jedem Wort lauter und schärfer geworden. Jonas ließ tatsächlich seine Schwester ruckartig fallen. Jetzt saß Jessi auf der Erde, wortlos und völlig verblüfft, das war eine ganz neue Erfahrung: Ein derartiges Machtwort von Papa!

Währenddessen war die komplette Familie auch im Garten angekommen. Anneliese, die Patin von Jessica, hockte sich zu dem Kind und fragte: „Warum sollen Blätter auf das Grab?“

„Weil ich es nicht sehen will, darum! Weil Rex lieb war und jetzt die ganze Erde auf ihm liegt, deshalb!“ Jessica begann zu weinen und Jonas legte beruhigend seine Arme um sie, wiegte sie leicht hin und her. Marga machte ihrem Sohn ein Zeichen mit der Hand zum Mund, Kaffeetrinken! Jonas nickte kurz und leise zogen sich die Erwachsenen zurück. Hier waren sie nun überflüssig.

„So was habe ich noch überhaupt nicht gesehen, dass selbst Jonas machtlos ist bei Jessica.“ Hans-Peter konnte es noch immer nicht fassen. Er schüttelte ein ums andere Mal den Kopf. Erst umarmte Marga seinen Vater, mit dem sie von Anfang an auf Kriegsfuß stand, all die langen Jahre, jetzt flippte Jessica aus. Was lag da nur heute in der Luft?

Großvater überlegte, fuhr sich ein paar Mal mit den Fingern durchs Haar. Wie sagte Jessica? ‚Weil die ganze Erde auf ihm liegt‘? Er ging noch einmal hinaus zu Jessica und Jonas, vielleicht deutete er den Gedankengang der Kleinen richtig, dann konnte er sie eventuell beschwichtigen. Die Geschwister sahen ihrem Opa entgegen, der lächelte, beugte sich vor und hob Jessica kurz entschlossen auf seine Arme als wäre sie leicht wie eine Feder und viel schwerer kam ihm das kleine Bündel Mensch auch in diesem Moment nicht vor. „Hör mal Jessi“, begann er. „Rex liegt nicht einfach so unter dem Erdhaufen, er hat einen richtigen Holzsarg, den habe ich selbst gebaut.“

„Oh, ich dachte – wirklich? Im Sarg, wie Oma?“

„Ja, kleine Jessi, genauso und jetzt komm, es gibt Torte.“ Jessica auf dem Arm und an der anderen Hand Jonas, so schritt der alte Mann gut gelaunt zur Küchentür hinein. Muskelkater, Gebrechlichkeit der letzten Zeit, jeder Ärger der vergangenen Tage, alles schien mit einem Mal vorbei und vergessen. Einfach wie weggewischt. Und wie immer er es auch anstellte, die unschöne Schreiattacke war beendet, das Kind wieder friedlich. Gemeinsam verzehrten sie Margas Torte, Stück für Stück.

„Hmm, schmeckt prima!“ Vater leckte sich die Lippen. „Davon esse ich noch ein Stück.“ Er hatte die Situation jetzt voll im Griff! Und es war ihm heute, ganz genau in diesem Augenblick, auch völlig egal ob es Entsetzen oder ein Schock bei der Familie hervorrufen würde, jetzt musste es heraus, endlich von seiner Seele herunter und er begann zu reden: „So, bevor wir beraten wie das hier weiter geht bei mir, ob ich nun in ein Altenheim soll oder nicht, möchte ich noch kurz eine kleine Geschichte erzählen, die allerdings eine arg große und auch anhaltende Wirkung verursachte. Sie passierte vor etwa vierzehn Jahren.“ Er sah Marga fragend an und als sie zustimmend nickte, fuhr er fort: „Also, ihr wisst ja alle, wie gut Mutter und ich miteinander auskamen, es bis zum Ende eine gute Ehe und die große Liebe war.“ Nun druckste er ein wenig herum, trank Zeit gewinnend einen Schluck Kaffee, bevor er weitersprach: „Was ihr vielleicht nicht so wisst, Mutter und ich, bei uns gab es keine Geheimnisse. Wir beide, also Mutter und ich, wir kamen nicht unberührt in die Ehe. Was ich damit sagen will, ich hatte Mutter von meiner ersten Liebe erzählt, meiner Lehrerin Elisabeth, die mir mit sechzehn alles beibrachte, was ein Mann über eine Frau wissen sollte. Sie war eine bildhübsche Frau von achtundzwanzig und als sie sich versetzen ließ, bevor unser Verhältnis auffliegen konnte, dachte ich, ich sterbe!“ Er machte eine Pause, suchte nach Worten.

Hans-Peter fragte pikiert dazwischen: „Vater wieso? Warum erzählst du uns das, und weshalb überhaupt? Zu was soll das gut sein?“ Seine Schwestern fanden es ebenfalls peinlich, sahen verschämt vor sich hin, ihren Ehemännern ging es ähnlich. Über derart intime Dinge zu reden, was sollte das? Wurde er jetzt auch noch wunderlich? Ein Glück nur, dass die Kinder längst wieder in den Garten verschwunden waren.

Nur Marga bat, zu ihrer aller Erstaunen: „Nun sprich schon weiter, Vater!“

Und Otto Scholz setzte seine Erzählung fort: „Damals kam Hans-Peter her und stellte Mutter und mir seine Marga vor und ich fiel aus allen Wolken, dachte, ich sehe Elisabeth vor mir. Als wir kurz alleine im Zimmer waren, nahm ich sie einfach in meine Arme, streichelte ihr Haar und küsste ihre Stirn. Aber es war nicht Elisabeth, es war Margarete und sie ließ sich in die Hocke fallen, entwich mir, dachte Gott weiß was und hasste mich für meine Entgleisung! Bis heute! Deshalb ist auch heute der Tag, an dem ich darüber reden muss“ und direkt an Marga gewandt: „Es tut mir leid, dass du es so lange mit dir rumtragen musstest, ich wollte wirklich nichts von dir. Als ich dann mein Verhalten begriff und hinter dir herrief: ‚Lass dir erklären‘, knalltest du die Türe hinter dir zu! Mutter hätte mit dir vielleicht darüber reden können, aber sie war der Meinung, dass ich das mal schön selbst in Ordnung bringen sollte!“

Nach einigen Schweigeminuten fragte Georg: „Vater wieso, wenn du Marga mochtest, warum habt ihr euch dann beide angefeindet?“

„Ja, das stimmt. Aber ich war wohl auf mich selber wütend und steigerte mich immer mehr da hinein, als Marga nichts mit mir zu tun haben wollte und mich das ständig spüren ließ.“

„Sah Marga deiner Lehrerin wirklich so ähnlich?“, fragte Siegfried.

Vater nickte und Marga gab ihm die Hand. „Danke, ich habe dir schon länger verziehen, dachte mir so was. Mutter hat mal eine Bemerkung gemacht, aber ich sollte mir nichts anmerken lassen, bat sie. Verzeih mir, dass ich dich so lange zappeln ließ!“

„Schon gut. Aber was habt ihr nun mit eurem Vater vor?“, wechselte er das Thema.

Hans-Peter ergriff etwas zögernd das Wort: „Wie wir das eben bemerkt haben, geht es Vater eigentlich gar nicht so schlecht wie ich noch vor ein paar Tagen dachte, wir sollten also die Sache Seniorenheim erst mal vergessen. Er soll weiterhin in seinem Haus wohnen. Nur, er braucht jemanden! Am besten eine Frau, die ihm das Haus sauber hält und für ihn kocht, wenigstens ab und zu und natürlich auch einkauft! Er muss sich dann nicht immer alles liefern lassen oder ein Taxi rufen. Wenn ich noch die nächsten Tage hier bin, kann ich einen Aushang in Bergers-Markt anbringen und auch im Haus Agnes. Es wird sich sicher jemand geeignetes finden lassen.“ Hans-Peter war diese Steckwand für Aushänge beim Einkauf aufgefallen und ein Versuch konnte nicht schaden.

Das schien eine gute Lösung zu sein, jedenfalls waren alle auf Anhieb damit einverstanden. Sie atmeten erleichtert auf, es war ihnen nicht wohl bei dem Gedanken gewesen, für Vater einen Heimplatz zu suchen. Dafür versprachen sie sich nun gegenseitig, ab sofort viel öfter mit Vater zu telefonieren und damit wurde es auch Zeit den Heimweg anzutreten. Immerhin waren die Fahrten bis Nähe Hannover und Bielefeld noch ziemlich weit.

Hans-Peter schrieb die Aushänge vor und er beschrieb einige Bogen Papier, ehe er endlich zufrieden war und ihm der Text gefiel. So schrieb er schließlich zwei Karten:

Suchen für unseren Vater eine Haushaltshilfe

für Einkäufe, putzen, waschen, bügeln usw.,

sie sollte auch gut kochen können.

Melden Sie sich per Telefon – Nr. 171817

oder schauen Sie in der Bergstr. 10 vorbei.

Während nun der Sohn gleich früh montags in den Ort fuhr mit den handgeschriebenen Karten, die auch die Zustimmung seines Vaters fanden, rückte dieser schon die leichteren Möbel in die Mitte des Zimmers. Damit sie, nach Hans-Peters Rückkehr, mit dem Abreißen der Tapete beginnen konnten.

Inzwischen hatte dieser schon eine Karte im Baumarkt an der Aushänge-Tafel befestigt und begab sich zum Haus Agnes, mit der zweiten Karte. Dort bekam er gleich das Mittagessen ‚für Zwei‘ eingepackt, zum Mitnehmen. „Das braucht Ihr nur noch aufwärmen.“ Agnes Hackler winkte ab, als Hans-Peter die Geldbörse hervorzog. „Die lass mal stecken, das geht heute aufs Haus!“ Hans-Peter sah noch, wie sie die Karte, sichtbar für jeden, auf die Theke an eine Vase anlehnte und schritt zufrieden zum Parkplatz.

Kaum zuhause angekommen, rief Vater ihm entgegen: „Junge, wo bleibst du denn so lange? Hier war schon ein Anruf, eine Frau kommt nachher um sich vorzustellen.“

Hans-Peter fand einen ziemlich aufgeregten Vater vor. Aber das nutzte momentan überhaupt nichts, besser ging es doch nicht. Trotzdem, die alte Tapete musste runter von der Wand und es ging leichter als gedacht. Sie stopften sie in die Müllsäcke, welche sie zu diesem Zweck extra eingekauft hatten. Gegen Mittag bat der Sohn: „Vater, wärm du das Essen auf, dann rühre ich schon mal den Kleister an, damit wir nachher gleich anfangen können. Hoffentlich lässt sich die neue Tapete gut verarbeiten.“ Immerhin konnte Hans-Peter diesbezüglich schon so einige Erfahrungen sammeln und war dementsprechend skeptisch. Aber erst wurde Frau Hackler‘s Menü verspeist.

Danach kämpften Vater und Sohn gerade mit der ersten Tapetenbahn, da schellte es. Otto Scholz öffnete erwartungsvoll die Haustüre. Hans-Peter sah neugierig vom Flur aus zu und erkannte sofort Vaters Entsetzen. Dann sah Hans-Peter sie auch. Und ehe diese bunt gekleidete und zurechtgemachte Dame überhaupt ihren knallrot geschminkten Mund auftun konnte, ließ Vater einen Schrei los: „NEIN!“ In der nächsten Sekunde schlug er dieser Dame die Haustüre vor der Nase zu. Geschockt starrte er ein paar Sekunden die geschlossene Tür an. Mit aufheulendem Motor und quietschenden Reifen schien die Bewerberin ihrer Empörung Luft zu machen. Ein Auto fuhr davon und wurde schnell leiser.

„Was war das denn?“, stöhnte Vater Scholz, sich seinem Sohn zuwendend und hörte nicht auf, seinen Kopf zu schütteln. So etwas Aufgedonnertes! In seinem Haushalt? Nie und nimmer! „Ehe die sich in einen Paradiesvogel verwandelt hat, ist doch der Tag rum, wann will die denn kochen? Und putzen? Die?“

„Hm, Papa, vielleicht kann sie außerdem nicht richtig lesen und hat was ganz Anderes gedacht?“ Hans-Peter kicherte eine Weile belustigt vor sich hin. Dann fand er jedoch: „Aber sie war doch schon früh unterwegs, muss doch die Karte unmittelbar gelesen haben, nachdem ich sie am Brett befestigte. Sie hatte doch schon angerufen, ehe ich zurückkam“, gab der Sohn zu bedenken.

Vater raunte: „Meine Güte, was haben wir da nur angezettelt?“ An diesem Tag gab es keine weitere Störung mehr in gleicher Sache. Nicht an der Haustür und auch nicht am Telefon. Die Herren Scholz ahnten allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht, wie ganz und gar überflüssig eigentlich das Schreiben und Aushängen dieser Karten gewesen war.

10

Ein plötzliches lautes Kindergeschrei ließ Susanne aus ihrem Haus auf die Straße rennen. Ebenso eilig stürzte Helene aus ihrer Haustüre. Das hörte sich ja bedrohlich an! Beide sahen das kleine Mädchen gleichzeitig. Es stand auf der Straße, weit vorgebeugt, seine krausen blonden Löckchen fielen ihm halb ins Gesicht, es starrte auf seine Knie, das rechte blutete stark, das Blut lief bereits in das helle Söckchen. Rosi oder Rosa, wie immer auch ihr Name lautete, schrie wie am Spieß! Im nächsten Moment wurde schräg gegenüber, bei der Haus Nummer 4, die Eingangstüre ruckartig aufgerissen. Die Mutter erschien und kreischte hysterisch laut: „Mach, dass du reinkommst und hör mit dem Gebrüll auf, ehe die ganze Straße zusammenläuft. Wird’s bald, mach dich rein, verdammt noch mal!“

Helene und Susanne erschraken, diese unmögliche Person!

Die Kleine wimmerte: „Ich wollte fortlaufen, da bin ich gefallen.“ Das war sehr leise, nur Helene Weber konnte es verstehen, sie stand nahe genug, auch noch um zu sehen, wie sich die Kleine von ihrer Mutter eine Backpfeife einfing. Dann schlug die Tür mit einem Knall hinter Mutter und Kind zu.

„Die hat sie doch nicht alle“, entschlüpfte es Helene entrüstet.

Susanne ging ein paar Schritte die Straße hinab, näherte sich Helene. „Wann hast du zuletzt den Vater von, ich nenne sie jetzt einfach mal Rosi, gesehen?“, fragte sie.

Helene hob die Schultern. „Das ist mindestens vier Wochen her.“ Sie war viel zu empört und auch verwirrt, um einen klaren Gedanken fassen zu können. „Vielleicht auch länger.“

Inzwischen war Frank Hauff ebenfalls von dem Spektakel angelockt worden und trat zu ihnen. „Was war denn los?“

„Frau Haas hat mit ihrer kleine Tochter Stress“, antwortete Helene aufgeregt. „Das Kind flüsterte es wollte fortlaufen, deshalb sei es gefallen.“

„Wenn ein Kind von zu Hause weglaufen will, stimmt es da sicherlich schon länger nicht mehr“, überlegte Frank laut.

„Das glaube ich auch und jetzt verstehe ich erst, was Michael gemeint hat mit den traurigen Augen der kleinen Rosi“, entrüstete sich Susanne. „Er weiß nicht einmal ihren Namen. Michael glaubt sie heißt Rosi, jedenfalls so ähnlich. Und das, wo sie doch die einzigen Kinder in unserer Siedlung sind.“ Und nach kurzem Nachdenken: „Na ja, wir Erwachsenen machen es ihnen ja vor, Fremde zu sein.“

Helene meinte zu wissen: „Ihr Vater ist oft wochenlang auf Montage, manchmal sogar im Ausland, wahrscheinlich derzeit auch wieder. Hat irgendwas mit Maschinenbau zu tun, ich weiß aber nichts Genaues. Frau Haas ist ein Biest! Sie will mit nichts und niemand etwas zu tun haben, ist die Unhöflichkeit in Person! Und ich weiß wovon ich spreche! Sie hält sich wohl für was Besseres. – Du hast recht Susanne, wir können und müssen was dran ändern, ich meine in der Nachbarschaft, wir sollten endlich aufeinander zugehen! Und wenn es alleine nur dem kleinen Nachbarkind zuliebe ist.“

„Genau, wir haben ja schon den Anfang gemacht. Aber in der Sache Haas heißt das erst mal, wir müssen unsere Augen und Ohren weit geöffnet halten!“, fürchtete Susanne.

„Wie willst du das denn anstellen?“ Frank schüttelte seinen Kopf. „Wenn es sich nicht zufällig auf der Straße abspielt, kriegst du doch nichts mit! Nicht zu fassen! Das Kind ist doch höchstens fünf, oder?“

Im nächsten Moment rief Susanne: „Ich muss rein, ich muss rein, hab doch was am Herd.“

Aber Frank hielt sie am Arm zurück. „Du hast doch mich! Der Herd ist ausgeschaltet, es kann nichts passieren!“

„Na, wenigstens bei euch ist alles bestens“, bemerkte Helene trocken, „aber ich muss jetzt wirklich wieder rein, will nachher noch einkaufen.“

„Und ich bin nicht fertig mit kochen“, sagte Susanne und dachte: Das mit dem Kind könnte mich richtig auf die Palme bringen, und sie seufzte: „Und ich muss nachher malen, das hat mich bisher immer noch abgelenkt und beruhigt.“ Sie schaute auf die Uhr, jede Minute würde Michael aus der Schule eintreffen.

Und genau in diese regelrecht spürbaren Nachwirkungen des soeben erlebten Szenarios platzte Michael hinein und verkündete voller Stolz: „Ich habe eine eins geschrieben“ und wedelte mit seinem Heft in der Luft herum. Susanne und Frank freuten sich mit ihm, zumindest versuchten sie es und lobten ihn auch. Aber irgendwie fand Michael ihre Begeisterung sehr flach und oberflächlich, es kam ihm vor, als seien sie nicht ganz bei der Sache. Nachdem Frank das Gespräch auf die kleine Nachbarin brachte und sie ihm schilderten, was sich da vorhin ereignete, verstand er auch, wieso. Sie sprachen mit Michael darüber, hofften etwas mehr zu erfahren. Doch Michaels Kontakt zu dem Kind war gleich null. Er wusste nur, eben auch das, was Helene angesprochen hatte, der Vater war oft wochenlang auf Montage und die Mutter ständig wütend. Aber er wusste auch: „Rosi oder Rosa geht nach den Sommerferien in die Schule, das weiß ich von Frau Stein. Die hat mich was über Rosa, nee, über Rosanna Haas, so heißt sie nämlich richtig, gefragt. Sie dachte ich kenne sie, weil wir doch Nachbarn sind.“

Susanne und Frank sahen sich erstaunt an, das passte genau zu ihrem Thema von vorhin, zum: Aufeinander zugehen in der Nachbarschaft! Aber jetzt, das Kind kam ihnen nicht wie eine Sechsjährige vor. Sie war so zart und klein.

Noch ehe sie aber weiter darauf eingehen konnten, wechselte Michael abrupt das Thema. Wenn seine gute Note weniger wichtig war wie der Nachbarzoff, dann gab es nur eins: „Frank, gehst du heute fischen? Ich habe kaum Hausaufgaben auf, wir könnten doch zusammen …?“

„Prächtig, dann fang an, desto schneller sind wir am Steg!“

Na also, Michael sah seine Mutter an, die gerade den Tisch abwischte, damit er seine Hefte darauf ausbreiteten konnte. „Und du Ma, gehst du mit uns?“

„Komme nach, möchte vorher malen. Das muss heute sein.“

„Gut. Frank weißt du eigentlich, dass Mama schon als kleines Mädchen gemalt hat und als sie so alt war wie ich, hat sie sogar Preise gewonnen.“

„Alle Achtung, darüber müsst ihr mir mehr erzählen!“

Susanne lächelte. „Das ist nichts Welt bewegendes, ich habe nur an einem Wettbewerb mit Ausstellung teil genommen mit drei Gemälden und den ersten, zweiten und dritten Preis gewonnen. Das Ganze fand in einer großen Buchhandlung statt und meine Gewinne: Hefte, Bücher, Mappen, Blocks, Stifte und noch so einiges mehr, waren derartig schwer, dass ich sie ohne fremde Hilfe kaum nach Hause transportiert bekam. Das ist aber auch schon alles. Jedenfalls haben meine Eltern kein Palaver drum gemacht.“

Frank fand das sehr bescheiden und sagte beeindruckt: „Wie, das ist alles? Ich finde das war sehr viel!“

„Ja, du hast recht“, lachte sie „es war sehr viel und seit dem weiß ich: Papier wiegt sehr schwer!“

„Wer bekommt eigentlich deine Bilder, die du malst?“

„Sie landeten in der Stadt bei einem Antiquitätenhändler, in Horsts-Fundgrube. Ich bekam 50 bis 100 Euro je Bild, früher. Übrigens – an dem Morgen, als Michael später mit der Neuigkeit: ‚Angler am Steg’, nach Hause kam, da war ich in der Stadt, auch in der Fundgrube.“ Susanne fielen schlagartig die Tratschen aus dem kleinen Café ein und sie schüttelte den Kopf, von wegen keinen Mann angeln… das kam ihr gerade erstmalig so in den Sinn und sie kicherte, ehe sie weiter sprach: „Ich habe aber schon länger nichts mehr fertig gemalt, vielleicht mal irgendwann wieder. Das habe ich mir vor kurzem fest vorgenommen. Das Bild, an dem ich derzeit arbeite ist so gut wie fertig, aber das ist auch unverkäuflich“, erklärte sie. „Eigentlich wollte ich an dem bewussten Morgen in der Fundgrube fragen, ob dort weitere Bilder von mir erwünscht seien, seltsamerweise habe ich den Besitzer nicht angetroffen und bin nun ganz froh darüber, denn nachdem sich hier so einiges verändert hat, wer weiß, wann ich ernsthaft wieder ans Malen komme“, lachte sie.

„Aha, und warum ist das jetzige Bild unverkäuflich?“, fragte Frank.

„Später, ihr wollt doch an den Fluss“, erinnerte sie ihn.

„Okay, dann erzählst du es eben später, ich bin ja noch den Rest dieser Woche hier!“ Frommer Gedanke und auch Wunsch, nur manchmal kommt es eben ganz anders, als man denkt und plant.

Susanne brachte nur wenige Pinselstriche zustande, da meldete sich das Telefon. Da Michael und Frank inzwischen schon zum Steg aufgebrochen waren, unterbrach sie ihre künstlerische Tätigkeit und lief die Treppe hinunter an den Apparat. „Ja, Schnells.“

„Hier ist Brigitta, hallo Susilein, bist du das?“

„Ja, ja ich bin’s, wer denn sonst? Wo um alles in der Welt steckst du denn? Es klingt sehr leise, rufst du aus Spanien an?“

„Nein, vom Bahnhof in Köln. Kann ich zu dir kommen? Alles Weitere erzähle ich dann. Natürlich nur, wenn ich darf?“

„Was für eine Frage, hier gibt es auch Neuigkeiten, freue mich. Ruf mich an, wenn ich dich in der Stadt abholen soll.“

„Mach ich, nehme den nächsten Regional-Express oder die S-Bahn, also bis später Liebes!“

Susanne rannte zurück in ihr Zimmer, wegräumen, abdecken, an malen war jetzt nicht mehr zu denken. Da kommt sie mit dem Zug aus Spanien und fragt, ob sie zu mir kommen darf, so was bringt nur Brigitta fertig. Micha und Frank muss ich das sofort mitteilen. Denn falls Brigitta bald einen Zug bekam, konnte sie eventuell schon in ca. 40 Minuten am Bahnhof warten. Diese Überraschung lenkte sie zumindest vorläufig gedanklich von den Schwierigkeiten der kleinen Nachbarin ab.

Brigitta war die viel ältere Halbschwester von Mark. Die Tochter seiner Mutter aus erster Ehe. Gitta war zwölf Jahre alt gewesen, als ihre Mutter noch einmal heiratete, den Adolf Schnells. Mark wurde zwei Jahre später geboren. Der Stiefvater war von Anfang an streng und oft genug ungerecht. Er war ein zum Jähzorn neigender Mann und schreckte auch nicht davor zurück, Ohrfeigen links und rechts zu verteilen, wovon Brigitta nicht alleine betroffen war, sondern auch ihre Mutter. Sein brüllendes Organ ließ das Baby oft weinen. Doch der kleine Mark war sein Fleisch und Blut, wie er öfter betont hatte, wenigstens bekam er noch keine Schläge. Die ständige Unruhe, die Angst, machte die Mutter krank. Als sie endlich zum Arzt ging war es bereits zu spät, Krebs im Endstadium diagnostizierte er. Brigitta schmiss die Schule und nahm kurzfristig eine Stelle in einem Reisebüro an. Sie wurde gezwungen, mitzuverdienen. Ihr Stiefvater war immer unleidlicher, untätig und gleichgültiger geworden. Er blieb oft stundenlang außer Haus, beschimpfte seine Familie als ‚Pack‘, ein anderes Mal waren sie ihm ‚ein Klotz am Bein‘ gewesen und immer wieder eine ‚teure Bagage‘. Dass seine Frau sterbenskrank war, zuletzt nur noch mit Spritzen schmerzfrei gehalten werden konnte und die meiste Zeit im Bett verbrachte, registrierte er nur am Rande, oder wollte es nicht erkennen. Als die Mutter schließlich im Krankenhaus starb, war Brigitta siebzehn und Mark gerade erst drei Jahre alt. Nach der Beerdigung packte Adolf Schnells einen Rucksack, ebenso eine Reisetasche und sagte: ‚Tschüss‘! Einfach nur tschüss, wie selbstverständlich, als hätte er nur diese Stunde abgewartet. Seine letzten Worte waren an Brigitta gerichtet gewesen: ‚Du bist alt genug für dich und den Schreihals zu sorgen, sieh zu, wie du klar damit kommst, ich bin weg!‘ Gleichzeitig warf er einige Geldscheine auf den Tisch und ging. Brigitta hatte ein paar Tage Urlaub genommen, sie versorgte ihren kleinen Bruder, ohnehin entlastete sie ihre Mutter damit schon länger. Nach außen hin verschwieg sie, dass der Vater sich absetzte. Sie war klug genug zu wissen, je mehr Zeit verstrich, desto weniger bestand die Gefahr für sie und Mark, Adolf Schnells zu finden, ihn laut Gesetz zu verpflichten für die Kinder zu sorgen. Irgendwie wollte sie es schaffen, fühlte sich stark für zwei. Erst als sie, mit Brüderchen, im Reisebüro ihren Dienst wieder anzutreten gedachte, flog dieses Vorhaben auf. Die eingeschalteten Behörden trennten die Geschwister. Mark kam zu einem kinderlosen Ehepaar, welches ihn sehr gut und liebevoll aufzog. Doch die Verbindung zu diesen Pflegeeltern war nach Marks Hochzeit allmählich abgekühlt. Sie erschienen auch nicht zu seiner Beerdigung und Susanne dachte nicht daran, einen erneuten Kontaktversuch zu starten. Sie schienen immer noch betrübt oder mehr verärgert darüber, dass sie ihn nie adoptieren konnten, weil sein Vater unauffindbar war, dieser aber dazu seine Einwilligung hätte geben müssen. Eine Formalität, für welche Mark kein Verständnis aufbrachte, auch nicht dafür, den Vater nach langen Jahren für tot erklären zu lassen, das war ihm genauso unwichtig gewesen. ‚Nur eine Formalität, nichts weiter‘, fand er und damit war für ihn das Thema besiegelt, erst recht nach seiner Volljährigkeit. Eine Adoption nannte er überflüssig, seine Pflegeeltern bedeuteten ihm auch ohne diese Papiere, neben seiner Schwester Brigitta, alles!

In Windeseile ging Susanne all dies durch den Kopf, während sie über das Grundstück zum Steg lief, um den beiden Anglern vom zusätzlichen Besuch zu berichten. In Kurzfassung erklärte sie: „Wir bekommen Besuch. Tante Brigitta kommt, Michael.“

„Wie, die gibt es auch noch?“

„Ja, und ich hole sie am Bahnhof ab. Ihr könnt noch was mehr fangen, aber bitte Micha, auch bratfertig ausnehmen. Du weißt, ich kann das nicht.“

Frank sah Susanne nach und schmunzelte: „Es finden sich immer mehr Übereinstimmungen bei deiner Mutter und mir!“

„Was?“ Michael starrte Frank entsetzt an. „Ich fasse es nicht. Meinst du damit, du fängst die Fische – und dann?“

„Na ja, sie kommen in den Eimer, ins Wasser. Und entweder ist jemand da, der den Rest für mich besorgt, wie du zum Beispiel, oder …“

„Du lässt sie wieder frei? Ich werde verrückt! Dann bin ich der, der den Rest besorgt oder wie?“

Frank nickte und brüllte Susanne nach, und das war ihm gerade viel, viel wichtiger: „Ist das denn mein letzter Abend? Schläft Tante Brigitta dann hier?“

Susanne lief zurück und hockte sich vor ihn hin. „Natürlich nicht. Brigitta geht immer ins Haus Agnes.“

Franks Augen weiteten sich. „Bist du sicher?“ Er verzog sein Gesicht und Susanne stupste kurz seine Nase an und nickte „ja“, dann ließ sie sich nicht mehr zurückhalten.

Michael ahnte natürlich, was Frank durch den Kopf ging bei seiner skeptischen Frage und klärte ihn auf: „Gäste, die nicht unbedingt angeln wollen, werden in dem Hotel ganz normal behandelt!“ Dazu nickte er gewichtig mehrmals mit dem Kopf und machte bei dieser Gelegenheit Frank auch noch auf etwas aufmerksam, was ihn schon eine ganze Weile beschäftigte: „Überhaupt Frank“, sagte er „von wegen Zufall oder kein Zufall, und was du gesagt hast: ‚Man muss erkennen, wenn es mehr ist und für einen selbst bestimmt‘. Du kannst endlich mal einen Blumenstrauß zu Frau Hackler bringen und danke sagen. Ohne den Schilderklau hätten wir uns doch nie getroffen – oder?“

„Wahrscheinlich nicht“, überlegte Frank und fragte zurück: „Aber das Schild verschwinden lassen, das war doch nicht Frau, das war doch Herr Hackler. Soll ich dem denn jetzt auch noch danken? Soll ich ihm tatsächlich dafür danken, dass er ein Gesetz übertreten hat? – Obwohl er ja unwissend diesmal …“

„Auf gar keinen Fall“, unterbrach ihn Michael erschreckt. „Der ist ein solcher Kotzbrocken, der darf das gar nicht wissen!“ Und dann warf er einen Blick in den Eimer. „Mal was andres, bis jetzt hat nur eine Forelle angebissen, das heißt, wir brauchen noch drei!“

Leider waren die Fische aber nicht der gleichen Meinung. Vielleicht war es ihnen auch heute ein wenig zu lebhaft am Steg. Susanne würde einen Ersatz finden und ihn servieren müssen.

11

Helene Weber fuhr, nach der Aufregung über das Nachbarkind, in den Ort zum Supermarkt, um ihren wöchentlichen Einkauf zu tätigen. Außerdem war das nach dem Schrecken von vorhin eine gute Ablenkung. Eventuell sogar wie eine Therapie, dachte sie bei sich und änderte ganz spontan unterwegs ihren Kurs. Die Idee, mal eben in Bergers-Markt durchs Gartenparadies zu schlendern, kam ihr plötzlich. Nur hindurch schreiten und schauen, einfach nur, um auf andere Gedanken zu kommen. Bei der Gelegenheit konnte sie auch endlich Noppen für die Stuhlbeine kaufen, die bei ihrem letzten Einkauf in Vergessenheit geraten waren. Nun gab es ja in Bergers-Markt, ziemlich nahe am Eingang, dieses breite Brett, die Vorrichtung für Aushänge aller Art. Ständig hielten sich irgendwelche Leute davor auf und schienen sämtliche Karten und Zettel genauestens zu studieren. Helenes Interesse dafür hielt sich in Grenzen, was hätte sie dort auch suchen oder finden sollen? Immer lief sie achtlos daran vorbei. Doch heute war sie nicht so ganz bei der Sache, es war auch ziemlich viel Betrieb, schon mehr ein Menschengedränge. Dieses niedliche Kind und solch eine Rabenmutter, beschäftigte sie gerade wiederholt gedanklich, dann mussten sie wohl irgendwie einige Leute von dem direkten Weg in den Markt abgedrängt haben. Sie bemerkte es gar nicht richtig, jedenfalls stand sie nun doch vor dieser Aushangtafel. Natürlich ohne wirklich etwas zu lesen, oder? So was Dummes, tadelte sie sich selbst, wollte sich abwenden und weiter gehen, da stutzte sie, was war das? Bruchstücke eines Textes verdrängten kurzfristig die Sorgen um die kleine Nachbarin, was hatte sie soeben gelesen? … für Vater – gut kochen – Bergstraße 10? Augenblicklich war sie hellwach. Sekunden später entdeckte sie den Aushang wieder. Da ging es doch um Herrn Scholz! Unverkennbar! Also wollten seine Kinder ihn nicht ins Heim stecken, sondern? Helene wusste was zu tun war. Wenn ich das doch nur geahnt hätte. In rasanter Geschwindigkeit verließ sie den Baumarkt. Keine Noppen, schon wieder nicht, und auch kein Paradies! Sie lenkte ihr Auto zum Supermarkt und kaufte strickt nach ihren Einkaufnotizen ein, auf keinen Fall noch hier und da schauen, nur so viel Aufenthalt wie nötig. Sie beeilte sich so schnell es eben ging, verstaute schließlich den Einkauf im Kofferraum ihres Wagens und fuhr zurück. Nur schnell, schnell zum Nachbar Scholz! Sie lud auch nicht erst die Waren zuhause aus, sie fuhr vorbei an ihrem Haus direkt zu Otto Scholz.

Hans-Peter öffnete die Haustür. Woher kannte er bloß diese Frau? Wo konnte er die schon gesehen haben? Wollte sie etwa auch bei Vater …?

„Hallo, Herr Scholz, ist Ihr Vater da? Ich habe in Bergers-Markt den Aushang gelesen und bin direkt her gefahren. Wenn Sie noch niemand zugesagt haben, dann würde ich gerne die Haushalt-Betreuung bei Ihrem Vater übernehmen. Wir kennen uns, ich bin Helene Weber von schräg gegenüber aus Nummer 5“, dabei nickte sie mehrmals Herrn Scholz‘ Sohn freundlich zu.

„Ach so, ja, jetzt erkenne ich Sie, kommen Sie doch rein.“ Seinem Vater, der hinterm Haus den Kleistereimer reinigte, rief er zu: „Hier ist Frau Weber. Sie bietet sich für den Posten an.“

Otto Scholz unterbrach seine Beschäftigung und kam näher. Das ist ja ein merkwürdiger Zufall, dachte er staunend, da hätte ich auch selbst drauf kommen können. „Bin schmutzig, kann Ihnen die Hand nicht reichen. Danke Frau Weber, das finde ich nett von Ihnen. Dann kann mein Sohn die Zettel entfernen. Möchten Sie einen Kaffee?“

„Ja gerne. Heißt das, ich habe die Stelle?“

Otto Scholz nickte. „Haben Sie, und von mir aus können Sie morgen schon anfangen. Gehe mir eben die Hände waschen, bin gleich wieder da.“

Hans-Peter goss Cappuccino auf, servierte ihn, aus Rücksicht auf die Renovierungsgerüche und auch Unordnung, in großen Tassen draußen am Gartentisch. Als sein Vater hinzukam, die Tassen sah und deren Inhalt erkannte, begann er augenblicklich zu meckern: „Mensch, Junge, das moderne Zeug, vielleicht würde Frau Weber doch lieber einen normalen Kaffee trinken?“

„Nein, nein das ist schon in Ordnung, ich trinke das moderne Zeug gerne“, lachte Helene. „Ich fange wirklich morgen an, um welche Zeit ist es Ihnen denn recht?“

„Schön wäre es um neun, allerdings nur, wenn Ihnen die Zeit auch zusagt?“

Helene Weber nickte und Hans-Peter freute sich. „Das ist gut, dann frühstücken wir gemeinsam und besprechen dabei alles Weitere. Wenn dann hier alles wieder ordentlich auf seinem Platz steht, kann ich den Rest der Woche noch ein wenig Urlaub mit meiner Familie genießen. Die werden sich freuen, dass es so schnell geklappt hat und noch so günstig dazu!“ Sogleich bemerkte er aber Frau Webers plötzliches Stirnrunzeln und erkannte, sie verstand es anders als von ihm gemeint und hängte eilends eine Ergänzung an: „Mit günstig meine ich, dass Sie nur über die Straße einige Schritte gehen brauchen, Frau Weber. Wird Ihnen das nicht komisch vorkommen, eine Arbeit anzunehmen?“

Die Gefragte stellte ihre Tasse ab und bekannte: „Ich habe keine Ahnung, aber es war blitzartig in meinem Kopf, als ich die Anfrage gelesen habe, darum denke ich, es soll so sein!“

In Hochstimmung packte Helene später zuhause ihren Einkauf aus. Sie war inzwischen völlig abgelenkt von der kleinen Rosi und bemerkte es nicht einmal. Neues Denken kreiste in ihrem Kopf und sie lief anschließend sofort hinüber zu Susanne. Die Neuigkeit musste sie unbedingt der Freundin mitteilen. Und kaum war die Klingel gedrückt, da öffnete sich auch schon die Haustür.

„Hallo Helene, du bist das, komm rein es gibt was Neues. Leider habe ich nicht lange Zeit, jeden Augenblick kann mein Telefon läuten. Stell dir vor, Brigitta kommt. Die, die den Spanier, den Matador geheiratet hat. Davon habe ich dir mal erzählt, weißt du noch?“

„Natürlich weiß ich das noch und sie darf dich auf einmal besuchen?“, tat Helene überrascht. „Oder kommt ihr Torero sie wieder einsammeln?“

„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.“ Immerhin verbot der besagte Torero seiner Frau damals sogar zur Beerdigung ihres Bruders nach Deutschland zu reisen. Als sie einige Wochen später trotzdem heimlich hier erschienen war, holte er sie umgehend zurück. Damals war Brigitta so weit gewesen, nicht nach Spanien zurückzukehren, sie hätte die Scheidung eingereicht, doch dieser stolze Mann ließ es nicht zu!

„Brigitta machte nicht die geringste Andeutung“, bekannte Susanne. „Bin ja so gespannt auf sie. Wir haben uns immer sehr gut verstanden und ich freue mich auf meine Schwägerin.“

„Ich freue mich mit dir, aber auch für mich selbst. Ich habe nämlich ebenfalls eine große Neuigkeit, wenn wir schon dabei sind, du wirst staunen! Stell dir vor, ich habe eine Arbeitsstelle angenommen! Was sagst du dazu?“ Helene schaute neugierig zur Freundin.

Susanne war zuerst nur sprachlos, verstand sie das richtig? Zur Sicherheit hakte sie lieber mal nach: „Sagtest du gerade, du hast jetzt eine Arbeitsstelle?“

„Genau das sagte ich – willst du denn nicht wissen, wo?“

„Nun spann mich nicht so auf die Folter, also wo?“

Helene kam nicht mehr dazu zu antworten, das Telefon unterbrach sie und Susanne sagte nur noch schnell: „Helene warte“, dann hob sie den Hörer ab. „Brigitta? Wann? Eine viertel Stunde? Ich fahre sofort los, bis gleich.“ Sie legte den Hörer auf und wendete sich wieder Helene zu. „Sag’s mir rasch!“

„Morgen, 9 Uhr kannst du mich Richtung Bergstraße 10 gehen sehen. Ab sofort bin ich die Haushälterin von Herrn Scholz!“

Susanne nahm Helene in die Arme. „Du bist wahnsinnig, weißt du das?“

Helene nickte nur, hoffentlich habe ich da nicht zu übereilt gehandelt, meldete sich ein winziger Zweifel bei ihr. Gleich darauf verließen beide das Haus. Susanne, um in die Stadt zum Bahnhof zu fahren und Helene, um erst einmal in ihrem Schaukelstuhl alles gründlich zu überdenken. Sie tat tatsächlich heute einen Schritt, mit dem sie nicht nur Susanne, sondern am meisten wohl sich selbst überraschte.

12

Susanne Schnells Angewohnheit, sobald sie alleine mit dem Auto unterwegs war das Radio einzuschalten, kam ihr nun zugute. Es war inzwischen kurz vor 17 Uhr. Sie hörte noch die letzten Takte eines Schlagers verklingen, schenkte der kurzen Werbung kein Gehör, achtete weder sonderlich auf die Nachrichten, auch der folgende Verkehrsbericht bekam erst nicht ihre Aufmerksamkeit. Doch plötzlich horchte sie auf, war das nicht hier? Ja, natürlich! „Die Autobahn ist wegen eines Unfalls gesperrt. Verflixt „Auch das noch!“ Susanne seufzte laut vor sich hin und schaltete genervt das Radio aus. Nun musste sie Landstraße fahren. Deshalb also dieses hohe Verkehrsaufkommen, Berufsverkehr, der wohl bereits umgeleitet worden war. Brigitta würde noch etwas länger warten müssen! Endlich, als Susanne ihre Schwägerin erspähte, die vor dem Haupteingang des Bahnhofs auf einem ihrer drei um sich herum verteilten Koffer saß, eine Reisetasche zwischen die Knie geklemmt, erschrak sie. Weniger darüber, dass Brigittas Haare grau, fast weiß geworden waren, wohl mehr darüber, dass sie schlank, ein bisschen zu schlank aussah! So kannte sie ihre Schwägerin gar nicht. Und das viele Gepäck, was bedeutete das? „Hallo Gitta, hoffentlich ist dir das Warten nicht allzu lange geworden. Die Autobahn ist wegen einem Unfall gesperrt. Zum Glück konnte ich es im Radio hören, ehe ich an die Auffahrt kam. Aber jetzt bin ich ja da, wie geht es dir? Sag mal, wie hast du das denn mit all den Koffern geschafft?“

„Puh, meine Güte Susanne, dein Redefluss!“ Brigitta lächelte: „Es gibt immer mal nette Leute die einem helfen und ja, es geht mir gut. Sehr gut sogar! Besonders seit ich hier bin, auch wenn ich noch länger auf dich hätte warten müssen, jetzt ist alles gut.“

Die beiden Frauen umarmten sich innig und jede sah die andere prüfend an. Dann packte Susanne zwei Koffer. „Komm Gitta, ich stehe direkt um die Ecke am Parkplatz.“

Sobald sie aus der Stadt heraus waren, fragte Susanne: „Sag, was ist geschehen? Du kommst mit großem Gepäck, also bleibst du diesmal etwas länger?“ Susanne warf ihrer Schwägerin einen prüfenden Seitenblick zu.

„Für immer! Musst mir helfen mit Wohnung suchen und so weiter!“ Gleichzeitig machte Brigitta eine Handbewegung zum Hals, die unmissverständlich sagte: Schluss, aus, vorbei, Ende! „Mein über alles geliebter Gatte ließ sich von einem Stierhorn aufspießen“, fuhr sie mit spöttisch klingendem Unterton fort, „und zwar gründlich, jedenfalls ist er im Krankenhaus nach gut zwei Stunden an der schlimmen Verletzung gestorben. Er wollte seinen Schülern etwas praktisch vorführen, am Tier, verstehst du? Sie nannten den Stier: Killer! Das wusste Melchior aber nicht, er hätte sich sonst sicherlich anders verhalten, wie auch immer, es ging voll daneben.“

„Wann?“ Mehr brachte Susanne im Moment nicht heraus, ein elendes Würgen im Hals hinderte sie daran.

„Vor knapp zwei Monaten, nächste Woche Mittwoch sind es zwei Monate seit seiner Beerdigung. Danach gab es nur noch Schwierigkeiten mit seiner Familie! Ein gutes Auskommen mit den Frauen der Familie gab es ja noch nie! Finanziell waren sie aber von Melchior abhängig, irgendwie! Und jetzt, das war das Allerletzte! Unmöglich, sag ich dir. Da habe ich alles getan, damit sie mich rausekeln. Ich bin zwar seine Haupterbin, aber nur in Spanien! Kannst du das verstehen? Das hat er so im Testament festgelegt. Das musst du dir mal vorstellen! Ich wusste gar nicht, dass er überhaupt eins verfasst hat. Du musst mir einen Anwalt besorgen, ich will das anfechten! Schließlich hat die Familie es drauf angelegt, mich zu vergraulen. Außerdem sind wir jetzt ein vereintes Europa, da wird doch was zu machen sein. Hoffentlich kannst du mir bis dahin unter die Arme greifen? Habe nicht viel Bares dabei.“ Brigitta ließ ihren Ärger heraus, all ihren Verdruss, der ihr gerade den Atem nahm und sie mehrmals heftig nach Luft schnappen ließ, um sie gleich wieder zischend auszustoßen.

Susanne nickte, sie war geschockt. Wenn das Helene hört, Helene! Die Rettung! Was war da kürzlich alles passiert? Konnte das denn alles Vorsehung sein? Und Melchiors Tod, passte sogar das mit da hinein? Nein, sicherlich nicht! Das ist bestimmt diesmal nur ein Zufall!? Aber jetzt erst einmal eins nach dem andern. „Brigitta, das ist selbstverständlich, wir werden alles tun, dir zu helfen. Und mit einer Wohnung, da habe ich schon eine ganz tolle Idee, aber das muss ich erst mit meiner neuen Freundin Helene Weber besprechen.“

„Weber? Ist das die, die so gerne tratscht?“

„Ja, aber genau dadurch kamen wir uns näher, eigentlich nur deshalb! Und der Ruf Klatschtante, sobald man sie näher kennen gelernt hat weiß man auch, der hängt ihr zu Unrecht an. Unsere Freundschaft hat gerade erst begonnen und stell dir vor, es gibt einen neuen Mann in meinem Leben, Frank Hauff. Du wirst ihn gleich kennen lernen.“

„Na, du bist mir ja eine, lachst dir einen Kerl an. Aber recht hast du!“ Brigitta fand das also gut. Sie hätte ohnehin alles gut gefunden, was immer auch Susanne anstellen würde. Susanne genoss vom ersten Augenblick an, seitdem sie sich kannten, so etwas wie ‚Narrenfreiheit‘ bei ihr, jedenfalls betitelte es Mark einst so.

„Da sind wir.“ Susanne hielt in der Einfahrt, hinter Franks Mercedes und rief laut und übermütig: „Alles aussteigen!“ Die Haustür sprang auf, Michael kam auf seine Tante zu gelaufen, Frank folgte ihm. „Hallo, Tante Gitta, seit wann sind deine Haare denn grau? Da hab ich dich aber ganz anders in Erinnerung!“

„Vielen Dank, mein Kleiner, dass du mir das direkt aufs Brot schmierst. Aber du siehst auch völlig verändert aus, gewachsen bist du, Donnerwetter, sieh‘ sich das mal einer an, ein richtig kleiner Mann!“

Michael warf sich in die Brust und kichernd kam er seiner Mutter zuvor: „Das ist Frank, unser Zufall vom Steg!“

„Was? Muss ich das verstehen? Oh ich glaube, da habt ihr mir noch einiges zu erzählen.“ Brigitta war gespannt, eigentlich schon mehr hungrig, auf alles Neue und ihr noch Unbekannte aus ihrer Lieblingsfamilie.

Frank begrüßte Brigitta und erbarmte sich mit Michael um ihr Gepäck. Sobald sie sich alle im Haus befanden, beichteten die Männer vorsichtig: „Es gibt keine Forellen, weil einfach keine mehr angebissen hat.“

„Sah ich da nicht vorhin schon was im Eimer schwimmen?“, fragte Susanne ungläubig.

„Schon, aber jetzt schwimmt er wieder im Fluss, wir wären ja nicht von dem Einen satt geworden! Dafür gibt es saftige Steaks!“

„Und die haben angebissen?“, lachte Brigitta laut, sie schien langsam ihren Humor wieder zu finden. Gemeinsam belächelten sie die ‚angebissenen Steaks‘. Überhaupt wurde an diesem Abend nur noch über Angenehmes geredet, auch kurz der Zufall am Steg gestreift, aber auch nur, weil Brigitta neugierig danach fragte. Die neue Freundschaft im Nachbarhaus wurde ebenfalls am Rande erwähnt, immerhin musste Susanne da erst etwas klären.

Bereits nach Brigittas Anruf aus Köln hatte Susanne für sie ein Zimmer im Hotel Haus Agnes bestellt. Zufällig war Agnes Hackler selbst am Apparat gewesen und als sie den Namen Schnells hörte, begann sie sich umständlich für die gemeine Besetzung des Angelstegs zu entschuldigen: „Wenn hier nicht so viel zu tun wäre, hätte ich Sie längst aufgesucht, Frau Schnells, aber das kommt noch!“

Susanne lachte leise. „Eigentlich muss ich mich bei Ihnen entschuldigen, oder viel eher dafür bedanken, Frau Hackler. So komisch sich das auch für Sie anhören wird, Ihren Kunden Frank Hauff hätten mein Sohn und ich sonst nie kennen gelernt und das ist eine gute Begegnung gewesen. Herr Hauff verbringt übrigens seinen Resturlaub bei uns. Deshalb schlage ich vor, wir vergessen lieber die ganze Sache, Frau Hackler, und Sie versprechen mir, dass zukünftig unser Angelsteg für Sie tabu ist.“

„Um Gottes willen, Frau Schnells, behalten Sie das mit der guten Begegnung aber bitte für sich, meinem Mann darf das auf gar keinen Fall zu Ohren kommen. Vater und ich haben ihm gewaltig unsere Meinung gesagt. Das hat so gekracht, er ist direkt abgehauen. Wenn er das rauskriegen würde, er dürfte Verbotenes machen, na ich weiß nicht. Mein Versprechen haben Sie! Der Angelplatz ist für uns für alle Zeiten tabu!“

„Ich kann schweigen.“ Warum ist sie immer noch mit dem Ekelpaket verheiratet? „Mit dem Zimmer geht klar? Es kann etwas später werden, kommt sie dann noch rein?“

„Selbstverständlich, hier ist immer jemand. Das ist dann Frau Schwelm oder? Wie war noch der spanische Name?“

„Moreno.“

Brigitta fuhr gegen 23 Uhr, nur mit kleinem Gepäck und Susannes Polo, zum Hotel. Morgen, nach dem Frühstück, würde sie wieder in der Bergstraße eintreffen. Und irgendwie mussten sie dann gemeinsam überlegen, wie es weitergehen sollte. Denn dieses Thema umging Susanne ja bisher aus einem ganz bestimmten Grund.

Susanne sah ihre Freundin Helene am nächsten Morgen kurz vor 9 Uhr, als sie in Richtung ihrer neuen Arbeitsstelle ging. Sie klopfte ans Fenster und zeigte ihr zwei gedrückte Daumen.

Helene lächelte und formte „danke“ mit ihren Lippen.

Bald danach traf Brigitta ein und das Programm für diesen Tag konnte entworfen werden. „Gitta, fährst du mit mir einkaufen? Ich habe mir nämlich was ausgedacht für dich“, begann Susanne.

„Aha und was?“

„Du musst mir aber versprechen nicht böse zu sein, dann sag ich‘s dir“, entgegnete Susanne vorsichtig.

„Raus damit, ich fresse dich schon nicht“, tönte Brigitta.

Susanne lachte erleichtert, sie dachte sich aus, als erstes braucht Brigitta eine neue Haarfarbe, damit wird sie sich gleich wieder besser fühlen. Selbst Michael schien sich gestern bei der Begrüßung schon an dem hässlichen Grauweißton gestoßen zu haben. Diese Idee teilte sie ihrer Schwägerin nun mit.

Für einen Augenblick hielt Brigitta den Atem an, ihre Haare zu färben, soweit ging ihre Eitelkeit nicht. Aber Susannes Direktheit verblüffte sie etwas und sie ließ sich darauf ein: „Okay, bin einverstanden.“

„Also los, wir fahren zum Supermarkt einkaufen und nach dem Essen fangen wir mit deinen Haaren an.“

„Das willst du selbst machen?“ Brigitta schien erstaunt. „Sag bloß, deine Haare machst du dir auch selbst?“

„Und ob, nach dem Motto, selbst ist die Frau! Hast du etwa vergessen was ich alles kann?“ Susanne tat beleidigt, lachte aber im nächsten Moment hell auf, weil Frank völlig bestürzt ihre Frisur musterte.

„Lach du nur über mich, aber ich hätte schwören können es ist deine eigene Farbe“, murmelte er.

„Och du Armer.“ Susanne schlang die Arme um Franks Hals. „Es ist auch meine Farbe, helfe nur ein bisschen nach. Magst du mich trotzdem noch?“

Frank antwortete mit einem flüchtigen Küsschen.

Dann fragte sie ihn: „Fährst du mit uns?“

„Ehm, muss ich?“, das hörte sich gar nicht begeistert an.

„Nein, musst du nicht! Aber wie wäre es dann, wenn du mit Eimer und Angel tätig wirst? Wenn Michael nicht dabei ist, beißen die Fische vielleicht heute? Außerdem, du hast doch Angelurlaub, oder?“ Susanne zwinkerte ihm kichernd zu.

Frank nickte ergeben. „Macht schon, dass ihr verschwindet.“

Brigitta belud den Einkaufswagen, sie fand mit Begeisterung immer noch etwas und noch mehr. Susanne sagte irgendwann schmunzelnd: „Ich glaube, morgen gibt es hier auch noch was zu kaufen, wir müssen nicht hamstern, lass mal gut sein, der Wagen läuft bald über.“

„Zu dumm, wir hätten gleich zwei Wagen nehmen sollen!“, sagte Brigitta spontan. Worauf Susanne nur den Kopf schütteln konnte, denn jeder Kommentar wäre hier zwecklos gewesen. Aber es machte Spaß, Brigitta ein kleines bisschen von ihrem Dilemma ablenken zu können.

Beinahe gleichzeitig mit Frank, in dessen Eimer sich heute fünf Forellen tummelten, trafen auch Susanne und Brigitta zuhause ein. „Wann kommt heute Michael aus der Schule?“, war das erste, was Frank wissen wollte, ehe er sprachlos vor den vielen vollen Beuteln und Tragetaschen stand.

„Vielleicht in zehn oder fünfzehn Minuten“, meinte Susanne, nach einem flüchtigen Blick auf ihre Armbanduhr.

„Warum?“ Brigitta zeigte auf den umfangreich ausgefallenen Einkauf. „Soll Micha uns helfen, oder bist du so gut und …“

Susannes Lachen ließ sie verstummen. „Michael muss die Fische schlachten. Frank kann sie zwar fangen und fast zärtlich vom Haken befreien, aber ehe er sie tötet gibt er sie lieber dem Fluss wieder zurück.“

„So was habe ich überhaupt noch nie gehört. Du bist mir der richtige Angler! Und dann machst du Angel-Urlaub?“ Brigitta ergriff den halbvoll mit Wasser gefüllten Eimer, samt den darin beengt schwimmenden Fischen und eilte zum Terrassentisch. Als Michael wenig später nach Hause kam, lagen bereits die Forellen in Reih und Glied ausgebreitet auf der Tageszeitung – bratfertig!

„Na fabelhaft“, ärgerte sich jetzt Frank, der bisher Brigittas Fischarbeit nicht sonderlich interessant fand. „Die habe ich noch nicht gelesen“, maulte er und trauerte der fischdurchtränkten Zeitung nach.

Nachdem Frank fünf Forellen angelte, aus welchem Grund auch immer, dies sogar genau in Susannes Konzept passte, konnte Helene Weber eingeladen werden. Schließlich wollte sie noch diese besondere Idee oder Nachfrage zwecks Wohnung, für ihren spanischen Besuch, loswerden!

Aber nun gab es erst mal eine verspätete Obst-Zeit zu Mittag, nachdem alles Eingekaufte verstaut war. Gleich danach begann Susanne mit der Verschönerung von Brigittas Haaren. Als diese nach der Prozedur in den Spiegel sah, erkannte sie ihren fast identischen Naturfarbton dunkelblond, mit einer Superfrisur. Brigitta umarmte Susanne. „Ich danke dir, es ist zwar nur eine Nebensächlichkeit, aber vorläufig das Beste was dir eingefallen ist, ich fühle mich zwanzig Jahre jünger.“

„Na, dann warte mal ab was der Tag noch so mit sich bringt, vielleicht gibt es noch was viel Besseres? Aber erst will ich rasch mal rüber zu Helene, zu essen haben wir nun reichlich für heute Abend, da kann ich sie gleich dazu einladen“, sprach Susanne und lief zum Nachbarhaus. Sie klingelte und sofort erschien Helene an der Haustüre, beinahe so, als hätte sie bereits auf ihre Freundin gewartet.

„Wie schön, dass du kommst, dann kann ich dir sogleich von heute berichten“, rief Helene überschwänglich.

„Nein, warte mal, ich weiß was viel Schöneres. Komm um 18:30 Uhr zum Essen zu uns, es gibt Forellen mit Bratkartoffeln und Gurkensalat“, versprach Susanne.

„Du lädst mich dazu ein? Lieb von dir“, freute sich Helene.

„Ja Helene, aber ich muss dir im Vorfeld etwas beichten“, bekannte Susanne nun. „Vielleicht ist das unverschämt von mir und ich weiß nicht, wie du das aufnimmst? Es ist auch bis jetzt nur in meinem Kopf, niemand sonst weiß davon, wenn du also nein sagst, ist das in Ordnung.“

„Ist was passiert?“ Helene gab sich beunruhigt.

„Nein, nein, oder doch, es ist wegen Brigitta! Sie bleibt hier, in Deutschland“, beruhigte Susanne sie. „Jetzt ist sie auch Witwe und zurzeit knapp bei Kasse oder vielmehr, sie braucht als erstes eine Bleibe und da habe ich sofort an dich gedacht. Ob du ihr vorübergehend ein Zimmer überlassen kannst? Ich zahle das.“

Zuerst fand Helene keine Worte, sie sah Susanne nur fragend an. Im nächsten Moment war ihr Interesse aber voll geweckt und sie antwortete: „Ich komme zum Essen, dann können wir reden. Gar nicht so schlecht – Platz genug habe ich doch, bis nachher.“

Schon eigenartig, fünfzehn Jahre gab es zwischen ihnen außer ‚Guten Tag‘, vielleicht noch ‚schönes Wetter heute‘ oder ähnlich Belanglosem, nichts zu sagen, mal von den mehr oder weniger kurzen Gesprächen nach dem Tod von Mark abgesehen. Und nun, kaum, dass sie eine gute Woche Freundinnen waren … Susanne sah erneut die Zusammenhänge der Zufälle, diese Kette, bei der ohne das vorherige Glied nicht das heutige entstehen konnte! Aber inzwischen sah sie auch das schon viel eher beginnende dramatische, schicksalhafte Geschehen, eben genau in dieser jetzigen neuen Sache, das bereits in Spanien begann. Zufall? Nein, heute sah sie, das war mehr! Diese Lösung war wohl schon längst überfällig gewesen. Brigitta wollte nicht mehr in Spanien bleiben, nicht bei der chaotischen Familie, nicht bei ihrem Mann, der sich trotz seines Alters immer noch gerne mit jungen Frauen umgab. Dies offensichtlich, wie er es vor langer Zeit erklärt hatte, glaubte seinem Ruf schuldig zu sein. Dieser Gockel. Offenbar war sein Vater genauso ein eingebildeter Frauenheld gewesen. Brigitta ahnte dies eigentlich schon immer, vielleicht war es auch mehr Wissen, welches sie innerlich missbilligte. Der Mann, der ihr Befehle erteilte vom Anfang ihrer Ehe an, der sie nicht los lassen wollte seines Rufes wegen, immer nur seines Rufes wegen, ohne Rücksicht auf Frau und Familie, die ohnehin dumm und stillschweigend darüber hinwegsah. Diesen Menschen ereilte nun am Ende ein grausames Schicksal, und er gab auf diese Weise Brigitta doch noch frei. Endlich, ein jahrelanger Wunsch erfüllte sich. Aber wozu gerade jetzt? Was erwartete Brigitta hier, zurück in Deutschland? Bestand die Rückkehr in ihr Heimatland nur aus der Erfüllung ihrer lang gehegten Sehnsucht? Oder wartete hier gar eine Aufgabe auf sie?

Der Tisch war nett gedeckt. Die knusprig gebratenen Kartoffeln dampften aus der Schüssel und die Türschelle schlug an. Helene folgte Susannes Einladung und brachte eine große Glasschüssel rote Grütze und Vanillesoße als Nachtisch mit. Helene war immer für schnelle Entschlüsse gut, sie dachte sich gerne etwas Nettes als Überraschung aus für ihre Freunde. Lange genug musste sie auch darauf verzichten.

Während des Essens berichtete Helene immer wieder zwischen durch von ihrem ersten Arbeitstag. Neugierig schweigend hörten sie ihrer Schilderung zu: „Als ich ankam war der Frühstückstisch schon gedeckt, sehr üppig und richtig nett mit Tomaten und Weintrauben verziert, der Kaffee genau nach meinem Geschmack und ich fragte mich insgeheim, ob ich zum Arbeiten oder als Gast geladen war.“ Nach einigen Bissen von ihrem Teller, die sie mit „hm-hm“ begleitete, fuhr sie kauend mit ihrer Geschichte fort: „Die Scholz-Männer dachten sich bereits genauestens aus, wie meine haushälterische Beschäftigung aussehen soll! Nämlich, jeden Morgen, pünktlich 9 Uhr, fange ich an mit gemeinsamem Frühstück. Dann räume ich auf wo es nötig ist, kaufe einmal die Woche ein, an einem anderen Tag putze ich, den nächsten Tag wasche ich und so weiter. Tägliches Kochen für Herrn Scholz und auch für mich! Oh ja! Und ich kann mir selbst die Arbeit so einteilen, wie ich denke und mein Dienstschluss ist um 14 Uhr. Samstag und Sonntag habe ich natürlich frei und jetzt ratet mal, wie hoch mein Gehalt ist!“ Helene kaute genüsslich weiter und wartete.

„Hm, 300 Euro“, fragte Susanne „bei zwei Mahlzeiten?“

„Oh nein, 450 Euro und 100 Euro als Fahrgeld extra, weil ich mit meinem eigenen Auto alle Fahrten machen muss. Otto Scholz hat doch keins mehr, dabei kann ich gleich immer auch für mich selbst Besorgungen machen. Ihr seht, das ist eine Supersache. Natürlich fahre ich ihn auch zum Friseur oder was sonst so anfällt.“ Helene war in ihrem Element.

„Das kann man wohl sagen, das ist mehr als gut“, fand Frank. „Hast also sozusagen einen sogenannten 450-Euro-Job.“

„Genau, Hans-Peter will übrigens heute noch nach Hause fahren, wahrscheinlich ist er schon weg. Otto Scholz hat eine sehr gute Rente, sagt er. Er kann sich meine Hilfe leisten! Nicht, dass ich auf ein Zubrot angewiesen wäre, aber dann kann ich ruhigen Gewissens jetzt mein Gespartes in ein neues Dach investieren!“ Helene widmete sich nun ganz ihrer Forelle und schien mit sich und der Welt zufrieden.

Brigitta fand Gefallen an dieser couragierten Nachbarin und brachte das zum Ausdruck. „Sie haben Ihr Leben so fest im Griff, ich wollte das könnte ich auch von mir sagen.“

„Ach so, ja, Susanne sagte schon, Sie wollen in Deutschland bleiben und suchen eine Wohnung. Wie wäre es denn, wenn Sie in mein Dachgeschoss einziehen, es sind zwei kleine Zimmer mit Schrägen, ein WC und Dusche. Die Küche müssten wir uns allerdings teilen oder gemeinsam nutzen, na was sagen Sie dazu, Frau Schwelm? Oder soll ich Frau Moreno sagen?“, fragte Helene lächelnd.

Brigitta konnte nicht antworten, sie war viel zu ergriffen, so stand sie spontan von ihrem Stuhl auf, schritt um den Tisch herum und nahm die sich zögernd erhebende Helene Weber in die Arme. Susanne erhob sich ebenfalls und ging zu den beiden, legte ihrerseits die Arme um sie und da standen die drei Frauen, vor Rührung lachend und weinend gleichzeitig, eine Weile glücklich und eng umschlungen mitten im Esszimmer.

„Das ist überhaupt nicht nötig“, antwortete Brigitta etwas verspätet. „Es wäre schön, wenn wir direkt zu einander du sagen könnten.“ Tief Luft holend sagte sie weiter: „Ich muss mich anmelden mit Moreno, aber wenn die Erbensache erledigt ist, dann will ich wieder meinen Mädchennamen annehmen. Das habe ich mir jedenfalls fest vorgenommen.“ Eine Stunde später war ihr Gepäck in der zukünftigen Wohnung bei Helene verstaut. Es fehlte nur noch die Tasche aus dem Hotel, die würde sie morgen holen und dort das Zimmer freimachen. Möglicherweise war diese vorläufig glückliche Wende in Brigittas Leben auch ein gutes Omen für ihre Erbangelegenheit.

13

Frank Hauff stand wie paralysiert in der offenen Terrassentüre und schaute Susanne zu, die sich im Garten beschäftigte – und sah doch überhaupt nichts. Ein Telefongespräch blockierte derzeit sein Denken. Er sah Susanne arbeiten und auch wieder nicht. Sein Kopf war mit einem Mal wie zu, da passte nichts mehr hinein, alles prallte ab. Soeben führte er ein Telefonat mit seinem Freund Lukas aus der Firma und das warf ihn ziemlich aus der Bahn. Lukas druckste rum, wollte nicht richtig mit der Sprache heraus, aber irgendwas stimmte nicht, anscheinend betraf es Monika, Franks geschiedene Frau und die Buchhaltung. Sehr komisch, immer dieselbe Leier mit der Frau, war im Moment alles, was er begriff. Er und Monika waren schon mehrere Jahre in der Firma Hansen beschäftigt. Sie lernten sich auch erst dort kennen und heirateten. Ein Fehler, wie sich schnell herausstellte, die Ehe missglückte. Monika war eine dominante und nach außen hin kalte Person, und noch bevor Frank in die Firma eintrat, war sie dort die Haupt-Buchhalterin gewesen. Man kannte sie als überaus ungeduldige Person, rechthaberisch im Beruf wie auch meist privat. Kurz gesagt, ihre voreingenommene und berechnende Art, machte allen das Leben nicht gerade leicht. Und wenn es ihr von Nutzen erschien, die Eigenschaften wie listig und verschlagen beherrschte sie besonders gut. Demzufolge war der Verschleiß an Personal in ihrem Bereich enorm. Also wieder das reinste Fiasko. Lukas hatte etwas von ‚Ding gedreht‘ geredet und in Franks Vorstellung ging es wahrscheinlich wieder um eine Kündigung, die nicht rechtens war und er sollte schlichten. Das geschah ja nicht zum ersten Mal. Es war Freitag, wenn er sich jetzt ins Auto setzte, könnte er schon in gut zwei Stunden im Betrieb sein. Andererseits, was sollte er heute noch ausrichten? Reichte es nicht, wie vorgesehen nach Urlaubsende, erst am Montag seinen Platz wieder einzunehmen?

Susanne sah hoch und bemerkte sofort Franks eigenartigen undefinierbaren Gesichtsausdruck. Sie unterbrach ihre Arbeit, zog die Arbeitshandschuhe aus, warf sie achtlos auf einen der Gartenstühle und stand nun dicht vor ihm. „Frank? Was ist? Hallo? Bist du noch da? Ach komm, mir ist kalt, ich koche uns Tee und du sagst mir wer am Telefon war, was dich so aus der Bahn wirft.“

Frank berichtete kurz über das fragwürdige Gespräch mit Lukas. Redete von seiner Ex, die auch seine Kollegin sei und dass sein Freund sicherlich nicht angerufen hätte, wäre es nicht wieder brandeilig.

Susanne schluckte, die ihr bis dahin noch unbekannte Zeit aus Franks Vorleben traf sie im Moment unvorbereitet, aber sie fühlte seinen Zwiespalt und reagierte einzig richtig: „Wir haben uns noch so viel zu sagen, Frank, das wird mir eben jetzt erst richtig bewusst. Doch das Gespräch eben, mit deinem Freund, diese Ungewissheit was da los ist, das würde dich den Rest der Woche beschäftigen. Also fahr zurück und ruf mich an, sobald es dir möglich ist.“

Frank nickte. „Ja, das wird wohl das Beste sein.“ Susannes Verständnis für diese momentane Lage beruhigte ihn etwas und er machte sich in aller Eile reisefertig.

Brigitta bemerkte zufällig wie Frank Richtung Stadt davon fuhr und erblickte nun Susanne, die ihm hinterher winkte. Verwundert darüber, dass Frank ohne Susanne wegfuhr, ohne tschüss zu sagen, rief sie: „Wohin fährt er?“

„Nach Hause, in die Firma. Da kam vorhin ein dringender Anruf.“ Susanne hörte sich traurig und enttäuscht an.

Brigitta näherte sich und legte tröstend einen Arm um Susannes Taille. „Erzähl mir ein wenig genauer davon, wie das alles so war in letzter Zeit und wie das weiter gehen soll oder kann. Was habt ihr eigentlich vor?“

„Wenn ich das wüsste? Hänge im Augenblick etwas in der Luft“, seufzte Susanne, während sie ins Haus gingen. Dann begann sie wieder mit Michaels Entdeckung eines Fremden am Steg und Brigitta hörte ihrer ausführlichen Schilderung zu. Susanne sprach von der Möglichkeit einer Verwandtschaft ihrer Seelen, die, wie sie glaubte, sie mit Frank verband und von jener magisch empfundenen Stille und Ruhe um sie herum, als Frank überraschend zum Picknick aufgetaucht war. „Weißt du, Gitta, dieses tiefe Empfinden erlebte ich ja schon einmal, damals in der Heide, du weißt was ich meine, das war eine Landschaft, die nicht meine Gefühle erwidern konnte. Aber diesmal ist da ein Mensch, der so fühlt wie ich. Ja, Frank fühlt und denkt darin genauso wie ich. Aber nun merke ich erst, wir nehmen unsere Liebe beinahe wie selbstverständlich hin, als wären wir uns überhaupt nie fremd, nur mal ein paar Jahre getrennt gewesen. Gewiss ist es prickelnd, doch ich fühle, es ist nicht nur Verliebtheit, sondern wir waren gleich einfach füreinander da, ohne darüber überhaupt weiter nachzudenken. Wir haben uns dafür gar nicht die Zeit genommen, es war einfach da, unser tiefes Vertrauen! Zufall, Schicksal, unabwendbar! Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Na ja, Frank blieb an dem Abend nach dem Picknick hier, er nahm mich wortlos in seine Arme und wir ließen uns treiben und das war himmlisch. Und jetzt wollte Frank kommenden Sonntag nach dem Mittagessen zurück fahren. Was danach sein würde, ich habe nicht den blassensten Schimmer, wirklich nicht. Wir haben es einfach ausgeklammert. Das war falsch, jetzt weiß ich das. Ich hätte mir noch mehr Zeit mit ihm gewünscht, es gibt so viel, was wir voneinander noch wissen sollten. Aber wer fragt denn nach ein paar Tagen Bekanntschaft einen Mann schon nach seiner Vergangenheit?“

Brigitta schmunzelte. „Sicher keiner! Und überleg doch mal, selbst wenn ihr noch mehr Zeit gehabt hättet, wäre dann über alte Kamellen geredet worden? So etwas braucht nun mal seine Zeit“, vermutete sie ganz richtig.

Michael traf ein und vermisste Franks Auto. Er lief am Haus vorbei, Richtung Terrasse und hörte Stimmen. Anscheinend ist Frank alleine unterwegs, folgerte er daraus und öffnete die angelehnte Glastür.

„Hallo, ist was? Wo ist denn Frank?“ Michael setzte seinen Schulranzen ab und sah zwischen seiner Mutter und Tante Brigitta hin und her. Was haben die denn? Eine Minute später erklärte ihm seine Mutter die Lage und Michael machte seiner Enttäuschung gewaltig Luft: „Verdammter Mist!“

„Was, wieso? Frank wollte doch Sonntag sowieso fahren, nun sind es zwei Tage eher“, sagte Susanne gespielt forsch.

„Die Kartoffeln sind gar“, unterbrach Brigitta die beiden. „Lasst uns erst mal essen, Leute!“

„Heute wollte ich mit Frank das ganze Gestrüpp zum und am Fluss wegschlagen. Das schaffe ich nämlich nicht alleine, wir haben viel zu lange gewartet damit. Das hätten wir wie jedes Jahr im Februar machen müssen“, gab Michael patzig von sich und schon zeigten sich tiefe Falten auf seiner Stirn.

Susanne sagte leise. „Wir können auch noch länger warten, aber wir helfen dir, junger Mann! Das heißt, meintest du nicht vorige Woche, wir müssten noch fünf oder sechs Wochen warten wegen der Brutplätze und so? Wieso denn jetzt auf einmal nicht mehr?“

„Ja, eigentlich ja, aber da dachte ich noch nicht an Franks Hilfe. Und jetzt ist er zu früh weg!“, ärgerte sich der Junge.

„Ach so“, warf Brigitta ein, die sich die Arbeiten nicht so recht vorstellen konnte, bot sich aber sofort als Helferin an. „Soll ich mich umziehen, oder kann ich so bleiben?“

„Umziehen! Eine Jeans und feste Schuhe, bitte“, bestimmte Michael sehr nachdrücklich. So beschlossen sie trotzdem, gleich nach dem Essen mit den nötigen Werkzeugen aufzubrechen und vorsichtig, eventueller Jungtiere wegen, die Arbeiten anzugehen.

Während des Mittagessens horchte Susanne plötzlich auf. „Hört mal, was ist das denn schon wieder, hört ihr das auch?“ Sie sprang auf und lief zur Haustür. Bereits ahnend was dies Geschrei nur bedeuten konnte, öffnete sie ruckartig die Tür. Michael und Brigitta folgten ihr.

„Oh, nein!“ Michael rannte an seiner Mutter vorbei auf die Straße dem laut weinenden Nachbarkind entgegen. Rosi! Er fing sie mit beiden Armen auf und holte sie in den Garten, wo sie total erschöpft auf die Wegplatten sank. „Mama ist tot, Mama ist tot, sie blutet und blutet, es hört nicht mehr auf, sie ist tot!“ Die Kleine wiederholte es mehrmals, wirkte völlig verstört.

„Bleib mit Rosi hier Micha, wir schauen nach.“ Susanne und Brigitta eilten über die Straße zum Haas-Haus. Die Haustüre war weit geöffnet. Rosi musste auf und davon gerannt sein, ohne die Türe hinter sich zu schließen, was sich in diesem Fall sogar als sehr nützlich erwies. Der Anblick, der sich den beiden Frauen dort allerdings bot, war entsetzlich! Und nicht nur der Anblick! Sie sahen sich an und fanden keine Worte. Bereits im Flur roch es seltsam eklig, nach sauren Essensresten oder faulig und auch nach Angebranntem, einfach nur widerlich! Sie stiegen über herum stehendes Geschirr, zwei überquellende Wäschekörbe mussten sie bei Seite stoßen, ehe sie weiter vordringen konnten. Durch das Wohnzimmer kamen sie in die Küche, wo sie Frau Haas fanden. Es war so wie Rosi es sagte, da war eine Blutlache. Rosis Mutter lag auf dem Rücken, die Arme seitlich ausgestreckt und sie blutete am Hinterkopf oder der Schulter, dies war nicht genau bei ihrer derzeitigen Lage feststellbar. Doch wer blutet ist nicht tot! Susanne öffnete den blutigen Kragen ihrer Bluse und fühlte die Hauptschlagader am Hals, stellte erleichtert fest: „Sie lebt!“

Inzwischen trafen noch weitere Nachbarinnen, vom lauten Kinderweinen angelockt, ein. Sie begannen entsetzt und lautstark über die unaufgeräumte, verschmutzte und stinkende Wohnung zu lamentieren. Natürlich war das durchaus auch berechtigt, durfte aber erst einmal nur Nebensache sein!

„Wir müssen die 112 rufen, dringend einen Krankentransport bestellen, dringend!“, rief Susanne beherzt und hielt Ausschau nach dem Telefon, fand es jedoch nicht. Weder in der Diele, noch im Wohnzimmer oder der Küche war ein Telefon zu entdecken.

„Vor allen Dingen muss irgendwie die Blutung zum Stillstand gebracht werden, aber hier kann man sicher kein sauberes Tuch finden!“ Brigitta verzog angeekelt ihr Gesicht.

„Ich hole was von mir und rufe auch den Krankenwagen!“, bot sich Frau Hoppe an und rannte zurück in ihr Haus.

Irgendwer zog die geschlossene Jalousie am Fenster neben der halb geöffneten Terrassentüre hoch, wodurch endgültig das ganze Ausmaß einer ziemlich verdreckten und unaufgeräumten Küche sichtbar wurde. „Was um alles in der Welt, was hat diese Frau den ganzen Tag getan?“, entsetzte sich Frau Schmitz von gegenüber.

Frau Wedekind mutmaßte sogar: „Wahrscheinlich ist deshalb der Mann abgehauen, er hat den Saustall nicht mehr ertragen.“ Kurzfristig machte das für gewöhnlich distanzierte Verhalten der Nachbarn zueinander einer geradezu hetzerischen Verbundenheit Platz, zumindest unter den Frauen. Sie liefen teilweise auf die Terrasse um frische Luft zu atmen und wieder herein, um sich erneut zu entsetzen: „Wie soll sich ein Mann hier wohlfühlen, der kommt bestimmt nicht wieder!“

Frau Hoppe kam vom Telefonieren zurück und stellte zwei Handtücher zur Verfügung. „Wie kommen Sie denn darauf? Woher wollen Sie das denn wissen? Ihr Mann ist doch nur immer wochenlang auf Montage und wenn er zurückkommt, kümmert er sich doch sogleich um alles, besonders auch um das Grundstück. Bestimmt ist er nur mal kurzfristig unterwegs um Besorgungen zu machen und kommt gleich wieder“, empörte sie sich, nachdem sie die letzte Bemerkung noch mitbekam.

„Das ist aber auch nötig“, schalt Frau Wedekind. „Ständig müssen wir Unkraut und Brennnessel entfernen, weil der Wind die Samen zu uns rüber weht“ und stockte, sah staunend Frau Webers neuer Mitbewohnerin zu, wie gekonnt diese die Verletzte notdürftig versorgte.

Kurz darauf hörte man den Krankenwagen und gleich danach kamen Notarzt, Sanitäter und Helfer eilig herein. Doktor Hartung brüllte über die Schulter seinem Assistenten zu: „Die Trage bleibt vorläufig draußen!“ Und an die herumstehenden Leute gewandt: „Weiß jemand was hier passiert ist?“, während er Frau Haas vorsichtig zur Seite drehte. „Die Frau hat den Hals von hinten wie aufgeschnitten. Verflucht noch mal, was ist überhaupt hier los?“

Ein wirres stimmliches Durcheinander entstand. Die nun mal sehr empörten Nachbarinnen redeten alle gleichzeitig. Obwohl keine die Wirklichkeit kannte, schienen doch Alle alles zu wissen.

„Ruft die Kripo, die Patientin hat die Wunde nicht vom Aufprall bekommen, das ist ein glatter Schnitt oder Hieb! Wer gehört denn außer Frau Haas noch in dieses Haus?“ Der Doktor sah gewiss schon vieles, doch das hier? Stinkendes Dreckloch, widerlich! Er sah um sich, schüttelte ungläubig den Kopf.

Aus dem Notarztwagen wurde die Polizei verständigt.

Brigitta sah Susanne an, was war zwischen dem Kind und seiner Mutter vorgefallen? Sie trafen als erste hier ein, die ersten Zeugen, wenn auch nicht beim Vorfall direkt. Die Polizei würde sich zuerst an sie wenden. Und die kam schnell, nur wenige Minuten bis zu deren Eintreffen vergingen.

„Pfui Teufel“, hörten sie den Kommissar rufen, ehe er sein Taschentuch vor Mund und Nase hielt. „Reißt alle Fenster und die Terrassentüre vollständig auf, so kann ich hier mit meinen Leuten nicht arbeiten!“

Unterdessen war Frau Haas transportfähig, der Krankenwagen fuhr los, sie gehörte schnellstmöglich ins Krankenhaus.

„Es besteht keine Lebensgefahr, aber das kann eigentlich kein Unfall sein“, überlegte der Arzt laut. „Das sah mir eher nach einem glatten Schnitt aus, der sich von der linken Schulter bis zum Hals zieht, zum Glück ist die Schlagader nicht getroffen“, informierte er die Kommissare. „Verletzungen vom Sturz konnte ich so nicht feststellen, aber sucht nach einem Messer oder nach sonst was Scharfem“, rief er, bevor er das Haus verließ.

Kommissar Lohmann und seine Kollegin Schuster drängten die Leute hinaus auf die Terrasse. Zu dumm, die Nachbarn waren schon überall herum getrampelt, mit Spurensicherung dürfte es schwierig werden. Die Personalien der Anwesenden wurden aufgenommen und die routinemäßige Befragung begann. Es stellte sich jedoch heraus, die Nachbarinnen waren am Zustand der Wohnung mehr interessiert, als am Unglück an sich. Auch als ihre Männer dazu kamen, ergab sich nichts Verwendbares für diesen Fall. Insgeheim zweifelte Lohmann, ist das mein Fall? Schließlich fragte er nach dem Kind der Verletzten, von dem er vorhin durch das Gerede der Leute etwas aufschnappte.

„Das Kind ist bei uns“, sagte Susanne, „aber in keinem guten Zustand. Sie glaubt ihre Mutter sei tot. Mein Sohn ist bei ihr. Möchten sie mit mir rübergehen?“

„Ich komme später zu ihnen. Erst muss ich nach irgendetwas mit scharfer Klinge Ausschau halten, dem Hinweis des Arztes nachgehen. Außerdem könnten hier draußen diese Spritzer Blut sein – oder?“ Plötzlich beugte der Kommissar sich vor, verharrte einige Sekunden, richtete sich wieder auf. „Nein, das ist nicht mein Fall, das sollen die Kollegen von der Mordkommission übernehmen!“

Susanne und Brigitta verließen erschreckt den verschmutzten Ort und atmeten gierig und ganz bewusst die frische Luft auf dem kurzen Weg nach Hause ein. Mordkommission? Wieso? Frau Haas lebte doch! Und Herr Haas? Er war wahrscheinlich schon wieder auf Montage? Und Rosi? Oh Gott! Also kein Unfall? Sie trafen auf Helene, die sich nicht getraute, einfach ins Haas-Haus hineinzugehen. Sie wartete schon länger und auch inzwischen ungeduldig auf der Straße. Jetzt sah sie Susanne und Brigitta das Haus verlassen und ging ihnen rasch entgegen. „Was ist denn passiert?“, fragte sie leise, ohnehin nichts Gutes ahnend.

„Frau Haas wurde verletzt“, antwortete Brigitta kurz.

„Im Haus stinkt es, alles scheint verwahrlost und Rosi ist bei uns“, erklärte Susanne.

Alleine vom Zuhören konnte es einem schon übel werden. Jedenfalls entschloss sich Helene deshalb erst einmal nach Hause zu gehen. Michael war mit Rosi in die Küche gegangen. Die beiden Kinder saßen auf der Bank am Tisch. Er versorgte das Mädchen mit einem Glas Wasser, doch das stand noch unberührt vor ihr. Rosi war nicht ansprechbar, sie starrte vor sich hin und flüsterte immer nur: „Mama ist tot.“

Dem Jungen flossen Tränen übers Gesicht. „Das sagt sie die ganze Zeit, ich werde noch verrückt!“

Susanne beugte sich hinunter, sprach das Kind direkt an: „Nein, Rosi, hallo Rosi, hörst du mich? Deine Mama ist nicht tot, sie ist verletzt und ins Krankenhaus gefahren worden, sie wird wieder gesund!“ Susanne hielt die Hände des Kindes in ihren und hoffte mit den tröstenden Worten zu ihrer kleinen Seele durchgedrungen zu sein.

„Wir müssen ihr etwas zu essen geben“, fand Brigitta.

Also machte Susanne aus dem restlichen Mittagessen etwas auf einem Teller zurecht und erwärmte es in der Mikrowelle. Rosi war jedoch nicht fähig selbstständig zu essen und langsam, löffelweise mit kleinen Pausen, fütterte Susanne sie. Nach einiger Zeit kehrten die Lebensgeister zu Rosi zurück. Sie schien allerdings erst jetzt zu bemerken, dass sie nicht bei sich zuhause war, sah sich verwundert um, aß nun aber selbstständig den Rest auf. Michael wollte mehr wissen und fragte sie, was eigentlich geschehen sei, aber die Polizei kam einer Antwort zuvor.

Kommissar Lohmann entdeckte, mehr zufällig, ein blutiges Küchenbeil neben den Stufen der Terrasse liegend und verwarf augenblicklich den Gedanken an einen Unfall. Er verständigte die Mordkommission, die nun zu zweit bei Schnells in der Küche standen. Kriminaloberkommissar Löffler und seine Kollegin Schneider kamen gleich zur Sache: „Wir müssen mit dem Kind sprechen! Leider sieht es nach versuchtem Mord, zumindest aber Totschlag aus! Wo ist das Kind Haas?“ Herr Löffler fragte danach und sah sich suchend um, während Susanne stumm auf Rosi zeigte.

„Mein Gott, nein, das kann nicht sein, nicht möglich, so ein kleines Kind?“ Kommissarin Schneider ging in die Hocke, so dass sie etwa in Augenhöhe mit Rosi war. Einfühlsam sprach sie leise auf das verstörte Kind ein. „Wie heißt du denn, sagst du mir deinen Namen?“ Doch die Kleine schwieg, schien nicht einmal zu bemerken, dass mit ihr geredet wurde.

„Wir nennen sie Rosi“, half Michael aus.

„Rosi? Du heißt doch Rosi, oder?“ Die Kommissarin zuckte die Schultern, das war wohl hoffnungslos. „Das Kind hat einen Schock.“ Nach einer Weile kam ihr eine weitere Idee, vielleicht reagierte das Kind doch noch und sie startete einen letzten Versuch: „Gehst du in den Kindergarten, oder gehst du schon in die Schule?“

Michael wollte etwas dazu sagen, öffnete bereits den Mund, da bemerkten sie, mit Rosi geschah etwas. Sie schien plötzlich aus ihrer apathischen Starre zu erwachen. Sie blickte verwundert umher und nach kurzer Besinnung verkündete sie fast glücklich: „Noch nicht, aber ich darf nach den Ferien in die Schule zu Frau Stein, sie hat es erlaubt.“

„Wie schön und du freust dich darauf, kannst du mir denn sagen wo dein Papa ist?“ Frau Schneider lächelte Rosi zu.

Das Kind dachte angestrengt nach, man sah förmlich wie sie ihr kleines Hirn marterte, die Augen zusammenkniff, den Kopf schüttelte und schließlich mit aufgerissenen Augen und beinahe wie in Trance, antwortete: „Papa war da, aber dann fand ich ihn nicht mehr, und da war Krach. Mama war wieder böse und Papa sagte ‚au’, glaub ich, ganz laut, aber er war nicht da. Sein Auto war auch nicht mehr da und er hat mir nicht tschüss gesagt“, klagte es weinerlich. „Nur Mama lag tot in der Küche und das viele Blut, ich weiß nicht was …“ Rosi schluchzte laut auf. Die Befragung musste abgebrochen werden.

Also von Haus zu Haus gehen, die Nachbarn noch einmal gezielt befragen. Wer hatte Herrn Haas wann gesehen? Wer sah das Auto? Wann stand es zuletzt auf seinem Stellplatz? Neue Fragen an die Nachbarn, die sich zwar bemühten über auswärtige Montagearbeit des Bernhard Haas aufzuklären, auch einige übereinstimmend aussagten, das Fahrzeug vormittags schon nicht mehr gesehen zu haben, doch damit zum aktuellen Stand leider immer noch nichts beitrugen. Die Verletzung von Frau Haas war frisch gewesen, also konnte sie nicht von ihrem Ehemann stammen, der vermutlich mindestens zwei Stunden vorher schon abgefahren war. Doch vom Kind? Ein Schlag an der Stelle von Schulter bis Nacken? Es hätte viel höher stehen müssen als die Mutter. Aber wäre nicht den kleinen Händchen das Fleischerbeil viel zu schwer gewesen für einen solch wuchtigen Schlag, der eine derartige Verletzung verursachte? Die wenigen Blutspritzer am Boden, zwischen Anrichte und Küchentisch, stammten vom Herunterfallen eines blutigen Gegenstandes, womöglich sogar von dieser Tatwaffe. Auf der Anrichte lag Fleisch auf einem Holzbrett. Das Küchenbeil war offensichtlich zum Zerteilen benutzt worden. Aber von wem? Gab es eventuell eine weitere Person? Wie kam das Beil hinaus? Die Kommissare gingen noch einmal zurück ins Haus der Familie Haas. Inzwischen beendeten auch die Damen und Herren der Spurensicherung ihre mühselige Beweissuche und verabschiedeten sich. Die Frau lebte ja. Sobald sie ansprechbar sein würde, konnte sie zu dem Tathergang befragt werden. Danach musste man weitersehen.

Frau Schneider begann in den vorgefundenen Papieren der Familie nach der Adresse des Arbeitgebers von Herrn Haas zu suchen und fand eine ältere Lohnabrechnung. Sie würde aus dem Büro telefonisch Herrn Haas derzeitigen Arbeitseinsatz erfragen, ihn hoffentlich auch dort erreichen. Nur heute war es schon zu spät dazu und sie verschob das Gespräch auf den nächsten Morgen. Hier konnte sie nichts mehr tun.

Aber Löffler ließ das keine Ruhe, er versuchte nochmals selbst Klarheit in der Küche zu finden. Doch bei deren Verschmutzung im Koch- und Essbereich, war es auch ihm nicht möglich, eine einwandfrei erkennbare Spur zu finden. Und das Kind hätte auf dem Tisch stehen müssen, mindestens aber auf einem der Stühle, um die Mutter im Nacken zu treffen. Aber auf keinem Stuhl, auch nicht auf dem Tisch gab es dementsprechende Spuren. Es war einfach nur hoffnungslos. Außerdem, wenn das Kind wirklich den Schlag ausgeführt hätte, müsste es dann nicht ganz anders reagieren? Da blieb nur, auch er musste ganz einfach den Bericht der Kriminaltechnischen Untersuchung abwarten, ebenso das Erwachen der Geschädigten.

Tatsächlich erreichte Kommissarin Schneider anderntags eine Frau Damm vom Personalbüro jener Firma, in welcher Herr Haas laut der gefundenen Abrechnung beschäftigt war. Frau Damm gab sich aber verständnislos und erklärte ärgerlich, kurz angebunden: „Herr Haas ist seit über einem Monat nicht mehr in unserem Unternehmen tätig.“ Und ohne jedes weitere Wort beendete sie das Gespräch. Frau Haas würde hoffentlich bald ansprechbar sein, um zur Klärung beitragen zu können.

Inzwischen lag das Ergebnis der Spurensuche, speziell des Fleischerbeiles, vor. Die gefundenen Fingerabdrücke, ebenso die daran haftenden Blutspuren waren untersucht. Schnell wurde festgestellt, es gab nicht nur frisches, sondern auch älteres Blut an der Tatwaffe. Bei dem Zustand der Wohnung war das wohl nicht verwunderlich. Fest stand auch, die alten blutigen Spuren entpuppen sich ausschließlich als tierisch. Die frischen Spuren stammten offensichtlich von dem teilweise zerkleinerten Stück Fleisch auf der Anrichte und zusätzlich von zwei verschiedenen Personen. Also von Frau Haas und sehr wahrscheinlich von ihrem Mann. Nach dieser vorläufigen Erkenntnis wurde Bernhard Haas zur Fahndung ausgeschrieben. Verletzte sich der Mann selbst oder verletzte ihn seine Frau und er war ausgerastet? Wollte er sie töten? War Herr Haas inzwischen untergetaucht? Wie war aber erklärbar, dass das Fahrzeug laut Zeugen zwischen 10 und 11 Uhr bereits nicht mehr vor dem Haus stand, während die Verletzung von Frau Haas erst Stunden später zustande gekommen war? Und wieso waren die Blutspuren der Frau teilweise vermischt mit denen ihres Mannes? Wurde der Mann zuletzt getroffen? Aber wo war er? Was für eine wirre Geschichte! Irrten sich die Nachbarn in der Zeit? Aber alle? Und das kleine Mädchen – wie passte das da hinein? Mit der Tat an sich konnte es jedenfalls nichts zu tun haben, denn das Küchenbeil wies keinerlei Abdrücke von kleinen Kinderhänden auf. Unverständlich war, wieso nicht wenigstens einer der Nachbarn etwas bemerkte. Das lief doch nicht still und leise ab! Und von wem wurde laut au gerufen, wie es Rosi gehört haben wollte? Also blieb nur die einzige Möglichkeit: Frau Haas! Doch mit der Verletzten zu reden, das wehrte der Arzt wiederholt und sehr entschieden ab. „Eine Vernehmung ist nicht möglich, derzeit völlig ausgeschlossen! Versuchen Sie es morgen.“

Da beschlossen sie, einen Beamten im Krankenhaus vor der Zimmertüre bei Frau Haas zu postieren, falls der Ehemann irgendwie den Aufenthalt seiner Frau herausfinden konnte und ihr tatsächlich nach dem Leben trachten sollte, aus welchem Grund auch immer. Die Fahndung nach ihm war jedenfalls bisher völlig ergebnislos verlaufen. Später stellte sich die Vorsichtsmaßnahme auch als überflüssig heraus. Andererseits hatte sie auch etwas Guten, denn der Wachmann vor der Türe konnte zur gegebenen Zeit schnelle Notizen machen, die alle bisherigen Recherchen über den Haufen warfen.

Weiterhin suchte die Kripo in den Papieren der Familie Haas nach irgendwelchen Anhaltspunkten einer neuen Arbeitsstelle des Herrn Haas oder nach Verwandten. Schon alleine des Kindes wegen musste sich jemand finden lassen. Susanne Schnells erklärte sich zwar vorläufig bereit, die kleine Nachbarin in ihre Obhut zu nehmen, dies konnte jedoch nur eine vorübergehende Lösung sein. Susanne war es gelungen, Rosi durch liebevolle Zuwendung abzulenken von ihrem erlebten Grauen, wobei das Kind irgendwann erklärte: „Richtig heiße ich Rosanna, aber Papa sagt immer Rose. Ihr dürft aber Rosi sagen, wenn Mama gut gelaunt war, sagte sie das auch zu mir.“

Mal abgesehen von den Worten: ‚Wenn Mama gut gelaunt war‘, sprach Rosi in Vergangenheitsform von ihrer Mutter, also dachte sie immer noch ihre Mutter sei tot? In ihre Erinnerung mischte sich offensichtlich auch älter Erlebtes mit dem vom Tattag. Da zeitlich nichts übereinstimmte, konnte der Au-Schrei ihres Vaters sowieso nur von einem anderen Tag in ihrer Erinnerung existieren, sofern man das fehlende Auto bedachte. So jedenfalls stellte es sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt dar.

14

Sonntagmittag erwachte Siglinde Haas endlich. Sie erkannte das Krankenhauszimmer sofort und war auch erstaunlicherweise augenblicklich hellwach. „Was mache ich hier, was soll das?“, schrie sie und begann fluchend zu randalieren.

Es war schwierig für die Krankenschwester, die erschreckt zu Hilfe eilte, die Patientin zu halten und sie rief lautstark nach ihrer Kollegin und dem Arzt. Der herbeieilende Stationsarzt warf nur einen Blick auf die verworrene Situation und ordnete an, noch mal ein starkes Mittel zur Beruhigung der Infusion beizugeben. Dies hörte Frau Haas und bevor es dieses Mal dazu kommen konnte, riss sie sich die Kanüle aus dem Arm, womit sie sich zusätzlich selbst verletzte. Zwei Schwestern hatten alle Hände voll zu tun, um die neue Blutung zu stillen und gleichzeitig die sich wie wild gebärdende Patientin zu bändigen.

„Weg da, geht weg“, keifte Frau Haas, „ich will nach Hause, ich muss zu ihm. Diesmal mache ich endgültig Schluss, jetzt ist es aus mit ihm!“

Der Polizist, er stand in der offenen Türe, notierte das eifrig auf seinem Block, drückte gleichzeitig die Kurzwahltaste auf seinem Handy fürs Kommissariat und leitete damit live dieses Spektakel an die einzig richtige Stelle weiter.

Der Arzt machte kurzen Prozess. „Los, wieder fixieren!“, rief er ärgerlich. Worauf Frau Haas gewaltsam ins Bett gedrückt und durch einen breiten Gurt festgehalten wurde. Im Augenblick gab es nur diese eine Möglichkeit, um sie vor sich selbst zu schützen. Das durfte sie sich nun selbst zuschreiben. Außerdem, ihre Drohungen konnten sich eventuell auch ganz schnell hier auf das Krankenhauspersonal ausweiten, denn rasende Menschen haben bekanntlich eine ungeahnte Kraft! Dennoch, trotz ihrer jetzt eingeschränkten Bewegungsfreiheit schrie und tobte sie völlig außer Kontrolle weiter. Laufend brüllte sie die fast identischen Worte: „Lasst mich nach Hause, ich muss zu ihm! Jetzt ist endgültig Schluss mit ihm“ oder auch, „ich mache ihn fertig, diesen Nichtsnutz!“

Der Versuch, dieser wütenden Patientin Haas keine weiteren Beruhigungsmittel zu verabreichen, war damit fehlgeschlagen. Die Kommissare mussten sich weiterhin gedulden. Wenigstens schaffte man es nun auf diese Weise, ihr erneut ein Mittel zu spritzen, welches sie innerhalb weniger Sekunden außer Gefecht setzte. Die neue Wunde am Arm, ebenso die erneut blutende Wunde im Nacken wurden versorgt.

Diese derartig heftigen Worte, von Frau Haas hinaus geschrien, ihr dringendes Bedürfnis sofort nach Hause zu müssen um Schluss ‚mit ihm‘ zu machen, sorgten für eine sofortige Wende in der polizeilichen Untersuchung. Mit den aus ihren harten Worten resultierenden Infos, brachte jetzt der vor Ort postierte Beamte, unkompliziert und direkt zum Mithören über sein Handy, völlig neue Überlegungen ins Rollen. Ganz unvermittelt entstand ein vollkommen anderes Bild.

„Sag mal Hans“, sprach die Kommissarin ihren Kollegen an. „Dieses Hackmesser wurde doch neben der Terrasse gefunden, nahe der Stufen, die in den überwucherten Garten führen. Was, wenn es nicht weg geworfen wurde, wie wir es bisher annahmen, sondern, was weiß ich wie sie das Beil an sich gebracht hätte, irgendwie? Nur mal so angenommen, der Krach in der Küche ging draußen weiter, sie erwischte ihn, ließ das Ding fallen, konnte trotz ihrer Wunde auch wieder bis in die Küche gelangen, ehe sie umkippte. Die Finger- und Handabdrücke waren doch teilweise verwischt! Die Spurensuche hätte in das Gestrüpp ausgedehnt werden müssen, Hans! Das haben wir versäumt!“

Löffler versuchte den Gedanken seiner Kollegin zu folgen. „Du meinst, wenn die Frau unbedingt nach Hause will um mit ihm Schluss zu machen? Wie meint sie das denn? Und was heißt, ihn fertig machen? Mein Gott, wo ist denn der Mann? Er wird am Ende stärker verletzt sein, wie wir dachten und gar nicht das Weite gesucht haben! Hat sie ihn da an der Treppe erwischt? Aber da waren doch keine Blutspuren! Und die Frau, woher hat sie die Wunde? War er das wirklich? Verstehe ich nicht! Oder, wenn du Recht hast, konnte er durch das Gebüsch davonkommen? Ohne Blutspuren? Vielleicht war seine Wunde auch nur oberflächlich und deshalb gab es keine Spur? Aber das Auto? Wo zum Teufel ist dieses verdammte Auto hin? Ist er durch die hinter dem Grundstück liegenden Wiesen damit abgehauen, oder stellte er irgendwo vorher das Auto ab?“ Kommissarin Schneider sah ihren Kollegen Löffler an, kam ihnen gerade der gleiche Gedanke in den Sinn? Wortlos legten sie ihre Halfter mit Waffen an und rannten los.

„Tobias, wir brauchen Verstärkung, auch noch mal die Spusi und den Arzt, wir sind in der Bergstraße 4 bei Haas, es gibt neue Erkenntnisse!“ Löffler rief es im Hinauseilen einem weiteren Kollegen zu. Der wusste was in solchen Fällen zu tun war und würde sofort alles Nötige veranlassen.

„Wo ist Wolfgang?“ Kommissar Löffler sah sich um, und als er den Jungen am Getränkeautomat sah: „Aha, los zieh deine Jacke über, komm mit! Kannst noch was lernen!“ Ja, er wollte den jungen Anwärter vom Kommissariat dabeihaben und es sollte sich später auch noch herausstellen, dass genau diese Anordnung als besonders wertvoll bezeichnet werden konnte.

Diesmal schalteten sie Blaulicht und Sirene ein, erschreckten damit die gesamten Bewohner der Siedlung. Spätestens mit Eintreffen weiteren Einsatz- und dem Notarztwagen sammelten sie sich auf der Straße. Selbst die beiden ältesten Herren, Schmitz und Scholz, standen dabei. Aufgebrachte, teils hörbar verärgerte Stimmen waren zu hören. Manche Leute wirkten auch irgendwie verschlafen. Nachbarn, die sich bisher nur wenig kannten, sie redeten nun mit einander, erlebten Gemeinsames, zumindest reichte es aus, bis zur allgemeinen Empörung. Sensationshungrig vermutete ohnehin jeder etwas Anderes oder glaubte gar zu wissen, was Sache war. Die Satz- und Wortfetzen schwirrten nur so durch die Gegend. Doch eigentlich fühlten sie sich mehr in ihrer gewohnten Sonntagsruhe gestört, das erkannte man nun deutlich aus etlichen verärgerten Bemerkungen: „Was machen wir eigentlich hier?“ – „So was gab es hier noch nie!“ – „Diese unmöglichen Haas!“ – „Verkommene Leute, ein Schandfleck in der ganzen Siedlung!“ – „Immer ist es nur dieses Haus.“ – „Dreckiges Pack!“ – „Die wollen Ökos sein? Seht euch den Garten an, dann wisst ihr alles.“ – „Ökos? Eher Schlamper, denkt mal wie es im Haus ist, da stinkt es doch wie die Pest!“

Susanne fasste es nicht, ihre Entrüstung über das Benehmen der Leute war echt. Haas waren schließlich auch Nachbarn und die Eltern dieses kleinen Mädchens. Sie raunte Brigitta und Michael zu: „Bitte geht ein wenig mit Rosi zum Fluss, wer weiß was hier sonst noch abgeht, sie muss das nicht alles mithören“, ehe auch sie sich, wie schon Helene vorher, dem Menschenpulk etwas näherte. Allerdings hielten beide einigen Abstand zum Grundstück und Haus der Chaos familie. Sie hörten sich schweigend die vielen Äußerungen ihrer Nachbarn an und konnten manchmal nur verständnislose, verwunderte Blicke austauschen. Besonders Helene war über einige Bemerkungen mehr als erstaunt, es schien ihr doch sehr viel entgangen zu sein. Zum Glück behinderte aber niemand die Polizei bei ihren Ermittlungen. Jedenfalls versuchte keiner neugierig auf das Grundstück Haas zu gelangen. Sie würden ohnehin erfahren was geschehen war, was einen Großeinsatz nötig machte. Als alle Einsatzkräfte endgültig im Haus verschwanden, die Haustür sich hinter ihnen schloss, leerte sich auch allmählich die Straße. Nur Susanne und Helene blieben noch stehen. Sie wollten keinesfalls wie neugierige Hühner hinter der Gardine am Fenster stehen, sie gedachten hier draußen geduldig zu warten, auf das, was noch geschehen würde. Wenn sie auch nicht die direkten polizeilichen Aktionen mitbekamen, irgendeinen Grund musste es doch geben plötzlich das Haus zu stürmen. Es erschien ihnen zwar rätselhaft, denn eigentlich konnte niemand mehr in diesem Hause sein, dennoch entschlossen sie sich einfach auszuharren.

Indessen prüften zwei Beamte noch einmal jeden Winkel im Haus, fanden aber auch heute nur die gleiche Unordnung wie schon am Tattag zuvor. Es gab keine Veränderung, hier war inzwischen niemand gewesen. Die Kommissare Schneider und Löffler mit Assistenten übernahmen den Garten, immerhin befand sich das mit Blut besudelte Beil draußen. Das, was sie bisher unbeachtet ließen, musste nun näher untersucht werden. Nämlich dieser total verwilderte Garten, der so ziemlich blickdicht genannt werden konnte. Zuerst suchten sie nach so etwas wie einem Gartenweg. Logisch wäre, wenn er von diesen Stufen abginge, in deren unmittelbarer Nähe das Küchenbeil am Freitag entdeckt worden war. Also drückten sie mit Händen und Armen die Sträucher seitlich weg, hielten dabei gleichzeitig ständig nach irgendwelchen verräterischen Spuren Ausschau. Tatsächlich entdeckten sie nun bei näherem Hinsehen an einigen Blättern einer Forsythie verwischtes Blut. Jedenfalls sah es nach Blut aus und einige dünne Äste hingen geknickt oder auch gebrochen herunter. Hier schien sich also wirklich jemand entlang gekämpft zu haben. Es ergab sich dadurch eine vage Spur, die offensichtlich noch tiefer in die Wildnis hinein führte und auch so etwas wie einen alten Gartenweg erkennen ließ. Über diesen Pfad arbeiteten sie sich mühsam vorwärts. Nach wenigen Metern erkannten sie, durch einen hohen Haselnussstrauch schimmernd, eine Holzwand. Sie gehörte zu einem fast gänzlich versteckten Gerätehaus, welches derartig zugewachsen war, dass es vom Haus aus nicht einmal sichtbar, geschweige denn auch nur hätte vermutet werden können. Dorthin schlängelten sie sich jetzt durch. Herr Haas würde doch nicht etwa den Schuppen als Versteck oder Unterschlupf nutzen? Seit Freitag? Und sein Auto? Nein unmöglich, auch heute passte noch nichts zusammen. Gar nichts! Kopfschüttelnd standen sie staunend vor der Türe. Hier hielt sich niemand auf! Diese Türe war mit einem gebogenen Stahlstab, der in einer relativ stabilen Verschlussöse, ebenfalls aus Stahl, steckte, gesichert. Seltsamerweise konnte die Tür sowie das nahe Umfeld frei zugänglich genannt werden. Dieser Schuppen wurde anscheinend benutzt, nur jetzt konnte niemand drin sein! Er war zugesperrt! Also weiter das Gesträuch absuchen? Viel größer konnte doch das Grundstück gar nicht sein. Ratlosigkeit stand in ihren Gesichtern geschrieben. Die vermutliche Blutspur fehlte sowieso seit etwa zwei Metern. Schweigend sahen sie einander an. Standen sie vor dem nächsten Problem? War der Mann tatsächlich über den Zaun geklettert und durch die Wiesen geflüchtet? War sein Auto wirklich irgendwo abgestellt gewesen und er kam zu Fuß zurück, um seine Frau los zu werden? Denn wenn sich hier jemand aufgehalten hatte, dann war er längst auf und davon. Auch lagen überall alte und neuere Strauchruten zertreten am Boden. Aber es konnte definitiv niemand hier sein! Bestimmt nicht im Schuppen! Wie erklärte sich aber sein Blut auf dem Beil? Verletzte er sich wirklich zuerst selbst beim Zerteilen des Fleischstückes? Aber sein Blut war doch zuletzt auf das Beil gekommen! Und wieso wollte Frau Haas nach Hause, um mit ihrem Mann Schluss zu machen, war die Frau nicht mehr ganz bei Sinnen?

„Ist er am Ende doch im Haus? Vielleicht eingesperrt?“ Löffler wollte gerade die Suche in dieser merkwürdigen Gartenanlage abblasen. Doch genau da trat Wolfgang in Aktion. Normalerweise käme kein Mensch auf die Idee, eine so von außen abgesperrte Türe zu öffnen, wäre da nicht Wolfgang das Greenhorn, wie sie ihn oft scherzhaft nannten! Ihm kamen jedoch die an dieser Türe sichtbaren dunklen Spritzer suspekt vor, die sichtbar geworden waren bei näherem Hinsehen. „Hier könnte doch die Hauptaktion stattgefunden haben“, fand er wichtigtuend. Bekam jedoch einen Vogel gezeigt. Kein Laut war zu hören, weder auf Klopfen und das „Hallo“ von Frau Schneider, die Wolfgang zuliebe scherzhaft auch noch an der Türe zu rütteln begann. Natürlich tat sich nichts, wie auch, die Türe war nun mal zu. Verriegelt von außen!

Aber das Wort ‚eingesperrt‘ existierte nun mal jetzt vorrangig in Wolfgangs Kopf! Die Spuren auf dem Holz sahen zwar älter aus. Und ob das Blut war an der Tür? Es konnte genauso gut altes Öl oder was Ähnliches sein. War alles nur blinder Alarm? Würde jemand zuerst eine Türe zusperren und dann flüchten? Bestimmt nicht, wenn ein Täter vorsätzlich handelt! Egal ob die Türe nun auf oder zu gewesen war, würde der nicht einfach nur schnellstens abgehauen sein? Die Tür war bestimmt immer verriegelt. Wieso eigentlich? Wer sollte hier in dieser Wildnis etwas suchen wollen, außer den Ökos Haas selbst? Also weiter das Gestrüpp am Zaun entlang kontrollieren, oder den Einsatz ergebnislos abbrechen? Eine Probe der getrockneten dunklen Flecke, die Wolfgang für Blut hielt, von der Türe abkratzen und mitnehmen! Ebenso einige der befleckten Blätter von den Sträuchern – und Schluss!

Doch dann, im nächsten Moment geschah es!

Der Jüngste, dieser vorwitzige Assistent Wolfgang Ließem, von Natur aus mit einer so genannten großen Klappe bedacht, drängte sich ungeduldig an seiner Chefin vorbei, zog kurz entschlossen den Stab aus der Öse, beförderte ihn achtlos über seine Schulter hinter sich, riss die Türe auf und flog sogleich, wie von Geisterhand gestoßen, rückwärts zu dem entsorgten Stab. Und, oh Schreck, mitten hinein in ein Brennnesselfeld. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätten sie ihn zuerst gerügt, wegen eventueller Vernichtung von Beweismitteln, danach schallend ausgelacht, zumal er sich nicht aus den Brennnesseln so einfach befreien konnte, ohne diese unter Schmerzen immer wieder zu berühren. Nein! Sie fanden nicht einmal die Zeit, ihm hinterher zu sehen bei seinem Fall in das Nesselfeld. Seine eigenständige Aktion war mit einem Mal vorläufig in den Hintergrund gerückt.

Das blanke Entsetzen ermächtigte sich ihrer. Sie vergaßen augenblicklich und auch noch eine ganze Weile länger, das Missgeschick ihres Jünglings. Keiner half ihm, sie starrten nur wie hypnotisiert ins Innere des Gerätehauses. Und ihnen kam auch nicht im Entferntesten der Gedanke, Wolfgang und seinen richtigen Riecher anerkennend zu würdigen. Denn der Anblick, der sich ihnen bot, ließ sie betroffen und entsetzt verstummen. Jedes Denken, alle Mutmaßungen der letzten halben Stunde gerieten auf der Stelle in Vergessenheit! Auch Wolfgangs stets kluges Mundwerk stand nun still. Er bekam ohnehin gerade eine sehr brennende Lektion erteilt und verzog schmerzhaft sein Gesicht.

Vor ihnen lag ein Mann, seitlich gekrümmt, halb über einem Holzklotz hängend. Sein Hemd war zerrissen und gab den Blick auf eine hässliche, blutverkrustete Wunde in seinem oberen Bauchbereich frei. Blutige Stoff- und Papiertuchfetzen lagen überall herum. Er musste vergeblich versucht haben die blutende Wunde abzudrücken. Für diesen, gelinde gesagt, hageren, eher schmächtigen Mann war es wohl zu schwer gewesen, die von außen gesicherte Türe aus den Angeln zu hebeln. Womöglich, kopflos und panisch vor Angst, kam ihm diese Möglichkeit nicht in den Sinn. Vermutlich war er aber auch einfach nur ohnmächtig geworden und umgekippt, durch den starken Blutverlust, oder eingeschlafen vor Schwäche und nicht wieder aufgewacht. Die übrigen Einsatzkräfte und der Arzt erreichten nun ebenfalls den Holzschuppen. Auch sie standen still, fast andächtig, vor der offenen Türe, vor diesem Anblick des Schreckens. Keiner sprach auch nur ein einziges Wort. Sie fanden offensichtlich Bernhard Haas, die Suche nach ihm konnte beendet werden.

Fest stand auch jetzt, seine Frau war ihm körperlich um einiges überlegen gewesen. Was war da geschehen? Wieso vernahm keiner der Nachbarn Rufe oder Geschrei? Mit Sicherheit war das nicht stumm vonstatten gegangen. Waren sie bei dieser Familie an laute Auseinandersetzungen gewöhnt oder war es nur zu unbequem hinzuhören? War das Gezeter über das Grundstück und das vermüllte Haus wichtiger? Hätte bereits am vermeintlichen Unglückstag die Spurensuche auf das Grundstück ausgedehnt werden müssen, obwohl sich alles so darstellte, als wäre die Verletzte mit dem Kind alleine gewesen, sie anfangs auch noch Zweifel hegten, was das kleine Mädchen betraf? Zumindest so lange, bis die Spuren an dem Fleischerbeil untersucht gewesen waren. Wäre Herr Haas zu retten gewesen? Der Arzt konnte jedenfalls zu diesem Zeitpunkt nur noch den Tod feststellen.

„Wie lange?“, fragte Löffler.

„Seit vorgestern? – Kann erst nach der Obduktion mehr sagen.“

„Verdammt.“ Löffler drehte sich um, er erlag wieder einmal einer gehörigen Portion Selbstzweifel. „Verdammt noch mal“, stöhnte er, da fiel sein Blick auf Wolfgang, er schluckte und ging auf ihn zu. „Komm Junge, du wirst mal ein ganz großer Detektiv! Wie kamst du nur darauf, konntest dir so sicher sein?“

Der Gefragte hob verlegen die Schultern. „Nur Gefühl!“

Langsam verließen sie den wüsten Garten. „Danke Junge, ohne dich wüssten wir immer noch nicht die Wahrheit.“

„Ach Kommissar, Sie haben doch selbst gedacht: Vielleicht eingesperrt! Und ich habe doch immer gesagt, dass ich so lange ich lesen kann alle Krimis verschlungen habe. Die Frau hat ihn eingesperrt!“

„Ja, sicher! Jetzt gibt ihr Geschrei im Krankenhaus auch einen Sinn.“ Sie entfernten sich von diesem grausigen Ort. Den Rest mussten die Leute der Spurensicherung und Gerichtsmedizin nun übernehmen.

15

An diesem Sonntag, der bisher einiges an Schrecken brachte, rief abends Frank Hauff bei Susanne Schnells an. Nach seiner Abfahrt am Freitag begann ja merkwürdigerweise das Unglück in der Siedlung und von Frank kam nun auch keine gute Nachricht. „Tag Susanne, wie geht es bei euch, hier ist es fürchterlich! Und ich vermisse dich!“

„Seit du weg bist, ist hier der Teufel los. Wir haben Zuwachs bekommen, die kleine Rosi von gegenüber, mit polizeilicher Anordnung!“ Susanne schilderte ihm in Kurzfassung bis zum Zinksarg, in welchem Bernhard Haas vor wenigen Stunden aus dem Haus getragen worden war, von den ihr bereits bekannten entsetzlichen Ereignissen und versicherte Frank: „Ich vermisse dich auch. Und du, sag wie geht es bei dir, was hat sich bei dir denn Fürchterliches getan?“

„Es ist zwar keine blutige Sache, aber eine für uns alle sehr enttäuschende finanzielle krumme Tour, wie es Lukas schon ausgedrückt hat“, berichtete Frank: „Meine geschiedene Frau hat offensichtlich schon seit mehreren Jahren immer wieder sehr dreist Unterschlagungen vorgenommen. Oder Scheinbuchungen vom Firmenkonto, jedenfalls betrügerische Taten gemacht, was weiß ich, das muss jetzt ans Tageslicht gekommen sein. Es steht noch nicht der Fehlbetrag fest, aber er muss ziemlich hoch sein.“

Susanne fühlte plötzlich Hass für diese Frau, ja sie hasste sie, ohne sie zu kennen, alleine schon deshalb, weil Frank ihretwegen sogar seinen Urlaub verfrüht abbrechen musste. Das plötzlich aufsteigende Gefühl von Ärger in ihr, ließ ihre Worte sehr frostig klingen: „Das hat keiner gemerkt, oder gibt es Mitwisser die ihre Hände aufgehalten haben?“

„Vermutlich ja, das wird sich noch herausstellen, vorläufig ist Monika in Untersuchungshaft.“

„Nicht zu fassen. Meinst du denn, du kannst trotzdem nächstes Wochenende zu uns kommen?“, fragte Susanne erregt.

„Ich weiß es noch nicht. Im Moment kann ich Lukas und die Buchhaltung nicht hängen lassen.“ Frank holte tief Luft und schlug vor: „Vorerst sollten wir uns mit dem Telefon begnügen. Falls irgendetwas Wichtiges ist, ruf mich auf dem Handy an, ich lasse es eingeschaltet. Ich melde mich aber auch bald wieder.“

Als sie sich verabschieden wollte, kam Michael ungestüm zur Tür herein. „Mit wem telefonierst du, etwa mit Frank?“ Susanne nickte und Frank, der ihn hörte, bat: „Gib ihn mir mal kurz und mach’s gut, bis bald.“

Michael nahm den Hörer hastig an sich, atemlos rief er: „Frank, wir haben noch nicht den Wildbewuchs am Fluss geschlagen, keine Zeit. Wann kommst du?“

„Das wird so bald nichts, frag deine Mutter, sie weiß Bescheid. Tschüss Micha, bis demnächst.“

Der Junge war sichtlich enttäuscht und Susanne sagte tröstend: „Ach Micha, wir wollen dir doch sowieso helfen und können morgen gemeinsam anfangen, wenn du das unbedingt jetzt schon willst.“

„Aber Michael muss doch in die Schule“, wunderte sich Rosi, die mit ihm hereingestürmt war.

„Immer nach dem Mittagessen gehen wir alle zusammen zum Steg, Tante Brigitta geht auch mit und wenn Tante Helene von Herrn Scholz kommt, kann sie noch nachkommen“, versprach Susanne.

Damit war Rosi zufrieden, aber auch müde. Heute stand ihre dritte Nacht bei Schnells bevor. Sie schlief bei Susanne im Bett und manchmal schreckte sie weinend auf, dann musste Susanne sie liebevoll beruhigen, sie in ihren Arm nehmen und sie fragte sich längst, ob die Mutter ihr Kind auch manchmal in ihrem Arm schlafen ließ? Ihre Nächte waren jedenfalls ziemlich unruhig, seit Rosi bei ihr schlief.

Montagmorgen, nachdem Michael zur Schule aufgebrochen war, wollte Susanne versuchen, etwas mehr über und von Rosi zu erfahren. Während ihrem gemeinsamen Frühstück, das Kind genoss es sichtlich, begann Susanne mit ihren Fragen: „Rosi, wie alt bist du eigentlich und weißt du deinen Geburtstag?“

„Ja, weiß ich. Ich bin fünf Jahre alt und habe am 12. Dezember Geburtstag, dann werde ich sechs Jahre.“

„Und Lehrerin Stein möchte, dass du schon dieses Jahr in die Schule kommst?“, fragte Susanne verblüfft. Eigentlich war das Kind viel zu zart, um schon einen Schulranzen mit Inhalt zu tragen, fand sie. „Wie kam das denn, ging deine Mama mit dir zu Frau Stein?“

„Mama und Papa. Alle zwei waren mit mir bei Frau Stein in der Sprechstunde, die unterrichtet nämlich die erste Klasse. Sie hat mit mir einen Text gemacht und den habe ich bestanden. Deshalb kann ich nach den Ferien in die Schule gehen.“

„Du meinst einen Test?“

„Sag ich doch!“

Susanne schmunzelte. „Aber einen Schulranzen hast du noch nicht, oder doch?“

„Nein. Ach so, deshalb war Mama so böse!“ Rosi schien sich zu erinnern, sie stockte für Sekunden, aber dann sprudelten die nächsten Worte so plötzlich und schnell über ihre Lippen, dass Susanne Mühe hatte alles zu verstehen. „Papa brachte kein Geld mit, wir konnten nicht einkaufen. Mama schimpfte mit ihm. Da bin ich in mein Zimmer gegangen. Ich habe mir die Ohren zugehalten. Immer schimpft Mama! Immer, immer! Jetzt fällt mir alles wieder ein, Papa hat das Auto verkauft, deshalb konnte ich es nicht sehen.“ Dann dachte sie angestrengt nach und Susanne beobachtete sie genau, bereit jederzeit einzugreifen, falls dem Kind noch weitere Einzelheiten einfallen würden, wozu sie eventuell tröstenden Beistand brauchte. Susanne fiel wiederholt auf, dass Rosi bisher nicht ein einziges Mal nach ihrer Mutter fragte. Sie musste sich doch Gedanken machen, wo sie geblieben war. Das Kind war doch nicht dumm oder gar oberflächlich. Konnte es sein, dass Rosi vielleicht so etwas wie Erleichterung verspürte ohne Mutter? Armes Kind! „Tante Susanne?“ Rosi trank von ihrer Milch, „können wir mal zu uns nach Hause? Gehst du mit mir?“

Susanne erschrak. „Warum denn Rosi?“

„Ich muss zum Papa, der ist bestimmt da und arbeitet im Garten, da ist ganz viel zu tun, er sucht mich sicher schon? Ich kann ihm doch wieder helfen.“

Die letzten Tage konnten Susanne und Michael, besonders auch Brigitta, die Kleine immer wieder unter dem einen oder anderen Vorwand zurückhalten, ihr vor allen Dingen den Blick auf ihr Elternhaus ersparen. Verschwiegen ihr ebenso, dass ihr Vater nicht mehr lebte. Und nun? Es musste ja so kommen. Rosi wollte nach Hause. Susanne brauchte eine neue Ausrede und zwar augenblicklich! Sie versuchte es damit: „Wir können nicht ins Haus, ich habe doch keinen Schlüssel, Rosi“ und noch während sie es sagte wusste sie, Rosi würde nicht darauf hereinfallen.

„Aber wir können doch klingeln!“ Rosi war anscheinend von der Anwesenheit ihres Vaters überzeugt.

Susanne überlegte, ich muss ihr reinen Wein einschenken und begann vorsichtig mit der Aufklärung, immerhin war dieses Kind sehr verständig für sein Alter, trotzdem, leicht fiel es Susanne nicht. „Rosi, deine Mama kam mit einer schlimmen Wunde ins Krankenhaus. Du weißt bestimmt noch, wie sie in der Küche lag und blutete?“

„Ja, wieso? Ist sie denn nicht tot? Ich dachte doch – dann, dann müssen wir sie besuchen, das macht man doch immer so, wenn jemand im Krankenhaus liegt!“ Rosi war schon aufgesprungen und begann hektisch, vielleicht auch mehr verängstigt und verwirrt, den Tisch abzuräumen. Das Kind agierte wie unter Zwang.

Susanne hielt sie zurück. „Nein, Rosi, wir können nicht deine Mama im Krankenhaus besuchen, es geht ihr sehr schlecht. Ich werde erst mal nachfragen, vielleicht geht es ja morgen oder übermorgen.“

„Gehst du denn mit mir rüber? Vielleicht ist die Terrassentür nur angelehnt, dann können wir doch rein.“ Rosi sprach leise mit zittriger Stimme und Tränen in den Augen. Die Nachricht, dass ihre Mutter noch lebte, traf sie offensichtlich anders als es üblicherweise bei einem Kind sein sollte! Rosi zeigte nicht die Spur von Freude. Eher schien sie sich damit abgefunden zu haben, bei Susanne zu bleiben. Und nun? Offenbar stand sie wieder an dem Punkt: Fortlaufen.

Susanne wünschte sich Brigitta herbei, dann müsste sie die Entscheidung, Rosi die Wahrheit zu sagen, nicht alleine treffen. Doch heute, ausgerechnet heute, ließ sich Brigitta so viel Zeit. „Komm Rosi, komm, ich will dir etwas zeigen.“ Susanne nahm das Kind bei der Hand und ging mit ihm zur Haustür. Sie öffnete die Türe und sofort fielen ihnen die zwei fremden Fahrzeuge gegenüber auf. Beim Haas-Haus stand die Haustür halb offen und von den Polizei-Siegeln war nichts mehr zu sehen. Genau diese Siegel wollte Susanne dem Kind aber zeigen und es mit der Realität bekannt machen. Was nun?

Auf der Fahrertüre eines Wagens sah Susanne eine Schrift, konnte sie aber nicht entziffern, weil sich die Sonne im Lack spiegelte. Also blieb nichts weiter übrig, als sich mit Rosi den Fahrzeugen zu nähern. Vielleicht würde sich jetzt einiges von selbst klären. Das Auto gehörte der Stadt, genauer gesagt, es gehörte zum Jugendamt. Klar, die müssen natürlich auch hier aufkreuzen, dachte Susanne und ihre sowieso angeschlagene Stimmung rutschte noch eine Etage tiefer. Ausgerechnet in dieser stillen Bergstraßen-Siedlung musste ein derartig beschämender Trubel Angst und Schrecken verbreiten, immer ausgehend von diesem Haus dort schräg gegenüber. Sie fand allmählich Verständnis für die teils rüden Äußerungen, die Entrüstung der aufgebrachten Nachbarn vom Vortag.

Aber jetzt kamen dort drei Leute aus dem Haus heraus, ein Mann und zwei Frauen, wovon die eine Kommissarin Schneider war. „Ach Frau Schnells, gerade wollten wir zu Ihnen.“ Frau Schneider kam rasch auf sie zu, reichte ihr, dann Rosi die Hand. „Hallo Rosi, geht’s dir gut?“ Jedoch ohne eine Antwort abzuwarten, raunte sie: „Ich möchte Sie alleine sprechen, Frau Schnells!“

Susanne nickte. „Warten Sie, ich bringe Rosi schnell zu meiner Schwägerin“, und sich an Rosi wendend: „Wir gehen zu Tante Brigitta.“ Sie eilten die paar Schritte zu Helenes Haus und schellten, aber es öffnete niemand. Brigitta war also gar nicht da. Susanne hob die Schultern, sah zurück zur Kommissarin, und jetzt? Sie ging zurück mit dem Kind.

„Na, da wird sicher Frau Ballert ein wenig mit Rosi plaudern, ja?“ Die Kommissarin gab damit der Dame vom Fürsorgeamt den Wink, sich um das Kind zu kümmern. Frau Ballert kam der versteckten Bitte nach, ergriff Rosis Hand und gehorsam lief das Kind mit ihr einige Schritte den Fußweg entlang.

Frau Schneider stellte Herrn Kuntze vom Jugendamt vor, der ebenfalls wie Frau Ballert des Kindes wegen mitgekommen war. Anschließend bekam Susanne die neueste Information: „Heute früh sind wir schon aus dem Krankenhaus angerufen worden, es wird dringend nötig, endlich Verwandte von Familie Haas ausfindig zu machen. Frau Haas hat leider schon drei Anfälle bösester Art gehabt und muss immer wieder gewaltsam ruhig gestellt werden. Bisher konnten wir sie noch nicht vernehmen. Jetzt heißt es, sobald die Wunde einigermaßen verheilt ist, soll sie in die Psychiatrie verlegt werden, zwecks einer Therapie, dem muss sie aber selbst zustimmen. Es wird also nicht einfach mit ihr. Psychiatrie kann allerdings auch bedeuten, wenn sich kein Verwandter findet, braucht nicht nur Rosi, sondern auch sie einen gesetzlichen Betreuer. Man hofft natürlich auch, sie wird noch zugänglicher und das bleibt ihr erspart.“ Und nach einer kleinen Pause fragte sie: „Was ist eigentlich mit dem Vater von Frau Haas, ich habe Papiere von ihm gefunden, lebt der noch?“

Susanne hatte keine Ahnung, sie fragte nur entsetzt: „Was denn für böse Anfälle?“

„Sie schreit und tobt und sagt immer wieder das gleiche: ‚Ich muss oder will nach Hause, ich mache ihn fertig oder mache Schluss mit ihm, der Schlappschwanz, der Nichtsnutz‘ und so weiter. Sie meint damit ihren Mann, von dessen Tod sie demnach nichts weiß, nicht einmal ahnt.“ Nach kurzer Überlegung fügte Frau Schneider hinzu: „Deshalb haben wir auch das komplette Grundstück abgesucht und Herrn Haas gefunden. Ohne den ersten Wutanfall läge er immer noch im versteckten, abgesperrten Gerätehaus.“

„Oh mein Gott, und ich dachte, er wäre im Haus gefunden worden. Wenn ich es mir auch nicht erklären konnte.“ Susanne bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut. „Ich glaube mir wird schlecht“, flüsterte sie fast erstickt. Im nächsten Augenblick fiel ihr Rosis Aufklärung von vorhin ein und sie sagte: „Übrigens, es gab eine ganz einfache Erklärung dafür, dass Herrn Haas‘ Auto fehlte, Rosi hat das eben erzählt, er muss es verkauft haben. Er war also doch zur fraglichen Zeit zuhause. Der von Rosi gehörte Au-Schrei war aktuell.“

„Rosi konnte sich erinnern? Ja, nachdem wir den Toten fanden, passten die Zeiten der Verletzungen auch zeitlich zusammen. Dann ist das also auch mit dem Fahrzeug endlich geklärt, mein Kollege wird aufatmen!“

Glücklicherweise kam Brigitta jetzt mit Helenes Wagen zurück, sie war im Anwaltsbüro gewesen. Erschreckt stellte sie das Fahrzeug ab und kam näher. „Was ist denn hier los?“, fragte sie irritiert. Eine Antwort bekam sie allerdings nicht, denn in dem Moment riss sich Rosi von Frau Ballerts Hand los und kam laut rufend auf Brigitta zu gerannt: „Tante Gitta, holst du mit mir meine anderen Anziehsachen aus meinem Zimmer? Gehst du mit mir? Bitte.“ Ein Nicken der Kommissarin und Brigitta kam der Bitte nach.

Frau Ballert bewegte sich auf die Gruppe zu, ihre bedauernde Handbewegung sagte alles. „Die Kleine wollte unbedingt in den Garten, mit ihrem Papa arbeiten. Da habe ich mich verplappert. Ich wusste ja nicht, dass der Kleinen der Tod ihres Vaters verschwiegen wurde. Tut mir leid.“

Rosi würde einige Zeit brauchen, mit der neuen Situation fertig zu werden. Ihre oft so böse Mutter lebte und ihr lieber Vater war gestorben. Ihre Mutter derzeit unzurechnungsfähig. Doch das wusste Rosi zum Glück nicht, würde wahrscheinlich sowieso nicht verstehen, wie das zu deuten war.

Die Suche nach Spuren, die wegen allgemeiner Verschmutzung ziemlich erschwert gewesen war, führte zu dem Ergebnis, dass möglicherweise Bernhard Haas seine Frau von hinten mit dem Küchenbeil schlug. Ob im Reflex, aus dem Ärger heraus, oder ob er sie eventuell sogar wirklich töten wollte, dies stand in den Sternen. Sie musste ihm dann dieses Beil irgendwie aus der Hand geschlagen haben, vielleicht war es ihm aber auch von der Wucht des Schlages selbst aus der Hand gefallen. Fest stand, es fiel zu Boden. Sie hob es offensichtlich auf und ging damit auf ihn los. Dann war Bernhard Haas anscheinend quer durchs Gestrüpp vor ihr her zu dem Gerätehaus gelaufen. Erst dort musste sie ihn eingeholt und ernsthaft mit dem Beil in den Rumpf getroffen haben. Und entweder schubste sie ihn in den Schuppen hinein oder er war selbst hinein geflüchtet. Jedenfalls konnte nur sie die Türe hinter ihm abgesperrt haben. Vermutlich machte sich erst dann ihre eigene Wunde schmerzlich bemerkbar und sie wollte zurück ins Haus laufen. In der kurzen Zeit musste viel Blut ihre Kleidung durchtränkt haben, bevor überhaupt etwas an die Sträucher gelangen konnte und sie war einer Ohnmacht nahe gewesen. Deshalb verlor sie wohl das Beil und schleppte sich mit letzter Kraft gerade noch so in die Küche, wo sie zusammenbrach und der Länge nach hinschlug. Vermutungen, die so aus den recht schwierig erkennbaren Spuren gedeutet werden konnten. Vermutungen, die endlich nach dem Wissen über den Verkauf des Autos, bis auf geringfügige Kleinigkeiten, zeitlich harmonierten.

Rosi hörte offenbar nur den Au-Schrei ihres Vaters aus dem Garten, stufte ihn zuerst als nichts Besonderes ein, da sie an Streitereien ihrer Eltern gewöhnt war. Erst als es eine Weile sehr ruhig blieb, war sie nachsehen gegangen und entdeckte ihre Mutter blutend und leblos in der Küche liegend. Fand ihren Vater nicht und lief hinaus, wo sie dann auch das Auto vermisste und einfach nur noch schrie.

So musste es gewesen sein und Siglinde Haas hatte sich der gefährlichen Körperverletzung mit Todesfolge strafbar gemacht. Einer Verurteilung würde eventuell ihre eigene Verletzung, für die ihr Mann nicht mehr belangt werden konnte, auf Grund ihrer derzeitigen Lebenslage mildernd entgegenstehen. Ob sie jemals vor Gericht gestellt werden würde, war ohnehin nicht sicher. Derzeit galt sie jedenfalls als verwirrt. Zumindest sah es so aus, dass sie zum Zeitpunkt des Streites und den Tagen danach nicht als zurechnungsfähig gelten konnte. Eigentlich bestanden zurzeit daran keinerlei Zweifel, bedachte man ihre mehrmals wiederholt heraus geschrienen Drohungen gegen ihren Mann. Da man auch inzwischen die verwahrloste Wohnung kannte, konnte ohne weiteres ihr jetziger Zustand schon länger bestanden haben.

Für Susanne, die ihre Unterschrift bereits geleistet hatte, das Kind in ihre Obhut zu nehmen, blieb somit diese Anordnung auch weiterhin bestehen.

Frau Schneider entdeckte etliche Papiere in einer Plastiktüte, unter einem Mantel an der Garderobe hängend, die sie an sich nahm, denn sie hoffte immer noch, endlich einen Hinweis auf weitere Verwandte zu finden. „Vielleicht sollte man das Kind mal nach seinem Großvater fragen, denn von dem Vater der Frau Haas existieren diverse Unterlagen. Können Sie das übernehmen, Frau Schnells?“, fragte sie und übergab Susanne die Schlüssel des Haas-Hauses mit der Erlaubnis, jederzeit Zutritt zum Haus und Grundstück zu haben. Die Untersuchungen am Tatort galten endgültig als abgeschlossen.

Susanne wollte aber das Anwesen, besonders das Haus, nur in Begleitung ihrer Schwägerin oder Freundin betreten. Dieses verwahrloste Haus barg für sie etwas gespenstisches, ja Furcht einflößendes. Sie sagte: „Bestimmt werde ich nicht alleine da hinein gehen. Schon bei dem Gedanken daran, bekomme ich das kalte Grauen. Ich weiß auch nicht warum. Aber wenn meine Schwägerin Kleidung für Rosi holt, gehe ich mit. Ich werde alle Fenster öffnen und die Rollläden auf Luke stellen.“

Die Kommissarin lächelte verständnisvoll. „Ja, das ist hiermit genehmigt. Nehmen Sie mit, wer immer dazu bereit ist.“

Jedoch schon nach wenigen Stunden konnten gemeinsame Überlegungen Susannes Abwehr in dieser Sache weit in den Hintergrund stellen. So holten nämlich die Frauen mit Michaels Hilfe eine Kommode und einen kleinen Schreibtisch, sowie weitere Kleidung, Spielsachen und sogar Geschirr aus dem Haus, eben alles, um was Rosi bat. Nach der Reinigung, die sie alle gemeinsam vornahmen, kam die Kommode in Susannes Zimmer, die Malerei wurde etwas zusammengerückt. Der Schreibtisch fand seinen Platz im Esszimmer. Möglich, dass dieser Umzug überstürzt war. Doch Rosi hatte unter Tränen, beinahe panisch vor Angst, darum gebeten und wie hätte man ihr diese Wünsche derzeit abschlagen können? Sie wollte weg, nur raus aus dem Haus. Es schien, als flüchtete sie vor den Bildern, die sie vor ihrem inneren Auge sah, der im Blut liegenden Mutter und dem toten Vater, was immer sie sich auch bei Letzterem vorstellen mochte. Es war ein Schock für sie alle gewesen, dem Kind hätten sie jede Bitte erfüllt, nichts wäre ihr abgeschlagen worden.

Wie mit der Kommissarin abgesprochen, fragte Susanne Rosi nach ihrem Opa. Aber die Kleine kannte keinen Opa, auch keinen Großvater. War das möglich, erwähnte ihre Mutter nie einen Opa? Rosi war klug, sie wüsste es, wenn es einen gäbe. Rosi, mal abgesehen von der Trauer über den Verlust ihres Vaters, nahm nach dem ersten Schock inzwischen alles sehr ruhig, oder eher altklug auf. So kam eine Äußerung von ihr, die Susanne sehr fragwürdig, mehr noch, überaus erstaunlich fand.

„Das Haus gehört nur Mama und mir!“

Die Frauen waren viel zu verblüfft, um nachzuhaken. Konnte das möglich sein? Stimmte das?

Wenig später sprach Rosi mit Michael darüber: „Wenn Mama stirbt, gehört das Haus mir ganz alleine, hat sie gesagt! Hilfst du mir dann aufräumen und es so sauber und schön machen, wie es bei deiner Mama ist, ja? Micha magst du?“ Rosis Kopf war jetzt völlig klar, erstaunlich klar für eine Fünfjährige! Sie schien genau zu wissen, über was sie sprach. Beredete Siglinde mit dem Kind Dinge, welche normalerweise Erwachsene unter sich erörtern?

Michael schluckte und nickte schweigend, wenn es auch so gut wie nie vorkam, dies verschlug ihm die Sprache.

Und nicht nur ihm.

16

Susanne versuchte gegen 16 Uhr Frank auf seinem Handy zu erreichen, aber da meldete sich nur die Box und sie legte wieder auf. So saß sie mit Rosi und Michael auf der Couch und schaute mehr oder weniger interessiert in den Fernseher. Natürlich war die Arbeit am Fluss weiterhin zurückgestellt worden und so blieb derzeit nur ein bisschen Ablenkung am Fernsehapparat. Susanne gab sich Mühe, konnte aber die Handlung des Dokumentarfilms nicht so aufmerksam verfolgen wie gewohnt, ihre Gedanken schweiften ständig ab. Kein Wunder, die Ereignisse der letzten Tage hatten sich regelrecht überschlagen, wie sollte sie sich jetzt auf diesen Tierfilm konzentrieren können? Die Sendung, die sie eigentlich sonst gerne sah, jetzt kam sie ihr unwirklich und überzogen vor.

Rosi lehnte ihren Kopf an Michaels Schulter. Die Kinder fühlten sich zu einander hingezogen, das war längst spürbar. Vor Jahren, als Mark noch lebte, fragte Michael eines Tages nach einem Geschwisterchen. Nicht bei ihr, bei der Mutter, nein, bei seinem Vater musste er dies gar als ‚dringenden Wunsch‘ geäußert haben. Damals kicherte sie darüber: ‚Er kennt schon die richtige Adresse‘. Doch daraus war leider nichts mehr geworden. Ob er diesen Wusch immer noch hegte, sah er in Rosi so etwas wie eine kleine Schwester? Nach einer Weile schubste Michael seine Mutter an, zeigte auf Rosi. „Sieh mal, sie ist eingeschlafen“, flüsterte er.

Susanne erhob sich und nahm das Kind vorsichtig auf ihre Arme. „Geh vor und mach mir die Türen auf, ich lege sie aufs Bett. Wahrscheinlich wird sie gleich wieder wach und kommt runter, aber sie schläft nachts sehr schlecht, es wird ihr gut tun“, erklärte sie leise ihrem Sohn.

Michael saß wieder vor dem Fernseher als sie zurückkam, er lächelte ihr entgegen. „Komisch, sehr komisch Mama, ich dachte immer, ich hätte dich für mich alleine und nun?“

„Oh nein mein Sohn, das glaube ich dir nicht, das kannst du nicht ernsthaft meinen. Du bist doch nicht etwa eifersüchtig, Micha? Ich kann dir versichern, du bist die Hauptperson in meinem Leben und das wird sich auch nicht ändern!“

„Na, ich weiß nicht, mit Frank musste ich dich ja auch schon teilen“, feixte er.

Susanne zog ihn an sich. „Das, mein Lieber, ist etwas ganz Anderes! Warte noch ein wenig, dann wirst du das verstehen.“

Michael schmunzelte verschmitzt vor sich hin. Es war lange her, dass er mit seiner Mutter den späten Nachmittag, gemütlich wie jetzt, verbrachte. „Mama, vielleicht können wir morgen am Steg Ordnung schaffen“, sagte er etwas später. „Wenigstens schon mal anfangen. Und wenn du mit Frank telefonierst, bestelle ihm Grüße von mir. Übrigens, das eben, das habe ich natürlich nicht so gemeint, das war nur Spaß, vom Teilen mit Frank und so.“

Susanne lachte. „Weißt du, manchmal war es eher so, da fragte ich mich, ist Frank wegen dir oder mir hier? Aber inzwischen wissen wir es ja besser, er ist wegen uns hier.“

Susanne scheiterte auch bei einem weiteren Versuch, Frank über sein Handy zu erreichen. Dafür fühlte sie, wie sich allmählich eine eigenartige Unruhe in ihr ausbreitete. Seltsam, Frank sagte doch er wolle sein Handy eingeschaltet lassen, wieso nahm er dann das Gespräch nicht an, was konnte denn da schon wieder passiert sein? Sie grübelte darüber nach und die absurdesten Dinge machten sich in ihrem Kopf breit. Ich werde die ganze Nacht kein Auge zu tun, war ihr klar. Sie versuchte noch einmal Frank zu erreichen, und wieder war alle Hoffnung umsonst.

„Mama, nun setz dich endlich wieder hin, lass uns den Film zu Ende ansehen, es sind nicht mal mehr zehn Minuten. Frank sieht das doch, dass du ihn erreichen willst und er ruft zurück, sobald er kann“, versuchte Michael sie zu beruhigen.

Aber sie war inzwischen fahrig und stand ein wenig neben sich, der Film war ihr sowieso egal, dann schellte das Telefon. Michael kannte sich aus. Aber, das war nicht Franks Stimme, das war vielmehr die eines Polizei-Hauptkommissars: „… ich möchte Ihnen mitteilen, Herrn Hauff geht es gut. Er meldet sich sobald er Gelegenheit dazu bekommt, derzeit ist er bei uns in Gewahrsam. Er bat mich Sie anzurufen, regen Sie sich bitte nicht auf, es wird nicht so heiß gegessen, wie gekocht.“ Mit diesem albernen Sprichwort endete auch das Gespräch.

Blöd, Susanne stand eine Weile völlig ratlos da, wie vor den Kopf geschlagen. Sie brauchte etliche Sekunden, ehe sie die neue Situation begriff. Offensichtlich registrierte sie weder den Namen noch die Dienststelle innerlich, vergaß sie vielleicht auch sofort wieder oder sie konzentrierte sich nur auf das, was Frank direkt betraf. Ihr Gefühl sagte ihr nur, da war etwas ganz und gar nicht wie es sein sollte! Langsam stieg Ärger in ihr hoch, der sich bis zur Wut steigerte. Diese blöde Ziege, in was zieht sie ihn da hinein? Doch sogleich zwang sie sich selbst zur Ruhe und wusste augenblicklich, was zu tun war! Ihre Bereitschaft zur sozialen Hilfeleistung für das kleine Nachbarkind bestätigte sie mit ihrer Unterschrift. Nun würde sie für Frank bürgen, sollte es hart auf hart kommen, auch eine Kaution zahlen. In Unkenntnis, wie eventuell diese gesetzlichen Begebenheiten ablaufen könnten, war sie auf alles gefasst. Wenn sie schon mit sozialen Tätigkeiten begann, dann auch richtig! Sie versuchte Lukas Rhode, Franks Freund, in der Firma zu erreichen, aber er war nicht anwesend.

„Ich bin Hannah, Herrn Rhodes Sekretärin, kann ich etwas für Sie tun?“

„Ach ja, bitte, wissen Sie, wo ich Herrn Rhode erreichen kann? Es ist sehr wichtig!“

„Dann gebe ich Ihnen seine Privat-Nummer, versuchen Sie es dort.“ Hannah gab die Telefon-Nummer durch.

Susanne bedankte sich und erreichte Lukas Rhode tatsächlich in seiner Wohnung, erklärte ihr Vorhaben und bat: „Bitte Herr Rhode, finden Sie heraus was ich tun kann, sollte eine Kaution nötig werden, erfragen Sie die Summe und wohin ich überweisen soll, hier kann ich nicht weg, das geht nicht!“ Es entstand eine Gesprächspause, Susanne dachte schon, sie seinen getrennt worden. „Hallo? Herr Rhode, sind Sie noch da?“

„Ja, bin ich. Die Sache mit der Kaution, das habe ich schon in die Wege geleitet, Frau Schnells, ich denke, Frank kommt dann raus. So wie ich das aber verstanden habe, muss er jederzeit zur Verfügung stehen! Das heißt, er wird nicht verreisen dürfen, er muss hier in der Stadt bleiben.“

Susanne hätte gerne mehr in Erfahrung gebracht, offensichtlich war Herr Rhode ja bestens im Bilde, doch sie bemerkte die eigenartige Ablehnung dieses Mannes und gab sich erst einmal mit seiner Auskunft zufrieden. Das Gespräch wurde beendet, brachte aber so gut wie nichts. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto mehr fand sie: Ich habe doch nichts von verreisen gesagt, was soll das, meint er etwa damit, Frank kann nicht nach hier kommen? Da stimmt doch was nicht und ahnte noch nicht, wie nahe sie der Wahrheit kam. Wie dreist ihr soeben eine dicke Lüge aufgetischt worden war.

„Was ist eigentlich los, Mama, mit wem hast du telefoniert, das war doch nicht Frank?“ Michael, jetzt auch etwas beunruhigt, stand plötzlich neben ihr.

„Nein, Frank sitzt in Gewahrsam oder U-Haft, weiß nicht. Ich rufe jetzt bei der Polizei dort an, werde mich durchfragen, da ist was gewaltig faul!“

17

Eben genau an diesem Tag fuhr Frank Hauff zum Kommissariat und bestand auf einem Besuch bei Monika, um sie zur Rede zu stellen. Auch um sich überhaupt erst einmal ein Bild zu machen von dem Warum und was überhaupt das Ganze für einen Sinn ergeben sollte. Was sie mit den Scheinbuchungen bezwecken wollte, ob sie damit gedachte ihr Gehalt aufzubessern? Er grübelte darüber nach, lange. Zu ärgerlich. Wieso macht sie das, ihr Gehalt ist doch fürstlich, ich muss da hin, sie selbst fragen. Deshalb saß er nun in diesem nüchtern wirkenden Raum und wartete. Aus Lukas Reden oder Gestammel, war er nicht schlau geworden. Also konnte nur seine geschiedene Frau selbst seine Fragen beantworten, ihm den irren Sinn oder Grund ihrer Machenschaften erklären, für die er bisher kein Verständnis aufbringen konnte.

Als Monika hereingeführt wurde, flog sie halb jubelnd, halb weinend auf Frank zu. Er sprang auf. Mit seinen Armen fing er sie gezwungenermaßen auf. Sie klammerte sich regelrecht an ihm fest und weinte Stein erweichend. „Du bist da, oh Gott, hol mich hier raus, bitte! Ich habe einen schweren Fehler begangen, ich gebe es ja zu, aber das wird nicht wieder vorkommen. Hilf mir, oh bitte, bring mich hier raus.“

Die strenge Beamtin zeigte auf den Stuhl gegenüber dem Tisch. „Setzen Sie sich, Frau Hauff, Sie haben genau zehn Minuten, nützen Sie die etwas besser!“

Frank kannte Monika gut genug um zu wissen: Sie spielt mir was vor. Also machte er es kurz. „Du kannst dich nicht einfach wie ein kleines Kind herausreden, ‚ich will‘s nicht wieder tun‘. Sag mir lieber wofür du das Geld gebraucht hast, was sollte das überhaupt? Hältst du das für klug? Soviel Dämlichkeit passt doch gar nicht zu dir! Dein Gehalt ist doch reichlich, mehr als eine einzelne Person verbrauchen kann! Also – antworte mir, was hast du dir dabei gedacht, wozu das Ganze? Welchen Sinn und Zweck soll das haben? Und wo ist das Geld, was ist davon noch übrig? Oder ist dein Leben inzwischen so langweilig, ging es dir nur um Nervenkitzel?“

Monika begann kläglich zu jammern: „Ich konnte es nie überwinden, dass es mit uns nicht geklappt hat, bitte lass uns noch mal von neuem beginnen, bitte Frank.“ Sie versuchte über den Tisch hinweg seine Hände zu ergreifen, doch er zog sie rasch zurück.

„Nein! Monika, nein und nochmals nein! Was hat das eine denn mit dem anderen zu tun? Spinnst du jetzt total? Was spielst du mir hier eigentlich vor? Deine falschen Tränen rühren mich nicht! Wenn du aber nicht reden willst, dann lass es, dann kann ich dir allerdings auch nicht helfen!“ Frank erhob sich, Monikas Getue widerte ihn an. Er musste hier raus. Er nickte kurz der Beamtin zu, die ihm die Tür öffnete, und er verließ ohne ein weiteres Wort den ungastlichen Raum. Hinter sich hörte er erneut das laute Aufschluchzen seiner Ex-Gattin. Es fröstelte ihn und er war immer noch völlig ahnungslos, als er den langen Gang in Richtung Ausgang hinunter schritt. Diesen Besuch hätte er sich sparen können, der verstärkte nur seinen Frust noch mehr.

Er fuhr in die Firma, ging in Monikas Büro. Doch leider waren alle Unterlagen, alle Ordner zur Untersuchung abgeholt worden. Selbst ihre Mitarbeiterin war beurlaubt worden, nach einem mehrstündigen Verhör. Ratlos stand Frank vor dem Schreibtisch, finden werde ich hier wohl nichts, dachte er, als plötzlich sein Freund Lukas hereinkam.

Lukas lehnte sich an den Schreibtisch, ihm war da plötzlich in den Kopf gekommen: Ich muss den Spieß umdrehen, das ist meine einzige Rettung, und er grinste frech. „Du solltest nicht alle Schuld auf Monika schieben, stell dich, das gibt weniger!“

Frank starrte seinen Freund verständnislos an, was faselte der da? „Was? Was ist, spinnst du? Sag das noch mal! Soll das witzig sein? Ich glaube, ich habe dich nicht richtig verstanden!“

„Du hast mich schon richtig verstanden, gib doch zu, dass du mit Monika Halbe-Halbe gemacht hast.“ Damit stieß Lukas sich vom Schreibtisch ab, lachte hämisch und ging hinaus.

Frank schluckte, starrte auf die Tür, die sich soeben hinter seinem Freund schloss. Sein Freund? Sein jahrelanger bester Freund? Diese Seite kannte er noch nicht an ihm und langsam ging ihm ein Licht auf. Da schob sich etwas in sein Hirn, wie ein gefühltes abruptes Erwachen. Lukas war mit Monika befreundet, privat! Gegenseitige Besuche, gemeinsame Unternehmungen, was spielten die zwei ihm jetzt vor? Neigte Lukas nicht schon immer dazu von sich auf andere zu schließen? Frank machte sich auf den Weg in Lukas Büro, war das ein Eigentor, steckte der mit da drin? Das musste erst klargestellt werden, so konnten Freunde nicht miteinander umgehen!

Die Sekretärin Hannah, wegen ihres komplizierten russischen Namens von allen nur beim Vornamen genannt, kochte gerade Kaffee und bot Frank eine Tasse an, die er jedoch dankend ablehnte. Lukas war allerdings nicht in seinem Büro und Frank fragte nach ihm. „Wo ist Ihr Chef? Er war doch gerade noch bei mir.“

„Herr Rhode? Ach, ich dachte Sie hätten das vereinbart. Herr Rhode ist wieder mit seiner Mappe voll Arbeit nach Hause, er will zuhause arbeiten. Möchten Sie wirklich keinen Kaffee?“ Hannah setzte ihr süßestes Lächeln auf, doch heute übersah Frank es.

Das war ja interessant. „Wieso zuhause arbeiten, macht Ihr Chef das öfter?“ Frank war vielleicht gutmütig, glaubte an einen Freund, aber schwer von Begriff konnte man ihn nicht nennen!

„Sehr oft, ja! Und meistens ging Frau Hauff ihm später nach. Manchmal rief er auch erst an und bat um Unterlagen, die er vergessen hatte mitzunehmen, dann packte sie die zusammen und fuhr zu ihm!“ Hannah zwinkerte mit den Augen. „Na ja, Sie sind doch geschieden, da kann es Ihnen auch egal sein, wenn zwischen den Zweien was läuft.“

Stimmte natürlich, das sollte ihm egal sein, war es auch, aber arbeiten von zuhause aus, das nicht, schon gar nicht nach der neuesten Erkenntnis der Veruntreuungen! In dieser Firma war es nicht üblich, Arbeit mit nach Hause zu nehmen! Konnte Lukas so gemein sein, wollte ihm etwas anhängen, was er selbst getan hatte? Wollte er seine eigene Verfehlung mit Gemeinheiten gegen den Freund vertuschen? War das zwischen Lukas und Monika eventuell eine abgekartete Sache, ihn, den Freund zu belasten, gar auszutricksen? Aber wozu und warum? Wie war das letztendlich gedacht? Welches Ziel sollte das Ganze haben? Wollten sie ihn aus der Firma mobben? „Danke Hannah, ich möchte keinen Kaffee. Aber das, was Sie über Rhode und seinem ‚von zuhause arbeiten‘ gesagt haben, war sehr aufschlussreich. Den Wink hätten sie mir nur viel eher schon mal geben sollen!“ Frank ging resigniert in sein Büro. Aber der Gedanke, die beiden wollten ihn hereinlegen, machte ihn fast verrückt! Er war nicht ganz drei Wochen in Urlaub gewesen und jetzt? Ein Gefühl voller Enttäuschung beschlich ihn, instinktiv begann er, die sich angesammelten Papiere auf seinem Schreibtisch durchzublättern, sah in die Schubladen, blätterte flüchtig in den Akten und Ordner. Warum eigentlich, aber seine Hände zitterten, die mussten jetzt beschäftigt werden. Plötzlich hielt er einen Moment inne, schüttelte den Kopf als er eine grüne Mappe fand mit der Aufschrift: Privat! Wer hat die denn hier liegen lassen? Er schlug sie auf und fand etliche Quittungen und Rechnungen diverser Großeinkäufe. Von Autos, Möbeln, Schmuck, Hotelrechnungen, fein säuberlich gelocht und abgeheftet, von zurückliegenden Jahren bis vorigen Monat, alles auf den Namen: F. Hauff, einige älteren Datums auch auf Eheleute Hauff ausgestellt, da begriff er. Monika und Lukas machten tatsächlich gemeinsame Sache, was immer sie auch mit dem Geld bisher anstellten, es war vermutlich das vom Firmenkonto entwendete. Die Daten verrieten ihm, sogar während seiner Ehe mit Monika, mussten die beiden schon als Gaunerpaar unterwegs gewesen sein! Das Ärgste daran war nur, F. bedeutete ‚Frank‘! Mit anderen Worten, Monika belastete tatsächlich ihn damit! Lukas war fein raus! Wieso aber heulte sie ihm vorhin vor: ‚Lass uns von vorne beginnen‘? Wie unglaublich idiotisch war das denn?

Frank Hauff schüttelte sich und ihm kam der Gedanke, in wie weit es von Nutzen sein könnte die Mappe einfach zu vernichten, als es kurz an der Türe klopfte und sofort zwei Polizeibeamte in Zivil eintraten. Nach einem knappen Tagesgruß wurden Frank wortlos ein Durchsuchungs-Beschluss und Dienstausweise vors Gesicht gehalten. Die beiden Herren Thomas und Mecklinger vom Betrugsdezernat machten also nur ihre Arbeit.

Frank schaltete schnell. „Hier, das ist, was Sie wahrscheinlich interessieren wird!“ Frank Hauff warf die grüne Mappe über den Schreibtisch und Herr Thomas konnte gerade noch danach greifen, sie festhalten, ehe sie zu Boden gefallen wäre. „Meine drei Wochen Urlaub reichten wohl, die waren nicht mal ganz um, aber Zeit genug mir das da unterzujubeln!“ Frank zeigte verächtlich auf die Mappe, er war wütend, jedes Wort fiel ihm schwer. „Die habe ich eben selbst erst gefunden und sie gehört mir nicht! Ich habe nicht die geringste Ahnung wie das abgelaufen ist, und was es zu bedeuten hat, das weiß ich auch noch nicht wirklich, tappe gerade im Dunkeln.“

„Das wird sich herausstellen, Herr Hauff, was da gelaufen ist. Kommen Sie bitte mit zum Verhör und danke im Voraus für ihre Kooperation.“ Kommissar Mecklinger besaß allerdings genug Menschenkenntnis um zu wissen, dieser Mann spricht die Wahrheit, er ist im Grunde unwissend wie wir.

Staatsanwalt Andechs wohnte der Vernehmung bei, nun wiegte er seinen Kopf leicht hin und her, wer sprach nun die Wahrheit? Lukas Rhode, der sich völlig ahnungslos stellte und derzeit unauffindbar war, Frank Hauff oder dessen geschiedene Frau? Oder waren sie alle drei an dem jahrelangen Betrug beteiligt? War eventuell alles nur ein ausgeklügeltes, ein vermeintlich „klug“ erdachtes Ablenkungsmanöver, eine Irreführung, um Zeit zu gewinnen und zu verduften? Dass diese Quittungen und Belege vermutlich fingiert waren, von Dilettanten fein säuberlich abgeheftet, schien genauso offensichtlich wie undurchschaubar. Möglicherweise waren sie aber doch echt? Nur, wer hebt Belege auf von Zahlungen, die von unterschlagenem Geld geleistet wurden? Doch nur, wenn man von sich selbst ablenken und einen anderen hereinlegen will. Oder? Jedenfalls konnte das heute nicht mehr geklärt werden. Herrn Andechs Order war klar und knapp: „Sobald ihr den Rhode erwischt habt, bringt ihn her, solange bleibt Frank Hauff hier! Morgen unterhalten wir uns noch mal mit ihm. Vielleicht fällt ihm heute Nacht noch was Brauchbares ein.“

Frank stand in der kahlen, schmalen Zelle und raufte sich die Haare. Seit Stunden hielt man ihn fest, er war todunglücklich. Er hatte darum gebeten, Susanne kurz telefonisch zu informieren. Wie das Gespräch ausgegangen war, ob es überhaupt geführt wurde, bekam er nicht mitgeteilt. Es war ihm nicht möglich gewesen, zur Klärung der unverschämten Betrügereien, auf die Schnelle etwas beizutragen. Enttäuscht und niedergeschlagen, wusste er nach wie vor nicht, was er von den Buchungskünsten Monikas in eigene Tasche halten sollte. Wo war der Sinn, und wo das Ziel? Mit dieser Frage drehte er sich im Kreis, seit Stunden. Und Lukas? Welches Ziel verfolgten die beiden? In dieser Nacht schwor er sich: Wenn ich hier raus komme, kündige ich fristlos und gehe zu Susanne und Michael, hier breche ich alle Brücken ab, verkaufe meine Wohnung und fange ganz neu an! Doch jetzt, er musste sich auf eine Nacht in dieser Zelle, auf einer harten Liege, einstellen. Das Essen verweigerte er, nahm nur die Flasche Wasser und war überzeugt, niemals zuvor in seinem ganzen Leben so am Boden zerstört gewesen zu sein. Wenn man ihm wenigstens sein Handy gelassen hätte. Susanne und Michael, immer wieder kehrten seine Gedanken zurück zu der kleinen Familie, zu der er gerne selbst gehören würde. Er dachte darüber nach, wahrscheinlich wäre es unter normalen Umständen eine Wochenendbeziehung geworden, auf lange Zeit und vielleicht sogar auf Dauer dieser starken Belastung nicht hätte standhalten können. Aber konnte es nicht einfacher kommen, musste es unbedingt derartig kompliziert sein, so weit hergeholt, um zu erkennen wohin er gehörte? War das wirklich alles Schicksal, vorbestimmt für ihn, Frank Hauff? Musste er seinem Freund am Ende, trotz seiner gemeinen Mithilfe zur Betrügerei, dankbar sein? Denn Lukas wusste davon, das war sicher, wie sonst hätte er im Büro so gezielt darauf anspielen können? Oder musste er wirklich seinem Freund gerade deshalb dankbar sein? Auch dankbar dafür, weil er ihm jenen Urlaubsort schmackhaft machte, der ihm die Begegnung mit Susanne und Michael überhaupt erst ermöglichte? Oder waren das alles doch nur ganz einfache Zufälle, wie Michael es sehen würde?

Kommissar Mecklinger stand breitbeinig in der Tür, er kaute auf einem Zahnstocher, vielleicht war es auch ein abgebrochenes Streichholz, seine linke Hand in der Hosentasche, wirkte er äußerst lässig. Frank Hauff versuchte in seinem Gesicht zu lesen und erwiderte sein kleines Lächeln. Ein recht sympathischer Mann. „Kommen Sie, Herr Hauff, raus hier! Ein paar Fragen habe ich aber noch, und die muss ich auch noch los werden, ehe ich Sie nach Hause gehen lassen kann.“ Er machte eine einladende Handbewegung. „Gehen wir in mein Büro.“

„Fragen Sie, es gibt keine Geheimnisse meinerseits, ich werde alle Ihre Fragen beantworten, falls neue aufgetaucht sind.“

„Also gut, Sie haben ausgesagt, Sie hätten die Mappe, bevor wir in ihr Büro kamen, selbst erst gefunden. Stimmt doch, oder? Gesammelte Rechnungen und Quittungen von knapp zehn Jahren, ausgestellt auf F. Hauff, zwei auch auf Eheleute Hauff.“

Frank Hauff nickte.

Mecklinger fuhr fort: „Suchten Sie, oder war das Zufall?“

Schon wieder dieses Wort. Inzwischen waren sie im Büro des Kommissars angekommen und Frank ließ sich auf einem Stuhl nieder, es schien doch noch etwas länger zu dauern. „Ich habe gesucht, allerdings ohne zu wissen wonach. Ich war wütend und musste mich irgendwie beschäftigen. Wie ich gestern schon sagte, Lukas Rhode war voll im Bilde, er hätte mich sonst nicht so gezielt ansprechen können, wäre er ahnungslos gewesen. Er ist Mittäter! Und auch aufgrund einer Bemerkung seiner Sekretärin ist klar, er steckt da von Anfang an mit drin. Sie sagte, ihr Chef habe seine Tasche mitgenommen, um zuhause zu arbeiten. Nur, Minuten vorher war Lukas bei mir aufgetaucht und warf mir diese Unverschämtheit an den Kopf, von wegen Halbe-Halbe, dass ich nachhaken wollte. Dazu kam es ja dann nicht mehr. Lukas Rhode musste wie auf der Flucht den Betrieb verlassen haben, er fürchtete wohl die Konfrontation mit mir und wohl auch, dass er womöglich mir gegenüber nicht lange hätte dicht halten können.“

„Passen Sie auf, Herr Hauff“, unterbrach der Kommissar und lachte „das reimt sich sogar.“

„Darf ich kurz eine Frage an Sie richten, Herr Mecklinger?“, fragte Frank dazwischen, er hielt die Ungewissheit nicht mehr länger aus.

Der Kommissar lächelte immer noch. „Ja selbstverständlich, ach ich weiß schon, Sie möchten wissen wie Ihre Frau Schnells reagiert hat, stimmt‘s, habe ich recht?“

„Ja, genau, das wollte ich fragen.“ Frank schmunzelte.

„Die Frau ist die Beste, sie hat gestern Abend noch Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, wollte eine Kaution für Sie zahlen und mit ihrer Unterschrift für Sie bürgen. Eine solche Frau findet man nicht alle Tage, die sollten Sie nicht wieder los lassen! Sie hat übrigens durch ihren Anruf auf Lukas Rhode aufmerksam gemacht, der hat ihr gegenüber gelogen und das machte ihn endgültig verdächtig!“ Der Kommissar war ernst geworden, fast ein wenig traurig. „Folgendes, also folgendes Herr Hauff, Sie sind natürlich frei und auch sofort entlassen. Den guten Rhode, Ihren vermeintlichen Freund, haben wir heute Nacht am Flughafen erwischt. Alleine! Meine Leute haben ihn mit Handschellen abgeführt, das hat ihn mürbe gemacht, er hat gestanden. Erwarten Sie keine Einzelheiten von mir. Nur etwas interessiert mich doch noch, wenn wirklich Sie diese Unterschlagungen gemacht hätten, sicher gäben es dann keine so penetrant aufbewahrten Belege, oder?“

Frank konnte nur mit einem Kopfschütteln verneinen, seine Gedanken überschlugen sich, er war frei, er würde sofort seinen nächtlichen Schwur einhalten und in der Firma Hansen kündigen. Den Makler beauftragen wegen der Wohnung, und dann erst mal zu Susanne und Michael fahren. Wieso belog Lukas Susanne, hat sie denn mit Lukas gesprochen, wann und wieso? Frank saß immer noch auf dem Stuhl im Büro des Kommissars und war doch weit weg. Nur langsam ließ der entsetzliche Druck in seiner Brust nach.

Der Kommissar holte ihn in die Gegenwart zurück. „Guck sich das einer an, wollen Sie noch hier bleiben? Herr Hauff, was denn, fahren Sie zu Ihrer Frau Schnells. Also, Abmarsch!“ Kommissar Mecklingers Lachen schallte durch das Zimmer.

Frank ergriff dessen beide Hände. „Danke, vielen Dank Herr Mecklinger. Sie sind ein klasse Polizist, nochmals danke.“

Frank Hauff bekam den Umschlag mit seinem Handy und seinen Papieren ausgehändigt und ging durch diesen hässlichen langen Flur dem Ausgang entgegen, so wie schon am Tag zuvor, da rief ihm Mecklinger nach: „Grüßen Sie Frau Schnells von mir und alles Gute, Ihnen Beiden!“

Frank hob kurz seine Hand zum Gruß und war im nächsten Moment schon draußen. Es ging ihm nicht aus dem Kopf, wieso Susanne mit Lukas gesprochen hatte. Dass sie im Kommissariat anrief, ja, das verstand er, aber bei Lukas? Frank trat ins Freie, sah sich um, irgendwoher musste er ein Taxi rufen, schließlich war er mit einem Polizeifahrzeug hierher gebracht worden. Doch auch daran dachte Mecklinger, denn vor dem Ausgang stand ein Beamter mit Fahrzeug bereit.

„Sind Sie Herr Hauff?“ Der Polizist kam auf Frank zu. „Ich fahre Sie nach Hause, bitte steigen Sie ein.“

„Das ist ja ein Service hier, aber ich muss in die Firma, dort steht mein Wagen. Außerdem muss ich da noch was Wichtiges erledigen“, und er nannte dem Fahrer die Adresse.

Frank Hauff rannte die Stufen hinauf wie ein Besessener, lief in sein Büro und griff zum Telefon, wählte atemlos Susannes Anschluss. „Susanne endlich, ich bin frei, ich komme heute noch, bis später.“ Das musste reichen, der Hörer knallte auf die Station.

Als nächstes schrieb er handschriftlich und in Kurzfassung seine fristlose Kündigung und brachte sie ins Personalbüro. Er nahm sich weder viel Zeit seine Mitarbeiter zu begrüßen, noch sich zu verabschieden, sah in überrumpelte und auch erstaunte Gesichter, packte seine persönlichen Dinge zusammen, verstaute alles in einem herumliegenden Reklamebeutel und verließ damit die Firma genauso schnell, wie er gekommen war. Es lag ihm fern, sich an die vertraglich festgehaltene Frist einer Kündigung zu halten und er war sicher, sein Chef würde auch nicht darauf bestehen nach diesen letzten Vorkommnissen.

Zuhause angekommen, telefonierte er sofort mit dem Büro Mansfield. Vor Jahren, nach seiner Scheidung, kaufte er über diesen Makler seine Wohnung, jetzt gab er sie frei, zum Wiederverkauf. Er ließ sich direkt mit Herrn Mansfield verbinden, dem der Name Frank Hauff noch ein Begriff war. Nach ein paar Höflichkeitsfloskeln kam Frank zum Grund seines Anrufs: „Verkaufen Sie meine Wohnung, Herr Mansfield! Es wäre mir sehr wichtig, wenn wir kurzfristig alles Schriftliche erledigen könnten. Sicher wollen Sie auch die Wohnung sehen. Es ist sehr dringend, ich muss heute noch verreisen.“

„Legen Sie Wert darauf, dass ich persönlich komme, oder darf ich Ihnen meine Mitarbeiterin, Frau Maurer, schicken?“

„Natürlich, einverstanden, Hauptsache es geht direkt.“

Frank duschte ausgiebig und es kam ihm vor, als würden die Gemeinheiten, die schrecklichen Erlebnisse der letzten Tage mit in den Abfluss gespült. Er fühlte sich jetzt leicht und frei, lachte befreit und dachte an die Zukunft in der kleinen Siedlung Bergstraße.

Gegen Mittag traf Frau Maurer ein. Sie sah sich verwundert um, ließ sich durch die Räume führen, trat auf den Balkon und verstand nicht, wie man so eine schöne und gut gelegene Wohnung aufgeben konnte. „Sind Sie wirklich sicher Herr Hauff, wollen Sie das Schmuckstück tatsächlich verkaufen?“

„Ja, ich bin mir sogar sehr sicher und wenn es Ihnen möglich ist, Frau Maurer, dann bitte tun Sie mir einen Gefallen – ich will in einer Stunde weg, also bitte, können wir jetzt direkt anfangen?“ Frank rang ungeduldig seine Hände.

Die Maklerin begann den Agentur-Vertrag auszufüllen, stellte dazu eine Menge Fragen.

Frank Hauff war alles recht, er wollte nur schnell, schnell alles hinter sich bringen. „Finden Sie einen Käufer, der auch an den größeren Möbeln interessiert ist, einschließlich der Küche und halten Sie mich auf dem Laufenden. Hier sind die Schlüssel.“ Frank Hauff übergab ihr den Schlüsselring mit Haustür- und Wohnungsschlüssel, ebenso Susannes Telefon- und seine Handy-Nummer. Er begleitete Frau Maurer zur Türe und bedankte sich für die rasche Bedienung. Nur Minuten später rannte er die beiden Stockwerke hinunter zu seinem Wagen und fuhr ohne jede weitere Verzögerung seinem Ziel in der Bergstraße entgegen.

18

Es fiel Susanne schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Ihr angeborenes Organisationstalent schien derzeit irgendwie außer Kontrolle zu geraten, ihrem Zeitgefühl ging es nicht viel anders. Frank würde in wenigen Stunden da sein und sie flatterte wie ein kopfloses Huhn durch die Wohnung. Rosi? Wo sollte das Kind hin? Wo sollte es schlafen, wenn Frank wieder da war? Sie verpflichtete sich, das Kind in ihre Obhut zu nehmen und ihr eigenes plötzlich aufkommendes Denken erschreckte sie. Wie lange Frank bleiben konnte, wusste sie nicht, wenn er aber so plötzlich in der Woche seinen Besuch ankündigte, was bedeutete das? Schlimm genug, was ihm da gerade passiert war. Und sie konnte nicht anders, Helene oder Brigitta?, überlegte sie. Ob sich Rosi kurzfristig umquartieren ließe? Ob alle drei verstehen würden, dass sie erst einmal mit Frank allein sein musste, allein schon deshalb, weil es unendlich viel zu bereden gab? Wichtiges! Überlegungen für die Zukunft! Über all das, was sie bisher gedankenlos ausklammerten. Außerdem, Frank ins Haus Agnes schicken, das war aus bestimmten Gründen undenkbar! Und ans andere Ende des Ortes oder gar in die Stadt? Nein, das war unzumutbar. Aber irgendwie musste es eine Lösung geben! Wo war das Kind eigentlich gerade? Susanne brauchte nicht weit zu gehen, sie blieb auf der Terrasse stehen und sah in den Garten. Da war sie. Rosi harkte in dem kleinen Beet, welches Susanne für sie anlegte. Sie versuchte die Pflänzchen in die Erde zu setzen, die sie gemeinsam vor weniger als einer Stunde am Grundstück zusammensuchten, und sie stellte sich gar nicht so dumm an. Susanne beobachtete das Kind eine Weile, wie es sich abmühte mit den Pflanzen, die eigentlich größtenteils unter die Kategorie Unkraut fielen und verwarf ihre Gedanken von vorhin. Sie kamen ihr mit einem Mal egoistisch vor. Ich bin doch keine siebzehn mehr, grollte sie mit sich selbst. Ich werde ganz einfach abwarten, die Zeit muss es bringen. Allmählich beruhigte sie sich und begann mit Kochen und Backen. Frank sollte einen schönen Empfang bekommen. Wer weiß wie lange er diesmal bleiben kann?

„Nanu, das duftet aber lecker, was feiern wir denn?“ Michael kam aus der Schule und schnüffelte wie ein Hund in die Luft.

Susanne und Rosi warteten bereits mit dem Essen auf ihn. Und Rosi glaubte schon zwei Mal ihre Hände von der Gartenarbeit waschen zu müssen, war aber immer noch nicht ganz zufrieden. Susanne lachte innerlich, wie konnte dieses kleine Mädchen, welches von zuhause nur Schmutz und Chaos gewöhnt war, so penibel sein?

„Ja, Tante Susi, was wird denn gefeiert?“, fing Rosi Michaels Frage auf.

Neugierige Kinder! Sollte sie verraten, dass Frank nachher eintreffen würde, oder wäre für die Kinder eine Überraschung schöner? Sie entschied sich für das Letztere und sagte nur: „Mir war nach backen, den Kuchen essen wir aber erst später.“

Es schellte und Susanne rannte zur Haustüre, riss sie stürmisch auf, doch da stand Brigitta, nicht Frank. Zeitlich wäre das auch noch gar nicht möglich gewesen, erkannte sie sogleich. „Oh, Brigitta du, na wie war es beim Anwalt?“

„Ganz hoffnungsvoll“ und leicht pikiert durch Susannes oberflächliche Reaktion fragte sie verwundert: „Wen hast du denn erwartet?“ Da Susanne nicht sofort antwortete, setzte sie ihre Berichterstattung fort: „Herr Koch hat einen deutschen Kollegen in Barcelona, mit dem er wohl schon in der Vergangenheit einige Male gearbeitet hat, der nimmt sich meiner Sache an. Dumm ist nur, ich werde noch einmal für eine längere Zeit nach Spanien müssen und das nervt mich gewaltig!“

Susanne war auch etwas genervt, hörte nur mit halbem Ohr hin, warf einen schnellen Blick auf die Uhr, Frank würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Und als hätte sie den köstlichen Backduft wahrgenommen, stand Helene wenig später auch noch auf der Terrasse. „Setz dich zu uns“, forderte Susanne sie auf und sprudelte eilig heraus: „Ich habe Kuchen gebacken, allerdings müssen wir noch auf einen weiteren Gast warten. Inzwischen decken wir hier draußen den Tisch.“ Susannes Stimme hörte sich etwas erregt an.

Helene sah Brigitta achselzuckend an. „Welcher Gast denn?“ Aber auch Brigitta konnte nur unwissend die Schultern heben. Derzeit saß Rosi bei Michael am Esstisch und malte, während Michael seine Hausaufgaben zu bewältigen suchte, was ihm nicht leicht fiel. Rosis Mund stand nämlich keine Minute still, sie redete drauf los, stellte Fragen um Fragen, die der geplagte Junge zwischendurch versuchte zu beantworten. Als die Frauen jetzt auch noch herum wuselten, packte er kurzerhand alles in den Schulranzen und schickte sich an, hinauf in sein Zimmer zu gehen. „Ich bin noch satt, möchte den Kuchen als Abendbrot essen. Rosi bleib bitte bei deinen Tanten und löchere die mit Fragen, bitte!“ Er drückte flehentlich seine Hände zusammen, „bitte Rosi“, flüsterte er noch einmal und schulterte seinen Ranzen.

Rosi zog eine Flappe. Tröstend bereitete Susanne ihr eine große Tasse Kakao zu, goss auch schon Kaffee aus, da schellte es erneut. Brigitta stand dem Eingang am nächsten und öffnete die Haustür. „Hi, wo kommst du denn her?“

Dieser Frage folgte eine fröhlich laute Begrüßung. Endlich, Susanne schloss für Sekunden ihre Augen, atmete erleichtert auf, ehe sie von der Terrasse aus ins Haus ging, Frank entgegen. Frank war da! Im Moment gab es nichts was wichtiger gewesen wäre für sie! Die ausführliche und laute Begrüßung ließ Michael neugierig werden. Sekunden später erkannte er Franks Lachen, und sprang die Stufen hinunter, immer zwei auf einmal nehmend.

„Frank, Frank da bist du ja endlich.“

Frank nahm den Jungen in seine Arme, hob ihn leicht hoch und drehte sich mit ihm mehrmals um die eigene Achse.

Susanne lachte: „Sollte ich das nicht sein?“

Frank ließ sich das nicht zwei Mal fragen und schwenkte nun auch Susanne im Kreis. „Wer noch?“, rief er laut, als Susanne wieder auf ihren Füßen stand. Frank war so ungestüm, so überglücklich, er hätte die ganze Welt umarmen können.

Rosi machte ein paar zaghafte Schritte in seine Richtung, zweifelnd in kindlichem Ernst, ob sie sich auch dazu melden dürfe und flüsterte: „Ich, ich möchte auch mit dir fliegen.“ Also nahm Frank die Kleine hoch und drehte sich mit ihr durch die Küche, hinaus auf die Terrasse und weiter in den Garten. Rosi breitete die Arme aus und legte ihren Kopf in den Nacken, sie lachte und quietschte, sie quietschte beinahe identisch wie Wedekind‘s Gartentürchen. Frank war derartig aufgedreht, auch das Stillsitzen am Kaffeetisch fiel ihm schwer. Er alberte herum wie ein hyperaktives Kind. In einer Hand die Tasse mit Kaffee, in der anderen ein Stück Kuchen, so lief er hin und her, alles gleichzeitig, essen und trinken, sprechen und, stolpern! Der heiße Kaffee spritzte in hohem Bogen über Rosi und Susanne, wonach beide laut aufschrien. Das brachte Frank Hauff wieder auf den Boden der Gegenwart zurück, er ließ sich auf einen Stuhl fallen, stellte vorsichtig die fast leere Tasse ab und wurde plötzlich sehr still – und blass.

Brigitta, die eilig ein Tuch aus der Küche geholt hatte, mit welchem sie den Kaffee aufwischen wollte, wo immer er auch hin gekleckert war, sah es zuerst. „Was ist denn? Frank, was hast du denn?“, rief sie erschreckt.

Gerade sahen noch alle fasziniert auf die Kaffee- und geröteten Hautflecke auf Rosis Arm und Susannes Handrücken, jetzt flogen die Köpfe herum, alle Augen richteten sich auf Frank, der sich gerade wie in Zeitlupe langsam vom Stuhl zur Seite neigte, mit geschlossenen Augen, ohne auch nur einen Ton von sich zu geben. Das war kein Spiel mehr! Soeben noch rechtzeitig konnten Michael und Helene ihn auffangen. Mit etwas Anstrengung gelang es auch, Frank wieder einigermaßen aufrecht auf den Stuhl zu setzen, aber er war zweifelsfrei weggetreten, ohnmächtig. Helene und Michael hielten ihn fest.

Von Susanne fiel augenblicklich jede Aufregung der letzten Stunden ab, sie war mit einem Male die Ruhe selbst. Nachdem er sich nicht aufwecken ließ, griff sie zum Telefonhörer. Wie in Trance wählte sie den Notruf 112 und berichtete völlig gefasst von Franks Zusammenbruch. Alle schwiegen, niemand getraute sich auch nur ein Wörtchen von sich zu geben. Es kam ihnen fast so vor, als sollten sie für die ausgelassene Freude der letzten Stunde bestraft werden. Inzwischen hatten sie Frank vorsichtig auf den Boden gelegt. Susanne feuchtete ein Handtuch an und breitete es über seine Stirn, den Hals, auf seine linke Schulter und den Oberarm aus. Sie arbeitete langsam und präzise, schien auch genau zu wissen, was zu tun war. Die anderen sahen ihr wie gelähmt zu. Erst, als Rettungsdienst und Notarzt vorfuhren, kam wieder Leben in die Gesellschaft.

Michael riss die Haustür auf, ließ Arzt und Helfer herein und führte schweigend die kleine Rosi zu ihrem Blumenbeet. Er lenkte sie mit allerlei Fragen zu den seltsamen Pflanzen ab und Rosi fiel ein: „Papa zog immer Handschuhe bei der Arbeit im Garten an, jetzt weiß ich auch warum!“ Sie sah auf ihre Hände und zeigte Michael, als wäre es das Wichtigste auf der ganzen Welt, dass ihre Fingernägel von zwei Mal waschen immer noch nicht richtig sauber geworden waren.

„Wenn es weiter nichts ist, nachher zeige ich dir wie man mit der Nagelbürste die Nägel sauber bekommt, okay?“ Michael streichelte beruhigend Rosis Hände und sie nickte zustimmend. Bei einem Blick zurück, sahen sie niemand mehr auf der Terrasse und rannten zum Haus zurück. Alle Türen standen offen. Eben wurde Frank, der jetzt laut protestierte, mit einer Liege in den Krankenwagen geschoben. Brigitta und Helene blieben am Fußweg stehen und Susanne stieg zu Frank ein, sie fuhr demnach mit ins Krankenhaus.

Michael fragte: „Was hat der Arzt gesagt?“

„Herzinfarkt.“

Brigitta legte ihre Arme um die Kinder. „Dann bleibe ich hier, bei den Kindern, einverstanden?“

„Ich helfe“, bot Helene an. „Wir räumen zuerst den Tisch ab und spülen das Geschirr, oder mag noch jemand etwas essen?“

Ein allseitiges schweigendes Kopfschütteln war die Antwort.

In Brigittas Hand lag nun die weitere Koordination und sie fand: „Michael, du machst am besten deine Schulaufgaben fertig“ und hielt Rosi zurück, die ihm nachgehen wollte. „Weißt du was, Rosi, du malst an deinem angefangenen Bild weiter, was soll das eigentlich werden?“

„Unser Garten, so sieht es da aus“ und nach kurzem Stocken, sehr leise: „Wenn Papa lange auf Montage war.“

Sie sprachen kaum noch, jeder schien mit eigenen Gedanken beschäftigt. Der arme Frank, er war so voller Freude gewesen. Niemand ahnte, dass sein Herz Einhalt gebieten würde.

Aber dann kam einer, der sie allesamt vom Ort der Trauer wegholte, und sie gingen gerne mit ihm.

19

Susanne wartete, auf was eigentlich? Sie saß in diesem kleinen Wartezimmer im Krankenhaus, während Frank behandelt wurde. Sie empfand die Wartezeit wie Stunden und irgendwie beschlich sie das Gefühl, man habe sie sowieso längst vergessen. Das leise Sprechen anderer Wartender erinnerte sie an das Plätschern und Murmeln des Flusses. Sie nahm sich vor, nur noch fünf Minuten abzuwarten, dann würde sie nachfragen, oder sich wenigstens bemerkbar machen. Diese fünf Minuten nahm sie sich mehrmals vor. Sie fühlte Angst, Angst vor dem Ergebnis der Untersuchung, obwohl doch längst ein Herzinfarkt diagnostiziert worden war. Angst vor ihrer Frage nach seinem Befinden, hinauszögern einer endgültigen Antwort, als könnte es sich alleine dadurch nur um einen Irrtum handeln.

Irgendwann steckte eine Krankenschwester den Kopf zur Tür herein und fragte: „Ist eine Frau Schnells hier?“

Erschreckt erhob sich Susanne und ging ihr entgegen. Die Knie zitterten und ihre Stimme hörte sich heiser an als sie antwortete: „Ja, das bin ich.“

„Dann kommen Sie mit. Ihr Lebensgefährte wartet auf Sie.“

Mein Lebensgefährte, Susanne atmete auf, hört sich gut an, und sie lief der vor ihr hereilenden Schwester nach.

Frank lag in einem schmalen Bett und lächelte ihr entgegen, streckte seine freie Hand nach ihr aus und bat: „Komm setz dich ein wenig zu mir. Tut mir leid, wenn ich euch den Rest des Tages verdorben habe. Wie du siehst, hat man mich gerade an einen Tropf gefesselt. Ich soll mich für heute Nacht verabschieden von dir, dann bekomme ich ein Schlafmittel, angeblich ist morgen alles wieder gut. Ich hätte Glück gehabt, sagte man mir, es war nur mein Kreislauf, also kaum der Rede wert.“

„Nur? Schlimm genug“, fand Susanne. Erleichtert drückte sie ein Kuss auf seine Stirn und strich zärtlich durch sein Haar. „Dann ist’s ja gut. Bleib aber lieber einen Tag länger hier als zu kurz, lass dich gründlich untersuchen. Ich habe dich gerade erst gefunden, da möchte ich dich nicht schon wieder verlieren!“

„Keine Chance, Susilein!“ Frank lachte und Susanne stimmte ein. Schnell noch eine innige Umarmung und sie verabschiedete sich: „Dann fahre ich jetzt nach Hause und komme morgen wieder her, schlaf gut.“

Nachdenklich entfernte sich Susanne vom Klinikgelände. Ein Taxi, ich brauche ein Taxi, erkannte sie und sah im nächsten Moment, es waren nur wenige Schritte bis zum Taxistand. Sie stieg in den ersten Wagen ein und nannte dem Fahrer ihre Adresse.

Während der Fahrt im Taxi kam ihr mit einem Mal ihre Kinderzeit in den Sinn, wie es war, als ihr Vater eine neue Arbeitsstelle angenommen hatte und die kleine Familie von Worms nach Kiel umzog. Wieso sie gerade jetzt daran denken musste? Sie war noch klein gewesen, trotzdem gefiel es ihr in der neuen Gegend nicht und musste das wohl auch damals lautstark zum Ausdruck gebracht haben. Selbstverständlich nahm niemand darauf Rücksicht, sie blieben in der neuen Umgebung wohnen.

Schon sehr früh hatte sie begonnen zu malen. Dabei war immer wieder etwas in ihren Bildern vorgekommen, welches ihre Eltern und Großeltern für schlichtweg recht einseitige Kinder-Fantasien hielten. Rosa Gras und grüne ziemlich hohe, fast Säulen ähnliche Gebilde, die sie ganz stur als Bäume bezeichnete. Eben Fantasien, wie sie wohl nur ein Kind entwickeln kann. Fantasien, die mit der dazugehörigen laschen Handbewegung als erledigt abgetan waren. Da Opa und Oma weiterhin in Worms wohnten, durfte sie zweimal im Jahr, später in den Sommerferien, für einige Wochen zu ihren Großeltern reisen. Opa war es dann auch, der eines Tages glaubte, ihre Bilder sollten altersgemäß berichtigt werden: ‚Du malst sehr gut für dein Alter, wirklich, nur es gibt kein rosa Gras, Gras ist grün und das weißt du auch, also male es zukünftig auch grün!‘ Susanne liebte ihren Opa und so gehorchte sie. Außerdem fand er diese immer wieder kehrenden merkwürdigen Bäume seltsam und zeigte ihr eine Tanne. Es war anscheinend im Winter gewesen, denn ab da fehlte in ihren Bildern nie mehr mindestens eine teilweise mit Schnee bedeckte Tanne. So vergingen einige Jahre und diese Fantasie-Gemälde gerieten ganz allmählich in Vergessenheit. Doch bevor dies geschehen konnte, löste sich durch einen besonders denkwürdigen Zufall das Rätsel auf erstaunliche Weise. Eines Tages, Susanne war inzwischen elf Jahre alt, besuchten die Großeltern die kleine Familie für zwei Wochen in Kiel. In diese Zeit fiel eine Einladung der Nachbarn, zwei Häuser weiter wohnend, zum Geburtstags-Kaffee des Hausherrn. Für Susanne war es das erste Mal, dass sie mit ihren Eltern zu diesen Nachbarn ging. Es war eher umgekehrt, diese netten Nachbarn kamen öfter zu ihren. Aber an diesem besagten Tag betrat Susanne erstmalig deren Wohnzimmer und dort fiel sofort ihr Blick auf ein Ölbild in einem prächtig verzierten goldfarbenen Rahmen, eine Landschaft mit rosa Gras und Säulenbäumen! Sie war davor stehen geblieben und minutenlang nicht ansprechbar gewesen, völlig vertieft in dieses Bild, in diese Landschaft. Rosa Gras? Oh nein! Es war Heidekraut, und Säulenbäume, das waren ganz einfach hochgewachsene, schlanke Lebensbäume, Zypressen, Thujas, was auch immer. Später konnte sie sich nur noch daran erinnern, dass ein lautes Stimmengewirr von Opa unterbrochen worden war: ‚Lasst das Kind in Ruhe!‘ Ihrer Familie war es geradezu unheimlich erschienen, es lag auf der Hand, sie versuchte offenbar immer wieder eine solche Heidelandschaft zu malen. Das war eindeutig! Aber woher kannte sie von klein auf eine derartige Landschaft, in die nie jemand mit ihr gereist war? Spekulationen, Verständnislosigkeit der Familie! Schließlich, nach Opas barschen Worten, nannte man es ihre ‚besondere Vorliebe‘ und ‚vielleicht hat sie mal irgendwo solch ein Bild gesehen‘. Immerhin bekam sie damals die Erlaubnis der Nachbarn, das Bild zu malen. Dazu durfte sie sich in deren Wohnzimmer an den Tisch setzen, direkt dem Bild gegenüber. Einen ganzen Nachmittag hatte sie dafür gebraucht, nicht ohne diverse Änderungen bei ihrem Gemälde vorzunehmen, weil die Landschaft ihrer Erinnerung nicht mit dieser Vorlage identisch war, auch nicht sein konnte. Die Entdeckung dieses Bildes hatte zwar eine Sehnsucht ihrer Kindheit erfüllt, doch gleichzeitig blieb unbewusst eine unbeantwortete Frage offen.

Als ihr Opa starb, war sie vierzehn und sie brauchte sehr lange, um damit fertig zu werden. Weiterhin reiste sie zu ihrer Oma in den Ferien. So war es auch vor ihrem letzten Schuljahr gewesen, den letzten Sommerferien. Soeben war ihre erste Woche bei der Großmutter vergangen, da erhielten sie ein Telegramm aus Kiel, von jenen befreundeten Nachbarn mit dem Heidebild. Ein Telegramm, welches knapp und allzu deutlich vom Bootsunglück ihrer Eltern berichtete, mit tödlichem Ausgang. Fast wortlos packten sie die Koffer. Susannes Erinnerung war hier nur noch extrem bruchstückhaft vorhanden, vieles verdrängte sie offenbar. Nur die Bahnfahrt war ihr unendlich lange vorgekommen. Und die schwarz gekleideten Menschen am Grab bei der Beerdigung, die sie heute noch wie eine Bedrohung vor ihrem geistigen Auge sah, verfolgten sie wochenlang in ihren Träumen. Oma war eine starke Frau, sie regelte alles, von Beerdigung bis Auflösung der Wohnung. Es hatte auch nie der kleinste Zweifel für sie bestanden, sie würde ihre Enkelin für immer mit nach Worms nehmen. Die Schule beendete Susanne deshalb mit sechzehn, sie wäre auch zu dieser Zeit nicht fähig gewesen, noch für ein Jahr eine fremde Schule in Worms zu besuchen. Oma wusste auch wieder Rat und mit ihren Beziehungen bekam Susanne eine Anstellung in der großen Kunsthandlung, nur wenige Straßen entfernt. Das Malen selbst gab sie lange schon auf, sie fand nicht mehr die nötige Zeit dazu. Und irgendwie war es auch mit der Erkenntnis über jene Heidelandschaft und dem bewussten Festhalten im eigenen Gemälde ein beruhigender Abschluss gewesen. Mit achtzehn Jahren bezog sie ihre erste kleine Wohnung im Dachgeschoss eines alten fünfgeschossigen Stadt-Hauses, nicht weit von Großmutters Wohnung entfernt. Ihr Chef, Herr Bosch, war es gewesen, der sie eines Tages zu einer Auktion nach Hamburg einlud. Dort wollte sie versuchen bei der Ausstellung ein Heidebild zu finden, aber es gab keines. Dann geschah etwas völlig Unvorhersehbares auf der Rückfahrt: Eine Raststätte, irgendwo an der Autobahn und Herr Bosch brauchte unbedingt eine Pause. Ob es Absicht war, weil er Susannes sogenannte Vorliebe kannte, oder wirklich nur Zufall, konnten Chef und Angestellte später nie klären. Der Rastplatz lag in der Lüneburger Heide. Nach einer Pause bei Getränken, Broten und Obst, war sie plötzlich wie von einem inneren Impuls gelenkt, wofür sie bis heute keine Erklärung fand, beinahe wie von einem Magnet angezogen, zwischen den Büschen und Birken hindurch gegangen und da war dieser Blitz gewesen. Ein Blitz in ihrem Kopf, so empfand sie es, der ihr die augenblickliche Erkenntnis brachte: Hier war ich schon einmal, alles kenne ich, hier habe ich gelebt! Und so, als hätte dieser Blitz in ihrem Inneren eine bisher verschlossene Türe aufgestoßen, war dieses plötzliche Wissen des wieder ‚Gefundenen‘ da gewesen. Ein Wissen ohne Zweifel, ein wahnsinnig starkes Empfinden, von einer Sekunde zur anderen verspürt. Niederkniend verstand sie, es war immer da gewesen, tief in ihrem Unbewussten, von Anfang an und solange sie denken konnte suchte sie wohl unwissend danach. Es war keine Fantasie, keine besondere Vorliebe, wie es nach der Bewunderung des Ölgemäldes bei den Kieler Nachbarn genannt worden war. Sie empfand es auch heute noch als ein Wunder, was es ihrer Meinung nach war. Aber auch als Trost für die Jahre nach dem Verlust ihrer Eltern. Ihre Seele konnte eine schöne Erinnerung tief verschlossen im Innern aufbewahren. Wer immer sie auch gewesen sein mochte, es spielte keine Rolle, aber dieses Wissen, dieses Wunder würde ihr in diesem Leben nie mehr verloren gehen! Jetzt, auf dieser Taxifahrt, fiel ihr alles in Kurzfassung wieder ein und so wie ihr dieses Wissen: ‚Unsere Seele stirbt nicht‘, auch Stärke nach dem Tod ihres Mannes gab, so würde sie immer wieder daraus schöpfen können. Längst war ihr bewusst, die Lüneburger Heide musste es nicht unbedingt gewesen sein, aber doch ein Heideland, irgendwo, nur so konnte es überhaupt geschehen, dieses Wunder des Wiederfindens so intensiv zu erleben. Sie bezeichnete es nicht als Wiedergeburt, verstand es immer nur als einen Teil eines ihrer früheren Leben. Sie war auch nie auf die Idee gekommen, Nachforschungen anzustellen, wie manche Leute es sogar mit Hypnosen und TV-Begleitung veranlassten, nein, das wäre ihr zu anmaßend gewesen. Und es war ihr längst klar, ohne Umzug nach Kiel, ohne die erste Begegnung mit jenem Bild bei den Nachbarn, wäre vielleicht irgendwann einmal diese wichtige tiefe Erinnerung in ihrem Unterbewusstsein verloren gewesen.

Ein leichter Ruck, das Taxi stand vor ihrem Haus. Susanne zahlte und zwang sich zurück in das Hier und Jetzt. Sie schloss die Haustüre auf und wunderte sich über die Stille. „Wo seid ihr? Ich bin wieder da, hallo“, rief sie laut, erhielt jedoch keine Antwort. Es war auch nicht der geringste Laut zu hören. Susanne blickte irritiert zur Uhr, erst 19:04 Uhr, nicht unbedingt Schlafenszeit, nicht einmal für Rosi. Da fand sie den kleinen Zettel am Tisch.

Wir sind alle bei Herrn Scholz, er hat uns zum

Abendbrot eingeladen, komm nach!

Na, so was, dachte Susanne, sieht aus, als wäre das eine weitere Annäherung zu einer freundschaftlichen Nachbargemeinschaft.

Michael öffnete die Haustüre bei Herrn Scholz nach dem Schellen seiner Mutter. „Hallo Mama, du hast uns also gefunden“, stellte er fest und machte einen leichten Diener mit einladender Handbewegung. Und als gehöre er hierher, führte er seine Mutter bei der Hand in die geräumige Wohnküche. Wie eine Familie saßen alle um den Tisch, der wohl reichlich gedeckt gewesen war, inzwischen aber auch etwas geplündert aussah.

„Guten Abend zusammen. Das sieht ja toll aus!“ Susanne ging auf Herrn Scholz zu. „Danke, Herr Scholz, besten Dank, dass Sie sich so liebevoll um meine Familie kümmern.“

„Gerne, gerne, das war doch selbstverständlich, bitte.“ Susanne bekam den noch freien Platz zugewiesen und wurde aufgefordert zuzugreifen.

Dann kam die Frage nach Frank Hauffs Befinden.

„Es geht im ziemlich gut, es war wohl ein Kreislaufkollaps, kein Infarkt, jetzt schläft er und morgen sehen wir weiter“, beruhigte Susanne sie.

Brigitta stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Gott sei Dank!“ Sie mochte Frank und machte sich in der Zwischenzeit ziemlich sorgenvolle Gedanken um seine Gesundheit, die nun mit einem weiteren lauten Seufzer davon zu fliegen schienen.

Rosi schmiegte sich an sie, die sie ja Tante nannte, wie auch Helene und Susanne. Darüber lächelte Herr Scholz, für ihn war das neu, und er fragte das Kind aus einem inneren Impuls heraus, wohl auch um von Krankenhaus und Sorgen abzulenken: „Und mich, wie nennst du mich, wer bin ich denn?“

Dumme Frage, das hätte er sich aber auch denken können. „Opa! Du bist Opa Scholz!“ Für Rosi schien das völlig selbstverständlich.

„Ja, das gefällt mir, das hört sich gut an. Also dann, ab sofort bin ich für euch alle Opa Scholz! Und noch was, zu einem Opa sagt man du!“ Otto Scholz reichte jedem einzeln die Hand und damit ward eine weitere neue Freundschaft in der Siedlung abgemacht und besiegelt.

Es ging auf 21 Uhr zu und sie verabschiedeten sich. Michael war gewohnt, spätestens um 22 Uhr zu Bett zu gehen. Nur Rosis Zubettgehzeit war inzwischen überschritten, aber wenigstens war heute Abend das Thema: Wo schläft Rosi?, nicht mehr so ganz dringend. Das konnte getrost auf den nächsten Tag verschoben werden.

Helene blieb noch, um abzuräumen und zu spülen. Und Opa Scholz begleitete seine Gäste oder nun die neuen Freunde hinaus und blieb noch ein Weilchen am Gartenzaun stehen. Er winkte ihnen hinterher, als sie sich noch einmal umdrehten.

Otto Scholz hatte mittags von Helene Weber erfahren, dass sie heute noch bei Schnells reinschauen wollte. Als sie kurz nach 14 Uhr Feierabend machte, war er ein paar Schritte mit ihr gegangen, um sie zu verabschieden. Eine Weile blieb er noch am Gehweg stehen, bis Helene Weber seinen Blicken entschwunden war. Gäbe es Rex noch, würde er mit ihm eine Runde drehen, aber so? Da hörte und sah er einen Mercedes in die Einfahrt Schnells fahren. Kaum stand der Wagen, da stieg dieser Herr Hauff auch schon aus und sprang mit riesigen Schritten auf die Haustüre zu. Aha, dann war wohl doch noch alles glimpflich ausgegangen. Natürlich wusste er durch Frau Weber, von dem Verdacht der Unterschlagung, welches sie ihm empört erzählte. Otto Scholz war durch Helene Weber voll im Bilde über die Geschehnisse in der Siedlung Bergstraße und er war zurück ins Haus gegangen.

Ja, mit seiner Haushälterin konnte Otto Scholz voll zufrieden sein, nicht nur mit der Verrichtung ihrer Pflichten, sondern auch mit ihrer Gesellschaft. Langweilig wurde es nie mit ihr, immerzu gab es jede Menge Gesprächsstoff. Und wenn er so darüber nachdachte, eigentlich freute er sich auch auf jeden neuen Tag mit ihr. Als dann später ein Martinshorn erklang, welches ihn an die Haas-Geschichte erinnerte, warf er sich eine Jacke über die Schultern und ging beunruhigt erneut hinaus. Ein Rettungswagen hielt bei Schnells. Hin und her gerissen überlegte er, sollte er näher gehen, oder würde man ihn neugierig nennen? Niemand schaute in seine Richtung, also wartete er ab. Er sah, wie dieser Frank Hauff mit einer Liege in den Krankenwagen hinein gerollt wurde und Susanne Schnells stieg mit ein. Das sah ja gerade so aus, als wäre der Freund von Frau Schnells unerwartet krank geworden. Gleich darauf fuhren Notarzt- und Rettungswagen in Richtung Stadt davon. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und ging zu Schnells. Otto Scholz war erschüttert, als er von Frank Hauffs Herzinfarkt hörte. Und um die beiden Frauen, natürlich auch die Kinder, abzulenken, lud er sie spontan zum Abendbrot ein. Ja, und trotz dem traurigen Anlass war es dann noch ein recht gemütlicher Abend mit schönem Ausklang geworden.

Otto Scholz, oder richtiger gesagt, ab sofort Opa Scholz, fühlte sich recht glücklich. Schade nur, dass Frank Hauff erst leiden musste, um ihm so etwas wie eine neue zweite Familie in der Nähe zu geben. Merkwürdig, so sah das genau aus, ohne diesen Zwischenfall oder Zufall hätte es nicht bei ihm das gemeinsame Abendbrot gegeben. Sehr seltsam, das machte Otto Scholz doch etwas nachdenklich.

Nachdem nun auch Helene gegangen war, zum zweiten Mal für heute ‚tschüss‘ gesagt hatte, griff er zum Telefon und rief bei seinem Sohn, Hans-Peter, an. Er war viel zu aufgekratzt, diese Neuigkeit musste er unbedingt sofort loswerden, die konnte nicht bis morgen warten.

Marga meldete sich und war erstaunt. „Nanu Vater, so spät noch, ist alles klar bei dir?“

„So klar wie noch nie!“ Er machte eine Pause, um es noch spannender zu machen und fuhr dann fort: „Kannst dir gar nicht vorstellen, was heute alles passiert ist, überhaupt in letzter Zeit. Jetzt habe ich nicht nur euch, meine richtige Familie, jetzt habe ich auch seit heute Abend eine zusätzliche Familie, eine Nachbarfamilie!“

„Aha, und wer ist das, kenne ich die?“

„Dem Namen nach wirst du sie kennen, Hans-Peter kann es dir aber noch genauer erklären. Es ist natürlich Helene Weber, ihre Nachbarin und Freundin Susanne Schnells mit Sohn Michael und Pflegetochter Rosi, ja und Brigitta aus Spanien. Wir haben alle gemeinsam bei mir Abendbrot gegessen und die kleine Rosi hat mich Opa Scholz getauft. Du siehst, ich bin in guten Händen!“

„Ja, sieht wirklich so aus, freue mich für dich. Aber sag mal, gibt es denn außer dem Jungen, diesem Michael, keinen Mann in der Clique?“

Vater Scholz lachte laut auf. Die Frage sah Marga ähnlich. „Doch gibt es, der liegt nur mal eben im Krankenhaus, Frank Hauff. Deshalb ist die Clique, wie du es nennst, erst entstanden. Er wurde nämlich heute Nachmittag mit Tatütatü abgeholt.“

„Meine Güte, Papa, bei dir ist ja was los. Wenn ich das Hans-Peter erzähle, hoffentlich kriege ich alles richtig zusammen, der wird vielleicht noch nachhaken bei dir wie ich ihn kenne.“

„Kann er. Wo ist er eigentlich?“

„Kegeln, Papa. Heute ist Kegelabend!“

„Ach so, na dann grüß mal schön, auch Jessica und Jonas. Mach’s gut Marga, schlaf schön.“

„Danke Papa, du auch.“

20

Es kostete Susanne einige Mühe, Franks Mercedes rückwärts aus der Einfahrt auf die Straße zu setzen, ihn dort ordentlich zu parken, um dann ihren Kleinwagen aus der Garage zu fahren. Damit stand sie auch schon halb in der Einfahrt, als sie im Rückspiegel ein fremdes Fahrzeug bemerkte, ein Taxi? Es hielt an. Frank! Frank war zurück! Motor aus, Handbremse anziehen, raus aus ihrem Auto und auf das Taxi zulaufen, gelang ihr alles in Sekunden.

Lachend stieg Frank aus. „Ich wollte dir die Rangiererei ersparen, aber wie ich sehe, ich bin zu spät, du hast das bestens hingekriegt.“

Susanne lachte jetzt auch. „Warum musst Du aber auch einen Automatik fahren?“ Sie schlang die Arme um seinen Hals, „was bin ich froh, dass du da bist, heilfroh!“

„Damit dir die Fahrt zum Krankenhaus erspart bleibt?“ Frank scherzte und zeigte auf das Taxi. „Gib mir ganz schnell meinen Schlüsselbund, ich muss nämlich mein Geld aus dem Mercedes holen, sonst steht das Taxi heute Abend noch hier.“

„Soll das heißen, du warst ohne Geld unterwegs?“ Susanne drückte ihm die Schlüssel in seine Hand.

Frank öffnete sein Fahrzeug und zog ein kleines Täschchen unter dem Fahrersitz hervor, entnahm ihm den nötigen Betrag und zahlte die Taxigebühr. Dann galt seine Aufmerksamkeit wieder ganz Susanne. „Ihr habt mich ja so abgeschoben“, bemerkte er lächelnd. „Keine Angst, im Krankenhaus habe ich alles bezahlt, ein bisschen Kleingeld habe ich immer bei mir, aber eben nur ein bisschen. Und jetzt, lassen wir die Autos so stehen, oder?“

„Ja, die können erst mal so stehen bleiben, ich muss zuerst alles wissen, wieso bist du umgekippt, nimmst du etwa Medikamente? Das ist mir bisher doch gar nicht aufgefallen.“

„Nein.“

„Wie, nein? Hattest du denn immer schon Schwierigkeiten mit deinem Herzen oder Kreislauf?“

„Nein, ich beantworte alles mit: Nein! Ich muss nur morgen noch mal ins Krankenhaus und soll mir auch einen Hausarzt suchen.“

„Aha, darf es auch eine Ärztin sein?“ Susanne ergriff Franks Hand und gemeinsam verschwanden sie im Haus.

„Das ist doch egal“, meinte Frank und umarmte Susanne.

Eine Weile standen sie umschlungen in der Diele. Susanne seufzte, bald würde Frank wieder fahren müssen und immer nur kurz zu Besuch kommen. Mit einem Mal stutzte sie, stand es etwa so schlimm um Frank, dass er bei seinen Besuchen zur Sicherheit einen Hausarzt brauchte? „Frank wieso? Einen Hausarzt, wofür?“

Frank lachte, er erkannte die Sorge in ihren Augen und führte sie ins Wohnzimmer. „Komm, wir machen es uns gemütlich und dann habe ich dir eine Menge zu erzählen.“

Aneinander gelehnt, auf der Couch sitzend, begann Frank mit seinem langen Bericht. Er versuchte nichts auszulassen, bestellte sogar den Gruß von Kommissar Mecklinger. Erzählte von dem Schwur, den er sich selbst leistete in der Gefängniszelle und davon, dass er tatsächlich fristlos gekündigt hatte und seine Wohnung zum Verkauf dem Makler übergab. „Weißt du, ich denke hier irgendwo eine neue Arbeitsstelle zu finden, ganz egal was es ist. Und wenn das Geld flüssig ist vom Verkauf der Wohnung, bauen wir einfach an! Niemals würde ich von dir verlangen, dein Heim zu verlassen, niemals! Außerdem ist es schön hier und ich kann an meinem Lieblingssteg angeln!“

Ja, das war natürlich ein ganz besonders wichtiges Argument, angeln, noch dazu an jenem ganz bestimmten Steg! Susanne kämpfte mit den Tränen. Freude, Erleichterung, Rührung, alles gleichzeitig empfindend, bahnten sie sich ihren Weg. Frank drückte es nicht direkt mit Worten aus, aber es war deutlich genug, er wollte bleiben! Damit war alles klar und auch gesagt! Ihre unausgesprochene bange Frage, die Zukunft betreffend, fand eine Antwort.

„Leider wird es so sein, dass ich noch einige Male zurück muss, alleine schon wegen der Wohnung, aber wahrscheinlich auch für die Gerichtsverhandlung. Ich habe mir übrigens überlegt, Lukas einen Dankesbrief ins Gefängnis zu schreiben, dafür, dass ich durch seinen Tipp: Angelurlaub, die schönste Wende in meinem Leben erfahren durfte, werde ihm aber auch gleichzeitig das Aus unserer Freundschaft aussprechen.“ Plötzlich fiel ihm ein: „Sag mal, wann hast du denn mit Lukas geredet?“

„Ach, woher weißt du das denn?“

„Von Mecklinger, da sollst du angerufen haben, sagte er.“

„Genau, aber erst, als ich von deinem Lukas so komisch abgefertigt wurde. Auf einmal kam mir das recht merkwürdig vor, frag mich nicht warum, es war zunächst nur so ein Gefühl! Er sagte, er hätte eine Kaution hinterlegt, nicht so wörtlich, aber das sollte es bedeuten.“

„Für wen?“

„Na, für dich natürlich! Ich hatte ihn nämlich gefragt, ob es möglich wäre, dich mit einer Kaution aus der U-Haft zu bekommen. Hatte ihn gebeten die Summe raus zu kriegen und die Bankverbindung, da behauptete er, dies schon selbst geregelt zu haben.“

In Franks Hirn arbeitete es ziemlich wüst, es rauschte nur so und er drückte seine Hände auf die Ohren, um den schwirrenden Druck zu unterbrechen. „Ich war übrigens nur in Gewahrsam“, stellte Frank richtig. „Aber, vielleicht wollte er das wirklich, oder vielleicht konnte er an das geklaute Geld und wollte zumindest Monika rausholen?“

„Daran glaube ich nicht, er hat nämlich auch noch gesagt, du dürftest nicht verreisen! Er muss geahnt haben, dass du bald wieder frei sein würdest und dich dein Weg schnellstens hierher bringen würde. Er wollte mich in Sicherheit wiegen, ich sollte mich nur mit seiner Auskunft zufrieden geben, nirgends sonst wo nachhaken, so hat er womöglich gedacht, dein bester Freund Lukas, er musste Zeit gewinnen.“

Frank schüttelte sich. „So ein Blödmann! Du hast recht, eher wäre er mit dem Geld geflüchtet, einfach abgehauen, feige wie eine Memme. Sie haben ihn am Flughafen verhaftet und er hat gestanden.“

„Aha, und mich hat er frech und dreist belogen, aber das hat ihm genau deshalb überhaupt nichts, gar nichts, genützt!“, freute sich Susanne.

21

Monika Hauff hatte kläglich versagt. Frank war nicht auf ihr schauspielerisches Können reingefallen. Dabei war sie sich so sicher gewesen es zu schaffen, auf diese Weise aus der U-Haft entlassen zu werden. Die zugeraunte Warnung von Lukas Rhode: ‚Pass bloß auf! Frank ist nicht doof‘, als sie ins Kommissariat abgeholt wurde, konnte sie nur mitleidig belächeln. ‚Lass mich nur machen, Frank frisst mir aus der Hand, immer noch!‘ In all den Jahren war Frank nicht der geringste Verdacht gekommen, er bemerkte nicht einmal wie sehr sie auf Lukas flog, schon während ihrer relativ kurzen Ehe. Wusste nicht, wie sehr seine Frau die wilden Sexspielchen bei ihm vermisste, die Lukas ihr bot. Und sie nannten ihn einen gutmütigen Langweiler.

Und jetzt? Würde es noch einmal eine solche Chance geben? War Lukas inzwischen in Sicherheit? Konnte er schon den Flug buchen? Oder wartete er auf sie im Versteck? Monika war verärgert, um nicht zu sagen, hasserfüllt! Wieso tauchte Lukas nicht hier auf für einen Besuch? Sie regelten doch schon lange alles für den Notfall so, dass auf ihn kein Verdacht fallen konnte. Hielt er sich nicht an die eilig getroffene Abmachung, als feststand sie kam in Haft? Alles, aber auch alles lief schief! Lukas, wenn es wirklich drauf ankam, war er ein Weichei! Nichts, wirklich nichts wusste sie, was er bisher für ihre gemeinsame Flucht unternehmen konnte. Stattdessen saß sie hier untätig herum und niemand kümmerte sich um sie. Nachdem sie einmal mittags den Teller mit Sauerkraut und Kartoffelpüree samt der Kasslerscheibe an die Wand gefeuert hatte und dann selbst, wie ihre eigene Putzfrau, aufwischen musste, konnte sie sich auf diese Art auch nicht mehr abreagieren. Ihre gespielte Wildheit, die unverschämte Verrücktheit, die Lukas so an ihr liebte um sich später auf die Zähmung zu freuen, hier fand das keinen Beifall, eher im Gegenteil.

Forsche Schritte, die sich rasch der Tür von außen näherten. Der Schlüssel drehte sich im Schloss und die sture Beamtin, wie Monika Hauff sie insgeheim nannte, trat ein. „Ihre Verhandlung beginnt in ein paar Tagen“, verkündete sie und blieb neben der halb geöffneten Türe stehen.

Für Sekunden kam Monika der Gedanke: Ich könnte sie einfach zur Seite schubsen und raus rennen, doch gleichzeitig war ihr auch bewusst, das ist Schwachsinn. „Na endlich, freue mich wenn es weiter geht“, grinste sie stattdessen schnippisch.

„Möchten Sie vielleicht etwas lesen? Ich könnte Ihnen aus der Bibliothek was besorgen.“ Die Beamtin Ziegenhardt meinte es gut, doch ihre etwas barsche Art, die sie sich im Laufe ihrer zahlreichen Berufsjahre zwangsläufig aneignete, ließ Monika Hauff trotzig reagieren.

„Nein danke, Sie brauchen sich keine Mühe zu geben, von Ihnen nehme ich sowieso nichts!“

„Dann eben nicht.“ Frau Ziegenhardt verließ die Zelle, nicht ohne die Türe hinter sich zuzuschlagen bevor sie abschloss. Diesem eingebildeten Weibsstück würden schon noch die Allüren vergehen.

Monika bereute sofort ihre ablehnende Haltung. Ihr Stolz verbot ihr jedoch an die Türe zu klopfen, um die Beamtin zurückzurufen. Also warf sie sich, verärgert auf die gesamte gemeine Welt da draußen und ein ganz kleines bisschen auch über sich selbst, auf die Liege und verfiel in dumpfes Selbstmitleid. Die Zeit kroch unendlich langsam dahin und irgendwann wurden ihre Augenlider schwer, sie schlief ein.

Zuerst hörte sie die Stimme nur von weit her, glaubte sich in einem Traum. „Aufstehen! Hallo, hallo. Wachen Sie doch endlich auf!“ Dann bemerkte sie, das konnte gar kein Traum sein, das war real und öffnete vorsichtig die Augen. Zögernd setzte sie sich auf.

„Bitte folgen Sie mir ins Besprechungszimmer, Ihr Anwalt ist da!“ Eine Beamtin, die Monika zum ersten Mal sah, holte sie ab. Noch ein wenig benommen vom Schlaf folgte sie der jungen Frau und nahm sich fest vor, ich muss mich zusammennehmen, muss verlangen, dass es auf einen Freispruch hinausläuft und ging erhobenen Hauptes mit. Wie üblich bei Beschuldigten, die sich ihrer eigenen Meinung nach so ganz und gar und überhaupt für unschuldig halten, benahm auch Monika Hauff sich immer noch genauso irrig! Sie wähnte sich zu Unrecht in Haft.

Als der Anwalt hereingebeten wurde, saß sie bereits am Tisch. Sie verlangte einen Beistand von der Kanzlei Hielscher & Partner, denn dort kannte sie den Anwalt Froh, der sie letztlich bei einer Firmensache vertrat. Leider kam aber heute ein Herr Albrecht, ein ziemlich alter Mann mit fast vollständiger Glatze und käsigem Gesicht. Monika Hauff reicht das bereits, sie fühlte erneut Wut in sich aufsteigen. Herr Albrecht hielt es wohl auch nicht für angebracht, in diesem Etablissement einen Tagesgruß zu sagen und kam direkt zur Sache: „So, Frau Hauff, dann wollen wir mal. Wenn in zwei Tagen die Verhandlung sein soll, brauche ich dringend einige Informationen von Ihnen.“ Seine Stimme hörte sich dünn und monoton an.

Sein süßliches Dauerlächeln brachte Monika Hauff fast zur Weißglut. „Ja, das können Sie haben, kurz und bündig, ich wurde von dem guten Rhode verführt, Unterschlagungen zu machen. Er ist der Schuldige, ich bin nur darauf reingefallen! Sehen Sie zu, dass ich hier raus kommen kann, mit Freispruch oder wenigstens Bewährung! Bekommen Sie das hin?“ Ihre Stimme klang scharf, beinahe schneidend.

Anwalt Albrecht lehnte sich zurück, er lächelte überlegen. „Wissen Sie, so einfach ist das nicht, ich werde für Sie tun was ich kann, aber ob das für eine Verurteilung auf Bewährung reicht?“ Er wiegte bedächtig seinen Kopf hin und her und fuhr fort: „Den Freispruch, den müssen Sie sich ganz und gar aus dem Kopf schlagen! Also jetzt bitte nur noch auf meine Fragen antworten, ich brauche Fakten!“ Rechtsanwalt Albrecht setzte gleichzeitig zu dieser Belehrung seine Brille auf, öffnete die mitgebrachte Mappe und verteilte etliche Papiere daraus auf dem Tisch. Er war von seinem Kollegen gewarnt worden, der diese spezielle Klientin als schwierige Person darstellte. Doch mit solchen Individuen hatte er so seine Erfahrungen, das bildete er sich jedenfalls ein.

War es seine Überheblichkeit, oder seine dünne Fistelstimme? Störte sie seine Brille, die er auf der Nase zu tragen pflegte? Monika Hauff bekämpfte vergeblich ihr Temperament, sie konnte mit diesem Mann nicht reden und sie wollte es auch nicht, sie begann zu brüllen: „Fakten? Fakten, die können Sie haben! Packen Sie Ihren Kram wieder ein und verschwinden Sie, ich brauche einen Anwalt, keinen Ankläger!“, schrie sie den nun total verschreckten Mann aggressiv an.

Sein Lächeln war augenblicklich aus seinem Gesicht wie weggewischt. Einige Sekunden lang sah er seine Mandantin zweifelnd an, meinte sie das ernst? Oder? Ja, offensichtlich, sie meinte es ernst!

„Hören Sie schlecht? Verschwinden Sie“, kreischte Monika Hauff jetzt. „Sie sind gefeuert!“ Sie stemmte beide Hände auf den Tisch, sie war aufgesprungen und beugte sich vor, aus ihren Augen schossen Hassesblitze.

Wortlos raffte der Anwalt die Papiere zusammen, verstaute sie wahllos in seiner Aktenmappe und ging zur Türe, klopfte, als ihm geöffnet wurde verschwand er, wie es Monika Hauff verlangte. Ohne ein Wort! Diese undankbare Aufgabe war an ihm vorbei gegangen. Gott sei Lob und Dank! Diese Zicke überließ er gerne einem Anderen.

In der Zelle, in welcher Lukas Rhode einsaß, ging es indessen sehr ruhig zu. Lukas Rhode war nicht nur zerknirscht, er saß mehr apathisch, teilnahmslos auf dem einzigen vorhandenen Holzstuhl und war sich sicher, Monika dachte bestimmt er sei über alle Berge, ohne sie. Bei ihr konnte man nie sicher sein, was sie im nächsten Augenblick tun würde. Er traute ihr auch zu, dass sie sich gegen ihn stellte, immer genau so, wie es für sie selbst am günstigsten aussah. Diese Möglichkeit, sie würde falsch über ihn denken, ließ ihn keinen klaren Gedanken mehr fassen. Er war längst, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, dieser Frau verfallen, ihr hörig. Sie hatte ihn fest in der Hand. Sie bestimmte, wie und was zu tun sei. Wenn er sich auch noch so cool gab, in Wirklichkeit war ihm zum Heulen zumute.

Dann bekam auch er die Mitteilung: „Die Verhandlung steht bevor. Was ist nun, entscheiden Sie sich! Brauchen Sie nun einen Anwalt?“ Und als er auch nicht sofort antwortete: „Oder bleibt‘s dabei, vertreten Sie sich selbst?“

Geistesabwesend und müde nickte Lukas Rhode, sagte einfach nur „ja“. Hauptsache, man ließ ihn in Ruhe und so nahm das Verhängnis seinen Lauf. Zu allem Übel bekam er einen Tag später auch noch Post. Post von seinem Freund Frank Hauff! Lange hielt er den Umschlag ungeöffnet in der Hand, starrte wie hypnotisiert darauf, wieso schrieb Frank ihm? Doch irgendwann musste der Briefumschlag geöffnet werden, Lukas las die wenigen Zeilen.

Lukas,

Du hast mich auf schäbigste Weise hintergangen, jahrelang! Wolltest mir sogar anhängen, was Du getan hast. Aber: Wer Andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein!

Wir sind keine Freunde mehr! Trotzdem danke! Danke dafür, dass Du mir den Tipp für meinen diesjährigen Urlaub gabst, damit leitetest Du den schönsten Neuanfang in meinem Leben ein. Leb wohl, für alle Zeiten!

Frank

Das kleine Fünkchen Haltung bei Lukas Rhode war nun damit auch vorbei. Seine Tränen fielen auf den Brief, den er langsam in schmale Streifen zerriss und noch einmal quer und dann wieder riss er die Streifen in noch dünnere Streifen. Diese Schnipsel warf er hoch in die Luft und streute damit den Brief durch die gesamte kleine Zelle. Aus und vorbei! Es traf ihn hart, mehr noch, es kam ihm vor, als würde er nie wieder frei atmen können. Noch viel schlimmer, er verlor seinen einzigen Freund unwiederbringlich und er weinte sich wie ein kleiner Junge in den Schlaf.

22

Der Postbote Johann May erhielt die Order, jede Postsendung für Haas bei Schnells abzugeben. Bisher waren das vorwiegend Werbung, Kataloge und einmal auch eine Büchersendung, deren Annahme Susanne verweigerte. Aber heute war es eine bunte Postkarte, adressiert an Familie Bernhard Haas. Susanne besah sich das Bild auf der Vorderseite. Bunte Verkaufsstände, ein orientalischer Basar. Nichtssagend für sie. Wichtig war aber jetzt herauszufinden, wer war dieser Schreiber, der im Telegrammstil diese Karte schrieb.

Hallo,

schön ist die Welt, grüße Euch.

Komme bald, muss Euch sehen!

Toni

Wer war Toni? Frau oder Mann? Die schlecht zu entziffernde Schrift sagte nichts darüber aus. Susanne war bewusst, sie musste Kommissarin Schneider davon in Kenntnis setzen, doch zuerst wollte sie Rosi fragen, wenn schon kein Opa, vielleicht kannte sie ja Toni?

Rosi war es gewesen, die kleinlaut und leise von sich aus ihre neue Tante Susanne fragte: ‚Darf ich dann zu Tante Brigitta gehen, Onkel Frank kann doch jetzt bei dir bleiben, erlaubst du das? Wenn wir mein Bett holen geht das doch, darf ich?’

Susanne war sprachlos gewesen und Frank musste die Kleine schmunzelnd daran erinnern: ‚Du solltest aber Tante Helene erst fragen, schließlich gehört ihr das Haus, die Wohnung von Tante Brigitta!‘

In Windeseile war Rosi die Straße hinauf gelaufen, war beinahe auch schon bei Haus Nummer 10 angekommen, da hatte sie sich umgedreht und gerufen: ‚Ich gehe nur schnell zu Opa Scholz, weil da Tante Helene ist. Ich komme gleich wieder.‘

Auf diese Weise erfüllte Rosi Susannes heimlichen Wunsch. Den sehnsüchtigen Wunsch von dem nur sie alleine wusste und das sollte auch so bleiben. Selbstverständlich konnte Helene zu einer solch dringenden Kinderbitte nicht nein sagen.

Es war ein ziemliches Stück Arbeit gewesen, das Bett aus dem oberen Stockwerk vom Haas-Haus in das obere Stockwerk ins Weber-Haus zu befördern. Besonders auch deshalb, weil es erst gereinigt werden musste, wie alles was aus diesem Haus geholt worden war und das Bettzeug, das lag immer noch auf der Terrasse bei Haas, bereit zur Entsorgung. ‚Das riecht muffig, das kommt mir nicht ins Haus, auch nicht in meine Maschine‘, hatte Helene hinter vorgehaltener Hand geraunt. Schließlich legten sie zusammen, kauften am Ende der Stadt im Betten-Center das Nötigste neu und hielten es für eine gute Lösung.

Jetzt aber, dauerte es Susanne zu lange bis 13:30 Uhr Essenszeit zu warten und so lief sie schnell, mit der Karte von Toni, ins Nachbarhaus. Heute war Brigitta mit Kochen dran, sie wechselten sich ab, morgen würde Susanne wieder kochen. Diese neue Regelung bestand seit Rosis Umzug ins Weber-Haus.

Rosi öffnete die Haustür. „Oh, schön Tante Susi, du kommst genau richtig, wir haben nämlich große Schwierigkeiten, Tante Brigitta weiß nicht wie Rotkohl gekocht wird, hilf ihr mal.“

„Guten Morgen ihr zwei“ und mit einem Blick in den Topf: „Aber er sieht doch schon fertig aus.“

Brigitta klärte auf: „Schon, aber er schmeckt nicht!“

Susanne schmeckte ab und fragte nach Zucker.

Daraufhin schlug sich Brigitta mit der flachen Hand vor die Stirn. „Natürlich, Zucker fehlt, wie blöd!“

„Eigentlich bin ich deshalb aber nicht gekommen und Hunger habe ich auch noch nicht! Es ist … weil, da kam eben eine Postkarte die ich dir zeigen möchte, Rosi.“ Susanne hielt die Karte dem Kind entgegen. „Kennst du Toni?“, fragte sie.

Rosi besah sich die Karte. Minuten vergingen, Susanne wurde schon unruhig, da reichte Rosi kopfschüttelnd die Karte zurück.

„Nein, ich kenne ihn nicht. Der ist nach Amerika gefahren, da war ich noch ganz winzig klein. Er ist vom Papa der Bruder. Mama hat mir manchmal von ihm erzählt.“

Brigitta und Susanne sahen sich überrascht an. Erzählte Frau Haas gut oder böse von ihm? Aber sie trauten sich nicht Rosi danach zu fragen, zumal sie momentan sehr nachdenklich wirkte. „Mama hat ihn gern, glaub ich, sie hat nicht mit ihm geschimpft!“ Rosi war, so wie es aussah, in ihrer Erinnerung bei Mutters Erzählungen angekommen. „Tante Susi, wann dürfen wir denn Mama besuchen? Wir nehmen ihr die Karte von Onkel Toni mit, dann freut sie sich, ganz bestimmt, ich weiß das ganz sicher!“

Susanne nickte zustimmend. „Gut Rosi, dann gehe ich schnell telefonieren und nachher sehen wir weiter, einverstanden?“ Rosi streckte ihre Ärmchen nach Susanne aus und Tante Susi hob sie hoch und drückte sie zärtlich an sich. Als Susanne bereits an der Haustür stand und sich noch einmal umblickte, lächelte Rosi immer noch. Komisch, Rosi schien die Nachricht auf der Karte nicht zu interessieren, für sie schien nur wichtig zu sein, ihrer herrschsüchtigen Rabenmutter, war sie das wirklich, eine Freude zu bereiten. Wieso konnte sich das Kind dessen so sicher sein?

Susanne telefonierte mit dem Kommissariat, sie erreichte Frau Schneider und teilte ihr die Neuigkeit: ‚Onkel Toni‘ mit, welcher seinen Besuch bei Familie Haas ankündigte. Was also tun?

Und die Kommissarin fand auf Anhieb eine prima Lösung: „Schreiben Sie einen Zettel und hängen ihn an die Haustüre, zum Beispiel: ‚Bitte gegenüber bei Schnells oder Weber melden‘, das müsste doch funktionieren!“

„Ja, mit Sicherheit, das ist eine gute Idee. Aber da ist noch etwas, das Kind möchte zu seiner Mutter, ihr mit der Karte eine Freude bereiten. Es hört sich sogar so an, als hätte Frau Haas diesen Toni gemocht, aus Rosis Reaktion zu schließen. Wie sieht es denn aus mit Frau Haas?“

„Frau Schnells, ich rufe Sie zurück, habe seit zwei Tagen nichts mehr gehört, muss mich selbst erst schlau machen.“

Susanne schrieb eilig den Text auf ein Blatt Papier, den die Kommissarin vorschlug und legte sich die Tesafilm-Rolle dazu. Sobald der Rückruf von Frau Schneider Klarheit bringen würde, konnte sie das Blatt an der Haustüre Haas befestigen.

Zehn Minuten später erfolgte Frau Schneiders Anruf: „Also, ich konnte nur in Erfahrung bringen, dass Frau Haas inzwischen in die psychiatrische Krankenabteilung verlegt ist und mit Spritzen ruhiggestellt wird. Sie lässt nicht mit sich reden und will wohl auch selbst nicht sprechen. Den Arzt habe ich leider nicht erreicht, konnte aber eine Nachricht hinterlassen, damit Sie bald zurück gerufen werden. Wenn es stimmt, dass Frau Haas für ihren Schwager irgendeine Sympathie hegt, zumindest einmal gehegt hat, könnte eventuell die Karte eine Hilfe sein. Die Ärzte und wir sind derzeit mit unserem Latein am Ende. Reden Sie darüber mit dem Arzt, das ist ein Doktor Hallstein.“

Susanne bedankte sich, sie war erleichtert. Doch wenn sie jetzt das Haus verließ, könnte es sein, dass genau in dieser Zeit ihrer Abwesenheit der Anruf von Doktor Hallstein käme. Versuchte ein Arzt wiederholt hier anzurufen? Das durfte sie nicht riskieren, und noch war es nicht Essenszeit. Sie nahm sich vor, das nächste Telefon ist schnurlos! Sie beobachtete die Straße und den Eingangsbereich durch das Flurfenster. Bald würde auch Michael aus der Schule eintreffen und Frank dürfte auch langsam zurück sein vom Arztbesuch. Das kam ihr sowieso schon viel zu lange vor, er sollte längst zuhause sein! Wie aber konnte ihr nur entfallen, wie sehr Frank Michael verwöhnte. Wahrscheinlich mehr, als er es jemals bei einem eigenen Kind tun würde. Frank holte offensichtlich Michael von der Schule ab, fuhr jetzt sein Auto in die Einfahrt und beide stiegen freudestrahlend und laut diskutierend aus. Sie waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie Susannes Klopfen am Fenster überhörten und gleich zu Helenes Haus liefen.

Susanne sah auf die Uhr, 10 Minuten noch, dann rufe ich im Krankenhaus an, falls sich Doktor Hallstein bis dahin nicht meldet, da klingelte ihr Telefon. Sie meldete sich und eine Frauenstimme bat: „Frau Schnells, bitte bleiben Sie am Apparat, ich stelle durch zu Herrn Doktor Hallstein!“ Eine Pausenmusik erklang, ein Glockenspiel, welches sich mehrmals wiederholte, ehe endlich am anderen Ende ein fragendes männliches „Hallo?“, ertönte.

Susanne nannte also noch einmal ihren Namen und fragte: „Sie sind sicher Herr Doktor Hallstein?“

„Ja, Frau Schnells. Die Kommissarin sagte was von einem Brief für Frau Haas, um was handelt es sich denn da?“

„Es ist nur eine Karte, Herr Doktor. Von irgendwo aus dem Orient von einem Toni, den die kleine Tochter von Frau Haas Onkel nennt. Er ist offensichtlich der Bruder ihres verstorbenen Vaters und er will die Familie besuchen. So wie das Kind spricht, könnte diese Nachricht ihre Mutter etwas umgänglicher stimmen. Deshalb haben die Kommissarin und ich uns gedacht: Rosi und ich besuchen Frau Haas und übergeben ihr die Karte.“

„Keine schlechte Idee, ein Versuch ist das wert. Wie wäre es denn mit übermorgen gegen 10 Uhr? Bis dahin werden wir versuchen, Frau Haas auf Besuch vorzubereiten. Ob es gelingt, wer weiß, versprechen kann ich das nicht. Frau Haas wird künstlich ruhiggestellt. Leider ist sie sehr unruhig, es muss also sein, schon allein deshalb, um sie vor sich selbst zu schützen.“

„Einverstanden, ich werde mit dem Kind um 10 Uhr dort sein. Danke Herr Doktor.“ Oh Gott, mit dem Kind in die Psychiatrie, wenn das mal gut geht.

„Wir wollten gerade zu dir kommen und nachsehen, ob du eingeschlafen bist.“ Frank öffnete die Haustüre und sah Susanne prüfend an. „Ist alles in Ordnung?“

„Ja, ja alles bestens, ich habe telefoniert. Brigitta und Rosi wussten das doch und du und Micha habt mich nicht ans Fenster klopfen hören!“ Das klang ein kleines bisschen vorwurfsvoll.

„Ach so?“ Frank sah Brigitta an. „Hast gar nichts gesagt!“

Brigitta ging nicht darauf ein und bat zu Tisch. „Bitte setzt euch, lasst uns essen, Susanne erzählt dazu das Neueste vom Tage!“

Susanne zeigte die Postkarte, berichtete von dem Telefonat mit Doktor Hallstein und dem vereinbarten Besuchstermin. Dass ihr Besuch in der Abteilung ‚Psychiatrie‘ erwartet würde, verschwieg sie vorläufig.

Dann stelle sich heraus, Rosis Erwartungen waren gemischter Natur, einerseits zog es sie zu ihrer Mutter, andererseits fürchtete sie sich auch davor. „Sollen wir Mama Blumen pflücken? Tante Susi?“, fragte sie mit piepsiger Stimme. Das Kind wollte damit wohl seine Mutter milde stimmen. Wie es aussah glaubte Rosi, ihre Mutter sei auf sie böse, weil sie sich so lange nicht blicken ließ und es dauerte Stunden, das Kind zu beruhigen. „Deine Mama durfte keinen Besuch empfangen, weil sie sehr krank ist! Das ist nur eine Ausnahme, dass wir zu ihr dürfen. Es geht nur, weil wir ihr die Karte von Onkel Toni bringen wollen, sonst dürften wir noch immer nicht zu ihr.“

In dieser Nacht plagten Rosi wieder Albträume. Mehrmals schreckte sie weinend auf und schließlich sah Brigitta nur noch die Möglichkeit, das Kind zu sich ins Bett zu holen. Sogleich kuschelte sich Rosi eng an sie und schlief in wenigen Minuten ein. Für Brigitta aber, die befürchtete, wenn ich mich bewege wacht sie auf, war für den Rest der Nacht nicht mehr an Schlaf zu denken.

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