Kitabı oku: «Saskia»

Yazı tipi:


© dorise-Verlag 2009

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Umschlaggestaltung, Layout und Typografie:

Michael Olm

Druck: docupoint Magdeburg

ISBN: 978-3-942401-27-2

Inge Nedwed

Saskia


1. Kapitel

Aus Westen kommend hat der Sturm leichtes Spiel. Kilometerweit fegt er über freies Feld. Reißt alles mit, was ihm nicht standhalten kann, bis er am Dorfrand auf die ersten Häuser trifft. Erbaut vor über hundert Jahren, sie kennen seine Kraft, leisten erbittert Widerstand. Bedrohlich knarrt es im alten Dachgebälk, Firstziegel klammern mit ganzer Kraft, um den Halt nicht zu verlieren. Die Mühlgasse trifft es besonders schlimm. Durch sie hindurch findet der Sturm einen neuen Weg, bläst ab wie ein Ventil, welches gerade geöffnet wird. Die Bewohner der Mühlgasse haben sich daran gewöhnt. Sturmschäden zahlt die Versicherung. Nur der Unrat bleibt wegzukehren, den der Sturm nach seinem Wüten jedes Mal hinterlässt.

Merle steht im warmen Wohnzimmer am Fenster und sieht den Blättern zu, die durch die Gasse tanzen. Der Sturm haucht ihnen neues Leben ein. Sie steigen auf, wirbeln und fallen nach seinem Takt. Ein Tanz folgt dem anderen. Regen peitscht dazwischen. In der Abenddämmerung bewegen sich die Äste der Kastanie beängstigend auf Merle zu. Eine Kastanie im Vorgarten einer Gasse, das ist schon etwas Besonderes, schmückt sie doch sonst den Straßenrand großer Alleen. Merle lässt die Rollläden herab. Endlich Wochenende. Das miese Wetter kann ihr nichts mehr anhaben. Der Einkauf ist erledigt. Gleich vom Büro aus ist sie heute in den Supermarkt gefahren. Ungewöhnlich leer war ihr Einkaufswagen. Omas Zettel war schnell abgearbeitet, für sich brauchte Merle nicht viel. Uli muss am Wochenende arbeiten und Tobi ist nach der Schule zu Matti gefahren. Ein Wochenende für mich allein, wie lang hat es dies schon nicht mehr gegeben. Merle fällt in den Sessel, schließt die Augen, streckt Arme und Beine von sich.

Riechst du die Schneeluft, fragte sie Uli am Morgen. Ich rieche nur Arbeit, wird spät werden heute Abend, bin bestimmt nicht vor um acht zu Hause, war seine Antwort.

Die Kastanie, ihre Äste sind kahl. Merle versinkt in Gedanken. Da gibt es das Bild mit den Großeltern, als Hochzeitspaar stehen sie vor dem Baum. Und es gibt das Bild mit Mutter. An den dicken Stamm gelehnt hält sie ihre zwei Mädchen im Arm. Die Kastanie gehört zu uns, jedes Familienmitglied kennt diesen Baum, schon seit Urzeiten, sagte Mutter immer. Ihr müsst aufpassen, wenn der Herbst der Kastanie sein buntes Kleid überzieht und die ersten Blätter fallen, dann hat unsere Saskia Geburtstag. Und wenn die Kastanie ihr Blätterkleid dem Wind geschenkt hat, die ersten Schneeflocken vom Himmel tanzen und den Winter anmelden, dann hat unsere Merle Geburtstag.

Wut steigt in Merle auf. Jedes Jahr erinnert sie der Baum daran. Saskias Geburtstag hat sie nie vergessen. Aber ihr gratulieren, das kann sie nicht. Die Telefonnummer ist noch immer in der Anrufliste gespeichert. Ein Knopfdruck würde genügen und sie hätte die Schwester am Telefon. Merle überlegt, zwei Jahre, nein, drei Jahre ist es her.

Alles Gute zum Geburtstag, sagte sie am Telefon. Saskia verstand sie nicht. Im Hintergrund vernahm Merle Stimmen und laute Musik.

Ich bin es, deine Schwester Merle, verstehst du mich? Du feierst Geburtstagsparty?

Das schrille Geräusch einer Tröte schmerzte Merle im Ohr. Sie aktivierte den Lautsprecher und legte den Hörer auf den Tisch. Saskias Stimme übertönte die anderen, sie bat ihre Gäste um Ruhe. Ohne Erfolg, der Hörer vibrierte. Meine Freunde sind hier, die jedes Jahr kommen, hörte Merle sie sagen.

Na dann, viel Spaß, sagte Merle und beendete das Gespräch. Ihre Freunde, die jedes Jahr kommen.

Saskias Worte klangen lange nach. Merles Brustkorb bebte, ihr Herz klopfte, als wollte es sich überschlagen. Ihr Puls raste, pochte in der Halsschlagader und drohte, sie zu sprengen. Ein Zustand aus Wut und Ohnmacht, der Kopf ist leer, unfähig, sich zur Wehr zu setzen. Dieses Gefühl der Enge überkommt Merle oft, wenn sie sich verletzt fühlt. Ihre Freunde! Und die Familie? Für sie gab es keine Einladung. Noch nicht einmal für Matti, ihren eigenen Sohn.

Und Uli war vielleicht sauer.

Wir haben Matti bei uns aufgenommen und deine Schwester feiert Party. Fällt der nichts Besseres ein, was ist das für eine Mutter? Die braucht sich hier nicht mehr blicken zu lassen, kalt wie Hundeschnauze, schimpfte er.

Es ist meine Schwester, erwiderte Merle leise.

Was ist nur aus Saskia geworden, warum ist sie so? Merle erhebt sich schwerfällig aus dem Sessel. Wie oft stellt sie sich diese Frage, Ablenkung, nur das hilft ihr in diesen Momenten. In der Küche sortiert sie den Einkauf. Zucker, Mehl, Milch, Brot und Butter für Oma. Oma versorgt sich selbst, hat ihre eigene Wohnung im Erdgeschoss. Darüber ist Merle froh, so kommt sich die Familie nicht ins Gehege, jeder hat seinen Freiraum. Oma ist trotz ihres hohen Alters pflegeleicht, nur ihre verknöcherten Ansichten sorgen oft für Streit. Merle versucht dann zu schlichten. Lasst Oma in Ruhe, sie ist hier die Chefin im Haus. Einen alten Menschen kann man nicht mehr ändern, festgefahrene Bahnen, erklärt sie Tobi, wenn der wütend die Tür zu seinem Zimmer hinter sich zuknallt.

Aus der Speisekammer holt Merle Omas Korb. Hässlich ist er. An mehreren Stellen hat sich das Geflecht aufgelöst. Oma hat den alten Korb akribisch mit Bindfaden geflickt, wegwerfen kann sie nichts. Einen neuen will sie nicht. Mein Lebensspender, nennt Oma den Korb scherzhaft. Ohne ihn würde ich verhungern. Merle nimmt den Korb, füllt ihn mit dem Eingekauften und bringt ihn in Omas Küche. Dann öffnet sie vorsichtig Omas Wohnstubentür. Wie gewöhnlich sitzt Oma um diese Zeit vor dem Fernseher. Merle muss ihn leiser stellen, um sie zu verstehen.

Du bist zu Hause, ich habe dich gar nicht gehört. Ein fürchterliches Wetter ist das heute.

Merle drückt Oma zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange. Oma möchte die Begrüßung erwidern, doch Merle wendet sich ab und täuscht ein Niesen vor.

In Omas Taschen der Kittelschürze ist immer ein sauberes Taschentuch. Das weiß Merle, als Kind suchte sie schon danach. Eigentlich suchte sie damals weniger nach einem Taschentuch, sondern viel mehr nach den interessanten Dingen. Meine heiligen Schatzkammern, so nennt Oma heute noch die vollen Taschen. Alles, was irgendwie noch zu gebrauchen ist, verschwindet darin.

Oma schöpft keinen Verdacht, als Merles Hände in die Taschen gleiten.

Ein sauberes Taschentuch, ihr werdet es nie lernen. Oma schüttelt den Kopf.

Geschickt ertasten Merles Finger den Inhalt, sie muss das kleine Ding hier finden. Sie zieht das Taschentuch heraus und putzt sich die Nase. Der Trick hat funktioniert.

Danke, Oma. Merle triumphiert, sie öffnet ihre Hand und hält Oma das in den Taschen gefundene Hörgerät unter die Augen.

Wie wäre es denn hiermit?

Hilfe, schreit Oma. Dieses Thema kann sie nicht leiden, wenn es aufkommt, ist sie wirklich taub.

Lass mich mit diesen Ersatzteilen in Frieden, reicht schon, wenn ich meine Brille suchen muss.

Ich habe dir deinen Lebensspender in die Küche gestellt, es ist alles drin, was du aufgeschrieben hast. Wir Frauen werden am Wochenende allein sein.

Oma erzählt Merle von der Quizsendung, die gerade im Fernsehen läuft.

Ich habe die richtige Antwort gleich gewusst, Allgemeinbildung, die Jugend weiß doch heute gar nichts mehr.

Ach, Oma, stöhnt Merle. Ich könnte morgen deine Fenster putzen.

Bei dem Wetter? Auf dem Friedhof muss das Grab abgedeckt werden.

Ich habe noch keinen Grabschmuck, Uli wollte sich um Reisig kümmern, nächstes Wochenende, verspricht Merle.

Oma streichelt Merles Hand, ich weiß ja, dass du daran denkst. Ich hätte dich nicht erinnern sollen.

Der Schmerz sitzt auch nach vielen Jahren noch tief. Schweigend sehen sich die Frauen an. Die eine vermisst die Tochter, die andere die Mutter.

Meine kleine Karla war ein liebes Mädchen. Im Krieg ist sie geboren, in der schlechten Zeit. Opa war in Russland. Ich wünsche mir einen Karl, schrieb er von der Front. Aus Karl wurde Karla, er hat seine Tochter nie gesehen. Merle kennt die alten Geschichten, trotzdem hört sie Oma immer wieder gern zu.

Du hast viel von deinem Opa, Familie muss zusammenhalten, sagt Oma, als Merle sich verabschiedet und eine gute Nacht wünscht.

Merle hat es sich auf der Couch bequem gemacht. Familie, Mutters Grab, die ersten Jahre haben sie und Saskia es zusammen gepflegt. Für die Bepflanzung hatte Saskia ausgefallene Ideen.

Stiefmütterchen kommen mir nicht aufs Grab, die hat doch jeder. Unsere Mutter würde sich darüber nicht freuen.

An diesem Ort fühlten sich die Schwestern verbunden. Sie sprachen über ihre Kindheit, verrieten sich ihre Gefühle, teilten Sorgen und Ängste. An diesem Ort gab es keine Tabus, selbst über ihre Männer redeten sie. Mutter hört uns zu, unsere Gespräche werden ihr gefallen, sie wird immer bei uns sein, darin waren sich die beiden sicher.

Hat Saskia das alles vergessen? Dass sie mit Oma nicht klarkam, kann Merle verstehen, aber warum hat sie ihren Sohn im Stich gelassen? Kinder verlassen ihre Eltern, das ist normal, sie müssen sich abnabeln, wenn sie reif dafür sind. Aber Eltern verlassen doch nicht ihre Kinder! In den Nachrichten sucht Merle Ablenkung. Unwetterwarnungen, orkanartige Böen mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 120 Stundenkilometern, Schneefälle in den Kammlagen. Keinen Hund jagt man bei diesem Wetter auf die Straße. Auf der Treppe poltert es. Uli, endlich. Er schimpft, alles pitschnass.

Merle nimmt ihm die Sachen ab. Ich koche dir einen Tee.

Du könntest mir morgen eine Thermoskanne voll mitgegeben. Uli zieht sich die Schuhe aus. Ich werde wahrscheinlich auch nächstes Wochenende arbeiten müssen.

Was, schon wieder?

Das Wetter, wir kommen auf der Baustelle einfach nicht voran.

In der Küche bereitet Merle für Uli das Abendbrot. Uli sitzt am Tisch und überfliegt die Zeitung. Erhöhung der Mehrwertsteuer und des Krankenkassenbeitrags, ich will mich heute nicht mehr aufregen. Er legt die Zeitung zur Seite. Wie kommt Tobi morgen zurück, fragt er.

Darum brauchen wir uns nicht zu kümmern, er will den Bus nehmen.

Uli runzelt die Stirn. Hoffentlich denkt Tobi an die Schule. Ich sehe ihn nie lernen. Die Abiturprüfungen sind nicht mehr weit.

Tobi macht das schon. Lass den Kindern ihren Spaß. Ich freue mich, dass sie sich so gut verstehen.

Und wie läuft es bei Matti?

Erstaunlich gut, jetzt, wo er seine eigene Wohnung hat. Tobi will ihm helfen, ein Hochbett zu bauen. Er hat sich aus deiner Werkstatt Werkzeug mitgenommen.

Hoffentlich bringt er es wieder zurück!

Ich habe heute mit Mattis Ausbilder gesprochen, erzählt Merle. Ihre Augen strahlen. Kein unentschuldigtes Fehlen, immer pünktlich. Sie haben ihn zum Klassensprecher gewählt. Er kann über Matti nichts Negatives berichten.

Na, ich weiß nicht. Koch, Gemüse putzen, im Kochtopf rumrühren, das ist doch nichts für den Jungen, in dem steckt doch mehr.

Fang nicht wieder an, beschwert sich Merle. Der Junge muss Freude an seinem Beruf haben. Du hast doch auch klein angefangen. Und wenn er seine Lehre schafft, ist das schon ein großer Erfolg. Danach kann er sich immer noch entscheiden, vielleicht für die Hotelfachschule. Im Moment träumt er von seiner eigenen Gaststätte, man darf ihm die Träume nicht nehmen.

Merle sucht im Küchenschrank nach der Thermoskanne. Uli gähnt, ich mach mich gleich ins Bett, bin total geschafft.

Aufgestützt auf seine großen Hände, die auf der Tischplatte ruhen, erhebt er sich. Der Tisch knarrt. Merle kann nicht hinsehen, der arme Tisch, wieder einmal hält er der Belastung stand. Merle spürt Ulis Hände auf ihren Wangen.

Bis morgen früh, sagt er. Stellst du mir den Wecker auf 5.00 Uhr?

Nur wenn ich den Weckdienst bezahlt bekomme. Fordernd zeigt Merle mit dem Zeigefinger auf ihre Wange. Uli drückt ihr einen Kuss auf die vorgegebene Stelle. Schlaf gut, sagt Merle und streichelt seine Hände. Sie sind rau, die Haut ist aufgesprungen. Die kalte Jahreszeit verschont auch sie nicht. Merle liebt seine Hände. Sie sind harte Arbeit und festes Zupacken gewöhnt und können trotzdem zärtlich sein. Mit verächtlichem Blick straft sie die Hände mancher Kollegen im Büro. Lange, dünne Finger. Lange Nägel, sorgfältig mit Feile in Form gebracht. Hände mit leichenblasser Haut, durchzogen von hervortretenden dunkelblauen Blutbahnen. Bleistifthalter hat Merle diese Hände getauft. Solche auf ihren Wangen? Merle schüttelt sich. Sie räumt das herumstehende Geschirr in die Spülmaschine und verlässt die Küche.

Im Wohnzimmer liegt Merle wieder auf der Couch. Die Fernbedienung gehört heute ihr. Sie drückt die Kanäle durch. Da habe ich freie Auswahl, brauche mir nicht Ulis Fußball anzusehen, und dann kommt nur Nonsens. Auf Omas Quizsendungen hat sie auch keine Lust. Als sie in der Fernsehzeitung blättert, klingelt das Telefon. Um diese Zeit, das können nur die Kinder sein. Merle nimmt den Hörer ab. Eine unbekannte Frauenstimme meldet sich.

Guten Abend, entschuldigen Sie die späte Störung. Mein Name ist Meyer, ich bin die Nachbarin Ihrer Schwester.

Merle ist erschrocken, hat sie richtig verstanden, Saskias Nachbarin?

Die Frau ist aufgeregt. Ihr Redeschwall lässt Merles zögerndes Fragen ersticken. Merle versteht nur Rettungsdienst, Katholisches Krankenhaus. Hund und Wohnungsschlüssel sind bei ihr.

Katholisches Krankenhaus? Gegen dieses Krankenhaus ist Merle allergisch. Mutter haben sie dort verloren, krampfhaft hält sie den Hörer in der Hand. Danke, sagt sie. Die Frau am anderen Ende hat lange aufgelegt. Merle geht zurück ins Wohnzimmer. Ihre Hände zittern. Was soll das, ist bestimmt nur wieder so ein Trick von Saskia. Mit wem kann ich sprechen? Uli munter machen, Matti anrufen? Oma? Alles sinnlos! Merle versucht, einen klaren Gedanken zu fassen. Und warum soll sie sich um alles kümmern, hat Saskia ihr nicht schon genug aufgeladen?

Bleib ruhig, denkt Merle. Morgen Vormittag kann ich ins Krankenhaus fahren, sehen, was los ist, und dann entscheiden.

Merle liegt im Bett. Sie kann nicht einschlafen. Der Sturm wütet unverändert. Er misst seine Kraft an der Giebelwand, hinter der das Schlafzimmer liegt. Die Wand bebt, hält aus und hält aus. Ein dumpfes Krachen. Merle lauscht, weiter weg, nicht vor unserem Haus. Ein kaputtes Dach, das fehlte jetzt noch! Das Licht der Straßenlaterne scheint ins Schlafzimmer. Uli hat die Rollläden nicht geschlossen. Merle hat keine Lust, noch einmal aufzustehen. Der Lichtschein streift Ulis Gesicht. Er schläft fest. Sein Atem ist gleichmäßig, ab und zu ein kleiner Schnaufer. Zum Glück schnarcht er nicht. Soll sie ihm morgen früh von dem Anruf erzählen? Er wird sich aufregen, das macht er immer, wenn es um Saskia geht. Vielleicht ist mit Saskia wirklich etwas Ernstes, erst jetzt werden ihr die aufgeregten Worte der Nachbarin bewusst. Warum kümmert sich Saskias Jan nicht?

Merle bekommt eine Schwester

Merle ist ein Schulkind und besucht die vierte Klasse. Nach Schulschluss hat sie es nie eilig. Sie geht gern in die Schule und nach dem Unterricht bummelt sie noch viel lieber durch das Dorf. Einen Hort, wie ihn die Kinder in der Stadt besuchen, gibt es nicht. Merle braucht auch keinen, ihr ist es nie langweilig. Sie verbringt die Nachmittage bei Mutter im Kindergarten oder bei Oma in der Poststelle. Wohin sie geht, das entscheidet sie erst auf dem Weg. Da gibt es immer etwas zu entdecken. Die Entenmutter schwimmt mit ihren Küken im Dorfteich. Oma darf nicht wissen, dass sie dort ihr Frühstücksbrot verfüttert. Im kleinen Laden, gleich gegenüber der Schule, kann man bei dem netten Verkäufer Bonbons erhaschen. Und seit diesem Jahr gibt es den Spielplatz mit Wippe und Schaukel auf dem Anger. Meistens zieht Merle die Poststelle vor. Im Kindergarten muss sie den Kleinen aus Mutters Gruppe Lieder vorsingen. Mutter begleitet sie auf der Gitarre und erklärt den angehenden Schulanfängern, dass man dies alles, wenn man fleißig ist, in der Schule lernt. Merle mag das nicht, Mutter muss sie jedes Mal zum Singen überreden. Bei Oma in der Poststelle ist es viel interessanter. Briefe, Karten, Päckchen und Pakete aus der ganzen Welt kommen hier an. Oma sortiert und stellt zu. Am Schalter nimmt sie Geld entgegen oder zahlt aus. Der große Poststempel ist bei allen Arbeiten dabei. Es kracht, wenn Oma ausholt und mit Schwung den Stempel haargenau ins Ziel trifft. Auf den Namen Post-Martha ist Oma stolz. Merle auch, jeder kennt Oma im Dorf. Gefallen hat Merle an den bunten Briefmarken gefunden. Zum Geburtstag wünschte sie sich ein Briefmarkenalbum. Ausländische Briefmarken sammelt sie am liebsten. Aus Mutters Bücherschrank nahm sie sich den Atlas, um nachzusehen, wo sich diese fernen Länder befinden und wie ihre Hauptstädte heißen. Der Atlas ist nie wieder in den Bücherschrank zurückgekehrt, er liegt neben Merles Briefmarkensammlung in ihrem Zimmer. Merle träumt sich gern in die Welt der kleinen bunten Bilder. Eine Briefmarke ist für sie besonders wertvoll. Im Album steckt sie ganz allein in der Mitte auf der ersten Seite. Ein Ehrenplatz für die Marke aus Vietnam. Menschen mit Strohhüten, die wie riesige Schüsseln aussehen, arbeiten auf den Reisfeldern. Kinder sitzen auf den Rücken der großen Wasserbüffel. In den Dörfern stehen kleine Hütten und es gibt dort keinen Winter. Dies hat Merle in einem Kinderbuch gelesen. Im Fernsehen sieht sie dazu schreckliche Bilder. Aus einem Hubschrauber werden diese Menschen mit Maschinengewehren beschossen. Krieg, in diesem schönen Land mit seinen freundlichen Menschen. Warum? Merle versteht es nicht. Aber sie weiß genau, wer gut und böse ist. In ihren Nachmittagsträumen kämpft Merle mit dem Vietkong gegen die Amerikaner. In einer Rakete umkreist sie mit Juri Gagarin die Erde. In der weiten Steppe der Mongolei lebt sie zusammen mit Hirten in Jurten und ist die wildeste Reiterin. Sie träumt, bis Oma sie ermahnt und an die Hausaufgaben erinnert.

Doch heute ist alles anders. Merle hat keine Zeit. Das erzählt sie jedem im Dorf.

Wir haben ein Baby und das kommt heute mit Mutter nach Hause. Mutter und meine kleine Schwester Saskia. Die letzte Schulstunde will einfach nicht zu Ende gehen, obwohl Heimatkunde Merles Lieblingsfach ist. Unruhig rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her. Endlich, das ersehnte Klingelzeichen erlöst von der Qual des Wartens. Merle ist die Erste, die aus dem Klassenzimmer stürmt. Du hast deinen Turnbeutel vergessen, rufen ihr die Freundinnen nach. Merle hört sie nicht. Sie nimmt drei Treppenstufen auf einmal, durchquert den Schulhof schneller als beim 60-Meter-Lauf. Dabei ist sie im Sportunterricht schon immer die Schnellste. Im Ranzen klappert der Farbkasten, ihre Zöpfe wippen im Wind. Ich habe eine Schwester, singt sie immer wieder und springt über den Bach, der sich mitten durch das Dorf schlängelt. Das erspart ihr den Weg bis zur Brücke. Keine Enten im Teich, keine Poststelle, Oma hat Urlaub genommen. Nur schnell nach Hause. Sie biegt in die Mühlgasse ein. Buntgefärbte Kastanienblätter wehen ihr entgegen, sie verkünden, Mutter und Saskia sind nicht mehr weit. Oma steht vor dem Haus und nimmt sie in Empfang. Du musst leise sein, Mutter und das Baby schlafen.

Kann ich das Baby sehen, fragt Merle aufgeregt.

Oma führt sie ins Haus. Langsam, mein Kind, das Baby läuft nicht weg.

Im Hausflur wirft Merle den Ranzen in die Ecke. Ihre Jacke lässt sie im Gehen fallen. Mutter liegt in Omas Stube auf dem Sofa, das Babykörbchen steht neben ihr.

Oma hat gesagt, du schläfst.

Komm zu mir, meine Merle, wie kann ich schlafen, wenn mein großes Mädchen aus der Schule kommt.

Oma nimmt das Baby aus dem Körbchen und legt es Mutter in den Arm.

Das ist dein Schwesterchen, Mutter hält es hoch, damit Merle es betrachten kann. Merle starrt die Schwester an, so einen kleinen Menschen hat sie noch nie gesehen.

Saskia hat ja gar keine Haare.

Als du geboren wurdest, hattest du auch keine. Oma lacht.

Merle berührt die kleine Hand. Meine Schwester ist ja nicht größer als meine Babypuppe.

Beim Stillen und beim Wickeln muss Merle dabei sein. Immer wieder sieht sie in das Körbchen. Ich habe eine Schwester. Wie schön!

Am Abend kriecht Merle zur Mutter ins Bett. Die Mutter streicht ihr übers Haar.

Ist Oma wieder lieb zu dir, fragt Merle.

Wie kommst du denn auf so etwas? Oma ist immer lieb zu mir.

Aber sie hat doch mit dir geschimpft, sie wollte unser Baby nicht.

Du bist mein großes Mädchen, aber das verstehst du noch nicht.

Nach einer Weile fragt Merle, weil wir keinen Vati haben?

Schlaf jetzt, wenn du älter bist, erkläre ich dir das.

An Mutter gekuschelt ist Merle eingeschlafen. Sie hat einen seltsamen Traum. Ein Mann steht im Vorgarten unter der Kastanie und ruft nach Mutter. Merle hatte den Mann schon einmal gesehen. Mutter fuhr mit ihr in die Stadt zum Einkaufen. Sie standen in einer Telefonzelle. Hallo, Arno, treffen wir uns in unserem Café, sprach Mutter in den Telefonhörer. Mutter war anders als sonst, nervös suchte sie in ihrem Portemonnaie nach Kleingeld. Merle reichte ihr die Groschen zu. Ich bin in zehn Minuten dort, bis gleich, hörte sie die Mutter sagen. Komm schnell Merle, wir müssen uns beeilen. Wir wollen doch einkaufen, murrte Merle.

Das machen wir auch.

Im Café kam ein Mann an ihren Tisch. Er gab Mutter einen Kuss. Merle sah ihn mit großen Augen an.

Das ist Onkel Arno, stellte ihn Mutter vor.

Merle gefiel der Mann nicht. Bockig sagte sie ihm guten Tag.

Mutter und er unterhielten sich, Merle verstand nicht viel, nur dass sie über eine Hochzeit sprachen. Merle verschüttete den Saft, der vor ihr auf dem Tisch stand. Der Saft tropfte auf Arnos Hose. Der schaute sie böse an. Mutter entschuldigte sich und versuchte, mit ihrem Taschentuch den Schaden zu begrenzen. Merle war froh, als der Mann sich verabschiedete.

Mutter redete mit Merle, von dem Treffen erzählen wir Oma nichts. Das bleibt unser Geheimnis, versprichst du mir das. Danach kaufte Mutter ihr die wunderschöne Babypuppe.

Der Mann unter der Kastanie ruft immer lauter. Merle steht in ihrem Zimmer am Fenster. Keiner weiß, dass sie alles beobachten kann. Oma kommt mit dem Besen aus dem Haus. Verschwinde hier, du Heiratsschwindler, ins Gefängnis gehörst du Mistkerl. Meiner Tochter ein Kind andrehen, hat sie es nicht schon schwer genug.

Plötzlich sieht Merle Vater vom Himmel herabschweben. Er setzt sich auf einen Ast der Kastanie. Das Mondlicht scheint in sein Gesicht. Merle kann sein Lächeln erkennen.

Vati, du bist wieder da. Ich habe gewusst, du kommst zurück.

Ja, mein Engelchen, ich bin immer bei dir. Ich mag den Arno nicht.

Hab keine Angst, er wird nicht wiederkommen, ich beschütze euch.

Weißt du, dass wir ein Baby haben? Vater antwortet nicht mehr.

Merle wird munter. Mutter, wo bist du? Sie läuft zum Fenster. Der Ast ist leer, es sitzt kein Vater in der Kastanie. Merle weint. Sie tastet sich durch den dunklen Flur, in einer Ecke sieht sie Arno stehen, sie schreit. Die Küchentür steht offen, in der Küche brennt Licht. Mutter sitzt auf einem Stuhl und hat Saskia an der Brust. Was ist mit dir Merle, fragt sie besorgt.

Kommt Vati wirklich nicht zurück?


2. Kapitel

Der Wecker klingelt. Uli schreckt hoch. Nein, du hast nicht verschlafen, beruhigt ihn Merle, es ist erst 5.00 Uhr. Ich geh Kaffee kochen. Sie erhebt sich aus dem Bett. Kein Auge hat sie zugemacht, die Nacht war schrecklich.

Uli schlürft seinen Kaffee. Normalerweise ärgert sich Merle über ihren Morgenmuffel. Heute ist sie froh, dass er nichts sagt. Er scheint von dem Anruf nichts mitbekommen zu haben. Sie schmiert seine Frühstücksbrote und brüht den Tee auf. Die Thermoskanne gleitet ihr aus der Hand. Sie schlittert über den Fußboden und landet vor Ulis Füßen.

Was ist denn los mit dir? Er hebt die Kanne auf. Glück gehabt, nichts kaputt.

Merle versucht, seinem Blick auszuweichen.

Ist nicht meine Zeit. Es ist Samstagmorgen. Ich werde mich gleich wieder ins Bett legen.

Sie holt für Uli warme Arbeitssachen aus dem Schrank, so kann sie ihm aus dem Weg gehen. Er scheint ihre Unruhe nicht zu bemerken. Nur jetzt keine Diskussionen, denkt Merle. Uli verabschiedet sich.

Keine Bundesliga heute, das ärgert mich am meisten. Du wirst es überstehen, es gibt Schlimmeres.

Er drückt ihr einen Kuss auf die Wange, bis heute Abend.

Zurück ins Bett kann Merle nicht. Sie sitzt am Küchentisch und überlegt. Was soll ich Oma sagen? Oma wird mich suchen, wenn ich nicht zu Hause bin.

Guten Morgen Oma, musste dringend eine Besorgung machen. Bin nach dem Mittag wieder zurück, schreibt Merle auf einen Zettel. Sie sieht auf die Uhr. Eine halbe Stunde braucht sie mit dem Auto bis in die Stadt. Es ist noch zu früh, um ins Krankenhaus zu fahren. Auf dem Weg ins Bad stolpert sie im Flur über Tobis Fußballsachen. Der Schulrucksack liegt achtlos daneben. Das Durcheinander ihres Sohnes ist ihr gestern gar nicht aufgefallen. Ordnung ist das halbe Leben, würde Oma jetzt sagen. Merle sammelt die Sachen zusammen und bringt sie in Tobis Zimmer. Die Dielen der alten Holztreppe knarren. Das hat Matti immer verraten, wenn er spät in der Nacht nach Hause kam. Nachdem Matti eingezogen war, haben sie den Dachboden ausgebaut. Jetzt hat Tobi sich hier einquartiert. Ich geh in mein Himmelreich, scherzt er mit der Mutter, wenn sie ihm mit Arbeit droht. Sein Zimmer ist aufgeräumt, wenigstens das hat er gemacht. Merle verwöhnt ihre Männer, trägt ihnen alles hinterher. Ein Fehler, das weiß sie, aber sie macht es gern. Matti hat sie auch verwöhnt. Der Junge hatte es schwer. Merle sitzt auf Tobis Bett. Vom Poster an der Wand sehen sie Fratzen an. Was der Junge nur an dieser Musik findet, Ärzte nennen sie sich. Zum Geburtstag wünschte er sich von Oma Geld, wollte sich davon ein Buch über die Ärzte kaufen. Oma freute sich, sie glaubte, der Junge will Medizin studieren. Die Familie lachte, eine Band, davon hat sie noch nie gehört. Einem Herzanfall ist sie nahe, wenn die dumpfen Bässe aus Tobis Musikanlage bis in ihre Wohnung herunterdringen. Rap, Techno und Hip-Hop. Der Fußboden bebt noch schlimmer, wenn Matti da ist. Omas Schwerhörigkeit ist auf der Stelle vergessen. Ruhe, schreit sie nach oben.

Seit drei Monaten hat Matti nun seine eigene Wohnung. Es schmerzte, den Jungen ziehen zu lassen, aber er muss selbständig werden, ist alt genug. Merle erinnert sich. Tobi hatte ihn damals mitgebracht. Vor seiner Schule hatte ihm Matti aufgelauert und um Hilfe gebeten. Tobi verlangte die doppelte Menge an Schulbroten und sein Taschengeld war ständig alle.

Lass ihn, sagte Uli, der Junge wächst. In seinem Alter hätte ich ein halbes Schwein verdrücken können. Merle kam es trotzdem spanisch vor. T-Shirts und Pullover waren plötzlich verschwunden. In der Wäsche waren sie nicht, das wusste sie. In Tobis Schrank fand sie die Sachen auch nicht, sogar die neue Jeans fehlte. Merle stellte ihren Sohn zur Rede.

Ich habe es Matti gegeben, Tante Saskia hat ihn rausgeschmissen. Er lebt auf der Straße.

Merle war entsetzt. Warum erzählte Tobi ihr erst jetzt davon. Musste es so weit kommen? Gegenseitiges Vertrauen, über Probleme offen und ehrlich reden, das hatten sie ihm von kleinauf eingetrichtert. Mit Uli war es mitunter schwierig. Mit größeren Problemen kam Tobi meistens zu ihr. War ihr Verhältnis etwa gestört? Würde es ihr wie Saskia mit Matti gehen? Tobi und Matti, Kinder sind unschuldig. Erwachsene leben vor, Kinder reflektieren. Unsere Probleme in der Familie, über die keiner spricht, dachte Merle. Omas Missachten, Ulis Ablehnen und Merles Stillhalten gegenüber Saskia.

Am nächsten Tag sagte sie zu Tobi, bring Matti mit, ich regele das mit Vati und Oma.

Zitternd stand Matti vor ihrer Tür. Seine Sachen waren zerschlissen und viel zu dünn für die Jahreszeit. Merle steckte ihn in die Badewanne. Acht Buletten schob Matti zum Abendbrot in sich hinein. Keiner stellte ihm an diesem Abend Fragen. Merle spürte, wie froh er darüber war.

Am nächsten Tag erzählte Matti von allein. Er verschönte nichts, er gab zu, dass er Mist gebaut hatte. Eingebrochen in einem Kiosk im Schwimmbad. Betrunken mit dem Auto seiner Mutter durch die Stadt gefahren und mit dem Brotmesser auf ihren Lebensgefährten Jan losgegangen.

Mutter hält alle Zimmer verschlossen. Ja, ich habe geklaut, das gebe ich zu. Ich dachte, wenn ich von Mutter nichts bekomme, nehme ich mir einfach, was mir zusteht. Taschengeld bekam ich nur, wenn ich nach Mutters Meinung in der Spur lief. In den Ferien arbeitete ich, das verdiente Geld musste ich abliefern. Mutters Auto zu nehmen, war blöd, das mit Jan bereue ich nicht. Ich wollte mir in der Küche etwas zu essen machen. Er hatte gekocht und mir gedroht, wehe du vergreifst dich daran. Den Hund behandeln sie besser als mich. Der darf sogar im Wohnzimmer auf die Couch. Ich hasse diesen Köter. Jan stieß mich aus der Küche. Ich hielt das Brotmesser in der Hand, und er dachte, ich will ihn abstechen. Ich hätte nie zugestochen. Sie hätten mich nicht rauszuschmeißen brauchen, ich wäre sowieso abgehauen. Und den Kiosk habe ich geknackt, weil ich ein Dach überm Kopf suchte.

Du bleibst erst mal bei uns, ich rede mit deiner Mutter.

Dann haue ich wieder ab.

Merle spürte seine Abwehr, sie dachte, so schlimm kann es nicht sein.

Merle kam an Saskia nicht heran, sie blockte ab.

Dann hatten sie den Termin auf dem Jugendamt. Saskia versuchte, den Eindruck einer guten Mutter zu vermitteln, sie hat doch alles für ihren Sohn getan.

Ein neu eingerichtetes Zimmer mit eigenem Fernseher und Computer. Urlaub in Mexiko. Mein Lebensgefährte kümmert sich um Matti, wenn ich beruflich unterwegs bin, sagte Saskia. Als Matti erzählen sollte, unterbrach sie ihn, drehte seine Worte geschickt herum, gab ihm die Schuld. Matti hatte gegen seine Mutter keine Chance. Merle sah, wie er sich verkrampfte, wie er innerlich rebellierte. Sie hätte dem Jungen schon viel eher helfen müssen, doch sie wollte Saskia nicht hineinreden. Saskia stritt in letzter Zeit sowieso nur noch mit ihr. Das Jugendamt bot als Überbrückung einen Heimplatz an, besser wäre es allerdings, der Junge könnte in der Familie bleiben. Nicht bei der Mutter, in der Familie. Merle spürte, dass sie gemeint war. Saskias Show war aufgeflogen, ihr Auftreten durchschaut. Merkte Saskia nicht, wie sie sich um Kopf und Kragen redete und mit ihrem gekränkten Stolz und Starrsinn den letzten Faden zeriss, der sich noch zwischen Mutter und Sohn spannte und auf Hoffnung wartete. Die Vorstellungen von einer gemeinsamen Lösung waren geplatzt. Saskia wich aus, ließ nicht mit sich reden. Es tat Merle weh, sie spürte, dass sich Saskia auch immer mehr von ihr entfernte. Der Faden, der sie verband, wurde dünner. Ein dünner Faden kann auch stark sein. Spinnen nutzen dieses Prinzip für ihre Netze. Und Oma nutzte es für ihren gleichmäßig dünnen Faden, den sie spann. Als Kind sah Merle ihr oft zu. In der linken Hand hielt Oma den Wollebausch, mit den Fingern der rechten Hand zupfte sie daran. Durch das Drehen der Spindel entstand der Faden. Er wurde länger und länger und drohte zu zerreißen. Doch Oma führte ihn geschickt. Sie verstand ihr Handwerk. Durch das Treten des Pedals regelte sie die Geschwindigkeit. Sie bestimmte, wann der Faden riss.

Das Leben ist kein Spinnrad. Merle konnte nichts regeln. Das Leben nahm seinen Lauf. Der Faden wird reißen, es geht jetzt nicht um Saskia.

Matti kann bei uns wohnen, sagte Merle entschlossen.

Saskias Augen funkelten sie wütend an. Ohne sich zu verabschieden, verließ Saskia das Jugendamt. Am Nachmittag brachte sie Mattis Sachen. Schroffe Bemerkungen lud sie ab. Seitdem hatte Merle die Schwester nicht mehr gesehen.

Die Ärzte starren unverändert grässlich vom Poster an der Wand herab, von Merles Sorgen und Ängsten unberührt. Merle streicht Tobis Bettdecke glatt und verlässt sein Zimmer. Warum hatte Saskia ihnen keine Chance gegeben? Fehler zugeben, das konnte sie noch nie. Wenn sie es mit Matti nicht schaffte, dürfen es andere dann auch nicht? Hatte sie wirklich so gedacht?

Saskia ist längst kein Mädchen mehr

Merle sitzt im Bus und sieht aus dem Fenster. Mit jedem Dorf, das hinter ihr liegt, werden die Bilder vertrauter. Als Kind zählte sie Mutter die Namen der Dörfer mit den dazugehörigen Haltestellen auf. Unser Dorf ist das schönste, endete sie jedes Mal. Mutter lachte. Merle ist auf der Heimfahrt, sie studiert und kommt nur an den Wochenenden nach Hause. Zwei Stunden Zugfahrt und dann noch die Fahrt mit dem Bus, jede Woche hin und zurück. Zugverspätungen wie heute, nur weil ein paar Schneeflocken fallen, machen Merle rasend. Zeit, die ihr genommen wird. Zeit mit der Familie und mit Uli natürlich. Seit einem Jahr sind sie verlobt.

Mal sehen, was am Wochenende los ist. Vielleicht fahren wir ins Nachbardorf, dort ist Disko im Kulturhaus. Wir könnten Sassi mitnehmen, überlegt Merle, das wünscht sich die kleine Schwester schon lange. Uli hat den Trabi, sie sind nicht auf den Bus angewiesen, der um zehn seine letzte Runde dreht. Saskia ist im ersten Lehrjahr. Sie möchte Verkäuferin werden.

Den kleinen Kaufmannsladen, mit dem Mutter schon spielte, liebte Saskia über alles. Stundenlang beschäftigte sie sich mit dem Laden. Alle mussten bei ihr einkaufen. Mutter bekam die besten Sachen, Geld verlangte Saskia von ihr nicht. Habe ich heute nicht, bekam Oma zur Antwort, wenn sie nach Waren fragte. Oma sagte beleidigt, dann gehe ich woanders einkaufen, dorthin, wo es nette Verkäuferinnen gibt. Mutter gab Oma von ihren reichlichen Waren ab, damit der Haussegen wieder hergestellt war. Das gefiel Saskia nicht, sie schloss den Laden.

Nun wird die kleine Schwester langsam erwachsen, versteht Dinge, über die man früher nicht mit ihr reden konnte.

Merle steigt aus dem Bus. Endlich angekommen. Sie läuft am Bach entlang. Auf der Brücke spielen Kinder. Sie kratzen den spärlich gefallenen Schnee zusammen, formen daraus Kugeln und lassen diese in den Bach plumpsen. Wie oft hat Merle dort mit Saskia gespielt. Merle war die Entenmutter und Saskia ihr kleines Entenkind. Sie watschelten den Abhang hinunter. Merle passte nicht auf und Saskia fiel in den Bach. Sie wollte die kleine Schwester aus dem Wasser ziehen und fiel selbst hinein. Pitschenass klebten die Sachen an ihren Körpern und der Schlamm quoll aus den Schuhen, sie fanden das toll. Zum Glück war es nicht so kalt wie heute. Merle sieht Mutter vor sich, als wäre es erst gestern passiert. Ihr war das Lachen vergangen, wie sollte sie die Schuhe bis zum nächsten Tag trocken bekommen. Wechselschuhe besaßen sie nicht.

Mit ernster Mine verkündete Mutter, Strafe muss sein, ihr geht heute barfuss ins Bett.

Saskia sah Mutter ängstlich an.

Wir gehen doch immer barfuss ins Bett, stupste Merle die Schwester an.

Mutter hat nie geschimpft. Mit Oma war es da anders. Merle erinnert sich. Saskia sollte Kartoffeln schälen. Das war neu für sie. Als jüngste Frau im Haushalt, blieb für sie wenig zu tun. Sie quälte sich mit den Kartoffeln.

Da kann man ja gleich das Beil zum Schälen nehmen, schimpfte Oma, als sie dazukam. Die Kleinen wollen auch in den Topf, wie kann man nur so ungeschickt sein.

Saskia weinte. Oma hatte gerade die Küche verlassen und die Tür hinter sich geschlossen, da warf Saskia ihr eine Kartoffel nach.

Beruhige dich, Sassi, Oma meint das nicht so. Du musst es lernen, tröstete Merle die Schwester.

Merle biegt in die Mühlgasse ein. Sie sieht Oma im Vorgarten hantieren. Seit ein paar Jahren ist Oma Rentnerin, das schmeckt ihr gar nicht. Mit grimmig aufgesetzter Miene erklärt sie: Ich gehöre nicht zum alten Eisen. Ich bin fit. Das, was die heute zu zweit in der Poststelle schaffen, könnte ich immer noch allein. Doppelter Einsatz bei der Haus- und Gartenarbeit, Oma muss beweisen, was sie noch kann.

Du bist fit wie mein Turnschuh, scherzt Merle oft mit ihr.

Im Vorgarten befreit Oma den neuen Plattenweg vom Schnee. Der Besen pendelt wie ein Uhrwerk gleichmäßig hin und her. Die Platten hatte Uli besorgt und auch verlegt, im Spätherbst, bevor der erste Frost kam. Merle war erst kurze Zeit mit ihm zusammen. Er war anders als die Jungen, mit denen sie vorher zusammen war. Groß, breite Schultern, kräftige Arme, treue blaue Augen, das imponierte Merle. Zielstrebig und verlässlich, das imponierte Oma. Sie sah es nie gern, wenn Merle Schulfreunde mit auf ihr Zimmer nahm. Und übernachten, das kam gleich gar nicht infrage. Ein Wachhund war harmlos gegen sie. Uli hatte Oma verzaubert. Er war der Erste, den sie ins Haus ließ, sogar, wenn Merle nicht da war.

Hör auf mich, mein Kind, halt dir den Jungen warm. So einen findest du so schnell nicht wieder.

Ich lass mich nicht verkuppeln, antwortete Merle damals ablehnend. Dabei wünschte sie sich nichts sehnlicher.

Oma fegt und fegt. Ihr Blick ist nach unten gerichtet. Merle steht am Gartenzaun und sieht zu. Erst jetzt erkennt Oma ihre Enkelin.

Du kommst aber spät!

Hallo Oma, mal wieder Zugverspätung.

Ich habe dir deinen Lieblingskuchen gebacken, Pflaumenkuchen aus Hefeteig. Karla und Saskia sind beim Arzt, sie müssen auch gleich kommen.

Ist jemand krank?

Heute früh waren sie noch mopsfidel.

Merle geht mit Oma ins Haus. Sie erzählt vom Studium. Oma ist stolz. Soweit hat es keiner aus der Familie gebracht.

Merle sitzt wartend am Küchentisch. Oma holt aus der Speisekammer das Blech mit dem Pflaumenkuchen. Sie schneidet den Kuchen auf und verteilt die Stücke auf einem Teller. Merle kann nicht länger warten und greift zu.

Lecker Oma, Merle wischt sich den Saft vom Kinn und verlangt ein zweites Stück. Nur du kannst ihn so backen. Du bist der beste Pflaumenkuchenbäcker auf der Welt.

Verrat das keinem, sonst stehen demnächst fremde Leute in Schlangen vor unserem Haus. Ich backe nur für die Familie. Oma und Merle lachen.

Mutter steht in der Küche. Ihr Gesichtsausdruck ist versteinert. Kein Willkommensgruß für Merle. Saskia hat sich gleich in ihr Zimmer verzogen. Mutter lässt sich kraftlos auf einen Küchenstuhl fallen.

Was ist los? fragt Oma.

Unsere Sassi ist schwanger, antwortet Mutter abwesend. Schweigen.

Das darf doch nicht wahr sein, Oma schüttelt ungläubig den Kopf. Mutter weint.

Ich habe mit dem Frauenarzt gesprochen, für einen Schwangerschaftsabbruch ist es zu spät.

Ich habe schon immer gesagt, das Mädchen kommt nach diesem Arno.

Oma, überleg dir, was du sagst!

Merle ist über sich selbst erschrocken, so ist sie Oma noch nie über den Mund gefahren.

Komm Mutter, wir gehen nach oben, sie nimmt die Mutter in den Arm und führt sie aus Omas Küche heraus.

Was habe ich nur falsch gemacht? Unaufhörlich stellt sich Mutter diese Frage.

Nichts, versucht Merle sie zu beruhigen. Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen, du hast alles für uns getan.

Damals, als dein Vater verunglückte, beginnt Mutter zu erzählen, ich glaubte, nie wieder lieben zu können. Oma dachte, ich bin wie sie. Enthaltsam bis zum Lebensende. Du hast das Kind, was brauchst du mehr, redete sie auf mich ein. Ich war noch so jung. Ich wollte allem entfliehen. Als ich Arno kennenlernte, schöpfte ich wieder Hoffnung. Ich wollte mit ihm ein neues Leben beginnen. Dass er verheiratet war und seine Frau auch ein Kind erwartete, erfuhr ich erst, als ich mit Sassi schwanger war.

Bis in die Nacht hinein reden Mutter und Tochter. Die anstrengende Woche mit den Klausuren hat Merle vergessen. Sie weiß, wie wichtig das Gespräch für die Mutter ist. Ihre Große, ihre Vertraute, das war sie immer. Mit ihr beredete Mutter all das, was sie mit Oma nicht konnte.

Merle macht der Mutter Mut.

Wir werden es schaffen, es gibt immer einen Ausweg. Wir haben schon so viel geschafft.

Merle gähnt, sie ist todmüde.

Mutter, wir müssen schlafen. Wir brauchen morgen einen klaren Kopf.

Trotz ihrer Müdigkeit kann Merle nicht einschlafen. Ein entspannendes Wochenende wollte sie zu Hause verbringen. Und nun das! Was mag Mutter durch den Kopf gehen? Sie wird auch nicht schlafen können. Das grelle Licht des Vollmondes scheint in Merles Zimmer. Gebrochen durch die Äste der Kastanie wirft es Schatten an die Wand. Der Wind spielt mit den Ästen und verändert dadurch unentwegt das Muster. Wie gefesselt starrt Merle auf die Wand. Als Kind fürchtete sie sich, wenn die Umrisse Gestalt annahmen. Sie verwandelten sich in gruslige Ungeheuer. Vor dem Holländer-Michel aus dem Schwarzwald, der den Menschen kalte Herzen einpflanzte, fürchtete sie sich am meisten. Merle kommt nicht zur Ruhe. Der Traum fällt ihr ein. Vater sitzt auf einem Ast in der Kastanie. Kindliche Vorstellungen. Wie sollte er sie beschützen, wenn er im Himmel ist?

Merle erinnert sich. Vier Jahre war ich alt. Es klingelte. Vor der Haustür standen ein Polizist und Vaters Chef vom Baubetrieb. Oma begleitete die Männer in ihre Wohnstube und rief nach Mutter. Ein Polizist in ihrem Haus, Merle fand es aufregend. Bei Oma und Mutter schien die Anwesenheit der Männer das Gegenteil zu bewirken, blass waren ihre Gesichter. Dies bedeutete nichts Gutes, soviel verstand Merle schon. Oma schickte sie aus dem Zimmer, sie sollte Spielen gehen. Merle war beleidigt und stand bockig vor der geschlossenen Tür. Sie konnte hören, was die Männer sagten.

Es tut uns leid, Ihnen diese schlimme Nachricht überbringen zu müssen. Ihr Mann hatte heute einen Arbeitsunfall. Beim Ausschachten ist er auf eine Starkstromleitung gestoßen. Sie war in unseren Bauplänen nicht eingezeichnet. Jede Hilfe kam zu spät, er war sofort tot. Wir werden Sie in allem unterstützen.

Mutter schrie, das ist nicht wahr, nicht mein Mann. Dann weinte sie nur noch.

Ein paar Tage später nahm Mutter Merle in den Arm und sagte, du hast auf der Erde keinen Vati mehr. Ab jetzt werde ich dein Beschützer sein. Vati wacht im Himmel über uns.

Mutter war stark. Sie war es auch bei Arno. Saskias Schwangerschaft wird sie verkraften, da ist sich Merle sicher. Die Familie wird wachsen. Drei Frauen im Haus, Oma, Mutter, Saskia, wäre ja gelacht, wenn sie das Kind nicht groß bekämen. Und ich bin auch noch da, denkt Merle, zumindest an den Wochenenden bis ich mein Studium abgeschlossen habe.

Am nächsten Tag sitzen sie zusammen am Mittagstisch. Oma hat Rouladen, Rotkraut und Thüringer Klöße gekocht. Gewöhnlich ein Festtagsessen der Familie. Festtagsstimmung will nicht aufkommen, nur das Nötigste wird gesprochen. Saskias Blick ist stur auf den Teller gerichtet, mit der Gabel stochert sie in der Roulade.

Uli kommt, sagt Mutter.

Sie sieht als Erste den Trabi vor dem Haus halten.

Uli, den habe ich ganz vergessen, ist mir noch nie passiert. Merle trägt ihren halb leeren Teller in die Küche. Oma beschwert sich: Keiner isst, morgen könnt ihr selber kochen.

Merle fängt Uli im Hausflur ab und führt ihn gleich in ihr Zimmer. Er ist sauer.

Ich habe dich gesucht gestern Abend. Auf mein Klingeln bei euch hat keiner gehört. Von einer Disco in die andere bin ich gefahren bei dem Sauwetter. Wir waren doch verabredet.

Beruhige dich, wir haben andere Sorgen.

Saskia ist schwanger, bringt sie nach einer Pause heraus.

Uli sieht sie ungläubig an.

So haben wir gestern auch geguckt. Ich konnte Mutter in dieser Situation nicht alleinlassen, ich habe die Nacht mit ihr verbracht.

Manuel, der Sohn vom Bürgermeister, war mit Saskia zusammen, erzählt Uli. Das war bei uns in der Freiwilligen Feuerwehr Gesprächsstoff. Vor einigen Wochen haben wir Manuel als neues Mitglied aufgenommen. Die Kameraden ziehen ihn auf, Muskeln wie Tarzan, aber hohl in der Birne, für nichts zu gebrauchen. Sein Alter regelt alles. Gestern, als ich dich suchte, sah ich ihn in der Disco. In einer dunklen Ecke knutschte er mit einem Mädchen aus dem Nachbardorf, das ist alles, was er kann. Nur gut, dass ich nichts wusste, ich hätte ihm eine in die Fresse gehauen.

Wir wissen doch gar nicht, ob Manuel der Vater ist, regt Merle sich auf. Sassi hat uns nichts erzählt. Und wenn, wird sie es nur Mutter anvertrauen. Auf deine brutale Art löst du auch keine Probleme, es ist passiert. Und außerdem geht es jetzt nicht um den Vater des Kindes, der ist egal, es geht um unsere Familie. Vielleicht wäre es besser, ich würde das Kind bekommen. Spinnst du? Mit dir kann man ja nicht vernünftig reden. Und deine Schwester hat es schon lange faustdick hinter den Ohren. Ich habe noch zu tun.

Uli knallt die Tür hinter sich zu und lässt Merle mit ihren Gedanken allein.

Nicht ich spinne, du spinnst, schreit Merle ihm nach. Am Sonntagabend steht er wieder vor ihrer Tür, als wäre nichts gewesen.

Ich fahr dich, dann musst du nicht den Bus nehmen. Ich habe das gestern nicht so gemeint. Ich war sauer, weil unser Wochenende futsch war.

Uli sucht vor dem Bahnhof einen Parkplatz, die ganze Fahrt über hat Merle kein Wort mit ihm gesprochen. Er begleitet sie in die Bahnhofshalle, trägt ihr die schwere Tasche die Treppen zum Bahnsteig hinauf. Gemeinsam warten sie auf den Zug, der sie wieder für eine Woche trennen wird. Seine kräftigen Arme umschlingen Merle. Sie spürt seine Lippen auf ihrer Wange. Abschied fällt schwer, nur heute nicht. Uli und das Studium sind weit weg. Sassi, geht es Merle durch den Kopf. Keiner hat sich um sie gekümmert. Was mag in ihr vorgehen? Warum ist sie nicht zu ihrer kleinen Schwester gegangen?

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺555,69

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
148 s. 14 illüstrasyon
ISBN:
9783942401272
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar