Kitabı oku: «Die Jugendlichen und ihre Suche nach dem neuen Ich»

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Die Autorin


Inge Seiffge-Krenke ist Professorin für Entwicklungspsychologie. Sie hat 2020 den EARA Lifetime Achievement Award für ihre herausragenden Beiträge zur Erforschung des Jugendalters erhalten. Sie ist Psychoanalytikerin (DPV) für Erwachsene, Kinder und Jugendliche und als Supervisorin in der Aus- und Weiterbildung tätig.

Inge Seiffge-Krenke

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2., aktualisierte Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-041752-6

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-041753-3

epub: ISBN 978-3-17-035715-0

Inhalt

1  1 Einleitung: Adoleszenz – die Zeit, in der die Identitätsentwicklung zentrale Bedeutung gewinnt

2 

3  2 Theorien zur Identitätsentwicklung

4 

5  2.1 Identitätsentwicklung als Lebensaufgabe nach Erik H. Erikson

6  2.1.1 Erik H. Erikson: Der Begründer der psychoanalytischen Identitätstheorie und seine ganz persönliche Identitätskrise

7  2.1.2 Das Phasenmodell der menschlichen Entwicklung

8  2.2 Die klassischen Theorien der Identitäts- entwicklung: Erikson und Marcia

9  2.2.1 Eriksons Konzept der Identitätsentwicklung im Jugendalter

10  2.2.2 Der Ansatz von Marcia

11  2.2.3 Weitere Identitätskonzeptionen

12  3 Selbst und Identität in der Kindheit und im jungen Erwachsenenalter und die Zentralität der adoleszenten Identitäts- entwicklung

13 

14  3.1 Selbst- und Identitätsentwicklung in der Kindheit

15  3.1.1 Selbstwahrnehmung in der frühen Kindheit

16  3.1.2 Selbstwahrnehmung und Selbstcharakterisierung in der mittleren Kindheit

17  3.2 Die Zentralität der Adoleszenz für die Selbst- und Identitätsentwicklung

18  3.2.1 Bedeutende Entwicklungsvoraussetzungen für die Zentralität der Adoleszenz

19  3.2.2 Spannungsbogen zwischen nicht abgeschlossener Hirnentwicklung, Verfrühung der körperlichen Reife und Verspätung der Identitätsentwicklung

20  3.3 Und wie geht’s weiter im jungen Erwachsenenalter?

21  3.3.1 Identität als Kombination von Exploration und Commitment

22  3.3.2 Auffallende Veränderungen in den letzten Jahren: Mehr Exploration, Instabilität und eine starke Selbstfokussierung bei jungen Erwachsenen

23  4 Die Suche nach dem neuen Ich bei männlichen Jugendlichen

24 

25  4.1 Die Veränderung der Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen und ihre Folgen für die Identitätsentwicklung

26  4.1.1 Sind Söhne noch der »Spiegel« des Vaters?

27  4.1.2 Sind »neue Väter« förderlicher für die Identität von Söhnen?

28  4.1.3 Exploration und die Bedeutung des Väterlichen

29  4.1.4 Väter, die die Identitätsentwicklung ihrer Söhne nicht stützen können

30  4.2 »Haben und Zeigen«: Identitätsentwicklung und Körperselbst im Kontext von Freunden und der Clique

31  4.2.1 Veränderte Selbstwahrnehmung und Körperwahrnehmung

32  4.2.2 Freunde als Ansprechpartner, mit Freunden geteilte neue Erfahrungen

33  4.2.3 Bedeutung der Jungenclique: »Haben und Zeigen«

34  4.3 Oszillieren zwischen Identitätsbarrieren und -erweiterungen: Homophobie und riskantes Verhalten

35  4.3.1 Vermeidung zu großer Nähe bei der Identitätskonstruktion, riskante Explorationen

36  4.3.2 Identität im Gewaltkontext: Bullying

37  4.4 Erweiterung der Identität durch Zugang zu romantischen Partnern

38  4.5 Aggression, die »Leerstelle Vater« und ihre Bedeutung für die Identitätsentwicklung

39  4.6 Stabilität und Veränderung der Identitäts- dimensionen im Jugendalter, langsamere Entwicklung der Jungen

40  5 Die Suche nach dem neuen Ich bei weiblichen Jugendlichen

41 

42  5.1 Identitätsherausforderungen durch die körperliche Reife: Bedeutung der Körperscham, von Narzissmus und Entfremdung

43  5.1.1 Attraktivität, Figurprobleme und Körper- entfremdung als typische Merkmale des adoleszenten Körperkonzeptes

44  5.1.2 Bedeutung der Körperscham

45  5.1.3 Das negativere Körperbild von Mädchen: Seit Jahrzehnten konstant

46  5.1.4 Die Vermarktung des weiblichen Körpers

47  5.2 Ein neuer Blick auf das Selbst: Die relationale Identität der Mädchen in Freundschaftsbeziehungen

48  5.2.1 Die Berücksichtigung des Erlebens anderer, Schamentwicklung und Fortschritte in der Kontrolle von negativen Emotionen

49  5.2.2 Strenge Normen und starke Geschlechts- typisierungen in der Gruppe der Mädchen

50  5.2.3 Intimer Austausch und Co-rumination: Potentiale und Gefahren für die Identitätsentwicklung

51  5.3 Identifikatorische Prozesse, aber auch Gefahren durch die Gleichgeschlechtlichkeit von Mutter und Tochter

52  5.3.1 Eltern als Identitätsbremse – besonders stark bei Mädchen

53  5.3.2 Wenn die Differenzierung misslingt: Die Tochter als Selbstobjekt der Mutter

54  5.4 Unterstützung der Weiblichkeit und die selektive Identifizierung mit dem Vater

55  5.4.1 Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung der Weiblichkeit seiner Tochter

56  5.4.2 Die tüchtige Tochter: Identifizierung mit Differenz

57  5.5 Der Beitrag der romantischen Partner: Noch Platz fürs Selbst?

58  5.5.1 Positive und negative Einflüsse von Partnerschaften

59  5.5.2 Verwirrende Gefühle: »Freunde« oder »Lover«?

60  5.5.3 Noch Platz fürs Selbst: Ein spezifisch weibliches Problem?

61  5.6 Verringerung der Geschlechtsunterschiede über die Jugendzeit, verstärkte Exploration der Mädchen

62  6 Sexuelle Identität und bisexuelles Schwanken als normales Entwicklungs- phänomen

63 

64  6.1 Männliche oder weibliche Identität

65  6.1.1 Entwicklungsverlauf und Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen

66  6.1.2 Homosexualität und Bisexualität als sexuelle Orientierung

67  6.1.3 Transgender und das dritte Geschlecht

68  6.2 Bisexuelles Schwanken als Entwicklungs- phänomen

69  6.2.1 Ursprünge des Konzepts der Bisexualität bzw. des bisexuellen Schwankens

70  6.2.2 Bisexuelles Schwanken speziell im Jugend- alter: das Fünfphasenmodell von Blos

71  6.3 Einige Illustrationen: Bisexuelles Schwanken bei Horney und Colette, ihre Verdeutlichung im Mädchentagebuch

72  6.3.1 Bisexuelles Schwanken bei Karen Horney

73  6.3.2 Bisexuelles Schwanken bei Colette

74  6.3.3 Bisexuelles Schwanken in Mädchentage- büchern

75  6.4 Bisexuelles Schwanken und der Verzicht auf die Phantasie, beide Geschlechter zu sein

76  6.4.1 Bisexualität und vollständiger Ödipuskomplex

77  6.4.2 Die Bedeutung der Doppelidentifikation und der Optimierungsdruck

78  7 Schule, Werte, Sinn

79 

80  7.1 Identität und Schule

81  7.1.1 Bloß kein Streber sein

82  7.1.2 Schulstress, Zukunftsangst und Orientierungsprobleme

83  7.2 Werte, Ideale, Religion – noch eine Stütze der Identität?

84  7.2.1 Jugendliche Identitäten im Veganismus

85  7.2.2 Politische Verantwortung übernehmen: Fridays for future

86  7.2.3 Sinnkrisen und religiöse Werte

87  8 Auf der Suche nach Resonanz: Identitäts- konstruktion durch alte und neue Medien

88 

89  8.1 Identitätsexploration: Die Sicht auf das Selbst in Tagebüchern

90  8.1.1 Das fortgesetzte Gespräch zur Exploration der eigenen Identität

91  8.1.2 Analysen zur Ich-Entwicklung in Jugend- tagebüchern verschiedener Generationen

92  8.2 Das Internet als ideales Medium zur Identitätsentwicklung?

93  8.3 Im Spiegel der anderen: Soziale Medien und Smartphones

94  8.3.1 In ständiger Verbindung bleiben: das Smartphone

95  8.3.2 Im Spiegel der anderen: Selbstvergewisserung mit der Kamera

96  8.3.3 Narrative Identität, die Verführung zur beschönigenden Selbstdarstellung und die Erfindung von Biographien

97  8.4 Gefährliche Foren

98  8.5 Warum in der Adoleszenz und warum mehr Mädchen?

99  9 Das »narzisstische Zeitalter« und ein verändertes Elternverhalten als Einfluss- faktoren auf die Identitätsentwicklung

100 

101  9.1 Identitätsentwicklung und narzisstische Phänomene in der Adoleszenz

102  9.1.1 Empirische Belege für die Perspektive der Spiegelung des Selbst im anderen

103  9.1.2 Weitergehende starke Selbstfokussierung und Exploration der eigenen Identität im jungen Erwachsenenalter

104  9.2 Das »Zeitalter des Narzissmus« und familiendynamische Veränderungen, die zu einer erhöhten Selbstfokussierung und einer verzögerten Identitätsentwicklung beitragen

105  9.2.1 Gesellschaftliche Veränderungen: Das »narzisstische Zeitalter«

106  9.2.2 Familiendynamische Einflüsse: Narzisstischer »Missbrauch« durch die Eltern, elterliche Separationsängste und zu viel Unterstützung

107  9.3 Ineinandergreifen von normaler und pathologischer Entwicklung

108  9.3.1 Der ganz normale Narzissmus?

109  9.3.2 Wenn man nichts wert ist

110  10 Der Einfluss des kulturellen Kontexts auf die Identitätsentwicklung

111 

112  10.1 Entwicklung der ethnischen Identität: Besonderheiten bei adoptierten Jugendlichen

113  10.2 Herausforderungen für Jugendliche mit Migrationshintergrund

114  10.3 Identität und Familienbeziehungen in verschiedenen Kulturen

115  10.3.1 Ähnliche Identitätsentwicklung bei Jugendlichen aus vielen Ländern

116  10.3.2 Eltern als Identitätsbremse – ein universelles Phänomen?

117  10.4 Identitätsstress: Der Blick über den Tellerrand

118  11 Integration und Ausblick

119 

120  Die Bedeutung konzeptueller Differenzierungen

121  Die Schnittstelle zwischen Normalität und Pathologie

122  Warum ist die Adoleszenz so zentral für die Identitätsentwicklung?

123  Differentielle Befunde: Unterschiede in der Identitätsentwicklung von Jungen und Mädchen

124  Geschlechtsidentität – keine einfache Entwicklung

125  Wertorientierungen und ihre Bedeutung für die Identitätsentwicklung

126  Die Spiegelmetapher und die neuen Medien

127  Sind Eltern hilfreich bei der Identitätskonstruktion?

128  Universalität von Identitätsexploration und problematischem elterlichen Einfluss

129  Literatur

130 

1
Einleitung: Adoleszenz – die Zeit, in der die Identitätsentwicklung zentrale Bedeutung gewinnt

Auf die Idee, die Adoleszenz sei erst der »Vorwaschgang« für die Identitätsentwicklung, könnte man kommen, wenn man sich die Forschung zur Identitätsentwicklung anschaut. So wurden zwar in der Meta-Analyse zur Identitätsentwicklung von Jane Kroger und Kollegen (2010) auch Jugendliche einbezogen, der Schwerpunkt lag aber deutlich im jungen Erwachsenenalter. Die Ergebnisse sind über die vielen einbezogenen Länder hinweg recht einheitlich und zeigen, dass die Identitätsentwicklung bei Jugendlichen im Sinne einer Operationalisierung der Eriksonschen Konstrukte (als Kombination von Exploration und Commitment) gerade erst zaghaft begonnen hat und bis zu ihrem Abschluss noch fast 20 Jahre vergehen werden. Auch dann entwickeln Menschen ihre Identität weiter, besonders heute, wo die Brüchigkeit von Beziehungen und beruflichen Perspektiven häufig Neuorientierungen und Anpassungen in der Identität erfordern.

Dennoch, Erikson, dessen Konzeption diesem Buch zugrunde liegt, hatte meiner Ansicht nach recht: Auch wenn die Identitätsentwicklung prinzipiell ein lebenslanger Prozess ist, kommt der Adoleszenz diesbezüglich doch eine besondere Bedeutung zu. Heute verorten wir die Identitätsentwicklung keineswegs deshalb zentral in der Adoleszenz, weil wir sie, wie Erikson, als in der Adoleszenz für weitgehend abgeschlossen halten, sondern deshalb, weil es keinen Lebensabschnitt gibt, in dem so viele sozial-kognitive Lernprozesse in schneller Folge durchlaufen werden, die für die Entwicklung der Identität aus Beziehungen wichtig und notwendig sind.

Meine These ist, dass sich Identität aus Beziehungen entwickelt (Seiffge-Krenke, 2012a), und die Voraussetzungen für diese relationale Identität sind in keinem Lebensabschnitt so bedeutsam und veränderbar wie in der Adoleszenz. Tatsächlich sind sogar die raschen emotionalen und kognitiven Lernprozesse eine Voraussetzung dafür, dass sich die Identität der Jugendlichen so rasch verändern kann – körperlich, aber auch psychisch und sozial. Auch Susan Harter beschäftigte sich eingehend mit den Facetten dieser Entwicklung und beschrieb und untersuchte die »possible selves« (Harter et al., 1997), die sie zum einen auf kognitive Fortschritte, zum anderen auf den Sozialisationsdruck der Adoleszenz (d. h. die zunehmende Anpassung an erwachsene Rollen und Werte) zurückführt.

Bei der Untersuchung der Lernprozesse, die zum adoleszenten Identitätsstatus führen, ist auffällig, dass in der frühen Kindheit eher die Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung, in der mittleren und späten Kindheit und verstärkt auch noch in der Adoleszenz eher das Selbstkonzept untersucht wurden. Alle drei Komponenten sind wichtig, aber Identität ist noch umfangreicher und komplexer und umfasst sehr viele verschiedene Facetten.

Erikson (1968) definierte Identität als »ein Gefühl für sich selbst, das aus der Integration vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Erfahrungen resultiert« (S. 36), und betonte sowohl Kontinuität als auch Veränderung über Zeiten und Kontexte. Wir werden also einen komplexeren Ansatz wählen, um diese Gleichheit und Kontinuität über Zeiten und Kontexte zu verdeutlichen. Er wird die geschlechtsspezifische Identitätsentwicklung, die Einflüsse der Familie durchaus auch im Sinne einer »Identitätsbremse« (Seiffge-Krenke, 2012a) und die starke Abhängigkeit der Identitätsentwicklung vom Entwicklungskontext, kulturellen Einflüssen und den Wandel in der Identitätsentwicklung über die Lebenspanne aufgreifen und zeigen, welche zentrale Entwicklungsprozesse in der Adoleszenz stattfinden – auch wenn die Identitätsentwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Spiegelmetapher, die für die Entwicklung im Säuglings- und Kleinkindalter wichtig ist für die Unterscheidung von Ich und Nicht-Ich, erfährt in der Adoleszenz durch die besonderen Fähigkeiten von Jugendlichen eine ganz neue Erweiterung. Sehr viele verschiedenen Perspektiven von anderen Menschen wahrzunehmen, zu integrieren und sich »im Spiegel der anderen« zu sehen und zu erkennen, wird wichtig und lässt sich zum einem an der ungewöhnlich hohe Rate an selbstreflexiven Aktivitäten, aber auch an der intensiven Nutzung der sozialen Medien festmachen.

Dieser Entwicklungsprozess ist nicht ohne Gefährdungen, wie wir am Ende sehen werden. Die Adoleszenz als zentrale Schnittstelle für die Identität kann also zur beschleunigten Weiterentwicklung, aber auch zur Stagnation, ja zur Krise mit psychischen und körperlichen Symptomen führen.

2
Theorien zur Identitätsentwicklung

Die klassischen Theorien der Identitätsentwicklung, jene von Marcia und Erikson, sind auch Grundlage dieses Buches. Die Theorie von Erikson ist jedoch umfangreicher als jene von Marcia, denn sie schließt ein Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung ein, in der die Identitätsentwicklung nur eine, wenngleich zentral wichtige Phase darstellt. Außerdem, und dies ist für unsere heutigen multikulturellen Gesellschaften wichtig, hat er eine eindeutige kulturelle Perspektive in seinem Werk und sieht die Identitätsentwicklung immer als abhängig vom kulturellen und Entwicklungskontext.

Ich möchte zunächst auf Erikson selber, seinen Lebensweg, seine Schriften eingehen, bevor das Stufenmodell und dann seine spezifischen Annahmen zur Identitätsentwicklung dargestellt werden. Es ist tatsächlich wichtig, die Identitätsentwicklung in einen größeren Kontext zu stellen, denn sie beginnt und endet keineswegs mit der Adoleszenz. Dies gilt heute in noch viel stärkerem Masse als zu Zeiten Eriksons. Die Adoleszenz schafft nur, wie in Kapitel 3 ( Kap. 3) dargestellt, die besonderen Voraussetzungen für ein beschleunigtes Voranschreiten der Identität, und die sind auch notwendig, denn in dieser Phase kommen gänzlich neue Aufgaben auf das Individuum zu. Nach Erikson haben Marcia und in der Folge einige andere Forscher die Identitätskonzeptionen übernommen. Auch dies wird Gegenstand dieses Kapitels sein. Die detaillierten Untersuchungsergebnisse finden sich dann aber ausführlich in Kapitel 3 ( Kap. 3).

2.1 Identitätsentwicklung als Lebensaufgabe nach Erik H. Erikson

Erik Homburger Erikson (* 15. Juni 1902 bei Frankfurt am Main; † 12. Mai 1994 in Harwich, Massachusetts, USA) war einer der bedeutendsten Vertreter der psychoanalytischen Ich-Psychologie nach dem 2. Weltkrieg. Mit seiner Weltoffenheit, seiner kreativen Energie und seinem liebenswürdigen Humor gilt er als einer der letzten Grandseigneurs seines Fachgebietes (Conzen, 2002). Erikson hat es verstanden, klinische Tätigkeit, gesellschaftskritisches Engagement und ethische Prinzipen zusammenzubringen. Er trat gegen Gewaltherrschaft, Krieg und Rassismus ein und prägte in den 1960 und 1970er Jahren das Denken einer ganzen Generation und insbesondere auch die amerikanische Studentenbewegung. Als er 1992 im Alter von fast 92 Jahren starb, würdigte der damalige Präsident Bill Clinton ihn als herausragenden Wissenschaftler und steten Anwalt der Humanität. Das von ihm entwickelte Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nimmt innerhalb seiner Theorie einen besonderen Platz ein, darin ist die Identitätsentwicklung im Jugendalter zentral. Biographische Erfahrungen und Brüche beeinflussten seine Identität und entsprechend auch sein Werk.

2.1.1 Erik H. Erikson: Der Begründer der psychoanalytischen Identitätstheorie und seine ganz persönliche Identitätskrise

Wenn wir gegenwärtig, wie noch genauer zu schildern sein wird, eine veränderte Identitätsentwicklung mit einer relativ langen Phase der Exploration, des Ausprobierens, für charakteristisch halten, so sollte dies nicht den Blick darauf verstellen, dass es schon immer Personen gab, die eine ausgedehnte Explorationsphase durchmachten, in der sie sich fragten, wer sie seien und welche Ziele sie in ihrem Leben anstreben wollten. Allerdings war eine solche Entwicklung eher die Ausnahme, und, wie man anhand der Biographie von Erikson sehen kann, durchaus auch quälend. Vielleicht waren aber die vielen biographischen Brüche und die von ihm selbst als belastend erlebte Unschlüssigkeit und Unklarheit, welchen Beruf er ergreifen sollte, die persönliche Grundlage dafür, dass er sich dem Identitätsthema widmen konnte.

Erikson wurde 1902 bei Frankfurt/Main geboren. Er war der Sohn einer dänischen Jüdin, die sich kurz zuvor von ihrem dänischen Ehemann getrennt hatte, der allerdings nicht der leibliche Vater von Erikson war. Sein ganzes Leben lang hat Erikson die Frage, wer sein Vater war, sehr beschäftigt, er stellte viele Nachforschungen an, und es belastete ihn, dass er diese Frage nie wirklich klären konnte. Die ersten drei Jahre seines Lebens trug er den Nachnamen seiner Mutter, er hieß also Erik Abrahamsen, nach deren Heirat mit dem Kinderarzt der Familie 1905 hieß er Erik Homburger. Auch sein Stiefvater war Jude, und manche antisemitischen Angriffe während seiner Schulzeit in Karlsruhe machten aus ihm einen scheuen und zurückhaltenden Jugendlichen. Hier lernte er mit 16 Jahren Peter Blos kennen, der aus Karlsruhe stammte, mit dem er später intensiv zusammenarbeiten sollte und der ebenfalls eine Differenzierung in Phasen mit spezifischen Entwicklungsanforderungen und Aufgaben formulierte, allerdings lediglich für das Jugendalter.

Nach seinen Schuljahren geriet Erikson in eine Krise, weil er sich für keinen Beruf entscheiden konnte. Eriksons Eltern hatten genaue Vorstellungen von seiner beruflichen Ausrichtung, mit denen er sich jedoch nicht anfreunden konnte. Durch seine Weigerung, die von den Eltern gewünschte Arztlaufbahn einzuschlagen, geriet er nach dem Abitur in ein langes krisenhaftes Moratorium. Er versuchte sich als Künstler, brach aber immer wieder den Versuch, eine künstlerische Ausbildung an einer Kunstakademie zu absolvieren, ab und unternahm eine Wanderung durch Europa. Diese Wanderjahre, in denen er sich immer wieder als Künstler versuchte, waren durch eine innere Unausgeglichenheit gekennzeichnet, die ihn später, wie er schreibt (Erikson, 1982), zu dem Thema der Identitätskrise disponierte.

Später holte ihn Peter Blos nach Wien, wo er als Lehrer an der Burlingham-Rosenfeld-Schule arbeitete, deren Direktor sein Freund Peter Blos war. Erikson war zu jener Zeit Mitte zwanzig und verstand sich selbst als Künstler. Er arbeitete mit Holzschnitten und stellte verschiedentlich aus, u. a. in München zusammen mit Max Beckmann und Wilhelm Lehmbruck. Erikson war zwar weiterhin an der Kunstakademie eingeschrieben, machte sich aber, rastlos wie er war, immer wieder auf die Wanderschaft und verbrachte eine Zeit in der Toskana. Rückblickend schreibt er: »Ich war zu jener Zeit wohl ein ›Bohemien‹.« Erst in der Wiener Zeit und nur mit Hilfe seines Freundes Peter Blos habe er »regelmäßig arbeiten« gelernt (Erikson1982, S. 27).

Die frühe Psychoanalyse mit ihren unkonventionellen Ansichten, die insbesondere die sexuelle Prüderie und Doppelmoral entlarvte, übte auf Erikson einen großen Reiz aus. Die dort vertretenen Ideen halfen ihm dabei, Klarheit über sich selbst zu gewinnen und seine berufliche und weltanschauliche Identität zu formen. Er machte seine Lehranalyse bei Anna Freud und unterzog sich einer Ausbildung zum Psychoanalytiker. In dieser Zeit, etwa 1927, hatte er eine schwere depressive Krise und lernte auch seine spätere Frau Joan, eine Kanadierin, kennen. Seine Heirat in diesen Jahren war ein weiterer Faktor für nun zunehmende Stabilität in seinem Leben. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Das jüngste Kind, Neil (* 1944), litt an einem Down-Syndrom und es blieb eine belastende Erfahrung für die gesamte Familie, dass Neil in ein Heim gegeben wurde und jung, mit 21 Jahren, starb.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten verließ die Familie mit dem ältesten Sohn Kai Wien und emigrierte in die USA. Dieser Wechsel war auch mit einer Veränderung des Nachnamens der Familie verbunden. Der bisherige Name »Homburger« wurde für alle in »Erikson« (»Eriks Sohn«) umgeändert, lediglich Erikson behielt den Namen »Homburger« als mittleren Bestandteil seines Namens bei.

Eriksons Ideen über Kultur und Gesellschaft wurden beflügelt durch die Bekanntschaft mit Alfred Kroeber, einem deutschen Anthropologen, der in Berkeley einen der letzten Überlebenden der Yahi-Indianer in die westliche Zivilisation gebracht und die Anpassungsversuche von Ishi beobachtet und beschrieben hatte. Gemeinsam mit Kroeber lebte er im Jahr 1938 eine Zeitlang mit einer Untergruppe der Sioux-Indianer, den Oglaja, im Pine Ridge Reservat, Süd Dakota, zusammen und analysierte deren Zusammenleben und die Kindererziehung, die er in Kindheit und Gesellschaft darstellt. In diesem Buch beschreibt er auch den an der Westküste lebenden Indianerstamm der Yurok, die andere Erziehungshaltungen ihren Kindern gegenüber hatten als die Oglaja. Wie sich dieses so andere Erziehungsverhalten in einem anderen kulturellen und Lebenskontext auswirkte, schildert er eindrucksvoll. Beide Indianerstämme hatten sehr verschiedene Lebensräume und entwickelten auch sehr verschiedene Identitäten und Persönlichkeitsmerkmale.

Nach seiner Emigration war Erikson zunächst als Psychotherapeut und Dozent tätig und hatte später eine Professur in zwei sehr renommierten amerikanischen Hochschulen (Harvard und Berkely) inne, eine ganz ungewöhnliche und in Deutschland ohne akademische Ausbildung undenkbare Karriere. Zu diesem Zeitpunkt gab es durch die Emigration vieler jüdischer Psychoanalytiker wie Karen Horney, Erich Fromm, Wilhelm Reich bereits Erweiterungen des klassischen Ansatzes, für Erikson blieb das Werk von Sigmund Freud aber seine wichtigste geistige Prägung. Er entwickelte Freudianische Ideen weiter, mit seiner Stufenfolge der Entwicklung und der Identitätstheorie bezeichnete er sich als Stiefsohn Freuds. Erikson wurde 1956 nach Frankfurt eingeladen, um den Festvortrag zum 100. Geburtstag von Sigmund Freud zu halten. Zahlreiche Ehrungen und Preise, z. B. 1970 der Pulitzer Preis für seine Arbeit über Ghandi, krönten das Lebenswerk des genialen Autodidakten (Conzen, 2017). In seinen späteren Lebensjahren, etwa ab 1980, zog sich Erikson zunehmend zurück und litt wieder stärker unter Depressionen und Gefühlen der Wertlosigkeit, die ihn auch früher schon begleitet hatten. Möglicherweise setzte er sich während dieser Zeit wieder verstärkt mit Fragen der Identität auseinander. In der letzten Stufe seines psychosozialen Modells der Entwicklung geht es wiederum verstärkt um Identität und die Frage der Akzeptanz und Zufriedenheit mit dem eigenen realisierten Identitätsentwurf. In dieser Zeit war seine Frau Joan seine wertvollste Stütze, sie setzte die Arbeit an dem Stufenmodell der psychosexuellen Entwicklung fort und beschäftigte sich besonders mit der letzten Phase, dem Übergang zum Tod. Sie starb 3 Jahre nach ihrem Mann, im Jahre 1997.

In Identität und Lebenszyklus gibt er einigen Aufschluss über ein Thema, dass ihn persönlich wohl auch sehr beschäftigt haben mag. Er schildert verschiedene Fallvignetten aus seinen psychotherapeutischen Behandlungen, in denen Unterdrückte, Ausgestoßene unbewusst das negative Bild übernehmen, das die Gesellschaft oder verschiedene Gruppen ihnen zuschreiben. Für einen Patienten, einen hochgewachsenen Ranger, verlief das Leben äußerlich erfolgreich, aber er war innerlich von Ängsten, Zweifeln und Zwängen geplagt. Nur seine Frau wusste, dass er als Jude geboren und in einer Judenstraße in einer Großstadt aufgewachsen war. In der Analyse wurde deutlich, dass seine Freunde und Gegner unbewusst die Rolle der deutschen Jungen einnahmen, die den kleinen Jungen auf seinem Schulweg quälten – der Weg, wie er schreibt, »von einer abgelegenen und vornehmeren Judenstrasse durch feindliche Häuserruinen und Bandenkriege zu einem kurzfristigen Aufenthalt in einem demokratischen Klassenraum« (Erikson, 1971, S. 30). Die Analyse dieses Mannes zeigte auf betrübliche Weise das negative Bild einer jüdischen Identität, eines jüdischen Aussehens, dem dieser Patient sogar durch Schönheitsoperationen abhelfen wollte. Hier wird deutlich, dass die Identität auch das körperliche Ich umfasst, und bereits Freud betonte, dass das erste Ich vor allem ein körperliches ist. Selbstkonzept und Körperkonzept sind also untrennbar in der Identität miteinander verschmolzen.

2.1.2 Das Phasenmodell der menschlichen Entwicklung
Die acht Phasen der psychosozialen Entwicklung nach Erikson (1959, dt. 1971)

Identität war für Erikson nicht nur durch Kontinuität und Wandel gekennzeichnet (man verändert sich und bleibt sich selbst dennoch treu), sondern auch durch Kohärenz, d. h. man erlebt sich als der oder die Gleiche, in ganz unterschiedlichen Rollen und Kontexten. Ich möchte daran erinnern, dass der Begriff der Kohärenz auch für die Bindungstheorie und -forschung von Bedeutung ist. Die Identität ist damit das organisierende Prinzip der menschlichen Entwicklung.

Für die Generation von Erikson waren kulturelle Brüche, Verfolgung und Ablehnung Alltagserfahrungen, und dies macht sein Werk heute so wertvoll. Erikson hat einmal formuliert, dass sich die Identität als Schnittpunkt zwischen eigenen Wünschen und dem, was die Umwelt gestattet, entwickelt, und damit den Balanceakt zwischen individuellen Wünschen und Zielen in der Selbstverwirklichung und den gesellschaftlichen Barrieren auf den Punkt gebracht. Gegenwärtig sind in den postmodernen Gesellschaften rasche gesellschaftliche Umbrüche, ökonomische Krisen und Kriege und eine kontinuierliche Migration in die westlichen Industrienationen kennzeichnend, so dass eine große kulturelle Diversität entstanden ist. Erikson warnte vor der unkritischen Ausblendung von Ängsten und Konflikten, und so ist es auch zu verstehen, dass er in seinem Phasenmodell bei jeder Entwicklungsstufe, die von ihm als normative Krise bezeichnet wird, Polaritäten einer geglückten und einer problematischen Entwicklung unterscheidet.

Peter Blos’ Buch On Adolescence: A Psychoanalytic Interpretation, 1962 erschienen, auch noch heute ein Standardwerk über die psychoanalytische Konzeption des Jugendalters, enthält auch eine Differenzierung in Phasen mit spezifischen Entwicklungsanforderungen und Aufgaben. Für das Phasenmodell von Erikson war charakteristisch, dass die 8 Phasen altersspezifisch aufeinander aufbauen, d. h. die Lösung einer altersspezifischen Krise die Voraussetzung für das Voranschreiten der Entwicklung und die Lösung der folgenden Krise ist. Kritisch ist zu bemerken, dass die Vorstellungen der persönlichen Reife teilweise etwas Normatives haben und insbesondere in den letzten 3 Phasen stark am Familienzyklus orientiert sind. Die ersten Phasen sind auch noch sehr deutlich an die Freud’sche Entwicklungstheorie angelehnt.

Phase 1: Ur-Vertrauen vs. Ur-Misstrauen (1. Lebensjahr)

In dieser Phase erlebt das Kind in enger Interaktion mit der Mutter das Gefühl des Ur-Vertrauens. Freud hat diese Phase als orale Phase bezeichnet, und tatsächlich ist das Stillen ein Stück Objektbeziehung: »An diesem Punkt lebt und liebt es mit dem Munde, und die Mutter lebt und liebt durch ihre Brust« (Erikson, 1971, S. 63). Dies zeigt die wechselseitige Regulation zwischen Mutter und Säugling in einer Beziehung, in der Körperkontakt, Erfüllen wichtiger körperlicher Bedürfnisse des Kindes in einer verlässlichen Beziehung im Vordergrund stehen bzw. die Anfänge des Misstrauens, von körperlichen Unlustzuständen und Spannungszuständen gelegt werden. Werden Bedürfnisse nach körperlicher Nähe, Geborgenheit, Schutz und Nahrung verweigert, weil die Mutter Probleme mit ihrer Rolle hat oder weil äußere Umstände dies verhindern, können frühe Verlassenheitsängste und diffuse Ohnmachtszustände entstehen.

Phase 2: Autonomie vs. Scham und Zweifel (1. bis 3. Lebensjahr)

Diese Phase lehnt sich, aufbauend auf vertrauensvollen frühen Beziehungen, an die anale Phase von Freud an, in der es um Festhalten und Hergeben geht und das Kind einen autonomen Willen entwickelt. Wird die Körperbeherrschung von den Eltern lobend unterstützt, entwickelt sich zunehmend Autonomie, d. h. das Kind erkundet mit ersten tastenden Schritten seine Umwelt. Zugleich kann es nun, bei beginnender Schamentwicklung, zu Unsicherheiten und Zweifeln beim Kind kommen, wenn es etwa sehr streng kontrolliert, eingeengt oder wegen kleiner Fehler beschämt wird. Erziehungsmethoden, die dem Kind ein »vernichtendes Gefühl des Beschämtseins« (Erikson, 1971, S. 79) vermitteln, hält er für gefährlich: »Die Scham beutet ein zunehmendes Gefühl des Kleinseins aus, das sich paradoxerweise gerade dann entwickelt, wenn das Kind stehen lernt und nun des Verhältnisses seiner eigenen Größe und Kraft zu der seiner Umwelt gewahr wird« (ebenda, S. 80). Das Kind muss erleben können, dass es selbst explorieren und die Umwelt erkunden darf, ohne dass durch seine zunehmende Autonomie die vertrauensvolle Beziehung zu den Eltern bedroht oder verändert wird.

Phase 3: Initiative vs. Schuldgefühle (3. bis 5. Lebensjahr)

Hier orientiert sich Erikson an Freud; sein Fokus liegt stark auf der Bewältigung oder dem Scheitern des Ödipuskomplexes mit den entsprechenden Konsequenzen für die Über-Ich- und Gewissensbildung. Gerade die zunehmende Autonomie, die das Kind nun erreicht hat, verbunden mit zunehmenden Fertigkeiten in Bezug auf Sprache, Bewegungsfreiheit und Vorstellungswelt machen es dem Kind in dieser Stufe möglich, seine Beziehungen sehr zu erweitern. Die Wissbegier ist auffallend und bezieht sich auch auf Sexualität, Zeugung und Geburt. Das (sexuelle) Interesse am jeweils anderen Elternteil ist geweckt, und Jungen scheinen durch ihr sicht- und greifbares Genitale besser ausgestattet als Mädchen. Ähnlich wie Freud beschrieb Erikson die Entwicklung in dieser Phase etwas stärker aus der Sicht des Jungen. Durch die Identifizierung mit den elterlichen Geboten und auf der Basis der bereits vorhandenen Schamentwicklung entstehen nun Schuldgefühle wegen kleiner Missetaten, wird die Eigeninitiative gebremst.

Phase 4: Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (6. Lebensjahr bis Pubertät)

Ab dem 6. Lebensjahr wächst das Wissen enorm, Jungen und Mädchen wollen ihre Talente ausprobieren, haben Freude an der Arbeit und Kreativität. Dieser Werksinn nach Erikson ist in allen Kulturen ausgeprägt, und alle Kulturen unternehmen auch eine systematische Unterweisung im Arbeiten, im Werkzeuggebrauch, in handwerklichen Fertigkeiten. Vor allem die Schule ist der Ort, in dem sich das Kind deutlich als kompetent bzw. inkompetent, überlegen bzw. unterlegen in Bezug auf die eigenen Fertigkeiten fühlt. Aber auch im Freizeitbereich, bei Hobbies und sportlichen oder musikalischen Aktivitäten mit Gleichaltrigen kann das Kind Anerkennung oder Minderwertigkeit und Scheitern erleben.

Phase 5: Ich-Identität vs. Ich-Identitätsdiffusion (Jugendalter)

Mit Eintreten in die Pubertät werden alle früheren Identifizierungen in Frage gestellt. Jugendliche beschäftigen sich extrem mit sich und mit der Frage, wie er oder sie in den Augen anderer erscheinen, welchen Beruf sie wählen sollen. Unklare Zukunftsoptionen verstärken das Gefühl der Unsicherheit und des Umbruchs und tragen zur Orientierungslosigkeit bei. Bei der Neukonzeptualisierung der Identität, die sich an die veränderte körperliche Erscheinung anpassen muss, geht es um eine Überprüfung und Integration früherer Identifizierungen. Es wird zugleich nach neuen Rollen und Modellen für das eigene zukünftige Ich gesucht, mit teilweise schwärmerischen Beziehungen zu (nicht-elterlichen) Erwachsenen. Das kann auch bei einer Identitätsdiffusion, »um sich zusammenzuhalten« (Erikson, 1971, S. 110), zu völliger Überidentifikation mit Helden, Cliquen etc. führen. Die Gleichaltrigen sind eine wichtige Stütze in diesem komplizierten Lösungsprozess.

Phase 6: Intimität vs. Isolation (frühes Erwachsenenalter)

Bereits in der davorliegenden Phase geht es um den Aufbau von Partnerschaftsbeziehungen als Erweiterung der Identität. Dieses Thema steht nun im Zentrum, und es sollte ein gewisses Maß an Intimität mit einem Partner möglich sein, ohne dass man Angst hat, seine Grenzen, seine Identität zu verlieren. »Es gibt keine wahre Zweiheit ehe man nicht selber eine Einheit ist« (Erikson, 1971, S. 115). Psychoseähnliche Ängste vor zu großer Nähe, aber auch zu große Distanzierung vom Partner und zu starke Selbstbezogenheit zeigen an, dass dieser Konflikt nicht gut gelöst werden konnte. Wird dieser Konflikt dagegen, aufbauend auf den erfolgreichen Lernprozessen der früheren Phasen, gemeistert, ist der junge Erwachsene zur Liebe fähig.

Phase 7: Generativität vs. Stagnation und Selbstabsorption (Erwachsenenalter)

Liebe ist die Voraussetzung für Generativität im Sinne Eriksons, die mehr umfasst als lediglich das Zeugen und Versorgen eigener Kinder. Es geht darum, insgesamt Sorge für die zukünftige Generation zu tragen, sich um sie zu kümmern und sich sozial verantwortlich in die Gesellschaft zu integrieren. Menschen, denen dies nicht gelingt, stagnieren in ihrer Entwicklung, dies hält Erikson, ebenso wie die Flucht vor der Intimität, für eine Kernpathologie. Verantwortung für andere zu übernehmen, wird als wesentlich für eine reife Persönlichkeitsentwicklung angesehen. Wenn dies nicht gelingt, führt dies zur Stagnation, zu Einsamkeit und Egoismus. Die Fähigkeit zur Fürsorge sollte allerdings nicht so weit gehen, sich selbst dabei aus den Augen zu verlieren.

Phase 8: Ich-Integrität vs. Verzweiflung (reifes Erwachsenenalter)

In dieser Phase erfolgt in der Regel ein Lebensrückblick mit einer Bilanzierung, inwieweit man seinen Identitätsentwurf auch verwirklichen konnte und mit seinem Leben zufrieden ist, oder ob man verzweifelt versucht, noch nicht gelebte Facetten umzusetzen: »Die Zeit ist kurz, zu kurz, um ein neues Leben zu beginnen« (Erikson, 1971, S. 119). Die Verzweiflung am Lebensende, die Todesfurcht sind wesentliche Anzeichen dafür, dass der Konflikt dieser Phase nicht angemessen gelöst werden konnte. Eine Auseinandersetzung mit dem eigenen gelebten Leben ist für Erikson wichtiger Abschluss, in dem erneut integrative Fertigkeiten notwendig sind, um die verschiedenen Aspekte des gelebten Lebens zusammenzubringen und nicht ob des Resultats zu verzweifeln.

Jede der acht Phasen stellt demnach eine Krise dar, mit der das Individuum sich aktiv auseinandersetzten sollte. Die Stufenfolge ist für Erikson unumkehrbar. Die erfolgreiche Bewältigung einer Entwicklungsphase liegt in der Klärung des Konflikts auf dem positiv ausgeprägten Pol. Die vorangegangenen Phasen bilden somit das Fundament für die kommenden Phasen, und angesammelte Erfahrungen werden verwendet, um die Krisen der höheren Lebensalter zu verarbeiten. Dabei wird ein Konflikt nie vollständig gelöst, sondern bleibt ein Leben lang aktuell, war aber auch schon vor dem jeweiligen Stadium als Problematik vorhanden. Das wird besonders deutlich beim Identitätsthema, wie noch zu zeigen sein wird.

Die erste Fassung des Stufenmodells wurde 1950 im Buch Childhood and Society unter »Wachstum und Krisen der gesunden Persönlichkeit« veröffentlicht. Es ist interessant zu sehen, dass es offenkundig nicht ganz einfach ist, die Phase, in der man sich gerade befindet, konzeptuell zu bearbeiten. Erikson ist selbst ein gutes Beispiel dafür, dass man in der Regel nicht den Blick hat für die eigene Entwicklungsphase, sondern dass dies eher durch eine Sicht von außen ermöglicht wird (Seiffge-Krenke, 2012a):

Das siebte Stadium Generativität war ursprünglich gar nicht vorgesehen. Wie ist es entstanden? Erikson war mit seiner Frau auf dem Weg zu einem Vortrag; von Berkeley aus wollte er den Zug nach Los Angeles nehmen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie drei kleine Kinder. Während der Autofahrt von Berkeley zur Train Station San Francisco amüsierten sie sich darüber, dass Shakespeare, als er die »Seven ages of men« aus »As you like it« beschrieben hat, komplett das Play Stage vergessen hatte, und kamen sich sehr weise vor. »Oh Schreck, er hat sieben Stadien und das Spielstadium vergessen. Haben wir nicht auch sieben Stadien? Was haben wir eigentlich übersehen? Wir sind von Intimität, Stadium 6, zu Integrität im höheren Erwachsenenalter, Stadium 7, gesprungen«. Während der Autofahrt, die Zeit eilte, haben Erikson und seine Frau relativ schnell ein neues, ein siebtes Stadium entwickelt, die Generativität. Interessanterweise sind sie auf das Stadium, in dem sie sich selber befanden, Generativität, erst durch einen Zufall gekommen (Erikson, 1982/1997, S. 3).

Nach Eriksons Tod legte seine Frau Joan eine Weiterentwicklung des Modells vor, in dem sie 9 Phasen postuliert (Erikson, 1982/1997). Die letzte Phase der Gerotranszendenz setzt sich mit dem Altern und dem Tod auseinander. Sie ordnet sie den 80- und 90-Jährigen zu, die sich mit körperlichen Einschränkungen und Verfall, Aufgeben der Autonomie beschäftigen müssen, und nennt sie »a second childhood without play« (Erikson 1982/1997, S. 118). Die Perspektive liegt hier auf dem Kosmischen, Transzendenten, dem Eins-Sein mit der Welt.

2.2 Die klassischen Theorien der Identitätsentwicklung: Erikson und Marcia

Die Entwicklung des Selbst, der Identität als »subjective feeling of sameness and continuity across times and contexts« ist für Erikson (1959, S. 21) eine lebenslange Aufgabe, die sich am Ende des Lebens noch einmal verstärkt stellt. Dennoch hat er damals die entscheidenden Impulse für die Identitätsentwicklung zentral in der Adoleszenz zwischen den Polen Identitätssynthese und Identitätskonfusion angesiedelt und von deren Scheitern eine Beeinträchtigung der folgenden Entwicklungsaufgaben (Intimität und Elternschaft) postuliert. Im Unterschied zu früheren psychoanalytischen Ansätzen, die die Bedeutung der Triebdynamik in der Adoleszenz (S. Freud) und die entsprechenden Abwehrprozesse ins Zentrum der Adoleszentenentwicklung stellten (A. Freud), hat er den psychoanalytischen Raum sehr erweitert. Erikson hat eine Konzeption vorgelegt, in der er die individuelle Entwicklung des Einzelnen und gesellschaftliche Anforderungen, aber auch eigene Kompetenzen einbezieht, eine Idee, die später von Havighurst (1956) in seinem Konzept der altersspezifischen Entwicklungsaufgaben aufgegriffen wird: Es gibt für jede Entwicklungsphase typische Aufgaben des Individuums, die von der Gesellschaft an es herangetragen werden und die es kompetent realisieren, bewältigen muss.

2.2.1 Eriksons Konzept der Identitätsentwicklung im Jugendalter

Das Jugendalter wurde erstmals von Erikson (1968) als eine Phase beschrieben, die für den lebenslangen Prozess der Identitätsentwicklung von herausragender Bedeutung ist. In seiner Theorie der psychosozialen Entwicklung nahm er an, dass acht Themen lebenslang identitätsrelevant sind, von denen jeweils eines altersabhängig besonders drängend und krisenhaft ist. Die aktive Auseinandersetzung mit der jeweiligen lebensphasentypischen Krise ist dabei für die Bewältigung der nachfolgenden Krise hilfreich. Sein Modell ist also eine Stufenfolge von aufeinander aufbauenden Entwicklungsschritten mit spezifischen Herausforderungen, die jeweils gelöst werden müssen. Obwohl er annahm, dass der generelle Zeitplan des Durchlaufens der phasenspezifischen Krisen stark an Bedingungen der biologischen Reife geknüpft ist, betonte er die Bedeutung von Kultur und sozialer Umwelt für ihre Lösung.

Die Krise, die nach Erikson das Jugendalter charakterisiert, war zwischen den Polen Identitätssynthese (d. h. der Integration von früheren Identitätsaspekten und Identifikationen aus der Kindheit) und Identitätskonfusion (der Unfähigkeit, das Ganze zu einer kohärenten Identität zu integrieren) angesiedelt. Sie besteht in der Herausforderung, die eigene Identität zu definieren. Ihr wird von ihm die größte Bedeutung von allen zu bewältigenden Krisen beigemessen. Sie ist dadurch charakterisiert, dass der junge Mensch das, was er bisher von den Eltern unhinterfragt übernommen hat, z. B. politische, religiöse oder sexuelle Orientierung, in Zweifel zieht. Idealerweise wird eine möglicherweise sich einstellende Identitätsdiffusion aufgehoben, in dem der Jugendliche sich mit verschiedenen alternativen Identitätsformen auseinandersetzt, um sich dann aktiv und autonom für eine Identitätsform zu entscheiden.

»Ab der Pubertät werden alle Identifizierungen und Sicherungen, auf die man sich bisher verlassen konnte, in Frage gestellt« (Erikson, 1971, S. 106). Er unterstreicht, dass die Identitätsentwicklung im Jugendalter nicht einfach die Summe der Kindheitsidentifikationen darstellt, sondern ein Integrationsprozess einsetzt von alten und neuen Identifikationen und Fragmenten, wobei die Identifizierungen mit den Eltern überprüft und neue Identifizierungen mit anderen (Erwachsenen, Freunden, romantischen Partnern) entwickelt werden. Das Gefühl der Ich-Identität ist also eine Integrationsleistung, bei der Einheitlichkeit und Kontinuität angestrebt wird. Dieser Prozess ist krisenreich und gefährlich, deshalb gab es schon zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften institutionalisierte psychosoziale Schonzeiten oder Aufschübe, in denen junge Menschen die Möglichkeit der Selbstfindung ausprobieren konnten. Wie in Kapitel 3 ( Kap. 3) und 9 ( Kap. 9) ausgeführt, ist diese »Schonfrist« inzwischen besonders ausgedehnt worden. Erikson verweist in diesem Zusammenhang auf Arthur Millers »Tod eines Handlungsreisenden« (1949), wo einer der Söhne (Biff) sagt: »I cannot get hold of my life« – »Ich kann es einfach nicht zu fassen kriegen, ich kann mein Leben nirgends festhalten.« Wir werden noch auf die neue Entwicklungsphase des »emerging adulthood« eingehen, wo der Aufschub besonders deutlich ist. Es gab also auch schon vor vielen Jahrzehnten junge Leute, die die integrative Leistung nicht schafften.

Die Arbeiten Eriksons (1959, 1968, 1971) sind insofern innovativ, als er in Absetzung von den frühen psychoanalytischen Ansätzen von Sigmund und Anna Freud das Phänomen der Adoleszenz nicht nur durch eine Zunahme der Triebimpulse begründet, sondern es als eine psychosoziale Notwendigkeit darstellt, die wesentlich zur Integration des Individuums in die Gesellschaft beiträgt. Durch die Postulierung von acht psychosozialen Phasen der Ich-Entwicklung, die sich über den Zeitraum von der Geburt bis ins hohe Alter erstrecken, erweitert er die Auffassung Freuds, für den die Persönlichkeitsentwicklung auf die kindlichen Phasen beschränkt blieb. Auch andere Theoretiker der Psychoanalyse haben einen Schwerpunkt auf die frühe Kindheit gelegt und die Latenz kaum, die Adoleszenz nur unter Triebaspekten konzeptualisiert. Die Adoleszenz, als fünfte von Eriksons Grundphasen, wird durch die Antithese von Identität vs. Identitätsdiffusion charakterisiert und hat, wie erwähnt, eine Schlüsselstellung im Lebenslauf inne. Sie ist die entscheidende Phase, von der aus reife Partnerbeziehungen und später ggfs Elternschaft möglich werden. Tatsächlich würde eine Person mit unreifer Identität bei der Idee der Verschmelzung mit einer anderen Person eher Angst entwickeln. Ein gefestigtes Identitätsgefühl, ein abgegrenztes Körpererleben und Selbstbewusstsein ist notwendig, damit man sich auf intime Beziehungen und Sexualität einlassen kann – so Erikson. Der Zusammenbruch, der Indikator für eine Identitätsdiffusion, ist oftmals zeitlich später zu bemerken, wenn etwa neue Anforderungen (der nächsten Phase) auf den Jugendlichen zukommen, also etwa Berufswahl, Intimität mit einem Partner etc. »Jetzt enthüllt sich die latente Schwäche der Identität« (Erikson, 1971, S. 157). Erikson weist darauf hin, dass Personen mit einer Identitätsdiffusion auch an einer Störung der Leistungsfähigkeit (»Diffusion des Werksinns«, S. 158) leiden.

Zur Erprobung der Identitätsfacetten und der verschiedenen Identifizierungen gehört nach Erikson auch ein spielerisches Ausprobieren, auch oft gewagtes Experimentieren mit Alternativen – real und in der Phantasie. Erikson spricht von einem »Hinauslehnen über Abgründe« (Erikson 1971, S. 145). In diesem Zusammenhang erläutert er auch das Konzept der negativen Identität: »Prahlerische und wütende Widersetzlichkeit gegen alles, was dem jungen Menschen aus der Familie oder der unmittelbaren Umgebung als gute, wünschenswerte Rolle nahegelegt wird« (S. 163). »Jedenfalls«, fährt er fort, »ziehen es manche Jugendliche vor, statt des fortgesetzten Diffusionsgefühls lieber ein Niemand oder ganz und gar schlecht oder gar tot zu sein« (S.168).

Erikson weist darauf hin, dass Jugendliche eines Moratoriums bedürfen, in dem sie all dieses ausprobieren, bevor sie als junge Erwachsene endgültig eine spezialisierte Arbeit aufnehmen können und zur »echten Intimität« fähig sind (Erikson, 1968). Die endgültige Identität, wie sie am Ende der Adoleszenz feststeht, schließt die Auseinandersetzung mit allen bedeutsamen Identifizierungen der Vergangenheit in sich ein, aber sie verändert diese auch und integriert sie mit neuen Facetten zu einem einzigartigen zusammenhängenden Ganzen. Damit nähert sich Erikson sehr stark an Befunde an, die in der Entwicklungspsychologie, u. a. auf der Grundlage umfangreicher Studien, gegenwärtig bekannt sind.

Verschiedentlich ist kritisiert worden, dass die Engfassung der Phasen mit ihrer Normierung an Altersstufen heute, vor allem für postmoderne Gesellschaften, so nicht mehr gültig sei. Auch wenn man die starke Familienorientierung in den Entwicklungsphasen und die nicht umkehrbare Sequenzierung kritisch sehen mag: Die Konzeption von Erikson mit ihrer Annahme der verschiedenen Entwicklungsstufen und ihrem Aufbau aufeinander ist heute noch von Bedeutung. So konnten wir anhand unserer Längsschnittdaten zeigen, dass erst eine reife Identität die Aufnahme qualitativ hochwertiger intimer Partnerbeziehungen möglich macht (Seiffge-Krenke & Beyers, 2016). In unserer Längsschnittstichprobe waren nur Personen, die eine reife, erarbeitete Identität hatten, auch später zu hochintimen, anspruchsvollen Partnerbeziehungen in der Lage. Allerdings war interessant, dass die Bindung eine entscheidende moderierende Funktion hatte. Dies unterstreicht, was auch schon Erikson formuliert hat, dass nämlich frühe Interaktionen und Beziehungen (»Vertrauen«) den Grundstein für die Identitätsentwicklung legen, ein Ansatz, der auch in diesem Buch vertreten wird.

2.2.2 Der Ansatz von Marcia

Ähnlich wie Erikson kombiniert der kanadische Forscher James E. Marcia klinische Praxis mit Entwicklungspsychologie. Bis zu seiner Emeritierung arbeitete er als Professor an der Fraser University in Columbia und teilweise auch an der New York University, Buffalo. Marcia greift Eriksons Theorie auf und elaboriert, die Adoleszenz sei weder durch eine Identitätsfindung noch eine Identitätsdiffusion gekennzeichnet. Diese Phase sei besser dadurch zu verstehen, dass das Individuum in verschiedenen Lebensbereichen (Politik, Sexualität, Religion, Freundschaft etc) exploriert und sich nach der Exploration festlegt. Er entwickelte ein semistrukturiertes Identitätsinterview (Identity Status Interview), das nach diesen beiden Komponenten in den verschiedenen Lebensbereichen fragt und entsprechend ausgewertet werden kann.

Marcia (1966) hat die von Erikson beschriebene »Identitätskrise« in der Adoleszenz also weiter ausdifferenziert. Er unterscheidet vier Identitätszustände (Identitätsstatus genannt), die auf den Dimensionen Exploration (Identitätserkundung) und Commitment (Festlegung auf einen Entwurf) dargestellt werden können. Die eher kognitive Dimension der Exploration ist definiert als das Suchen nach Informationen und Erfahrungen, die relevant für das Verständnis der eigenen Identität sind (z. B. Erkundung der eigenen sexuellen Identität, der Partnerpräferenz, einer politischen Überzeugung, dem persönlichen Interesse für einen bestimmten Beruf u. ä.). Jugendliche explorieren solche Identitätsaspekte, indem sie gezielt nach Informationen suchen, z. B. im Internet oder in Büchern, in Gesprächen mit Betroffenen oder Freunden, den Eltern. Commitment ist dagegen eine eher affektive Dimension und zeigt sich darin, wie sehr sich der Jugendliche in Bezug auf die jeweilige Orientierung verpflichtet oder gebunden fühlt. Auch für Marcia ist also das Jugendalter durch die gezielte Wahl und Ausgestaltung unterschiedlicher Identitätsaspekte gekennzeichnet.

Marcia (1993) kam auf der Grundlage seiner semistrukturierten Interviews zu vier verschiedenen Identitätstatus, die sich durch ein unterschiedliches Mischungsverhältnis der beiden Komponenten Exploration und Commitment ergeben. So ist eine erarbeitete Identity (achieved identity) dadurch gekennzeichnet, dass man erst ausführlich exploriert und sich dann schließlich verbindlich festlegt. Demgegenüber ist foreclosure dadurch gekennzeichnet, dass man sich auf eine bestimmte Identität festlegt, ohne zuvor alternative Optionen erkundet zu haben. Die von ihm beschriebene vier Identitätsstatus (zu nennen wäre noch das Moratorium, wo man nur exploriert, und der diffuse Status, wo man weder exploriert noch sich festlegt) sind später in vielen Studien bestätigt worden ( Kap. 3). Durch diese Differenzierung in ein ganz unterschiedliches Mischungsverhältnis von Exploration und Commitment ist die Forschung sehr vorangetrieben worden, da man nun ganz unterschiedliche Entwicklungstypen verfolgen konnte.

Neuere Identitätskonzeptionen haben die Komponenten der Exploration und des Commitment dann weiter differenziert. Dies unterstreicht, dass die Veränderung des Entwicklungskontextes und kulturelle Gegebenheiten konzeptuelle Erweiterungen notwendig machten. So gehen wir heute eher von vier bzw. fünf verschiede-


Abb. 1: Identitätsstatus nach Marcia (1993)

nen Dimensionen der Identität aus ( Kap. 3). Einig sind sich die Forscher aber insoweit, als alle davon ausgehen, dass die meisten Jugendlichen typischerweise durch ein Stadium des Moratoriums und nach verschiedenen Optionen dann später zu einer Festlegung im Sinne einer erarbeiteten Identität kommen. Die meisten Studien werden gegenwärtig mit dem Marcia-Paradigma und seinen aktuellen Erweiterungen gemacht. Hunderte von Studien wurden dazu in Europa und Nordamerika durchgeführt – mit sehr einheitlichen Ergebnissen, auf die in Kapitel 3 ( Kap. 3) genauer eingegangen wird.

2.2.3 Weitere Identitätskonzeptionen

In diesem Buch werden noch weitere Konzepte vorgestellt, so das Konzept der Ich-Entwicklung von Loevinger ( Kap. 8) und die Konzeption der Identität der Arbeitsgruppe um Wim Meeus ( Kap. 4). Zunächst sollen aber noch einige weitere Konzeptionen kurz vorgestellt werden, die sich eng an die Konzeption von Marcia anlehnen. Diese Konzeptionen sind zwar nicht direkt für das Jugendalter entwickelt, lassen sich aber darauf anwenden:

Dazu zählt die Identity Based Motivation Theory von Elmore & Oysermann (2012). Identitätskongruentes Verhalten wird als besonders bedeutsam und relevant erlebt und motiviert besonders. Auch Theorien über Selbstpräsentation und Eindrucksmanagement sind hier zu nennen (Hannover & Zander, 2016); dabei geht man davon aus, dass Peers auf Grund ihrer Ähnlichkeit besonders häufig imitiert werden. Das bedeutet, dass Jugendliche zunehmend von Eltern und anderen Erwachsenen unabhängig werden und die eigene Identität zunehmend durch Interaktionen mit den Gleichaltrigen geprägt wird, eine Entwicklung, auf die wir besonders in Kapitel 4 ( Kap. 4) und 5 ( Kap. 5) eingehen werden. Jugendliche konstruieren aktiv und wählen sich so ihre Umwelten aus. Hinzukommt, dass erwünschte Selbstaspekte betont und unerwünschte abgeschwächt werden. Sie erproben auch, inwieweit es ihnen gelingt, bei anderen die mit ihrer Identität verbundenen gewünschten Eindrücke zu erzeugen ( Kap. 8).

Von besonderer Bedeutung, auch für den kulturellen Aspekt, den ich in diesem Buch vertrete, ist die Theorie der possible selves von Oyserman & Markus (1990). Der Entwurf verschiedener Zukunftsbilder oder auf die eigene Person bezogener Zielzustände ist charakteristisch für das Jugendalter. Bisherige Selbstbilder haben sich als nicht hinreichend erweisen, um die eigene Person, die neue Körperlichkeit zu verstehen. Wie man in Zukunft sein wird, sein möchte oder auf keinen Fall sein möchte, dies alles umfasst solche possible selves. Dass Jugendliche ausgiebig alternative Zukunftsentwürfe explorieren, wird, wie wir in Kapitel 10 ( Kap. 10) sehen werden, eines der universellen Phänomene sein, die ich bei der Untersuchung von Identitätsstress im Jugendalter in vielen Ländern gefunden habe.

Wir folgen in diesem Buch der Konzeption von Erikson und den daraus abgeleiteten empirischen Umsetzungen, etwa in dem Ansatz von James Marcia und seinen kanadischen Kollegen sowie Koen Luyckxs und seiner belgischen Forschergruppe, die die neuesten Adaptationen vorgenommen haben ( Kap. 3). Es ist interessant zu sehen, dass sich über die Jahrzehnte eine immer stärkere Ausdifferenzierung der ursprünglichen Konzepte von Exploration und Commitment ergeben haben. Dies verweist auf den starken Einfluss des sich verändernden Entwicklungskontextes auf die Formung der Identität, denn seit den Konzeptionen von Erikson und Marcia sind 70 bzw. 60 Jahre vergangen. In Kapitel 9 ( Kap. 9) und 10 ( Kap. 10) wird verstärkt auf solche kulturellen und zeitgeschichtlichen Einflüsse auf die Identitätsentwicklung eingegangen.

3
Selbst und Identität in der Kindheit und im jungen Erwachsenenalter und die Zentralität der adoleszenten Identitätsentwicklung

Der Begriff der Identität bezieht sich auf die einzigartige Kombination von persönlichen unverwechselbaren Merkmalen eines Individuums, einer einzigartigen Persönlichkeitsstruktur eines Menschen, die aus den Beziehungen zu wichtigen Anderen im Laufe des Lebens entstanden ist. Dieses Empfinden der Kohärenz und Kontinuität im Kontext der sozialen Bezogenheit prägt das Leben und wird Identität genannt (Erikson, 1971). Die Identität enthält viele Komponenten, u. a. die Geschlechtsidentität, die ethnische Identität, die zeitliche Kontinuität des Selbsterlebens, die realistische Wahrnehmung des Selbst über Raum, Zeit und in unterschiedlichen sozialen Bezügen. Man nimmt unterschiedliche Rollen in unterschiedlichen Kontexten wahr und integriert diese in seine Identität (»possible selves«). Dennoch erlebt man sich kohärent über Zeit und Situationen.

In diesem Kapitel geht es schwerpunktmäßig um die Zentralität der Identitätsentwicklung in der Adoleszenz, genauer: um die sozial-kognitiven Voraussetzungen dafür, dass diese Entwicklungsperiode so zentral für die weitere Identitätsentwicklung ist, sowie ihre Vorläufer in der Kindheit und die weitere Entwicklung im jungen Erwachsenenalter. Wie genau männliche und weibliche Jugendliche in einer Zeit des körperlichen Wandels, aber auch der Veränderung der Beziehungen diese schwierige Leistung vollbringen, ist dann Gegenstand der Kapitel 4 ( Kap. 4) und 5 ( Kap. 5).

3.1 Selbst- und Identitätsentwicklung in der Kindheit

Das Konzept der Identität ist, wie erwähnt, sehr komplex und umfasst viele Facetten. Die Identitätsarbeit, d. h. die Auseinandersetzung mit der Frage, was ist Ich und was ist Nicht-Ich, beginnt sehr früh in der Entwicklung eines Kindes. Es ist auffällig, dass in diesem Altersbereich vor allem Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibungen als Facetten der Identität untersucht wurden. Eine dyadische, interaktionistische Perspektive kam erst durch psychoanalytische Theorien und die sich daran anschließende psychoanalytische Säuglingsforschung auf.

3.1.1 Selbstwahrnehmung in der frühen Kindheit

Die meisten Studien über die frühe Kindheit arbeiten mit dem Spiegelparadigma, untersuchen also, an welchen Merkmalen Kinder sich selbst im Spiegelbild erkennen und wie sie auf ihr Spiegelbild reagieren. Zumeist wurde dabei der Ansatz mit dem roten Punkt auf der Nase gewählt (Lewis et al., 1989). Selbstwahrnehmung stand demnach in der entwicklungspsychologischen Forschung im Fokus, teilweise auch die Unterscheidung von anderen.

Einige Zeit vor dem zweiten Geburtstag erkennen Kinder einen roten Fleck auf ihrer Stirn oder der Nase im Spiegel als zu sich selbst gehörig. Dieses Erkennen beruht auf einem schon existierenden, wenn auch noch rudimentären Identitätsgefühl, aufgrund dessen das Kind die Identität des Spiegelbildes mit sich selbst erschließen kann. Das Kind weiß damit, dass es außerhalb seines gefühlten Selbst repräsentiert werden kann. Etwa in diesem Alter beginnen Kinder auch, Pronomina für sich selbst zu verwenden. Mit diesem kognitiven Entwicklungsschritt ist die Entstehung wesentlicher zugehöriger Emotionen verbunden (Emde, 1989). Grundlegende kognitive Kapazitäten, welche als Voraussetzung für die selbstreferenziellen Emotionen angesehen werden, sind die früh bestehende Fähigkeit, zwischen dem Selbst und dem Anderen zu unterscheiden, und die Objektpermanenz, welche mit etwa acht Monaten beginnt (Piaget & Inhelder, 1972). Piaget war stark kognitiv orientiert; Emde ist einer der wenigen Entwicklungspsychologen, die den dualen Kern des Selbst (wie er es nennt) beschreiben, nämlich der Bezug zu biologischen Motiven und der Interaktion mit Bezugspersonen.

Identität entsteht aus Beziehungen, und so ist es wichtig zu unterstreichen, dass sich interaktive Ansätze vor allem bei Theoretikern und Forschern mit psychoanalytischem Hintergrund finden. So gehen verschiedene Theoretiker (Kernberg, 1983; Winnicott, 1965; Mahler 1985) davon aus, dass auf der ersten Stufe der Selbstentwicklung noch keine Trennung zwischen Selbst und Objekt erfolgt ist; erst in einer nächsten Entwicklungsstufe stehen voneinander abgegrenzte, positive bzw. negative Selbst- und Objektrepräsentanzen einander gegenüber. Die Entwicklung und Ausdifferenzierung der Selbst- und Objektrepräsentanzen geschieht in enger Interaktion mit dem »caregiver«, d. h. der Mutter oder dem Vater, die die emotionalen Zustände des Babys interpretieren, spiegeln und markieren, so dass das Baby sie als zu sich gehörig erleben kann. Alle Theoretiker sind sich darin einig, dass die Entwicklung einer Selbstrepräsentanz in der Interaktion mit wichtigen Bezugspersonen vonstatten geht, dass die Ausdifferenzierung eine klare Trennung von Selbst und Objekt hervorbringt und dass in späteren Stadien das Selbst bewusste und unbewusste Lebenserfahrungen integriert.

Die Entwicklung des Selbst im Licht der psychoanalytischen Säuglingsforschung wurde eindrücklich von Stern (1985) durch zahlreiche Untersuchungen untermauert. Er untergliederte das Kernselbst, das in der frühen Kindheit entsteht, in das Gefühl der Urheberschaft (self-agency), der Selbstkohärenz (z. B. in Bezug auf den Ort, die eigenen Bewegungen und die zeitliche Struktur) und der Selbstkontinuität (z. B. bzgl. der gleichen Empfindungen bei den gleichen Ereignissen). Interessanterweise unterscheidet er ferner zwischen einem intersubjektiven Selbst (6.–9. Monat, wo der Säugling stark auf Andere anspricht), dem sprachlichen Selbst (ab dem 18 Monat), wo die Sprache als Medium hinzukommt, und dem narrative Selbst (ab 3 Jahren), wo das Erlebte in Worte gefasst und mitgeteilt werden kann. Auch Stern beobachtete, dass die frühe Entwicklung des Selbstempfindens parallel und in wechselseitiger Abhängigkeit zu der Entwicklung kognitiver, motorischer und verbaler Fähigkeiten verläuft. Das Besondere am psychoanalytischen Ansatz ist allerdings, dass die frühe Selbstentwicklung gebunden ist an einen engen Austausch mit den Eltern. Diese Interaktionen, die unzählige Male zwischen Mutter und Kind ablaufen, werden generalisiert und repräsentiert als Interaktionsstrukturen. Solche Austauschprozesse werden in der psychoanalytischen Literatur als »mirroring« beschrieben (Kohut 1971; Winnicott 1971): Das Gesicht der Mutter wird hier als Spiegel betrachtet, das dem Baby seine eigenen Emotionszustände und Erlebnisse zurückspiegelt. Da dies mit einer gewissen Übertreibung geschieht, kann das Baby sie gut wahrnehmen und sich zuordnen. Demnach kann das Kind sein Selbst nur wahrnehmen, wenn dieses durch die Mutter zurückgespiegelt wird. Beebe & Lachmann (1988) sowie Stern (1985) haben auch darauf hingewiesen, dass keine Spiegelung perfekt ist. Es kommt also in der Mutter-Kind-Interaktion zu geringfügigen Diskordanzen. Dieser »mismatch« erfährt im Folgenden eine »Reparatur«. Gerade diese geringfügigen Reparaturen sind notwendig, um ein Bewusstsein der Getrenntheit und Eigenständigkeit aufzubauen.

Bei den frühen Selbstbeschreibungen des Kindes, etwa im Alter von 2–3 Jahren, werden vor allem Aktivitäten, Aussehen und Vorlieben genannt, das Kind verwendet »mein«, »ich« und »mir« und kann sich auch die Kategorie »Junge« oder »Mädchen« zuordnen. In diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse von Toth et al. (1997) wichtig. Die Autoren fanden, dass vernachlässigte oder missbrauchte Vorschulkinder negative Selbstrepräsentationen und Störungen im Selbstsystem aufweisen. Misshandelte Kleinkinder nutzen weniger Gefühls-Sprache und zeigen negative Affekte in Reaktion auf ihr Spiegelbild. Die Befunde von Crittenden und DiLalla (1988), dass misshandelte Kinder bereits im zweiten Lebensjahr ihren negativen Affekt unterdrücken und einen falsch positiven Affekt zeigen, zeigen den frühen Beginn eines falschen Selbst (Winnicott 1965), ein Phänomen, das wir auch bei Jugendlichen kennenlernen werden, die einem problematischen elterlichen Verhalten ausgesetzt sind ( Kap. 9).

3.1.2 Selbstwahrnehmung und Selbstcharakterisierung in der mittleren Kindheit

In der mittleren Kindheit sind weitere bedeutende Fortschritte in der Selbstwahrnehmung und -beschreibung zu benennen, die in die Identitätsentwicklung einfließen. In der Schulzeit überwiegen positive Selbstcharakterisierungen, psychologische Charakterisierungen finden sich noch nicht. In den Interviews, die Broughton (1978) mit Kindern machte, stellte sich heraus, dass sie das Selbst als einen Teil ihres Körpers wahrnehmen. Etwa um das 8. Lebensjahr sind die Selbstbeschreibungen darauf konzentriert, Unterschiede zwischen sich und anderen zu markieren (»Ich bin anders als Tom, weil ich blond bin und Fahrrad fahren kann«). Zugleich wird bemerkt, dass Freunde und Eltern andere Gefühle und Wahrnehmungen haben als man selbst. Fonagy & Target (1997) haben die reflexive Funktion als ein implizites Verständnis von Vorstellungen, Emotionen und Beziehungen der anderen bezeichnet, welches nicht notwendigerweise verbalisierbar sein muss. Diese für die Selbstorganisation so zentrale reflexive Funktion kann wiederum erst dadurch entstehen, dass die Bezugsperson in der Lage ist, ihrerseits ein Verständnis für die Bedeutsamkeit und Andersartigkeit des kindlichen Selbst zum Ausdruck zu bringen. Eine sichere Bindung ist in diesem Zusammenhang sehr entscheidend.

Die Unterteilung des Selbst in subjektives und objektives Selbst ist ein weiterer Entwicklungsfortschritt in der mittleren Kindheit. Später wird Selman (1980) beschreiben, dass das Kind am Übergang zur Adoleszenz zwischen einem wahren inneren Selbst und einer äußeren Fassade unterscheiden lernt – Aspekte, die in der Adoleszenz zunehmend wichtiger werden. Kinder in der zweiten Klasse benutzen bereits psychologische Charakterisierungen für sich und andere, aber nur sehr selten; Damon und Hart (1988) nennen einen Prozentsatz von 13 %. In dieser Altersstufe wird auch die Grundlage für »agency« gelegt, d. h. dass man selbst etwas bewirken kann.

Der Körper ist zwar im Selbst, in der Identität präsentiert, aber durchaus variabel, wie sich in den Arbeiten von De Bono (1980, S. 168) zeigt. Da haben Schulkinder sich beispielsweise gewünscht, mehr Arme und mehr Beine zu haben, vor allem mehr Finger an einer Hand, denn damit »kann ich die Arbeit schneller machen«, oder etwa »die Nase an den Beinen« zu haben, »damit man besser riechen kann«– also ganz nah am Geschehen! Diese für die Kindheit charakteristische Experimentierlust und Variabilität wird sich später, wie noch zu zeigen sein wird, drastisch verändern in Richtung auf eine höchstmögliche Konformität – und zwar in einer Zeit, in der nichts so variabel ist wie der Körper, nämlich in der Pubertät.

Interessant ist, wie Kinder in der mittleren Schulzeit die Geschlechtsidentität konstruieren und aufrechterhalten. Die Zuordnung des eigenen Geschlechts erfolgt schon recht früh, allerdings muss diese Zuordnung spielerisch immer wieder abgesichert werden. Bereits ab dem Alter von 5 Jahren ist im Spiel eine Geschlechtssegregation deutlich, die Spitze liegt allerdings in der Grundschulzeit, wo in streng nach dem Geschlecht getrennten Gruppen gespielt wird: Jungen spielen nur Jungenspiele und Mädchen spielen nur Mädchenspiele, doch es findet auch viel Spiel an den Geschlechtsgrenzen statt (»borderwork«, vgl. Aydt & Corsoro, 2003). Dies signalisiert, dass das, was Ich und Nicht-Ich ist, immer wieder neu und spielerisch gefestigt werden muss, und dazu gehört auch die Geschlechtsidentität und das typische Verhalten als Junge oder Mädchen. Konformität mit den anderen Geschlechtsgenossen ist sehr wichtig, das bezieht sich auf Kleidung, bevorzugte Spiele und Interessen. »Cross-sex-play« findet selten statt (bei 2–10 % aller Kinder). Ebenso wie Jungen spielen Mädchen zunächst streng in nach dem Geschlecht segregierten Gruppen, d. h. sie spielen überwiegend mit Mädchen, und nur eine kleine Gruppe ist mit Jungen befreundet bzw. spielt in Jungengruppen (Seiffge-Krenke, 2012a), ihr Spiel ist aber deutlich gehemmter und unsicherer.

In diesem Zusammenhang ist übrigens bemerkenswert, dass »Tomboy«-Verhalten, das heißt Mädchen, die sich jungenhaft kleiden und jungenhaft spielen, ein Verhalten ist, das in allen Kulturen beobachtet werden kann (Seiffge-Krenke, 2017a). Dieser Begriff tauchte zum ersten Mal im 16. Jahrhundert auf. »Tomboy«-Verhalten wird bis zur späten Kindheit geduldet, teilweise auch von Vätern und Brüdern unterstützt, danach aber werden Mädchen mit »Tomboy«-Verhalten ausgegrenzt und isoliert, das heißt die Toleranz endet abrupt mit Eintritt in die Pubertät. Insbesondere die Gleichaltrigen wirken dem »Tomboy«-Verhalten mit zahlreichen Sanktionen entgegen.

Die ethnische Selbstkategorisierung ist ein Forschungsgebiet, welches in den USA schon sehr lange verfolgt wird, in Deutschland aber praktisch kaum Interesse geweckt hat, von wenigen Arbeiten abgesehen, die nachgewiesen haben, dass sich das Gefühl für das Selbst und die ethnische Identität in der Adoleszenz verstärkt. Zugleich aber scheint durch die besondere deutsche Geschichte die ethnische Identität keine einfache Facette der Identität zu sein (Seiffge-Krenke & Haid, 2012). Aus amerikanischen Untersuchungen wissen wir, dass die ethnische Selbstkategorisierung ein langdauernder Entwicklungsprozess ist, in dem erst ab dem Alter von etwa 6–12 Jahren ethnische Diskrimination bemerkt wird, aber erst mit etwa 15 Jahren eine Generalisierung der eigenen ethnischen Gruppe erfolgen kann.

3.2 Die Zentralität der Adoleszenz für die Selbst- und Identitätsentwicklung

Nicht nur von Erikson, auch von anderen Wissenschaftlern wird die Adoleszenz als zentral für die Weiterentwicklung der Identität angesehen. So etwa hat Havighurst (1956) phasenspezifische Entwicklungsaufgaben beschrieben, zu denen auch die neue Bestimmung von Identität und Selbstwert gehört. Die Identität wird als zeitliche Kontinuität erlebt. Die Identitätserfahrung beruft sich dabei auf die Erfahrung der Kontinuität in der Biografie und auf die Erfahrung eines konsistenten Selbst. Das Erlebnis einer Einheit des Selbst muss täglich durch neue Evidenzen immer wieder selbstreflexiv bestätigt werden. Ein wichtiger Mechanismus zum Identitätserwerb in der Adoleszenz ist die Identifikation.

Das autoreflexive Selbst tritt in der Adoleszenz damit in eine neue kritische Phase. Die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale, der Wachstumsschub und die darauf beruhenden körperlichen Veränderungen haben eine deutliche Einwirkung auf das körperliche Selbstverständnis: Das Körperschema als Teil der Selbstrepräsentanz muss neuformiert werden. Auf der kognitiven Ebene kommt es in der Adoleszenz zur Ablösung des konkret anschaulichen Denkens durch das Denken in formalen Operationen (Piaget & Inhelder, 1972). Komplexere Fähigkeiten zu Introspektion und Selbstreflexion werden entwickelt. Zunehmende Kritikfähigkeit führt nun bei den Jugendlichen zu einer ganz persönlichen und kritischen Stellungnahme zur Welt. Autoritäten und Wertesysteme werden hinterfragt, was zu Wertekrisen führen kann ( Kap. 7). In unterschiedlichen Lebenssphären – in Familie, Gleichaltrigengruppe, Schule, Freizeitkultur, den neuen Medien – kann der Jugendliche unterschiedliche Werthaltungen erkennen und etwaige Inkompatibilitäten entlarven. In der sozialen Domäne müssen neue Rollen des Erwachsenseins ausprobiert und vorläufig übernommen werden, die Notwendigkeit zur Übernahme von Verantwortlichkeit wird erkannt.

Im Folgenden geht es um die Entwicklungsvoraussetzungen, die diese Veränderungen möglich machen, aber auch um einige besondere Herausforderungen und Gefährdungen für die Identität in dieser Phase.

3.2.1 Bedeutende Entwicklungsvoraussetzungen für die Zentralität der Adoleszenz

Ab der Adoleszenz wird die Identitätsentwicklung immer stärker durch den Einfluss anderer bestimmt und verändert. Dass die Identität in der Adoleszenz immer deutlicher relational wird und damit noch über das hinausgeht, was bereits Latenzkinder können, hängt mit weiteren sozial-kognitiven Lernprozessen zusammen. Entscheidend ist zudem, dass der Jugendliche eine immer komplexere Vorstellung von sich entwickelt, die wesentlich aus der Beziehung zu anderen entstanden ist, dass er/sie sich durch andere erlebt und definiert – aber auch gegen sie abgrenzt.

Für Jugendliche ist jetzt charakteristisch, dass sie über stabile Fähigkeiten verfügen, sich und andere zu beschreiben und bei diesen Beschreibungen psychologische Charakteristiken eine zentrale Rolle einnehmen. Selbstreflexive Funktionen werden häufig angewandt: »The self as an active, reflective controler of the own experiences« (Damon & Hart, 1988, S. 45). Damon und Hart konnten in ihrer Längsschnittstudie über 1,5 Jahre nachweisen, dass Jugendliche sich auf ein immer höheres Niveau der agency zubewegen. Sie unterschieden auch weitere Komponenten, die distinctiveness und die self-continuity, und konnten in diesem Zeitraum auch bei diesen Selbst- bzw. Identitätskomponenten Veränderungen über die Zeit feststellen. Mit der Differenzierung in diese drei Komponenten sind sie sehr nahe dran an der Konzeption von Identität im Sinne Eriksons.

In der Adoleszenz wird nun immer stärker zwischen dem »true Self« und der äußeren Fassade unterschieden, wobei es häufig zwei verschiedene innere Zustände, zwei »true Selfs« gibt. Diese Spaltung in einem denkenden/fühlenden und einen sich dabei beobachtenden Teil ist für Jugendliche sehr charakteristisch. Jugendliche haben nicht nur die Fähigkeit, differenziert über sich nachzudenken (McLean & Breen, 2009); wir finden zugleich kognitive Veränderungen bei der Verarbeitung von Beziehungsinformationen, die einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Identität im Jugendalter und danach haben. Jugendliche können hochkomplexe soziale Vergleichsprozesse und Antizipationen des Denkens und Verhaltens von Interaktionspartnern nachvollziehen (Seiffge-Krenke, 2011a). Durch diese hochkomplexen Vergleichsprozesse und Antizipationen können Jugendliche sich selbst und andere sehr differenziert in Beziehungen setzen, was am Beginn der Adoleszenz allerdings auch mit einem kurzzeitigen Egozentrismus verbunden ist, nämlich der Vorstellung, alle anderen seien genauso beschäftigt mit ihnen, wie sie selbst es sind.

Charakteristisch für die Adoleszenz ist nicht nur, dass immer stärker psychologische Begriffe für die Charakterisierung von sich und anderen benutzt werden, sondern auch, dass positive und negative Selbstaspekte integriert werden können, oft durch einen beobachtenden und handelnden Selbstanteil. Dies ist möglicherweise auch eine Ursache dafür, dass selbstreflexive Prozesse so eine bedeutende Rolle spielen und Narrative benutzt werden: Für die Identitätsexploration in der Adoleszenz werden, wie noch zu zeigen sein wird, Tagebücher, Blogs etc. verwendet ( Kap. 8).

Die Jugendlichen sind auch die erste Altersstufe, die sich selbst in Vergangenheit und Zukunft sehen kann (»self in time«: »Ich sehe mich, wie ich in der 2. Klasse in der Schule neben meiner Freundin saß …«) und sich selbst hypothetisch auf der Ebene des formalen Denkniveaus als ein anderer sehen kann (»possible selves«: »Ich könnte mir eine Zukunft als Journalist oder Schauspieler vorstellen …«). Gerade diese Fähigkeit ist Anlass für solche Textproduktionen, aber auch die verstärkte Tendenz von Jugendlichen, Objekte, die zu ihrer Identität gehören, zu sammeln, durch Fotos ihr Leben zu dokumentieren. Sie können des Weiteren Mechanismen wie die Immunisierung einsetzen, die zur Selbstwertstabilisierung gegenüber negativen Identitätsaspekten beitragen (Greve et al., 2009).

Habermas (1996, S. 1) berichtet in seinem Buch über geliebte Objekte als Mittel der Identitätsbildung:

»Als Jugendlicher zog ich gerne mit dem Fahrrad und Fotoapparat über die Felder, um einen Freund in der nahegelegenen Stadt zu besuchen. Zuhause kultivierte ich ein Tagebuch als Ansprechpartner, den ich immer in der Nähe wusste.«

Ein narrativer Ansatz (das »Ich als Geschichtenerzähler«, McAdams, 1998) ist erst ab der Adoleszenz möglich. Hier ist interessant zu sehen, ob der Jugendliche seine Identitätsentwicklung als Prozess darstellen und ob er sich selbst als Agenten in dieser Entwicklung erleben kann. Hat er oder sie verstanden, dass Krisen zu einer Identitätsreifung und Veränderung führen können und dass sie eine positive Entwicklungskraft haben (wie der »Phönix aus der Asche«)? Auf Analysen von Narrativa mit der kritischen Auseinandersetzung mit dem Selbst wird in Kapitel 8 ( Kap. 8) eingegangen. Dies wird auch deutlich an den häufigen Wiederlesen und Kommentieren von Tagebuchaufzeichnungen (»Mein Gott – was für einen Blödsinn habe ich damals geschrieben …«).

3.2.2 Spannungsbogen zwischen nicht abgeschlossener Hirnentwicklung, Verfrühung der körperlichen Reife und Verspätung der Identitätsentwicklung

Während es im Bereich der Identitätsentwicklung zu einer Verzögerung kommt (Jugendliche dürfen heute viel länger und extensiver explorieren als ihre Eltern, und dies wird auch gesellschaftlich unterstützt), steht die schwierige Aufgabe des Umgangs mit der körperlichen Reife, der Integration der physisch reifen Genitalien ins Körperbild, viel früher an. Dieser Spannungsbogen zwischen Verfrühung bezüglich körperlicher und sexueller Reife und Verspätung bezüglich einer elaborierten Identität ist schwer auszuhalten – besonders für Mädchen, aber auch für die Eltern, die Familie.

Entwicklung vollzieht sich nicht nur im Sinne einer linearen Progression. Manchmal scheinen sich auch Rückschritte in der sozialen, kognitiven und emotionalen Entwicklung anzudeuten. Nachdem Kinder im Alter zwischen vier und acht Jahren gelernt haben, sich in die Perspektive eines anderen hineinzuversetzen, entsteht im Jugendalter erneut eine egozentrische (so nennt es die Psychologie) oder narzisstische (so nennt es die Psychoanalyse) Haltung, wenn Jugendlichen die adäquate Bezugnahme auf das Denken und Fühlen anderer kurzzeitig abhandenkommt (Seiffge-Krenke, 2002a). Die überstarke Beschäftigung damit, wie die anderen einen sehen, hat zu den Phänomenen der erlebten Einzigartigkeit (»personal faible«) und der imaginären Audienz (»imaginary audience«, Elkind, 1974) geführt, d. h. dem Erleben, dass man etwas Besonderes, Einzigartiges sei, sich völlig von anderen unterscheide und dabei so bedeutsam sei, dass andere einen ständig beobachten und bewerten. In diesen beiden Phänomenen kommt einerseits der erhöhte Narzissmus der Frühadoleszenz zum Ausdruck, zum anderen aber bereits der Einbezug der vielen anderen bei der Identitätsbildung, die beurteilen und kritisieren.

Tiefpunkt der Selbstwertentwicklung scheint das 13. Lebensjahr zu sein (Zinnecker et al., 2002). Der Selbstwert des Jugendlichen muss sich dann im Spannungsfeld zwischen den Erfahrungen der Kompetenz und Akzeptanz neu konstituieren. Durch die zunehmende Kritikfähigkeit und Selbstreflexion kann es zu einer kritischen Entwicklung kommen. Wenn Kompetenz und Akzeptanz den eigenen Idealvorstellungen nicht Rechnung tragen, kann dies zur Selbstwertkrise führen. Die narzisstische Selbstüberschätzung macht sich u. a. auch an einem fragiles Selbsterleben mit hohen Ambitionen, Neigung zu Idealisierung und Abwertung von Nicht-Erreichbarem, verstärkter Kränkbarkeit und Wuterleben bemerkbar. Der phasenspezifische Narzissmus besitzt aber eine protektive Funktion. Er lässt den Jugendlichen aus einer vorübergehenden Position der Unsicherheit Entwürfe der eigenen Person vornehmen, die weit ins Erwachsenenalter hineinreichen können.

Die neu gewonnenen Fähigkeiten, das Denken nicht nur in dyadischen Beziehungen, sondern auch das vieler anderer in Betracht zu ziehen, führen demnach zu einem kurzzeitigen Anstieg des Egozentrismus bzw. Narzissmus. Ganz entscheidend für eine rasche Auflösung des egozentrischen Durchgangsstadiums ist die Interaktion mit gleichaltrigen Freunden. Um bei den engen Freunden »bestehen« zu können, müssen Jugendliche schnell lernen, sich angemessen auf deren Gefühle einzustellen und über eigene Emotionen und die der Freunde angemessen zu kommunizieren, ohne jemand zu schädigen.

Wie in Kapitel 4 ( Kap. 4) und 5 ( Kap. 5) zu zeigen sein wird, verläuft die Selbst- und Identitätsentwicklung bei männlichen und weiblichen Jugendlichen unterschiedlich, sind unterschiedliche Faktoren bestimmend. In diesem Zusammenhang ist auch auf Unterschiede in der Hirnentwicklung hinzuweisen. So zeigt die Neurobiologie, dass insgesamt die Hirnentwicklung noch andauert, vor allem aber, dass ein Ungleichgewicht zwischen der Entwicklung limbischer Hirnregionen und Regionen des präfrontalen Kortex besteht (Schmidt & Weigelt, 2019). Das limbische System umfasst eine Gruppe tieferliegender Hirnstrukturen, die an der Verarbeitung emotionaler Inhalte und Gedächtnisprozesse beteiligt sind. Es wird am Beginn der Pubertät, mit etwa 10 bis 12 Jahren, noch aktiver und trägt damit zu den Stimmungsschwankungen bei. Demgegenüber beginnt die Reifung des präfrontalen Kortex, der für kognitive Funktionen wie Handlungsplanung, vorausschauendem Denken etc. zuständig ist, später. Diese zeitliche Diskrepanz erklärt teilweise das Risikoverhalten. Da sich der Beginn der körperlichen Reife immer mehr verfrüht, zugleich aber die Entwicklung des präfrontalen Cortex bis ins dritte Jahrzehnt andauern kann, entsteht ein immer größeres Zeitfenster des Ungleichgewichts, das es zu bedenken gilt.

3.3 Und wie geht’s weiter im jungen Erwachsenenalter?

Für Erikson war die Identitätsentwicklung noch zentral in der Adoleszenz zwischen den Polen Identitätssynthese, d. h. Integration von früheren Identitätsaspekten und Identifikationen aus der Kindheit, und Identitätskonfusion, Unfähigkeit, das Ganze zu einer kohärenten Identität zu integrieren. Die Forschung, die sich auf seine theoretische Konzeption bezog, machte dann aber in den folgenden Jahrzehnten deutlich, dass Veränderungen in der Identitätsentwicklung bei jungen Leuten eingetreten waren. Das zeigte sich besonders bei der Untersuchung der Identitätsentwicklung von jungen Erwachsenen.

3.3.1 Identität als Kombination von Exploration und Commitment

Auf der Basis der Identitätstheorie von Erikson entwickelten sich zahlreiche Ansätze zur empirischen Überprüfung, von denen der von Marcia der bekannteste ist. Zentral für seinen Ansatz sind die beiden Komponenten Exploration (in verschiedenen Identitätsbereichen) und Commitment (Festlegung in Richtung auf eine bestimmte Identitätsfacette in diesen Bereichen). Wie In Kapitel 2 ( Kap. 2) ausgeführt, sind dies tatsächlich auch in den meisten theoretischen Konzeptionen, die nach Erikson entstanden, die beiden wichtigsten Komponenten.

Wie in Kapitel 2 ( Kap. 2) beschrieben, unterscheidet die Statusdiagnostik nach Marcia (1966) vier verschiedene Identitätsstatus, die sich aus verschiedenen Mischungsverhältnissen von Exploration und Commitment ergeben, die Achieved Identity (erarbeitete Identität), Foreclosure (übernommene Identität), das Moratorium sowie eine diffuse Identität. Die später noch zu schildernde Meta-Analyse von Kroger et al. (2010) fand bei den 18-Jährigen erst bei 17 % eine erarbeitete Identität; ein erheblich größerer Prozentsatz befindet sich im Moratorium oder einem diffusen Stadium der Identität. Das Foreclosure-Stadium war nicht sehr häufig vertreten, weil es eine frühe Festlegung erfordert, wie sie beispielsweise bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen mit körperlichen Erkrankungen notwendig wird. In meinen eigenen Studien fand ich folgende Verteilung im Alter von 24 Jahren: Während 36 % der gesunden jungen Erwachsenen das Foreclosure-Stadium erreicht hatten, waren es bei an Diabetes erkrankten 51 % (Seiffge-Krenke, 2010). Dies unterstreicht, wie sehr Kontextbedingungen und persönliche Fähigkeiten und Möglichkeiten Einfluss auf das nehmen, was an Identitätsentwicklung möglich ist. Dieser Aspekt wird vor allem in den Kapiteln 9 ( Kap. 9) und 10 ( Kap. 10) aufgegriffen.

Wie bereits dargestellt, betrifft ein wichtiger Aspekt in Marcias Taxonomie die große Bedeutung explorativer Prozesse für eine gelingende Identitätsentwicklung. In seinen ersten Arbeiten sprach Marcia davon, dass zum Erreichen einer erarbeiteten Identität erst eine Moratoriumssequenz durchlaufen werden muss, und verwies damit ähnlich wie Erikson und andere analytische Autoren auf die große Bedeutung regressiver Phänomene für eine gelingende Identitätsentwicklung. Jugendliche befinden sich dieser Konzeption zufolge noch in einem sehr frühen Stadium der Identitätsentwicklung, wo eine Festlegung eher nicht erwartet wird, sondern noch viel im Fluss ist.

In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass Weiterentwicklungen und speziell Differenzierungen des Explorationskonzepts vorzunehmen sind. Heutige Identitätskonzeptionen unterscheiden daher zwischen Exploration in die Tiefe und Breite – wobei die Exploration in die Breite neu ist – und dem Commitment, d. h. der Verpflichtung zu einem Identitätsentwurf. Zusätzlich wurde eine ruminative Komponente gefunden, ein Auf-der Stelle-Treten (Luyckxs et al., 2008a), wobei die Identitätsentwicklung im Bereich Beruf und Partnerschaft gleich langsam voranschreitet (Luyckxs, Seiffge-Krenke et al., 2014). Bemerkenswert sind Befunde, dass das diffuse Stadium weiter untergliedert wurde bei jungen Erwachsenen, in troubled and carefree diffusion (Luyckxs, Seiffge-Krenke et al., 2014), also jungen Leuten, die noch eine diffuse Identität haben, was sie aber nicht weiter stört, und solchen, die darunter leiden.

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