Kitabı oku: «Der gute Gott von Manhattan von Ingeborg Bachmann»
Ingeborg Bachmann
Der gute Gott von Manhattan
Lektüreschlüssel XL
für Schülerinnen und Schüler
Von Joseph McVeigh
Reclam
Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:
Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhattan. Hörspiel. München: Piper, 4 2019.
Lektüreschlüssel XL | Nr. 15513
2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961554-7
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015513-4
www.reclam.de
Inhalt
1. Schnelleinstieg
2. Inhaltsangabe Das Verhör und der Angeklagte Erste Begegnung und erste Station der Liebenden: das Stundenhotel Die Stadt der Städte: Die Welt und seine Ordnung Zweite Station der Liebenden: Im 7. Stockwerk des Atlantic Hotels Marionetten-Theater im Central Park Trennung und Wiederfinden Dritte Station der Liebenden: Im 30. Stockwerk des Atlantic Hotels Vierte Station der Liebenden: Im 57. Stockwerk des Atlantic Hotels Bedenkzeit und Explosion
3. Figuren Hauptfiguren Nebenfiguren
4. Form und literarische TechnikGattungAufbauSpracheStil
5. Quellen und Kontexte Der historische Kontext Liebe und Utopie Die Problematik der Sprache
6. Interpretationsansätze Die »verkrustete Welt« und ihre Ordnung Der ›andere Zustand‹ / Die Gegenzeit Die weibliche Tragik
7. Autorin und Zeit
8. Rezeption
9. Wort- und Sacherläuterungen
10. Prüfungsaufgaben mit LösungshinweisenAufgabe 1: Die Liebesbeziehung analysierenAufgabe 2: Eine Textstelle interpretierenAufgabe 3: Stilistische AnalyseAufgabe 4: Figuren analysierenAufgabe 5: StilanalyseAufgabe 6: Medienübergreifend arbeitenAufgabe 7: Interpretation
11. Literaturhinweise/MedienempfehlungenTextausgabeHörbuchInterviews mit Ingeborg BachmannZum Leben und Werk Ingeborg BachmannsZum Hörspiel Der gute Gott von ManhattanQuelle zur Debatte um das Hörspiel der NachkriegszeitFernsehfilm (1972)Internetquellen
12. Zentrale Begriffe und Definitionen
1. Schnelleinstieg

| Autorin | Ingeborg Bachmann (1926–1973), österreichische Schriftstellerin |
| Erstsendung | 29. Mai 1958 (Ursendung im Bayerischen Rundfunk, Norddeutschen Rundfunk und Südwestfunk); erste Druckfassung 1958 |
| Gattung | Hörspiel |
| Ort und Zeit der Handlung | Erzählt wird eine Liebesgeschichte im Sommer 1955 in der amerikanischen Großstadt New York. Die Schauplätze sind verschiedene Orte in der Stadt (Grand Central Bahnhof, Central Park, Atlantic Hotel) sowie ein Gerichtssaal in der Stadt. |
| Werkaufbau | Das Hörspiel ist nicht in Akte unterteilt, sondern besteht aus einer lockeren Folge von Szenen, die abwechselnd im Gerichtssaal und an den verschiedenen Orten, wo sich das Liebespaar aufhält (Hotelzimmer, Bar, im Park), spielen. |
| Erzählperspektive | Die Handlung wird abwechselnd aus der Perspektive der Titelfigur, des guten Gottes, und derjenigen der jungen Menschen Jan und Jennifer gezeigt. Die Aussagen des guten Gottes und die vom Richter vorgelesene Gerichtsakte in einem Gerichtsverhör bilden den Rahmen der Handlung, die die Liebesbeziehung zwischen Jan und Jennifer bildet. |
| Handlung | Ein Angeklagter steht zum Verhör vor einem Richter. Die beiden kennen sich schon, da sie sich vor einiger Zeit in einem ähnlichen Fall – einem Bombenattentat auf ein junges Liebespaar – im Gerichtssaal begegnet sind. Der Tatbestand ist klar: Der Angeklagte, der unter dem Spitznamen »Der gute Gott von Manhattan« oder »Der gute Gott der Eichhörnchen« bekannt ist, wurde am Tatort gefasst und leugnet die Mordtat nicht. Mit Hilfe seiner tierischen Handlanger, der Eichhörnchen Frankie und Billy, verfolgt er Liebespaare, die die gesellschaftlichen Konventionen solcher Beziehungen nicht beachten und somit die Grenzen des normalen Zusammenlebens zu sprengen drohen. |
Das Verhör des guten Gottes bildet den Rahmenhandlung im GerichtssaalRahmen der zentralen Handlung, einer Liebesgeschichte mit tragischem Ende zwischen dem jungen Europäer Jan und der amerikanischen Studentin Jennifer. Sie begegnen sich im Zentralbahnhof von New York und verbringen zusammen fünf Tage in der Stadt. Aus dem, was als sexuelles Abenteuer beginnt, wird plötzlich etwas mehr. Aber Jan hat schon eine Schiffskarte für die Rückreise nach Cherbourg gelöst und wartet nur noch auf die Bestätigung seines Platzes auf dem Schiff. Die Affäre soll also von vornherein eine »Vereinbarung auf Distanz« (S. 37) sein. Doch zwischen den beiden entwickelt sich eine immer intensiver werdende, sich steigernde Liebe, was durch den Umzug in immer höhere Stockwerke des Hotels symbolisiert wird: vom Erdgeschoss ins 7. Stockwerk, dann ins 30. und schließlich ins 57. Stockwerk des Atlantic Hotels.
Die zentrale Die zentrale Handlung des StücksHandlung des Hörspiels, die Liebesgeschichte, wird eigentlich in die innere Welt der Empfindungen verlegt, in der die Vertiefung und Stärkung der Beziehung verfolgt wird. Der manchmal lyrische Charakter des Dialogs zwischen Jan und Jennifer erschwert die Auslegung der hier ausgedrückten Gefühle, hat aber die deutliche Absicht, die »neue[ ] Sprache« (S. 85) einer absoluten ekstatischen Liebe wiederzugeben.
Die Schauplätze und Bilder aus der Metropole New York und »The American Way of Life«New York lassen offensichtlich werden, dass das Hörspiel in den Worten der Autorin »ohne die Amerika-Reise nicht zu denken« war, die Bachmann im Sommer 1955 unternahm.1 Und im Verlauf der Liebesgeschichte bekommt der Leser einen Einblick in die moderne Weltordnung, für die die Metropole New York als Symbol steht. Als Befürworter dieser Ordnung malt der gute Gott in seinen Aussagen vor dem Richter das Bild einer gnadenlosen modernen Welt, deren Regeln den Menschen ein konformes Leben abverlangen und die ihnen als Belohnung hierfür die Erfüllung aller materiellen Bedürfnisse verspricht. Dieses Bild basiert in vielem auf dem »American Way of Life«, mit dem Bachmann sich im Sommer 1955 in Boston (USA) als Teilnehmerin am Harvard International Summer Seminar intensiv beschäftigte. Konsum, Gewinn, Konformität und das Nützliche als Maßstäbe des gesellschaftlichen Lebens bilden in dem Stück die Hauptmerkmale der von den USA geprägten neuen Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg, obwohl solche Eigenschaften auch früher im 20. Jahrhundert mit Amerika verbunden wurden.
In ihrer Darstellung einer tragisch endenden Liebesgeschichte stellt Bachmanns letztes Hörspiel die gesellschaftlichen Zwänge in Frage, die die individuelle Freiheit radikal einschränken. Insofern nimmt dieses Werk den sozialen Umbruch der 1960er Jahre vorweg, in dessen Mittelpunkt die Spannung zwischen Individuum und Anpassung an gesellschaftliche Konventionen stand.
2. Inhaltsangabe
Die zentrale Handlung des Hörspiels, die Liebesbeziehung zwischen Jan und Jennifer, spielt sich über fünf Tage in der Stadt New York ab, und zwar hauptsächlich im Stadtteil Manhattan, dessen Name auf den indianischen Ausdruck manna-hatta zurückgeht und ›himmlische Erde‹ bedeutet.
Das Verhör und der Angeklagte
Im Gerichtssaal (S. 7–15): Die Eröffnungsszene der Handlung spielt im Sommer 1955 in einem Das Verhör beginntGerichtssaal in der Stadt New York, wo ein Angeklagter vor einem Richter über einen Mord aussagt, den er an einer jungen amerikanischen Studentin verübt haben soll. Der Dialog zwischen dem Richter und dem Angeklagten ist mehr Gespräch als Verhör, da der Angeklagte, der seine Schuld keineswegs leugnet, nicht zum ersten Mal vor dem Richter steht. Er war bereits früher ein Verdächtiger in anderen Fällen von Bombenattentaten und galt unter den gerichtlichen Psychiatern als wahnsinnig. Der Richter lehnte diese Diagnose jedoch ab, als er den Angeklagten kennenlernte. Nun entnimmt er den Akten, dass der Angeklagte allgemein als »[d]er gute Gott von Manhattan« oder »der gute Gott der Eichhörnchen« (S. 10) bekannt ist und über Hunderte solcher Nagetiere in der Stadt verfügt. Der gute Gott nennt die Tiere »mein[en] Nachrichtendienst, die Briefträger, Melder, Kundschafter, Agenten« (S. 11). Sie werden von den Tieren Frankie und Billy angeführt. Am Ende dieser Szene fängt der gute Gott an zu erzählen, wie die beiden jungen Menschen, der europäische Student Jan und die amerikanische Studentin Jennifer, zueinanderfanden. Den Übergang zur nächsten Szene bilden anonyme Stimmen »ohne Timbre, ohne Betonung, klar und gleichmäßig« (S. 15), die eine Reihe kurzer Sätze aus dem Alltag, der Werbung, der Politik usw. sprechen, die jedoch keinen Zusammenhang ergeben. Darunter befinden sich auch kurze Sätze, die als Mahnungen an Jan und Jennifer verstanden werden könnten: »DENK DARAN SOLANGE ES ZEIT IST« oder »DU KANNST ES NICHT HALT!« (S. 15). Durch das ganze Hörspiel hindurch werden diese beiden Sätze von den Stimmen wiederholt.
Erste Begegnung und erste Station der Liebenden: das Stundenhotel
Auf dem Grand Central Bahnhof (S. 15–20): Im Zentralbahnhof New Yorks lernt Die erste Begegnung der LiebendenJennifer den Europäer Jan kennen, der schon bald per Schiff nach Europa zurückreisen soll. Er ist ihr nicht ganz unbekannt, da sie ihn einige Tage zuvor auf dem Tanzfest ihrer Universität in Boston gesehen und auch im Zug von Boston nach New York ein paar Reihen hinter ihm gesessen hatte. Jennifer spricht ihn zuerst an, doch er reagiert eher desinteressiert. Er hat jedoch Hunger und will essen gehen; Jennifer kauft an einem Automaten im Bahnhof Nüsse für ihn. Jan erkennt die Nüsse als Eichhörnchenfutter und erwähnt, dass eines dieser Nagetiere ihm einen Brief zugesteckt hat, in dem steht, dass er den Abend mit Jennifer »auf der himmlischen Erde« (S. 19) verbringen wird. Jennifer willigt in ein kurzes Abenteuer mit ihrem neuen Bekannten ein.
In einer Nachtbar, dann auf der Straße, später in einem Stundenhotel (S. 20–31): Die beiden gehen in eine Bar, wo ihnen eine Die Zigeunerin und Mack der BettlerZigeunerin die Zukunft aus der Hand zu lesen versucht. Bei Jennifer misslingt dieser Versuch, weil die zu lesenden Linien der Handfläche durch die Spuren von Jans Fingernägeln entstellt wurden. Jan hingegen prophezeit die Seherin ein langes Leben, ohne dass sie sich seine Hand anschaut. Kurz darauf macht sich das Paar auf die Suche nach einem Hotel. Auf dem Weg begegnen sie einem Bettler namens Mack, der das Los der Bettler in New York beschreibt. Die Armen »[h]aben keine Farbe. Neiden den Weißen und Schwarzen die Haut« (S. 24). Kurz darauf mieten sie ein Zimmer in einem schäbigen Stundenhotel. Jennifer zögert anfangs, mit ihm ins Bett zu gehen, weil sie sich in dem schmutzigen Zimmer unwohl fühlt. Jan spielt nach wie vor den autoritären Mann in der Beziehung und gibt Befehle – »Zieh dich aus!« (S. 26). Er spricht mit Jennifer wie mit einem Kind: »Musik? Meine liebe Jennifer, jetzt wirst du keine hören […] denn ich werde es nicht dulden« (S. 28). Jennifer reagiert machtlos (»Warum tust du das? Warum, warum, warum?«, S. 28), lässt sich alles gefallen, einschließlich Jans emotionaler Kälte – er gesteht, nur daran zu denken, dass er am nächsten Morgen aufs Schiffsbüro muss. Erst am Mittag des folgenden Tages wachen die beiden auf. Zu diesem Zeitpunkt deutet alles im Dialog zwischen den beiden auf baldige Trennung hin. Jan will zwar weg, schlägt jedoch vor, dass sie frühstücken gehen und »in Ruhe darüber sprechen« (S. 29). Zum Schluss hört man wieder die anonymen Stimmen mit ihren wirren Sprüchen, unter anderem einem zur Besinnung auf den Charakter ihrer Beziehung: »WARUM NICHT GENUSS OHNE REUE« (S. 30).
Die Stadt der Städte: Die Welt und seine Ordnung
Im Gerichtssaal (S. 31–35): Der gute Gott bemerkt mit Sorge in Jans schwindender Unsicherheit über die Beziehung zu Jennifer und in Jennifers »Hunger auf alles« einen sich anbahnenden Die ersten Anzeichen eines GrenzübertrittsGrenzübertritt über die Hemmschwelle gesellschaftlicher Erwartungen. Jan erfährt telefonisch, dass er immer noch keinen sicheren Platz auf dem Schiff hat, was ihm ermöglicht, bei Jennifer zu bleiben. Die zunehmenden Liebesgefühle zwischen Jan und Jennifer vergleicht der gute Gott mit dem »wütende[n] Hymnus […] eines wiedererstandenen Ninive und New York als das neue BabylonBabylon« (S. 33) und benutzt eine Reihe von grotesken TodessymbolikTodesbildern – »Schädel der Gigantenhäuser«, »Hunderte von Leichen wurden in den Trauerhäusern manikürt, geschminkt und zur Schau gestellt« (S. 33) –, um den Charakter von New York zu veranschaulichen, dieser »Stadt der Städte, […] in der alles gedeihen konnte! Alles. Auch dies« (S. 34). Der Richter liest aus den Akten vor, was das Liebespaar als Nächstes getan hat: sie sind mit der Untergrundbahn nach Harlem gefahren, haben etwas Zeit in einer Bar, einer Kirche und einem Musikgeschäft verbracht. Die beiden beziehen schließlich ein Zimmer im 7. Stockwerk des Atlantic Hotels. Der gute Gott fügt hinzu, dass dem jeweiligen Stockwerk, in dem sich das Liebespaar befindet, eine gewisse Bedeutung zukommt.

Abb.1: Die heutige Skyline von New York. – © Image by A. H. from Pixabay
Zweite Station der Liebenden: Im 7. Stockwerk des Atlantic Hotels
Halle des Atlantic Hotels (S. 35–37): Jan und Jennifer erfahren, dass ein Zimmer im 7. Ein Zimmer im 7. StockwerkStockwerk des Atlantic Hotels frei geworden ist. Jennifer freut sich auf die Klimaanlage und »Sauberkeit jede Stunde« (S. 36), wobei ihr immer noch bewusst ist, dass das Liebesabenteuer wegen der bevorstehenden Abreise von Jan nur kurze Zeit dauern wird.
Im Zimmer des 7. Stockwerks (S. 36–37): Diese kurze Szene besteht aus einem knappen spielerischen Dialog zwischen Jan und Jennifer, in dem er sie über die Wortspiele um die ZeitBegriffe »morgen«, »heute« und »jetzt« (S. 36. f.) prüft.
Im Gerichtssaal (S. 37–39): Der Richter und der gute Gott sehen die Details des Falles unterschiedlich. Was der Richter die »Intimitäten« des Liebespaars nennt, versteht der gute Gott im Gegenteil als Die »Vereinbarung auf Distanz«eine »Vereinbarung auf Distanz« (S. 37). Er glaubt jedoch, in dieser noch bestehenden Distanz zwischen den beiden die ersten Bruchstellen zu erkennen: »Sie lachen in der Öffentlichkeit und doch unter deren Ausschluß […] wie Verschwörer, die andere nicht wissen lassen wollen, daß die Spielregeln bald außer Kraft gesetzt werden« (S. 38). Als Beispiel der Unberechenbarkeit der beiden führt der gute Gott ihren Spaziergang um Mitternacht zur Brooklyn-Brücke an.
Im Freien (S. 39–40): Jan und Jennifer fahren fort mit dem verliebten, spielerischen Dialog, in dem Jan verspricht, dass er allein sie noch lange lieben will, sogar wenn sie »noch alt und hinfällig« (S. 39) ist. Mitten im Gespräch bekommen sie einen vom Eichhörnchen gelieferten Brief, der sich wie eine geheimnisvolle Einladung liest, allerdings mit Hinweis auf zwei Reklamewände, die als Orientierungspunkte dienen sollen: »Sag es niemand. Heute nacht erwartet dich Jennifer auf dem Broadway unter dem Wasserfall aus Pepsi Cola neben dem großen Rauchring von Lucky Strike« (S. 40).
Im Gerichtssaal (S. 40–42): Die ersten Anzeichen echter Liebesgefühle alarmieren den guten Gott. Was ursprünglich nach Reisebekanntschaft und kurzer Affäre aussah, scheint sich nun in etwas anderes zu verwandeln: »Sie verstießen gegen jeden vernünftigen Brauch, den man davon machen kann« (S. 40). Nach einem nächtlichen Spaziergang durch die Stadt kehrt das Paar ins Hotel zurück, wobei sie »noch unter dem Gesetz« (S. 41) handeln. »Aber nicht lange mehr. Nicht mehr lange« (S. 41), wie der gute Gott hinzufügt. Mit diesen Worten meint der gute Gott, dass die Beziehung der Liebenden noch nach den üblichen gesellschaftlichen Erwartungen verläuft. Er deutet aber auch an, dass sie sich bald ändern wird. Der Richter hört sich den Kommentar des guten Gottes an, meint jedoch frustriert, er sehe in dessen bisherigen Erklärungen kein Kein klares Motiv für den MordMotiv für den Mord. Der gute Gott erzählt, wie er das Liebespaar vorgewarnt hat, etwa durch eine Theatervorstellung im Central Park.
Marionetten-Theater im Central Park
Im Theater (S. 42–45): Während einer Fahrt in der Pferdekutsche durch den Central Park in New York treffen die Verliebten auf ein von den Eichhörnchen schnell aufgestelltes Die Liebenden als MarionettenMarionettentheater, dessen Programm eine Aufführung von »fünf der schönsten Liebesgeschichten der Welt!« (S. 42) verspricht: Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Abälard und Heloïse, Francesca und Paolo sowie Orpheus und Eurydike. Jan und Jennifer sollte dabei auffallen, dass alle fünf Geschichten mit dem Tod enden. Billy gibt für jede Geschichte eine kurze Einleitung, während Frankie aus lauter Blutrünstige Inszenierung tragischer LiebesgeschichtenBlutrünstigkeit ständig Details aus dem grausamen Schicksal der Paare ausruft: »Zur Hölle mit ihnen. […] Tot. Zerrissen. Zu Ende!« (S. 43). Die eigentliche Aufführung der fatalen Liebesgeschichten wird jedoch im Text des Hörspiels nicht näher beschrieben.
Im Freien (S. 45–46): Jan und Jennifer hat die Theatervorstellung im Park gefallen. Jennifer entdeckt in ihrer Handtasche einen Zettel von den Tieren mit der Nachricht »Heimgehen, bitte« (S. 46).
Im Gerichtssaal (S. 46): Den guten Gott alarmiert, dass die Liebenden in ihr Zimmer zurückkehrten und »an die nächste Umarmung [dachten]«, denn er hält die sich vertiefende Beziehung für »weder natürlich noch gesund« (S. 46).
Trennung und Wiederfinden
Im Zimmer des 7. Stockwerks (S. 47–49): Jan hat weiterhin vor, mit dem Schiff abzufahren, sobald er einen Platz bekommt. In der Zwischenzeit spielt er weiter mit den Gefühlen Jennifers, indem er ironischerweise verspricht, ihr zu schreiben, wenn er wieder zu Hause ist. Jennifer hofft naiv darauf, dass hinter den liebevollen Jans Sprache als MachtinstrumentWorten des Scherzbriefes echte Gefühle stehen. Jan macht sich im weiteren Dialog mit Jennifer über diese Illusion lustig: »Meine Gefühle habe ich ausgezogen und zu den Kleidern gelegt« (S. 48). Kurz darauf kommt ein Telefonanruf mit der Nachricht, dass nun für Jan ein Platz auf dem Schiff reserviert ist. Die Szene endet wieder mit den Stimmen und ihrer Warnung vor einer Fortsetzung der Liebesbeziehung.
Im Zimmer des 7. Stockwerks (S. 49–51): Jan und Jennifer packen ihre Koffer und bereiten sich auf die endgültige Ein Missverständnis trennt die Liebenden kurzTrennung vor. Während Jan die Rechnung für das Zimmer bezahlt, geht Jennifer aus dem Hotel in der falschen Annahme, dass ihre Zeit mit Jan zusammen nun zu Ende ist. Jedoch bucht Jan am Empfang eigentlich ein Zimmer in einem höheren Stockwerk, damit sie weiterhin zusammen sein können. Die Stimmen treten am Ende der Szene erneut auf. Zur üblichen Warnung – »SOLANGE ES ZEIT IST DENK DARAN« – kommt eine neue Mahnung für Jennifer hinzu: »NÄHER ZU IHM NÄHER ZU NICHTS« (S. 51).
Auf der Straße (S. 51–55): Jan bedauert, dass Jennifer fortgegangen ist. Er verlässt das Hotel und sucht auf der Straße nach ihr. Plötzlich taucht sie neben Jan auf und hat sich anscheinend entschieden, reuevoll zu ihm zurückzukehren. Anstatt sich zu freuen, dass er sie wiedergefunden hat, Jennifers Erniedrigung durch Janbedroht er sie: »Ich sollte dich schlagen vor allen Leuten, schlagen werde ich dich …« (S. 53). Sie antwortet nur: »Ja, ja« (S. 53). Jan berichtet, er habe beim Bezahlen des Zimmers erfahren, dass nun eines im 30. Stockwerk frei geworden ist, sogar mit Blick zur Straßenseite. Jennifer scheint bereit, sich mit Jan zu versöhnen, und freut sich auf den Umzug in ein höheres Stockwerk: »Küß mich. Auch auf der Straße« (S. 54). Die beiden kehren ins Hotel zurück.
Im Gerichtssaal (S. 56–58): Der gute Gott erklärt dem Richter, welche Wirkung ein Aufenthalt im oberen Der Umzug ins 30. StockwerkStockwerk eines hohen Gebäudes auf die Menschen generell hat: »Aus einiger Entfernung betrachtet, schrumpft der gesunde Menschenverstand ein und sieht einem Gran Stumpfsinn zum Verzweifeln ähnlich« (S. 56). Solche Umstände, so der gute Gott, wirken auf Liebespaare wie Jan und Jennifer umso stärker, als man hier etwas erlebt, was nicht auf dem Boden zu erleben ist: »Es gibt nämlich einiges in den Höhen, wo die Adler nicht wohnen. Freiheit. Ein Unwesen, das die Phalanx der Liebenden in Besitz nimmt und verteidigt voller Verblendung« (S. 56 f). Schuld an dieser Intensivierung der Liebesbeziehung ist auch, so meint der gute Gott, seine Widersacherin, die Die Zigeunerin als Widersacherin des guten GottesZigeunerin, der Jan und Jennifer schon in der ersten Nacht begegnet waren. Der gute Gott verfolgt sie, so gut es geht, kann sie aber nicht ausfindig machen: »Darum bin ich dieser Zigeunerin auf den Fersen, solange ich denken kann, die von nirgends herkommt und nirgends zuhause ist und diese Horste begünstigt« (S. 57). Die Liebenden richten sich im neuen Zimmer ein und lassen sich nicht mehr trennen.
Auf dem Hotelkorridor (S. 58–59): Diese humoristische Szene eröffnet das Eichhörnchen Billy mit einem Zitat aus dem Märchen Rumpelstilzchen: »Ach wie gut, daß niemand weiß« (S. 58). Dann überlegen sich die beiden Die Eichhörnchen planen die VernichtungEichhörnchen-Hauptleute Frankie und Billy, wie Jan und Jennifer für ihr Vergehen bestraft werden sollten. Frankie schlägt zuerst »Spanische Folter« (S. 59) vor, flüstert Billy dann aber eine noch bessere Möglichkeit ins Ohr, die dem Leser nicht verraten wird.
Im Gerichtssaal (S. 60–61): Der Richter ist schockiert, dass die Eichhörnchen als mögliche Strafe Folter in Betracht ziehen und kommentiert, dass wir nicht im Mittelalter leben. Der gute Gott behauptet, der Richter bevorzuge vielleicht die Massenvernichtung oder Einzelvernichtung?Massenvernichtung vor der Einzelvernichtung, und lässt wissen, er selbst habe »ein altmodisches Verfahren« (S. 60) verwendet, das in den Augen des Gerichts wenig Zustimmung finden werde. Dennoch lehnt er »[d]ie ausschweifende Phantasie meiner Handlanger« ab, preist die eigene Nüchternheit in solchen Fällen – »Mordlust ist mir fremd« (S. 60) – und meint am Ende, er erwarte keine Gnade vom Gericht. Die Szene schließt mit den anonymen Stimmen, die unter anderem die ambivalente Formulierung »KEINE GNADE« (S. 61), die sich hier auf die Liebenden oder auf den guten Gott beziehen kann, leitmotivisch zweimal wiederholen.
Dritte Station der Liebenden: Im 30. Stockwerk des Atlantic Hotels
Im Zimmer des 30. Stockwerks (S. 61–69): Jennifer und Jan versuchen, mit ihren erwachenden Liebesgefühlen zurechtzukommen und zu entscheiden, ob sie von Dauer sein werden oder nicht. Jennifer will Jan besser kennenlernen, indem sie ihm Fragen zu seiner Person stellt, aber er hält ein solches Gespräch für sinnlos. Auf die Frage, ob jemand drüben in Europa auf ihn warte, antwortet Jan mit einer Kälte, die klarstellt, dass er seine jetzige Beziehung zu Jennifer nicht als große Jans zynische Auffasung der LiebeLiebe betrachtet: »Man wird ja weitergereicht, eine Beziehung löst die andere ab, man siedelt von einem Bett ins andere« (S. 64). Auf Jennifers nochmaligen Wunsch, ihn besser kennenzulernen, reagiert Jan erneut abweisend. Er mokiert sich über ihr Interesse, ihm näherzukommen, mit abwertenden Bemerkungen über das gängige Leben eines Liebespaars, das darin bestehe, ins Konzert oder ins Kino zu gehen, Kinder zu kriegen usw. Dass Jan nun diese Jans Widerstand gegen die Ordnung der WeltOrdnung in der Liebe ablehnt, signalisiert er hier mit den Worten: »Aber es ist nur der erste Angriff, der erste Schlag auf eine Kette, die nicht zerbrechen will. […] Aber es kann auch das Gesetz der Welt dann nicht mehr auf uns liegen« (S. 69).
Im Büro des guten Gottes (S. 69–72): Frankie und Billy Die Eichhörnchen planen den nächsten Schrittberaten, wie es mit den Liebenden weitergehen soll. Sie beschließen, dass Jan und Jennifer in ein noch höheres Stockwerk ziehen sollen, und zwar ins siebenundfünfzigste, das höchste im Hotel. Sie überlegen sich, wie sie den jetzigen Bewohner des erwünschten Zimmers wegscheuchen können. Wenn Jan und Jennifer in das neue Zimmer einziehen, so die Diagnose Frankies, verfallen sie Symptomen einer Desorientierung, denn sie »müssen haushalten mit der Stickluft. Verlieren den Boden unter den Füßen. Fühlen Schwindel. Und pfeifen – er pfeift – pfeifen auf die himmlische Erde« (S. 72).
Im Gerichtssaal (S. 72–74): Der Richter und der gute Gott besprechen den Umzug der Liebenden ins 57. Stockwerk und die »seltsame Aussicht« auf die »im Flug verlassene Welt […] unten« (S. 73). Der gute Gott deutet an, dass er für die jungen Liebenden, die fast kein Geld mehr hatten, das Zimmer bezahlt hat, um die Dinge voranzutreiben, die nicht mehr aufzuhalten waren.
Vierte Station der Liebenden: Im 57. Stockwerk des Atlantic Hotels
Im Zimmer des 57. Stockwerks (S. 74–78): Im 57. Stockwerk vollendet sich die Verwandlung der Liebenden in Die Liebesutopie rückt näherabsoluter Freiheit, wie Jan bemerkt: »Genau hier ist es zu spüren, wo es wenig Erde gibt. Hier ist Raum« (S. 74). Er empfindet dabei, »daß der Kältesee in meinem Herzen zum Abfließen kommt« (S. 75). Mit immer stärkeren Bildern steigern sich die gegenseitigen Liebesbeteuerungen der beiden, bis Jan, der von Anfang an der emotional Zurückhaltende war, sein endgültiges Bekenntnis zu Jennifer ablegt: »Bei dir sein möchte ich bis ans Ende aller Tage und auf den Grund dieses Abgrundes kommen, in den ich stürze mit dir. Ich möchte ein Ende mit dir […]« (S. 77). Er unterstreicht in einem weiteren Monolog den radikalen Aspekt seiner neuen Auffassung der unendlichen Liebe, indem er sie mit existenziellen Überlegungen verbindet: »Reißen wir unsere Herzen aus für ein Nichts und um mit dieser jämmerlichen Klage die Leere zu füllen, und stirbst du dafür! […] Ich will, was noch niemals war: kein Ende. […] So komm. Ich bin mit dir und gegen alles. Die Gegenzeit beginnt« (S. 78).
Im Gerichtssaal (S. 79–82): Der gute Gott erklärt dem Richter die Bedeutung von Jans Worten: Es ist die Rede »[v]on einem anderen Zustand. Von einem Grenzübertritt. Von etwas, das Sie und ich nicht erwogen haben« (S. 79).
In dieser Szene offenbart der gute Gott sein Das Glaubensbekenntnis des guten GottesGlaubensbekenntnis, auf dem seine unerbittliche Auffassung gesellschaftlicher Ordnung basiert. Nachdem er das Programm des guten Gottes zur Kenntnis genommen hat, nennt ihn der Richter »ein[en] krankhafte[n] Phantast[en]« (S. 81) und verweist darauf, dass es doch viele glückliche Paare gibt, was der gute Gott nicht bestreitet. Dennoch betont dieser, dass solche Menschen Instinkt haben und verstehen, die anfängliche Glut zu zähmen, um aus der Beziehung »eine Kameradschaft und wirtschaftliche Interessengemeinschaft« zu schaffen. Er sieht eine solche Beziehung als annehmbar und summiert: »Alles im Gleichgewicht und in der Ordnung« (S. 81).
Der Richter betont, dass es nur eine gesellschaftliche Ordnung gibt, die er als Richter vertritt. Der gute Gott schließt mit der Andeutung, dass der Richter und er doch auf derselben Seite stehen, denn sie wollen das Bestehende stärken und mit allen Mitteln verteidigen. Die Szene schließt mit den anonymen Stimmen, in deren Sprüchen diesmal ein gewalttätiger Ton bemerkbar ist: »PROBEWEISE GEWALT AUF VORRAT«, »RAKETEN SPRITZIGER BOMBEN FÜLLIGER«, »UNTER SCHLÄGEN STEIGEN UND SINKEN« (S. 82).
Im Zimmer des 57. Stockwerks (S. 83–85): Jan und Jennifer sind dabei, sich zu trennen, obwohl Jennifer offensichtlich in Jan verliebt ist. Jan, bereits an der Tür stehend, muss sich endlich eingestehen, dass er sie nicht verlassen kann und geht wieder auf sie zu. Jennifer wirft sich auf die Knie, was ihn überrascht und etwas verunsichert, und sie beginnt eine Litanei der Hörigkeit: »Auf den Knien vor dir liegen und deine Füße küssen? Ich werde es immer tun. Und drei Schritte hinter dir gehen, wo du gehst. Erst trinken, wenn du getrunken hast. Essen, wenn du gegessen hast. Wachen, wenn du schläfst« (S. 84). Auf diese seltsame Liebeserklärung Jennifers reagiert Jan mit einem Jans LiebeserklärungBekenntnis zu ihr. Er müsse zwar kurz einmal aufs Schiffsbüro, um die Karte zurückzugeben, doch bevor er geht, verspricht er ihr, in ihrer neuen Liebesbeziehung alle Grenzen der gesellschaftlichen Konventionen zu sprengen.
Im Gerichtssaal (S. 86): Der gute Gott rechtfertigt dem Richter gegenüber, warum Jan und Jennifer sterben müssen, indem er sie mit Die Liebe als radioaktives Elementradioaktiven Elementen vergleicht, »die alles zersetzen und die Welt in Frage stellen« (S. 86). Die sich emotional steigernde Rechtfertigung des Mordes an Jennifer endet mit einem Rollenwechsel im Gericht: Der Angeklagte verlangt nun vom Richter Antworten.
Bedenkzeit und Explosion
Im Zimmer des 57. Stockwerks (S. 87–89): Der gute Gott überbringt Jennifer im Hotelzimmer ein Die Bombe wird geliefertPaket mit der Anweisung, dass es erst geöffnet werden soll, wenn Jan wieder da ist. Jennifer ist damit einverstanden, weil sie annimmt, dass Jan in der Tat bald zurückkehren müsste. Der gute Gott geht jedoch nicht sofort, sondern hört Jennifers Liebeserklärung an Jan zu: »Ich liebe. Und ich bin außer mir. Ich brenne bis in meine Eingeweide vor Liebe und verbrenne die Zeit zu Liebe, in der er hier sein wird und noch nicht hier ist. […] Atmen Sie nicht diese Luft hier. Ich brauche sie. Ich liebe. Gehen Sie fort von hier. Ich liebe« (S. 88).
In einer Bar in der 46. Straße (S. 89–92): Jan geht in eine Bar und bestellt ein Getränk. Der Barmann stellt das Radio an und aus dem Apparat sind durch die ganze Szene noch einmal die anonymen Stimmen zu hören: »DENK DARAN SOLANGE ES ZEIT IST« und »KEINE GNADE KEINE ZEIT FÜR GNADE« (S. 90 f.). Beinahe geht er Die Explosionzurück zu Jennifer, bleibt dann aber doch sitzen, liest eine Zeitung und spricht mit dem Barmann. In diesem Moment ist eine dumpfe Detonation zu hören.
Auf dem Korridor des 57. Stockwerks (S. 92): Die Eichhörnchen Frankie und Billy halten sich im Korridor des 57. Stockwerks auf, als die Bombe detoniert. Billy ärgert sich, dass Jan nicht mit im Zimmer war: »Gründliche Explosion und schlechte Berechnung. Ein Toter zu wenig« (S. 92), während Frankie nur klagt, dass die Explosion sein Fell versengt hat. Sie verschwinden, als die ersten Menschen herbeikommen.
Im Gerichtssaal (S. 93–94): In dieser Schlussszene des Hörspiels ist das Bündnis zwischen dem Richter bzw. dem Gesetz und dem guten Gott vollendet. Der Richter summiert mit Worten, die denjenigen des guten Gottes ähnlich klingen, warum Jan überlebt hat: »Weil er plötzlich, als die Entscheidung gefallen war, Lust verspürte, allein zu sein, eine halbe Stunde lang ruhig zu sitzen und zu denken, wie er früher gedacht hatte […]. Er war rückfällig geworden, und die Ordnung streckte einen Augenblick lang die Arme nach ihm aus.« Der gute Gott fügt hinzu: »Er war gerettet. Die Erde hatte ihn wieder« (S. 93). Der Richter bricht nun das Das Verhör wird beendetVerhör ab und entlässt den Angeklagten. Auf die Frage des guten Gottes, wie das Urteil lautet, antwortet der Richter mit Schweigen. Die Anklage wird allerdings aufrechterhalten.
3. Figuren
Nur eine relativ kleine Kerngruppe von sechs Hauptfiguren trägt die Handlung dieses Hörspiels. Zu diesen gehören der gute Gott, der Richter, das Liebespaar Jan und Jennifer sowie die zwei Handlanger des guten Gottes, die Eichhörnchen Frankie und Billy. Mit Ausnahme einer Zigeunerin und des Bettlers Mack, die nur einmal kurz auftreten, dienen die sonstigen Figuren lediglich als typische Gestalten des Lebens in der Großstadt (Zeitungshändler, Polizist, Barmann) oder als Schauplatzkulisse (Portier, Liftboy, Gerichtsdiener, Wärter). Und obwohl sie keine ›Figur‹ im gängigen Sinne sind, spielen die »monoton[en] und geschlechtslos[en]« (S. 5) Stimmen, die durch das ganze Stück hindurch wiederkehren und mit ihren Warnungen an die Liebenden der vom guten Gott vertretenen Ordnung dienen, eine nicht unwesentliche Rolle und werden deswegen in die Liste der Figuren aufgenommen.
Hauptfiguren
Der gute Gott von Manhattan: Der gute Gott ist die zentrale Gestalt dieser modernen Parabel, und er soll die Verkörperung der modernen Moralmoralische Ordnung der Gesellschaft verkörpern, die die absolute Freiheit des Individuums in der Liebe nicht dulden kann. Er tritt dabei als schrulliger alter Mann auf, nicht etwa als allwissender Gott. Mit Hilfe seiner Eichhörnchen verfolgt er alle Liebespaare, die in ihrer Beziehung gegen die gesellschaftliche Ordnung verstoßen. Zu Beginn des Stücks tritt er als Angeklagter in einem Mordprozess auf, denn er soll ein Bombenattentat auf ein junges Liebespaar verübt haben.
In seinen Aussagen vor dem Richter verteidigt er die bestehenden gesellschaftlichen Konventionen, die in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen herrschen. Er rechtfertigt sein Die Verfolgung von Liebespaarengewalttätiges Eingreifen in die Liebesbeziehung der beiden jungen Menschen damit, dass diese aufgrund ihrer sich intensivierenden Liebe gegen die bestehende Ordnung verstoßen hätten und sie somit zu zersetzen drohten.
Für dieses Attentat muss sich der gute Gott nun vor dem Gericht verantworten, wobei das Verhör im Laufe der Fragen und Antworten langsam zu einem Gespräch zwischen Gleichgestellten wird. Am Ende stellt sich dabei heraus, dass beide im Grunde genommen auf derselben Seite stehen. Auf den Hinweis des Richters, »Es gibt nicht zwei Richter – wie es nicht zwei Ordnungen gibt«, antwortet der gute Gott: »Dann müßten Sie mit mir im Im Bund mit dem RichterBund sein, und ich weiß es nur noch nicht. Dann war es vielleicht nicht beabsichtigt, mich außer Gefecht zu setzen, sondern etwas zur Sprache zu bringen, worüber besser nicht geredet werden sollte. Und zwei Ordner wären einer.« (S. 82)
In seiner Motivation und Methode hat die Figur des guten Gottes zwei reale kriminelle Zeitgenössische Vorbilder des guten GottesVorbilder, die in den 50er Jahren in Deutschland und in den USA für Schlagzeilen sorgten. Als Serienmörder von Liebespaaren weist er Ähnlichkeiten mit dem Mörder Werner Boost (geb. 1928) auf, der zwischen 1953 und 1956 in der Gegend von Düsseldorf sein Unwesen trieb. Der sogenannte ›Liebespaarmörder‹ wurde 1956 festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Das zweite kriminelle Vorbild war George Metesky (1903–1994), der 1940 und 1941 zunächst zwei Bomben und dann – nach einer auf den Zweiten Weltkrieg zurückzuführenden Pause – zwischen 1951 und 1956 dreiunddreißig Bomben in der Stadt New York legte, allein fünfmal im dortigen Zentralbahnhof, wo sich im Hörspiel Jan und Jennifer kennenlernen.
Der Richter: Diese Figur vertritt die gesetzliche Vertreter welcher Ordnung?Ordnung der Gesellschaft, im Gegensatz zur Funktion des guten Gottes als Vertreter der moralischen Ordnung. Wie der gute Gott trägt er keinen Namen, sondern wird durch seine gesellschaftliche bzw. berufliche Stellung identifiziert. In der Rahmenhandlung des Hörspiels spielt er die Rolle eines Erzählers der Binnenhandlung: Ein Großteil der Details der Liebesbeziehung – wann und wie sich Jan und Jennifer kennenlernten, wie sie in immer höhere Stockwerke des Hotels umgezogen sind usw. – wird von ihm aus einem Protokoll vorgelesen. Überraschend an dem Verhör ist nicht nur, dass der Angeklagte nichts an dem Tatbestand des Falles bestreitet, sondern auch, dass der Richter es von vornherein für sinnlos hält, dem Angeklagten Fragen zu stellen, »auf die ich die Antworten schon weiß« (S. 9). Denn der Richter kennt den guten Gott bereits, da dieser schon mehrmals wegen ähnlicher Mordfälle vor dem Gericht erscheinen musste, ohne je verurteilt zu werden. Am Ende des Verhörs wird klar, warum das so ist: Beide scheinen, wie der gute Gott meint, miteinander »im Bund [zu] sein« (S. 82).
Obwohl der Richter den Angeklagten einen »krankhafte[n] Phantast[en]« nennt (S. 81), lässt er sich von den Argumenten des guten Gottes vereinnahmen. Jedoch kann der Richter als Vertreter des Gesetzes den Mörder der zwei Liebenden nicht einfach freisprechen und so dem Ruf des Rechtsstaats schaden. Stattdessen lässt er ihn durch einen Nebenausgang das Gerichtsgebäude verlassen, obwohl die Anklage selbst aufrechterhalten wird. Die Mordfälle werden wahrscheinlich künftig fortgesetzt, was der Schweigen als Antwort auf den MordRichter mit dem Wort »Schweigen« (S. 94) – das letzte Wort des Stücks – zu akzeptieren scheint.
Jennifer: Sie ist eine amerikanische Studentin der »politische[n] Wissenschaften« (S. 18), die wie Bachmann selbst im August 1955 im Schnellzug von Boston nach New York fährt, um die Stadt zu besichtigen. Sie ist es, die die Beziehung mit Jan initiiert, indem sie ihn im New Yorker Erste Begegnung der Liebenden im BahnhofZentralbahnhof anspricht. Sie lässt ihn wissen, dass sie schon in Boston auf einer Universitätsfeier, die er auch besuchte, mit ihm tanzen wollte und ihn auch im Zug nach New York beobachtet habe. Nachdem sie sich in einem kurzen unverbindlichen Gespräch ein wenig kennengelernt haben, einigen sie sich darauf, gemeinsam essen zu gehen.
Schon in der zweiten Szene in einer Nachtbar wird deutlich, dass Jennifer sich von Jan vieles gefallen lässt, darunter auch physische und seelische Jans BrutalitätQuälereien. Nach dem ersten Tanz in der Bar klagt Jennifer: »Meine armen Hände. Meine armen, armen Schultern. Bitte, tu das nicht. Tu mir nichts« (S. 21). Kurz danach kann ihr eine Zigeunerin nicht die Zukunft aus der Hand lesen, weil Jan ihr die Handfläche mit seinen Fingernägeln verletzt hatte.
Im Gegensatz zu Jan ist Jennifer empfindlich und übernimmt auch eine entsprechende Rolle in ihrer Beziehung. Mit der fortschreitenden Stärkung und Vertiefung ihrer Liebe ist sie sogar bereit, Jan bedingungslos zu lieben, bis hin zum eigenen Jennifers IdentitätsverlustIdentitätsverlust: »Auf den Knien vor dir liegen und deine Füße küssen? Ich werde es immer tun. Und drei Schritte hinter dir gehen, wo du gehst. Erst trinken, wenn du getrunken hast. Essen, wenn du gegessen hast. Wachen, wenn du schläfst« (S. 84). Ihre Auffassung einer utopischen Liebe schließt den Umgang mit anderen Menschen außer dem Geliebten aus. Als der gute Gott ihr die Paketbombe ins Hotelzimmer liefert, sagt sie zu ihm:
»Gehen Sie, bitte, weil ich zu niemand reden darf. Ich liebe. Und ich bin außer mir. Ich brenne bis in meine Eingeweide vor Liebe und verbrenne die Zeit zu Liebe, in der er hier sein wird und noch nicht hier ist. […] Gehen Sie endlich. Sehen Sie mich nicht so an. Atmen Sie nicht diese Luft hier. Ich brauche sie. Ich liebe. Gehen Sie fort von hier. Ich liebe.« (S. 88)
Jan: Er ist ein junger Europäer, der sich als Tourist in Boston und New York aufhält. Von den zwei Liebenden ist er derjenige, der im Lauf der Handlung die größte Wandlung durchmacht. Er wirkt anfangs im Bahnhof eher passiv und desinteressiert, lässt sich dennoch von Jennifer dazu überreden, mit ihr essen zu gehen. Wegen seiner bevorstehenden Abreise per Schiff zurück nach Europa verspricht er sich von seiner Zeit mit Jennifer höchstens eine kurze unverbindliche Sommerfreundschaft, eventuell mit Intimitäten. Da er aber nicht weiß, wann sein Platz auf dem Schiff bestätigt wird und er tatsächlich auch sehr spät benachrichtig wird, bleibt er mehrere Tage mit ihr im Hotel. Während dieser Zeit wachsen in ihm allmählich Gefühle für Jennifer, die über den bloß sinnlichen Genuss hinausgehen.
Das Gespräch von Jan und Jennifer am ersten Abend im Stundenhotel – sie ziehen am folgenden Tag in das schönere Atlantic Hotel um – verrät die anfängliche primitive Natur der Affäre, in der die kalte, fast brutale Seite Jans zum Vorschein kommt. Jennifer zögert zunächst, im schmutzigen Hotelzimmer mit ihm ins Bett zu gehen. Auf ihren Vorschlag, zuerst darüber zu reden und nachzudenken, antwortet Jan brüsk: »Zieh dich aus!« (S. 26), woraufhin Jennifer weinerlich auf ihre durch Jan verletzten Hände hinweist: »Meine armen Hände. […] Sieh sie dir bloß an« (S. 26). Er entschuldigt sich mit der Bemerkung, dass Jennifer ihn zu dieser groben Behandlung aufgefordert habe. Das Hin und Her zwischen unverbindlicher Unverbindliche Zärtlichkeit und emotionale KälteZärtlichkeit und emotionaler Kälte kennzeichnet also Jan in dieser frühen Phase der Beziehung, in der er nur an den körperlichen Genuss denkt und ihr zu diesem Zweck den Rat gibt: »Denk nicht daran, mach die Augen zu. […] Man denkt nämlich nichts mehr dabei, weißt du? In Wahrheit denke ich, daß ich morgen früh aufs Schiffsbüro muß« (S. 27).
Weil das Schiff am nächsten Morgen nicht zur Abfahrt bereit ist, bekommt Jan ein schöneres Zimmer im 7. Stockwerk des Atlantic Umzug ins Atlantic HotelHotels. Mit dem Umzug in ein höher gelegenes Zimmer erreicht auch die emotionale Ebene der Beziehung ein höheres Niveau. Hier scheint Jan seine innere Kälte langsam abzubauen. Er zeigt Jennifer nun die spielerische Seite seines Charakters, wenn er zum Beispiel den Vorschlag macht, mitten in der Nacht einen Bummel zur Brooklyn-Brücke und in die Chinesenstadt zu unternehmen. Doch diese Entwicklung hat immer noch klare Grenzen: Jan weist z. B. darauf hin, dass er nach seiner Rückkehr nach Europa nicht schreiben werde, denn »Meine Gefühle habe ich ausgezogen und zu den Kleidern gelegt« (S. 48). Gleich nach diesem Gespräch kommt ein Telefonanruf mit der Nachricht, dass sein Platz auf dem Schiff bestätigt wurde. Diese Nachricht bildet einen Wendepunkt in Jans Beziehung zu Jennifer, denn er muss sich jetzt entscheiden, ob er geht oder nicht. Beide packen ihre Sachen und verlassen das Zimmer. Nachdem Jan am Empfang gezahlt hat, merkt er, dass Jennifer nicht mehr neben ihm steht. Dass er ihr nachläuft, zeigt schon, wie er sich entschieden hat. Er findet sie nach kurzer Zeit tatsächlich wieder, verspürt hierüber aber keine Erleichterung, sondern nur Erniedrigung Jennifers auf der StraßeZorn: »Ich sollte dich schlagen vor allen Leuten, schlagen werde ich dich …« (S. 53). Er teilt ihr mit, dass er sie am Hotelempfang nicht abgemeldet, sondern nach einem höher gelegenen Zimmer gefragt hat. In der Tat war ein solches Zimmer noch frei, und zwar im 30. Stockwerk.
In dieser Höhe schreitet der Änderungsvorgang in Jan fort: Er äußert Jennifer gegenüber den Wunsch, sein Leben umzugestalten und ihr in seinen Gefühlen näherzukommen. Erst im 57. Stockwerk erkennt Jan eindeutig, »daß der Kältesee in meinem Herzen zum Abfließen kommt« (S. 75). Das Liebespaar hat nun, so der gute Gott, den »anderen Zustand«, den »Am Rande des GrenzübertrittsGrenzübertritt« (S. 79) erreicht. Im Grunde genommen handelt es sich hier um einen Sinneswandel Jans, denn Jennifer zeigte sich schon vorher bereit, ihn zu lieben. Und als er sich zu seinem neuen Herzenszustand bekennt, reagiert sie einfach mit den Worten: »Endlich. Endlich« (S. 75). Er analysiert diese Veränderungen, wobei er bei seinen Betrachtungen über die Beziehung selbst hinausgeht, indem er sie in Verbindung mit existenziellen Fragen der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und Handelns bringt: »Wer hat geschrien, daß Gott tot ist? Oder gestürzt in die Donnerhallen! Oder daß es ihn nicht gibt. Ist da nicht zu wenig verklagt in der wenigen Zeit? Reißen wir unsere Herzen aus für ein Nichts und um mit dieser jämmerlichen Klage die Leere zu füllen, und stirbst du dafür!« (S. 77 f.). Er will also in seiner Liebe zu Jennifer etwas, »was noch niemals war: kein Ende« (S. 78).
Trotz solcher Beteuerungen der Liebe verfällt Jan am Ende der Macht der alten Gewohnheiten. Die Tatsache, dass er weggeht, um seine Schiffskarte zurückzugeben, soll die Echtheit seiner Gefühle für Jennifer signalisieren. Auf dem Weg zum Schifffahrtsbüro zögert er jedoch und nimmt sich eine Jan nimmt sich eine BedenkzeitBedenkzeit in einer Bar. In einem abschließenden Bericht über den Vorfall notiert der Richter, dass Jan während dieses Abstechers in die Bar zur Welt der alltäglichen Konventionen zurückgekehrt ist: »[…] eine halbe Stunde lang ruhig zu sitzen und zu denken, wie er früher gedacht hatte, und zu reden, wie er früher geredet hatte an Orten, die ihn nichts angingen« (S. 93). Der gute Gott stimmt dieser Auslegung des Richters zu mit den Worten: »Er war gerettet. Die Die Erde hat Jan wiederErde hatte ihn wieder« (S. 93).
Frankie und Billy: In den sprechenden Eichhörnchen Frankie und Billy hat der gute Gott zwei teuflische Handlanger, die sich ihrer Rolle bei einer Reihe von Bombenattentaten an Liebespaaren genüsslich erfreuen. Sie Tierische Nachrichtenmelderübermitteln kryptische Warnungen vom guten Gott an Jan und Jennifer, die wiederholt den Satz enthalten: »Sag es niemand!« (S. 19) – ein Zitat aus dem Goethe-Gedicht Selige Sehnsucht, das das Motiv eines Flammentodes enthält –, und liefern ihm wiederum Informationen über die Liebenden. Wie der Richter erklärt, heißt es von den Nagetieren, sie seien »mit dem Mit dem Bösen im BundBösen im Bund« (S. 10).
Die tierischen Hauptleute stellen eine Kuriosität in diesem sonst relativ realistisch dargestellten Hörspiel dar und bieten verschiedene direkte oder symbolische Bezüge zu Vorbildern in der Literatur, Popkultur oder der Mythologie. Die Namen der mörderischen Tiere könnten zum Beispiel eine Anspielung auf die damals populäre amerikanische Ballade Frankie and Johnny sein, in der eine Liebesbeziehung mit einer Mordtat endet.2
Die »blutrünstigen« (S. 42), aber auch makaber-humoristischen Tiere rücken die Handlung in den Bereich der Tierfabel. Indem sie die Figur des Rumpelstilzchens zitieren – »Ach wie gut, daß niemand weiß« (S. 72) –, wird das Phantastische und Märchenhafte Figuren und bizarrer HumorMärchenhafte an diesen Figuren hervorgehoben. Ihre groteske Komik steht allerdings im grellen Kontrast zum ernsthaften Ton des restlichen Hörspiels. In der Ursendung wurden zum Beispiel die verkicherten Stimmen der beiden Tiere durch technische Beschleunigung verändert, und ihr ständiges Lachen und kindisch-witziger Dialog sorgt für eine humorvolle Abweichung vom dunklen Vorhaben der beiden.3 Nach der Explosion, die Jennifer tötet, kann Billy nur an sein Aussehen denken: Er jammert über sein versengtes Fell. Ein weiteres Beispiel stellt die Szene im Zentralpark von New York dar, wo die Eichhörnchen ein schnell zusammengebasteltes Marionettentheater über tragisch endende Liebesgeschichten wie Romeo und Julia, Tristan und Isolde usw. veranstalten und diese ironisch die »schönsten Liebesgeschichten der Welt« (S. 42) nennen. Während die beiden Eichhörnchen vor der Vorstellung um Publikum werben, schreit Frankie ständig »Zur Hölle mit ihnen« oder »Tot. Zerrissen. Zu Ende!« (S. 43). Dieses Theater soll natürlich als Schreckensbeispiel und zugleich als Warnung dafür dienen, wie alle Liebenden, auch Jan und Jennifer, die der Vorstellung beiwohnen, eventuell enden könnten.
Als Handlanger des guten Gottes teilen die Eichhörnchen sein pessimistisches Weltbild und seinen Zynismus den Liebenden gegenüber. Diese phantastischen Figuren, die beim ersten Blick eher schlecht als recht in das Hörspiel hineinpassen, weisen Ähnlichkeiten zur nordischen Nordische Mythologie als VorbildMythologie auf. Als Überbringer der Nachrichten vom guten Gott an die Liebenden erinnern Frankie und Billy an den tierischen ›Zwietrachtspender‹ der germanischen Mythologie: das Eichhörnchen Ratatosk. Ratatosk läuft auf dem Weltbaum Yggdrasil herauf und herunter, um einen Adler in seinem Horst auf der Baumspitze und eine Schlange unter den Wurzeln des Baums Nachrichten zu liefern und gegeneinander aufzuhetzen. Er ist »Bote zwischen feindlichen Mächten«,4 genau so wie die Eichhörnchen im Hörspiel Boten sind zwischen dem »Gesetz der Welt« (S. 69) und der Welt der Liebenden. Es mag daher kein Zufall sein, dass der gute Gott die Schauplätze der Liebesutopie in den hohen Stockwerken als »diese Horste« (S. 57) bezeichnet. In ähnlicher Weise wie Ratatosk ergreifen Frankie und Billy auch manchmal selbst die Initiative, um das tödliche Ende der Liebenden schneller herbeizuführen. Das geschieht zum Beispiel, als sie ein Zimmer im 57. Stockwerk des Hotels für Jan und Jennifer freimachen, indem sie den Bewohner durch einen Überfall verschrecken (S. 71) und dem Portier ein Trinkgeld zustecken (S. 72).
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