Kitabı oku: «Sophies Vermächtnis»
Ingeborg Prior
Sophies Vermächtnis
Von Hannover nach Sibirien
Die tragische Geschichte
der Kunstsammlerin Sophie Lissitzky-Küppers
und ihrer geraubten Bilder

© 2015 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe
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Umschlaggestaltung: Stefan Hilden, www.hildendesign.de
Illustration: © Hildendesign, unter Verwendung einer Fotografie
von Sophie Lissitzky-Küppers aus dem Besitz der Familie,
und shutterstock.com
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
ISBN 978-3-86674-434-9
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in
der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Erster Teil
1. Sophies Sumpflegende
2. Die Liebe und die Kunst
3. »La mère des bolcheviks«
4. Vom jiddischen Schtetl nach Berlin
5. Sophies Wahl
6. Ein Schweizer Dokument
7. Nach Moskau, zur Sonne, zur Freiheit
Zweiter Teil
8. Eine Deutsche in Moskau, ein Russe in Köln
9. Ein kleiner Lissitzky
10. »Entartete Kunst«
11. Die Tür schlägt zu
12. »Haben Sie je von Lissitzky gehört?«
13. Sophie und Jelena
14. Ewige Verbannung
Dritter Teil
15. Sibirischer Winter
16. Die Mauer zeigt Risse
17. Der Tyrann stirbt, das Leben geht weiter
18. »Sammlung Küppers kaputtgegangen, alles verloren«
19. Die rote Mappe
20. Besuch aus Köln
21. »Ich habe nur noch einen Wunsch …«
Vierter Teil
22. Die Ankunft
23. Der Kunstfahnder
24. Sophies Liste
25. »Russe pfändet Millionengemälde!«
26. Erste Erfolge
27. Zwei schwarze Flecke
28. Kandinskys »Improvisation Nr. 10«
Epilog
Quellenverzeichnis
Die Autorin
Erster Teil
1. Sophies Sumpflegende
Ein Gebirgsdorf im Frühlingsföhn. Licht fällt auf schroffe Felsen, auf purpurbraune Häuser mit hell umrandeten Fenstern, auf einen Jungen am düsteren Tümpel, auf sprossendes Grün. Kahle Tannenbäumchen und weiße Kreuze – oder sind es Hexenzeichen? – vereinigen sich mit Kreisen und Dreiecken. Und schwebt da nicht über allem ein Engel? Ein Luftgeist? Die geheimnisvolle Stimmung lockt den Betrachter in eine mystische Märchenwelt.
Sophie und Paul Erich Küppers konnten sich dieser Verlockung nicht entziehen. Richtig verliebt hatten sie sich in das kleine Ölgemälde von Paul Klee, das der Künstler im Jahr 1919 in seinem neuen Atelier im Schlösschen Suresnes in der Münchener Werneckstraße gemalt hatte. Kurz zuvor erst war er aus dem Kriegsdienst – zuletzt als Schreiber in der Verwaltung einer Fliegerschule – entlassen worden. »Sumpflegende« hatte er sein Bild genannt, ein rätselhafter Name, der neugierig machte. Sophie und Paul Erich Küppers besuchten Klee in seinem Atelier. Das Gemälde lehnte an der Wand, noch ungerahmt. Es war gerade fertig geworden, er wollte sich eigentlich noch nicht von ihm trennen. Doch dem fordernden Charme der jungen Frau konnte er sich nicht entziehen. Und so überließ er dem Paar sein Bild für das wenige Ersparte, das es in kleinen Scheinen und Münzen angesammelt hatte. Jetzt gehörte es ihnen.
»Wer Paul Klees zarte Phantasien nicht liebt, wird nur schwer den Zugang zu diesem Elfenreich finden, wo alle Schwere überwunden scheint. Hier ist alles seltsam, von kindlichen Träumen umrankt, ins Unglaubliche und Wunderbare gezaubert. In den kritzelnden, zuckenden Strichelchen sind Geheimnisse eingebettet, und die Farbe, duftig und durchsichtig, ist darüber hingehaucht wie schwebendes, dunstiges Gewölk …« So poetisch äußerte sich der junge Kunsthistoriker Küppers über Klees magische Bilderwelt.
»Es war die glücklichste und unbeschwerteste Zeit meines Lebens. Ich hatte immer davon geträumt, für die Kunst zu leben. Und nun durfte ich es an der Seite dieses wunderbaren Mannes«, notierte Sophie Küppers später in ihrem Tagebuch. Die Kunst hatte sie zusammengeführt. Beide studierten an der Münchener Hochschule Kunstgeschichte, hörten die Vorlesungen von Professor Heinrich Wölfflin und Dr. Karl Voll, den damaligen Koryphäen der Universität.
Paul Klees »Sumpflegende« sollte den Grundstein ihrer außergewöhnlichen und bis heute heftig umkämpften Sammlung zeitgenössischer Kunst bilden. Sie wollten dieses Bild, das sie sehr lieb gewonnen hatten und das eine Zeit lang in ihrem Salon in der Königstraße Nummer acht in Hannover hing, immer um sich haben. Doch das Schicksal hatte anderes vor mit ihnen, mit der »Sumpflegende« und all den anderen Bildern.
Sophie Küppers, geborene Schneider, hat die Geschichte der Münchener Bürgersfamilie, in die sie im Jahr 1891 hineingeboren wurde, nach den Erzählungen ihres Vaters aufgeschrieben. Ihre Aufzeichnungen helfen uns, diese unbeugsame Tochter eines unbeugsamen Vaters kennen und verstehen zu lernen. Sophie hat ihren Vater Christian Schneider über alles geliebt. Seine Stärke, seinen Lebensmut, seinen Humor und seine Liebe zur Kunst. Sie war ein wissbegieriges kleines Mädchen – und er ein phantasievoller Erzähler. Dass er als junger Mann bei einem Duell seine Nasenspitze verloren hatte und fortan »Nasen-Schneider« genannt wurde, tat ihrer Bewunderung keinen Abbruch.
Als Jüngster einer großen Kinderschar geboren zu werden, war kein einfaches Schicksal für einen Jungen, der mit den Schwestern erzogen wurde und genau wie sie sticken und nähen lernen musste. In der Gesellschaft seiner drei älteren Brüder fühlte sich Christian Schneider wohler als in der seiner albern kichernden Schwestern. Die Jungen spielten oft auf der Straße, und dort erlebte er mit Hermann, Julius und Fritz die heftigsten Religionskriege zwischen den Kindern der Nachbarfamilien. »Ihr habt unseren Herrn Jesus umgebracht«, schrien die protestantischen Kinder ihren jüdischen Spielkameraden zu und stürzten sich auf sie. »Das waren nicht wir, das waren doch die Oppenheimers«, wehrten die sich. Nicht selten endeten die Straßenkämpfe mit blutigen Schrammen.
Christians Vater Friedrich Schneider war der Gründer der Fliegenden Blätter und der Münchener Bilderbogen gewesen. Zusammen mit dem Künstler Kaspar Braun hatte er 1843 den Kunstbuch-Verlag Braun & Schneider aus der Taufe gehoben, dessen bekanntester Autor Wilhelm Busch wurde. Da wunderte es kaum, dass der kleine Christian Max und Moritz, Buschs »Bubengeschichte in sieben Streichen«, aus dem Stegreif aufsagen konnte.
Zu Lebzeiten von Sophies Großvater fanden in der Redaktion der Fliegenden Blätterwöchentliche Tanzkränzchen statt, an denen die jungen Künstler des Verlages teilzunehmen hatten. Schließlich galt es, fünf Töchter zu verheiraten. Aber wie so oft bei derartigen Verkuppelungsmanövern sprechen die Herzen eine andere Sprache.
Gusti, die älteste Schneider-Tochter, freundete sich mit dem Maler Moritz von Schwind an, der sie als liebliches Mädchen porträtierte. Geheiratet hat sie dann einen Chemiker, mit dem sie jedoch nicht glücklich wurde. »Mit Morphium hat sie ihr Dasein erleichtert«, umschrieb Sophie die zu einem frühen Tod führende Sucht ihrer Tante.
Die zweite Schwester des Vaters, ihre Patentante Sophie, deren Namen sie bekam, war eine begabte Künstlerin und Schriftstellerin. Ihre Liebesbeziehung zu einem Marineoffizier scheiterte am Geld. Weil die Eltern ihr keine Mitgift bezahlen konnten und er die 70 000 Mark Kaution nicht aufbringen konnte, die ein Offizier stellen musste, wenn er heiraten wollte, gab es eben keine Hochzeit. Der Geist der unglücklichen Sophie soll dies nicht verkraftet haben. Jedenfalls verbrachte sie ihr restliches Leben in einer Anstalt. »Von dort hat sie mir, ihrem Patenkind, wunderbare Briefe geschrieben, in denen die Anstaltszensur aber viel gestrichen hatte«, erinnerte sich Sophie. »Sie nannte mich ihr Herzlieberl, ihr Sonnenscheinerl. Und sie schenkte mir ein Notenheft mit Weihnachtsliedern, die wir jedes Jahr am Heiligen Abend sangen.«
Auch Lilly, die dritte Schwester, hatte wenig Glück mit Männern. Sie war das intelligenteste, aber nicht eben das schönste der Mädchen. Später führte sie mit strenger Hand den Haushalt ihrer unverheirateten Brüder. An ihrer Wohnungstür im Schneider-Haus war ein himmelblauer Glockenzug aus Porzellan befestigt, der beim Eintreten melodisch bimmelte. In einem Eckschrank ihres roten Salons bewahrte sie alle Bilderbücher des Verlages auf. Aus ihrem Zimmer im Schneider-Haus blickte Sophie auf das Schillerdenkmal und die Pferdebahn. »Tante Lilly hat uns Kinder sehr lieb gehabt. Die Kultur und Wärme, die sie ausstrahlte, war für mich kleines Mädchen ein großes Glück. Manchmal durfte ich bei ihr eine kostbare Ausgabe von Shakespeares Werken anschauen, zu der Onkel Hermann die Illustrationen gezeichnet hatte.«
Im Verlag spielte Lilly eine gewichtige Rolle. Einmal in der Woche wurde in ihrem Büro der »Kübel« ausgeschüttet. Das war ein großer Pappkarton, in dem die Witze gesammelt wurden, die von Lesern eingeschickt worden waren. Tante Lilly entschied, was angenommen und was abgelehnt wurde.
Von der unglücklichen Marie gibt es kein Foto. Sie soll eine wirkliche Schönheit gewesen sein. Und mutig dazu. Sie heiratete einen Abenteurer und Gauner und folgte ihm nach Amerika, wo er im berüchtigten Gefängnis Sing-Sing verstorben sein soll. Sie und ihre Kinder waren danach auf die Unterstützung durch die Brüder angewiesen. »Du wirst mal eine zweite Marie, prophezeite meine Mutter, die mein Kunststudium am liebsten verhindert hätte.«
Babette, die jüngste Schwester, war eins der hübschesten Mädchen Münchens – aber leider nicht besonders klug. Da auch sie in ihrer Jugend keine Aussteuer bekommen konnte, heiratete sie erst mit 35 Jahren einen Witwer, den Edlen und Ritter von Schmädel. »Das war ein übler Bursche, der immer schmutzige Zoten erzählte. Mein Vater konnte ihn deswegen nicht leiden, und meine Tante Marie spuckte dem Schwager eines Tages ins Bier, als er einen besonders dreckigen Witz erzählte«, hat Sophie notiert.

Sophie Schneider 1896 (Foto: privat)
Die Wohnung von Sophies Onkeln Hermann und Julius Schneider lag direkt über der von Tante Lilly. Sophie erinnert sich an den starken Duft nach Eau de Cologne, der ihr über die Treppe entgegenwehte und den sie gar nicht mochte. Eine große Reproduktion von Rubens’ Aktgemälde »Das Pelzchen« hing in Onkel Hermanns Schlafzimmer. Der Salon mit seinen roten Plüschmöbeln war eher süßlich als männlich-herb eingerichtet. Das einzig Verlockende darin war für Sophie der große Bechstein-Flügel, zu dem sich später noch das damals gerade erfundene Pianola gesellte. Auf ihm wurde bei Familienfesten der Feuerzauber aus der Walküre heruntergehämmert, begleitet von Dackelgebell und Stimmengewirr.
Hermann Schneider war ein schöner, eleganter Mann, mit der typischen prägnanten Schneidernase, die auch seine Schwester Babette zierte. Obwohl er ein begabter Zeichner war, wollte er im eigenen Leben die Kunst nicht zum Broterwerb verkommen lassen. Er bevorzugte den bequemen Posten als künstlerischer Redakteur bei den Fliegenden Blättern.
Julius, als ältester Sohn der Erbe des Verlags, schwerhörig und immer kränkelnd, war seiner Größe und seiner vollen grauen Haare wegen eine imposante Erscheinung. »Aber«, so erinnerte sich Sophie, »der Zwang, dass wir Kinder am Sonntag nach der Kirche zu diesem unbeweglichen und dumpfen Menschen gehen mussten, um laut schreiend zu fragen: ›Wie geht es dir, Onkel Julius?‹, um dann ein Zehn-Mark-Stück zu bekommen mit dem immer gleichen Rat: ›Geh damit zum Rottenhöfer und kauf dir ein Gefrorenes‹, machte mir diesen Götzendienst ohne interessante oder belustigende Gespräche doch recht zuwider und langweilig.«
Fritz Schneider, der ebenfalls ein begabter Künstler gewesen sein soll, von dem jedoch keine Zeichnung und kein Bild in der Familie zurückgeblieben waren, wurde 1870 im Deutsch-Französischen Krieg verwundet. Nach seiner Genesung heiratete er ein Mädchen aus reichem Haus, dessen Familie große Ölmühlen besaß. Später wählte er den Freitod. Sophies Großvater schob die Schuld der Familie seiner Schwiegertochter zu, die den armen Künstler, weil er nicht zum Gelderwerb taugte, stets verachtet und gedemütigt hatte.
Sophies Vater Christian, der jüngste Schneider-Sohn, war das von allen verhätschelte, ewig kränkelnde Nesthäkchen, selbst noch als erwachsener Mann. Schon als Kind quälten ihn ständige Schmerzen, die Folge einer nie richtig auskurierten Bauchfellentzündung.
Auf dem humanistischen Gymnasium lernte er Griechisch, Lateinisch, Englisch und Französisch. »Oft hat er uns Kindern Verse aus der Odyssee oder lateinische Strophen vorgesprochen, wenn wir mit ihm die Treppen in unsere Wohnung hinaufstiegen. Der Klang und der Rhythmus der klassischen Sprachen bezauberten mich durch ihre Fremdheit und Schönheit«, erinnerte sich Sophie an den Vater.
Als Christian die Schule verließ, wurde ein mit den Eltern befreundeter General zur Berufsberatung hinzugezogen. Und natürlich empfahl dieser den Stand eines Offiziers für einen jungen Mann aus gutem Hause. Doch der hatte andere Pläne. Selbstbewusst entgegnete Christian, für ihn sei der Stand des Gelehrten der einzig richtige, weil er damit der Menschheit helfen könne. Schließlich setzte er seinen Willen durch und begann in München Medizin zu studieren. Während seiner Ausbildung zum Chirurgen geriet er jedoch an den berühmten Professor Nußbaum, der fast alle seine Schüler mit Morphium vertraut machte. So jedenfalls hat der Vater seiner Tochter Sophie seine Sucht später zu erklären versucht.
In die Studentenzeit fiel auch sein Duell mit einem Offizier, der ihm die Nasenspitze abschlug. Seine Mutter war sehr unglücklich über die Verunstaltung ihres jüngsten Sohnes. Aus ihrer Abneigung gegen »dieses ganze korpsbrüderliche Gehabe« machte sie keinen Hehl.
Bei einem fröhlichen Zechgelage kamen die jungen, abenteuerlustigen Doktoren auf die Idee, als Schiffsärzte bei der Marine anzuheuern. Sie bewarben sich, Christian Schneider wurde als Einziger angenommen und musste sich nun in Kiel melden. In der ersten Zeit fiel es ihm schwer, sich an das steife preußische Regiment zu gewöhnen. Christian praktizierte zunächst als Arzt auf dem Schulschiff »Albatros« und später auf dem großen Segelschiff »Gneisenau«, auf dem er viele ferne Länder kennen lernte.
Während eines längeren Aufenthaltes in der Südsee raffte eine tropische Malaria die halbe Besatzung des Schiffes dahin. Der junge Doktor schlief in der Mitte des zur Krankenstation umfunktionierten Speisesaals bei seinen schwerkranken Patienten. Jedem hatte er eine Schnur ums Handgelenk geschlungen und diese mit seiner eigenen Hand fest verbunden. So wachte er sofort auf, wenn ein Patient unruhig wurde. Auf den Fidschiinseln heilte er Geschwüre und andere Hautkrankheiten der Einheimischen. Die ihm dankbar überreichten Geschenke – kostbare Schnitzereien, Geschirr aus Schildpatt und bemalte Tapas – brachte er mit nach Hause. Und außerdem einen quicklebendigen Boy, der als der »schwarze Hans« in die Familiengeschichte einging. Der junge »Wilde« lernte lesen und schreiben und war die exotische Attraktion für Christians Schwestern und deren Freundinnen. Später schickte man ihn in seine Heimat zurück, weil er, wie Sophies Vater erzählte, allzu zutraulich zum weiblichen Geschlecht geworden war; er wollte ihn vor drohenden Alimenten schützen. Und sich davor, diese Alimente für seinen Schützling bezahlen zu müssen.
Von seinen Reisen in ferne Länder brachte Sophies Vater häufig seltene Volkskunst mit. »Ein ganzer chinesischer Schrank voll mit unglaublich winzigen und zauberhaften Dingen, die Arbeiten namenloser Künstler – bedeuteten für uns Kinder einen geheimnisvollen Schatz, in dem wir immer wieder Überraschendes aufspürten. Da gab es pures gelbes Gold in porösem Kalkstein aus Australien, japanische Rikschas und Dschunken aus Schildpatt, zauberhafte Elfenbeinblumen der Geishas. Winzige silberne Schlitten, und aus Madeira wunderbare Spitzen und Stickereien. Ein kleines bezauberndes Museum und eine kostbare Sammlung, die er schließlich dem Ethnographischen Museum der Stadt München schenkte. In mir, seiner Tochter, hat sein schöpferischer Geist, der alles Schöne und Gute in sich aufnahm, tiefe Spuren hinterlassen.«
Dass Sophies Vater nicht auch zum eisernen Junggesellen wurde wie seine beiden Brüder, verdankte er einem Komplott seiner damals noch unverheirateten Schwestern. Sie bestanden darauf, dass der Jüngste für den Fortbestand der Schneider-Familie zu sorgen habe. Ein zierliches und gescheites Fräulein Mathilde Parcus wurde mit ihm bekannt gemacht. Ihr Vater besaß, was für ein Zufall, eine Druckerei. Ein Vermögen von 150 000 Goldmark und eine prächtige Aussteuer machten das Fräulein Parcus zur standesgemäßen Partie.
Sophies Vater war elf Jahre älter als die junge Frau, mit der er sich im Herbst 1890 verlobte. Sie war nach dem frühen Tod ihrer Mutter in einem Pensionat aufgewachsen, beherrschte perfekt die englische und französische Sprache, spielte gut Klavier und hatte sich kurz vor ihrer Heirat in einem Restaurant in die Kunst des Kochens einführen lassen. Alles Gaben, die der Ehefrau eines Arztes wohl anstanden.
»Sie hat uns nie über den tragischen Tod ihrer Mutter nach einem zweiten Selbstmordversuch erzählt. Niemals habe ich ein Bild meiner Großmutter mütterlicherseits gesehen. Nur ihr Gesangbuch mit der Inschrift ›Marie Gebhardt‹ bekam ich zur Konfirmation geschenkt. Ein Charakterzug der Großmutter jedoch wurde mir als abschreckende Mahnung gegen meine Verschwendungssucht von der Familie immer wieder vorgehalten – sie hatte ihren kostbaren Pelz einer Bettlerin geschenkt, die sie um Hilfe bat.
Aus was für einem Leben musste sich diese arme Frau befreien? Vielleicht spielte dabei die Religion eine Rolle. Sie war Protestantin und der Großvater ein fanatischer Katholik. Nichts ist mir von dieser unglücklichen Gemeinschaft bekannt – nur ein grenzenloses Mitleid hatte ich immer mit dieser geopferten Frau.«
Der Konflikt der verschiedenen Glaubensbekenntnisse wurde in die Ehe von Sophies Eltern weitergetragen. Der Vater war Protestant, die Mutter Katholikin. Die Braut bekam von einem Priester einen silbernen Rosenkranz geschenkt, verbunden mit der dringlichen Bitte, die Ehe mit diesem Ketzer nicht einzugehen, da sie dadurch das Recht verliere, ein Mitglied der katholischen Kirche zu sein.
Sie schickte den Rosenkranz zurück mit der Erklärung, dass sie ihr bereits gegebenes Wort nicht brechen werde und hiermit aus der katholischen Kirche ausscheide. Ihr Bräutigam musste als Marinearzt ein Papier unterzeichnen, in dem er versicherte, seine zu erwartenden Kinder protestantisch taufen zu lassen – Mischehen waren in der Marine nicht gestattet.
Die Hochzeit fand im Januar 1891 in München statt. Das Paar siedelte nach Berlin über, wo der junge Arzt die Kenntnisse auf seinem Fachgebiet der Infektionskrankheiten am Hygienischen Institut der Universität bei dem berühmten Bakteriologen und späteren Nobelpreisträger Dr. Robert Koch vertiefen konnte.
Im Herbst 1891 zog das Ehepaar erneut um, ganz in den Norden Deutschlands, nach Kiel. Auch Christian Schneider hatte sich auf einer seiner Reisen mit Malaria infiziert. Nachdem die Krankheit schließlich ausgeheilt war, fuhr er nicht mehr zur See, sondern untersuchte nun in der Verwaltung die Matrosen auf ihre Seetüchtigkeit.
In einem kleinen roten Backsteinhaus am Jägersberg wurde am 1. November dieses Jahres Sophie geboren – das Fünf-Kilo-Baby hätte seine zierliche Mutter fast das Leben gekostet. Sie brachte dann aber noch drei weitere Kinder zur Welt und wurde über achtzig Jahre alt. »Dass ich nur ein Mädchen war, hat unseren Vater sehr enttäuscht. Es wurde doch von seiner Familie dringend ein Erbe für den Verlag Braun & Schneider erwartet. Seine warnende Frage: ›Du wirst doch kein dummes Mädel sein‹, hat mich für mein Leben tapfer gemacht. So wie ich nicht zeigen durfte, dass es mich grauste, wenn ich ihm helfen musste, die schmutzigen Dorfkinder zu waschen und ihre Verletzungen zu versorgen. In vielen harten Momenten meines Lebens habe ich mich an diese Mahnung erinnert. Der Vater hat in mich das Fundament meines moralischen Lebens gelegt, er hat mich erzogen, meine Pflicht in jeder Situation zu erfüllen. Er ließ keinen Kompromiss gelten – den hingegen die Mutter immer von mir forderte. So bin ich zwischen zwei Feuern groß geworden und habe mich oft an ihnen verbrannt.«
Christian Schneider hatte seiner Frau gestanden, dass er dem Morphium verfallen sei, und ihr versprochen, sich von der Abhängigkeit zu befreien. In den ersten Monaten seiner Ehe gelang es ihm auch – bis zu einer ersten von vielen späteren Gallenkoliken, die er mit dem Narkotikum betäubte.
Als Tilly, seine zweite Tochter, zur Welt kam, weinte er vor Enttäuschung. Trotzdem hat er seine beiden Mädchen über alles geliebt. Die ersten zehn Jahre seiner Ehe mit Mathilde waren ausgesprochen glücklich. Als angesehener Arzt bekam er hohe Auszeichnungen. Zur Zeit der Kieler Woche, wenn viele ausländische Schiffe im Hafen ankerten, wurde seine Frau dank ihrer Sprachkenntnisse und ihrer Eleganz zum begehrten Mittelpunkt der Gesellschaften. Anders als die steifen norddeutschen Damen tanzte sie leicht und graziös und wurde von den Kavalieren hofiert. Ihr Mann sah das voller Stolz.
Der 21. August 1898 war ein Tag des Glücks. Mathilde Schneider schenkte ihrem Mann seinen ersten Sohn, den sie Julius nannten. »Am Abend hisste unser glückseliger Vater die Bayerische Weckerlfahne, zum Erstaunen und Entsetzen aller biederen Kieler Garnisoneinwohner über solch eine ungewöhnliche Proklamation. Wir Mädchen bekamen zur Feier des Tages Wickelpuppen geschenkt, für die unsere Mutter spitzenverzierte Kleidchen genäht hatte. Wir waren selig über das neue Brüderchen. Die Taufe des Stammhalters war ein großes, glänzendes Fest. Unsere Mutter bekam ein elegantes Kleid aus rosa Brussaseide, die der Vater eigens aus der Türkei besorgt hatte. Meine Schwester und ich in unseren feinen Batistkleidchen durften am Festessen teilnehmen, das mit Kaviar im Eisblock begann. Das zarte Büblein war in ein weißes Spitzenkleidchen gehüllt und schaute mit großen blauen Augen in die noch unbegreifliche Welt.«
Doch das Glück hielt nicht lange an, die Gesundheit des Vaters verschlechterte sich zunehmend, sein Morphiumkonsum zur Betäubung der Schmerzen wurde immer größer. Bis er schließlich seinen Abschied von der Marine nehmen musste. Damit war das sorglose Leben in Kiel zu Ende, die Zukunft der Familie unsicher.
Nach einem Sommer in Heidelberg, wo Sophies Vater zahlreiche Gallensteine entfernen ließ und sich allmählich erholte, erreichte ihn das Angebot seines Freundes, des Bakteriologen Dr. Emil von Behring, den er während seiner Ausbildung bei Dr. Robert Koch kennen gelernt hatte. Der Entdecker des Serums gegen Tetanus und Diphtherie schlug ihm vor, an seinem Institut für Immunforschung in Marburg mitzuarbeiten. Was für eine Auszeichnung!
Doch dann traf ein alles entscheidender Brief aus München ein. Sein reicher, immer leidender Bruder Julius bat ihn, als sein Leibarzt nach München zu kommen. Dafür würde er ihn und seine Familie als Haupterben seines Vermögens einsetzen. Lange zögerte Christian Schneider, sich in diese Abhängigkeit zu begeben. Aber seine eigene angeschlagene Gesundheit und die Sorge um die Zukunft seiner Familie gaben schließlich den Ausschlag. Die Familie zog nach München, Julius stellte ihr eine geräumige Wohnung zur Verfügung.
Sophie erinnerte sich besonders an den großen Garten, der das Haus umgab, mit einer Wiese, wie Kinder sie mögen: Hier durften sich im Frühling die zarten Gänseblümchen und die dicken gelben Löwenzahn-Dotter ungezwungen zwischen Klee und Grashalmen ausbreiten. Einmal im Jahr legte der Garten sein Festtagsgewand an, wenn im März der Magnolienbaum seine weiße, lila schimmernde Blütenpracht präsentierte. Der Garten grenzte an die Ludwigskirche und ein katholisches Priesterseminar. Für die Kinder war es eine Riesengaudi, wenn die jungen Geistlichen nebenan in ihren langen Gewändern Fußball spielten und dabei mehr als einmal stolperten.
Erst später begriff Sophie, welches Opfer ihr Vater der Familie zuliebe gebracht hatte. Mit der wissenschaftlichen Arbeit, die ihn so sehr faszinierte, war es nun vorbei. Außerdem begann er an einer chronischen Bronchitis zu leiden.
1903, als Sophie zwölf Jahre alt war, kam ihr jüngster Bruder Hermann zur Welt, ein Kind, das nicht geplant und auch nicht mehr sonderlich erwünscht war. Das hatte Sophie aus späteren Gesprächen der Eltern herausgehört, die immer öfter in Streitigkeiten endeten. Weil der Nachkömmling zu Hause zur Welt kommen sollte, zog Sophie eine Zeit lang zu ihrer Tante Babette. Deren Wohnung lag direkt neben der alten Pinakothek, die für das junge Mädchen zum magischen Anziehungspunkt wurde.
»Ich erinnere mich vor allem an den Rubenssaal und seine Bilder, die für mich voller Geheimnisse steckten … Wenn wir uns am Sonntag in der protestantischen Kirche die langweiligen, unverständlichen Predigten anhören mussten, entschädigte uns Tante Babette anschließend mit einem Besuch im Kunstverein. Damals begann meine geradezu fanatische Liebe zur Kunst, die zum Hauptinhalt meines ganzen Lebens wurde. Von Onkel Hermann bekam ich zu Weihnachten stets für 30 Mark Kunstbücher, die ich mit einem tüchtigen Rabatt bei dem freundlichen Buchhalter im Verlag bestellen durfte.«
Auch die Angestellten in der Redaktion der Fliegenden Blätter wurden zu Weihnachten reich beschenkt. Sophie half ihrer Tante Babette beim Backen süßer Leckereien. Ein großer Tannenbaum wurde in der Redaktion aufgestellt, und jeder Mitarbeiter bekam einen Teller voller Süßigkeiten. Onkel Julius legte noch einen Umschlag mit einem vollen Monatsgehalt neben die Teller und wünschte allen ein »fröhliches Fest«. Manchmal begleitete Sophie ihren Vater bei seinen Krankenbesuchen, die er sich neben seiner Tätigkeit als Leibarzt des Bruders nicht nehmen ließ und die sein eintönig gewordenes Leben einigermaßen ausfüllten. »Für jeden hatte er ein heiteres, gutes Wort, er wurde von seinen Patienten geliebt und verehrt.«
Dem Vater hatte es Sophie schließlich zu verdanken, dass sie gegen den heftigen Widerstand der Mutter in München ein Studium der Kunstgeschichte beginnen konnte. Diese fand die Vorstellung unschicklich, dass Sophie »mit jungen Burschen nackichte Bilder« anschauen musste. Doch die Tochter hatte darüber nur gelacht. Allerdings waren studierende Frauen damals noch eine Seltenheit. So hatten sich im Sommersemester des Jahres 1909 im Deutschen Reich 1432 weibliche Studenten in den Universitäten eingeschrieben, die meisten in den Fächern Philosophie und Geschichte. Auch wenn sie manchen Spott ertragen mussten, hatten diese jungen Frauen ihren nicht studierenden Geschlechtsgenossinnen gegenüber einen riesigen Vorteil. Sie konnten sich unter ihren vielen Kommilitonen in aller Ruhe den Mann fürs Leben aussuchen. »Wir waren wirklich nur zwei Mädchen zwischen all den Studenten. Meine Studiengenossin hat dann später unseren Lehrer Dr. Braune geheiratet. Und ich lernte Paul Erich Küppers kennen …«
2. Die Liebe und die Kunst
Sophie, Paul und die Kunst, es war von Anfang an eine leidenschaftliche Liebe zu dritt. Der Sohn eines Bergwerkbesitzers aus Essen und die Münchener Arzttochter lernten sich in der Universitäts-Bibliothek kennen, wo beide Literatur zu den Künstlern der Renaissance suchten. Einen Moment lang wurde die Kunst zur Nebensache, als sie sich neugierig über den Rand ihrer Bücher hinaus beobachteten, als es in ihren Augen blitzte und sie schließlich ins Gespräch kamen und feststellten, dass beide mehr über die Tafelbilder des Florentiner Malers Ghirlandaio erfahren wollten. Über ihn hat Paul Erich Küppers später promoviert.
Die Kunst beflügelte ihre Liebe, bot ständigen Diskussionsstoff, brachte sie mit vielen interessanten Menschen zusammen. Eine »Ménage à trois«, die bis zuletzt wunderbar harmonierte. Die beiden galten als besonders glückliches Paar.
Die streng erzogene Sophie taute in der Gegenwart ihres lebenslustigen Freundes nur langsam auf. Sie wagte es ja noch nicht einmal, ihrem Tagebuch intime Gedanken anzuvertrauen. So wie sie überhaupt ein Leben lang persönliche Gefühle hinter einer nur schwer durchdringbaren Mauer versteckte, die erst im Alter zu bröckeln begann. Haltung statt Emotionen – das hatte sie in ihrem Elternhaus gelernt. Kunst war der beste Ausweg, die flirrenden Empfindungen in ihrem Bauch und Herzen dennoch nicht zu unterdrücken. Sophie war eine kleine, höchst energische und temperamentvolle Frau. Ihre aufblühende üppige Weiblichkeit bildete einen reizvollen Kontrast zu ihrem kurz geschnittenen, glatt und streng nach hinten gekämmten Haar, das in der Farbe reifer Kastanien glänzte, und den dichten, düsteren Augenbrauen. Wenn sie diese unwillig zusammenzog – und das tat sie recht oft –, konnte jeder die Gedanken in ihrem Gesicht lesen. Den Eindruck der überlegenen Intellektuellen milderten nur ihre warmen freundlichen Augen. Auch viel später, in den Zeiten größter Trauer und Not, lag noch ein Hauch von Humor in ihnen.
Paul Erich Küppers war ein hübscher schlanker Bursche mit dunklem gewellten Haar und unternehmungslustig blitzenden Augen. Zwischen Nase und Oberlippe zierte ihn ein akkurat zum Dreieck gestutztes Bärtchen. Er war phantasievoll, geistreich, fröhlich und spontan, stürzte sich begeistert in alle neuen Strömungen der Kunst. Er liebte das Leben und riss seine etwas spröde Freundin mit.
Heimlich verlobten sich die beiden. Wieder einmal hatte es Sophie schwer, sich gegen den Widerstand der Mutter durchzusetzen. Nur im Beisein ihrer Schwester Tilly durfte sie sich mit dem Freund treffen, nachdem er von seinen Studien in Florenz zurück nach München gekommen war. Aber im Nymphenburger Park gab es glücklicherweise stille Seitenwege. Auch ihre Onkel setzten ihr zu, die Verlobung zu lösen. Sie sorgten sich um die materiellen Aussichten dieser Ehe, nachdem der Vater des Bräutigams Konkurs angemeldet hatte und sein Bergwerk schließen musste.
Auch dass Paul Erich Küppers während seines Studiums an Tuberkulose erkrankt war, erschien der Schneider-Sippe bedenklich, obwohl die Krankheit nach einem einjährigen Aufenthalt in einem Sanatorium im Schwarzwald als ausgeheilt galt.
In dieser schwierigen Zeit fand Sophie Unterstützung einzig bei ihrem nun an Gallenkrebs leidenden Vater. Doch auch er wollte die Hochzeit seiner geliebten Tochter zunächst nicht gestatten. Erst, nachdem auf seinen Wunsch hin ein Münchener Facharzt den jungen Kunsthistoriker untersucht und für gesund befunden hatte, gab er seinen väterlichen Segen. Sophie wusste, dass er mit dieser unwürdigen Gesundheitsinspektion nur seine Brüder beruhigen wollte, von deren Wohlwollen sein Leben und das seiner Familie schließlich abhing. Deshalb nahm sie es ihm auch nicht übel.
»Seine Worte – Du wirst doch einen kranken Menschen nicht im Stich lassen – haben sich mir für mein ganzes Leben ins Herz geprägt. Mein Vater, der im Mai 1915, nur 58 Jahre alt, während einer Operation starb, war mir ein Vorbild aufrichtiger Menschlichkeit. Seinen Hass auf alles Militärische und auf den Götzendienst an das Geld hat er mir unausrottbar vererbt. Meinem Vater verdanke ich es, dass ich erkannt habe, auf welcher Seite der Mensch zu stehen hat – es gibt keine Mitte!«
Am 14. September 1916 heirateten Sophie Schneider und Paul Erich Küppers in München. Ihr Brautbouquet aus weißen Nelken legte sie auf das Grab des Vaters. Sophie war froh, das Haus in München nun für immer verlassen zu können, in dem sie sich ohne ihren geliebten Vater einsam und fremd gefühlt hatte.
Drei Monate vor ihrer Hochzeit, mitten im Krieg und in einer Zeit künstlerischer Stagnation, war am 20. Juni 1916 in Hannover die Kestner-Gesellschaft gegründet worden. Paul Erich Küppers, der wegen seiner labilen Gesundheit als kriegsuntauglich eingestuft wurde und sich daraufhin verpflichtet hatte, ein Jahr unentgeltlich als wissenschaftlicher Assistent im Kestner-Museum zu arbeiten, wurde im Alter von nur 27 Jahren ihr künstlerischer Leiter.
Ausgerechnet in dieser »stocksteifen Provinzstadt«, wie Sophie die damals noch königliche Haupt- und Residenzstadt charakterisierte, bildete sich eine Plattform freier künstlerischer Entfaltung – im bewussten Gegensatz zur offiziellen Kunstpolitik der Stadt und ihres konservativen Kunstvereins.
Die Kestner-Gesellschaft war mit privaten Mitteln hannoverscher Bürger – Ärzte, Kaufleute, Bankiers, Rechtsanwälte, Fabrikanten, Architekten – ins Leben gerufen worden, unabhängig von städtischen oder staatlichen Beschränkungen. Zu ihren Gründungsmitgliedern gehörten die Familien Bahlsen, Beindorff und Sprengel, der Galerist von Garvens-Garvensburg, der Bankier Richard Oppenheimer, Professor Wilhelm von Debschitz, Sanitätsrat Dr. Catzenstein und weitere Stützen der Hannoveraner Gesellschaft. Benannt wurde sie nach dem Bürger August Kestner, der im 18. Jahrhundert in Hannover ein bekannter Sammler und Mäzen gewesen war. Man wollte sich nicht länger von dem mächtigen Stadtdirektor Heinrich Tramm, den manche den »Kaiser von Hannover« nannten, vorschreiben lassen, was Kunst sei und was nicht. Bei ihm jedenfalls hörte sie mit den großen deutschen Impressionisten Corinth, Slevogt und Liebermann auf. Die Kunstwende, die in der Luft lag, hatte für ihn etwas Bedrohliches. Die Fauves, die Kubisten, die Maler der »Brücke« und des »Blauen Reiter« beherrschten damals mit ihren starken Farben und abstrakten Formen schon die Wände der Berliner und Münchener Galerien. Doch Heinrich Tramm schloss seine ansonsten so spendable Kunstkasse ab. »Solange ich in Hannover etwas zu sagen habe, kommt kein Nolde und kein Rohlfs hierher«, soll er einmal geäußert haben.
Aber eben deshalb, um Nolde und Rohlfs und noch viele andere Künstler fördern zu können, hatte sich die Kestner-Gesellschaft gegründet. Wer hätte gedacht, dass unter den Dächern dieser konservativen Stadt kurze Zeit später die wildesten Dada-Abende stattfinden würden?
Und das allen widrigen Begleiterscheinungen des Krieges zum Trotz. Immer wieder kam es zu Tumulten und Unruhen zwischen Soldaten und der zivilen Bevölkerung. Bei einem Eisenbahnerstreik gab es Tote und Verwundete. Offizieren wurden die Degen entrissen. Die Menschen wollten diesen Krieg nicht, der sie in große Hungersnot stürzte.
Am 22. November 1916 gab die Stadtverwaltung bekannt, dass durch das eingetretene Winterwetter die Zufuhr von Kartoffeln vorläufig nicht mehr möglich sei und dass für jede Person nur noch ein halbes Pfund täglich ausgegeben werden könne. Die Mitteilung endete mit folgendem Ratschlag: »Um den durch diesen Ausfall betroffenen Haushaltungen Ersatz zu bieten, hält die Stadtverwaltung große Mengen von Steckrüben zur Verfügung.« Fleisch und Butter wurden ebenfalls streng rationiert.
Am 3. Februar 1917 veröffentlichte die Gerichtszeitung folgende Meldung: »Unter Anschuldigung des Landfriedensbruches sind über 30 Personen verhaftet worden … es handelt sich um das törichte Vorgehen von Frauen und jungen Leuten, die sich zu der Annahme verführen ließen, sie könnten markenfreies Brot in den Bäckerläden erlangen.«
Am 9. September 1917 wurde an alle Frauen die dringende Aufforderung gerichtet, in kriegswichtigen Betrieben tätig zu werden. »Eine unsühnbare Schuld nimmt derjenige auf sich, der in der Heimat feiert, anstatt zu arbeiten! Vor allem die gebildeten Frauen sollten zeigen, dass niemand zu gut ist für die Arbeit in den Munitionsfabriken!«

Das Hochzeitspaar Sophie Schneider und Paul Erich Küppers 1916 (Foto: privat)
War das nicht eine geradezu persönliche Aufforderung an Sophie Küppers und den weiblichen Teil ihres Kreises von Künstlern und Kunstintellektuellen? Sie wurde ignoriert.
Die Leiden der Bevölkerung und der Tod vieler junger Männer auf den Schlachtfeldern des Krieges bestärkten Paul Erich Küppers in seiner Absicht, die noch unbekannten Künstler und ihre zukunftsweisende Kunst zu fördern. »Nur die jungen Künstler«, schrieb er mit expressionistischem Pathos im Vorwort zum Katalog einer Erich-Heckel-Ausstellung im Februar 1919, »als die feinsten Seismographen der Zeit fühlten den Umschwung seit Jahren voraus. In ihren Werken wetterleuchtete schon das Kommende, in ihrer Seele brannte die Sehnsucht nach Umkehr und Einkehr.«
Die zahlreichen Künstler, die dank der Kestner-Gesellschaft nach Hannover kamen und hier gern verweilten, tanzten trotz des Hungerwinters ihren Tanz auf dem Vulkan.
Schnell wurden die Küppers Mittelpunkt einer wagemutigen Kunstszene und Gastgeber ausgelassener Geselligkeiten, bei denen ausgerechnet ein Sohn der Stadt, der als Bürgerschreck und Dada-Clown verschriene Kurt Schwitters, provozierte und polarisierte.
Schon 1917, als ganz Hannover noch missbilligend oder ratlos den Kopf über den »Lumpensammler« schüttelte, der aus den Abfällen des Alltags ein Spiegelbild der Welt komponierte, war Schwitters Stammgast des im klassizistischen Stil erbauten Hauses der Kestner-Gesellschaft in der Königstraße 8. Der Maler, Grafiker und Dichter, der Erfinder der Merz-Kunst, seiner persönlichen Variante der Dada-Bewegung, Schöpfer der aus Vokalen und Konsonanten bestehenden »Ursonate« und des originellen Liebesgedichts »An Anna Blume«, stellte in der Kestner-Gesellschaft aus und las aus seinen Märchen und Dichtungen. Sophie Küppers verfolgte amüsiert die künstlerischen Eskapaden und Eulenspiegeleien dieses heute weltberühmten Klassikers der Moderne. Später wurde er ihr ein vertrauter Freund.
»Kurt Schwitters, Hannovers ›Enfant terrible‹, war ein unermüdlicher Propagandist alles Neuen«, schrieb Sophie. »Den Expressionismus hatte er schnell hinter sich gebracht, klebte Collagen, von denen wir auch eine erworben hatten. Außerdem hatte Schwitters den Entwurf zu einer Schatulle gemacht, mit der ihn Küppers, der ihn scherzhaft den ›Hauptmann von Köpenick‹ in der Kunst nannte, beauftragt hatte. Dieser Entwurf wurde von dem alten Intarsienmeister Schulz in den verschiedensten kostbaren Hölzern sowie Elfenbein, Perlmutt und Silberstückchen ausgeführt.« Auch dieser 23 x 23 x 16 Zentimeter große Intarsienkasten mit der Signatur Schwitters und der Inschrift »S.K./P für Sophie und Paul Erich Küppers« sollte in Sophies Leben eine besondere Rolle spielen; nach einer abenteuerlichen Reise nach Sibirien steht er heute als rare Kostbarkeit hinter Glas im Kestner-Museum Hannover.
Zu den engsten Freunden der Küppers gehörte das jüdische Ehepaar Käte und Dr. Ernst Steinitz, beide gebürtige Oberschlesier. Man hatte den Facharzt für Nervenkrankheiten im letzten Kriegsjahr von der Front nach Hannover gerufen, wo er als Chefarzt die Lazarette um den Döhrener Turm leiten sollte. Später war er Leitender Arzt am jüdischen Krankenhaus Siloah und hatte eine eigene Praxis in der Georgstraße. Seine Frau Käte war Künstlerin und kam aus Berlin, wo sie Schülerin von Lovis Corinth gewesen war. Auch ihr Haus gehörte zu den Treffpunkten der munteren Hannoveraner Kunstszene in den zwanziger Jahren. Aus Nazi-Deutschland musste das Ehepaar später emigrieren, nach Aufenthalten in Holland und Israel fanden sie schließlich mit ihren drei Töchtern in den USA eine neue Heimat.
Ihr erster Erkundigungsgang durch das schmutzige, schmelzende Glatteis grauer Straßen führte Käte Steinitz an einem trüben Regentag im Januar vor ein vornehmes Haus in der Königstraße 8, wo ein Ausstellungsplakat sie magisch anzog. Dieses Haus mit seiner noblen Fassade stammte noch aus dem vorigen Jahrhundert und hatte eine hohe Einfahrt für die Pferdekutschen. Im Innenhof stand das Kutscherhäuschen, ein kleines Fachwerkhaus, das später verschiedenen Künstlern als Atelier diente.
»Ich fand mich in einem wohltuend geschwungenen Treppenhaus und, oben angelangt, in wohlproportionierten Ausstellungsräumen«, schrieb Käte Steinitz viele Jahre später in ihrer neuen Heimat Amerika, über die für sie unvergessene Kestner-Gesellschaft, »deren Name mit großen Buchstaben im Inhaltsverzeichnis meines Lebens steht.
Zum ersten Mal sah ich das Werk von Paula Modersohn-Becker, zum ersten Mal Bilder aus Worpswede, dem norddeutschen Künstlerdorf, die mir mehr bedeuteten als romantische Heimatsentimentalität.
In den Ausstellungsräumen ging ein lebhaftes junges Paar herum, als wenn es hier zu Hause wäre. Es war tatsächlich hier zu Hause, denn es handelte sich um Paul Erich Küppers, den künstlerischen Leiter der Kestner-Gesellschaft, und seine junge Frau Sophie. Wir wurden schnell miteinander bekannt. Ich folgte den beiden ins Büro und subskribierte sofort die Mitgliedschaft für Dr. Steinitz und mich selbst. Von nun an würde sogar bei trostlosem Wetter ein bunter Fleck in Hannover zu finden sein.
Ich kehrte vergnügt in die Pension zurück, in der Dr. Steinitz und ich mit unseren zwei kleinen Kindern provisorisch Station genommen hatten. Das heitere junge Paar aus der Kestner-Gesellschaft erschien, zu meiner Freude, am Fenster gegenüber. Tatsächlich hausten die jungen Küppers in dem Eckhaus gegenüber unserer Pension sehr bescheiden, denn offenbar hatten die beiden nicht die volle Zustimmung zu ihrer Heirat von Sophies reichen Verwandten, die alle zu dem Verlagshaus der Fliegenden Blätter, Braun & Schneider, in München gehörten. Die Wohnung und Kleidung der jungen Küppers waren damals noch bescheiden, aber sie kauften bereits Werke von Nolde, Klee, Kirchner und Kandinsky.«
Gut erinnern kann sie sich an Wassily Kandinskys großes abstraktes Ölbild »Improvisation Nr. 10«, das der russische Künstler am 27. Juni 1910 gemalt hatte. »Ich sehe diesen Kandinsky genau vor mir; eine der frühen Abstraktionen, in der man noch die Herkunft von weiten hellen Landschaften mit rollenden Hügeln fühlen kann.«
Sophie Küppers hatte Kandinskys frühes Meisterwerk, das die Geburtsstunde der abstrakten Malerei einläutete, am 15. Oktober 1919 in der Berliner Galerie »Der Sturm« für rund 3000 Mark erworben. So jedenfalls war die Improvisation im Katalog ausgezeichnet. Das war für damalige Verhältnisse eine große Investition, nicht umsonst sprach Sophie später stets von »unserem wichtigsten Bild«. Noch ahnte niemand, dass dieses und andere Werke Kandinskys einmal für zweistellige Millionen-Dollar-Beträge gehandelt würden.
Sophie Küppers, die selbst künstlerisches Talent besaß, verfügte neben ihrem Fachwissen auch über einen untrüglichen Instinkt für die künftige Bedeutung von Künstlerpersönlichkeiten und deren Werken. So für den in Paris noch in großer Armut lebenden holländischen Maler Piet Mondrian, dem sie eine Komposition abkaufte und für den sie einige Jahre später Ausstellungen in Dresden und München organisierte.
In jener kurzen Zeit, die das Glück ihnen gönnte, verbrachten die Küppers zusammen mit den Ehepaaren Steinitz, Schwitters und Gleichmann 1919 und 1920 ihre Sommerferien auf der damals noch einsamen Nordseeinsel Baltrum.
Otto Gleichmann, Studienrat und als expressionistischer Maler zugleich poetischer Träumer und wilder Phantast, hatte sich sofort der neu gegründeten Kestner-Gesellschaft angeschlossen. Auch im gastfreundlichen Haus von Otto Gleichmann und seiner Frau, der Malerin Lotte Gleichmann-Giese, auf dem »Montmartre von Hannover«, oben über der Ecke Oster- und Windmühlenstraße in der Altstadt, verkehrten damals in den zwanziger Jahren Künstler wie Paul Klee, Hans Arp, Wassily Kandinsky, Otto Dix, Tristan Tzara mit einer Gruppe Dadaisten und etwas später El Lissitzky und Amédée Ozenfant. Und natürlich die stadtbekannten Originale Kurt Schwitters und Theodor Däubler, der Lyriker. Die Leute blieben auf der Straße stehen, wenn die mächtige Gestalt des großen Verehrers der griechischen Antike über die Georgstraße schritt, um im Café Kreipe in der Bahnhofstraße für die kleine Gunda-Anna Gleichmann je nach Saison Schokoladen-Osterhasen, -Weihnachtsmänner oder andere Süßigkeiten zu kaufen. Mit seiner kolossalen Körperfülle, die noch durch einen langen Mantel mit Pelerine betont wurde, dem üppigen Vollbart, einem breitkrempigen italienischen Hut, zerknitterten Hosen, einem Knotenstock und derben schwarzen Wanderstiefeln mit stets offenen Schnürsenkeln wirkte er wie eine Naturerscheinung.
Es herrschte eine anregende und heitere Atmosphäre im verwinkelten Haus der Gleichmanns mit seinen schiefen Dielen und den blau, gelb und rot gestrichenen Wänden – man lebte schließlich im Zeitalter des Expressionismus. Selbst die Küche, die nur über das Treppenhaus zu erreichen war, und das Kinderzimmer des Töchterchens Gunda-Anna wurden in die Festlichkeiten mit einbezogen. Nur das winzige Atelier des scheuen Meisters, in dem gerade mal eine Staffelei und eine Leinwand Platz fanden, war für die Gäste tabu.
Die würdige Maske des Studienrats sei von Gleichmanns Gesicht gefallen, je munterer und alkoholischer es bei den Künstler-Abenden zuging, erinnerte sich Käte Steinitz. »Dann sah man, dass er im Himmel und in der Hölle zu Hause war. In solchen Nächten aber war er in beiden zugleich.«
Die gemeinsamen Sommerferien der vier Ehepaare auf der Insel Baltrum waren eine glückliche Zeit trotz großer Einschränkungen, zu denen die Folgen des Ersten Weltkriegs zwangen. Mit Kartoffeln, Steckrüben und, wenn’s hoch kam, Frikadellen, mussten sich die Gäste begnügen. Käte Steinitz hat gemeinsame Urlaubsszenen festgehalten: »Zum Mittagessen trafen wir uns in einer großen Glasveranda, vor uns das Meer, auf dem Tisch das typische Nachkriegs-Pensionsessen. Fast jeden Tag erklang vom Küppers-Tisch das Frikadellen-Lied:
›Sind im Meere große Wellen,
Gibt’s bei Meyers Frikadellen.
Sind im Meere kleine Wellen,
Gibt’s bei Meyers Frikadellen.‹«
Während der Ferien arbeitete Paul Küppers an seinem Buch über den Kubismus, dem ersten in Deutschland, das über diese Kunstströmung des »Würfels« und seiner Interpreten wie Braque, Cézanne, Picasso, Léger oder Gleizes erschienen ist. »Den kubistischen Malern erschien der Kosmos als riesiger Kristall«, schrieb Käte Steinitz. »In unseren Kunstgesprächen erschien das kosmische Erlebnis wieder und wieder. Der Ozean mit seiner großen Brandung spielte mit uns kleinen Menschenkindern. Die stürmende Nordsee und die Wolken erregten wirklich Weltgefühle in uns. Aber zum Glück blieben wir irdische Menschen. Wer kann auch im trivialen täglichen Leben von früh bis abends ›kosmisch‹ sein bei einer Diät von Frikadellen? Paul Küppers tauchte durchgeschüttelt aus der Brandung auf und rief: ›Kinder, jetzt ist’s genug mit der Unendlichkeit und dem Kosmos. Der Kosmos hängt mir zum Halse raus. Kann man auf dieser Insel nicht irgendwo einen guten Hummer bekommen und eine Pulle Wein dazu?‹«
Paul Küppers war wirklich kein Kind von Traurigkeit. Das bezeugt eine Postkarte, mit der er sich am 14. Oktober 1920 aus Heidelberg bei den Gleichmanns folgendermaßen ankündigte:
»Liebe Gleichgebeine!
Wehe! Ich bin im Anzuge! (Cutaway!)
Wehe! Ich komme! Wehe! Der Umtrunk beginnt!
Wehe! Gänzliche Untergiftsetzung der Organe!
Herzlichst Wehe!
Euer Knabe Paul E. Küppers«
Im Frühjahr 1919 starb in München Sophies reicher Onkel Julius Schneider. Er hatte sich an sein Versprechen gehalten, das er ihrem Vater gegeben hatte, und hinterließ Sophie eine größere Erbschaft. »Kinder, wir sind reich«, teilte Küppers seinen Freunden jubelnd durchs Telefon mit – und lud sie ein zu Hummer und Wein.
Sie zogen in eine Wohnung mit acht Zimmern um und richteten sie mit schweren, gediegenen Möbeln und Ledergarnituren ein, in denen sich ein junges Paar heute kaum wohl fühlen würde. Doch das großbürgerliche Ambiente gehörte damals selbst in den fortschrittlichsten künstlerischen Kreisen zum guten Ton. Beherrscht wurden die Räume von riesigen Blumensträußen und natürlich von moderner Kunst. Nach und nach erwarben die Küppers, meistens vom Künstler persönlich, Arbeiten von Kurt Schwitters aus allen seinen verschiedenen Phasen, von Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker, Wassily Kandinsky, Karl Schmidt-Rottluff, Albert Gleizes, George Grosz, Marc Chagall, Oskar Kokoschka und immer wieder von dem von beiden so geliebten Paul Klee.
In ihrem geselligen Haus fühlten sich Künstler, Dichter, Journalisten, Sammler, Kunsttheoretiker und Freunde der modernen Strömungen wohl. Niemand konnte den selbstgebackenen schinkengefüllten Splitterhörnchen oder dem mit Schokolade glasierten Marmorkuchen widerstehen, die Sophie ihren Gästen anbot, die um den Tisch unter dem großen Kandinsky saßen. Sie war eine perfekte Gastgeberin. Diese Kunstfertigkeit hatte sie, dem nachdrücklichen Wunsch der Mutter folgend, noch kurz vor ihrer Heirat in einer Haushalts- und Kochschule in Kiel gelernt. Dort gab es keinerlei Dienstboten – die Schülerinnen mussten alles selber machen. Zu Sophies Aufgaben gehörte es, beim Schweineschlachten die Zutaten für die Blutwurst zu rühren. Sie tat es mit wütender Entschlossenheit und hätte um nichts in der Welt ihren Ekel gezeigt. Den hätte ihr der Vater schon ausgetrieben.
Die Einladungen zu Vorträgen, Klavierkonzerten und Dichterlesungen im Hause Küppers waren Stadtgespräch. Der junge Pianist Walter Gieseking wurde noch als Student des Berliner Konservatoriums von Paul Küppers entdeckt. Er debütierte mit Debussy und Ravel auf dem ersten Konzertabend der Kestner-Gesellschaft. Küppers hatte ihm die damals noch seltenen Noten aus Berlin beschafft. Seine Interpretationen der Bach’schen Fugen, für die er später Weltruhm erlangen sollte, erklangen hier zum ersten Mal.
Schauspieler wie Alexander Moissi, Ernst Deutsch und Fritz Kortner rezitierten und spielten auf der neu gegründeten Kestner-Bühne. Ensembles aus Hamburg, Berlin und Leipzig zeigten den Hannoveranern zeitgemäße Dramatik wie Ibsens »Gespenster« oder Strindbergs »Fräulein Julie«. Auch die Dichterlesungen mit Franz Werfel oder Else Lasker-Schüler wurden zu Sternstunden in Hannovers Kulturleben.
Im Anschluss an die Aufführungen folgten oft lange, alkoholgetränkte Sitzungen in der Küppers-Wohnung. Aber man war nie so wild, wie man nach außen hin tat. Selbst Lieder, wie dieses, zu später Stunde lautstark gesungen –
»Wir wollen uns mit Sekt berauschen,
wir wollen unsere Weiber tauschen,
wir wollen uns mit Dreck beschmieren,
und überhaupt ein freies Leben führen«
– waren, so Käte Steinitz, »absolute Angeberei. Alle drei Ehemänner, Küppers, Gleichmann und Steinitz, waren außerordentlich zufrieden mit ihren eigenen Gattinnen und auch von unserer weiblichen Seite kam ein Tausch überhaupt nicht in Frage. Wir drei Frauen saßen müde und bereit zum Nachhausegehen auf den Treppenstufen und warteten auf die Männer. Jede von uns erwartete legalen Familienzuwachs.
Die Küppers konnten sich für keinen Namen entscheiden. So hatte ich ihnen ein kleines Wörterbuch der deutschen Vornamen mitgebracht. Das Geschenk wurde mit Freuden angenommen, aber nachdem die mehr als tausend Vornamen sorgfältig durchgelesen waren, wurde der neue kleine Küppers einfach Hansi genannt.« Sein drei Jahre älterer Bruder Kurt war bereits 1917 zur Welt gekommen.
Damals, im Jahr 1920, hielt der Kunsthistoriker Karl With in der Kestner-Gesellschaft Vorträge über ostasiatische Kunst. Käte Steinitz erzählte dazu folgende Geschichte:
»Karl With suchte Küppers in seinem schönen Haus auf und fand ihn wunderbar echt. Großartig war sein Verständnis und sein Enthusiasmus für das Kunstgeschehen der Zeit. Welche Entdeckerfreuden! Welches Glück, dass die Wogen der Zeit ihn nach Hannover geschwemmt hatten. Hier war dasselbe Suchen und Finden. Hier war stimulierendes Leben, nicht von außen angekurbelt, sondern von innen heraus. Am Nachmittag vor Karls erster Lesung saß er in ernster Vorbereitung an Küppers’ Schreibtisch. Da kamen Walter Gieseking und ein paar andere Freunde. Es wurden Geschichten erzählt und Witze gemacht. In irgendeinem Zusammenhang fiel das Wort ›sexuelle Stubenreinheit‹. Der sonst so schweigsame Gieseking sagte lachend zu Karl With, wenn er den Ausdruck in den ersten zehn Minuten seines Vortrages in den Text einfüge, werde er eine Kiste Sekt spendieren.

Sophie, Tilly (Sophies Schwester), Lulu (Tochter von Tilly), Mathilde Schneider (Sophies Mutter), Julius, Hermann Schneider (Sophies Brüder), München 1928 (Foto: privat)

Der Salon von Sophie und Paul Erich Küppers’ Wohnung in Hannover, zwanziger Jahre; an der Wand Kandinskys »Improvisation Nr. 10« (Foto: privat)
Ich saß während des Vortrages neben Gieseking, der keine Miene verzog. Als aber die ›sexuelle Stubenreinheit‹ schon genau sieben Minuten nach Anfang des Vortrages mit leichter Zunge wie selbstverständlich ausgesprochen wurde, schüttelte mich ein Lachanfall so sehr, dass ich mich schnell aus dem Vortragssaal in die frische Luft retten musste.
Hinterher wurde der Sekt getrunken, und dann zog die angeheiterte Gesellschaft zu der Galerie von Garvens weiter. Ringelnatz war dabei, Hanns Krenz (ab 1924 Geschäftsführer der Kestner-Gesellschaft) und Max Burchartz (der expressionistische Maler war der Taufpate von Hans Küppers), es wurde eine wunderbare ein bisschen besoffene Feier, die bis in den frühen Morgen dauerte …«
Es kam die Nacht der Jahreswende von 1921 zu 1922. Auch das Ehepaar Steinitz wurde zur Silvestergesellschaft bei den Küppers erwartet, konnte die Einladung aber nicht annehmen, weil ihre Kinder erkrankt waren und sie deswegen zu Hause bleiben mussten.
»Außerdem«, so Käte Steinitz, »hatten wir Erwachsenen eine leichte Grippe, die man damals Influenza nannte. Küppers rief durchs Telefon: ›Kinder, macht es so wie ich, gurgelt mit Kognak.‹
Entweder hat er zu viel oder zu wenig gegurgelt, wahrscheinlich zu viel. Am Neujahrstag zitterten die Telefondrähte voller Angst.« Seine Gesundheit war nach der ausgeheilten Tuberkulose stets labil geblieben. Diese Infektionskrankheit, die hauptsächlich die Lunge befällt, erlangte damals als »spanische Grippe« traurigen Weltruhm: 700 Millionen Menschen erkrankten an der Epidemie, 22 Millionen fielen ihr zum Opfer – mehr als doppelt so viele, wie der Erste Weltkrieg an allen Fronten gekostet hatte. Eine Woche lang kämpfte der junge Küppers gegen eine schwere Lungenentzündung. Es gab noch kein rettendes Penizillin, das erst sechs Jahre später von Alexander Fleming entdeckt werden sollte.
Am 7. Januar 1922 war das kurze Leben von Paul Erich Küppers zu Ende.
Gunda-Anna Gleichmann-Kingeling, die Tochter des Malerehepaars Gleichmann, die heute hochbetagt in Hannover lebt, schildert die folgenschwere Silvesterfeier, wie die Eltern es ihr erzählt hatten:
»An einer langen opulenten Tafel, nur bei Kerzen, die in hohen Leuchtern glänzten, saßen die Gäste, zunächst fast in Schweigen gehüllt. Sie waren zum Teil in Frack und Zylinder gekommen. Plötzlich stand Küppers auf, schlug mit seinem Zylinder auf den Tisch und donnerte laut: ›Was ist denn hier eigentlich heute los? Warum ist denn alles so stumm? Das ist ja wie bei einem Leichenbegängnis!‹ Von dieser Sekunde an schlug die Stimmung hohe Wellen. Es wurde ein wildes Fest. In fortgeschrittener Nacht setzte sich Walter Gieseking an den Flügel und spielte, wie man es damals nannte, Negermusik. Er haute mit irrsinnigen Dissonanzen in die Tasten, bearbeitete sie vom tiefsten Bass bis zu den höchsten Tönen, stieß den Klavierhocker zur Seite, kletterte auf den Flügel und spielte bäuchlings von oben weiter. Am Schluss setzte er sich mit dem Hinterteil auf die Tasten. Es wurde getanzt und getanzt, wie auf einem Vulkan. Gegen Morgen brachte Küppers meine Eltern als letzte zur Haustür, trat noch ein paar Schritte mit ihnen hinaus in die frisch beschneite Nacht, fasste sich an die Brust und sagte: ›Gleichmann, ich weiss nicht, was das ist, meine Rippchen tun mir so weh …‹ Meine Eltern fuhren am selben Morgen in den Harz. Als sie nach acht Tagen in froher Stimmung erholt zurückkamen, fiel ihnen beim Öffnen der Wohnungstür aus dem Briefkasten ein schwarz umrandetes Kuvert entgegen. Es war die Anzeige vom Tode Paul Erich Küppers’.«
Sophie fiel aus ihrem pastellfarbenen Traum von Liebe, Glück und Kunst in das harte Licht der Wirklichkeit. Obwohl sie einen schweren Zusammenbruch erlitten hatte und lange das Bett hüten musste, schrieb sie ihren Schmerz in nur wenigen dürren Worten nieder: »Jubelnd gingen wir mit unseren Freunden in der Neujahrsnacht in das Jahr 1922 hinüber. Walter Gieseking spielte uns auf. Da war das Glück zu Ende! Am 7. Januar 1922 starb Paul Küppers, gerade 32jährig, an der spanischen Grippe, die damals Deutschland heimsuchte. Ich aber musste weiterleben für meine beiden kleinen Söhne Kurt und Hans, die man mir Schwerkranken ans Bett brachte. Es war entsetzlich, sich wieder allein im Leben zurechtfinden zu müssen.«
Der plötzliche Tod ihres künstlerischen Leiters stürzte die Kestner-Gesellschaft im Winter 1922 in eine tiefe Krise. Wie sollte die Lücke gefüllt werden, die dieser mutige Schrittmacher der progressiven Kunst hinterließ? Der blinde Dichter Adolf von Hatzfeld, ein enger Freund von Paul Erich Küppers, schrieb in der »Frankfurter Zeitung«: »Diejenigen, die diesem Leben nahe standen, können die Sinnlosigkeit seines Todes kaum fassen … Er war der ach so seltene Typus des Kunsthistorikers, der durch sein tägliches Leben die Kunst in lebendiges Leben verwandelte.«
Sophie Küppers stand in dieser schweren Zeit zum Glück nicht allein da. Die Freunde halfen, wo sie konnten. Man bot ihr an, in den unteren Räumen des großen Hauses in der Königstraße 8 Kunstgewerbe-Ausstellungen zu veranstalten. Sie konnte außerdem Arbeiten der von ihr bevorzugten Künstler wie Paul Klee, Kurt Schwitters, Christian Rohlfs und anderen ausstellen.
Zuvor hatte man ihr freundschaftlich versichert, dass man ihr die Leitung der Kestner-Gesellschaft übertragen hätte, weil man ihre Fähigkeiten und Begabungen durchaus zu schätzen wisse, aber ihre Stellung als Hausfrau und Mutter mache das unmöglich. Eine verantwortungsvolle Tätigkeit im Kunstbereich und Mutterschaft schlossen einander damals eben aus.
3. »La mère des bolcheviks«
Oft betrachtete Sophie Paul Klees »Sumpflegende«, wünschte sich hinein in diesen verzauberten Kosmos. Vielleicht war ihr geliebter Mann ja ein Teil davon geworden. Niemals hätte sie sich von diesem Bild getrennt, obwohl sie weiter Kunstwerke kaufte und andere verkaufte, sich mit Künstlern traf und Ausstellungen organisierte. Das lenkte sie von ihrer Trauer ab, die sie ganz in sich einschloss.
Erschwert wurden ihre persönliche Situation und auch die finanzielle Lage der Kestner-Gesellschaft durch die Inflation, die sich im Gefolge des Ersten Weltkriegs wie eine Epidemie ausbreitete. Die Mark war von Tag zu Tag weniger wert. Überweisungen an die Krankenkasse von 1.200.000.000 Reichsmark oder an den Kohlenhändler von 50.000.000.000 waren durchaus üblich. Sophie erinnerte sich an den Druck von Einhundert-Milliarden-Scheinen. »Wir waren fieberhaft tätig. Bis wir das Geld für Verkauftes abgeben konnten, war es schon entwertet. Wohl oder übel war ich in den Kunstbetrieb dieser halsbrecherischen Zeit geraten. Ich musste meine Kinder versorgen. Unsere ansehnliche Erbschaft zerplatzte wie Seifenblasen. Mit den Wertpapieren konnte man den Ofen heizen. Nur die Bilder, die wir erstanden hatten, stellten bald einen realen Wert dar; sie stiegen im Kurs wie Aktien, halfen mir und meinen Kindern, diese Krise zu überstehen.«
Viele häufig recht arme und noch nicht zu großem Ruhm gekommene Künstler scharten sich nach wie vor um Sophie, verehrten sie wie eine gütige und zugleich strenge Mutter. Ihrem herben Charme und der Kraft ihrer Argumente konnte kaum einer widerstehen; wenn ihr eine Arbeit besonders gefiel, bekam sie sie für wenig Geld. Wenn ihr eine nicht gefiel, sagte sie das ganz offen. Wenn sie es sich in den Kopf gesetzt hatte, einen Künstler zu fördern, eine Ausstellung mit ihm zu veranstalten, dann war sie davon überzeugt, dass ihm eine große Zukunft bevorstand. Sie täuschte sich selten. Oft schenkten ihr die dankbaren Künstler auch Arbeiten. Scherzhaft nannte man sie »La mère des bolcheviks«. Diese Huldigung hatte sie den vielen Künstlern aus dem revolutionären Russland zu verdanken, die sie als Gastgeberin empfing und, eben wie eine Mutter, umsorgte.
Ein weiterer Spielplatz der Künste war in Hannover neben der Kestner-Gesellschaft drei Jahre lang die Galerie von Garvens in einer vornehmen Villa in Herrenhausen, die Herbert von Garvens-Garvensburg von seinen Eltern geerbt hatte. Er gehörte mit zu den Gründern der Kestner-Gesellschaft und zu den Wegbereitern der modernen Kunst in Hannover. Ihm gebührt das Verdienst, den belgischen Maler James Ensor für Deutschland entdeckt zu haben. Bei ihm durften so »unbequeme Künstler« wie George Grosz und Otto Dix ausstellen, er erwarb frühzeitig bedeutende Werke von Kandinsky, Delaunay, Kokoschka und Chagall. Bei ihm führte Kurt Schwitters zusammen mit weiteren Dadaisten 1922 sein berühmtes Dada-Revon-Spektakel auf. Das Kunstwort Revon ging als seine Umkehrung der Endsilben von Hannover in die Kunstgeschichte ein.
Man lag also auf einer Wellenlänge. Und mehr als einmal wechselten die Gäste der Kestner-Gesellschaft aus der Königstraße zum nächsten Ereignis in die Herrenhäuser Allee. Oder umgekehrt. Häufig tauschte man wechselseitig Künstler und Veranstaltungen aus.
Von Käte Steinitz, der Chronistin jener aufregenden Zeit, haben wir ein Porträt von Herbert von Garvens, der sich auch gern in der malerischen Tracht eines Zimmermanns fotografieren ließ. Sie schilderte ihn schwärmerisch als »eine Lichtgestalt mit unglaublich blauen Augen, Schönheit suchend und sie mit seinen äußerst gepflegten Händen ergreifend«.
Von Garvens war der Sohn eines wegen seiner großzügigen Spenden vom Kaiser geadelten hannoverschen Industriellen und Erbe der väterlichen »Commandit-Gesellschaft für Pumpen- und Maschinenfabrikation«. Früh hatte er sich der ungeliebten Aufgabe der Geschäftsführung entzogen und auf ausgedehnten Reisen nach Ostasien und in die Südsee bereits um 191o mit dem Aufbau einer erlesenen Kunstsammlung begonnen. Von Garvens war mit seinem Freund und Mitarbeiter Hanns Krenz, dem späteren dritten Leiter der Kestner-Gesellschaft, aus der Kriegsgefangenschaft in Südfrankreich nach Hannover zurückgekehrt, zu seinen Kunstsammlungen, denen er sich nun wieder widmen wollte. Aber er mochte nicht nur als Sammler ein Stück nach dem anderen erwerben. In den wechselnden Ausstellungen einer Galerie würde jedes Kunststück intensiver erlebt werden und mehr Leben ausstrahlen, »gespiegelt von vielen Augen«, wie er es ausdrückte.
Käte Steinitz schilderte die Umgebung, in der sich von Garvens wohl fühlte: »Zwischen prachtvollen und seltenen Möbelstücken verschiedenster Stilarten, neben großen exotischen Pflanzen sahen wir James Ensor, Paula Modersohn, Kokoschka und russische Ikonen, Chagall, Kandinsky und Schwitters, alles bis zu den Bauhaus-Künstlern Moholy-Nagy, Schlemmer und Baumeister. Wir sahen altes chinesisches Porzellan mit seltenen Chrysanthemen aus dem Treibhaus, Kinderkunst, Volkskunst, Kunst von Geisteskranken …«
Nach nur drei Jahren schloss von Garvens im Spätherbst 1923 seine Galerie, begab sich erneut auf Weltreise und zog sich dann auf die Ostseeinsel Bornholm zurück, verbittert, weil er wegen seiner Homosexualität immer wieder den Anfeindungen konservativer Kreise ausgesetzt war. In dieser Zeit stand der Massenmörder Fritz Haarmann in Hannover vor Gericht, und mit einer Mischung aus Sensationsgier und Ekel nahm die Öffentlichkeit jedes schauerliche Detail dieses mörderischen Lebens begierig auf. Haarmann selbst hatte in einem der vielen Verhöre behauptet, er habe für die Wohlhabenden unter den hannoverschen Homosexuellen als Zubringer gearbeitet und die jungen Männer im Auftrag von Herbert von Garvens getötet, um Mitwisser zum Schweigen zu bringen. Obwohl diese Behauptungen völlig aus der Luft gegriffen waren, reichten sie doch aus, von Garvens in ein Zwielicht von Gerüchten und Verdächtigungen zu stoßen.
An jenem ausgelassenen Dada-Abend im Oktober 1922 im Salon von Garvens’ war davon jedoch noch keine Rede. Schwitters war aus Paris über Holland nach Hause gekommen und hatte auf jeder Station seiner Reise einige Dadaisten aufgesammelt: die Holländer Theo und Nelly van Doesburg, den Schweizer Hans Arp, den Rumänen Tristan Tzara, den Ungarn László Moholy-Nagy, den Österreicher Raoul Hausmann, die Deutschen Hannah Höch, Werner Graeff und viele andere. Nur Sophie war der Veranstaltung ferngeblieben. »Ich war noch viel zu bedrückt, um mir den Spektakel des ›Épatez le bourgeois!‹ anzuhören, da sich doch das Zerschlagene durch nichts Neues, Positives ersetzen ließ.«
Tags darauf kam die Gruppe der Avantgardisten, bevor sie nach Düsseldorf zum großen Dadaisten-Kongress aufbrach, in die Kestner-Gesellschaft. Es wurde für Sophie Küppers ein schicksalhafter Tag.
»Kurt Schwitters eröffnete mir, dass der Russe El Lissitzky auch anwesend sei, um mir seine Arbeiten zu zeigen. Ich war sehr erfreut. Schwitters legte mir eine Mappe mit Aquarellen vor. Das waren also die Arbeiten, die mir im Oktober 1922 auf der ersten Russischen Kunstausstellung in der Berliner Galerie Van Diemen solch einen Schock versetzt hatten. Ich fühlte mich zu Hause in diesen unendlichen Räumen, spürte die Spannung der sich gleichsam vorwärts bewegenden, schwebenden Körper. Ein Aquarell hatte es mir besonders angetan. Es war eine durchsichtige Kugel aus Gelatine, die ein schwarzer Stab schwebend im Gleichgewicht hielt. Diese Arbeit musste ich besitzen! In meiner Geldschatulle, die mir als Kasse diente, kramte ich den vorhandenen Betrag zusammen, bat Schwitters, den Künstler zu fragen, ob es ihm möglich sei, mir die Arbeit für die bescheidene Summe, die ich anbot, zu überlassen. Schwitters brachte die Genehmigung. Dann nahm er Mappe und Geld und übergab sie dem bis dahin unsichtbaren Lissitzky.
Als alle gingen, verabschiedete sich von mir eine kleine, schmächtige, etwas gebeugte Gestalt. Ich schaute in schwarze, faszinierende Augen, die mir unter einer prächtigen Stirn entgegenleuchteten. ›Sie haben meine beste Arbeit ausgewählt‹, wurde mir mit festem Händedruck versichert. Worauf ich nur ›danke schön‹ sagen konnte.
Das war mein erstes Zusammentreffen mit El Lissitzky.«
Der mittellose, noch am Anfang seines Ruhms stehende russische Künstler aus einer jüdisch-orthodoxen Familie, aufgewachsen in einem der wetterzerzausten Holzhäuschen im Schtetl von Witebsk, ewig kränkelnd und hustend, und die protestantische Bürgerstochter aus einer wohlhabenden Münchener Verlegersfamilie – zwei Seelenmetalle, die wohl nie miteinander verschmelzen würden.
Aber er war der erste Vertreter der russischen Avantgarde, dem sie begegnete – der neuen Kunst, die aus einem fernen, geheimnisvollen Land kam, von dem man in Deutschland noch so wenig wusste. Das schon allein machte ihn für Sophie interessant. Und da waren diese dunklen Augen, in denen das Feuer der russischen Revolution glühte. Und der Hunger auf Leben. Und diese ansteckende Energie, die El Lissitzky ausstrahlte.
Sophie behauptete zwar später, dass sie zunächst nur den Künstler in ihm gesehen habe, den sie, ohne ihm bis dahin begegnet zu sein, vorbehaltlos bewundert habe. Aber seine Augen, die sie so fasziniert hatten, ließen sie nicht mehr zur Ruhe kommen.
Lissitzky, der seinen schon damals fast kahlen Kopf gern mit einer karierten Mütze bedeckte, war ein eher unscheinbarer Gast bei den ausgelassenen Festen rund um Kurt Schwitters. »Seine Arbeiten redeten, während er selbst schwieg«, beobachtete Sophie. Sie war es auch, die den Vorschlag machte, in der Kestner-Gesellschaft eine Ausstellung mit Lissitzky zu riskieren.
Im Januar 1923 war es dann so weit. Die Einladungskarte zeigte eine schwebende Figur im Raum, die bedeutendste Arbeit der Ausstellung. Sie wurde von Dr. Alexander Dorner, dem Leiter des Provinzial-Museums, erworben. Auf einen Ausstellungskatalog musste verzichtet werden, die finanzielle Lage der Kestner-Gesellschaft verschlimmerte sich wegen der Inflation von Tag zu Tag.
Zusammen mit El Lissitzky stellte auch der Hannoveraner Expressionist Max Burchartz aus, der als Illustrator von Dostojewskjs Roman »Schuld und Sühne« bekannt geworden war. Der Gegensatz zwischen den beiden Künstlern hätte nicht größer sein können.
Damals grassierte eine wahre »Dostojewskj-Epidemie« in Deutschland. Kein anderer Schriftsteller hatte je so offen in die Abgründe der menschlichen Seele geblickt, hatte so schonungslos Wunden aufgerissen, so deutlich den tiefen Zwiespalt von Kopf und Seele, von Vernunft und Leidenschaft gezeigt. Bei den Abenden der Kestner-Gesellschaft trat häufig auch die Dresdener Schauspielerin Midia Pines, eine große Dostojewskj-Interpretin, auf. Gehüllt in ein langes, dunkles Gewand, las sie aus den Werken von Tolstoi und Gogol, aber vor allem aus Dostojewskjs Roman »Die Brüder Karamasow« und besonders dem Kapitel »Der Großinquisitor«. »Ihre Ausdruckskraft war so stark, dass sie die leicht erregbaren expressionistischen Geister noch mehr aufwühlte«, erinnerte sich Käte Steinitz.
Aber den größten Eindruck machte der erste öffentliche Auftritt des stillen Russen El Lissitzky. »Mit ihm blies der neue scharfe Wind der Konstruktivisten durch Hannover. Er fegte die expressionistischen Ekstasen weg und ersetzte sie durch Zirkel und Lineal.«
Die Ausstellung wurde ein Erfolg. Lissitzky begeisterte die Kunstfreunde Hannovers mit seiner Präzision und Klarheit. Sie ließen sich willig auf die neuen Räumlichkeiten ein, in denen der Künstler seine geometrischen Formen zum Schweben brachte, und kauften mehrere seiner Arbeiten. Daraufhin beauftragte die Kestner-Gesellschaft Lissitzky mit einer Mappe Lithographien als Jahresgabe für die Mitglieder. Es sollte die berühmte erste Kestner-Mappe werden. Lissitzky nahm den Auftrag an und versprach, zu dessen Ausführung wieder nach Hannover zu kommen. Dann reiste er nach Berlin, wo er seit zwei Jahren in der großen russischen Kolonie lebte.
4. Vom jiddischen Schtetl nach Berlin
Beinahe wäre der kleine Elisar Markowitsch Lissitzky, der am 10. November 1890 in dem Dorf Potschinok im Gouvernement Smolensk zur Welt kam, Amerikaner geworden. Sein Vater Mordochai, der als Verwalter eines Gutsbesitzers für sich und seine Familie im zaristischen Russland keine Chancen sah, wanderte, wie zuvor schon sein Bruder, nach Amerika aus. Er nannte sich fortan Mark. Als er dort nach einem Jahr ein sicheres Auskommen gefunden hatte, bat er seine Frau Sophia Lwowna, mit dem zweijährigen Lasar nachzukommen. Doch die strenggläubige Jüdin holte erst den Rat eines Rabbiners ein. Der ermahnte sie, es sei ihre Pflicht, in der Heimat und bei der Familie zu bleiben und den Ausreißer zurückzurufen.
So kam es, dass El Lissitzky, wie er sich später nannte, kein Sohn der Neuen Welt wurde, sondern dass sich seine Wurzeln tief in die kalte russische Erde gruben.
Im Schtetl des weißrussischen Provinzstädtchens Witebsk, dessen Bewohner zur Hälfte aus Juden bestanden, wuchs er auf. Der heimgekehrte Vater wurde dort Vertreter einer Glas- und Porzellanfabrik und konnte seine Familie – Elisar bekam noch einen Bruder und eine Schwester – mehr schlecht als recht ernähren.
Beide, Vater und Mutter, sollte Sophie später erkennen, konnten ihrem Ältesten zwar keine robuste Gesundheit mit auf den Lebensweg geben, aber sie vererbten ihm ihre besten Charaktereigenschaften und Begabungen. Der weit gereiste Vater, der neben Russisch und Jiddisch auch Deutsch und Englisch sprach, übersetzte in seinen Mußestunden Heine und Shakespeare ins Russische. Er liebte Bücher über alles und übertrug diese Liebe auf seinen Sohn. Während seines ganzen künstlerischen Lebens hat sich El Lissitzky immer wieder mit dem Buch und seiner grafischen Gestaltung auseinander gesetzt. Seine Mutter, eine zierliche kleine Person mit großen schwarzen Augen, war mit einem außergewöhnlich scharfen Verstand und unerbittlicher Hartnäckigkeit gesegnet, vor allem wenn es darum ging, andere Menschen von ihrer Meinung zu überzeugen.
Die Familie lebte im Schtetl in einem primitiven, aus dicken Holzbalken gezimmerten Häuschen. Wie überall im russischen Reich wurden die Juden während der Zarenzeit unterdrückt und ausgegrenzt. Ein Ereignis in seiner Kindheit hat sich dem kleinen Elisar besonders eingeprägt: ein verheerender Brand, der den Himmel nächtelang tiefrot färbte und dem vor allem die Holzhäuser im Viertel der ärmsten Juden zum Opfer fielen.
Die Frische und Naivität der jüdischen Kinderbücher, die zu seinen frühen Arbeiten zählen, mit Bauersleuten, windschiefen Häusern, Pferden, Ziegen und Hühnern, sein Interesse an der Volkskunst, wurzelten in dieser Umgebung. Allerdings sollte er seiner ersten künstlerischen Liebe nicht lange die Treue halten. Marc Chagall hingegen, der drei Jahre zuvor ebenfalls in Witebsk zur Welt gekommen war, huldigte in seinen farbigen Tagträumen seiner Heimat ein Leben lang und inspirierte damit wie kein anderer Maler des 20. Jahrhunderts die Dichter seiner Zeit. Im Grunde seines Herzens blieb er immer, ganz gleich, ob er in Paris oder St. Petersburg lebte, ein Witebsker.

El Lissitzky 1932 (Foto: M. Prechner/Verlag der Kunst, Dresden)
Lissitzky war zunächst beeindruckt von den märchenhaften Bildern des fast Gleichaltrigen, distanzierte sich aber später von ihnen.
Nach der Russischen Revolution im Oktober 1917, in die vor allem die Künstler große Hoffnungen setzten als ein Tor zu neuen, besseren Welten, wurde Chagall zum Volkskommissar der Schönen Künste in Witebsk ernannt. Außerdem übernahm er die Leitung einer neu gegründeten Kunstakademie. Mit dem Unterricht beauftragte er wichtige Künstler der russischen Avantgarde wie Kasimir Malewitsch, Iwan Puni und auch El Lissitzky, der dort ab 1919 die graphischen Werkstätten und die Abteilung für Architektur leitete.
Schon bald musste Chagall erkennen, dass seine Kunstauffassung von sanfter Menschlichkeit mit dem Gebrauch von Zirkel und Lineal in der Kunst Malewitschs und Lissitzkys kollidieren würde. Die neue Realität eines schwarzen Quadrats oder eines roten Kreises passte nicht zu seinen grünen Kühen, fliegenden Pferden und umschlungenen Liebespaaren. Nachdem Malewitsch 1920 offen gegen Chagall revoltiert und El Lissitzky zudem verkündet hatte, dass »die Sensibilität der Seele durch die Empfindlichkeit einer Fotoplatte ersetzt« werde, trat Chagall tief gekränkt von der Leitung der Schule zurück und zog mit seiner Familie nach Moskau.
Aber noch war Elisar ein kleiner Junge. Sein mathematisches und zeichnerisches Talent blieb seinen Eltern nicht verborgen. Weil es in Witebsk kein Gymnasium gab, brachte ihn seine Mutter zum Großvater nach Smolensk. Nun lebte der Schüler des Realgymnasiums in der großen Gouverneursstadt und kehrte nur in den Ferien nach Witebsk zurück. Mit seinen unruhigen, fast prophetisch in die Zukunft gerichteten Augen beobachtete er alles, was um ihn herum vorging. Später schrieb er über diese Zeit:
»Mein Leben ist begleitet von noch nie dagewesenen Sensationen. Kaum fünf Jahre alt, steckt man mir die Gummischläuche des Edisonschen Phonographen in die Ohren. Mit acht Jahren laufe ich in Smolensk der ersten Elektrischen nach, und alle Bauernpferde fliehen vor dieser Teufelskraft aus der Stadt. Noch einige Jahre – da fliegen in Deutschland über meinem Kopf die Zeppelinluftblasen und die Aeros purzeln ihre ›looping the loop‹. Von Tag zu Tag steigert sich mein Schwingungstempo. Selbst wenn ich noch, dank einem Motorfehler, zu Fuß laufe, sehe ich doch, wie uns in einigen Jahren die heutige lumpige Paarhundert-Kilometer-Geschwindigkeit wie Schneckenlauf vorkommen wird.«
Im Haus der Großeltern, die in ihrer eigenen Werkstatt Mützen und Hüte herstellten, waren die Kinder aus der Nachbarschaft immer willkommen. Hier entdeckte El Lissitzky seine Begeisterung für karierte Mützen, die zu seinem Markenzeichen wurden. Später erzählte er Sophie von dem riesigen Holzofen, der die halbe Küche einnahm und in dem die Großmutter Fleisch und Gemüse schmorte. Es blieb die einzige kulinarische Erinnerung des ansonsten völlig anspruchslosen Künstlers. In seiner späteren Berliner Zeit, so erzählte Sophie, habe er hauptsächlich von Kakao und Brötchen gelebt, den Luxus seiner geliebten Pfeife sich jedoch nie versagt.
Seinen Lehrern in Smolensk fiel das zeichnerische Talent des Schülers Elisar auf. Sie verhalfen dem 13-Jährigen zu einem Ferienaufenthalt in der Witebsker Malschule des Künstlers Jehuda Pen, der auch der erste Lehrer von Marc Chagall war. Er hatte den realistischen Stil der akademischen Salonmalerei um die Jahrhundertwende erlernt und gab ihn an seine Schüler weiter. Den jungen Lissitzky hatte er wohl mehr durch seine warme Menschlichkeit als durch seine Malweise beeinflusst. Aber er wies ihm seinen eigenen künstlerischen Weg. In dieser Zeit entstand die erste Buchgestaltung des angehenden Künstlers, ein revolutionärer Almanach jugendlicher Rebellen in zwei handgedruckten Exemplaren mit den Zeichnungen Lissitzkys und den Texten gleichgesinnter Kameraden.
Nach Beendigung des Gymnasiums bewarb sich Lissitzky um die Aufnahme an der Akademie der Künste in St. Petersburg – und wurde abgewiesen, da er seine Aufgabe, einen Diskuswerfer zu zeichnen, nicht nach den akademischen Richtlinien gelöst hatte. Ihm war natürlich klar, dass er in Wirklichkeit abgelehnt wurde, weil er Jude war und das »Judenkontingent« an der Akademie möglichst klein gehalten werden sollte. Trotzdem geriet er in eine tiefe Krise, zweifelte an den eigenen Fähigkeiten und gab die Malerei zunächst auf. In der Heimat hielt ihn nun nichts mehr.
1909 verließ Lissitzky Russland zum ersten Mal, um wie viele andere seiner Landsleute an der Polytechnischen Schule in Darmstadt Architektur zu studieren. Dieses Studium wurde zur Grundlage seines gesamten künstlerischen Schaffens. Kein anderer Künstler hat in so kurzer Zeit so viele Talente zum Blühen gebracht wie El Lissitzky: Er war Maler, Designer, Typograf, Illustrator, Fotograf, Ingenieur, Architekt, Bühnenbildner und Gestalter von Ausstellungen.
Während seiner Studienjahre wohnte er in einem bescheidenen Zimmer bei einer Arbeiterfamilie. Viele Stunden verbrachte er dort zeichnend und aquarellierend, vergaß alles um sich herum, sogar das Essen. Da der monatliche Zuschuss von zu Hause sehr knapp bemessen war, verdiente er sich zusätzliches Geld, indem er Prüfungsarbeiten für seine Kommilitonen ausführte, die entweder zu faul oder zu unbegabt waren, ihre Aufgaben selbst zu bewältigen. Diesem unermüdlichen Einsatz von Lineal und Zirkel verdankte er seine große Meisterschaft und Schnelligkeit im Entwerfen. Aber auch seinen gebeugten Rücken und den verengten Brustkorb, der später seine Krankheit beschleunigte.
Von dem Erlös seiner »Hilfsarbeiten« kaufte sich Lissitzky ein Fahrrad, mit dem er Ausflüge bis nach Worms unternahm. Dort saß er stundenlang in der alten Synagoge und skizzierte die Löwenreliefs, die in seinen späteren Illustrationen oft wiederkehrten.
Bis zu seinem Studienabschluss 1914 lebte Lissitzky in der großherzoglichen Residenz Darmstadt, die damals als Hochburg des Jugendstils galt. Von hier aus unternahm er Reisen nach Frankreich und Italien.
In Paris streifte er mit dem Bildhauer Ossip Zadkine, einem Jugendfreund aus der Witebsker Zeit, durch die Galerien, die großen Boulevards und die kleinen Seitenstraßen der Rue de Rivoli. Gemeinsam bewunderten sie die kühne Architektur des Eiffelturms. Auf seiner Rückreise besuchte Lissitzky den belgischen Architekten Henry van de Velde, den er sehr verehrte. Im Sommer 1912 brach er zu einem längeren Fußmarsch auf. Lernend und zeichnend wanderte er durch Norditalien. In seinen Wanderstab schnitzte er all die Orte der Lombardei und der Toskana ein, die er besucht hatte. Er übernachtete in billigen Herbergen und freundete sich mit wandernden Handwerksburschen an, die dort ebenfalls ein erschwingliches Nachtquartier fanden.
Nach seinem Examen am Darmstädter Polytechnikum, das er mit Auszeichnung bestand, musste der 24-jährige Diplomarchitekt sein Gastland fluchtartig verlassen. Am 1. August 1914 hatte Deutschland Russland den Krieg erklärt – der Erste Weltkrieg war ausgebrochen!
Nach einer abenteuerlichen Reise über die Schweiz und den Balkan gelangte er schließlich nach Moskau. Alle seine Zeichnungen, Pläne und Bücher musste er in Darmstadt zurücklassen!
Erst 1923 konnte er dorthin zurückkehren. In einem Brief an Sophie Küppers nach Hannover schrieb er, damals noch mit der Distanz des heimlichen Verehrers: »In Darmstadt alles gefunden. Wunderbar, wie die Leute menschlich geblieben sind. Alte leere Tuschflaschen hat meine Wirtin aufbewahrt. Auf dem Dachboden in einer großen Kiste habe ich zwei Tage pompejanische Ausgrabungen betrieben. Das war wirklich blöd. Das Leben von einem vergangenen und vergessenen ›Ich‹ schichtweise auszugraben. Nur eines war mir interessant – ich habe Notizen von 1911 gefunden, also vor zwölf Jahren über meine Kunstanschauungen, deren Sinn und Ausdruck ich heute noch vollständig unterzeichnen kann. Komisch! Nicht wahr? Bei dem Diener der Hochschule habe ich alle meine Arbeiten von damals gefunden. Zeichnungen. Aquarelle. Einige werde ich behalten …«
In Russland musste Lissitzky erneut ein Examen ablegen, um seinen Beruf ausüben zu können. Der Ingenieur-Architekt mit Doppeldiplom wurde Assistent des Architekten Klein, des Erbauers des Puschkin-Museums in Moskau. Die berühmte ägyptische Abteilung des Museums ist Kleins Werk, und Lissitzky war daran beteiligt – und sehr stolz darauf, wie er Sophie später bei einem Rundgang durch das Museum gestand; diese Inneneinrichtung, so Lissitzky, bringe die unerhörte Schönheit und Kostbarkeit einer vergangenen Kultur klar und überzeugend zur Geltung.
Weil es, bedingt durch die Härten des Krieges, keine größeren malerischen Aufgaben für den jungen Künstler gab, beschäftigte er sich hauptsächlich mit Grafik. In den Jahren 1917 bis 1919 entstanden seine jüdischen Kinderbücher, die heute in der Tretjakow-Galerie in Moskau aufbewahrt sind. Die mystisch-expressionistische Einwirkung Marc Chagalls ist in ihnen noch spürbar, obwohl sie im Laufe der Zeit immer architektonischer komponiert sind. Später hat Lissitzky seine frühen Bilder- und Kinderbücher kaum noch erwähnt – es waren für ihn Fingerübungen gewesen. Die große Woge der russischen Oktober-Revolution im Jahr 1917 schwemmte ihn, wie so viele begeisterte Künstlerkollegen, ganz nach vorn. Als die Kugeln noch durch Moskaus Straßen pfiffen, gestaltete er die erste Fahne für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die Mitglieder der Regierung am 1. Mai 1918 feierlich über den Roten Platz trugen. Jetzt endlich wurde er gebraucht, war befreit von den Einschränkungen, mit denen das zaristische Reich seine jüdischen Mitbürger drangsaliert hatte. Jetzt war er gleichberechtigt mit allen Werktätigen der neuen Gesellschaft, stellte all seine Kräfte und Talente ihrer Arbeiter- und Bauernregierung zur Verfügung.
In seiner Witebsker Zeit als Lehrer an der Architekturfakultät der Kunstakademie begann die nicht immer ungetrübte Zusammenarbeit und Freundschaft mit dem über ein Jahrzehnt älteren Kasimir Malewitsch, der mit seiner Theorie des Suprematismus großen Einfluss auf die gesamte neue Kunst und natürlich auch auf Lissitzky ausübte. Diese neue Kunstphilosophie, die die Nachahmung natürlicher Gestalten kategorisch verneinte, forderte nicht Nachbildung, sondern Neubildung klarer geometrischer Formen innerhalb des Bildrahmens. 1920 schrieb Lissitzky das Hohelied auf den Suprematismus Malewitschs, es endet mit folgendem euphorischen Satz in Großbuchstaben:
»So folgte auf das Alte Testament das Neue, auf das Neue das Kommunistische, und auf das Kommunistische schliesslich folgt das Testament des Suprematismus.«
Im Gegensatz zu dem Maler Malewitsch blieb der Architekt Lissitzky jedoch nicht der Fläche verhaftet, sondern befreite sich von ihr. Losgelöst von allen Zwängen scheinen die geometrischen Formen durch den unendlichen Bildraum Lissitzkys zu fliegen.
In seinem kargen Atelier in Witebsk arbeitete er wie ein Besessener an der Suche nach eigenen Lösungen für seine geometrisch-räumlichen Vorstellungen. Diese Experimente nannte er »Proun« (zusammengesetzt aus Pro + Unowis = Projekte für die Begründung des Neuen). Er selbst, dem die Bildleinwand zu eng geworden war, bezeichnete Proun als »Umsteigestation aus der Malerei in die Architektur«.
1921 wurde Lissitzky, der nun zu den Vorzeigekünstlern der jungen Sowjetunion gehörte, nach Moskau berufen, um dort die Architektur-Fakultät der Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten »Wchutemas« zu leiten. Sie waren auf Erlass des Rates der Volkskommissare am 19. November 1920 gegründet worden. Dort bildete sich mit WIadimir Tatlin, Alexander Rodtschenko, Naum Gabo, El Lissitzky und anderen die Gruppe der Konstruktivisten, die von der Schönheit neuer Techniken begeistert waren. In Moskau trat diese Gruppe zum ersten Mal geschlossen in einer Ausstellung auf. Und in Berlin, auf der ersten Russischen Kunstausstellung am 15. Oktober 1922 in der Galerie Van Diemen, Unter den Linden, wurde sie zur Sensation. Hier hatte sich Sophie in die Arbeiten des Künstlers Lissitzky verliebt:
»Von allen Werken dieser vielseitigen Schau machten die ›Prounen‹ El Lissitzkys den stärksten Eindruck auf mich. In diesen Kompositionen war etwas Neues, etwas, was ich bisher in der europäischen Kunst nirgends angetroffen hatte. Da war der in den Bildrahmen eingespannte kosmische Raum, in dem sich schwebende geometrische Körper durch ungeheure Spannungen im Gleichgewicht hielten …«
Mit dem Auftrag seiner Regierung, Verbindungen zwischen den Kunstschaffenden der Sowjetunion und Deutschlands anzubahnen, fuhr Lissitzky Ende 1921 über Warschau nach Berlin und geriet in eine von Energien und Emotionen überquellende Stadt. Als die Goldenen Zwanziger wurde das dritte Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts bezeichnet – laut, grell und schnell waren sie, und Berlin war ihr Mittelpunkt.
Berlin, eine der großen Kulturmetropolen Europas, bot nach dem Krieg einen fruchtbaren Nährboden für Expressionismus und Dadaismus. Auf ihm gedieh auch die russische Avantgarde, die die Welt mit den Mitteln der Kunst umgestalten wollte. Hier traten sich Maler, Schriftsteller, Dichter, Musiker, Regisseure, Schauspieler jeder Couleur fast schon auf die Füße, trafen sich zufällig auf der Straße oder absichtsvoll in ihren Stammkneipen. El Lissitzky war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um Brücken zu schlagen zwischen russischen und deutschen Künstlern. Doch diese Zeit, so aufregend sie war, forderte von ihm ihren Tribut. Sein Körper war durch die rastlosen Aktivitäten, durch schlechte Ernährung und wenig Schlaf geschwächt, es zeigten sich erste Symptome einer Lungen-Tuberkulose, und die schwarzen Locken seiner Jugend, die ihm ein so romantisches Aussehen verliehen hatten, fielen allmählich aus.
Sophie Küppers fuhr damals von Hannover öfter nach Berlin, um Künstler in die Kestner-Gesellschaft einzuladen. Sie erlebte die Metropole mit wachem Verstand und kritischer Distanz. Und notierte voller Empörung:
»Wie sahen denn jene goldenen zwanziger Jahre aus? Nach dem verlorenen Krieg, nach der verspielten Revolution, nach dem politischen Bankrott der sozialistischen Parteien brachten die ersten vier Jahre des Jahrzehnts den berühmten Regierungsschwindel, die deutsche Inflation, durch die eine kleine Machtgruppe den größten Teil des deutschen Volkes wirtschaftlich, politisch und moralisch ruinierte, bis ein Laib Brot eine Milliarde, ein deutsches Mädchen eine Zigarette, und das deutsche Gewissen gar nichts kostete … Die goldenen zwanziger Jahre waren nur Dublee.«
Bei einem ihrer Besuche traf sich Sophie mit El Lissitzky. Gemeinsam schauten sie sich Charlie Chaplins ersten Kinofilm »The Kid« an. Die anrührende Geschichte einer Freundschaft zwischen dem armen Vagabunden und dem Findelkind bewegte nach Amerika auch hier die Gemüter und füllte die Kassen. Sophie war gerührt von der Darstellungskunst dieses volkstümlichen und zugleich philosophischen Narren, von der Ausdruckskraft seiner Augen und Hände und von seinem »todernsten Humor«.
Lissitzky nahm sie mit in seinen Berliner Künstlerkreis. Mit Werner Graeff, Hans Richter, Raoul Hausmann, Hanna Höch und weiteren Künstlern traf man sich im gastlichen Atelier von László Moholy-Nagy und seiner Frau Lucia. Lebhaft wurde über die neue Sachlichkeit, Gegenständlichkeit und Zweckmäßigkeit diskutiert – über die Grundsätze des Weimarer Bauhauses, dessen Gründer und Leiter Walter Gropius eine Schar begabter junger Künstler um sich versammelt hatte. Lissitzky erzählte seinen deutschen Freunden von den großen Aufgaben, die für Künstler und Architekten in Russland durch die Revolution entstanden waren. Die technische Rückständigkeit war seiner Meinung nach das größte Hemmnis für die Entwicklung einer neuen sozialen Gemeinschaft.
Bei ihrer ersten Begegnung in Hannover hatte Sophie El Lissitzky als bescheiden und zurückhaltend erlebt. Hier erkannte sie ihn kaum wieder: »Scharf und schonungslos konnte er gegen die abstrakte Seele losfahren, die die verängstigten Expressionisten jeder auf seine Weise zu verteidigen suchten.« Wenn die Unterhaltung mit seinen Landsleuten besonders heftig wurde, fiel er ins Russische zurück. Sie liebte sein Temperament.
Es wimmelte nur so von Russen in diesem Berlin! Über 100 000 lebten hier um 1920. Und es wurden immer mehr. 1923 sollen es nach Schätzungen von Hilfsorganisationen über 360 000 gewesen sei. Zu der starken Kolonie zählten sowohl Emigranten, die nach der Oktoberrevolution geflohen waren, als auch zahlreiche Intellektuelle, wie El Lissitzky oder Ilja Ehrenburg, die Berlin zu ihrem strategischen Zentrum für die Verbreitung sowjetischer Politik und Kultur gemacht hatten.
Die Berliner tauften die Gegend zwischen Charlottenburg und Zoo scherzhaft »Charlottengrad«. Die Russen nannten diesen Teil Berlins »Petersburg« und fuhren mit der »Russenschaukel«, dem Kurfürstendamm-Bus, Richtung Halensee. Und wer weiß, vielleicht wäre der Kurfürstendamm eines Tages ja in Kurfürsten-Prospekt umbenannt worden.
Im vornehmen Kaufhaus des Westens am Wittenbergplatz sah man vor allem modehungrige Damen und Herren aus Russland und anderen östlichen Ländern. Die deutschen Kunden zogen dem KaDe We die billigeren Kaufhäuser um den Alexanderplatz vor.
Im Restaurant »Zum Bären« servierten ehemalige Offiziere aus russischen Adelsfamilien. Im »Café Petersburg« am Wittenbergplatz war der Kellner früher mal russischer Diplomat gewesen. Und im Kino riss abends eine einstige Hofdame der Zarenfamilie die Eintrittskarten ab. Es gab sogar einen russischen Berlin-Führer. Der listete 1923 über 30 Berufsverbände, Parteigruppierungen, Hilfswerke auf, sechs russische Banken, 87 russische Verlage und 20 russische Buchläden, dazu Schulen, wissenschaftliche Institute und jede Menge Restaurants, Cafés, Cabarets und Nachtclubs.
Sehr beliebt bei Einheimischen und Zugereisten war das ursprünglich in Moskau gegründete Cabaret »Der blaue Vogel«, in dem russische Künstler sangen, tanzten und Theater spielten. Hier triumphierte die Balalaika über das Jazz-Saxophon.
Auch Alexander Tairow mit seinem Moskauer Kammertheater gab mehrere umjubelte Gastspiele in Berlin. Er wollte das Theater von seinen erstarrten Formen befreien und fand in Lissitzky einen kongenialen Illustrator seiner Ideen. 1923 erschienen Tairows »Aufzeichnungen eines Regisseurs« unter dem Titel »Das entfesselte Theater« mit der Einbandgestaltung von El Lissitzky.
Mit seinen Landsleuten traf sich Lissitzky häufig im Romanischen Café, in der Prager Diele oder im Café Leon am Nollendorfplatz. Bei Tee und Tabak redete man sich oft nächtelang die Köpfe heiß. »Selbst hier befasste er sich fortwährend mit Erfinden«, schrieb Ilja Ehrenburg über den Freund. Auch er war einer der Stammgäste, wie Aleksej Tolstoi, bekannt als »der rote Graf«, Boris Pasternak, Wladimir Majakowskj und Naum Gabo. Als eines Tages der junge Lyriker Sergej Jessenin, geliebt für seine leidenschaftlichen Verse, aber auch berüchtigt für seine alkoholischen Exzesse, mit seiner ihm gerade angetrauten Ehefrau Isadora Duncan das Café betrat, erhoben sich die Anwesenden und sangen spontan die Internationale – zu Ehren der amerikanischen Ausdruckstänzerin, die als begeisterte Anhängerin der Revolution auf der Theaterbühne zu den Klängen der Internationale zu tanzen pflegte.
Gemeinsam mit Ehrenburg gab Lissitzky Anfang 1922 die erste pro-sowjetische Zeitschrift »Der Gegenstand« heraus, um – dieses Ziel hatte sie beide nach Berlin geführt – den in Russland lebenden Künstlern mit diesem dreisprachigen Journal ein Fenster zum Westen zu öffnen und den westlichen Lesern einen Blick auf die vielfältigen kulturellen Aktivitäten in der Sowjetunion zu ermöglichen. In die Liste prominenter Autoren reihten sich Charlie Chaplin, Le Corbusier, Fernand Léger, Kasimir Malewitsch, Boris Pasternak und viele andere ein. Lissitzky selbst konnte in den wenigen Ausgaben bis zu seiner Abreise aus Berlin seine typografischen, der Architektur und der Fotografie nahen Ideen verwirklichen. Die hoch entwickelte deutsche Technik gab dem russischen Künstler nicht nur die Möglichkeit zu kühnen Träumen, sondern auch zu deren praktischer Umsetzung.
Ilja Ehrenburg schrieb in seinen Memoiren über die zwei Gesichter des Weggefährten:
»Lissitzky glaubte steif und fest an den Konstruktivismus. Im Leben war er weich, ausgesprochen gütig, zuweilen naiv. Seine Gesundheit war anfällig. Er verliebte sich, wie man sich im vorigen Jahrhundert zu verlieben pflegte: blind und selbstlos.
Aber in der Kunst glich er einem unbeugsamen Mathematiker, inspirierte sich an der Präzision, machte die Nüchternheit zur Wahnidee. Er war ungemein einfallsreich. Er konnte einen Ausstellungsgegenstand so gestalten, dass die Dürftigkeit der ausgestellten Dinge den Anschein der Überfülle erweckte. Er verstand es, ein Buch in einer ganz neuartigen Weise aufzugliedern. In seinen Zeichnungen spürt man den Farbensinn genauso stark wie die Meisterschaft der Komposition.«
5. Sophies Wahl
Die Inflation überschlug sich. Bilder gab es nur noch gegen ausländische Valuta zu kaufen. Sophie Küppers’ Ausstellungsbetrieb verschlang alle Reserven aus dem Erbe ihres Onkels. Aber sie dachte nicht daran, aufzugeben. Am 6. März 1923 hielt der wieder einmal aus Berlin angereiste Lissitzky in der Kestner-Gesellschaft einen Vortrag über die »Neue Russische Kunst«. Sophie hatte zuvor mit ihm den Text mehrfach geprobt – seine harte Aussprache und seine Probleme mit den deutschen Artikeln machten ihn manchmal schwer verständlich und erregten Heiterkeit im Auditorium. Sie notierte über den Abend:
»Das gutbürgerliche Publikum, dem vieles, was Lissitzky vortrug, vollständiges Neuland war, folgte aber wie gebannt seinen geistvollen Ausführungen. Man wurde aufgerüttelt von dem Neuen, das dieser russische Künstler aus dem Land der Revolution mitbrachte. Als Sohn der Oktoberrevolution zeichnete Lissitzky eine begeisternde neue Welt. Das waren keine gefärbten Zeitungsberichte, sondern Tatsachen, Perspektiven für die Zukunft, über die einer berichtete, der um die Verständigung zwischen dem fast isolierten Russland und dem Westen bemüht war, der dabei war in den ›10 Tagen, die die Welt erschütterten‹.«
Durch die Vermittlung seines Freundes Kurt Schwitters wohnte er zunächst in der pompösen Villa des Galeristen Herbert von Garvens. Obwohl Lissitzky die Annehmlichkeiten eines prächtigen und vor allem funktionierenden Bades zu schätzen wusste, kam er sich in den riesigen Räumen doch recht verloren vor. Immer häufiger besuchte er Sophie, freundete sich mit ihren Söhnen Kurt und Hans an.

El Lissitzky, »Neuer«, Lithographie, 53 x 45,4 cm, Blatt 10 der »Figurinenmappe. Die plastische Gestaltung der elektromechanischen Schau ›Sieg über die Sonne‹«, in 75 Exemplaren erschienen, R. Leunis u. Chapman, Hannover 1923. (Foto: Verlag der Kunst, Dresden)
Seine erste Kestner-Mappe mit Lithographien seiner Proun-Bilder wurde von den Auftraggebern mit Begeisterung aufgenommen. Man riss sich geradezu um diese imaginären Welten aus Linien, Quadraten und Rechtecken, die scheinbar dreidimensional im Raum schwebten. Sie schmückten manches Hannoversche Heim, und natürlich auch das von Sophie Küppers.
Für seine zweite Mappe farbiger Lithografien wählte Lissitzky den Stoff der russischen futuristischen Oper »Sieg über die Sonne«, womit er wieder zu seinen Anfängen zurückkehrte – sein Lehrer und Gefährte Malewitsch hatte die ursprünglichen Bühnenbilder und Kostüme für die Oper entworfen. Die mechanischen Puppen gleichenden Figurinen nannte Lissitzky »Ansager«, »Wachtposten«, »Globetrotter »Sportsmann«, »Zankstifter«. Und natürlich war auch ein »Erneuerer« unter ihnen – als Künstler kannte Lissitzky kein Gestern, für ihn zählte nur das Heute als Wendepunkt zum Morgen. »Der Erneuerer« oder auch »Der Neue« wurde einer seiner berühmtesten Prounen. Lissitzky hatte die Lithografie zunächst als Ölbild gemalt, das Dr. Alexander Dorner, der spätere künstlerische Leiter der Kestner-Gesellschaft, erworben hatte. Es hing mehrere Jahre in seinem privaten Arbeitszimmer. Dorner, als Pionier der modernen Kunst weit über Deutschlands Grenzen hinaus hoch geschätzt, war den Nazis genau aus diesem Grund verhasst. Nachdem er im Januar 1937 entlassen wurde und sogar um sein Leben fürchten musste, flüchtete er mit seiner Frau Lydia über Paris nach Amerika. Die Gestapo, die ihn abholen wollte, kam zu spät. Sie stand vor den verschlossenen Türen eines menschenleeren Hauses. Den großen Lissitzky-Proun hatte Dorner zuvor in einen Teppich gerollt und diesen über den Großen Teich geschickt. Der Teppich kam zwar an, aber ohne das Bild. So jedenfalls schilderte es später seine Witwe. »Der Neue« ist bis heute verschollen.
Die Freundschaft mit Sophie und ihren kleinen Söhnen veränderte das Leben des einsamen Künstlers Lissitzky grundlegend, das bisher hauptsächlich von künstlerischen Emotionen geprägt war. Da es ihm schwer fiel, in der lebhaften Villa von Garvens’ ungestört an seinen Entwürfen zu arbeiten, bat Sophie den Vorstand der Kestner-Gesellschaft, ihm den ehemaligen Gesellschaftsraum im dritten Stock des Hauses in der Königstraße als Atelier zu überlassen.
»Ich bin nicht gewohnt, dass sich jemand um mich kümmert. Ihr Vorschlag über das Wohnen in der Kestner-Stube ist viel, viel mehr als lieb«, schrieb er ihr von einem kurzen Aufenthalt aus Weimar. Manchmal saß Sophie stundenlang schweigend in einer Ecke seines Ateliers und beobachtete ihn bei der Arbeit. Sie sah zu, wie er seine mechanischen Figuren mit sicherem Strich direkt auf den Stein zeichnete. Er liebte ihre stille Gegenwart. Die Probedrucke, in deren Ecken ein winziges aus »El« und »S« verschlungenes Monogramm versteckt war, schenkte er Sophie. Sie verrieten ihr, was er noch nicht auszudrücken wagte.
El Lissitzky und Kurt Schwitters waren trotz der Gegensätzlichkeit ihrer Kunstauffassungen Freunde geworden, verbrachten viel Zeit miteinander. Sophie bestaunte die erste »Merzsäule« des Dadaisten: »Sie war noch aus dem Material der Abfallkisten aus Kriegszeiten konstruiert, hatte geheime, unbeschreibliche Einbauten. Für mich war oftmals die Grenze zwischen Originalität und Wahnsinn der Schwitters’schen Schöpfungen, seien sie nun plastisch oder literarisch, nicht klar erkennbar«, notierte sie, bewundernd und verwundert.

Sophie Lissitzky-Küppers, Fotocollage von El Lissitzky, 1928 (Foto: privat)

»Die Brüder«, Fotocollage von El Lissitzky, 1929; links Kurt, rechts Hans Küppers (Foto: privat)
Sophie organisierte weiter Ausstellungen, obwohl der Wert des Geldes inzwischen ins Bodenlose gesunken war. Zusammen mit El Lissitzky – die beiden galten inzwischen in der Gesellschaft Hannovers als Paar, obwohl sie sich immer noch respektvoll siezten – plante sie eine Reise nach Hamburg, um dort für Hannover eine »Negerkunst-Ausstellung«, wie damals Volkskunst aus Afrika und Ozeanien genannt wurde, vorzubereiten. Durch Paul Küppers hatte sie Verbindungen mit dem dortigen Völkerkunde-Museum und seinem Chefeinkäufer. Doch schließlich musste sie allein fahren, Lissitzky hustete, war erkältet und fühlte sich schlecht, drängte aber darauf, dass sie ohne ihn reiste. Sophie ließ den Kranken nur ungern allein in seiner Kestner-Stube. Als sie nach wenigen Tage zurückkehrte, fand sie den Freund mit hohem Fieber. Ihr Hausarzt stellte eine Lungenentzündung fest und verordnete strenge Bettruhe. Doch kaum war das Fieber etwas gesunken, arbeitete er schon wieder wie ein Besessener, obwohl er sich nach wie vor schlecht fühlte. Im jüdischen Krankenhaus, das ihr Freund Dr. Steinitz leitete, wurde bei einer Röntgenaufnahme eine große Kaverne in der Lunge entdeckt. Er wollte seine schwere Krankheit nicht wahrhaben. Ohne Sophie an seiner Seite hätte er sein Leben damals wohl weggeworfen.
»Mein Freund war verzweifelt, hatte Selbstmordgedanken. Ich versuchte, ihn zu überzeugen, dass er nicht das Recht habe, sein Leben auszulöschen, dass er verpflichtet sei, seine außerordentliche Begabung durch neue große Arbeiten zu beweisen. Ich bot ihm an, ihm dabei zu helfen. Er wollte keine Opfer – aber konnte dann verstehen, dass es keine Opfer gibt, wenn man wirklich liebt. Mich hatte zuerst sein Werk zutiefst berührt, dann erwies sich der Mensch Lissitzky als außerordentlicher Freund. In unserer tiefsten Not kamen wir einander ganz nah. Ich konnte den geliebten Menschen nicht im Stich lassen.«
Wieder erinnerte sie sich an die Worte ihres Vaters.
Sophie bat die Freunde um Hilfe, Lissitzky brauchte dringend ein anderes Klima. Dr. Steinitz empfahl ein Sanatorium in der Südschweiz, Richard Oppenheimer und Kurt Schwitters halfen mit Geld aus. Und Fritz Beindorff, im Vorstand der Kestner-Gesellschaft und Geschäftsführer der Pelikan-Werke, sorgte dafür, dass Lissitzky von der Firma Günther Wagner Reklameaufträge für Pelikan bekam, die ihm, nachdem im Oktober 1923 zur Überwindung der Inflation eine neue Währung eingeführt worden war, ein monatliches Einkommen von 300 Rentenmark garantierte. Diese Sicherheit verlangte die Schweizer Passkontrolle, denn zahlreiche Abenteurer und Spekulanten flohen damals mit leeren Taschen aus dem inflationären Deutschland, um ihr Glück in der soliden Schweiz zu suchen.
Das Weihnachtsfest 1923 feierte Lissitzky noch mit Sophie und ihren Söhnen in Hannover. Er mochte diese warme deutsche Gemütlichkeit, die so ganz anders war als das karge »revolutionäre« Leben, das er führte. Kurt und Hans bekamen von ihrem Freund »Lissi« ein selbst gezeichnetes und aquarelliertes Bilderbuch geschenkt, »Das neugierige Elefantlein«. Zu den Bildern erfand er die komischsten Geschichten. Die Jungen waren begeistert. Lissitzky hatte ein großes Herz für Kinder, und das nahm Sophie besonders für ihn ein.
Anfang Januar mussten die Liebenden Abschied nehmen. Über Berlin, wo Lissitzky noch eine eigene Ausstellung im Graphischen Kabinett I.B. Neumann organisieren konnte, reiste er schließlich mit der Eisenbahn in die Schweiz. Der Erfolg der Ausstellung gab ihm zwar neue Kraft, aber sein Zustand war Besorgnis erregend.
Über ein Jahr lebte Lissitzky im Tessin. Es wurde ein aufreibendes und zugleich kreatives Jahr, schwankend zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Phasen fiebriger Schaffenskraft wechselten mit lähmendem Nichtstun, zu dem ihn die Krankheit zwang. Ohne Sophie wäre El Lissitzky verloren gewesen. In dieser Zeit entwickelte sich zwischen den Liebenden ein lebhafter Briefwechsel, unterbrochen von zwei Besuchen Sophies. Nur Lissitzkys Briefe sind erhalten geblieben. Doch wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag, wird dort auch etwas von den Gedanken, Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten Sophies finden. Die »mère des bolcheviks« entpuppte sich nun als wahre »Mutter Courage«. Er redete sie in seinen Briefen mit »Mutti, Muttilein, Mamascha, Towarischtsch-Geliebte, Du meine Alte« und auch schon mal mit »Genossin« an, und unterschrieb als »Dein blöder, Dein dummer, Dein Trottel Lis«. Sie war seine Geliebte, Mutter, Muse, Trösterin, Ratgeberin, die Organisatorin und Vermittlerin seiner vielfältigen Aktivitäten. In ihren starken Armen, an ihren weichen Brüsten ließ es sich gut leben – und zur Not auch sterben.
In diesem Jahr, das trotz seiner Krankheit zu seiner schöpferischsten Phase wurde, tüftelte Lissitzky mit Kurt Schwitters, den er freundschaftlich Kurtchen nannte, an der Herausgabe seines Merz-Heftes »Nasci«, er entwarf Reklame für Pelikan-Tinte, -Kohlepapier und -Siegellack. Immer mehr experimentierte er mit der Fotografie, nachdem ihm Sophie die alte Kamera ihres Vaters geschenkt hatte, ein wahres Ungetüm mit Holzkassetten. Hier entstand sein berühmtes Selbstporträt »Der Konstrukteur«, das in die Geschichte der modernen Fotografie einging – in den Kopf montierte er seine Hand mit einem Zirkel. Er übersetzte Malewitschs Traktat über Lenin, den er verehrte, und ein Buch von Malewitsch über den Suprematismus ins Deutsche. Mit Mies van der Rohe bereitete er die Zeitschrift »G« vor. Er entwarf sein kühnes Projekt »Wolkenbügel«, ein Hochhaus auf drei »Beinen«, geplant als Bürobau in Moskau – und er schickte lustige Briefzeichnungen an Kurt und Hans. So skizzierte er sich selbst, flach im Bett liegend, mit einem Riesen-Samowar samt Gesicht, das den Betrachter anlacht, auf dem Bauch. Dazu schrieb er: »So, lieber Hani, sieht der Lissi mit dem Samowari aus.«

El Lissitzky, »Pelikan-Tinte«, Fotogramm, Russisches Staatsarchiv für Literatur und Kunst, Moskau
Sein holländischer Architekten-Kollege Mart Stam, der den Kranken im Tessin besuchte, schrieb über ihn: »Lissitzky war ein Mensch voller Begeisterung, übersprudelnd von Ideen. Es ging ihm in allem darum, mit zu helfen, zum Wohle einer kommenden Generation eine inhaltsreichere Umwelt zu schaffen.«
Lissitzkys Briefe an Sophie wechselten zwischen Larmoyanz, Begeisterung für ein neues Projekt, Verzweiflung, Sehnsucht und Ungeduld. Dann wieder entschuldigte er sich dafür, dass er sie so quäle mit seinen Wünschen, Bitten und Aufträgen. Ein selbstlos Liebender war er gewiss nicht, das Ich des Künstlers stand immer im Vordergrund. Doch in Sophie hatte er seine Ergänzung gefunden: voller Bewunderung für das Genie, voller Enthusiasmus für seine Pläne, voller Mitleid mit dem Kranken, voller Liebe für den Gefährten war sie dennoch stark genug, ihre eigenen Interessen zu verfolgen, weiter im Gespräch mit Künstlern zu bleiben und mit ihnen Ausstellungen zu organisieren.
In Orselina, einem kleinen Tessiner Bergdorf hoch über Locarno und dem Lago Maggiore, hatte Lissitzky in der Villa della Planta ein billiges Pensionszimmer und freundliche Wirtsleute gefunden, die sich um ihn kümmerten. »Das ist eine einfache Pension«, schrieb er an Sophie, »jetzt sind hier nur Schweizer. Sehr gemütlich und liebe Wirtsleute. Ich habe ein schönes Zimmer mit Balkon nach Süden. Und dann ist noch ein Häuschen im Garten, das man mir als Atelier zur Verfügung stellt.«
Zum Nichtstun verurteilt, verbrachte er oft Stunden auf dem Balkon in der frischen Luft. Die Strahlen der Märzsonne wärmten bereits. Und während die blühenden Magnolien ihren Duft zu ihm herüberwehten, blickte er auf das sonnenglitzernde weiße Alpenpanorama über dem See. Doch die Schönheiten der Natur nahm dieser unruhige Geist kaum wahr. Er registrierte lediglich, dass der Lago Maggiore nicht so blau war wie auf den Postkarten. Und beklagte sich darüber, dass die Post so lange dauerte. Auf die Briefbogen malte er lustige Zeichnungen für Kurt und Hans und zwei ineinander verschlungene Hände, die eines Mannes und einer Frau, für Sophie.
Wenn Sophie dem Kranken vorsichtig ihre finanzielle Notlage und den allgemeinen Niedergang des Kunsthandels schilderte, versuchte er sie zu trösten: »Der Frühling und Sommer sind in Sicht, und alle brauchen ihr Geld für Italien. Was mich anbelangt, sei ruhig, ich mache mir keine Geldsorgen. Ich habe immer nur dann über Geld nachgedacht, wenn in der Tasche nur Wind geblieben ist«, schrieb er ihr.
Mit solchem »Trost« konnte die bodenständige Sophie nur wenig anfangen. Doch trotz ihrer Sorgen musste sie über die kindliche Naivität ihres Gefährten lächeln.
Die Nachrichten über den Verlauf seiner Krankheit beunruhigten Sophie. Eine neue Fieberattacke quälte Lissitzky. Er schrieb an die Geliebte: »Alle Gelenke zerbrochen, Kopf brennt, Lunge sticht, Fieber um 39°. Der Arzt kam. Es hatte sich Wasser gebildet, aber er meinte, dass das häufig so sei bei einem Pneumothorax. Er will mich unbedingt in ein Sanatorium einweisen.«
Sophie bemühte sich um ein Visum für die Schweiz, was ohne die Hinterlegung einer größeren Bürgschaft völlig ausgeschlossen war. Wieder halfen die Freunde mit Geld – und Sanitätsrat Catzenstein stellte ihr eine Bescheinigung aus, dass sie der einzige nahe stehende Mensch sei, der ihn jetzt, da Lebensgefahr bestand, unterstützen könne.
Sie fand ihren Lissi, in Wolldecken gehüllt, auf dem Balkon seiner Pension liegend. Er war sehr geschwächt und hatte noch immer Fieber. Ein rosa Azaleenbäumchen hob sich frühlingshaft vom grünlich schimmernden See und den weißen Bergen dahinter ab. Es duftete nach Mimosen. Die Blätter der hohen Palmen, die hier in diesem südlichen Klima gedeihen, raschelten wie Papier im Wind. Die Glocken der kleinen Dorfkirche schickten melodische Töne herüber. Es hätte ein Paradies sein können – wenn dieser arme Mensch nicht so krank gewesen wäre. Doch Sophies Liebe und Fürsorge wirkten Wunder. Nach einer Woche konnte Lissitzky wieder aufstehen. Seine alte Energie kehrte zurück, er freute sich, dass sie mit den Kindern den ganzen Sommer über kommen wollte. Nachbarn boten ihnen ein Häuschen in dem Nordtessiner Bergdorf Ambri-Sotto an, das sie in den Sommermonaten gegen eine geringe Miete bewohnen konnten. Beglückt registrierte Sophie die Fortschritte, die der Kranke machte: »Sein Schritt bekam wieder die alte Elastizität, er trat mit den Hacken zuerst auf, entschieden, bestimmt, schnell und leicht. Nur das Wasser, das sich in seiner Brust angesammelt hatte, gluckerte bei jedem Schritt.« Einigermaßen beruhigt ließ sie ihren kranken Freund in zuversichtlicher Stimmung und mit neuen Kräften zurück.
Harmonische Sommerwochen in Ambri-Sotto, die in einen leuchtenden Herbst übergingen. Sophie kam mit ihren Jungen, ihrer treuen Hausgehilfin Emma und einem Berg von Koffern angereist. Sie machten es sich in dem einfachen, aus Granitsteinen erbauten Bauernhaus gemütlich, das so recht nach dem Geschmack Lissitzkys war, und das er »unser Schloss« nannte. Mit einer großen Feuerstelle in der Küche erinnerte es ihn ein wenig an die Datschen seiner russischen Heimat. Im Keller hatte er ein Fässchen mit Tessiner Rotwein gelagert. Es sollte ihnen gut gehen.
Das Künstler-Ehepaar Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp kam zu Besuch. Arp und Lissitzky arbeiteten an einer gemeinsamen Publikation: Das Buch, »Die Kunstismen« genannt, sollte eine Art Führer durch die Strömungen, die »Ismen« der Moderne, von der Malerei bis zum Film, werden. Die beiden Männer diskutierten heftig und kontrovers. Trotz dieser Spannungen wurde das Buch später sehr erfolgreich.
Um die Gemüter zu beruhigen und für Ablenkung zu sorgen, wanderte Sophie mit den Arps über die Berge ins romantische Valle Maggia. Mühsam ging es hoch über gewundene Wege, über Stufen aus unbehauenen Granitsteinen, vorbei an Gebirgsbächen, die sich eilig ins Tal hinunterstürzten. Nach einer Rast in einem der weinumrankten Tessiner Grotti, wo sie zum ersten Mal die in einem riesigen Kupferkessel über dem offenen Feuer gerührte Polenta aßen, mussten die müden Wanderer wohl oder übel den steilen Abstieg zwischen uralten Kastanienbäumen in Kauf nehmen. Eidechsen huschten durch das braune Laub des Vorjahrs, so dass es überall geheimnisvoll raschelte. Die winzigen Quarzkristalle in den Steinen funkelten wie Gold in der Sonne. Manchmal traten sie auf die stacheligen Hüllen der Kastanien. Sie platzten und gaben ihre glänzenden Früchte frei, die dann später in ihrem Ferienhäuschen, über dem Feuer geröstet, allen köstlich schmeckten. Natürlich stand auch ein Besuch in der Künstlerkolonie auf dem Monte Verità über Ascona auf ihrem Programm, wo sie, wie Sophie notierte, die »absonderlichen Heiligen« beobachteten. Danach kehrten sie wieder in die kühlere Luft des Gotthards und zu dem kranken Lissitzky zurück.
Auch Mart Stam kam mit seiner Frau Leni in die Sommerfrische. »Eines Tages, als die Arps gerade abgereist waren, erschien ein baumlanger junger Mann, auf dessen Schultern ein winziges Frauchen saß. Das war Mart Stam mit seiner Gattin«, amüsierte sich Sophie über das ungleiche, aber glückliche Paar. Lissitzky hatte den jungen progressiven Architekten in Holland kennen gelernt. Die beiden freundeten sich an. Ein komischer Kontrast – Stam war fast doppelt so groß wie Lissitzky. 1926 waren Sophie und El Lissitzky bei dem Ehepaar in Rotterdam zu Gast, 1930 fuhr Mart Stam in die Sowjetunion, um zusammen mit einer Gruppe deutscher Architekten am Aufbau des neuen sozialistischen Staates mitzuarbeiten.
Auch Kurt Schwitters kam eines Tages zu einem kurzen Besuch in die Südschweizer Berge geschneit und widmete später dem kranken Freund eine seiner schnurrigen Geschichten:
»Zu jener Zeit arbeitete im Ambri-Sotto, am Südabhang des heiligen St. Gotthard, ein Mann namens Lissitzky aus Witebsk bei Moskau. Schon als Kind hatte er in seinem Wesen viel Transzendentales gehabt, indem er nur die andere Seite der Welt liebte, die metaphysische oder merfüsische. Dieser Lissitzky arbeitete an der Erfindung des Proun, das heißt, er wollte ein Fahrzeug bauen zur Überwindung des unendlichen Raumes, um neue, vorher nicht geahnte Natur zu entdecken.
Und bei Lissitzky arbeitete ein Elsässer aus jener Gegend, wo sich Deutsche und Franzosen seit Jahrhunderten Gute Nacht sagen, genannt Hans Arp, ein Wissbegehrer und leidenschaftlicher Verehrer von allem Transzendentalen, und daher auch von Lissitzkys Prounen. Dieser Hans Arp konnte nicht nur im Kaffeesatz der Sterne lesen, er las sogar im Sande und las überall und las in den Prounen von Lissitzky, dass ein Bergrutsch von außergewöhnlicher Größe sich am 26. Juli 1926 bei Ambri-Sotto ereignen würde. 24 Stunden vorher hatte Arp an alle Journalisten der Welt telegraphiert und sie von dem Bergrutsch unterrichtet, der in 24 Stunden stattzufinden die hohe Ehre haben würde. Und tatsächlich hatte er die hohe Ehre. Und zwar genau nach 24 Stunden und zwar genau an der von Arp vorher bezeichneten Stelle und war von außergewöhnlicher Größe. Der Eindruck in der Welt war ganz ungeheuer. Man wusste nicht, ob man mehr über die Proune staunen sollte, in denen so etwas zu lesen stand, oder über den begabten Wissbegehrer, der es lesen konnte …«
Die ganze absurde Geschichte, die Sophie und Lissitzky sehr amüsierte, ist in Schwitters’ Buch »Anna Blume« nachzulesen.
Im Herbst 1924 kehrte Sophie mit ihren Jungen nach Hannover zurück, Lissitzky fuhr wieder nach Locarno, um unter der Aufsicht seines Arztes die Kur fortzusetzen.
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