Kitabı oku: «Tanz der Lemminge»

Yazı tipi:

Ingeborg Schober

TANZ DER LEMMINGE

AMON DÜÜL

und die Anfänge deutscher Rockmusik in der Protestbewegung der 60er- und 70er-Jahre

– FUEGO –

– Über dieses Buch –

»Tanz der Lemminge« erzählt, wie es rebellisch begann und in Anpassung an Industrie und Marktgesetze endete. »Tanz der Lemminge« erzählt von den ersten Lightshows und Auslandsreisen, den ersten Festivals, Plattenverträgen und Deutschrock-Labels. Amon Düül waren über Jahre immer eine der wichtigsten und stilprägendsten deutschen Gruppen, und mit ihrer Geschichte erzählt Ingeborg Schober zugleich ein wichtiges Stück deutscher Rockmusikgeschichte. In Interviews und Gesprächen werden Versäumnisse und Schwierigkeiten deutlich, Rockmusik in Deutschland zu machen, zu verkaufen und davon zu leben.

»Wenn Amon Düül begriffen hätten, was sie eigentlich konnten, nämlich diese Form von teutonischer Rockmusik mit ungeheurem Pathos, die sie eigentümlicherweise mit der Psychedelic-Musik zusammenbrachten, hätten sie es schaffen können. Aber die Düüls waren halt ein ausgeflippter Haufen. Dabei wären sie geradezu prädestiniert gewesen, das Deutschlandbild im Ausland zu verkörpern: Vergangenheit, Kant, Wagner, germanische Roots, tiefe Denker und 30er Jahre Berlin.«

Was Bern Brummbär in einem Gespräch bilanzierte, hatte 1967 mit Hoffnung und Aufbegehren begonnen. Aus der Drogenmusik der Grateful Dead und Jefferson Airplane und der Rebellion der Studenten in Berlin, Prag und Paris machten Amon Düül eine Musik, die neu und einzigartig war. Wie sonst nie wieder in der deutschen Rockmusik verschmolzen hier Lebensgefühl, politische Ziele und elektrisch verstärkte Musik. Was in der Münchner Szene Ende der 60er-Jahre begann, war die eigentliche Geburt einer eigenständigen und selbstbewussten deutschen Rockmusik.

VORWORT

Als dieses Buch 1979 erschien, richteten musikalische Drei-Akkord-Wunder ihre Sex Pistols und No-Future-Parolen gegen die eingeschlafene, satt und bequem gewordene, bieder-langweilige Musikszene. Generationsablöse und unversöhnliche Konfrontation zwischen zerschlissenem Love and Peace und aggressivem Hate and War. Trotz eines gleichzeitig leisen (und leicht verkaterten) 60er-Revival inklusive nostalgischer Rückblicke und Zehn-Jahres-Jubiläen nicht gerade der günstigste Zeitpunkt, ein Buch über die chaotisch-bonbonbunte Flower-Power-Zeit, Underground, Protest und Happening, Anti-Establishment, politische (bereits gescheiterte) Utopien und die Anfänge einer eigenständigen deutschen Rockmusik zu veröffentlichen. Schließlich sangen hierzulande die Fehlfarben 1980: »Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran«, aber auch »die Schatten der Vergangenheit: wo ich hingeh, sind sie nicht weit ... die Gegenwart ist auch nicht berauschend ... ich weiß immer noch nicht, wer ich bin.« Vielleicht haben sich deshalb erstaunlich viele in diesem Buch wiedererkannt. Und das hörte auch nicht auf, als sich das Karussell der neuen Moden und Trends immer schneller drehte und sich die musikalische Raubritter-Jugend hemmungslos der »verpönten« 60er- und 70er-Kultur bemächtigte. Entsprechend häuften sich Anfragen nach dem »sagenhaften Kultbuch«, und die Interessenten wurden immer jünger. Auf manchem Flohmarkt sollen vergilbte Exemplare des kleinen Taschenbuches für bis zu 75 Euro gehandelt worden sein.

Grund genug, Tanz der Lemminge neu aufzulegen. Aber nicht der Einzige. Ein anderer ist das generell gestörte Verhältnis zur Vergangenheit und Geschichte hierzulande — vielleicht deshalb, weil Vergangenheit bei uns (schon wieder) automatisch mit Vergangenheitsbewältigung gleichgesetzt wird. Offensichtlich haben wir dadurch auch die Fähigkeit zur kulturellen Kontinuität verloren. Wir kappen alle naselang unsere Vergangenheit und damit auch die Wurzeln unserer (Sub-)Kultur. Nur so kann ich mir erklären, dass man meiner — also der sogenannten »68er« — Generation weder ihre Irrtümer (= Jugendsünden) verzeiht, noch, dass auch sie älter wurde — und dabei nicht unbedingt klüger. Aber es war nun mal eine so intensive und innovative Zeit, dass ich persönlich manchmal das Gefühl habe, dass ich (und vielleicht viele andere auch) mein restliches Leben brauche, um mich davon zu erholen — auch von den Enttäuschungen, dem eigenen Versagen.

Derzeit schlägt also der Zeitgeist-Pegel plötzlich wieder retour und die Spät-60er und Früh-70er boomen mit Schlaghosen, Plateausohlen, Fransenjacken, Häkelhemdchen, Batikdruck, Lightshows, Trance-Dances, Sitzlandschaften, Exotika, Post-Psychedelic-Videos und anderem Firlefanz, San-Francisco-Underground-Raritäten werden auf CDs neu veröffentlicht, 60er-Dinos wie die Doors, Jimi Hendrix, die Mothers Of Invention, Cream oder Grateful Dead sind wieder »in«. Und Amon Düül II treten wieder live auf — auf Festivals. Ach ja, Festivals. Diesen Sommer wurden sie pressemäßig ausschließlich mit Woodstock verglichen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Zumal dieses Revival wohl eher nur aus oberflächlicher, retrospektiver Verpackung besteht. Dabei verblassen die wichtigen Ereignisse und Namen, vor allem aber werden die Zusammenhänge verfälscht. Schließlich kann man sich heute jedes beliebige Image kaufen — vom Freizeit-Hippie mit Peace-Zeichen und Psychedelic-Brevier bis zum Wochenend-Hell's-Angel samt Harley Davidson und Cowboy-Klub-Mitgliedschaft. Doch der Bewusstseinszustand, die öffentliche Meinung und die sozial-politische Lage ist fast schon wieder beim miefig-muffigen Kleinbürgergeist der 50er-Jahre gelandet — siehe Paragraf 218, siehe Sicherheitsdenken, siehe ausschließlich ökonomisch orientiertes Denken. Selbst dem bunten Zeitgeist fehlt es am Spielerischen, Bunten, Experimentellen. Wie singt der alterslose und distinguierte Rock-Lyriker Leonard Cohen mit überzeugender Vehemenz so richtig: »Things are going to slide in all directions, won’t be nothing, nothing, you can measure anymore ...« Zeit, sich dieser Dekade endlich frei von Medien-Mythen, Zeitzeugen-Legenden und nostalgisch-romantischem Veteranengeschwätz zu nähern.

Folglich braucht dieses Buch keine Verjüngungskur, es ist mit der Zeit gewachsen und wichtiger geworden. Damit waren alle Überlegungen und Diskussionen vom Tisch, ob ich es auf den neuesten Stand der Dinge bringen sollte, also bis zum heutigen Tag zu aktualisieren, vor allem, was die Band-Geschichte der Amon Düül anbelangt. Das Amon Düül-Buch war vor fünfzehn Jahren ein naiver Versuch, die Zeit festzuhalten. Und er ist merkwürdigerweise gelungen. Diese Naivität lässt sich nachträglich nicht mehr herstellen. Schon deshalb ist dieses Buch für mich persönlich sehr wichtig. Alles, was ich heute über die Düüls und die Zeit und mich schreiben würde, würde viel zu abstrakt ausfallen.

Wir haben uns also für einen Reprint entschlossen, um das Zeitdokument — mit einigen Veränderungen — so zu belassen, dass es für sich selbst spricht. Und zwar mit allen widersprüchlichen Daten, Fakten und Aussagen, weil jede neue Interpretation von einer anderen Seite nur meine damalige Erkenntnis, dass einige Legenden immer weiter bestehen werden bestätigt: »Selbst mir ist es trotz jahrelangem Kontakt zu den Musikern nicht gelungen, all die Unstimmigkeiten zu entwirren.« Doch Tanz der Lemminge hat einen neuen Untertitel, weil ich schon damals mit »Amon Düül — eine Musikkommune in der Protestbewegung der 60er-Jahre« nicht einverstanden war. Schlichtweg deshalb, weil er nicht stimmte. Das Buch beginnt 1967 und endet 1978. Vieles, was angeblich die 60er-Jahre prägte, begann oder geschah eigentlich erst in den 70ern. Noch so ein historisch inzwischen festgemachter Irrtum. Außerdem mussten wir etliche Songtexte aus rechtlichen Gründen kippen oder verkürzen. Aktualisiert habe ich im »Epilog« die heutigen Berufe der wichtigsten Hauptdarsteller und selbstverständlich die Diskografie. Gekürzt habe ich die Aussagen diverser öffentlicher Personen aus der deutschen Musikszene in »Die Zukunft ist heute.« Im »Epilog« erfährt der Leser, wie dieses Buch damals zustande gekommen ist und kann sich danach vorstellen, welche Probleme eine Aktualisierung aufgeworfen hätte.

Was nach den 70er-Jahren passierte, und damit meine ich nicht nur Amon Düül, sondern die neuere (musikalische) Geschichte Deutschlands, lege ich den jungen Schreibern ans Herz, falls sie für so was noch Muße, Zeit und Interesse haben. Weil Stillstand Rückschritt ist, wie Farin Urlaub von den Ärzten meint. Weil der Tanz der Lemminge in der Jugendszene nie aufhört — und eine/r ihn immer begleiten sollte. Weil es immer wieder Musiker gibt, die das Lebensgefühl ihrer Generation auf einen Nenner bringen, wie Element Of Crime 1993 mit »Immer unter Strom«:

»Wer sich bewegt, ist nicht zu fassen, ...

Wo wir war'n, war immer alles fade

wo wir hinfahr'n wird es wunderbar ...

Immer unter Strom

Immer unterwegs und niemals zu spät.«

Was hoffentlich auch auf dieses Buch zutrifft.

Ingeborg Schober

München, im November 1993

For what it’s worth?

»There’s something happening here

what it is ain't exactly clear

there’s a man with a gun over there

tellin me I’ve got to be aware

I think it’s time we stop ...

There’s battlelines being drawn

nobody’s right if everybody’s wrong

young people speakin their minds

getting so much resistance from behind

I think it’s time we stop …

What a field day for the heat

a thousand people in the street

singing songs and a-carring signs

mostly say hooray for our side

it’s time we stop …

Paranoia strikes deep

into your life it will creep

it starts when you are always afraid

step out of line

the men will come and take you away

you better stop …«

Stephen Stills, 1967

In diesem Lied beschrieb Stephen Stills mit seiner Band Buffalo Springfield eine Straßenschlacht zwischen Hippies, der Polizei und den Bürgern in Hollywood 1967. Das Lied wurde zur Demonstrations-Hymne der Hippies, die noch an eine Veränderung der Welt durch Liebe glaubten. »Make love not war«. Für sie war Revolution noch ein Spiel, an dem jeder teilhaben konnte. Spiel und Spaß war es anfangs auch für die Studenten, nicht nur in Kalifornien. Als Jerry Rubin 1970 in seinem Buch Do It! die Leute aufforderte: »Jeder schreibe seinen eigenen Slogan, jeder protestiere gegen das, was ihn persönlich stört«, war das nur noch ein Fazit dessen, was längst passiert war — persönliche Anarchie bis zur Selbstzerstörung.

KAPITEL 1

Aufforderung zum Tanz

Dieses Buch beginnt in München, wo es auch endet. Es berichtet von Musikern, Lebenskünstlern, Genossen, Freunden (und auch mir), die viel gewinnen wollten und dadurch manches verloren haben. Der Einsatz war entsprechend hoch, das Leben meist gefährlicher, als wir wahrhaben wollten.

Wir schreiben das Jahr 1967, die Beatles und fünf Jahre Popmusik, Protestmärsche der Atomwaffengegner und Antivietnamdemonstranten und die Gründung der APO liegen schon hinter uns, als Europas Jugend Kenntnis vom »Sommer der Liebe«, 1966, an der Westküste Amerikas erhält. »If you go to San Francisco, wear some flowers in your hair.« Die Botschaft wurde schnell zum Werbeslogan, um Ketten, Glöckchen, Ringe, Räucherstäbchen und indischen Firlefanz zu verkaufen. Wir empfanden uns als Teil der internationalen Studenten-, Jugend- und Musikbewegung, suchten aber gleichzeitig nach einem eigenen Sprachrohr. Überall saßen die Leute in den Startlöchern, warteten auf das entscheidende Signal. Es herrschte nur die trügerische Ruhe vor dem Sturm.

Nach Vorbild des Films nannte sich in München die Viva-Maria-Gruppe um Kunzelmann, Langhans, Teufel und Dutschke. Sie war Keimzelle der Kommune I, am 1. Januar 1967 in Berlin gegründet.

In San Francisco fanden sich 20.000 Gleichgesinnte zum ersten Free Concert »Gathering of the Trips« im Golden Gate Park zusammen. Schwere Studentenunruhen erlebte nicht nur Barcelona. Schwere Zusammenstöße zwischen Polizei und Hippies führten bei einem Peace-In in Los Angeles zu zahlreichen Verletzten, und Flugblätter mit der Frage »Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?«, die nach dem Kaufhausbrand im Brüsseler A L'Innovation in Berlin auftauchten, lösten nationale Empörung aus. Günter Grass trug bei einem Protestmarsch gegen die polizeiliche Stürmung des Berliner SDS-Büros ein Plakat »Tausche Grundgesetz gegen die Bibel!« Und in München demonstrierten Studenten gegen die geplanten Tariferhöhungen der öffentlichen Verkehrsmittel. Beim Berliner Ostermarsch kam es erstmals zu Ausschreitungen gegen das Springer-Haus, kurz darauf wurden elf Kommunarden nach einem »Puddingattentat« auf US-Vizepräsident Hubert Humphrey verhaftet. So standen die Dinge, als am 2. Juni ein Ereignis die Idee von der friedlichen Veränderung der Welt, einer Politisierung mit Spaß und Happening, infrage stellte. Der Student Benno Ohnesorg war während einer Demonstration gegen den Schah von Persien das Opfer einer Polizeikugel geworden. Für viele war das die Initialzündung, manch einer hat seinen Glauben an die demokratische Bundesrepublik verloren, für viele wurde er zumindest angeknackst, andere, bis dahin eher gleichgültig, abwartend und distanziert, wurden durch diesen Schock emotional politisiert.

Für die späteren Mitglieder der Amon Düül und viele, die in diesem Buch vorkommen, begann der Tanz der Lemminge erst jetzt.

Die Medien erwachen

Als Buchhändlerlehrling im Szczesny-Verlag, München, lernte ich die Autoren Bertrand Russell, A. S. Neill, die Autoren der Club Voltaire-Reihe und ihre Bücher kennen, war als Mitglied der Humanistischen Union dementsprechend human-liberal orientiert. Mit 180 DM Lehrlingsgehalt wohnte ich in einem Jugendheim der Arbeiterwohlfahrt Rädda Barnen, kurz Schwedenheim genannt, in einem 1 ½ mal 2 Meter großen Zimmer bei 189 DM Miete. Die meisten der ca. 200 Heimbewohner waren, wie ich, Wohlfahrtsfälle in einem Wirtschaftswunderland. Wir fühlten uns von der Wohlstandsgesellschaft betrogen, und das verband uns – Lehrlinge, Schüler und Studenten. Und dann war da noch die Popmusik!

Auch wenn wir die Texte der Rolling Stones, Beatles, der Animals und Kinks nicht richtig verstanden, wir wussten, um was es ging. Es ging um uns, um unsere Probleme. Es war unsere Sprache, unsere Musik. Da begannen meine intellektuellen Freunde gerade diese Musik für sich zu entdecken. Dabei geholfen hat ihnen sicher der rührige und wohlinformierte Uwe Nettelbeck — freier Journalist, Autor und Produzent der Gruppe Faust — mit seinen Textinterpretationen und Musikanalysen, mit denen er nicht nur die Musik der Beatles auf das Niveau der »Neuen Modernen« hob. So war in Aspekte im November folgendes in einem Artikel über »Pot Music« zu lesen: »Dann kam Revolver. In ›Tomorrow Never Knows‹, dem letzten Titel des Albums, zitierten John Lennon und Paul McCartney eine Zeile aus The Psychedelic Experience, einer Art Michelin für LSD-Trips, den die Havard-Drop-outs Timothy Leary, Ralph Metzner und Richard Alpert im August 1964 in New York veröffentlicht hatten: ›Turn off your mind, relax and float downstream ...‹ Das war das Signal.«

Die bis dato als trivial und proletarisch verpönte Popmusik wurde in einem elitären Kreis schick und gesellschaftsfähig. Auch die konservativen Medien stellten sich allmählich auf die neuen Bedürfnisse ein. Am 5. Juni 1967 startete der Bayerische Rundfunk nach etlichen Vorlaufsendungen die erste Jugendmusiksendung, den täglichen Club 16. Georg Kostya, Discjockey der ersten Stunde, erinnert sich:

»Mit ›Espresso um Vier‹ hat es im April ’65 begonnen. Da gab’s noch gar nichts, weder eine Musiksendung, noch Plattenbesprechungen. Gespielt wurden in jeder Sendung natürlich die Beatles, dann Musik von Elvis Presley, Tom Jones, Sandie Shaw, Petula Clark, Bill Haley, den Rolling Stones, Searchers und dazwischen Dean Martin. Man kann sehen, dass es so beatig nicht gewesen ist, da war’s noch sehr, sehr schütter. Wir haben uns am AFN orientiert, alles sehr schnell, mit viel Dampf und Gags. Da alles noch vom Band gespielt wurde, mussten wir manchmal wochenlang warten, bis eine Platte auf Band umgeschnitten war und gespielt werden konnte. Dann kam im Jahr 1966 der Industrieboykott, wo sich der BR weigerte, mehr an die Plattenfirmen zu bezahlen. In der Zeit fuhren wir platten-los, holten deutsche und englische Bands ins Studio, veranstalteten einen Beatwettbewerb für bayerische Bands, den die Improved Sound Limited, heute Condor, gewannen.

Als dann auch noch der österreichische Rocksender Ö3 angekündigt wurde, war’s klar. So konnte es nicht weitergehen. Entweder man verliert die Hörer oder man macht selbst etwas. Der damalige Leiter des Jugendfunks, Reinhard W. Schmidt, fuhr mit seinem Redakteur Rüdiger Stolze zu Radio Luxemburg, um darüber eine kritische Sendung zu machen. Aber sie waren von der Lebendigkeit und Spontaneität, die dort herrschte, so beeindruckt, dass es eine positive Sendung wurde. Daraufhin wurde für den BR die erste Discjockey-Anlage konzipiert. Die erste Sendung lief am Montag, wo Werner Götze nur Sergeant Pepper spielte.«

Auch ich hörte Club 16 — der 1978 in die Nachfolgesendung Zündfunk-Club integriert wurde —, ohne zu ahnen, dass ich sieben Jahre später selbst dort als Discjockey hinterm Mikrofon sitzen würde, mehr aber noch Radio Luxemburg, denn an die neuesten Informationen und Platten war schwer ranzukommen. Zwar hatte ein gewisser Rainer Blome Anfang des Jahres eine neue Musikzeitschrift gestartet, Sounds, aber davon wußte ich nichts. Die deutsche Musikjournaille beschränkte sich nach wie vor auf Bravo. Am ehesten fand man noch in Konkret seine eigene Stimmung widergespiegelt. »Swinging London«, was steckte wirklich dahinter? Ich wollte es genau wissen, an Ort und Stelle erleben. Dazu fehlte erst mal das Geld. Durch meinen Bruder, freier Mitarbeiter der Zeitschrift Filmkritik, erfuhr ich von einem Drehbuchwettbewerb des Literarischen Kolloquiums, Berlin. Ich reichte ein Exposé für einen Kurzfilm ein und wurde Anfang Juli überraschend zu einem Arbeitsgespräch nach Berlin eingeladen.

In der vornehmen Villa am Wannsee lernte ich Uwe Brandner, Roland Klick und George Moorse kennen, fühlte mich aber unter den literarisch-cineastisch Älteren als Außenseiter. Dafür erlebte ich in Berlin die fieberhafte Aktivität der Jungen, die ganz anders als in München zwischen Pop und Politik eine eigene Lebensweise ausprobierten.

Etwa zur gleichen Zeit feierten die Popmusik-Fans ihr erstes großes Festival, das Monterey International Pop Festival, bei dem u. a. Janis Joplin & The Big Brother, Jefferson Airplane, Steve Miller Band, Country Joe & The Fish, Quicksilver Messenger Service, Jimi Hendrix, The Who, Mamas & Papas, Otis Redding, The Butterfield Blues Band und The Electric Flag auftraten.

In New York hatten sich 4.000 Provos im Tomkins Square Park zu einem Smoke-In getroffen und vor den Augen der Polizei drei Kilo Marihuana verraucht, die Beatles hatten in einer weltweiten Live-Fernsehübertragung »All You Need Is Love« gesungen, von den Doors erschien die erste Single »Light My Fire«.

Begeistert kam ich zurück, mit einem Stipendium in der Tasche, um das Drehbuch zu schreiben.

Dies Geld sollte das Grundkapital für alles werden, was ich ab da machte. Die erste Schreibmaschine wurde davon finanziert und versetzte mich in einen Schreibrausch, durch den ich mich immer mehr von der lethargischen Heimgemeinschaft absonderte. Und mit dem Rest kaufte ich ein Flugticket nach London, das mir ein befreundeter Jurastudent über Studenten-Reisen billig besorgte. Er war es auch, der mir das minimal nötige Reisegeld lieh. Und auf seinen Namen flog ich am 14. August in einer Chartermaschine nach London. Es war der Start in ein neues, turbulentes, unbekanntes Leben.

London - es muss noch viel bunter werden!

London war wie eine 3-D-Vision all meiner Träume. Es war eine permanente Sinnesreizung ohne Drogen; der Film, die Lightshow, die Musik, die Aktion, alles auf den Straßen zu finden. Gleich bei meiner Ankunft geriet ich auf dem Weg in die Innenstadt in eine pittoreske Demonstration. Tausende von Jugendlichen gingen singend gegen die Einstellung des Piratensenders Radio Caroline auf die Straße. Musik, Hippies, Blumen. Deutschland war grau und weit weg. Es musste viel bunter werden! Was ich an Platten nicht kaufen konnte, lernte ich in den Läden auswendig. Ich hing in Folk-Clubs herum, stöberte Headshops mit exotischem Krimskrams durch, sah Privilege mit Popsänger Paul Jones in der Hauptrolle. In meinem Tagebuch notierte ich: »Man wird sogar als Hippie höflich bedient«. Als solcher fühlte ich mich nach vierzehn stimulierenden Tagen. Ich war von der oberflächlichen, entspannten Toleranz der Stadt hingerissen. In den Zeitungen las ich Berichte über den Besuch des Maharishi und dass die Beatles zu einer Schulung nach Bangor, Nord-Wales, gefahren waren. Dass sie nun LSD und andere Drogen aufgegeben hätten und George Harrison Sitar lernte. Das klang so abenteuerlich, wie es war. Bald sollte ich merken, wie schnell sich unser Leben verändern würde, wie bald uns das Abenteuerliche normal erscheinen sollte. Am 27. August flog ich zurück nach München, nicht nur äußerlich ausstaffiert als Flower-Power-Kind, sondern auch innerlich vorbereitet, mit indischem Flatterhemd und kurioser LSD-Brille, mit Räucherstäbchen, Musik- und Untergrund-Magazinen wie OZ und IT, mit den neuesten Platten unterm Arm: die erste Pink Floyd-LP The Pipers at the Gates of Dawn», Freak Out von den Mothers of Invention, Flowers in the Rain von The Move. An diesem Tag starb der Beatles-Manager Brian Epstein. In der Zeit erschien ein Nettelbeck-Nachruf und die vierteilige Serie »Die Kinder von Sergeant Pepper und Mary Jane – Bericht einer Reise nach London«.

Um dieselbe Zeit muss es gewesen sein, dass die Gebrüder Peter – »Leo« – und Uli Leopold ein kleines Appartement in der Münchner Klopstockstraße bezogen, das schnell zum Treffpunkt und Wohnort von ehemaligen Schul- und Internatsfreunden wurde. Peter, am 15. August 1945, und Uli, am 18. September 1948 in Bückeburg als Söhne einer wohlsituierten Akademikerfamilie geboren, besuchten das Internat Lauingen, später dann Marktoberdorf, wo auch Falk Rogner und Chris Karrer die Schulbank drückten. Als Peter Leopold mit einer Fünf in Musik aus Marktoberdorf rausfliegt, kommt er auf eine Privatschule nach Nürnberg.

Dort trifft er einen weiteren Amon-Düül-Anwärter, Christian »Shrat« Thiele, am 29. März 1946 in Unterpolling als Sohn eines Fabrikbesitzers geboren. »In dieser Privatschule in Nürnberg, da saß ich ganz vorn, der Peter ganz hinten. Aus irgendeinem Grund guckte der mich immer so an und ich guckte zurück. Wir hatten damals einen von diesen transportablen Plattenspielern. Mit dem lagen wir immer auf dem Aufmarschgelände von Nürnberg und hörten den ganzen Tag Avantgarde-Jazz. Oder gingen mit ganz großen Taschen durch die Plattenläden von Nürnberg. Da war noch ein Typ dabei, der ist heute Assistent des Bundespressechefs in Bonn. Das letzte Jahr vor dem Abi kam ich dann in eine staatliche Schule nach Taufkirchen, der Peter musste nach Straubing. Und am Wochenende trafen wir uns immer alle in der Klopstockstraße«. Chris und Falk besuchten zu jener Zeit bereits die Klasse für Malerei von Waki Zöllner an der Münchner Kunstakademie.

Chris Karrer, am 20. Januar 1947 in Kempten als Sohn eines Karosseriebaumeisters geboren, hatte soeben die Bundeswehrmusterung hinter sich gebracht: »Da hab ich erst mal einen Trip eingeschmissen, mich dort total ausgezogen und Liegestützen gemacht. Da meinte der Typ, ›ziehen Sie sich doch erst mal wieder an, Sie sind eh farbenblind‹. Und dabei wollte ich doch Zeichenlehrer werden!

In München wurde grade das Jazzlokal Domicile eröffnet. Ich war zuvor schon immer im Tabarin bei Sessions eingestiegen und dachte, im Domicile ginge das auch. Da hab ich mein Saxophon eingepackt und bin hin, stellte mich zu Don Menza und Joe Haider, doch plötzlich hieß es: ›Hau ab!‹ Später bekam ich dann Lokalverbot.« Im Domicile lernte Chris den Jazzmusiker Olaf Kübler, später Produzent und Manager von Amon Düül II, kennen. »Den hab ich unheimlich bewundert. Ich dachte mir, das ist ein Gipfel, auf den ich nie hochkomme. Und ich hab damals wirklich geübt. Bin in der Eiskälte in meiner Ente an der Isar gehockt und hab mit klammen Fingern John Coltrane geübt.«

Einer, der nach jahrelanger Aktivität in der deutschen Szene nie ein Gefühl der Sesshaftigkeit und Zugehörigkeit entwickelte, ist Falk U. Rogner, am 14. September 1943 in Liegnitz geboren. Bis zur Flucht in den Westen war sein Vater Gutsverwalter, später arbeitete er als hoher Beamter im Umweltschutzamt. Falk reiste mit seinen Eltern von Asien bis Afrika, bis er schulpflichtig wurde. Auch bei Amon Düül blieb er immer der stille Außenseiter. Während die anderen Free-Jazz-Fans waren, hörte er zu Hause klassische Musik und nennt als erstes Musikerlebnis Elvis Presley und »Tutti Frutti«.

Neben den Internatsfreunden trudelten in der Klopstockstraße außerdem Rainer Bauer, seine Frau Ella und das Töchterchen Romana aus Wien ein, sowie der Fotografinnen-Sohn Helge Villander mit Frau Angelika und Sohn Joris aus Augsburg. Zusammen entdeckte man die Musik der Doors, von Jefferson Airplane, Pink Floyd, Cream und Hapshash and The Coloured Coat, deren knallrote LP Featuring The Human Host and The Heavy Metal Kids auch von anderen als wesentlicher Einfluss genannt wird. Zwangsläufig führten die zahlreichen kreativen Talente und Ideen zu einer Art Multi-Media-Gruppenkonzept »Lightshow, Film, Fotografie, Musik«. Und sie alle fuhren, etwa zur gleichen Zeit wie ich, zum ersten Mal nach London. Da sich keiner mehr genau an die Reise erinnern kann, hier aus einem Gedächtnisprotokoll:

Shrat: »Am Wochenende sammelte sich langsam alles zusammen und dann fuhr eine Abteilung nach London. Wer war da eigentlich dabei?«

Peter: »Du warst dabei!«

Chris: »Und Falk und Angelika auch. Wir wollten meinen Bruder zurückholen, oder?«

Shrat: »Bei so einer ominösen Adresse, Nottinghill Gate-was-weiß-ich. Ein Wochenende, um mal schnell so eine Flasche Trips abzuholen.«

Peter: »Wo ich im Schlafanzug vor dem Haus saß?«

Chris: »Und das Steuerrad vom Auto wie Gummi wurde?«

Shrat: »... ja, und dann wieder zurück, und jeder erst mal an die Flasche wollte ...«

Peter: »Und Uli alle zwei Minuten ausstieg und sagte, die Bullen sind hinter uns her, voll auf Trip!«

Chris: »Da war doch dieses Wahnsinnsfest im Roundhouse, wo die Animals und dieser Sänger von Family ...»

Peter: »Jedenfalls waren da dreitausend Leute voll auf dem Trip!«

Chris: »Allen Ginsberg und Yoko Ono, die Nacht der Nächte ...«

Shrat: »Freitag nach England, Sonntag zurück. In der Klopstockstraße eingelaufen. Damals haben die Zöllner noch immer nach Zuckerstückchen die Koffer durchsucht ...«

Chris: »... und Räucherstäbchen wurden auch gleich beschlagnahmt.«

Shrat: »Dann habe ich angefangen, Bongos zu spielen. Die Klopstockstraße war dann allmählich überfüllt und wir flogen da raus. Und dann entschloss man sich, nachdem Chris auch aus seiner Wohnung rausflog, dass man gemeinsam wohnt. Da zogen wir in die Prinzregentenstraße.«

Das war aber bereits Ende des Jahres. Während die zukünftigen Mitglieder der ersten Acid-Band Deutschlands bereits den Aufstand probten, während allerorts die Leute von einer Aufbruchs- und Umbruchsstimmung ergriffen wurden, versuchte ich meine ersten Artikel an eine neue Musikzeitschrift namens Hit zu verkaufen. Zum ersten Mal lernte ich ein System kennen, das später die gesamte deutsche Musikszene bis auf den heutigen Tag prägen sollte. Die Geschäftemacher in Sachen Jugendkultur warfen mit Begriffen wie »Idealismus«, »Risiko« etc. um sich und impften ihren Mitarbeitern und damit auch dem Publikum die Prämisse ein, dass man damit natürlich kein Geld verdienen dürfte. Offiziell zahlten ja sogar sie selbst nur drauf. Ironischer konnte es nicht zugehen. Während man sich gegen die Ausbeutung der Arbeiter durch die Konzerne zur Wehr setzte, wurde man mit der Verlockung, selbst an der Verbreitung der Gegenkultur mitzuarbeiten, nicht minder ausgebeutet. Natürlich fiel auch ich darauf rein, glücklich, hin und wieder eine Geschichte, die ich persönlich für wichtig hielt, unterzukriegen.

Auch mit der Heimgemeinschaft hatte ich mich wegen der »hässlichen, schrillen Affenmusik«, die unablässig aus meinem Zimmer dröhnte, total überworfen. Gemeint waren natürlich die Mothers, Cream, Pink Floyd und eben jene kompromisslose, legendäre rote Hapshash-LP, über die ich damals schrieb, »eine Schallplatte kann vollkommen rot sein und trotzdem überhaupt nichts mit Mao oder dem Kommunismus zu tun haben«. Jedenfalls machte die vom Establishment noch immer angefeindete Popmusik plötzlich eine interne Spaltung durch. Sich die Beatles, Kinks oder gar Rolling Stones anzuhören, war für manche Leute genauso schlimm, wie für Frank Sinatra zu schwärmen. Nächtelang trieb ich mich in den Clubs Big Apple und PN an der Leopoldstraße herum, suchte nach neuen Verbündeten, fand sie nicht. Ein neues Gefühl, das des Außenseiters, machte mich ruhe- und rastlos, unduldsam und ungerecht. Die Bürgerlichen waren mir zu oberflächlich, desinteressiert, die Intellektuellen zu überlegen, selbstgefällig, theoretisch. Es musste doch irgendwo dazwischen eine versöhnende, kreative Verbindung geben!

Der Oktober wurde wohl der heißeste Monat des Jahres 1967. In San Francisco fand ein Trauermarsch mit symbolischem Begräbnis statt, bei dem Tausende von Hippies gegen die Vermarktung ihrer Ideen und das lakonische Endzeitgeraune »Die Flower-Power-Bewegung ist tot!« protestierten.

Hätten wir damals die Informationen darüber so schnell wie heute bei der Hand gehabt, wäre unserer Szene dann ein ähnlicher Weg erspart geblieben? Zwei Tage später, am 8. Oktober, wurde die Tagung der Gruppe 47 durch ein Go-In von Studenten gesprengt; sie überredeten die Mitglieder zu einem Boykott gegen den Springer-Konzern. Und in München wurde das erste Music-Action-Center nach angloamerikanischem Vorbild eröffnet, das Blow Up, Elisabethplatz. »Monatlich wechselnde Bands, Gastspiele, Go-Go-Girls, Diaprojektionen, Discjockeys der Piratensender.« Die feierlich-pompöse Einweihung wurde von dreitausend stürmenden Jugendlichen empfindlich gestört. Nun hatten die bürgerlich bis weniger bürgerlich veranlagten Geschäftsunternehmer eine neue Marktlücke entdeckt. Und wir waren tatsächlich noch so gutgläubig und nahmen an, sie wären bekehrt worden, zu uns übergelaufen.

Ich hab dieses Event übrigens nicht mitbekommen, denn da arbeitete ich auf der Frankfurter Buchmesse, wo renitente Studenten für den »Messekrach« sorgten. Zündstoff für Demonstrationen gab es genug: die Ermordung Che Guevaras, das Militärregime in Griechenland, die Springer-Stände. Unsere Nachbarn waren von Konkret und standen bei Besuchern und Presse hoch im Kurs. Denn täglich wurde das Messe-Extrablatt als Flugblatt verteilt, mit dem die Konkret-Redakteure ständig aktuellen Diskussionsstoff unters Volk brachten. Abends traf man sich im Club Voltaire. Ich gesteh’s, meist saß ich nur wegen der Musik dort. Irgendwann mal verschreckte dann noch Peter Handke mit einer Dichterlesung zu Popmusik die konservativen Buchhändler. Das kann aber auch ein Jahr später gewesen sein. So genau weiß ich das nicht mehr. Jedenfalls wurde die Buchmesse von Provos, Hippies, Spontis und anderen Fraktionellen zu einem permanenten Spektakel umfunktioniert.

Ende des Monats wurde ich abermals vom Literarischen Kolloquium nach Berlin eingeladen. Man wollte über Produktionsmöglichkeiten für die vorliegenden Drehbücher reden. Ich saß meist im Kino. Die Freunde der deutschen Kinemathek führten von Helmut Costard, Marquard Bohm u. a. Kurzfilme vor, veranstalteten eine Woche des New American Cinema. Nachts zog ich durch die schon damals lebendige Berliner Kneipen- und Diskothekenszene. Besonders beliebt die drei Edens – Big Eden, Kurfürstendamm, Verzehrbon zwei DM, gemütlich, mit englischen Discjockeys und farbigem Flackerlicht, bis 3 Uhr geöffnet. Nicht weit davon der Eden-Playboy-Club, Eintritt eine DM, für Mädchen solo umsonst (Playboyclub!), Bikini-Go-Go-Girls, Swimmingpool, Showtanzen, Trickfilme, Spielautomaten, bis 5 Uhr morgens. Und der Old Eden Saloon, Damaschkestraße, Verzehrbon zwei DM, mehrere Räume mit verschiedener Musik, Soul, Beat, Jazz. Zwischen überlebensgroßen Aktfotos stehen Kakao-Automaten, Spielautomaten, Fernseher, Satelliten-Imitationen als Biertransporter. Man kann ruhig die gewagtesten Klamotten anziehen, sie fallen nämlich gar nicht mehr auf. – Besonders »in« war grade das Riverboat, Hohenzollerndamm, vier Bands gleichzeitig plus Diskothek. »Berlins größtes Action-Center, Bullaugen, Teakholzwände, riesige ineinander verschachtelte Räume. Für Frei- und Frischluftfanatiker gibt es eine Terrasse, wo getanzt werden darf. In der kleinen Bar kann man sich mit Würstchen, Sandwich oder Espresso aufmöbeln. Alles, was beatig, popig, opig, munter, bunt und heiter, gammlig oder elegant großes Treiben erleben möchte, sollte die ›Liftfahrt‹ unternehmen«.

Alles schien möglich. In Berlin hatte ich einen Industriefilmemacher aus Hamburg kennengelernt, der träumte von einem überregionalen Multi-Media-Verband für Musik, Film, Kunst, Werbung unter dem Motto »das permanente Happening«. Mein Bruder hatte jemanden getroffen, der Deutschlands ersten Boutiquen-Führer für Insider drucken wollte. Ich jobbte derweil in Münchens erster Boutique Daisy als Aushilfsschneiderin. Frei nach dem Vorbild von Mary Quant. Was fehlte, war eine »progressive Modezeitschrift«. Fand ich jedenfalls. In München wurde die Hochschule für Film und Fernsehen eröffnet, Hamburger Studenten lieferten anlässlich einer Uni-Feier die Parole »Unter den Talaren — Muff von 1000 Jahren«. Das war, nach »Traue keinem über 30« der zweite Spruch des Jahres. Ebenfalls im November wurde als erste überregionale alternative Musikzeitschrift Amerikas der Rolling Stone gegründet. In Berlin kommt es bei der Prozesseröffnung gegen den Kommunarden Fritz Teufel erneut zu Demonstrationen. Ich erhalte kurz darauf zwei Absagen von Fernsehsendern, denen ich mein Drehbuch angeboten hatte.

Die Engländer feierten ihr Weihnachtsfest mit der Fernsehausstrahlung von Magical Mystery Tour, dem ersten Film, den die Beatles selbst gedreht hatten.

Das Jahr, das uns Flower Power und APO, Op-Art und Twiggy, The Mothers Of Invention und A Whiter Shade of Pale, das Filmförderungsgesetz und die erste Herzverpflanzung, Klaus Lemkes 48 Stunden bis Acapulco und May Spils Zur Sache, Schätzchen, den Begriff male chauvinism und die Heirat von Elvis Presley, die Abiturrede »Erziehung zum Ungehorsam« und das Telekolleg im Bayerischen Fernsehen, Marshall McLuhans »Magische Kanäle« und das Schlagwort von einer »Talsohle« in der Wirtschaft gebracht hatte, war vorbei. Doch die eingeläutete Sturm-und-Drang-Zeit hielt sich nicht an den Kalender. Keine Neujahrsansprachen, keine guten Vorsätze und pädagogischen Mahnungen konnten uns aufhalten. Wir hatten uns entschlossen, freiwillige Outlaws zu werden, nach dem Motto der neuen Rolling Stones-LP »Their Satanic Majesties Request«:

»It's so very lonely

you’re two thousand light years from home.«

KAPITEL 2

Aus Bonbons werden Bomben

»Let's hear it for the good guys, hooray!

Let’s hear it for the bad guys, boo!«

Country Joe McDonald

»Sing this song all together (see what happens).«

The Rolling Stones

Im Frühjahr 1968 gehörten die Alben der Gruppen Quicksilver Messenger Service, Moby Grape, Steve Miller Band, Country Joe & The Fish und Creedence Clearwater Revival zu den Topsellern der Billboard-Charts in Amerika. Auch hierzulande wuchs das Selbstbewusstsein und versetzte die Protestbewegung in einen beängstigenden Machtrausch. Doch welche Folgen ein harmloser Studentenulk á la »Feuerzangenbowle« hatte, zeigte das bereits verschärfte, paranoide Klima. Am 10. Januar hatten in München zwei Studenten in ausgeliehenen Polizeiuniformen eine Uni-Vorlesung gesprengt und wurden dafür im April zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt. Vorbei war es mit der Parole »Die Phantasie an die Macht!« Es sollte nicht mehr lange dauern, bis die »organisierte Gegengewalt« das Kampfmittel Polit-Happening ablöste, und dass statt Bonbons Bomben flogen. Die Kommune I zeigte Verfallserscheinungen, nachdem Rainer Langhans das Münchner Topmodell Uschi Obermaier nach Berlin geholt hatte. Im Februar wurde in Berlin beim »Springer-Hearing« ein Lehrfilm von Holger Meins über die Herstellung von Molotow-Cocktails vorgeführt. Noch in derselben Nacht wurden von Unbekannten bei sieben Morgenpost-Filialen die Fensterscheiben eingeworfen. Auch die amerikanische Hippie-Bewegung machte eine Radikalisierung durch, die von den Anarcho-Gedanken Abbie Hoffmans und Jerry Rubins begeisterten Jugendlichen firmierten nun als Yippies und lieferten sich am 18. Februar in San Francisco mit der Polizei eine Straßenschlacht. Zur gleichen Zeit fand in Berlin der »Internationale Vietnamkongress« statt.

Sicher war es ein Zufall, dass zur selben Zeit die fröhliche Ballade vom anarchistischen Gangsterpärchen Bonnie & Clyde in der Hitparade stand.

Im März erschien die erste LP Bob Dylans nach seinem Motorradunfall 1966, John Wesley Harding. Wie immer waren in den Texten visionäre Bilder, treffende Aussagen:

»No martyr is among you now

whom you can call your own

but go on your own way accordingly

and know you're not alone«,

aber auch

»There must be some way out of here

said the joker to the thief

there's too much confusion

I can't get no relief ...«

Songs über Hobos, Kämpfer, Outlaws, Heilige, Narren – was hätte besser in die Zeit gepasst? Und in Sounds 3/68 hielt mit einer Besprechung der Mothers-LP »Freak Out« endlich die Popmusik Einzug. Schon im Monat darauf kam ein Bericht über die San-Francisco-Szene. Deutschland hatte endlich seine alternative Musikzeitschrift. Deutschland hatte aber auch noch seine Bravo und Hit, bei der ich inzwischen zum ständigen freien Mitarbeiter avanciert war.

Und so las sich da die April-’68-Mischung: »Engelbert, mit 32 Jahren das Idol von Teenagern und Großmüttern in aller Welt, spürt plötzlich, dass die revoltierende Jugend auf ihn Eindruck macht. In diesen Wochen, in denen er wieder mit einem Hit ›Am I that Easy to Forget‹ die Hitparaden vieler Länder anführt, prophezeit er im Hinblick auf seine künftige Karriere einen musikalischen Wandel: Mit mehr PS ins internationale Showbusiness. – Nach großem Krach in der Gruppe Manfred Mann ist die Crew wieder vereint und auf Anhieb mit einem Hit im Schlager-Weltgeschehen zur Geltung gekommen: ›Mighty Quinn‹. Ein Mann, ein Wort, kann man bei Manfred Mann sagen, denn in einem Interview meinte er zur Schlagerszene unerschrocken: Der Rundfunk macht unser Geschäft kaputt! – Hitparade des Monats April: ›World‹, Bee Gees, ›Hello, Goodbye‹, Beatles, ›Massachusetts‹, Bee Gees, ›Mama‹, Heintje, ›Daydream Believer‹, Monkees, ›Doch dann kamst du‹, Ronny, ›2000 Lightyears from Home‹, Rolling Stones, ›The Letter‹, Box Tops, ›Morning of my Life‹, Esther und Abi Ofraim, ›The Ballad of Bonnie and Clyde‹, Georgie Fame. – Was wird aus den Mamas & Papas? – Die Monkees sind eine der erfolgreichsten Bands in den USA. Bisher haben sie zehn Millionen Single-Platten und fast dreizehn Millionen Langspielplatten verkauft. – Das Leben ist ein verrückter Spaß. So heißt die Devise der Who – Keith Moon, John Entwistle, Roger Daltrey und Pete Townshend –, die sie täglich in die auffallendsten Taten umsetzten. Wer diese quirligen Vier mal aus der Nähe erlebt hat, weiß, dass man bei ihnen auf die tollsten Sachen gefasst sein muss. – The Cream: ›Sunshine of Your Love‹: Modern gesetzter Gruppengesang unterscheidet die Cream heute von früheren Aufnahmen. Der Background ist hart und zugleich mystisch verträumt. Die Cream im Trend unserer Zeit. Eine Platte für Freunde des zeitgemäßen Beat.«

Am 3. April explodierten nachts in zwei Frankfurter Kaufhäusern Sprengsätze. »Burn, warehouse, burn!« Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Söhnlein und Thorwald Proll, wurden tags darauf verhaftet und im Oktober zu einer Zuchthausstrafe von jeweils drei Jahren verurteilt. Am 4. April wurde Martin Luther King ermordet, am 11. April Rudi Dutschke bei einem Attentat schwer verletzt.

Hüben wie drüben kam es zu spontanen Aufständen, Unruhen, Straßenschlachten, Eskalation der Gewalt. Amerika wurde durch bürgerkriegsähnliche Kämpfe in 125 Großstadt-Gettos erschüttert, Deutschland durch die Osterunruhen – ihr Ziel: die Springer-Redaktionen und -Fillialen! Solidaritätsdemonstrationen weltweit, von Amsterdam bis Washington. In München sah es so aus: Am Karfreitag, einen Tag vor dem Dutschke-Attentat, wurde die Redaktion der Bild-Zeitung gestürmt, es kommt in der Barerstrasse zu erbitterten Straßenschlachten, die, über die ganze Stadt verteilt, bis Ostermontag andauern. An diesem Tag geht in München ein Kulturspektakel über die Bühne, für das Eberhard Schoener, heute Deutschlands experimentierfreudigster Komponist, verantwortlich zeichnete. In der Süddeutschen Zeitung vom 17. 4. 68 schrieb Florian Fricke, der bald mit seiner Gruppe Popol Vuh selbst den Weg zum Musiker einschlagen sollte, über »Alteraction« im Münchner Haus der Kunst: »Abgesehen vom Resultat und auch davon, dass das ›Neue‹ ja nicht eigentlich neu war, nur eben für München, ist der Versuch zu begrüßen und selbst in seinem Misslingen interessant.« Helmut Lesch fand in der Abendzeitung das »Morphinisten-Gestammel ... trotz allem: ein sehenswertes Experiment«. Und der Spiegel berichtete: »Den Münchnern im (Haus der Kunst) schlug die von Macchi erstrebte Provokation bislang nicht aufs Gemüt ... überdies: Draußen auf den Münchner Straßen, soviel war sicher, wurde zur gleichen Zeit weit eindringlicher provoziert.« – Soviel zu (A)lter A(ction) von A. Artaud, von Eberhard Schoener, Florian Furtwängler und Tatiana Massine initiiert ...

An diesem Tag wird der AZ-Fotoreporter Klaus Frings von einem Pflasterstein tödlich getroffen. Der Student Rüdiger Schreck erliegt ebenfalls seinen Verletzungen. Beide Fälle bleiben, wie unzählige andere, unaufgeklärt. Nach der Belagerung des Buchgewerbehauses am 16. April sieht die Bilanz der »Osterunruhen« so aus: über 60.000 Demonstranten aller Bevölkerungsschichten wurden von 21.000 eingesetzten Polizisten bekämpft, die 1.000 verhafteten, darunter auch völlig unbeteiligte Bürger. Man zählt über 4.000 Verletzte. Seit der Weimarer Republik hat Deutschland keine Straßenschlachten in diesem Ausmaß erlebt.

Einen klaren Kopf behielt nun keiner mehr, auf beiden Seiten trat anstelle kühler Überlegung unberechenbare Willkür. Der erste »Osterdemonstrant« wird am 16. April in München wegen Aufruhrs und Auflaufs zu sieben Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt, gegen weitere 826 werden Ermittlungsverfahren eingeleitet. In einer Bundestagssondersitzung bezeichnete Innenminister Benda den SDS als verfassungsfeindliche Organisation. Was für einen Mai konnte man nach einem solchen April erwarten? Den Heißesten, den es je gab. Doch ausgerechnet im ereignisreichsten und wichtigsten Monat der ganzen 60er-Jahre-Bewegung hatte ich meine Prüfung als Buchhändler vor der Handelskammer abzulegen. Wäre sie einen Monat später gewesen, wer weiß? So kam ich zumindest noch zu einem bürgerlichen Berufsabschluss und konnte guten Gewissens herumexperimentieren. Die politischen Ereignisse hatten sich nach Frankreich verlagert, der legendäre »Pariser Mai ’68« fand jedoch in einem internationalen Protestumfeld statt, von Ankara bis Tokio. In Deutschland hatte die APO zu den 1.-Mai-Kundgebungen des DGB »Gegenkundgebungen« organisiert. Während sich in Paris nach tagelangen Straßenschlachten Arbeiter und Studenten solidarisierten und dort mit Blockaden und Streiks, Besetzungen und Stürmungen die Stadt für einen Monat lahmlegten, waren am 11. Mai in Deutschland 60.000 unterwegs, um gegen die geplanten Notstandsgesetze zu protestieren. Das Kuratorium Notstand der Demokratie hatte diesen Sternmarsch auf Bonn organisiert. Trotz Beteiligung an mehreren Osterdemonstrationen legte ich am 14. meine Buchhändlerprüfung ab, am 15. musste ich für mehrere Wochen zu einem Kursus der Buchhändlerschule des Deutschen Börsenverbands nach Frankfurt.

Anlässlich der zweiten Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag kam es an diesem und dem darauffolgenden Tag an den Universitäten und Hochschulen zu Demonstrationen. Am 17. wurden die Notstandsgesetze gebilligt, am 18. wurde auch an der Kunstakademie in München gestreikt.

Am 20. fand dort das sogenannte »Notstandshappening« statt, am 21. versammelten sich 12.000 Notstands-Gegner im Alten Botanischen Garten, und am 24. wurden auf den Bühnen der Theater die sogenannten Notstandsproklamationen verlesen. Und an einem dieser Tage war er – der erste Auftritt der Münchner Gruppe Amon Düül!

Wann genau, da kann sich keiner mehr erinnern. Wen wundert’s bei diesem Chaos, die Welt war alles andere als in Ordnung.

Notstandskinder

»Wir haben uns bemüht,

diese(s) Märchen so rein wie möglich aufzufassen ...

Kein Umstand ist hinzugedichtet oder

verschönert und abgeändert worden.«

Brüder Grimm

Die Amon Düül hatten sich in der vornehmen Wohngegend an der Prinzregentenstraße einquartiert. Die Musiker-Fraktion der Multi-Media-Gruppe, Chris Karrer, Peter und Uli Leopold und Rainer Bauer, übten ein paar Häuser weiter in einem Keller unter der Aral-Tankstelle. Ihre Erfahrungen mit dem Kommuneleben beschrieben sie in einem Gespräch:

Shrat: »Da residierten wir in der Prinzregentenstraße, wo Ärzte und Rechtsanwälte wohnen. Es war die Zeit, wo man total ausflippte, die Haare immer länger wurden und man nur noch indische Gewänder trug. Wenn man unten die Straße entlangging, öffneten sich oben immer die Fenster und die Leute schrien: ›Vergast gehört ihr!‹ Diese Tour lief da. Das war auch die Zeit, wo es mit den Ideologien losging. Alles flippte etwas ins Kommunegehabe. Alles gleich, alles für alle!«

Chris: »Da hat man nur Leute reingelassen, die irgendwas wie Kopfstand oder so konnten, eine bestimmte Begabung hatten. Man hat sich so echte Hausnarren gehalten.«

Shrat: »Z. B. kam da so ein Engländer und blieb sechs Wochen. Den kannte keiner. Weiß auch nicht mehr, wie der hieß. Der saß sechs Wochen lang immer im Eck und hat nur riesige Butterstullen mit Marmelade drauf gegessen, kochte Tee und sonst nichts! Rührte sich nicht und wurde von allen respektiert.«

Chris: »Ich weiß noch, eines Tages kamen Shrats Mutter und sein Bruder an und wollten ihn polizeilich abführen lassen. Da haben wir ihn versteckt.«

Shrat: »Ich bin ja offiziell nach München gekommen, um Soziologie zu studieren. Und niemand ahnte, was da mit meinem angesparten Geld passierte, dass ich meine und anderer Leute ›flips‹ damit finanzierte. Und nachdem das dann zu Hause durchsickerte ...«

Chris: »Das war eine ›straighte‹ Familie, Zementwerk und so ...«

Shrat: »Damals also, von der Ideologie her, die man so als Obergerüst konstruiert hat, war noch alles möglich: Film, Fotografie, eben Multi-Media! Und Helge immer als Oberpriester. Nie Geschirr abspülen, aber immer sehr erleuchtet! Freud, Nietzsche und Castaneda gelesen! Und dann wurden im 3. Stock die Trips eingeworfen und die ganze Nacht auf volle Lautstärke die erste Anlage, Solton, die ich angeschafft hatte, ausprobiert.«

In einem Interview, das Peter Leopold Ende 1977 im NDR Klaus Wellershaus gegeben hat, beschrieb er die Entstehung der Band so: »Die Ideologen kamen und sagten, jetzt müssen alle Musik machen. Es muss Musik gemacht werden von allen – alle dürfen, die irgendwie können. Das war erst mal ein gesellschaftliches Bedürfnis wie zusammen fernsehen, reden oder ins Kino gehen. Dann haben wir das versucht, auf die Bühne zu transponieren. Aber die Bühne schafft halt doch Abstand. Auf eine Bühne gehört eben nur das, was sich entsprechend vom Durchschnitt abhebt. Wenn dann eine Situation eintritt, wo im Publikum zwanzig Leute sitzen, die besser Gitarre spielen können als der Gitarrist da oben, dann können die Leute unten schon abgetörnt werden. Doch damals dachten wir, das ist ein gutes Modell, das sollte man durchziehen. Und mit der damaligen Einstellung hat man’s eben auch eine Zeitlang durchziehen können.« Wie nachhaltig dann der erste Auftritt der Amon Düül bei einer dieser Notstand-Demos auf die anwesenden Leute gewirkt hat, von denen manche prompt darauf ihre bürgerlich-vorprogrammierte Karriere aufgaben, zeigen zahlreiche Interviews, die ich mit Augenzeugen führte.

Da war z. B. Peter Kaiser, der Theaterwissenschaft studierte und nebenher schon Assistenzen bei Filmemachern wie Peter Fleischmann (Herbst der Gammler) machte:

»Chris kannte ich aus dem Café Nest. Er war auf der Kunstakademie. Renate arbeitete im Büro und ich saß im Nest und hab mit Thorwald Proll ..., der später dann bei Baader landete, immer nur über das Sprengen geredet. Z. B. wollten wir gern das Siegestor sprengen. Wir fühlten uns als Anarchisten, aber nur verbal. Und dann sind wir mal in Chris’ alter Ente zu einer Demonstration gefahren. Chris hat immer indische und asiatische Musik gehört, ist total drauf abgefahren. Ich hab damals überhaupt kein Verständnis für so etwas gehabt und gedacht: Der spinnt! Wir sind in den Hofgarten gefahren, da war so eine amerikanische Geburtstagsfeier, und dort haben wir dann aus Protest mit Bonbons geworfen. Und dann haben sie uns verhaftet. Das war ein Spiel, das wussten wir ja. Da wurden dann die ›Bonbonschmeißer‹ abgeführt. Das war eine überlegte Aktion.«

Aus Blumen und Bonbons wurden Bomben. Aus den Multi-Medias wurde Amon Düül.

»Ich war damals beim SDS. Ein unheimliches Erlebnis war für mich, als die Uni zum ersten Mal besetzt wurde. Da war der erste Auftritt der Ur-Düül, das war ein wahnsinniges Erlebnis. Als wir die ganze Vorhalle besetzt hatten, waren die plötzlich da – mit den Kindern, der Uschi Obermaier, dem Helge, da sind sie zum ersten Mal überhaupt als Kommune aufgetreten. Das war alles sehr friedlich, die durften sogar ihre Verstärker in der Vorhalle der Uni aufbauen. Und wir sind fast ausgeflippt. Das war plötzlich etwas ganz anderes als das, was man sonst gehört hat. Dieses Ereignis gab wohl den Ausschlag, dass Amon Düül sich immer ein wenig politisch verstanden hat oder von manchen als politisch hingestellt wurde. Weil sie bei diesem riot, diesem mini-kleinen Aufstand umsonst gespielt haben und damit als Kommune an die Öffentlichkeit getreten sind. Da fing man an, überall Kommunen zu bilden.« Später wurde Peter Kaiser dann auch für einige Zeit der Manager von Amon Düül.

Die Bandmitglieder selbst können sich heute nur noch vage an ihren ersten Auftritt erinnern, wissen nicht einmal genau, wer nun eigentlich alles dabei war und Musik gemacht hat. Mit ziemlicher Sicherheit waren anwesend Chris, Peter, Uli, Rainer, Falk, Shrat, Ella, Angelika, die Kinder Romana und Joris. Ob Renate »Krötenschwanz« Knaup zu jener Zeit schon auftrat, weiß keiner genau. Sie war gerade erst zur Kommune in der Prinzregentenstraße gestoßen. Wie auch die anderen war sie im Allgäu geboren, am 1. Juli 1948 in Sonthofen, wo ich später mit ihr die erste Volksschulklasse besuchte. Als die Internatsfreunde sich in München sammelten, war sie als Au-Pair-Mädchen in London, kam dann über Al Gromer, ein ebenfalls aus Sonthofen stammenden Sitarspieler, mit Amon Düül in Kontakt, während sie anfangs noch ihr Geld im Büro verdiente.

Der Name Amon Düül entstand aus einem ägyptischen und türkischen Wort für Sonnengott: »Düül, na ja, das ist ein Wort, das bisher nie dagewesen ist, mit zwei ü, weder im Deutschen, noch im Englischen oder Japanischen oder sonst wo«, so die Band 1969 in einem Interview mit Underground. Der damalige Architekturstudent und heutige Filmverleiher und -produzent Gerd Stein bezeichnet den ersten Düül-Auftritt als Impuls für ein neues Leben. Er arbeitete damals nebenbei in einem Architekturbüro: »Ich war auf der Akademie gewesen und konnte schöne Zeichnungen machen, deshalb hatten die mich eingestellt. Das sah so künstlerisch aus! Ich wurde als Hofnarr gehalten.« Irgendwann flog er raus, kam in ein anderes Architekturbüro: »Da sollte ich eines Tages eine sinnlose Korrektur an einer Zeichnung vornehmen, hatte die ganze Nacht dran gearbeitet, wollte am nächsten Tag nach Spanien. Da bin ich dann mit meiner Kündigung nach Spanien gefahren. Ich hatte immer nur das gemacht, was man von mir erwartete, hatte überhaupt keine Ahnung, was ich machen wollte. Parallel hab ich dann angefangen zu fotografieren. Ich hatte zwei Freunde, einen Jurastudenten und einen Profi, die mich stark beeinflussten. Und es war eine echte Donald Duck-Situation: Studium – nicht mehr haltbar, Fotografieren – noch nicht professionell! Und dann kam ich in die Uni, und da stand dieser Typ und machte diese Bewegung! ... die Düüls spielten abends in der Vorhalle, rechts vom Siegestor rein in den Haupteingang der Uni. Besonders erinnere ich mich an diesen Typen mit der Brille und den Locken, Rainer Bauer muss das gewesen sein. Der bewegte sich so wie Johnny Rotten von den Sex Pistols, nur dreimal schneller. Das war völlig abstrus und für mich völlig fremd. Und das hab ich aber sofort verstanden. Das hat mir einen unheimlich starken Impuls gegeben. Ich kann gar nicht erklären, warum. Und diese Musik, die ich völlig unwirklich und abartig fand, aber die mir so gut tat! Ich hörte zu der Zeit so was wie Herb Alperts ›This Guy's in Love‹ und Quincy Jones. Rock ’n’ Roll gab’s weit und breit nicht, die Beatles und Stones waren nie so stark bei mir. Und rundherum eine völlig beschissene Situation – und dann kam das! Das war für mich die Befreiung.«

Baby, du hast nichts zu verlieren als den Verstand!

An mir jedoch ging die Geburt des deutschen Undergrounds erst mal vorüber, denn ich saß in einem Lehrzimmer in Frankfurt und schrieb Referate über Kafka, Handke, Villon und Sartre. Zwar hörte ich von P. G. Hübsch und Bernd Brummbär und ihrem »Heidi Loves You« - Shop, Treffpunkt der Frankfurter Szene, aber unsere Heimordnung war streng und die Buchhändler angepasst. Nur in die Pudding Explosion, Holzgraben 9, bin ich öfters, um neue Platten zu kaufen. Die hatten am 25. Januar mit einem Flugblatt eröffnet, das das berühmte Frank-Zappa-auf-dem-Klo-Plakat zeigte: »Join the Underground, Baby, du hast nichts zu verlieren als den Verstand! – Superplakate, Buttons, Hippiezubehör, Poppolitics, Undergroundzeitschriften, Psychedelikatessen, Freak Out und so was alles!!!« Dass ich in der verstaubt-akademischen Buchwelt, in der »lustbetontes Chaos« ein Fremdwort war, nicht alt werden würde, war klar. Mitte Juni kam ich in ein verändertes München zurück. Selbst bei meinen Heimbewohnern hatte sich was von den »Haschrebellen« an der Isar rumgesprochen. Damals gab es noch schöne, heiße Sommer, und dieser war eben nicht nur politisch heiß. Im Garten der Kunstakademie stiegen die legendären ›Akademiefeste‹ mit Musik, Happening, Freak Out!

Bei einem dieser Feste, wo meist die Düüls auftraten, hat der Filmemacher Wim Wenders die Band zum ersten Mal live gesehen. »Das war im Frühjahr 1968. Das war, glaub ich, überhaupt eines der ersten Male, wo die überhaupt aufgetreten sind: Ich hab sie dann später oft gesehen, an verschiedenen Plätzen in München und dann z. T. auch kennengelernt. Zum Beispiel den Shrat hab ich gut gekannt. Aber das erste Mal war in der Kunstakademie, und das war ungeheuer chaotisch. Es gab damals eine Platte, die irgendwie ganz wichtig war in der Münchner Szene. Das waren die Hapshash And The Coloured Coat. Und dann gab es natürlich auch die ersten beiden Velvet-Underground-LPs, und besonders die schwarze, diese chaotische schwarze LP, die auch nicht weit entfernt ist von der Hapshash-Musik. Und wie die Amon Düül zum ersten Mal zu spielen angefangen haben, das war halt schon wie die Velvet Underground oder Hapshash. Und ein Versuch, damit fertig zu werden, ein Versuch, mit diesen Erfahrungen selbst Musik zu machen. Und zwar halt nicht als Imitation, sondern da was eigenes draus zu machen. Das war entsetzlich chaotisch. Und ich erinnere mich, dass sie in diesen ersten Sessions auch plötzlich mittendrin aufgehört haben, weil keiner mehr wusste, wie es weitergehen soll. Und das hab ich gleichzeitig auch sehr, sehr geschätzt. Und deshalb waren auch die Amon Düül für mich ein richtiger Mythos in der Zeit, weil das eine Band war, die was gesucht hat. Das war der Sinn, der Inhalt dieser Musik – eine Suche. Und sie hatten ein paar Stücke, die sie immer wieder gespielt haben, die waren dann jedes Mal anders und jedes Mal ein Stück weiter. Die Stücke basierten auf ganz rhythmischen Fetzen und sind dann immer länger geworden in den rhythmischen Bögen, und immer ausgewogener und auch immer schöner. Und beim ersten Mal war’s absolut chaotisch. Shrat spielt auch eine Rolle in meinem Film Summer in the City und vorher noch in Alabama, das war Ende ’68. Den Shrat hab ich am Liebsten gemocht, weil er angefangen hat zu singen. Und eigentlich in der ersten Zeit von Amon Düül nur irgendwie so was ins Mikrofon geblökt hat. Und mittendrin dann aufgehört hat und von der Bühne gegangen ist. Und eigentlich nicht singen konnte und dann tatsächlich singen gelernt hat, im Verlauf von den ein bis zwei Jahren, in denen ich das verfolgt hab. Und das war die Geschichte von Amon Düül, dass die Leute, die da Musik gemacht haben, das eigentlich gar nicht konnten, sondern nur den Wunsch hatten, das zu machen. Falk, der immer nur hinter seiner Orgel stand und manchmal auf so eine Taste gedrückt hat. Man hat den auch gar nicht gehört. Und nach und nach, von Konzert zu Konzert, sind die Musiker geworden. Und allmählich hat man dann auch die Orgel hören können, und das waren dann nicht nur mehr einzelne Töne: Und so haben die sich nach und nach aus diesem Chaos rausgelöst und sind richtige Musiker geworden, so etwas wie die Jefferson Airplane von Deutschland. Und nicht nur, weil Renate dabei war und ähnlich ausgesehen hat wie Grace Slick, sondern von der ganzen Haltung her, der ganzen Auffassung. Am Anfang war das mehr Eastcoast-Musik und ist dann immer mehr und mehr eine Westcoast-Musik geworden. Eine sich immer mehr befreiende und losgelöste Musik.«

Währenddessen feierten Alt Rock ’n’ Roller das Comeback von Bill Haley im Blow Up, wurde in Venedig die Biennale für kurze Zeit wegen der internationalen Unruhen geschlossen, traten Amon Düül auf der Kasseler documenta auf. Ich hörte mit Vorliebe die ganze Nacht »Pop till Midnight« von Radio Luxembourg, schrieb für Hit eine Serie über die englische Avantgarde-Bands wie Pink Floyd, Incredible String Band, Johns Children, Peter Greens Fleetwood Mac, John Mayalls Blues Breakers, Move, Traffic, Art, Cream, The Hapshash And The Coloured Coat und über die amerikanischen Westcoast-Gruppen wie Jefferson Airplane, Electric Prunes, Mothers Of Invention, Love, Grateful Dead, The Velvet Underground & Nico, Moby Grape, Vanilla Fudge und Buffalo Springfield, ich sparte auf meinen zweiten Londonbesuch. »The Beat Goes On« sangen die Vanilla Fudge – was denn sonst? Haben wir wirklich schon damals bezweifelt, dass die Rockmusik weiterleben würde? Vom 7. bis 18. Juli gastierten zum ersten Mal Chicken Shack im Münchner Blow Up, wo bisher nur ›Tanzgruppen‹ auftreten durften. Und weil eben die Leute mit ihrer Musik nichts anfangen konnten und sich beschwerten, wurde ihnen auch ein Teil der Gage nicht ausbezahlt. Wir freundeten uns an, vor allem Sängerin Christine Perfect, heute bei Fleetwood Mac, wurde eine gute Freundin von mir. Wenn sie es in ihrem schäbigen Hotel in der Beichstraße nicht mehr aushielten, dann schlichen wir auf mein Heimzimmer und fanden das so aufregend wie heimlich unter der Bettdecke zu lesen. Da rauchte ich auch meinen ersten Joint. »Rauchst du?«, fragte mich Gitarrist Stan Webb, und ich sagte Ja und meinte natürlich Zigaretten. In der Zeit lernte ich alles über Blues und Rhythm ’n’ Blues und was ich sonst über Musik bis dahin nicht wusste. Und das war sehr viel. Wir hatten eine Menge Spaß. Als sie nach London zurückflogen, begann ein reger Briefwechsel. Da spielten im Blow Up die German Bonds aus Hamburg, und die Stones hatten mit »Jumpin' Jack Flash« einen weiteren Hit.

Ein reger Briefwechsel lief auch zwischen Hamburg, wo Harald, der Industriefilmemacher noch immer überregionale Multi-Media-Pläne hatte, zwischen Frankfurt, wo Wolf, ein Freund meines Bruders, beim Hessischen Rundfunk die Welt in Frage stellte, und München ab. Mein Bruder und ich hatten beschlossen, endlich die Konsequenz zu ziehen und unsere Lebens- und Wohnsituation radikal zu ändern. Da der Verlag vor der Liquidation stand und ich mein Heimzimmer nach Beendigung der Ausbildung räumen musste, lag schon aus finanziellen Gründen die Idee einer Kommune nahe. Neben Harald und Wolf wollte auch noch Barbara, eine gemeinsame Freundin von uns, die an der Dolmetscherschule war, mitmachen. Es sollte dennoch kein reiner »Zweckverbund«, sondern eine »kreative Kommune« werden, mit gemeinsamen Projekten und einigem Luxus. Am 28. Juli gaben wir in der Münchner Abendzeitung folgende Annonce auf: »Highlife-müder Millionär mit Haus und Garten, in zentraler Lage, für originelle, geldarme, obdachlose Clique mit Zukunft gesucht. Familienanschluss wird geboten.« Wir waren naiver als es die Polizei erlaubte und träumten von angetörnten Millionären, Postboten, Bankbeamten und Straßenbahnschaffnern.

Vom Verlag wurde ich großzügig abgefunden, da ich ja nun unverschuldet arbeitslos war. Mein Bruder entschloss sich, freiberuflich zu schreiben, ich wanderte erst mal zum Arbeitsamt, fand das aber dann doch lächerlich. Die Wohnsituation wurde immer brisanter, der Wunsch nach Selbstverwirklichung zur Besessenheit. Mit Barbara rannte ich erfolglos durch die Stadt, schickte nebenbei an Pop, eine neue Musikzeitschrift in der Schweiz, Manuskripte. Die Chicken Shack-Geschichte kam wieder zurück. Wolf wurde wankelmütig, auch Harald machte nach reichlicher Überlegung einen Rückzieher. Täglich hatten wir neue Kandidaten für das Wohnprojekt, ob wir menschlich miteinander klarkommen würden, wurde nie in Frage gestellt, solange die Leute »originell, nicht-bürgerlich und kreativ« waren.

Musikalisch war in diesem Monat eine ganze Menge los. Das erste Album Big Pink der Bob Dylan-Begleitband The Band erschien, beim Newport Pop Festival traten Tiny Tim, Jefferson Airplane, Country Joe & The Fish, Grateful Dead, Chamber Brothers, Quicksilver Messenger Service, Byrds, Alice Cooper, Steppenwolf, Sonny & Cher, Canned Heat, Electric Flag, Butterfield Blues Band, Eric Burdon, Blue Cheer, Iron Butterfly, Illinois Speed Press vor circa 40.000 Leuten auf, die Beatles-Biographie Alles was du brauchst ist Liebe von Hunter Davies erschien und deren erste Single »Hey Jude« auf dem hauseigenen Label Apple, und The Crazy World Of Arthur Brown hatte mit »Fire« einen Riesenhit. In diesem Monat verhängte auch das Oberlandesgericht München gegen den Kommunarden Fritz Teufel ein sechsmonatiges Hausverbot für den Justizpalast und das Amtsgericht »wegen Ruhestörung der Verhandlungsführung«.

Da saß ich schon im Zug nach Hamburg mit einem neuen ASTA-Flugticket für London. Eine Woche verbrachte ich unter Blankeneses linker Schickeria, dann hatte ich die Nase voll und flog nach London, dieses Mal mit vollem Programm und bestens vorbereitet. Mein Domizil schlug ich im Haus Ainger Rd. 12, beim Finchley Park, gleich um die Ecke von Middle Earth, Chalk Farm, auf. Dort wohnten die Chicken Shack, gingen Fleetwood Mac, Ten Years After, The Nice und auch John Mayall, Musikkritiker vom Melody Maker und New Musical Express, ein und aus, konnte ich von morgens bis abends Interviews machen und Blues hören. Während ich durch die Clubs und Pubs von London und Umgebung rannte, marschierten am 21. August russische Truppen in die ĈSSR ein und beendeten den »Prager Frühling«. Während ich die Pretty Things, Bonzo Dog Doo Dah Band und Yellow Submarine sah, tobte vom 25. bis 28. die Schlacht von Chicago. Als großes Yippie-Festival von Jerry Rubin während des Parteikonvents der Demokraten geplant, wurde die Manifestation der New Left, an der anfangs etwa zweitausend Hippies, Yippies und Black Panthers, begleitet von der Musikgruppe MC 5 teilnahmen, und die im Verlauf der Kämpfe auf 12.000 anwuchsen, von 25.000 Soldaten, Nationalgardisten und Polizisten nieder geprügelt. Es gab einen Toten und unzählige Verletzte.

»Won’t you please come to Chicago just to sing

in a land that’s known as freedom

how can such a thing be fair?«

Graham Nash

Tags darauf erlebte ich mein erstes Festival Isle of Wight mit Jefferson Airplane, The Doors, Arthur Brown und anderen. In den USA setzten die Radiosender »Street Fighting Man«, die neue Single der Rolling Stones, wegen »Aufforderung zur Gewalt« auf die schwarze Liste, hatten die Doors mit »Hello, I Love You« einen neuen Hit.

Those Were The Days ...

»Eine experimentierfreudige Gruppe von Schülern der Akademie der bildenden Künste München veranstaltet am 3. und 4. September jeweils von 21 bis 1 Uhr im Beatlokal Blow Up eine totale Show unter dem Titel The Transparent Vacuum Show. Vier Stunden lang wird das Publikum mit dem Versuch konfrontiert, die von der Gruppe verwendeten Elemente, Licht, Ton, Architektur und Kybernetik, zu koordinieren. Im Blow Up sollen auf etwa zwölf im ganzen Raum verteilten Leinwänden gleichzeitig Underground-Filme ablaufen, Dias projiziert werden und Episkope arbeiten. Die Band Amon Düül, deren Mitglieder in einer Kommune leben, und die Ende September bei den Essener Song-Tagen mitwirken wird, bringt eine beachtliche Tonmaschinerie in Gang, die von einer Tonband- und Schallplattenanlage unterstützt wird. Lichtmaschinen statt normaler Beleuchtung sollen den visuellen Eindruck ergänzen«, kündigte Rainer Thiele am 1. September in der Münchner Abendzeitung ein Ereignis an, das ich wiederum versäumen sollte. Dafür saß ich auf einer verregneten Wiese in Parliament Hill Fields, um ein Open-Air-Konzert der Jefferson Airplane zu hören. Und abends stand ich mir im Athletic Club die Beine in den Bauch, um Pink Floyd und ihre Lightshow live zu sehen. Am 5. September erhielt ich einen Brief von meinem Bruder: »gerade läuft bei mir die neue platte der doors: waiting for the sun, die jemand aus schweden mitgebracht hat. du kennst sie wahrscheinlich schon, jedenfalls finde ich sie so große klasse, dass ich mich nun endgültig entschlossen habe, über die doors einen größeren artikel zu schreiben, vielleicht für die süddeutsche zeitung, die mir grade ein irres buch zur besprechung gegeben hat. es heißt das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte stromlinienbaby von tom wolfe, dem verrücktesten reporter amerikas. rowohlts werbetext lautet: ›ein fanfarenstoß für die revolution der teenager und die neue pop-kultur, die hierzulande den vertretern des kulturellen establishment in die glieder fahren wird.‹ geschrieben ist es oft, als wäre ein disc-jockey von radio luxemburg am werk, dann habe ich noch einen film für dich, er heißt agilok & blubbo und läuft anfang oktober in münchen an. bei der pressevorführung gab es überwiegend entsetzen und sprachlosigkeit... ich werde dich, wenn es geht, mit dem regisseur peter f. schneider und vor allem dem musikmann des films, irmin schmidt (can), zusammenbringen, denn agilok ist knallvoll mit einem beat, wie er in deutschland nicht möglich schien, die songs sind noch besser, als die bei moorse, dessen neuer film übrigens nicht so groß ist. ansonsten ist schneiders film vulgär, poetisch, maßlos, schön, zart und brutal wie kein anderer junger film der letzten zeit, allerdings glaube ich, dass er beim breiten publikum durchfallen wird, weil er zu anarchistisch und gammlerhaft ist. die beiden typen in dem film laufen dauernd in alten wüst-gestreiften anzügen herum, langen schwarzen mänteln á la django und haben selbst im bett ihre schlapphüte auf. genauso erschien dann auch schneider bei der pressevorführung, eine verrostete maschinenpistole aus dem film in der hand. das mädchen rosy-rosy trägt russenkittel, maxikleider und -mäntel ... wenn du zufällig einen billigen robin hood-hut findest, am besten gebraucht, schwarz oder dunkelbraun, dann bring ihn mit ...«

Tags darauf vermittelte mir ein Mitarbeiter des Melody Maker einige Aufträge, da ich dringend Geld benötigte. Für Top Pops, ein 14-tägiges Musikblatt, das eine deutsche Ausgabe plante, wurde mir gar der Job eines Auslandskorrespondenten angeboten. Schon sah ich mich finanziell saniert. Abends schaute ich mir nochmals einen Auftritt der Jefferson Airplane und Doors im Middle Earth an. Am selben Tag schrieb Wolfgang Längsfeld in der Süddeutschen Zeitung über The Transparent Magic Vacuum Show:

»Amon Düül – Im Münchner Blow Up wurde eine deutsche Pop-Band entdeckt. – ... dass der Abend trotzdem noch zu einem Ereignis wurde, lag an der Musik. Was keiner so recht zu hoffen wagte, ist tatsächlich eingetreten: Deutschland hat eine Popband, die den Vergleich mit Pink Floyd oder Andy Warhols Velvet Underground nicht nur nicht zu scheuen braucht, sondern die sogar ganz sicher besser, einfallsreicher und progressiver ist als diese Stars aus England und Amerika. Unter dem exotisch poetischen Namen Amon Düül präsentiert sich eine Münchner Kommune, deren Mitglieder, so kitschig das klingen mag, unwirklich schön wie Pop-Ikonen sind. Ihre Musik, ein höchst ästhetischer Terror, basiert auf den üblichen Instrumenten des Beat, denen für die geschickt eingeflochtenen Soli allerlei exotische Sitars, Blockflöten oder Bronzeglocken beigegeben werden. Gesang wird nur selten als instrumentale Ergänzung oder in melismatisch rhapsodischer Monotonie, für eine Anrufung Krishnas etwa, verwendet. Überhaupt spielt orientalische Mystik bei den Amon Düül eine große Rolle. Einfache Melodiebögen, meist unisono gespielt, gleichen oft der ornamentalen Symmetrie indischer Mandalas. Daneben eine virtuos gespielte Violine, ganz ungewohnt elektrisch verstärkt wie eine Gitarre. Ihre Soli erzeugen dschungelhaftes Chaos, hin und wieder auch die klare Science Fiction-Schönheit der Ufo-Musik ...«

Drei Tage später, am 9. September, erlebte ich meine erste Superstar-Pressekonferenz. Die Doors hatten gerufen und alle, die in England ein Wort schreiben konnten, waren gekommen. Unprofessionell und durch mein schlechtes Englisch gehandicapt, gelang mir kein Interview. Da machte ich auch zum ersten Mal die Erfahrung, dass Superstars sehr menschlich sein können. Plötzlich saß ich mit Jim Morrison in einer Privatvorführung von Godards Weekend und hatte ein prächtiges Interview. Und am 14. September hatte mich Deutschland wieder und ich den London-Blues. »Those were the days, my friend ...«

Knallvoll mit einem Beat, wie er in Deutschland nicht möglich schien

Wir lebten schnell, alle hatten es eilig, nichts von dem zu versäumen, was man nicht kannte. Jimi Hendrix trat zum ersten Mal im Münchner Big Apple auf, auf der Frankfurter Buchmesse kam es erneut zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Amon Düül hatten inzwischen landauf, landab bereits Hunderten von Jugendlichen den Kopf verdreht. So erinnert sich der Maler und Illustrator Bernd Brummbär: »Ich kam am 1. Januar '68 nach Frankfurt. Da hab ich bei P. G. Hübsch gewohnt und hatte wahnsinnig viel vor. Ich dachte, das kannst du alles in drei Monaten machen, dann hat es ungefähr fünf Jahre gedauert. Unter anderem war da dieses Projekt mit dem Head-Shop ›Heidi Loves You‹. Da hab ich dann die Düüls zum ersten Mal getroffen, das muss so im Sommer gewesen sein. Da kamen sie mit einem großen Armeebus angefahren und hatten die Kinder dabei. Das war ein kleiner Laden, und als die aufgebaut hatten, war der halbe Laden in Anspruch genommen. Als sie spielten, hat mich das wirklich dermaßen überzeugt und begeistert, weil die damals noch so etwas ganz Ur-Germanisches hatten. Das war Walhalla, die Germanen, die Mädchen an den Pauken und der Chris, der hieß damals noch ›Karajani der Teufelsgeiger‹, der dann ab und zu mit diesem arabischen Instrument spielte, wie so ein Schlangenbeschwörer. Ich bin total ausgeflippt, das war dermaßen laut. Und dann diese mantraähnlichen Geschichten. Ich kann meinen damaligen Musikgeschmack nicht mehr so richtig zurückverfolgen, aber wir hatten die besten Platten im Laden, weil wir ja auch Platten kauften, da gab’s die ersten beiden von Zappa, die Jefferson Airplane, Grateful Dead, Pink Floyd, Jimi Hendrix, ja und die Beatles und die Stones«.

Dass nicht nur die Musik der Amon Düül chaotisch war, sondern auch sie selbst, hatte mittlerweile eine Reihe von Leuten erfahren, mal wurde ein Kabelkoffer für den Auftritt vergessen, mal gar ein Mitglied der Gruppe selbst. Mal wurde gut gespielt, mal schlecht, bisweilen auch gar nicht. Auch waren in der Kommune Meinungsverschiedenheiten über Musik- und Lebensformen entstanden. Die Gruppe zerfiel allmählich in zwei Lager. Aus einem weiteren Gedächtnisprotokoll:

Shrat: »Da war dann am Schluss dieses Chaos mit dem Wohnungsbesitzer und wir mussten raus, weil es nicht mehr ging«.

Chris: »Wir waren auf einem Gig und kamen nach Hause und die Wohnung war abgesperrt. Jemand war eingebrochen und hatte alles, was in der Wohnung war, im kleinsten Zimmer bis an die Decke aufgestapelt, von den Marmeladegläsern bis zum Plattenspieler ...«

Shrat: »Und dann war da noch so eine Liege und Bänke und zwei Kästen Bier, und es war ziemlich klar, dass der Besitzer hier mit seinen Freunden ein großes Fest gefeiert hatte. Dann fuhr noch in derselben Nacht eine Abteilung nach Münster, vier Mann, um sich den Besitzer, der da wohnte, zu packen«.

Chris: »Der war aber in der Sauna oder im Schwimmbad und die Mutter sagte, sie weiß von gar nichts!«

Shrat: »Darauf kehrte die Abteilung wieder um und fuhr zurück nach München ...«

Chris: »Da besaß der aber die Frechheit und kam eines Tages wieder. Wollte was abholen, hatte was vergessen. Und wir saßen total stoned in der Wohnung. Der kam also rauf, wir haben alles beobachtet, er ging wieder, stieg in seinen Transit ein. Und in diesem Moment kam uns das erst: – Da ist er ja! – Wir stürzten die Treppen runter und hingen uns noch an seinen Bus, aber da war er auch schon weg!«

Vom 25. bis 29. September fanden die »1. Internationalen Essener Song-Tage« in der Gruga-Halle statt. Warum ich nicht dort war? Weil auch wir immer noch Wohnungsprobleme hatten. Aber auch die Düüls kamen nur zum Teil an. Es war inzwischen zum totalen Bruch gekommen, es gab plötzlich Amon Düül I und Amon Düül II. Amon Düül I zogen nach Happberg am Starnberger See und Amon Düül II – Peter, Chris, Falk, Renate und Shrat – nach Englschalking in ein winziges Haus.

Chris: »Das war der Horror!«

Shrat: »So 30 Quadratmeter. Oben unterm Dach lagen sie Kopf an Kopf wie bei den sieben Zwergen im Märchen. Bett an Bett, geschichtet unterm Dach. Und unten noch ein kleines Zimmer.«

Peter: »Da ging’s zum erstenmal rund ...«

Chris: »Hickehickehackhack ... gegen Shrat, gegen mich, gegen Renate und Falk. Da wurden die Messer gewetzt. Am schlimmsten war Peters Bruder Uli, der zu Amon Düül I abwanderte ...«

Shrat: »Nur Ideologie!«

Chris: »Da habe ich echt das Vertrauen in die ganze Sache verloren.«

Shrat: »Da wurde dann der Zwiespalt aufgebrochen zwischen Ideologie und Tellerwaschen! Die einen sprachen immer noch von ›alle sind gleich‹...«

Peter: »Da tauchten auch irre Aggressionen auf! Dieser kleine Raum, wie in einer Sardinenbüchse. Man konnte nie allein sein.«

Chris: »Man lebte auch nur noch von Kohlköpfen, die man auf den Feldern einsammelte ...«

Shrat: »Jedenfalls gab’s kurz darauf den totalen Wahnsinn. Man ging mit Kronleuchtern aufeinander los. Und wir, Chris, Renate, Falk und ich, der Dieter war noch nicht da und John tauchte bereits am Rande auf, machten eine große Abstimmung. Da wurde Peter eliminiert. Das war kurz vor diesem Festival in Essen. Und da haben wir uns unheimlich geprügelt, wer denn nun von den beiden Gruppen Amon Düül sei und auftreten würde.«

Chris: »Weil die anderen in der Mehrzahl waren und auch die Verträge hatten, Helge, Angelika, Uschi, Rainer Langhans, Uli usw., fuhren die und spielten.«

Peter: »Da hatten sich Amon Düül I schon mit der Kommune I in Berlin zusammengetan.«

Shrat: »Wir waren dann ziemlich allein, wir wussten nicht, was wir machen sollten. Damals sind wir voll in den Seilen gehangen. Chris ist nach Hause zu seiner Mutter, hat da die letzten Kröten auf Kredit genommen. Ich hab auch Geld zu Hause geholt. Und dann sagten wir: gut, wir ziehen jetzt woandershin und machen allein weiter.«

Dennoch fuhren ein paar von ihnen nach Essen zum Festival. Brummbär traf sie dort.

»Ich erinner mich nur noch, dass auf dieses Super-Gruga-Dingsda Amon Düül I vollkommen ausgetrippt war. Und dass immer diese Durchsagen kamen: ›Amon Düül – hören Sie auf zu spielen! Sie müssen umbauen!‹ Sie sollten plötzlich ihre ganze Bühne umbauen, aber alle waren irgendwie auf Acid und völlig weggetreten. Ich machte Lightshow und hatte meine Lichtorgel und den ganzen Kram auch aufgebaut. Dann habe ich wieder abgebaut, da sie ja auf der anderen Bühne spielen sollten, es gab damals zwei, aber die Düüls weigerten sich umzuziehen, weil sie gar nicht mehr dazu in der Lage waren. Uschi Obermaier rannte immer rum und sagte: ›Bist du für uns oder gegen uns?‹ Nur weil ich abbaute, dabei war es gar nicht anders zu machen. Und da traf ich dann auch Chris, Falk, Shrat und John Weinzierl. Shrat war der einfachste von ihnen, der hatte eine so positive Ausstrahlung, der war damals wohl einer der wichtigsten Leute. John war immer ein stiller, hübscher, blonder Junge, der nicht viel sagte, sondern sich zu den Mädchen setzte. Aber Chris und Shrat, die waren es! Die hatten ein Konzept wie das der Grateful Dead-Family. Damals dachte man ja immer, man könnte in fünf Jahren die ganze Welt verändern, keinen Krieg mehr, und alle Menschen lieben sich. Da erzählte mir Chris, sie würden jetzt eine neue Gruppe machen, die sollte »Phallus Dei« heißen. Das war aber dann hinterher nur der Titel vom ersten Album.«

Die Essener Songtage manifestierten den Mythos der Amon Düül, machten sie über Nacht überregional bekannt.

Aber nicht in allen Tageszeitungen lasen sich die Berichte so positiv wie der folgende in der Kölnischen Rundschau vom 3. Oktober mit der Überschrift »Fast 40.000 Besucher erlebten das Fest der Hippies in Essen« ... »Die Revolution fand nicht statt. So etwa könnte man das Fazit der mit Spannung erwarteten Internationalen Essener Song-Tage ziehen, das vier Tage lang in rund 40 Veranstaltungen fast 40.000 Besucher in den ›Ruhrpott‹ lockte. Songs und Sex, Rock und Schock, zum Teil glänzende Musik, zum Teil unverständliches Gestammel. Doch das Protestgeschrei der Interpreten kam beim Publikum nicht an. Das wollte sehen, aber nicht handeln. In große Diskussionen ließ es sich nicht ein. Die US-Band Fugs spielte zwar zünftigen Rock, wirkte aber im übrigen nur ordinär. Genau wie das Kölner Kabarett Floh De Cologne. Die vielen Psychedelic-Shows ermüdeten die Fans ... Krawalle blieben erfreulicherweise aus ... Die Amon Düül aus München waren neben den Mothers Of Invention eine der besten Bands ... Sie haben eine eigene Lebensform entwickelt, indem sie sich zu einer Kommune zusammentaten. Von ihrer Lebensart erzählt die Musik. Sie ist völlig ungehemmt, leidenschaftlich und frei. Für manchen Zuschauer bot diese Gruppe ein ihm völlig unverständliches Bild: Junge Männer mit kunstvoll toupierten oder schulterlangen Haaren in phantasievoller Kleidung musizierten gemeinsam mit ebenso unkonventionell ausschauenden Mädchen in bodenlangen Kleidern. Selbstvergessen wurden die Instrumente bearbeitet: nur eine blonde Musikantin musste manchmal ihr Spielen unterbrechen, um das Kleinkind der Kommunardenband vor dem Sturz von der Bühne zu bewahren oder dem kleinen Blondschopf ein Mikrofon hinunter zu reichen, damit er auch hineinkrähen konnte ...«

In seinem Buch Rock Zeit beschreibt Rolf Ulrich Kaiser, der Veranstalter des Festivals, die Reaktion auf Amon Düül so: »Die Düüls hatten uns im August '68 ein Tonband nach Essen geschickt. Dort bereiteten wir die ›Internationalen Essener Song-Tage‹ vor. Das Band war verrauscht, der Klang stumpf und monoton. Aber es strahlte irgendwas, wer weiß schon was, aus. Wir holten sie zum Festival. ›Wir sind elf Erwachsene und zwei Kinder und haben uns entschlossen, alles gemeinsam zu machen, auch die Musik!‹, schrieben sie in ihrem lustigen, handgemalten Begleitbrief. Acht Erwachsene und ein Kind trafen ein, die anderen – Amon Düül II – waren gerade abgesplittert. Sie spielten einige Male beim Festival. Kein Kritiker kapierte ihre halb- bis einstündigen, einförmigen Rhythmen. Typisch war die Kritik der Frankfurter Allgemeine Zeitung, die vom ›halbstündigen musikalischen Nichts‹ sprach und sich an den ›erotischen Bewegungen der hübschen Rasselschwenkerinnen‹ ergötzte.« Noch auf dem Festival unterzeichnete Amon Düül I einen Plattenvertrag mit Schlagerproduzent Peter Meisel, Entdecker von Drafi Deutscher und Manuela.

Auch in München wurde der musikalische Underground aktiv. So fand am 29. September in der Discothek Crash eine Veranstaltung mit dem kuriosen Titel »Rhythm ’n’ Blues contra Underground« statt, wo einige der inzwischen überall entstehenden Schüler- und Laienbands auftraten. Wenn ich meinem Gedächtnis trauen darf, war auch Embryo darunter. Dagegen schien unser Wohnprojekt nun endgültig zu scheitern. Wolf hatte einen definitiven Rückzieher gemacht, mein Bruder beschloss, zu Wolf nach Bühlertal bei Baden-Baden zu ziehen. Barbara und ich kämpften gegen eine aussichtslos finanzielle Misere an.

»lieber wolf, da sich ja nun unser gemeinsames wohnungsprojekt für die nächste zeit total zerschlagen hat, und barbara und ich bis spätestens 1.11. hier ausziehen müssen, haben wir heute die, wie mir scheint, ideale wohnung für uns beide gefunden. 3 zimmer, küche, bad, beim goetheplatz, miete 330,- wir müssen bis spätestens 15.10. DM 800 für vermittlung, 3 monatsmieten im voraus bezahlen, haben aber momentan absolut nichts, nun frage ich dich, wolf, ob du uns ca. 2.000 DM kurzfristig leihen kannst?«

»liebe ingeborg, ich weiß, dass meine antwort eine bittere nachricht sein muss, die möglicherweise eure pläne total begräbt, aber ich muss euch gestehen, dass ich keinen sous habe, ich lebe von der hand in den mund, werde bald meine zuwendungen hier verlieren, da ich mich total zerstritten habe mit meinen arbeitszulieferanten. habe mir selbst schon geld geliehen, um über den monat zu kommen, zwar bin ich nicht so schlimm dran wie ihr, aber ich könnte euch offen gestanden keinen zehner geben, das gemeinsame wohnungsprojekt sehe ich in der tat auch gefährdet, da ihr euch nicht einmal auf meine zusagen verlassen könntet, ich käme nach münchen. ich finde es offen gestanden jetzt ziemlich gleichgültig, wo man wohnt in dieser republik, die personelle, soziale und kulturelle misere ist überall gleich frustrierend, und zentren, wie wir sie uns überlegt haben, kann man überall aufbauen oder nirgends, es ist immer nur eine frage der leute, die aber wohl in münchen am schwersten zu finden und zu erreichen sind, weil dort die caféhausatmosphäre und enkes schwabing offensichtlich nicht totzukriegen sind ...«

Das war mehr als desillusionierend in jeder Hinsicht, zeigte die Irritation, die bereits die Intelligenzija befallen hatte. Ich aber wollte nicht analysieren, ich wollte handeln. Wir mieteten die Wohnung zu zweit, mit einem über tausend Ecken erbrachten Kredit und viel Optimismus.

Da waren in Mexiko schwere Studentenunruhen vor der Olympiade, wurde der Yippie-Leader Abbie Hoffman vor den »Untersuchungsausschuss für unamerikanische Umtriebe« gestellt und verspottete das Gericht mit einem Sternbannerhemd, dass er sich auf die Brust gemalt hatte. Da wurde Fritz Teufel zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt, gaben die Mothers Of Invention ihr erstes Münchner Konzert im Deutschen Museum, zogen Amon Düül II nach Herrsching und Amon Düül I ins Berliner Hansa-Studio für die erste LP.

Mama Düül und ihre Sauerkrautband spielt auf

Amon Düül I hatte sich in Berlin mit der Kommune I liiert. »Das Zusammentreffen von Kommune Düül und Kommune I war sehr interessant. Im Musikstudio führte es einfach zum totalen Chaos. K 1 bedeutete damals Straßenkampf und Polit-Clownerie. Teufel/Langhans war damals so eine Art groteskes Warenzeichen. Aber das war sehr interessant, denn das waren zwei Exponenten, typische Exponenten würde ich sagen; die K 1 war für Berlin typisch und Amon Düül war für München typisch. Amon Düül war damals viel weniger politisch nach dieser Straßenkampf-Ideologie orientiert, sondern wollte eben mehr ästhetisch verändern. Obwohl wir uns zu der Zeit auch bereitwilligst politisieren ließen, man rannte da offene Türen ein. Politischer Protest und die Suche nach neuen ästhetischen Normen berührten sich. Als dann die K 1 ins Studio einlief und mein Schlagzeug umstellte und sagte: dieses Schlagzeug ist jetzt besetzt – und mit allen möglichen Dingen darauf einschlug, da hab ich gesehen, dass so nie eine Platte entstehen würde, nie etwas Reproduzierbares daraus werden konnte. Da hab ich mich noch am selben Abend entschlossen, wieder auszusteigen und bin zurück nach München. Langhans, Kunzelmann und Teufel hatten mich total entmachtet. Doch Meisel hat alles, was im Studio überhaupt passierte, aufgenommen und später zu weiteren Platten vermarktet.« So Peter Leopold, der einzige Düül-Musiker, der beiden Formationen angehörte. Während aus dem »Nichtreproduzierbaren« dann die Platte Psychedelic Underground wurde, die der deutschen Popszene die unausrottbare Kategorie »(Sauer-)Kraut-Rock« bescherte, nämlich dank dem Songtitel »Mama Düül und ihre Sauerkrautband spielt auf«, hatten Amon Düül II neue Leute um sich geschart. Da kam erst mal John Weinzierl, am 4. 4. 1949 in München geboren, ebenfalls Internatsschüler, und zwar in Hohenschwangau, wo er Falk U. Rogners Bruder Rüdiger kennenlernte. John wurde als Gitarrist eingestellt, für Peter »Leo« Leopold war inzwischen der Hofer Jazz-Schlagzeuger Dieter Serfas mit seiner Frau Margot und Sohn Peter (»der kleine Peter«) eingestiegen. Chris kannte Dieter aus dem Domicile und über Olaf Kübler. Chris: »Es gab also mit John frisches Blut, John der Benjamin, und man überlegte sich so einiges.«

Shrat: »Ich bin dann irgendwann mal kurzfristig ausgestiegen, denn meine einzige Bedingung war, es ist alles klar, solange der Peter nicht mehr mitspielt. Das war, als Dieter kam.«

Chris: »Da war ich damals auch dafür. Denn der Peter stand bei unserem Auszug aus Englschalking wie der Erzengel Gabriel vor der Tür. Ich wollte meine Sachen rausholen, und er meinte: Hier kommst du nicht rein! Der war ganz schön schlimm.«

Shrat: »Er hatte den Kronleuchter in der Hand!«

Peter: »Das weiß ich z. B. gar nicht mehr ...«

Chris: »... doch, doch! Ich hab nämlich noch eine Flasche ins Haus reingeworfen!«

Shrat: »Du hättest ihm beinahe den Kronleuchter auf den Kopf geschlagen. Das wollte er dir nie verzeihen.«

Chris: »In Herrsching besuchten uns anfangs noch die Düül I. Und da ging es dann immer darum, wer die längsten Haare und Mäntel hatte.«

Shrat: »Jedenfalls war ich mal zwei Tage weg, und als ich zurückkam, saß da plötzlich der Peter in Herrsching. Da hatte ich den ersten Knacks schon weg und dachte: Scheiße!«

Chris: »Da stand auch noch ein ›Gig‹ vor der Tür in Düsseldorf oder der war schon vorbei. Mit Dieter Serfas, das war der totale Einbruch. Er hat gejazzt und wir spielten alle dieses Schrumm-schrumm! Und weil der Peter so ganz geläutert, cool und relaxed ankam, wurde er rehabilitiert. Denn wir meinten, dass wir doch einen vernünftigen Schlagzeuger brauchen würden. Wir brauchten zwar einen, der das Metrum hält, das war der Dieter, aber auch einen, mit dem man menschlich klarkommt. Und mit Peter konnten wir das dann auch.«

Shrat: »Damals stellte sich dann auch die Frage: Konzept oder nicht? Das Konzept mit Multi-Media war in Herrsching längst gestorben. Es ging nur noch um die Band. Da spielte auch noch Holger Trültzsch mit, der später zu Popol Vuh ging.«

Chris: »Da hatten wir diese Lightshow-Projekte.«

Zu der Zeit traten Amon Düül II häufig im Jazzkeller in der Türkenstraße auf, der mittlerweile abgerissen ist. Da pilgerte alles hin, was in der Münchner Szene einen Namen hatte oder bekommen sollte. Und da hab ich sie zum ersten Mal live gesehen. Dass ich mich kaum mehr an Einzelheiten dieses Auftritts erinnern kann, sondern nur noch einen überwältigenden Gesamteindruck hatte, erklärt die Wirkung dieser Musik. Ich war völlig paralysiert vom Lärm, vom visuellen Schauspiel der Lightshow, der intensiven Stimmung in diesem verräucherten, runtergekommenen Keller, den ich nach ein paar Stunden mit einem sogenannten »Filmriss« verließ. Ich musste wohl auch die Gruppe angesprochen haben, kann mich aber im Gegensatz zu ihr nicht mehr erinnern. Dass sie damals schon Verfallserscheinungen zeigte, konnte mir nicht auffallen; ich hatte die Ur-Formation nie erlebt und keine Vergleichsmöglichkeit. Peter Kaiser dagegen, der die Uni-Besetzung miterlebt hatte, fand: »Das Charisma, die Magie, die Amon Düül ausmachte, ist eigentlich schon flötengegangen, als sie sich in I und II gespalten haben. Was soll das überhaupt - eine Gruppe spaltet sich in I und II? Das ist doch das Schizophrenste, was es gibt. Man kann das zwar rationalisieren, aber bei diesem ersten Konzert im Lichthof hat eben alles von vorn bis hinten gestimmt. Den Leuten ist einfach der Kopf weggeflogen. Und das waren Studenten, die hatten noch nie was von Popmusik gehört. Und die sind ausgeflippt. Da war eine Identität da: Wildheit, Nonchalance, Kinder trommelten, Frauen trommelten. Das war revolutionär. Alles danach war nur noch Abklatsch, und da fingen die Ego-Probleme an: du machst das, ich dieses!« Für die weitere Entwicklung der Gruppe sollte Peter Kaiser absolut recht behalten. Doch mir flog damals der Kopf genauso weg wie den Studenten im Lichthof. Und ich hatte schon eine Menge Popmusik gehört. Zu dieser Zeit, genauer am 24. Oktober, war in München die Premiere des Hippie-Musicals Hair, und das Amt für öffentliche Ordnung nahm Anstoß an einigen »freizügigen Szenen«. Mit auf der Bühne stand Nando Tischer. Er spielte in der Münchner Band Lovely Pictures, als »beste bayerische Beat-Band« vom Bayerischen Rundfunk ausgezeichnet, und hatte in Volker Schlöndorffs Film Der junge Törless mitgewirkt. Und er sollte sieben Jahre später Mitglied der Amon Düül II werden.

So war der Oktober vergangen, und Barbara und ich zogen am 31.10. in unsere erste eigene Wohnung. Für den Umzug hatten wir jemanden vom Studentenschnelldienst angeheuert. Dieser Jemand hieß Rüdiger Nüchtern. Rüdiger war Student an der Hochschule für Fernsehen und Film und wohnte noch bei seinen Eltern. Doch nachdem wir den Plattenspieler, einen alten Dual-10-Plattenwechsler, installiert hatten und mit einigen Freunden zwischen Kisten und Kartons den Einzug feierten, blieb er gleich als neuer Mieter da. Das war Allerheiligen. Mit 24 Grad zeigte sich der November als der mildeste seit 1899; Gott sei Dank, denn die Wohnung war nur partiell zu beheizen, und wir hatten ja kein Geld mehr. An diesem Tag begann in Nordvietnam der Waffenstillstand und bei uns der Krieg mit der Hausbesitzerin. Wir sahen eben für die damalige Zeit verboten aus, vogelwild, wie die Leute in München sagten; unsere Wohnung hatte die für Kommunen damals übliche, spartanische Antikonsumeinrichtung: keine Vorhänge, Matratzen auf dem Boden, weiße Wände, Plakate und Schallplatten. Ein mörderischer Winter stand uns bevor, von dem wir, vorerst enthusiastisch, noch nichts ahnten. Die Düüls begannen ihre legendären Montagsauftritte im PN an der Leopoldstraße, jeweils um 22 Uhr 30. Der Club-Besitzer Peter Naumann: »Ja, die haben über ein halbes Jahr hier jeden Montag gespielt. Der Montag wurde speziell den Münchner Gruppen zur Verfügung gestellt. Und mit Amon Düül II kam ich zu dem Arrangement, dass sie auf eigenes Risiko spielten, d.h., sie machen eigene Werbung, etc. Und dann wurde nach Umsatz abgerechnet. Es gab keine Festgage. Das erste halbe Jahr war es so unglaublich voll, da waren abends bis zu 500-600 Leute da an Spitzentagen. Da haben die dann auch gut verdient. Relativ gut, vielleicht so zwischen 800 und 1800 am Abend. Für einen Montag war das ganz enorm. Dann wurde es schlechter. Die hatten immer Streit, und auch der Besucherstrom ließ nach. Und dann wurde auch die Qualität der Musik schlechter, die Band fiel teilweise auseinander. Damals spielten die wohl zu siebt mit zwei Schlagzeugern. Das hat’s wirklich gebracht. Das hat hier gedampft wie im Urwald. Und dieser stampfende Rhythmus, das war die Faszination der Amon Düül. Anfangs waren die gar nicht so superlaut. Es war ein relativ guter, voller Sound. Da lief einem so richtig der Schauer über den Rücken. Mir ging’s jedenfalls so. Und dann kamen diese ganzen Gestalten in den langen Mänteln an, die man damals trug. Und fingen mit den Hasch-Geschichten an. Da wollte ich die auch nicht mehr hierhaben. Der Abrechnungsmodus war klar. Anfangs hab ich immer mit dem Shrat verhandelt, später kamen dann auch die anderen haufenweise ins Büro.«

Und Shrat erinnert sich: »Von den PN-Gigs sollte jeder anders werden. Das erste Plakat, das wir dafür machten, ist nach wie vor das Beste, das wir je hatten, obwohl man nichts drauf lesen konnte.«

Die neue Wohnung brachte uns nichts als Ärger. Der Goetheplatz war nicht in Schwabing, wo die Leute schon immer etwas extremer und toleranter lebten, sondern eine reine Kleinbürger- und Gastarbeitergegend. Vorurteile gegen Langhaarige, Gammler und Hippies machten einem das Leben schwer. In vielen Läden wurde man nicht bedient, in manche Lokale gar nicht erst reingelassen oder so provoziert, dass man freiwillig das Weite suchte. Und Barbara entpuppte sich bald als stockbiederes Mädchen mit allerlei Macken.

Eines Tages strich sie die Fensterrahmen grün und rot, und zwar auch außen. Ab da hatten wir in der Wohnung keine ruhige Minute mehr. »Puff«, sagten die Hausbewohner und schnitten uns. Tagsüber ging ich mit Rüdiger beim Studentenschnelldienst jobben, abends standen wir meist im Bungalow am Flipper. Der Bungalow in der Türkenstraße, auch inzwischen abgerissen, war der absolute Treffpunkt der Münchner Szene. Dort planten die Studenten der Filmhochschule ihre ersten Filme, wurden Deals aller Art gemacht, gingen Filmemacher Klaus Lemke, May Spils, Schauspieler wie Rolf Zacher und Musiker ein und aus. Das Bungalow war ein Umschlagplatz für ideelle und materielle Güter. Die Typen in ihren langen Ledermänteln und mottenzerfressenen Pelzen, in Schlapphüten und dunklen Sonnenbrillen, die Mädchen in einer Mischung aus Revolverbraut und dekadentem Vamp, saßen verschwörerisch zusammen wie ein Geheimbund. Mein Bruder hatte sich inzwischen im Bühlertal eingerichtet und schrieb Mitte des Monats: »es freut mich, dass ihr nun doch ein sicheres und offensichtlich lustiges dach über dem kopf habt. …. hast du übrigens versucht, bei der neuen zeitschrift underground unterzukommen?«

Nun, so sicher und lustig war das Dach eben nicht, unter dem wir wohnten. Aber es gab andere Aufenthaltsorte: im Blow Up spielten die Pink Floyd und es war das beste Konzert, das ich je von ihnen gesehen habe. Einige Tage später traten die Bee Gees mit einem 40-Mann-Orchester im Deutschen Museum auf, und die Leute standen Kopf: Orchestermusiker und Pop? Musste man die Popmusik nun doch ernst nehmen, war sie dabei, in die Kulturdomäne einzudringen? Drei Tage später ging an meinen Bruder ein Brandbrief: »barbara hat mich heute so gut wie aus der wohnung geschmissen ... zu meiner sorge, bald einen job zu finden, kommt nun auch wieder das wohnungssuchen, und zwar bis zum 1. 12., falls du eine möglichkeit sehen solltest, wie ich aus der geschichte herauskommen kann, ruf bitte nach 19.00 an.«

Rüdiger und ich hatten nun neben der Hausbesitzerin auch noch Barbara als Gegnerin, die den »chaotischen Zuständen« ein Ende bereiten wollte. Denn wie bei allen Kommunewohnungen gingen auch bei uns immer mehr Leute ein und aus, saßen völlig Unbekannte in der Küche und leerten den Kühlschrank oder mit Kopfhörern bei der Stereoanlage, wenn nicht gar im eigenen Bett. Weder Rüdiger noch mir gefiel das, aber wie sollte man sich durchsetzen ohne gleichzeitig als »spießig und bürgerlich« verspottet zu werden? Die »guten Freunde aus dem Underground« mussten nicht wie wir morgens jobben gehen, sondern machten sich darüber auch noch lustig. Außerdem, was heißt hier Privatbesitz? Alles für alle, Konsumgüter sind für die Allgemeinheit da! Bücher, Zeitschriften, Schallplatten, Klamotten, sie verschwanden schneller, als sie kamen. Und die Telefonrechnung stieg ins Astronomische. Wenn es ans Bezahlen ging, waren die »guten Freunde aus dem Underground« längst weitergezogen. Die Subkultur hatte eine neue Form des Schmarotzertums hervorgebracht, jederzeit ideologisch belegbar.

Desperados - With A Little Help From My Friends

Am 20. November schrieb mein Bruder einen Lagebericht zur Frankfurter Szene: »das kann doch nicht wahr sein, dass es bei euch so wüst und enervierend zugeht, da kann man ja richtig angst kriegen, ich erlebe zwar in frankfurt auch eine menge von konflikten und pathologischen sachen, doch die rühren eher aus einer völlig gegenteiligen situation. da hier alle hochgradig anti-autoritär eingestellt sind und ein extremes gemeinschaftsbewusstsein entwickelt haben, herrscht in der gruppe, in der wolf und ich verkehren, eine überempfindlichkeit, die am laufenden band zu kleinen katastrophen führt. stundenlang wird darüber diskutiert, ob man mit einem mädchen noch verkehren soll, das sein kind nicht in den sozialistischen kindergarten tut und in harten worten den anderen müttern vorwirft, die erziehung im sds-kindergarten tauge momentan noch nicht viel. oder du sitzt in einem lokal mit ein paar leuten und unterhältst dich mit einem bekannten über einen film, den ihr gerade gesehen habt. am nächsten tag erfährst du, dass sich ein mädchen, das dabeisaß, darüber beschwerte, nicht ins gespräch miteinbezogen worden zu sein, du würdest sie offensichtlich mit absicht ignorieren. die leute rufen sich denn auch nachts um zwei uhr noch an, weil sie ein problem haben, mit dem sie nicht alleine fertig werden. im vordergrund stehen freundschaften und das leben in der gemeinschaft. wer sich zurückzieht, muss das rechtfertigen oder wird privatistischer neigungen und eines anti-sozialen verhaltens beschuldigt. eine eigenartige auseinandersetzung, die dir ziemlich verrückt vorkommen wird, gab es kürzlich. es ging um eine große kommune, die im nächsten jahr gegründet werden soll. dabei entstanden zwei dominierende fronten, die einen wollten in die kommune nur leute aufnehmen, mit denen jeder einverstanden ist, die jeder für interessant und unproblematisch hält, und von denen nicht zu erwarten ist, dass sie große spannungen und kontroversen in die gruppe und deren leben bringen werden. die anderen wollen auch leute aufnehmen, mit denen nur einige einverstanden sind, die zwar interessant, aber auch schwierig sind, und mit denen es nicht immer leicht sein wird, reibungslos auszukommen. die ersteren wollen einen club von ›beautiful people‹ mit ziemlich gleichen interessen und lebensansichten, die zweiten eine gruppe ernsthafter leute, die vielfältige interessen und lebensweisen präsentieren und ein modell für die lösung gesellschaftlicher konflikte darstellen sollen. die beautiful-leute nennen die anderen spöttisch ›genossen‹, die mehr sozial ausgerichteten ihre kontrahenten ›bürgerliche‹. solange diese situation nicht gelöst ist, wird es zu der beabsichtigten kommune nicht kommen. in einer scharfen attacke hat dann einer die ursachen dieser frontstellung zu klären versucht. er griff die bürgerlichen hart an und warf ihnen vor, die revolution, von der ein stück in dieser kommune verwirklicht werden soll, sei für sie ja nur ein abenteuerliches spiel, während sie für die genossen eine todernste angelegenheit sei. dieser zwiespalt ließe sich aus der herkunft der jeweiligen leute erklären, die ›bürgerlichen‹ hätten fast alle noch kontakt mit ihren eltern, mit eltern, die ihnen den kauf eines autos finanzierten, die wohnungseinrichtung und das studium, mit eltern, die ihnen jederzeit aus ernsthaften finanziellen schwierigkeiten helfen würden. wenn für sie das experiment der kommune misslingen würde, dann wäre das keine katastrophe, sie könnten ja jederzeit zu ihren eltern und damit ins bürgertum zurück. sie seien also nichts anderes als desperados, die auf ein abenteuer ausziehen, das sie jederzeit wieder ohne große einbuße abbrechen könnten. anders sieht es bei den ›genossen‹ aus. sie haben kein zuhause, in das sie sich wieder retten können, sollte etwas schiefgehen. ihnen geht es nicht darum, aufregend zu leben, sondern in erster linie menschenwürdig. allerdings soll das keine kommune nach dem berliner oder hamburger muster werden, wo alle in ein paar zimmer zusammengepfercht hausen. wir haben gerade eine villa mit fünfzehn zimmern, vier bädern und drei küchen in aussicht. einziehen sollen ebenso viel mädchen wie ›typen‹, so sagt man in ffm zu männern; insgesamt denken wir an etwa zehn personen plus zwei, drei kleinere kinder, die miete soll pro zimmer nicht hundertfünfzig übersteigen. ein aufenthaltsraum mit fernsehen, stereoanlage, zeitschriften und nachschlagebibliothek, eine art informationszentrum ist vorgesehen, damit sich nicht jeder die sachen kaufen muss … um diesem langen brief endlich ein ende zu machen: wenn ihr nicht mehr als drei personen seid, könnt ihr gerne mal kommen. ich kann euch allerdings nur für tage oder wochenenden einladen, an denen wolf in frankfurt ist, weil ihr ihn sonst bei der arbeit stört. ... schöne grüße an den ganzen verein.«

In unserer Wohnung war mittlerweile der »kalte Krieg« ausgebrochen. Barbara hatte Rüdiger und mich aus dem großen, beheizten Gemeinschaftsraum ausgesperrt, wo u.a. auch das Telefon installiert war. Um Strom für den elektrischen Heizofen zu sparen, flüchteten wir in warme Kneipen. Auch die finanzielle Lage hatte sich zugespitzt. Deshalb nahm ich einen Halbtagsjob in einer Musikalienhandlung an. Es wurde ein strenger Winter und in der Wohnung bitterkalt. Ende November kam mein Bruder nach München. Mit einem Konvoi von drei Autos brach »der ganze Verein« Richtung Bühlertal auf, um dort ein Wochenende auf dem Land zu verbringen. Auch die Filmemacher Klaus Lemke und Veith von Fürstenberg waren dabei. Wir hatten jede Menge Musik, darunter auch ein Live-Tonbandmitschnitt der Amon Düül II, aufgenommen im PN, reichlich zu rauchen und beste Laune. Es wurde ein Traumwochenende im tiefverschneiten Bühlertal, über dem das Haus wie ein verwunschenes Märchenschloss lag. Nach der kalten, aussichtslosen und enervierenden Zeit in München lebten wir endlich wieder wie Menschen. In der kleinen Besuchergruppe entstand ein seltenes, unheimlich intensives Zusammengehörigkeitsgefühl. Bei endlosen Teezeremonien schmiedeten wir neue Pläne, hörten die neuesten Westcoast-Platten von Ultimate Spinach, Grateful Dead und Jefferson Airplane, redeten und rauchten uns die Köpfe heiß, die wir anschließend draußen bei Schneeballschlachten abkühlten. Die permanente Hochspannung der letzten Monate wich einer kreativen Entspannung. Voll neuer Energie und Zuversicht kehrten wir nach München zurück. Und dann kam am 1. Dezember ein Brief von meinem Bruder: »nun ist es also soweit: wolf hat mich rausgeschmissen, d. h. er verlangt, dass ich umgehend seine wohnung verlasse. zu erklären ist das ganz einfach, auch wenn es völlig verrückt ist: er wollte mich schon am samstag anrufen, ich möchte doch mit meinen ganzen münchner freunden wieder nach münchen zurückfahren, so ganz einfach. sein wochenende in ffm stand unter dem zeichen von spekulationen, was wohl in der wohnung in bühlertal passiert, ob die leute nicht die wohnung verwüsten, ihn im ort unmöglich machen, usw. schließlich machte mir wolf den vorwurf, mich in münchen mehr um freundschaften zu kümmern als in ffm, wo ich ja schließlich hinwolle.«

Nun waren wir alle an dem Experiment mit neuen Lebensformen kläglich gescheitert und dementsprechend ernüchtert. Zugleich war es nur die erste von vielen mühseligen, nervenaufreibenden und desillusionierenden Erfahrungen. Es hätte ja auch gutgehen können, keinem war ein Vorwurf zu machen, wir waren alle überfordert von dem, was auf uns einstürmte, von dem, auf das wir uns einließen. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität musste so krass werden, schließlich hatten wir alles auf einer theoretischen Basis gestartet. Das Misstrauen hatte sich aber dennoch bereits in die eigenen Reihen eingeschlichen, die Fehler des verhassten alten Systems kamen leise durch die Hintertür des neuen. Rüdiger hatte mit Veith von Fürstenberg meinen Bruder aus seiner Isolation im Bühlertal befreit und nach München zurückgeholt. Da meldete sich am 6. Dezember auch Harald wieder aus Hamburg und berichtete von der Eröffnung ihrer Boutique Doll und anderen Projekten. Begeistert antwortete ich: »sind ja tolle sachen, die da in hamburg steigen, freue mich wirklich, dass alles so schnell geklappt hat. ich versuche gerade mit einigen leuten hier in münchen eine art agentur für popveranstaltungen ins leben zu rufen. letztes wochenende war ich mit rüdiger, lemke und einigen anderen leuten bei siggi. wir haben eine menge pläne geschmiedet, da siggi nun wieder in münchen ist. vielleicht zieht er auch bald nach hamburg. solltet ihr zufällig an einer unglaublichen band interessiert sein, lasst es mich wissen, die ›amon düül‹ aus münchen sind sensationell, heute abend spielen sie hier samt lightshow in der akademie.« Es wurde eines der letzten Akademie-Feste, die mit Happenings, Filmvorführungen, Kunstaktionen und Musik die Münchner Desperados angelockt hatte. Nur noch eine Inschrift im Lichthof der Universität erinnerte an die vergangenen Musik-Polit-Aktivitäten: »Amon Düül was here!«

»Spielen die Amon Düül II im Münchner PN, und man steigt hinab in den Keller, der ja mehr einer rauchigen Katakombe von Verschwörern gleicht als einem Lokal, bietet sich einem ein bemerkenswertes Bild. Kaum jemand tanzt, kaum jemand sitzt – fast alle Anwesenden stehen versteinert, kaum einer rührt sich«, beschrieb Klaus Lea in der Zeitschrift Planet 1969 die folgenden PN-Auftritte der Band. Auch Gerd Stein gehörte inzwischen zur treuen Fan-Gemeinde. »Dieser Auftritt bei der Notstand-Demo hatte mir einen so starken Impuls gegeben, dass ich völlig durcheinander war und mit Freunden drüber redete. Dann hab ich zu ihnen gesagt, ihr müsst in diesen Jazzkeller in der Türkenstraße mitgehen. Und es war wahnsinnig absurd und faszinierend. Ich wollte irgendetwas machen, die einzige Möglichkeit, die ich hatte, war das Fotografieren. Und da bin ich zu denen hin, das war dann im PN, und das war ein komisches Verhältnis. Die waren so ausgeflippt und ich war so spießig und hatte richtig Angst vor denen. Ich kam mir unheimlich konservativ vor. Warum? – Das war ihr Geheimnis und ihre Macht. Ich hatte das Gefühl minderwertig zu sein, obwohl das verrückt war. Aber intuitiv wusste ich, das ist eine Chance und die musst du nehmen. Und das haben die auch gespürt und konnten es nicht abblocken. Da waren vorher Fotos von denen gemacht worden und die waren beschissen, das war mein Glück. Und weil da innerlich so viel bei mir passierte, wurden die ersten Fotos, die ich von den Düüls gemacht habe, wahnsinnig gut. Danach hab ich nie wieder so gute Fotos von denen gemacht. Das war der Einstieg. Und die sind auf die Fotos ausgeflippt, und es war ein starker Kontakt da. Und ich fand, das könnte nur noch viel besser werden. In Wirklichkeit ist es dann immer mehr bergab gegangen. Da kamen die ganzen anderen Einflüsse dazu. Sie haben mich nach Herrsching eingeladen. Da kam ich rein in dieses Haus, diese Küche, die war so was von dreckig, doch das hab ich erst mal übergangen. Es fehlte mir noch einiges, als dass mir dabei schon was klargeworden wäre. Und dadurch war ich den ganzen Sachen schon ein bisschen ausgeliefert. Man hat sich den Düüls so in die Hand gegeben, anvertraut. Und das konnten sie wiederum nicht handhaben, und dadurch entstanden diese persönlichen fatalen Verstrickungen. Das ist sehr schade gewesen, weil es einerseits den Vorsprung, den sie hatten, auffraß, und andererseits kreativ nichts mehr entstehen ließ. Das war die Blockade. Am ersten Abend, das weiß ich noch genau, hat sich der Peter Leopold hingesetzt und bis vier Uhr morgens auf mich eingeredet. Und die anderen sagten, das wäre immer so. Der wollte auch keine Antwort, der wollte sich eben nur alles wegreden. Und damit war das auch erledigt. Von dem Abend an hatte ich mit ›Leo‹ nie mehr was zu tun gehabt. Doch für mich war das neu und toll, und ich hab gar nichts dagegen tun können. Ich war ausgeliefert.«

Rüdiger und mir ging es nicht anders. Irgendwie spukte schon das Filmprojekt in seinem Kopf, obwohl keiner darüber sprach. Wir fühlten uns nie zugehörig oder anerkannt, wollten partout ihre Freundschaft gewinnen und taten alles dafür. Ich schrieb fieberhaft Artikel um Artikel über die »Band aus dem Untergrund« und schickte sie an sämtliche deutschen Zeitungen. Die meisten bekam ich zurück wie den folgenden, für Konkret gedachten: »Draußen in Herrsching – 20 Meilen vor München – über dem Ammersee – entsteht eine neue Musikwelt. Ein neuer Sound wurde gefunden, von dem bald die gesamte Jugend sprechen wird – der Sound von Amon Düül II. Sie selbst können ihn nicht beschreiben, nur spielen. Vergleiche existieren nicht: exotisch und beschwörend wie die Gesänge der Medizinmänner klingt er uns, geheimnisvoll und lähmend wirken ihre Auftritte ...«

Aufregende Anfänge mit Sixty-Nine

Wer damals eine Geschichte mit und über Amon Düül II machen wollte, der musste sich in Geduld üben und ihre Maßstäbe akzeptieren. Wer dafür keine Zeit aufbrachte, der war von vornherein suspekt – ein Etablierter, einer aus dem System, das man hasste und bekämpfte. Aber wenn sich jemand zu einem »Interview« entschloss, stellte er verblüfft fest, dass die Band sehr wohl in der Lage war, sich zu artikulieren. Hatte man jedoch zu einem Musiker Kontakt gefunden, dann durfte man sich der Intrigen der übrigen sicher sein, denn trotz ihres proklamierten Gemeinschaftssinnes bestand Amon Düül II immer aus extremen Individualisten. Das Image, das in jener Zeit entstand, scheint noch heute untrennbar mit der Band verbunden, so wie auch bei Grateful Dead, einer ihrer größten Vorbilder. Mit diesen hatten sie viel gemeinsam, aber das, was sie nicht gemeinsam hatten, fehlte ihnen haargenau, um den Schritt ins professionelle Lager zu schaffen – eine starke, dominierende und als Autorität anerkannte Persönlichkeit wie Jerry Garcia. Über ihr zwiespältiges Verhältnis zu Autoritätspersonen werde ich später, anhand diverser Gespräche mit Leuten aus der Band und ihrem Umfeld, eingehen.

Ende des Jahres erschien in Konkret von Werner Schmidmaier ein Artikel »Revolution aus Deutschland«. Darin konnte man u. a. lesen: »Anfang 1969 wird eine neue Platte auf dem Musikmarkt erscheinen, die eine neue Ära des Schaugeschäftes einleiten soll: nach dem Beat und seinen Ausläufern feiert die ›Percussion‹ ein lautstarkes come-back. Ihre Geburtshelfer: die acht Männer, drei Mädchen und zwei Kinder der Amon Düül, Deutschlands erster Musik-Kommune ... zusammen waren sie aus dem Internat gegangen, zusammen aus der Malklasse des Happening-Akademikers Waki Zöllner ausgeschieden ... geheimnisvoll bleibt, woher plötzlich die Geschenke kommen: ein Mini-Cooper und ein Transportbus, Verstärker, Instrumente, eine größere Wohnung am Prinzregentenplatz. Die Kommune entwickelte sich unaufhaltsam zur Musikfarm ... die etablierten Show-Experten ignorierten sie. Felix Schmidt vom Spiegel fand sie »unmusikalisch«, ganz zu schweigen von Bravo. Die jungen Schreiber jedoch lobten sie.: … Die unterschiedliche Auffassung bei ›Pop-Experten‹ und Jungjournalisten mochte von der Informationspolitik der Amon Düül herkommen: Grundsätzlich widerborstig, mit einer paranoiden Scheu vor Fotografen und Interviewern, konnte kein Journalist je eine Auskunft aus ihnen herauslocken. Die jungen Kritiker dagegen warteten nicht auf Auskünfte der Amon Düül, sondern hörten mit eigenen Ohren hin. Und sahen: wenn die Amon Düül-Bunnies im zuckenden Licht-Flash die Hüften und die Tambourins schwingen und die Papua-Köpfe der Amon Düül-Männer über der ohrenbetäubenden Kombination von sechs zugleich geschlagenen Trommeln wippen ...«

Auch Herr Schmidmaier schien keine Auskünfte von der Band erhalten zu haben, denn allein in den wenigen zitierten Zeilen seines langen Artikels stecken mehrere Fehler und Mutmaßungen. Einige werden als Legende wohl ewig weiterbestehen, selbst mir ist es trotz jahrelangem Kontakt zu den Musikern nicht gelungen, all die Unstimmigkeiten zu entwirren. Die Herkunft der »Geschenke« war allerdings nicht besonders geheimnisvoll: sie kamen von den Eltern, wurden mit Erbschaften oder Studiengeldern finanziert.

Bei uns war die Lage in der Wohnung inzwischen absolut unerträglich geworden. Aus diesem Grund flüchteten wir am 28. Dezember per Autostopp nach Frankfurt zu Rüdigers Schwester Anna und ihrem Mann Jürgen Ploog. Bei den polaren Temperaturen, die herrschten, ein selbstmörderisches Unternehmen, das zeigt, wie verzweifelt wir waren. Außer einer Flasche Rum und der obligatorischen Amon Düül-Kassette hatten wir nicht viel bei uns. Ein Vertreter für Damenunterwäsche (ist wirklich wahr!) nahm uns mit. Er war ein netter Mensch und spendierte uns sogar einen Imbiss in einer Autobahnraststätte. Die Ploogs waren für uns so etwas wie die »Stimme Amerikas«. Jürgen Ploog, hauptberuflich Lufthansa-Pilot, Kenner der Beatnik-Literatur und selbst Cut-up-Autor und Mitherausgeber der Zeitschrift Gasolin, war immer bestens informiert. In der behaglichen großen Wohnung gingen Frankfurts Künstler, Literaten, Politgrößen und so mancher heimatlose Hippie ein und aus. Kaum angekommen, saßen wir schon über einem neuen Buchprojekt. Nova Beat sollte es heißen, über Musik, Psychedelic, alternative Szene, Drogen und Comics informieren. Leider ist es nie gemacht worden, obwohl wir schon zu Melzer und anderen Verlagen durchgedrungen waren. In Frankfurt fiel uns ein handgemaltes, völlig ausgeflipptes Plakat auf, dass für Silvester-Abend die Eröffnung eines gewissen underground in Anwesenheit der Münchner Gruppe Amon Düül II unter dem Motto »sixty-nine« ankündigte. Das underground befand sich in einem Keller am Herrenufer, runtergekommen, verräuchert und ungemütlich heiß. Nach einer langen Verspätung und etlichen Debatten legten Amon Düül II dann endlich los. So kompromisslos, aggressiv und angriffslustig habe ich sie danach nie mehr gehört. Der ganze Keller schien sich in Nichts aufzulösen. Rüdiger und ich waren von der Lightshow wie hypnotisiert. Da sagte er zum erstenmal: »Stell dir das mal als Film vor!« Und damit war das mit dem Film eine beschlossene Sache. Aber wir wussten, wie misstrauisch die Düüls Medienleuten gegenüber waren, seit Gott und die Welt an ihren Rockschößen hing. Als erstes sprach ich mit Renate, weil sie mir schon im PN und in Herrsching am zugänglichsten schien: Wir haben dann wohl auch einen Termin in München verabredet, aber es war alles sehr vage. Die Nacht ging in einem wilden Happening unter – so taumelten wir in das Jahr 1969. Viel später erfuhr ich, dass Brummbär der Veranstalter von »sixty-nine« war: »Ich hatte die Düüls ja schon vorher ziemlich oft engagiert. An diesem Abend kamen sie zu spät, weil sie im Schnee steckengeblieben waren. Die Leute waren deshalb ziemlich sauer. Und am Schluss ist das ja ein totales Freak-Out gewesen; alles stand um die Mikrofone herum und sang mit. Ja, das war schon ein Eröffnungsfest! Der Typ, dem das underground gehörte, wollte nur die Hälfte der Gage bezahlen, weil die Düüls zu spät kamen. Der hat einen Riesenterror gemacht und das ist in einen totalen Streit ausgeartet. Der war wohl ein wenig ankriminalisiert, wie eine Menge Leute damals, die wohl dachten: Pop-Business = Millionen. Ich habe die Lightshow gemacht. Und mit Louis Tratter, einem Frankfurter Filmemacher, hatte ich auf dem Müll einen ganzen Berg Tonbänder gefunden, und die haben wir für das Silvester-Happening verwendet. Wir haben sie alle aufeinander auf Stöcke gestellt und dann rieselte das Zeug automatisch auf die Leute runter. Und dazu hatten wir die ersten Stroboskop-Lampen in Deutschland. Und dann war da noch so eine Bauplastik, 4 mal 5 Meter, die haben wir über den Leuten entfaltet und drüber das Strob-Licht angemacht. Das war ein wahnsinniger Effekt. Der Keller dort war ziemlich abgefuckt, man hatte zwar die Ziegelsteine abgekloppt, aber dadurch sah’s auch nicht besser aus. Auf dem Plakat hatten wir alle möglichen Leute angekündigt, z. B. diesen Sexualmenschen Oswald Kolle. Das war natürlich nur Blödsinn. Louis Tratter war wirklich der Oberwahnsinnige. Der lief dauernd mit seinem Projektor rum und hat die Leute damit angeleuchtet. Der nannte das Filmvorführen. Es waren etwa so 300 Leute da, wirklicher Frankfurter Underground.«

Tags darauf fuhr ich mit den Düüls in Peter Leopolds rotem Mini nach München zurück. Für Rüdiger war kein Platz mehr, der musste wieder trampen. Wer noch alles im Auto saß, weiß ich nicht mehr, aber John Weinzierl war sicher dabei, und alle waren voll auf Drogen. Der Rest fuhr mit dem Bandbus hinterher und war plötzlich verschwunden. Es herrschte scheußliches Schneetreiben und Leo fuhr über die ausgestorbene Autobahn als sei’s eine Rennpiste. Geredet wurde wenig, bis wir plötzlich stehenblieben. Etwas war mit der Lichtmaschine nicht in Ordnung und wir waren schon die ganze Zeit ohne Licht gefahren. Ohne Licht und Warnschild schoben die Düüls den Mini erst mal rückwärts einen Hügel hoch, stiegen ein und ließen ihn auf der Überholspur zurückrollen. Als sich dieses Manöver etwa fünfmal wiederholt hatte, sprang der Motor endlich an. Ohne weitere Zwischenfälle erreichten wir die Autobahnausfahrt München, dann war das Benzin alle.

Keiner hatte Geld. Da erinnerte sich Leo an ein anderes Auto der Band, das ebenfalls mit einem Defekt, aber mit vollem Benzintank, irgendwo in der Nähe geparkt war. Es war schon Morgen, als ich in meiner kalten Wohnung halberfroren eintraf. Neujahr war eine ziemlich kühle Angelegenheit. Auf dieser schneeverwehten Autobahn zwischen Frankfurt und München hatte ich einen Schwur geleistet: Sollte ich jemals wieder heil nach Hause kommen, dann musste schnellstens der Amon Düül-Film gemacht werden und irgendwann auch ein Buch über Amon Düül II.

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