Kitabı oku: «Der Balancierer – Mein Leben mit Epilepsie»
Dr. Ingeborg Wressnig
Der Balancierer
Mein Leben mit Epilepsie:
Die Entwicklung der Psychotherapie
in Österreich 1974–1994
Leykam
Mein Dank geht an
meine Schreibpädagogin Birgit Krenn,
die ersten Leser meines Manuskriptes: meinen Mann Kurt,
meine Töchter Katharina, Anna und Barbara.
Gerald, Uta
Herta, Thordis, Nicole, Rudi, Guido
Arthur Kullnig und
meine Lektorin Frau Mag. Elisabeth Klöckl-Stadler.
Sie alle haben mich ermutigt, mein Buch zu veröffentlichen.
Der Reinerlös des Buchverkaufs kommt dem
Institut für Epilepsie in Graz, Georgigasse 12,
zugute.
Erfolg haben heißt,
einmal mehr aufstehen, als man hingefallen ist.
(Winston Churchill)
1. Traum: Unschuld
Da stand das kleine Mädchen mit seinem roten Lockenkopf. Sein nachdenkliches Gesicht, die winzigen Fältchen auf der Stirn. Seine neugierigen Augen waren auf die singenden Geburtstagsgäste gerichtet. Löwen, Elefanten und Bären aus Zucker schmückten die Geburtstagstorte. Seine mutige Hand, zwischen Neugierde und Skepsis, Freiheit und Anpassung hin und her gerissen, steuerte direkt auf den Löwen zu. Die Hand der Mutter bremste es. Die Wunderkerze fehlte.
Der Rotschopf verwandelte sich in eine Schnecke. Die Schnecke lief Gefahr, von Menschen, Autoreifen, Gift zerstört, zerquetscht, aufgelöst zu werden. Das wollte ich nicht. Ich ging auf sie zu, legte sie auf die Hand und brachte sie in den Weingarten. Dort setzte ich sie auf den Boden und baute ihr ein Schneckenhaus. Sie brauchte Schutz.
Ich wurde gerufen, musste zu den Geburtstagsgästen nach oben, drehte mich um und blickte noch einmal zurück. Ich vermisste meine kleine unschuldige Schnecke, die mehr und mehr einem Regenwurm ähnelte. Jetzt war er verschwunden, verzweifelt rief ich nach dem kleinen Wurm. Panische Angst, ihn zu verlieren, trieb mich durch die Weinhänge. Ich begann zu laufen, zu schreien, bis ich die nasse Decke von mir warf und an einem ganz normalen Tag im November erwachte.
1. Teil
Strafmandat
Ich hatte es eilig. Zuerst musste ich die Uhr zum Uhrmacher, dann das Geld auf die Bank bringen. Milch, Gemüse, Joghurt, Obst einkaufen, Waschmittel, Badezimmerreiniger, Taschentücher besorgen. Das Rezept abholen, für Georg das Auto zum Mechaniker bringen. Wo fand ich einen Parkplatz? Es würde nur fünf Minuten dauern, um die Uhr abzugeben, also stellte ich mich in die Ladezone. Ich legte die Uhr auf das Ladenpult, teilte der Verkäuferin meine Telefonnummer mit, drehte mich um und huschte hinaus. Da standen sie, die beiden Herren von der Polizei.
„Na, Fräulein, stehen wir schon eine halbe Stunde in der Ladezone?“
„Nein, fünf Minuten.“
„Das glauben aber auch nur Sie.“
„Das glaube ich nicht, das weiß ich.“ Ich blickte auf die Uhr. Leider hatte ich keine mehr an meinem Handgelenk.
„Na, was zeigt Ihre Uhr?“
„Ich habe sie vor fünf Minuten in den Laden getragen, um sie richten zu lassen.“
„Und wie können Sie dann wissen, dass es nur fünf Minuten waren?“
„Bitte hören Sie auf mit Ihren Machtspielen.“
„Na, Sie sind ja ganz schön emotional aufgeladen, normal ist das nicht mehr, Sie gehören ja in die Psychiatrie!“
„Kann ich bitte Ihren Namen und Ihre Dienstnummer haben?“
Die Herren wurden unsicher und gaben mir, worum ich sie gebeten hatte.
Zu Hause angekommen fragte ich mich, wieso mein Verhalten, reif für das „Irrenhaus“ war. Ich suchte im Duden nach dem Wort „verrückt“ und fand: „1. krankhaft wirr im Denken und … 2. auf absonderliche, auffällige Weise ungewöhnlich, … 3. über die Maßen, außerordentlich, sehr auffallend abscheulich, bestialisch, böse, bullig, dick, ekelhaft, eklig, elend, enorm, entsetzlich, fabelhaft, furchtbar, fürchterlich, gemein, gewaltig, grässlich, grauenhaft, mächtig, mörderisch, niederträchtig, teuflisch, unheimlich, unsinnig …“
Leg sofort das Buch weg, sonst machst du dich wirklich verrückt!
Kindheit
Dreißig Jahre führte ich ein wohlgeordnetes Leben. Diese Ordnung könnte mit meiner Kindheit zusammenhängen. Jedoch nicht unbedingt mit dem Jahr 1944.
Die Luftangriffe der USA kosteten weit über 20.000 Menschen das Leben. Schwere Schäden entstanden an öffentlichen Versorgungseinrichtungen, Verkehrs- und Industrieanlagen. Es war abzusehen, dass die Rote Armee, von Ungarn kommend, die Reichsgrenze erreichen würde. Tante Freda erzählte mir, dass meine Mutter unter dem Donner der Flak und dem Krachen und Dröhnen der einstürzenden Häuser zweimal von ihrem Frauenarzt in den Luftschutzkeller des Sanatoriums getragen wurde. Dann, am 8. November 1944, war es so weit, ich erblickte in Graz das Licht der Welt. Meine Mutter war überglücklich, nach zwei Buben ein Mädchen in ihren Armen zu halten. Mein Vater musste sechs Kilometer zu Fuß von seiner Arbeitsstelle in die Innenstadt gehen, um mich in seine Arme zu nehmen. Straßenbahn- und Eisenbahnlinien waren von den Bombenangriffen zerstört worden. Die Gemeindemühle und das Kraftfutterwerk, das mein Großvater gepachtet hatte, waren wie durch ein Wunder verschont geblieben. Aber die Wohnung meiner Eltern am Lendkai war schwer beschädigt und unbewohnbar.
Zu jener Zeit war mein ältester Bruder Alexander wegen Scharlach im Spital, wo ihm Tante Freda eine Ansichtskarte von Mutti übergab. Mutti hatte ihm geschrieben, dass er sich freuen könne, weil er jetzt eine Schwester habe. Er wollte keine Schwester, er wollte seine Mutter. Mein zweiter Bruder, Martin, wusste auch nichts mit einer Schwester anzufangen.
Erzählungen meines Vaters zufolge war es eine grauenhafte Zeit. Der letzte Gauleiterbefehl an meinen Großvater war ein Fahrbefehl nach Schladming, um dort unverzüglich eine leistungsfähige Mühle aufzustellen. Schladming liegt in der Obersteiermark, im oberen Ennstal. Die Stadt wird im Norden umrahmt vom Dachsteingebirge und im Süden von den Niederen Tauern. Im Ennstal gab es Tausende Flüchtlinge und Hunderte Waggons mit Getreide zum Brotbacken, aber keine einzige Mühle.
Meine Brüder waren damals an den Grünen See in Tragöß umquartiert worden. Der Grüne See ist ein Stillgewässer und füllt sich beim Einsetzen der Schneeschmelze mit kristallklarem Wasser, wobei das Wasser selbst natürlich farblos ist, aber durch die Brechung des Lichtes und durch das vorhandene Gestein schimmert es in einer smaragdgrünen Farbe. Später erzählten meine Brüder immer wieder von der herrlichen Zeit der Indianerspiele rund um den See.
Mein Vater war als Rechtsberater bei meinem Großvater angestellt. Dieser bat meinen Vater, die ganze Großfamilie vom Grünen See in die Ramsau, eine Region nördlich von Schladming zu übersiedeln.
Es war ein Husarenstück, das mein Vater meisterte. Er packte meine Tante, das Dienstmädchen Luise, meine Brüder, Cousins und Cousinen in ein Lastauto und fuhr mit der ganzen Schar vom Grünen See in die Ramsau. Zwei Mal wurde mein Vater von den SS-Schergen Adolf Hitlers aus dem Wagen geholt. Sie hielten ihm die Maschinenpistole vor die Nase, in der Annahme, dass er ein Deserteur in Zivil sei. Nur der Wehrpass und der Befehl des Gauleiters retteten ihn vor dem Tod im Straßengraben.
Meine Mutter und ich durften später in die Ramsau, in das Gasthaus Waldhof, nachkommen.
Mit dem Einmarsch der Amerikaner änderte sich die Situation schlagartig. Mein Vater wurde fristlos entlassen. Die Russen nahmen aus der Mühle alles mit, was sie nur bewegen konnten. Die Erleichterung über das Ende des Krieges im Mai 1945 und die Hoffnung, dass es in Österreich nur besser werden könnte, überwog alle Gefühle der Erschöpfung und Enttäuschung.
Ein Jahr nach meiner Geburt begann ein neues Österreich.
Ende 1946 übersiedelte die ganze Familie wieder nach Graz.
Ich war ein ganz normales Baby und entwickelte mich schnell zu einer begeisterten Bilderbuchleserin. Mein Lieblingsbuch war „Tiniwini, der kleine Fisch“. Tiniwini hatte Vater und Mutter, einen Fischbruder und eine kleine Fischschwester. Tiniwini schwamm hinter den Eltern, dann kam sein Bruder Tiniwani, dann schwamm zart und fein Tiniwinis Schwesterlein hinterdrein. Die Fischfamilie wirbelte durch die schönsten Flüsse und Seen des zerbombten Österreich.
Zweimal in der Woche, wenn meine Mutter Obst und Gemüse aus dem Garten ihres Vaters holte, durfte ich mit ihr in der Straßenbahn vom Südtiroler Platz bis in die Puchstraße zum Opa fahren. Am liebsten war ich im Erdbeerbeet. Ich kletterte aber auch auf Bäume, pflückte Kirschen, Birnen und Zwetschken. Mit den Geschwistern, Cousinen und Cousins spielte ich Winnetou und das eine oder andere Mal durfte ich sogar in die Rolle von Winnetous Schwester Nscho-Tschi schlüpfen.
Einmal, so erzählte mein Bruder Alexander, war ich mitten in der Küche plötzlich umgefallen. Ich hatte das Bewusstsein verloren. Das Kindermädchen Luise schüttete mir – als sie den ersten Schock überwunden hatte – einen Kübel Wasser ins Gesicht. Ich lachte wieder.
Zu den Familienfesten wurde getanzt, gesungen, Theater gespielt. Das Schönste war das Gleiten auf den Leinensäcken, die für das Mehl bestimmt waren. Wir rutschten auf den spiralförmigen Mehlrinnen von hoch oben tief nach unten in das Lastauto, das auf die nächste Fahrt wartete. Das freudige Lachen war überall zu hören und blieb mir ein Leben lang im Ohr. Für mich war es eine lustige Zeit. Für meine Eltern eine Zeit des Geldverdienens und des Vergessens.
Ich hörte gerne meiner Mutter zu, wenn sie mir Grimms Märchen vorlas. „Aschenputtel“, „Der Froschkönig“ oder „Hänsel und Gretel“. Der Traum jedes kleinen Mädchens war jener von der Liebe zwischen dem Prinzen und der Prinzessin. Der Prinz erlöst die Prinzessin von ihren Leiden und der Ungerechtigkeit der Welt. Als kleines Mädchen wollte ich zuerst, dass mein Vater mich erlöst, dann, mehr unbewusst als bewusst, mein erster Freund, später mein Mann, dann Gott und am Ende mein Therapeut.
In der Schule interessierte ich mich mehr für die schlimmen Kinder als für die behüteten, braven. Fremde Welten zogen mich an. Begegnung bedeutete für mich Spiel, Verführung, mich in Szene setzen. Spielkameraden und Spielkameradinnen hatte ich immer genug.
Als ich neun Jahre alt war, besuchten meine Eltern Tante Mimi, und ich durfte mit. Immer auf der Suche nach einem Turngerät schwang ich mich auf die Teppichklopfstange. Ein Felgaufschwung, ein Krach, ein Schmerz, ich brüllte um Hilfe. Entsetzte Gesichter in meinem Umfeld. Mutter weinte, meine schönen Schneidezähne waren abgebrochen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich ganz in Ordnung gefühlt. Nun änderte sich dieses Gefühl ein wenig. Meine Schönheit, so dachte ich, war verloren.
Als Jugendliche wollte ich Freundinnen finden, Freunde haben, befreundet sein mit denen, die größer, wichtiger, reicher, gescheiter, bedeutender waren als ich.
Meine erste Liebe war Bernd. Er interessierte sich für das Theater, brachte mir Kafka nahe. Bernd war ein rebellischer Antiheld, wie Belmondo. Er hielt sich an keine Regeln, war ein Kleinganove. Wir verbrachten viel Zeit auf Partys, bei Matura-Kränzchen und im Kino. Dann ging Bernd nach Wien und studierte Theaterwissenschaften, ich ging weiterhin in die Schule. Einmal besuchte ich Bernd sogar in Wien, aber in der Großstadt hatte er an Bedeutung verloren. Er war weder Komödiant noch sportlicher Held – er war kein Belmondo mehr. Unsere Wege führten in verschiedene Richtungen: Ich studierte in Graz Geschichte und Philosophie, er blieb den Theaterwissenschaften treu.
Dann ging ich nach Paris, um Französisch zu studieren. Dort lud mich ein junger Franzose zu einem unvergesslichen Event ein: Ich sah und hörte die Beatles, den Franzosen habe ich vergessen. Die große Welt traf sich in Paris und nicht in Graz, und ich gehörte zu denen, die die große Welt kannten.
Ich erinnere mich daran, dass ich immer wieder Angst hatte, dass meine Mutter zu viel arbeitete, zu viel putzte, sich zu sehr um andere Sorgen machte. Einmal weinte sie in der Kirche während der Christmette. Ich war unsicher, ob meine Mutter nur erschöpft war oder ganz andere Sorgen hatte.
Es war in einer kalten Nacht 1953, als das Bett neben Mutti leer stand. Ich schlief im gleichen Zimmer und hörte sie weinen. Mitfühlend fragte ich sie, wo Vater geblieben sei. „Vater ist krank, er ist im Sanatorium.“ Waren es Tränen des Glücks, weil er gut versorgt wurde, oder Tränen der Angst und Trauer?
Im Schlafzimmer war es eiskalt. Ich schlüpfte immer tiefer unter die Decke, zog meine Beine hoch, mit den Händen umfasste ich meine Knie. Wie ein Ei lag ich am Bettende meiner Mutter. Sollte ich sie trösten, bei ihr Schutz suchen, Fragen stellen? Ich hatte Angst, Mutti könnte zum Vater eilen. Angst, allein zurückzubleiben. Ich wollte nicht vor zwei leeren Betten die Nacht verbringen. Ich wollte mit meinen Cousinen, Onkeln und Tanten lachen – wie damals, als Vaters Geburtstag gefeiert wurde. Mutti hatte eine kleine Geburtstagsrede gehalten: „Lasst uns Gott danken, dass unser Vater wegen eines Magengeschwürs dem Kriegsgeschehen entkommen konnte. Dass Gott ihn nach Hause schickte, dass wir gemeinsam heute seinen Geburtstag feiern dürfen.“
Ob Gott auch dieses Mal an Vater dachte?
„Bitte lieber Gott, vergiss Mutti und mich nicht, ich bin am Erfrieren und Muttis Sorgen werden sie noch umbringen.“
Mit dem Gedanken an Gott kam der Schlaf wieder. Als mein Vater zwei Wochen später nach Hause kam, erzählte er strahlend, dass seine Freunde, die Ärzte, und nicht Gott ihm ein zweites Mal sein Leben geschenkt hatten.
Wenn mein Vater damals in meiner Mittelschulzeit die Geschichte-, Religion- und Philosophieskripten mit mir durcharbeitete, war ich ihm ganz nah. Er konnte viele Fragen beantworten, ließ aber auch viele Fragen offen, so als ob nur ich selbst sie beantworten könne. Er warnte mich vor „Viren des Geistes“ – Glaubenssätzen, die wie Viren den befallenen Organismus zur Weiterverbreitung ihres eignen Erbguts anregten.
Kein Wunder, dass ich Geschichte und Philosophie studierte, um in Erfahrung zu bringen, was er damit wohl meinen könnte.
Mein Hauptaugenmerk als Studentin richtete sich aber auf Partys, Kinobesuche, Sport und auf die Männerwelt.
Einmal stand meine Mutter im Nachthemd auf der Straße, während ich mit meinem Freund Christian im Auto über die Welt philosophierte.
„Es ist Zeit, dass du nach Hause kommst!“ Ich rutschte vor Scham auf den Boden des Autos. Christian fand die Szene lustig.
Der Märchenprinz
Es war das Jahr 1967. Wie im Märchen stand er eines Tages vor mir, Prinz Georg. Er forderte mich zum Tanz auf, erklärte und zeigte mir die Welt. Mit mir wollte er sein Leben teilen und Kinder haben. Ein Prinz, der mich liebte, verehrte und mich zum Traualtar führen wollte, war der Richtige. Er konnte sehr gut tanzen, ganz zu schweigen von seinen furchtlosen Bewegungen im Tiefschnee. Was er sagte, hatte Hand und Fuß und klang nach Abenteuer, nach fremden Welten.
1967 heirateten wir in der Kapelle des Schlosses Eggenberg.
Das Renaissanceschloss der Fürsten Eggenberg ist umgeben von einem herrlichen Park. Ich schlenderte wie eine Prinzessin durch den Park, bevor ich den Bund fürs Leben schloss.
1972 kam unsere erste Tochter Lisa zur Welt. Um 18 Uhr ging ich ins Sanatorium, um 7 Uhr in der Früh war sie dann da. Die Nacht war lang, umso größer die Freude, als sie dann in meinen Armen lag.
Im Februar 1974 folgte unsere zweite Tochter Nora. Es war eine einfache Geburt. Wir beide ließen uns im Sanatorium von den Schwestern und Ärzten verwöhnen. Als wir nach Hause kamen, war für die kleine Familie alles liebevoll vorbereitet. Ende 1974 zog die junge Familie in ihr Traumhaus nach Salzburg. Hier blickte ich gerne die Bibliothekswände entlang hinaus in den Garten. Im Esszimmer hing ein Portrait meiner Mutter, das sie als Siebzehnjährige zeigte: Die Haare zu einem Bubikopf geschnitten, schöne braune, mandelförmige Augen, leicht wulstige Lippen, ein gespitzter Mund, markante Wangenknochen, eine gleichmäßige Nase, ein lächelnder und gleichzeitig ernster Blick. Kein Wunder, dass mein Vater sich in dieses Mädchen verliebt hatte.
Mein Blick wanderte von dem Bild meiner Mutter zur Löwin aus Ton, die im Wohnzimmer auf einem geschwungenen Eisengestell thronte. Sie saß majestätisch wie eine Königin auf ihren muskulösen Hinterbeinen. Ihre Pranken konnten Angst einflößen. Sie waren zudem fantasievoll verziert. Ihre Vorderbeine stützten den graziösen Körper und anmutigen Kopf. Sie war eine natürliche Schönheit. Ich liebte ihre wachsamen Augen und Ohren, ihre feinfühlige Nase. Sie roch jede Gefahr zur rechten Zeit, um die Familie zu schützen. Darum wollte ich so sein wie sie, eine liebende Partnerin und Mutter. Die Familie, so dachte ich, ist das kleinste soziale Netz der Gesellschaft. Wenn sich Familien gesund entwickeln, wird sich die Welt zum Besseren ändern.
Ich war keine Frau, die auf den Feldern arbeiten musste. Ich war eine Frau mit normalen Händen, nicht zu breiten und auch nicht zu schmalen Fingern. Die Adern meiner Hände waren gut sichtbar und fühlbar. Lebensadern, die keine Narben erkennen ließen. Die Haut, die meine Hände umhüllte, war nicht sehr geschmeidig, aber auch nicht schrumpelig. Meine Fingernägel waren kurz und ohne Lack. Ob meine Hände und Füße attraktiv waren, danach hatte ich mich damals, als junge Frau und Mutter, nicht gefragt. So wie ich auch auf anderen Ebenen nicht viele Fragen stellte. Wie schön oder hässlich ich war, wie ich auf andere Menschen wirkte, welcher Körper mich durch die Gassen trug, wie ich meine Arme, Beine, Hüften schwang, wenn sich Menschen näherten. Ich sprach, ging, saß und bewegte mich „normal“. Für mich bedeutete normal damals, dass ich keine andere sein wollte als die, die ich war.
Die Familie war mein Lebensinhalt. Mutterschaft war für mich eine hegende Beziehung im gegenseitigen Vertrauen, in Liebe und Spiel, Selbstrespekt und Respekt vor dem anderen. Wenn Lisa zu weinen begann, nahm ich sie in meine Arme und zeigte ihr Haus und Garten. Gerne erzählte ich ihr Geschichten und sang sie in den Schlaf. Und ich liebte die verzweifelten Minifältchen auf Lisas Gesicht, wenn sie zu weinen anfing und noch nicht wusste, ob sie sich freuen sollte, dass der Schlaf vorbei war und das Leben mit all den Abenteuern wieder begann, oder ob sie sich ärgern sollte, weil sie aus ihrer Traumwelt gerissen worden war. Bald würde Lisa scharfe Messer, offene Türen und Fenster entdecken, Sand, Cremen, saure Saucen, Putzmittel kosten wollen. Ihre winzige Hand berührte meine Fingerspitzen. Ihr kleiner nackter Fuß meinen Oberschenkel. Einmal stupste ich Lisa, dann Lisa mich. Ich wollte, dass Lisa mir zeigte, wie viel Nähe oder Distanz sie brauchte. Ich wartete geduldig auf Lisas Reaktionen, um zu entscheiden, wie es weiterging.
Jeder Tag war für alle neu und aufregend, das Leben wunderschön.
2. Teil
Die Gesichtslose


Les Menuires: Das Gewitter im Kopf
Ende April 1974 fuhren Georg und ich mit Freunden zum Skifahren nach Les Menuires. Ich erinnerte mich dabei an unsere erste Sommerfahrt nach Les Menuires. Georg hatte sich damals den Jaguar seines Vaters ausgeborgt. Wir wollten die romantischen Bergstraßen erklimmen. Doch leider, der weinrote Schlitten mit dem aus Holz geschnitzten Lenkrad war zu tief gebaut. Bei jeder Unebenheit der Straße drohte das Auto aufzusitzen. Wir drehten um und rasten die Autobahnen entlang. Schon damals liebten wir Frankreich, die Menschen, die Sprache, den Wein, das gute Essen.
Jetzt im April lagen die herrlich präparierten Skipisten vor uns. Es gab immer wieder einen neuen Lift zu entdecken, das Skigebiet war unendlich weit. Salade Niçoise, Camembert und herrliche Weine hoben die Stimmung von Minute zu Minute. Überall lagen die Menschen in Liegestühlen und erfreuten sich an der Sonne und den schneebedeckten Bergspitzen.
Mit unseren Freunden ließen wir uns auf den Sesseln der Skilifte den Berg hinauftragen und rasten im Tiefschnee dem Tal entgegen. Wir zählten die Hänge, die Schwünge und sahen stolz auf unsere Wedelspuren zurück. Der Durst wurde immer größer. Weinbergschnecken mit Knoblauch und Petersilie waren etwas Besonderes. Die Franzosen konnten mit ihrer Küche punkten, wir Österreicher mit unseren Skiassen.
Die Pisten leerten sich. Niemand blickte auf die Uhr. Als die Sonne hinter den Bergen versank, waren die Lifte bereits geschlossen. Der Pistendienst schon abgefahren. Die Liftsessel baumelten verlassen im Wind hin und her.
Wir mussten, ohne Ortskenntnisse, irgendwie selber ins Tal finden. Freund Helmut hatte kein Problem mit dieser Zwangslage. Als ehemaliger Studentenrennfahrer kannte er keine Gefahr und wollte direkt die Lawinenhänge hinunterfahren. Georg widersprach sofort, wog Vorteile und Nachteile ab, sodass ich schon fürchtete, die Zeit würde nicht mehr reichen, um bei Tageslicht ins Tal zu kommen. Freund Julius fand alles nur komisch. Jörg schwieg. Die Frauen wurden immer stiller. Ich hatte Angst, dachte an die Kinder. Ein Schüttelfrost packte meinen Körper. Die Befehle in meinem Kopf wurden immer schriller und bestimmter. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich bei einem Lawinenabgang verhalten sollte. Für mich gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir kamen durch, oder wir waren tot.
Nein, ich wollte nicht unter die Lawine kommen! Ich hatte doch gerade erst mein zweites Kind geboren!
Der Tod war ganz nah bei mir. Er umarmte mich mit seinen eiskalten Händen.
„Ich will nach Hause“, brüllte meine Freundin Herta.
„Wir fahren jetzt alle los!“, befahl Helmut. Er war der Erste, Jörg der Zweite, dann kamen die Frauen. Georg fuhr zum Schluss. Wie ein Leichenzug begannen wir unseren Weg nach unten.
Bitte, Kinder, verzeiht uns! Es war allein unsere Schuld, wir haben als Eltern versagt. Frei sein wollten wir, wie die Blumenkinder in San Francisco.
Gott sei Dank, die Ski waren schneller als meine Gedanken. Nur nicht fallen. Vor allem nicht nach rückwärts schauen, ob die Lawine kommt. Wenn sie anrollte, das wusste ich jetzt, musste ich ihr davonfahren, musste ich schneller sein als sie.
Wir kamen unversehrt im Tal an. Unser Lachen war unnatürlich laut, und alsbald verschwanden wir in unsere Zimmer. Ich warf mich erschöpft und glücklich auf mein Bett. Als ob ich tagelang gegen Wind und Wetter gekämpft hätte und nun am Gipfel des Himalaya angekommen wäre, so fühlte ich mich. Tränen rollten mir über das Gesicht. Ich ließ sie fließen. Erst die Erinnerung an das Lachen der Kinder brachte mich in die Realität zurück.
Als ich am nächsten Morgen meine Augen öffnete, starrten erschrockene, blasse, fragende Gesichter mit großen, aufgerissenen Mündern auf mich herunter. Ich lag auf dem Boden im Frühstückszimmer. Wir waren auf Skiurlaub, ja, das wusste ich genau. Ganz deutlich hörte ich die Heizung klopfen, den Wind durch die Fensterritzen pfeifen. Die erste Hand, die mir entgegenkam, war die von Georg. Während ich mich etwas benommen aufrichtete, um zu fragen, was denn hier los sei, begann Jörg, der Arzt in der Runde, zu sprechen: „Wie geht es dir, Inge?“
„Etwas benommen und müde. Bin ich gestürzt?“ Ich erinnere mich daran, wie ich meine Hand auf Jörgs Schulter legte und ihm ins Ohr flüsterte: „Jörg, es geht mir nicht gut.“ Jörg beschrieb in seiner ruhigen Fachsprache den Vorfall als eine Art Ohnmacht und empfahl mir und Georg, den Skiurlaub abzubrechen und gemeinsam in die Klinik nach Salzburg zu fahren. Die Klinik, so meinte er, sei immer noch der sicherste Ort, um Klarheit zu schaffen, was diesen Anfall ausgelöst hatte und was genau er bedeuten könnte. Mir wurde in Sekunden schmerzhaft bewusst, wie rasch ein Mensch plötzlich in einen anderen Menschen, in eine andere Identität schlüpfen konnte.
Die Suche nach des Rätsels Lösung begann.
Ich kam ins Schleudern. Was ist in meinem Gehirn passiert? Ich muss meinen Kopf untersuchen lassen, in die Psychiatrie, Neurologie fahren? Hatten die Polizisten damals recht gehabt?
Ich sah mich, die anderen, die Welt aus einem neuen Blickwinkel. Nun gehörte ich nicht mehr zu den „Normalen“. Ich hatte meine Unschuld verloren.
Ich werde für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sein. In der „Klappsmühle“ ein reglementiertes Leben führen.
Nein, noch war alles offen. Die Diagnose nicht gestellt. Ich träumte von den Kindern, der Sonne, dem Meer, Korsika, Griechenland, Kitzbühel. Meine Augen füllten sich mit Tränen.
Nur nicht aufgeben, Inge, du hast Kinder, eine Familie. Die Kunst der Ärzte wird dich heilen.
Ich starrte aus dem Fenster der kleinen Maschine. Der Lärm der rotierenden Propeller quälte meine Ohren. Ich sah weiße Wolken, graue Bergspitzen. Mein Kopf war leer. Ich weigerte mich zu denken. Vielleicht war mein Kopf auch zum Bersten voll mit Bildern, Gedanken, Erinnerungen, Zukunftsvisionen. Die Fülle fühlte sich wie Leere oder die Leere wie Fülle an.
Lawinen von Gedanken und Wellen von Emotionen überrollten mich. Mein Erinnerungsvermögen schwand, die vielen Informationen verwirrten mich. Wenn die Emotionen aufhörten zu leben, war meine Seele tot.
Ich erinnerte mich an einen Vortrag, den ich vor einiger Zeit über das Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie in Gugging gehört hatte. Vor meinem inneren Auge tauchte das Bild eines Patienten auf. Seine Emotionen waren für ihn nicht mehr existent. Die Psychose trat an ihre Stelle. Der Patient wurde von inneren Stimmen geführt. Sie halfen ihm, Handlungen zu setzen, um Halt zu bekommen. Er hatte täglich Hunderte gleiche Zahlen, Zeichen, Farbflecken perfekt nebeneinandergesetzt. Unendliche Linien, Schriftzeichen täglich aufs Neue geschrieben, gepinselt. Die Kunst trieb ihn täglich an, weiterzuleben. In ihr erkannte er einen Sinnzusammenhang. – Inge, das musst du dir merken!!!
Gott sei Dank, meine Emotionen waren noch vorhanden.
„Geht’s dir gut?“, fragte Georg besorgt.
„Ja, danke.“
„Alles in Ordnung?“
„Ja, danke.“
„Möchtest du etwas zu trinken?“
„Nein, danke.“
So ging es weiter, bis der Flieger seine letzten Zuckungen und Bremsbewegungen vollendet hatte. Die fürsorglichen Worte von Georg hatten etwas mit Liebe zu tun, mit Sicherheit und Hoffnung und Geborgenheit, wie damals im Bauch meiner Mutter. Es klang wie eine Symphonie von harmonischen Melodien.
Es war mehr als ein körperliches Gefühl. Es war eine Art Weisheit, die ich den „Balancierer“ nannte. Ein gefühltes Verständnis, das ich von meinen Problemen im Körper hatte. Ich spürte und erlebte den Balancierer als ruhige, nicht intellektuelle Mitte des Seins.
Während der Taxifahrt in die Klinik war es totenstill im Auto. Ich wollte lieber nach Hause und erst am nächsten Tag ins Krankenhaus fahren. Gleichzeitig wusste ich, dass Georg mich in Sicherheit bringen wollte. Sich oder mich – oder beide? Ich sagte kein Wort, wollte ihn auf keinen Fall noch mehr belasten.
So ließ ich alles über mich ergehen und versuchte einfach, nicht zu existieren. Nickte mit dem Kopf, ohne zu wissen, wie die Frage gelautet hatte.
Alles lief reibungslos. Ich war ein Notfall. Die Schranke ging auf, der Taxifahrer parkte vor der Neurologie. Die Schwester nahm meine Daten auf, mir wurde ein Bett zugewiesen. Ich bedankte mich ununterbrochen, in der Hoffnung, dadurch gesünder zu wirken, als ich war. Man schob mich auf einem Wagen ins Untersuchungszimmer. Rechts und links Plastikvorhänge. Der Arzt im weißen Mantel kam, klopfte alle möglichen Körperstellen ab. Er murmelte vor sich hin, stellte einige Fragen und ich antwortete sehr artig, wie ich es als Schulmädchen gelernt hatte. Innerlich hatte ich aufgegeben, ich wollte nur mehr eines: schlafen und von nichts mehr wissen.
Einen besseren Tod als den Verlust der Bewusstheit ohne Schmerzen gibt es nicht. Vielleicht hatte ich Glück und der Dämon würde mich heute Nacht überraschen, dann wäre alles vorbei. Ich wollte keine Untersuchungen, ich wollte die Diagnose nicht hören. Lasst mich in Ruhe!
„Möchten Sie vielleicht noch einen Kräuter- oder Pfefferminztee?“, fragte die Nachtschwester.
„Ja, bitte.“
Vielleicht musste ich doch noch die Nacht bei vollem Bewusstsein in diesem kahlen Zimmer ausharren. Ich hasste Einsamkeit, ein warmer Tee wäre da schon ein angenehmer Zimmergenosse. Da stand sie nun, die Teetasse, neben mir auf dem weißen Tischchen. Die Schwester redete mir gut zu, die Augen zu schließen und die Glocke zu läuten, falls ich die Nachtschwester bräuchte. Alle waren sehr freundlich zu mir, von der Nachtschwester bis zur Putzfrau.


Es war sieben Uhr am Morgen. Die Türe öffnete sich, der Herr Professor in Weiß mit seinem ganzen Schwarm von Untertanen betrat den Raum.
„Wie geht es Ihnen heute Morgen, Frau Doktor? Sie sehen gut aus!“
„Oh, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Was geschieht mit mir?“
„Wir haben alles im Griff.“
Ich wusste nur nicht, was „alles“ war. Meinte der Herr Professor, dass er meinen Körper, meine Seele, meinen Geist unter Kontrolle hatte? Gab es da noch anderes zu beachten? Worte können alles lösen und alles vernichten. Wie ein Blitz, der in die Erde einfährt, in Sekunden Leichtigkeit schaffen, Todesängste heraufbeschwören, Panik auslösen, Schweißausbrüche, Atemnot, Erstickungsanfälle, sämtliche inneren Bilder, Töne, Drehungen, Wendungen ausschalten kann. Ich weiß, wovon ich spreche.
„Frau Doktor, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass die Untersuchungen ergaben, dass Sie Epileptikerin sind.“
„Nein, das bin ich nicht, das will ich nicht sein!“ Ich hatte keine Ahnung, was diese Diagnose bedeutete. Ich hasste sein mitleidsvolles Lächeln und hatte eine betäubende Angst, meine Freiheit zu verlieren. „Verzicht“ war das Wort, das wie ein Kanonenschuss in mein Ohr einschlug. Ich war zu einer Frau geworden, die keine Kontrolle mehr über sich hatte.
Der Kopf war leer, der Körper gefühllos, die Freiheit der Wahl war mir entglitten. Ich verwandelte mich in eine Entleerte, eine Frau, die sich selbst verloren hatte. Im Unterschied zu den Ärzten hatte ich nichts mehr im Griff.
Wie bin ich so weit gekommen? Warum bin ich so weit gekommen? Wie werde ich sein?
Warum werde ich sein? Jetzt sein, nicht ewig sein.
Wie kann ich verstanden werden?
Wo ist der Mensch, der mich versteht?!
Den weißen Mantel kenne ich: sauber, steril. Der Mantel hat keine Arme, die mich auffangen, wenn meine Knie versagen; keine Schulter, auf die ich meinen Kopf legen kann, während die Tränen fließen.
Ein Analphabet, der Herr in Weiß.
Beten muss ich lernen, wie damals, als Vaters Bett leer war.
„Möchten Sie Kaffee, eine frische Semmel mit Butter und Marmelade?“
Ja, das war es, was ich jetzt brauchte. Während ich die frische Buttersemmel zerkaute, kam ich wieder zurück auf die Erde. Die Geschmacksnerven gaben mir ein wenig Hoffnung, dass das Leben normal weitergehen könnte.
Während der Nacht hatte ich einen Albtraum. Ich fuhr singend mit meinem Auto auf der Autobahn, dann kam der Knall. Ich wachte im Operationssaal auf, erlangte mein volles Bewusstsein wieder – und hatte eine ganze Familie ausgerottet. Ich lebte, die Familie war tot. Mein Körper verharrte in einer Starre.
„Hilfe!“
Ich läutete nach der Schwester. Sie kam und streichelte mir über den Kopf. „Es ist alles gut, Sie haben nur geträumt. In ein paar Tagen können Sie sicher nach Hause gehen.“ Sie hatte recht. Nach einigen Tagen durfte ich mit einem genauen Therapieplan das Spital verlassen. Den Oberarzt habe ich nie mehr gesehen.
Alltag: Glücksmomente
Noch nie war das Wiedersehen mit Georg und den Kindern so schön gewesen. Ich achtete auf jeden Gegenstand im Raum, freute mich über den gedeckten Tisch und das von Georg liebevoll zubereitete Mittagessen.
Ich wunderte mich über meine Fähigkeit, die Angst vor dem Tod zu unterdrücken und nicht ununterbrochen an die Möglichkeit zu denken, so unglücklich zu stürzen, dass ich meinen Verletzungen mehr oder minder langsam oder, wenn ich Glück hatte, schnell erlag. Und doch – der Gedanke an den Tod kam immer wieder.
Mitten in der Nacht stand er da mit seiner schlaffen, schwarzgrauen Haut, unendlich mächtig, erfüllt von seiner Mission. Ich fragte ihn immer wieder, wer wohl sein Auftraggeber sei? Er verweigerte die Antwort, benahm sich wie einer, dessen Job unkündbar ist.
Noch funktionierten meine Abwehrstrategien. Todesangst ist umgekehrt proportional zur Lebensbefriedigung, hämmerte es durch meinen Kopf. Das Leben muss dich befriedigen, dann ist das Sterben weniger schwierig. Was kann mich jetzt befriedigen?
Ich rief meine Freundin Fini an.
„Fini, hilf mir.“
„Mach ich, was kann ich tun?“
„Spazieren gehen.“
„Wann, wo?“
„12 Uhr, Café am Domplatz.“
„Ich komme.“
Ich redete und redete, Fini hörte mir geduldig zu.
„Zuerst gehst du in Psychotherapie, dann kannst du immer noch sterben. Zuerst kommt die Erfahrung und dann der Tod.“
Gesagt, getan.
Was wohl Gott über die Psychotherapie denken mag?
Warum flüchtete ich vor Gott? Warum bat ich ihn nicht um Hilfe? Ich war trotzig. Warum bemühte sich Gott nicht um mich? Das hatte er natürlich nicht nötig. Auch eine Form von Arroganz, die ich verabscheute.
Ich dachte: Du bist Mensch geworden? Wo ist deine Mensch-zu-Mensch-Beziehung?
Ich verstand ihn nicht. Für mich war das Leben mehr und mehr zu einer Autobahn geworden. Der Mensch hatte es selbst in der Hand, wo er abbiegen musste.
Mein Weltbild entsprach der Schule der humanistischen Psychologie von Carl Rogers, Charlotte Bühler, Maslow. Sie waren der Ansicht, dass Menschen als grundsätzlich gut angesehen werden können. Der Mensch sei in seiner Ganzheit nicht durch niedere Triebe gesteuert, sondern werde durch ein angeborenes Wachstumspotenzial angetrieben, um sein höchstes Ziel – die Selbstverwirklichung – zu erreichen.
Vielleicht war es mir zu gut gegangen, vielleicht hatte ich meine Grenze noch nicht erreicht, an der ich Gott wieder brauchte. Eines war mir klar geworden: So wie es war, konnte es nicht bleiben. Ich musste die Autobahn verlassen und auf eine Reise gehen, eine Reise nach innen, es wäre eine Reise der Erkenntnis und des Lernens. Ich musste mein verlorenes ICH wiederfinden.
Woran werde ich erkennen, dass mein neues ICH ich bin? Was mache ich mit dem alten ICH? Auf den Sturzplatz kippen, recyceln, verbrennen, begraben? Wo finde ich die Menschen, die mir sagen, dass ich gleichwertig bin? Dass ich auch als Epileptikerin ein Recht habe, am Leben teilzuhaben wie eine Normale? Dass ich ein Recht habe, lebendig zu bleiben, meinen Führerschein zu behalten, lieber Schuld auf mich zu laden und die Konsequenzen zu tragen, als zu leben wie tot.
„Niemand kann dir geben, was du dir selber nicht gibst“, hatte mein Vater gesagt, als ich noch ganz klein war. Was er wohl damit gemeint hatte? Ob ich mir selbst geben sollte, was mir zusteht? Wertschätzung, Liebe? Zu spüren, was stimmt und nicht stimmt, besser oder schlechter sich anfühlt und dies auch zu artikulieren, mit meinem Balancierer singen und tanzen und mich vor dem Wunder Universum verneigen?
Ich gehörte lange Zeit zu den Glückspilzen, hatte weder Krieg noch Mord oder Totschlag, Machtmissbrauch oder Vergewaltigung erlebt. Damals gehörte ich zu den Auserwählten, Bevorzugten in dieser Welt. Dann wurde ich bestraft. Die Götter schickten mir die Epilepsie. Welche Sünden habe ich begangen? Die Austreibung des Bösen in mir? Ich lebe im 20. Jahrhundert und nicht im Mittelalter! Oder steckt in jedem Menschen eine tickende Zeitbombe?
Rache war mein erster Gedanke. So wie Klytämnestra sich an Agamemnon rächte, so wollte ich mich an der Krankheit rächen, an dem Schicksal, das mir die Krankheit schickte. Ich musste wie Klytämnestra die Axt schwingen; wie ein Mann vor Gewalt nicht zurückschrecken. Überlebensstrategien spinnen wie Odysseus, denken wie ein Krieger, einen Plan bis zur letzten Konsequenz durchdenken.
Oder aber annehmen, was ist, und mit dem Blutvergießen aufhören. Noch war ich entschlossen zu kämpfen, gegen Gott, das Schicksal, die Krankheit, die Ärzte, egal, wie viel Blut fließen würde.
Ich ging auf die Suche nach dem Mysterium meines Nervensystems. Ich fieberte nach Antworten auf die Fragen, die sich in meinem Kopf um ihre Achse drehten. Es war nicht so sehr der Anfall, der mein Leben plötzlich verändert hatte, sondern die Gleichstellung der Epileptikerin mit meinem ICH. Ich war mehr als nur Epileptikerin. Ich war – wie jeder Mensch – eine Tänzerin zwischen Leben und Tod.
Auch früher habe ich nie sehr viel gesprochen, aber viel gelacht. Nun gingen die wenigen Worte und Töne im Meer der Sprachlosigkeit unter. Die wenigen Worte, die aus meinem Mund stolperten, drehten sich um Krankheit. Ich war in eine Opferrolle geschlüpft. Dieser Körper mit seinen Händen, Füßen, seinem Po und Bauch wurde Opfer des Schicksals. Oder war es der Zufall? Ein Zusammentreffen von Umständen, die ich noch nicht durchschaute? Höhere Gewalt? Ist Gott ein Gewalttäter? Wer gibt ihm das Recht, über mich zu bestimmen? Ich war zu einer Frau geworden, die weder sich noch die anderen noch Gott verstand. Ich suchte einen neuen Erlöser, einen Retter in der Not. Ich begann, mich im Spiegel zu betrachten, mich zu suchen.
Bin ich die, die ich sehe, oder bin ich die, die andere in mir sehen? Der Arzt, der Mann, die Kinder, Freunde, Fremde. Bin ich eine vom Dämon Besessene? Eine zu bemitleidende Frau? Eine verstummte Frau, deren Körper im Inneren kurz vor einem Vulkanausbruch steht?

„Es herrschte eine Atmosphäre des allgemeinen Aufbruchs in der sozialen Szene. Psychotherapie war eher etwas Anrüchiges. Ikonen wie Erwin Ringel und Viktor Frankl waren Werbeträger für die Psychotherapie weltweit.“
(aus: Dr. Norbert Wißgott: „Die Interessenskonflikte bei der Entstehung des Psychotherapiekonfliktes“. Dipl.arb. i.d.F. zitiert als Wißgott)
Bergstraße 19: Wer ist dieser Mann?
Es war am 10. Oktober 1975, als ich aus dem Zugfenster schaute, um den Bahnhof von Siegdorf zu erspähen. Der Bahnhof war kaum zu sehen, so klein war das Bahnwärterhäuschen. Die einzige Person, die aus dem Regionalzug ausstieg, war ich. Die Stille erschreckte mich. Eine so lange Reise! Eine Nacht und einen halben Tag war ich von Salzburg nach Siegdorf zu einem Psychiater und Psychotherapeuten gefahren.
„Berühmt kann der wohl nicht sein“, schoss es mir durch den Kopf, „sonst würde er in New York leben.“ Ich schleppte mich die Dorfstraße hinauf.
Ob Dr. Rossmann überhaupt in der Bergstraße wohnte? Vielleicht gab es gar keine Bergstraße, geschweige denn einen Dr. Rossmann? Ich konnte niemanden fragen, denn es gab weit und breit keine Menschenseele.
Nur nicht die Kontrolle verlieren, schön einen Fuß vor den anderen setzen. Du musst mit dir und der Erde verbunden bleiben. Da, ein Hinweisschild: „Praxis Dr. Bernd Rossmann“.
Meine Hand zitterte, als ich auf die Glocke drückte. Eine Frau öffnete.
„Ah, da sind Sie ja! Herzlich willkommen! Ich bin Bernds Frau Marion. Wie war die Reise? Ich habe gehört, dass Sie aus Österreich kommen. Ein schönes Land. Kennen Sie Seggauberg? Da waren Bernd und ich vor Kurzem auf Urlaub.“
„Ja, ich kenne es gut. Ich bin in Graz aufgewachsen. Waren Sie auch auf der Weinstraße, an der Grenze zu Slowenien?“
„Diese herrlichen Weinhänge, das Klappern der Klapotetz und die gute Bretteljause, wir haben alles durchprobiert.“
Marion zeigte mir mein Zimmer.
„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun? Die Gruppe, aber das wissen Sie ja, fängt um 10 Uhr an.“
„Danke.“
Ich legte mein Gepäck ins Zimmer und ging in den Gruppenraum. Mein Herz und meine Gedanken spielten verrückt.
Warum bin ich hierhergekommen? Wer ist dieser Mann? Was macht der mit mir? Wird er sich über mich lustig machen, meine Gedanken erraten, mein Geheimnis offenlegen?
Ganz langsam schritt ich die Treppe in das Untergeschoss hinunter. Nadelstiche durchbohrten meinen Rücken. Mit einer schnellen Handbewegung öffnete ich die Türe. Warme Luft strömte mir entgegen. Der Gruppenraum war voll mit Menschen verschiedenster Altersstufen. Lustige, traurige, ängstliche Gesichter starrten mich an. Ich wusste nicht mehr, ob ich normal, verrückt oder krank war.
Dr. Rossmann betrat den Raum. Er strahlte, er war ein Mann mit Charisma. Seine Seele meldete, im Unterschied zu meiner Seele, keine Störung. Seine Bewegungen waren natürlich. Sein gut geschnittenes Gesicht, ganz zu schweigen von seinem muskulösen Körper, verwandelte meine innere Sicherheit in eine wackelige, puddingartige Konsistenz.
„Guten Morgen, ihr Lieben.“
Dr. Rossmann stellte sich kurz vor und ging zum „Wetterbericht“ über.
„Wie geht es uns heute Morgen?“
Gerda war die Erste, die sich vorstellte. „Bei mir scheint heute die Sonne, ich habe es endlich geschafft, die Scheidung einzureichen.“
Michael saß neben mir. Er erzählte von seinen Fortschritten im Kampf gegen seinen Lungenkrebs.
Ich war an der Reihe.
„Schöne Frau, welche Wetterlage bringst du mit?“
Wieso ist der mit mir per DU? Warum sagt der „schöne Frau“ zu mir? Warum haben meine Eltern, Lehrer, mein Mann noch nie zu mir „schöne Frau“ gesagt? Oder ist es sein Trick, der Trick der Natur, Verliebtheit zu steuern, damit Fortpflanzung garantiert wird?
„Danke der Nachfrage, bei mir ist es eher stürmisch, Blitz und Donner. Noch kein Regen, könnte aber folgen.“
Ich drückte gerade die ersten Tränen hinunter. Nein, nicht hier, nicht jetzt, keine Hilflosigkeit zeigen! Waren es vielleicht Freudentränen?
Vielleicht ist er ein Mensch, der mich einfach mag, mich vielleicht liebt, so wie ich bin, mit meiner Verrücktheit, meiner Hilflosigkeit und Sehnsucht, geheilt zu werden. Mein Puddingkörper erstarrte. Aber was ist denn schon Liebe?
„Spielarten und Spielregeln der Liebe“ von Eric Berne habe ich im Zug gelesen. Die Psychologie beschäftigt sich mit den zahlreichen Spielarten der Liebe und des Liebesentzuges. Das Buch lehrt uns, Liebe und Sexualität als substanzielles Spiel des Menschen zu begreifen, in dem der Einzelne bewusst seine Isolierung überwindet und sich im anderen erkennt.
Nach Auffassung der Evolutionspsychologen, lese ich heute im Internet, werden Frauen und Männer bei der Partnerwahl von Vorlieben regiert, die sich über Millionen von Jahren von unseren Vorfahren auf uns weitervererbt haben. Diese „Steinzeit-Psyche“ soll Frauen auf starke oder statushohe Beschützer-Typen reagieren lassen; Männer dagegen auf junge, hübsche Frauen. Schönheit gelte bei beiden Geschlechtern offenbar als Indiz für „gesunde Gene“, wie auch Humanethologen bestätigen. In diesem Zusammenhang wurde auch vielfach untersucht, was „Schönheit“ bedeutet, welche körperlichen Merkmale für beide Geschlechter als attraktiv gelten. Männer beurteilen demnach unbewusst die Fortpflanzungstauglichkeit. Das Verhältnis von Taille zu Hüfte ist optimalerweise 7:10. Im Vordergrund steht nicht so sehr die Schönheit der Form des Körpers oder das Gewicht, sondern ob es aufgrund des Körperbaus Schwierigkeiten bei der Geburt geben könnte. Männer lieben schöne Haut, Backenknochen, weniger Make-up, die Farbe Rot und ein Lächeln, gesunde junge Körper, die sich gut bewegen, einen guten Duft verströmen, eine höhere Stimme und sie achten auf die Länge und Struktur der Haare.
(Vgl. dazu: http://www.huffingtonpost.de/2014/10/30/was-maenner-attraktiv-finden_n_6073460.html)
Ob Dr. Rossmann eine Antwort auf die Frage, was Liebe zwischen Mann und Frau bedeutet, hat? Wie er wohl Treue definiert? Wie passen freie Liebe und Treue zusammen?
Der Gedanke an meine Krankheit verdrängte die Liebe. Ich hasste meine Krankheit. Niemanden und nichts habe ich in meinem Leben so gehasst wie die Epilepsie. Ich verabscheute sie, weil sie Tod und Verzicht bedeutete. Mein Blick war auf Dr. Rossmann fixiert. Würde er mir helfen können? Oder würde ich mit zwei Leiden nach Hause kommen: Der Epilepsie und dem Zustand der Verliebtheit? Fallsucht mal zwei?
Dr. Rossmann setzte sich neben mich. Ich genoss seine Nähe, wie er roch, seine Höflichkeit, seine Stimmlage. Ich fühlte mich wie eine Prinzessin.
„Ich bin krank.“ Die Tränen rollten über meine Wangen. „Ich bin Epileptikerin.“ Mein Schluchzen erschütterte den Raum. Alle im Raum hörten mir zu, niemand unterbrach mich. Gerda reichte mir ein Taschentuch.
„Und wer bist du noch? Welche Wünsche, Bedürfnisse, Sehnsüchte hast du? Was erwartest du dir vom Leben?“
„Das weiß ich nicht.“
„Das weißt du noch nicht.“
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht.
An der Eingangstüre hing ein Plakat mit einem Gedicht von Rainer Maria Rilke:
Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann;
alles ist austragen – und dann gebären … Reifen wie ein Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit.
Man muss Geduld haben
gegen das Ungelöste im Herzen
und versuchen,
die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben und
wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es geht darum,
alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages,
in die Antwort hinein.
Alle warteten, bis ich das Gedicht fertig gelesen hatte. Mein Herzschlag pendelte sich ein. Das Gefühl, verstanden zu werden, erwachte für Sekunden in mir. Der Balancierer spielte seine Symphonie.
Wer bestimmte in meinem Innenreich? Ich, die Unternehmerin, oder meine Mitarbeiter, die vielen Persönlichkeitsanteile in mir? Wenn ich eine Zählung machte, wie viele Mitarbeiter stimmten für mich? Eine Stimme, die sich ständig hervortat, kannte ich sehr gut. Es war der Zweifel: Du musst unsichtbar werden, dich übermalen, ausradieren, hier droht Gefahr!
Die Gruppe machte Pause. Ich stürzte mich mit einigen anderen in das Alltagsleben, auf die Straße, ins nächste Kaffeehaus. Der Kaffee schmeckte. Ich genoss die Distanz zu mir selbst, meinen Ansprüchen, meinen Illusionen. Ich fühlte mich zugehörig zu den Menschen, die Kaffee tranken und Kuchen in sich hineinschlangen. Wir hatten alle etwas Gemeinsames, das uns zusammenführte. Große oder kleine Probleme.
„Wann ist eine Lüge hilfreich?“, wollte Gerda von Michael wissen.
Wie so ein Lungenkrebs wohl ausschaut?
„Wenn eine Lüge Wirklichkeiten erzeugen kann, die uns helfen, aus der Dunkelheit zum Licht zu gelangen, ist sie okay. Eine Lüge, die in die Irre führt und Leid bringt, diese Form der Lüge ist abzulehnen.“
Michael musste ein Philosoph sein, dachte ich.
Ob Gerda Kinder hatte? Wie würden meine Kinder auf eine Scheidung reagieren?
Irgendetwas Trauriges, Verhärmtes sprach aus ihren Augen.
Ich konzentrierte mich auf meinen Zwetschkenkuchen. Köstlich, er war besser als zu Hause.
Dr. Rossmann war freundlich, lachte gerne, so wie ich. Er war schlau wie ein Fuchs, durchschaute Retter- („Du Arme“), Opfer- („Gib mir eins drauf “) und Verfolgerspiele („Du Schweinehund“). Er war Transaktionsanalytiker, sein Lehrmeister Eric Berne. Menschen mit ganz normalen Lebensproblemen scharten sich um ihn. Statt Freuds ÜBER-ICH, ES und ICH schwärmte er vom ELTERN-ICH, KIND-ICH und ERWACHSENEN-ICH. Die Idee, dass ich mein eigenes Kind noch immer in mir trug, beglückte mich. Ich wollte dieses KIND wiederentdecken und meiner Sehnsucht, geheilt zu werden, folgen.
Dr. Rossmann mochte mich. Während er mir zuhörte, fiel ihm, wie er mir später berichtete, das Märchen vom Froschkönig ein. Für ihn war ich eine Prinzessin, um die sich alles drehte, die noch nicht aus ihrem eigenen Lebensgefühl heraus strahlte. Ich war zu brav, zu tapfer. Manchmal zeigte ich mich verführerisch und hilflos. Dann bekam ich viel Beachtung und wurde mit Anerkennung belohnt. Aggressiv wurde ich selten.
In der Nacht blätterte ich damals in Erich Fromms Aggressionstheorie.
Heute schalte ich meinen Computer ein und gebe „Erich Fromm“ in die Internetsuchmaschine ein. Unter https://de.wikipedia.org/wiki/Aggression finde ich u. a. Folgendes: „Als Anlage-Faktor geht er in seiner Charaktertheorie von menschlichen Grundbedürfnissen (Sicherheit, Stimulation, Erfolg, Freiheit) aus, die bei der Sozialisation eines Menschen mehr oder minder gut erfüllt werden, wodurch sein individueller Charakter geprägt wird. Dieser individuelle Charakter muss sich mit der ihn umgebenden Gesellschaft (dem sozialen Charakter) auseinandersetzen. Ist der individuelle Charakter genügend stark ausgeprägt, kann er Frustrationen besser verkraften oder in positive Aktionen umsetzen.
Im Grunde war ich überfordert mit der Krankheit, der Familie und der realen Welt. Mit meiner Bedürftigkeit, die ich teilweise noch gar nicht kannte, meinen dunklen Seiten, der Wut, der Trauer, den Sehnsüchten blieb ich allein. Eine tiefe Angst drang durch meinen Panzer.
Thanatos, der nach Freud benannte Todestrieb, fiel mir ein. Seine Aufgabe war es, Einheiten zu zerstören, wohingegen Eros, oder der Liebestrieb, Einheiten schaffen möchte. Diese beiden Triebe laufen immer gleichzeitig, las ich, sodass wir beispielsweise essend eine Sache zerstören, um andererseits uns aufzubauen. So haben die Triebe die Aufgabe, sich gegenseitig zu bremsen, nicht aber zu beschneiden, um negative Folgen eines einseitigen Prozesses zu vermeiden. Der Todestrieb, die Aggression, stellt sozusagen ein psychisches Energiepotenzial dar, das eingesetzt werden kann, um zu verändern. Ja, verändern will ich mich, vor allem meine Krankheit.
Ich bewunderte Menschen, die ein gesundes Aggressionspotenzial abrufbar hatten. Sie konnten sich in schwierigen Situationen behaupten, ohne ihr Gesicht zu verlieren.
In meiner Familie hingegen war Aggression tabu. Lieber bescheiden bleiben, weniger verletzen und weniger verletzt werden, war das Motto, unter dem ich aufgewachsen war. Die Menschen um mich herum hatten es satt, Krieg zu führen. Ich musste erst Krieg führen lernen, den Krieg gegen meine Anpassung, den Krieg gegen meine ausgeflippten Nervenzellen.
Ich konnte nie sicher sein, welchen Tanz zwischen Leben und Tod meine Nervenzellen inszenierten. Früher bewegten sie sich zwischen Auf- und Entladung so lange hin und her, bis sie eine gute Balance gefunden hatten. Auf diese Weise konnte ich mein Bewusstsein aufrechthalten. Heute konnten sie jede Sekunde zu feuern beginnen, ohne die Balance wiederzufinden.
Ich beneidete Menschen mit narzisstischem, manischem Verhalten. Für mich waren damals Zeichen einer Manie Menschen mit übermäßiger Energie, überschäumender Aktivität, einer geschärften Wahrnehmung, einem gesteigerten neugierigen Verhalten, einer großen Risikobereitschaft. Mut statt Wut.
Ich bewunderte Menschen, die eine positive Einstellung zu sich selbst hatten, und glaubte, dass diese Menschen ein stabiles Selbstwertgefühl hätten, das auch erhalten blieb, wenn es Rückschläge gab. Narzisstische Menschen, so dachte ich damals, ruhen in sich selbst, strahlen Wärme aus. Ihr Glaube an ihre eigene Besonderheit schmerzte mich. Die zweite Seite der Medaille von Manie und Narzissmus war mir damals nicht bekannt.
Nur, was halfen mir all die Bücher, die „objektiv messbaren Fakten“ der Medizin? Was half mir die präzise Diagnose, wenn die Angst mich würgte? Wie skeptisch musste ich den Fachverbänden, der Pharmaindustrie gegenüberstehen?
Ralf fiel mir ein, mit seinem verstümmelten rechten Arm. Ärzte hatten seiner Mutter, als sie schwanger war, gezielt das Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan verschrieben. Es dauerte vier Jahre, bis das Medikament vom Markt genommen wurde.
Wem konnte ich vertrauen?
Was verstand die Wissenschaft unter Vertrauen?
In welchem Buch musste ich nachlesen?
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