Kitabı oku: «Der Pfirsichkern»

Yazı tipi:

Inger Frimansson

1

Das Leben war an einem Sonntag zu Ende.

Nein.

Das ist keine Übertreibung, es war wirklich zu Ende.

Auf jeden Fall ihr normales Sibban-Leben, das zwölf Jahre lang gewährt hatte. Ein schönes, glückliches Leben war es gewesen, das begriff sie jetzt. Und sie hatte gedacht, es würde immer so weitergehen.

Ich hasse euch alle, ich will sterben!!!!!!

Das schrieb sie in ihr Tagebuch. Nicht an diesem Sonntag, sondern später. Als sie ernsthaft begriff, dass nichts mehr so sein würde, wie es gewesen war.

Niemals wieder.

Dieser Sonntag, als ihr Leben zu Ende war, das war der Tag, an dem sie und Lollo von den Pferden weggejagt wurden. Es war ein Tag, wie es ihn nie hätte geben dürfen. Und wenn es möglich gewesen wäre, wenn man einfach ein riesiges Kalenderblatt irgendwo vom Himmel hätte pflücken können und einen großen schwarzen Filzstift nehmen, dann hätte man den Tag durchstreichen und noch einmal von vorn anfangen können.

›Rücke vor bis Start!‹ Auch ohne viertausend Kronen einzukassieren.

Wenn nur alles so weiterlaufen würde wie bisher.

Eigentlich hatte er richtig gut angefangen, dieser Tag. Sibban wachte früh auf, es war noch still im Haus, sogar Mattias, ihr kleiner Bruder, schlief brav in seinem Gitterbett. Sie stand im Nachthemd davor und betrachtete ihn. Er wachte meistens früh auf und fing gleich an zu schreien, war nass und hungrig. Aber jetzt lag er mit seinem runden Kopf auf dem Kissen, der Schnuller bewegte sich auf und ab, und Mattias sah so schwer und schläfrig aus, dass sie ihn am liebsten gebissen hätte. Nicht fest, nur ganz leicht. So, dass seine Unterlippe sich vorschob. So, dass sie ihn hochheben und ihm die Tränen abwischen konnte. Denn wenn man jemanden wahnsinnig gern hat, dann ist es nicht so einfach, seine Liebe unter Kontrolle zu halten.

Sie hatte mit Lollo abgemacht, dass sie sich am Ausstellungsgelände treffen würden. Das lag auf dem Feld hinter dem Campingplatz, dort fand eine große Landwirtschaftsmesse statt. Am Freitag waren sie hingefahren und hatten vor dem Zaun gestanden. Dort konnten sie alle Geräusche der Kühe und Pferde hören und auch die fetten Widder, die in ihren Boxen blökten. Natürlich kostete es Geld, hineinzukommen. Aber Lollo konnte manchmal richtig cool sein, sie ging einfach zu einem Kontrolleur und sagte, sie seien Volontäre und dass sie sich drinnen um die Pferde kümmern müssten.

Volontäre, was für ein Wort!

Und der Kartenkontrolleur fragte nur kichernd:

»Ach wirklich? Und ihr habt keinen Ausweis dabei, oder?«

»Da ist irgendwas schief gelaufen«, nickte Lollo.

Genau in dem Moment war jemand hinter ihnen gekommen, ein Erwachsener, der den Kontrolleur fragte, ob er nicht wechseln könne, er selbst hatte nur einen Fünfhunderter. Worauf dieser ihnen zuwinkte:

»Rein mit euch, ist schon in Ordnung.«

Am Samstag gingen sie wieder hin, er erkannte sie und nickte.

»Habt ihr immer noch keinen Ausweis?«

»Den haben wir zu Hause vergessen«, erklärte Lollo ganz frech. Sie hatte manchmal diesen Blick, runde blaue Augen, kein Mensch konnte sich vorstellen, dass sie log.

Auf der Messe suchten sie sich beide ein Pferd. Jeweils einen Isländer. Die standen zusammen in einer Box und hießen Skrukka und Skessa, eben solche merkwürdigen Namen, wie isländische Pferde nun einmal haben. Sie sahen sich sehr ähnlich. Aus den Stammtafeln ging hervor, dass sie den gleichen Vater hatten. Biskup von Oddstadir. Sie waren braun mit heller Mähne, hellem Schweif und schmalen Blessen. Sibban kletterte zu ihnen hinein. Skessa kam sofort zu ihr und begann mit der Schnauze an ihrer Tasche zu knabbern. Also wurde sie Sibbans und Skrukka wurde Lollos Pferd.

In einem Kasten vor der Box lagen Bürsten, Schabeisen und Hufkratzer. M. Johansson stand auf dem Kasten, mit blauer Farbe in zierlichen Buchstaben geschrieben. Sie fingen an, die Pferde zu striegeln. Den Tieren gefiel das, sie standen still und genossen es. Dann flochten sie ihnen die Mähne, nicht den Pony, der war ganz luftig und schön so, aber die Halsmähne. Am zweiten Tag befestigten sie die Zöpfe mit Haargummis, die sie von zu Hause mitgebracht hatten.

Die ganze Zeit gingen Leute vorbei. Sie blieben stehen, schauten zu und manchmal fragten sie nach den merkwürdigen Namen. Was sie bedeuteten und so.

Sibban wünschte sich schon seit vielen Jahren ein Pferd.

Aber das ging ja nicht.

Das sei unmöglich, sagte Mama. Wie sollten sie sich das leisten können?

Der Freitag und der Samstag waren gute Tage gewesen. Sie war mit Lollo auf der Messe herumgelaufen, hatte sogar ganz vergessen etwas zu essen. Wenn man etwas richtig Schönes machte, merkte man gar nicht, dass man hungrig war. Das war dann irgendwie nicht so wichtig.

Und Lollo?

Sie hatte Lollo nichts angemerkt. Die schien haargenau wie immer zu sein.

Ja. Der Freitag und der Samstag waren schöne Tage gewesen.

Aber dann kam der Sonntag.

2

Wie gesagt, es fing ganz gut an. Auf jeden Fall solange sie zu Hause war. Sie schlang ihre Sonntagsration Sauermilch mit Flakes in sich. Immer noch schliefen alle und niemand hörte, wie sie sich die Treppe hinunterschlich. Sie hatten abgemacht sich am üblichen Platz beim Eingang zu treffen, aber als Sibban keuchend den Hügel hinaufkam, war Lollo noch gar nicht aufgetaucht. Sibban lief herum und suchte auf dem Boden nach Geld. Die Leute passten nicht auf, an solchen Plätzen konnte man oft einiges finden. Sowohl Zehner als auch Fünfer.

An diesem Tag war ein anderer Kontrolleur da, ein Kerl mit Bart und einem albernen Käppi, auf dem »Supra« stand. Sie dachte an supa, saufen. So sah er auch aus, wie ein Säufer.

Schließlich kam Lollo doch noch und Sibban merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Aber sie sagte nichts, so etwas ging oft von allein vorüber, man musste es nicht unnötig aufbauschen. Lollo stellte ihr Fahrrad ab und schloss es am Ständer an.

»Bist du noch nicht reingegangen?«, fragte Lollo und in ihrer Stimme war ein kalter, fremder Ton.

»Nein, ich habe auf dich gewartet.«

Sie gingen zum Eingang, Lollo ging wie immer voran.

Der Kontrolleur hielt sie auf.

»Und wo wollt ihr denn bitte schön hin?«

»Wir müssen uns um unsere Pferde kümmern«, sagte Lollo.

»Die Ausweise!«

Da drehte Lollo sich zu Sibban um und zog die Augenbrauen hoch.

»Sibylla!«, sagte sie herausfordernd. »Du hast sie doch.«

Das brannte im Gesicht wie eine Ohrfeige.

»Was?«, fragte sie dumm.

Lollo sah sie an, ihre Augen waren eisblau und nichts von der vertrauten Lollo war darin zu sehen.

Der Kontrolleur wedelte mit seinen fetten Wurstfingern.

»Verschwindet vom Eingang! Sonst können die anderen Leute nicht durchkommen.«

Da war nichts zu machen.

Sie gingen am Zaun entlang und der war lang, das Ausstellungsgelände war groß. Alle möglichen Messen und Ausstellungen wurden hier abgehalten. Einmal hatte eine Süßwarenmesse stattgefunden, die hatten sie mit Lollos Eltern besucht und dort so viele Süßigkeiten essen dürfen, wie sie wollten. Sibban hatte bestimmt ein Kilo Lakritz gegessen.

In der Nacht wurde ihr übel und sie spuckte das ganze Bett voll. Spuckte schwarz. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie wieder Lakritz sehen mochte.

Während sie am Zaun entlanggingen, sagten sie nichts. Die Stille dröhnte in ihren Ohren. Sibban wünschte, dass Lollo sich ihr kichernd zuwenden würde oder eine dumme Bemerkung über den Kontrolleur fallen ließe. So etwas in der Richtung, wie blöd und unmöglich er doch war.

Aber das tat sie nicht.

Schließlich musste Sibban etwas sagen. Die Worte füllten ihren Mund, sie schmeckten schlecht auf der Zunge.

»Verdammt, wie kommen wir jetzt rein?«, hörte sie ihre eigene Stimme.

Normalerweise fluchten sie nicht, Lollo und sie. Wenn eine von ihnen es doch tat, musste sie eine Krone in eine bestimmte Dose legen. Von dem Geld kauften sie sich Rubbellose. Wenn man Glück hatte, konnte man eine Million gewinnen. Sie wollten sich von dem Geld ein Pferd kaufen.

Sibban fluchte. Ja, sie tat es ganz bewusst.

Lollo fuhr sich mit den Fingern durch ihr dichtes Haar.

Zuckte mit den Schultern.

»Scheiße, das weiß ich doch nicht.«

Sie gingen weiter. Wind war aufgekommen. Sibban dachte, dass sie lieber einen Pullover hätte anziehen sollen, nicht nur die Jacke. Sie hob die Hände vor den Mund und hauchte darauf. Ihre Hände waren so steif, dass die Gelenke richtig schmerzten. Plötzlich entdeckten sie ein Loch im Zaun. Sie sahen es beide gleichzeitig und beiden war klar, dass jemand das Loch dort gemacht hatte, um hineinzugelangen ohne zu bezahlen. Genau wie sie.

Es war kein Problem, durch das Loch zu kommen. Man legte sich nur auf den Rücken und rollte einmal herum. Als Sibban sich aufrichtete, hörte sie einen Ratsch. Ihre Jacke hatte sich festgehakt, ein langer Riss war entstanden. Aber in dem Moment interessierte sie das nicht.

Sie waren drinnen, Lollo und sie.

Die Pferde erkannten sie wieder, das war offensichtlich. Skessa warf ihren schönen Kopf und schnaubte leise. Sibban wurde es ganz warm ums Herz.

Dann fiel ihr ein, dass das der letzte Tag war. Bald würde M. Johansson kommen und die beiden Pferde zu einem Transporter führen, sie zu sich nach Hause fahren und sie würden sie nie wieder sehen. Sie holte den Hufkratzer heraus und hob Skessas Huf. Er war ganz sauber, es gab nichts herauszukratzen, aber sie stocherte doch ein bisschen darin herum, einfach so.

Während sie vorgebeugt dastand und Skessas linken Hinterhuf hochhielt, kam Jessica Leander mit ihrer Cousine vorbei. Jessica Leander ging in ihre Klasse. Sibban mochte sie nicht. Sie war eingebildet und hochnäsig, musste immer alles bestimmen. Jetzt beugte sie sich in die Box hinein. Sie hatte sich geschminkt, ihre Augen waren schwarz umrahmt, ihr Mund rot verschmiert.

»Hallo!«, sagte sie in dieser arroganten Art, die typisch für sie war.

Sibban nickte nur kurz. Zu ihrer Verwunderung hörte sie, wie Lollo den Gruß richtig fröhlich erwiderte.

»Mein Gott, was für schöne Pferde!«, rief Jessica Leanders Cousine aus.

»Dürft ihr euch um sie kümmern?«, fragte Jessica.

»Ja«, sagte Lollo. »Das dürfen wir.«

»Und wem gehören die?«

»Einem, der heißt Johansson. Mein Vater kennt ihn.«

Jessica Leander öffnete ihren knallroten Mund und machte ihn gar nicht wieder zu. Dann fragte sie, ob Lollo nicht mit diesem Johansson reden könnte und fragen, ob sie sich nicht auch um ein Pferd kümmern dürfte.

»Mal sehen«, sagte Lollo.

Mach, dass sie gehen, dachte Sibban. Lieber Gott, wenn es dich gibt, dann sorge dafür, dass sie gehen!

Es war nervig, dass sie hier herumhingen, sie störten. Aber das war nur die Ruhe vor dem Sturm.

Tatsächlich gingen Jessica Leander und ihre Cousine nach einer Weile. Sie waren nicht mehr da, als M. Johansson kam. Und das war in gewisser Weise eine Erleichterung.

Sie hatten sich in die Box gesetzt. Sibban massierte Skessas Bein, sie hatte im Fernsehen gesehen, wie man das macht, und dem Pferd gefiel das, das merkte sie. Während sie dasaß, die Stirn an den warmen Pferdebauch gedrückt, hörte sie ein Geräusch. Es war die Boxentür, die quietschend aufging. Eine Frau stand in den Hobelspänen. Sie trug eine enge Reithose und glänzende Stiefel. Sie war genauso geschminkt wie Jessica Leander. Und sie war wütend.

»Was macht ihr denn hier?«, rief sie so laut, dass beide Pferde erschraken und die Ohren nach hinten drehten.

Sibban fuhr hoch. In ihrem Nacken wurde es heiß und begann zu jucken, genau so ein unangenehmes Gefühl, wie sie es auch ab und zu in der Schule verspürte, wenn Anita Persson, ihre Klassenlehrerin, vertreten wurde.

Die Frau packte sie beim Arm. Das tat weh. Sie schüttelte Sibban und starrte sie aus kleinen blassen Augen an.

»Ich habe doch gesagt, dass niemand Unbefugtes zu den Pferden gehen darf. Ich habe sogar dafür bezahlt!«

»Na und, wir haben uns nur ein bisschen um sie gekümmert«, sagte Lollo.

Sibban schluckte und räusperte sich. Die Tränen schnürten ihr den Hals ab.

»Meine Pferde brauchen keine Extrapflege«, fauchte die Frau und ließ sie los. »Haut ab! Verschwindet!«

Es hatten sich einige Leute vor der Box versammelt. Sie starrten die Mädchen an, als diese aus der Box kletterten. Jemand kicherte. Sibban versuchte ihren Blicken auszuweichen. Ihr Gesicht war heiß und brannte.

Sie liefen eine Weile herum und schauten sich die anderen Tiere an, die Hühner und ihre kleinen gelben Küken, die Ziegen und die Papageien. Auf einer Bahn gab es einen Weitsprungwettkampf für Kaninchen. Das sah albern aus.

Nicht ein Wort wechselten sie miteinander. Das kam von dem Schock, wie Sibban später einsah. Sie hatte sie zu Tode erschreckt, die Alte.

M. Johansson, dachte sie. M. steht für Monster. Die armen Pferde Skessa und Skrukka, deren Besitzer das Monster Johansson ist!

Sie sahen die Pferde nie wieder. Und wenn Lollo schon vorher sauer war, so wurde sie kaum fröhlicher durch die Begegnung mit Monster Johansson.

Sie schlüpften durch den Haupteingang hinaus. Der Kontrolleur sah sie mit großen Augen an, als er sie entdeckte.

»Scheiß drauf«, zischte Sibban.

Sie zog ihren Fahrradschlüssel hervor.

»Ja«, sagte sie, »und was machen wir jetzt?«

»Nun ja ... ich muss nach Hause«, erwiderte Lollo, und sie sagte es ganz schnell, mit harter, rauer Stimme.

»Nach Hause? Wieso musst du denn nach Hause?«

»Meine Tante und mein Onkel kommen.«

Und da fing es ernsthaft an.

Oder besser gesagt, es hörte auf.

Das sichere, normale Sibban-Leben.

3

Sie war auf den Namen Sibyl getauft worden, wurde aber Sibban genannt. Eigentlich klang das nicht besonders schön. Aber so war es immer schon gewesen. Sibban ging den Leuten leichter über die Lippen als Sibyl. Lollo sagte manchmal Sibylla. Wenn sie sie aufziehen wollte.

Sibyl oder Sybil war im Grunde ein englischer Name. Ihre Mutter stammte aus England. Aus Portsmouth. Als die Eltern noch jung waren, ungefähr vor hundert Jahren oder so, fuhr Sibbans Vater nach Portsmouth, um das alte Schiff von Lord Nelson anzuschauen. Lord Nelson hatte früher einmal Krieg gegen Napoleon geführt.

Mama Linda saß an der Kasse und verkaufte Eintrittskarten. Das machte sie als Ferienjob. Sie gab Papa seine Karte, und genau als sie das tat, machte es Klick. Sie verliebten sich ineinander und sie zog nach Schweden. Sibban hatte die Geschichte schon viele, viele Male gehört. Sie hörte sie nur zu gern.

Ihre Mutter hatte dann Schwedisch lernen müssen. Heute hörte man kaum noch, dass sie aus einem anderen Land stammte. Und als Sibban geboren wurde, da war es ihre Mutter, die den Namen aussuchte.

Ihr Vater durfte den Namen des kleinen Bruders aussuchen.

Lollo und Sibban waren Freundinnen, seit sie in den Kindergarten gekommen waren. Sie waren immer zusammen – außer wenn jede bei sich zu Hause war. Oft hatten sie sich gewünscht, sie würden etwas näher beieinander wohnen, am liebsten in der gleichen Straße. Aber so war es nun einmal nicht. Lollos Haus war groß und gelb und hatte einen Steinfußboden oder Klinker, wie das genannt wurde. Man sollte meinen, dass ein Steinfußboden kalt wäre. Aber wenn man in Lollos Haus barfuß ging, dann bekam man ganz kuschelig warme Füße.

Sibban hatte ihre Eltern gefragt, ob die nicht auch einen warmen Fußboden anschaffen könnten. Das schien ganz einfach zu sein. Nur ein paar Wärmeschlangen, das konnte doch wohl nicht so teuer sein. Aber Mama antwortete ihr, dass sie froh sein sollten, es sich überhaupt leisten zu können, hier wohnen zu bleiben.

Diese Antwort gefiel Sibban gar nicht. Dabei zog sich ihr Magen zusammen.

Ihr Haus war ein Reihenhaus. Es war weiß, mit einem Flachdach, und im Winter sammelte sich immer viel Schnee auf dem Dach. Jedes Mal wurde ihr Vater ganz unruhig und fürchtete, es könnte undicht werden, wenn der Schnee schmolz. Einmal lief das Wasser die Flurwände hinunter, hatte sich einen Weg durch das Dach gebahnt. Es kostete offensichtlich ein Vermögen, das zu reparieren.

Papa war nicht so geschickt im Dachreparieren oder Ähnlichem, deshalb musste er Handwerker beauftragen. Meistens machte er selbst darüber Witze.

Bei mir sitzt der Daumen mitten in der Hand, sagte er immer. Das bedeutete, dass er ganz unpraktisch war. Deshalb hatte er sich auch lieber einen Job in der Bibliothek gesucht als beispielsweise Tischler oder so zu werden.

Aber dummerweise verdiente er nicht so viel in der Bibliothek.

Mama hatte gar keinen Job. Sie hatte früher bei der Post gearbeitet, aber das Postamt war geschlossen und alle Angestellten waren entlassen worden. Jetzt gab es stattdessen einen Postkiosk im Supermarkt.

Es hatte Spaß gemacht, Mama bei ihrer Arbeit auf der Post zu besuchen. Sie saß hinter einem hohen Schalter und sie winkte Sibban und Lollo immer zu, wenn sie hereinkamen. Sie sah fröhlich aus, aber auch, als ob es ihr ein bisschen peinlich wäre. Vielleicht hatte sie Angst, dass ihre Chefin sagen würde, dass die Post kein Spielplatz ist. Sie hatte eine mürrische Chefin, die hieß Ulla Nord. Ulla Nord wurde auch arbeitslos, als das Postamt geschlossen wurde.

Aber eigentlich war es nur gut, dass ihre Mutter bei der Post aufhören musste. Wer hätte sich denn sonst um Mattias kümmern sollen? Schließlich war er noch ein Baby. Er war dreizehn Monate alt und krabbelte im Raketentempo über den Boden.

Als sich Sibban an diesem Sonntag von Lollo getrennt hatte, wusste sie nicht so recht, was sie machen sollte. Sie war sonst fast nie allein. Immer waren Lollo und sie zusammen gewesen, sie machten alles zusammen. Sibban radelte nach Hause, trat wie eine Verrückte in die Pedale. Jedes Mal, wenn sie an das Monster Johansson dachte, spürte sie reichlich Kraft in den Beinen. Am liebsten hätte sie die Alte ermordet. Wenn man sich nur vorstellte, dass ihr Skessa und Skrukka gehörten! Sicher fühlten die beiden sich bei der dummen Kuh nicht wohl. Aber bei ihnen hatten sie sich wohl gefühlt. Bei Lollo und Sibban.

Ach, wenn sie nur die Pferde hätten entführen und sie verstecken können. Sie hätten bei Lollo stehen können, die Familie hatte ein großes Grundstück. Ja, da hätten sie bleiben können, sogar im Winter. Islandpferde waren Schnee und Kälte gewohnt. Sie hatten ja ihr dickes Fell, sie brauchten nicht einmal einen Stall.

Mama war im Garten, als Sibban auf den Hof fuhr. Sie war bei den Beeten, kniete auf dem Boden, ihre Finger waren ganz erdig. Sie sah verfroren aus. Mattias war in seinem Kinderwagen angeschnallt. Er lachte, als er Sibban sah. Er hatte winzig kleine Zähne, scharf wie bei einem kleinen Iltis.

»Ach, ist die Messe schon vorbei?«, fragte Mama.

»Scheint so.«

»Und wo ist Lollo?«

Das war doof, dass sie so fragte.

»Äh ... sie musste nach Hause.«

Sibban dachte an das, was Lollo gesagt hatte. Dass ihre Tante und ihr Onkel kommen würden. Sie wusste nicht einmal, dass Lollo eine Tante und einen Onkel hatte.

Sie ging in ihr Zimmer. Es lag im ersten Stock, und als es vor ein paar Jahren renoviert wurde, hatte sie selbst die Tapete aussuchen dürfen. Sie hatte ein Muster ausgesucht, das übersät war mit bunten Sommerblumen. Mama hatte tapeziert. Sie hatte das zusammen mit der Nachbarin Bettan Glans gemacht, die in der gleichen Häuserreihe wohnte. Bettan kam auch auf die Idee, dass man eine rote Leiste an die Wand nageln sollte. An der konnte man Fotos und Bilder befestigen. Und das hatte Sibban dann getan, die Leiste war voll mit Pferdebildern.

Papa sagte, dass ihm ganz schwindlig wurde, sobald er die Blumentapete sah. Wie war das nur möglich? Dabei war es doch vielmehr ein Gefühl, als wäre man auf einer wunderschönen Sommerwiese. Fehlte nur noch ein Pferd. Das darauf weidete. Das man satteln und auf dem man wegreiten konnte, wenn man wollte.

Sie hatte natürlich viele Pferde. Aber die waren nicht echt. Eines war aus Holz, ein paar andere aus Porzellan oder Plastik. Zum Geburtstag oder zu Weihnachten wünschte sie sich immer Pferde. Sie stellte sie auf ein Regal in ihrem Zimmer. Boxen hatte sie aus Karton ausgeschnitten. Lollo und sie hatten kleine Sättel aus dickem Stoff genäht mit Steigbügeln aus Garn und Draht. Alle Pferde hatten Namen und einen Stammbaum. Mit einem schönen Stift hatten sie Schilder geschrieben, die sie dann an die Boxen klebten. Sibbans Lieblingspferd war das aus Holz. Es stammte aus Nordschweden. Sie nannte es Trolle.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und hob Trolle herunter. Ob sie ihm eine Trense machen sollte? Sie konnte mal in Mamas Nähkasten nachschauen, da war bestimmt etwas Passendes. Aber sie hatte nicht so recht Lust. Das war merkwürdig. Sonst hatte sie doch immer Lust, mit ihren Pferden zu spielen. Viel lieber, als sinnlose Hausaufgaben zu machen.

Etwas rumorte in ihrem Bauch. Obwohl sie so schnell mit dem Rad gefahren war, hatte sie eiskalte Fingerspitzen. Wurde sie etwa krank?

Sie legte sich aufs Bett und starrte auf die großen Blumen. Zum ersten Mal begann sie zu ahnen, was Papa meinte, wenn er sagte, dass ihm ganz schwindlig wurde.

Nach dem Essen rief sie bei Lollo an. Niemand nahm ab, was etwas unheimlich war. Waren sie denn nicht zu Hause, obwohl sie Besuch hatten? Aber vielleicht hatten sie Tante und Onkel mitgenommen und waren ans Wasser gefahren. Lollos Eltern hatten ein Segelboot und Sibban war schon oft mit ihnen dorthin gefahren und auch ein paar Mal gesegelt. Mehrere Male hatten sie auf dem Boot übernachtet. Das war gemütlich, man lag in seiner Koje und hörte, wie es um einen gluckste und das Boot sanft und freundlich schaukelte. So ähnlich fühlte es sich wohl an, wenn man als Baby in einer Wiege oder im Kinderwagen lag.

Aber hatten sie überhaupt das Boot schon zu Wasser gelassen? Nein. Das wollten sie in zwei Wochen tun, sie erinnerte sich noch ganz genau, dass Lollos Vater das gesagt hatte.

Lollos Vater war Arzt. Er hieß Gert und war Herzspezialist. Ihre Mutter hieß Eva. Sie war Psychologin.

»Sie kann deine Gedanken lesen«, erklärte Lollo einmal.

»Das glaube ich nicht.«

»Doch, das kann sie. Also, pass lieber auf.«

Sibban war immer etwas nervös in der Nähe von Lollos Mutter. Sie hatte heimlich ein paar Versuche gemacht und war zu dem Schluss gekommen, dass es wahrscheinlich stimmte, dass Eva Gedanken lesen konnte. Einmal trug Lollos Mutter ein ganz hässliches Kleid. Sibban dachte an das Kleid. Wie hässlich es war. Sie traute sich natürlich nicht, Eva anzuschauen, als sie das dachte, saß nur da und hielt den Atem an.

So ein hässliches Kleid, dachte sie. Was für ein blödes Kleid ...

Nach einer Weile rief Lollos Mutter aus: »Also nein, dieses Kleid war wirklich ein Fehlkauf. Ich fühle mich einfach nicht wohl darin. Das werde ich im Secondhandladen verkaufen.« Dann ging sie nach oben, um sich umzuziehen.

Sibban versuchte es auf Lollos Handy. Auch da bekam sie keine Antwort. Vielleicht war der Akku leer. Wenn sie ein eigenes Handy gehabt hätte, hätte sie eine SMS schicken können.

»Ist euer Besuch nett? Kommst du nachher vorbei?«

Sie war so süß, Lollo. Irgendwie so sanft. Sie hatte blaue, von selbst leuchtende Augen.

Wenn sie sich zwischen die Kissen kuschelten und lasen, warf Sibban sich manchmal über Lollo und hielt sie fest.

»Wir spielen, dass du meine kleine Katze bist!«

Lollo kratzte die Luft mit ihren langen Krallen.

»Katzen haben grüne Augen«, fauchte sie und ein feiner Speichelregen traf Sibbans Wangen.

4

Mama wurde nur sehr selten wütend. Aber jetzt war sie wütend. Sibban hörte es an ihren Schritten. Sie kam die Treppe herauf, riss die Tür auf ohne anzuklopfen.

»Was ist?«, fragte Sibban.

Dann sah sie, was ihre Mutter über dem Arm hatte.

Die neue rote Jacke.

»Die ist ja total kaputt«, schimpfte sie und warf sie auf den Boden.

»Die Jacke hat sich verhakt«, flüsterte Sibban. »Das wollte ich nicht.«

Mama stand aufrecht da. Unten aus dem Flur war Mattias zu hören, der anfing zu weinen. Wenn man sich gleich um ihn kümmerte, hörte er auf. Sonst brüllte er immer lauter und lauter. Zum Schluss konnte man ihn gar nicht mehr beruhigen.

»Jedenfalls ist das nicht mehr zu reparieren!«, sagte Mama. Sie schrie fast. Dann warf sie die Tür zu und lief zu Mattias hinunter.

Sibban gab der Jacke einen Tritt. Sie blieb darin hängen. Das machte sie wütend. Sie beugte sich hinab und hob sie auf, schleuderte sie fest gegen die Wand.

»Verdammte, verfluchte Jacke!«, murmelte sie.

Dann fing sie an zu weinen.

Sie hatten an diesem Abend Nudeln mit Fischklößchensoße gegessen. Sie konnte den Fischgeruch immer noch riechen, als sie schon ins Bett gegangen war. Er setzte sich in den Wänden fest, sogar in der Sommerblumentapete. Sie hatte Kopfschmerzen. Unter den Augenlidern scheuerte es wie von feinem Sand.

Ihre Mutter war immer noch böse, man sah es an ihrem geraden Rücken und daran, wie sie mit den Töpfen und Löffeln klapperte. Ihr Vater war gerade erst nach Hause gekommen. Er war das ganze Wochenende über weg gewesen. In Jönköping, zu einem Klassentreffen. Er erzählte von seinen früheren Klassenkameraden, was der und der machte und wie alt sie geworden waren und solche Dinge. Mama antwortete kaum und Sibban merkte, dass er immer mehr verstummte.

»Hast du deine Lehrer auch getroffen?«, fragte Sibban. Ihre Stimme klang dabei dünn und fremd, als hätte sie seit mehreren Jahren nicht mehr geredet.

»Was?«, fragte Papa. Dabei schaute er Mama an.

»Na, da in Jönköping«, erklärte sie.

Da klingelte das Telefon.

Sibban sprang auf, dass der Stuhl umfiel.

»Hallo, hier ist Sibban«, rief sie in den Hörer.

Aber es war vollkommen still.

»Hallo!«, rief sie noch einmal.

In dem Moment wurde die Verbindung unterbrochen, doch kurz vorher meinte sie ein unterdrücktes Kichern gehört zu haben.

Lollo und Sibban trafen sich immer am Kiosk und gingen von dort zusammen zur Schule. In den ersten Jahren, als sie gerade in die Schule gekommen waren, begleiteten sie immer Erwachsene. Es gab hier ziemlich viel Verkehr, vor allem morgens.

Jetzt gingen sie in die sechste Klasse. Der Kiosk war so früh noch nicht geöffnet, aber wenn Lollo und Sibban am Nachmittag zurückkamen, hingen die Reklametafeln draußen und die Verkäuferin war immer schwer beschäftigt.

Sibban hatte sich oft gewünscht einen Kiosk zu haben. Vielleicht sollte sie sich einen kaufen, wenn sie groß war. Man stelle sich vor, ein eigener Kiosk! Und sie würde nicht ungeduldig werden mit all den Kindern, die mit ihrem Taschengeld kamen und lose Bonbons kauften. Die davorstanden, auf die Süßigkeiten zeigten, rechneten und mit ihren Münzen fummelten.

Wenn keine Kundschaft kam, würde sie alle Süßigkeiten probieren. Sie musste doch wissen, ob sie wirklich gute Ware verkaufte. Am liebsten mochte sie Pinguinstangen. Besonders die mit Erdbeergeschmack.

Am Montagmorgen regnete es. Nicht viel, aber es reichte, um den Fahrradsattel feucht zu machen, so dass er sich unangenehm anfühlte. Manchmal zog sie eine Plastiktüte darüber. Diesmal hatte sie das vergessen.

Lollo wartete am Kiosk. Sie trug eine Lederjacke, die Sibban noch nie gesehen hatte, und weiße Jeans.

»Hallo«, sagte Sibban.

Lollo nickte. Irgendwas war auch mit ihrem Haar neu. Sie hatte es zu einem Knoten hochgesteckt.

»Was hast du mit deinen Haaren gemacht?«, platzte Sibban heraus. »Das sieht ja aus wie ein Kuhfladen!«

Lollo fauchte, man merkte, dass sie wütend wurde.

»Mein Gott, wie kindisch du bist!«

Sonst nahm sie so etwas nie ernst. Sie wusste doch, dass es nur als Scherz gemeint war.

»Entschuldige vielmals«, murmelte Sibban. »Ich habe ja nur Spaß gemacht, das weißt du doch!«

Sie fuhren los. Es war windig und Sibban hatte die kaputte Jacke an. Mama hatte den ganzen Abend gesessen und den Riss geflickt. Sie war tüchtig. Er war fast nicht mehr zu sehen.

Als sie ankamen, fragte Sibban, ob es mit Tante und Onkel schön gewesen sei. Lollo zuckte mit den Schultern.

»Geht so«, antwortete sie.

In dem Moment kamen Jessica Leander und Malin auf den Schulhof. Jessica reckte einen Arm und winkte in ihre Richtung.

»Hallo, Lollo!«, rief sie.

Sibban achtete in dem Moment nicht so sehr darauf, aber später, als sie im Klassenzimmer saßen. Warum hatte sie nur Lollos Namen gerufen?

Der Montagmorgen begann mit Mathe. Sibban hasste Mathe. Mathe war grau und zäh, das konnte den ganzen Tag verderben. Mama versuchte ihr beim Lernen zu helfen, aber es war, als hätte Sibban eine Blockade im Kopf.

Sie saß neben Lollo im Klassenraum, wie immer. Lollos Hand mit dem Stift, die eckigen, gespreizten Ziffern, jetzt huschten sie herüber in Sibbans Rechenheft, drehten sich auf den Kästchen, machten alles unordentlich und brachten alles durcheinander. Sie versuchte sie auszuradieren, aber sie wollten nicht verschwinden, alles wurde schwarz, fleckig und zerknittert. Als es zur Pause läutete, raffte Sibban ihre Bücher zusammen und lief hinaus. Etwas Merkwürdiges war in sie gefahren, eine Lust, hundertfünfzehn Runden um den Schulhof zu laufen, einfach zu rennen ohne anzuhalten.

Sie stand auf der obersten Treppenstufe, als Jessica und Malin kamen. Jessica zupfte an Sibbans Jacke und zog sie ihr fast vom Leib.

»Aber schau nur, Sibban, die ist ja im Rücken geflickt! Weißt du das?«

»Ja«, sagte sie nur, in ihren Ohren schien ein Dröhnen anzuschwellen.

»Wie kannst du nur in so einer blöden Jacke herumlaufen? Dass du das aushältst! Aber das ist typisch Sibban. Sibban Klippan. Typisch.«

Sie stieß Malin in die Seite und beide kicherten los. Und das klang genau wie gestern am Telefon.

Wenn es ein ganz normaler Montagmorgen gewesen wäre, dann hätte sie etwas zurückgefaucht wie: »Halt die Schnauze, Jessica Pissica!«

Oder etwas in der Art.

Aber es war kein normaler Montagmorgen.

Stattdessen schien es, als würde die Erde sich auftun, als wäre der Asphalt mitten auf dem Schulhof aufgebrochen, so dass sie jeden Moment in einen Abgrund stürzen und verschwinden konnte.

Oh! Fast wünschte sie sich, dass es wirklich so wäre.

Im Laufe dieser Tage wurde sie schwach. So musste man es wohl ausdrücken. Schwach. Plötzlich konnte sie nicht mehr reden, fand keine Worte. Sie schwoll an, wenn Jessica und Malin in der Nähe waren. Aber nicht auf eine gute Art, so dass sie es ihnen hätte heimzahlen können. Stattdessen wurde sie fett und plump, Schenkel und Po standen vor, die Jeans kniffen in den Bauch, dass sie rote Streifen bekam.

Sie war schon immer etwas rundlich gewesen.

Da hat man jedenfalls etwas anzufassen, sagte ihr Vater immer.

Nach dem Mittagessen hatten sie schulfrei. Die Klassenlehrerin musste zu einer Beerdigung. Wie immer hielten sie am Kiosk an. Sibban hatte etwas Geld, sie kaufte vier Pinguinstangen und gab Lollo zwei davon. Es war nicht einfach, das dünne Papier abzubekommen, und man wurde immer gieriger, wenn man daran herumzupfen musste, das Wasser lief einem im Mund zusammen.

»Wollen wir zu mir gehen?«, fragte sie und biss von ihrer Stange ab. Eigentlich war das dumm, zu reden, wenn man den ersten Bissen tat. Lieber sollte man still sein und einfach den Geschmack genießen.

»Tja«, sagte Lollo.

Sibban sprang auf ihr Rad.

»Dann komm!«, rief sie.

Lollo fuhr hinter ihr her, das hörte sie. Der Pinguingeschmack lag auf ihrer Zunge, sie freute sich schon auf die nächste Stange und hätte gern mehr Geld gehabt, um sich noch zehn Pinguinstangen kaufen zu können.

Mama war am Saubermachen.

Sibban mochte den Lärm des Staubsaugers nicht, der sich zwischen den Möbeln seinen Weg bahnte und gegen Wände und Sofaecken stieß. Das war ein ekliges Geräusch. Außerdem roch es unangenehm. Nach Staub und Putzmittel. Obwohl Mama behauptete, es würde schön sauber riechen.

Mattias krabbelte im Wohnzimmer herum. Er sah selbst wie ein kleiner Staubsauger aus.

»Na, mein Kleiner«, sagte Lollo und jetzt war sie wieder ganz die Alte. Sie hockte sich hin, hob Mattias hoch und bohrte ihren Kopf in seinen Bauch, bis er vor Lachen gluckste.

»Hallo, Mädels!«, rief Mama. »Ihr könnt euch Kakao und Brötchen nehmen, wenn ihr wollt.«

Sibban ging in die Küche, goss Milch in den Topf, gab Zucker und Kakaopulver dazu. Sie wärmte das Ganze auf dem Herd und fühlte mit dem kleinen Finger, ob es schon heiß genug war. Dann trugen sie alles in ihr Zimmer.

»Ist dir schon mal was aufgefallen?«, fragte Lollo und ein Netz feiner Falten war über ihrer Nase zu sehen. »Du machst immer so eklig lauwarmen Kakao. Kannst du den nicht einmal richtig heiß machen?«

»Ja, aber dann verbrennt man sich doch die Zunge.«

Lollo warf ihr einen merkwürdigen Blick zu.

»Ach, scheiß drauf«, sagte sie.

»Ha! Das kostet eine Krone für die Dose!«

Lollo verdrehte die Augen.

»Manchmal bist du wirklich so kindisch, dass ich keine Lust mehr habe.«

Zuerst wurde Sibban wütend. Kindisch! Warum sagte Lollo das? Dann wurde Sibban nur noch traurig. Ihr Hals schwoll an, es tat weh, wenn sie versuchte zu schlucken. Sie saß mit Trolle vor sich, ließ ihn auf der Schreibtischunterlage hin- und herlaufen. Sie machte seine Trense fertig, die Zügel waren rot und sahen aus wie echtes Leder – natürlich nur, wenn man nicht zu genau hinschaute. Sie dachte an den Augenblick, wenn sie Lollo Trolles neue Trense zeigen würde. Wie beeindruckt Lollo wäre. Wie Sibban ihr dann erklären musste, wie sie das gemacht hatte, wie sie ihr alles zeigen würde.

Lollo schaute auf die Trense, sagte aber nichts.

Sie kaute ihr Brötchen und trank ihren Kakao, obwohl er ihr nicht warm genug erschien. Dann setzte sie sich aufs Bett, strich aber vorher die Bettdecke mit einer fast erwachsenen, fast etwas angewiderten Miene glatt. Daheim bei Lollo war das Bett immer gemacht. Sie hatten eine Frau, die bei ihnen jede Woche sauber machte. Sie kam aus Polen und hieß Krystyna mit y.

Lollo saß an die geblümte Tapete gelehnt und summte eine Melodie. Sibban kannte sie, wusste aber nicht, wie sie hieß. Lollo war in ihrem Zimmer, aber eigentlich war sie doch nicht hier. Sibban hätte sie prügeln können.

»Und was wollen wir machen?«, fragte sie nach einer Weile.

Lollo schaute ihr direkt in die Augen.

»Ich habe versprochen, heute früh nach Hause zu kommen«, sagte sie, ihr Mund war dabei rosa und rund und sie leckte einen Zuckerkrümel aus dem Winkel.

»Wieso? Sind deine Tante und dein Onkel immer noch da?«

Lollos Blick wich ihrem aus.

»Nee. Aber Mama will das.«

Sibban stellte Trolle zurück in seine Box. Ihre Hand zitterte ein wenig.

Hau doch ab, dachte sie. Scher dich zum Teufel, verdammt noch mal.

5

Sie blieb in ihrem Zimmer. Sie lag auf dem Bett, machte nichts, dachte an nichts. Aus dem Erdgeschoss hörte sie verschiedene Geräusche, solche, die zu ihrem Zuhause gehörten. Schranktüren, die geöffnet und geschlossen wurden, Mattias’ leises Plappern, Mamas Schritte. Nach einer Weile rief sie nach oben: »Sibban, bist du da?«

Sibban legte den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. An einer Stelle löste sich die Sommerblumentapete fast. Jetzt rief ihre Mutter wieder mit dieser weichen Mamastimme, die sie immer hatte, wenn man krank war oder sich das Knie auf dem Asphalt aufgeschlagen hatte.

Sibban schloss die Augen.

Sei still, durchfuhr es sie. Lass mich in Ruhe!

Stattdessen hörte sie Schritte auf der Treppe. Sibban schnappte sich eine Zeitschrift und tat so, als würde sie lesen. Es klopfte an der Tür, aber bevor sie antworten konnte, öffnete Mama bereits und kam herein. Sie hatte Mattias auf dem Arm. Er streckte die Arme aus.

»Ibba, Ibba!«, rief er.

»Ibba liest«, sagte Sibban und versuchte wie immer zu klingen.

»Ich wollte ein bisschen einkaufen«, sagte Mama.

»Hast du Lust mitzukommen?«

»Nee, glaube ich nicht.«

Mama beugte sich über sie und strich ihr schnell übers Haar. Hör auf, durchfuhr es sie. Die Tränen schossen ihr in die Augen, alles wurde verschwommen und groß.

Eine Weile blieb Mama einfach stehen.

»Es ist noch Eis am Stiel im Gefrierschrank«, sagte sie dann. »Falls du Lust darauf hast.«

Sibban stand am Fenster und sah, wie sie das Haus verließen. Mattias trug seine kleine grüne Mütze. Er fuchtelte mit den Armen, seine winzigen Finger konnten sich an allem festsaugen, was er zu fassen kriegte. Als hätten sie Saugnäpfe.

Als der Kinderwagen hinter der Garagenwand verschwunden war, ging sie hinunter und holte zwei Schokoladeneise. Manchmal kauften sie etwas von dem Eiswagen, der jeden Donnerstagabend kam. Obwohl es eigentlich Betrug war mit dem Eis am Stiel vom Wagen. Es war viel kleiner als das Eis, was man am Kiosk bekam. Deshalb musste sie immer zwei essen.

Sie aß beide auf. Dann fing sie an zu weinen. Sie stand im Badezimmer und betrachtete sich selbst im Spiegel. Das war sie, Sibyl Malm. So sah sie aus. Rotes, glänzendes Gesicht mit kleinen, zusammengekniffenen Schweineaugen. Sie streckte sich selbst die Zunge raus.

Wie konnte jemand nur so hässlich wie sie sein?

Als sie sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser gewaschen hatte, fühlte sie sich ein wenig besser.

»Nun hör bloß auf!«, sagte Sibban und wiederholte das mehrere Male, damit ihre Stimme wieder funktionierte.

Sie hob den Telefonhörer und wählte Lollos Nummer, aber bevor jemand antworten konnte, warf sie ihn wieder auf die Gabel.

Sie ging hinaus in den Garten. Die Reihenhäuser lagen um einen kleinen Park mit Rasenflächen und Bänken. Manchmal gab es in dem Park ein Fest. Die Erwachsenen tranken Punsch und wurden ziemlich betrunken, wenn es auf die Nacht zuging, was sie aber nie zugaben.

Jetzt war es lange her, seit sie gefeiert hatten. Die Feste gehörten zum Sommer. Eigentlich feierten nur die Leute, die hier wohnten, zusammen. Aber für Lollo hatte man eine Ausnahme gemacht. Sie gehörte ja fast zu Sibbans Familie.

Einmal probierten sie von dem Punsch, Lollo und sie. Sie warteten, bis es dunkel geworden war und die Erwachsenen auf den Asphaltwegen tanzten. Tote Mücken schwammen auf der Oberfläche. Die schoben sie zur Seite. Sie schenkten sich jeweils einen Plastikbecher voll ein, es schmeckte scharf, es brannte richtig im Hals.

»Wie können die nur so etwas trinken? Das werde ich nie im Leben tun.«

Lollo schluckte, sie schüttelte sich.

»Man verändert sich, wenn man erwachsen wird. Dann meint man wohl, dass das schmeckt.«

Mitten im Park gab es einen Sandkasten, ein paar Schaukeln und eine Rutsche. Zwei kleine Kinder gruben mit ihren Schaufeln im Sand. Es waren Mille und Lukas, sie wohnten schräg gegenüber von Sibbans Haus. Mama wollte nicht, dass Mattias in dem Sand spielte, weil es eine große schwarze Katze gab, die immer hineinschiss. Viele waren sauer auf die Katze. Aber man konnte das auch verstehen. Sie dachte sicher, dass sie ein ganz tolles Katzenklo gefunden hatte. Woher sollte sie wissen, dass ausgerechnet dieser Sand nicht für Katzen gedacht war?

Unschlüssig ging sie zu den Schaukeln. Setzte sich, nahm Schwung. Die Jungs schienen sie gar nicht zu bemerken.

»Hallo«, sagte sie. »Was macht ihr da?«

Sie antworteten nicht.

Sie stieß sich vom Boden ab und schaukelte schneller. Hinten kam Tante Lindgren mit ihrem Dackel. Beide waren uralt. Der Dackel war vierzehn. Und da ein Hundejahr sieben Menschenjahre bedeutete, war der Dackel also achtundneunzig Jahre alt! Fast hundert. Das war sein Frauchen sicher auch.

»Ich habe Hallo gesagt«, rief Sibban den Kindern zu und ihre Stimme klang schrill und wütend. »Sucht ihr nach Katzenscheiße?«

Mille schaute auf. Er hatte Rotz unter der Nase und ganz sandige Hände.

»Nee, wir spielen«, sagte er leise.

»Ja, und was spielt ihr?«

Warum machte sie das? Wie das schlimmste Polizeiverhör.

»Ach, wir spielen nur«, sagte Lukas.

»Macht das Spaß?«

»Ja.«

Sie rutschte von der Schaukel, ging zu ihnen und setzte sich auf den Sandkastenrand. Plötzlich überkam sie eine unbändige Lust, wieder klein zu sein. Im Sand mit Eimer und Schaufel zu sitzen, bis Mama auftauchte und einen hineintrug, einen fütterte und ins Bett brachte.

Mille schlug mit seiner Schaufel, dass die Sandkörner hochspritzten.

»Und was machst du?«, fragte er.

»Ich? Nichts Besonderes.«

»Wartest du auf Lollo?«

»Nein.«

Wieder schnürte sich ihr Hals zusammen.

»Ist sie nach Hause gegangen?«

Er ließ nicht locker, der Kleine. Er führte genauso ein Verhör, wie sie es gerade gemacht hatte.

Hinter ihr waren Schritte zu hören. Sie drehte sich um. Es war Teo, er ging in ihre Klasse. Manchmal spielten sie hier im Park Brennball, er hoffte wohl, dass er zwei Mannschaften zusammenbekam.

»Wo hast du Lollo gelassen?«, fragte er und starrte sie dabei durch seine Brille an.

Dieses ewige Gequatsche um Lollo.

»Na, zumindest nicht hier«, fauchte sie und das klang genau so unfreundlich, wie sie es meinte.

Er schien sich gar nicht darum zu kümmern.

»Ich habe ein neues Computerspiel«, sagte er und zupfte mit den Fingern an seinem zerzausten, kurzen Haar.

»Ja, und?«

»Wir könnten es ja mal ausprobieren.«

»Nee, ich habe keine Zeit.«

Sie stand auf und bürstete sich den Sand ab. Der Fahrradschlüssel war in ihrer Tasche, mit schnellem Schritt ging sie zum Fahrrad und schloss es auf. Bevor sie in die Straße einbog, sah sie, wie Teo zurück zu seinem Haus ging.

Er ging wie ein alter Mann.

6

Bald war Ostern und das war überall zu spüren. Im Einkaufszentrum hatte man eine große Osterhexe am Dach aufgehängt. Sie saß auf einem Besen und ganz vorn auf dem Stiel stand eine wuschelige kohlrabenschwarze Katze. Überall in den Schaufenstern hingen Federn und angemalte Eier.

Früher waren Lollo und sie am Gründonnerstag als Osterhexen herumgegangen. Damit hatten sie vor ein paar Jahren aufgehört, das war nur etwas für kleine Kinder. Aber es war richtig toll gewesen. Man verkleidete sich mit langem Rock, großem Schal, malte sich die Wangen rot und dann ging man mit Osterbriefen in einem Korb von Tür zu Tür. Die meisten freuten sich und legten Geld oder Süßigkeiten in den Korb.

Mindestens ebenso viel Spaß wie herumzugehen und an den Türen zu klingeln machte es, die Osterbriefe zu basteln. Lollo und sie hatten immer Wert darauf gelegt, richtig schöne Briefe zu machen, damit die Leute sich nicht angeschmiert fühlten. Aber es gab andere, die nur irgendetwas aufs Papier kritzelten und das dann einen Osterbrief nannten.

Sibban hoffte fast, sie würde Mama und Mattias treffen, aber die waren offenbar schon wieder gegangen.

Sie hatte noch zwölf Kronen, also ging sie in den Tabakladen und suchte sich einige Süßigkeiten aus. Für zwölf Kronen bekam man ja nicht besonders viel. Sie entschied sich für Salzlakritz und Schaumbärchen. Die rochen so gut. Und es gab so viel anzuschauen. Süßigkeiten, Haargummis, Spielzeug, Zeitschriften und schöne Karten.

Es standen einige vor ihr in der Schlange. Sie kauften Zigaretten. Sie kannte sie, sie gingen in die Siebte und die Achte. Auf dem Tresen lagen alle möglichen kleinen Sachen, Radiergummi, Stifte, Maskottchen und so. Während sie wartete, dass sie an der Reihe war, fiel ihr Blick auf einen Schlüsselring in Form eines Silberpferds. Er kostete dreißig Kronen. Sie nahm ihn in die Hand, er war schwer und glänzte. Vermutlich war es ein Araber. Es gab einen Araber im Reitstall, eine Stute namens Lyzette. Sie war Privatbesitz.

Wenn man ein Pferd kauft, dann müsste das ein Araber sein, sagte Lollo immer, und sie zeichnete auf alles, auf das man zeichnen konnte, einen Pferdekopf. Schlank, gebeugter Hals, gewölbte Augenlider mit dichten Wimpern. Wilde, wogende Mähne.

Plötzlich war Sibban an der Reihe. Der Mann hinter dem Tresen hieß Yasar. Ihm und seiner Familie gehörte das Geschäft. Er nahm ihre kleine Bonbontüte entgegen, wog sie, sie kostete genau zwölf Kronen.

»Du hast aber ein gutes Augenmaß!«, sagte Yasar. Er war nett. Einmal hatte er ihr einen zerbrochenen Lolly geschenkt, den man nicht mehr verkaufen konnte.

Er gab ihr die Tüte.

»Möchtest du sonst noch etwas?«, fragte er und schaute sie mit seinen braunen, glänzenden Augen an.

»Nein!«, rief sie schnell und ging hinaus, und die Tür läutete wie immer und in ihrer Tasche lag das kleine Silberpferd.

Als sie nach Hause kam, suchte sie eine Schachtel heraus und dann packte sie das Pferd ein. Mama bewahrte immer das schönste Papier auf, wenn sie Geschenke bekamen, sie bügelte es mit dem Bügeleisen wieder glatt. Man konnte kaum sehen, dass es schon einmal benutzt war. Sie hatte einen richtigen Vorrat an schönem Papier in ihrer Garderobe.

Erst hatte Sibban das Pferd in ein Osterei legen wollen. Aber dann hätte sie noch mehrere Tage warten müssen, bevor sie es verschenken konnte. Und sie wollte das so schnell wie möglich machen. Noch heute Abend wollte sie das kleine Silberpferd überreichen.

Es gab Rübenmus und Fleischwurst zum Abendessen. Das schmeckte gar nicht so schlecht, zumindest, wenn man viel Senf zur Wurst nahm. Aber eigentlich hatte sie gar keinen Hunger.

Mattias matschte im Rübenmus herum. Er hatte das Mus schon im ganzen Gesicht. Fast verging ihr der Appetit völlig.

Sibban trug ihren Teller hinaus.

»Ich gehe noch mal fort!«

»Habt ihr eigentlich keine Hausaufgaben?«, fragte Papa. »Ich habe das Gefühl, dass ihr nie Hausaufgaben habt. Als ich in die Sechste ging ...«

»Nee, sind ja bald Osterferien«, unterbrach sie ihn.

Eigentlich sollten sie einige Matheaufgaben rechnen. Das würde sie später machen. Wenn sie nach Hause kam. Wenn es denn unbedingt sein musste.

Sie schob das Päckchen in die Tasche und fuhr zu Lollos großer Villa. Lollos Eltern waren reich. Herzspezialisten, das waren natürlich wichtige Personen, da das Herz ja so wichtig war. Wenn das Herz nicht mehr schlug, dann starb man. Deshalb war es nur gut, wenn die Herzärzte viel verdienten.

Vielleicht sollte sie auch Herzspezialistin werden, wenn sie erwachsen war. Dann könnte sie sich so viele Pferde kaufen, wie sie nur wollte. Aber schöner wäre es schon als Tierärztin oder Kioskbesitzerin.

Sie bog in die Einfahrt ein. Das Grundstück wirkte verlassen. Kein Auto stand vor der Garage. Aber hinten an der Regenrinne entdeckte sie Lollos rotes Fahrrad.

Sie klingelte und hörte das Signal im Flur summen, sich weiter in den ersten Stock fortpflanzen, bis in Lollos Zimmer.

Es war so gemütlich unter der Dachschräge. Über dem Bett hingen Fotos der verschiedenen Pferderassen. Das Falabella fanden sie am niedlichsten. Das Falabella, das kleinste Pferd der Welt. Es war kleiner als siebzig Zentimeter Schulterhöhe. Man konnte es sogar im Haus halten, so ähnlich wie einen Hund.

Lollos Eltern waren so reich, dass sie Lollo problemlos ein eigenes Pferd kaufen könnten. Trotzdem taten sie es nicht.

»Alles hat seine Grenzen«, wie Lollos Mutter immer sagte. »Wenn Kinder sich daran gewöhnen, alles zu kriegen, worauf sie nur zeigen, dann wissen sie das Einfache im Leben nicht mehr zu schätzen.«

Aber wenn es nun nur eine einzige Sache war, auf die man zeigte? Ein einziges kleines Pferd?

Sie schellte mehrere Male. Niemand öffnete.

Sie trat ein paar Schritte zurück und schaute zum Fenster hinauf. Plötzlich schien es ihr, als würde sich da oben hinter den Gardinen in Lollos Zimmer etwas bewegen. Sie klingelte noch einmal, aber immer noch waren keine Schritte auf der Treppe zu hören. Nein, sie musste sich geirrt haben.

Niemand war zu Hause. Sie wartete eine Weile, lief im Garten herum. Da gab es eine ganze Menge Blumen, die schon herausgekommen waren, und sie dachte daran, dass bald Sommerferien sein würden.

Merkwürdigerweise freute sie sich gar nicht, als sie daran dachte.

Schließlich schwang sie sich auf ihr Fahrrad und fuhr auf dem Kies herum. Sie fuhr in Kreisen und Achten. Niemand kam. Weder die Mutter, der Vater noch Lollo. Waren sie zusammen fortgefahren? Hatte Lollo gesagt, dass sie mit ihren Eltern in die Stadt wollte oder so?

Ja. So musste es sein. Deshalb hatte sie sich wohl auch so beeilen müssen.

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