Kitabı oku: «Ein Lord auf geheimer Mission»
INKA LOREEN MINDEN
Ein Lord auf geheimer Mission
REGENCY ROMANCE
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Kapitel 1 – Eine Frau für Lord Lexington
Kapitel 2 – Lady Clearwaters Liste potenzieller Heiratskandidaten
Kapitel 3 – Hitzewallungen
Kapitel 4 – Annäherung
Kapitel 5 – Heiße Küsse und mehr
Kapitel 6 – Die Hochzeit
Kapitel 7 – Abschied
Kapitel 8 – Die Hochzeitsnacht
Kapitel 9 – Eine unerwartete Überraschung
Kapitel 10 – Mrs Lexington
Kapitel 11 – Die grausame Wahrheit
Kapitel 12 – Nachforschungen
Kapitel 13 – Gekränkter Männerstolz
Kapitel 14 – Verborgene Talente
Kapitel 15 – Süße Rache, die Zweite
Kapitel 16 – Lous Geheimnis
Kapitel 17 – Geheime Wahrheiten
Kapitel 18 – Stürmische Zeiten
Kapitel 19 – Gefühlschaos
Kapitel 20 – Ankunft in Lissabon
Kapitel 21 – Alte Feinde
Kapitel 22 – Neue Seiten
Kapitel 23 – Ashtons Geständnis
Kapitel 24 – Noch mehr Geständnisse
Kapitel 25 – Der letzte Auftrag
Kapitel 26 – Bonusgeschichte: Rollenspiele
Kapitel 27 – Zusatzinfos und Recherche
Buchvorstellung: »Kein Lord wie alle anderen«
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Über die Autorin
Impressum
Inhalt
HISTORISCHER LIEBESROMAN
Niemals darf sie von seinem geheimen Doppelleben erfahren …
England 1835: An Heirat will Ashton noch nicht denken, und Liebe ist in seinem gefühlskalten Dasein keinesfalls vorgesehen. Doch er wird leider nicht jünger und braucht einen Erben. Nur von seinen zuweilen riskanten Nebentätigkeiten sollte seine Zukünftige besser nichts wissen.
Als er auf einem Ball der perfekt erzogenen Tochter eines Barons begegnet, zögert er nicht lange und hält um ihre Hand an. Eine junge, unerfahrene und fügsame Gattin wird keine Fragen stellen, wenn er sich merkwürdig benimmt, hofft er. Doch da hat er die Rechnung ohne Penelope gemacht.
Wenn sich der Traumprinz als Schwindler entpuppt …
Penny ist überglücklich, als ihr ein waschechter Earl einen Antrag macht. Sympathisch und attraktiv ist er außerdem. Bald merkt sie allerdings, dass ihr Lord Lexington etwas Bedeutsames verschweigt und sie nicht der Liebe wegen geheiratet hat. Noch bevor ihr bewusst wird, worin ihr Ehemann verstrickt ist, befindet sie sich mittendrin in einem Abenteuer, das sie überhaupt nicht vorhergesehen hat.
Kann es für die beiden eine Chance auf wahre Liebe geben, obwohl sich Ashton geschworen hat, niemals sein Herz zu verlieren?
Ein Adliger mit einem gewagten Doppelleben trifft auf eine gewiefte Lady. Die neue Regency Romance von Inka Loreen Minden. Amüsant, spannend und voll heißer Leidenschaft.
In sich abgeschlossen und mit Happy End Garantie!
Ca. 350 Seiten
Weitere Titel der Reihe
(alle unabhängig voneinander lesbar)
Ein Lord wie kein anderer (Emily & Daniel)
Dem dunklen Rächer verfallen (Rochford & Cole)
Kein Lord wie alle anderen (Izzy & Henry)
Teaser
Als sie die Augen öffnete, stockte Penny der Atem. Hatte sie sich an ihn geschmiegt oder er sich an sie?
Egal, wie herum es war – Ashton sollte keine falschen Schlüsse ziehen. Deshalb löste sie sich so behutsam wie möglich von ihm, damit er nicht aufwachte. Sie wollte so lange zu ihm auf Abstand gehen, bis sie endlich erfuhr, was er vor ihr verbarg. Nur leider machte es ihr dieser Verführer nicht leicht! In seinen Armen zu liegen, war nach wie vor das beste Gefühl der Welt.
Kapitel 1 – Eine Frau für Lord Lexington
London, England
Mai 1835
Einer der größten Nachteile als ungebundener Adliger war, dass stets irgendwelche Mütter versuchten, ihn mit ihren Töchtern zu verkuppeln. Ashton konnte kaum drei Schritte durch den stickigen und völlig überfüllten Saal machen, ohne von einer Fregatte belagert zu werden, die ihren herausgeputzten Spross im Schlepptau hatte. Dabei war er lediglich hergekommen, um dem türkischen Ambassador, der als Ehrengast zu Lady Billingtons Ball geladen war, zu treffen – nicht, um sich in Tanzkarten einzutragen. Doch alle alleinstehenden jungen Damen, die Rang und Namen besaßen, schienen an diesem Abend hier zu sein und ihn anzuhimmeln. Bloß erregte keine Frau seine Aufmerksamkeit, obwohl sie fast alle wunderhübsch anzusehen und nach der neusten Mode gekleidet waren. Allein die leckeren Häppchen und die außerordentlich köstlich schmeckende Bowle verlockten ihn, länger zu bleiben.
Lady Billington war die Frau eines Marquess – einem der reichsten Männer von ganz England. Sie hatte keine Kosten und Mühen gescheut, um diesen Abend zu einem besonderen Ereignis zu machen. Außerdem hatte sie nur die Crème de la Crème des bon ton geladen – sowie jede Menge alleinstehender Herren, um ihre jüngste Tochter unter die Haube zu bringen. Lady Billington und ihr Gatte, der die Siebzig bereits überschritten hatte, hatten früher ein paar Jahre in der Türkei gelebt. Deshalb war es ihnen eine Ehre gewesen, auch den türkischen Botschafter, der gerade in London weilte, einzuladen. Ashton hatte diese perfekte Gelegenheit genutzt, um dem Mann während eines wie zufällig wirkenden Zusammenstoßes einen vertraulichen Brief seines Auftraggebers zuzustecken. Wenn der Ambassador später das Dokument in seiner Tasche fand, würde er nicht wissen, von wem es stammte, bis er den Inhalt las – den Ashton nicht kannte. Schließlich war er nur »der Bote«, wie er in gewissen Kreisen genannt wurde. Er arbeitete diskret; die Informationen, die er überbrachte, gingen ihn nichts an.
Die Musiker machten gerade eine Pause, danach stand eine Quadrille auf dem Programm. Ashton mochte diesen Tanz und hätte durchaus Lust, mal wieder über das Parkett zu wirbeln. Doch wenn er eine Frau aufforderte, würden alle anderen danach bei ihm Schlange stehen. Und müsste er nicht zuerst anstandshalber mit der Tochter der Gastgeber tanzen? Lady Billington lächelte ihn auffordernd an, wann immer sich ihre Wege kreuzten, und versuchte, ihre Tochter und ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Ashton wusste, dass er auf ihrer Liste der potenziellen Heiratskandidaten für ihr Töchterchen ganz oben stand.
Er seufzte resigniert, murmelte Entschuldigungen und eilte an den Ladys vorbei. Er hatte seinen Auftrag ausgeführt und überlegte, ob er nach Hause gehen sollte. Dort würde er allerdings nur in sein Brandyglas starren und auf einen weiteren Geheimbefehl warten. Hoffentlich ließ die nächste Mission nicht zu lange auf sich warten.
Ob er doch noch bleiben sollte? Vielleicht schnappte er das eine oder andere Gerücht auf, das ihm oder seinem Auftraggeber nützlich sein konnte. Diese speziellen Dienste, die er hin und wieder ausführte, lenkten ihn wenigstens von seinem ansonsten monotonen Leben ab. Nur in seiner Londoner Villa oder seinem Landgut in Nottinghamshire herumzusitzen oder das Parlament zu besuchen, würde ihn schrecklich langweilen. Da war er lieber Wochen oder sogar Monate im Ausland unterwegs.
Er genoss es, zu reisen, die Welt zu sehen! Deshalb hatte er bisher überhaupt keine Zeit gehabt, sich eine englische Lady zu suchen.
Heute wäre eine hervorragende Gelegenheit dazu, dachte er, kurz bevor er den Ausgang erreichte, und ließ möglichst unauffällig seinen Blick schweifen. Die zahlreichen ungebundenen Damen, die sich auf Männerschau befanden, erinnerten ihn daran, dass er sich tatsächlich langsam nach einer Ehefrau umsehen sollte. Schließlich war er ein Earl, und als solcher brauchte er früher oder später einen Erben. Er wurde zwar erst dreißig und war im Grunde noch längst nicht zu alt, um sich für immer zu binden. Doch eine Frau an seiner Seite würde ihm die lästigen Mütter vom Hals halten und ihm auch sonst Vorteile verschaffen. Ja, er könnte mit einer Heirat zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: einen Erben zeugen und diesen gut versorgt wissen, während er weiterhin seinen speziellen Diensten nachging und ab und an ins Ausland reiste. Seine Gattin würde sich solange zu Hause mit der Erziehung der Kinder und der Führung des Haushaltes beschäftigen und würde nie erfahren, was er wirklich trieb.
Ich brauche ja nur eine einzige Frau auszusuchen und muss nicht mit jeder tanzen, überlegte er. Wozu besaß er ein geschultes Auge und eine hervorragende Menschenkenntnis? Es wäre für ihn ein Leichtes, die perfekte Braut auszuwählen – sofern sie sich hier befand. Leider wirkte jede wie die andere und sie schnatterten ihm zu viel. Wenn er sich schon verheiratete, wollte er eine, die seinen Vorstellungen entsprach. Politisch unerfahren sollte sie sein – was wohl auf die meisten zutraf – aber vor allen Dingen brav und fügsam, damit sie keine neugierigen Fragen stellte, wenn er zu seinen Missionen aufbrach. Je weniger sie über sein Doppelleben wusste, desto besser. Seine Einsätze bargen auch gewisse Risiken, und mehr als einmal hatte er sein Leben verteidigen müssen. Doch mit seinen zuweilen waghalsigen Missionen hätte seine zukünftige Gattin nichts zu tun, im sicheren Zuhause in England.
Seine Ehefrau sollte bloß deshalb nichts von seinem Zweitleben erfahren, weil es einerseits streng geheim – und nicht immer gesetzkonform – war, was er tat, und er andererseits Angst hatte, sie würde ihm ansonsten diese Tätigkeit ausreden. Denn Ashton brauchte sie, damit er vor seiner Gattin davonlaufen konnte. Für den Fall, dass ihm etwas zustoßen sollte, würde er sie mit einem speziellen Testament finanziell absichern.
Ja, er war ein Feigling und wollte eine engere Bindung auf keinen Fall zulassen. Jahrelang hatte er mitansehen müssen, wie die Liebe seinen Vater zugrunde gerichtet hatte. Nachdem Ashtons Mutter wegen einer Infektion viel zu früh gestorben war – Ashton war erst acht gewesen –, hatte sich sein Vater zurückgezogen, zu viel Alkohol getrunken und gelitten wie ein Hund. Ashton hatte er kaum noch beachtet.
Er hatte die meiste Zeit mit seiner Nanny und den Hauslehrern verbracht, bevor er ins Internat und danach ins College abgeschoben worden war. Erst spät hatte er kapiert, dass sich sein Vater totgesoffen hatte. Er war an seiner eigenen Kotze erstickt. Das war vor zwölf Jahren gewesen.
Wenn nicht mehr erwiderte Liebe einen Menschen zugrunde richtete, wollte Ashton nicht lieben. Aber das musste er auch nicht. Er würde seinen Job weiterhin erledigen, um seine Gattin auf Abstand zu halten, damit gar nicht erst tieferen Gefühle zwischen ihnen aufkeimen konnten. Ehen funktionierten ohne Liebe genauso. Die meisten Verbindungen, die unter Adligen eingegangen wurden, waren Zweckehen. Das wussten alle. Solch eine Beziehung reichte ihm vollkommen aus.
Trotzdem wollte er eine hübsche Frau, mit der er sich gut verstand. Er war kein Kostverächter und hatte schon einige Schönheiten in seinen Armen gehalten. Doch sobald er verheiratet war, wäre das leichte Leben vorbei. Gerade deshalb wollte er sich nachts an den Körper einer attraktiven Lady schmiegen. Denn niemals würde er sich nach seiner Hochzeit woanders Befriedigung holen und seine Gattin betrügen. Er war kein rücksichtsloser Bastard. Außerdem würde er dafür sorgen, dass es seiner Zukünftigen an nichts fehlte. Nun ja, an fast nichts. Eine zu enge Bindung durfte sie nicht erwarten. Ashton ging jedoch davon aus, dass die meisten jungen Damen wussten, worauf sie sich einließen. Liebe stand nur selten auf dem Programm.
Aber in diesem stickigen Saal würde er die für ihn perfekte Frau nicht finden. Nicht heute. Keine der anwesenden jungen Damen sprach ihn wirklich an. Wobei er leider nicht wusste, was eine Frau haben musste, um ihm dauerhaft zu gefallen. Das hatte er bisher nicht herausgefunden. Auf jeden Fall sollte sie geistig auf seiner Höhe sein, schließlich wollte er kluge Kinder.
Ashton atmete tief durch, als er in die warme Nacht trat und die Stufen der Villa hinabstieg, die am Rande des Regent’s Park lag. An der mit Bäumen gesäumten Straße wartete seine Kutsche auf ihn, doch er überlegte, die kurze Strecke bis zu seinem Haus, das ebenfalls im Stadtteil Marylebone lag, zu gehen. Die Nacht war angenehm warm und er brauchte Luft. Die ganzen Duftwässerchen und Schweißgerüche hatten sein Gehirn vernebelt.
Er wollte soeben seinem Kutscher Bescheid geben, als ein leises, aber glockenreines Lachen, das sich wie das Lied eines Engels anhörte, seinen Blick auf einen Zweispänner lenkte, der nur ein paar Meter weiter parkte. Fackeln säumten die Straße zusätzlich zu den Laternen und erhellten die Gestalten zweier Frauen. Die eine schätzte er auf vierzig, die andere gerade einmal halb so alt. Sie standen vor der kleinen Kutsche dicht beieinander und tuschelten miteinander. Es war die jüngere der beiden, die lachte. Als sie sein Starren bemerkte, schloss sie sofort den Mund, senkte den Blick und versteckte ihr Gesicht hinter ihrem Fächer.
Ashton musterte sie ungeniert, während er kurz seinen Zylinderhut anhob, um seine wirren Strähnen darunter zu richten. Ihr schwarzes Haar, das sie zu einem kunstvollen Knoten trug, schimmerte mysteriös im Feuerschein, und die Flammen der Fackeln zauberten orangefarbene Muster auf ihren weißen Umhang sowie das zartviolette Kleid.
Als sie den Fächer sinken ließ, blickte sie scheu in seine Richtung, und sein Herzschlag beschleunigte sich. Sie war eine Grazie, wunderschön und anmutig wie eine römische Göttin, besaß ein perfekt geschnittenes, herzförmiges Gesicht und sinnliche Lippen. Sie überragte ihre Begleiterin um eine halbe Haupteslänge, war aber immer noch kleiner als er.
Warum war sie ihm bisher nicht aufgefallen? Sie schien geradezu unsichtbar gewesen zu sein, obwohl sie ihm nun direkt ins Auge stach. Ihre schüchterne Art reizte ihn, und er wollte unbedingt mehr über sie erfahren.
Wer war sie?
»Sie wollen den Ball schon verlassen, meine Damen?«, fragte er die beiden, während er auf sie zuschlenderte. »Ich hoffe, Sie sind wohlauf?«
Die ältere der beiden, in deren Haar sich erste graue Strähnen zeigten, wandte den Kopf und sah ihn unverwandt an. Ihre Gesichtszüge ähnelten der jüngeren. Sie war unverkennbar ihre Mutter oder eine nahe Verwandte. »Uns geht es ausgezeichnet«, antwortete sie freundlich. »Vielen Dank.«
Ashton gesellte sich zu ihnen und verbeugte sich galant. »Verzeihen Sie meine Rüpelhaftigkeit. Aber das liebliche Lachen hat mich auf Sie beide aufmerksam gemacht und mich meine Manieren vergessen lassen. Ich bin Lord Lexington.«
»Oh.« Die ältere Dame machte einen Knicks und strahlte ihn an. »Sehr erfreut, Lord Lexington. Ich bin Lady Clearwater, und das ist meine Tochter Penelope.«
Ashton verbeugte sich erneut und grinste Penelope verschmitzt an, sodass sie gleich noch röter wurde. Als sie nichts sagte, sondern ihn nur mit einem Knicks begrüßte, wandte er sich wieder an ihre Mutter. »Ihr Gatte ist Phillipe Clearwater?«
Sie nickte. »So ist es, Lord Lexington. Kennen Sie ihn persönlich?«
»Leider hatten wir noch nicht das Vergnügen.« Ashton kannte so gut wie alle Adligen aus London mit Rang und Namen, zumindest vom Hörensagen. Lady Clearwater war also die Frau eines Barons, der ein passables Stadthaus in Mayfair und ein prächtiges Landgut in der Grafschaft Kent besaß, nahe der Stadt Rochester, soweit er wusste. Die Familie war angesehen, nahm in der Gesellschaft jedoch keinen allzu hohen Bekanntheitsgrad ein und sollte sich überwiegend auf dem Landsitz aufhalten. Je unsichtbarer seine Zukünftige war, je weniger politische Verbindungen ihre Familie besaß, desto besser.
Ashton sagte zu Lady Clearwater: »Es wäre mir eine Ehre, Ihren Gatten kennenzulernen«, und wandte sich danach an ihre Tochter. »Was hat Sie gerade so sehr erheitert, Miss Clearwater?«
»Es war nichts, Mylord«, antwortete sie leise.
Er mochte ihre Stimme. Sie klang weder schrill noch aufdringlich. »Es hat sich alles andere als nach nichts angehört.«
Prompt wurde sie wieder rot und senkte erneut den Blick. Ashton wollte sie nicht länger quälen, obwohl er durchaus den Grund für ihre Fröhlichkeit erfahren wollte, um sie noch einmal lachen zu hören. Stattdessen fragte er: »Warum verlassen Sie den Ball zu dieser frühen Stunde, Miss Clearwater?«
Bevor sie antworten konnte, verkündete ihre Mutter stolz, dass an diesem Abend so viele Herren Interesse an Penelope erkundet hatten, dass sie sich vor Heiratskandidaten kaum retten konnte und sie sich deshalb rar machen wollten, um das Interesse der Adligen noch mehr zu befeuern. Munter redete sie drauf los, als würde sie ihn schon ewig kennen. »Im letzten Jahr, zu Penelopes erster Saison, schien sie keiner haben zu wollen. Aber nun ist sie zu einer wahren Schönheit erblüht. Finden Sie nicht auch, Lord Lexington?«
»In der Tat«, raunte er und räusperte den Kloß aus seinem Hals. Er hatte heute wohl zu viel geredet, oder warum versagte ihm nun beinahe die Stimme?
Dass Penelope von der Rede ihrer Mutter überhaupt nicht angetan war, erkannte er selbst in der Dämmerung. Sie grub die Finger in ihr Retikül und ein Muskel in ihrer Wange zuckte. Außerdem blitzte Unmut in ihren Augen auf. Sie schien Feuer im Blut zu haben, jedoch eine unterwürfige Art zu besitzen. Wahrscheinlich verbot es ihr die gute Erziehung, mit den Augen zu rollen oder ihrer Mutter zu widersprechen.
»Haben Sie sich schon für einen Kandidaten entschieden?«, fragte er sie, bevor ihre Mutter sie noch mehr in Verlegenheit brachte.
Penelope schüttelte den Kopf und schien nun nicht mehr ganz so stark zu erröten. Allerdings kam ihr immer noch kein Wort über die hübschen Lippen.
Ashton glaubte nicht, dass sie einen einfachen Verstand besaß. Schließlich hatte sie sich zuvor angeregt mit ihrer Mutter unterhalten, und ihre Körpersprache zeigte ihm deutlich, wie es in ihr arbeitete. Offenbar war sie bloß schüchtern oder sehr zurückhaltend.
Perfekt. »Gut, dann werde ich Ihnen morgen einen Besuch abstatten, wenn Ihnen das recht ist.«
»Das ist uns außerordentlich recht, Lord Lexington!«, antwortete Lady Clearwater euphorisch. »Wir freuen uns sehr. Nicht wahr, Penelope?«
Sie nickte und lächelte zittrig.
Ihre Mutter gab ihm die Adresse des Stadthauses, und er verabschiedete sich bei den beiden. Als er sich vor Penelope verbeugte, musterte er sie erneut eindringlich und versuchte, etwas von ihrem Geruch zu erhaschen. Wenn er sich nicht irrte, duftete sie nach Jasminblüten. Er kannte dieses Aroma von seinen zahlreichen Reisen und mochte es sehr.
Diesmal wandte sie nicht den Blick ab, zumindest nicht in den ersten Sekunden. Ashton meinte, eine gewisse geistige Reife hinter ihren Pupillen aufblitzen zu sehen, obwohl sie bestimmt noch keine zwanzig war. Gleichzeitig wirkte sie unerfahren, sehr gut erzogen und unterwürfig. Er würde sie gewiss nach seinen Vorstellungen formen können. Wunderschön war sie außerdem. Diese Mischung reizte ihn sehr.
Penelope Clearwater verkörperte auf den ersten Blick all das, was er suchte. Sie wäre die perfekte Ehefrau für ihn, und er würde alles daransetzen, sie zu bekommen. Als Nächstes würde er gleich einmal herausfinden, wer seine Nebenbuhler waren und wie er sie loswurde. Außerdem überlegte er fieberhaft, wie er seine Zukünftige überzeugen konnte, dass er der einzig in Frage kommende Heiratskandidat für sie war.
Kapitel 2 – Lady Clearwaters Liste potenzieller Heiratskandidaten
Als Penny dem Earl nachblickte, der eilig zurück in die Villa marschierte, sank ihr Herz. Unentwegt dachte sie: Du dumme, dumme, dumme Gans! Jetzt hast du ihn davongejagt.
Sie hatte sich vor Lord Lexington wie eine Idiotin benommen! Dazu hatte ihre Mutter sie permanent in Verlegenheit gebracht, sodass es noch schwerer für Penny gewesen war, einfach sie selbst zu sein.
Mutter war ansonsten keine Tratschtante, aber sie hatte überhaupt nicht mehr aufgehört, Peinlichkeiten von sich zu geben. Das ganze Zusammentreffen war ein einziges Fiasko gewesen! Deshalb suchte der Earl nun das Weite. Ja, er schien nicht schnell genug vor ihr fliehen zu können.
Äußerst schade. Sie hätte Lord Lexington gerne besser kennengelernt und ihn davon überzeugt, dass sie für sich selbst sprechen konnte und kein naives Dummchen war. Zwar wollten die meisten Männer eine Frau, die weder zu viel vom Weltgeschehen verstand, noch ihnen widersprach, doch so schätzte sie den Earl nicht ein. Gewiss war er keiner dieser altmodischen Herren, sondern ein moderner Mann. Er sah auch keinen Tag älter aus als dreißig, während einige andere Anwärter beinahe doppelt so alt waren.
Als sie sich von ihrem Kutscher auf den Zweispänner helfen ließen, hörte Mutter gar nicht mehr auf zu schwärmen, weil sich nun auch ein Earl auf ihre Liste mit potenziellen Heiratskandidaten gesellt hatte.
»Deine erste Saison war ein Fiasko«, bemerkte sie liebevoll, während sich Penny neben sie setzte, »aber dieses Jahr ist ein voller Erfolg!« Sie holte ihren Zettel aus dem Retikül und verkündete stolz: »Wir haben einen Marquess, einen Viscount, zwei Baronets und einen Knight. Jetzt möchte dich auch noch ein Earl besuchen! Ach, meine liebe Tochter, ich freue mich sehr.«
»Ich freue mich auch«, murmelte Penny weniger euphorisch und hoffte, Lord Lexington irgendwo zu erblicken. Aber er war wie vom Erdboden verschluckt.
Wenn sie daran dachte, wie er auf sie aufmerksam geworden war, wurde ihr gleich wieder heiß. Sie hatte vor Freude und Übermut gelacht, weil so viele Herren versprochen hatten, sie demnächst zu besuchen – aber das hatte sie dem Lord unmöglich beichten können. Sie wäre vor Scham im Boden versunken, und er hätte geglaubt, sie wäre nur auf sein Geld und ein Luxusleben aus. Dabei wünschte sie sich nichts sehnlicher, als einen liebevollen Mann zu finden, der ihre Gefühle erwiderte, um mit ihm eine Familie zu gründen. Er müsste auch nicht dem Hochadel angehören, doch da würden ihr ihre Eltern wohl einen Strich durch die Rechnung machen. Mama hatte es weniger gut gefunden, dass auch ein junger Knight und zwei Baronets um sie geworben hatten. Dabei war gerade der Knight Sir Simon Robertson derjenige, der ihr am besten gefiel.
Sie war schon neunzehn Jahre alt. Herrje, ihre innere Uhr tickte jeden Tag lauter. Ihr ganzes Leben war sie vorbereitet worden, Ehefrau und Mutter zu werden, und sie wollte dieses Ziel endlich erreichen.
Nach dem Fiasko im letzten Jahr war sie todtraurig gewesen und hatte gedacht, nie einen Mann zu finden. Sie hatte ohnehin ein Jahr später als die meisten jungen Frauen debütiert, da sie mit siebzehn noch ausgesehen hatte wie ein halbes Kind und ihre Eltern beschlossen hatten, noch ein Jahr zu warten. Aus dem Küken war leider erst spät ein Schwan geworden.
Aber nun hatten ihr gleich fünf Herren Hoffnungen gemacht, darunter eben auch jener junge Knight, der passabel aussah und sie unentwegt angegrinst hatte. Das bedeutete wohl, er hatte ernsthaftes Interesse an ihr.
Penny hatte sich von ihrer besten Seite gezeigt, in Wahrheit jedoch meistens den Mann heimlich beobachtet, der angeregt mit einigen Gästen gesprochen hatte – Lord Lexington, wie sie nun wusste. Doch er hatte nie in ihre Richtung gesehen. Womöglich hatte er sie zwischen all den Herren auch gar nicht bemerkt. Und dann hatte er plötzlich vor ihr gestanden und sie sich absolut daneben benommen. Er würde sie sicher nicht besuchen kommen, höchstens aus reiner Höflichkeit.
Sie hatte sich auf den ersten Blick in ihn verguckt, obwohl er für sie ein Fremder gewesen war. Doch jetzt, da sie seinen Namen kannte, kratzte sie in ihrem Kopf alles zusammen, was sie über ihn in den letzten Jahren aufgeschnappt hatte – was nicht viel war. Im Grunde wusste sie nur, dass ihn sowohl die ledigen als auch die verheirateten Frauen anhimmelten. Das war aber auch schon alles.
Ob er eine Mätresse hatte?
»Mama«, sagte Penny und unterbrach ihre Mutter mitten im Redeschwall. »Was kannst du mir über Lord Lexington erzählen?«
Ihre Mutter starrte sie entgeistert an, während sie durch die schwach beleuchteten Straßen fuhren. »Du hast mir ja gar nicht zugehört, Liebes.«
»Es tut mir leid. Ich bin furchtbar aufgeregt.«
»Ich wollte gerade mit dir besprechen, wer wohl das Rennen machen wird.«
»Mama, das sind keine Pferde, sondern Menschen.«
»Ich sehe da keinen großen Unterschied. Wir sollten den edelsten Hengst im Stall bevorzugen.«
»Mama!«, rief Penny empört und hoffte, dass der Kutscher nicht lauschte. Zum Glück klackerten die Hufe der Tiere auf dem Kopfsteinpflaster. Zudem hörte der alte John nicht mehr so gut.
»Also, dann noch einmal.« Ihre Mutter seufzte schwerfällig. »Wir sollten die zwei Baronets streichen, den Knight sowieso.«
»Was hast du denn gegen Sir Simon?« Sie fand den jungen Mann, der ihr schöne Augen gemacht hatte, sehr sympathisch.
»Er ist ein Knight! Er hat zwar ein passables Auskommen, aber du solltest nicht unter deinem Rang heiraten«, mahnte sie ihre Mutter. »Darum fallen auch die Baronets weg. Zum Glück haben wir noch den Viscount …«
»Mama, Lord Hexham ist uralt!«
Ihre Mutter seufzte resigniert. »Du hast recht. Er wird mir wohl keine Enkelkinder schenken können.«
»Mama!« Langsam kam sich Penny wie eine Zuchtstute vor.
»Es bleiben also nur noch der Marquess of Brancaster und Lord Lexington übrig, wobei der Marquess über dem Earl rangiert und sehr vermögend ist.«
»Habgier hat schon die eine oder andere Frau ins Eheunglück gestürzt«, murmelte Penny.
»Ich kenne die Geschichten, mein Schatz, doch der Marquess ist gutherzig. Außerdem kam er auf dich zu, und ich will dich gut versorgt wissen. Lord Lexington wäre auch interessant. Leider habe ich über ihn so gut wie keine Informationen!«
Das fand Penny äußerst dubios. Normalerweise verbreiteten sich Klatsch und Tratsch unter dem ton wie ein Lauffeuer. Es mussten doch Geschichten über den Earl im Umlauf sein! Andererseits sprach es für ihn, dass es nichts zu erzählen gab. Er lebte wohl zurückgezogen, oder er war kein Aufschneider. Penny mochte diese Herren ohnehin nicht, die ständig mit nichtigen Taten angaben, um sich zu profilieren. Sie wollte einen mutigen, klugen Mann und keinen Prahler. Und da sich Lord Lexington mit dem türkischen Ambassador sehr angeregt unterhalten und mit ihm gelacht hatte, schien er ein freundlicher Mann zu sein.
Himmel, dieses Lachen! Immer, wenn sie es gehört hatte, war ihr Herz wild herumgesprungen und sie hatte nicht den Blick von seinem attraktiven Gesicht abwenden können.
Ihre Mutter klebte wegen der Dunkelheit beinahe mit der Nase an ihrer Liste, als würde sie hoffen, noch einen Kandidaten darauf zu entdecken. »Vielleicht hätten wir doch länger auf Lady Billingtons Feier bleiben sollen, um noch mehr Kandidaten zu sammeln.«
Penny sagte nichts dazu. Sie war mit der Männerschar überfordert gewesen und nun froh, dem Trubel um ihre Person entfliehen zu können. Sie war es nicht gewohnt, umschwärmt zu werden, auch wenn es ihr gefallen hatte.
Immer wieder kehrten ihre Gedanken zu Lord Lexington zurück. Ihr Lachen hatte ihn auf sie aufmerksam gemacht. Bestimmt war er ein humorvoller Mann, mit dem sie Spaß haben konnte, und kein biederer Mensch. Und sie dumme Kuh hatte ihm das Gefühl vermittelt, eine Langweilerin zu sein.
Seufzend ließ ihre Mutter den Zettel sinken. »Der Marquess hat nach dem Tod seiner Frau – Gott habe Elisabeth selig – drei Jahre um sie getrauert. Er ist eine treue Seele, und wir kennen ihn gut. Er ist schließlich ein Bekannter unserer Familie. Er würde gut für dich sorgen.«
»Er ist fast wie ein Onkel für mich, Mama.« Penny schüttelte sich. Sie konnte sich absolut nicht vorstellen, mit dem Marquess eine Familie zu gründen. Er war zwar noch keine vierzig, doch er entsprach absolut nicht ihrem Geschmack. Außerdem war er ein Langweiler.
Dann passt er ja zu mir, dachte sie sarkastisch.
Sie sollte nicht zu wählerisch sein, denn sonst würde sie als alte Jungfer enden. Doch tief in ihrem Herzen hoffte sie, dass Lord Lexington sie besuchen würde und um ihre Hand anhielt. Er kam ihr allerdings wie der unerreichbare Märchenprinz vor. Wahrscheinlich hatte sie nicht den Hauch einer Chance bei ihm – und das hatte sie sich selbst zuzuschreiben.
Kapitel 3 – Hitzewallungen
Rochester, England
Trenton House
Oktober 1835
Penny seufzte glücklich, während sie am Rande der Tanzfläche auf einem Stuhl saß, sich am geöffneten Fenster frische Luft zufächerte und auf ihre Freundin wartete. Obwohl sich Penny vor fünf Monaten wie eine Idiotin benommen und geglaubt hatte, Lord Lexington vergrault zu haben, war sie nun mit ihm verlobt. Bald würden sie sogar heiraten! War das zu fassen? Sie konnte es immer noch nicht glauben. Ihr Märchenprinz hatte sie erwählt.
Heute war er extra aus London gekommen, um mit ihr gemeinsam die Veranstaltung im Hause ihrer besten Freundin Izzy – eigentlich Isabella Norwood – zu besuchen. Izzys Stiefmutter hatte gut vierzig Gäste – darunter einige gut betuchte Junggesellen – geladen, in der Hoffnung, ihre einundzwanzigjährige Stieftochter endlich unter die Haube zu bringen. Izzy, die ihre Freiheiten liebte und in vielen Belangen völlig anders war als Penny, hatte vor wenigen Minuten, als die Musiker eine Pause angekündigt hatten, das Weite gesucht. Ja, sie war regelrecht aus dem Saal gestürmt – angeblich, um sich die Nase zu pudern. Doch Penny kannte ihre Freundin in- und auswendig. Sie war eher vor den anwesenden Herren geflohen, die ein Auge auf sie geworfen hatten und alle mit ihr tanzen wollten.
Seltsam, dass auch ihr neuer Nachbar Henry Griffiths, der Marquess of Wakefield, verschwunden war. Womöglich war er auch schon nach Hause gegangen. Die meiste Zeit machte er den Eindruck, als würde er sich nicht wohlfühlen. Was vielleicht daran lag, dass er von allen nur »der unheimliche Lord« genannt und ständig angestarrt wurde. Mit der Narbe, die seine halbe Wange entstellte, sah er tatsächlich etwas gruselig aus, aber ansonsten schien er ganz nett zu sein. Allerdings hatte Penny kaum Blicke für andere Männer übrig, denn es interessierte sie allein Ashton Courtenay, der Earl of Lexington.
Zum tausendsten Mal ließ sie sich durch den Kopf gehen, was nach dem Fiasko vor der Kutsche passiert war: Lord Lexington machte ihr tatsächlich am nächsten Tag seine Aufwartung und brachte einen Riesenstrauß wundervoller Blumen mit. Außerdem bat er ihren Vater um Erlaubnis, sie heiraten zu dürfen. Bei seinem ersten Besuch! Papa hatte natürlich nichts dagegen und Mama wurde vor Freude fast ohnmächtig.
Zum Glück hatte den Earl ihr dämliches Verhalten nicht abgeschreckt. Penny zögerte keine Sekunde und willigte freudestrahlend ein, als er vor ihr auf die Knie ging und um ihre Hand anhielt.
Hach, an diesen romantischen Augenblick dachte sie unentwegt. Sein unwiderstehliches Lächeln war seit diesem Moment in ihrem Herzen verankert. Diesen verträumten Blick, den er ihr dabei geschenkt hatte, würde sie niemals vergessen. Er war solch ein attraktiver Mann! Es mussten ihm doch unzählige Frauen zu Füßen liegen? Warum hatte er gerade sie ausgewählt?
Er war nicht auf ihre Mitgift angewiesen; außerdem hatte er sie vor der Verlobung nur einmal gesehen.
Die Antwort lag glasklar vor ihren Augen: Er musste sich auf den ersten Blick in sie verliebt haben. Ihr war es schließlich nicht anders gegangen.
Obwohl er solch ein attraktiver Mann war und jede haben könnte, hatte Penny bis heute keine anrüchigen Geschichten über ihn gehört. Er schien kein stadtbekannter Lebemann und auch sonst in keiner Weise auffällig geworden zu sein, sei es durch Glücksspiel oder weil er sich übermäßig betrank. Einen besseren Ehemann konnte sie sich nicht wünschen.
Alles lief für Penny gerade perfekt, und sie hoffte sehnlichst, dass auch Izzy ihr Glück fand. Sie betonte zwar ständig, dass sie keinen Ehemann brauchte, sondern sich lieber um ihren Papa und die Verwaltung des Hauses kümmern wollte. Doch in Wahrheit sehnte sich doch jede Frau nach starken Armen, die sie zärtlich umschlossen?
Ach, sie war eine Träumerin. Das hatte sie bestimmt von Izzy. Seit ihrer Kindheit waren sie unzertrennlich und wurden deshalb von vielen »Pizzy« genannt, weil es sie jahrelang nur im »Set« gegeben hatte. Die Herrenhäuser ihrer Eltern lagen nicht weit voneinander entfernt, und sie hatten zahlreiche Abenteuer erlebt, sehr zum Leidwesen von Mama und Papa. Doch die beiden hatten Izzy trotz ihrer etwas anderen Art ebenfalls in ihr Herz geschlossen. Penny würde ihre Freundin schrecklich vermissen, denn bald ging sie mit Ashton – wie sie ihn bereits nennen durfte – auf Hochzeitsreise und würde danach bei ihm leben.
Hoffentlich fand sie heute ein paar ruhige Minuten mit ihm, um ihn ein wenig besser kennenzulernen. Sie wusste immer noch fast nichts von ihm, nur dass er Ashton Courtenay hieß, am fünfzehnten Juli dreißig geworden und somit genau elf Jahre älter war als sie. Er besaß ein Herrenhaus in der Grafschaft Nottinghamshire – was leider weit weg von Kent lag – und eine riesige, freistehende Villa in London, kein Stadthaus wie ihre Eltern, das zwischen anderen dicht an dicht in einer Reihe stand. Ashtons Vorfahren waren schon immer sehr vermögend gewesen und er war – neben ein paar Cousins – leider als einziger von seiner Linie noch übrig. Penny wollte dafür sorgen, dass ihre Familie schnell wuchs. Dann wäre er nicht mehr allein.
Jeden Tag seit seinem ersten Besuch hatte er ihr einen frischen Blumenstrauß liefern lassen, zuerst in das Stadthaus ihrer Eltern und seit ihrer Rückkehr auf das Land ins Herrenhaus. Die Verlobung hatten sie im Juli offiziell bekanntgegeben. Er musste sie also sehr verehren und konnte es anscheinend kaum erwarten, zu heiraten. Das freute sie immens, auch wenn sie es traurig fand, dass er seit ihrer ersten Begegnung nur noch selten bei ihr vorbeigesehen hatte. Aber er war bestimmt im Parlament sehr beschäftigt gewesen. Seit August hatte es allerdings geschlossen und Ashton war verreist gewesen. Aber nun war er endlich bei ihr!
All ihre anderen Verehrer hatten keine Chance gegen ihn gehabt – zum Glück! Im Grunde war Ashton wie ein Engel aus dem Nichts erschienen, um sie vor einer großen Dummheit zu bewahren. Denn Sir Simon, der ihr wunderschöne Augen gemacht hatte und ihre Nummer eins auf dem Heiratsmarkt gewesen wäre, war hoch verschuldet und nur auf ihre Mitgift aus, wie sich herausgestellt hatte. Alle anderen Herren hatten aus unerklärlichen Ursachen das Interesse an ihr verloren gehabt.
Vielleicht deshalb, weil sie gehört haben, dass Ashton um mich wirbt. Niemand kann ihm das Wasser reichen, dachte sie vergnügt und schaute zu ihm. Angeregt unterhielt er sich etwas abseits mit Lord Hastings, der mit seiner bezaubernden Frau Emily angereist war. Lady Hastings und ihr Mann schienen sich sehr zu lieben, und Penny hoffte, dieses Glück auch einmal mit Ashton zu erleben. Er sah heute wieder exzellent aus, sodass sie kaum den Blick von ihm wenden konnte. Der weinrote Gehrock stand ihm ausgezeichnet. Er betonte vorzüglich seine breiten Schultern. Darunter trug er eine perlmuttfarben schimmernde Seidenweste und ein weißes Hemd. Seine Breeches saßen perfekt und spannten leicht an seinen muskulösen Oberschenkeln. Ashton war wirklich ein sehr attraktiver Mann.
Am liebsten wollte Penny zu ihm eilen, um mit beiden Händen in sein dunkles Haar zu fahren. Ob es sich so weich anfühlte wie es aussah? Bald würde sie es herausfinden.
Als er in ihre Richtung blickte, entschuldigte er sich sofort bei Lord Hastings und eilte zu ihr. »Ich habe nicht gesehen, dass du ganz allein hier sitzt, Penelope, sonst hätte ich dir schon eher Gesellschaft geleistet.«
»Das ist sehr aufmerksam von dir.« Ihr Herz klopfte wild vor Zuneigung, und sie konnte nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken.
»Wo steckt Miss Norwood?«, fragte er und setzte sich neben sie. Dabei wehte ihr sein angenehmer Duft nach Bergamotte entgegen. Sie liebte diesen Geruch, zitronig frisch und ein wenig würzig.
»Izzy ist vor dem ganzen Trubel um ihre Person geflohen. Sie mag es gar nicht, von ihrer Stiefmutter Rowena verkuppelt zu werden.« Besagte Dame hatte Lord Rochford, einen der ledigen Adligen, in Beschlag genommen. Sie stand so dicht bei ihm, dass ihn ihr großer, runder Babybauch beinahe berührte. Rowena war nur ein paar Jahre älter als Izzy, weshalb es zwischen den beiden öfter zu Reibereien kam. Beinahe machte es den Eindruck, als würde Rowena dem Marquess schöne Augen machen, während sie sich eine blonde Strähne um den Finger wickelte und ihn regelrecht anhimmelte. Er sah wirklich gut aus und würde perfekt zu Izzy passen.
Ashton beugte sich zu Penny und flüsterte ihr grinsend zu: »Miss Norwoods Stiefmutter besitzt ein sehr einnehmendes Wesen.«
»Allerdings«, antwortete sie leise, wobei sie sich ebenfalls zu ihm beugte. Sie fand seine Nähe sehr angenehm. »Und es passt Rowena gar nicht, dass Izzy hier die Hosen anhat.«
Ashtons Grinsen wurde noch breiter. »Nicht nur im sprichwörtlichen Sinne, habe ich gehört.«
Er hatte wirklich schöne Zähne, hell und gerade. Außerdem sündhaft geformte Lippen. Ob er gut küssen konnte?
Hör auf, ihn anzustarren, ermahnte sie sich und setzte sich aufrecht hin.
Puh, warum war ihr plötzlich so heiß? Das musste an den zahlreichen Kerzen und Öllampen liegen, die den riesigen Salon erhellten.
Ashton lächelte sie sanft an und brauchte gar nichts zu sagen, um ihr Inneres aufzuwühlen. Es gefiel ihr, dass er nicht so aufdringlich war wie ein paar andere Männer, die ihr Interesse deutlich gezeigt hatten. Ashton war eben ein wahrer Gentleman … und er hatte eine fast so große Nase wie ihr Vater, wie sie schmunzelnd feststellte. Aber sie passte hervorragend in Ashtons maskulines Gesicht.
»Was erheitert dich?«, wollte er wissen.
»Ich bin einfach nur glücklich«, gestand sie ihm ehrlich und überlegte fieberhaft, worüber sie mit ihm reden und dabei etwas über ihn erfahren konnte. Die Bereiche rund um Politik, Wirtschaft und Literatur sollte sie vielleicht erst einmal meiden. Sie wusste von Izzy, dass diese Themen bei Männern nicht gut ankamen, zumindest nicht, wenn Frauen versuchten, mit ihnen darüber zu diskutieren.
Politik und Wirtschaft waren ohnehin nicht ihre Favoriten, aber sie las regelmäßig die Times, die Papa täglich mit mehreren Stunden Verzögerung aus London geliefert bekam. Schließlich wollte sie wissen, was in der Welt passierte. Allerdings ging sie nie ohne ein gutes Buch zu Bett. Sie mochte Abenteuer- und Liebesgeschichten. Auch spannende Sachbücher hatten es ihr angetan, und sie liebte Bildbände mit exotischen Tieren.
Sollte sie das ansprechen? Ach, es war so schwer, mit einem Mann die richtige Konversation zu beginnen. Also zeigte sich Penny von ihrer besten Seite und sprach nur über das Wetter, den Familiengarten und ihre verstorbene Katze Tabby – um Ashton durch die Blume zu sagen, dass sie sich gerne um jemanden kümmerte. Sie glaubte zwar nicht, dass er einen Rückzieher machen würde, falls sie andere Bereiche ansprach, aber sicher war sicher. Seine Augen schienen stets zu lächeln, wann immer er sie anblickte, sodass ihr ganz warm ums Herz wurde.
Tiefergehende Gespräche konnte sie nach ihrer Heirat immer noch mit ihm führen. Sie würde sich einfach herantasten, wie viel von der wahren Penelope Clearwater er vertragen konnte. Doch wie sie Ashton einschätzte, konnte er eine Menge aushalten. Irgendwie wirkte er robuster als andere Adlige. Was vielleicht an seinem sonnenverwöhnten Teint lag sowie all den Muskeln und der feinen Narbe an seiner Wange, die ihm etwas Verwegenes verlieh.
Als Ashton sagte: »Ich hatte auch mal ein Haustier«, horchte Penny auf.
»Welches?«, fragte sie.
»Einen Clumber Spaniel namens Rusty.«
»Rusty? Das klingt lustig.«
»Vater hat den Hund so genannt, wahrscheinlich wegen der rostroten Flecken in seinem weißen Fell.« Für einen Moment glitt sein Blick in die Ferne, und ein Schatten huschte über seine schönen dunkelbraunen Augen.
»Was ist aus ihm geworden? Also … aus Rusty?« Penny wusste, dass Ashtons Eltern längst nicht mehr lebten und wollte nicht in alten Wunden bohren, da er gerade ein wenig geknickt wirkte.
Doch er lächelte sie sofort wieder an. »Er war eigentlich der Jagdhund meines Vaters. Als er zu schwerfällig wurde, halb blind war und zu hinken anfing, haben sich überwiegend meine Mutter und ich um ihn gekümmert. Mum wollte nicht, dass Vater ihn erschießt.«
Penny schnappte nach Luft. »Hätte er das denn getan?«
»Er wollte kein krankes Tier durchfüttern. Aber er konnte meiner Mutter nichts abschlagen, und Rusty hatte noch ein paar schöne Jahre bei uns. Zumindest glaube ich, dass es ihm gut ging.«
»Das klingt wunderbar.« Seine Mutter schien ein großes Herz gehabt zu haben.
»Nach ihrem Tod habe ich den Hund versorgt, weil mein Vater …« Ashton senkte den Kopf und fuhr sich hektisch über den Nacken. »Na ja, Rusty starb leider ein paar Monate später. Er war schon sehr alt.«
»Und du hattest seit dem Tag kein Haustier mehr?«
»Keine Zeit«, murmelte er und wandte den Blick ab. Langsam füllte sich der große Salon wieder, und die ersten Musiker kehrten zu ihren Instrumenten zurück.
»Du warst bestimmt auf der Universität und hast dich nach dem Tod deiner Eltern um alles allein kümmern müssen.« Penny musterte Ashton, wann immer er sich unbeobachtet fühlte. Er hatte unglaublich dichte Wimpern.
»Hm«, brummte er. »Ich war erst achtzehn, als mein Vater starb.«
»Das tut mir sehr leid. Es muss hart für dich gewesen sein.«
Leicht zuckte er mit einer Schulter. »Ich hatte viele Aufgaben und war abgelenkt.«
Gerade als Penny fragen wollte, wie es ihm in dieser Zeit ergangen war, stand er auf. »Deine Freundin ist zurück. Ich lasse euch beide allein.« Er verbeugte sich galant vor ihr und gesellte sich zu ihrem Vater, der neben Izzys Papa – Viscount Trenton – stand.
Schade. Sie hatten sich gerade so gut unterhalten und endlich hatte er etwas von sich preisgegeben. Allerdings konnte sie ihn über sein Leben noch nach ihrer Hochzeit ausfragen. Auf der Hochzeitsreise, die sie in zwei Wochen antraten, würden sie jede Menge Zeit zusammen in der Kutsche verbringen. Ihre beste Freundin würde sie hingegen bald nicht mehr so oft sehen, deshalb sollte Penny jede Sekunde mit Izzy genießen.
Sie sah heute bezaubernd aus und in dem grünen Kleid, auch wenn es etwas zu pompös für sie war, wie eine richtige junge Dame. Penny kannte sie fast nur in Hosen. Auch ihr rotblondes Haar war ordentlich zurechtgemacht worden, wahrscheinlich von Rowenas Zofe. Izzy hatte keine Ankleidedame, sondern zog sich selbst an.
»Danke, dass du mir beistehst, Penny«, flüsterte Izzy ihr zu und setzte sich neben sie.
Penny strich sich eine Locke aus der Stirn und lächelte sie aufmunternd an. »Natürlich stehe ich dir bei. Dazu sind beste Freundinnen doch da.«
»Wirst du auch noch für mich Zeit haben, wenn du verheiratet bist?« Izzy klang ein wenig bekümmert, weshalb Penny schnell ihre Hand drückte.
»Ashton möchte mir nach der Parisreise sein riesiges Herrenhaus in Nottinghamshire zeigen. Aber zum Beginn der neuen Saison werden wir in London sein. Ich bin also nächstes Jahr gar nicht so unendlich weit weg und werde dir jede Woche schreiben … natürlich auch während unserer Hochzeitsreise.« Liebe Güte, wenn sie daran dachte, wurde ihr wieder heiß.
Izzy sah leider noch unglücklicher aus als zuvor. Penny wusste, dass ihre Freundin nur ungern Trenton House verließ, weil sie sich stets um ihren alten Papa sorgte. Sie war seit ihrer Kindheit nicht mehr in London gewesen.
»Ich werde sicher nicht eingehen vor Langeweile.« Izzy zog eine beleidigte Schnute. »Dennoch wünschte ich, du hättest noch gewartet.«
Heirat war ein Thema, bei dem sie sich noch nie einig gewesen waren. »Izzy, nächstes Jahr werde ich schon zwanzig! Außerdem lasse ich mir doch keinen Earl entgehen.« Sie lächelte Ashton an und fächerte sich Luft zu. Ihr war unglaublich warm. Bald würde ihr noch heißer werden, denn den nächsten Tanz hatte sie ihm versprochen. Noch stimmten die Musiker, die auf einem niedrigen Podest am Ende des Salons saßen, allerdings ihre Instrumente.
Der »unheimliche« Lord Wakefield hatte sich zu Izzys Papa gesellt, der auf einem Stuhl saß. Seine Beine machten ihm oft zu schaffen. Penny entging nicht, dass Izzys Blicke ständig in diese Richtung glitten. Prompt stieß sie einen frustrierten Seufzer aus. Izzy wirkte immer unzufriedener, während sich Penny überglücklich fühlte, weil Ashton hier war. Allerdings hatte Izzy ihrer Stiefmutter versprechen müssen, mit jedem alleinstehenden Herrn, der geladen war, zu tanzen. Und Rowena hatte eine Menge gut betuchter Adeliger eingeladen. Nicht nur die ledigen Lords aus den umliegenden Ländereien waren angereist, sondern einige sogar von weiter weg gekommen. Izzys Stiefmutter schien es wirklich ernst zu sein, Izzy zu verheiraten – und die wirkte deshalb alles andere als erfreut, während Penny ihre eigene Hochzeit kaum erwarten konnte.
»Wer steht als Nächster auf deiner Tanzkarte?« Penny griff einfach nach dem Zettel, der auf Izzys Schoß lag, und riss die Augen auf. »Der unheimliche Lord Wakefield!«
»Hmm«, brummte Izzy, anscheinend nicht glücklich darüber, mit ihm tanzen zu müssen – oder weil sie bald all ihre liebgewonnenen Freiheiten aufgeben musste.
Penny beugte sich ein wenig zu ihr. »Ich kann nicht verstehen, warum du so lange zögerst. Du bist schon zweiundzwanzig. Willst du denn keine eigene Familie gründen? Bald wird dich kein Mann mehr ansehen!«
»Keiner sieht mich wirklich an, Penny. Sie alle finden mich seltsam.«
»Dann bist du blind. George und Andrew vergöttern dich!«
»Penny, deine Brüder sind acht und fünfzehn Jahre alt.« Izzy kicherte leise. »Und sie sehen in mir wahrscheinlich eher einen Kumpel und keine Frau zum Heiraten. Außerdem sind sie ein wenig zu jung für mich, findest du nicht?«
Penny atmete erleichtert auf, weil sie ihre Freundin ein bisschen aufgeheitert hatte. In den nächsten Minuten unterhielten sie sich über die anderen Gäste, schwärmten von Lady Hastings’ wunderbarem grünen Kleid und gingen die Vorzüge der anwesenden Herren durch. Aber Izzy interessierte sich für keinen von ihnen.
Als die Musiker den nächsten Tanz ankündigten, sprang Izzy fast vom Stuhl. Sie wirkte äußerst nervös, als der unheimliche Lord Wakefield mit raumgreifenden Schritten auf sie zumarschierte.
Penny stand gemeinsam mit ihr auf und drückte ihre Hand. »Ich habe Ashton die Quadrille versprochen. Viel Spaß mit deinem Lord!« Schnell huschte sie zu ihrem Verlobten, bevor Izzy sie aufhielt, und hoffte, dass sich ihre Freundin wenigstens ein bisschen amüsierte.
Ashton stellte sich mit ihr und den anderen Tänzern auf, und als die Musik zu spielen begann, schien Penny zu schweben. Sie genoss es, mit ihm zu tanzen oder einfach nur bei ihm zu sein, liebte es, seine Körperwärme zu spüren und seinen angenehmen Duft zu riechen. Penny musste sich, genau wie bei den anderen Tänzen zuvor, mehrmals auf die Figuren konzentrieren, weil sie ständig zu ihrem Verlobten sehen und sich ins Gedächtnis rufen musste, dass sie nicht die einzigen Anwesenden im Saal waren. Immer, wenn sie Ashton ganz nahe kam, ihm die Hand reichte oder mit ihm im Kreis schritt, lächelte er sie an. Schade, dass sie sich nicht richtig unterhalten konnten. Sie hätte gerne das Gespräch von zuvor weitergeführt. Noch mehr ärgerte es sie, dass sie Handschuhe trug. Sie wollte Ashton fühlen, wissen, wie weich seine Haut war und seine Finger direkt an ihren spüren.
Es dauerte einen Moment, bis Penny registrierte, dass sich Izzy und Lord Wakefield nicht auf dem Parkett befanden. Penny entdeckte die beiden am Rande des Salons auf den Stühlen. Sie tranken Limonade und schienen sich über etwas Lustiges zu unterhalten. Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte ihre Freundin einigermaßen glücklich. Das erleichterte Penny so sehr, dass sie sich für den Rest des Tanzes voll und ganz auf Ashton konzentrierte. Seine Bewegungen waren unglaublich geschmeidig, und er schien sich mit ihr zu amüsieren.
Als die Musik verstummte, zog er sie kurz an seinen großen, warmen Körper und raunte: »Das hat Spaß gemacht.«
»Mir auch«, antwortete sie heiser.
Himmel, was hatte dieser Mann bloß an sich, dass es ihr in seiner Nähe ständig die Sprache verschlug?
Verlegen wandte sie das Gesicht ihrer Freundin zu. Izzy wirkte plötzlich alles andere als gutgelaunt, und Penny erkannte auch sogleich, warum. Rowena zerrte den nächsten Tanzpartner auf ihrer Liste – es war Lord Rutherford – zu Izzy. Sie würde wohl mit dem Adligen, der mehr als doppelt so alt war wie sie, tanzen müssen. Rowenas energischer Blick duldete keinen Widerspruch.
Penny hätte so gerne noch Ashtons Gesellschaft genossen, doch sie musste ihrer Freundin zu Hilfe eilen. Deshalb sagte sie zu ihm: »Hast du später noch ein wenig Zeit für mich? Ich möchte nach meiner Freundin sehen. Sie wirkt sehr deprimiert.«
Ashton lächelte verschwörerisch. »Musst du sie vor Lord Rutherford retten?«
»So ähnlich«, antwortete sie zerknirscht.
Er beugte sich noch einmal nahe zu ihr und flüsterte: »Später gehörst du mir allein.« Dann wandte er sich um und ging.
Penny schnappte nach Luft. Wie hatte er das bloß gemeint? Herrje, der Mann sorgte noch dafür, dass sie vor Hitze explodierte!
»Lord Rutherford!«, hörte sie Izzy sagen. »Sie sind also der Nächste auf meiner Tanzkarte.«
»In der Tat, meine liebe Miss Norwood«, antwortete er. »Auf einen Tanz mit Ihnen freue ich mich schon den ganzen Tag.«
Penny erkannte den ergrauten Mann nur von hinten, doch Izzy blickte genau in ihre Richtung.
Während sich Penny mit ihrem Fächer Luft zuwedelte, blinzelte sie ihre Freundin an. Das war ihr geheimes Zeichen, dass Penny unbedingt mit ihr sprechen musste.
»Lord Rutherford!«, stieß Izzy so laut hervor, dass sich einige Gäste zu ihr umdrehten. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir eine Limonade zu holen? Ich könnte eine Erfrischung vertragen.«
Er nickte und eilte davon.
Penny ergriff die Gelegenheit, um zu ihr zu treten. »Ich habe dich mit Lord Wakefield beobachtet, Izzy. Du scheinst dich sehr gut mit ihm unterhalten zu haben. Warum habt ihr nicht getanzt?«
»Ich glaube, er hat Schmerzen im Bein.«
»Wegen einer Kriegsverletzung?«
»Vermutlich.«
Penny blickte ihre Freundin empört an, während sie sich wild Luft zufächerte. Ihr war immer noch unglaublich heiß. »Du weißt es gar nicht? Worüber habt ihr denn die ganze Zeit geredet?« Sie hatte auf informative Neuigkeiten gehofft.
»Wir haben erst lange über mich gesprochen, und als es wirklich interessant wurde, war die Quadrille schon wieder vorbei.«
»Schon?« Penny ließ sich auf den Stuhl plumpsen. Erst jetzt bemerkte sie, wie anstrengend der Tanz gewesen war. »Ich bin völlig außer Atem. Ich kann verstehen, dass du eine längere Pause gebraucht hast. Du tanzt heute bereits den ganzen Abend!«
Izzy seufzte. »Ich gestehe, ich würde mich gerne noch länger mit Lord Wakefield unterhalten.«
»Bei dir hat er oft gelächelt«, flüsterte Penny ihr grinsend zu. »Eigentlich zum ersten Mal an diesem Tag. Doch wenn ich ehrlich bin, finde ich ihn immer noch angsteinflößend. Er steht stramm wie ein Offizier und …«
»Er war ja auch ein Offizier.« Izzy rollte mit den Augen. »Ein Captain, soweit ich gehört habe.«
Penny nickte zustimmend. »Er soll erst in der Armee gedient und sich später der Ostindien-Kompanie angeschlossen haben. Bestimmt versteckt er eine Waffe unter seinem Rock.«
Plötzlich prustete Izzy los. »Du hast eine noch blühendere Fantasie als ich.«
Penny grinste, froh, ihre Freundin erneut aufgeheitert zu haben. »Was dachtest du denn, was er unter seinem Rock versteckt?« Schlagartig wurde sich Penny der Doppeldeutigkeit ihrer Worte bewusst, woraufhin eine neue Hitzewelle durch ihren Körper raste.
Izzy riss gespielt entsetzt die Augen auf. »Penelope Clearwater, woher kommen plötzlich diese schmutzigen Gedanken?«
»Ashtons Anwesenheit bringt mich völlig durcheinander«, gestand ihr Penny und hoffte, dass ihr strapazierter Fächer den Abend überleben würde. Himmel, die Hitze wollte nicht aus ihrem Gesicht weichen. »Izzy, ich bin so furchtbar aufgeregt wegen der Hochzeitsnacht.«
Izzy setzte sich neben sie und legte einen Arm um ihre Schultern. Ernst blickte diese sie an. »Das haben wir doch schon besprochen«, sagte sie und senkte die Stimme. »Wenn der Mann rücksichtsvoll ist, tut es angeblich nicht weh, und ich glaube, dein Earl ist ein guter Mann. Außerdem habe ich dich letzten Monat zu Bauer Smither mitgenommen, und du hast gesehen, wie es funktioniert.«
»Das waren Kühe, Izzy!« Lebhafte Bilder, die sich tief eingebrannt hatten, tanzten vor ihren Augen. Wie der Bulle der Kuh in den Nacken gebissen und sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie geworfen hatte. Und dann … Herrje, war das Geschlechtsteil bei einem Mann auch so groß?
»Recht viel anders ist es bei den Menschen auch nicht«, murmelte Izzy. »Also … vielleicht überlegst du dir das noch einmal wegen der Hochzeit, wenn du Vorbehalte hast.«
Penny schmunzelte, als sie daran dachte, dass Ashton ihr in den Nacken beißen würde. Und war sein »kleiner Pirat« auch so groß? Unwahrscheinlich, denn dann hätte er gar keinen Platz mehr in seiner stramm sitzenden Hose.
Beinahe prustete sie los. Kleiner Pirat … so nannte ihre Zofe Trish dieses männliche Anhängsel. Außer an Statuen hatte Penny allerdings noch nie ein Exemplar gesehen.
Himmel, was war nur in sie gefahren? Die Aufregung wegen der bevorstehenden Hochzeit hatte seltsame Auswirkungen auf ihr Denkverhalten.
»Ich werde keinen Rückzieher machen«, erklärte sie resolut. »Ich habe heute Morgen meine Zofe gefragt, ob sie etwas über das Thema weiß. Sie sagt, sie hätte eines unserer Zimmermädchen mit dem Knecht gesehen, und es machte den Eindruck, als würde es der Frau gefallen.«
Izzy schüttelte sich, sagte jedoch nichts mehr. Sie wirkte sehr nachdenklich.
Als Lord Rutherford mit der Limonade zurückkam, wünschte Penny ihrer Freundin alles Gute und machte sich auf die Suche nach Ashton. In zwei Wochen würde sie seine Gattin sein und endlich erfahren, was sich wirklich zwischen Mann und Frau im Ehebett abspielte. Sie war zuversichtlich, dass es ganz anders ablaufen würde als bei Kühen.
Kapitel 4 – Annäherung
Auch wenn sich Ashton angeregt mit den Gästen unterhielt und sich keineswegs langweilte, ließ er seine Zukünftige nur selten aus den Augen. Es gefiel ihm, wenn sie lachte, sich abwesend mit zwei Fingern über ihren eleganten Hals fuhr, wenn sie über etwas nachzudenken schien, oder ihre Augen fröhlich funkelten. Gerade lächelte sie verhalten und errötete sanft. Worüber sprach sie mit ihrer Freundin so angeregt? Was ging in Penelopes hübschem Kopf vor?
Zu seiner eigenen Verwunderung wollte er sie besser kennenlernen, was leider gar nicht so einfach war. Sie hing beinahe den ganzen Abend an Izzy, sofern diese nicht tanzte. Natürlich hatte ihm Penelope auch schon zwei Tänze geschenkt. Doch diese hatten es nicht zugelassen, sich privat zu unterhalten. Sobald die Musik verstummte, war sie immer regelrecht zu ihrer Freundin geflohen.
Es ärgerte ihn ein bisschen, dass ihn Penelope anscheinend weniger interessant fand als Isabella Norwood. Hatte Penelope nur Ja zu ihm gesagt, weil er ein wohlhabender Earl war? Er hatte geglaubt, bei ihr ehrliches Interesse an seiner Person zu spüren.
Pah, was machte er sich darüber Gedanken? Es sollte ihn freuen, dass sie einer Zweckehe zustimmte, schließlich würde ihm das sehr gelegen kommen. Doch es kratzte an seinem Ego, dass er weniger anziehend auf sie wirkte als die »verrückte Isabella« oder »die Hosenlady«, wie Lord Trentons Tochter von den meisten hinter vorgehaltener Hand genannt wurde.
Penelope und sie verband eine fast lebenslange Freundschaft, wie unschwer an der Vertrautheit zwischen den beiden zu erkennen war. Nur schienen die zwei Frauen grundverschieden zu sein. Isabella Norwood benahm sich in einigen Belangen eher wie ein Mann. Sie trug für gewöhnlich Hosen, verwaltete Trenton House und beschäftigte das Dienstpersonal – sehr zum Ärger ihrer Stiefmutter, die seit der Heirat mit Lord Trenton die eigentliche Dame des Hauses war. Außerdem kümmerte sich Izzy um das Wohlergehen der Pächter und die Instandhaltung des Anwesens.
Penelope, hingegen, war ganz die Tochter eines Barons, wohlerzogen und mit den besten Manieren gesegnet. Ihre Hauptbeschäftigungen waren wohl eher Sticken und Malen. Leider hatte Ashton bisher nicht herausgefunden, womit sie sich am liebsten die Zeit vertrieb. Ihre Eltern schwärmten ihm nur ständig von ihrer wundervollen Singstimme vor.
Sein Gesangstalent war unterirdisch.
Gegensätze zogen sich oft an, hieß es. War seine Wahl auch deshalb auf Penelope gefallen?
Erstaunlicherweise genoss er ihre Nähe und musste aufpassen, sie nicht zu nah an sich heranzulassen. Der Abend machte Spaß, und er hätte nicht gedacht, sich so gut mit einer Frau zu verstehen. Wenn sie ihn im Bett auch zufriedenstellte, konnte er sich glücklich schätzen. Ashton konnte kaum abwarten, herauszufinden, wie seine Zukünftige unter all dem teuren Stoff aussah. Sein letztes Vergnügen mit einer Dame war schon eine ganze Weile her, und er sehnte sich nach körperlicher Nähe, dem weichen Leib einer Frau, ihren Duft und weiblichen Schenkeln um seinen Hüften.
Als Lord Rutherford zu Isabella zurückkehrte, eilte Ashton sofort zu Penelope und nahm ihre Hand.
»Möchtest du noch einmal tanzen?«, fragte sie sanft lächelnd.
»Eigentlich wollte ich ein wenig frische Luft schnappen.«
»Das klingt gut.« Sie warf einen Blick über ihre Schulter. »Soll ich Mama fragen, ob sie mit uns … Oh, sie tanzt mit Papa.«
Sehr gut, er wollte seine zukünftige Frau dringend allein sprechen. »Du brauchst keine Anstandsdame«, erklärte er ihr, während er sie zwischen den Gästen hindurchmanövrierte. »Wir werden bald heiraten.«
Penelope sah plötzlich aus wie ein in die Ecke getriebenes Tier.
Zwischen Vorhang und Terrassentür blieb er mit ihr stehen, durch den dicken Stoff ein wenig abgeschottet von den anderen, und fragte leise, aber dicht an ihrem Ohr: »Vertraust du mir?«
»Das tue ich, Ashton.« Mutig blickte sie ihm in die Augen. »Deshalb ist meine Wahl auch auf dich gefallen. Du warst mir von all meinen Verehrern der Liebste.«
Sein Herz machte einen Freudensprung, doch gleich danach verkrampfte es sich. Hoffentlich fand sie nie heraus, wie er ihre Nebenbuhler losgeworden war. Ashton kannte die schmutzige Wäsche der meisten Adligen in London. Er hatte den Männern also nur androhen müssen, dass er nicht nur der lieblichen Penelope Clearwater die eine oder andere unschöne Geschichte erzählen würde, sollten sie ihr weiterhin den Hof machen, sondern auch den Klatschblättern. Das hatte gewirkt.
Ja, er hatte unfaire Mittel eingesetzt. Aber was tat Mann nicht alles, um die perfekte Frau zu bekommen?
Penelope hatte dennoch keinen Grund zur Beschwerde, schließlich bewahrte er sie davor, entweder einen Mitgiftjäger, einen Spieler, einen Trunkenbold oder den größten Schwerenöter von ganz London zu ehelichen.
Mit ihm traf sie es hingegen nicht schlecht. Er konnte sich mit ihr aber auch nicht beschweren. Ihre Familie war angesehen, Skandale waren ihm keine bekannt, und ihr Vater war politisch weniger aktiv, weil er sich meistens auf dem Land aufhielt. Ashton hatte dem Baron unauffällig auf den Zahn gefühlt, und dessen Antworten hatten Ashton zufriedengestellt. Außerdem hatte er herausfinden wollen, was Penelopes Vater über ihn gehört hatte und von ihm hielt.
Alles war bestens; er würde der strahlende Schwiegersohn sein. Ashtons hervorragender Ruf lag zum Großteil daran, dass er sich nicht oft in London aufhielt, er kaum einen näher an sich heranließ und deshalb keiner etwas über ihn wusste. Er schloss nur oberflächliche Freundschaften, trank in Gesellschaft nie mehr als ein Glas Alkohol, damit sich bloß nicht seine Zunge lockerte und er vielleicht ungewollt Geheimnisse preisgab. Einzig Captain William Quintrell, den er seit seiner Studienzeit kannte, war sein engster Vertrauter und bester Freund. Gemeinsam hatten sie schon das eine oder andere Abenteuer bestritten. Ashton freute sich darauf, den Haudegen bald wiederzusehen. Er wusste nur noch nicht, wie er Penelope die Änderung seiner Pläne für die Hochzeitsreise beibringen sollte.
Als er mit ihr auf die dunkle Terrasse trat, atmete er auf, weil keine anderen Gäste anwesend waren. Die Nacht war sternenklar, aber kein Mond zu sehen.
Er führte Penelope zu einer Bank, die schwach von dem Licht erhellt wurde, das durch die Vorhänge des Salons fiel. Sie nahmen beide auf der schmalen Sitzfläche Platz, und als sie sich zurücklehnte, schloss sie die Augen und atmete tief ein. »Die frische Luft tut gut. Es ist unglaublich warm im Saal.«
»Allerdings«, erwiderte er, ohne den Blick von ihrem hübschen Gesicht zu nehmen. Auch wenn sie ihre Augen geschlossen hielt, wusste er, dass sie braun waren, genau wie seine, nur etwas heller. Ihre Lippen sahen wie zwei weiche, samtige Kissen aus und besaßen den perfekten Schwung. Ihre Nase war gerade und klein, nicht so riesig wie seine. Gut. Dann kamen sie sich beim Küssen nicht in die Quere.
Als sie die Lider öffnete und ihm das Gesicht zudrehte, lächelte sie. »Warum grinst du? Einen Penny für deine Gedanken.«
»Ich hätte lieber eine Penny.«
Sie lachte. »Die gehört dir bald für immer.« Abrupt blickte sie in eine andere Richtung.
Dachte sie daran, dass in Kürze nicht mehr ihr Vater, sondern er über ihr Leben bestimmte? Wie mochte sich eine Frau fühlen, die kaum eine Entscheidung selbst treffen durfte?
Er hatte bis jetzt nie darüber nachgedacht. Aber Penelope hatte recht. Nach der Hochzeit gehörte sie allein ihm.
Ashton spürte eine kribbelnde Vorfreude. Ob sie ihre unschuldige, leicht schüchterne Art beibehalten würde?
Er grinste in sich hinein. Als seine Ehefrau würde sie nicht lange unschuldig bleiben.
Ashton liebte ihre Unverdorbenheit. Außerdem mochte er es, Penelope zu reizen. Deshalb stellte er seine Schenkel ein wenig auseinander, damit er auf der schmalen Bank ihr Bein berührte. Durch die zahlreichen Stofflagen schien sich ihre Hitze in seine Haut zu brennen.
»Sag mir, wenn dir zu kalt wird«, raunte er. »Dann hänge ich dir meinen Gehrock um.«
»Das ist sehr aufmerksam von dir. Im Moment glühe ich regelrecht, und der Abend ist überraschend mild. Unser Tanz hat mich ganz schön erhitzt.«
Nicht nur sie.
Sie wedelte sich noch einmal Luft zu, bevor sie den Fächer zusammenschob und in einer Tasche ihres Kleides verschwinden ließ. Dann faltete sie die Hände in ihrem Schoß.
»Was machst du den ganzen Tag, wenn du keine Feste besuchst?«, fragte er frei heraus.
Sanft lächelte sie ihn an, als würde sie sich über sein Interesse freuen. »Wenn ich mit meiner Familie in London wohne, gehe ich mit Mama gerne Freunde besuchen oder zum Einkaufen. Es gibt wahnsinnig tolle Modegeschäfte dort.«
Er schmunzelte. »Dann wird es dir in Paris gefallen.«
»Ich kann es kaum erwarten«, gestand sie ihm, und selbst in der Dunkelheit bemerkte er, wie sich ihre Wangen verfärbten.
Nun wollte er zu gerne wissen, was in ihrem Kopf vorging. Ob sie an die bevorstehende Hochzeitsnacht dachte?
Als sie scheu den Blick senkte, fragte er schnell: »Und womit beschäftigst du dich, wenn ihr auf dem Land lebt?«
»Dann bin ich oft bei Izzy oder sie ist bei mir.«
Das hatte er sich fast gedacht. Eigentlich wollte er jetzt nicht über ihre Freundin reden. Doch höflich wie er war, fragte er: »Und wie vertreibt ihr euch die Zeit?«
»Meistens reden wir.«
Als er lediglich eine Braue hob, weil ihn die Themen der beiden interessierten, setzte sie schnell hinzu: »Über … alle möglichen Dinge. Manchmal reite ich mit ihr auch aus, wenn sie einen der Pächter besuchen muss, oder wir gehen spazieren.«
»Nur ihr beide, ganz allein?«
»Papa möchte natürlich, dass wir jemanden mitnehmen. In letzter Zeit bevorzugt Andrew, sofern er nicht am College ist, oder George. Er sagt, meine Brüder sollen ruhig sehen, wie die Pächter leben und was sie alles leisten. Aber meistens fliehen wir vor den Rabauken.«
Ashton schnaubte amüsiert. »Klingt, als wären die beiden eine Plage.«
Sie schmunzelte. »Ich liebe sie, aber sie hecken ständig gemeinsam etwas aus. Dabei liegen sieben Jahre zwischen ihnen. Andrew ist schon fünfzehn und ein junger Mann, George acht. Aber sie benehmen sich fast wie Zwillinge.«
Er wünschte, er hätte auch Geschwister. Doch vielleicht war es ganz gut, dass er allein war. So musste er sich um niemanden sonst kümmern. Und wenn ihn Vaters Verhalten nach Mutters Tod schon derart mitgenommen hatte, wie hätten dann erst andere seiner Familie darauf reagiert?
»Als Kinder haben wir uns auch oft davongeschlichen«, fuhr Penny fort und riss ihn aus seinen Gedanken. »Es gab einen großen Streit, als Papa dahinterkam, und ich hatte einen Monat lang Hausarrest. Seitdem hat er ein wachsames Auge auf uns beide, denn Izzy ist beinahe wie eine Tochter für ihn. Rund um unser Herrenhaus darf ich mich mit ihr alleine aufhalten. Aber wenn wir weiter weg wollen, begleitet uns meist Trish, meine Zofe. Zumindest bis wir außer Sichtweite sind.«
Penelope überraschte ihn. Er hatte nicht erwartet, dass eine Rebellin in ihr steckte. In einigen Punkten waren sie doch nicht so verschieden. »Deine Freundin Isabella hat dich wohl ein wenig mit ihrer unkonventionellen Art angesteckt?«
Sie lächelte verhalten. »Mit Izzy habe ich mich immer unbeschwert gefühlt und konnte den ganzen Benimmregeln für eine Weile entfliehen.«
Sie hatte anscheinend eine strenge Erziehung genossen. Bei ihm musste sie sich nicht perfekt verhalten. In der Tat gefiel es ihm, wenn sie sich weniger steif benahm.
»Doch die wilden Jahre sind vorbei.« Ernst blickte sie ihn an. »Wir sind erwachsen geworden. Izzy hat meist nur noch wenig Zeit, weil sie sich hier um alles kümmert, und ich bin bereit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.«
»Klingt poetisch.«
Offen lächelte sie ihn an. »Ich mag Gedichte.«
»Du liest also? Sticken und Malen liegen dir eher weniger?«
»Natürlich besticke ich auch Taschentücher oder Kissenbezüge«, antwortete sie schnell, wobei sie leicht errötete. »Diese Tätigkeit hat etwas Beruhigendes. Aber viel lieber spiele ich Piano, oder ich singe auch sehr gerne.«
»Das habe ich bereits gehört.« Schmunzelnd legte er seine Hand auf ihre, die sie immer noch im Schoß gefaltet hatte. Er wünschte, sie hätten beide nicht diese verdammten Handschuhe an.
Erneut huschte eine sanfte Röte über ihr Gesicht. »Mama wird nicht müde, das zu erwähnen.«
»Dein Vater ebenso«, sagte er grinsend. »Sowie andere Gäste. Sie freuen sich darauf, dich spielen und singen zu hören. Ich übrigens auch.«
»Wirklich?«, flüsterte sie und ergriff seine Hand.
Ashton beugte sich zu ihr und raunte nah an ihrer Wange: »Ich will alle deine Talente kennenlernen.«
Als sie nicht zurückwich, sondern die Augen schloss, traute er sich, seine Lippen sanft an ihren Hals zu drücken. Penelope keuchte leise auf, während er ihren Geruch einsog. Dort duftete ihre Haut besonders intensiv nach Jasmin.
Er drehte sich mit dem ganzen Körper weiter zu ihr und legte die andere Hand seitlich auf ihren Oberschenkel, während er seine Lippen tiefer gleiten ließ. Er küsste ihr Schlüsselbein und hätte gerne an ihrer Schulter geknabbert, doch leider störte das Kleid.
Penelope bebte am ganzen Leib. Sie hielt die Augen immer noch geschlossen und atmete schwerer, ihr Dekolleté hob und senkte sich deutlich. Ashton konnte sich gerade noch zurückhalten, nicht den Stoff nach unten zu ziehen, um ihre Brüste zu küssen.
Bald …, dachte er.
Es waren kaum mehr zwei Wochen bis zur Hochzeitsnacht. So lange musste er sich noch gedulden. Dennoch wollte er unbedingt jetzt schon ein wenig mehr von Penelope erhaschen.
»Gebiete mir Einhalt, wenn ich etwas mache, was dir missfällt«, befahl er mit vor Lust dunkler Stimme und führte ihre Finger an seinen Mund. Durch den Handschuh drückte er ihr einen Kuss auf den Handrücken.
Penelope nickte lediglich, öffnete jedoch die Lider.
Ashton begann, den Handschuh von ihrem Oberarm abzurollen und jedes Stück blasser, seidenzarter Haut, das er freilegte, zu küssen. Mit der anderen Hand streichelte er durch das Kleid ihren Oberschenkel.
Sie biss sich auf die Unterlippe und lehnte sich weiter zurück, während er ihr den Handschuh ganz abzog und jede ihrer Fingerspitzen küsste. Dabei verfolgte er Penelopes Reaktionen genau. Ihr Atem ging immer schwerer.
Verdammt, langsam wurde es eng in seiner Hose.
Zu gerne wollte er seine Lippen auf ihren leicht geöffneten Mund drücken, aber so weit war Penelope noch nicht. Ashton durfte sie nicht überfordern, obgleich er merkte, dass sie sein Tun erregte. Er wusste, welche Wirkung er auf Frauen hatte und kannte alle Tricks, um die Damen unter sich schmelzen zu lassen. Je langsamer er zu Beginn voranschritt, desto mehr wollten sie ihn später.
Wie würde Penelope erst im Bett auf ihn reagieren, wenn er sie nach allen Regeln der Kunst verführte? Er konnte kaum erwarten, das herauszufinden. Ashton wollte sie stöhnen hören, sie sollte sich winden vor Lust und Leidenschaft. Er würde sie in allen möglichen Stellungen nehmen, ja, vielleicht sogar ein paar Figuren aus dem Kamasutra ausprobieren, falls sie experimentierfreudig war.
Selbstverständlich würde er nie etwas gegen ihren Willen tun und genau auf ihre Reaktionen achten. Denn nur wenn sie Spaß an der ganzen Sache hatte, konnte auch Ashton alles in vollen Zügen genießen. Im Moment legte Penelope eine natürliche Hingabe an den Tag, die ihn ungemein anstachelte. Sie schob eine Hand in seinen Nacken und krallte die andere in seinen Unterarm, als müsste sie sich irgendwo festhalten. Ihre leicht geöffneten Lippen schienen ihn geradezu anzuflehen, geküsst zu werden. Doch wenn er das tat, würde er sich nicht mehr beherrschen können.
Damit er sie nicht gleich an Ort und Stelle vernaschte, zog er die Hand weg und half ihr, den Handschuh wieder überzustreifen. »Wir sollten zurückgehen. Die anderen vermissen uns vielleicht schon.«
»Na-natürlich.« Sie blinzelte ihn an, als würde sie gerade aufwachen.
Es freute ihn, dass er ihr eine Welt gezeigt hatte, die sie nicht kannte. Doch er ärgerte sich auch, dass sie beide noch nicht verheiratet und an einem Ort waren, an dem sie keiner stören konnte. Vielleicht fanden sie später mehr Zeit füreinander. Schließlich übernachtete er, solange die Feierlichkeiten dauerten, in dem Herrenhaus von Penelopes Vater. Seine Zukünftige schlief nicht weit von ihm entfernt …
»Was hältst du davon, wenn wir uns in ein paar Stunden noch einmal sehen, nur wir beide?«, fragte er, als er ihr die Hand reichte und mit ihr in Richtung Terrassentür schlenderte – ganz langsam, damit niemand der Gäste mitbekam, wie es um ihn stand. Der aktuelle Tanz war beendet, die Musik verstummt. Bestimmt würden sie nicht mehr lange allein hier draußen sein.
»In ein paar Stunden?« Penelopes glatte Stirn legte sich in Falten. »Dann sind wir längst nicht mehr hier.«
»Allerdings.« Vor der halb geöffneten Terrassentür blieb er stehen und grinste Penelope schief an. In ihrem Gesicht spiegelten sich alle möglichen Emotionen wider, vor allem Unglauben und Entsetzen, aber auch Neugier.
Während sie schwieg, pochte sein Herz wild. Ashton hoffte, nicht zu weit zu gehen, als er sagte: »Ich werde zu dir kommen, wenn alle schlafen.«
Ihr süßer Mund klappte auf und ihre Lider verengten sich. Ein wenig von der Rebellin blitzte hindurch, und er glaubte, sie würde ihn gleich beschimpfen. Doch dann schien sie sich zu fassen und flüsterte ihm vehement zu: »Mein Vater bringt dich um, wenn er dich erwischt!«
»Er wird mich nicht erwischen.« Er war es schließlich gewohnt, wie ein Geist durch Häuser zu schleichen.
Als sie nach Luft schnappte, legte er einen Arm um ihre Taille, um sie an seinen Körper zu ziehen, und raunte ihr ins Ohr: »Keine Sorge, meine Liebe. Ich verspreche dir, nichts zu tun, was dir missfallen könnte. Ich will nur ein wenig Zeit mit dir allein verbringen. Du vertraust mir doch?«
»Das tue ich, Ashton«, wisperte sie, wobei sie die Hände auf seine Brust legte und schon wieder atemlos klang.
»Dann ist es beschlossen.« Erleichtert, dass sie ihm keine Szene gemacht hatte, atmete er durch. »Ich werde drei Mal leise bei dir klopfen.«
Bevor peinliches Schweigen aufkommen konnte und weil er nicht wollte, dass sie sich über später den Kopf zerbrach und womöglich ihre Meinung änderte – er sah, wie es hinter ihrer Stirn ratterte – sagte er schnell: »Jetzt möchte ich gerne noch einmal mit dir tanzen. Würdest du mir diesen Gefallen tun?«
Sämtliche Anspannung schien von ihr zu weichen, und sie lächelte ihn ehrlich an. »Diesen Gefallen tue ich dir gerne.«
Puh, sie war ihm nicht böse. Die streng erzogene Miss Penelope Clearwater überraschte ihn immer wieder. Sie war klug, reizend und mit den besten Manieren ausgestattet. In der Öffentlichkeit eher zurückhaltend, entfaltete sie in seiner Gegenwart nach und nach ihr wahres Ich – das Ashton bisher sehr gut gefiel. In vielen Punkten war sie ganz anders als ihre zwar hübsche, aber anstrengende Freundin, die mit den Herren über Politik und Landwirtschaft diskutierte. Es grenzte an ein Wunder, dass die anwesenden Lords noch nicht die Feier verlassen hatten – sehr zum Ärger von Isabella Norwood, die wohl keinen der Kandidaten heiraten wollte.
Zum Glück hatte Penny sofort eingewilligt, seine Frau zu werden, und ließ es zu, dass er später zu ihr kommen durfte. Es erleichterte ihn ungemein, dass sie ihn anziehend fand und auf seine Annäherungsversuche mit Leidenschaft reagierte. Es könnte nicht besser zwischen ihnen laufen. Ashton konnte es kaum erwarten, sie in ihren privaten Gemächern zu besuchen, um ihre Leidenschaft noch mehr anzufachen. Bis zu ihrer Hochzeitsnacht würde sie glühen vor Lust und sich nach ihm verzehren. Dann würde er ihr zeigen, wozu er wirklich fähig war.
Kapitel 5 – Heiße Küsse und mehr
Penny saß an ihrem Toilettentisch, auf dem eine Lampe schummriges Licht verbreitete, und wartete auf Ashton. Ihre Zofe Trish hatte sie längst fürs Bett zurechtgemacht und sich in ihr eigenes Zimmer unter dem Dach zurückgezogen. Penny trug ihren dicken dunkelgrünen Schlafrock, weil es nachts schon empfindlich kühl wurde, und darunter ihr hochgeschlossenes Nachthemd.
Hinter ihr, in der Nähe des Bettes, loderte ein Feuer im Kamin. Gerade hatte sie noch einmal selbst Holz nachgelegt, denn sie wollte das Mädchen, das dafür zuständig war, auf keinen Fall wecken. Es war schon sehr spät und ohnehin besser, wenn alle schliefen. Niemand sollte mitbekommen, wenn sich Ashton zu ihr stahl.
Was führte er im Schilde? Warum wollte er unbedingt mit ihr allein sein?
Ihre Neugierde brachte sie fast um! Allerdings zitterten ihre Hände auch vor Aufregung. Hastig faltete Penny sie im Schoß und starrte ihr Spiegelbild an.
Trish hatte ihr die Haare gekämmt, sodass sie in großen schwarzen Wellen über ihre Schultern flossen. Kein Mann – außer ihrem Papa und ihre Brüder – hatte sie jemals mit offenem Haar erblickt. Doch in kaum mehr zwei Wochen würde Ashton ohnehin alles von ihr zu sehen bekommen.
Herrje, würde er sie wirklich in ihrem Schlafzimmer besuchen? Zum Glück war sie mit ihm verlobt! Andererseits hätte sie das einem Mann niemals gestattet. Aber Ashton hatte eine Art an sich, dass sie ihm kaum etwas abschlagen konnte – zumindest nichts, was sie tief in ihrem Herzen ebenfalls wollte. Nur ihre Erziehung ließ sie zweifeln, ob sie wirklich das Richtige tat.
Wenn sie daran dachte, wie Ashton auf der Terrasse ihren Hals und ihren Arm geküsst hatte, wurde ihr gleich wieder heiß. Er hatte ein gewaltiges Feuer in ihr entfacht und dafür gesorgt, dass ihr ganzer Körper regelrecht vibriert hatte. Und noch etwas anderes war in ihr vorgegangen, etwas völlig Neues, das sie noch nicht in Worte fassen konnte. Es hatte sich auf jeden Fall fantastisch angefühlt.
Penny sehnte sich nach seinen starken Armen, die sie bestimmt fest und dennoch zärtlich halten konnten, seinen Berührungen und seinem wunderbaren Duft. Im Grunde konnte sie seinen Besuch kaum erwarten. Dennoch zuckte sie zusammen, als es drei Mal leise an ihrer Tür klopfte.
Er war tatsächlich gekommen!
Ihre Knie fühlten sich seltsam weich an, als sie sich erhob, um ihm zu öffnen. Kaum war der Spalt groß genug, huschte er geschmeidig herein und sperrte ab.
Himmel, er sah unglaublich attraktiv aus. Er trug lediglich ein Hemd, Breeches und dazu Stiefel. Auf Krawattentuch, Weste und Gehrock hatte er verzichtet. Der obere Knopf am Kragen war geöffnet, sodass Penny einen Blick auf seinen männlichen Hals werfen konnte. Außerdem war er nicht frisch rasiert, weshalb die Bartstoppeln seine Wangen schattierten. Im Flammenschein des Kaminfeuers hatte er fast etwas Dämonisches an sich. Außerdem erinnerte Ashton sie an einen Piraten. Einen äußerst attraktiven Piraten.
»Hat dich jemand gesehen?«, fragte sie atemlos. Seine Nähe raubte ihr schon wieder sämtliche Luft.
»Niemand«, flüsterte er schmunzelnd und zog sie noch an der Tür in seine Arme.
Verlegen spielte sie an seinem Kragen und war versucht, den Daumen über sein kantiges Kinn zu streichen. »Vielleicht hat dich jemand heimlich beobachtet?«
»Ich war vorsichtig«, murmelte er an ihrer Schläfe. »Das bin ich immer.«
Ihr Herz stolperte, und sie drückte ihre Hände an seine Brust, bevor sie ihm direkt in die Augen blickte. »Wie oft hast du dich denn schon in das Zimmer einer Frau geschlichen?«
Er grinste so breit, dass seine Zähne im Halbdunkel regelrecht aufblitzten. »Ein paar Mal, aber nie, wenn sie anwesend war.«
Gerade als Penny nachhaken wollte, wie er seinen Kommentar gemeint hatte, legte er die Arme noch fester um ihre Taille und raunte: »Weißt du, was ich schon den ganzen Abend machen wollte?«
»Was?«, hauchte sie und las in seinem feurigen Blick, dass es etwas Ungehöriges sein musste. Doch sie wich nicht zurück. Penny vertraute ihm.
»Das.« Sanft fasste er mit einer Hand in ihren Nacken, bevor er ihr einen Kuss aufdrückte.
Penny erwartete, dass seine Lippen ungestüm auf ihre treffen würden, stattdessen war Ashton unglaublich zärtlich. Er knabberte an ihrem Mund, kitzelte diesen mit der Zunge oder stupste dagegen, als würde er Einlass verlangen.
Penny sank gegen ihn, weil ihre Knie noch weicher wurden, und stöhnte verhalten. Schon schlüpfte seine Zungenspitze in ihren Mund, um ihre zu necken.
Ashton schmeckte köstlich, wie süßer Wein, und das Kitzeln auf ihrer Zunge breitete sich bis in ihren Bauch aus.
Herrje, was machte dieser Mann bloß mit ihr? In seinen Armen wurde sie zu Butter. Geschmolzener Butter!
Das ist mein erster, richtiger Kuss, dachte sie, und er ist überwältigend. Ashton ist überwältigend.
»Ash«, wisperte sie, ergriffen von den Gefühlen, die er in ihr auslöste, und erntete von ihm ein Glucksen.
»Ash?«
Sie erstarrte. »Habe ich dich eben so genannt?«
»Hm«, summte er an ihren Lippen, bevor er sie erneut küsste. »Wahrscheinlich, weil dich mein Kuss so heiß macht, dass du jeden Moment zu Asche zerfällst.«
Breit grinste sie ihn an. »Überheblicher Kerl.«
Er lachte. »Seit wann nimmt meine tugendhafte Verlobte kein Blatt vor den Mund?«
»Seit sich mein ziemlich von sich eingenommener Verlobter in mein Schlafzimmer geschlichen hat und meinen Verstand vernebelt.« Sie fühlte sich herrlich unbeschwert in seiner Nähe, zu Scherzen aufgelegt und wie beschwipst. Seine Küsse schienen ihre Zunge gelockert zu haben.
Hoffentlich träumte sie das alles nicht. Er war der perfekte Mann, in allen Belangen. Sie fühlte sich rundum wohl bei ihm.
»Ich mag den Kosenamen«, gestand er ihr. »Wegen ausgleichender Gerechtigkeit brauche ich nun auch einen für dich. Am naheliegendsten ist natürlich Penny.«
»So nennt mich für gewöhnlich nur Izzy. Aber Erlaubnis erteilt.« Schließlich würde er ihre neue »beste Freundin« werden – oder wenigstens die zweitbeste –, wünschte sie sich. Zumindest hatte sie sich in ihren Träumen immer ausgemalt, einen liebevollen Mann zu finden, mit dem sie über wirklich alles reden konnte und der ihre Sorgen verstand, so wie Izzy. Penny würde ihre Gespräche schrecklich vermissen. Aber Ashton schien ein annehmbarer Ersatz zu sein.
Sein Griff lockerte sich, und er wich mit dem Kopf ein wenig zurück. Dabei sah er so aus, als würde ihm nicht gefallen, dass Izzy sie Penny nannte, warum auch immer. Doch dann zeigte er sein verwegenstes Lächeln und raunte: »Nun gut, dann werde ich mir einen eigenen Kosenamen für dich ausdenken. Wie wäre es mit … Nelly?«
»Bitte nicht!« Grinsend schüttelte sie den Kopf. »So heißt mein Pferd. Das könnte zu Verwechslungen führen.«
Todernst blickte er sie an. »Du nimmst mich auf den Arm.«
»Nein, wirklich!«
»Dann … Nele?«
»Klingt wie der Name einer Puppe.«
»Pen?«
»Hmmm.« Sie legte den Kopf leicht schief und schmunzelte. Es machte Spaß, mit ihm über Kosenamen zu diskutieren. Allerdings wollte sie mehr von seinen Küssen, und die bekam sie nicht, solange er keinen neuen Namen für sie gefunden hatte. Deshalb sagte sie: »Mit Pen kann ich leben. Aber nicht ohne das hier.« Ihr Herz überschlug sich fast vor Aufregung, als sie mit einer Hand in Ashtons Nacken fuhr und ihm mutig einen festen Kuss aufdrückte.
Kurz versteifte er sich – wohl aus Verblüffung wegen ihrer dreisten, völlig unangemessenen Art –, bevor ein erotisches Knurren in seiner Kehle vibrierte. Unverwandt hob er sie auf die Arme, sodass sie einen überraschten Laut ausstieß, marschierte mit ihr durchs Zimmer und setzte sie auf ihrem Bett ab.
»Meine Pen ist eine verwegene Frau«, raunte er. »Wer hätte das gedacht?«
»Die machst allein du aus mir.« Himmel, ihr Gesicht brannte vor Scham und Nervosität. So kannte sie sich gar nicht!
Doch, das bist du, kühn und unerschrocken, wisperte ihr ein Stimmchen in ihrem Kopf zu. Sonst hättest du dich als Kind nicht getraut, mit Izzy all die verrückten Abenteuer zu erleben.
Und jetzt erlebte sie ein neues und aufregendes Abenteuer mit ihrem zukünftigen Mann.
»Bist du auch verwegen genug, um deinen Morgenrock abzulegen?«, fragte er rau, während er neben ihr auf dem Bett saß und seine Augen im Schein des Kaminfeuers dämonisch schimmerten.
Gewiss wollte er etwas mehr von ihrer Haut sehen. Da er einige Kleidungsstücke weniger trug als gewöhnlich, war es nur fair, den dicken Mantel auszuziehen. Bloß zitterten ihre Finger dabei schrecklich, sodass es gar nicht so einfach war.
Ash legte seine Hand über ihre und blickte sie ernst an. »Du musst das nicht tun, wenn du nicht willst.«
Himmel, er war perfekt! Das konnte sie nicht oft genug wiederholen.
»Ich will es«, wisperte sie, stand auf, um schnell aus dem Stoff zu schlüpfen, und setzte sich wieder. Sie kam sich vor ihm ohnehin nicht entblößt vor, schließlich trug sie noch ihr braves, hochgeschlossenes Nachtgewand. Doch die Stücke, die sie mit ihrer Mutter vor Kurzem in London gekauft hatte – für ihre Zeit als verheiratete Frau – waren sehr viel sündhafter. Herrje, damals bei der Schneiderin war sie knallrot angelaufen und hatte sich nicht vorstellen können, sich darin ihrem zukünftigen Mann zu zeigen. Aber Ash schaffte es irgendwie, ihren Mut anzustacheln.
Er musste wohl bemerkt haben, dass sie die ganze Zeit auf seinen entblößten Hals blickte, denn er raunte: »Du darfst dir alles genau ansehen und ruhig näherkommen. Schließlich ist es ziemlich düster hier drin.«
Oh dieser Mann! Sie bemerkte genau, wie seine Mundwinkel zuckten. Es machte ihm Spaß, mit ihr zu spielen, sie zu reizen. Aber was er konnte, konnte sie auch!
Sie drehte sich zu ihm und strich sanft mit den Fingerspitzen an seinem männlichen Hals hinab, bis das Hemd sie stoppte.
»Nur zu«, sagte er rau und krallte die Hände in ihre Laken. »Geh ruhig weiter.«
Wollte er etwa, dass sie seine Brust entblößte? Sie wollte nichts lieber, als Ash in seiner vollen Pracht zu sehen! Doch ganz so mutig war sie dann doch nicht. Immerhin traute sie sich, noch einen Knopf zu öffnen, und spürte ein paar Härchen an ihren Fingern. Als sie darüber strich, schloss er leise stöhnend die Augen.
Wagemutiger geworden, weil ihm gefiel, was sie tat, fuhr sie an seinem Hemd tiefer und befühlte durch den Stoff die sanften Muskelstränge seiner Brust und den flachen Bauch. Der versteckte sich leider halb im Bund seiner Breeches und … Herr im Himmel, was war das für ein Zelt in seiner Hose?
Ash öffnete die Lider und blickte ihr tief in die Augen. »Daran bist allein du schuld, Penelope. Du erregst mich wie keine Frau zuvor.«
»Wirklich?«, fragte sie heiser. Das konnte sie sich kaum vorstellen, denn sie besaß absolut keine Erfahrung mit Männern.
»Ich mag deine Neugier.« Er beugte sich zu ihr und griff in ihr Haar. »Und ich bewundere deinen Entdeckergeist.« Er führte sich eine ihrer schwarzen Strähnen ans Gesicht und atmete tief ein. »Du duftest unglaublich gut.«
»Meine Zofe wäscht meine Haare mit einer Seife, die aus dem Orient stammt«, antwortete sie heiser. »Papa hat mir letztes Jahr zu Weihnachten eine kleine Kiste voller Seifen geschenkt.« Plötzlich fiel ihr ein, was sie längst machen wollte, und fuhr mit den Fingern in sein Haar. Es fühlte sich dicker an als ihres, dennoch war es seidenweich. Anschließend ließ sie die Fingerspitzen über seine leicht stoppeligen Wangen gleiten und strich über seine schönen Lippen.
Erneut erklang dieses leise Knurren, und er drückte sie ohne Vorwarnung aufs Bett, um sie zu küssen. Nur diesmal ging er ungestüm und leidenschaftlich vor.
Pennys Herz vollführte wilde Sprünge. Wie von selbst öffneten ihre Finger einen weiteren Knopf an seinem Hemd, und auf einmal glitt es ihm über die Schulter. Penny berührte dort seine weiche Haut und entdeckte eine feine Narbe an seinem Schlüsselbein.
Sie würde ein anderes Mal fragen, woher Ash diese Verletzung hatte, denn im Moment wollte sie nur noch von ihm geküsst und gestreichelt werden. Sie genoss es, halb unter ihm zu liegen, durch ihr Nachthemd seine Körperwärme zu spüren und ihm so nah zu sein wie nie zuvor.
Ashton hatte nicht so weit gehen wollen, doch Penelopes unschuldige und zugleich leidenschaftliche Art brachte seine Beherrschung jedes Mal ins Wanken. Während er sie wie ein Barbar küsste, der sich an seiner Kriegsbeute erfreute, streichelte er ihre Arme, ihren Bauch … und schließlich lag eine seiner Hände auf ihrer Brust. Penny zuckte nicht einmal, als er vorsichtig zudrückte, um durch den Stoff ihres braven Nachthemdes zu befühlen, wie ihre Brüste beschaffen waren. Sie passten genau in seine Hände und besaßen die perfekte Größe. Überhaupt schien alles an seiner Verlobten perfekt zu sein. Das stellte er immer wieder fest. Er freute sich riesig, dass er sie entdeckt und sich für eine Heirat entschieden hatte.
Wenn er mit dem Daumen über einen ihrer harten Nippel rieb, wand sie sich unter ihm und stöhnte verhalten. Ashton wollte noch mehr dieser verruchten Töne aus ihr holen, und die Gelegenheit war günstig, als sie ihre Beine anzog und die Füße auf der Matratze abstellte. Jetzt, da ihre langen Beine nicht mehr aus dem Bett hingen, konnte er ganz einfach unter ihr Nachthemd fahren. Doch er durfte Penelope nicht erschrecken. Deshalb streichelte er zuerst vorsichtig ihre schlanken Fesseln, dann ihre Waden.
Ihre warme, weiche Haut spüren, aber nicht sehen und schmecken zu können, brachte ihn schier um. Sein beinahe schmerzhaft pochender Penis verlangte längst nach Freiheit, doch er musste sich noch gedulden. Penelope hatte es verdient, erst in ihrer Hochzeitsnacht zur Frau gemacht zu werden. Sie war eine ehrbare junge Dame, dazu erzogen worden, einen Ehemann glücklich zu machen und ihm Kinder zu schenken. Ashton wollte nur das tun, was ihr auch wirklich gefiel.
»Du kannst mir jederzeit Einhalt gebieten, Pen«, murmelte er an ihrer Wange, während sich seine Hand unter ihrem Nachthemd wie von selbst höher schob und sich auf ihr Knie legte.
»Ich vertraue dir, Ash«, flüsterte sie heiser, wobei sie in seinem Haar wühlte.
Sie war wirklich unschuldig. Zwar leidenschaftlich, aber verdammt unerfahren. Sie hatte keine Ahnung, wie sehr sie ihn reizte und wie gefährlich ihr das werden könnte. Jeder andere Mann hätte sich längst auf sie geworfen und sie genommen. Aber er konnte sich beherrschen, obwohl es ihm unsagbar schwerfiel. Er war es gewohnt, auch in brenzligen Situationen die Kontrolle zu bewahren.
Als er mit der Hand zwischen ihre Schenkel glitt, bog sie den Rücken durch und stöhnte losgelöst. Verflucht, sie machte es ihm wirklich nicht einfach!
Ashton wich zurück und stellte sich vor das Bett. Dabei rutschte ihm das Hemd ganz von den Schultern, sodass er schnell aus den Ärmeln schlüpfte und es auf den Boden gleiten ließ. Penelopes Augen schienen regelrecht zu leuchten, während sie seinen entblößten Oberkörper studierte. In ihrem glühenden Blick las er, dass ihr gefiel, was sie sah. Das freute ihn ungemein, obwohl er wusste, welche Wirkung er auf Frauen hatte. Doch sie senkte verschämt die Lider, nachdem ihr offenbar die Beule in seiner Hose aufgefallen war.
»Weißt du, was du mit mir anstellst?«, fragte er rau und strich sich durch die Breeches über seine Erektion.
Keine gute Idee! Sein Schwanz bäumte sich auf und wollte mehr! Wenn er seine Hose öffnete … sobald die letzte Schranke fiel … würde es auch für ihn kein Zurück mehr geben.
Natürlich könnte ihn Penelope mit der Hand befriedigen, aber er wollte ihr jetzt nicht zu viel zumuten, sie nicht erschrecken. Sie würde sein bestes Stück noch früh genug kennenlernen.
Eisern sammelte er all seine Beherrschung und setzte sich wieder neben sie aufs Bett. Er sollte endlich gehen, hatte er doch nur ein paar heiße Küsse stehlen wollen. Aber Penelope wirkte erhitzt, und er wollte sie nicht in diesem Zustand zurücklassen. Stattdessen wollte er ihr einen kleinen Vorgeschmack geben, was sie in der Ehe erwarten würde.
Ashton sah plötzlich unheimlich gequält aus, woraufhin Penny schnell seine Hand drückte. »Es tut mir leid, wenn ich dir Unbehagen bereite.« Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich verhalten musste oder wie sie ihm etwas von den zwar verwirrenden, aber wunderbaren Gefühlen, die er in ihr auslöste, zurückgeben konnte. Es fehlte ihr an sämtlicher Erfahrung! Und Izzys Anschauungsunterricht mit den Tieren brachte sie hier auch nicht weiter. Na ja, fast nicht. Immerhin wusste sie, welcher Körperteil dieses Zelt in seiner Hose verursachte. Doch seine Erregung schien ihm eher Schmerzen zuzufügen, als ihm schöne Gefühle zu bescheren.
»Du hast nichts falsch gemacht«, sagte Ash rau. »Im Gegenteil. Bisher gefällt mir alles, was du tust.«
Ihr Blick flackerte und wanderte erneut zu seiner Hose. »Du wirkst nicht gerade entspannt. Was kann ich besser machen?«
Schmunzelnd zupfte er an der Beule. »Ignoriere das einfach und genieße. Du darfst mich in Zukunft noch oft genug verwöhnen. Sobald wir verheiratet sind, werde ich dir haargenau zeigen, wie ich es gerne habe.«
Sie ahnte, was er meinte, und Hitze breitete sich bis in den letzten Winkel ihres Körpers aus. Seine direkte Art war ungewohnt für sie, doch sie mochte es, wenn er solche Dinge sagte. Sie führten dazu, dass dieses seltsam wohlige Gefühl in ihr noch stärker wurde.
»Und jetzt lass uns weniger reden, sondern mehr davon tun«, murmelte er, zwinkerte schelmisch und drückte sie wieder zurück aufs Bett, um sie leidenschaftlich zu küssen. Genau wie zuvor, stahl sich eine Hand unter ihr Nachthemd, um ihre Beine entlangzustreichen. Penny genoss es, seine warme Hand direkt an ihrer Haut zu fühlen, ohne dass ein Handschuh störte – auch wenn es schrecklich ungehörig war. Je näher er ihrer Körpermitte kam, desto mehr sehnte sie sich nach etwas Bestimmtem. Sie konnte es nur nicht greifen.
Fast schon hilflos schnappte sie mit den Lippen nach Ashs Mund und wollte ihn am liebsten anflehen, nicht aufzuhören mit dem, was er gerade tat. Doch das schickte sich wohl nicht. Sie sollte ihm Einhalt gebieten, ihn stoppen! Aber seine Berührungen, die nur noch Zentimeter von ihrem pochenden Schoß entfernt waren, fühlten sich zu gut an.
Als er dicht an ihrem Ohr mit heiserer Stimme fragte: »Darf ich dich überall berühren?«, nickte sie atemlos. Schon bedeckte seine Hand ihre Scham, rieb darüber, und brachte alles dort unten noch wilder zum Klopfen.
Die Zimmerdecke drehte sich plötzlich, ihr Körper schien zu schweben, ihre Haut prickelte und ihr Atem ging immer schwerer. Das musste Lust sein. Pure Lust.
Oder Wahnsinn.
Egal, was es war … Das Gefühl war berauschend.
Als Ashton mit einem Finger ihre intimste Stelle teilte und über die harte Perle rieb, stieß Penny einen Schrei aus.
Sofort lag seine andere Hand auf ihrem Mund. »Scht, meine Schöne. Sonst hört dich jemand.«
Das war ihr im Moment reichlich egal. Ash sollte bloß nicht aufhören! Denn genau dort schien die Stelle zu sein, die diese rasende Lust durch ihren Körper jagte und ihn entzündete.
Sie drückte beide Hände auf seine, um ihre Lippen fest zu verschließen, und ließ sich von dem Strudel der Leidenschaft mitreißen. Während Ash immer schneller rieb und ihr Schoß von Sekunde zu Sekunde heftiger pochte, stöhnte Penny losgelöst, wobei sie versuchte, durch die Nase genügend Luft zu bekommen. Aber sogar die erschwerte Atmung erregte sie. Das war doch verrückt!
Kein Wunder, dass es Sünde war, sich selbst zu berühren oder vor der Ehe mit einem Mann intim zu werden. Diese Lust stellte seltsame Dinge mit ihr an. Hoffentlich landete sie dafür nicht in der Hölle.
Als Ash raunte: »Denk nicht so viel, Süße. Lass einfach los«, warf sie alle Zweifel über Bord und genoss bloß noch das Spiel seiner Finger. Und während sie innerlich zu explodieren schien und dieses wunderbare Gefühl den Höhepunkt erreichte, nahm er die Hand von ihrem Mund, um ihr dafür seine Lippen aufzudrücken. Losgelöst stöhnte sie in Ashs Mund, krallte die Finger in sein weiches Haar und bog ihm ihren Unterleib entgegen. Sie benahm sich wie eine Sünderin, und sie liebte es. Sie liebte … Ash. Ja, so musste es sein, denn sonst würde sie sich ihm niemals auf diese Weise hingeben können.
Kaum war ihr Stöhnen verklungen und sie aus einer Art Nebel aufgetaucht – obwohl ihr Schoß immer noch leicht pochte –, grinste er sie verrucht an. »Ich hatte nicht erwartet, dass so viel Leidenschaft in dir steckt.«
Seinem seligen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien das gut zu sein. Sie konnte Ash jetzt nur nichts fragen, denn sie fühlte sich immer noch nicht richtig in dieser Welt angekommen.
Was hatte er bloß mit ihrem Körper angestellt?
Penny wusste es nicht. Doch als er ihr einen Gute-Nacht-Kuss gab, sein Hemd aufhob und sich davonstahl, schwebte sie immer noch im siebten Himmel.
***
Penny ging ihr feuriger Earl seit dem heimlichen Besuch nicht mehr aus dem Kopf. Auch nicht das, was er mit ihrem Körper angestellt hatte. Am nächsten Tag, als die Feierlichkeiten auf dem Landgut von Izzys Vater weitergeführt wurden, verhielt er sich jedoch wieder ganz wie ein Gentleman. Nur seine heimlichen, heißen Blicke trafen sie bei jeder Gelegenheit und setzten ihren Körper erneut in Flammen. Herrje, diese Hitze, die allein er entfachte, würde sie bald verbrennen!
Penny wollte so gerne mit jemandem über die Geschehnisse der letzten Nacht sprechen, doch die für Izzy eingeladenen Herren buhlten wie verrückt um ihre Freundin – was diese sichtlich in den Wahnsinn trieb.
Sogar Penny wurde für das Werben um ihre Freundin in Beschlag genommen. Lord Thaunton, einer von Izzys hartnäckigsten Verehrern, bat sie, ihn am Klavier zu begleiten. Der Baron, der bestimmt dreimal so alt war wie Izzy, wollte seine auserwählte Zukünftige mit seinem Auftritt beeindrucken. Er sang wirklich nicht schlecht, aber Penny konnte sich kaum auf das Spiel konzentrieren, weil Ashton sie die ganze Zeit musterte. Sie war heilfroh, dass niemand auf die Idee kam, sie zum Singen aufzufordern. Mama bemerkte vor ihren Freunden stets, Penelope könne hervorragend das Piano spielen und besäße eine erstklassige Singstimme.
Penny sang auch für ihr Leben gern – und wäre sie nicht die Tochter eines Barons, hätte sie sich wohl als Sängerin selbstständig gemacht. Aber in Ashtons Anwesenheit würde sie wahrscheinlich keinen geraden Ton herausbringen. Allein seine Nähe brachte sie ständig durcheinander, weshalb sie sich auch beim Sprechen öfter verhaspelte. Er musste sie mittlerweile für völlig unfähig halten. Penny freute sich trotzdem sehr, dass er zu Besuch gekommen war und ehrliches Interesse an ihr zeigte.
Leider musste er früher zurück nach London fahren, um vor der Parisreise noch einige Dinge zu regeln.
Sie hoffte, dass das der wahre Grund war und sie ihn nicht in die Flucht getrieben hatte. Er verabschiedete sich jedoch mit mehreren Entschuldigungen von ihr und stahl sich in einem unbeobachteten Moment noch einen Kuss. Außerdem schickte er wieder jeden Tag Blumen.
Penny vermisste ihren Charmeur schrecklich – besonders wenn sie allein im Bett lag. Tagsüber war sie oft zu beschäftigt, sich den Kopf über ihn zu zerbrechen, denn die Hochzeitsvorbereitungen befanden sich im vollen Gange. Gemeinsam mit Mama und ihren drei Tanten Rosmary, Harriet und Rebecca plante Penny ihren großen Tag seit Monaten. Sie hatte sich für die Trauung den Mittwoch ausgesucht, denn der Tag sollte Glück bringen, während Samstage und Sonntage nicht infrage kamen, weil sie allein Gott gewidmet waren.
Es galt wirklich eine Menge zu bedenken! Sogar die Wahl des Monats spielte eine Rolle. Im Juni wurde am liebsten geheiratet. Aber auch der April oder die Wintermonate waren begehrt.
Penny hätte so gerne Izzy gefragt, ob sie ihre Brautjungfer sein wollte. Doch ihre Freundin hasste leider nichts mehr, als Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Außerdem hielten Izzy die Aufgaben rund um Trenton House beschäftigt, weshalb Penny ihre Tanten gebeten hatte, die Brautjungfern zu spielen. Alles war bestens organisiert, und einer perfekten Trauung sollte nichts mehr im Weg stehen. Dennoch wurde Penny nervöser, je näher ihr großer Tag heranrückte.
Kapitel 6 – Die Hochzeit
Landgut von Lord Clearwater
Grafschaft Kent
November 1835
Auf einmal war der große Tag da. Penny hatte am frühen Morgen nur eine halbe Tasse Tee trinken können, so aufgeregt war sie. Noch nervöser fühlte sie sich, als sie vor ihrem Toilettentisch saß und sich von ihrer Zofe Trish zurechtmachen ließ. Penny war heilfroh, dass wenigstens die Sechzehnjährige, die vor über einem Jahr für sie eingestellt wurde und aus der nahegelegenen Stadt Rochester stammte, ruhige Hände besaß. Trish flocht ihr gerade rosa Blüten ins Haar. Die Blumen besaßen dieselbe Farbe wie ihr wunderschönes Brautkleid.
Penny konnte es kaum fassen, schon bald Ashtons Frau zu werden. Ob ihm ihr roséfarbenes Kleid gefallen würde?
Getrübt wurde ihre Vorfreude allerdings ein bisschen, weil sie nicht bei Izzys eigener Hochzeit dabei sein konnte. Doch niemand – und am wenigsten Penny – hatte gedacht, dass ihre beste Freundin im selben Jahr heiraten würde wie sie!
Es war etwas vorgefallen, was Izzys Vater dazu veranlasst hatte, den »unheimlichen« Lord Wakefield zu einer Heirat mit ihr zu drängen. Izzys Papa hatte sogar eine Sondergenehmigung erwirken können, beziehungsweise sollte das Izzys Stiefmutter in die Wege geleitet haben. Die Hochzeit war schon in einer Woche!
Arme Izzy. Sie war völlig durch den Wind. Und gerade jetzt musste sie, Penny, wegfahren. Ihre Freundin brauchte sie wahrscheinlich dringender denn je. Doch Izzy machte ihr keinerlei Vorwürfe. Ja, es schien gerade so, als hätte sie sich mit dem Gedanken, ebenfalls eine Ehefrau zu werden, arrangiert. Hoffentlich behandelte Lord Wakefield sie gut. Der Mann war ihr ein wenig unheimlich.
Penny hatte ihr einen emotionalen Brief geschrieben, den Mama Izzy nächste Woche an ihrem Hochzeitstag überreichen würde. Ihre beste Freundin sollte etwas Persönliches von ihr bekommen, wenn sie schon nicht selbst dabei sein konnte.
»Ach …« Penny seufzte. »Ich wünschte, ich könnte Izzy beistehen.«
Trish zupfte an ihrer Frisur, um alle Blüten in die perfekte Position zu rücken. »Sie können ihr ja jeden Tag aus Paris einen Brief schreiben, Miss, da wird sie sich bestimmt freuen.«
»Freust du dich auch schon auf Paris, Trish?« Penny musste unbedingt ein bisschen Konversation betreiben, um sich abzulenken.
»Paris soll großartig sein«, bemerkte ihre Zofe strahlend, bevor ihr Lächeln erstarrte. »Nur vor der Überfahrt mit der Fähre graut mir schrecklich. Ich bin nicht für die See geschaffen.«
»Es ist ja nur ein kurzes Stück«, erklärte ihr Penny. »Für gewöhnlich braucht ein Dampfschiff gerade einmal zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten für die Strecke von Dover nach Calais. Außer, mein Verlobter hat uns eine Passage für die Dampfer Dasher oder Arrow gebucht. Die beiden Schiffe sollen die Überfahrt noch schneller schaffen.«
»Arrow – Pfeil. Das klingt gut.« Trish hörte sich erleichtert an. »Was Sie immer alles wissen, Miss.«
»Ich habe alles verschlungen, was ich über die Reise auftreiben konnte, und sehe mir die Route nach Paris fast jeden Tag auf der Landkarte an.« Ihr graute eher ein bisschen vor der langen Kutschfahrt. Aber Ashton würde bei ihr sein und sie würden sehr viel Zeit zu zweit verbringen. Nicht mehr lange und sie war Penelope Courtenay, Lady Lexington.
Herrje, sie würde hier ausziehen und musste Mama und Papa auf Wiedersehen sagen! Einige ihrer Sachen waren längst gepackt und zu Ashtons Landgut in Nottinghamshire geschickt worden, wo sie sich nach ihrer Hochzeitsreise aufhalten würden, bevor es zur neuen Saison nach London ging. Ihr Gepäck für Paris stand ebenfalls bereit.
Auch wenn sie ihre Eltern, ihr Heim und auch Izzy schrecklich vermissen würde, freute sie sich auf ihr neues Leben an Ashtons Seite.
Ob er sich schon in der Familienkapelle befand? Am liebsten wollte sie zum Fenster laufen und hinaussehen, ob sie ihn irgendwo erspähen konnte.
Damit er sie vor der Trauung nicht zu Gesicht bekam, hatte er mit seinen Bediensteten, die mit nach Paris fahren würden, in einem Gasthaus in Rochester übernachtet. Penny konnte kaum erwarten, ihn wiederzusehen.
Es klopfte, und ihre Mutter trat ins Zimmer, woraufhin Trish einen Knicks machte und zur Seite ging.
»Du siehst zauberhaft aus, Penelope.« Mama stellte sich hinter den Stuhl, legte ihr die Hände auf die Schultern und blickte Penny über den Spiegel in die Augen. »Es wird Zeit. Bist du fertig?«
»Ich bin bereit.« Als sie sich erhob, zitterten ihre Knie, und sie hakte sich sofort bei ihrer Mutter ein.
»Papa wartet in der Halle auf dich«, erklärte diese ihr, als sie ihr Zimmer verließen. Er würde sie zur Kapelle und an Ashtons Seite führen.
Pennys Beine wollten sie kaum tragen, als sie die große Treppe hinunter schritt. Zum Glück half Mama ihr mit der Schleppe.
Am Fuße der Stufen stand ihr Vater. Er hatte einen dunkelgrünen Frack an, der farblich perfekt mit ihrem Kleid harmonierte, während sich ihre Mutter für einen Fliederton entschieden hatte. Dieselbe Farbe würden auch die Brautjungfern tragen.
Mama übergab sie ihm, und sie hakte sich sofort bei Papa unter, aus Furcht, vor Aufregung jeden Moment zusammenzubrechen, denn die Glocken der Kapelle, die sich in der großen Gartenanlage befand, läuteten bereits! Das bedeutete, dass sich die Gäste nun in der Kapelle einfinden würden.
Papas Augen glitzerten verdächtig, als er mit leicht rauer Stimme sagte: »Obwohl ich mich wahnsinnig freue, bin ich auch traurig, dass ich mein Mädchen verliere.«
»Ach, lieber Papa.« Penny schenkte ihm eine innige Umarmung. »Ich bin ja nicht aus der Welt. Ich werde euch regelmäßig schreiben, versprochen, und sobald die Saison in London beginnt, sehen wir uns wieder. Außerdem hast du immer noch Andrew und George.«
Mama riss alarmiert die Augen auf. »Wo stecken diese Strolche schon wieder? Ich hoffe, sie befinden sich bereits in der Kapelle!« Mit diesen Worten stürmte sie zur Tür hinaus, während sich Penny und ihr Vater schmunzelnd anblickten.
Andrew war extra vom College nach Hause gekommen, um der Hochzeit beiwohnen zu können, und hatte nichts anderes im Sinn, als mit seinem kleinen Bruder Unfug anzustellen. Andrew würde wohl nie erwachsen werden. Penny würde die beiden Kindsköpfe schrecklich vermissen.
Während sie mit ihrem Vater durch die Halle ging, lief Trish hinter ihr her und trug die Schleppe – die eigentlich Andrew halten sollte.
Penny versuchte, alles aufzusaugen, um sich später an jedes Detail ihrer Hochzeit zu erinnern. Doch sie bezweifelte, ob ihr überhaupt etwas in Erinnerung bleiben würde, denn vor ihren Augen drehte sich die ganze Welt.
Das Haus war festlich dekoriert worden, überall verteilten sich herrliche Blumenbouquets in der Farbe ihres Hochzeitskleides. Sie schritten durch den Hauptsalon auf die breite, mit Girlanden geschmückte Terrasse, die sich fast über die gesamte Rückseite des Gebäudes zog. Das prächtige Landgut aus gelbem Sandstein war auf einem niedrigen Hügel erbaut worden und von Rosengärten umgeben. Selbst zu dieser Jahreszeit leuchteten immer noch ein paar gelbe, violette und rote Blüten in der milden Novembersonne.
Die Gäste machten ihnen Platz und nickten oder winkten ihnen lächelnd zu. Unter riesigen Pavillons tummelten sich viele Adlige aus London sowie die halbe Nachbarschaft. Es wurde geredet, gelacht und getrunken, außerdem wurden jede Menge Häppchen verspeist. Die Angestellten schienen kaum hinterherzukommen, die Gläser und Platten neu zu füllen.
Über Stufen ging es hinunter zu einer großen Wiese, auf der ein mächtiger Springbrunnen sprudelte. Als Kinder hatten sie alle öfter darin gebadet, auch Izzy. Andrew und George hatten noch im September die Beine ins Wasser baumeln lassen.
Neben dem Brunnen wand sich ein Weg einen zweiten Hügel hinauf zur kleinen Familienkapelle. Dort oben würde Ashton sie erwarten. Pennys Beine zitterten immer mehr, je näher sie ihm kam.
Die Glocken läuteten noch, und der Strom der Gäste schloss sich ihnen an. Nicht alle fanden Platz in der kleinen Kapelle, nur die Familie, engsten Verwandten und besten Freunde. Alle anderen mussten der Zeremonie von draußen lauschen.
Penny hielt nach Izzy Ausschau, sah sie aber nirgendwo. Dafür entdeckte sie deren Stiefmutter Rowena, die ein grelles orangefarbenes Kleid trug und mit ihrem Babybauch aussah wie eine Orange. Izzys Vater ging neben ihr. Er hatte einen edlen dunkelgrünen Frack an.
»Andrew! George!«, hörte Penny ihre Mutter schimpfen, und die beiden Rabauken liefen hinter der Kapelle hervor.
Wie es für jüngere Geschwister der Braut vorgesehen war, sollte George Blumen streuen; Andrew musste Pennys Schleppe tragen. Das passte ihm – seinem empörten Gesichtsausdruck nach zu urteilen – ganz und gar nicht und war ihm sicherlich schrecklich peinlich, schließlich wurde er bald sechzehn. Doch Penny freute sich riesig, dass ihre beiden Brüder anwesend waren und ihr den Gefallen taten. Aber was hatten die zwei zuvor getrieben? Ihr schwarzes Haar war völlig durcheinander und ihre Wangen gerötet. Es war ein Wunder, dass ihre Mutter nicht die Contenance verlor. Stattdessen liefen ihr unentwegt Freudentränen über die Wangen.
Ach, wie sehr würde sie Mama vermissen!
Als Penny mit ihrem Papa die Kapelle betrat und die Musiker zu spielen begannen, traf ihr Blick unweigerlich auf Ashton, der am Altar neben dem Pfarrer auf sie wartete und sie breit angrinste. Sofort hüpfte ihr Herz wie verrückt. Er trug einen schwarzen Anzug und cremefarbene Handschuhe, schließlich war schwarze Kleidung an diesem Tag allein dem Bräutigam vorbehalten, damit niemand dem Brautpaar die Schau stahl. Er hatte nie besser ausgesehen.
Izzy war außerdem hier! Sie saß fast ganz vorne. Dort hatte Penny ihr einen Platz reserviert. Sie trug ein hellblaues Seidenkleid mit kleinen Puffärmeln und sah bezaubernd darin aus. Lord Wakefield befand sich bei ihr und schien nur Augen für Izzy zu haben.
Während Penny an ihr vorbei schritt, schenkten sie sich beide ein breites Lächeln. Schlagartig fühlte sie sich weniger nervös.
Kaum erreichte Penny den Altar – wobei Andrew einmal so fest an der Schleppe zog, dass sie beinahe nach hinten kippte –, übergab Papa sie an Ashton. Von nun an existierte für sie nur noch ihr Liebster, sodass sie von der Zeremonie kaum etwas mitbekam.
Welch Glück sie doch hatte, einen solch ansehnlichen und wohlhabenden Ehemann abzubekommen. Und aufrichtige Gefühle schien er außerdem für sie zu haben. Das hier war der schönste Tag ihres Lebens!
Ihr strapaziertes Herz überschlug sich beinahe, während der Pfarrer ihn fragte: »Ashton Seymour Courtenay, fünfter Earl of Lexington, wollen Sie diese Frau zu Ihrer Ehefrau nehmen, um nach Gottes Verordnung im heiligen Stand der Ehe zusammenzuleben? Wollen Sie sie lieben, trösten, ehren und in Krankheit sowie Gesundheit zu ihr stehen?«
Als er antwortete: »Ich will«, und sie erneut schelmisch angrinste, fiel Penny beinahe in Ohnmacht vor Überwältigung.
»Penelope Elisabeth Clearwater«, fuhr der Pfarrer fort, sodass sie sich schnell sammelte, um nicht wirklich noch umzukippen. Schließlich wollte sie unbedingt Ashs Frau werden. »Wollen Sie diesen Mann zu Ihrem Ehemann nehmen, um nach Gottes Verordnung im heiligen Stand der Ehe zusammenzuleben? Wollen Sie ihm gehorchen und ihm dienen, ihn lieben, ehren …«
»Ich will!«, stieß sie so vehement hervor, dass sie glaubte, Ashton glucksen und ein paar Gäste leise lachen zu hören, obwohl Mamas freudige Schluchzer unentwegt durch die Kapelle hallten und alles übertönten.
Gelübde wurden rezitiert und wiederholt, wobei sie sich erneut konzentrieren musste. Sie versuchte, nicht zu grinsen, sondern ein neutrales Gesicht aufzusetzen, bis schließlich ihr Ehering gesegnet wurde. Da hielt sie nichts mehr. Sie lächelte Ashton offen an, während er ihre rechte Hand nahm und mit fester Stimme sagte: »Mit diesem Ring heirate ich dich, mit meinem Leib werde ich dich verehren und dich mit all meinen weltlichen Gütern ausrüsten.«
Als er ihr den goldenen Ring ansteckte, war er die Ruhe selbst, während sie am ganzen Körper bebte. Ihre Hand zitterte auch ganz schrecklich, als sie nur wenig später im Kirchenbuch zum letzten Mal mit ihrem Mädchennamen unterschrieb. Von nun an würde sie Lady Lexington sein, jetzt war es besiegelt. Fortan bestimmte Ashton über ihr Leben. Sie fühlte sich bei ihm aufgehoben und beschützt. Er war der Richtige.
Die Gäste warfen bunte Blütenblätter, als Penny an Ashtons Arm nach draußen in den strahlenden Sonnenschein trat. Der Pulk folgte ihnen nach unten zur Terrasse des Herrenhauses, auf der sich ein Tisch an den anderen reihte. Papa hatte gleich mehrere Köche angestellt, damit die Besucher mit den verschiedensten, exotischsten und wohlschmeckendsten Köstlichkeiten versorgt wurden.
Penny saß an Ashtons Seite am Kopf der Tafel und versuchte, etwas zu essen, schließlich lag eine lange Reise vor ihr. Doch sie war immer noch sehr aufgewühlt und strahlte mit der Sonne um die Wette. Zum Glück redete er die meiste Zeit mit ihrem Vater, denn sie wusste vor Aufregung gar nicht, worüber sie mit ihm – ihrem Mann! – nun sprechen sollte.
Leider saß Izzy so weit weg, dass sie sich nicht mit ihr unterhalten konnte. Bald würde Penny ihre beste Freundin für eine kleine Unendlichkeit nicht mehr sehen. Deshalb entschuldigte sie sich bei Ashton und gab vor, sich die Nase pudern zu müssen, winkte Izzy, schlüpfte ins Haus und schloss sich mit ihr in einem leeren Salon ein.
»Endlich haben wir ein paar Minuten für uns.« Penny umarmte ihre Freundin fest. »Wie fandest du die Zeremonie?«
»Traumhaft«, murmelte diese in ihr Haar. »Ihr beide seid das schönste Brautpaar auf Erden. Du bist jetzt eine Ehefrau!«
»Oh, Izzy, ich bin so schrecklich aufgeregt. In weniger als einer Stunde muss ich mich von allen verabschieden und reise mit Ashton nach Paris. Kannst du dir das vorstellen?«
»Alles verändert sich«, sagte Izzy bedrückt.
Als sie sich lösten, legte ihr Penny eine Hand an die Wange. »Ach, Süße, es wird bestimmt nicht so schrecklich werden mit deinem Henry. Du magst ihn doch?«
»Ja schon, aber …« Izzy wirkte geknickt, und Penny wünschte, sie hätten noch etwas mehr Zeit zusammen.
Plötzlich lächelte ihre Freundin und drückte ihr ein Päckchen in die Hand. »Ich habe eine Kleinigkeit für dich. Damit du mich nie vergisst.«
Penny blinzelte sich eine Träne aus dem Auge. »Ich werde dich niemals vergessen, Izzy. Du bist doch wie eine Schwester für mich.« Schnell machte sie die Schachtel auf und zog eine Kette mit einem silbernen Herzanhänger heraus. Als sie das Medaillon öffnete, keuchte sie überrascht auf, denn darin fand sie zwei selbst gezeichnete Portraits, die Izzy und sie zeigten. »Oh, es ist wunderschön. Vielen Dank! Ich weiß, wie viel Mühe es dich gekostet haben muss, für ein paar Stunden still zu sitzen und zu zeichnen.«
Izzy grinste schief. »Für meine beste Freundin würde ich sogar über glühende Kohlen gehen.«
»Ach … du.« Penny drehte ihr überwältigt von ihren Gefühlen den Rücken zu, bevor sie noch in Tränen ausbrach. »Machst du es mir bitte gleich um?«
»Natürlich«, raunte Izzy, die anscheinend selbst mit den Tränen kämpfte, und murmelte erstickt: »Versprich mir, jede Woche zu schreiben«, während sie Penny die Kette anlegte.
»Du weißt doch, dass ich das tun werde. Den ersten Brief setze ich sofort auf, sobald ich in Paris angekommen bin.« Penny wandte sich um und lächelte sie aufmunternd an. »Im Gegenzug will ich genau wissen, wie es mit Henry und dir weitergeht. Bald bist auch du eine Ehefrau, ist das zu fassen!«
Innerhalb eines Jahres änderte sich das Leben für sie beide schlagartig. Das Schicksal schmiedete oft die verrücktesten Pläne.
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