Kitabı oku: «Ein glücklicher Mensch»
Die Übersetzung des Buches wurde von „Books from Lithuania“ mit Mitteln des Kulturministeriums der Republik Litauen gefördert.

Ein
glücklicher
Mensch
MÄRCHEN AUS LITAUEN
Ausgewählt und ins Deutsche übertragen von Irena Ülkekul
Mit Illustrationen von Lara Ülkekul
mitteldeutscher verlag
Litauische Märchen
für Klein und vor allem für Groß
… so wie ich sie weitererzählt habe.
WIE EIN ARMER ZU WOHLSTAND KAM
Es lebte einmal ein Mann, der war so arm, dass er überhaupt nichts besaß. Einmal zog er die letzten Kleider an, die er noch finden konnte, und ging in die Welt hinaus. Sobald er jemandem begegnete, fragte er:
„Warum habe ich nichts?“
„Hast du Arbeit?“
„Nein, ich habe keine.“
„Wenn du keine Arbeit hast“, sagte ein Mann zu ihm, „woher sollst du dann etwas haben?!“
Der Arme ging weiter und erkundigte sich bei jedem Menschen, dem er begegnete, warum er nichts habe. So kam er in eine Stadt und sah einen Garten. Dort gingen der König und die Königin spazieren. Der arme Mann ging zum König und fragte ihn, warum er nichts habe.
„Kannst du lesen und schreiben oder beherrschst du ein Handwerk?“, fragte der König.
„Nein, ich kann weder lesen noch schreiben und ich beherrsche kein Handwerk.“
„Woher solltest du dann etwas haben, wenn du nichts kannst?!“ Der Arme ging weiter und sah an der Tür des Schlosses die Königstochter sitzen. Er ging zu ihr und fragte sie, warum er nichts habe.
„Bist du schon verheiratet?“
„Nein, noch nicht.“
„Hol dir eine Frau, dann wirst du etwas bekommen“, antwortete die Königstochter. Der Arme lächelte nur und ging weiter. Der König sah, wie der Arme lachte, und war sehr gespannt, was ihm seine Tochter gesagt hatte.
„Was hat dich dieser Mann gefragt?“, wollte er wissen. „Er fragte mich, warum er nichts habe.“
„Und was hast du ihm geantwortet?“
„Das sage ich nicht.“
„Sag es auf der Stelle!“
„Ich sage es nicht.“
Der König drang in sie mit allen möglichen Mitteln, aber es gelang ihm nicht, seine Tochter zu einer Antwort zu bewegen. Dann ließ er den Mann ausfindig machen. Der Arme wurde gesucht, gefunden und zum König gebracht. Der König fragte ihn:
„Was hast du die Prinzessin gefragt?“
„Ich habe sie gefragt, warum ich nichts habe.“
„Und was hat sie dir geantwortet?“

„Hol dir eine Frau, dann wirst du etwas haben.“
Der König wurde sehr zornig über seine Tochter.
„Was heißt denn, hol dir eine Frau“, rief er. „Er ist noch nicht verheiratet und lebt so arm, und was ist, wenn er heiratet und Kinder bekommt? Wie kannst du ihm so einen Ratschlag geben?! Wie kannst du nur? Habe ich dich nicht gut genug erzogen? Hast du keine gute Ausbildung gehabt? Wenn du ihm so einen Ratschlag gegeben hast, dann geh und lebe mit ihm!“
So jagte der König seine Tochter zusammen mit diesem armen Mann aus der Stadt. Die beiden gingen in eine andere Stadt.
Die Königstochter sagte eines Tages zu dem Armen:
„Ich ziehe mich um, und du bringst meine königlichen Kleider dem Kaufmann, bei dem mein Vater Waren holt, und verkaufst sie für so und so viel Taler. Und wenn der Kaufmann fragt, wessen Kleider das sind, sagst du, dass sie deiner Frau gehören.“
Der Arme brachte die Kleider zum Kaufmann, nannte ihm den Preis, und der Kaufmann fragte ihn, woher er diese Kleider habe.
„Sie sind von meiner Frau“, entgegnete der Mann.
„Du hast sie gestohlen!“, beschuldigte ihn der Kaufmann.
„Sie gehören meiner Frau“, wiederholte der Arme.
Der Kaufmann wurde zornig, holte die Wächter und ließ den Mann festnehmen.
„Woher hast du diese Kleider bekommen?“, fragten ihn die Wächter.
„Sie gehören meiner Frau.“
„Wenn sie deiner Frau gehören“, sagte der Kaufmann, „dann werde ich dir mein ganzes Hab und Gut geben.“
Der Arme wurde festgenommen, und der Kaufmann unterschrieb die Zusicherung, dass er sein ganzes Hab und Gut abgeben würde, wenn diese Kleider wirklich dessen Frau gehören sollten.
„Und wo ist deine Frau?“, fragten die Wächter.
„Sie wartet draußen vor der Stadt, bis ich zurückkomme.“
Er führte die Wächter zur Königstochter. Als sie sie sahen, erkannten sie alle sofort. Da sagte die Königstochter:
„Warum quälen sie diesen Menschen nur so? Das ist mein Mann.“
Da ließ der Kaufmann den Kopf hängen und musste dem Armen sein ganzes Hab und Gut abgeben.
So zog der Arme mit der Königstochter in das Haus des Kaufmanns ein. Es mangelte ihnen hier an nichts. Nur die Kleidung passte dem Armen nicht, weil er viel zu dünn war. Und sie brauchten noch etwas Geld.
Die Königstochter webte eine Schärpe, bestickte sie mit Edelsteinen und schickte den Armen in die Stadt, um sie zu verkaufen. Der Arme band die Schärpe an eine Stange und ging so durch die Stadt. Und in dieser Stadt hatte nur ein Kaufmann ähnliche Schärpen. Er sah den Mann an und fragte, woher er diese Schärpe habe.
„Sie ist von meiner Frau.“
„Gib zu, dass du sie gestohlen hast.“
„Sie gehört meiner Frau“, wiederholte der Arme.
Inzwischen gesellten sich noch weitere Kaufleute zu ihnen. Und da ein Kaufmann den anderen immer in Schutz nimmt, behaupteten alle einvernehmlich, dass die Schärpe gestohlen wäre. Und der Arme konnte nur noch wiederholen, dass sie seiner Frau gehöre.
Dann brachte jeder Kaufmann zweitausend Taler und die Kaufleute sagten:
„Wenn diese Schärpe deiner Frau gehört, dann gehört dieses Geld dir!“

Und als der Arme die Kaufleute zu der Königstochter brachte, tadelte diese die Kaufleute, warum sie ihren Mann belästigen.
Die Kaufleute gaben dem Armen ehrerbietig das gesammelte Geld und zogen mit hängenden Köpfen nach Hause.
Jetzt hatten der Arme und die Königstochter von allem genug: sowohl vom Geld als auch von anderen Gütern – und beide lebten glücklich zusammen.
Einige Zeit später schickte der König seine Diener in das Haus seines Stammkaufmanns, damit dieser ihm bestimmte Waren verkaufe.
„Der König selbst soll kommen“, sagte die Königstochter. „Sonst können wir keine Ware ausgeben.“ Die Diener kehrten zurück und sagten, dass es so und so wäre, dass der Kaufmann sich weigere, die Ware herauszugeben, und der König persönlich kommen solle.
„Wie bitte? Der König soll persönlich kommen?“, wiederholte der König die Worte seiner Diener.
„Gut, spannt die Pferde an!“
Die Diener spannten die Pferde an, und der König fuhr los. Die Königstochter wusste, dass der König sehr wütend sein würde, und zog sich eiserne Kleider unter die ihrigen. Der König kam, sprang aus dem Wagen und stürzte mit dem Schwert auf seine Tochter zu. Aber das Schwert prallte zurück. Erst dann besann sich der König und erkannte seine Tochter. Er konnte es nicht fassen.
„Wie kommst du denn hierher?“, fragte er.
Die Tochter erzählte ihrem Vater, wie alles war, und der König war stolz über die Weisheit, das Selbstbewusstsein und die Selbstständigkeit seiner Tochter. Er vererbte den beiden sein halbes Königreich und noch am gleichen Abend sollte die Hochzeit stattfinden. Auf dieser Hochzeit bin ich auch gewesen, habe am Ohr des Brautwerbers gesessen und auf das Brautpaar geschaut. Und was ich hörte, schrieb ich hier Wort für Wort auf.
GERECHT GETEILT
In einem Dorf lebten einmal zwei Brüder, von denen der eine wohlhabend, der andere fast mittellos war. Der Speicher des wohlhabenden Bruders war mit allerlei Gütern gefüllt und der Arme hatte ein Dutzend hungrige Kinder und einen Hahn im Hof. Eines Tages hatte der Arme gar nichts mehr, was er seinen Kindern zum Essen geben konnte. So saß er da auf seiner Lieblingsbank, überlegte sich lange, wie er seine Familie ernähren könnte, bis ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss:
„Liebes“, sagte er zu seiner Frau, „brate unseren Hahn.“
Seine Frau machte sich gleich an die Arbeit. Sie stellte den gebratenen Hahn auf den Tisch, aber das Brot und die Beilagen fehlten. Dann sagte der Arme:
„Ich bringe diesen Hahn dem reichen Nachbarn. Vielleicht kriege ich dafür einen Sack Mehl, und wir können uns Brot zum Sattessen backen.“
Gesagt, getan. Der Mann ging zum Herrn und sagte:
„Ich habe dir einen gebratenen Hahn mitgebracht. Fühle dich geehrt, nimm meine bescheidene Gabe entgegen und benachteilige den Armen nicht. Gib mir etwas Mehl ab. Ich habe nichts für meine Kinder zum Essen.“
„Gut“, sagte der Herr. „Wenn du imstande bist, mir einen Hahn zu schenken, dann zeig mir, wie du ihn aufteilen kannst. Wenn du ihn gerecht aufteilst, kriegst du von mir einen Wagen voller Güter, wenn nicht, musst du für mich drei volle Tage arbeiten.“
Die Familie des Herrn bestand aus sechs Personen: er und seine Frau, zwei Töchter und zwei Söhne. Der Mann bat um ein Messer und nahm sich des Hahnes an. Zuerst schnitt er den Kopf des Hahnes ab und sagte zu dem Herrn:
„Du bist der Kopf der Familie, dir gehört der Kopf des Hahnes.“
Dann schnitt er den Sterz ab, gab ihn der Ehefrau und sagte: „Du sitzt zu Hause, deine Aufgabe ist es, das Haus zu hegen, nimm den Sterz des Hahnes.“
Dann schnitt er die Beine ab und gab sie den Söhnen des Herrn:
„Ihr lauft auf den Wegen eures Vaters, deshalb sollt ihr jeweils ein Beinchen bekommen.“
Und den Töchtern gab er je einen Flügel mit den Worten:
„Ihr werdet bald groß sein, und als hübsche Bräute werdet Ihr das Nest eurer Eltern verlassen und ein eigenes Zuhause finden.“
So aufgeteilt, steckte er den Rest des Hahnes in seinen Korb zurück.
„Und für mich Armen bleibt das, was der Herr übrig lässt.“
Der reiche Herr lächelte zufrieden und sagte:
„Du gefällst mir. Du hast den Hahn für alle gerecht aufgeteilt und vor allem dich selbst nicht benachteiligt.“
Der reiche Mann ließ einen Wagen voll mit allen möglichen Gütern packen und verabschiedete den armen Mann bis hinter das Tor.
Der wohlhabende Bruder erfuhr davon und wurde neidisch.
„Schau dir nur mal an, was mein Bruder alles für einen abgezupften Hahn bekommen hat. Und wenn ich fünf meiner allerfettesten Hähne brate, bekomme ich fünf Wagen voller Güter.“
Gedacht, getan. Er briet die fünf allerfettesten Hähne, brachte sie dem reichen Herrn und sagte:
„Eure Durchlaucht, nehmt als Gabe Eures Dieners diese fünf Hähne!“
„Danke, danke, lieber Nachbar. Wenn du imstande bist, mir diese Hähne zu schenken, dann zeig mir, wie du sie uns allen gerecht aufteilen kannst. Wenn du sie gerecht aufteilst, lasse ich dich reichlich beschenken, wenn nicht, musst du für mich drei volle Tage hart arbeiten.“
Der wohlhabende Bruder stand da, überlegte hin und her, aber wie man fünf Hähne auf sechs Leute aufteilt, wusste er nicht.
Dann rief der reiche Mann den Armen zu sich und fragte ihn, ob er diese fünf Hähne gerecht aufteilen könne.
„Warum denn nicht?“, antwortete der arme Mann.
Er gab den einen Hahn dem Hausherrn und der Hausfrau:
„Ihr habt immer eure Freude und euren Schmerz geteilt, jetzt könnt ihr euch auch den Hahn teilen.“

Den zweiten Hahn gab er den Söhnen:
„Ihr habt immer eure Aufgaben und euer Lob geteilt, jetzt könnt ihr euch auch den Hahn teilen.“
Den dritten Hahn gab er den Töchtern:
„Ihr habt immer euren Schmuck und eure Geheimnisse geteilt, jetzt könnt ihr euch auch den Hahn teilen.“
Die restlichen zwei Hähne nahm er an sich und sagte:
„Und für mich Armen bleibt das, was der Herr übrig lässt.
Und keiner fühlt sich benachteiligt.“
Der Hausherr lächelte über diese Aufteilung und sagte:
„Du hast vorzüglich geteilt. Das gefällt mir. Du hast weder dich selbst noch die anderen benachteiligt, weder alles gegeben noch alles behalten. Du hast die goldene Mitte getroffen. Ich möchte, dass du mein Berater wirst.“
Der reiche Herr ließ fünf Wagen voller Güter packen und verabschiedete den armen Mann würdevoll bis hinter das Tor. Und den wohlhabenden Bruder ließ er drei Tage hart arbeiten und ihn dann davongehen.
Seitdem musste der arme Mann mit seiner Frau und seinen Kindern nie mehr Hunger leiden und lebte glücklich und zufrieden.
EIN ALTER SOLDAT
Es war einmal ein alter Soldat, der wurde aus der Armee entlassen. Da er sich noch rüstig fühlte und auch keine Familie und kein Zuhause hatte, suchte er nach einer neuen Arbeit. Er suchte sehr lange, konnte aber nichts finden. Einmal begegnete er einer alten Frau und erzählte ihr von seinen Sorgen. Die Alte sagte zu ihm:
„Weit im Osten, in den öden Wüsten gibt es ein Glasschloss. In diesem Schloss lebt ein schwarzer Herr. Geh zu diesem Herrn und du bekommst eine Arbeit.“
Der Soldat befolgte den Rat der Alten und ging in den Osten, um nach dem schwarzen Herrn im Glasschloss zu suchen.
Am Abend legte er sich unter einen Apfelbaum. Der Apfelbaum raschelte mit seinen Blättern und fragte:
„Wohin gehst du durch diese öde Landschaft, guter Mensch?“
„Ich gehe zu dem schwarzen Herrn, der im Glasschloss lebt“, antwortete der Soldat.

„Ich habe gehört, dass dieser Herr sehr viel weiß. Kannst du ihn fragen, wann ich Früchte tragen werde. Gestern waren hier Männer und sagten, wenn ich nächstes Jahr immer noch keine Früchte trage, dann werden sie mich fällen.“
„Gut, ich frage ihn“, versprach der Soldat.
Am nächsten Morgen ging er weiter, bis der Weg an zwei riesigen Bergen endete. Er konnte sie weder passieren noch umgehen, so steil und riesig waren sie. Ratlos stand er davor und bat die Berge:
„Liebe Berge, seid doch so lieb und lasst mich durch.“
„Und wohin gehst du?“, fragten die Berge.
„Ich gehe zu dem schwarzen Herrn, der im Glasschloss lebt.“
„Wir haben gehört, dass dieser Herr sehr viel weiß. Kannst du ihn fragen, wie lange wir hier noch Wache halten müssen. Wir vermissen das Leben.“
„Gut, ich frage ihn“, versprach der Soldat.
Die Berge teilten sich und ließen einen schmalen Weg frei.
Der Soldat konnte ohne Weiteres durchgehen.
So ging er weiter und kam an einen Fluss.
Er schaute sich um: Es gab weder eine Brücke noch ein Boot, um den Fluss zu passieren. Er lief hin und her, fand aber keine Möglichkeit. So wandte er sich dem Fluss zu und bat ihn:
„Lieber Fluss, sei doch so lieb und bring mich ans andere Ufer.“
„Und wohin gehst du?“, fragte der Fluss.
„Ich gehe zu dem schwarzen Herrn, der im Glasschloss lebt.“
„Ich habe gehört, dass dieser Herr sehr viel weiß. Versprich mir aber, dass du diesen Herrn fragst, warum weder Fische noch andere Tiere in meinem Wasser leben.“

„Gut, ich frage ihn“, versprach der Soldat.
„Dann stell dich auf meine Wellen und ich bringe dich rüber.“
Der Soldat stellte sich auf die Wellen, und der Fluss brachte ihn ans andere Ufer, so dass er sogar trocken blieb.
Der Soldat sah schon von Weitem ein funkelndes Glasschloss. Er erreichte es noch vor Sonnenuntergang. Es war außergewöhnlich schön und von der untergehenden Sonne beleuchtet, funkelte es in allen erdenklichen Farben. Der Diener ließ den Soldaten in das Schloss herein. Kaum war er bei dem schwarzen Herrn, da sagte dieser zu ihm:
„Ich weiß, du suchst eine Stelle. Die kannst du für ein Jahr haben, wenn du gute Dienste leistest.“
„Darauf könnt ihr euch verlassen“, antwortete der Soldat. „Ich habe in der Armee gedient und während der ganzen Dienstzeit habe ich keine Rüge bekommen. Und ich habe dort lange gedient, bis ich alt wurde. Ihr könnt sicher sein, dass ich den Wünschen des Herrn gerecht werde.“
Dann sagte der Herr zu seinem Diener:
„Gib diesem Mann genug zu essen, bring ihn in sein Zimmer und gib ihm weiches Bettzeug. Ab morgen früh soll er Schafe weiden.“
Am nächsten Morgen gab der Diener dem Soldaten eine Peitsche und eine Hirtenflöte und sagte:
„Wenn du mit der Peitsche klitschst, werden sich die Schafe auf der Wiese verteilen, und wenn du mit der Hirtenflöte bläst, kommen sie alle wieder zusammen. Du musst nur aufpassen, dass die Wölfe keinen Schaden anrichten.“
So begann der Soldat, die Schafe zu weiden. Er weidete sie gut. Es war ein Jahr vergangen: Alle Schafe waren heil und gesund, und der Soldat ließ keinen Wolf an die Herde heran.
Am letzten Tag des Dienstjahres ließ der Herr den Soldaten zu sich kommen und sagte zu ihm:
„Du hast gut gedient, jetzt darfst du um alles bitten, was du möchtest.“
„Mein bester Verdienst ist, dass ich diese Arbeit hatte. Es war mir eine Freude. Ich möchte nur drei Fragen stellen, damit ich meine Versprechen halten kann, die ich dem Fluss, den zwei Bergen und dem Apfelbaum für ihre Hilfe gegeben habe.“
„Das ist gut, dass du fragst, was du nicht weißt. Wer fragt, irrt sich nicht. Außerdem soll man seine Versprechen halten. Sie sind wie Schulden, man muss sie einlösen“, antwortete der Herr.
Dann stellte der Soldat die Fragen:
„Der Fluss hat mich auf seinen Wellen trocken ans andere Ufer gebracht, die Berge haben sich geöffnet und mich durchgelassen und der Apfelbaum hat mir eine sichere Übernachtung gewährt. Dafür haben sie mich gebeten zu erfahren, warum keine Lebewesen im Fluss leben, wie lange noch die Berge Wache halten müssen und warum der Apfelbaum keine Früchte trägt.“
Der Herr antwortete:
„Im Fluss werden sich Fische und andere Wassertiere vermehren, wenn der Fluss das erste lebende Opfer bekommt. Die Berge beenden ihre Wache, wenn sie wenigstens einen Menschen verschlucken, und der Apfelbaum wird Früchte tragen, wenn jemand das Gold unter seinen Wurzeln ausgräbt. Das sind die Antworten, die du weitergeben kannst. Ich möchte dir nur noch einen Ratschlag als Belohnung für deinen Dienst geben: Sei klug, wenn du ihnen dies erzählst, geh umsichtig damit um.“
Der Soldat bedankte sich und ging denselben Weg zurück. Zuerst kam er zum Fluss. Der Fluss rief schon von Weitem: „Hast du den schwarzen Herrn gefragt, warum sich keine Lebewesen in meinem Wasser vermehren?“
„Ja, ich habe gefragt“, antwortete der Soldat.
„Und was hat er dir geantwortet?“, fragte weiter der Fluss.
„Bring mich ans andere Ufer, dann sage ich es dir.“
Der Fluss brachte ihn ans andere Ufer. Der Soldat kletterte auf die höchste Böschung und sagte:
„In deinem Wasser werden sich Lebewesen vermehren, wenn du einen Menschen mit deinen Wellen verschlingst.“
Mit diesen Worten setzten sich die Wellen in Bewegung, das Wasser stieg mit breiten furchterregenden Wirbeln hoch, wogte und schäumte und trat über die Ufer, aber es konnte den Soldaten nicht mehr erreichen und ihm nichts antun. Dann kam der Soldat zu den Bergen, und diese riefen schon von Weitem:

„Hast du den schwarzen Herrn gefragt, wie lange wir hier noch Wache halten müssen?“
„Ja, das habe ich getan“, antwortete der Soldat. „Und was hat er dir gesagt?“
„Lasst mich durch, dann sage ich es euch.“
Die Berge trennten sich und ließen den Soldaten durch.
Er ging ein gutes Stück weiter, dann sagte er zu den Bergen:
„Eure Wache wird zu Ende gehen, wenn ihr einen Menschen verschluckt.“
Die Berge polterten und rumpelten, dass die Erde um sie herum erbebte, aber sie konnten den Soldaten nicht mehr erreichen und ihm nichts Böses antun.
Dann kam der Soldat zu dem Apfelbaum und dieser rauschte schon von Weitem:
„Hast du den schwarzen Herrn gefragt, wann ich Früchte tragen werde?“
„Ja, das habe ich“, antwortete der Soldat.
„Und was hat er dir gesagt?“
„Unter dir liegt viel Gold begraben. Wenn jemand dieses Gold ausgräbt, wirst du Früchte tragen.“
„Lieber Mann, sei doch so lieb und grabe das Gold aus“, bat der Apfelbaum den Soldaten. „Du wirst reich sein und brauchst nicht mehr durch die Welt zu streifen und Not zu leiden.“
„Ich ziehe gerne durch die Welt, was soll ich mir noch diese Last aufbürden?“
„Lässt du dann zu, dass ich umkomme?“, fragte der Apfelbaum weinend.
„Das ist etwas anderes. Diesen Dienst kann ich dir gerne erweisen.“
Der Soldat fing an zu graben. Kaum hatte er zwei Fußbreit Erde ausgegraben, als aus dem Gebüsch drei Räuber heraussprangen. Sie stachen dem Soldaten die Augen aus, gruben das Gold aus und füllten es in Säcke, die so schwer waren, dass die Räuber sie kaum noch tragen konnten.
Der Soldat stöhnte unter dem Apfelbaum und wusste nicht, was er nun tun und wie er mit diesem Unglück umgehen sollte. Der Apfelbaum war traurig und sagte zu dem Soldaten:

„Du hast wegen mir so ein bitteres Leid erfahren. Ich kann dir leider gar nicht helfen, ich kann dir höchstens mit meinen Ästen Schatten spenden und dich vor der prallenden Sonne schützen, damit du den Schmerz und Hunger leichter ertragen kannst, bis du Erleichterung findest. Hör zu! Morgen in der Nacht kommen drei Vögel hierher. Sie kommen hier zusammen, um sich auszutauschen. Das tun sie einmal im Jahr und immer in derselben Nacht.
In der nächsten Nacht kamen in der Tat drei Vögel zu dem Apfelbaum geflogen und unterhielten sich. Der eine Vogel sagte:
„Ich war in einer Stadt im Osten, die in drei Tagen zu erreichen ist. Dort sind alle Quellen ausgetrocknet. Die Menschen leiden ohne Wasser große Not. Aber wenn jemand den Stein in der Mitte der Stadt wegschieben würde, wären die Wasserquellen wieder voll.“
Der andere Vogel erzählte:
„Weit weg von hier im Westen lebt ein Fürst. Seine Tochter ist sehr krank. Schon seit einem Jahr quält sie sich und kein Arzt konnte ihr bis jetzt helfen. Dabei ist es ganz einfach, sie zu heilen. Die Tochter des Fürsten hat sich einmal ihre Haare gekämmt und der Wind hat einige aufgegriffen und im Hof verteilt. Eine verzauberte Kröte hat sie gefunden und für ihr Nest am Tor genommen. Deshalb ist das Mädchen erkrankt. Wenn jemand dieser Kröte die Ehre erweist und sie streichelt, ohne sich zu fürchten, wird sie sich wieder in einen Menschen zurückverwandeln und ihr Nest wird verschwinden. Die Tochter des Fürsten wäre dann wieder gesund.“

Und der dritte Vogel sagte:
„Ich habe nicht so viel erfahren. Drei Räuber haben sich gestern unter diesem Apfelbaum viel Gold ausgegraben. Der eine Räuber hatte den Sack zu voll gefüllt. Beim Tragen zog er sich einen Bruch zu und starb unterwegs. Der zweite wurde von den Bergen verschluckt, und den dritten hat der Fluss verschlungen. Diese Übeltäter haben einem unschuldigen Menschen, der diesem Apfelbaum helfen wollte, Unrecht getan. Sie haben ihm die Augen ausgestochen und blind zurückgelassen. Wenn er hören würde, was wir reden, könnte er sein Augenlicht wiederfinden. Unter diesem Apfelbaum wächst ein Kraut. Wenn er mit diesem Kraut seine Augen einreiben würde, könnte er wieder alles sehen. So könnte er der Stadt, welche ohne Wasser geblieben ist, und dem Fürsten, dessen Tochter schwer krank ist, Hilfe leisten.“
Als die Vögel ihre Neuigkeiten ausgetauscht hatten, flogen sie weg. Der Apfelbaum rauschte sofort zu dem Soldaten: „Hast du gehört?“
„Ja, habe ich“, antwortete der Soldat und fing an, die Erde nach dem Heilkraut abzutasten.
Nach langem Suchen gelang es ihm, das richtige Heilkraut zu finden. Er rieb damit seine Augen ein und fand sein Augenlicht sofort wieder. Glücklich, dass er wieder sehen konnte, begab er sich sogleich in die Stadt ohne Wasser. Er ging zum Stadtverwalter und sagte:
„Ich habe gehört, dass die Stadt kein Wasser hat. Lass den Stein auf dem Marktplatz wegrollen, dann gibt es wieder Wasser.“ Der Stein wurde weggerollt und das Wasser füllte alle Quellen und Brunnen der Stadt voll.
Der Stadtverwalter sagte zu dem Soldaten:
„Du hast uns eine sehr gute Tat erwiesen. Du darfst dir eine Belohnung aussuchen. Du kannst dir dafür Geld, einen Gutshof oder noch etwas anderes wünschen.“
Der Soldat antwortete:
„Ich freue mich sehr, dass ich in der glücklichen Lage war, der Stadt und ihren Menschen zu helfen. Ich habe noch einen weiten Weg vor mir. Das Einzige, was ich wirklich gebrauchen kann, ist ein gutes Pferd.“
So bekam der Soldat ein Pferd und ritt weiter. Nach zwei Tagen erreichte er das Schloss des Fürsten, dessen Tochter krank war. Er heilte sie so, wie es der Vogel gesagt hatte. So befreite er nicht nur die junge Frau von der Krankheit, sondern auch die Kröte vom bösen Zauber.
Der Fürst war so erfreut, dass er dem Soldaten gleich anbot, seine Tochter zu heiraten. Der Soldat sagte allerdings:
„Danke, lieber Fürst. Mein Haar ist schon grau und deine Tochter ist noch sehr jung. Sie soll einen passenden Bräutigam finden. Nur aus Dankbarkeit soll man keine Ehe schließen.“
„Wie kann ich dich denn sonst für diesen teuren Dienst belohnen? Bleib wenigstens in meinem Schloss und lebe hier“, bot der Fürst an.
„Vielen Dank für dein gutes Herz. Ich möchte mich aber noch nicht zur Ruhe setzen. Ich bin noch voller Neugier, andere Länder, andere Menschen und Sitten kennenzulernen, und bin gespannt, was mich erwartet.“
So ging der Soldat weg. Wohin er ging und was mit ihm passierte, verschweigt dieses Märchen. Möglicherweise begegnen wir ihm in einem anderen.
EIN GLÜCKLICHER MENSCH
Es war einmal ein König. Er war dauernd krank und wurde mit der Zeit immer trauriger. Kein Medikament konnte ihm helfen, und kein Kraut war gegen seine Krankheit gewachsen. Da rief er einmal alle Ärzte und alle Weisen aus seinem Königreich zu sich und versprach demjenigen, der ihn heilen könnte, sein halbes Königreich. Die versammelten Ärzte und Weisen dachten lange nach; sie konnten aber noch nicht einmal feststellen, an welcher Krankheit ihr König litt und deshalb auch kein passendes Medikament finden. So grübelten sie weiter, bis einer von ihnen sagte:
„Man muss einen wirklich glücklichen Menschen finden und sein Hemd dem kranken König anziehen. Ihr werdet sehen, wie schnell er wieder gesund wird und wie viele glückliche Jahre er noch erleben wird.“

Der König freute sich, als er diese Worte hörte, und schickte ohne zu zögern seine Gesandten in die weite Welt hinaus, damit sie einen glücklichen Menschen für ihn ausfindig machten.
Die Gesandten wanderten von einem Königreich zum anderen, konnten jedoch keinen glücklichen Menschen finden.
Sie sprachen mit vielen Leuten und begegneten Menschen mit unterschiedlichen Schicksalen. Einer war so reich, dass er seinen Reichtum nicht einmal zählen konnte. Als sie ihn sahen, dachten sie, es gäbe keinen glücklicheren Menschen auf dieser Welt. Aber als sie ihn nach seinem Glück fragten, entgegnete er, wie unglücklich er sei. Er habe keine Kraft und sei völlig erschöpft. Als sie einen kräftigen Menschen trafen und ihn fragten, so antwortete der, er sei arm und würde in vielen Schwierigkeiten stecken. Der Vater einer großen Familie stöhnte, er habe zu wenig Brot für seine Kinder. Die kinderlosen Eltern äußerten ihre Sehnsucht nach wenigstens einem Kind. Alles war nicht so, wie es aussah. So kehrten die Gesandten zurück, ohne einen glücklichen Menschen und ohne ein Hemd ausfindig gemacht zu haben.

Als der König den Bericht seiner Gesandten hörte, wurde er noch trauriger und kränker. Keiner konnte ihm mehr helfen.
An einem späten Abend ging sein Sohn spazieren. Er war so traurig über den Bericht der Gesandten und die Krankheit seines Vaters, dass er nicht merkte, wie weit er gelaufen war. Ein einziger Gedanke beschäftigte ihn: Wie könnte er nur seinem Vater helfen! Als er an einer zerfallenen Hütte vorbeiging, hörte er plötzlich, wie ein Mann mit freudiger Stimme sagte:
„Ach, wie schön war mein heutiger Tag! Ich bin so glücklich. Ich habe alles geschafft. Mehr konnte ich nicht machen. Ich habe gegessen, getrunken und gehe jetzt getrost schlafen.“
Der Königssohn freute sich sehr, endlich einem glücklichen Menschen zu begegnen. Er ging hinein und bat den Mann um sein Hemd. Der Mann hörte aufmerksam zu und sagte dann nur: „Das ist doch mein einziges Hemd … Wie könnte ich es weggeben?“
Aber der Königssohn gab ihm so viel Gold, dass er sich ein neues Haus bauen konnte. Für das restliche Gold kaufte er sich eine gute Nähmaschine und feines Leinen, aus dem er dann mit Liebe für alle Bedürftigen bis jetzt Hemden näht, wenn er noch nicht gestorben ist.
ICH SELBST
In einem Fichtenwald kochte einmal ein Mann Teer, als plötzlich ein junger, einfältiger Teufel auftauchte.
„Hei, Menschenkind, wer hat dir erlaubt, Feuer in meinem Wald zu machen und diesen schwarzen Brei zu kochen? Der ganze Wald stinkt danach“, rief er aufgebracht.

„Nun, bist du ja ein Schlaukopf. Seit wann gehört denn dieser Wald dir? In diesen Wald gingen bereits mein Vater und mein Großvater ein und aus. Wald und Moor gehörte ihnen, und jetzt gehören sie mir. Verschwinde sofort, sonst stecke ich dich selbst in diesen Topf hinein.“
Der Mann betrachtete aufmerksam den wütenden Teufel, beschloss, diesem eine solche Lektion zu erteilen, dass er sich nie wieder hierher trauen würde, und sagte:
„Schon gut, schon gut! Ich gehe schon. Ich bereite nur meine Heilsalbe zu, dann bin ich weg. Denkst du, ich brauche deinen Wald und deinen Sumpf hier?“
„Heilsalbe? Und was ist das für eine?“, fragte der Teufel, neugierig geworden.
Es ist ja bekannt, dass Teufel allgemein sehr neugierig sind und in alles – ob das nun nötig ist oder nicht – ihre Nase stecken.
„Das ist keine einfache Salbe. Die gibt es nicht noch einmal auf der ganzen Welt. Wenn man sie in die Augen reibt, klärt sich der Blick und es gehen einem die Augen so weit auf, dass man sofort alles sehen und durchschauen kann.“
„Was? Meinst du, ich könnte sogar sehen, wie es meinen Vorfahren geht?“
„Gewiss! Alles um dich herum würde erleuchtet.“
„Nun, Menschenkind, so einfach kommst du mir nicht weg. Ich muss etwas von deiner Salbe haben. Schließlich kochst du sie in meinem Wald.“
„Kein Problem, ich kann dir etwas abgeben, aber nicht umsonst.“
„Und was willst du dafür haben?“, fragte der Teufel auf den Kochtopf starrend.
„Was kann ich schon von dir erwarten?! … Bring mir einen Sack Goldtaler und die Sache ist erledigt.“
„Gleich“, sagte der Teufel voller Vorfreude. „Sag mir nur, wie du heißt, damit ich erklären kann, für wen das Gold ist.“
Der Mann sagte, dass sein Name ‚Ich selbst‘ sei.

Im Nu drehte sich der Teufel um und verschwand im Moor.
Nach einer Weile tauchte er wieder mit einem Sack voller Goldtaler auf.
„Nimm“, sagte er. „Jetzt schmiere mir deine Heilsalbe in die Augen.“
„Soll ich auch das noch machen? Warte mal, langsam. Du kriegst deine Salbe“, sagte der Mann. „Ich muss dich nur dann an dieser Eiche festbinden.“
„Wozu das denn?“
„Damit du dich nicht bewegst und kein einziger Tropfen dieser kostbaren Salbe auf den Boden fällt.“
„Dann los“, zeigte sich der Teufel einverstanden, so sehr wollte er in den Genuss dieses Zaubermittels kommen.
Der Mann band den Teufel an der Eiche fest, schöpfte mit einer Kelle den kochend heißen Teer aus dem Topf und schüttete ihn über die Augen des Teufels, so dass sich im Nu der Geruch nach Verbranntem verbreitete. Der Teufel schrie vor Schmerz auf, sprang von der Stelle auf, zog die Eiche mit heraus und tauchte in den Sumpf ein. Nur Wasser- und Schlammspritzen stiegen in die Wolken hinauf. Er rannte stöhnend in die Höhle.
Die anderen Teufel versammelten sich voller Sorge um ihn herum, um zu erfahren, was ihm zugestoßen sei.
„Wer hat dir das nur angetan?“, fragten sie einstimmig.
„Ich selbst! Ich selbst!“, heulte der Teufel und lief vor Schmerz hin und her.
Die Teufel zuckten mit ihren Schultern und verdrehten vor Verwunderung die Augen.
„Nun, wenn du es dir selbst angetan hast, dann können wir dir nicht helfen“, dachten sie, gingen weiter ihrer Beschäftigung nach und ließen ihren Kameraden mit seinen Schmerzen allein.
DIE GESCHENKE DES KOBOLDS
Es war einmal ein reicher Gutsherr, der schritt eines Tages seine Wiesen am See ab und bemerkte eine ausgedörrte Stelle am Waldrand. Ob es ihm jemand erzählt oder ob er es von seinen Eltern gehört hatte, er wusste, dass Wiesen an den Stellen ausdörren, wo sich ein Kobold abends zum Ausruhen niederlässt.

Deshalb beschloss er, den Kobold zu finden, um ihn um Gold zu bitten.
An einem schönen, friedlichen Abend ging er zu der Stelle und sah am Waldrand einen Zigeuner sitzen.
„Ist das ein Zigeuner oder ein Kobold?“, dachte der Gutsherr und konnte sich nicht entscheiden, ob er weitergehen oder ihn ansprechen sollte.
Er überlegte und überlegte und entschied sich dann:
„Wenn das ein Zigeuner ist, was kann er mir schon antun? Ich habe doch nichts dabei. Und wenn das ein Kobold ist, dann ist er der Richtige, den ich finden wollte.“
Gedacht, getan. Er kam zu dem Zigeuner und fragte:
„Warum sitzt du hier alleine am Waldrand?“
„Setz dich dazu. Dann sind wir zu zweit“, antwortete der Zigeuner.
„Das ist kein Kobold!“, dachte der Gutsherr, ging aber trotzdem zum Zigeuner und setzte sich zu ihm.
„Wo kommst du ganz alleine her?“, fragte der Gutsherr. „Es gab hier keine Zigeuner, soviel ich weiß. Du trittst mir nur die Wiese kaputt.“
„Ich bin kein Zigeuner, sondern ein Kobold.“
Der Gutsherr erschrak, sprang von der Stelle auf und wusste nicht, ob er nun weglaufen oder bleiben sollte.
Der Kobold lächelte nur und sagte:
„Du wolltest mich doch sehen, warum erschrickst du denn plötzlich? Ich tue Menschen nichts Böses. Setz dich!“
Der Gutsherr setzte sich wieder hin, schwieg eine Weile, bis er sich beruhigt hatte. Dann fasste er Mut und fing an zu erzählen, dass er Not leide, dass er keinen roten Heller habe und Mühsal ertragen müsse. Wie viele Worte er auch gesagt hatte, alle waren gelogen.
„Was willst du denn von mir? Ich gehe doch nicht als Knecht zu dir, der für dich ackert, eggt und Wiesen mäht!“, erwiderte der Kobold.

„Ja“, sagte der Gutsherr, „aber ich habe gehört, dass du einen Menschen, der dir gefällt, mit Reichtümern überhäufst und ihm die Taschen mit Geld füllst. Ich würde dich großzügig mit Honig, Eiern und Milch belohnen. Die Menschen erzählen, dass du all das sehr magst.“
„Du hast mir erzählt, dass du ganz arm bist und alle möglichen Lasten dich bedrücken. Iss all das lieber selbst oder gib es deiner unglücklichen Familie. Ich komme auch ohne all das aus.“
„Willst du mir denn nicht helfen?“, fragte der Gutsherr. „Haben meine Vorfahren etwas Unwahres über dich erzählt? Würdest du mir nicht wenigstens eine Handvoll Gold geben?“
„Gut“, sagte der Kobold, „gib mir deine Mütze.“
Der Mann streckte seinen Arm aus und hielt dem Kobold seine Mütze hin. Der Kobold füllte sie voll mit Gold.
„Reicht das?“, fragte der Kobold.
„Was ist das denn schon? Das sind doch nur ein paar Handvoll. Hat es sich denn überhaupt gelohnt, dich zu fragen?“
„Du bist in der Tat sehr habgierig“, sagte der Kobold. „Ein anderer würde sich an deiner Stelle tausendmal bedanken, wenn er so viel von mir bekommen hätte.“
„Du hast meine Wiese mehr beschädigt, als du mich jetzt entschädigt hast“, wurde der Gutsherr immer forscher.
„Gut, halte deinen Umhang an den Zipfeln fest, und ich fülle ihn dir voll.“
Der Gutsherr hielt seinen Umhang hoch, und der Kobold füllte ihn voll mit Gold.
„Du könntest mir doch noch ein wenig dazugeben“, sagte der Gutsherr immer noch unzufrieden. „Siehst du, du könntest noch meine Taschen vollfüllen.“
„Gut, gib mir deine Taschen.“
Der Mann hielt ihm erst eine Tasche entgegen, dann die andere, und der Kobold füllte sie mit Gold.
Als der Gutsherr so viel Gold bekommen hatte, vergaß er vor lauter Freude, sich bei dem Kobold zu bedanken und sich von ihm zu verabschieden. Er rannte, so schnell er konnte, durch den Wald nach Hause. Unterwegs dachte er nur an das eine:
„Hoffentlich begegne ich niemandem. Sonst sieht jemand, wie viel Gold ich dabei habe, und raubt mich aus.“
Er lief auf Umwegen an Gärten und Ställen vorbei, bis er zu Hause ankam. Dort begab er sich sofort in seine Kammer.
Er schüttete den Umhang über sein Bett und sah, dass alles nur verfaultes Zeug war. Er steckte erst die eine Hand, dann die andere in seine Taschen, und dort war nur Mist. Er holte die Mütze aus seinem Schoß, und sie war voll mit madigen Pilzen. Der Gutsherr fluchte, weil der schlaue Kobold ihn zum Narren gehalten hatte. Aber war er nicht selbst schuld daran? Wäre er gleich mit dem zufrieden gewesen, was er in der Mütze hatte, wäre er reicher geworden. Ob er aber auch glücklich geworden wäre?
EINE GESCHWÄTZIGE FRAU
Es lebte einmal ein Mann, der eine schrecklich geschwätzige Frau hatte. Sie konnte ihren Mund nicht halten. Sobald sie etwas erfuhr, plauderte sie alles in ihrer Nachbarschaft aus. Einmal pflügte der Mann das Feld. Sein Pflug traf einen großen Stein. Der Mann hob diesen Stein auf und fand unter ihm eine vergrabene Truhe voller Goldmünzen. Dann dachte er darüber nach, was er wohl machen solle. Er fand, dass er das Geld nicht nach Hause bringen konnte, weil seine Frau es gleich allen Leuten erzählen würde, wenn sie das Gold zu sehen bekäme. Dann würde der Landesherr davon hören und – Geld ade – alles wegnehmen.
So dachte er und dachte, bis ihm etwas einfiel. Er legte die Truhe zurück, rollte den Stein darauf und ging nach Hause. Auf dem Weg kam er an einem Fluss vorbei. Dort sah er Fischernetze. Er zog sie heraus und fand in einem einen Hecht. Er nahm diesen Hecht mit und ging weiter. Dann kam er an einem Wald vorbei. Dort lagen Fangseile für Hasen und in einem fand er sogar einen Hasen. Der Mann nahm ihn heraus und steckte stattdessen den Hecht hinein. Den Hasen brachte er zurück zum Fluss und legte ihn in das Netz. Dann kam er nach Hause und sagte zu seiner Frau:
„Nun, Liebes, heize gleich den Ofen und backe so viele Kringel wie möglich.“
„Was fällt dir nur ein? Wer backt schon Kringel für die Nacht?“
„Schwätz nicht und mach das, was dir gesagt wurde. Ich habe einen Schatz gefunden. Wir wollen das Geld heute Nacht holen.“
Die Frau freute sich. Sie ging daran, den Ofen anzuheizen und die Kringel zu backen. Der Mann aß einen auf, zwei oder drei steckte er immer wieder in einen Korb, wenn seine Frau es nicht bemerkte.
„Isst du heute aber viel. Ich komme mit Backen gar nicht nach“, sagte die Frau.
„Der Weg ist weit, es gibt viel Geld, man sollte gut gegessen haben.“
Der Mann hatte nun den ganzen Korb voller Kringel und meinte, sie solle auch etwas essen.
Die Frau aß schnell, und beide gingen los. Sie gingen erst durch den Wald. Der Mann überholte seine Frau, holte die Kringel aus dem Korb und hängte sie an die Äste. Die Frau sah die Kringel an den Bäumen hängen und konnte ihren Augen nicht trauen.
„Schau dir das mal an, auf den Ästen hängen Kringel.

„Was wunderst du dich? Hast du nicht gesehen, dass vorhin die Wolken vorbeigezogen sind und die Kringel auf die Bäume herabgeregnet haben?“
„Ich habe es nicht gesehen. Dummerweise habe ich nur auf meine Füße geschaut, damit ich nicht über die Wurzeln stolpere.“
„Lass uns diesen Pfad nehmen“, sagte der Mann. „Dort habe ich meine Fangseile für die Hasen gelegt.“
Sie gingen zu den Fangseilen und fanden darin einen Hecht. Die Frau wunderte sich schon wieder.
„Wie konnte nur ein Fisch in das Fangseil geraten?“
„Wusstest du nicht, dass es Hechte gibt, die auf dem Boden laufen können?“
„Nein, noch nicht. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, hätte ich es nicht geglaubt.“

Dann kamen sie zum Fluss. Der Mann sagte:
„Irgendwo hier liegt mein Netz. Ich schaue nach, ob etwas drin ist.“
Er zog das Netz heraus und fand einen Hasen darin. Die Frau wunderte sich, wie der Hase da hineinkommen konnte.
„Weißt du nicht, dass es Hasen gibt, die im Wasser schwimmen?“
„Wenn ich das nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde ich es wirklich nicht glauben.“
Schließlich kamen die beiden zu ihrem Feld. Der Mann bewegte den Stein von der Stelle und holte die Truhe mit den Münzen heraus. Danach brachten die beiden sie nach Hause. Der Weg führte am Schloss des Fürsten vorbei. Als sie vorbeigingen, hörten sie Schafe blöken.
„Oh, wie schrecklich, was könnte das sein?“, flüsterte die Frau leise.
„Die Teufel sind gerade dabei, unseren Fürsten zu würgen. Lass uns schneller gehen, damit sie uns nicht sehen.“
Sie rannten vorbei und kamen völlig erschöpft und außer Atem nach Hause.
„Pass auf, erzähl bloß keinem von dem Schatz, sonst wird es für uns nicht gut enden.“
„Nein, was glaubst du denn? Ich schwöre, keinem etwas davon zu erzählen.“
Sie legten sich ins Bett, konnten aber nicht einschlafen, wälzten sich die ganze Nacht nur im Bett herum und standen am nächsten Morgen spät auf. Die Frau heizte den Ofen an und ging zum Brunnen Wasser holen. Die Nachbarinnen fragten, warum sie heute so spät den Ofen angemacht habe.
„Wir konnten die ganze Nacht nicht schlafen, liefen herum, und so habe ich am Morgen verschlafen.“
„Wo seid ihr denn nachts rumgelaufen?“
„Mein Mann hat einen Schatz gefunden, deshalb sind wir nachts aus dem Haus gegangen, um ihn zu holen.“
Es dauerte nicht lange und das Gerücht erreichte das Ohr des Fürsten. Der erzürnte Fürst ließ den Mann ins Schloss kommen.
„Wie wagst du es, mir zu verheimlichen, dass du einen Schatz gefunden hast?“
„Von einem Schatz habe ich weder etwas gehört noch gewusst“, versuchte der Mann, sich herauszureden.
„Lüge nicht!“, rief der Fürst. „Deine Frau hat im ganzen Dorf verkündet, dass ihr heute Nacht einen Schatz holen wart.“
„Mein Herr, sie hat doch nur wenig Verstand! Sie redet die ganze Zeit nur wirres Zeug und von Dingen, die es gar nicht gibt.“
Der Fürst ließ die Frau kommen.
„Sag mal, hat dein Mann einen Schatz gefunden?“
„Er hat ihn gefunden, mein Herr.“
„Seid ihr nachts Geld holen gegangen?“
„Wir sind gegangen, mein Herr.“

„Schildere mal alles der Reihe nach.“
„Wir gingen durch den Wald und sammelten Kringel von den Ästen.“
„Wie können denn Kringel auf Äste von Bäumen kommen?“
„Die kommen aus der Kringelwolke. Danach schauten wir uns die Fangseile für Hasen an, und da fanden wir einen zappelnden Hecht. Wir nahmen den Hecht heraus und gingen weiter. Dann kamen wir zum Fluss. Dort schauten wir nach unseren Netzen und fanden einen Hasen. Den Hasen nahmen wir auch mit. Als wir zu unserem Feld kamen, gruben wir eine Truhe unter dem Stein heraus und kehrten zurück. Am Schloss gingen wir gerade vorbei, als Eure Majestät von Teufeln gewürgt wurde.“
Auf der Stelle riss dem Fürsten der Geduldsfaden.
„Mach dich fort, du dummes Weib!“
„Habe ich nicht gesagt, dass sie kaum Verstand hat? Mein ganzes Leben muss ich mit ihr verbringen“, sagte der Mann.
„Du Ärmster, geh nach Hause“, winkte der Fürst mit seiner Hand.
Der Mann kehrte heim und führte von nun an ein Leben ohne Sorgen. Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch heute und lacht über den Fürsten.
DER BUCKLIGE
Es lebte einmal ein reicher Bauer, der hatte sechs Söhne, von denen der jüngste einen Buckel hatte und deshalb der Bucklige genannt wurde. Er war ein lieber Junge, nur seinen Brüdern konnte er es nie recht machen.
Eines Tages beschloss der Vater, seine Söhne in die weite Welt zu schicken. Jeder von ihnen sollte eine gute Stelle finden und für seine ehrliche Arbeit einen schönen Hengst bekommen. So verließen sie alle das Elternhaus. Nach einer Weile fand jeder eine Stelle bei einem Fürsten: Zwei arbeiteten im Garten, die anderen zwei in der Küche, einer in der Schmiede und der Bucklige hatte die Aufgabe, die Pferde des Fürsten zu weiden. Der Junge liebte diese Pferde, und besonders das kleine und bucklige. Er gab ihm manchmal mehr Hafer, dann füllte er ihm öfters das Wasser nach und streichelte es immer wieder im Vorbeigehen. Einmal sprach dieses Pferdchen ihn an:
„Danke schön, junger Mann. Der Fürst wird mich dir als Belohnung für deine Arbeit geben. Und ich werde dir noch nützlich sein.“
Nach einem Jahr lief die Dienstzeit der Brüder ab. Da sie ihre Arbeit rechtschaffen erledigt hatten, bekamen sie je einen prachtvollen Hengst. Nur der Bucklige bekam das kleine bucklige Pferdchen, wie es ihm dies auch schon vorhergesagt hatte. Die fünf Brüder kamen auf prachtvollen Hengsten nach Hause, nur der Bucklige auf seinem buckligen Pferdchen.

Nach einer Weile sagte der Vater zu seinen Söhnen:
„Geht in die bunte weite Welt hinaus und sucht euch eine Braut. Alle sechs müssen allerdings aus einer Familie stammen und am selben Tag geboren sein.“
Die Brüder packten ihre Sachen zusammen und ritten in die weite Welt hinaus, um eine Braut zu finden. Sie ritten Tag und Nacht, bis sie nach einem halben Jahr ein verzaubertes Schloss erreichten. Das Pferdchen sagte zu dem Buckligen:
„Wenn du zum Schloss kommst, stelle mich nicht zu den anderen Pferden in den Stall. Binde mich alleine an den Zaun.“
So kamen alle Brüder in den Hof des Schlosses. Das Schloss war aber von einer Hexe verzaubert. Diese hatte sechs Töchter, die am selben Tag geboren waren. Die Brüder erzählten, dass sie auf der Suche nach einer Braut wären. Das Begehren der Brüder passte der Hexe und sie bat sie herein. Das Pferdchen des Buckligen sagte da wieder zu seinem Herrn:
„Wenn die Frau dich und deine Brüder in ein Zimmer mit ihren Töchtern schlafen legt, tausche ihre Mützen aus. Nimm sie von den Köpfen deiner Brüder und setze sie ihren Töchtern auf.“
Die Hexe bat also die jungen Männer herein, bot ihnen reichhaltig zu essen und zu trinken an und ließ sie im Zimmer ihrer Töchter schlafen. Und der Junge machte es so, wie es sein Pferdchen ihm geraten hatte. Als es Mitternacht wurde, bebte plötzlich das ganze Schloss, ertönte in allen möglichen Tönen und die Hexe rief:
„Teufel, hei, Teufel! Bist du es? Wer eine Mütze aufhat, gehört dir, und wer ohne Mütze ist, gehört mir.“
Der Teufel drehte sich nur um und ließ alle Köpfe mit Mützen fallen. Dann brachte er sie der Hexe, um sie ihr zu zeigen. Währenddessen weckte der Bucklige seine Brüder und sagte: „Steht auf, Brüder, steht auf, wir sind bei einer Hexe. Lasst uns weglaufen, um dem Tod zu entkommen!“
Die Brüder erwachten, machten die Augen auf und sahen, dass ihre Bräute ohne Köpfe dalagen. Sie erschraken und liefen stolpernd in den Hof hinaus. Der Pferdestall war verschwunden und nur das bucklige Pferd stand am Zaun. Der Bucklige sattelte sein Pferd und nahm seine Brüder mit. So verließen sie schnellstens das verzauberte Schloss.
Der Bucklige brachte seine Brüder in ihren Heimatort, dann trennte er sich von ihnen und ging zum Fürsten, bei dem er zuvor seinen Dienst geleistet hatte. Er ritt und ritt, und plötzlich sah er einen Mädchenzopf auf dem Wege liegen. Der Zopf strahlte so leuchtend hell wie der Vollmond.

Das Pferdchen sagte zu dem Buckligen:
„Nimm diesen Zopf bloß nicht mit, sonst wird dich großes Unglück ereilen!“
Der Bucklige hörte aber nicht auf sein Pferd und nahm den Zopf mit, denn der war ihm viel zu schön, um ihn liegen zu lassen.
Bald erreichte der Bucklige das Schloss des Fürsten. Der Fürst beauftragte den Buckligen, auf seine Pferde aufzupassen. Der Bucklige weidete sie tagsüber und nachts bürstete und striegelte er sie und erledigte noch weitere Arbeiten. Die Hofangestellten beneideten ihn, weil die Pferde so gut gepflegt und so prächtig aussahen. Sogar der Fürst war neidisch, obwohl es seine eigenen Pferde waren. Dann begannen die Hofangestellten, den Buckligen auszuspionieren, denn sie wunderten sich, wie er es schaffte, nachts in der Dunkelheit die Pferde so gut zu bürsten und zu striegeln. So sahen sie, dass der Bucklige einen Mädchenzopf hatte, der wie der Mond leuchtete. Sie erzählten es dem Fürsten. Dieser rief den Buckligen zu sich und sagte:
„Bring mir diesen Zopf und zeig ihn mir!“
Was blieb dem Jungen übrig?! Er brachte dem Fürsten den Zopf und zeigte ihm diesen. Dann befahl der Fürst böse:
„Jetzt hol mir das Mädchen, dem dieser Zopf gehört!“ Dann fügte er hinzu: „Wenn du es bringst, dann bekommst du ein halbes Königreich, und wenn nicht, dann lasse ich dich hinrichten.“
Der Junge ging traurig zu seinem Pferd und weinte.
„Der Fürst befahl mir, das Mädchen, dem der Zopf gehört, zu holen, und wenn ich das nicht mache, lässt er mich hinrichten.“
Da sprach das Pferdchen zu ihm:
„Ich habe dir doch gesagt, du sollst diesen Zopf nicht mitnehmen, sonst trifft dich ein Unglück. Du hast aber nicht auf mich gehört.“
Der Bucklige tat ihm aber leid und so sagte das Pferdchen dann zu ihm:
„Nimm etwas zum Essen mit, damit es für drei Tage reicht. Dann reite nach Westen bis zum Meer. Wenn die Sonne untergeht, kommen sechs junge Mädchen zum Meer, um zu baden. Alle sind sehr schön mit langen leuchtenden Zöpfen. Nur ein Mädchen wird ohne Zopf sein. Dieses Mädchen fange!“
Der Bucklige folgte der Anweisung seines Pferdes. Er ritt nach Westen, fand das Meer und die badenden Mädchen mit langen Zöpfen. Er griff nach dem ohne Zopf und brachte es mit ins Schloss.
Als der böse Fürst die Schönheit des Mädchens sah, beschloss er, den Buckligen zu töten. Er befahl seinen Dienern, einen Kessel mit Milch aufzusetzen, und wenn die Milch koche, sollte der Bucklige darin baden.
Traurig ging der Bucklige wieder zu seinem Pferdchen und weinte.
„Der böse Fürst ließ einen Kessel mit Milch aufsetzen und ich soll darin baden. Jetzt muss ich sterben.“
„Weine nicht, mein Junge“, sprach das Pferd zu ihm. „Nimm mich zum Kessel mit, in dem die Milch kochen wird. Du selbst sollst dann nackt in den Kessel springen.“
Gesagt, getan. Der Junge brachte das Pferd zum Kessel und bereitete sich vor hineinzuspringen. Das Pferdchen stand am Kessel und zog die ganze Hitze mit seinen Nüstern aus dem Kessel. Die Milch war sofort kühl. Der Bucklige sprang in den Kessel und stieg plötzlich als ein hübscher junger Mann ohne Buckel heraus. Die Höflinge stießen vor Verwunderung laute Rufe aus. Am schlimmsten traf es den bösen Fürsten, dessen Neid noch größer wurde. Ohne zu zögern, sprang der Fürst in den Kessel, um in der Milch zu baden. Das Pferdchen sprang rasch zum Kessel und ließ die ganze Hitze aus seinen Nüstern heraus. So wurde der böse Fürst im Kessel zu Tode gekocht.
Der Junge holte seine Brüder und veranstaltete ein großes Fest. Er heiratete das Sonnenmädchen und seine Brüder heirateten dessen Schwestern. Und alle lebten statt des neidischen Fürsten vergnügt im Schloss.
EIN LEUCHTENDES SCHLOSS
Ein Graf beschloss, ein neues Schloss bauen zu lassen. Er beauftragte eine Schar Bauarbeiter und begann, seine Pläne zu verwirklichen. Nach einer Weile kam der Graf zu den Arbeitern und fragte:
„Meister! Hei, Meister! Wie wird das Schloss in Zukunft aussehen?“
„Es wird stehen, bis es vermodert“, antworteten die Bauarbeiter.
„Das ist aber kein rühmliches Ende“, erwiderte der Graf verärgert und entließ voller Wut seine Bauarbeiter. Gleich darauf beauftragte er andere Bauarbeiter und ließ den Bau fortsetzen. Nach einer Weile besuchte er wieder die Baustelle und fragte erneut, wie das Schloss in Zukunft aussehen werde.

Die Bauarbeiter wussten schon, was ihren Vorgängern zugestoßen war, und antworteten:
„Das Schloss wird so leuchten, dass es aus sieben Meilen Entfernung zu sehen sein wird.“
Dem Grafen gefiel diese Antwort sehr und er wurde noch stolzer.
Nach einigen Jahren fing das Schloss Feuer. Als es brannte, leuchtete es so strahlend, dass man es aus sieben Meilen Entfernung noch sehen konnte.
DER KLÜGSTE MANN
Es lebte einmal ein sehr reicher Edelmann, der keine Sorgen und Nöte kannte. Deshalb schrieb er auf eine Tafel: „Ich möchte wissen, was Not bedeutet“. Diese Tafel brachte er an einem Baumstumpf am Wegesrand an.
Nach einigen Tagen fuhr der König auf diesem Weg vorüber und las die Schrift des Edelmannes. „Gut, ich werde dir zeigen, was Not ist!“, dachte er sich. Am nächsten Tag ließ er diesen Edelmann zu sich kommen und sagte zu ihm:
„Sag mir, wie schwer ist der Mond? Wo ist die Mitte der Erde? Wie viele Sterne gibt es am Himmel? Und dann erzähl mir eine unerhörte Geschichte!“
Der König gab dem Edelmann drei Tage zum Nachdenken. Sollte er die Antworten nicht wissen, würde er in den Kerker kommen.
Der Edelmann kam nach Hause und lief unruhig und voller Angst umher. Er befragte seine Höflinge, Soldaten und Dienstboten, aber keiner konnte diese Fragen beantworten. Da sah der Schweinehirt, dass sein Herr von Sorgen niedergedrückt umherlief. Er fragte ihn, ob er Bauchschmerzen hätte, weil er so zusammengekrümmt herumlaufe.
„Nein, mein Sohn“, antwortete der Edelmann. „Mein Bauch tut mir nicht weh, aber ich finde keine Antworten auf die Fragen des Königs.“
Dann nannte er die Fragen, die ihm der König gestellt hatte.
„Wenn mein Herr mir erlaubt, ihn beim König zu vertreten, würde ich alle Fragen beantworten“, sagte der Schweinehirt.
Der Edelmann freute sich sehr über dieses Angebot. Er entließ den Schweinehirt von seiner Aufgabe, Schweine zu hüten, kleidete ihn schön ein und schickte ihn zum König.
Der Schweinehirt ging zum König und sagte:
„Ich bin gekommen, um die Fragen zu beantworten, die Eure Majestät meinem Herrn gestellt hat.“
„Nun gut, dann sag mir, wie schwer der Mond ist.“

„Ein Pfund.“
„Wieso ein Pfund?“
„So wie ein Pfund aus vier Vierteln besteht, so besteht auch der Mond aus vier Vierteln.“
„Gut. Und wo ist die Mitte der Erde?“
„Hier, wo ich stehe.“
„Und wie viele Sterne sind am Himmel?“
„Fünftausend.“
„Du lügst! Woher willst du das wissen?“
„Wenn der König mir nicht glaubt, können wir zusammen nachzählen“, erwiderte der Schweinehirt.
Der König sah ein, dass es keinen Sinn hatte, mit dem Jungen zu streiten, und ließ ihn die unerhörte Geschichte erzählen.
„Ich finde es unerhört“, bemerkte der Hirte, „dass ich gestern noch Schweine gehütet habe und mich heute mit dem König persönlich unterhalte.“
Der Schweinehirt und seine Antworten gefielen dem König so sehr, dass er ihn reichlich belohnte. Dafür kaufte sich der Schweinehirt ein Gut und lebte dort ohne Sorgen.

DIE GESCHENKE DER SONNE
Einmal beschlossen Sonne, Wind und Frost, zusammen durch die Welt zu wandern, sich umzuschauen und zu erkunden, wie es den Menschen gehe, was sie denken und erzählen. Unterwegs begegneten sie einem Menschen, der das Feld beackerte. Alle zusammen riefen sie ihm zu:
„Sei gegrüßt, guter Mann!“
„Danke, danke!“, antwortete der Ackermann.
Die Wanderer gingen weiter ihres Weges. Als sie ein gutes Stück zurückgelegt hatten, fingen sie einen Streit an. Die Sonne sagte, dass sich der Ackermann bei ihr für die Begrüßung bedankte, der Wind sagte, dass er das für ihn tat. Der Frost schwieg erst mit zusammengekniffenen Zähnen, aber dann sagte auch er:
„Er hat sich bei mir bedankt!“
Schließlich entbrannte ein so heftiger Streit, dass die Sonne rief:
„Ich könnte diesen Menschen mit meiner Hitze verbrennen!“
Und der Wind sagte daraufhin:
„Wenn ich blasen würde, könntest du ihn nicht verbrennen!“
Der Frost sagte wiederum:
„Ich könnte diesen Menschen erfrieren lassen!“
Dann sagte der Wind wieder:
„Wenn ich nicht blasen würde, könntest du das allein nicht schaffen!“
So bewies der Wind, dass er mächtiger als die anderen war. Aber der Streit hörte trotzdem nicht auf. Darum beschlossen sie, den Menschen zu fragen, bei wem er sich bedankt habe. Gesagt, getan: Sie kehrten zu ihm zurück und fragten ihn. Der Mensch sagte:
„Ich habe mich bei euch allen bedankt, aber vor allem bei dieser hübschen Dame, die bei der Begrüßung so nett den Kopf gesenkt hat“, und er zeigte auf die Sonne.
Der Wind und der Frost tauschten nur Blicke miteinander aus, beugten sich zur Seite und donnerten mit Blitz und Pfiff hinab. Die Sonne blieb dagegen bei dem Ackermann.

Er lud die Sonne freundlich zu sich nach Hause ein. Sie kamen in das Haus des Menschen und fanden dort jede Menge Kinder. Alle waren noch klein, hungrig und halb nackt. Sie hatten aber große Augen voller Neugier und führten die Sonne gastfreundlich durch ihre Spielecken. Die Kinder taten der Sonne so leid, dass sie anfing, die Kinder zu liebkosen, zu streicheln und auf ihren Strahlen zu tragen. Am frühen Morgen sagte die Sonne zu dem Menschen:

„Vielen Dank für die Unterkunft und Gastfreundschaft. Es ist für mich an der Zeit aufzugehen. Aber ich lasse dir mein Zeichen. Das sind meine Tränen, die ich für dich, für deine Kinder und ihr Elend vergossen habe. Bring sie in den Garten und lasse sie dort. Daraus werden Kräuter wachsen. Nenne sie ‚Sonnentränen‘. Sammle diese Kräuter, lass sie trocknen, mache daraus Extrakte und trage sie in die Welt. Du kannst damit viele Krankheiten heilen. Und dann lasse ich dir noch ein Zeichen – dieses Korn, aus dem eine Pflanze wachsen wird. Du nennst sie die Blume der Sonne. Das wird ein Medikament für dich sein. Dann solltest du noch das Gebet ‚Mein Mütterchen Sonne‘ lernen. Wenn es dir an Brot mangelt, dann sag: ‚Mütterchen Sonne, gib mir Brot!‘ Wenn es dir an Geld mangelt, dann sag: ‚Mütterchen Sonne, gib mir Geld!‘“
Nachdem sie den Menschen so belehrt hatte, erstrahlte sie in ihrer ganzen Pracht und verschwand. Aber die Hütte des Armen war noch den ganzen Tag in den Sonnenstrahlen versunken. Dieser, seine Frau und die Kinder dankten mit erhobenen Händen und sagten:
„Mütterchen Sonne, wir danken dir für den Besuch.“
Sobald es dem Menschen an etwas mangelte, so sprach er dieses Gebet, welches ihm die Sonne beigebracht hatte. Und gleich hatte er alles nach seinen Bedürfnissen. Der Mensch hörte auf, den Boden zu bestellen, und wurde ein bekannter Arzt, der viele Kranke mit den Kräutern, welche ihm die Sonne geschenkt hatte, heilte. Und er selbst trank den Absud von der Sonnenblume und gab seinen Kindern etwas davon. Von diesem Getränk wurden alle weise und stark.
ZWEI ADLIGE IM HIMMEL
Einmal setzten sich ein Fürst, ein Edelmann und ein Pfarrer an einen Tisch, um Karten zu spielen. So spielten sie, bis sie keine Lust mehr hatten. Da sagte der Fürst:
„Lasst uns mit dem Kartenspiel aufhören. Lasst uns eine interessantere Beschäftigung finden! Jeder von uns soll zum Beispiel eine Geschichte erzählen.“
„Einverstanden!“, rief der Edelmann erfreut aus. „Aber diese Geschichte soll unerhört sein. Und wenn einer von uns sagt: ‚Das stimmt nicht!‘, der soll dann eintausend Goldtaler an den Erzähler zahlen.“
„Gut“, war auch der Pfarrer einverstanden. „Dann los!“ Als Erster begann der Fürst:
„Im Schloss meines Vaters gab es einen sehr schlauen Wirtschafter. Wenn er Kohl aussäte, wuchs der so groß, dass man in einem Kohlblatt wie in einem Boot die Memel überqueren konnte.“
„Das mag sein. Das kann schon stimmen!“, bestätigten der Edelmann und der Pfarrer.
Dann fing der Edelmann an, seine Geschichte zu erzählen:
„Die Köchinnen in meinem Schloss haben einmal einen Käse gemacht, welchen es auf der ganzen Welt noch nicht gab. Der war so groß wie eine weite Wiese und erstreckte sich von unserem Schloss bis zum Nachbarschloss. Als man den Käse beschweren wollte, blieben ein paar Dutzend Pferde im Käse stecken und verschwanden darin.“

„Das mag sein. Das kann schon stimmen!“, bestätigten wiederum der Fürst und der Pfarrer. Dann war der Pfarrer dran, der beschlossen hatte, den Fürsten und den Edelmann aus dem Häuschen zu locken.
„Einmal säte ich am Pfarrhaus Bohnen aus. Alle Bohnen wuchsen wie gewöhnlich, nur eine schoss so in die Höhe, dass ihre Spitze den Himmel erreichte. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen hinaufzuklettern, um zu schauen, wie es im Himmel so ist. So bin ich hochgeklettert und durch die Wolken bin ich gleich zum Thron des lieben Gottes gelangt.
Hier kamen alle um mich herum und fragten, wie ich in den Himmel gelangt sei. Und ich habe so einen Schreck bekommen, dass ich kein Wort mehr sagen konnte. Ich tat dem lieben Gott wohl leid, dass er mir seine Mütze geschenkt hat …“
„Wenn du im Himmel warst, dann hast du vielleicht unsere Eltern gesehen?“, fragten der Edelmann und der Fürst schmunzelnd.
„Natürlich habe ich sie gesehen“, erwiderte der Pfarrer. „Sie sahen bloß sehr kümmerlich aus: Beide in Lumpen gekleidet und zerfetzt, hüteten sie am Rande eines Sumpfes Schweine. Vor lauter Mitleid musste ich ihnen die Mütze, welche mir der liebe Gott geschenkt hatte, geben. Dann fingen sie aber an, wegen dieser Mütze wie kleine Kinder zu streiten: Der eine zog sie zu sich, der andere wiederum zu sich. Als der liebe Gott das gesehen hatte, ließ er sie mit fünfundzwanzig Rutenschlägen züchtigen.“
„Du bist ein Lügner“, schrien der Fürst und der Edelmann gleichzeitig mit einer Stimme. „Es ist unerhört, dass Edelmänner Schweine hüten und mit Ruten geschlagen werden.“
„Nun, wenn ich lüge, dann gehört das Geld mir!“, sagte daraufhin der Pfarrer, nahm je eintausend Goldtaler von den beiden und ging fröhlich nach Hause.
ZWEI BRÜDER UND DAS PECH
Es waren zwei Brüder, von denen der eine sehr reich und der andere arm war.
Als sie nach Riga fuhren, spannte der reiche Bruder ein Paar wohlgenährte Pferde vor seinen Wagen und belud diesen mit allerlei Waren; der Arme warf auf seinen kleinen Karren einige Flachsbündel, schirrte eine einfache Stute an und fuhr los.
In Riga angekommen, verkaufte der Reiche schnell seine Waren und füllte seinen Geldbeutel voll mit Goldmünzen.
Und der Arme hielt gerade am Markt an, stieg von seinem Karren und drehte sich kurz weg, um ein paar Worte mit einem Bekannten auszutauschen, dann wendete er sich wieder um und sah, dass weder sein Pferd noch sein Wagen da waren. Hastig stürzte er umher, aber Pferd und Wagen waren spurlos verschwunden, denn, wie es heißt, wer nichts hat, dem wird genommen!

Er ging zu seinem reichen Bruder, erzählte ihm, was ihm zugestoßen war, und bat ihn, wenigstens dreißig Groschen für die neuen Bastschuhe zu leihen. Aber sein Bruder wollte nichts davon hören. Der Arme wurde noch trauriger und lief seufzend mit seinen abgewetzten Bastschuhen nach Hause.
So ging er langsam und leise seines Weges. Als er durch den Wald kam, dämmerte es schon. Aber was kann ihm schon die Dunkelheit ausmachen?! Plötzlich sah er, wie ihm ein weißer, großer Mensch entgegenkam. Der Arme erschrak, fasste dann aber seinen ganzen Mut zusammen und ging weiter. Als er sich dieser Gestalt näherte, fragte er sie: „Wer bist du?“ Die weiße Gestalt antwortete: „Ich bin dein Pech.“
„Mein Pech?!“, wunderte sich der Arme. „Bist du aber groß! … Könntest du dich wenigstens etwas kleiner machen?“
„Gut! Wenn du möchtest, kann ich das tun.“
Daraufhin wurde das Pech um die Hälfte kleiner. Der Arme bat es noch einmal, kleiner zu werden. Das Pech verkleinerte sich bis auf die Größe eines Kleinkindes.
„Mach dich noch kleiner!“, bat der Arme. „Werde für mich ganz klein!“
Das Pech verkleinerte sich auf Nussgröße. Jetzt holte der Arme seine Tabakdose aus der Tasche, passte den Moment ab, nahm die Nuss und legte sie in die Tabakdose. So verschloss er sein Pech in der Tabakdose, steckte sie in die Tasche und ging weiter.
Als er eine Wassermühle erreichte, holte er die Tabakdose hervor, warf sie in den Teich, betrat die Mühle und bat den Müller, übernachten zu dürfen. Vor dem Schlafengehen unterhielt er sich noch mit dem Müller und erzählte ihm über seinen Vorfall in Riga und andere Plagen.
Am frühen Morgen verabschiedete ihn der Müller, gab ihm zehn Goldtaler auf den Weg und schenkte ihm ein gutes Pferd. Der Mann freute sich sehr. Als er wieder zu Hause war, besorgte er sich alles, was er brauchte, und sein Leben wurde mit jedem Tag besser.
Nach einigen Jahren holte der Arme auch seinen reichen Bruder ein. Dieser wunderte sich, wie seinem Bruder alles so schnell hatte gelingen können. Eines Tages fragte der Reiche seinen Bruder, wie er so reich werden konnte. Der Arme erzählte dann, wie er damals unterwegs aus Riga sein Pech in die Tabakdose eingeschlossen und in einen Teich geworfen hatte, und wie der Müller ihn beschenkt hatte. Seitdem war es ihm immer besser gegangen.
Sein reicher Bruder beschloss sofort, ihn zu ruinieren. Er fuhr zu dem besagten Müller und erzählte ihm, dass seine Tabakdose samt Geld in den Teich gefallen sei. Er bat den Müller, das Wasser abzulassen, und versprach ihm dafür eine gute Bezahlung. Der Müller war einverstanden, ließ mit Hilfe seiner Männer das Wasser ab und fand die Tabakdose.
Der Reiche freute sich, nahm die Tabakdose und machte sich auf den Weg nach Hause. Unterwegs dachte er sich: „Na, warte, Brüderchen, nicht lange wirst du mir gleich sein. Ich lasse dein Pech raus und dann kann es sich wieder zu dir gesellen.“
So erreichte er den Wald und machte die Tabakdose auf. Das Pech des Armen huschte heraus und wurde riesengroß. Danach schüttelte es sich und sagte zu dem Großreichen: „O weh, wie ungeraten dein Bruder ist! Er schloss mich in der Tabakdose ein, so dass ich fast erstickt bin. Vielen Dank, dass du mich herausgelassen hast. Ab jetzt bin ich dein Kumpel und werde dich nicht verlassen.“

Als der Reiche diese Worte vernahm, erschrak er, wurde ganz bleich im Gesicht, und das Pech wurde unsichtbar.
Als er dann unterwegs war, ist sein Pferd scheu geworden, sein Wagen kippte um und er brach sich ein Bein.
Aus der Ferne sah er, wie sein Gut brannte. So sind ihm alle Reichtümer und das gesamte Geld verbrannt, so dass er ganz arm wurde.
DIE WAHRSAGERIN
In einem Dorf bei einem kleinen Wald lebte einmal eine arme Frau. Sie schlug sich hungernd durchs Leben, wollte aber auch nicht betteln. Da sie eine findige Person war, kam ihr die Idee, Wahrsagerin zu werden.

So holte sie einmal die Ziege ihres Nachbarn und steckte sie in die Kohlengrube. Bald vermisste der Nachbar seine Ziege und suchte überall nach ihr, konnte sie allerdings nicht finden. Da lief ihm die Frau über den Weg.
„Hast du meine Ziege gesehen?“, fragte der Mann.
„Ich habe sie nicht gesehen“, antwortete sie, „aber wenn du möchtest, kann ich wahrsagen und sie auf diese Art finden.“
„Such mal, bitte!“, sagte der Mann.
„Gut! Komm!“
Die Frau ging in ihre Hütte, verweilte dort ein Stündchen und kam wieder raus. Draußen sagte sie zu ihrem Nachbarn:
„Deine Ziege ist in der Kohlengrube. Geh hin und hole sie.“
Der Mann ging dorthin und fand seine Ziege. Er bedankte sich bei der Frau und beschenkte sie noch obendrein. Und den anderen erzählte er, dass seine Nachbarin eine Wahrsagerin sei – von ihrer Hütte aus könne sie sagen, wohin eine Sache verschwunden sei.
Ein anderes Mal entwendete die Frau die Ochsen eines anderen Nachbarn und kettete sie an einem Baum im Wald an. Sie selbst versteckte sich in der Nähe. Nach einem Stündchen sah sie, wie ein bekannter Viehhändler aus der Stadt kam. Als er die Ochsen sah, schaute er sich um und nahm die Ochsen mit. Die Frau ging nach Hause zurück.
Nach einer Weile lief ihr Nachbar, der inzwischen seine Ochsen vermisste, zu ihr. „Ach, liebe Frau, meine Ochsen sind verschwunden“, jammerte der Mann. „Kannst du mir, Verehrte, wahrsagen, wo sie sein könnten?“
„Gut“, sagte die Frau. „Und was gibst du mir dafür? Ich kann nicht meine Zeit verschwenden. Ich muss mir das Brot verdienen.“
Der Mann versprach ihr einen Scheffel Roggen und noch einen Käse dazu. Die Frau ließ den Mann im Zimmer und sie selbst ging in die Kammer, um wahrzusagen. Nach einem Stündchen kam sie zurück und sagte: „Lauf schnell in die Stadt – bei Joshua findest du deine Ochsen. Beeile dich. Nicht, dass er sie in der Zeit schlachtet.“
Der Bauer sprang auf sein Pferd und ritt in die Stadt, wo er Joshua bei den Vorbereitungen zum Schlachten seiner Ochsen vorfand.
„Was machst du, Joshua? Das sind meine Ochsen!“
„Woher soll ich das wissen?“, sagte Joshua. „Ich habe sie im Wald angekettet gefunden und nahm sie mit, damit die Wölfe sie nicht auffressen.“
„Dann ist der Dieb wohl weggelaufen, als er dich gesehen hat“, sagte der Bauer. Er nahm seine Tiere mit und ging glücklich heim.

Beim dritten Mal entführte die Frau das Pferd eines anderen Bauern und kettete es an einer Eiche im Wald an. Auch dieser Bauer kam zu der Frau gelaufen und bat, sie möge ihm sagen, wo sein Pferd sei.
„Und was gibst du mir dafür?“, fragte die Frau.
„Du bekommst je einen Scheffel Roggen und Weizen. Sag mir bloß schnell, wo mein Pferd ist.“
„Nein, nein! Versprich mir einen Trog Weizenmehl und die Hälfte einer Speckseite.“
„Gut“, sagte der Mann. „Kriegst du alles! Mach bloß!“
Die Frau ging in die Kammer und kam nach einem Stündchen wieder heraus. „Geh in den Wald zu der Stelle, wo Eichen wachsen, dort findest du dein Pferd.“
„Dort müsste auch der Dieb sein“, sagte der Bauer. „Könnte ich mich auf die Lauer legen und ihn erwischen?“
„Nein, nein“, entgegnete die Frau. „Der Dieb hat vor lauter Angst das Pferd stehen gelassen. Er spürte meine Kraft und ist weggelaufen, damit du ihn mit dem Pferd nicht erwischst.“
Ab jetzt hatte sich das Gerücht ganz weit verbreitet, dass die Frau eine gute Wahrsagerin sei, allen die Wahrheit erzähle und alles vorhersage.
Bald darauf wurde ein Gutsherr von seinem Lakai und seinem Kutscher bestohlen. Sie stahlen ihm eine Kiste Gold. Der Gutsherr suchte und suchte, konnte sie aber nicht finden.
Jemand hat ihm dann irgendwann von dieser Wahrsagerin erzählt. Der Gutsherr schickte sofort seinen Lakaien und seinen Kutscher los, damit sie diese Frau holen. Die Frau, als sie erfahren hatte, wohin sie gebracht werden sollte, sträubte sich dagegen. Sie wollte auf keinen Fall mitkommen.
„An Gutsherren bin ich nicht gewöhnt. Ich traue mich nicht, ich möchte nicht!“, wehrte sie sich.
Aber der Lakai und der Kutscher zwangen sie, in die schöne Kutsche einzusteigen, und machten sich auf den Weg. Die Frau saß nun in der Kutsche, vor lauter Angst und Kummer kratzte sie sich hinter den Ohren und brabbelte vor sich hin: „Was kommen muss, das wird geschehen … Jetzt kommt es aber!“
Der Lakai und der Kutscher hörten zu und bekamen einen Schreck. Sie schauten einander an und fielen der Frau zu Füßen. Mit nettesten Worten baten sie sie um Gunst und Rettung. Die Frau verstand sofort, dass die beiden ihre Finger im Spiel hatten.
„Gut“, sagte sie, „ich kann euch retten, aber was kriege ich dafür?“
Die beiden boten ihr dieses und jenes an, aber es reichte ihr immer noch nicht. Schließlich vereinbarten sie dreihundert Taler für ihre Rettung.
„Seht aber zu, dass diese dreihundert Taler noch heute Abend bei mir sind!“, drohte sie den beiden. „Und ihr müsst noch sagen, wo ihr die Kiste mit dem Gold versteckt habt. Wenn ich nicht in meinem eigenen Hause bin, dauert es länger, bis ich richtig vorhersehe.“
„Gut“, sagten der Lakai und der Kutscher. „Du wirst gleich selbst den Teich sehen, in dem die Kiste mit dem Gold liegt.“
Sie kamen zum Gutshof und der Lakai flüsterte der Frau zu: „Das ist der Teich.“
Der Lakai brachte die Frau zum Gutsherrn und sagte: „Hier, mein Herr, ist die Wahrsagerin.“
Der Gutsherr schaute sie sich an und sagte: „Kannst du mein Gold finden?“
Die Frau fühlte sich jetzt ganz mutig und ohne zu zwinkern sagte sie zu dem Gutsherrn: „Warum denn nicht? Was ist denn schon dabei?“
„Dann los!“, sagte der Gutsherr.
„Nicht so schnell, mein Herr“, sagte die Wahrsagerin. „Versprecht mir zuerst ein Drittel von Eurem Gold und dann lasst mich ausruhen und ausschlafen.“
Der Gutsherr wollte nicht so viel Gold abgeben, aber da sich die Frau auf nichts anderes einlassen wollte, musste er nachgeben. Danach ließ er seine Diener das Bett für sie fertig machen und aufpassen, dass kein Krach gemacht wurde, damit sie sich gut erholen konnte. Sie hatte inzwischen ihre dreihundert Taler bekommen, legte sich getrost ins Bett und schlief ein.
Am Morgen sagte sie nach einem guten Schlaf und Frühstück zu dem Gutsherrn: „Jetzt, mein Herr, nehmt Euren Lakaien und lasst uns gehen.“
Dem Lakaien schlotterten schon die Knie vor lauter Angst. Weiß der Gutsherr schon etwas? Was kommt, wenn das Weib ihn und den Kutscher doch verrät?
Aber gut. Die drei gingen zum Teich, und die Frau sagte: „In diesem Teich ist Euer Gold, mein Herr.“
Dann drehte sie sich zum Lakaien und sagte: „Nimm einen Haken und zieh das Gold heraus.“
Der Lakai holte einen langen Haken, tastete damit im Wasser umher und zog schließlich die Kiste mit dem Gold raus. Der Gutsherr freute sich sehr. Aber es kam ihm vor, dass der Lakai die Kiste sehr schnell gefunden habe, als ob er schon gewusst hätte, wo sie war.
„Hatte er die Finger im Spiel?“, fragte der Gutsherr die Wahrsagerin.
„Nein, nein!“, sagte die Frau. „Der Dieb ist schon längst hinter allen Bergen. Er kommt nie wieder zurück, weil er weiß, dass ich hier bin. Und das Gold hat er vor lauter Angst versenkt, weil Eure Hunde den Dieb erspäht haben.“
Der Gutsherr übergab der Frau ein Drittel seines Goldes, und sie durfte noch eine Weile bei ihm bleiben. Er selbst hat am nächsten Tag alle Gutsherren und alle Priester aus der Nachbarschaft zum Mittagessen eingeladen. Er wollte noch einmal die Frau auf die Probe stellen, ob sie in der Tat so eine gute Wahrsagerin sei.
Der Gutsherr ließ seinen Koch je ein Haselhuhn für seine Gäste und für die Wahrsagerin eine Schnepfe zubereiten.
Als die Mittagszeit kam, setzten sich alle Gutsherrn und Priester an den Tisch und die Wahrsagerin setzte sich auch dazu. Die Diener stellten jedem Gutsherrn und jedem Priester je ein Haselhuhn hin und der Wahrsagerin eine Schnepfe. Die Frau schaute sich die Gutsherren und Priester an, schaute sich den prachtvollen Tisch an und fühlte sich beschämt. „Schnepfe du, Schnepfe“, sagte sie zu sich selbst mit dem Kopf nickend. „Bist du denn wert, hier unter solchen Herren und Priestern zu sitzen?“

Der Gutsherr hörte, was die Frau sagte, und ließ seine Diener die Schnepfe wegbringen und der Frau, wie auch den anderen Gästen, ein Haselhuhn servieren. Jetzt war er sich ganz sicher, dass die Frau eine richtige Wahrsagerin sei und alles wisse. Er bewirtete sie gut, ließ sie noch über eine Nacht bei ihm bleiben und am nächsten Tag mit guten Pferden und in einer bequemen Kutsche nach Hause bringen.
Als die Frau reich zu Hause angekommen war, dachte sie nach, und die Furcht überkam sie, dass jemand sie wieder als Wahrsagerin zur Hilfe hole. Sie nahm das Geld und zündete von innen ihre Hütte an. Als das Feuer richtig brannte, lief sie hinaus und rief weinend: „Alle Sachen, die ich zum Wahrsagen brauche, sind verbrannt, meine Arbeitsgeräte! Jammer, ach Jammer! Wie werde ich jetzt wahrsagen können? Wie werde ich mein Brot verdienen?“
Die Menschen kamen gelaufen, aber es war schon zu spät. Und die Frau hat mit dem verdienten Geld ein neues Haus gebaut und ruhig bis an ihr Ende gelebt.
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