Kitabı oku: «Hurdy Gurdy Girl»
Irene Stratenwerth
Hurdy Gurdy Girl
Eine weite Reise durch die Nacht

Inhalt
I Die Reise nach America
Erstes bis achtes Kapitel
April bis Juli 1863
II Im Goldgräberland
Neuntes bis vierzehntes Kapitel
August bis Oktober 1863
III San Francisco
Fünfzehntes bis zweiunddreißigstes Kapitel
November 1863 bis Juni 1864
IV Im Caraboo
Dreiunddreißigstes bis sechsundvierzigstes Kapitel
Juli 1864 bis September 1865
V Zurück nach Hessen
Siebenundvierzigstes bis einundfünfzigstes Kapitel
Oktober 1865 bis April 1866
Epilog
Nachwort
I
Die Reise nach Amerika
Erstes bis achtes Kapitel
April bis Juli 1863
Erstes Kapitel
Nur bis Nauheim, hat die Mutter gesagt, nur bis dorthin allein zu Fuß. In zwei bis drei Stunden sei sie dort. Der Weg sei nicht zu verfehlen. Schneider erwarte sie am Abend im Kurpark.
Am Dorfrand steigt Luise den Hügel hinauf. Von hier aus kann sie schon den Kirchturm von Ober-Mörlen sehen und in der Ferne die Höhenzüge des Vogelsberges. Für einen Moment fühlt sie sich mutig und stark. Und dann wieder schrecklich allein.
Der Dora hat sie nicht einmal Lebewohl sagen können. Die Kleine ist gleich nach der Schule zum Vater aufs Feld.
Luise hat es zwar schon eine Zeitlang gewusst: Dass sie aus Langenhain fortgeht, als Erste aus der Familie. Aber sie hat es nicht übers Herz gebracht, es der Schwester zu sagen. Und heute Mittag hat ihr die Mutter plötzlich den sofortigen Aufbruch befohlen.
Rechts vom Feldweg senkt sich der Hang mit den winzigen Äckern der Tagelöhner und Landarbeiter ins Tal. Viele Frauen sind dort jetzt emsig beschäftigt, die Erde zu bestellen, Kartoffeln zu stecken, Weißkohl zu pflanzen und Hafer zu säen. Der Winter war lang und kalt, und jetzt ist es höchste Zeit.
Ihre Mutter würde hier niemals ackern. Sie baut ihr Gemüse auf einem ummauerten Hofplatz neben ihrem Wohnhaus an. Und Balthasar Ludwig, ihr Mann, pflügt seine größeren Felder jenseits des Dorfes, in der Talsenke zwischen Langenhain und Schloss Ziegenberg. Früher half ihm dabei ein Knecht.
Vor dem Mädchen spritzt ein Hase über den Weg und rennt im Zickzack über die Felder. Pass bloß auf, denkt Luise, sonst schießt dich der Wilderer tot. Viele im Dorf sehnen sich nach einem Sonntagsbraten, und der Jagdaufseher kann seine Augen nicht überall haben.
„He, Luise, grüß dich Gott! Wohin allein des Weges, so spät am Nachmittag?“
Die Frage schallt von Rosa herüber, einer kräftigen Magd. Andere Frauen unterbrechen ihre Feldarbeit, stützen sich auf ihre Harken und Spaten und starren das Mädchen neugierig an.
„Zur Cousine nach Nauheim“, gibt Luise knapp zurück.
„Zur Cousine, so so!“, Rosa prustet laut los, „hast es nicht noch ein bisschen weiter? Gehst vielleicht sogar für drei Jahre fort? Nimmst mich mit?“
Luise wird warm im Gesicht. Sie kennt ja das achte Gebot: Du sollst nicht lügen. Kaum ist sie von zu Hause fort, begeht sie die erste Sünde.
„Ich reise nach Amerika!“ Nur allzu gerne würde sie die Wahrheit laut herausposaunen und die zudringliche Magd damit zum Schweigen bringen. Alle anderen, die jetzt so tun, als machten sie sich wieder an die Arbeit, aber heimlich die Ohren spitzen, könnten es auch gerne hören.
Doch die Mutter hat ihr streng verboten, etwas zu sagen. Niemand soll wissen, wohin sie geht. Erst in ein paar Tagen werden es die Spatzen von den Dächern pfeifen: Dass die älteste Tochter vom Bauern Ludwig vorerst nicht zurückkommt. Dass sie ins Land gegangen ist wie schon so viele andere Mädchen aus Langenhain.
Nur noch ein paar Schritte und dann ist sie aus dem Blickfeld der Frauen verschwunden. Sie lässt den Feldweg links liegen, steigt über Wiesen und wilde Äcker zum Flüsschen hinab. Hoch aufgeschossen stehen Gräser und Buschwerk am Ufer. Dort ist sie vor neugierigen Blicken geschützt.
Ich gehe nach Amerika, summt Luise vor sich hin und erfindet gleich noch ein paar Reime dazu: Eins, zwei, drei, vier, keinen Tag bleib ich mehr hier. Fünf, sechs, sieben, acht, nimm dich vor jedem Mann in Acht.
„In Amerika ist alles besser.“ Wie oft hat sie diesen Satz schon gehört. Wenn Frauen in prächtigen Kleidern zu Besuch ins Dorf kamen, um ihre bunten Wolltücher, die feinen Schuhe und den fremdartigen Kopfputz vorzuführen. Und wenn im Waschhaus davon die Rede war, dass wieder einmal ein braves Mädchen aus der Wetterau in der neuen Welt einen achtbaren Bräutigam gefunden hatte.
Luise ist im letzten Winter siebzehn geworden. Schon lange ist sie so hoch gewachsen, dass sie mit dem Kopf an den Bettkasten stößt.
„Es reicht. Als Mädchen brauchst du kein Gardemaß!“ So scherzte der Vater, als seine Tochter ihn zu überragen begann. Doch die Mutter sah sie besorgt an. Sie fand es auch gar nicht gut, wenn Luise den ganzen Sommer auf dem Feld und im Viehstall schuftete, so dass ihre Arme muskulös und sehnig wurden.
„Wie eine Magd siehst du aus“, schimpfte sie, „wem willst du denn so gefallen?“ Oft fügte sie mit gesenkter Stimme hinzu, als würde sie zu jemand anderem sprechen: „Sie könnte so eine schmucke Braut sein. Wenn sie nur mehr aus sich machen würde.“
Als käme es darauf an, wie eine gebaut ist oder wie sie sich putzt. Kein Bursche im Großherzogtum Hessen kann sich das Mädchen, das ihm am besten gefällt, einfach zur Braut nehmen, das weiß in Langenhain jedes Kind. Bevor einer heiraten darf, muss er seinen Militärdienst absolviert haben und über ein eigenes Einkommen verfügen. Und auch dann geben die meisten Väter erst einmal ihre ältesten Töchter zum Heiraten weg.
Bis es so weit ist, hätte Luise als nutzlose Esserin zu Hause herumsitzen und sich langweilen müssen. Zwischen der Konfirmation und der Hochzeit können zehn Jahre vergehen.
So lange halten es viele nicht aus. Sie gehen stattdessen mit einem Landgänger fort: einem wie Schneider, der Mädchen zum Tanzen in der Fremde dingt. Was sie dort zu tun haben, weiß Luise nicht so genau. Sie hat nur die sorgenvollen Mienen der alten Weiber gesehen und das anzügliche Grinsen der Männer, wenn auf dem Kirchplatz von den Tanzmädchen die Rede war.
In Amerika störe es keinen, dass sie noch so jung sei und außerdem ein bisschen lang geraten, hat Schneider gesagt. Im Gegenteil. Dort suchten die Männer regelrecht nach stattlichen Frauen, die ordentlich zupacken können. Wie ein Stück Vieh hat er Luise von Kopf bis Fuß gemustert. Mit dem Ergebnis seiner Begutachtung war er zufrieden: „Für dich braucht man jedenfalls kein Podest.“
Johann Georg Schneider ist ein Neffe von Balthasar Ludwig und somit Luises Vetter. Sie könnte ihn einfach „Georg“ nennen, denn schließlich ist sie mit ihm verwandt. Aber das käme ihr nicht richtig vor: Schneider ist ein verheirateter Mann und zehn Jahre älter als sie. Außerdem war er fast immer in der Fremde.
„Ich fahre nach Amerika.“ Der Satz fährt in ihrem Kopf Karussell. Wie das bunt geschmückte Pferd, das sie auf dem Jahrmarkt in Nauheim gesehen hat, immer im Kreis herum, schleppt er einen Reigen bunter Bilder hinter sich her: Von Bauern, die sich ein Stück Land einfach mit Holzpflöcken abstecken. Von Goldklumpen, die man in Kalifornien findet wie Hans im Glück. Von Tanzvergnügen, bei denen es am Sonntag lustig und unbeschwert zugeht.
Luise hat jeden Bericht, den sie in der Gartenlaube über Amerika finden konnte, genau gelesen und viele davon mehrmals. Freiwillig ist sie jeden Sonntagnachmittag ins Schulhaus gegangen.
Um Punkt zwei Uhr, nach dem Gottesdienst und dem Mittagsmahl, öffnete der Schulmeister Faber regelmäßig seine Klassenstube und legte Zeitschriften und Bücher aus: für alle, die sich bilden wollten. Manche Hefte waren schon ziemlich zerlesen, aber das machte ihr nichts aus. Denn sie weiß: Wer heutzutage in der Welt zurechtkommen will, muss sich informieren.
Der Vater verzog zwar ärgerlich das Gesicht, wenn seine Tochter am heiligen Sonntagnachmittag in die Schule lief. Wozu musste sich ein Bauernmädchen im Lesen üben? Wozu brauchte sie das moderne Zeug, das in einem so genannten Familienblatt stand? Aber was konnte ein einfacher Landwirt schon gegen den Schulmeister ausrichten, dessen Wort im Dorf fast so viel galt wie das des Pfarrers?
Einmal ist Faber in einer Lesestunde zu Luise ans Pult getreten und hat ihr ein dickes, in braunes Leder gebundenes Buch gezeigt.
„Du interessierst dich doch für Amerika?“
Luise senkte verlegen den Kopf.
„Dies ist der Reisebericht einer berühmten Schriftstellerin. Ganz allein hat sie sich die weite Welt angesehen. Auch Amerika. Vielleicht magst du einmal darin lesen?“
Meine zweite Weltreise, Dritter Theil stand auf dem Titelblatt und ein Name: Ida Pfeiffer. Vorsichtig nahm Luise das Buch in die Hände und blätterte die ersten Seiten auf: Gleich am Anfang ging es um die Ankunft der Schriftstellerin in Kalifornien. Stadt der Wunder stand über dem ersten Kapitel. Ein anderes handelte von den Spielhäusern in San Francisco.
Wie gerne hätte sie sich sofort in die Lektüre vertieft! Doch solange Faber sie so unverwandt anstarrte, verschwammen die Zeilen vor ihren Augen.
„Ist vielleicht noch zu schwierig für dich“, hörte sie ihn sagen, während er das Buch wieder an sich nahm.
Ob der Lehrer da bereits wusste, dass der Vater einen Kontrakt über sie abgeschlossen und im Haus des Bürgermeisters unterzeichnet hatte?
Für drei Jahre vermietet der Landwirt Balthasar Ludwig seine Tochter Dorothea Luise, geboren am 6. November 1845 in Langenhain, Großherzogtum Hessen, als Tanzmädchen an den Landgänger Johann Georg Schneider.
Der Kontrakt wurde am 31. März 1863 besiegelt. Kaum zwei Wochen später hat die Mutter sie auf diese Reise geschickt.
Viel Gestrüpp überwuchert den Uferpfad, durchnässt ihre Schuhe und Strümpfe und zwingt sie, allen Windungen des Flüsschens zu folgen. Der Saum ihres abgewetzten Wollrockes hängt, schwer von der Feuchtigkeit, weit herunter und scheuert zwischen den Beinen. Einmal versucht sie, eine Abkürzung zu nehmen, doch dabei gerät sie ins Himbeergesträuch und zerreißt sich beinahe die Schürze.
Zweifelnd und verwirrt blickt sie sich um, streicht sich eine Locke aus der verschwitzten Stirn. Sie hat ihr Haar vor dem Aufbruch zwar sorgfältig unter der Haube festgesteckt, doch einige Strähnen lassen sich einfach nicht bändigen.
Ob sie besser wieder zum Fahrweg nach Nauheim hinaufsteigen soll? Oder ist das viel zu weit?
Die Mutter hat ihr außerdem streng verboten, diese Landstraße zu benutzen. Wo sich fahrendes Volk oder gar Räuber herumtreiben, sei es viel zu gefährlich.
Und was, wenn ihr dort oben eine Kutsche aus dem Schloss begegnet und jemand nach ihrem Ziel fragt?
Besser sie setzt ihren Weg am Ufer der Usa fort.
Schon nach wenigen Schritten gelangt sie zu einem schmalen Steg über das Flüsschen. Vorsichtig tritt sie auf die glitschigen Planken. Wenn sie in der Mitte kurz stehenbleibt und sich umwendet, kann sie vielleicht einen letzten Blick auf die Dächer von Langenhain erhaschen. Oder auf Schloss Ziegenberg, das auf einem Felssporn über dem Flüsschen thront. Doch die Bretter beginnen schon nach ihrem ersten Schritt bedenklich zu schwanken. Sie rettet sich mit einem großen Satz ans andere Ufer.
Nach einem wehmütigen Blick zurück wäre ihr ohnehin nicht zu Mute gewesen. Der Dreck in den schmalen Gassen des Dorfes, der Gestank nach Kuhmist, die Kälte, die täglich gleiche Grütze, der Hunger im Winter und die Enge in ihrer winzigen Stube – sie mag nie wieder daran denken. Und auch nicht an die vielsagenden Blicke der Mutter und ihre ständigen Ermahnungen, sich ihre Sittlichkeit zu bewahren.
Der Vater hat ohnehin so getan, als wisse er von ihrer baldigen Abreise nichts. Dabei hat er selbst den Kontrakt geschlossen und vom Schneider die Hälfte des Mietpreises im Voraus bekommen.
Ganze fünfhundert Gulden.
Dora. Die Gedanken an die Kleine umschwirren Luise wie ein lästiger Fliegenschwarm. Vor zehn Jahren kam die Schwester zur Welt, nur wenige Tage vor Weihnachten. Die Mutter hatte längst nicht mehr mit Nachwuchs gerechnet. Krank und entkräftet lag sie danach eine halbe Ewigkeit im Bett. Man wusste nicht, ob sie überhaupt wieder aufstehen würde. Drei der vier Kinder, die sie geboren hatte, waren noch am Leben. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie dieses Fünfte nicht gewollt hatte und sich auch nicht darauf freute, noch ein weiteres Mädchen durchzufüttern.
So war es von Anfang an Luises Aufgabe, sich um das winzige, rosige Bündel zu kümmern, dem Neugeborenen die Windeln zu wechseln, es in den Schlaf zu wiegen und es in einem Tuch durchs Dorf zu schleppen. Auch als die Kleine laufen und sprechen lernte, blieben die Mädchen unzertrennlich.
Dora wird weinen und zetern, wenn sie begreift, dass sie mit den Brüdern allein zurückgeblieben ist, denkt Luise. Jetzt hat sie keine große Schwester mehr, die sie in Schutz nimmt, wenn die Jungs sie piesacken und necken.
Ein Fahrweg kreuzt das Flüsschen. Nur eine Furt führt auf die andere Seite, in Richtung Ober-Mörlen. In der Ferne kann sie schon die ersten Gebäude der Ortschaft sehen, in der sich die schmalen Behausungen der Tagelöhner und Handwerker eng aneinanderreihen.
Viele Leute werden am Nachmittag im Dorf unterwegs sein: Mägde und Frauen auf dem Weg zum Brunnen. Und Kinder, die Botengänge erledigen oder einander jagen. Bald werden auch die Männer von der Forstarbeit heimkommen. Eine Siebzehnjährige, die allein in Richtung Nauheim wandert, würde bestimmt neugierig beäugt. Wenn jemand sie nach ihrem Weg fragen würde, müsste sie schon wieder lügen.
Da wandert Luise lieber weiter an dem Flüsschen entlang, das direkt in den neuen Kurpark von Nauheim führt.
Amerika. Für Luise klingt dieses Wort wie Musik. Wie jene Töne, die im Winter überall aus den Häusern von Langenhain dringen. Wenn die Instrumentenbauer aus dem Schwarzwald kommen, um ihre Spieluhren und Drehorgeln vorzuführen und zu richten, was auf den Reisen im Sommer Schaden genommen hat. Das schrille Pfeifen, Quäken und Seufzen aus diesen Kästen verbindet sich dann in den engen Gassen zu einem seltsamen Lied, dessen Text aus einem einzigen Wort besteht: Amerika.
Luise hat oft davon geträumt, selbst einmal in die Neue Welt zu gehen. Aber erst, wenn sie erwachsen ist und die Dora mitnehmen kann.
Als sie am Abend endlich den Kurpark erreicht, bekommt sie es zum ersten Mal mit der Angst zu tun. Am Ufer der Usa hat sie sich nicht gefürchtet, wenn es in der Böschung raschelte, wenn etwas vor ihren Füßen fortsprang und laut ins Wasser platschte. Das waren ja nur kleine Tiere, ein Frosch vielleicht oder eine Kröte.
Doch der große, stille Teich im Park ist ihr unheimlich. So viele Geschichten hat sie schon gehört von glücklosen Spielern, die ihr Leben in diesem Wasser ließen. Von in Schande geborenen Säuglingen, die ertränkt wurden, bevor ein Pastor sie taufen konnte. Und vom ruchlosen Treiben der Gestalten, die nachts unter den Bäumen im Park ihr Lager aufschlagen, weil sie in Nauheim kein Dach über dem Kopf haben.
Der Kies knirscht so laut, dass sie auf die Wiese ausweichen muss. Ihr Atem geht schnell, die Hände sind schweißnass. Aus dem Gebüsch vernimmt sie ein stetes Wispern und Rascheln. Der Weg durch den Park kommt ihr endlos lang vor. Ganz in der Ferne sieht sie das gelbe Licht einer Gaslaterne glimmen. Dort muss es zum Bahnhof gehen.
Plötzlich löst sich ein Schatten aus dem Gebüsch und tritt ihr in den Weg. Erschrocken fährt Luise zusammen. Dann erkennt sie die Stimme: Es ist Schneider.
„Du kommst spät“, er klingt eher besorgt als streng, „ich habe dich schon erwartet. Bist du aufgehalten worden?“
„Nein, nein, ich bin ohne Pause gelaufen.“ Luise ist weich in den Knien.
„Hast du Hunger?“
Sie brauche nichts, schwindelt sie, die Mutter habe ihr eine Brotzeit mitgegeben.
„Dann bring ich dich jetzt zu deiner Schlafkammer. Die anderen sind schon dort.“
Das schmale Gasthaus liegt nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt. Schneider führt Luise die Stiege hinauf, schließt eine Zimmertür auf und schiebt das Mädchen hinein: „Ruh dich aus! Morgen früh geht es weiter.“
Dann sperrt er hinter ihr ab.
Für einen kurzen Moment fällt Licht in den karg möblierten Raum. Auf einer Bettstelle sieht Luise zwei Mädchen liegen, die sich unter einer Decke eng aneinanderschmiegen. Nur ihre Haarschöpfe lugen heraus. Dann schiebt sich eine Wolke vor den Mond, und es wird stockdunkel.
Beklommen lässt sie sich auf dem Rand des Bettkastens nieder, wagt kaum zu atmen. Nach einer Weile kriecht eine Hand unter der Decke hervor und tastet nach ihr.
„Was ist? Kennst mich nicht mehr?“, fragt eine Mädchenstimme.
„Ich muss mal“, raunt Luise unglücklich. Sie hat sich nicht getraut, den Schneider nach einem Abort zu fragen. Jetzt ist es dringend.
„Am Fenster steht ein Nachtgeschirr.“
Im Dunklen ertastet sie das kühle Porzellan und hockt sich darauf.
„Du bist doch die Anna“, flüstert sie in die Schwärze, „die Möckel, Anna“. Sie erinnert sich noch genau an das kräftige, dunkelhaarige Mädchen mit dem offenen Gesicht, das in der Schulstube eine Reihe hinter ihr saß. Von Anna hieß es, sie sei schon bald nach der Konfirmation ins Land gegangen.
Etwas regt sich auf dem Lager. Die beiden Gestalten richten sich auf und rücken beiseite, um der Dritten Platz zu machen. Vorsichtig setzt sich Luise zu ihnen, zieht ein Stück Decke zu sich herüber und legt es sich über die Beine.
„Ich weiß noch, wie wir beide in der Schulstube saßen“, flüstert sie Anna zu, „ein Jahr vor mir warst du fertig.“
„Stimmt. Ist lange her.“
„Und wer bist du?“, fragt Luise die Andere, „im Dunkeln kann ich dich nicht erkennen.“
„Sie heißt Therese. Aber alle nennen sie Tesi“, antwortet Anna an ihrer Stelle, „ihr Vater ist der Will, Lorenz.“
Den Schafhirten, der mit seiner hageren Frau und einem Dutzend Söhnen und Töchtern in einer armseligen Kate am Feldrain haust, kennt Luise. Im Dorf hieß es, seine zerlumpten Kinder seien schon ein paar Mal von den Gendarmen in Nauheim aufgegriffen worden, als sie dort Kurgäste anbettelten. In der Schule ließen sie sich nur selten blicken.
„Ist sie denn schon alt genug, um in Stellung zu gehen?“, fragt Luise erstaunt.
„Vierzehn“, erklärt Anna wichtigtuerisch, „nach Amerika darf sie nur mit, weil ich versprochen habe, auf sie aufzupassen. Das hat der Will zur Bedingung gemacht.“
Was will der denn schon für Bedingungen stellen, denkt Luise verächtlich. Jeder im Dorf weiß, dass der Schafhirt ein bettelarmer Mann ist. Niemand hat ihm auch nur einen einzigen Scheffel Getreide geliehen, nicht einmal im kältesten Winter. Der Will wird froh sein, dass ihm jemand eins seiner hungrigen Mäuler abnimmt und dafür sogar noch zahlt.
Von draußen schlägt eine Faust hart an die Tür: „Ruhe da drinnen! Es wird geschlafen! Zum Schwatzen habt ihr morgen noch Zeit!“
Brav strecken sich die drei Mädchen nebeneinander aus.
Als die Atemzüge der Anderen ruhiger werden, kriecht Luise noch einmal unter der Decke hervor, kniet sich vor ihr Lager.
Jetzt, wo sie von zu Hause weg und in Stellung geht, würde es ihrem Herrn bestimmt nicht gefallen, wenn sie nur das einfache Kindergebet herunterleierte, das sie so oft mit Dora gesprochen hat. Sie versucht, sich an die Zeilen zu erinnern, die sie im Konfirmandenunterricht gelernt haben: den Abendsegen von Martin Luther.
„Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diesen Tag gnädig behütet hast, und bitte dich, du wollest mir vergeben alle meine Sünde, wo ich etwas Schlimmes gemacht … ehm, wo ich Unrecht getan habe“, murmelt sie leise und hofft, dass sie die Wörter richtig aneinanderreiht. Dann fallen ihr auch die letzten Sätze wieder ein: „Ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen.“
Schnell schlüpft sie wieder zu den Anderen unter die Decke. Luise hat ihr Lager immer geteilt. Jeden Abend ist Dora bei ihr im Arm eingeschlafen.
Doch diese Mädchen hier riechen anders als ihre Schwester. So eng liegen die beiden neben ihr, dass Annas Atem in ihrem Nacken kitzelt.
Zweites Kapitel
Kurz vor neun trifft der Schnellzug aus Gießen am Bahnhof von Nauheim ein. Fauchend kommt die Lokomotive mit den Personenwagen der ersten, zweiten und dritten Klasse vor dem Stationsgebäude zum Stehen. Auf dem Bahnhofsvorplatz haben sich bereits Händler mit Erfrischungen und Proviant, Gastwirte, Gepäckträger, Kutscher und Schaulustige versammelt.
Nur wenige Passagiere steigen so früh am Morgen hier aus. Umso mehr aber reisen ab. Die Meisten haben es nicht weit. Kaum eine Stunde dauert die Fahrt von Nauheim nach Frankfurt am Main.
Die elegant gekleideten Kurgäste und Spielbankbesucher, deren Droschken als Letzte vorgefahren sind, dürfen den Bahnsteig als Erste betreten. Zwielichtige Gestalten und arme Sünder kämen neuerdings zur Kur und zum Glücksspiel nach Nauheim, hat der Pastor in Langenhain in seiner Sonntagspredigt oft gewettert. Doch wie arme Sünder sehen diese feinen Herrschaften nicht aus. Elegant gekleidete Männer heben ihre Damen schwungvoll von den Trittbrettern der Kutschen, erteilen Dienstboten kurze Anweisungen auf Französisch oder in einer noch fremderen, weich klingenden Sprache. Kaum haben sie den Bahnsteig betreten, helfen sie ihren Begleiterinnen die steilen Eisentreppen zu den Fahrgastkabinen der ersten Klasse hinauf.
Der Blick auf die feine Reisegesellschaft wird bald durch einen zweiten Zug verdeckt, der aus der Gegenrichtung einfährt und ebenso laut schnaufend zum Stehen kommt. Nur einen Steinwurf entfernt schnattern Gänse auf der Chaussee. Ein Bauer treibt seine Kühe mitten durch die Schar und tut so, als bemerke er das Getümmel um die riesigen, eisernen Ungetüme überhaupt nicht.
Eine Eisenbahn hat Luise noch nie aus der Nähe gesehen. Einmal, als sie den Vater auf seinem Fuhrwerk nach Butzbach begleitete, begann dieser aufgeregt mit den Armen zu fuchteln und in die Ferne zu deuten. Am Horizont konnte sie einen dunklen Strich erkennen, aus dem weißgraue Wolken aufstiegen. Rasch wanderte die Rauchsäule über Felder und Äcker und verschwand schließlich im Wald.
„Das war eine Eisenbahn“, erklärte der Vater, und seine Stimme bebte vor Ehrfurcht, „wenn du von Nauheim nach Butzbach willst, läufst du zu Fuß einen halben Tag. Eine Dampflokomotive kann denselben Weg in einer halben Stunde bewältigen und auch noch viele Wagen hinter sich herziehen.“
Jetzt dürfen auch die Reisenden der zweiten und dritten Klasse den Bahnsteig zwischen den Zügen betreten. Es ist ohrenbetäubend laut, die Luft ist voller Dampf und Ruß.
Luise war enttäuscht, als sie am Morgen wieder in ihr altes Zeug schlüpfen sollte, das sie auf dem Fußboden abgelegt hatte. Die Mutter hat ihr für die Reise zwar eine neue, mit feinen Spitzen besetze Unterhose eingepackt, aber keinen zusätzlichen Rock und keine Bluse. Es lohne sich nicht. Der Georg werde sie mit neuen Kleidern komplett ausstatten, so sei es vereinbart. Jetzt versteht sie: Es wäre reine Verschwendung, für so eine Bahnfahrt etwas Neues, Sauberes anzuziehen.
Schneider hat nach dem Wecken für jede einen Becher Milch und ein Stück Brot in die Kammer gereicht. Ab jetzt sei seine Frau Margarethe für sie zuständig, erklärte er ihnen dazu: „Wenn es in die Welt hinaus geht, ist es besser, euch einer Aufpasserin zu unterstellen!“ Danach hat er kaum noch ein Wort mit ihnen gesprochen, gibt sich, seit sie die Herberge verlassen haben, abweisend und missmutig. Fein und streng wirkt seine Gattin daneben in ihrem grauen Reisekostüm.
Luise kennt Margarete nur von ein paar Hochzeiten und Begräbnissen im Familienkreis. Ihren jüngsten Sohn hält sie sorgfältig von sich weggespreizt auf dem Arm. So kann die klebrige weiße Flüssigkeit aus dem Mund des Säuglings nicht auf ihre elegante Jacke tropfen. Im Waschhaus hat Luise gehört, dass die Schneiderin noch zwei größere Kinder hat, die bei den Großeltern in Langenhain blieben.
Krampfhaft halten sich die drei Mädchen auf dem Bahnsteig an den Händen, lassen einander auch im dichten Gedränge nicht los. Anna schafft es als Erste, die eiserne Trittleiter zum Waggon dritter Klasse zu erklimmen. Die Tesi zieht sie hinter sich her. Als das Mädchen seine andere Hand benötigt, um sich an der Griffstange aus Messing in den Zug hochzuziehen, lässt es Luise einfach los. Diese taumelt ein paar Schritte zurück, droht zu stürzen, fängt sich wieder und hält ihr Bündel dabei fest an die Brust gepresst.
Auch im Eisenbahnwagen hört das Schieben und Drängen nicht auf. Viele Bänke sind schon mit Reisenden besetzt. Dennoch versuchen alle neu Zugestiegenen, noch einen Platz am Fenster zu ergattern.
Die drei Mädchen quetschen sich nebeneinander auf eine schmale Holzbank, die für höchstens zwei Personen bestimmt ist. Marktfrauen sitzen ihnen mit Körben und Säcken auf dem Schoß gegenüber, machen aber respektvoll Platz, als Margarethe dazukommt.
Tesi ist kalkweiß im Gesicht. Sie hat bisher kaum ein Wort gesprochen. Luise hat sie sich zum ersten Mal richtig angesehen, als sie auf dem Bahnhofsvorplatz standen, hat ihre großen, dunklen Augen, die gerade, kleine Nase und die trotzig aufgeworfenen Lippen bewundert.
„Wie ist dir?“, wendet sich die Schneiderin fürsorglich an die Jüngste, „hast du Angst?“ Das Mädchen schüttelt den Kopf und presst die Lippen aufeinander. „Es wird bald besser. Vielen geht es am Anfang so. Du wirst schon sehen“, versucht Margarethe sie aufzumuntern.
Draußen gellt ein Pfiff. Das Schnaufen und Zischen wird lauter. Dann gerät das Bahnhofsgebäude in Bewegung und gleitet aus Luises Blickfeld fort. Sie zittert am ganzen Leib.
Ein heftiger Schlag durchzuckt sie. Dann folgt schnell der Nächste und Übernächste. Verstohlen blickt sie auf Anna, die eine Hand schützend auf ihren Bauch gelegt hat. Ob es stimmt, was sie im Waschhaus erzählt haben? Dass Anna ein Kind erwartet, und zwar von dem Landgänger Christoph Reuter, der viel älter als sie ist und im Dorf schon eine Familie hat?
Draußen jagen Bäume, Wälder, Kühe und Bauernhöfe vorbei, so schnell, wie Luise es noch niemals gesehen hat. Immer wieder wehen Schwaden von Rauch und Dampf ins Abteil und legen sich kalt und rußig auf ihre Haut. Sie wischt sich die Augen, schnäuzt die Nase, schluckt und hustet. Der schwarze Staub klebt bald überall.
Stumm lehnt sich Tesi an Anna und schließt die Augen.
Die Fahrt bis nach Kassel wird bis zum Nachmittag dauern.
Ab und zu lässt Luise ihre Hand in ihr Bündel gleiten und kramt darin herum. Die paar Habseligkeiten, die ihr die Mutter eingepackt hat, sind schnell ertastet: etwas Wäsche, ein Trinkgefäß und ein großes wollenes Umschlagtuch.
Ganz zum Schluss hat sie selbst noch etwas hineingesteckt. Ein Geheimnis. Vorsichtig streichen ihre Finger über eine schmale, in Wachspapier eingeschlagene Schachtel. Wie oft hat sie in den letzten Tagen den Pappdeckel vorsichtig hochgehoben und ihren Inhalt bestaunt: vier schwarz glänzende Bleistifte mit silbernen Prägebuchstaben.
Und noch etwas ertastet sie in ihrem Bündel: das Album. Sobald sie es mit den Fingerspitzen berührt, kann sie den dunkelroten Leineneinband und die golden eingeprägten Buchstaben genau vor sich sehen.
Das feine Notizbuch und die Stifte sind ein Geschenk vom Lehrer. Am letzten Sonntagnachmittag bat er sie am Ende der Lesestunde zu bleiben. Er habe mit ihr zu reden.
Luise war unbehaglich zumute, so ganz allein mit dem Schulmeister. Umständlich kramte er das in braunes Papier eingeschlagene Päckchen aus seinem Pult und überreichte es ihr. Ein Bleistift sei eine großartige Erfindung, erklärte er, während sie verlegen die Knoten löste, besonders auf Reisen. Da brauche man kein Tintenfass und keine Feder, um seine Eindrücke zu notieren. „Vielleicht wird ja eines Tages auch eine große Schriftstellerin aus dir!“, sagte er, und das klang, als meine er es ernst.
Luise freute sich über die prächtigen Stifte und das Buch mit den blütenweißen, noch unbeschriebenen Seiten. Und wusste doch nicht, was sie sagen sollte. Heiß und unwohl wurde ihr, als der Schulmeister sie fest an den Schultern packte und gegen ihr Sträuben an sich zog. Er wünschte, er könne mit ihr in die Fremde ziehen, raunte er ihr ins Ohr, während sie sich erschrocken aus seiner Umklammerung wand.
Sie war schon halb aus der Tür, als ihr einfiel, dass sie sich bei ihm zu bedanken hatte und sie sich noch einmal zu ihm umwandte.
Es war nicht das erste Mal, dass einer sie mit dieser Mischung aus Sehnsucht und Gier anstarrte. Die Blicke, die ihr die Männer im Dorf hinterherschickten, hatten sich in den letzten Jahren verändert. Meistens waren es die Alten, die sie blöde anglotzten: Greise, die vor ihrem Haus auf einer Bank saßen, während drinnen ein Weib nach ihnen keifte.
Die jüngeren Burschen hingegen machten sich in Langenhain rar. Viele verließen ihr Elternhaus, sobald sie mit der Schule fertig waren, gingen zum Militär oder verdingten sich in der Fremde. Von manchen hieß es sogar, sie suchten ihr Glück in Amerika.
Nur im Winter kehrten einige ins Dorf zurück: Dann lungerten sie vor den Häusern herum, in denen sich die Mädchen zur Handarbeit trafen und wollten Luise von der Spinnstube nach Hause begleiten. Doch kaum lief sie mit so einem durch die dunklen Dorfgassen, begann er sie zu bedrängen. Und sobald es Frühling wurde, war er wieder fort.
Am zweiten Tag führt ihre Reise von Kassel über die Grenze ins Königreich Hannover. Von jetzt an, so schärft Margarethe den Mädchen ein, müssten sie mucksmäuschenstill sein. Jeder Schwatz sei ihnen streng verboten: „Falls euch jemand anspricht und nach dem Ziel eurer Reise fragt, überlasst das Antworten mir.“
Schneider selbst ist kaum wiederzuerkennen. In Langenhain führte er sich auf wie ein Weltmann, dem jedermann einen Gruß schuldete. Wenn die Sonne schien, schritt er stolz wie ein Gockel mit seiner fein herausgeputzten Gemahlin an den Dorfhäusern vorbei. Am Abend saß er im Wirtshaus beim Bürgermeister am Tisch und rühmte lauthals das Leben in Amerika. Luise hat ihn dort manchmal gesehen, wenn sie dem Vater ein Bier holte. Man sprach nicht darüber, aber alle wussten es: Die Geschäfte, die Schneider in der Fremde machte, mussten recht einträglich sein.
Doch jetzt, in der Eisenbahn, wirkt er bäurisch und stumpf wie ein Tagelöhner, der zum ersten Mal auf Reisen ist. Wer ihn nach den drei Mädchen in seiner Gesellschaft fragt, dem bescheidet er knapp: „Aus der Heimat. Sind drüben als Dienstmägde verpflichtet. Soll auf sie aufpassen.“
Seine Frau wirkt viel eleganter als er. Etwas fremd sitzt sie in der kleinen Reisegruppe wie eine Gouvernante.
Den kleinen Christopher hält sie nie lange auf ihrem Schoß. Anna und Tesi wetteifern darum, das Kind zu herzen, zum Lachen zu bringen und dann wieder zu beruhigen.
Luise schaut lieber nicht hin.
Sie muss sonst schon wieder an Dora denken.
Drittes Kapitel
Wie Schafe trotten Margarethe und die Mädchen hinter Schneider her, nachdem sie in Harburg aus der Eisenbahn gestiegen sind.
Luise ist flau. Sie weiß nicht, ob ihr übel ist oder ob sie Hunger hat. Das ewige Schütteln und Schaukeln der Eisenbahn hat alles in ihrem Kopf durcheinandergewirbelt: Gedanken, Bilder und Wörter. Ihr Haar klebt unter der Haube, ihr Rock steht vor Dreck und ihre Fingernägel sind schwarz. Sie sehnt sich danach, sich zu waschen, sich auszustrecken und einfach die Augen zu schließen.
Aber noch sind sie nicht im Gasthaus. Noch stehen sie im Nieselregen am Schiffsanleger und warten auf den Dampfer, der sie über den Strom bringen wird. Das dunkle Wasser stinkt und gluckert bedrohlich, während sich der Abendhimmel bleiern auf sie herabsenkt.
Stunden später kommen sie in der Herberge an. Schneider schlägt dem Gastwirt vertraut auf die Schulter als wären sie alte Freunde. Dröhnend kündigt er sich auf ein Bier in der Gaststube an, während die drei Mädchen sofort nach oben müssen. Wieder sollen sie sich das einzige Lager in einer schmalen Kammer teilen.
„Morgen früh bekommt ihr Frühstück“, verspricht Margarethe und fügt mit einem langen Blick auf die drei erschöpften und verdreckten Gestalten hinzu: „Ich lasse euch Waschwasser bringen, bevor wir in die Stadt gehen. Am Jungfernstieg werdet ihr Geschäfte und Waren sehen, von denen ihr bisher nur träumen konntet. Wir kaufen dort alles, was wir für die Schiffspassage benötigen.“ Dann schließt sie die Mädchen in der Kammer ein.
Wieder mag sich Luise erst neben Anna legen, nachdem sie ihr Nachtgebet gesprochen hat. Diesmal fällt es ihr schon leichter, die Lutherworte herzusagen.
Die beiden Mädchen lassen ihr nur wenig Platz auf dem Lager. Steif und ganz gerade klammert sie sich an die Kante des Bettkastens. Das Rattern, Schütteln und Schaukeln in ihrem Kopf will einfach nicht aufhören.
Am Morgen warten sie vergeblich darauf, dass sich der Schlüssel in ihrer Tür dreht. Anfangs ist Luise froh, dass sie ihre Glieder noch ein wenig ausstrecken kann und stellt sich schlafend. Doch dann machen sich Hunger und Durst bemerkbar.
Aus der Nachbarkammer dringt kein Laut. Auch nicht, als Anna kräftig gegen die Wand klopft, später sogar mit ihrem Schuh dagegenschlägt.
Gegen Mittag poltert endlich etwas im Flur. Dann steht Schneider in der Tür und starrt die Mädchen verwirrt an: „Seid ihr nicht mit der Margarethe ausgegangen?“ Er trägt noch immer seine Reisekleidung. Sein Gesicht ist rot und er riecht nach Bier. Die Haare stehen ihm wirr vom Kopf.
„Sieht nicht danach aus“, gibt Anna pampig zurück, „und übrigens hatten wir noch kein Frühstück!“
„Dann geht eben eine von euch Milch und ein paar Wecken holen!“ Missmutig kramt Schneider eine Münze aus seiner Hosentasche. Er betrachtet die Mädchen nachdenklich und grummelt: „Aber wirklich nur eine!“
Die Anna halte er für viel zu durchtrieben, die lasse er nicht alleine gehen, entscheidet er. Und die Tesi wäre mit ihren vierzehn Jahren dort draußen verloren. Schließlich drückt er Luise das Geld in die Hand und erklärt ihr, wie sie zum Schaarmarkt kommt: „Aber du bummelst mir nicht draußen herum! Das lass ich deine Freundinnen büßen!“
Luise wird es angesichts des Gewimmels vor der Wirtshaustür ohnehin angst und bange. Sie versteht die Sprache dieser Leute nicht, traut sich nicht, jemanden anzusprechen, wird von der Menschenmenge einfach von einem Marktstand zum nächsten geschoben. Ängstlich blickt sie sich mehrmals um: Ob sie den Weg zurück noch finden würde?
An einer Wegkreuzung entdeckt sie einen Stand, an dem ein kräftiges Weib Milch aus einem großen Behälter schöpft. Scheu reicht sie ihr die Kanne, die Schneider ihr gegeben hat, und das Geld. Die Münzen, die sie zurückbekommt, tauscht sie in einem Bäckereiladen gegen ein dunkles Brot ein. Sie ist erleichtert, als sie in die Herberge zurückgefunden hat.
Schweigend teilen sich die Mädchen ihre karge Mahlzeit. Den Schneider um Wasser für ihren Waschtisch zu bitten, wagt keine. Er hat sie schnell wieder eingeschlossen.
Bald hören sie sein Schnarchen von nebenan.
Auch Anna streckt sich gähnend auf dem Lager aus. Wenig später fallen ihr die Augen zu. Tesi liegt neben ihr und starrt an die Decke.
Luise nimmt am Fußende Platz. Sie ist nicht müde, mag sich am helllichten Tag auch nicht hinlegen. Aber was könnte sie sonst tun? Zu Hause hat sie nie untätig herumgesessen. Immer hatte die Mutter eine Arbeit für sie.
Die Stunden ziehen sich zäh dahin.
Ob Tesi gern mit auf diese Reise gekommen ist? Ob sie, die so selten in der Schule war, überhaupt etwas über Amerika weiß? Oder ob der Schafhirt seiner Tochter befohlen hat, mit Schneider in die Fremde zu ziehen? Vielleicht hat Schneider für Tesi weniger zahlen müssen, weil sie zwei Jahre jünger ist als Luise.
Fünfhundert oder gar tausend Gulden: Dass ein einfaches Bauernmädchen wie sie so viel Geld wert ist, hat sie nicht gewusst. Warum sperrt der Dienstherr sie trotzdem in diese elende Kammer, spendiert ihnen nicht einmal ein paar neue Kleider? Wie gerne würde sie mit den anderen Mädchen darüber reden! Aber das Schweigen wird im Laufe des Nachmittags immer drückender.
Ein kleines Fenster mit einem Sprossenkreuz weist auf die Elbe hinaus. Luise wischt mit einem Rockzipfel ein Guckloch in eine der beschlagenen Scheiben. Dutzende von Dampfschiffen, Großseglern, Lastkähnen und Fischewern liegen vor ihren Augen im Hafen, kreuzen den Strom oder wühlen das Wasser auf. Durch die Schlieren und Blasen im Fensterglas wirkt alles verzerrt wie in einem seltsamen Traum. Möwen kreischen in der Luft, finden sich in Schwärmen zusammen und stoßen gemeinsam auf ihre Beute herab, sobald sie etwas Essbares auf einem Kahn entdecken. Mit ihren gierig aufgerissenen Schnäbeln wirken die riesigen Vögel so bedrohlich wie die Rabenkrähen, die im Frühjahr über Langenhain kreisen.
Endlich geht nebenan eine Tür. Im selben Moment hört das Schnarchen auf. Schneider scheint sofort hellwach zu sein.
„Wo kommst du denn her?“, schnauzt er seine Frau an, „hab ich dir nicht befohlen, mit den Mädchen in die Stadt zu gehen?“
„Wo kommst du denn her?“, äfft Margarethe ihn wütend nach, „sollte ich das nicht fragen?“
Schneider antwortet nicht.
„Du brauchst mir gar nichts zu erzählen. Ich weiß es sowieso: Bei der Hecht im Bordell hast du dich herumgetrieben!“, keift seine Frau ihn an. Luise würde sich am liebsten die Ohren zuhalten. Sie will nichts von diesem Streit wissen und versteht durch die dünne Wand doch jedes einzelne Wort.
Und auch wieder nicht. Denn was ein Bordell ist, weiß sie nicht so genau. Sie hat erst ein einziges Mal etwas darüber gehört. Im Waschhaus hat eine Magd erzählt, dass ihr Dienstherr aus so einem Haus in Butzbach abgeholt werden musste, als der Jahrmarkt vorbei war. Weil er seine Rechnung nicht mehr bezahlen konnte.
„Was tun die Männer dort?“, hatte Luise die Rosa leise gefragt, „ist es sehr teuer?“
„Ja weißt du denn nicht, wo die kleinen Kinder herkommen?“, kreischte diese laut los.
Sie wäre am liebsten im Boden versunken. Dabei konnte sie sich einiges zusammenreimen. Im Stall hatte sie oft genug gesehen wie der Eber über die Sauen herfiel, wenn man ihn aus seinem Gatter herausließ. Und sie wusste auch, dass man eine Kuh zum Stier bringen musste, damit sie ein Kalb bekam. Warum aber ein Bauer, der daheim schon ein halbes Dutzend hungrige Mäuler zu stopfen hat, aus freien Stücken zu einer fremden Frau ging, verstand sie nicht.
„Bist halt noch zu jung für solche Sachen. Frag deine Mutter“, erklärte ihr Rosa herablassend, „solange sie ihren Alten noch ranlässt, braucht er keine Huren.“
„Was geht es dich an, was ich geschäftlich zu tun habe?“, hört sie Schneider jetzt nebenan seine Frau anherrschen.
„Geschäftlich nennst du das also!“, giftet Margarethe zurück, „geschäftlich! Vor unserer Hochzeit hast du versprochen, dass du nicht mehr hingehst. Nie mehr in deinem ganzen Leben!“
„Und wenn schon?“, erwidert Schneider ruhig, „willst du mir etwa vorschreiben, wie ich mein Geld zu verdienen habe?“
„Mit Saufen und Herumhuren? Bringt dir das etwas ein?“
„Du willst es also wirklich wissen“, seine Stimme klingt kalt, „also gut: Ich habe heute früh den Handel besiegelt und der Hecht ein Mädchen abgenommen. Viel habe ich nicht zahlen müssen. Die Elisa ist schon zwanzig und hier nicht mehr viel wert. Aber in Amerika kann ich ein hübsches Sümmchen mit ihr machen.“
„Elisa? Elisa aus Nieder-Weisel meinst du? Wegen der warst du im Bordell?“
„Musste sie halt erst ausprobieren.“
„Du hast dein Lebtag genug ausprobiert, vor allem mit der Elisa! Und dieses Dreckstück kommt jetzt mit uns nach Amerika?“
„Es ist meine verdammte Pflicht“, Schneider spricht langsam und mit kaltem Zorn, „für mein Weib und meine Familie zu sorgen. Und du als meine Ehefrau hast mir beizustehen. So hast du es vor unserem Herrn versprochen. Also hör auf zu zänken und kümmere dich um die Mädchen. In ein paar Tagen sind unsere Reisepapiere fertig.“
Margarethe antwortet nicht. Nach ein paar Augenblicken fragt Schneider schmeichelnd und sanft: „Was hast du eigentlich in dem Paket da mitgebracht? Zeigst du mir, was du den Mädchen gekauft hast?“
Das sei Frauensache und ginge ihn überhaupt nichts an, gibt sie mürrisch zurück.
Er müsse das Paket nicht einmal auspacken, fährt Schneider voll falscher Freundlichkeit fort. Es sei ihm ohnehin klar, was seine verehrte Gattin ausgesucht habe: schon wieder ein neues Kleid für sich selbst. Und vielleicht noch ein buntes Tuch. „Während die Mädchen so zerlumpt herumlaufen, dass sie jedermann auffallen. Wer soll mir denn glauben, dass sie in Amerika in Stellung gehen? Jede Bettlerin hat besseres Zeug am Leib.“
„Dann gibst du mir eben noch einmal zehn Gulden“, erwidert Margarethe eingeschnappt, „du hast ja scheinbar genug.“
Schneider spricht jetzt so leise, dass Luise ihr Ohr dicht an die Wand pressen muss, um ihn zu verstehen.
„Wenn ich Geld zu verschenken habe, dann sage mir doch bitte, wo es versteckt ist. Die Auslösung für Elisa, die Reisekosten für alle … ich bin froh, wenn meine Ersparnisse dafür reichen.“
„Und wer hat sich in Langenhain aufgeführt wie ein reicher Mann?“, fragt Margarethe, „wer hat ein halbes Vermögen am Kartentisch verspielt?“
Als Luise von nebenan ein Klatschen und Rumpeln hört, fährt sie erschrocken von der Wand zurück. Dann beginnt die Frau leise zu schluchzen, und Schneider flüstert etwas, das sie nicht versteht.
Später verändern sich die Geräusche. Ein Murmeln, ein blödes Stöhnen und Ruckeln beginnt. Man könnte glauben, dass der Mann in der Nachbarkammer seine Frau verprügelt.
Endlich erwacht der kleine Christopher und beginnt zu greinen. Auch Anna schlägt jetzt die Augen auf. Tesi hat die ganze Zeit regungslos vor sich hin gestarrt, als sei sie blind und taub.
Bis zum Abend bleiben sie in der Kammer eingeschlossen. Die Luft ist zum Schneiden, als Margarethe ihnen endlich einen Teller Suppe hineinreicht. Ihre Augen sind blutunterlaufen.
Bald nach dem Essen strecken sich Anna und Tesi wieder gähnend aus. Auch Luise fühlt sich träge. Sie tritt noch einmal ans Fenster und starrt in den Abend hinaus. Von der Elbe steigt jetzt jene Kühle auf, nach der sie sich den ganzen Tag gesehnt hat. Immer wieder beschlagen die Glasscheiben, muss sie sich ein neues Guckloch freiwischen. Als es dunkel wird, tastet sie nach ihrem Bündel, kramt das große Wolltuch hervor und legt es sich um die Schultern.
Ihre Reise hat erst begonnen. Aber schon jetzt ist sie weiter weg von der Heimat als Vater und Mutter es in ihrem ganzen Leben waren.
Andere im Dorf haben schon früher versucht, ihr Glück in der Fremde zu machen. Nicht wenige sind mit viel Geld in den Taschen zurückgekommen. Ihre Eltern aber sind immer in ihrem Dorf geblieben. Die Großmutter hat einmal erzählt, wie schrecklich das Leben dort früher war. Die ganze Wetterau litt unter einer Hungersnot, als ihr Sohn noch ganz klein war. In einem fernen Land war ein Vulkan ausgebrochen, und danach verdunkelten schwarze Wolken den Himmel. Der Sommer fiel aus, Kälte und Nässe verdarben die Ernte.
Wie ein dunkler Schatten hat sich dieses Elend über das Leben von Balthasar und Margarethe Ludwig gelegt, hat sie zu harten und missmutigen Menschen heranwachsen lassen. Er war schon fünfundzwanzig und sie noch zwei Jahre älter, als sie miteinander vor dem Traualtar standen. Seither hatten sie kein anderes Ziel, als sich selbst und ihre Kinder satt zu bekommen und es im Winter warm zu haben. Doch nicht einmal das war möglich, ohne sich beim Oheim zu verschulden.
Luises Schultern straffen sich: Damit ist es jetzt vorbei. Die fünfhundert Gulden, die der Vater vom Schneider bekommen hat, werden die schlimmsten Lasten vom Hof nehmen. Und sie, die stets nur ein nutzloses Mädchen war, hat dem Vater diese schwindelerregende Summe eingebracht.
Bald wird sie ein Dampfschiff nach England besteigen. Von dort aus geht es weiter nach Amerika. In der Gartenlaube hat sie gelesen, dass viele Mädchen dort höhere Schulen besuchen und neuerdings sogar studieren können.
Vielleicht wäre das etwas für Dora, denkt sie. Die kleine Schwester soll es mal besser haben. In drei Jahren wird sie konfirmiert und kommt aus der Schule. Vielleicht erlauben die Eltern dann, dass Dora mit ihr nach Amerika kommt.
Die Wasserfläche kräuselt sich leicht. Am Anleger schwanken hunderte Mastbäume im Wind. Luise ruckelt so lange an einem Fensterflügel, bis dieser sich quietschend öffnen lässt und kühle Luft in die Kammer strömt. Es stinkt nach Kloake, Ruß und Teer.
Hat sich der Lehrer vorgestellt, dass sie darüber etwas aufschreibt, ihre Reiseeindrücke notiert? Aber ist das nicht alles längst geschehen? Was könnte ein einfaches Bauernmädchen wie sie erleben, was nicht schon von bedeutenden Schriftstellern zu Papier gebracht wurde?
Später wehen andere Düfte herüber. Für einen Moment ist ihr, als ginge sie daheim an einer Backstube vorbei. Es riecht nach geröstetem Korn, gedörrten Früchten, frisch gemähtem Heu und anderen, fremden Aromen. Ob das Gewürze aus fernen Ländern sind: Zimt, Muskatnuss, Anis? Oder Kaffee?
Von dem dunkelbraun schimmernden Getränk hat sie erst ein einziges Mal gekostet. Als der Vater mit ihr in der Stube des Bürgermeisters saß, um den Kontrakt mit Schneider abzuschließen, trug dessen Gattin eine Kanne davon auf. Luise kam sich plötzlich sehr erwachsen vor. Kaffeebohnen, so belehrte sie der Bürgermeister, seien heutzutage so kostbar wie Gold: Sie würden in fernen Ländern geerntet, auf Schiffen um die halbe Welt gebracht und erst in Deutschland sorgfältig geröstet.
„Bei euch Mädchen läuft es ja umgekehrt“, fügte er hinzu, zwinkerte Schneider zu und begann schallend zu lachen. Luise ließ sich nicht anmerken, dass sie den Witz nicht verstand.
Anna und Tesi wälzen sich unruhig. Eine Gestalt schält sich aus der Decke und tritt neben Luise ans Fenster.
„Kannst du auch nicht schlafen?“, fragt Anna.
„Mir ist immer noch schwindelig“, lügt Luise.
„Ach das“, raunt Anna verständig, „das kommt von der Eisenbahn. Du gewöhnst dich dran. Wenn du erst seekrank bist …“
„Ist es schlimm?“, fragt Luise erschrocken.
„Beim ersten Mal glaubst du, du stirbst. Aber ein paar Tage später ist dir wieder ganz wohl.“
„Du warst schon mal fort?“
„Auf Kuba. In Havanna.“
„Wenn du dich auskennst …“, unwillkürlich senkt Luise ihre Stimme, „vielleicht kannst du mir helfen.“
„Worum geht es denn?“ Anna wirkt skeptisch.
„Ich möchte einen Brief in die Heimat schicken.“
„Wozu das denn? Du bist doch gerade erst fort. Schreib den Eltern lieber eine Nachricht, wenn wir in Amerika angekommen sind.“
„Nicht an die Eltern. An meine Schwester, die Dora. Ich habe ihr nicht Lebwohl sagen können.“
„Also, wenn es unbedingt sein muss“, gibt Anna etwas gelangweilt zurück, „du brauchst einen Stift, ein Blatt Papier und einen Umschlag. Das konntest du dir ja wohl denken. Wenn du einen Brief abschicken willst, musst du im Postamt dafür bezahlen, ich weiß nicht genau wie viel. Frag einfach dort … es ist nicht weit von hier. Wenn Schneider dich nochmal raus lässt.“
„Ich weiß nicht“, zögert Luise, „soll ich ihn darum bitten?“
„Besser nicht“, antwortet Anna mitleidlos.
„Ich würde den Brief an den Lehrer schicken“, überlegt Luise weiter, „dann bemerkt der Vater ihn nicht. Schulmeister Faber hilft mir bestimmt und gibt ihn der Dora.“
„Ach der“, schnaubt Anna verächtlich.
Beklommen lenkt Luise das Gespräch in eine andere Richtung.
„Du warst auf Kuba?“, fragt sie scheu, „ist das weit weg?“
„So ähnlich wie Amerika. Als ich von daheim fort bin, waren die Bäume schon fast kahl. Zu Weihnachten sind wir auf Kuba angekommen.“
„Hat es dir dort gefallen?“
„Und wie! Es ist das ganze Jahr über Sommer. Überall wachsen Palmen, und es gibt breite Straßen und prachtvolle Paläste. Wie ich es mir in Paris vorstelle.“
„Du warst als Tanzmädchen vermietet?“, Luise zögert, „ist der Dienst schwer?“
Anna kichert. „Dienst? So kann man es auch nennen. Es ist eine verkehrte Welt: Sechs Mal in der Woche ist Feiertag. Du musst dich nur putzen und zum Tanz gehen.“
Luise zieht das Wolltuch etwas fester um ihre Schultern und reibt ihre Arme. Sie war erst einmal in ihrem Leben auf einem Tanzvergnügen, mit der Mutter in Ober-Mörlen. Es war scheußlich. Den ganzen Nachmittag saß sie in dem halbleeren, riesigen Saal und wartete darauf, dass sie ein Bursche auf die Tanzfläche führte. Aber nichts dergleichen geschah. Es waren fast nur Mädchen gekommen.
„Wo hast du die Schritte und Drehungen gelernt? Hat es dir jemand beigebracht?“, fragt sie.
„Darauf kommt es nicht an. Die Männer bezahlen dafür, dass sie uns anfassen und mit sich herumschwenken dürfen.“
„Sind auch Neger dabei?“
„Niemals!“, antwortet Anna empört, „alle Schwarzen sind Sklaven. Sie dürfen in die Tanzlokale gar nicht hinein.“
„Und die weißen Männer? Trinken sie viel?“
„Klar. Alle. Bier, und natürlich Rum.“
„Hast du davon gekostet?“
„Erst denkst du, das Zeug verbrennt dir die Kehle, aber dann schmeckt es ganz gut. Es heißt, sie machen auf Kuba den besten Rum der Welt.“
„Und wenn die Männer betrunken sind? Werden sie grob?“
Anna antwortet nicht sofort.
„Sag es!“, drängt Luise.
„Wenn es dir nicht gefällt, wie einer dich anpackt, kannst du dem Wirt Bescheid geben. Kannst aber auch einen Peso extra nehmen und in dein Strumpfband stecken.“
Aus der Dunkelheit meldet sich Tesi mit einer kläglichen Stimme:
„Könnt ihr still sein? Ich mag jetzt schlafen!“
„Ist schon gut!“, sagt Anna mütterlich, „morgen erlebst du was Schönes!“ Im Bett rückt sie gnädig eine Handbreit beiseite, um Luise Platz zu machen.
Vor den Augen der anderen Mädchen mag sie den Abendsegen nicht sprechen. Mit dem Rücken zu Anna legt sich Luise an den äußersten Rand des Lagers und zieht ihre Knie so weit zu sich heran, dass sie über den Bettkasten hinausragen.
Schon am Mittag hat sie den ziehenden Schmerz im Bauch bemerkt, und jetzt wird es immer schlimmer. Sie presst ihre Lippen aufeinander, damit Anna und Tesi sie nicht stöhnen hören.
Verstohlen schiebt sie ihr Hemd hoch, legt einen Finger zwischen die Beine und schnuppert daran: Es riecht nach Eisen. Bald wird das Blut in Schwällen aus ihr herausströmen, das Laken verschmutzen und zu braunen Bröckchen in ihrem Hemd gerinnen.
Leise richtet sie sich noch einmal auf, greift nach ihrem Bündel, kramt die Tücher heraus, die sie von der Mutter bekommen hat, und legt sie sich zwischen die Beine.
Klumpig und hart wird der Stoff werden und tagsüber bei jedem Schritt ihre Oberschenkel aufscheuern. Doch was soll sie machen? Sie kann nicht wie die Mägde einfach ohne Unterzeug laufen und sich breitbeinig hinstellen, damit alles aus ihr herausläuft.
Tränen laufen ihr über das Gesicht. Sie hat so gehofft, dass diese rotbraune Schweinerei endlich aufhört, wenn sie erst aus Langenhain fort ist.
Viertes Kapitel
Was könnte Luise ihrer kleinen Schwester später von der Überfahrt nach Amerika erzählen? Von einer Schiffspassage, die anfangs vor allem aus Warten bestand und später aus noch Schlimmerem?
Zum versprochenen Einkaufsausflug zum Jungfernstieg kam es nie. Nach langen Tagen in ihrer Herberge gingen sie in Hamburg endlich an Bord eines Dampfers nach England.
Es nieselt, als sie im Hafen in den Schiffsbauch hinuntersteigen, und bei ihrer Ankunft in Kingston upon Hull regnet es immer noch. Von der endlosen grauen Wasserfläche, die sie auf der Harlequin überqueren, sieht Luise nicht viel.
Nur Schneider darf in Hull von Bord und in die Stadt gehen. Margarethe und die Mädchen müssen auf dem Schiff bleiben und eine weitere Nacht in ihren engen und unbequemen Kojen verbringen. Erst am nächsten Vormittag werden sie über einen wackeligen Steg an Land und sofort zu einem Bahnhof geführt. Dort wartet schon der Zug nach Liverpool.
Schneider hat für seine Reisegruppe Passagen auf der City of New York erworben. Während der Eisenbahnfahrt hört Margarethe nicht auf, lauthals damit zu prahlen: „Wir reisen mit einem hochmodernen Dampfsegler, der extra für Übersee-Passagiere gebaut wurde! In nur zwei Wochen können wir in Amerika sein!“ Alle wissen, dass die ausgedienten Frachtsegler, die neuerdings als Auswandererschiffe dienen, mehr als doppelt so lange brauchen.
Im Hafen von Liverpool bahnt ihnen ein Agent den Weg durch eine beängstigende Menschenmenge zur City of New York. Das prachtvolle, neue Schiff ist in den oberen Etagen verschwenderisch mit eleganten Deckskabinen, Salons und Speisesälen ausgestattet. Doch diese sind allein für die feinen Herrschaften bestimmt, die sich eine Überfahrt in der ersten oder zweiten Klasse leisten können. Die Schneiders müssen mit Hunderten weiterer Passagiere sofort ins Zwischendeck des gigantischen Dreimasters hinabsteigen. In der Mitte des kargen, stählernen Saals wird ein Wall aus Kisten und Koffern errichtet. An seinen Längsseiten reihen sich dreigeschossige Stockbetten auf.
Hier ist es von Anfang an laut, eng und dreckig. Es stinkt nach altem Schweiß, menschlichen Ausdünstungen und Urin. Einmal am Tag wird ein warmes Essen ausgeteilt. Die Passagiere müssen den widerwärtigen Eintopf, der von der Decke herabgelassen wird, stehend an einem Tisch hinunterschlingen. Stets muss es schnell gehen, denn die nächsten Hungrigen warten schon darauf, sich die nur flüchtig ausgewischten Blechnäpfe zu füllen.
Sehnsüchtig starrt Luise schon kurz nach dem Ablegen zu der Luke über der Treppe hinauf, die nur bei sehr schönem Wetter geöffnet wird. Dann kann sie ein Stück vom Himmel sehen und ihre Lungen mit frischer, salziger Luft vollsaugen.
Im letzten Moment vor der Abfahrt in Hamburg ist Elisa zu ihnen an Bord gekommen. Ein dunkel gekleideter Mann hat sie zum Schiffsanleger gebracht und ohne viele Worte an Schneider übergeben.
Eine Hure sei die Neue, hat Margarethe den Mädchen zuvor eingeschärft, sie sollten sie besser meiden. Ihr Mann habe sich verpflichtet, das dreckige Luder mit nach Amerika zu nehmen, aber dort werde man sie schnell wieder loswerden. Mit weit aufgerissenen Augen berichtete Anna von den Huren, die auf Kuba frei herumliefen. Grell geschminkt und ordinär gekleidet gingen sie sogar in den Tanzsalons von Havanna ein und aus.
Umso überraschter war Luise, als ihr Elisa das erste Mal gegenüberstand: Die Zwanzigjährige sah aus wie ein ganz normales Landmädchen. Zwei lustige Augen blitzten unter der braven Haube auf, als sie ihr scheu die Hand reichte. Und schon bald war ihr dieses Mädchen so lieb und vertraut wie kein anderes zuvor. Dass sie angeblich gefallen war und eine Sünderin, vergaß sie einfach schnell wieder.
Vor dem Ablegen in Liverpool hatte die Schneiderin die vier Mädchen noch einmal um sich geschart und ihnen erklärt, worauf sie bei einer Atlantiküberquerung zu achten hätten.
„Ihr wisst ja, dass eine Seefahrt sehr gefährlich sein kann“, begann sie mit einem grausamen Lächeln, „deshalb merkt euch die wichtigste Seemannsregel: Frauen und Kinder werde als Erste gerettet!“
„Und wie geht das?“, fragte Luise erschrocken.
„Wir haben als Erste Anspruch auf einen Platz in einem Rettungsboot“, Margarethe seufzte theatralisch „aber wir sollten uns nicht darauf verlassen. Als vor zehn Jahren die Arctic in Seenot geriet …“
„Es muss schrecklich gewesen sein“, fiel ihr Anna altklug ins Wort, „das Schiff war auf derselben Route unterwegs wie wir jetzt und ist auf hoher See mit einem Frachter zusammengestoßen.“
„Es ist leck geschlagen und untergegangen“, bestätigte Margarethe düster, „über 400 Menschen waren an Bord. Kaum hundert von ihnen wurden gerettet.“
„Und das waren die Frauen und Kinder?“, fragte Luise beklommen.
„Eben nicht. Es gab viel zu wenige Rettungsboote. Die Kräftigsten und Schnellsten haben sich die Plätze gesichert: Die meisten waren Matrosen.“
„Alle anderen sind ertrunken?“
Margarethe nickte: „So etwas passiert leider immer wieder. Erst vor kurzem ist die Austria auf hoher See abgebrannt. Die meisten Menschen an Bord waren Auswanderer.“ Sie blickte die Mädchen scharf an: „Deshalb ist es streng verboten, an Bord Feuer zu machen! Auch wenn ihr andere erwischt, die sich an einem Öfchen wärmen oder ein Essen kochen wollen, schlagt gefälligst sofort Alarm!“ Schneiders Ehefrau lehnte sich zurück und kräuselte befriedigt ihre Lippen, während die Mädchen folgsam und verängstigt mit den Köpfen nickten.
Soll Luise ihrer kleinen Schwester etwa später erzählen, wie sie unter Deck ihre Notdurft verrichten muss? In dem ekelhaften, nach oben offenen Verschlag heben Frauen gleichzeitig ihre Röcke wie Männer die Hosen herunterlassen. Ihr ist elend vor Scham, wenn sie diesen Ort aufsuchen muss. Jedes Mal hofft sie vergeblich, dort allein zu sein. Der Fußboden ist so mit Kot und Urin beschmiert, dass man ausrutscht, wenn das Schiff ein bisschen schwankt. Nur bei spiegelglatter See klettert ein Schiffsjunge mit einem Eimer Wasser zu ihnen hinunter, um die Latrine mit angeekelter Miene notdürftig zu säubern. Luise ist nicht zimperlich. Sie hat auf dem Hof ihres Vaters jeden Tag den Mist von Kühen und Schweinen weggeschaufelt. Aber so schlimm hat sie sich eine Schiffsreise nicht vorgestellt.
Anfangs sitzt sie mit Elisa stumm in ihrer Koje und klammert ihr Bündel fest. Margarethe hat den Mädchen eingeschärft, stets wachsam zu sein: Vor Langfingern sei man hier nirgendwo sicher. Doch bald merkt sie, dass die begierigen Blicke der vielen jungen Männer eher ihrem Körper als ihren wenigen Habseligkeiten gelten. Im trüben Licht einer Tranlampe wagt sie es schließlich, ihr Bündel aufzuschnüren und Elisa die darin verborgenen Schätze zu zeigen.
„Das ist ja wunderbar!“, ihre neue Freundin klatscht beim Anblick des Albums und der Schachtel mit Stiften vor Freude in die Hände, „damit können wir amerikanisch lernen!“
Luise sieht sie verwundert an.
„Na, wir gehen herum und fragen alle, welche amerikanischen Wörter sie kennen. Die schreibst du in das Album und wir lernen sie auswendig.“
Luise zögert. Sie ist so oft ermahnt worden, niemals mit Fremden zu sprechen. Schneider hat ihnen ausdrücklich verboten, nur ein einziges Wort mit Unbekannten zu wechseln. Aber Elisa ist sofort Feuer und Flamme. Sie steigt über Kisten und Bündel, klappert das gesamte Zwischendeck ab, um möglichst vielen Leuten ihre Fragen in die Ohren zu brüllen.
Die meisten schütteln nur verständnislos ihre Köpfe. Die jungen Iren oder Italiener grinsen zwar breit, wenn Elisa auf sie zusteuert. Aber dann verstehen sie nicht, was das Mädchen von ihnen will. Mit den Deutschen im Zwischendeck kann sie sich zwar besser verständigen, aber die meisten können selbst kein Wort Amerikanisch.
„Wenn man reich genug wäre, um auf dem Kabinendeck zu reisen, wäre es viel leichter“, seufzt sie einmal, „dort gibt es sehr feine Herrschaften. Manche haben ihre eigene Bibliothek dabei, haben Fremdsprachen gelernt. Sie würden uns bestimmt helfen.“
Am Ende bekommen sie kaum eine Seite mit den Wörtern voll: Brot heißt auf amerikanisch „Bred“, Milch wird „Milk“ genannt und Zucker „Schugger“. Die Buchstaben, die Luise in dem dunklen und schwankenden Schiffsbauch zu Papier bringt, sehen zudem ziemlich krakelig aus. Sie hat ihre Handschrift kaum noch geübt, seit sie nicht mehr zur Schule geht.
„Hast du die beiden Fräuleins gesehen?“, fragt Elisa sie einmal, „sie haben mir erzählt, dass sie in Österreich geboren sind.“
„Reisen sie denn ganz alleine?“, staunt Luise.
„Angeblich schon“, kichert Elisa, „aber manchmal kommt der Schiffsjunge sie holen. Die Offiziere dort oben verlangen wohl nach jungen Damen …“
Luise schlägt beschämt ihre Augen nieder.
„Sie müssen sich wahrscheinlich die Überfahrt verdienen“, überlegt Elisa. Als sie das Unbehagen in Luises Gesicht bemerkt, schlägt sie sich erschrocken die Hand vor den Mund und kommt schnell auf etwas Anderes zu sprechen: Sie hat im Zwischendeck eine ältere Dame aus Preußen kennengelernt, die zu ihrem Sohn nach Amerika reist. Diese habe ihr anvertraut, dass sie fürs Leben gern lese. In ihrem Reisegepäck habe sie sogar einige Ausgaben der Gartenlaube dabei.
„Das ist doch die Zeitschrift, die du so gern hast?“, fragt sie, „ich bitte sie einfach, uns ein Exemplar zu borgen.“
„Das wäre wunderschön!“, seufzt Luise sehnsüchtig.
Sofort macht Elisa sich auf den Weg. Als sie zurückkehrt hält sie das Heft unter ihrem Rock verborgen.
„Liest du mir daraus vor?“, bettelt sie die Jüngere an wie ein kleines Kind, „du kannst es viel besser als ich!“
Sobald etwas Licht ins Zwischendeck fällt, kauern sich die Mädchen auf die steile Treppe unter der Luke und stecken ihre Köpfe zusammen. Jede einzelne Geschichte aus der Gartenlaube liest Luise ihrer Freundin vor. Sogar ein Stück aus einem Roman. Er heißt Almenrausch und Edelweiß, spielt in den bayerischen Alpen und ist wunderschön.
Anna und Tesi hocken derweilen bei der Schneiderin, starren stumpf ins Dämmerlicht des Zwischendecks oder schäkern mit dem kleinen Christopher.
Margarethe bemüht sich kaum, ihre Abneigung gegen das Mädchen aus Nieder-Weisel zu verhehlen. Kalt und vorwurfsvoll blickt sie herüber, wenn Elisa und Luise miteinander tuscheln und kichern.
Fünftes Kapitel
Zeitweise tobt ein so heftiger Sturm, schaukelt der Schiffsboden so schlimm, dass Luise nicht mehr weiß, was schlimmer ist: Ihre Furcht, dass der riesige Dampfsegler mit der nächsten Woge auseinanderbersten und untergehen könnte oder die Vorstellung, dass es immer so weitergeht. Leichenblass und stöhnend liegt sie auf ihrer Koje. In ihrem Bauch ist längst nichts mehr, was sie noch auf den glitschigen Schiffsboden speien könnte. Dennoch krampft sich ihr Magen immer wieder schmerzhaft zusammen, und es treibt ihr den kalten Schweiß auf die Stirn. Ab und zu wirft sie einen Blick zu Elisas Koje hinab, die sich dort ebenfalls wimmernd den Bauch hält. Alle Farbe ist aus ihrem Gesicht gewichen.
Wenn der Sturm sich legt und das Schaukeln aufhört, erholen sich die meisten Seekranken wieder, kauen trockenes Brot und trinken die fettige Brühe, die als Tee gereicht wird. Nur einige Mitreisende bleiben krank, leiden an Fieber und Schmerzen, reden wirres Zeug oder phantasieren von der Sonne am Himmel.
Luise weiß, was geschieht, wenn auch der Schiffsarzt einer solchen armen Seele nicht mehr helfen kann: Nach ihrem letzten Atemzug werden die Bedauernswerten in Sackleinen eingenäht, auf ein Brett gelegt und von den Seeleuten ins Meer geworfen.
Heimlich wünscht sie sich so ein grausiges Ende manchmal sogar herbei: Etwa für den alten Mann, der ganz in ihrer Nähe vor sich hin stöhnt. Jedes Mal, wenn sie an seiner Koje vorbeigeht, richtet er sich ruckartig auf, zeigt mit einem dürren Finger auf sie und kräht mit aufgerissenen Augen: „Da ist meine Marie! Du Luder, hier treffe ich dich wieder!“
Jeden Abend bittet Luise ihren Herrn um Schutz und um Vergebung für ihre sündigen Gedanken. Oft fügt sie, nachdem sie die Lutherworte gemurmelt hat, auch noch eine oder zwei persönliche Bitten hinzu: Dass sie wohlbehalten in Amerika ankommen! Und dass Elisa zum Glauben zurückfindet!
Manchmal holen die irischen Burschen ihre Geigen und Flöten hervor und singen mit harten Stimmen Lieder aus ihrer Heimat. Einige wirbeln dazu mit den Füßen wild auf dem eisernen Schiffsboden herum, während ihre Oberkörper stocksteif aufgerichtet bleiben.
Luise und Elisa können sich an diesen Tänzen kaum sattsehen. Die Männer machen überdies so viel Krach, dass niemand um sie herum verstehen kann, was sie sich gegenseitig ins Ohr rufen. Einmal erzählt Luise mitten in diesem Lärm, wie sehr sie sich nach Dora in Langenhain sehnt.
„Du bist genau wie meine große Schwester!“, brüllt Elisa zurück.
„Wieso das denn?“
„Weil du dich so um sie sorgst. Wenn Katharina mit mir nach Australien gegangen wäre … Alles wäre anders gekommen.“
Und dann erzählt Elisa ihre ganze Geschichte.
Als Zweitjüngste von fünf Kindern ist sie in Nieder-Weisel geboren, kaum zwei Wegstunden von Langenhain entfernt. Ihr Vater hatte als Tagelöhner keinen Hof und kein eigenes Vieh. Im Sommer verdingte er sich als Straßenarbeiter an der Chaussee. Sein kleines Fachwerkhaus hatte er längst verkauft, wohnte mit seiner Familie zur Miete in zwei winzigen Kammern, von denen man nur eine heizen konnte.
Es gab nie genug zu essen. Zur Schule durften die Kinder nur, wenn sie der Mutter nicht beim Beerenpflücken oder Holzsammeln helfen mussten.
Die drei ledigen Brüder des Vaters hatten dieses Elend schließlich satt und beschlossen, nach Australien zu gehen. Dort, so hieß es damals, könne jedermann Gold finden und reich werden. Ihr Fahrgeld mussten sie sich leihen. Sie würden es zurückzahlen, wenn sie es drüben zu etwas gebracht hätten.
„Mein Vater hat ihnen meine älteste Schwester mitgegeben, die Juliana“, schreit Elisa Luise ins Ohr, „kein Jahr später kam schon ein Brief von ihr: Dass sie in Victoria einen reichen Mann gefunden hat und in einem schönen Haus lebt. Wir Schwestern seien bei ihr jederzeit willkommen.“
„Warst du denn schon aus der Schule?“
„Ich war gerade fertig. Aber meine Eltern konnten nur für eine das Fahrgeld aufbringen. Da war natürlich erst einmal meine ältere Schwester Katharina dran. Ein Vetter hat sie mitgenommen.“
„Er ist auch nach Australien?“
„Die beiden kamen aber schon bald wieder zurück: Kein Mann, so haben sie erzählt, darf in Australien noch auf eigene Faust Gold schürfen. Man muss sich in einem Bergwerk verdingen, wo die Arbeit noch härter ist und kaum besser bezahlt als die eines Tagelöhners daheim. Mein Vetter wollte es dann lieber als Bauarbeiter in Frankfurt versuchen, wo man jedenfalls seine Sprache spricht.“
„Und deine Schwester?“
„Sie meinte, wir Mädchen hätten es in Australien leichter. Sie ist nur zurückgekommen, um von den Eltern Abschied zu nehmen und für immer auszuwandern. Und um mich mitzunehmen.“
Viele Monate mussten die beiden immer wieder zum Gericht im Butzbach laufen, bis sie endlich die Erlaubnis bekamen, das Großherzogtum Hessen zu verlassen. Elisa versuchte währenddessen als Dienstmagd unterzukommen, fragte auch in den Hotels und Gaststätten von Nauheim nach Arbeit. Aber niemand wollte das Kind eines Tagelöhners einstellen. Nur bei einem Flickschuster in Butzbach konnte sie ab und zu ein paar Kreuzer verdienen. Für die Schiffspassage nach Australien hätte es niemals gereicht. Ein Verwandter lieh ihnen schließlich das Geld, und so konnten sie endlich aufbrechen.
Doch kaum waren sie in Hamburg und hatten sich in einer Herberge am Hafen einquartiert, wurde Katharina sehr krank, lag nur noch im Bett und musste sich ständig übergeben. An eine Schiffsreise war nicht mehr zu denken. Der Arzt, den Elisa vom Gastwirt holen ließ, konnte auch nicht helfen. Er machte der heulenden und fluchenden Katharina klar, dass sie ein Kind erwartete und zwar schon bald.
Das bisschen Geld, das sie noch hatten, wurde Tag für Tag weniger. Völlig erschöpft schrieb die Schwester einen Brief an den Burschen in Nieder-Weisel, der sie manchmal zum Tanz ausgeführt hatte: Entweder er käme sofort nach Hamburg, um sie zur Frau zu nehmen. Oder sie werde ins Wasser gehen, denn davon gebe es dort mehr als genug.
Zwei Wochen später stand ein Mann namens Johann Seip in der Hamburger Gastwirtschaft und drehte verlegen seinen Hut in der Hand.
„Katharina wurde ganz schnell wieder gesund und ist mit ihm nach Nieder–Weisel zurück“, seufzt Elisa.
„Und du? Bist nicht mit in die Heimat?“
„Um nichts in der Welt wollte ich wieder zum Vater in dieses Drecksdorf! Meine Schwester hat mich angefleht, aber ich bin in Hamburg geblieben.“
In der Gaststube hatte sie nämlich ein feiner Herr angesprochen: Ob sie an einer Beschäftigung interessiert sei? Bei ihm, in seinem Weingeschäft? Er könne ein flinkes und ansehnliches Mädchen wie sie gut gebrauchen und biete ihr dafür guten Lohn, Kost und Logis.
„Ich war so froh, ich habe ihm alles geglaubt“, brüllt Elisa gegen den Lärm der Iren an, „ich habe gedacht, dass ich mir das Geld für eine neue Fahrkarte zusammensparen und doch noch zu Juliana nach Victoria fahren kann!“
„Und? Ist nichts daraus geworden?“
„Sein Haus sah zwar aus wie eine Gaststätte. Aber Geld konnten dort nur Mädchen verdienen, die mit den Gästen nach oben gingen. Die Kleidung, das Essen und so – man musste alles für furchtbar viel Geld bei der Wirtin kaufen.“
Luise wird heiß.
„Ich habe mich dran gewöhnt“, erzählt Elisa ungefragt weiter, „die Anderen haben mir gezeigt, wie es geht. Dass dir keiner ein Kind macht und so.“
„Und dann ist Schneider gekommen und hat dich dort herausgeholt?“, fragt Luise schnell. Sie will davon nichts hören.
„Er war weiß Gott nicht der Erste. Andere hatten mich auch gern. Sie haben meine Schulden bei der Wirtin bezahlt und mich mitgenommen: Nach Lübeck, Bremen, Lüneburg und dann wieder Hamburg. Zuletzt wollte einer sogar, dass ich mit ihm nach St. Petersburg gehe. Aber da kam vorher der Georg …“
Als sie seinen Namen ausspricht, wird Elisas Gesicht ganz weich. Als meine sie jemand Anderen als jenen verdreckten Kerl, der wenige Meter von ihnen entfernt in seiner Koje schnarcht: „Er hat es mir schon lange versprochen, dass er mit mir nach Amerika geht.“
„Du kanntest ihn aus der Heimat?“
„Nein. In Bremen haben wir uns kennengelernt. Er kam in die Wirtschaft, hat Karten gespielt und gefragt, ob er ein Mädchen mieten kann. Der Wirt hat ihn zu mir geschickt. Nach ein paar Worten wussten wir schon, dass wir beide aus der Wetterau sind. Die ganze Nacht haben wir miteinander erzählt.“
„Hat er dir auch gesagt, dass er in Langenhain verheiratet ist? Und dass er drei Kinder hat mit der Margarethe?“, fragt Luise erschrocken.
„Schon. Aber er ist nicht froh mit ihr. Sie ist eine herrische, böse Frau.“
Luise nickt: „Ich mag sie auch nicht.“
„Seit er mich geholt hat, hat sie Angst“, sagt Elisa und wirkt für einen Moment seltsam zufrieden, „jetzt ist sie nicht mehr so gemein zu ihm.“
Mit einem lauten Knall ihrer Stiefel auf den stählernen Schiffsboden beenden die Iren den Tanz. Die Mädchen schrecken zusammen und springen auf wie ertappt.
„New York!“, schreit jemand durch die Luke herunter, „Land in Sicht! Gott schütze uns!“
Alle springen auf, laufen aufgeregt im Zwischendeck hin und her, reden und lachen.
Luise hätte ihre Freundin gerne noch etwas gefragt: Ob sie auch einmal als Tanzmädchen verdingt war. Aber jetzt ist es dafür zu spät.
Sechstes Kapitel
Als die City of New York anlegt und der Schiffsboden zur Ruhe kommt, erwacht Schneider zu neuem Leben, erhebt sich aus seiner Koje und nimmt energisch die Führung seiner kleinen Reisegruppe in die Hand.
Zunächst heißt es erst einmal wieder Warten. Längst haben alle Reisenden ihre Koffer, Bündel und Körbe an sich genommen und drängen mit ihrem Hab und Gut zur Treppe nach oben. Die Luke bleibt geschlossen, bis alle Passagiere der ersten und zweiten Klasse von Bord gegangen sind. Der Anblick der verdreckten, stinkenden und erschöpften Gestalten, die den Atlantik im Zwischendeck überquert haben, bleibt diesen erspart.
„Ihr haltet euch an mich. Alle!“, schnauzt Schneider seine Frau und die Mädchen an, „wenn eine hier verloren geht, hat sie Schlimmes zu befürchten: Es gibt in Amerika skrupellose Mädchenhändler! Allein reisende Mädchen werden vom Zoll zurückgeschickt oder sofort ins Asyl gesperrt.“
Endlich wird die Luke knarrend geöffnet. Alles stürmt zum Tageslicht hinauf. Auf der Treppe wird es bedrohlich eng; Kisten und Koffer schlagen schmerzhaft gegen Luises Fesseln.
Oben bleibt sie für einen Moment wie geblendet stehen, greift nach Elisas Hand, holt tief Luft und schaut staunend zum Himmel. Wie ein freudiger Schreck durchfährt es sie: Sie ist in Amerika!
Nur flüchtig bemerkt sie, dass der alte Mann, der ihr an Bord so zuwider war, im Gedränge an ihr vorbeigeschoben wird. Er scheint wieder wohlauf, blickt aufgeregt und neugierig um sich. Eine junge Frau hält ihn untergehakt.
Am Kai müssen sie warten, bis das Tor eines riesigen, runden Festungsgebäudes geöffnet wird. Dann strömen sie in eine Halle, die bestimmt zehn Mal so groß ist wie die Kirche von Langenhain. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Ängstlich klammert sich Luise an Elisa fest. „Die Juden nennen dieses Ding hier Kesselgarten“, schreit diese ihr zu, „neuerdings muss jeder, der nach Amerika will, hier durch.“
Margarethe steht so dicht hinter ihnen, dass sie jedes Wort versteht. Sie wirft Elisa einen missbilligenden Blick zu: „Diese Einrichtung heißt, korrekt ausgedrückt, Castle Garden“, belehrt sie die Mädchen, „früher war es eine Festung. Jetzt dient sie unserem Schutz vor Betrügern.“ Ihren kleinen Sohn hält sie mit beiden Armen umfangen, als drohe jemand, ihr das Kind zu entreißen.
An den Wänden der riesigen Rotunde sind mehrere Reihen Balkone angebracht. Männer und Frauen sitzen auf Bänken hinter den Balustraden. Wahrscheinlich sind diese Plätze den Passagieren der teureren Schiffsklassen vorbehalten.
Unablässig werden die neu Angekommenen weiter durch die riesige Halle geschoben. Luise presst ihr Bündel mit einem Arm an ihren Leib, während sie sich mit der anderen Hand an Elisa klammert. Anna hat sich an ihrer Jacke festgekrallt und zieht Tesi am Handgelenk hinter sich her.
Endlich stehen sie vor dem Eingang zu einem dunklen Korridor. Noch einmal wendet sich Schneider zu ihnen um. Er schreit nach Leibeskräften, damit sie seine Ermahnungen verstehen: „Ihr haltet den Mund! Auch wenn euch jemand auf Deutsch anspricht: Antwortet nicht!“
Luise schwitzt. Die Menschen quetschen sich so eng aneinander, dass sie nicht einmal genug Platz hat, um eine fremde Hand von ihrem Hintern wegzuschieben. Der Gestank von all den ungewaschenen Reisenden ist ekelerregend.
Schneider hat sich zu einem vergitterten Schalter vorgearbeitet und gibt dort Auskunft über die Mitglieder seiner Reisegruppe. „Welchen Beruf er in der Heimat ausgeübt hat, woher wir kommen, wie alt wir sind – er muss alles genau angeben“, hat Margarethe ihnen noch auf dem Schiff erklärt und die Papiere, die er beim Grenzübergang vorlegen muss, aus ihrem Bündel gekramt.
Aufgeregt deutet Elisa auf einen Käfig, in dem Dutzende Männer und ein paar Frauen eingesperrt sind. Traurig starren die meisten zu Boden. „Die werden nicht durchgelassen, weil mit ihren Papieren etwas nicht stimmt“, schreit sie Luise ins Ohr, „sie müssen zurück.“
Endlich werden sie in die nächste Halle mit Marktständen weitergeschoben, die Droschkenfahrten und Quartiere feilbieten.
Am Abend holpern sie endlich durch die dunklen Häuserschluchten von New York. Mehrmals schiebt Luise den schäbigen Vorhang der Droschke beiseite und späht hinaus. Unzählige Männer und Frauen eilen durch die Gassen, und nur ab und zu erleuchtet eine Gaslaterne ihren Weg.
Erschöpft lässt sie ihren Kopf auf Elisas Schulter sinken.
Als ihr das Mädchen aus Nieder-Weisel einen Arm um die Schulter legt, kribbelt es ein bisschen in ihrem Bauch.
Siebtes Kapitel
Es beginnt mit einem gewaltigen Druck auf Luises Ohren. Schützend hebt sie ihre Hände zum Kopf, doch gegen das Pfeifen und Rauschen hilft das kaum. Schneider steht mit hochrotem Kopf in der Tür ihrer Kammer. Was er sagt, dringt wie aus weiter Ferne zu ihr vor.
„Schnapp dir deine Sachen! Und zwar ein bisschen plötzlich!“, schnauzt er Elisa an, „ich sag’s dir nicht zweimal.“
Luises Knie zittern. Wie durch einen Nebel nimmt sie wahr, dass Elisa leichenblass wird, aber kein Wort erwidert. Die Freundin, die sonst immer so fröhlich und lebhaft ist, beginnt still ihr Bündel zu packen.
Elisa muss fort.
Unentwegt kreisen dieselben drei Wörter durch ihren Kopf.
Anna und Tesi hocken im hintersten Winkel auf ihrem Schlaflager und klammern sich stumm aneinander.
„Nicht ohne mich“, hört Luise sich sagen, doch es klingt hohl, „wenn Elisa fort muss, gehe ich mit.“
„Soso!“, für einen Moment scheint Schneider überrascht, starrt Luise verärgert an, „was soll das denn werden? Du weißt schon, dass ich dein Vormund bin, als Stellvertreter für meinen Oheim Balthasar? Und dass du mir zu gehorchen hast?“
Es wird still in der kleinen Kammer.
„Der Vater würde es bestimmt erlauben“, gibt sie mit zitternder Stimme zurück, „in der Gaststube haben sie gesagt, dass wir Deutschen als Dienstmädchen in New York gern genommen werden. Ich bezahle natürlich alles zurück, was Ihr für mich ausgelegt habt.“ In der Schule hat sie zwar gelernt, dass man eine Respektsperson mit „Sie“ ansprechen soll und nicht mit dem volkstümlichen „Ihr“. Aber sie kann sich einfach nicht daran gewöhnen.
Wütend holt Schneider bereits zum Schlag aus, doch schon schiebt sich Elisa zwischen die beiden.
„Lass gut sein Luise“, wendet sie sich an die Freundin, „ist lieb von dir, aber keine gute Idee. Dort wo ich hinkomme, können sie dich nicht brauchen.“
Ihr Dienstherr lässt seine Faust sinken. Luise treten Tränen in die Augen.
„In Amerika ist Krieg“, teilt Schneider jetzt mit rauer Stimme mit. Als würde das alles erklären. Als hätten sie diesen Satz in den letzten Tagen nicht ständig gehört: Am kargen Frühstück in der Herberge ist angeblich der Krieg schuld, und daran, dass sie noch immer keine neuen Kleider haben, auch.
Schon als sie aus Castle Garden heraustraten, hat Luise die Uniformierten gesehen. Erst glaubte sie noch, dass die Musikkapelle auf der geschmückten Bühne einen Marsch zur Begrüßung aller Neuankömmlinge schmetterte. Doch dann verstand sie, dass die Reden, die dort zum Teil auf Deutsch gehalten wurden, einzig dem Zweck dienten, junge Einwanderer für die Armee anzuwerben.
„Tausende ziehen in diesen Tagen in die Schlacht gegen die Südstaaten. Da wird jedes Mädchen gebraucht. Hier in New York und draußen in den Garnisonen“, erklärt Schneider geschwollen. Elisa steht starr neben ihm und presst ihr Bündel vor die Brust.
„Worauf wartest du noch?“, fährt Schneider sie an, „sag deinen Kameradinnen Lebewohl. Aber bitte erspar mir eine große Flennerei. Wenn ich den Kutscher warten lasse, kostet das extra.“
Wenig später packt er das Mädchen am Arm und zerrt es zur Tür. Auf der Schwelle wendet Elisa sich ein letztes Mal um: „Leb wohl, Luise. Und gib auf dich Acht“, sagt sie traurig, „für dich ist es noch nicht zu spät.“
„Schluss mit dem Theater!“ Schon poltert Schneider mit ihr die Stiege hinab.
Vor dem Haus wartet Margarethe in einer Droschke auf ihren Mann und das Mädchen. Grimmig und triumphierend hält sie ihr Kinn nach vorne gereckt.
Wochenlang sitzen sie danach in ihrer schäbigen Herberge in New York fest. Schneider hat Anna, Luise und Tesi streng verboten, allein vor die Tür zu gehen. Für Mädchen in ihrem Alter sei die Straße viel zu gefährlich.
Luise würde das Haus sowieso nicht verlassen. Seit Elisa weg ist, liegt sie oft den ganzen Tag auf ihrem Lager. Nicht einmal die quälende Langeweile und das Schweigen unter den Mädchen stören sie noch. Nur nachts, wenn es dunkel ist und alle schlafen, flüstert sie leise ihr Gebet und wagt zu weinen.
Sie kann einfach nicht vergessen, was Elisa zuletzt gesagt hat: Dass sie Luise dort, wo sie hingeht, nicht brauchen kann. Und noch weniger kann sie es verstehen.
Nie zuvor hatte sie eine Freundin. Eine, mit der sie über alles reden konnte. Keine kleine Schwester, die sich in ihren Arm kuschelt wie ein junges Tier, sondern eine richtige Freundin.
Und jetzt ist sie einfach weg. Es schien ihr noch nicht einmal etwas auszumachen, sich von Luise zu trennen.
Jeden Vormittag macht Schneider sich auf den Weg zum Hafen, um gegen Mittag mit finsterem Gesicht und unverrichteter Dinge zurückzukehren.
„Dafür habe ich die teure Überfahrt nicht bezahlt“, schimpft er in der Gaststube und blickt finster in die Runde, „jeder Tag, an dem ihr hier unnütz herumsitzt, kostet mich eine Stange Geld!“
Viele Leute klagen darüber: Die Reise von New York nach Kalifornien ist schon immer ein aufwändiges und gefährliches Unternehmen gewesen. Aber in diesem Sommer 1863 ist es fast unmöglich, zur Westküste zu gelangen. Mit dem Planwagen quer durch den Kontinent zu kutschieren, wagt niemand mehr, seit sich die Armeen der amerikanischen Union und der Südstaaten an ständig wechselnden Fronten gegenüberstehen. Und die meisten Dampfschiffe, die noch vor Kurzem eine Passage auf dem Seeweg anboten, sind jetzt an die Marine verkauft oder verpachtet.
Annas Bauch schwillt währenddessen unübersehbar an. Schneider bekommt einen Tobsuchtsanfall, als er endlich bemerkt, was mit dem Mädchen los ist. „Dafür, dass du einen Balg mit dir herumschleppst, habe ich dich nicht gemietet!“, brüllt er, „das wird mir dein Vater büßen müssen, wenn ich wieder in Langenhain bin!“
„Er weiß es nicht. Er hätte mich weggejagt“, erwidert das Mädchen beschämt.
„Zurückverlangen werde ich mein Geld, bis auf den letzten Kreuzer!“, wütet Schneider weiter, „der kann sich auf etwas gefasst machen!“
Nach einem langen, brütenden Schweigen fragt er grimmig: „Und? Wann ist das gnädige Fräulein so weit?“
„In zwei Monaten oder drei.“ Anna wirkt zum ersten Mal niedergeschlagen.
„Dann wird‘s ja Zeit, dass wir hier wegkommen! Ich hoffe, das Gör krepiert schnell nach der Geburt. Kinder sind schlecht für unser Geschäft.“
„Georg, versündige dich nicht!“ Erschrocken greift Margarethe nach seinem Arm.
„Ist doch wahr“, knurrt er gereizt, „soll ich den Bastard auch noch durchfüttern? Wo wir unsere eigenen zwei in der Heimat lassen mussten?“
Niemand fragt, wer der Vater von Annas Kind ist, aber alle ahnen, dass sich der Landgänger Christoph Reuter an ihr vergangen hat. Ein verheirateter Mann, der mindestens doppelt so alt ist wie sie, und jetzt nichts mehr von ihr wissen will.
Mitte Juni klappt es schließlich doch.
Schneider ergattert eine Passage für fünf Personen auf einem ausgemusterten Frachtsegler, der sie nach Aspinwall bringen wird. Die Reederei hat ihm auch gleich Fahrkarten für die Panama Railroad verkauft, mit der man von dort aus den Dschungel durchquert. An der Pazifikküste müssen sie dann ein weiteres Schiff nach Kalifornien nehmen.
„Hat mich eine Stange Geld gekostet“, knurrt Schneider, „wird Zeit, dass ihr mir etwas einbringt.“
Es ist alles genauso wie auf der City of New York: die fürchterliche Enge im Zwischendeck, das ewige Rütteln und Schaukeln, das Geschrei der Kinder und das Stöhnen der Kranken, der Gestank und das eklige Essen. Zwei Wochen liegt Luise fast immer in ihrer Koje und fühlt sich kraftlos und leer.
Erst in Aspinwall erwachen ihre Lebensgeister wieder. Die Eisenbahn wartet dort schon auf sie. Die Panama Railroad führt ausschließlich Personenwagen der ersten und zweiten Klasse, und so nehmen sie auf fein polierten, lederbezogenen Holzbänken Platz. Aufgeregt presst Luise ihr Gesicht an das Fenster, dessen obere Hälfte wegen der Hitze ständig geöffnet bleibt.
Vier Stunden lang stampft die Bahn durch den tropischen Urwald. Das Dickicht links und rechts der Schienen wirkt manchmal so undurchdringlich wie eine Mauer. Palmen, riesige Farne, bärtige Äste und Büsche mit fleischigen Blättern gleiten vorbei. Manchmal sind die üppig wuchernden Bäume und Sträucher mit Blüten und Früchten in grellen Farben zum Greifen nah. Ab und zu wischt ein Ast sogar in ihr Abteil.
Einmal fahren sie über eine Lichtung, auf der Eingeborene siedeln. Die Hütten stehen auf hohen Stelzen. Federvieh pickt darunter herum, Schweine und Ziegen liegen träge im Schatten. Mitten im Urwald kommt der Zug schnaufend zum Stehen. Halbnackte, rotbraune Menschen drängen sich vor den Fenstern, verkaufen Bananenbrot, Kokosmilch und andere Speisen. Ganz in der Nähe brüllen wilde Tiere im Dschungel.
Später breiten sich links und rechts der Bahnstrecke Sümpfe aus. „Wenn ihr die Augen aufsperrt, könnt ihr vielleicht Krokodile sehen“, erklärt Margarethe den Mädchen. Tausende Arbeiter seien beim Bau der Eisenbahnstrecke zu Tode gekommen, die meisten durch Malaria, Gelbfieber oder Cholera.
Von Panama City sieht Luise nur die Straße, die vom Bahnhof zum Hafen hinab führt. Zweigeschossige Holzhäuser reihen sich daran auf. Menschen mit ganz verschiedenen Hautfarben bestürmen die Reisenden, bieten Essen, Getränke und sogar lebende Waschbären, Affen oder Papageien zum Kauf feil.
Ein Fremdenführer bringt sie zu einer Wartehalle am Wasser. Es ist unerträglich heiß. Luise hat Durst, aber Margarethe hat streng verboten, etwas von dem Wasser zu trinken, das fliegende Händler anbieten. Insekten umschwirren ihr Gesicht.
Erschöpft lässt sie ihren Kopf hängen. Drei Monate sind sie jetzt unterwegs. Noch zwölf Mal so lang, denkt sie, dann kann sie endlich wieder nach Hause.
Auf dem Dampfsegler St. Louis geht es schließlich weiter nach San Francisco. Anna ist inzwischen dick wie eine Tonne. Tesi sitzt fast immer neben ihr, hält ihre Hand und starrt sie angsterfüllt an. Margarethe wendet sich nur noch mit kurzen Befehlen an ihren Gatten. An Bord gibt es zwar nicht viel für Schneider zu tun. Umso mehr kann sie ihm verbieten: Das Trinken, das Kartenspielen, das Lachen und Singen mit anderen Reisenden soll er gefälligst unterlassen.
Dichter Nebel liegt über dem Hafen, als sie endlich in San Francisco ankommen. In einer Mietkutsche holpern sie eine steile, sandige Straße hinauf. Für Luise sieht diese Stadt wie eine einzige Ansammlung von trostlosen Bretterbuden und dreckigen Fahrwegen aus.
„Vieles ist hier erst im Aufbau“, erklärt Margarethe, als sie die entsetzten Blicke der Mädchen bemerkt, „vor ein paar Jahren hausten viele Leute noch in Zelten.“
In der Nacht beginnt es zu regnen. Wasser rinnt an den Holzwänden der Herberge herab. Luise liegt lange wach. Ihr geht nicht aus dem Kopf, was sie auf dem Schiff gehört hat: Dass in dieser Stadt überall tote Tiere auf den Straßen liegen und mehr Ratten als Menschen leben.
Schneider ist, kaum haben sie ihr Gepäck abgestellt, aus dem Gasthaus verschwunden. Er bleibt drei Tage und Nächte fort. Irgendwo muss es in San Francisco auch große Steinhäuser, Spielcasinos, Tanzpaläste und elegante Magazine geben. Dort geht er wohl seinen Geschäften nach.
Achtes Kapitel
Seit vielen Wochen hat Faber die Klassenstube nicht mehr betreten. Verbrauchte Luft schlägt ihm muffig entgegen, als er die Tür öffnet. Von der Decke hängen graue Trauben aus Staub und Spinnweben.
Die Standuhr tickt längst nicht mehr. Er wird sie aufziehen müssen, bevor die Schule wieder beginnt. Bald werden sich wieder fast vierzig Kinder in dem kleinen Raum drängen und Kuhdung, Schweinemist und noch Schlimmeres ausdünsten.
Erschöpft werden sie sein nach der monatelangen Plackerei auf den Feldern. Wenn es draußen erst kalt wird und er den Kanonenofen einheizen muss, werden sie reihenweise auf den Schulbänken einschlafen. Und spätestens im Januar oder Februar so blass und schwach aussehen, dass man als Mensch, dem noch ein Herz in der Brust schlägt, froh ist über jedes Kind, das den Winter überlebt.
Ein Dutzend Sechsjähriger ist in diesem Frühjahr neu in die Schule gekommen. Ihre strahlenden, wissbegierigen Augen brachten frischen Glanz in die düstere Klassenstube, und am ersten Tag trugen sie noch stolz ihren Sonntagsstaat. Doch schon bald liefen sie wieder in den abgewetzten und vielfach geflickten Sachen herum, die Faber schon von ihren Geschwistern kannte. Heinrich, Johann, Margarethe, Elisabeth. Es fällt ihm schwer, sich die ewig gleichen Vornamen für immer wieder andere Kinder zu merken.
Um an das einzige Fenster im Raum zu gelangen, muss er sein Pult beiseite rücken. Mit beiden Händen ergreift er die mit Leder bespannte Schreibplatte und versucht das Möbelstück zu bewegen. Es ist schwerer als erwartet. Plötzlich gibt etwas unter seinen Händen nach: Er kann den Deckel anheben und vom Pult lösen. Vorsichtig stellt er ihn beiseite und starrt in das oberste Schubfach. Schulhefte, Kreiden, zusammengeknülltes Papier und noch einiges mehr hat sich darin angesammelt. Er sieht einen Brieföffner, den er schon lange vermisst hat, ein paar Knöpfe, eine Steinschleuder und ein schmuddeliges Taschentuch.
Am hinteren Ende der Lade entdeckt er einen sauber getischlerten, schmalen Kasten, den er noch nie vorher bemerkt hat. Ein Geheimfach! Behutsam schwenkt er einen schmalen Deckel beiseite. Vor ihm liegt eine ordentlich verschnürte, staubige Papierrolle. Mehr nicht.
Faber nimmt das Papier in die Hand, löst den Knoten und streicht die wenigen, brüchigen Blätter auf einem Schülerpult glatt. Der Hessische Landbote steht auf der ersten Seite. Er weiß: Die berüchtigte Flugschrift wurde vor Jahrzehnten verfasst und verbreitet. Doch er hat sie noch nie mit eigenen Augen gesehen.
Darmstadt, im Juli 1834, liest er. Fast dreißig Jahre ist das Papier also alt. Faber war damals zwölf Jahre alt und besuchte die Knabenschule in Butzbach. Dass Friedrich Ludwig Weidig, der Konrektor dieses Institutes, dieses Pamphlet gemeinsam mit dem jungen Schriftsteller Georg Büchner verfasste, wusste damals noch niemand.
Den Pädagogen mit den sanften Gesichtszügen hat er einige Male über den Schulhof gehen sehen, aber Unterricht hatte er bei Weidig nie. Ihm hätten sie es zu verdanken, so erzählte ihm ein Klassenkamerad mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Spott, dass auf ihrem Stundenplan täglich Leibesübungen standen.
Der Konrektor verschwand kurz danach aus der Schule. Versetzt, munkelte man erst, und dann: verhaftet. Später hieß es, Weidig habe sich im Gefängnis das Leben genommen.
Was aber hat diese Flugschrift im Lehrerpult von Langenhain-Ziegenberg zu suchen? Hat Fabers Vorgänger sie etwa dort versteckt? Fragen kann er den alten Schulmeister nicht mehr: Er liegt längst auf dem Kirchhof begraben.
Eine Weile starrt Faber unschlüssig auf das Papier. „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“, steht in der Mitte der ersten Seite. Den Lesern wird ausdrücklich geraten, die Schrift sorgfältig vor der Polizei zu verbergen.
1834 war Faber natürlich noch viel zu jung, um sich für Politik zu interessieren. Für den Sohn eines Schuhmachers war es schon etwas Besonderes, dass er eine höhere Schule besuchen durfte. 1848, vierzehn Jahre später, kam die deutsche Revolution für ihn wiederum etwas zu spät. Als in Frankfurt und Gießen hunderte Studenten durch die Straßen zogen, war er bereits Lehrer und hatte dem Großherzogtum Hessen seine Treue geschworen.
Vorsichtig rollt er das Dokument wieder zusammen, wickelt die Schnur darum und legt es zurück in das Geheimfach. Was soll er auch sonst damit tun? In seiner privaten Stube im Obergeschoss will er das Papier nicht herumliegen lassen. Nicht umsonst sind viele der 48er-Revolutionäre aus Deutschland geflohen und müssen noch immer mit empfindlichen Strafen rechnen.
Auf Fabers Stirn haben sich Schweißperlen gebildet. Die staubige Luft kitzelt in seiner Nase. Höchste Zeit, endlich das Fenster aufzureißen. Fluchend rüttelt und zerrt er an den morschen Holzrahmen, bis diese ächzend nachgeben. Schwülwarme Luft strömt herein. Vorsichtig, um sein Hemd nicht zu beschmutzen, beugt er sich über die Brüstung und schaut die Hauptgasse hinunter. Kein Mensch ist um diese heiße Mittagsstunde draußen. Nur eine Postkutsche kriecht mühselig zum Schulhaus hinauf und kommt direkt davor zum Stehen.
Fliegenschwärme umkreisen die Köpfe der beiden schwitzenden Pferde, während der Kutscher wie tot auf seinem Bock hängt. Er bringe Post, knurrt er den Lehrer an, als dieser aus dem Haus tritt: Wie jede Woche die Gartenlaube. Diesmal habe er auch einen Brief.
Überrascht nimmt Faber den Umschlag entgegen. Die ordentliche Schülerinnenhandschrift lässt sein Herz sofort schneller schlagen: Ist es etwa ein Brief von Luise? Er wurde in Hamburg zur Post gegeben, soviel kann er am Stempel erkennen. Ist das Mädchen denn schon zurück aus Amerika? Oder ist Luise nie aus der Hafenstadt abgereist?
Erst oben in seiner Stube wagt er es, das Kuvert zu öffnen. Drei dünne, gefaltete Blätter fallen heraus. Nur auf einem steht sein Name.
Sehr verehrter Herr Schullehrer,
die Bleistifte leisten mir gute Dienste, jetzt wo wir in Amerika sind. Wir sind gut in Kalifornien angekommen. In New York mussten wir lange auf ein Schiff warten, weil in Amerika Krieg ist.
Ich gebe diesen Brief einem Mann in unserem Wirtshaus mit, der morgen in die Heimat aufbricht. In Bremen oder Hamburg soll er den Brief zum Postamt bringen. Ich bitte Euch von Herzen. Gebt die beiden anderen Blätter an meine Eltern und an meine Schwester. Aber an Dora nur, wenn sie in der Schule ist.
Viele Grüße von Luise
Die beiden Zeilen darunter sehen so aus, als hätte das Mädchen sie im letzten Augenblick noch dazugekritzelt.
Und wenn Ihr Post von einer Elisa Hildebrandt bekommt, bitte ich höflich darum. Hebt den Brief auf, auch wenn er schlecht geschrieben ist.
Der Lehrer dreht das Blatt mehrmals um, als müssten irgendwo noch ein paar weitere Worte verborgen sein. Besondere Worte, die ihm allein gelten.
Luise. Das schlaksige Mädchen geht ihm nicht aus dem Kopf, seitdem er in der Schulstube von ihr Abschied genommen hat. Wochenlang hat er sich nach dieser letzten Begegnung Vorwürfe gemacht: Wie konnte er sich so vergessen? Niemals hätte er wagen dürfen, die Siebzehnjährige in seine Arme zu schließen!
Anfangs befürchtete er jeden Tag, der Bauer Ludwig könnte vor dem Schulhaus erscheinen, um ihn zu verprügeln und aus dem Dorf zu jagen. Weil er es gewagt hat, sich an seinem Töchterchen zu vergreifen. Doch nichts dergleichen geschah.
So schön war Luise an diesem Sonntagnachmittag gewesen! Hoffnungsfroh kam sie ihm vor und zugleich aufgewühlt und verängstigt. Kein Kind mehr, keine Schülerin, sondern ein richtiges Fräulein mit einem lustigen Grübchen im Kinn. Eine wie sie hätte Faber sich gerne zur Frau genommen. Früher, als er noch jung war. Inzwischen war es zu spät.
Warum hatte er sich bloß in den Kopf gesetzt, ihr ein Abschiedsgeschenk mitzugeben? Nachdem er im Wirtshaus gehört hatte, dass sie fortgehen würde, konnte er an nichts anderes mehr denken. Zwei Mal war er unter dem Vorwand, seine alten Eltern zu besuchen, nach Schulschluss nach Butzbach gelaufen, war stundenlang durch die Gassen des Städtchens gestreift und hatte die Auslagen der Ladengeschäfte betrachtet. Doch er konnte sich zu nichts entschließen.
Seiner ehemaligen Schülerin Wäsche zu schenken, kam ihm unpassend vor. Und ein Buch? Ein moderner Liebesroman durfte es natürlich nicht sein. Etwas Klassisches, ein Werk von Goethe oder Schiller? Das erschien ihm zu altväterlich.
Schließlich entdeckte er bei einem Buchbinder das Album und die Stifte. Das war es! Ein noch ungeschriebenes Buch, dessen Seiten sie mit ihren eigenen Erlebnissen und Eindrücken füllen könnte!
Luise hatte sich sichtlich darüber gefreut.
Inzwischen ist ihm nicht mehr so recht wohl bei der Sache, denn sein Geschenk bezeugt seine unpassende Zuneigung zu dem Mädchen.
Es wäre besser, die ganze Geschichte schnell zu vergessen. Doch die Sehnsucht, die das Mädchen entflammt hat, brennt noch immer in ihm.
Es weiß, dass es sich nicht gehört, auch die beiden anderen Briefe zu lesen. Aber er ist ganz allein in seiner Stube. Vorsichtig faltet er das zweite Blatt auseinander.
Lieber Herr Vater und liebe Mutter,
wie geht es Euch? Mir geht es gut. Wir sind glücklich und gesund in Amerika angekommen. Von Hamburg nach New York ging es schnell, aber nach Kalifornien war es weit. Einmal hatten wir Sturm und ich war seekrank. Aber der Herr hat mich behütet.
Der Schneider ist ein guter Dienstherr. Bald reisen wir zu den Goldminen. Schneider sagt, die Arbeiter warten dort schon auf uns.
Bitte grüßt die Geschwister und den Oheim recht herzlich von mir und vergesst mich nicht.
Viele Grüße Luise
Behutsam streicht der Lehrer über das Papier. Es fühlt sich so warm und lebendig an, als hätte Luise den Bleistift gerade erst aus der Hand gelegt. Dann nimmt er das dritte Blatt mit dem längsten Brief in die Hand.
Liebe Dora
hoffentlich bist du nicht mehr böse mit mir, weil ich fort bin. Ich konnte dir nicht Lebewohl sagen, weil du auf dem Acker warst. Die Mutter hat dir bestimmt erzählt, dass ich nach Amerika in den Dienst gehe und in drei Jahren wiederkomme. Ich hoffe, du hast nicht zu viel Arbeit im Stall und auf dem Feld, seit ich weg bin und nicht mehr mithelfen kann. Vor allem wenn zu Michaelis die Schule wieder anfängt.
Ich weiß, du magst das Lernen nicht, aber lass dir von deiner großen Schwester etwas sagen. Bitte lerne soviel du kannst. Wenn du erst einmal ins Land gehst, kannst du alles gebrauchen. Ich war bis jetzt die meiste Zeit auf dem Schiff oder in einem Gasthaus. Aber alle sagen, es ist in Amerika besser als daheim. Ein Mädchen kann sich viel mehr aussuchen. Ob sie in Stellung geht oder heiratet. Junge Burschen gibt es genug. Und Frauen können viel mehr Berufe als Dienstmagd machen.
Am besten du fängst schon in der Schule mit der englischen Sprache an. Viele Leute sprechen es hier. Frag den Schulmeister, ob er ein Wörterbuch hat und dir beim Lernen helfen kann.
Weißt du noch, wie wir die Wiesen zum Fluss heruntergekugelt sind bis uns schlecht wurde?
Erzähle dem Vater nichts von meinem Brief. Wenn du mit der Schule fertig und konfirmiert bist, komme ich zurück. Vielleicht habe ich dann schon einen guten Mann mit einem schönen Haus in Amerika. Und du kannst mit mir gehen.
Viele liebe Grüße von Luise
Der Lehrer liest alle drei Briefe mehrmals durch. Dann weiß er, was er zu tun hat.
Er nimmt seine Jacke vom Haken, um dem Bauern Ludwig seine Post zu bringen. Sicher warten die Eltern schon lange auf Nachricht vom Töchterchen. Den Brief an Dora steckt er in das Geheimfach in seinem Pult.
Morgen früh wird er die erste Postkutsche nach Friedberg nehmen. Er erinnert sich noch genau an die Buchhandlung, in der er als junger Seminarist so oft war. Bestimmt kann er dort ein Lehrbuch für die englische Sprache kaufen.
Es wird jedenfalls nicht so weit kommen, dass die rotznäsige kleine Schwester von Luise danach verlangt, eine Sprache zu lernen, in der er nicht einmal „Guten Tag“ sagen kann.
II
Im Goldgräberland
Neuntes bis vierzehntes Kapitel
August bis Oktober 1863
Neuntes Kapitel
Für ein paar Minuten sind sie mit Köberer allein im Saloon. Der düstere Gastraum, der nur von ein paar Öllampen beleuchtet wird, ist eigentlich nicht mehr als ein grob gezimmerter Bretterverschlag. In einigen Wochen wird er bereits wieder leer stehen. Kalter Wind wird dann über den Tanzboden in der Mitte des Raumes pfeifen und Schnee wird durch die Löcher im Dach herabrieseln. Wenn es Winter wird in den Bergen rund um den Lake Tahoe, bleibt kaum jemand freiwillig im Goldgräbergebiet.
Der Abend beginnt mit einem schrillen Quäken, Stöhnen, Pfeifen und Klingeln aus Köberers tragbarer Drehorgel. Luise kennt die fünf oder sechs Melodien, die er aus dem schwarzen Kasten herausleiert, längst auswendig. Schon vor dem ersten Ton weiß sie, welches Stück als nächstes erklingen wird.
Und doch erwacht mit dieser Musik für einen kurzen Moment wieder die Sehnsucht in ihr. Wie damals, in den Gassen von Langenhain, träumt sie von Amerika. Von einem Land, in dem sie in Wirklichkeit längst angekommen ist.
Kaum eine Woche waren sie in San Francisco, da saß Köberer schon beim Schneider in der Gaststube. Luise konnte den Alten mit dem schütteren Haar und der speckigen Jacke von Anfang an nicht leiden. Nichts an ihm sah so blendend schön aus, wie sie sich das Leben in Kalifornien vorgestellt hatte.
„Er ist ein Mädchenhalter“, zischte Anna ihr zu, bevor sie zu ihm an den Tisch geschoben wurde, „streng dich ein bisschen an!“
Sie lächelte brav zur Begrüßung, aber dann rutschten ihre Mundwinkel wieder nach unten. Köberer schien es egal. Die Wahl zwischen Luise und der blassen, verstockten Tesi fiel ihm nicht schwer. Und Anna, die kurz vor der Niederkunft stand, hatte Schneider ihm gar nicht erst angeboten.
Was ein Mädchenhalter ist, wusste Luise in San Francisco noch nicht so genau. Doch sie war froh, dass sie nicht mehr nutzlos mit den Schneiders in der Herberge herumhocken musste.
Inzwischen hat sie gelernt, welchem Geschäft diese Männer nachgehen: Sie nennen sich Musikanten, aber in Wirklichkeit können sie nur eine Drehorgel bedienen. Ihr Geld verdienen sie damit, deutsche Mädchen in den Saloons der Goldgräberstädtchen zum Tanzen und Trinken zu vermieten. Hurdy Gurdy Girls nennt man sie hier, weil sie anfangs zur Musik von Drehleiern durch das Goldgräberland zogen. Die Arbeiter, die den ganzen Sommer über in den Minen schuften, verzehren sich regelrecht nach einem weiblichen Wesen und sind bereit, einen oder sogar zwei Vierteldollar für jeden Tanz zu bezahlen.
Sobald die ersten Töne nach draußen dringen, strömen Burschen herein. Schon seit einiger Zeit lungern sie auf der staubigen Hauptstraße herum, warten nur auf diesen Moment. Ihre erste Runde müssen die Mädchen in ihren bauschigen Röcken allein auf dem Tanzboden drehen und sich von allen Seiten begutachten lassen. Erst danach nimmt der Wirt Bestellungen für Tänze und Drinks entgegen.
Noch nie war Luise so wunderschön angezogen. Ihr Kleid ist aus einem schimmernden dunkelgrünen Stoff, wenn auch etwas zu klein: Das Oberteil endet weit oberhalb ihres Bauchnabels. Der Rock, der über der nach oben verrutschten Taille in unzähligen Falten aufspringt, reicht nur ein kleines Stück über ihre Knie. Und die schwarze Miederjacke schnürt sie besser nicht enger zusammen: Sie spannt ohnehin über der Brust und kneift unter den Armen.
Sie weiß ja, dass sie nicht die Erste ist, die diese Sachen trägt. Jeden Tag näht sie ein paar Knöpfe wieder an, flickt Nähte und stopft Löcher, damit ihr die ganze Pracht nicht in Fetzen vom Leib blättert.
Billiger Tand, würde die Mutter schimpfen: Solche Kleider taugten nicht dazu, eine Frau für alle Festtage ihres Lebens auszustatten. Aber die Bäuerin Ludwig ist daheim in der Wetterau, und Luise mag ihr Tanzkostüm sehr. Wie schön wäre es, wenn Elisa sie einmal so fein herausgeputzt sehen könnte!
Die Schnürstiefel, die sie vom Köberer bekommen hat, sind leider auch etwas eng. Selbst wenn sie die Senkel nur locker bindet, drückt das Leder schmerzhaft auf ihren Spann, stößt sie sich jeden Abend die Fußspitzen blutig. Es nützt auch nicht viel, sich die Stofftücher, die an einigen Tagen des Monats ganz anderen Zwecken dienen, um die Zehen zu wickeln. Immerhin ist das Schuhwerk so robust, dass sie es kaum spürt, wenn ihr ein Bursche auf die Füße tritt.
Schnell füllt sich der Saloon mit dem Lärm und den Ausdünstungen Dutzender Männer. Den ganzen Tag haben sie in Felsen und im Dreck herumgepickelt oder im eiskalten Flusswasser gestanden. Jetzt stinken sie nach Schweiß und Schlimmerem.
Anfangs hat sich Luise vor diesen Kerlen mit ihren langen Bärten und den wilden Mienen gefürchtet.
„Was ist los?“, hat Köberer sie nach dem ersten Abend angeschnauzt, „was ziehst du dauernd für eine sauertöpfische Miene? Glaubst du, dass die Burschen das mögen? Die wollen mit dir ihren Spaß haben. Nur dafür zahlen sie!“ Luise wurde rot und antwortete nicht.
„Soll ich dich wieder zum Schneider bringen? Und mein Geld zurückverlangen, weil du nichts taugst?“, schimpfte Köberer weiter.
Bitte nicht, flehte sie stumm. Nicht jetzt, wo Anna in diesem Zustand war oder ein gerade erst geborenes Kind in den Armen hielt. Schneider würde sie bestimmt halbtot schlagen, wenn sie vor dem Ende der Saison nach San Francisco zurückkäme.
„Du kannst froh sein, dass der Georg dich so spät im Jahr noch vermietet hat“, hat Margarethe ihr zum Abschied zugezischt, „ist jedenfalls besser, als dich in eine Hafenspelunke zu geben.“
Da übt sie lieber zu lächeln. Mit dem kleinen, fast blinden Spiegel vom Waschtrog hockt sie tagsüber auf einem Balken hinter dem Haus. Stundenlang probt sie ihre Mundwinkel weit nach oben zu ziehen, bis ihr ein Grinsen gelingt, das einen ganzen Tanzabend lang wie festgefroren in ihrem Gesicht sitzen kann.
Wenn sie nach fünfzig, sechzig oder noch mehr Tanzrunden endlich auf ihr Schlaflager auf dem Dachboden sinkt, weicht die Grimasse wie von selbst aus ihrem Gesicht. Ihre Füße schmerzen, die Beine sind dick, die Augen brennen von dem beißenden Qualm im Saloon. Ihre Haut juckt, ihre Ohren sind wie taub von dem ständigen Lärm und sie will einfach nur schlafen.
Von den drei anderen Mädchen auf ihrem Lager weiß sie nicht viel mehr als die Vornamen: Marie, Elisabeth, Mathilde. Zwei sind Schwestern, gleichen sich mit ihren blonden Zöpfen und den schlichten, bäurischen Gesichtern wie Zwillinge. Die Dritte, Mathilde, ist ein hoch aufgeschossenes, dunkelhaariges Mädchen mit groben Gliedmaßen und Gesichtszügen. Sie ist die Einzige, die es wagt, dem Köberer seine Hand wegzuschlagen, wenn er ihren Hintern zu tätscheln versucht. Leider hat sie die abstoßende Gewohnheit, nach jedem Satz geräuschvoll ihre Spucke hochzuholen und ihren Mund hasserfüllt in die Breite zu ziehen.
Alle vier Mädchen stammen aus hessischen Bauerndörfern und sprechen denselben Dialekt. Luise versteht jedes Wort von den anderen und mag trotzdem nicht mit ihnen schwatzen.
Am Morgen bleibt sie so lange wie möglich liegen. Unten im Saloon erwartet sie doch nur der kalte Rauch vom Vorabend und die fade Grütze, die der Wirt ihnen hinstellt. Und manchmal Köberer. Wenn er den Vormittag über nicht schnarchend im Planwagen liegt, versucht er, sie anzutatschen, oder befiehlt ihr herrisch, den Tanzboden zu schrubben.
Erst gegen Mittag stiehlt sie sich deshalb nach unten, setzt sich in die milde Spätsommersonne auf den Hinterhof und stichelt stumm an ihrer Kleidung herum. Oft hocken die anderen Mädchen schon dort, lachen und schwatzen vertraut miteinander und bemerken Luise kaum.
Was geschieht, wenn eine mit einem Burschen im Hinterzimmer des Saloons verschwindet, will sie lieber nicht wissen. Mit leeren und gleichgültigen Gesichtern kehren sie danach auf den Tanzboden zurück, während die Männer blöde grinsend in die tiefschwarze Nacht hinaus stolpern.
Einmal hat Luise heimlich einen Blick in diesen Verschlag geworfen. Sie hat darin nur ein zerwühltes Lager erblickt und einen schäbigen Hocker, auf dem eine Schüssel mit grauem Wasser stand.
Nur noch ein paar Wochen, sagt sie sich jeden Abend nach dem Gebet. Dann bringt Köberer sie zurück nach San Francisco. Er hat es versprochen.
Wenn sie morgens die Augen aufschlägt, denkt sie als Erstes an Dora. An die Brüder, an die Tiere im Stall, den Vater, die Mutter und die Großmutter. Manchmal grübelt sie auch darüber nach, wohin es Elisa inzwischen verschlagen hat. Wie schön war es doch, als sie noch zusammen waren!
Sogar nach dem schäbigen Schlaflager, das sie mit Anna und Tesi geteilt hat, sehnt sie sich jetzt manchmal.
Zehntes Kapitel
Seelenruhig nestelt Mathilde zwei Vierteldollarmünzen aus ihrem Strumpfband und lässt sie in ihrem Bündel verschwinden.
„Woher hast du das Geld?“, fragt Luise und reibt sich erstaunt die Augen. Sie ist gerade erst aufgewacht.
„Woher wohl?“, die Andere grinst schief, „kannst du dir doch denken. Bekommen habe ich es.“
„Von Gästen? Und musst es nicht beim Köberer abgeben?“
Mathilde sieht sie verächtlich an: „Sag mal, wie lang bist du schon in Kalifornien?“
„Erst diesen Sommer sind wir in San Francisco angekommen.“
„Verstehe! Dann bist du zum ersten Mal hier oben. Musst wohl noch einiges lernen.“
Luises wird warm. Ihre Wangen glühen.
„Also, Lektion Nummer eins,“ beginnt Mathilde herablassend, „ich erklär es dir auch nur, weil du uns sonst das Geschäft versaust: Wenn du mit einem nach hinten gehst, muss er dafür einen oder zwei Dollar beim Wirt bezahlen. Im Voraus. Klar?“
Luise nickt. Ihr Herz schlägt bis zum Hals. Sie weiß, worum es geht. Glaub bloß nicht, dass Männer dafür immer ins Bordell gehen müssen, hat Elisa einmal gesagt. Es gibt überall welche, die es für Geld machen.
„Lektion Nummer zwei“, fährt Mathilde unwirsch fort, „wenn er mit dir allein ist, muss er dir zusätzlich mindestens einen Vierteldollar geben. Oder mehr, wenn er Extras will. Du lässt ihn erst ran, wenn er geblecht hat, klar? Das Geld kannst du dir in dein Strumpfband stecken. Oder sonst wohin.“
„Und was sagt Köberer dazu?“, Luise versucht, sich ihre Unbedarftheit nicht anmerken zu lassen, „Er bekommt es doch bestimmt mit!“
„Natürlich“, schnaubt Mathilde, „aber er ist ja nicht blöd. Er kann sich denken, dass wir es nicht umsonst machen.“
„Und was ist, wenn der Sheriff davon erfährt?“
„Ha!“, geräuschvoll zieht Mathilde ihre Spucke hoch, „was soll er schon machen? Was glaubst du, warum der so häufig im Saloon herumhängt? Etwa um uns zu kontrollieren?“ Sie holt Luft: „Natürlich weiß jeder, dass die Tanzerei im Saloon verboten ist. Wer dabei erwischt wird, muss ins Gefängnis. Das gilt für den Mädchenhalter, den Gastwirt und sogar für uns Mädchen.“ Sie wirft Luise einen gehässigen Blick zu: „Aber du hörst das ja anscheinend zum ersten Mal. Ist vielleicht auch besser, wenn du weiter so tust, als wärst du die Unschuld vom Lande. Manchen Männern scheint es ja zu gefallen.“
Unvermittelt springt sie auf und poltert die Treppe in den Gastraum hinunter, als habe sie dort etwas Wichtiges zu erledigen.
Luise geht die Frage von nun an nicht mehr aus dem Kopf: Wie kann sie etwas eigenes Geld verdienen? Sie wird es brauchen, wenn sie eines Tages Dora nach Amerika holt. In ihrem Kontrakt steht, dass sie 50 Gulden pro Jahr zusätzlich bekommen kann, wenn sie folgsam und fleißig ist. Aber was bedeutet das?
Sie tanzt mit jedem, der danach verlangt, eine Runde, hat sich dem Dienstherren noch nie widersetzt. Aber sie ist nicht so naiv, zu glauben, dass Köberer sie allein dafür extra entlohnen wird.
„Wenn dir ein Kerl eine Münze zusteckt, gib sie mir,“ hat er ihr gleich zu Anfang befohlen, „die Burschen blechen beim Wirt. Für alles. Glaub nicht, dass du deine Dollars irgendwo verstecken kannst. Das lockt nur Langfinger an.“
„Wenn ich ein Trinkgeld bekomme, bewahrt ihr es für mich auf?“, fragte sie eifrig.
„Natürlich nach Abzug aller Kosten,“ knurrte er.
Luise nickte verständig. Aber im Stillen fragte sie sich, was der Mädchenhalter meinte. Für ihr Essen, die Unterkunft, die Kleidung und die Reisen hatte Schneider aufzukommen, so stand es im Kontrakt.
Ihr Album hat sie kaum mehr angerührt, seit sie mit Elisa zusammen auf der City of New York englische Wörter gesammelt hat. Jetzt kramt sie das Büchlein hervor, schlägt es auf, nimmt einen Stift zur Hand und beginnt Zahlenreihen untereinander zu schreiben.
Die vier hessischen Mädchen, so rechnet sie aus, bringen es an einem Tanzabend im Saloon auf etwa einhundert Dollar. Von diesem Verdienst zieht der Wirt bestimmt etwas für sich selbst ab, und das nicht nur für Kost und Logis. Zusätzlich verdient er an den Drinks, die sich seine Gäste genehmigen und den Tänzerinnen spendieren müssen.
Was übrig bleibt, bekommt Köberer, der von seinen Einnahmen wiederum etwas an Schneider abgeben muss. Aber was verdienen die Mädchen selbst damit, dass sie sich von all den Kerlen anfassen und im Kreis herumschwenken lassen? Plötzlich kommt ihr der Mietpreis, den der Vater für sie bekommt, nicht mehr so märchenhaft hoch vor.
Ein Mädchen kann in einer Saison etwa zweieinhalbtausend Dollar einbringen, rechnet Luise weiter, wenn es an hundert Abenden im Saloon tanzt. Ziemlich viel, selbst wenn man alle Kosten für die Reise, die Kleidung, ihre Unterkunft, das Essen, den Wirt und den Mädchenhalter davon abzieht. Ein amerikanischer Dollar, das hat ihr Elisa auf der Überfahrt in Erfahrung gebracht, ist etwa soviel wert wie in der Heimat zwei Gulden.
Was aber geschieht mit diesen Schwindel erregenden Beträgen? Solange Luise auch mit dem Bleistift an den Zahlenkolonnen entlangfährt, sie findet es nicht heraus.
Weder Köberer noch die Gastwirte, bei denen sie bisher abgestiegen sind, wirkten besonders reich. Ihre Häuser sind schäbig, das Essen fade, und kaum einer hat eine Frau.
Elftes Kapitel
„Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde!“ Bevor sie ihre Augen schließt, haucht sie spät in der Nacht noch die Lutherworte.
Vielleicht ist es schon geschehen, denkt sie jetzt oft: Vielleicht dient sie bereits einem bösen Feind und nicht mehr Gott, ihrem Herrn.
Sie weiß, dass viele Burschen mehr von ihr wollen als nur tanzen. Sie versteht die unausgesprochene Frage genau, wenn einer beharrlich auf die Tür zum Hinterzimmer starrt und seine Hände an ihrem Körper herabwandern lässt. Dann reißt sie sich los und schüttelt zornig den Kopf. Und schämt sich zugleich dafür, dass sie die Männer zu solchen sündigen Wünschen verleitet.
Ihr beharrlicher Widerstand und die Furcht, die hinter dem starren Lächeln aufblitzt, scheinen deren Begehren aber noch zu steigern. Sie prügeln sich fast darum, ihre Dollars für einen Tanz mit Luise auszugeben und wollen ihr anschließend viele Drinks spendieren.
Wie schnell hat ein Mädchen seine Unschuld verloren und ist für immer verdorben! Fast jeden Sonntag hat der Pfarrer in Langenhain auf der Kanzel davor gewarnt. Seine Predigten hat sie damals oft nicht richtig verstanden. Aber mit verdorbenem Fleisch oder Gemüse kennt sie sich aus: Man darf es nicht einmal mehr an die Schweine verfüttern, sondern muss es gleich auf den Misthaufen werfen.
Zum Glück ist das hellgelbe Zeug, das der Wirt ihnen in kostbaren Kelchen aus dünnem Glas serviert, kein echter Schaumwein, sondern nur kalter, verdünnter Tee. Luise kann viele Gläser davon trinken ohne schwindelig zu werden.
In der Heimat hat sie oft gesehen, wie es Leuten ergeht, die zu viel Bier oder Branntwein in sich hineinlaufen lassen: Irgendwann liegen sie mit dem Gesicht im Dreck.
Und keiner hilft ihnen auf.
Zwölftes Kapitel
Jemand rüttelt an ihrer Schulter. Sie blinzelt unwillig. Ihr Kopf schmerzt, und es ist viel zu hell. Durch ein Loch im Dach fällt ein Sonnenstrahl und blendet sie.
Für einen Moment weiß sie nicht, wo sie ist.
Dann fällt ihr wieder ein, was Köberer am Abend angekündigt hat: Heute reisen sie weiter. Es sei an der Zeit für einen anderen Saloon in einer anderen Goldgräberstadt. Die Männer gäben mehr Geld aus, wenn man ihnen immer wieder frische Mädchen anböte. „Die sollen ruhig weiter daran glauben, dass sie eine von euch erobern können“, hat er mit einem schmierigen Grinsen zum Wirt gesagt.
„Aufwachen! Und zwar ein bisschen plötzlich!“, bellt Mathilde sie an.
Luise ist todmüde, fühlt sich wie zerschlagen, beginnt aber folgsam, sich aus ihrer Decke zu schälen. Vielleicht findet sich später im Planwagen ein Platz zum Weiterschlafen.
„Beeil dich“, drängt Mathilde.
„Sind alle schon bereit? Schickt dich Köberer?“, fragt sie verwirrt. Die Andere lacht verächtlich auf: „Der sagt nicht viel. Liegt mucksmäuschenstill in seinem Wagen und rührt sich nicht.“
„Es ist ja noch früh am Morgen. Befiehlt der Wirt, dass wir schon abreisen?“
„Der hat sich noch nicht blicken lassen. Schnarcht in seiner Kammer“, Mathilde klingt jetzt nicht mehr ganz so selbstsicher, „aber Köberer – er sieht krank aus. Oder ich weiß nicht. Es muss ganz plötzlich gekommen sein.“
Schlagartig ist Luise wach. Zitternd klettert sie hinter der anderen Deutschen die Stiege hinab und stolpert aus dem Saloon ins grelle Sonnenlicht.
Hinter dem Haus steht der Planwagen, in dem sich Köberer schlafen legt, sobald der letzte Gast den Saloon verlassen hat. Sein klappriger Gaul, den er an einen Baum gebunden hat, starrt sie trübsinnig an.
Vorsichtig schlägt Luise die Plane zurück. Ein Kopf mit fettigem, grauem Haar lugt unter einer schmuddeligen Decke hervor. Seltsam still liegt der Mann da.
„Herr Köberer?“, fragt sie leise.
Er rührt sich nicht.
„Wir müssen nach einem Arzt schicken“, stößt sie erschrocken hervor. Ihr Herz schlägt bis zum Hals.
„Dem hilft keiner mehr“, erwidert Mathilde grob.
Scheu streckt Luise ihre Hand nach der Stirn des Mannes aus: Sie ist eiskalt.
„Dann wecken wir den Wirt. Schnell! Er muss dem Sheriff Bescheid geben!“
„Polizei? Bist du noch bei Trost?“
Luise antwortet nicht.
„Den Köberer macht keiner mehr lebendig, das steht fest. Wenn der Sheriff kommt, glaubt er bestimmt, dass wir Mädchen den Alten kaltgemacht haben. Und nimmt sich seine Sachen: das Pferd, den Wagen und so.“ Kalt und drohend fährt Mathilde fort: „Und uns lässt er in San Quentin einsperren.“
Luise erschrickt: Von diesem Gefängnis hat sie schon gehört. Dorthin werden Schwerverbrecher aus San Francisco gebracht. Wer einmal in San Quentin landet, so heißt es, kommt nie wieder heraus. Egal ob Mann oder Frau.
„Vor ein paar Jahren haben sie hier oben ein Mädchen gehängt. Es war ihnen egal, dass sie schwanger war. Hat wohl einen Kerl erstochen, der ihr die Tür eingetreten hat oder so. Die Goldgräber haben kurzen Prozess mit ihr gemacht“, weiß Mathilde, „willst du, dass uns dasselbe passiert?“
„Aber wir haben doch nichts gemacht“, wendet Luise kläglich ein. Erst jetzt bemerkt sie die Schwestern, die mit weit aufgerissenen Augen stumm im Gras sitzen und ihre Bündel an sich pressen.
„Wie blöd bist du eigentlich? Ich habe dir doch schon einmal erklärt, dass alles, was wir hier tun, vom Gesetz verboten ist. Alles!“ Mathilde zieht ein Gesicht, als säße sie in einer Amtsstube und leiert mechanisch die Vorschrift herunter: „Das Tanzen, Herumziehen und öffentliche Auftreten in Lokalen, in denen Spirituosen, weinartige Getränke oder Bier ausgeschenkt werden, ist ein Vergehen und wird mit einer Geldstrafe oder mit Gefängnis bestraft.“
„Schneider hat es mir aber befohlen!“ Luise kämpft mit den Tränen. Sie mag nicht glauben, dass ihr Vater, der brave und gottesfürchtige Balthasar Ludwig, unter den Augen des Bürgermeisters von Langenhain einen Kontrakt unterschrieben hat, der gegen das Gesetz verstößt.
„Mach dir mal nicht ins Hemd“, herrscht Mathilde sie an, „hier oben in den Bergen lassen sie uns ja auch meistens in Ruhe. Wissen selbst, dass die Jungs ab und zu ein bisschen Abwechslung von der Schinderei brauchen. Aber es wäre schön blöd, jetzt zum Sheriff zu rennen und ihm die Ohren vollzuheulen.“
Mit einem langen Blick auf den Planwagen fügt sie hinzu: „Wen interessiert schon ein toter Mädchenhalter?“
„Er hätte mich nach San Francisco zurückgebracht. Zu Schneider. Er hat es versprochen“, schnieft Luise, während die Tränen über ihr Gesicht laufen.
„Was willst du denn bei dem? Hör auf zu heulen. Wir müssen hier weg, und zwar schnell.“
„Und Köberer?“
„Nehmen wir mit. Wenn der Wirt aufwacht, sind wir schon über alle Berge. Er lässt bestimmt nicht nach uns suchen. Lieber streicht er das Geld von gestern Abend alleine ein.“
Luise schluckt. Sie denkt an die vielen schönen Vierteldollarmünzen, die ihre Tanzpartner beim Wirt abgegeben haben.
Der Gaul, den Köberer günstig auf einem Viehmarkt erstanden hat, lässt sich nur widerwillig vor den Planwagen spannen. Schwitzend zerren die Mädchen an dem bockigen Tier herum, das ihnen mehrmals schmerzhaft vor die Schienbeine tritt.
Viele nehmen hier oben Ochsen als Zugtiere, weil sie kräftiger und billiger sind. Mit so einem Gespann würden sie aber erst recht nicht zurechtkommen.
Nachdem sie das Pferd und die Deichsel endlich miteinander verknotet haben, springen Luise, Marie und Elisabeth schnell unter das Stoffdach des Fuhrwerks. Mathilde setzt sich auf den Kutschbock und schwingt die Peitsche. Alle paar Meter scheut der Gaul. Dann schlägt und schreit sie so lang auf ihn ein, bis er wieder ein Stückchen weiter trottet.
Auf der staubigen Hauptstraße des Städtchens ist es noch menschenleer. Die Männer, die am frühen Morgen nicht zur Arbeit in den Goldminen sind, schlafen erst einmal ihren Rausch aus.
Bald erreichen sie die bewaldeten Hügel am Stadtrand. Auch hier geht es nur mühsam voran. Bei jedem Anstieg bleibt das Pferd einfach stehen. Die Mädchen müssen aussteigen und nebenherlaufen, manchmal sogar das Fuhrwerk schieben, um über den Hügel zu kommen. Kaum aber geht es wieder bergab, rast das Pferd los, als sei es auf der Flucht vor seiner schweren Fuhre.
Kreischend klammern sie sich dann an die Holzbogen unter der Plane. Alles, was im Wageninneren nicht festgezurrt ist, fliegt wild durcheinander. Sogar der starre Leichnam rollt auf der Ladefläche platschend hin und her, vom Rücken auf den Bauch und wieder zurück. Angewidert hält Luise den Toten mit den Füssen von sich weg.
Zwar könnte man das ganze Fuhrwerk mit einem hölzernen Hebel direkt neben dem Kutschbock bremsen. Aber Mathilde weiß diesen nicht zu bedienen. Wahrscheinlich hat sie daheim nur ein paar Mal neben dem Vater vorne gesessen, aber nie kutschieren gelernt.
Gelegentlich gibt ein Spalt zwischen den Stoffbahnen einen Blick auf die Landschaft draußen frei: Die riesigen Nadelbäume und bizarr geformten Felsbrocken am Wegesrand wirken viel größer und wilder als in der Heimat.
Sie fahren den ganzen Tag. Luise merkt kaum, wie hungrig und durstig sie ist. Zwischendurch fallen ihr manchmal die Augen zu, aber entsetzt wacht sie wieder auf, wenn der kalte, steife Leib des Köberers auf ihre Beine kippt.
Als die Sonne schon tief steht, bringt Mathilde das Fuhrwerk endlich zum Halten und wendet sich zu den Mädchen um: „Hier bleiben wir! Es wird bald dunkel. Ist Zeit zum Schlafen.“
„Hier?“, fragt Elisabeth erschrocken und klammert sich verängstigt an ihre Schwester.
„Wo sonst?“ Mit einem Blick auf die Leiche fügt Mathilde hinzu: „Bevor wir den da nicht los sind, können wir uns nirgendwo blicken lassen.“
„Im nächsten Ort gibt es bestimmt eine Kirche“, schlägt Luise eifrig vor, „und einen Pastor, der ihn bestatten kann.“ Einmal hat sie unterwegs einen solchen Friedhof mit Gräbern von deutschen Männern gesehen.
„Du hast es immer noch nicht kapiert?“, fragt Mathilde verächtlich, „was willst du dem Herrn Pastor denn erzählen?“
„Ich weiß schon, dass Köberer sich versündigt hat“, erwidert Luise. Sie hat den ganzen Tag darüber nachgedacht: „Er war bestimmt kein frommer Christ, und er ist auch nicht jeden Sonntag zum Gottesdienst gegangen. Doch unser Herr in seiner Güte vergibt allen. Er nimmt jeden in sein Himmelreich auf, wenn man ihn um Vergebung bittet.“ Sie erinnert sich genau, was sie im Konfirmandenunterricht gelernt hat: Dass Jesus am Kreuz gestorben ist, um für die irdischen Sünden der Menschen zu büßen und sogar für die schlimmsten Trinker. Nur die Katholischen in Ober-Mörlen glaubten noch an die Hölle und das Fegefeuer und fürchteten sich vor dem Teufel.
„Oha, wir haben eine Heilige unter uns!“, spottet Mathilde, „habe ich mir doch gleich gedacht, dass du ein ganz frommes Schäfchen bist.“ In einem Ton, der keinen Widerspruch duldet, bestimmt sie: „Heute Nacht bleibt Köberer bei uns. Im Wagen. Wenn wir ihn rausschmeißen, locken wir damit nur Aasfresser an.“
Die drei Mädchen starren sie erschrocken an.
„Keine Sorge. Der Alte kann euch jetzt nicht mehr antatschen.“
Zu viert teilen sie sich die schmale Ladefläche neben dem Leichnam und breiten, vor Kälte zitternd, Köberers Decke über sich aus. Luise, die direkt neben dem Toten zu liegen kommt, kann sich in dieser Enge kaum rühren. Die Haare stehen ihr zu Berge.
Seltsame Geräusche dringen von draußen herein. Das Rascheln, Trapsen und Jaulen im Wald klingt ganz anders als im Forst bei Langenhain. So oft haben Burschen ihr von den wilden Tieren hier oben erzählt. Riesige Bären, Luchse und Wölfe wagten sich manchmal bis zu den Hütten der Goldgräber vor. Außerdem schlichen Indianer durch die Wälder.
Schweißgebadet richtet sie sich auf: „Ich setze mich auf den Kutschbock und halte Wache. Dann könnt ihr jedenfalls schlafen.“
„So ein Quatsch!“, knurrt Mathilde gereizt, „willst du draußen den Lockvogel spielen? Leckeres, frisches Fleisch?“
Sie hat Recht. Und doch mag Luise keine Sekunde länger zwischen dem eiskalten Toten und den Mädchen eingequetscht liegen. Leise richtet sie sich auf, beginnt im Dunkeln herumzukramen und einen Wall aus Kisten und Bündeln am Fußende ihres Schlaflagers aufzuschichten. Als sie darüber krabbelt, um sich ganz hinten im Wagen quer zu legen, atmen die anderen drei erleichtert auf.
Zum Zudecken findet sie einen leeren Futtersack. Sie zieht ihre Knie bis zum Bauch hoch, schlingt die Arme darum und stemmt ihre Füße gegen die tragbare Drehorgel.
Einschlafen kann sie auch hier nicht. Sie zittert vor Angst und vor Kälte. Immer wieder kreisen ihre Gedanken um die Frage, was jetzt werden soll. Ob sie jemals nach San Francisco zurückkann? Und eines Tages sogar in die Heimat?
Luise erinnert sich noch ganz genau an Langenhain, an alle Gassen und Häuser, die Kirche, den Friedhof, den Brunnen, das Waschhaus, die Schule und das Schloss von Ziegenberg. Und die Menschen dort: ihre Namen, das Aussehen, die Kleidung, die Stimmen. Um sich die Zeit zu vertreiben, lässt sie ihre ganze Familie an sich vorbeispazieren: den Vater, die Mutter, die Dora und die Brüder. Dann die Nachbarn, den Pfarrer, den Bürgermeister und den Lehrer Faber. Die Mägde und Bauerntöchter im Waschhaus. Und alle Kinder, mit denen sie zusammen zur Schule gegangen ist.
Auch an die Frau, die ganz allein in einem Haus am Waldrand lebt und von allen in Langenhain „die Amerikanerin“ genannt wird, erinnert sie sich genau. Bettelarm sei diese gewesen und ein Waisenkind, so erzählten die Alten im Dorf, als sie mit einem Händler ins Land ging. Jahre später kam die Amerikanerin mit Taschen voller Geld zurück, kaufte einem verarmten Bauern seinen Hof ab und holte Handwerker aus Frankfurt, um das Wohnhaus fein herauszuputzen. Ihr Knecht, so hat Luise im Waschhaus aufgeschnappt, schlafe nicht immer bei den Tieren im Stall, sondern manchmal bei seiner Herrin im Bett.
Als Einzige in Langenhain hielt sie Pferde, und das anscheinend nur zum Zeitvertreib. An Sonntagen konnte man sie manchmal durch die Feldmark galoppieren sehen, angetan mit den Beinkleidern eines Mannes.
Einmal hat Luise mit ihr gesprochen. Als sie zum Wasserholen am Brunnen war, kam die Amerikanerin angeritten, schwang sich lässig aus dem Sattel und führte das Tier zur Tränke.
„Ganz schön heiß heute“, bemerkte sie grußlos und wedelte ein paar Fliegen weg.
„Guten Tag die Dame!“ Beinahe hätte Luise vor Ehrfurcht einen Knicks vollführt. Sie wusste nicht, was sich gegenüber einer Frau schickt, von der es hieß, sie besitze ein Schießeisen und wisse es auch zu bedienen.
„Fast wie drüben“, fuhr diese fort, als habe sie den artigen Gruß nicht bemerkt, „wie im Süden von Amerika, wo die Baumwolle wächst.“
„Ihr seid dort gewesen und habt es mit eigenen Augen gesehen?“ Luises Neugierde war stärker als ihre Scheu.
„Allerdings. Amerika ist phantastisch. Aber du musst dort alleine zurechtkommen. Da hilft dir keiner.“ Zum ersten Mal sah die Frau Luise direkt an: „Wenn du es wirklich wissen willst, fährst du am besten selbst hin.“
„Das wäre schön“, seufzte diese sehnsüchtig, „aber meine Eltern … der Vater bleibt in der Heimat. Hier ist unsere Scholle, sagt er. Der Herrgott hat uns nicht dafür gemacht, durch die weite Welt zu reisen.“
„Dann gehst du halt allein“, erwiderte die Amerikanerin aufmunternd, „junge Mädchen sind drüben immer gefragt.“ Luise starrte beklommen auf den dünnen Wasserstrahl, der aus dem Rohr in den Brunnen sprudelte.
„Setz einfach nur einen Fuß vor den anderen“, die Frau kletterte wieder auf ihr Pferd, „immer einen Fuß vor den anderen. So kommst du bestimmt an dein Ziel.“
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.