Kitabı oku: «Wellen meines Lebens»

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 5

Teil I 6

1. Kapitel - Meine Kindheit 7

Episoden aus meiner Kindheit 11

2. Kapitel - Meine Jugendzeit 29

3. Kapitel - Der stete Weg nach vorn und endlich ein Ziel vor Augen 38

Das Hengst-Depot in Redefin 39

Meine Lehrausbildung auf dem Volkseigenem Gut (VEG) 41

Erste eigene Erfahrungen mit den Pferden 54

4. Kapitel - Endlich erwachsen 60

Die Fahrerlaubnis 64

Das erste Auto 67

Die Katastrophenhochzeit 69

Winter 1978/79 73

5. Kapitel - Hündin „Asta“ und die Geburt meines Sohnes 82

Amigo 91

Der Umzug und der Beginn eines neuen Lebens? 100

Reiterlebnisse mit den LPG-Pferden 101

Mein Unfall mit kuriosen Folgen 108

Die endgültige Trennung nach fast 10 Jahren Ehe 111

Autotour mit kuriosen Folgen 116

6. Kapitel - Neue Liebe neues Glück??? 120

Historischer Rückblick: Die Wende und der Untergang der DDR 120

Die Wende in meinem Leben 126

7. Kapitel - Zweites Eheende in meinem Leben 138

Charlie, ein Freund fürs Leben 140

8. Kapitel - Wieder musste ein Umzug sein 152

Die ersten 4 Jahre auf dem Reiterhof 153

Kuriose Erlebnisse auf dem Reiterhof – Die Ferienkinderbetreuung 158

Der Porsche-Fahrer 161

Amorettchen 163

Die Reithalle 165

Die Hanse-Sail in Rostock 167

Am Film-Set in Warnemünde 168

Fahrt mit den Wessis 171

Weihnachtsfahrten mit Hindernissen 173

Die Einweihung eines neuen Einkaufszentrums 174

Die Fahrten im Korso nach Graal-Müritz 178

Die Männertags-Fahrten 181

Ein folgenschwerer Ausbruch 184

9. Kapitel - Die Arbeit mit Behinderten 187

10. Kapitel - Hartmut 198

Polly und der Unfall mit bleibenden Folgen 201

11. Kapitel - Die Jugendweihe-Fahrt nach London 209

Andere Länder, andere Sitten 210

12. Kapitel - Der Alltag hat uns wieder zurück 213

Teil II 219

13. Kapitel - Eine neue Lebensetappe beginnt 220

Besuch im Tierpark „Hagenbeck“ 221

Der Alltag holt uns wieder ein 221

Der Unfall meines Sohnes Marius 224

Die Einweihung der neuen Reithalle 225

„Charlie“ und der Hengst „Morjan“ 228

Kuriose Reiter auch auf diesem Hof 229

Zunehmende Bedeutung auch des Fahrsportes auf dem Hof 231

Der Fall „Sissi“ 233

Kutschen-Korso in Wismar Juni 2006 234

Lustige Veranstaltungen, die das Leben bereichern 238

Hartmuts Absturz nach einem sehr schönen Jahr 243

Trainingsmaßnahme vom Arbeitsamt 251

Verdacht auf Krebs 257

Die Zeit danach 259

PM-Cup (PM = Persönliche Mitglieder u. Sponsoren des Pferdesportes) 266

„Iwan“, das Dromedar 268

Das „Mönkebergfest“ im Nachbardorf 271

Die Hochzeitsfahrt durch die Stadt 272

14. Kapitel - Joshua 274

Ball der einsamen Herzen 274

Der erste Urlaub mit Joshua 280

Die Pferdekäufe mit Joshua 287

„Stine“ und „Matcho“ speziell 290

„Matjes–Werbung“ auf dem Wochenmarkt 292

Frauentag und Silberhochzeit 295

„Blacky“ und „Juwenta“ 301

Carribean Star, Spitzname Carrie 306

Simba, ehemaliger Traber auf der Rennbahn 314

„Fanja“, „Mita“ und „Fly“ 319

Der totale Reinfall 324

„Lugano“ 329

Das Gespräch 331

„Felix“’ Zahn-OP 334

15. Kapitel - Ereignisse, die mein künftiges Leben veränderten 338

Penny 339

Mein Unfall ohne Pferd 342

Meine Augen-OP 346

Was mich nach 43 Jahren einholte 347

Micky, mein Kätzchen 349

Die Pechsträhne geht weiter 352

16. Kapitel - Wohnungsveränderungen 358

17. Kapitel - Die Zeit auf dem letzten Reiterhof 361

„Shadow“ 377

Reiterwechsel für „Shadow“ 379

Und dann kam „Corona“ 386

18. Kapitel - Hundesport und Tierschutz als weitere Alternative 400

„Mietzi“, das 2. Kätzchen 406

19. Kapitel - Meine Zeit bei der Post 410

Epilog 414

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-021-1

ISBN e-book: 978-3-99131-022-8

Lektorat: Marie Schulz-Jungkenn

Umschlagfoto: Iris Ducht, Mykhailo Polenok, Fewerton, Chansom Pantip | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Teil I

Ein weiterer Lebensabschnitt beginnt nun. Ich schaue aus dem Fenster am Heiligabend des Jahres 2020 und erinnere mich an die vergangene Zeit. Das Jahr 2020 war auch für mich ein Horrorjahr. Musste ich doch wegen der weltweiten Corona-Pandemie, die auch an mir nicht vorbeiging, meine langjährige Laufbahn als Reitlehrerin beenden. Auch meine Rückenprobleme traten nun schon längere Zeit ganz massiv auf. Darum gab ich dann nach 18,5 Jahren meine selbstständige Tätigkeit leider endgültig auf.

Deshalb beschloss ich dann, meine ereignisreiche Lebensgeschichte einfach der Nachwelt mal aufzuschreiben und viele nicht so schöne Abschnitte im Nachhinein zu verarbeiten und mich auch an die schönen Momente in meinem Leben zurückzuerinnern.

Mein Leben war den Tieren gewidmet, aber nun sind diese Abschnitte endgültig vorbei, denn meine Gesundheit lässt die schwere Arbeit mit den Tieren nicht mehr zu. Die Schmerzen verlangen immer höhere Dosen an Tabletten, und das kann ich nicht bis ins Unendliche machen. Darum habe ich schweren Herzens beschlossen, alles noch einmal an mir vorüberziehen zu lassen.

1. Kapitel - Meine Kindheit

Als Erstgeborene erblickte ich Ende der 50er-Jahre in einer Villa, in der sich der Frauenarzt eine Praxis eingerichtet hatte, mit viel Verspätung das Licht der Welt. Meine Mutter war noch ziemlich jung und die Geburt war nicht einfach.

Meine Eltern hatten sich auf der Werft kennengelernt. Mein Vater arbeitete im Schiffbau und meine Mutter war Lehrling zur Industriekauffrau. Sie hatte gerade ausgelernt, als ich unterwegs war. Meine Oma (mütterlicherseits) war davon gar nicht begeistert und ließ meine Mutter das auch spüren. Mein Vater war 9 Jahre älter als meine Mutter, alleine das war schon ein Streitpunkt. Die Mutter meines Vaters war streng evangelisch und sehr konservativ. Sie hatte in ihrem Wohnort bereits eine Frau für meinen Vater auserkoren, die dieser aber nicht liebte. Schon deshalb war meine Oma (väterlicherseits) auch nicht so gut auf meine Mutter zu sprechen. Mein Vater setzte seinen Willen durch und blieb bei meiner Mutter und brach dafür sogar die Beziehung zu seiner Mutter für einige Zeit ab.

Als ich dann endlich da war, musste ich sofort in die Kinderklinik, da meine Eltern eine Blutgruppenunverträglichkeit hatten und ich die sogenannte Neugeborenengelbsucht hatte. In der Kinderklinik wurde dann ein Blutaustausch bei mir vorgenommen, und dann war alles gut.

Zur Beobachtung musste ich einige Zeit in der Kinderklinik bleiben. Aber ich durfte besucht werden. Meine Oma (mütterlicherseits) hatte sich inzwischen mit meiner Anwesenheit abgefunden und begann, ein sehr enges Verhältnis zu mir zu entwickeln. Sie gab mir den Kosenamen „Kathinka Rosenrot“ und nannte mich die ganze Kindheit über auch immer so. Wenn sie mich in der Kinderklinik besuchten, brauchten sie sich nicht lange nach meinem Bettchen zu erkundigen. Meine Oma sagte immer: „… da, wo das lauteste Gebrüll herkommt, da ist sie. Unser Baby wird wohl mal eine Lehrerin.“ Wie recht sie damit haben sollte. Sie liebte mich abgöttisch und zog mich dann auch bis Schulbeginn auf. Auch für mich war sie zeitlebens mehr meine Bezugsperson als meine Mutter.

Bis zu meinem 6. Lebensjahr lebte ich meistens bei ihr. Sie bewohnte eine 2-Raumwohnung mit Küche, Speisekammer, Flur und einem schmalen Bad in einem Altbau. In dem Haus wohnten noch weitere 7 Familien, immer 2 Familien auf einer Etage. Die Wohnungen waren sehr hoch, hatten aber auch schon Etagenheizung, welche von der Küche aus beheizt wurden. Gegenüber der Wohnung befand sich eine Schule und man konnte aus dem Fenster immer das Treiben auf dem Schulhof in den Pausen beobachten. In der Straße befanden sich auch noch ein Bäcker, bei dem es sehr schöne frische Brötchen gab, ein Schuster und ein Schneider. Auch war sie verkehrsmäßig nicht sehr stark belebt. Im Keller befand sich außer den Kellerräumen auch eine Waschküche. Da wurde einmal im Monat der Kessel angeheizt und große Wäsche gewaschen. Das war immer eine körperlich anstrengende Angelegenheit, die sich dann auch über den ganzen Tag hinzog. Besonders schmutzige Wäsche wurde am Waschbrett noch mit der Wurzelbürste extra geschrubbt. Aufgehängt wurde dann auf dem Hof, auf dem man auch in einer Sandkiste spielen konnte als Kind. Später wurde dann die Wäsche zur Wäscherei, ein paar Straßen weiter, gebracht und sie von dort schrankfertig wieder abgeholt, als die Arbeit für meine Oma zu schwer wurde. Auf dem Weg zur Werft, wenn wir meinen Opa von der Arbeit abholten, kamen wir an einer Reinigung vorbei. Da wurden Anzüge, Kostüme, Hemden und Blusen gereinigt. Das Bad meiner Oma verfügte zwar über eine Badewanne, aber die Möglichkeiten der Wäschetrocknung waren begrenzt. Auch später war ich oft am Wochenende bei ihr oder besuchte sie. Sie konnte wunderbar kochen, backen und nähen. Für die Faschingsfeiern im Kindergarten nähte sie mir immer sehr schöne Kostüme, für die es so manches Mal eine Auszeichnung für das schönste Kostüm gab. Hatte sie doch in der Kriegszeit bei reichen Leuten als Hausmädchen gearbeitet. Einen Beruf hatte sie nicht erlernt, sie war dann Hausfrau, als mein Opa aus dem Krieg kam. Wir machten oft Spaziergänge, Ausflüge in die nähere Umgebung, machten Dampferfahrten auf der Warnow, holten meinen Opa von der Arbeit ab (er war auch Industriekaufmann und arbeitete im Büro auf der Werft).

Meine Oma hatte vor dem Mauerbau eine Freundin aus dem Haus, deren Tochter etwa gleichaltrig mit meiner Mutter war. Als die Mauer dann 1961 erbaut wurde und niemand mehr in den Westen kam, ging die Freundin noch legal mit ihrer Familie dorthin und sie ließen sich in Köln nieder. Jedes Jahr bekamen wir ein Weihnachtspäckchen aus Köln mit duftenden Süßigkeiten, abgelegten, aber sehr schönen Klamotten und einigen Sachen, die es bei uns im Osten nicht gab, z. B. Apfelsinen und Bananen. Meine Oma und später auch meine Mutter hielten lange noch Briefkontakt zu der Familie.

Im Haushalt meiner Oma gab es ein Radio mit integriertem Plattenspieler. Ich kann mich an viele schöne Stunden erinnern, in denen wir Märchen hörten, oder auch an die kuscheligen Abende, an denen ich länger aufbleiben durfte, und meine Oma und ich auf der Couch gemeinsam die Abendsendungen verfolgten. Das waren dann Sendungen wie „Ein Kessel Buntes“ und Ähnliches. Kriminalfilme durfte ich in dem Alter noch nicht anschauen. Aber auch die Wochenendnachmittagssendungen, wie „Professor Flimmrich“ oder „Meister Nadelöhr“ mit „Pittiplatsch“ und „Schnatterinchen“ waren sehr beliebt bei uns Kindern. Da lernte man auch die vielen russischen Volksmärchen oder die Märchen der Gebrüder Grimm kennen. Da ich sehr gerne las, bekam ich zu Geburtstagen, Weihnachten und anderen Anlässen sehr häufig diese Märchen auch in Bücherform geschenkt. Das waren dann meine Dauerbrenner, und ich behandelte diese Bücher sehr lange Zeit meines Lebens als sehr wertvolles Eigentum.

Ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Auch wenn meine Großeltern wenig Geld hatten. Sie hatten den Krieg überlebt und waren sehr bestrebt, mir ein schönes Leben zu bieten. Mein Opa war im 2. Weltkrieg in Leningrad im Kessel eingeschlossen gewesen. Seine Beine waren erfroren, sodass das linke Bein bis zum Knie amputiert war und das rechte keine Zehen mehr hatte. Er musste ein Holzbein tragen oder an Krücken gehen. Die Schwester meiner Mutter war 1943 an Lebensmittelvergiftung gestorben mit ½ Jahr. So hatte ich aus mütterlicher Verwandtschaft keine Tanten oder Onkel. Mein Opa starb schon früh mit 55 Jahren am 3. Herzinfarkt. Das war ein herber Verlust für uns alle. Meine Oma verstarb mit 61 Jahren an Organversagen nach einer Lungenembolie, nachdem sie schon ein Jahr lang gelähmt und ans Bett gefesselt war. Es war für mich das schlimmste Erlebnis meiner Kindheit und Jugendzeit. Bei der Verwandtschaft meines Vaters sah es schon anders aus. Sein Vater starb bereits mit 25 Jahren an Lungenentzündung. Meine Oma war mit 4 Kindern, mein Vater war der älteste Sohn und musste schon teilweise die Vaterstelle für seine 3 kleinen Brüder ersetzen, aus Schlesien, dem heutigen Polen, geflüchtet. Unterwegs hatten sie sich sogar einmal verloren. Der Hunger und die Frage, wo kommen wir für die nächste Nacht unter, waren immer präsent. Oft gab es Kohlsuppe, Rote Beete oder gefundene Kartoffeln. Da mein Vater, und auch später seine Brüder, genau in die Kriegszeit hineingeboren wurden, und meine Oma immer mit den 4 Kindern auf der Flucht war, war die Kindheit meines Vaters von Not, Hunger und Entbehrungen geprägt. Er arbeitete überall, wo es möglich war, bei den Russen, bei den Polen, aber vor den Deutschen sind sie geflohen. Da Russen und auch Polen nach dem Krieg nicht gut auf die Deutschen zu sprechen waren, haben sie diese natürlich nicht gut behandelt und schwere Arbeit machen lassen. Sie haben aber zum Glück eingesehen, dass nicht alle Deutschen Kriegsverbrecher waren. Mein Vater hat sich nie der Hitlerjugend angeschlossen, ist nie einer Partei beigetreten in seinem Leben. Als die Familie endlich nach dem Krieg sesshaft wurde, strandete sie in Warin. Später schloss er sich der Kampfgruppe an, weshalb er keinen Wehrdienst abzuleisten brauchte. Er fuhr dort alle möglichen großen Autos, die bei Kriegszwecken zum Einsatz gekommen wären. Mein Vater fing eine Lehre in Wismar an, arbeitete aber nebenbei noch beim Bauern, um den Familienunterhalt mitzufinanzieren, denn meine Oma war häufig krank und konnte nur Hausarbeiten machen (Nähen, Flicken für andere). Nach der Lehre im Schiffbau begann mein Vater ein Studium, welches lange dauerte. Da hatte er meine Mutter schon kennengelernt. Mein Vater war sehr ehrgeizig und willensstark, was ich wohl von ihm geerbt habe.

Da meine Oma (mütterlicherseits) sehr konservativ war, durfte mein Vater mit meiner Mutter nur bis 19.00 Uhr was unternehmen, als sie sich kennenlernten. Kinobesuche mussten abgebrochen werden, damit meine Mutter pünktlich zu Hause sein konnte. Kaffeenachmittage oder kleinere Ausflüge wurden nur mit den Eltern zusammen unternommen. Meine Oma schikanierte die beiden auch manchmal ganz schön, aber sie wollte sehen, ob mein Vater es mit meiner Mutter ernst meinte. Aber mein Vater hielt durch. Sie heirateten, als meine Mutter mit mir im 3. Monat war. Dafür verkaufte er sogar sein geliebtes Motorrad, um die Hochzeit zu finanzieren.

Meine Oma väterlicherseits hatte sich dann auch mit meiner Mutter an der Seite meines

Vaters abgefunden. Sie bestand aber darauf, dass ich evangelisch getauft wurde. Das passierte dann auch bald nach meiner Geburt. Ich bin aber nie zur Kirche gegangen. Meine Eltern traten auch Anfang der 70er-Jahre aus der Kirche aus. Meine Eltern waren 44 Jahre verheiratet. Mein Vater pflegte meine Mutter, die sich 1 Jahr lang mit dem Bauchspeicheldrüsenkrebs quälte, bis zu ihrem Ende, zu Hause. Sie wurde nur 60 Jahre alt.

Meine Oma väterlicherseits hatte auch mit den harten Entbehrungen des Krieges zu kämpfen und starb mit 66 Jahren an Leberkrebs, nachdem sie noch ein paar schöne Jahre im Altenheim hatte, wo wir sie auch häufig besuchten.

Episoden aus meiner Kindheit

Die Werft, auf der mein Vater arbeitete, hatte auch für die Kinder ihrer Beschäftigten Kindergartenplätze. Meine Oma wohnte in der Nähe des Kindergartens und brachte mich morgens hin und holte mich nachmittags ab. Einen Sommer organisierte die Werft für unsere Gruppe ein Ferienlager für eine Woche in einem Waldcamp in der Müritz-Gegend. Wir wohnten in Bungalows, wanderten und spielten viel, badeten im See. Das erste Mal, dass wir so jung für längere Zeit von der Familie getrennt waren. Alle Kinder steckten das nicht so gut weg und bekamen Heimweh. Das Problem war jedoch, dass wir uns zum Ende der Zeit mit der Ruhr, einer sehr ansteckenden Durchfallerkrankung, infizierten. Das hieß, dass weitere 2 Wochen im Kindergarten in Quarantäne verbracht werden mussten und wir nicht zu unseren Familien nach Hause durften. Das verschlimmerte die Zeit für die Kinder, die Heimweh hatten, noch zusätzlich. Nur vom Fenster aus konnten wir mit den außerhalb des Zaunes stehenden Eltern und Großeltern sprechen. Das Abschlussfest im Kindergarten war auch eine große Sache. Mit einigen Kindern kam ich gemeinsam in eine Klasse, aber von anderen Freunden fiel der Abschied dann doch schwer.

Mit kleinen Schultüten und einem schönen Abschiedskaffeekränzchen gemeinsam mit unseren Eltern endete hier der erste Lebensabschnitt.

1961 bezogen meine Eltern ihre gemeinsame Wohnung im Neubaugebiet unserer Stadt. Der Wohnungsbau expandierte gerade. Da auch damals schon Arbeitskräftemangel herrschte, mussten die neuen Wohnungsbesitzer sogenannte Aufbaustunden leisten. Die fanden im Hafen statt. Es ging darum, Steine, die aus Norwegen und Schweden per Schiff herangebracht wurden, aufzutürmen als Küstenschutz. Diese Arbeit war nicht leicht. Unsere Wohnung bestand aus 2,5 Zimmern, Flur, Bad, Balkon und Küche. Auch beim Hausbau mussten Eigenleistungen erbracht werden. Das Haus bestand aus 4 Eingängen mit je 8 Mietparteien. Wer in welchem Stockwerk eine Wohnung bekam, wurde ausgelost. Meine Eltern bekamen eine Innenwohnung in der 4. Etage. Große Kellerräume, ein Trockenraum und 2 Trockenböden ergänzten die Räumlichkeiten der Häuser. Zu Beginn waren im Kinder- und Wohnzimmer noch Kachelöfen, später rüstete mein Vater neben vielen anderen Mitbewohnern dann auf Gasheizungen um in jedem Zimmer. In der Küche und im Bad sorgten Durchlauferhitzer für Wärme und warmes Wasser. Da das Kinderzimmer das kleinste Zimmer war, befanden sich als Mobiliar ein Kleiderschrank, 2 Stühle, 1 Schreibschrank und ein Doppelstockbett darin. Ich schlief oben, meine Schwester unten. Einen Fahrstuhl gab es nicht, so war es für meine Mutter auch nicht so einfach, Kinderwagen, Einkäufe oder Wäsche die 4 Stockwerke immer nach oben zu tragen. Aber man war froh, dass man eine Wohnung bekommen hatte. Zwischen uns Kindern sowie den Erwachsenen in einem Aufgang herrschte ein sehr freundliches und einvernehmliches Verhältnis. Einer half dem anderen und es herrschte ein freundlicher Ton. Die Schule, welche meine Schwester und ich 10 Jahre lang besuchten, war nur 300 m von unserem Haus entfernt und wir waren immer schnell wieder zu Hause nach Unterrichtsende. Hinter dem Haus hatten wir Rasen- und Spielplatzflächen mit Sandkasten, Rutsche und Klettermöglichkeiten. Viele Bänke drum herum luden die Eltern dann zum Verweilen und Zuschauen ein. Kurz, es war alles sehr kinderfreundlich arrangiert.

Meine Eltern unternahmen in der Urlaubszeit viel mit uns Kindern gemeinsam.

Wir fuhren meistens in den Süden in die Berge, Thüringen oder Harz. Dort wohnten wir dann bei Familien oder in Ferienheimen. Es war anfangs recht urig mit der Unterbringung. In einem Bauernhaus wurden wir in der oberen Etage untergebracht, ohne fließendes Wasser und mit Plumpsklo auf dem Hof. Das Wasser zum Waschen wurde in einem Krug mit einer Waschschüssel gebracht und musste dann in den Ausguss, der in der Küche war, ausgekippt werden nach Benutzung. Ich hatte bei den Reisen immer meine Puppe dabei. Wir mussten eine steile Stiege hinauf zu unserem Zimmer. Beim Hinuntergehen stolperte ich und überschlug mich mehrfach mit meiner Puppe im Arm. Aber es war nichts passiert, und ich landete unten auf meinen Füßen. Es sah gefährlicher aus, als es dann war.

Bei einem anderen Urlaub wollte ich meinen Eltern auf einem Spielplatz das sogenannte „Schweinebammeln“ zeigen an einer Reckstange. Dabei hängt man kopfüber, ohne sich festzuhalten, an den Knien. Das galt damals als eine Mutprobe. Nicht jeder beherrschte diese Übung. Dabei rutschte ich ab und fiel genau auf die Nase, die dann entsprechend aussah. Da ich auch schon als Kind sehr eitel war, ärgerte mich mein Aussehen natürlich sehr. Wir fuhren trotzdem ins Freibad des Urlaubsortes. Ich legte eine Zeitung über mein Gesicht, damit mich keiner sehen sollte. Da kam dann ein kleiner Junge in meine Nähe und fragte meinen Vater, was ich denn hätte, weshalb ich mich mit einer Zeitung zudeckte. Der frotzelte und sagte, dass ich auf die Nase gefallen bin. Dann fragte der Junge, ob er das mal sehen könnte, wie ich denn aussah. Wütend sagte ich, dass er schnellstens verschwinden sollte. Mein Vater lachte bloß und sagte, dass alles bald wieder heil sei und ich mich mal nicht so haben sollte. Der Tag war dann für mich gelaufen. Ins Wasser zum Baden ging ich dieser Tage natürlich nicht.

Auch im Winter unternahmen wir viel. Als die Seen zugefroren waren, fuhren wir Schlittschuhe. Einmal war meine Schwester eingebrochen im Eis und wurde dann im Anschluss krank. Ich bekam dann eine harte Strafe, weil ich nicht gut genug auf sie aufgepasst hatte. Aber sie machte sowieso nie, was ich ihr sagte. Darum vertrugen wir uns auch nicht immer gut. Da sie sowieso immer kränklich war, wurde sie immer bevorzugt von meiner Mutter. Ich war dann immer die Böse.

Beim Rodeln beteiligte sich dann die ganze Familie. In einer leicht hügeligen Gegend in unserer Umgebung konnte man wunderbar rodeln. Wir hatten 2 Schlitten. Meine Mutter und ich saßen auf einem und mein Vater hatte auf dem anderen meine Schwester vor sich.

Wir rodelten einen Berg runter. Plötzlich musste meine Mutter sich entscheiden, ob wir zwischen einer Eiche und einer Buche mitten durch oder daran vorbei rodeln sollten. Aber das Lenken des Schlittens erfolgte zu spät. Wir fuhren gegen die Buche. Ich hatte mein Bein zwischen Schlitten und Baum und meine Mutter knallte mit dem Kopf gegen den Baum, sodass sie eine große Platzwunde über dem Auge hatte, welches dann auch gleich noch zuschwoll. Wir fuhren dann sofort zum Arzt. Am meisten weinte meine Schwester, weil wir so aussahen und sie so viel Mitleid mit uns hatte. Meiner Mutter wurde die Platzwunde genäht. Mein Bein wurde geröntgt. Es war nichts gebrochen, aber nach diesem Unfall hatte ich mein Leben lang mit einer Beinlängenungleichheit zu tun. Späteres Einlagentragen half auch nichts, mein Bein war nicht mehr mit gewachsen. Starke Schmerzen, später auch Rückenschmerzen sollten mich dann mein ganzes Leben begleiten. Das war da aber noch nicht abzusehen. Meine Mutter ging dann die nächste Woche mit einem blauen Auge zur Arbeit. Es war Rosenmontag. Die Kollegen lästerten über ihr Auge. Meine Mutter gab zu, das die Färbung echt war und nicht geschminkt für den Anlass. Da sagte dann keiner mehr etwas.

Meine Eltern und ich waren im Winterurlaub und wollten uns mal im Skilaufen versuchen.

Meine Schwester war bei meinen Großeltern in der Zeit.

Nachdem der Trabant uns die vereisten und schneebedeckten Straßen mit Schneeketten hochgewuchtet hatte, richteten wir uns im Heim ein. Nächsten Tag sollte es dann losgehen. Wir liehen uns Skier aus und ließen uns beraten. Es sollte ein „Langlauf“ durch die wunderschönen Wälder werden. Meine Eltern kamen ganz gut mit den Dingern zurecht. Aber als ich dann hinterher auch auf den Skiern loslaufen wollte, nachdem ich die Ski-Stöcke sortiert hatte, sah ich nicht, dass ich mit dem rechten Ski hinten über Kreuz auf dem linken stand. Als ich dann losgehen wollte, fiel ich um. Ich lag auf dem Rücken wie ein Maikäfer und fuchtelte mit den Stöcken in der Luft herum. Meine Eltern drehten sich um und konnten sich vor Lachen kaum einkriegen, wie ich so dalag. Dann kamen sie und stellten mich wieder auf die Beine. Für mich war aber der Tag gelaufen. Niemals in meinem Leben bekam mich jemand wieder auf Skier. Das war aber auch keine Kunst, denn die Winter wurden in Zukunft sowieso immer rarer, sodass man gar keine Gelegenheit mehr zum richtigen Skilaufen bekam bei uns im Norden. Zudem bekam ich in dem Urlaub am nächsten Tag auch noch die Windpocken. Wir mussten alle in Quarantäne. Aber meine Eltern wollten sich den Urlaub nicht verderben lassen. Kurzerhand fuhren sie mit mir die über 600 km wieder nach Hause, tauschten mich gegen meine Schwester um und fuhren wieder zurück zum Urlaubsort. Ich verbrachte die Zeit der Krankheit dann bei meinen Großeltern.

Auch als mein Opa noch lebte, unternahmen wir viel in der Natur gemeinsam mit den Großeltern. Wir rückten alle eng zusammen, sodass wir dann auch zu 6 Personen in den 600er Trabant hineinpassten. Der Kofferraum war auch groß genug, um noch Campingtisch und 4 Stühlen Platz zu gewähren. Kuchen hatte meine Oma gebacken, Kaffee und Getränke für uns Kinder hatte meine Mutter bereitgestellt. Meine Eltern hatten ein neues Hobby entdeckt, das Zelten. Nachdem die Diskussion meiner Eltern zugunsten meines Vaters ausgefallen war, nämlich, ob von der Jahresendprämie nun eine neue Anbauwand oder ein Campinganhänger gekauft werden sollte, starteten wir mit der ganzen Familie in den Wald. Mein Vater hatte den Trabant mit einer Anhängerzugvorrichtung und der dazugehörigen E-Steckdose versehen lassen.

Nun wollten wir einen Probeaufbau des Zeltes machen, um uns auf den künftigen Campingplatzbesuchen dann nicht zu blamieren. Mit rotem Nagellack zur Kennzeichnung zusammengehöriger Stangen und Elemente und ganz viel Optimismus und Tatendrang ausgerüstet, fuhren wir dann alle los. Der nächste Wald war nicht weit. Der Trabant musste nun ja uns 6 Personen befördern und den Zeltanhänger auch noch ziehen. Da wollten wir ihm keine weite Strecke zumuten, um nicht einen Achsenbruch oder Federbruch zu riskieren.

Der Start gestaltete sich schon mal schwierig beim Einsteigen. Mein Opa hatte zu tun, sein Holzbein ins Auto zu kriegen, und musste sich mit dem Ellenbogen schwer auf die Lehne des Vordersitzes stützen. Natürlich hatte ich meine Finger dazwischen und stimmte dann ein Geschrei an, als er sie mir zerquetschte. Aber das war noch gar nichts. Jeder hatte dann im Wald eine Aufgabe, die Zeltstangen an die richtige Stelle zu bringen, die mein Vater nach Gebrauchsanweisung bestimmte. Das wechselte öfters, da die zusammengehörigen Stangen nicht gleich zusammenpassten. Das nervte dann auch schon mit der Zeit.

Der Kaffee musste auf einem kleinen Gaskocher, mit einer Propangasflasche betrieben, noch erwärmt werden, dafür war meine Oma zuständig. Es fiel dann auf, dass keine Streichhölzer vorhanden waren. (Wir waren alle Nichtraucher.) Mein Vater schickte mich los, um jemanden von den Spaziergängern, die auf dem Hauptweg waren, um Streichhölzer zu bitten. Aber der Erste, den ich traf, war der Förster. In meinem jugendlichen Leichtsinn fragte ich den dann auch. Es war ein heißer Tag. Die Waldbrandgefahr war dementsprechend hoch, sodass man mit offenem Feuer im Wald sowieso nicht hantieren durfte. Der Förster begleitete mich erst mal zu unserer Familie. Mein Vater bekam dann eine ausführliche Belehrung im Umgang mit Feuer. Wir kamen von einer Strafe noch glimpflich ab. Auf den Zeltplätzen ging der Aufbau dank der Kennzeichnung mit dem roten Nagellack auch ziemlich schnell vonstatten, was natürlich bei Regen sehr von Vorteil war.

Mein Vater studierte weiterhin noch ein paar Jahre nach meiner Geburt. Meine Schwester wurde 3,4 Jahre später geboren. Da sie viel krank war, hatte meine Mutter genug mit ihr zu tun und war froh, nur 1 Kind versorgen zu müssen. Ich hatte aber während meine Kindheit auch nicht viel zu lachen. Jede Krankheit fing bei mir mit Mittelohrentzündung an. Wir waren schon Stammgast in der Hals-Nasen-Ohrenklinik-Klinik. Nur machte meine Oma immer den Fehler, mir vor dem Klinikbesuch Schmerzzäpfchen zu geben. Als deren Wirkung dann einsetzte und wir in der Klinik waren, ging es mir gut und ich fing an zu singen. Meiner Oma war es dann sehr peinlich, mich noch beim Arzt vorzustellen. Aber die sahen ja dann auch, wie schlecht es mir ohne Zäpfchen ging. Das hörte aber zeitlebens ab dem 12. Lebensjahr auf, als mir die Trommelfelle durchstochen wurden. Nur konnte ich ab dem Zeitpunkt nie mehr Wasser in den Ohren haben, da ich dann für ½ Stunde später komplett taub war.

Eine Episode möchte ich noch schildern. Meine Schwester, damals 3 Jahre alt, erkrankte an Scharlach. Sie sollte eine Spritze bekommen. Ich war auch mit zum Arzt gekommen. Da ich sehr neugierig war, wollte ich unbedingt mit ins Sprechzimmer und zuschauen. Aber als die Ärztin dann auch mit einer Spritze zur Prophylaxe auf mich zukam, hatte der Spaß doch ein Ende. Zeitlebens hatte ich Angst vor Spritzen und ging nie mehr mit zum Arzt.

Dann fuhren wir mal mit der Straßenbahn. Als Kind wird man ja zur Ordnung und Ehrlichkeit erzogen. Meine Mutter hatte einen Sitzplatz. Meine Schwester und ich saßen auf ihrem Schoß. Da meine Schwester quengelte, gab meine Mutter ihr einen Keks. Als wir dann ausstiegen, fiel der Keks runter. Meine Mutter schob ihn mit dem Fuß unter die Sitzbank, da keine Zeit mehr war, ihn aufzuheben. Sonst wäre die Bahn wieder angefahren und wir hätten die Station verpasst. Zur Ordnung erzogen, verstand ich diese Handlungsweise meiner Mutter nun gar nicht und brachte das auch lautstark zum Ausdruck. Die Bahn war voll und meine Mutter völlig blamiert.

Mit meiner Schwester verstand ich mich selten gut. Ich fühlte mich von Anfang an weniger geliebt und beachtet. Darum hatte ich wohl auch so eine enge Bindung zu meiner Oma. Oft verpetzte meine Schwester mich oder ich bekam Strafen, da ich ja die Ältere war und auf sie aufpassen musste. Sie machte aber auch nicht immer das, was ich ihr sagte. So kam es, dass ich auch oft um Anerkennung bei meinen Eltern ringen musste. Mit 11 Jahren wusch ich häufig Wäsche, bügelte oder saugte Staub, damit meine Mutter, die viel arbeitete, Zeit für uns hatte und was mit uns unternehmen konnte. Klar bemerkte meine Mutter meine Aktivitäten im Haushalt und lobte mich auch dafür, aber das war es dann auch.

Meine Liebe zu Tieren kam bei mir schon sehr früh zum Vorschein. Mit 5 Jahren bekam ich zum Geburtstag einen Puppenwagen mit Puppe geschenkt. Ich durfte bei schönem Wetter auch draußen damit fahren. Unserer Wohnung gegenüber auf der Straße lag ein großer Findling, unter dem sich gerne mal Eidechsen und Frösche versteckten. Eines Tages fingen wir so eine Kröte. Ich setzte meine Puppe in die Ecke an der Haustür und legte den Frosch in den Wagen und fuhr ihn spazieren. Als meine Mutter von der Arbeit kam, freute sie sich über mein Spiel mit dem Puppenwagen und wollte gern auch mein Püppchen im Wagen sehen. Aber als sie dann das Kissen zurückzog und den Frosch sah, überkam sie das blanke Entsetzen, denn sie mochte Reptilien ganz und gar nicht. Sofort war mein Ausflug mit Frosch vorbei, und ich musste ihn wieder ins Gras setzen.

Einen Vorfall mit einer Eidechse gab es dann noch. Ich war noch etwas jünger. Wir fuhren mit dem Trabant nach Warin, meine andere Oma besuchen. In einer Streichholzschachtel hatte ich eine Eidechse gefangen, die ich mitnahm. Vorsorglich hatte ich Luftlöcher in die Streichholzschachtel gestanzt. Aber ich wollte dann doch mal sehen, ob es ihr gut ging. Ich hatte dem Tier auch 2 gefangene Fliegen mit hineingelegt. Nur hatte ich zu dem Zeitpunkt etwas Streit mit meiner Schwester im Auto. Das nervte meine Eltern schon eine ganze Weile. Als ich mich dann nach einer Ermahnung meines Vaters zurückzog, spielte meine Schwester ihren Trumpf aus und erwähnte die Eidechse. Meine Mutter glaubte an einen schlechten Scherz, aber als sie die Eidechse sehen wollte, rastete sie bei dem Anblick total aus. Mein Vater sollte anhalten, das ging aber wegen des Halteverbotes nicht. Voller Angst steuerten wir dann den nächsten Wald an, wo ich die Eidechse aussetzen musste. Meine Schwester lachte schadenfroh in sich hinein. Ich heulte wie ein Wasserfall um das Leben der Eidechse.

Aber als wir dann bei meiner Oma angekommen waren, nahm ich mich junger Katzen an. Als wir wieder heimfuhren, vergewisserte sich meine Mutter ganz genau, ob ich nicht eine Katze versteckt hatte. Hatte ich aber nicht, damit nicht noch ein weiteres Tier sein Zuhause verlor.

Haustiere durften wir nicht halten.

Mit 7 Jahren kam ich dann zur Schule. Da diese ganz in der Nähe unserer Wohnung war, konnte ich immer „Schlüsselkind“ sein und brauchte nie in den Hort zu gehen. Ich konnte nach der Schule immer gleich nach Hause gehen. Mittagessen wurde in der Schulspeisung angeboten.

Lecker war das nicht immer, darum ließ ich auch die eine oder andere Essensmarke heimlich verfallen.

Von den Fächern haben mir Werken, Sport, Deutsch und später Sprachen und Naturwissenschaften viel Spaß gemacht. Ich war sehr wissensdurstig und ehrgeizig. Schon früh habe ich schnell das Lesen gelernt, weil ich gerne Bücher alleine und schnell lesen wollte. Wir hatten eine schuleigene Bibliothek, in der ich Stammgast war.

Erst waren Märchen meine Welt, später kamen dann Indianerbücher, wie die 3 dicken Bände von „Liselotte Welskopf-Henrich“ hinzu. Zur gleichen Zeit wurden von der „DEFA“ nach diesen Buchvorlagen auch Indianerfilme gedreht. Ich ließ natürlich keinen Kinobesuch aus, als die Filme erschienen. Als ich dann später auch im „Westfernsehen“ die Lederstrumpffilme mit Pierre Brice sah, erkannte ich erst, wie viel wahre Geschichte in den Ostverfilmungen mit dem Hauptdarsteller Gojko Mitic war. Sehr viel später im Leben lernte ich sogar den Schauspieler noch kennen bei einer Veranstaltung, in der er über seine Karriere sprach und Fragen der Zuschauer beantwortete. Das war für mich ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Denn er erzählte auch, dass sehr viel der Geschichten nah an der Realität waren, was ihm echte Indianer der heutigen Zeit bei seinem Besuch in Kanada bestätigt hatten. Die Lederstrumpferzählungen von Karl May waren zum größten Teil erfunden, da dieser selbst nie in Indianergebieten gewesen war.

Von Beginn an hatte ich immer gute Zeugnisse und gute Beurteilungen. Ich war nicht die beste Schülerin, sondern immer gutes Mittelmaß.

Da mein Vater seinen Hobbys großen Anteil seiner Zeit schenkte und auch die ganze Familie daran teilhaben ließ, genossen wir auch sonst eine umfangreiche Erziehung, die uns später im Leben viel nützte. Mein Vater reparierte gerne Autos. Unseren 1. Trabant bekamen wir, wie schon erwähnt, 1962 nach 8-jähriger Wartezeit. Es war ein 600 Modell. Ersatzteile waren noch relativ gut zu bekommen in der ersten Zeit, später dann nicht mehr, sodass man dann schon viel improvisieren musste. Ich musste viel mithelfen in der Garage, da nicht alle Arbeiten und Reparaturen allein gemacht werden konnten. So verstand ich schon recht früh, wie man Räder wechselte, einen Wagen hochhob, Zündkerzen wechselte und einen defekten Keilriemen mittels einer Damenstrumpfhose ersetzte. Das machte mir auch viel Spaß, denn vom Kochen und Backen und sonstiger Hausarbeit hielt ich nicht sehr viel.

Ein weiteres Hobby meines Vaters war das Reparieren von Fernsehern, Radios und Tonbandgeräten. Wenn zur Probe manchmal 4 oder mehr Fernseher das Staubsaugen im Wohnzimmer behinderten, fand meine Mutter das nicht mehr so toll. Aber eine „Hand wäscht die andere“ war damals das Motto und mache aus „Schei… Bonbons“. Westfernsehen oder feindliche Sender mit Musik im Radio zu hören, war damals streng verboten. Keiner wusste genau, ob er von der Stasi bespitzelt wurde. Später erfuhr ich, dass sogar Eheleute oder beste Freunde sich heimlich bespitzelt hatten und der eine vom anderen das nicht wusste. Meine Mutter arbeitete zu der Zeit beim FDGB als Sachbearbeiterin unter Harry Tisch. Zur Wendezeit erfuhr ich, dass gerade der ein ganz gefährlicher Verräter war. Ich nehme mal an, dass auch meine Eltern bespitzelt wurden. Einmal bekam ich so am Rande mit, dass die Kölner Freundin meiner Oma kurz vor der Wende einen Ausflug nach Berlin machte. Da ein Treffen oder überhaupt der Kontakt mit westdeutschen Menschen streng verboten war, wollten meine Eltern nach langen Jahren ein Wiedersehen auf diese Art und Weise organisieren. Aber die Stasi erfuhr, wie auch immer, davon, und unterband es. Mein Vater war in der Konstruktion im Schiffbau auf der Werft beschäftigt und musste die Jungfernfahrt der ersten Fähre nach Schweden mitmachen. Meine Mutter durfte auch mit, aber beide durften natürlich nicht von Bord, da Schweden auch kapitalistisches Ausland war. Mein Vater musste dann während der Fahrt schauen, ob die Technik funktionierte im Klima- und Kältebereich.

Meine Mutter bekam aber von der Reise nicht viel mit, da sie von Beginn der Reise an sehr seekrank war.

Mein Vater war auch ein großer Freund der Volksmusik. Er hatte in seiner Jugendzeit in der Kirche Waldhorn geblasen. Das Instrument war aber während des Krieges bei der Flucht verloren gegangen. Dann hatte er sich auf Blockflöte und Mandoline spezialisiert. Alles nur für den Hausgebrauch und zu Zeiten nach seinem Studium, denn vorher war natürlich nie Zeit für solche Dinge. In der ersten Klasse kamen Leute vom Konservatorium und warben um talentierte Kinder in den Schulen zum Besuch der Musikschule. Bereits in der 1. Klasse nahm ich am Blockflötenunterricht teil. Ich beherrschte das Instrument auch ganz gut. Die Auswahl der zu erlernenden Instrumente belief sich auf Geige, Trompete und Akkordeon. Geige und Trompete kamen allein wegen der Lautstärke nicht infrage, aber Akkordeon war eine Option. Wir besprachen das zu Hause im Familienrat. Gitarre wäre mein Wunsch gewesen, aber die Kurse waren voll.

So absolvierte ich ein halbes Jahr Probezeit und wurde dann auch zur Aufnahmeprüfung zugelassen.

Ich war 8 Jahre alt. Mein Vater oder auch meine Mutter begleiteten mich immer zur Musikstunde. Das Konservatorium befand sich am anderen Ende unserer Stadt und man musste mit dem Bus von Endstation zur Endstation fahren. Ein Instrument bekam ich zum Üben für zu Hause ausgeliehen. Meinen Vater konnte ich immer mit guten Leistungen und mit neu eingeübten Musikstücken auf dem Akkordeon begeistern. Davon hing auch zum größten Teil später ab, ob ich mit den anderen Kindern des Hauses zum Spielen raus durfte oder später nachmittags mit meiner Freundin zur Disco gehen durfte. Da ich in der Theorie in der Musikschule auch das Notenlesen und nach Noten spielen erlernt hatte, bekam ich häufig zu Weihnachten oder zum Geburtstag Notenhefte von meinem Vater geschenkt, woraus er mir dann die Lieder aussuchte, die ich in einer Woche neben den Übungssachen der Musikschule können musste. Da ich da sehr ehrgeizig war, strengte ich mich mächtig an, um an den Samstagen alles fehlerfrei vorspielen zu können.

Noch ein weiterer Vorfall fällt mir gerade ein:

Es war die Weihnachtszeit und meine Schwester und ich hatten zu Weihnachten Gleitschuhe bekommen. Jedes Jahr zur Winterzeit wurde auf dem Wäscheplatz auf dem Hof eine Eisbahn hergestellt. Dort konnten wir Kinder dann Schlittschuh laufen, damit wir nicht auf die Teiche gehen sollten und da einbrechen konnten. Durch Unachtsamkeit rutschte ich aus und fiel auf mein linkes Handgelenk. Nächster Tag war die Aufnahmeprüfung in der Musikschule. Meine Eltern wollten mit mir zum Arzt. Aber instinktiv fühlte ich, dass mit dem Handgelenk doch was Ernsteres passiert war. Ich wollte nicht zum Arzt, weil ich dann die Prüfung verpasst hätte und alle Arbeit umsonst gewesen wäre. Also gaben meine Eltern nach. Am nächsten Tag waren die Schmerzen noch stärker geworden und das Handgelenk geschwollen. Ich zog schnell etwas Langärmeliges an, um das zu vertuschen. Dann absolvierte ich die Prüfung und bestand. Danach flossen aber doch die Tränen und meine Eltern fuhren mit mir zur Notaufnahme. Die Röntgenaufnahmen bestätigten, dass das Handgelenk angebrochen war.

Zur nächsten Unterrichtsstunde fuhr mein Vater mit mir mit einer Gipsschiene hin. Mein Lehrer fiel aus allen Wolken und fragte, was los sei. Und als er dann erfuhr, dass ich zur Prüfung mit angebrochenem Handgelenk gespielt hatte, bewunderte er meinen Willen und meinen Ehrgeiz.

Ich erlernte dann 6 Jahre lang das Akkordeonspiel an der Musikschule. An vielen Auftritten, Prüfungen und Vorspielen war ich immer mit Begeisterung dabei. Aber die Zeit war auch kein Zuckerschlecken. Ich hatte einen sehr strengen Lehrer der alten Schule, der sehr viel verlangte. Häufig liefen auch die Tränen, wenn er meine Finger auf die Tasten drückte, dass es schmerzte, wenn was nicht so schnell klappte. Meine Abschlussprüfung absolvierte ich in der Aula der Universität zu Rostock. Die theoretischen Prüfungen (Notenlehre, Komponisten der Epochen usw.) waren der praktischen Prüfung schon vorausgegangen und von mir mit Bravour bestanden worden. Es war eine wundervolle Akustik in der Aula. Wir Prüflinge waren alle sehr aufgeregt, denn der Saal war voll. Es durften neben den Eltern und Lehrern auch weitere Verwandte und Gäste dabei sein. Ich hatte 2 klassische Titel von Bach, meinem Lieblingskomponisten, zu spielen. Durch Vorhandensein von 13 Registern im Diskant und 5 Registern im Bass konnte man ein Akkordeon den Klängen einer Orgel angleichen. Und dazu noch das klassische „Präludium“ und die dazugehörige „Fuge“ von J. S. Bach waren ein wahrer Ohrenschmaus. Ich musste die beiden Werke auswendig spielen. Aber ich bekam super Kritiken für meinen Vortrag und schloss die 6 Jahre Grundausbildung mit der Note „Gut“ ab, was alle sehr stolz machte.

Als ich dann aber in der 8. Klasse doch schon mal meinen Berufswunsch in Erwägung zog, wo ich doch keine Verwendung für das Akkordeonspielen hatte, wurde ich Mitglied im gemischten Orchester der Deutschen Post für 2 Jahre. Das Orchester bestand aus Amateurmusikern mit Instrumenten wie Geige, Fagott, Trompete, Bass, Akkordeons, Oboen, Klarinetten und Gitarren.

Wir spielten verschiedene Genres, Volksmusik, klassische Musik, und vieles mehr. Wir hatten Auftritte auf Volksfesten, aber auch in Konzerthallen oder Open Air. Es war eine schöne Zeit. Als ich dann meine Lehre in der Landwirtschaft begann, beendete ich die Mitgliedschaft im Orchester. Ich hatte mir aber auch einen kleinen Vorteil während der Orchestermitgliedschaft geschaffen. Ich konnte kostenlos von einem der Mitglieder das Gitarre spielen erlernen. Später in der Lehrzeit ergänzte ich diese Kenntnisse und Fähigkeiten noch, kaufte mir eine gebrauchte eigene Gitarre, und wir Lehrlinge gründeten eine Musikgruppe.

Mein Vater hatte mit meinem Besuch der Musikschule eigentlich das Ziel verfolgt, dass ich mal berufsmäßig in der Branche als Musikpädagogin arbeiten sollte. Aber dazu hätte man studieren müssen, und das war nicht möglich. Meine Mutter hätte mich gerne im Büro gesehen. Aber das kam für mich gar nicht infrage. Ich wollte was mit Tieren machen und wo ich viel körperliche Bewegung hätte.

In der Schule war Deutsch eines meiner Lieblingsfächer, besonders das Aufsatzschreiben. Immer nach den Ferien mussten wir unsere besten Erlebnisse niederschreiben. Ich schrieb immer ganze Romane. Manche wurden dann vor der Klasse vorgelesen. Einige waren auch richtige Lachnummern, wenn mir in der knappen Zeit die richtigen Wörter und Begriffe nicht sofort einfielen. Ich hielt mich dann nicht lange an der Wortsuche auf, sondern versuchte, den Begriff so verständlich wie möglich zu machen und bildlich darzustellen. So war ich in den Ferien bei meiner Tante zu Besuch gewesen. Sie besaß einen Zwergpudel, mit dem ich auch spazieren gehen durfte. Nun fiel mir der Begriff „Zwergpudel“ nicht gleich ein. Kurzerhand nannte ich das Tier dann „Kurzbeinpudel“. Das war natürlich total peinlich, weil sich die ganze Klasse darüber köstlich amüsierte, Aber jeder wusste, was gemeint war.

Als wir älter wurden, war der Puppenwagen überflüssig. Und da man, um „Westfernsehen“ sehen zu können, eine Antenne brauchte, die aber nicht sichtbar sein durfte, baute mein Vater kurzerhand aus dem Aluminiumgestänge des Puppenwagens eine Antenne. Da wir im oberen Stockwerk eines Mehrfamilienneubaus wohnten und der Trockenboden über uns war, war es nicht schwer, auch die Kabelverbindungen zwischen Fernseher und Antenne zu installieren. Auf dem Boden hatten wir auch eine Tischtennisplatte aufgestellt, an der wir uns häufig sportlich betätigten. Das Rollschuhlaufen auf dem Boden fanden die Hausbewohner wegen der Lärmbelästigung dann aber nicht so toll. Tischtennisspielen war aber angebracht.

Wir hatten sehr viel Spaß dabei. Wenn es geregnet hatte, verbrachten wir unsere Wochenenden auch mit Kartenspielen. Mein Vater war leidenschaftlicher Skat-Freund. Oft hatte er bei Skatturnieren mit seinen Kollegen den Sonntagsbraten oder eine leckere ungarische Salami gewonnen. Meine Mutter hatte das Skatspiel so leidlich auch gelernt. Ich fand auch großen Spaß daran und lernte es schon mit 12 Jahren. Später brachte ich es dann auch meinem Sohn bei. Wir räumten bei den Skatturnieren, an denen wir mit der ganzen Familie teilnahmen, dann häufig die Preise ab. Auch meine Partner später waren leidenschaftliche Skatspieler.

Was auch sehr lehrreich fürs Leben war, wir spielten mit kleinen Autos Vorfahrtsituationen mit der ganzen Familie durch. Mein Vater und ich hatten aus Papier einige Schilder und Straßenzüge gebastelt. Meine Schwester bastelte Bäume oder Häuser dazu.

Dann bauten wir das alles auf dem Tisch auf, konstruierten bekannte Straßenzüge unserer Umgebung und lernten dann, wer mit seinem Auto wann fahren durfte. Auch das machte einen Riesenspaß und half mir später beim Erwerb der Fahrerlaubnis viel weiter. Als Radfahrer mussten wir ja auch schon früh Straßensituationen und Vorfahrtsregeln kennen, wollten wir am regen Straßenverkehr teilnehmen.

Gegenüber unserer Wohnung stand ein Hochhaus mit vielen 1-Raumwohnungen, meistens von allein stehenden älteren Frauen bewohnt. Das Hochhaus mit 11 Stockwerken hatte zur Westseite eine schöne glatte große Betonplattform. Diese eignete sich sehr gut zum Rollschuhfahren, was wir auch viel nutzten. Wir waren auch als Stadtkinder viel an der frischen Luft und wussten uns immer zu beschäftigen. Auch das sogenannte „Brummern“ war auf dieser Plattform sehr gut möglich. Dabei bringt man einen pyramidenförmigen Holzkreisel mit der Spitze zum Boden zum Drehen und hält ihn mit einer kurzen Lederpeitsche in Drehbewegung. Wessen Kreisel sich am längsten drehte, der war Sieger. Oder „Gummitwist“ war auch ein beliebter Zeitvertreib.

Zu Geburtstagen oder auch zur Faschingszeit organisierten unsere Eltern für alle Kinder der Hausgemeinschaft Feste im Trockenraum. Vorher gingen wir Flaschen, Gläser und Altpapier sammeln und machten diese an den wöchentlichen Sammelstellen zu Geld, um Girlanden, Ballons und Naschwerk zu bezahlen. Unsere Eltern steuerten dann Kinderbowle, Musik, Gesellschaftsspiele und Gebäck zu. Beim Altstoffsammeln war der Höhepunkt das Fahren mit dem Fahrstuhl im Hochhaus. Die alten Menschen freuten sich über die Abholung der Sachen und öffneten uns bereitwillig die sonst verschlossenen Flurtüren, um ins Hochhaus hineinzukommen.

Ab der 6. Klasse wurde uns in der Schule eine Zusatzausbildung zum Kampfrichter in der Leichtathletik angeboten. Jedes Jahr kämpften die besten Sportlerinnen und Sportler aller Altersklassen in den Rubriken der Leichtathletik um beste Ergebnisse in der „Kinder- und Jugendspartakiade“, die jährlich bis zum Landesvergleich ausgetragen wurde im hiesigen „Ostseestadion“.

Dazu mussten wir die Regeln in den verschiedenen Disziplinen erlernen. Dazu gehörten Langlauf, Sprint, Staffellauf, Weit- und Hochsprung, Dreisprung und Kugelstoßen. Zuerst wurden wir als Anfänger nur zu Hilfsarbeiten, wie Harken, Abmessen der Entfernungen und Einstellen der Sprunglatten, eingesetzt. Wir sollten Erfahrungen sammeln, um dann später auch die verantwortungsvolleren Aufgaben, wie Listenschreiben, Zeitnehmen und Meldetätigkeiten, zu übernehmen. Bei jedem Einsatz bekamen wir auch ein wenig Geld. Am meisten gab es bei der dreitägigen Spartakiade. Ich gewann viele Einblicke auch bei den Qualifikationswettkämpfen und sah bald, was für einen Willen und Ehrgeiz es bedurfte, um große Leistungen zu erzielen. Aber auch traurige Momente gab es, wenn erstrebte Ziele nicht erreicht wurden, oder es bei Übertreten der Linien z. B. beim Weitsprung zum Ausscheiden kam. Da flossen schon mal die Tränen. Der Zusammenhalt und der Teamgeist der einzelnen Mannschaften und Riegen beeindruckten mich dabei immer sehr.

Mit dem Kampfrichtergeld erfüllte ich mir zusätzlich mit dem Taschengeld so manchen Wunsch.

Als ich 12 Jahre alt war, zog in unserer Nachbarschaft eine Familie mit einem Baby ein. Meine Freundin aus dem Haus und ich freundeten uns mit der jungen Mutter an und fragten, ob wir das Baby nachmittags abwechselnd oder zusammen ausfahren dürften. Sie hatte nichts dagegen. Als das Baby dann älter wurde, spielten wir viel mit ihm, brachten ihm das Sprechen bei und hatten viel Spaß miteinander.

Wir haben jetzt Anfang Januar 2021. Der Jahreswechsel war sehr einsam. Sämtliche Veranstaltungen fielen aus. Die Gaststätten und Restaurants sind schon eine ganze Weile geschlossen. Wir befinden uns nun schon 9 Monate in dieser Pandemie und es wird immer schlimmer. Viele Menschen infizieren sich, alte Menschen sterben an der „Covid 19“ Pandemie. Meine Familie und Verwandtschaft ist zum Glück bis jetzt noch verschont geblieben. Aber die Angst geht um. Man soll sich von jedem fernhalten und man muss Masken tragen, was die Atmung sehr behindert. Aber heute habe ich wieder gute Einfälle, was man aus der Jugendzeit so berichten könnte. Und dann schreite ich zur Tat.

2. Kapitel - Meine Jugendzeit

In der 8. Klasse war wieder so ein Wendepunkt in meinem Leben. Ich hatte 2 beste Freundinnen in der Klasse. Ansonsten war ich eher ein Einzelgänger. Die Leistungen beider Mädchen reichten leider nicht dazu, den Abschluss der 10. Klasse zu schaffen. Sie gingen von der 8. Klasse ab und begannen ihre Lehre. Die eine wurde Verkäuferin. Die andere Freundin erlernte den Beruf einer Schneiderin. In unserer Freizeit unternahmen wir viel gemeinsam während der gemeinsamen Schulzeit. Kinobesuche, Besuche im Wellenbad, Radtouren und Stadtbummel waren angesagt.

Unweit unserer Wohnungen, man musste nur ein paar Stationen mit dem Bus fahren, gab es Gaststätten, die Nachmittags Discomusik und Tanz von 14.00 Uhr bis 17.30 Uhr für Jugendliche ab 14 Jahren anboten, das sogenannte „Ferkelrennen“. Es wurden 60 % Ostmusik und 40 % Westmusik gespielt vom Band. (Manchmal auch umgekehrt) Da waren wir an den Wochenenden meistens Stammgast. Alkohol gab es auch in kleinen Mengen, aber da wurde gut aufgepasst, dass keiner zu viel trank.

Wir waren ein Superdreiergespann. Zu Diskos in der Schule und auch in der Freizeit waren wir dann immer auch auf Jungen-Suche und freuten uns, wenn mal eine leichte Freundschaft sich anbahnte. Wir konnten über alles reden und hielten auch gut zusammen in allen anderen Situationen. In geheimer Zeichensprache half ich ihnen bei Klassenarbeiten, wenn sie mal was nicht wussten.

Nun war ich allein und am Boden zerstört als ich erfuhr, dass alle beide die Schule verließen.

Die Zeit meiner Pubertät begann, und ich wurde immer zickiger und unleidlicher.

Auch war ich mit meiner Figur so gar nicht einverstanden. Zu der Zeit gastierten auch häufig Zirkusse in unserer Stadt. Ich ließ keine Vorstellung aus und verfolgte die Vorstellung, beruflich beim Zirkus mitzumachen, als Tierpfleger und Mädchen für alles im Hintergrund.

Dazu wollte ich erst mal hart an mir arbeiten und abnehmen. So baute ich mich auf und lief jeden Abend mehr Runden und in schnellerem Tempo auf dem Sportplatz. Zusätzlich stachelten mich die Fernsehsendungen „Jockey Monika“, welche nach den Romanen über ein Mädchen, welches zu DDR-Zeiten Jockey werden wollte (von der Autorin Sieglinde Dick geschrieben, die das alles wirklich durchgemacht hatte) nachempfunden waren, an.

Beharrlichkeit, Disziplin und Durchhaltevermögen wurden dann zu meinen grundsätzlichen Charaktereigenschaften in dieser Zeit, die mich auch weiter mein ganzes Leben begleiten sollten. Die Bücher von der Autorin „Sieglinde Dick“ (3 an der Zahl) las ich sehr häufig durch, um mich immer wieder zu motivieren. Aber auch der harte Musikunterricht bei meinem Akkordeon-Lehrer trug zur Festigung meiner künftigen Charaktereigenschaften bei. Die Hartnäckigkeit meines Vaters bei den Schulübungen tat ihr Übriges. Meine Eltern rieten mir aber doch ab von meinem Zirkusvorhaben, wofür ich ihnen im Nachhinein dann auch dankbar war.

In der 8. Klasse hatten wir Jugendweihe. Im Vorfeld mussten wir allerhand Jugendstunden absolvieren. Da ging es dann vorrangig um Aufbau der sozialistischen Jugend nach den Lehren von Marx, Engels und Lenin. Aber auch einen Besuch im KZ Dachau, einen Besuch in der Sternwarte, Besuche an anderen lehrreichen Orten und Museen waren Inhalte dieser Stunden. Auch verschiedene Betriebsbesichtigungen machten wir, um uns für das weitere Leben und unsere Berufswahl zu orientieren. Im UTP (Unterrichtstag in der sozialistischen Produktion) bekamen wir im Überseehafen in den verschiedenen Abteilungen Kenntnisse und Fähigkeiten in den Bereichen des Tischlerns, Drehens, der Mechanik und der Kfz-Branche vermittelt. Trotzdem wir nur Hilfsarbeiten machen durften, waren das doch auch Hilfen für das spätere Leben, und es hat Spaß gemacht, dort zu arbeiten alle 14 Tage.

Die feierliche Abhandlung der Jugendweihe fand dann im Volkstheater statt. Vorher galt es aber, passende Kleidung für diesen Tag zu besorgen. Ich ging mit meiner Mutter in die Stadt. Wir kauften ein gelbes Kleid mit Flügelärmeln. Zu der Zeit war Mini der letzte Schrei. Das Kleid konnte nicht kurz genug sein. Dazu sollten es dann Plateau-Sandaletten sein. Der Festakt fand an einem 5. Mai statt. Als wir nacheinander aufgerufen wurden, um die Blumen und ein Buch in Empfang zu nehmen, mussten wir eine kleine Treppe hochgehen. Ich stolperte und fiel meinem Vordermann fast in die Hacken. Alle konnten meine Unterwäsche sehen, es wurde natürlich viel fotografiert. Das war mir sehr peinlich. Gott sei Dank verletzte ich mich nicht noch. Und es hatten auch nicht allzu viele mitbekommen. Ich durfte bei den Feierlichkeiten zu Hause mit der Verwandtschaft auch das erste Mal meinen Freund Michael mitbringen in die Wohnung. Wir hatten aufgrund der vielen Gäste die Wohnung aus- und umgeräumt, um genügend Platz zu schaffen für alle Gäste. Die Sache startete zur Kaffeezeit. Wir hatten viel Kuchen gebacken, meine Oma hatte auch jede Menge Torten und andere Leckereien mitgebracht. Im Kinderzimmer tanzten wir dann zu „Abba“ – und „Beatles-Songs“, die zu der Zeit gerade angesagt waren. Unter den Geschenken waren auch ein neuer Plattenspieler und einige Platten gewesen, die dann auch gleich zum Einsatz kamen. Meine Freundinnen hatten auch ihre Freunde mitbringen dürfen, sodass wir 4 Teenager-Paare waren. Da wurde auch schon mal eng aneinander getanzt und geknutscht. Das machte den Tag dann auch unvergesslich. Später, als die Lehrzeit begann, verloren Michael und ich uns leider aus den Augen. Jeder ging in eine andere Branche. Da verlief sich alles. Ich sollte ihn aber weit später unter anderen Umständen doch noch einmal wieder treffen.

Während der Jugendstunden wurden für Schüler auch Tanzstunden in einer Tanzschule angeboten. Ich nahm auch daran teil. Es konnte nicht verkehrt sein, richtig auch die Standardtänze zu beherrschen. Es machte viel Spaß. Der Abschlussball mit Eltern war dann ein besonderes Highlight. Wunderbare Kleidung in einem wunderbar herrlich ausgestatteten Ballsaal mit himmlischer gastronomischer Versorgung und Live-Kapelle waren zu einem bleibenden Erlebnis in meinem Leben geworden. Später habe ich mich beim Ansehen der Fotos in den Alben köstlich amüsiert über die Frisuren und die hölzernen Schritte. Zeit meines Lebens habe ich wahnsinnig gerne getanzt, aber natürlich in einem anderen Stil als wie bei der Tanzschule.

Ich hatte mich bei den Treffen meiner Eltern mit einer polnischen Familie mit deren gleichaltrigen Sohn angefreundet. Meine Eltern hatten diese Familie auf einem Trip nach Polen kennengelernt. Es hatte sich dann eine langjährige Freundschaft beider Familien entwickelt. Gegenseitige Besuche und das bessere Kennenlernen der Länder und der Sitten erfreuten uns jedes Jahr auf das Neue. Zdislaw, wie der Sohn der Familie hieß, und ich unterhielten uns meistens auf Russisch. Aber da wir uns auch weiterhin schrieben, versuchten wir es auf Polnisch von mir bzw. auf Deutsch von ihm durchzuführen. Mit meiner Berufsentscheidung war ich auch noch nicht im Reinen.

Mein Vater hätte mich, wie schon erwähnt, gerne als Musikpädagogin gesehen, doch dafür hätte man Abitur gebraucht. Zum Abitur gehörten Englischkenntnisse. Wir waren an unserer Schule ein sehr starker Schülerjahrgang. Es gab nur eine Englischlehrerin an der Schule. Auch die Plätze zur weiterführenden Schule waren rar. Darum wurde ausgesucht, wessen Eltern in der Partei waren oder sonstig der Schule zugewandt waren. Wie sind die Leistungen der Schüler? Wie haben diese sich in das außerschulische Leben eingebracht? Usw. Da konnte ich natürlich nicht mithalten. Im Punkt Leistung schon, aber nicht in den anderen Punkten. Ich hatte auch diverse Abzeichen für gutes Wissen, war „Jung-“ und „Thälmann-Pionier“ und „FDJler“ gewesen. Aber trotzdem war Politik nie so mein Ding und auch nicht Sache meiner Eltern gewesen. Russisch mussten sowieso alle ab der 5. Klasse lernen, was mir auch sehr viel Spaß machte. Aber Englisch hätte ich auch schon gerne gelernt, da es schon immer eine Weltsprache war und ist. Aber ich wurde nicht auserkoren. Zudem wusste ich sowieso nicht, was ich werden wollte, und da war mir auch alles egal.

Ich hatte nur den einen Wunsch, auch ab der 8. Klasse die Schule zu verlassen. Aber meine Eltern waren strikt dagegen. Dann nahm ich die Sache selbst in die Hand. Wenn die Eltern schon nicht erlaubten, die Schule zu verlassen, sollten es die Lehrer machen. Ich benahm mich sehr schlecht, machte keine Hausaufgaben mehr, betrog ganz offensichtlich bei den Klassenarbeiten, sodass ich immer schlechtere Noten bekam. Ich störte den Unterricht, wo es nur ging, alles mit dem Ziel, dass die Lehrer mich von der Schule verweisen würden. Aber nichts geschah, im 1. Halbjahr der 9. Klasse war ich versetzungsgefährdet. Ich sah mein Ziel schon näher kommen, Verkäuferin wollte ich dann auch werden. Aber stattdessen tauchte die Direktorin bei uns zu Hause auf und unterhielt sich mit meinen Eltern, was wohl mit mir los sei. Da schlug die Bombe ein. Denn schlechte Arbeiten hatte ich mit einer gefälschten Unterschrift meiner Mutter zurückgegeben, was den Lehrern gar nicht auffiel. Meine Eltern wurden von der Direktorin also vor vollendete Tatsachen gestellt und fielen aus allen Wolken. Das hagelte erst mal eine gehörige Tracht Prügel von meinem Vater und 4 Wochen Stubenarrest und Strafarbeit, bis meine Leistungen wieder normal waren. Das traf mich sehr hart.

Als es dann nichts mit dem Englischlernen wurde, wurde uns als Alternative Französisch angeboten. Ich hatte schon immer Spaß am Sprachenerlernen. So lernte ich für die nächsten 2 Jahre Französisch. Nach einer langen Diskussion mit meiner Mutter willigte ich dann doch ein, den 10-Klassenabschluss zu machen, was mir (allein unter Wölfen, denn ich wurde zusehends gemobbt) sehr schwerfiel.

Ich lernte mit 15 Jahren bei einem Heimgang von der Orchesterprobe durch die Innenstadt einen jungen Mann kennen. Seinem Aussehen nach war er Ausländer. Wir standen beide um einen Zeitungskiosk herum und betrachteten uns die Zeitungen. Der Kiosk hatte schon geschlossen. Ich dachte, wenn er jetzt ein Nordafrikaner war, die sprachen doch auch Französisch. Dann ist das Französischlernen am Ende doch nicht so nutzlos und man kann sich in Aussprache und Grammatik vervollkommnen. Also sprach ich ihn auf Französisch an. Er freute sich sehr darüber und antwortete mir auch, was ich bei den wenigen Kenntnissen bis dahin natürlich nicht verstand. Russisch konnte er gar nicht, aber etwas gebrochen Deutsch. Er war Student und stammte aus Algerien. Wir unterhielten uns noch eine Weile, dann brachte er mich zum Bus. Wir verabredeten uns dann für ein neues Treffen. Ich glaubte nicht, dass er kommen würde. Aber er erschien zum verabredeten Zeitpunkt. So kamen wir uns immer näher. Er unterstützte mich tatsächlich bei meinem Französischlernen. Wir gingen viel spazieren, und er erzählte mir einiges von sich. Ich verliebte mich in ihn. Er war verständnisvoll, aufmerksam und wie ein Vertrauter trotz des Altersunterschiedes von 8 Jahren.

Natürlich konnte ich meinen Eltern so was nicht sagen, es musste alles geheim bleiben. Denn die jungen Mädchen, die sich mit Ausländern herumtrieben, waren in den Augen der Erwachsenen Nutten und Prostituierte, die sich nur Kinder andrehen ließen und dann verlassen wurden, wenn die Studienzeit vorbei war und die Männer wieder in ihre Länder zurückkehrten. Das konnte ich natürlich nicht riskieren, denn auch meine Eltern würden nicht anders denken. Aber er war nicht so. In der heutigen Zeit würde ich so was nicht mehr machen. Nach einiger Zeit lud er mich zu sich in seine Unterkunft ein, denn es wurde Winter und zum Spazierengehen zu kalt. Aufgeregt und mit der Perücke meiner Mutter, einer Brille und Klamotten, die ich selten anhatte, verkleidet, fuhr ich mit dem Bus in die besagte Unterkunft. Dort hausten in Baracken viele der ausländischen Studenten zusammen. Eine visuelle Privatsphäre gab es nur durch 1x3 m mit Stoffbahnen geteilten und mit einem Bett, einem Kleiderständer und einem Nachttisch versehenen Abteilen. Hören konnte man alles. Und ich hörte auch Gestöhne und Liebesgeflüster aus den anderen Abteilen, wo denn wirklich der Prostitution gefrönt wurde. Zum größten Teil wurde Arabisch oder Französisch gesprochen. Manchmal auch gebrochen Deutsch. Ein bisschen mulmig war mir schon. Würde Mohammed, wie er hieß, nun auch die Chance nutzen und über mich herfallen, um vor den anderen was zu erzählen zu haben? Aber nichts dergleichen geschah. Ich hatte aus Protest schon mit 12 Jahren heimlich das Rauchen angefangen, nur sporadisch erst mal. Mohammed rauchte die „Karo“ ohne Filter. Die stanken fürchterlich und waren auch nicht meine Marke. Aber wir rauchten sie dann beide. Die Zeit mit ihm war wunderschön, weil mir das Zusammensein mit ihm das gab, was ich bei meinen Eltern nicht hatte. Er war immer vernünftig, und nie hat er mich angerührt. Klar haben wir uns auch geküsst, aber das kam dann von mir aus. Er sagte mir eines Tages, dass ich wissen sollte, dass er mit einer Nutte ab und an schlief. Ich war erst mal geschockt. Aber er sagte, ich sei minderjährig, und er bekäme großen Ärger, wenn wir miteinander schlafen würden, so gerne er es wolle. Und ich hätte auch nichts dagegen gehabt, aber die Angst vor meinen Eltern war dann doch zu groß. Er versprach mir dann, wenn ich 18 wäre und sein Studium zu Ende wäre, würden wir beide nach Algerien gehen und heiraten. Viele Fotos seiner Familie und seiner Heimat hatte er mir schon gezeigt. Ich glaubte daran und hatte dann auch wieder ein Ziel vor Augen, an das ich mich klammern konnte. Als ich die Beichte mit der Nutte verdaut hatte, hatte ich dann auch nichts mehr dagegen, denn Männer müssen ihrer Hormone wegen wohl Umgang mit Sexualpartnern haben. So viel Ahnung hatte ich damals noch nicht vom anderen Geschlecht, denn Aufklärung hatte ich bis dato nur in der Schule erfahren. Bei uns zu Hause war dieses Thema tabu.

Mit Mohammed schrieb ich mich unterdessen schon auf Französisch. Ich angelte seine Briefe immer mit einer Fahrradspeiche aus dem Briefkasten, damit sie ja nicht meinen Eltern in die Hände fielen. Das Französisch diente auch der Sicherheit, falls es doch mal sein sollte.

Dann kam ein Jahr, in dem unsere polnischen Freunde bei uns waren und wir im selben Jahr zu ihnen nach Polen eingeladen wurden. Ich durfte für 14 Tage mit ihnen nach Polen in die Ferien fahren. Meine Eltern wollten mich dann wieder abholen beim Gegenbesuch. Im „Warszawa“ fuhren wir zu fünft nach Sopot, deren Heimat, fast bis zur russischen Grenze. 14 Stunden waren wir unterwegs. Ich schlief hinten an der Schulter von Zdislaw. Wir waren uns sehr nahe. In Polen waren wir dann täglich unterwegs und er zeigte mir seine Heimat. Ich konnte nun schon so viel Polnisch, dass ich viel verstand und mich auch selbst verständlich machen konnte. Das imponierte seinen Eltern sehr. Wir besuchten auch viele Kirchen und Gotteshäuser, da die ganze Familie streng katholisch war. So nach und nach festigte sich unsere Beziehung. Seine Eltern fragten mich, ob ich mir vorstellen könnte, in Polen zu bleiben nach meinem Schulabschluss. Einer Heirat mit Zdislaw stand dann aber doch der kirchliche Glaube im Weg. Da war ich doch schon etwas geschockt. Ich war 16 Jahre alt und hatte da noch keine festen Zukunftspläne. Sie wollten, dass ich dem katholischen Glauben beitrete. Ich war evangelisch getauft, hatte aber mit Kirche nie was am Hut gehabt. Das erzürnte die strenggläubige Familie dann doch sehr. Zdislaw war sehr traurig darüber, denn er hatte sich tatsächlich in dem Alter schon Hoffnung gemacht. So nach und nach schlief dann die Verbindung ein. Einige Jahre später schickte er mir einen Brief mit Fotos seiner polnischen Frau und 2 Kindern. Da war ich dann auch über die Trennung hinweg und alles war gut.

Die Sache mit Mohammed endete dann auch bald. Meine Mutter hatte doch eines Tages im Briefkasten einen Brief von ihm gefunden und mich daraufhin zur Rede gestellt. Mir blieb nichts anderes übrig, als alles zu erklären. Dann ging natürlich die ganze Litanei mit den Ausländern und den Nutten los und ob ich denn auch in so einen Verruf geraten wolle. Aber dafür waren wir schon zu lange zusammen, als das das noch passieren würde. Dass ich ihn allerdings häufig in seiner Unterkunft besucht habe, erzählte ich ihr nicht. Ich ließ sie im Glauben, alles sei nur eine Brieffreundschaft um des Französischlernens willen. Einige Zeit später kam das Buch „Nicht ohne meine Tochter“ heraus, welches ich mir auch gleich in der Bibliothek auslieh. Später wurde das Buch auch verfilmt. Die ganze Geschichte beruhte auf einer wahren Begebenheit und glich bis zu einem gewissen Punkt auch meiner Geschichte mit Mohammed. Da überkam mich doch eine große Angst. Wenn ich später darüber nachdachte, wie schwer die Geburten meiner Kinder waren und wie unterentwickelt in der Medizin Algerien war, hätte ich dort wohl kein einfaches Leben gehabt. Später brach da auch noch der Krieg aus und vom Islam verstand ich auch nichts.

So war ich froh, dass das Schicksal mich vor einer schlimmen Zukunft bewahrt hat.

Nun befinden wir uns schon in der Mitte des Januars. Der erste Schnee war schon gefallen, taute aber nach kurzer Zeit schnell wieder weg. Ich hatte mir eine weitere Auszeit vom Schreiben genommen, um auch das 2. Kapitel noch mal genau zu überdenken. Einige Korrekturen waren auch da vonnöten. Aber die nächsten Kapitel sollen jetzt die interessantesten werden, denn nun geht das Leben los.

3. Kapitel - Der stete Weg nach vorn und endlich ein Ziel vor Augen

Schon in der Schulzeit hatte man in den Sommerferien in einem Alter von 14 Jahren die Möglichkeit, sich in verschiedenen Betrieben ein bisschen Geld dazuzuverdienen.

Das nutzte ich natürlich auch. In einem Pflanzenbetrieb erntete ich 14 Tage lang Mohrrüben, oder ich sammelte im Zoo Papier und fegte Wege. Natürlich war an Tierpflege oder Arbeiten mit den Tieren nicht zu denken. Aber ich nahm Kontakte in den Pausen mit den Tierpflegern auf und durfte dann auch in der Mittagspause mal einen jungen Löwen oder Leoparden streicheln. Aber die meiste Aufmerksamkeit widmete ich den Pferden. Der Zoo war europäischer Zuchtbetrieb für Arabische Vollblüter. Die gab es in ägyptischen und polnischen Zuchtlinien. Jeden Mittwoch fand die Tierschau des Zoos statt für die Besucher. Alle Tiere, die sich vorführen ließen, wurden dann auf einer großen Anlage präsentiert. Ein Moderator sagte etwas zur Geschichte der Tiere. Die Pferde wurden vom Personal vorgeritten oder auch gefahren. Neben der Anlage wurden Getränke und Esswaren gereicht. Diese Veranstaltungen wurden vorher groß angekündigt und waren immer gut besucht. Im Anschluss fand dann ein Ponyreiten für die Kinder statt auf dieser Anlage.

Ich hatte mich in den Jahren im Zoo schon so gut bekannt gemacht, dass ich auch mal in die Futterküche durfte, das Personal in der Kantine in den Pausen bedienen durfte und auch die Pferdeanlage außerhalb des Zoos, welche etwas abseits lag, besuchen konnte.

Das war dann immer das Ziel meiner einsamen Radtouren in der Schulzeit, wenn ich Sorgen hatte oder allein sein wollte. Es wirkte sehr beruhigend, die auf den verschiedenen Koppeln grasenden Pferde zu beobachten und auch ab und an mal ein Tier zu streicheln. Danach ging es mir dann wieder besser.

Als die Personalkantine im Zoo einmal wegen Ungeziefer gereinigt und behandelt werden musste, musste alles Inventar in das Elefantenrevier gebracht werden. Dabei kam ich auch den Dickhäutern ganz nah und konnte sie streicheln. Ich durfte da dem Küchenpersonal zur Seite stehen bei der Aktion. Der Kammerjäger waltete seines Amtes und ein paar Tage später wurde dann alles wieder an seinen alten Platz gebracht. Es war eine sehr schöne Zeit während der Zooarbeit. Ich hätte gerne als Lehrling im Zoo angefangen. Aber ohne Beziehungen führte da kein Weg rein.

Das Hengst-Depot in Redefin

Schon zu DDR-Zeiten gab es jedes Jahr die legendären Hengstleistungs-Schauen im Hengst-Depot „Redefin“.

Da der Verkauf der Pferde dem Staat Devisen einbrachte, wurde das Hengst-Depot staatlich subventioniert. Die Mecklenburger Warmbluthengste waren legendär für ihren freundlichen Charakter und in aller Welt als Reit- und Fahrpferde sehr begehrt. Ebenso zur Zucht.

Eine große Schau aus allen Disziplinen des Reit- und Fahrsportes, dazu ein kleines Springturnier, Zuchtschauen und Begutachtung von Nachkommen berühmter Hengste waren dann unter anderem Bestandteile eines mehrstündigen Programms.

Mit Bussen und vielen Pkws musste man rechtzeitig anreisen, um einen geeigneten Parkplatz zu bekommen und einen günstigen Sitzplatz. Karten erhielt man nur vor Ort, Vorverkäufe gab es nicht, nur Vorbestellungen.

Beim FDGB, wo meine Mutter arbeitete, wurden jedes Jahr Betriebsausflüge unterschiedlichster Art für die Mitarbeiter und deren Familien organisiert. Ich war zu dem Zeitpunkt im 2. Halbjahr der 9. Klasse und wusste immer noch nicht, was ich mal werden wollte.

So nahmen wir dann mit der ganzen Familie an diesem Betriebsausflug nach Redefin teil. Meine Leistungen hatten sich nun schon wieder verbessert. Ich hatte mich jetzt auch mit einem Abschluss der 10. Klasse angefreundet.

Das Programm war einfach beeindruckend. Einige Reitturniere in „Trinwillershagen“ oder auch in „Dummerstorf“ hatten wir im Vorfeld schon öfter besucht. Auch durch die Besuche auf dem „Fohlenhof“ des Zoos war ich nun etwas auf Pferde geeicht. Selbst in einem der Urlaubsorte, zu denen meine Eltern mit uns als Kinder fuhren, durften wir schon einmal einen Geländeritt frei auf einem Pferd mitmachen. Der Betreuer ritt durch ein Wasserbett und einen Hohlweg voraus. Die Reittouristen folgten im Gänsemarsch. Die Pferde kannten das und waren ganz brav, auch wurde nur im Schritt geritten. Aber für uns Amateure und Nichtreiter reichte das voll aus und wurde zu einem tollen Ferienerlebnis.

Auch in Eisenach konnte man damals per Esel zur „Wartburg“ den Weg hinaufreiten. Das nur mal am Rande.

Aber auch die Moderation während der Veranstaltung bestärkte mich immer mehr in dem Ziel, in meinem Leben mal etwas mit Pferden machen zu wollen.

Ich las die Bücher von der Autorin „Sieglinde Dick“ zum x. Mal.

Mein Vater war von diesem Berufswunsch natürlich gar nicht begeistert. Er kam mit Argumenten aus seiner Zeit bei den Polen und Russen während und kurz nach dem Krieg.

Schwer arbeiten von morgens bis nachts. Wie lange mein Körper das wohl mitmachen würde. Was ist mit Familienplanung, Kindern …?

Meine Mutter schlug in dieselbe Kerbe. Sie hätte mich gerne im Büro gesehen, Wochenende frei, geregelte Arbeitszeiten, jährlichen Urlaub …

Aber mein Entschluss war gefasst. Ich drängelte solange, bis sie nachgaben. Aber mit einer Lehrstelle auf einem Gestüt wurde es dann nichts. Alles voll und nur mit Beziehung zu kriegen, die wir natürlich nicht hatten. Eine Fachausbildung mit Abitur war nicht möglich, da ich nicht für die EOS (Erweiterte Oberschule) vorgesehen war. Da war guter Rat teuer. Meine Eltern hatten sich aber auch in dieser Hinsicht für mich eingesetzt. Aber alles umsonst. Die Tränen flossen und meine Zuversicht war wegen der erneuten Ziellosigkeit dahin.

Dann kam meine Mutter eines Tages mit der Nachricht, dass ein Bekannter eines Kollegen auf einem Dorf in der Kartoffelforschung arbeite und dort gäbe es auch eine Reitsportgemeinschaft. Ob ich es da mal versuchen möchte. Aber die Vorstellung, bei jedem Wetter auf dem Feld zwischen Engerlingen und Kartoffeln zu wirtschaften, befriedigte mich auch nicht. Ich lehnte dankend ab. Ich wollte unbedingt zu großen Tieren.

Dann ein paar Tage später überraschte sie mich erneut. In diesem Dorf gab es auch eine Rinder-Zuchtanlage und eine Schäferei. Was ich denn davon halte.

Bisher hatte ich noch nie eine Kuh aus der Nähe gesehen und glaubte auch noch daran, dass braune Kühe Kakao geben. Mit Schafen zu arbeiten, daran interessierten mich nur die Hunde. Aber immer allein zu sein beim Hüten, war auch nicht so mein Ding.

So wollte ich es mal mit den Kühen versuchen.

Meine Lehrausbildung auf dem Volkseigenem Gut (VEG)

Die Abschlussprüfungen in der zehnten Klasse standen an. Durch die schriftlichen Prüfungen in Deutsch, Mathematik, Russisch und Biologie war ich gut durchgekommen. Ich hatte den Ehrgeiz, meinen Abschluss mit eins oder zwei zu machen. In den mündlichen Prüfungen wäre ich gerne in Geographie und Kunst geprüft worden, da meine Leistungen in den Fächern auf Kippe standen. Aber das ging nicht. Die Teilnehmerzahl war voll, da wir ein sehr stark vertretener Jahrgang waren.

Die mündlichen Prüfungen waren dann mit Staatsbürgerkunde und Russisch für mich anberaumt. Die Verteidigung der schriftlichen Prüfungen in Biologie und Deutsch hatte ich bereits hinter mir. Überall zufriedenstellende Noten. Zum Glück brauchte ich Mathematik nicht zu verteidigen. Die schriftliche Prüfung hatte ich ganz gut gemeistert.

Aber dann bekam ich eines Nachts furchtbare Bauchschmerzen. Hohes Fieber und Durchfall begleiteten die Sache. Und das während der Prüfungszeit. Ich war völlig fertig. Ich konnte mich vor Schmerzen fast nicht bewegen. Meine Mutter ging mit mir zum Arzt. Fiebersenkende Mittel und Schmerzmittel sollten mich bald wieder auf die Beine bringen.

Aber nichts geschah, mein Zustand verschlimmerte sich stündlich. Meine Mutter ging am nächsten Tag wieder zum Arzt mit mir. Dieser wurde sehr ungehalten, dass ich schon wieder auf der Matte stand. Er meinte, ich solle etwas Geduld haben, nicht so enge Röcke tragen und dann ginge es mir auch bald etwas besser. Meine Mutter war geschockt. Als ich dann nächste Nacht bereits gelb wurde, brachten meine Eltern mich in die Notaufnahme des Krankenhauses.

Eine sofortige Not-OP rettete dann mein Leben. Ich hatte eine „schrumpfende Galle im fortgeschrittenen Stadium“ und einen Stein. Der Arzt war empört, als ich ihm die Vorgeschichte erzählte. Er sagte, dass ich am nächsten Morgen hätte tot sein können.

Meine Eltern waren geschockt. Aber dem behandelnden Kinderarzt passierte trotz dieser gefährlichen Fehldiagnose nichts. Er meinte, in meinem Alter hätte man keine Gallensteine, soweit man noch kein Kind zur Welt gebracht hat. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.

Als ich dann wieder auf dem Damm war, gingen die mündlichen Prüfungen weiter. Staatsbürgerkunde und Russisch standen noch an. Beide Prüfungen bestand ich mit „sehr gut“, obwohl die Russisch-Lehrerin mich so manches Mal nicht verstand, da ich Polnisch sprach. Aber mir fielen immer noch rechtzeitig die russischen Vokabeln ein.

Mein größter Erfolg war aber, dass ich in Sport als Endzensur eine zwei erhielt. Hatte sich meine Mühe also gelohnt. Der Gesamtabschluss meiner 10 Klassen fand dann mit der Note „gut“ bei allen Familienmitgliedern und auch bei mir selbst große Anerkennung.

Meine erste Begegnung mit der Landwirtschaft konnte also beginnen. Meine Zensuren waren gut für diesen Beruf, der sich dann „Zootechniker/Mechanisator Spezialisierung-Richtung Milchproduktion“ nannte.

Ich bewarb mich schriftlich und wurde gleich angenommen. Von allen 4 zehnten Klassen war ich die einzige Schülerin, die in die Landwirtschaft ging. Der Schulabschluss war dann nur noch eine Formsache. Er wurde aber trotzdem feierlich begangen.

Dieser Beruf erforderte eine Arbeit in Schichten. Die Kühe wurden 2-mal gemolken, die Kälber 3-mal gefüttert und getränkt. Männliche Rinder gab es in dieser Anlage nicht.

Das volkseigene Gut war ein Vorzeigebetrieb der DDR. Die Tiere wurden in „Offenstallhaltung mit Schleppschaufelentmistungssystem“ gehalten. Die Kühe waren zu 16 Tieren in Laufställen untergebracht, die mit Liegeplätzen, abgetrennten Futterplätzen und Spaltenböden ausgestattet waren. Stroh gab es nicht, die Liegeplätze waren durch Bügel voneinander abgetrennt und mit Gummimatten ausgelegt. Ein Dach hatten die Tiere über den Liegeplätzen über dem Kopf, auch die Futterplätze waren überdacht, aber trotzdem zog es überall.

Kühe sind Herdentiere, und da herrscht eine Rangordnung. Die gehörnten schwarzbunten Kühe vertrugen sich nicht immer gleich, wenn sie neu zusammengestellt wurden, was jeden Monat nach der Milchkontrolle passierte. Dann wurden neue leistungsgerechte Kraftfutterpläne erstellt. Die Kühe wurden dann neu sortiert aufgrund unterschiedlicher Entwicklungsstadien der ungeborenen Kälber und auch unterschiedlicher Milchleistungen, was immer zu Unruhen und zu Verletzungen führte. Zum Melken wurden die Tiere dann gruppenweise entweder ins Melkkarussell oder in einen Fischgrätenmelkstand getrieben. Immer 8 Kühe standen sich in so einem Melkstand in Form einer Fischgräte gegenüber. Motiviert durch die sofort gegebenen Kraftfuttergaben in Form von Sojaschrot gingen sie besser oder schlechter auf ihre Plätze. Eine kurze Wasserdusche ins Gesicht beendete die Runde im Karussell, während der sie dann auch gemolken wurden. Im Melkstand (FGM) genannt, musste man per Stimme die Tiere zum Ausgang treiben. Ein Treiber, meistens ein Lehrling, brachte die Tiere dann wieder in ihre Stallungen. Die Tiere durften dabei nicht durcheinander geraten.

Extratiere, wie lahme Tiere oder schwer zu melkende Kühe, wurden in gesonderten Gruppen zusammengestellt. Sogenannte Schwermelker waren Kühe mit anatomisch veränderten Eutern, solche auch, die ihre Milch nicht gleich hergaben und länger für das Melken brauchten oder Tiere mit außergewöhnlich hoher Milchleistung.

In anderen Bereichen, wie dem „Abkalbestall“, erlernten wir Neugeburtenbetreuung, das „Trockenstellen“ der Kühe, das Anmelken von Färsen (Tiere, die zum ersten Mal kalbten) und die besondere Fütterung der werdenden Mütter. 8 Wochen vor der nächsten Geburt wurden die Kühe trockengestellt. Die Melkzeiten wurden immer mehr verlängert, bis der Milchfluss ganz versiegte und die Kühe sich auf die nächste Geburt vorbereiten konnten. Das gelang nicht immer ohne Eutererkrankungen. Dann musste der Tierarzt mit Medikamenten nachhelfen. Das nannte man das sogenannte „Trockenspritzen“. Die Kühe produzierten dann keine Milch mehr bis zur nächsten Kalbung.

Im Kälberstall wurden die neugeborenen Kälber unter Rotlicht in sogenannte Paletten gelegt, trockengerieben und mit Biestmilch versorgt aus einer Weinflasche. Die Mutterkühe bekamen ihre Kälber gar nicht zu Gesicht. Für die Kälber wurde von deren Müttern von uns 3-mal pro Tag 1 Liter der wichtigen „Biest- oder auch Kolostralmilch“ gemolken und per Flasche verabreicht. Diese erste Milch enthält alle Abwehrstoffe und Vitamine, die ein Kalb nach der Geburt nicht selbst hat und erst mit der ersten Milch von der Mutter bekommt. Das muss innerhalb der ersten 12 Stunden nach der Geburt geschehen, sonst kann das Kalb sterben. Die Kühe kalbten im Stall und man musste aufpassen, dass das Kalb nicht zu lange mit dem Boden in Kontakt kam, da der Nabel versorgt werden musste und sich dort keine Infektionen ergeben sollten. Darum gab es eine Nachtwache, also der Abkalbestall war ständig bewacht, da die Kühe das ganze Jahr kalbten. Etwa mit 14 Tagen wurden die Kälber für die Paletten zu groß und sie wurden zu 4-6 Tieren in überdachten Außenboxen bis zum Verkauf mit 4 Wochen zusammengestellt. Diese Boxen wurden dann vom Personal der FGM und des Karussells alle 2 Wochen per Hand ausgemistet. Hier wurden die Tiere auf Stroh gehalten. Die Ställe der erwachsenen Kühe wurden maschinell gereinigt. Es wurde der Mist per Traktor mit Schiebeschild auf einen Haufen zusammengeschoben und dann auf Miststreuer geladen und auf die Felder ausgebracht. Die Gülle fiel durch die Spaltenböden durch auf eine Art Förderband, „Schleppschaufel“ genannt. Am Ende des Stalles wurde der Klärschlamm gesammelt, mit Wasser wieder verdünnt, dann in die Güllebehälter gepumpt. Das übernahm die Futterbrigade, uns überließ man das Fegen der Liegeplätze.

Unter einem FGM verstand man einen vollautomatisierten Melkstand, wo sich 8 Kühe jeweils gegenüber in Form einer Fischgräte standen. Jeweils 2 Melker waren im sogenannten Melkkeller damit beschäftigt, die Euter zu säubern, ein sogenanntes „Vorgemelk“ in einen Behälter abzuzweigen, um die meisten Keime der Milch aufzufangen und dann das Melkzeug an die Zitzen der Kuh anzusetzen, welches per Unterdruck hielt. Mittels eines am Melkzeug angebrachten Schiebers erzeugte man den dazu benötigten Unterdruck. Ein Pulsator, als Taktgeber, regelte dann den nachempfundenen Saugtakt eines Kalbes und die Milch floss. Wenn der Milchfluss versiegte, unterbrach der Pulsator seine Arbeit und das Tier konnte per Hand nachgemolken werden. Das Melkzeug wurde dann gereinigt, desinfiziert und an der nächsten Kuh angebracht. Wenn das Ende des Milchflusses der Kuh nahte, wurde der Pulsator durch eine sogenannte „Physiomatik“ ausgeschaltet. So ging es dann immer von einer Seite zur anderen. War eine Seite fertig, wurden die Kühe in ihre Ställe gebracht und die nächsten betraten das FGM. Natürlich wurden die Neulehrlinge von den Alteingesessenen auch manchmal ganz schön auf die Schippe genommen. Da hieß es denn, „hol mal den Gebärmutterberieselungsbolzen“; oder „bring schnell eine Kanne Vakuum, die Melkzeuge fallen ab“. Wir waren dann auch erst mal eingeschüchtert von solcher Aufgabenerteilung und versuchten unser Bestes, während die anderen sich kaputtlachten. Im Karussell waren die Kühe auch nur mit ihren Eutern für uns zu sehen, da wir tiefer standen. Da kam es schon mal vor, dass ein Spitzbube an der anderen Seite des Karussells eine Zitze der Kuh abknickte und stattdessen seinen Daumen hinhielt, an den wir dann das Melkzeug ansetzten. Dann wunderten wir uns, dass eine Zitze zu viel am Euter war, als er die Zitze wieder losließ und dann losprustete. Natürlich fiel das Melkzeug dann ab und der ganze Vorgang musste wiederholt werden, was die Zeit meistens nicht zuließ und wir von den Meistern einen Rüffel bekamen. Aber als wir dann später im 2. Lehrjahr waren, verhielten wir uns auch nicht anders.

Wenn die Kühe aufgrund Unachtsamkeit des Treibers mal ausbrachen, mussten alle mithelfen beim Einfangen. Kühe haben die Eigenart, nicht im Herden-Verband zusammenzubleiben, sondern jede lief in eine andere Richtung. Da waren diese für uns tiefen Klärschlammmassen natürlich ein unüberwindbares Hindernis. Für die Kühe allerdings nicht. Und wie es kommen musste, zu Beginn konnte ich das nicht einschätzen und wollte durch die Schlammschicht hinterher. Meine Füße wurden durch die Massen sofort blockiert. Ich fiel der Länge nach in den stinkenden Haufen. Selbst nach dreimaligem Duschen und Haarewaschen wurde ich den Gestank nicht los. So wusch ich mich aus lauter Verzweiflung mit Desinfektionsmittel. Erst nach drei Tagen nahm der Geruch endlich ab und ich konnte mich wieder unter Menschen wagen. Die Arbeitszeiten wurden in Schichten geteilt. Frühschicht begann um 2.30 Uhr bis 9.00 Uhr und die Spätschicht begann um 13.00 Uhr und endete um 19.00 Uhr. Jede 2. Woche nach der Frühschicht am Samstag war dann frei bis um 13.00 Uhr am Montag, wo man dann in die Spätschicht wechselte. Die Gegenschicht musste während der freien Zeit der anderen Schicht 4 Schichten hintereinander arbeiten (Doppelschichten).

In der Sommerzeit gingen die Trockensteher (Kühe, die 8 Wochen vor dem Kalben waren) und die melkenden Kühe sowie die Färsen und Jungtiere auf die Weiden.

Das war immer schön anzusehen, wenn sie erhobenen Schwanzes im Galopp auf die Weiden getrieben wurden. Sie freuten sich über die Bewegung und natürlich über das Grünfutter. Die Milchkühe wurden dann immer zum Melken in die Anlage geholt und danach wieder auf die Weide gebracht. Dafür wurden wir als Erstes als Lehrlinge angelernt. Aufgrund meiner Gallen-OP bekam ich einen Schonplatz für die erste Zeit. Und dieser Schonplatz war „Weidetreiber“. Ebenso wurde ich auch in die Geheimnisse des Koppelbauens eingewiesen. So lernte ich meinen späteren Schwiegervater kennen, der mich öfter mal mit dem Trecker mitnahm, wenn wir uns begegneten. Er sorgte dafür, dass alle Tiere Zugang zum Wasser hatten.

Ich lernte als Erstes, wie man Pfähle in den Boden bringt und den Draht befestigt, auch wenn er unter Strom steht. Oft bekam ich Stromschläge, die nicht ohne waren, aber langsam gewöhnte ich mich daran, wie man Stromschläge vermeiden konnte.

Das Melken machte mir auch viel Spaß. Ebenso mit der ganzen Reinigung der Melkanlagen und der Technik umzugehen. Die Trockensteher mussten 2 mal pro Woche auf Gesundheit der Euter kontrolliert werden. Dabei nutzten wir gleich den Herdentrieb aus, indem wir die Färsen auch gleich mit dem Melkstand bekannt machten, damit sie später, wenn sie aus dem Abkalbestall zu uns kamen, nicht so ängstlich waren. Das Hineintreiben in die Melkstände und auch in das Karussell kannten diese Tiere dann schon.

In der Frühschicht wurden auch tierärztliche Maßnahmen wie Euter- oder Lahmheitsbehandlungen durchgeführt. Wenn Kälberverkäufe oder Färsenzukäufe durchgeführt wurden, mussten wir als Lehrlinge auch hilfreich zur Seite stehen. Als Azubis durchliefen wir alle Bereiche der Anlage. Jede hatte so ihren Reiz. Aber am liebsten arbeitete ich im FGM (Fischgrätenmelkstand). Da bekleidete ich wegen Arbeitskräftemangels schon im 2. Halbjahr des 2. Lehrjahres die Meisterstelle und hatte die Verantwortung in jeglicher Hinsicht über 265 Kühe.

Auch das Improvisieren lernten wir schon sehr früh. Das Gestänge der Stände im FGM, an dem die Gummimatten befestigt waren, musste auch nach einer gewissen Zeit entrostet und neu gestrichen werden. Es war ja jeden Tag 2-mal dem Wasser

ausgesetzt. Da es keine Pinsel gab, schnitten wir den Kühen die ohnehin nutzlosen und immer mit Kot behafteten Schwanzquasten ab, reinigten sie und befestigten sie an im Wald gesammelten Stöcken. Wir stellten uns so die benötigten Pinsel her. Zwar hielten die nicht sehr lange, aber sie erfüllten ihren Zweck.

Aber auch in der theoretischen Ausbildung lernten wir viel über Melktechnik, Mathematik in der Landwirtschaft, Rinderzucht, Veterinär-Kunde und natürlich Marxismus/Leninismus.

Unsere Exkursionen führten uns in andere Anlagen mit anderen Konzepten und Schwerpunkten, nach Dummerstorf ins Forschungsinstitut, wo bei am Kopf verkabelten Kühen die Wiederkaubewegungen und das Fressverhalten gemessen und erforscht wurden. In der Forschungseinrichtung konnten wir an präparierten Tieren in einer anderen Abteilung auch in deren Pansen einen Blick werfen, um die Verdauungsvorgänge darin mal zu sehen. Die Kühe waren operativ präpariert worden mit einer Öffnung und einer Verschlusseinrichtung, die man entfernen konnte, ohne den Tieren Schmerzen zu bereiten. Mit den Tieren wurden dann Versuche zum Thema Fütterung betrieben.

Aber auch der Schlachthofbesuch blieb uns nicht erspart. Da musste ich passen und den Raum fluchtartig verlassen. Die Rinder wurden ja noch human getötet mit einem Bolzenschussgerät, aber die Schweinetötung war das reinste Gemetzel. Zusammengetrieben in Buchten lief einer mit einem Elektroschockgerät und versuchte, die Schweine damit hinter den Ohren zu berühren. Das gelang dann ganz gut, wenn die Bucht randvoll war und die Tiere nicht so viele Bewegungsmöglichkeiten hatten. Die Letzten traf er aber nicht immer, sodass sie dann lebendig in den Brühapparat getaucht wurden, aufgehängt am Haken an der Achillessehne. Der Krach und die Todesschreie der Tiere waren ohrenbetäubend. Die Tiere, die als Nächstes an der Reihe waren, bekamen das natürlich alles mit und schrien genauso ohrenbetäubend schon im Vorraum. Die Schlachter-Lehrlinge bewarfen uns dann auch noch so zum Spaß mit abgetrennten Ohren und Augen. Das war dann zu viel für mich, ich musste den Raum verlassen und mich draußen übergeben. In der Wurstverarbeitung stank es widerlich, überall floss das Blut. Seitdem hab ich mein Leben lang keine Wurst mehr gegessen.

Aber auch in der Besamungsstation für Rinder war es ganz interessant. Da standen die Riesenbullen, die „abgesamt“ wurden und mit deren verschickten Sperma unsere Kühe dann vom Besamungs-Techniker künstlich besamt wurden. Auch eine örtliche Molkerei besuchten wir und bestaunten die Technik, welche die Milch durchlaufen muss, bis sie in die Läden zum Verbraucher gelangt.

Wir stellten fest, dass die Kühe Musik liebten und dann auch die Milchleistung stieg. Am liebsten hatten sie klassische Musik. Aber auch für unsere Bedürfnisse spielte immer ein Radio während des Melkens. Imposant war, wenn es Nachrichten gab und alle Kühe die Köpfe hoben, als hörten sie zu.

1mal pro Monat war Milchkontrolle. Da wurden von jeder Kuh der Fett- und Eiweißgehalt in der Milch und die Milchmenge gemessen in Milchproben. Dazu mussten die Kühe, die alle Nummern hatten an den Halsbändern, aufgeschrieben werden. Ich hatte ein sehr gutes Zahlengedächtnis und konnte schon anhand der Euter sagen, wer, wer war. Das erleichterte die Sache ungemein, da man dann nicht mehr den engen Gang hinter den Futtertrögen gehen und jede Kuh zum Kopfheben animieren musste, um die Nummer zu sehen. Das sparte viel Zeit. Nach Auswertung der Proben wurden dann die Tiere wieder neu zusammengestellt nach Leistung, neue Futterpläne erstellt und die Tiere herausgesucht, die trockengestellt werden mussten, da ihr Kalbetermin in 8 Wochen dran war. Eine Exkursion in eine Molkerei war, wie schon erwähnt, auch Bestandteil, unserer theoretischen Ausbildung. Wir sollten erfahren, was alles aus der Milch hergestellt werden konnte und welche Rolle die Milchqualität dabei spielte.

Es wurden natürlich auch Wettbewerbe im Leistungsmelken durchgeführt, Prüfungen in Fütterung, Auseinander- und Zusammenbau von Melkzeugen und Wartung der Technik durchgeführt. Hand und Maschinen-Melken waren weitere Prüfungen. Ebenso waren natürlich auch theoretische Fragen Teil der Prüfungen. Auf Kreis- und später auch Bezirksebene machte ich mich da sehr gut und erzeugte einen Teil meiner Aussteuer bei den Siegerehrungen. Geldpreise gab es nicht, nur Sachpreise, auf die ich heute noch stolz bin. Auch die Urkunden und Medaillen habe ich noch als Andenken behalten. Ich lernte bei den höheren Wettkämpfen auch andere Anlagen kennen, was sehr interessant war. Im 2. Lehrjahr wurde ich auf Bezirksebene auserwählt als bester Lehrling meiner Branche und erhielt als Auszeichnung eine Reise nach Leningrad für 8 Tage. Das war eine aufregende Sache. Mit dem Zug waren wir 2 Tage unterwegs. Als wir auf russischem Gebiet waren, mussten die Achsen unter dem Zug getauscht werden, da es in Russland nur Schmalspurgleise gab. Auch des Nachts schliefen wir im Zug. Ich hatte mich mit einem Mädchen aus Neubrandenburg angefreundet, die ich schon in Berlin auf dem Bahnhof kennengelernt hatte. Wir bewohnten dann auch in Leningrad im Hotel gemeinsam ein Zimmer und verstanden uns super. Wir bestaunten den Panzerkreuzer „Potemkin“, besuchten die „Ermitage“, die „Peter-Pauls-Festung“, fuhren über den „Newski-Prospekt“ bei der Stadtrundfahrt und besuchten den Friedhof der gefallenen Soldaten. In unserer Freizeit erkundeten wir die riesige überdachte Einkaufspassage. Dort kauften wir dann auch Andenken für unsere Familien und für uns. Es war ein beeindruckendes Erlebnis, was mir sehr lange in Erinnerung blieb. Den Heimweg in die DDR legten wir per Flugzeug zurück. Von Berlin aus ging es dann per Zug in den Heimatort. In der Schule hatten wir ja ab der 5. Klasse bis zur 10. Klasse Russisch-Unterricht. Wir kamen mit unseren Kenntnissen auch ganz gut voran in Leningrad, hauptsächlich beim privaten Einkauf. Ansonsten hatten wir Dolmetscher bei den Museumsführungen und bei der Stadtbesichtigung. Danach trennten sich unsere Wege wieder.

Der theoretische Berufsschulunterricht fand im Blockunterricht in der Stadt statt. Da konnten wir dann auch zu Hause wohnen. Während der praktischen Ausbildung waren wir zu viert in Internatszimmern untergebracht. Im oberen Stockwerk alle Mädchen und unten die Jungs. Natürlich des Nachts waren alle Türen unter Verschluss.

Die Internatsleitung (Oma Johanna und Opa Gerhard genannt) achtete da sehr auf Zucht und Ordnung. Aber wir fanden trotzdem Wege, den Anordnungen entgegenzutreten. Dazu aber später.

Das Erlernen zum Führen von Landmaschinen stand eigentlich auf freiwilliger Basis auch im Lehrvertrag, Die theoretische Prüfung bestand ich spielend. Die Stunden dazu wurden im Kinosaal des Ausbildungsortes abgehalten.

Aber für die praktischen Übungsfahrten standen 2 „ZT 300 Schlepper“ zur Verfügung.

Nun war ich ziemlich klein und gar nicht in der Lage, an die Pedale dieser großen Traktoren mit den Beinen heranzureichen. Ich hätte fast liegen müssen und damit wäre mein Blick aus der Frontscheibe unterbunden gewesen. Da führte kein Weg dran vorbei, denn der Sitz ging nicht für meine Größe einzustellen, dass ich vernünftig hätte fahren können. Andere Trecker gab es nicht. Also musste ich dieses Unterfangen leider aufgeben.

Das Weidetreiben war anfangs eine sehr beängstigende Angelegenheit während der Frühschicht. Nur bei Mond- oder Sternenlicht, mit meistens außer Funktion seienden Taschenlampen bewaffnet, mussten wir dann die Standorte der verschiedenen Herden erst mal anhand der Weidenamen kennenlernen. Ein Facharbeiter stand zu Beginn helfend zur Seite. Die Weiden nannten sich dann z. B. Erlenkoppel, Kastanienkoppel, aber auch Mordkoppel, Henkersweg u. a. Ich fragte meinen zukünftigen Schwiegervater nach der Herkunft dieser ominösen Namen. Aber der sagte, dass das mit der Nachkriegszeit zusammenhinge, als die Nazis vor den Russen auf der Flucht waren und an diesen Stellen dann manchmal erwischt und aufgehängt wurden. Seitdem haben sich die Namen der Koppeln auch gehalten.

Kühe verhalten sich auf der Weide sehr leise. Nun war es ja auf den Hauptwegen auch so manches Mal nötig, Drähte zu verändern, um den Herden den richtigen Weg zu weisen. Die Koppeln wurden von der Spätschicht abends immer offen gelassen, nur die Hauptwege wurden zugemacht, damit die Kühe nicht alleine in die Anlage gelangen konnten. Der Weidetreiber der Frühschicht musste dann die Zäune öffnen, um zu den Weiden zu gelangen. Aber bei den Hochleistungskühen drückte die Milch.

So machten sich die Herden dann selber auf den Weg zur Anlage und standen schon an den Zäunen. Da bekam man einen gewaltigen Schreck, wenn mit einem Mal neben einem die Kühe aus dem Nichts auftauchten. Aber ich hatte keine Angst vor ihnen und so fand ich es dann auch recht angenehm, nicht erst noch über die ganze Koppel laufen zu müssen und sie zusammenzutreiben. Es war aber wichtig, die rangniedrigste Kuh zu kennen, um sicherzugehen, dass alle beisammen waren und man keine vergessen hatte. Bei Regen oder schlechtem Wetter kam einem diese Sache dann sehr zupass.

Wir Lehrlinge verstanden es natürlich auch, ausgiebig zu feiern. So brachte einer zu Silvester mal eine starke Früchtebowle mit. Obwohl wir Doppelschicht hatten an dem Wochenende, tranken wir alle etwas über den Durst. Unsere Chefs drückten beide Augen zu wegen des Restalkohols. Ich war dann zu dem Zeitpunkt als Treiber im Karussell eingeteilt. Da war es besonders wichtig, die erste und letzte Kuh einer Gruppe zu kennzeichnen (mit Kreide), damit die Gruppen nicht durcheinander gerieten. Denn es hatte keiner noch Lust zum Sortieren. Ich war so müde, hatte auch eine Weile nichts zu tun und setzte mich auf die Mauer. Ich nickte ein. Gott sei Dank stupste mich zufälligerweise die letzte Kuh der Gruppe an und bewahrte mich damit vor großem Ärger mit dem Meister. Die Gruppe wäre fast durcheinander geraten.

Als die Schicht dann zu Ende war, saßen wir noch ein bisschen zusammen. Ich löffelte die Früchte der Bowle. Diese hatten ordentlich Alkohol intus. Ich war Alkohol überhaupt nicht gewöhnt und völlig neben mir. Wie ich dann ins Internat gekommen war, weiß ich bis heute nicht. Die anderen Lehrlinge stellten mich aber unter die kalte Dusche, wo ich dann langsam ausnüchterte. Schließlich musste ich in vier Stunden die nächste Schicht antreten. Ich war noch nie so betrunken gewesen. Nächsten Tag war dann ein ausgewachsener Kater mein Begleiter. Aber seitdem war ich ein Gegner des Alkohols.

Meine Lehrzeit betrug 2 Jahre. Ich beendete die Lehre mit guten Ergebnissen und war dann weitere 2 Jahre als Jungfacharbeiter in meinem beliebten FGM eingesetzt.

In diesen Zeitraum fiel auch der Winter 1978/79. Das war ein Jahrhundertwinter. Für gutes Wetter und nicht allzu starker Kälte war der Vorzeigebetrieb ja geeignet. Die Kühe hatten in ihren Ställen, in denen sie in Laufstallhaltung gehalten wurden, nur ihre Futter- und Liegeplätze überdacht. Die Ausläufe waren frei.

Wegen des extremen Wintereinbruches kam alles zum Erliegen, so auch die Tierverkäufe und Umstellungen, sodass alle Stallungen überbelegt waren. Das Schleppschaufelsystem war eingefroren, sodass die Gülle nicht mehr ablaufen und weggepumpt werden konnte. Die Liegeplätze der Tiere waren nun auch noch verschmutzt durch über die Ränder laufende Gülle. Zudem war es furchtbar kalt. Wir konnten die Tiere nur noch mit Futter und Wasser versorgen, was aber auch schnell gefroren war. Etliche Tiere erfroren in den bitterkalten Nächten. Sie konnten sich nicht mehr hinlegen, und wenn, froren sie am Boden fest und starben qualvoll. Es war schlimm. Der Tierarzt war fast nur noch am Einschläfern der Kühe, deren Leiden er noch beenden konnte. Oft fiel der Strom aus, sodass wir auch mit der Hand melken mussten. Die Milchleistung der Tiere war zu dem Zeitpunkt sowieso sehr gering, da sie alle Energie in die Wärmegewinnung ihres Körpers stecken mussten. Die Euter waren auch stark unterkühlt, sodass die Tiere Schmerzen beim Melken hatten und sehr stark nach uns schlugen. Aber in den nächsten Tagen gab es wieder wärmere Temperaturen. Der viele Schnee und der klirrende Frost gehörten der Vergangenheit an.

Aber auch der Tierarzt hatte so sein Tun. In einer benachbarten Rinderanlage bekam eine Kuh nach dem Kalben Milchfieber. Da muss der Tierarzt schnell helfen, sonst stirbt die Kuh. Da mit Autos kein Durchkommen war auf den Straßen, nutzte er seinen Vorteil, dass er reiten konnte. Mit seiner Arzttasche auf dem Rücken borgte er sich aus dem Sportstall das größte Pferd und ritt dann durch den hohen Schnee zu der Anlage, um die Kuh zu retten. Es gelang ihm auch.

Meine Zeit als Jungfacharbeiter in der Anlage dauerte nach der Lehre noch 6 Jahre. Während meiner nachfolgenden Meistertätigkeit bildete ich dann auch viele neue Lehrlinge aus. Bei manchen machte es viel Spaß, mit denen zu arbeiten, andere taten sich schwerer, einige brachen die Ausbildung auch ganz ab, weil ihnen die Arbeit und das Schichtsystem zu anstrengend waren. Aber ich muss sagen, dass diese Jahre mit die schönsten in meinem bisherigen Leben waren und man auch mit Kühen eine wunderbare Zeit haben kann.

Im Mai 1985 verließ ich dann den Betrieb, ich hatte eine verantwortungsvollere Stelle in einer anderen Anlage angeboten bekommen. Auch aus privaten Gründen, die in den nächsten Kapiteln erläutert werden, verließ ich den Arbeitsplatz und auch meinen Wohnort. Aber dazu komme ich später.

Erste eigene Erfahrungen mit den Pferden

Ich bin ja hauptsächlich auf das Land gegangen der Tiere wegen. Und da in dem Ort, in dem ich meine Lehre begann, auch eine Reitsportgemeinschaft bestand, war das natürlich auch mein Ziel, da mitzumischen.

Reiten konnte ich nicht, ich musste es erst lernen. Der Reitstall war auf Military-Reitsport spezialisiert, also Gelände, Springen, Dressur.

Mit der Dressur konnte ich mich anfangs nicht so anfreunden. Auch wusste ich erst gar nicht, worauf es da eigentlich ankam. Trotzdem war ich oft in der vorherigen Zeit immer mit dem Rad auch auf nahe gelegenen Turnieren, um zu lernen. Ich schaute mir auch Dressurprüfungen an, um zu erfahren, was die Richter zu den Teilnehmern zu sagen hatten in ihren Urteilen und Platzierungen. Viel las ich auch aus Büchern aus Bibliotheken über die Technik und die Hilfen beim Reiten.

Bei den Besuchen der Reitturniere mit meinen Eltern kam es mir auf die Springprüfungen an. Da sah man, ob die Stange fiel oder nicht und es wurde die Leistung danach bewertet.

Als wir mit der Lehre begannen, meldeten wir 9 Mädchen uns beim Reiten an. Da ging es darum, auf ein großes Reitpferd, Goldnixe hieß die Allround-Fuchsstute, ohne Sattel während des Galopps aufzuspringen. Wenn Goldnixe zum Fahren und Futterholen gebraucht wurde, arbeiteten wir mit dem Fuchswallach Elmsfeuer, welcher noch größer war. Nun war ich aber auch schon fast 20 Jahre alt und nicht mehr so gelenkig wie die kleineren Mitstreiter der Reitgruppe. Anfangs halfen wir uns gegenseitig im Schritttempo beim Aufspringen. Dann sollte es im Galopp klappen. Aber das war sehr schwierig. Dann, nachdem wir alle ein paar Mal heruntergefallen waren, hörten meine Mitlehrlinge alle auf, nur ich blieb bei der Stange. Der Futtermeister war ein älterer Herr und sehr freundlich. Bezahlen musste man damals den Reitunterricht noch nicht.

Aber man musste ihn abarbeiten.

Viele Wochenenden blieb ich im Internat und entschuldigte mich bei den Eltern, dass ich im Stall arbeiten müsse. Welchen Stall, verschwieg ich natürlich. Etwa ein Vierteljahr ging es nur darum, den Turnierreitern den Dreck hinterherzuräumen, den Stall zu fegen und das Sattelzeug zu pflegen. Dann kam endlich der Tag, an dem wir, die noch übrig geblieben waren und auch noch andere Mädchen aus dem Dorf, mit denen ich mich angefreundet hatte, die Pferde der Turnierreiter nach dem Training im Schritt trockenreiten durften. Einer der Turnierreiter, Jörg hieß er und war etwas jünger als ich, vermachte mir seine Reithose (wohl eine Pluderhose aus dem 2. Weltkrieg in grün) und seine Reitstiefel. (Sogenannte Knobelbecher) Aber ich war ganz stolz.

Da ich immer zur Stelle war und auch die dreckigsten Arbeiten ohne zu murren machte, freute das den Futtermeister natürlich sehr. Er hatte auch eine sehr brave eigene Stute mitgebracht. Auf der brachte er mir dann so nach und nach auch das Sitzen auf dem Pferd (ich nenne das Reiten für Anfänger) bei. Ebenso durfte ich das Pferd auch fahren, wenn wir gemeinsam für die Pferde heimlich aus der Anlage Futter klauen waren. Denn die Pferde bekamen nur das schlechteste Futter aus der Anlage. Das gute war immer für die Kühe. Der Sportpferdebestand gehörte mit zum VEG.

Nach einiger Zeit stand ein Dorffest in der Nachbarschaft an, bei dem auch ein Umzug mit kostümierten Reitern stattfinden sollte, es handelte sich um ein Jubiläum der Dorfgeschichte. Wir wurden gefragt. Das war das Highlight. Meine Eltern waren gerade im Urlaub im Harz. Sie hatten mit der Zeit schon mitbekommen, dass ich mich dem Reiten verschrieben hatte. Nun sollte ich in Turnierkleidung mitreiten. Das ging natürlich nicht in den Pluderhosen aus dem 2. Weltkrieg. Die Knobelbecher hatte ich vom Dorfschuster umgestalten lassen, sodass sie Reitstiefeln ähnlich sahen. Ich erzählte meinen Eltern von dem Vorhaben. Es gab in der ganzen Umgebung keine weißen Hosen, wie sie Turnierreiter tragen. Aber auch im Harz gab es so was nicht. Da wir ja im Improvisieren schon immer gut waren, brachten mir meine Eltern Maler Hosen mit. Die waren auch weiß und erfüllten somit erst mal ihren Zweck.

Meine Reitkünste wurden aufgrund des permanenten Trainings auch immer besser. Wir ritten auch viel ins Gelände, da wir nur einen Paddock hatten am Stall und den entfernten Reitplatz, zu dem man gelangte, wenn man das ganze Dorf durchquert hatte. Manchmal durften wir auch allein oder zu zweit zum Reitplatz reiten. Der Reitlehrer kam dann mit dem Rad nach. Da passierte mir eines Tages im November auch ein schrecklich blamables Malheur. Um zum Reitplatz zu kommen, musste man um einen See reiten. Der war wegen des Military-Sportes mit einem Wasser Ein- und Aus-Sprung ausgestattet. Man konnte an den flacheren Stellen aber auch drum herum reiten. Um die Beine der Pferde nach dem Training zu kühlen, nahmen wir die leichtere Variante gerne mit auf dem Heimweg.

Eines Tages nach dem Training wollte ich das auch machen. Ich hatte aber keine Gerte dabei und freute mich, dass mein Pferd mit den Vorderbeinen schön im Wasser planschte. Danach legte es sich dann plötzlich samt Sattel und mir in Wasser und wälzte sich genüsslich. Ich wusste bis dato nicht, dass das Planschen der Vorbote dazu war. Seitdem ritt ich nie wieder ohne Gerte mit einem Pferd ins tiefe Wasser. Meine Stiefel waren voll, die Uhr kaputt, ich klatschnass und fror wie ein Schneider. Und nun musste ich auch noch durch das ganze Dorf reiten, das Pferd trockenreiben und den Sattel trockenföhnen und fetten. Da war ich bedient für den Tag. Ebenso bei einem Geländeritt, der Reitlehrer hatte noch einen Anfänger am Führzügel. Er ritt auch ein Pferd. Eine weitere fortgeschrittene Reitschülerin und ich durften alleine frei reiten. Der Weg führte über eine belebte Straße in ein Waldgebiet. Es war herrliches Wetter und wir durften die beiden Araber reiten. Ich hatte einen Fuchs, meine Kollegin einen Schwarzbraunen. Beide Tiere galten als sehr temperamentvoll. Als wir dann gegen spätem Nachmittag, es dämmerte schon, den Heimweg antreten wollten, überholte mich in rasendem Tempo der dunkle Abu. Mein Fuchs-Abu nahm das als Einladung zum Wettrennen wahr, buckelte wie verrückt und schoss hinterher. (Beide Pferde hatten den Namen „Abu“) Der Weg führte aber nicht auf gewohntem Pfad, wie wir gekommen waren, denn die Pferde kannten von früher eine Abkürzung. Deren Weg führte zwischen zugewuchertem Geäst und Dickicht frontal auf die viel befahrene Straße zu. Meine Kollegin war schon runtergefallen und lag im Dickicht. Ich raste auf einen Baum zu, deren tief hängender Ast nur dem Pferd, aber nicht dem Reiter Platz bot. So musste ich auch runter, egal wie. Seitlich war kein Platz. So ließ ich mich vornüberfallen, gelangte zwischen die Vorderhufe und sah mein Ende kommen. Aber der Abu streifte mich nur ganz leicht, ohne seinen Vorderfuß zu belasten, unter dem Schlüsselbein und galoppierte dann von dannen. Unserem Reitlehrer blieb fast das Herz stehen, als er das alles sah. Aber er konnte ja nicht eingreifen, da er den Führzügel-Reiter noch an der Hand hatte. Uns war nichts passiert außer ein paar Schrammen und Abschürfungen. Wir mussten dann zu Fuß zum Stall gehen. Unsere größte Sorge aber war, wie waren die Pferde angekommen. Die Straße hatten sie ohne Verletzungen überquert, das hätten wir sonst gehört. Aber beide waren weiß wie Schimmel vom Schweiß bedeckt im Stall angekommen. Es waren Turnierpferde und jeden Moment sollte das Training mit den Turniereitern beginnen. Als unser Stallmeister dem Trainer sagte, was passiert war, bekamen wir dann auch noch eine Standpauke zu hören und 3 Wochen Reitverbot.

Da war dann erst mal wieder nur Zuschauen und Arbeiten angesagt.

Als es dann wieder losging, bekam ich zur Dressur auf dem Paddock den Fuchs – Abu – zugeteilt. Ich hatte aber panische Angst vor ihm und traute mich noch nicht mal in seinen Ständer zum Putzen. Da sagte der Chef, es gibt zwei Möglichkeiten, entweder ich reite ihn hier und jetzt auf dem Paddock 2 Runden im Schritt oder ich brauche nie mehr wiederzukommen. Mehr sollte ich gar nicht machen. Ich sollte nur die Angst verlieren. Nach langem Hin und Her überwand ich mich und ritt das Pferd. Ich kam gut mit ihm zurecht. Aber seitdem habe ich immer Angst, ins Gelände zu reiten.

Dann hatten wir noch einen jungen Apfelschimmel. Mit ihm ritt ich mein erstes Turnier. Ich machte bei einer leichten Dressurprüfung mit und belegte gleich den 4. Platz von 15 Teilnehmern. Ich war ganz stolz.

Als ein Highlight galt es, das weltbeste Pferd zu reiten, welches die Piaffe (Traben auf der Stelle) zu der Zeit beherrschte. Der braune Oldenburger Wallach war 20 Jahre alt und unter einem berühmten Dressurreiter 1968 in Mexiko bei der Olympiade erfolgreich geritten worden. Der war so feinfühlig und man konnte viel von ihm lernen. Das Pferd hatte im Stall eine der wenigen vorhandenen Boxen. Eines Tages bekam er eine schlimme Kolik, von der er sich auch nicht mehr erholte. Der Tierarzt konnte ihm nicht helfen, für eine Not-OP war er zu alt. Tag und Nacht führten wir ihn, damit er sich nicht wälzen kann. Aber er hat es doch geschafft und ist somit an einer Darmverschlingung qualvoll in meinen Armen verendet.

Die Box war sehr verwinkelt im Stall angelegt. Es war Winter und das Pferd musste aus dem Stall entfernt werden, damit es vom Abdecker abgeholt werden konnte. Mit dem Traktor kamen wir nicht rein in den Stall. Das Pferd wog ca. 750 kg. Mit Menschenkraft war das auch nicht möglich. Also spannten wir unsere 2 Wagenpferde an und zogen den toten Körper so aus dem Stall. Das war eine sehr schwere Aufgabe, denn die Pferde wollten nicht ziehen. Die anderen in Ständern stehenden Pferde mussten auch aus dem Stall gebracht werden, da sie sehr aufgeregt waren. Aber schließlich schafften wir es dann doch.

Als wir Anfänger dann schon etwas sattelfester waren, durften wir auch mal die Turnierreiter begleiten, als das Training zur Turniervorbereitung für die Pferde auf einem anderen Platz stattfinden sollte. Der war ca. 1,5 Stunden per Ritt von unserem Stall entfernt. Auch mussten wir da durch ein Wäldchen reiten, welches für das Training von Military-Pferden schon ein bisschen hergerichtet war. Es waren sandige „Berge“ aufgeschüttet und auch einige Bäume in den Weg gelegt worden, wo die Pferde dann überspringen mussten. Die „Berge“ waren nicht ohne. Man musste schon etwas Mut beweisen beim bergabreiten, wenn das Pferd sich dabei fast auf den Hintern setzen musste, um nicht kopfüber abzustürzen. Beim bergaufreiten ging es dann im Galopp. Das machte aber auch sehr viel Spaß. Auf dem Platz ritten dann die Turnierreiter die Pferde über den Parcours. Es war ein erlebnisreicher Tag, der noch lange in Erinnerung blieb.

Im Nachbardorf stand eine 750 Jahrfeier an. Unser Verein wurde gefragt, ob wir an einem Umzug teilnehmen wollten. Natürlich waren wir dabei. Unser Reitlehrer trug eine Standarte und ritt auch mit. Wir hatten die Pferde sehr schön herausgeputzt und geschmückt. Das Wetter spielte den Tag auch mit. Ganz stolz ritten wir die Dorfstraße entlang, gefolgt von Erntewagen, welche auch bunt herausgeputzt waren. An beiden Seiten der Straße standen die Dorfbewohner und winkten uns zu. Es war auch ein schöner Tag geworden, als wir dann nach dem Heimritt die Pferde wieder versorgten und alles wieder nach dem Alltagstrott ging.

4. Kapitel - Endlich erwachsen

Wo junge Leute zusammen sind und es auch in den Dörfern noch junge Menschen gab, sind auch die Zusammenkünfte vorprogrammiert. Es gab einmal in der Woche eine Kinovorstellung. Dafür verfügte das Dorf neben dem Kultursaal auch über einen Kinosaal. Der Kinovorführer kam dann mit seinem ganzen Zubehör von der Bezirksstadt und führte einen Film vor. Der Saal war immer gut besucht.

Aber auch eine Disko gab es jeden Monat einmal. Da waren die Lehrlinge aller Fachrichtungen und die Dorfjugend anwesend. Auch aus den Nachbardörfern fanden sich Jungen und Mädchen großer Zahl ein.

Der Kneiper machte dann auch ganz guten Umsatz mit Getränken und kleinen Snacks.

Auf dieses Ereignis freuten wir uns natürlich auch sehr. Wir durften bis 22.00 Uhr bleiben. Danach mussten wir uns wieder im Internat zur Nachtruhe einfinden. Schließlich musste die Frühschicht bereits um 01.30 Uhr wieder aufstehen.

So lernte ich auch beim Tanzen meinen späteren Ehemann kennen. Wir waren fast gleichaltrig, ich war 2 Monate älter, aber das tat nichts zur Sache.

Mein Beuteschema war eigentlich dunkler Typ, schlank und nicht zu groß.

Er war nun aber blond, etwas größer als ich, aber ich konnte noch hohe Schuhe anziehen ohne ihn zu überragen. Er hieß Frank und wohnte im Dorf. Er machte eine Ausbildung zum Tischler. Seine praktische Ausbildung fand in der VEG-eigenen Tischlerei im Ort statt und für den theoretischen Unterricht musste er 80 km in eine andere Stadt fahren.

Er hatte bereits die Fahrerlaubnis für Moped gemacht und fuhr damit auch immer zum Unterricht, welcher alle 14 Tage stattfand.

Unser theoretischer Unterricht fand zur gleichen Zeit statt, sodass wir uns dann immer nur alle 14 Tage sahen, weil ich während des Theorieunterrichtes zu Hause bleiben konnte und nicht ins Internat musste.

Aber während der praktischen Zeit besuchte er mich jeden Abend beim Internat, und wir gingen viel spazieren und lernten uns so ganz gut kennen.

Er rauchte, ich ebenfalls. Er hatte noch 2 jüngere Schwestern, er war der Älteste von 3 Kindern. Auch sein Cousin wohnte im Dorf und kam auch immer mit zum Internat. Aber der interessierte sich nicht für ein Mädchen. Er erlernte den Beruf eines Tischlers.

An meinem 18. Geburtstag verlobten wir uns. Er kam mit dem Zug zu mir nach Hause. Meine Eltern kannten ihn noch nicht. Da sie sehr konventionell waren, wollten wir mit dem gegenseitigen Vorstellen noch etwas warten. Wir trafen uns an der Bushaltestelle.

Wir hatten uns eine angesagte Disko in der Innenstadt auserkoren und wollten da einen Tanzabend verbringen. Die Disko war rappelvoll, nirgends ein bekanntes Gesicht. So wollten wir es. Wir wollten ganz unter uns sein. Zumal wir sowieso nicht bis zum Ende bleiben konnten, da der letzte Zug um 22.30 Uhr fuhr.

Wir stießen mit Sekt an, tanzten viel und amüsierten uns. Es war ein sehr schöner Abend, bis wir dann feststellten, dass der letzte Zug weg war.

Trotz des Sommers konnte ich ihn ja nun auch nicht auf der Straße übernachten lassen. Im Improvisieren war ich ja damals schon sehr geübt.

Nächsten Tag hatte ich mit der Singgruppe einen Auftritt. Mein Gitarrenspiel war noch nicht so toll, dass ich damit auch öffentlich auftreten konnte. So hatten wir Titel mit Akkordeon eingeübt, die wir vorführen wollten.

Mein Vater hatte mir aus Puppenwagengestänge einen Zugwagen für das schwere Instrument gebaut, sodass ich es hinterherziehen konnte und nicht dauernd tragen musste.

Das Oberteil des Puppenwagens war noch im Keller, samt den Kissen und Decken.

Ich hatte den Plan, dass Frank im Keller übernachten sollte. In der Frühe sollte er dann schnell mit dem Bus zum Bahnhof fahren und nach Hause. Da es noch kein Telefon gab, würden seine Eltern sich zwar Sorgen machen und es würde ein Donnerwetter geben, aber da musste er durch. Was Besseres fiel mir auch nicht ein. Es war bereits Mitternacht, als wir bei mir zu Hause ankamen.

Ich hoffte nur, dass meine Eltern bereits fest schliefen, denn sie durften von dieser Aktion natürlich nichts erfahren.

Ich schlich mich leise nach oben in den 4. Stock, organisierte noch ein halbes Brötchen für Frank, nahm den Kellerschlüssel und rannte wieder runter.

Dann baute ich die „Schlafgelegenheit“ auf aus Kissen, Decken und dem Oberteil des Puppenwagens. Alles arrangierte ich auf dem kahlen Kellerboden. Als ich Frank so liegen sah, musste ich mir das Lachen verkneifen. Dann schloss ich ihn im Keller

ein. Hoffentlich musste er nicht pinkeln, denn er hatte doch ganz schön Bier getrunken.

Nächsten Morgen nach dem Frühstück wollte ich ganz schnell los zum Bus. Mein Vater bot mir an, das Akkordeon die Treppe runterzutragen und auf den Wagen zu schnallen. Das fehlte mir noch. Dann wäre ja die ganze Sache mit dem blinden Passagier im Keller aufgeflogen. Das dufte nicht geschehen.

Ich ging schnell mit dem schweren Akkordeon runter, befreite Frank aus dem Keller. Dem drückte die Blase wer weiß wie und er konnte sich kaum rühren, solchen Muskelkater hatte er vom harten Kellerboden. Ich riet ihm, sich schnell in die Büsche hinter dem Haus zu begeben, falls mein Vater doch noch runterkommen sollte.

Sofort flüchtete er. An der Bushaltestelle trafen wir uns dann wieder. Wir lachten über den gelungenen Coup. Später würden wir noch oft an diese Begebenheit zurückdenken.

Da wir uns sehr mochten und auch zusammenbleiben wollten, wurde ich dann auch mit 18 Jahren, noch während der Lehrausbildung, schwanger.

Während eines Kinobesuches bekam ich starke Blutungen und wahnsinnige Bauchschmerzen. Frank brachte mich schnell ins Internat, wo ich dann auf der Toilette eine Fehlgeburt erlitt. Unsere Eltern wussten nichts davon.

Später hatte ich bei einem Kaffeekränzchen Frank mittlerweile auch schon meinen Eltern vorgestellt.

Als ich dann des Abend noch mit einem Krankenwagen in die Klinik gebracht wurde wegen einer Ausschabung, bekamen unsere Eltern die Misere doch mit. Obwohl ich Franks Eltern schon eine Weile kannte und sie auch ganz nett fand, waren sie wegen dieser Sache sehr empört und warfen Frank raus. Meine Eltern hatten da mehr Verständnis, zumal ich sehr traumatisiert war wegen der Fehlgeburt.

Frank übernachtete dann erst mal bei seiner Tante, die ja auch im Dorf wohnte. Einige Zeit später durfte er auch wieder in sein Elternhaus einziehen. Seine Eltern hatten sich wieder eingekriegt.

Zum Ende der Lehrzeit mussten wir ausziehen aus dem Internat.

Vorher hatten wir noch ein ganz spezielles Date, Frank und ich. Gegenüber befand sich der sogenannte „Speicher“. Das war ein vom VEG zu Wohnungen ausgebautes Gebäude für Mitarbeiter. Dort wohnten auch schon ehemalige Zootechniker, die aber noch keine eigene Wohnung hatten. Ein ehemaliger Lehrling ein Lehrjahr über mir, der schon ausgelernt hatte, bewohnte dort auch ein Zimmer. Er war als Charmeur bekannt, spannte auch so manchem Jungen dessen Freundin aus.

Er sah gut aus, war recht schlagfertig und hatte auch immer Chancen bei den Mädchen. Nun waren während der Ausbildungszeit die Treffen mit der Dorfjugend nach 22.00 Uhr immer sehr riskant. Aber bei unserem Zimmer verlief die Feuerleiter. Die nutzten wir des Öfteren für unsere nächtlichen geheimen Stelldichein.

So war es auch diesmal wieder. Mit noch einem Kumpel wollten wir uns in seiner Bude zum Skatspiel treffen.

Das taten wir auch. Ich kletterte die Feuerleiter runter, die Jungs standen Schmiere. In seinem Zimmer spielten wir dann einige Zeit. Dann meinte er, er wollte uns „Turteltäubchen“ mal alleine lassen und eine rauchen gehen. Er ging auch, aber er schloss uns ein. Ich bekam Panik, musste ich doch pünktlich zur Frühschicht da sein.

Nach kurzer Zeit kam er aber wieder und dachte, uns dann in einer bestimmten Position vorzufinden. Aber wir hatten den Braten schon gerochen und uns nur unterhalten. Er war enttäuscht und erntete von Frank erst mal eine ordentliche Standpauke.

Nach unserer Verlobung, wir waren nun schon beide 18 Jahre alt, wollten wir gemeinsam in den Urlaub fahren. Wir suchten uns Güstrow aus. Dort gab es einen sehr schönen Badesee. Ich schrieb meiner Tante, ob wir bei ihr übernachten könnten und dann Güstrow kennenlernen. Das Barlachmuseum und das Güstrower Schloss waren auch sehr interessante Sehenswürdigkeiten.

Sie sagte zu. Wir fuhren mit seinem Moped nach Güstrow. Viel Gepäck brauchten wir nicht, denn es war ja Sommer und sehr warm.

Nicht schlecht staunten wir dann, als meine Tante uns getrennte Schlafplätze zuwies. Wir wären ja nicht verheiratet und vorher schickt sich so was nicht. In welchem Jahrhundert lebte sie???

Na, wir hatten trotzdem eine schöne Zeit in der Barlachstadt.

Die Fahrerlaubnis

Meine erste „Wohnung“ nach meinem Auszug aus dem Internat und meinem Lehrende bekam ich im sogenannten „Schweizerhaus“. Es war auch eine Dienstwohnung.

Ich zog dann mit Frank zusammen. Das Zimmer war ca. 20 qm groß und im Dachgeschoss. Es lebten noch mehrere Melker in dem Haus. Toilette und Bad/Dusche waren zur gemeinsamen Benutzung auf dem Flur. Ein Nutzungsplan teilte Zeit für die Körperpflege ein. Für die Reinigung der Flure und der sanitären Anlagen war jeder einmal an der Reihe. Die Wege zum Pferdestall und auch zum VEG waren nicht weit.

Ich hatte mich nun für die Fahrerlaubnis angemeldet. Dafür musste ich dann immer mit dem Rad 16 km in die nächste Stadt fahren. Nach 2 Jahren Jungfacharbeiter wurde ich vom Direktor des VEG zum Meisterlehrgang vorgeschlagen. Da ich sowieso schon lange eine Meisterstelle im FGM bekleidete, wäre es fair, dass ich dafür auch die angemessene Bezahlung erhielt. Die Ausbildung würde 2 Jahre in Anspruch nehmen und an der „Akademie für Landwirtschaften“, ca. 20 km von meiner Wohnstatt, stattfinden, 3 Tage pro Woche. Für die Zeit wäre ich dann von der Arbeit befreit. Das VEG übernahm die Kosten. Ich musste mich aber schriftlich für 3 Jahre nach dem Abschluss zum Arbeiten im VEG verpflichten, ansonsten müsste ich die Kosten ersetzen. Das war ein guter Deal. Und so fing eine sehr schwere Zeit für mich an. Die theoretische Fahrprüfung bestand ich auf Anhieb. Danach kam dann das Fahren im Fahrsimulator. So etwas kannte ich nun gar nicht. Man saß auf einem Fahrersitz, neben sich die Knüppelschaltung, vor sich alle Armaturen wie in einem richtigen Pkw und auch die Handschaltung. Dann lief ein Film vor einem ab, man kam sich vor wie im richtigen Straßenverkehr und musste dann reagieren wie im richtigen Verkehr. Im Anschluss fand auch hier eine Prüfung statt. Hatte man diese bestanden, ging es auf die sogenannte „Idioten-Wiese“. Ein durch Zäune abgeteiltes Gelände von ca. 600 qm war mit Schildern und Kettenständern ausgefüllt. Geübt wurde hier mit ausrangierten Trabanten, die eine Metallumrandung, ähnlich denen von Ranger-Fahrzeugen, hatten.

Es wurde Fahren nach Vorfahrtsregeln, synchrones Anfahren und Halten, Einparken in jeglicher Richtung geübt. Sobald die Ketten sich bewegten, wäre es im wahren Verkehr ein Crash gewesen. Auch da musste eine Abschlussprüfung absolviert werden, bevor es dann in den „echten“ Straßenverkehr mit einem Fahrschulwagen ging. Nun war das Problem, dass auf der „Idioten-Wiese“ nur mit Trabanten geübt wurde. Im Straßenverkehr wurde mit 353 Wartburg gefahren. Da war zwar auch Handschaltung, aber entgegengesetzt zur Trabant-Schaltung. Das war schon eine Umstellung. Nach einigen Fahrstunden kam dann die Abschlussprüfung. Am Freitag dem 13.01.1981 saß ich im Wartburg 353. Zuvor hatte es mächtig geschneit. Die Räumfahrzeuge hatten den Schnee zu großen Haufen an die Straßenränder geschoben. Ich war ja schon immer abergläubisch, was den 13. Anging, und hatte an dem Tag auch ein schlechtes Gefühl. Als dann auch noch der „Gewitterregen“ von „Karat“ im Radio spielte, bekam ich schon kalte Füße. Und so musste es dann auch kommen. Kurz vor dem Ende geriet ich in eine Schneewehe am Straßenrand. Ich versuchte noch, gegenzulenken, aber der Spiegel verabschiedete sich am Absperrgeländer. Um dann einen weiteren Abstand zu den Geländern zu halten, schnitt ich die nächste Kurve, die dann kam. Gott sei Dank kam mir keiner entgegen. Aber der Prüfer nahm mir das sehr übel. Und er ließ mich durchfallen. Der Fahrlehrer machte mich am Ende dann wegen des kaputten Spiegels noch total runter. Und das war’s dann. Völlig deprimiert und in Tränen aufgelöst kam ich nach Hause. Aber die Nachprüfung bestand ich dann mit Bravour. Da war ich dann sehr glücklich.

Zur Meisterschule nahm mich ab und zu immer mal ein Kollege mit dem Motorrad mit. Frank und ich trugen uns mit dem Gedanken eines Autokaufes. Die Fahrpraxis zu verbessern, ist ein großes Muss, wenn man die Fahrerlaubnis bestanden hat.

Auch wollte ich dann auch allein zum Meisterlehrgang fahren.

Wir hatten gerade einen Umzug in eine etwas bessere Wohnung hinter uns gebracht.

Den Speicher kannte ich ja schon aus der Lehrlings-Zeit. Nun bekam ich mit einer Kollegin, die in der Gegenschicht arbeitete, eine Wohnung. Wir teilten uns eine Küchennische und eine Toilette. Auf dem Flur gab es Nasszellen, in denen man Duschen und Wäschewaschen konnte. Das war dann pro Person, also jeder hatte so eine Zelle für sich privat. Mit dem Schlafen war es etwas schwierig, da sie ein großer Freund des Feierns war und es dann so manchen Abend etwas laut zuging, was unserem Verhältnis nicht gerade zugetan war. Auch hatte sie so ihre eigene Vorstellung von Sauberkeit und Hygiene. Wenn sie am Wochenende nach Hause zu ihren Eltern fuhr, kam mir so manches Mal der Schimmel aus den Töpfen unter dem Deckel vor. Ekelhaft. Wenn ich sie darauf hinwies, dass auch ich die kleine Küche benutzen musste, erntete ich nur hämisches Lächeln. Aber ich hatte schon Aussicht auf eine baldige bessere Wohnung. Darum schluckte ich alles runter und regte mich nicht auf.

Das erste Auto

Wir suchten die Zeitungsinserate nach einem billigen Trabant. Frank hatte während seiner Armeezeit auch die Möglichkeit gehabt, die Fahrerlaubnis zu erwerben. Nun waren wir also beide in der Lage, ein Auto zu fahren. In einem Dorf, ca. 10 km von unserem entfernt, wurden wir fündig. Ein blauer Trabant 600 Modell für 2500,– Mark war da zu verkaufen. Wir wollten noch kein neues Auto, da ich annahm, dass ich noch viele Fehler machen würde, was dann Motor und Getriebe bestimmt nicht überleben würden.

Da ich nun gar keine Ahnung hatte, wie man einen Zustand eines Autos beurteilt, nahm ich Frank und dessen Onkel als kompetente Verstärkung mit. Wir fuhren in dem Auto seines Onkels hin.

In dem Dorf wohnten vielleicht 5 Familien, es gab eine etwas bergige Straße.

Wir fanden auch gleich die Familie, die das Auto verkaufen wollte. Das Auto gehörte einem Mann, der gerade seinen Armeedienst absolvierte und nicht vor Ort war. Seine Frau sollte das alles regeln. Sie sagte, das Auto stehe seit einem halben Jahr in der Garage und wurde nicht gefahren. Das hieß schon mal, dass die Batterie leer war. Nun hatte die Garage kein Licht. Im Dunkeln mit der Taschenlampe schauten Frank und sein Onkel unters Auto und drum herum. Sie befanden das Auto dann als probierwürdig.

Also schoben wir mit vereinten Kräften das Auto auf den höchsten Punkt der Straße.

Sofort schauten alle Dorfbewohner aus ihren Häusern heraus.

Frank sagte dann, ich solle den 2. Gang einlegen, die Kupplung loslassen und die Zündung einschalten. Das alles tat ich. Man konnte einen Trabant anschmeißen, indem

man ihn anschob, wenn die Batterie leer war. Diese sollte sich dann während der Fahrt durch die Lichtmaschine wieder aufladen.

Was Frank mir nicht sagte, dass ich auch die Handbremse lösen müsste. Ich hatte so ein Manöver noch nie gemacht, darum kam ich auch nicht alleine darauf. Der Wagen sprang aber nicht an, da er trotz des Anschiebens und der Bergabfahrt nicht genug Tempo entwickelte. Bis Frank dann mitbekam, dass die Handbremse fest war, schoben der Onkel und er den Trabant noch 2-mal den Berg hoch und runter unter mächtiger Kraftanstrengung. Dann schaute er in den Innenraum, warum der Trabant nicht schneller fuhr, und entdeckte die festgestellte Handbremse. Als wir die dann losmachten, bekamen wir den Motor in Gang.

Schnell wurde der Papierkram erledigt. Wir konnten dann losfahren Richtung Heimat.

Damit der Motor nicht abgewürgt werden sollte, fuhr Frank den Wagen.

Ich hatte mich schon die ganze Zeit gewundert, was die Haken unter den inneren Türgriffen wohl zu bedeuten hätten. Aber das sollte ich schnell erfahren.

Wir mussten über eine Bahnschiene fahren. Diese forderte dem Auto aufgrund ihrer Bauweise einen kleinen Sprung ab, wenn man nicht ganz langsam fuhr.

Frank fuhr dann wohl doch etwas zu schnell, jedenfalls sprangen auf beiden Seiten plötzlich die Türen auf und gingen auch nicht wieder zu, da die Schlösser klemmten.

Sofort hielten wir an. Anschnallgurte waren damals noch nicht installiert und wurden auch erst später zur Pflicht. Aber in den Seitentaschen der Beifahrertür erblickten wir ein Seil. Nun verstand ich auch, was die Haken an den Türen betraf. Die Türen waren wohl schon öfter aufgesprungen und dann mussten sie zugebunden werden. Ich fragte mich, was dann wohl die Polizei dazu bei einer Kontrolle sagen würde.

Frank wollte sich zu Hause gleich um diese Sachen kümmern.

Am Wochenende kamen dann meine Eltern zu Besuch. Wir wollten unsere neue Errungenschaft meinem Vater zeigen. Als der das Auto sah, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen. „Was habt ihr euch denn da andrehen lassen? Und dann zu dem Preis??? Seht bloß zu, dass ihr das Ding bald wieder loswerdet. Der kommt nicht mehr durch den TÜV. Den hält ja nur noch der Rost zusammen und dann könnt ihr bald mitlaufen, so ist der Unterboden verrostet.“ Wir standen wie die begossenen Pudel da.

Mein Vater übernahm dann den Part und verkaufte das Auto als Ersatzteilgewinnung für 800,– Mark. Wir hatten 1700,– Mark Miese gemacht. Aber aus Schaden wird man bekanntlich klug.

Ich übte dann zwischendurch mit Franks Moped, einer „Schwalbe“, zu fahren. Die durfte ich anhand meiner bestandenen Fahrerlaubnis auch fahren.

Anfangs hatte ich enorme Gleichgewichtsprobleme und die „Schwalbe“ fuhr eher mit mir als ich mit ihr. Als ich dann einmal in einer Hecke landete und nicht wieder zurückkam, fragte ich auch nach dem Rückwärtsgang, was wieder mächtiges Gelächter zur Folge hatte über meine dumme Frage. Dann kam ich im Sandboden ins Schleudern und das Moped kippte um und brach mir mit dem Lenker den großen Zeh. Ich ging aber nicht zum Arzt, das heilte auch so, nur hatte ich bei der Arbeit mit dem Tragen der Gummistiefel Probleme. Aber auch das ging vorbei.

Die Katastrophenhochzeit

Mein Vater hatte sich vor einiger Zeit einen Trabant 601 bestellt. Bis dato fuhr er auch ein 600er Modell. Der Zustelltermin des Autos näherte sich. Mein Vater bot mir an, den 600er Trabant zu übernehmen. Er hatte ihn sehr gut in Schuss gehalten. Oft habe ich ja auch als Kind mitgeholfen. Er überließ ihn mir kostenlos, legte mir aber ans Herz, wenn mal was sein sollte, sollte ich mich bei ihm melden. Er hatte den Wagen bereits 17 Jahre gefahren. 4-mal hatte der Trabant die Farben gewechselt aufgrund von Unfällen, bei denen aber nie mein Vater der Verursacher war. So zahlten die verschiedenen Farben immer die Versicherungen der Unfallverursacher. Einmal sogar die Straßenbahnversicherung. Unter seiner Aufsicht machte ich mich mit den Gegebenheiten des Autos vertraut. Da er viel umgebaut hatte, war natürlich mit der mitgelieferten Gebrauchsanweisung des Werkes nicht mehr viel anzufangen. Meine Eltern waren mit dem Auto mehrfach ins Ausland gefahren (Polen, CSSR, Ungarn). Da hatte er eine Alarmanlage eingebaut. Ich war mal in der Stadt zum Einkaufen und brach den Schlüssel ab. So musste ich das Auto unverschlossen auf dem Parkplatz stehen lassen. Wenn man das Auto ordnungsgemäß zu- und aufgeschlossen hätte, wäre die Alarmanlage nicht angesprungen. Ich sah zu meinem Unglück auch noch 2 Polizisten auf Streife gehen. Da ich es eilig hatte, musste ich ins Auto. Natürlich ging die Alarmanlage (lautes ununterbrochenes Hupen) los. Zünd- und Türschlüssel waren bei den damaligen Autos nicht ein und derselbe. Schnell waren die Polizisten bei mir. Gott sei Dank war der Zündschlüssel schnell bei der Hand, sodass ich dem ein Ende machen konnte. Trotzdem musste ich mich ausweisen bei den Polizisten, da sie einen Diebstahl vermuteten. Ein anderes Mal wollte ich mit dem Auto zur Arbeit fahren und kam nicht weiter als 200 m. Dann ging der Motor aus, mitten auf der Straße. Da meine Schwiegermutter in einer Telefonzentrale arbeitete, rief ich meinen Vater in der Werft an. Er musste erst aus einer Versammlung geholt werden. Ich schilderte ihm dann das Problem und er fragte als Erstes, ob ich denn auch den Benzinhahn geöffnet hätte. Natürlich nicht. Aber mit Luft und Liebe fährt ein Auto nun mal nicht.

Meine Großeinkäufe machte ich immer einmal pro Woche in den größeren Städten mit dem Auto. Bei einem 600er Trabant konnte nur durch Ziehen eines Handhebels im Fahrgastraum der Kofferraum geöffnet werden. Auf- und abgeschlossen wurden die Türen von außen. Der Kofferraum konnte von außen nicht geöffnet werden.

Da es ein schöner Sommertag war, hatte ich ein leichtes Sommerkleid ohne Taschen an. Größere Taschen für den Einkauf standen im geräumigen Kofferraum. Alle Schlüssel, einschließlich Autoschlüssel, befanden sich auch im Kofferraum, nachdem ich die Klappe zugemacht hatte und, nur mit meiner Geldbörse bewaffnet, den Einkaufskorb holen wollte. Ich kaufte dann auch ganz unbefangen meine Sachen, die auf dem Zettel standen ein und kam dann mit dem Korb zum Auto zurück. Da erst wurde mir das Dilemma bewusst. Ich hatte mich ausgesperrt. In 2 Stunden begann meine Spätschicht. Was nun? Alle Fenster waren zu, die Türen natürlich auch. Ich hatte keine Chance, in das Auto zu kommen ohne Schlüssel. Der Ersatzschlüssel war zu Hause, aber ich hatte auch keinen Haustür- und Wohnungsschlüssel, alles im Kofferraum. Ich war den Tränen nah. Nun sah ich, dass auf dem Parkplatz neben meinem Auto auch ein 600er Trabant stand. Obwohl ich es als total unwahrscheinlich einstufte, wartete ich auf die Fahrerin, um sie zu fragen, ob ihr Autoschlüssel eventuell auch bei meinem Auto passen könnte.

Ich hatte nur ein kleines Fünkchen Hoffnung, aber diese seltsame Eingebung. Sie kam dann auch, sah mich da völlig fertig und den Tränen nah stehen und fragte, ob sie mir helfen könne. Ich schilderte ihr meine Misere und fragte dann wirklich nach dem Schlüssel. Ich war total fassungslos, als er wirklich passte. Die Tür ging auf. Ich öffnete den Kofferraum und holte als Erstes mein Schlüsselbund heraus. Dann packte ich meine Einkäufe ein. Ich bedankte mich ausgiebig bei der Frau. Dass sie mir sehr geholfen hatte, konnte ich gar nicht oft genug betonen. Sie freute sich auch sehr, denn sie hatte auch nicht daran geglaubt, dass der Schlüssel passen könnte. Ich fuhr dann schnell nach Hause und kam doch noch pünktlich zur Arbeit.

Das Auto hatte im Besitz meiner Eltern und auch in meinem in 27 Jahren insgesamt 200 000 km hinter sich. Immer noch mit dem ersten Motor, war das eine Sache, die auf guter Pflege und gutem Umgang beruhte. Aber eines Tages an einer Kreuzung mitten in der Stadt, streikte der Motor dann doch. Die Zylinderkopfdichtung gab den Geist auf. Das wäre für eine Reparatur eine teure Angelegenheit geworden.

Mein Vater hatte sich einen Lada „Samara“ bestellt und dessen Liefertermin war demnächst fällig. So verschrotteten wir dann den „600“ und ich bekam den „601“.

Nach einer gewissenhaften Einweisung durch meinen Vater übernahm ich für die nächsten 10 Jahre dann den Trabant 601. Der hatte uns auch lange gute Dienste geleistet. Trotzdem der Kofferraum erheblich kleiner war, transportierten wir neben Tierfutter und Kartoffelsäcken, auch Tiere. Von besagten Hunden über Ferkel, Kälber, Enten und Gänsen war da alles möglich.

Im Oktober 1978 stellte ich fest, dass ich erneut ein Baby erwartete. Meine Fahrerlaubnis hatte ich, die Meisterprüfung hatte ich auch mit Bravour bestanden, und nun war es an der Zeit, eine Familie zu gründen. Da ich schon eine Fehlgeburt hatte, war ich als Risiko-Schwangere eingestuft worden. Das hieß, dass ich häufigere Kontrolluntersuchungen hatte. Im November wurde ich dann auf eine Kur geschickt auf die Insel Rügen. Da hatte ich Mitstreiterinnen, die auch schon so einiges durchhatten in puncto Kinderkriegen. Wir waren in einem Sanatorium direkt an der Ostsee untergebracht. Essen, Betreuung und Unterkunft waren hervorragend. Als wir uns dann untereinander näher kennengelernt hatten, war es etwas langweilig. Das Wetter war zu dieser Jahreszeit natürlich auch nicht so besonders. Aber so manchem Strandspaziergang tat das keinen Abbruch. Anhand unserer Innenhandlinien pendelten wir aus, ob wir einen Jungen oder ein Mädchen bekommen würden. Eine Frau war da etwas esoterisch angehaucht und glaubte an so etwas. Mit dem Ultraschall im 3. Monat konnte man das Geschlecht des Babys noch nicht erkennen. Bei mir stimmten die Orakel sogar, ich bekam auch einen Jungen, wie es das Pendel angezeigt hatte. Aber dazu später.

Frank war zu diesem Zeitpunkt gleich nach der Lehre zur Armee eingezogen worden.

Ich übermittelte ihm die Neuigkeit per Brief. Wir freuten uns wahnsinnig auf das Baby und ich schonte mich sehr, damit es nicht wieder in einem Abort endete. Wir hatten schon einen Hochzeitstermin festgemacht, der 16.02.1979 sollte es sein. In der damaligen DDR bekam man vom Staat einen Kredit für eine Eheschließung, der zusätzlich für jedes in der Ehe geborenen Kindes um 1000,– Mark aufgestockt wurde

und nicht zurückgezahlt werden musste. Das wollten wir uns nicht entgehen lassen. Auch war dann die Aussicht auf eine entsprechende Wohnung wahrscheinlicher. Frank war in der Armee an die Westgrenze in Herrenburg kurz vor Lübeck beordert worden. Da musste rechtzeitig der Urlaub beantragt werden, denn keiner wusste, was der „Klassenfeind“ so plante und wann Einsätze zur Verteidigung des Vaterlandes notwendig werden würden.

Oft genug wurde abrupt der Urlaub gestrichen, weil sich ein Reh oder ein Hirsch im Grenzzaun verfangen und so einen Alarm ausgelöst hatte. Dann mussten alle ausrücken und kampfbereit sein.

Andererseits stand er aber auch spontan in der Tür und sagte: „Es ist alles ruhig an der Grenze. Ich kann dann mal Urlaub machen.“ Dann war die Freude auf beiden Seiten groß. Aber man konnte keine großen Pläne machen, weil man darauf nicht vorbereitet war.

Mit meiner Mutter hatte ich mir dann aber schon mal ein wunderschönes Hochzeitskleid ausgesucht. Ebenso Schuhe und weiteres Zubehör an Kleidung und Accessoires.

Die Kur dauerte 6 Wochen. Danach bekam ich dann den Schonplatz als Treiber, ich brauchte nicht mehr zu melken.

Winter 1978/79

Keiner konnte wissen, dass es dieses Jahr einen Jahrhundertwinter geben würde.

Schon Anfang Dezember zeichnete sich eine Wetterabweichung ab. Weihnachten und Silvester war es frühlingshaft warm. Zur gleichen Zeit tobte in den USA ein Schneesturm besonderen Ausmaßes. Stündlich wurde von Todesopfern, Verschütteten

und Katastrophen in den Nachrichten berichtet.

Dann wurde der Februar, als ich wieder arbeitete, auch in unseren Gefilden sehr kalt. Wie ich schon in den vorigen Kapiteln erwähnte, war im Kuhstall die Hölle los. Schnee war noch nicht so das Thema, aber extremer Frost brachte vieles zum Erliegen. Melken mussten wir ja weiter, auch unter extremen Umständen. Die Kühe gaben jetzt sowieso nicht mehr viel Milch, Färsen und Kälber hatten arg mit der Kälte zu tun, zumal starke Stürme die Temperaturen noch tiefer erscheinen ließen.

Ich musste für die beiden FGMs treiben. Warm genug angezogen war ich und es klappte auch ganz gut. Dann wollte der Fütterer mit dem Futterwagen von einem Stall zum anderen fahren. Dazu musste ich ein doppelflügeliges Schwenktor öffnen und wieder schließen, damit die Kühe nicht wegliefen oder durcheinander gerieten. Das Tor hing etwas schief in den Angeln, sodass ich eine Seite etwas anheben musste. Ich hatte eiskalte Hände trotz Handschuhen. Ich beobachtete die Kühe und achtete nicht darauf, wo ich meine Finger hatte. Der rechte kleine Finger war im Torgelenk. Aufgrund der kalten Hände merkte ich das nicht. Mit der linken Hand zog ich dann schwungvoll den anderen Torflügel zu mir. Und dann hörte ich nur noch ein Knacken, und eine Blutfontäne spritzte hoch. Ich hatte mir über den Hebel den kleinen Finger in der Mitte durchgebrochen. Das letzte Glied hing nur noch an einem Hautfetzenund ich nahm schnell ein Taschentuch und band den Finger ab wegen des Blutverlustes. Dann setzte der Schmerz ein und verursachte fast eine Ohnmacht.

Schnell wurde der Schichtleiter benachrichtigt. Der zu der Zeit gerade Dienst habende Anlagenleiter packte mich ins Auto, mir war derzeit schon gewaltig schlecht vor

Schmerz. Eine Spucktüte vervollständigte meine Habseligkeiten. Wir fuhren schnellstens in die Klinik in die Stadt zur Notaufnahme.

Das Ganze passierte nachmittags in der Spätschicht, ich war bereits im 7. Monat schwanger.

In der Klinik musste ich lange warten, bis ich an der Reihe war. Ich musste operiert werden, die Ärzte waren sich aber nicht im Klaren, wie das mit der Betäubung gehen sollte, da das Baby nicht belastet werden sollte, weil ich ja eine Risiko-Schwangere war.

Gegen 22.00 Uhr entschloss sich ein Arzt, die OP unter örtlicher Betäubung zu wagen. Ich hatte immer noch mein Kuhstall-Outfit an, auch die Gummistiefel.

Der Schmerz war nun schon fast unerträglich, und ich hätte die Wände angehen können. Ich wollte nur noch Erlösung. Zunächst fragte mich der Arzt, ob er das letzte Fingerglied amputieren oder wieder annähen solle. Ich entschied mich fürs Annähen. Ich hatte Angst, meinen Beruf an den Nagel hängen zu müssen, wenn ich nicht mehr melken könnte. Ich bekam dann eine örtliche Betäubung in die Hand, die auch wirkte, und schaute dann bei der OP zu. Nach 20 Minuten war ich fertig. Er sagte, der Finger müsse täglich gebadet werden. Ein täglicher Verbandswechsel müsse auch durchgeführt werden, um eine Wundinfektion zu verhindern. Das Tor war ja auch sehr verrostet. So waren unzählige Keime in die Wunde gelangt, die dann auch zu einer Blutvergiftung und auch zum Tod führen könnten.

Die Hand wurde dann noch in eine Schiene gelegt, Gips ging nicht, da ja täglich alles gewechselt werden musste und zudem die Hand stark anschwoll.

In einem der Urlaubstage von Frank hatten wir uns auch schon Eheringe gekauft, von denen meiner dann wohl nicht passen würde.

Der Unfall passierte genau am 05.02.1979. Am 16.02.1979 war die Hochzeit anberaumt.

Täglich fuhr mein Vater mich dann zum Arzt zur Behandlung des Fingers. Die

Verbandsabnahme war jeden Tag eine Tortur. Alles war verklebt, da immer wieder die Blutung aufflammte, nachdem der Schorf abgerissen war.

Ich fragte mich langsam, wie ich mit der Schiene in mein Hochzeitskleid, welches lange Ärmel hatte, passen sollte. Aber die Frage erübrigte sich, wie ich gleich berichten werde. Das Wetter dümpelte so vor sich hin, es war Winter.

Die Hochzeitsvorbereitungen liefen, das Taxi war bestellt, Getränke waren geordert, die dann in das Lokal, in dem wir feiern wollten, mitgebracht werden sollten, ebenso die Speisen, Kuchen und Torten. Die Gäste waren auch alle eingeladen und freuten sich schon auf die bevorstehende Feier. Aber dann kam alles anders. Ab dem 15.02.1979 verkündeten auch bei uns die Nachrichtensender eine Wetterkatastrophe. Heftige Schneefälle und Wind sollten in den nächsten Tagen alles lahmlegen. Ich erinnerte mich an die Bilder aus den USA.

Ich schaute aus dem Fenster und sah, dass es immer so vor sich hin fusselte. Aber Kleinvieh macht auch Mist. So wurden aus den Fusseln immer größere Flocken und auch der Wind nahm stündlich zu. Unwetterwarnungen kamen in immer kürzeren Abständen durch den Äther. Ich befand mich zu der Zeit bei meinen Eltern.

Wir hatten bereits tagsüber die ganzen Speisen und Platten zu Hause. Getränke mit und ohne Alkohol befanden sich bei meinen Schwiegereltern.

Keiner wusste, ob Frank rechtzeitig kommen würde, denn er war auch noch nicht da.

Eine telefonische Verbindung gab es nicht.

So langsam neigte sich der 15.02.79 dem Abend zu. Das Lokal, in dem wir feiern wollten, schickte einen Boten vorbei, der die Sache absagte. Auch ein Taxi kam vorbei, klingelte von unten und sagte ab. Telegramme meiner entfernten Verwandten verkündeten die Absagen.

Dass die Gäste nicht kommen würden, dachten wir uns bereits. Nun galt es, Schadensbegrenzung zu betreiben. Meine Oma war auch bei meinen Eltern, sie wollten sie dann morgen mitnehmen. Die Trauung sollte in einem ländlichen Standesamt stattfinden, welches 2 km entfernt vom Wohnort meiner Schwiegereltern und meines zukünftigen Mannes lag.

In der Nacht wütete das Wetter noch stärker. Die Armee wurde bereits mit schwerer Technik angeheuert zum Schneeschaufeln. Ländliche Orte konnten nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt werden, da Schneeverwehungen auf den Straßen für meterhohe Wälle sorgten. Panzer und schweres Gerät kamen zum Einsatz, da die Räumfahrzeuge nicht mehr hinterherkamen. An den Straßen stehende Fahrzeuge waren eingeschneit und wurden nicht gesehen, öffentliche Verkehrsmittel fuhren nicht mehr. Viele Menschen saßen fest und kamen nicht mehr nach Hause. Sie mussten in Notunterkünften und Turnhallen übernachten und wurden vom DRK versorgt. Keiner wusste, wann das ein Ende haben würde. Sogar Babys wurden im Panzer geboren. Bei meinem Sohn war auch ein Mitschüler in der Klasse, der im Panzer geboren worden war. Hubschrauber waren im Einsatz. Dazu kamen immer häufigere Stromausfälle, sodass dann Taschenlampen, Kerzen und Zündhölzer angesagt waren.

Am nächsten Tag trafen wir dann die Entscheidung. Meine Oma hatte bei meinen Eltern mit übernachtet. Sie besserte zurzeit ihre Rente etwas auf und arbeitete als Telefonistin in der Deutschen Post (genau in der, bei der ich damals im Orchester gespielt hatte). Da die Bäcker 7 Torten nicht mehr zurücknehmen wollten, mussten wir die irgendwie verticken. Es waren alles Sahnetorten und mir wurde schon schlecht bei dem Ausblick, täglich diese fetten Torten essen zu müssen. Wir hatten schon genug zu tun, später auch die Platten mit den belegten Broten und Salaten zu verwerten. Meine Oma hatte dann den Einfall, die Torten in der Post zu verkaufen. Da war ein zahlenmäßig größeres Personal trotz der Katastrophe noch am Arbeiten. Viele versuchten, bei der Post zu telefonieren und so Nachrichten zu ihren Angehörigen zu versenden. Es klappte.

Gesagt, getan, wir luden alle Torten in den Trabant und fuhren auf den Parkplatz der Post. Mein Vater überließ meiner Oma dann die Autoschlüssel. Kalt genug war es ja, sodass meine Oma keinen Kühlschrank zum Aufbewahren der Torten brauchte. Mein Vater und ich wollten uns dann zu Fuß durchschlagen zum Rest der Familie aufs Land, um erst mal zu sehen, was da los war und wo mein zukünftiger Mann steckte.

Meine Schwiegermutter arbeitete beim Kartoffelinstitut in der Pförtnerloge (mit Telefon) und ich kannte die Nummer. Als wir noch in der Post meine Oma ablieferten, rief ich die Nummer auf Verdacht an, in der Hoffnung, dass meine Schwiegermutter auch am Telefon war.

Und ich hatte Glück. Ich erreichte sie sofort. Wir schilderten unsere Situationen. Frank war abends am 15.02.79 mit einem Armeeauto völlig durchgefroren, seit 1,5 Tagen auf Tour, im Ort angekommen. Er machte sich große Sorgen um mich und das Baby.

Ich sagte, dass mein Vater und ich nun auf dem Weg zu ihnen seien, zu Fuß.

Sie wollte dann die Trauung von 10.00 Uhr auf 15.00 Uhr verschieben lassen.

Dann zogen mein Vater und ich los.

An eine Hochzeit mit Kleid usw. war natürlich unter diesen Umständen nicht zu denken. In Umstandskleidung, mit Winterstiefeln und der Witterung gemäß dick angezogen, froren wir nicht. Der Weg war sowieso recht schwierig. Links und rechts war der Schnee meterhoch zusammengeschoben worden. Nur in der Mitte der Fahrbahn hielten Armeefahrzeuge eine Spur frei. Jedes Mal, wenn ein Fahrzeug hinter oder vor uns war, sprangen wir in die Schneewehen und mussten wie die Pinguine Gleichgewicht halten, um nicht zu versinken. Dann ging es weiter.

Hinter uns kam dann ein Transporter, der aus einem Dorf, welches auf unserem Weg lag, Kartoffeln holen sollte. Der Fahrer hielt an und wir konnten per Anhalter auf der Ladefläche mitfahren ein Stück. Er hatte schon eine Menge Leute eingesammelt, sodass für mich ein Platz auf dem Ersatzreifen frei war. Aber besser als Laufen, sagte ich mir, hatte aber doch etwas Angst um mein Baby. Aber es ging alles glatt.

Als wir dann den Rest des Weges zu Fuß weitergingen, schloss sich uns eine Frau an, die denselben Weg hatte wie wir, aber nicht alleine gehen wollte. So gingen wir zu dritt. Unsere Situation hatte sich im Dorf mittlerweile herumgesprochen. Es musste Brot für den Dorfkonsum besorgt werden. Ein Schneepflug wurde losgeschickt. Der Fahrer kannte uns natürlich nicht, und wir wussten nichts von dem Unterfangen. Der Fahrer sollte uns mitnehmen. Meine Schwiegermutter hatte das in die Wege geleitet. Er sollte auf einen Mann und eine schwangere Frau auf dem Weg ins Dorf achten und diese dann einsammeln. Nun waren wir aber zu dritt, was der Fahrer wiederum nicht wusste. So ging die Aktion aneinander vorbei. Ich hatte den Schneepflug schon bemerkt. Aber ich wusste ja nicht, dass der Fahrer uns mitnehmen sollte.

Irgendwann um die Mittagszeit kamen wir dann im Dorf an. Frank kam schon bis an die Straße gelaufen und empfing uns. Wir fielen uns um den Hals und waren froh, dass jeder gesund war. Dann begaben wir uns nach Hause. Meine Schwiegermutter hatte schon ein notdürftiges Mittag vorbereitet. Es war ja alles anders geplant.

Das nächste Problem war die Anzugs-Ordnung. Frank hatte keinen Hochzeitsanzug. Bei mir war es sowieso egal, was ich anhatte, wegen der Schwangerschaft.

Ich durfte zwar die Schiene für den heutigen Tag ablassen von meiner Hand, aber sie war trotzdem noch stark geschwollen, sodass mein Ring nicht passte.

Da sagte mein Schwiegervater: „Versuch doch mal meinen Ring. Es ist doch eigentlich egal, mit welchem Ring du heiratest.“ Der passte zwar, aber auch nach der Trauung hatten wir arge Probleme, ihn wieder ab zu bekommen. Es stand schon auf der Kippe, ihn zerteilen zu müssen. Aber mit Seife und viel Geduld schafften wir es.

Frank war während der Armeezeit sehr dünn geworden. Nach langem Hin und Her zog er dann über dicker Winterunterwäsche seinen Jugendweihe-Anzug an. Aber auch der war noch zu groß. Auf die Idee, Hosenträger zu benutzen, kam er nicht. Als wir dann während der Hochzeitszeremonie aufstehen mussten, rutschte ihm die Hose Stück für Stück runter. Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen und machte ihn heimlich darauf aufmerksam. Er stoppte das totale Chaos dann noch schnell mit den Händen.

Die Standesbeamtin warf mir deshalb einen bösen Blick zu.

Ab Mittag hatte das Wetter sich etwas beruhigt und die Räumfahrzeuge bekamen die Straßen frei. Die gesamte Familie von Frank wohnte mit im Dorf. Sein Onkel fuhr uns dann zur Trauung per Shuttle ins nächste Dorf, in dem die Trauung dann stattfand. Die Rücktour wurde genauso abgehandelt.

Ein paar Kekse und etwas selbst gebackener Kuchen waren dann unser Hochzeitsessen. Zu Trinken war aber reichlich vorhanden.

Meine Schwiegereltern hatten eine 2,5-Zimmerwohnung. Zur Nacht mussten dann die Betten auf die Leute aufgeteilt werden. So verbrachten wir die Hochzeitsnacht mit 6 Personen im kleinen Kinderzimmer.

Am nächsten Tag war der Wetterspuk vorbei. Die Züge fuhren zwar noch nicht, aber per Taxi fuhren dann mein Vater, Frank und ich wieder nach Hause, da ja meine Fingerbehandlungen weitergehen mussten. Meine Oma hatte alle Torten gewinnbringend verkauft, und die Postangestellten hatten sich sehr über diese Aktion gefreut.

Frank musste den Abend wieder einrücken. Wir brachten ihn zum Bahnhof. Nun fuhr er als verheirateter Mann wieder zur Armee.

Diese Hochzeit war so spektakulär, dass wir sie nie vergessen würden. Nach meiner Entbindung im Mai, als ich wieder eine normale Figur hatte, das Kleid und auch der Ring passte, holten wir in kleinem Kreis die Feier nach und machten auch die Hochzeitsfotos.

Mein kleiner Finger war zwar noch sehr empfindlich bei Berührung, aber ganz gut abgeheilt. Nur hatte der Arzt mein Gelenk festgenäht, sodass der Finger steif blieb. Aber das wird dann eine weitere interessante Geschichte.

In einer seiner Urlaubszeiten, wir waren schon einige Zeit verheiratet, wollte ich mich dann auch mal als Hausfrau nützlich machen. Zwar hatte ich nie so den Hang zum Kochen, aber nun wollte ich es mal versuchen. Meine Schwester hatte gerade Schulferien und war auch zu Hause. Zuerst ging ich einkaufen. Es sollte Bratklops geben. Im Fleischerladen in der damaligen Laden-Straße war eine überschaubare Schlange. Es wurde mit 2 Verkäufern bedient. Ich hatte mich zwar vorher noch bei meiner Mutter über den Werdegang der Herstellung dieses Gerichtes unterhalten, brachte dann aber letztendlich doch alles durcheinander.

Kurz, ich kam dann an die Reihe und die Verkäuferin fragte, was ich haben möchte.

Ganz stolz sagte ich: „50 Gramm Gehacktes.“ Ich wunderte mich über den fragenden Blick der Verkäuferin, checkte aber noch nicht die Lage. Die Verkäuferin warf einen Blick zu ihrer Kollegin, aber keine sagt ein Wort. Dann fiel mir ein, was ich vergessen hatte und ich fügte hinzu: „halb und halb“. Die anderen Wartenden hinter mir fingen an zu tuscheln und die Verkäuferin legte einen ganz kleinen Klops auf die Waage. Wahrscheinlich kam sie sich verarscht von mir vor. Ich guckte auch erst mal ganz dumm aus der Wäsche und fügte hinzu: „Davon sollten eigentlich 3 Erwachsene satt werden.“ Da brach ein großes Gelächter im ganzen Schlachterladen aus. Ich lief rot an vor Scham. „Haben Sie da nicht eine Null vergessen? Mit 500 Gramm halb und halb kämen Sie da eher hin.“ Was hatte ich mich blamiert. So schnell war ich noch nie aus einem Geschäft gelaufen. Ich hatte dann 500 Gramm gekauft. Mit der Zubereitung gab es dann Gott sei Dank keine Pannen mehr. Nächsten Tag sollte es „Senfeier“ für uns drei geben. Nochmals fragte ich meine Mutter um Rat, um nicht wieder so ein Desaster zu erleben. Aber auch da passierte es wieder. Ich kochte die Eier zu lange, sie waren blau. Die Kartoffeln waren dann zu früh abgegossen worden und sie waren noch hart. Bei der Soße vergaß ich, Wasser hinzuzufügen, und kochte sie nur aus Butter und Senf. Man konnte sie in Scheiben schneiden. Aber weder meine Schwester noch mein Mann muckten herum. Sie würgten sich das Essen runter, behielten aber einen Kommentar wegen des Geschmackes für sich. Ich bekam bald das Würgen, denn ich mag dieses Gericht eigentlich sehr gerne. Es hatte aber überhaupt keine Ähnlichkeit mit den Gerichten, die meine Oma oder meine Mutter sonst auf den Tisch brachte.

Nach diesen Erlebnissen legte ich mir erst mal Kochbücher zu und schaute auch mal hinein. Aber ich hatte Glück, Frank war ein Hobbykoch, und er übernahm dann künftig diesen Part. Ich grub dann währenddessen auch lieber den Garten um.

5. Kapitel - Hündin „Asta“ und die Geburt meines Sohnes

Während des 2. Jahres meiner Meisterausbildung lernte ich im Zuge der theoretischen Ausbildung einen Mann kennen aus meiner Klasse, der Hunde züchtete, Deutsche Schäferhunde. Diese Rasse war sowieso meine bevorzugte Rasse bei den Hunden. Ich zog nicht nur des Berufes und der Pferde wegen aufs Land, sondern ich wollte auch schon immer einen Hund haben. Alle Hunde unter 50 cm Körpergröße stufte ich als „Taschenwärmer“ ein. Mit einem Deutschen Schäferhund, kurz DSH, wollte ich trainieren, arbeiten. Wir kamen zufälligerweise ins Gespräch in einer Pause. Er hatte gerade einen Wurf junger DSH. Ich interessierte mich sehr für eine Hündin, denn später hatte ich auch vor zu züchten. Nur eine einzige Hündin gab es in dem Wurf, und sie war noch nicht vergeben. Die anderen 3 Rüden aus diesem Gespann waren alle schon verkauft. Da hatte ich ja Glück.

Da ich nach der Geburt meines Sohnes nicht gleich wieder arbeiten gehen wollte, konnte ich mich um einen Welpen kümmern.

Als die Hündin dann 12 Wochen alt war, konnte ich sie abholen. Frank war zu der Zeit noch bei der Armee, sodass ich ihn beim nächsten Urlaub damit überraschen konnte.

Mit der Geburt meines Sohnes war das auch so eine Sache.

Ich nahm den regulären Schwangerschaftsurlaub 10 Wochen vor dem Entbindungstermin. Ab dem 6. Monat hatten sich Komplikationen ergeben bei den Untersuchungen. Ich nahm ab, das Baby nahm nicht zu und mein Blutdruck war immer viel zu hoch. Auch hatte ich extrem viel Wassereinlagerungen im Gewebe. Keine Schuhe passten mehr, ich konnte kaum noch aus den Augen gucken, so war mein Gesicht aufgequollen. Ich wurde in die Klinik eingewiesen und sollte den Rest der Schwangerschaft unter ärztlicher Beobachtung verbringen.

Einen Monat hielt ich das dann durch. Um den Körper zu entwässern, bekam ich nur noch Haferschleim und Reis mit wenig Obst zu essen. Auch zu trinken gab es nicht viel. Aber es half alles nichts. Mein Blutdruck ging nicht runter. Das Osterfest nahte. Karfreitag fiel auf einen 13. Abends um 21.00 Uhr setzten die Wehen ein. Ich war einen Monat zu früh dran. Ich hatte dann schon Flimmern vor den Augen und schwebte in höchster Lebensgefahr.

Die Ärzte wollten immer noch den Geburtstermin hinauszögern bis zum errechneten Termin. Aber mir ging es immer schlechter.

Dann entschieden die Ärzte sich zur Kaiserschnittentbindung, um mein und des Babys Leben zu retten. Als sie mir das mitteilten, bekam ich das gar nicht mehr so voll mit.

Ich bat den Arzt nur: „Ich bin so abergläubisch, Herr Doktor, können Sie die Geburt meines Kindes auf den 14.04. hinausschieben? Sonst gibt es bestimmt nur Unglück in seinem Leben.“ Der Arzt erwiderte: „Wir werden versuchen, was sich machen lässt. Aber versprechen kann ich nichts.“ Mein Sohn wurde dann als Frühchen mit 8 Monaten um 0.30 Uhr am 14.04.1979 per Kaiserschnitt geboren. Ich merkte nichts davon. Ich sah ihn auch nicht. Da seine Organe nicht alleine arbeiteten, wurde er sofort in die Kinderklinik, in der ich als Kind auch schon lag, in einen Inkubator gebracht und dort intensiv versorgt. Als ich morgens aufwachte, erklärte mir der Arzt die Sachlage und dass wir beide, mein Sohn und ich, in Lebensgefahr geschwebt hatten. Jahre später erfuhr ich dann bei einer Routineuntersuchung, dass ich nur 1 Niere hatte. Da war ich schon über 40 Jahre. Da konnte ich mir dann auch denken, warum mein Körper ab einer bestimmten Zeit keine 2 Lebewesen mehr versorgen konnte. Denn auch der 2. Sohn starb in meinem Körper im 7. Schwangerschaftsmonat wegen Unterversorgung ab dem 6. Schwangerschaftsmonat. Marcel war auch ein Wunschkind, er sollte Marius’ Brüderchen werden. 3 Tage dauerte es, bevor die Ärzte die Geburt einleiteten und nach 36 Stunden dann endlich eine Geburt auf normalem Wege stattfand. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Solchen Wehenschmerz und die Gewissheit, das Baby ist bereits tot. Seine Organe waren so schwach entwickelt, dass er auch mit einer Notentbindung nicht hätte gerettet werden können. Ich hatte lange psychisch damit zu tun. Der Arzt sagte mir dann auch, dass ich kurz vor einem Nierenkollaps stand vor dem Kaiserschnitt von Marius` Geburt. Aber aufgrund des schnellen Eingriffes ging alles gut. Ein Kinderarzt informierte mich täglich, wie es meinem Kind ging. Auch ein Klinikseelsorger unterhielt sich mit mir, denn ich hatte hart zu kämpfen, zuzusehen, wie die anderen Mütter ihre Babys stillten, wickelten und mit ihnen umgingen. Ich musste die Milch abpumpen. Sie wurde täglich abgeholt und mein Sohn bekam sie dann mit der Flasche. Die Kaiserschnittnarbe heilte nicht gut ab. Später fand ich heraus, dass mein Körper allergisch auf das Nahtmaterial reagierte und es abstieß. Das führte zu Eiterungen, Entzündung und hohem Fieber.

Zudem durfte ich nicht aufstehen und mich waschen. Der Geruch beim Lüften der Bettdecke war unerträglich. Endlich nach 7 Tagen wurde der Verband gewechselt, nach 10 Tagen wurden die Fäden gezogen. Dann durfte ich auch Wasser an die Narbe lassen. Es war eine Erholung. Ich war sehr geschwächt. Aber dann ging das Fieber auch endlich runter. Ich sah Licht am Ende des Tunnels. Die Entlassung rückte näher, und ich würde bald zu meinem Baby können.

Einen Vorteil hatte dieser Klinikaufenthalt aber auch. Mein kleiner Finger der rechten Hand war ja immer noch steif. Ich sah, dass das Gelenk mit angenäht worden war. So nach und nach löste sich auch der Faden, ich zog ihn selbst, Zeit hatte ich ja genug, und siehe da, ich konnte auch den Finger ganz wieder bewegen und alle Glieder beugen. Probleme bereitete mir aber zeitlebens das Schneiden des Fingernagels, denn er war geteilt und wuchs auch in 2 Richtungen. Das schmerzte dann immer ziemlich stark, wenn ich dann überall hängenblieb mit dem Nagel.

Nach meiner Entlassung fuhr ich sofort in die Kinderklinik. Meine Eltern begleiteten mich. Meine Mutter und ich durften in voller OP-Montur durch eine Glasscheibe in der Frühchen-Abteilung meinen Sohn Marius das erste Mal sehen. Die Schwester hielt ihn auf dem Arm. Er schlief. Seine Werte waren bei der Geburt 1800 Gramm Gewicht und 51 cm Länge. Er war schon nicht mehr verkabelt, alle Organe arbeiteten alleine. Aber erst mit 2,5 kg konnte er entlassen werden. Alles andere wäre zu gefährlich.

Ich wohnte ja noch im „Speicher“. Da hatten Frank und ich auch ein Kinderbettchen aufgebaut, welches zum Schlafen und zum Spielen gedacht war. Wir hatten ja nur das eine Zimmer, in dem sich dann alles abspielte. Die erste Zeit lebte ich bei meinen Eltern. Ein Kumpel von Frank hatte uns zur Hochzeit eine selbst gezimmerte Babywiege geschenkt. Die hatten wir dann auch zur Wohnung meiner Eltern mitgenommen.

Am 1. Juni 1979 war es dann so weit. Vorher durfte ich täglich eine Stunde mit Marius in der Kinderklinik verbringen, um das Mutter-Kind-Verhältnis zu stärken. Das war immer ein Highlight. Ich konnte ihn füttern mit der Flasche und ihn beobachten. Ich war so stolz auf ihn. Er hatte dunkles Haar, welches dann später blond wurde. Aber meine dunkelblauen Augen hatte er jedenfalls geerbt.

Meine Schwester kam zur Unterstützung mit. Ich war so aufgeregt. Er wurde noch mal gefüttert und gewickelt. Als dann die ganzen Papiere und weiteren Untersuchungstermine besprochen waren, konnte ich ihn in den mitgebrachten braunen Kinderwagen legen. Er schlief da gleich weiter. Ganz stolz fuhren wir erst mal was essen und dann mit dem Bus zur Wohnung meiner Eltern.

Aber als er sich dann bemerkbar machte und ich vermutete, dass er neu gewickelt werden musste, bekam ich doch etwas Panik. Ich hatte das noch nie gemacht. Aus Angst, ihm weh zu tun oder die Knochen zu brechen, wagte ich mich nicht an das Windeln wechseln. Meine Mutter war auf Arbeit. So fragte ich unsere Nachbarin, ob sie helfen könne. Sie hatte 3 Kinder großgezogen und die entsprechende Erfahrung auch mit so kleinen Babys.

Sie zeigte mir das dann alles und versicherte, dass Kinder so gelenkig seien, dass man ihnen nichts brechen könne. Ich sollte nur immer aufpassen, dass er nicht vom Tisch rollt. Das kann dann gefährlich werden. Danach war ich dann auch ein bisschen selbstbewusster in Sachen Babypflege. Nach einiger Zeit bekam ich auch Routine in der Versorgung meines Sohnes und zog wieder zu mir nach Hause aufs Land.

Als Frank auf Urlaub kam, was ich nicht wusste, lief er im Hausflur an mir vorbei. Ich hatte Marius gerade gefüttert und wollte ihn wieder hinausbringen in den Kinderwagen. Zu den Zeiten konnte man das noch machen, heute kann man keine Kinder mehr unbeaufsichtigt irgendwo stehen lassen. Immer muss man ein Kidnapping befürchten.

Ich hatte nach der Entbindung 15 kg abgenommen und Frank hatte mich gar nicht erkannt. Erst als ich ihn ansprach, wo er denn hinwolle, erkannte er mich. Hatte er mich doch als Letztes als Hochschwangere gesehen. Ich drehte um, und er erfreute sich an seinem Sohn. Bald war dann auch sein Armeedienst zu Ende. Wir wurden eine schöne kleine Familie.

Es kam die Zeit, dass ich den Welpen abholen konnte. Die Hündin, „Asta“ hieß sie inzwischen, da es ein A-Wurf (also der erste Wurf der Mutterhündin) war, kannte schon Leine und Halsband. Sie war auch schon etwas an die Leine gewöhnt.

So fuhren wir mit dem Zug auf unser Dorf. Da der Winter nahte, hielten wir sie erst mal in der Wohnung. Eine Hundehütte und ein stabiler Zwinger waren in Arbeit in unserem neu erworbenem Garten. Den hatten wir gemeinsam mit der Schwiegermutter gekauft. Mein Schwiegervater war vor kurzem mit 40 Jahren verstorben wegen einer Fehldiagnose. Ein unerkannter Blindarmdurchbruch wurde mit einer Nierenkolik verwechselt und dann auch nicht schnell genug operiert. Erst als der Notarzt zum 2. Mal kam und meinen Schwiegervater dann in die Klinik einwiesen ließ, war es bereits zu spät. Die Not-OP zeigte das total verseuchte Bauchfell und die damit sichere Todesursache. Meine Schwiegermutter, ihre 2 Töchter und ich konnten uns nur noch von dem Sterbenden verabschieden. Die Nacht überlebte er nicht mehr. Dem Arzt, welcher ihn falsch behandelt hatte, passierte außer einer Versetzung in ein anderes Dorf nichts weiter. Frank kam gerade noch rechtzeitig zur Beerdigung seines Vaters. Verabschieden konnte er sich aufgrund des Armeedienstes nicht.

Der Garten sollte meine Schwiegermutter etwas ablenken von der Trauer um ihren Mann. Ich lernte dann auch viel in der Gartenarbeit, was mir sehr viel Spaß machte.

Als Frank von der Armee entlassen wurde, konnte er wieder in seinem Ausbildungsbetrieb anfangen, was uns sehr zupass kam. Keine langen Arbeitswege, immer erreichbar.

Der Garten nahm dann Gestalt an. Wir bauten die Laube aus, beförderten die Hütte, die Frank gebaut hatte, in den neu erbauten Zwinger. Asta musste nun ausziehen aus der Wohnung. Sie wurde zu groß.

Nun hatten wir aber auch täglich 2-mal ihre Fütterung im Garten zu erledigen, bei jedem Wetter. Oft nutzten wir dazu einen Spaziergang mit Marius im Wagen.

Der Zwinger wurde gereinigt, Asta wurde bewegt und gefüttert. Aber der Abschied fiel allen sehr schwer. Lange noch hörten wir ihr Heulen, wenn wir den Heimweg antraten.

Aber so langsam gewöhnte sie sich daran. Wusste sie ja, dass wir immer wieder zurückkommen. Sie lernte dann so nach und nach die Grundbefehle „Sitz“, „Platz“, „Bleib“, „bei Fuß“.

Auch Fressen auf Kommando und Gehen in Freifolge (ohne Leine) lernte sie. Sooft ich konnte, nahm ich sie mit nach Hause und brachte sie dann nur für die Nacht wieder in den Garten.

Wir hatten eine sehr feste Bindung. Auch am Rad konnte sie schon gut mitlaufen und im Wald über Baumstubben springen auf Kommando. Am liebsten aber apportierte sie Gegenstände. Aus Unwissenheit ließ ich sie leider auch Steine apportieren, was ihren Zähnen nicht guttat.

Marius wuchs heran und lernte Laufen. Los ging es in der Küche. Er konnte sich schon an den Schränken hochziehen, aber traute sich noch nicht ganz loszulassen.

Frank und ich setzten uns auf den Boden und ließen Marius Spielzeug von einem zum anderen bringen. Er sollte „Bitte“ und „Danke“ lernen. Wir hielten ihn abwechselnd fest beim Laufen. Dann wurde er immer sicherer. Wir ließen los, sicherten aber, falls er fallen sollte. Er fiel nicht. Wir vergrößerten den Abstand und unser Sohn lernte an dem Tag das selbstständige Laufen. Wir hatten nun wieder eine größere Wohnung im Dorf bekommen. Im Neubaublock in einer 2,5 Raumwohnung war jetzt unsere neue Bleibe. Marius hatte nun auch sein eigenes Zimmer. Wir wohnten im 2. Stock, meine Schwiegermutter und die 2 Schwestern meines Mannes wohnten ganz unten. So konnte meine Schwiegermutter auch immer mal einspringen mit der Beaufsichtigung von Marius, wenn wir mal weggehen wollten oder anderweitig nicht konnten. Marius hatte ein sehr gutes Verhältnis zu Oma und Tanten.

Der Neubau stand an einer Hauptstraße des Dorfes. Wenn Asta bei uns war, wurde sie draußen an einem Baum angebunden, wenn wir uns in der Wohnung aufhielten. Waren wir mit draußen, durfte sie sich frei bewegen.

Ohne, dass ich ihr das beigebracht hätte, verhinderte sie immer mit ihrem Körper, dass Marius sich bei seinen Laufübungen zu sehr der Straße näherte. Sie stellte sich dann vor ihm hin, und er drehte wieder um. Da war ich ganz stolz drüber, dass sie unsere Familie so schön beschützte aus eigenem Antrieb.

Nun wollte ich gerne mal mit ihr züchten. Ich wartete die nächste Läufigkeit ab, machte aber den Fehler, mit ihr am Rad zum Einkaufen zu fahren. Ich hatte natürlich einen DSH als Deckrüden beabsichtigt. Aber es lief uns während der Fahrt ein Dokö (Dorfköter) hinterher und interessierte sich sehr für Asta. Das gefiel mir gar nicht. Aber ich wurde den Dokö (Dorfköter) auch nicht wieder los. Im sicheren Abstand folgte er uns und ließ sich nicht ablenken. Mir war dann klar, wenn ich nicht unerwünschten Nachwuchs haben wollte, konnte ich meine Hündin nicht unbeschwert draußen anbinden und einkaufen gehen. Also drehte ich wieder um, nahm meine Hündin dann erst mal mit in die Wohnung, damit nicht sie sich auf ein Rendezvous einlassen konnte. Aber wie ich später erfahren musste, hatte dieses Erlebnis einen bleibenden Eindruck bei meiner Hündin hinterlassen. Sie war der Meinung, dass ich es nicht wünschte, dass sie sich paarte, und ließ zeitlebens keinen Rüden mehr an sich ran. Das war es dann mit dem Züchten.

Frank und ich entschlossen uns dann, einem Hundesportverein beizutreten. Ein Dorf weiter war gerade einer im Gründungsprozess. Überall wurde dafür Werbung um Mitglieder gemacht. Wir fuhren erst mal ohne Hund zur Gründungsversammlung. Wir wollten Erfahrungen und Informationen sammeln, wie so etwas funktionierte.

Beim Reiten war ich ja, sobald es nach der Entbindung möglich war, auch immer noch präsent. Marius verbrachte so manchen Tag im Kinderwagen am Pferdestall.

Aber das Training mit den Hunden fand nur an den Wochenenden statt.

Der Hundesportverein pachtete einen Platz, der in Eigenleistung umzäunt wurde. Wir bauten Hütten, bauten das Vereinshaus aus und dann ging es los mit dem Training.

Einer erklärte sich bereit, den „Scheintäter“ zu machen. Wir wollten unsere Hunde im Schutzdienst und als Fährtenhunde ausbilden und dann später auch an Prüfungen teilnehmen. Unsere Mitglieder hatten allesamt Dienst- und Gebrauchshunde, wie DSH, Dobermann, Rottweiler, Riesenschnauzer, Boxer und Airedale Terrier.

Mit ½ jährigen Welpen konnte man mit diesen entsprechenden Hunderassen dem Verein beitreten und sie ausbilden. In den Fächern Unterordnung (Sitz, Platz, Bleib, Steh, Vorsitz und Fuß) mit und ohne Sicht des Hundeführers, Bringen von Hölzern, Überspringen der 1 m-Wand und der 1,80 m-Wand, Balancieren über den Schwebebalken mussten die Hunde blinden Gehorsam leisten. Dann kamen noch Fährten-Arbeit mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und Schutzdienst, Finden eines Verbrechers, diesen stellen und verbellen und die Mutprobe, Fangen eines Verbrechers und Beißen in den Beißarm dazu. Das Loslassen des Beißarmes musste auch auf Befehl erfolgen, was am schwierigsten beizubringen war. Ein Absuchen nach dem Scheintäter in 8 verschiedenen Hütten durch den Hund wurde dann „Revieren“ genannt.

Alle Ausbilder absolvierten im Voraus eine Schulung mit anstehender Prüfung. Ich war 8 Jahre Mitglied dieses Vereins, was mir sehr viel Freude bereitete. Wir verbrachten viele gemeinsame Stunden mit unseren Hunden. Auch nahmen einige an Prüfungen der Schutz- und Fährtenhunde erfolgreich teil.

3 Jahre war ich selbst Ausbildungswart des Vereins. Da trainierten wir aber Gebrauchshunde aller Rassen.

Der Wille zum DSH-Züchten war immer noch unterschwellig bei mir vorhanden. Ich greife dazu mal ein bisschen vor. Wir waren Jahre später in ein anderes Dorf gezogen, wo ich in der 800 Milchviehanlage den Posten des Schichtleiters übernommen hatte.

Wir wohnten dort in einem 4-Familienhaus mit Stall und Garten.

Die Wohnungen waren Dienstwohnungen. Es wurden die 2,5 Zimmer mit

Zentralheizung vom Bad aus beheizt. Die Zimmer waren schön groß und hell. Der Garten war gegenüber dem Haus. So konnten die Hunde nah am Haus sein.

Wir hatten uns aus „Sellin“ von der Insel Rügen eine weitere DSH-Hündin gekauft.

Sie stammte vom Züchter, war aber nicht für die professionelle Zucht zugelassen, da sie „HD leicht“ hatte. (Hüftgelenksdysplasie, eine unheilbare Hüfterkrankung, die auch erblich sein kann.) Ich sagte, dass wir nur für den Eigengebrauch einmal züchten wollten. Die Hündin hatte noch keine Jungen. Sie war sehr schüchtern und charakterschwach. Die Zusammenführung war deshalb auch nicht so leicht, da Asta etwas territorial war und Uta, wie die Hündin hieß, das nicht akzeptieren wollte. Aber mit der Zeit klappte das denn auch. Dann wurden sie ein Herz und eine Seele. Ich fuhr sehr häufig in die nächste Stadt mit dem Rad zum Einkaufen. Da der Weg einen sehr langen Berg beinhaltete, nahm ich eine Hündin mit. Die zog mich dann, mit einem Zuggeschirr versehen, den Berg hoch. Nicht immer konnte ich mit dem Auto fahren. Das Geld für Benzin reichte meistens nicht bis Monatsende. Asta hatte ich als Zughund ausgebildet. Sie zog mich im Handwagen, mit dem Rad oder mit dem Schlitten. Als Uta dann mehrfach einfach über den Zaun des Zwingers kletterte, weil sie mitwollte, nahm ich sie dann später auch beide mit zu den Fahrten. Mittlerweile vertrugen die beiden Hündinnen sich gut. Oft fuhr ich im Winter per Schlitten zum Einkaufen im Dorfkonsum oder zur Nachtschicht auch zur Arbeit. Später ließ ich mich dann von beiden Hündinnen überall hinziehen. Zum Hundesport nahmen wir Uta nicht mit. Sie erwies sich als ziemlich unbegabt für diesen Sport. Dann musste sie im Stall bleiben. Ein Kollege von mir hatte einen sehr charakterstarken bildhübschen DSH-Rüden. Er traute sich selbst nicht an den Hund ran. Der große DSH sollte ein Grenzhund gewesen sein und darum auch ziemlich bissig. Der Hund verbrachte sein ganzes bisheriges Leben an der Kette. Als Uta dann wieder läufig war, führte ich sie zu diesem Hund zum Decken. Beide kamen schnell zur Sache. Nach 65 Tagen warf Uta dann am 22.10.1987 in einer eigens dafür neu gebauten Wurfhütte 10 Junge. Die Geburten dauerten die ganze Nacht an. Bis Mitternacht beobachteten wir das Geschehen. Sie kümmerte sich rührend um ihre Kleinen, leckte sie ab, durchbiss die Nabelschnur und fraß diese dann auch gleich auf. Sie ließ die Kleinen auch gleich saugen. Das ist auch nicht immer so selbstverständlich bei Erstgebärenden. Mit so einem starken Wurf hatten wir natürlich beim ersten Mal nicht gerechnet und dachten, nach 5 Welpen wäre Schluss. Am nächsten Morgen sahen wir dann die Bescherung. Von den 10 Welpen waren 7 tot. Darunter auch alle 3 Weibchen, von denen ich eigentlich eines selbst behalten wollte. So waren 3 Rüden das Resultat. Wir hatten nun 5 Hunde.

Wir hatten immer die Möglichkeit vom Notschlachter Rindfleisch für die Hunde billig zu kaufen. Auch wenn es in der Anlage schwache Kälber oder Frühchen gab, wurden die als Hundekälber vom Tierarzt freigegeben. Die konnten wir dann mit nach Hause nehmen und aufpäppeln oder selbst zu Hundefutter verarbeiten. Schlachten konnte ich natürlich selbst nicht. Unser Nachbar übernahm den Part. Ausnehmen taten Frank und ich die Kälber, die sonst qualvoll verendet wären, selbst. Einen ausrangierten, aber noch funktionstüchtigen Kühlschrank hatten wir für das Hundefleisch in der Garage stehen.

Amigo

Uta hatte ihre 3 Jungen ganz gut aufgezogen. Verschiedene Charaktere bildeten sich heraus. Nun kam die Zeit, wo wir uns von Hunden trennen mussten, denn alle konnten wir nicht behalten. Uta verkaufte ich an eine Tierversuchsstation. Mit ihr wurden unterschiedliche Futterarten und deren Auswirkungen auf die Gesundheit ausprobiert. Da hatte sie ein schönes Leben und wurde nicht für qualvolle Tierversuche missbraucht. Das war meine Bedingung, sonst hätte ich sie nicht dahin gegeben.

Als allerdings der Zeitpunkt anstand, wo die Welpen zugefüttert wurden, mussten wir Uta von den Welpen trennen. Sie war so futterneidisch, dass sie einem ihrer Welpen den Ohrknorpel durchbiss und sich daraus ein Blutohr entwickelte, welches sich lebenslang nicht aufstellte. Das bemerkten wir leider zu spät. Aber das Gehör war dadurch nicht beeinträchtigt, wie uns der Tierarzt sagte, es wird ein Schönheitsfleck bleiben.

Astor hieß der kräftigste der 3 Rüden. Ich verkaufte ihn an den Schäfer, den ich gut kannte. Nachdem er erst mal 5 Schafe gerissen hatte (er hatte das Wesen des Vatersgeerbt), wurde er ein sehr guter Halben- und Beihund. Auf vielen Wettbewerben in der Schäferei glänzte er mit Superleistungen.

Anjo wurde an eine Familie im Norden Deutschlands verkauft. Von ihm hörte ich nichts mehr. Er hatte das Wesen der Mutter geerbt und war auch immer sehr zurückhaltend.

Amigo behielt ich selbst. Wegen seines Ohres wollte ihn keiner haben.

Anfangs tat Amigo sich schwer in der Ausbildung. Im Schutzdienst hauten wir ihm solange die Sackwurst um die Ohren, bis er endlich zubiss. (Dabei wird ein Jutesack zu einer Wurst mit Band umwickelt.) Später durchbiss er dann Beißarm + Wattejacke + Ledermanschette. Selbst dann sah man noch die Zahnabdrücke auf dem nackten Arm des Scheintäters. Selbst im Ernstfall, den der Scheintäter und ich mal im Wald ausprobierten, beschützte Amigo mich zuverlässig.

Im Jahre 1990 bestand er seine erste Begleithundeprüfung. Ein Jahr zuvor war er durch einen dummen Zufall durch die Schutzhund-Prüfung gefallen. Unterordnung und Fährte hatte er brav gemeistert mit guten Ergebnissen. Bei der letzten Prüfung, dem Stellen eines Scheintäters in der sogenannten „Mutprobe“, da läuft der Scheintäter vor dem Hund davon, reizt ihn aber. Dann wird auf ein Kommando der Hund hinterher geschickt. In dem Moment dreht sich der Scheintäter um und greift den Hund an. Der darf dann nicht zurückweichen, sondern muss den Scheintäter anspringen und sich in den Beißarm verbeißen und so lange festhalten, bis vom Besitzer das Kommando „aus“ kommt. Dann muss der Hund loslassen und sich neben dem Besitzer hinsetzen.

Zu DDR-Zeiten war diese Prüfung anders. Während der Scheintäter weglief, wurde der Hund schon hinterher geschickt und sprang den Scheintäter dann von hinten an und verbiss sich in den Beißarm. Nun mussten alle Hunde auf westdeutsche Prüfungsanforderungen „umgeschult“ werden. Wenn der Scheintäter nun auf den Hund zukommt, flößt das so manchem Hund Angst ein und er kehrt um. Dann ist er durchgefallen.

Amigo drehte auch um. Aber nicht aus Angst, sondern weil er sich beim Ansprung an den Beißarm den Hinterlauf verletzt und Schmerzen hatte. Aber das galt auch als „nicht bestanden“. Er lahmte dann noch ein paar Tage, bis sich die Zerrung wieder gab.

Er wurde ein zuverlässiger Fährtenhund und auch im Kuhstall konnte ich ihn zum Kühetreiben gut nutzen. Er bellte zwar, biss aber nie eine Kuh, was die Voraussetzung für seinen Einsatz gewesen war.

Später, als Marius etwas größer und älter war, nahm ich ihn mit zum Hundeplatz. Ich konditionierte die in die Jahre gekommene Asta auf ihn und übernahm Amigos Ausbildung selbst. Amigo bestand mit Bravour eine Begleithundeprüfung. Asta wurde 9 Jahre alt. Sie konnte sich nie abgewöhnen, mit Steinen zu spielen. Irgendwann ließ sie sich einen Stein auf die Pfote fallen, was eine starke Entzündung mit einer starken Phlegmone (starke Schwellung des Untergewebes bis zum Ellenbogen hoch) zur Folge hatte. Sie lief nur noch auf 3 Beinen und hatte hohes Fieber. Ich brachte sie zu einem Tierarzt. Asta war nie eine gute Patientin beim Tierarzt gewesen. Nur mit Maulkorb und viel Zuspruch ließ sie Behandlungen und Impfungen über sich ergehen. Auch fuhr sie nie gerne Auto. Nur im geschlossenen Kofferraum ging das geräuschlos. Den Tag war sie apathisch und unbeteiligt. Sie ließ sich ins Auto tragen und war auch beim Tierarzt teilnahmslos. Die Spritze und der Verband bewirkten leider gar nichts.

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