Kitabı oku: «Nachhaltigkeit»

Yazı tipi:

[1][2]

[3]Iris Pufé

Nachhaltigkeit

2., überarbeitete und erweiterte Auflage

UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz mit UVK/Lucius · München

[4]Dr. Iris Pufé, MBA, unterrichtet u.a. an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Hochschule München. Als Kommunikations- und Nachhaltigkeitsberaterin unterstützt sie seit über zehn Jahren Wirtschaftsunternehmen, NPOs/NGOs und Behörden bei der Entwicklung und Umsetzung von Nachhaltigkeits- und CSR-Strategien.

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© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Einbandmotiv: iStockphoto.com, DNY59

UVK Verlagsgesellschaft mbH

Schützenstr. 24 · 78462 Konstanz

Tel. 07531-9053-0 · Fax 07531-9053-98

www.uvk.de

UTB-Nr. 3667

ISBN(eBook) 978-3-8463-4054-7

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

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[5]Nachhaltigkeit und Gemeinwohl

Der vorliegende Band zu einem gleichsam schillernden wie ungreifbaren Leitbegriff der Postmoderne ist als einfach begehbares Panoptikum angelegt: Er nähert sich der „Nachhaltigkeit“ von vielen verschiedenen theoretischen und praktischen Blickwinkeln und bringt selbst in jedem dieser Zugänge – Definitionen, Positionen, Modelle, Umsetzungsansätze – eine Übersicht der in kurzer Zeit entstandenen Vielfalt. Das Buch ist ein Orientierungsleitfaden durch einen Bedeutungsdschungel, in dem erbittert um Hoheit gerungen wird, weil es um gesellschaftliche Konsensfindung, politische Strategie, um die Verteilung von Ressourcen und Macht geht. Trotz des beachtlichen Erfolges des Begriffs auf der theoretischen, politisch-diskursiven und auch ansatzweise auf der praktischen Umsetzungsebene in Unternehmen und Institutionen fällt jedoch auf, dass sich der große Tanker Weltwirtschaft weiterhin in die Gegenrichtung bewegt, weil er unverändert das falsche Ziel ansteuert und die führenden Erfolgsindikatoren konträre Anreize setzen. Solange der Erfolg eines Unternehmens in der Finanzbilanz gemessen wird und jener der Volkswirtschaft mit dem Bruttoinlandsprodukt, kann die Weltwirtschaft nicht nachhaltig werden. Solange ein Unternehmen, das nichtnachhaltige Entscheidungen trifft, damit erfolgreicher sein kann als ein nachhaltiges, ist ein Kurswechsel nicht möglich.

Nachhaltigkeit und Wirtschaft können nur dann in Einklang gebracht werden, wenn das Ziel des Wirtschaftens ein anderes wird als das der Mehrung des Kapitals. In einer Gemeinwohl-Ökonomie wäre das Ziel das Wohl aller Lebewesen, ein gutes Leben für alle. Das Kapital wäre nur noch ein Mittel zum Zwecke der Mehrung des Gemeinwohls. Kapital dürfte nur noch dann verwendet, zum Beispiel investiert werden, wenn durch diesen Vorgang das ökologische, soziale und humane Kapital nicht gemindert wird. Jedes Investitionsvorhaben müsste eine positive Ökobilanz vorweisen, damit ein Kredit gewährt wird. Jedes private Unternehmen muss eine positive Gemeinwohl-Bilanz vorlegen, um Zugang zum Markt zu erhalten. Je nachhaltiger und ethischer ein Unternehmen agiert, [6]desto leichter soll es zum Erfolg kommen, desto größer wird das Gemeinwohl-Produkt einer Volkswirtschaft.

Ich wünsche den LeserInnen dieses Buches, dass sie von diesem einführenden Überblick über die Nachhaltigkeitsdiskussion zu den geistigen Kernwidersprüchen zwischen dem gegenwärtigen Wirtschaftsmodell und einer wirklich nachhaltigen Entwicklung vordringen und die ethischen, professionellen und praktischen Konsequenzen für ihr persönliches Leben ziehen können.

Christian Felber

[7]Geleitwort

Planst Du für ein Jahr, so säe Korn, planst Du für ein Jahrzehnt, so pflanze Bäume, planst Du für ein Leben, so bilde die Menschen.

Kuan Tzu

Das Thema – und Schlagwort der Stunde – Nachhaltigkeit, scheint vielen Studierenden diffus. Die Auseinandersetzung mit dem Konzept der Nachhaltigkeit aber ist unverzichtbar: nicht nur, weil es aufgrund seines Querschnittscharakters in immer mehr Studiengängen eine Rolle spielt, sondern vor allem wegen des Gestaltungsund Orientierungswissens, das es in Sachen Überlebensfähigkeit bietet.

Erstmals erwähnt in der Forstwissenschaft 1713, haben Begriff, Prinzip und Leitbild der Nachhaltigkeit eine erstaunliche Karriere durchlaufen: Ausgehend von einer zunächst vor allem gesellschaftspolitisch begründeten Verankerung findet die Nachhaltigkeit heute rasant Eingang in Wirtschaft, Recht und Wissenschaft, in Verwaltung, Forschung und Lehre.

Der vorliegende Band der Autorin dient als systematisches und kompaktes Einstiegs- und Überblickswerk, das mit den relevanten Begriffen, Konzepten, Elementen und Themenfeldern von Nachhaltigkeit vertraut macht. Basierend auf einer geschichtlichen Herleitung des Konzeptes werden konkrete Schwerpunkte und Anwendungsbereiche vorgestellt. Studierende und Interessierte erhalten eine Handreichung für zahlreiche Studienfächer wie z.B. Umweltökonomie und -recht, (Ressourcen-)Management, Wirtschaftsund Sozialpolitik oder Ethik, um nur einige zu nennen. Praxisnahe Beispiele und zahlreiche Schaubilder erleichtern dabei das Verständnis.

Die Zielgruppe des Buches ist mit den Studierenden im Bachelor-, Master- sowie MBA-Studium klar umrissen. Anfänger wie Fortgeschrittene werden gleichermaßen adressiert. Spezifische Vorkenntnisse zum Verständnis der Inhalte werden nicht vorausgesetzt.

[8]Ich wünsche allen Lesern eine inspirierende Lektüre, den Mut und die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, scheinbar Bewährtes kritisch zu hinterfragen und neue Denkansätze aufzunehmen – das Buch bietet hierzu die beste Vorlage. Zusammen mit der Autorin, die sich auf ihre Kompetenz im Gebiet Nachhaltigkeit in Forschung und Lehre berufen kann, wünsche ich, dass viele interessierte Leser mithelfen bei der aktiven Umgestaltung unserer Gesellschaft zu mehr Nachhaltigkeit. Dieses Buch ist ein wichtiger Schritt dazu.

Prof. Dr. Georg Zollner

Hinweise:

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Alternativ können Sie diese Links neben anderen nützlichen Materialien auch über unsere Service-Seite für dieses Buch abrufen:

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[9]Inhalt

Nachhaltigkeit und Gemeinwohl

Geleitwort

Abkürzungsverzeichnis

I. TEIL: VON DER THEORIE ZUM KONZEPT

1 Aktualität, Relevanz, Bedeutung

1.1 Durchs Nadelöhr in die Zukunft

1.2 Die aktuelle Popularität von Nachhaltigkeit

1.3 Push- und Pull-Faktoren

1.4 Widerstände gegen Wandel

2 Geschichte der Nachhaltigkeit und soziopolitischer Hintergrund

2.1 Carlowitz’ Waldbewirtschaftungsprinzip

2.2 Die Grenzen des Wachstums

2.3 Der Brundtland-Bericht

2.4 Der Rio-Gipfel

2.5 Die Agenda 21

2.6 Die Millennium-Entwicklungsziele

2.7 Weltklimagipfel Durban

2.8 Die wichtigsten Stationen

3 Trends und Entwicklungen – die Zukunft

3.1 Trends & Megatrends der Nachhaltigkeit

3.2 Klimawandel und Energieverbrauch

[10]3.3 Ressourcenverknappung

3.4 Demografischer Wandel

3.5 Trenderfassung und -nutzung

4 Systematik des Nachhaltigkeitskonzeptes

4.1 Ökologisches, ökonomisches und soziales Kapital

4.2 Ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit

4.3 Positionen der Nachhaltigkeit

4.4 Modelle der Nachhaltigkeit

4.5 Nachhaltigkeitsp rinzipien

4.6 Die wichtigsten Nachhaltigkeitsbegriffe

4.7 Nachhaltigkeitsthemen

4.8 Die Leitstrategien Effizienz, Konsistenz, Suffizienz

4.9 Die Systemtheorie als interdisziplinäres Erkenntnismodell

II. TEIL: VOM KONZEPT ZUR UMSETZUNG

5 Nachhaltigkeit in der Politik

5.1 Deutsche Nachhaltigkeitspolitik

5.2 Europäische Nachhaltigkeitspolitik

5.3 Internationale Nachhaltigkeitspolitik

5.4 Die Rolle der Zivilgesellschaft

6 Nachhaltigkeit in Unternehmen

6.1 Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie

6.2 Nachhaltige Wertschöpfungskette und Kernkomp etenz

6.3 Umsetzung – das Fünf-Stufen-Modell

[11]7 Transformation des Nachhaltigkeitsprinzips in das Recht

7.1 Gratwanderung zwischen Pflicht und Kür

7.2 Nationales und EU-Nachhaltigkeits recht

7.3 Freiwilliges Engagement

7.4 Zukünftige Verrechtlichung des Nachhaltigkeitsprinzips

8 Nachhaltigkeit und Wissenschaft

8.1 Nachhaltigkeitswissenschaft und -forschung – warum?!

8.2 Die Notwendigkeit von Gestaltungskompetenz

8.3 Wissens- und Bewertungsprobleme

9 Nachhaltige Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle

9.1 Die Postwachstumsökonomie

9.2 Die Gemeinwohl-Ökonomie

10 Fazit

Index

[12]

[13]Abkürzungsverzeichnis


BMBFBundesministerium für Bildung und Forschung
BMUBundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
BUNDBund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
CRCorporate Responsibility
CoRClub of Rome
CSRCorporate Social Responsibility
DIWDeutsches Institut für Wirtschaftsforschung
DJSIDow Jones Sustainability Index
E&YErnst & Young
EMASEco-Management and Audit Scheme
EUEuropäische Union
F&EForschung & Entwicklung
HKHandelskammer
IHKIndustrie- und Handelskammer
KMUKleine und mittlere Unternehmen
lt.laut
MDGMillennium Development Goals
NGONon-Governmental Organisation
NWNachhaltigkeitswissenschaft
OECDOrganisation for Economic Co-operation and Development
PPPPeople, Planet, Profit
RNERat für Nachhaltige Entwicklung
SBSCSustainability Balanced Scorecard
SRISocially Responsible Investing
[14]TBLTriple-Bottom-Line
UNUnited Nations/Vereinte Nationen
UNDPUnited Nations Development Programme
UNEPUnited Nations Environment Programme
USUnited States of America
USDUS-Dollar
UVPUmweltverträglichkeitsprüfung
VCIVerband der Chemischen Industrie
VWLVolkswirtschaftslehre
WBGUWissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen
WRIWorld Resources Institute
WWFWorld Wide Fund For Nature

[15]I. TEIL: VON DER THEORIE ZUM KONZEPT

1 Aktualität, Relevanz, Bedeutung

1.1 Durchs Nadelöhr in die Zukunft

„Stell dir vor, du entdeckst eines Tages auf deinem Gartenteich eine Seerose. Du freust dich an ihrer wunderbaren Blütenpracht, weißt andererseits, dass diese Pflanze stark wuchert und ihre Blattfläche jeden Tag verdoppelt. Wenn sie ungehindert wächst, werden ihre Schwimmblätter eines Tages den gesamten Teich bedecken. Dann werden sie in kurzer Zeit alle anderen Lebensformen ersticken. Die Seerose scheint freilich in den folgenden Tagen und Wochen ziemlich zierlich und harmlos zu bleiben. Du machst dir keine großen Sorgen. Im Gegenteil, du freust dich an ihrer wachsenden Pracht. Am 29. Tag stellst du plötzlich fest, dass ihre Blätter die Wasserfläche des Teiches zur Hälfte bedecken. Wie viel Zeit bleibt dir noch, um den Teich zu retten?“

Mit dieser Metapher veranschaulicht Dennis Meadows in seinem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“, der für weltweite Furore sorgte, das Dilemma unserer ressourcen- und emissionsintensiven Industriegesellschaft: Unsere Wachstumsgetriebenheit gleicht einer tickenden Zeitbombe. Ein Tag bleibt noch, bis die Seerosenblätter den Teich ersticken. Das Problem ist nicht eine lineare Entwicklung. Das Problem ist eine Entwicklung, die exponentiell oder gar superexponentiell ist.

Szenenwechsel. Am 31. Oktober 2011 durchbricht die Weltbevölkerung die Sieben-Milliarde-Menschen-Marke. Im Jahr 1700 waren es noch 500 Millionen, 1900 um die eine Milliarde Erdenbewohner.

[16]HighTech, Low Carb, neuseeländische Kiwis im Winter – der Wohlstand wird zelebriert, importiert, perpetuiert. Zwischen 1950 und 2000 verzehnfacht sich die Weltwirtschaft. Nie war die Menschheit reicher.

Die Erde ist ein Juwel auf schwarzem Samt (zeitweilig beherbergte sie so viele Atomwaffen, dass sie davon fünfmal hätte in die Luft gesprengt werden können). Das System stößt an seine Grenzen, die biophysikalische Tragfähigkeit schwindet, der jahrtausendewährende natürliche Reichtum verengt sich zur Zwangsjacke, sind in der Geschlossenheit des Systems Erde Ressourcen doch endlich. Kampf um Wasser, Boden, Rohstoffe, Luft; Krieg um Wohlstand. Das Ökosystem stirbt leise. Und mit ihm seine Zivilisation, ohne es zu merken.


Abb. 1: Kennzeichen komplexer Systeme

[17]Nachhaltigkeit ist ein ressourcenökonomisches Prinzip, das gewährleistet, ein System in seiner Funktionsweise dauerhaft aufrechtzuerhalten. Das Bild des Nachhaltigkeitstrichters zeigt, dass uns zwei Entwicklungen zur Anwendung des Prinzips „zwingen“, wenn die Menschheit es durch das Nadelöhr zu ihrem Fortbestand schaffen will.


Abb. 2: Metapher des Nachhaltigkeitstrichters

Bevölkerungswachstum und Ressourcenerschöpfung repräsentieren das obere und untere Ende des Trichters. Die beiden Entwicklungen befeuern sich wechselseitig. Der Spielraum, um zu handeln, schrumpft. Will die Menschheit unter den verschärften Rahmenbedingungen überleben, braucht sie ein strukturiertes, integriertes Vorgehen. Die Lösung gleicht einem wohl durchdachten Experiment: einen Gummi am Rande des Filters anbringen, einen Stein spannen, gerade ansetzen und ihn gezielt durch den Tunnel schießen. Es braucht weder Willkür noch „Trial and Error“, sondern Ganzheitlichkeit bei der Problemerfassung. Es braucht eine neue Systematik, Intelligenz, aber auch Ethik, um durch den Tunnel ans Licht zu gelangen. Es braucht Nachhaltigkeit als Leitstern.

Szenenwechsel. Fukushima und BP – zwei Beispiele, die das Thema Nachhaltigkeit in seiner Tragweite veranschaulichen. Bei der Kernreaktorexplosion in Fukushima handelte es sich um die größte atomare Katastrophe in der Geschichte Japans. Der Skandal um die [18]Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko war die bislang schwerste Ölverseuchung. Mussten bei Ersterem hundertausende Menschen evakuiert werden (und die Region wird für die nächsten Jahrzehnte unbewohnbar bleiben), so sorgte BP mit einer gerissenen Schutzvorrichtung an einer Pipeline dafür, dass über mehr als zwei Monate hinweg insgesamt ca. 800 Millionen Liter Öl ins Meer strömten.

Die beiden Beispiele sind eng miteinander verwoben. Effizient und kostengünstig Energie, Strom und Öl zu gewinnen, ist das Motiv, bis die Überraschung eintritt: langfristige Verstrahlung und Verseuchung. Der Eingriff in die Natur zerstört die Ressource, den Lebens- und Arbeitsraum von Menschen und reißt Wohlstand und Wirtschaftlichkeit mit sich.

Die Erde ist ein komplexes System mit vielen Teilsystemen, die untereinander vernetzt sind. Eingriffe von Menschen haben vielfältige, oft unvorhergesehene und unerwünschte (Neben-)Wirkungen. Um das empfindliche Gleichgewicht nicht zu stören, ist ein integrativer Ansatz notwendig. Umweltprobleme sind keine isolierten Einzelereignisse; sie sind Herausforderungen für das gesamte Mensch-Umwelt-System.

Insgesamt lassen sich die Ziele von Nachhaltigkeit grundlegend wie folgt umreißen:


■Sicherung der menschlichen Existenz
■Bewahrung der globalen ökologischen Ressourcen als physische Lebensgrundlage
■Erhaltung des gesellschaftlichen Produktivpotenzials
■Gewährleistung der Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten heutiger wie künftiger Generationen weltweit.

[19]1.2 Die aktuelle Popularität von Nachhaltigkeit



ProblemNachhaltigkeit everywhere. Warum ist der Begriff populär und in aller Munde? In welchen Zusammenhängen ist er zu lesen und zu hören? Was erhofft man sich davon?
Maßnahmenaktuelle Schlagzeilen & Pressemeldungen, Assoziationen, Push- & Pull-Faktoren, Studien, Berichte, Prognosen, globale Herausforderungen, Earth Overshoot Day, Wandel & Widerstände
ErgebnisseStudierende werden „abgeholt“ und gewinnen eine erste Vorstellung, warum der Begriff der Nachhaltigkeit aktuell, relevant und omnipräsent ist. Sie überblicken das weite Feld der Nachhaltigkeit in seinen wichtigsten Zügen.

[20] Nachhaltigkeit? – Ach, ich bleib da lieber flexibel. (Passant bei Straßenumfrage)

Ob in Wirtschaft, Wissenschaft oder Medien – Nachhaltigkeit ist das Schlagwort der Stunde. Als Begriff zunächst positiv besetzt, da mit Langfristigem, Dauerhaftem assoziiert, klingt er aber auch abstrakt und verschwommen. Zu zahlreich sind die Schauplätze, als dass von einem einheitlichen Verständnis gesprochen werden könnte. Nachhaltigkeit wird im Zusammenhang mit Energie, Mobilität, Gebäudesanierung, Ernährung, Bevölkerungsentwicklung, betrieblichem Umweltmanagement und Klimaschutz gebraucht, ebenso wie in Kunst, Kultur, Design und Werbung. Und der Begriff wird von einer Vielzahl von Akteuren benutzt: von Greenpeace über die Deutsche Bank bis zur Brauerei Krombacher, von Professoren über Minister und Manager bis hin zum Endkonsumenten.

Vor dem Hintergrund sowohl sich verschärfender Umweltgesetze als auch ethisch-sozialer Vorschriften sind Nationen, Organisationen, Firmen und Haushalte, die Nachhaltigkeitsprinzipien anwenden, im Vorteil. Auf Regierungen gemünzt, sorgen diese für eine dauerhafte gesicherte Ressourcenbasis in ökologischer wie menschlicher Hinsicht. Was Unternehmen angeht, so unterliegen diese einem sich globalisierenden wie verstärkenden Wettbewerbsdruck in Sachen Rohstoffe, Kosten, Mitarbeiter und Innovation. Um mittel- wie langfristig erfolgreich zu operieren, bedarf es der Erneuerung ihrer Geschäftsmodelle und -strategien unter dem Vorzeichen globaler Gerechtigkeit.

Nachhaltigkeit ist eine Innovationsspritze – wobei im Sinne von Hauff und Kleine vorwegzuschicken wäre: „Aus der Perspektive Nachhaltiger Entwicklung werden Innovationen nur dann positiv bewertet, wenn alle drei Dimensionen, d.h. Ökologie, Ökonomie und Soziales bei der Entstehung von Innovationen berücksichtigt werden”.1 Diese Ansicht teilt auch Bertram Brossardt, Geschäftsführer des bayerischen Unternehmensverbandes Metall und Elektro e.V., der 2.000 Firmen vertritt. Er ist überzeugt, dass nachhaltige Unternehmen erfolgreicher sind: „Für unsere Mitgliedsunternehmen [21]spielt das Thema Nachhaltigkeit seit jeher eine große Rolle. Die Betriebe im Freistaat wissen, dass es wichtig ist, langfristig orientiert zu wirtschaften und sich mit innovativen Produkten und Dienstleistungen dauerhaft im Wettbewerb zu behaupten.“2

Nachhaltigkeit sei aber auch alter Wein in neuen Schläuchen, meint Ulrich Merkes, Nachhaltigkeitsberater bei Vineta Group. „Vieles davon entspricht dem Common-Sense. In unserer hochkomplexen, dynamischen und globalisierenden Weltwirtschaft haben wir den leider verloren“.

Unser ursprünglichstes Weltkulturerbe

„Die Idee der Nachhaltigkeit ist weder eine Kopfgeburt moderner Technokraten noch ein Geistesblitz von Ökofreaks der Generation Woodstock. Sie ist unser ursprünglichstes Weltkulturerbe“, meint Grober zum Ursprung der ebenso traditionellen wie progressiven Leitidee Nachhaltigkeit (Grober (2010), S. 13).

In unserer immer komplexeren Lebens- und Arbeitswelt ist die Auseinandersetzung mit dem Leitbild Nachhaltigkeit unerlässlich. Als Querschnittsthema durchdringt es sämtliche Bereiche, hat unendlich viele Anknüpfungspunkte. Der Facettenreichtum bringt mit sich, dass sich unterschiedlichste Branchen, funktionale Unternehmensbereiche sowie wissenschaftliche Disziplinen damit befassen.

Die Crux: Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung trifft, ob seiner positiven Aufladung mit Werten wie Umweltschutz und Gesundheit, auf Akzeptanz. Doch sobald es daran geht, diese handlungsleitend zu konkretisieren und in Schlussfolgerungen für das (eigene) Verhalten zu überführen, kollidieren die Interessen. Jeder will sich seine Pfründe sichern.

[22]Das hängt auch damit zusammen, dass es (noch) kein klar umrissenes und einheitliches Verständnis bezüglich Handlungserfordernissen und Maßnahmen gibt. Der Begriff eröffnet vielmehr eine kontroverse interdisziplinäre Debatte, bei der es Strategien und Maßnahmen erst festzulegen gilt.

Nachhaltigkeit – global, langfristig, umstritten

Nachhaltigkeit ist somit ein erst noch an Kontur gewinnendes, unterschiedlich interpretiertes Leitbild, das voneinander abweichende, wenn nicht gegensätzliche Natur-, Mensch- und Weltbilder ebenso wie Anliegen, Bedürfnisse und Modelle einer „guten Gesellschaft“ unter sich vereint. Viele sind sich im Klaren, dass neuartige, komplexe und globale Probleme vor uns liegen und diese nur langfristig und gemeinsam zu lösen sind. Doch darüber, welche Schrauben im Weltapparat wann und wie fest anzuziehen sind, wird gezankt.

Nachhaltigkeit – Liebling und Stiefkind der Medien

Die Medien greifen das Thema dankbar auf, liefert es doch einen neuen Blick auf alte Probleme. Schwerpunktsetzung und Zusammenhang variieren dabei. Die Auswahl an Schlagzeilen veranschaulicht die Vielseitigkeit des Themas:


■Agrarförderung der EU soll ökologisch werden.
■Deutsche Windindustrie legt im ersten Halbjahr 2011 um rund 20 % zu.
■Erneuerbare-Energie-Aktien mit kräftigem Gewinn: +8,4 Punkte.
■94 % der Bürger bereit, mehr für Ökostrom zu bezahlen.
■Studie WWF: Wasserkrise in den Megastädten der Welt.
■Europcar und Opel starten E-Mobilitäts-Kooperation.
■Mehr Jobs, weniger Arbeitslose und viel Niedriglohn.

[23]1.3 Push- und Pull-Faktoren

Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Victor Hugo

Die Motivation staatlicher, privatwirtschaftlicher oder wissenschaftlicher Akteure, sich nachhaltig auszurichten, speist sich aus zwei Quellen. Push-Faktoren sind jene Gründe, die sie veranlassen, von nicht-nachhaltigen Aktivitäten aufgrund deren schädlicher Wirkung abzusehen; hierbei spielen soziale Aspekte wie z.B. Menschenrechtsverletzungen, Arbeitsunfälle und Kinderarbeit eine große Rolle. Der wichtigste Grund aber ist der Umweltschutz, was allein im starken Ressourcenbedarf der modernen, hochtechnologischen Industrie- und Wissensgesellschaft begründet liegt. Pull-Faktoren sind die Motive und Gründe, die es für Akteure attraktiv machen, das Thema Nachhaltigkeit ernst zu nehmen und umzusetzen.3

Push-Faktoren: Weg von Nicht-Nachhaltigkeit

Umweltprobleme sind aktuell die stärksten Push-Faktoren. Dies nicht zuletzt, weil sie sich immer verlässlicher sowie auf zunehmend längeren Zeitreihen bewerten lassen. Auf der Liste der Faktoren, die das planetare Ökosystem existenziell bedrohen, stehen Klimawandel, Desertifikation, Gletscherschmelze und Biodiversitätsverlust ganz oben. Die damit einhergehenden sozialen Probleme umfassen Ressourcenflucht, Wassermangel und umweltbedingten Welthunger. Für Unternehmen sind dabei Menschenrechtsverletzungen, Diskriminierung, Kinderarbeit, Bespitzelung oder Dumpinglöhne die entscheidenden Größen.

Einen Überblick über die unterschiedlichen Problemfelder gibt folgende nach Kategorien gefasste Grafik. Anhand von sechs [24]Oberkategorien wird versucht, das Spektrum an Problemlagen aufzuzeigen.


Abb. 3: Globale Herausforderungen

Um die oben genannten globalen Probleme greifbarer zu machen, seien folgende Zahlen genannt:


■Im Jahr 1980 wurden den globalen Ökosystemen 40 Milliarden Tonnen entnommen. Der weltweite Verbrauch stieg bis 2002 auf 53 Milliarden Tonnen.
■Der vom Weltklimarat vorausgesagte Anstieg der Erdmitteltemperatur wird sich bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf zwischen 1,5° und 5,8° Celsius belaufen; der jährliche Meeresspiegelanstieg liegt bei 3 Millimeter.
Bereits 70 % aller Wälder weltweit sind heute gerodet; alle zwei Sekunden wird ein Waldgebiet von der Größe eines Fußballfeldes zerstört bzw. täglich die Fläche New Yorks.
■Täglich sterben weltweit 10.000 Kinder an Unterernährung.
■Pro Tag werden 130 Tier- und Pflanzenarten – teils pharmazeutisch hochrelevant – ausgerottet. Die jetzige Geschwindigkeit des Aussterbens verläuft tausendmal höher als in früheren geologischen Perioden.
■Die Armen werden ärmer. Rund drei Milliarden Menschen leben von weniger als einem USD pro Tag. Zwischen 1981 und 2001 hat sich die Zahl der Menschen südlich der Sahara, die von weniger als einem USD pro Tag leben, von 164 auf 312 Millionen Menschen erhöht.
■Der globale Besitz konzentriert sich in den Händen von weniger als einem Prozent der Bevölkerung; laut der Universität Zürich kontrollieren 147 Großkonzerne, die miteinander eng verbunden sind, 80 % des gesamten Weltumsatzes und 40 % des Weltvermögens; d.h. weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung beherrscht die Weltwirtschaft. Diese „Super-Gruppe“ besteht hauptsächlich aus Banken und großen Finanzinstituten, wie JP Morgan Chase, Goldman Sachs, Morgan Stanley und Bank of America.
■Eine Studie des Economic Policy Institute zeigt auf, dass das Einkommen des obersten Prozent der Bevölkerung zwischen 1997 und 2007 um 224 % stieg, das der unteren 90 % aber nur um 5 %.
■2007 ist das Jahr in der Menschheitsgeschichte, in dem mehr als 50 % der Weltbevölkerung in Städten lebt. Bis 2030 wird dieser Anteil nach Prognosen der UNO auf zwei Drittel anwachsen.
■Das 20:80-Dilemma: 20 % der Weltbevölkerung verbrauchen 80 % der Rohstoffe für Energie- und Materialwirtschaft (Industrieländer), während 80 % der Menschen 20 % der Ressourcen beanspruchen, gleichzeitig aber überwiegend die Auswirkungen zu spüren bekommen (z.B. Wüstenbildung, Meeresspiegelanstieg in den Entwicklungsländern).

[26]Zudem stellt sich Unternehmen gegenwärtig wie künftig das drängende Problem, Nachwuchs zu finden. Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft fehlen der Wirtschaft im Jahr 2020 rund 230.000 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker. Die Bundesregierung geht sogar von bis zu 500.000 Arbeitnehmern aus. Bereits heute sind es 144.000 Fachkräfte zu wenig, darunter 37.000 Maschinen- und Fahrzeugbauingenieure, 25.000 Maschinenbautechniker und 22.000 EDV-Spezialisten. Laut Bundesregierung verursacht dieser Mangel einen Wertschöpfungsverlust von 28 Milliarden Euro pro Jahr.

Umweltprobleme wie Gesundheitsrisiken lassen sich exemplarisch an der Branche Elektronik und Elektrotechnik aufzeigen. So gab es laut dem Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien im Jahr 2003 erstmalig mehr Handys als Einwohner in Deutschland. Die Innovationszyklen für neue Geräte und Systeme werden dabei immer kürzer. Alleine in Deutschland fallen etwa zwei Millionen Tonnen pro Jahr an, was einem Güterzug von 1.200 Kilometer Länge entspricht. Darunter sind Materialien mit teils erheblichem Belastungspotenzial für Umwelt und Gesundheit wie z.B. giftige Schwermetalle oder Flammschutzmittel.

Earth Overshoot Day – das Konto überziehen

Der 20. August 2013 war ein trauriger Meilenstein: Er markierte den Tag des Jahres 2013, von dem an der Bedarf der Weltbevölkerung nach natürlichen Ressourcen das für das gesamte Jahr zur Verfügung stehende Angebot überschritt. „Das ist so, als wäre bereits jetzt unser Jahreseinkommen aufgebraucht und wir müssten den Rest des Jahres von unseren Ersparnissen leben“, so Mathis Wackernagel, Präsident des internationalen Think Tanks Global Footprint Network (siehe www.footprintnetwork.org). Berechnet wird der Earth Overshoot Day durch einen Biokapazitäten-Vergleich: Dem Angebot der Natur wird die Nachfrage der Weltbevölkerung nach Ressourcen gegenübergestellt, genauer jener Naturleistungen, die gebraucht werden, um den Appetit nach Produkten und Dienstleistungen zu stillen.

[27]Vereinfacht gesagt, zeigt er, wann unser totaler ökologischer Fußabdruck (gemessen in globalen Hektar) der totalen Biokapazität (ebenfalls in globalen Hektar gemessen), die die Natur in einem Jahr produzieren kann, entspricht. Nach diesem Tag, für den Rest des Jahres, häufen wir Abfall und ökologische Schulden an, indem wir am Grundstock des Naturkapitals zehren.4

Pull-Faktoren: Hin zu mehr Nachhaltigkeit

Dagegen finden sich Pull-Faktoren, die Anreize darstellen, sich nachhaltiger zu verhalten. In dem Maße, wie die Nachfrage durch aufgeklärte und umweltbewusste Konsumenten steigt, kann sich der bisherige Push-Ansatz künftig verstärkt in eine Pull-Wirkung verwandeln. Letztere steht im Zusammenhang mit dem häufig gehörten Ruf, Nachhaltigkeit müsse sich erst noch seinen Business Case schaffen, also sein Modell zur Gewinnerwirtschaftung und damit zur ökonomischen Legitimierung.

Während für politische Akteure meist die Sicherung der nationalen Ressourcen- und Existenzbasis im Vordergrund steht, sich Nichtregierungsorganisationen für von der Politik nicht abgedeckte Themenbereiche einsetzen, sehen wirtschaftliche Akteure den größten Nutzen von Nachhaltigkeit in Aspekten wie Innovation, Wettbewerbsvorteil und Differenzierung.

[28]Das soziale und ökologische Handeln großer Unternehmen wird zunehmend gesellschaftlich und global beobachtet. Diese Außenwirkung beeinflusst den Erfolg des Unternehmens. Nicht nur die Akzeptanz der Kunden hängt von dieser Außenwirkung ab, auch der Börsenkurs ist dadurch mitbestimmt. So zeigt die Einführung des Dow Jones Sustainability Group Index (DJSI) (→QR), dass Wertemanagement in seiner 30-jährigen Geschichte aktueller ist denn je. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts emnid unter 250 Führungskräften glauben 90 % der Befragten, nachhaltig ausgerichtete Unternehmen hätten langfristig einen größeren wirtschaftlichen Erfolg als ausschließlich profitorientierte. Nachhaltigkeit kommt dabei vor allem in sechs Kernbereichen zum Einsatz: Umwelt- und Klimaschutz, Unternehmenskultur und -ethik, Qualitätsmanagement, Human Resources, Führung und Corporate Citizenship (→QR).

Weltweites Geschäftspotenzial: 10 Bio. USD bis 2050

Besonders reizvoll sind in diesem Zusammenhang Meldungen und Einschätzungen von Experten wie die folgende: Eine bislang abwartend-skeptische Grundhaltung in Unternehmen wandelt sich immer stärker in eine positiv-erwartungsfreudige Einstellung. Im Rahmen des Projektes „Vision 2050“ (→QR) haben PricewaterhouseCoopers, die International Energy Agency, die OECD und die Weltbank Schätzungen der globalen Größenordnung möglicher weiterer Nachhaltigkeits-Geschäftschancen in wichtigen Sektoren im Jahr 2050 abgegeben. Ihre Prognosen zu den künftigen nachhaltigkeitsbezogenen Geschäftsmöglichkeiten belaufen sich bis 2050 auf drei bis zehn Billionen USD jährlich bzw. auf 1,5 bis 4,5 % des Weltbruttosozialproduktes. Insbesondere profitieren davon Sektoren und Wirtschaftsbereiche wie Energie, Landwirtschaft, Wasser, Metalle sowie Gesundheit und Bildung (siehe Abb. 4).

[29]

Abb. 4: Schätzung globaler Nachhaltigkeits-Geschäftschancen bis 2050 (Schätzungen von PwC auf Basis von Daten von IEA, OECD und Weltbank)

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich Nutzenpotenziale vor allem aus Einsparungen bei Ressourcen und Prozessen ergeben, die häufig gleichzusetzen sind mit Kosteneinsparungen. Wettbewerbsvorteile ergeben sich dabei etwa aus der Steigerung der Energie- und Materialeffizienz.

Insgesamt verweisen die vorangehenden Ausführungen darauf, dass das aktuell hohe Interesse am Thema Nachhaltigkeit in den aussichtsreichen Prognosen, dem hohen erwarteten Geschäftspotenzial und der Abwehr negativer Begleiterscheinungen bei der industriellen Produktion, kurz Umweltverschmutzung, begründet liegt. Dadurch ergibt sich zugleich ein Innovationsschub. Auf den Punkt gebracht: Sowohl Push- als auch Pull-Faktoren gewinnen auf Anbieter- und Nachfragerseite an Gewicht. Dies lässt sich mit einer Aufwärtsspirale vergleichen, die sich langsam gegen eine jahrzehntelange Stagnation des Themas durchsetzt.

[30]1.4 Widerstände gegen Wandel

Sei der Wandel, den du in der Welt sehen willst.

Mahatma Gandhi

Kein Wandel ohne Widerstand. Trotz Argumenten, die auf einen Innovationsschub, Erneuerung und Wachstum durch Nachhaltigkeit schließen lassen, legen sich die Widerstände nur langsam. Zweifel an Nutzen und Zukunftsfähigkeit von Nachhaltigkeit liegen in den befürchteten Trade-Offs begründet: Umweltverträglichkeit sei nur durch Umsatzeinbußen zu erreichen.

Eine besondere Herausforderung bildet der Umgang mit den Widerständen der Betroffenen. Veränderungen werden persönlich und beruflich oft als bedrohlich empfunden: Lediglich 5 %, die sogenannten Promotoren, unterstützen Veränderungsprozesse, die Hauptgruppen bilden die Skeptiker und Bremser mit jeweils 40 %. 15 % sind klare Gegner von Wandel (Mohr 1998).


Abb. 5: Einstellungen zum Wandel (Mohr (1998))

Obige Zahlen lassen sich auch auf den Umgang mit Nachhaltigkeit übertragen. Nachhaltigkeit ist zwar seit mehr als 40 Jahren ein Thema, konnte sich aber bislang nicht flächendeckend durchsetzen. Nachfolgend einige Gründe hierfür:


■Befürchtung der Unvereinbarkeit wirtschaftlicher und ökologischer Ziele und Interessen
■Angst, deshalb Trade-Offs in Kauf nehmen zu müssen, die zulasten des Profits gehen
■mangelnde Operationalisierbarkeit aufgrund der Komplexität (Wechselwirkungen, Integrativität etc.)
■mangelndes Wissen und Personal
■Mangel an Rückhalt in Politik und Gesellschaft
■[31]Verklärung, Gutmenschen-, Heile-Welt- und Pseudo-Weltuntergangs-Thema
■Trittbrettfahrermentalität; keiner will den ersten Schritt tun
■altes Denken, Sicherheitsdenken, Routine, Gewohnheit, Angst vor Neuem, Wandel und Unwägbarkeiten.

Für die Zukunft muss das Leitbild der Nachhaltigkeit in klaren Farben gemalt werden, damit es als gesamtgesellschaftliche Vision die Anziehungskraft bekommt, die für seine Umsetzung im globalen Maßstab notwendig ist.

1 von Hauff/Kleine (2009), S. 41

2 www.vbw-bayern.de/agv/vbwDie_bayerische_Wirtschaft-bayme_vbm_starten_NachhaltigkeitsOffensiveBrossardt_Nachhaltige_Unternehmen_sind_erfolgreicher--16734, ArticleID__21104.htm bzw.www.vbw-bayern.de

3 Haben wir alle Ressourcen bereits verbraucht, allen bewohnbaren Raum auf der Erde bereits ausgefüllt? In seinem spannenden TED-Talk-Vortrag nimmt Paul Gilding eine ebenso kritische wie hoffnungsvolle Haltung zum Zustand der Erde und den Chancen von Nachhaltigkeit ein. Siehe www.ted.com/talks/lang/en/paul_gilding_the_earth_is_full.html

4 Der ökologische Fußabdruck eines Berliners liegt bei 4,4 Hektar pro Jahr. Das bedeutet, dass zur Bereitstellung aller natürlichen Ressourcen zur Befriedigung der Konsumbedürfnisse einer in Berlin lebenden Person im Durchschnitt eine Fläche von 4,4 Hektar pro Jahr erforderlich ist, also mehr als sechs Fußballfelder. Für alle Einwohner Berlins zusammengenommen würde die Fläche damit mehr als 15 Millionen Hektar ausmachen. Würde man um Berlin einen Kreis mit dieser Größe legen, so würden Städte wie Rostock, Dresden und Braunschweig innerhalb des Kreises liegen und dieser sogar fast an Hamburg heranreichen.

[32]

[33]2 Geschichte der Nachhaltigkeit und soziopolitischer Hintergrund



ProblemAlle reden aktuell von Nachhaltigkeit, aber wo kommen der Begriff, das Konzept, das Leitbild her? Wo hat das Konzept seinen Ursprung? Was sind Meilensteine und Rahmenbedingungen, die zur Herausbildung des Nachhaltigkeitsbegriffes geführt haben?
MaßnahmenSchrittweise Annäherung über den historischen Verlauf. Herleitung des Konzeptes anhand zentraler Studien, Berichte, Konferenzen.
ErgebnisseStudierende kennen die wichtigsten Stationen der Geschichte der Nachhaltigkeit.
HilfsmittelKonferenzen, Dokumente, Gesetze.

Man kann nicht den Wald abholzen und das Echo stehen lassen.

Richard Schröder

Woher kommen das Konzept, das Leitbild, das Handlungsprinzip überhaupt? Wie ist das Konzept entstanden, wie hat es sich entwickelt – und warum? Die folgenden Ausführungen geben einen Überblick über die Geschichte der Nachhaltigkeit, politische Hintergründe, wichtige Konferenzen, Dokumente. Kurz, das, was Nachhaltigkeit zu dem gemacht hat, was es heute ist. Es geht darum, [34]den Wald hinter den Bäumen zu sehen. Denn nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft einschätzen.

Die historischen Vorläufer des Nachhaltigkeitsleitbildes, die erklärt werden, sind:


■Carlowitz’ Waldbewirtschaftungsprinzip
■Grenzen des Wachstums
■Brundtland-Bericht
■Rio-Gipfel
■Agenda 21
■Millenniumsziele der UN
■Klimakonferenz Durban

2.1 Carlowitz’ Waldbewirtschaftungsprinzip

Der Begriff der Nachhaltigkeit beschreibt in seinem ursprünglichen Sinn die Nutzung eines regenerierbaren natürlichen Systems in einer Weise, dass dieses System in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natürliche Weise nachwachsen kann.

Seinen Ursprung hat der Begriff in der Forstwirtschaft. Bereits 1713 forderte Carl von Carlowitz, Oberberghauptmann und Leiter des frühindustriell überaus bedeutsamen sächsischen Oberbergamts in Freiberg, „eine beständige und nachhaltende Nutzung des Waldes.“5 Die „kluge Art der Waldbewirtschaftung“, wie Carlowitz es bezeichnete, wird als die anschaulichste Metapher zur Erklärung des Nachhaltigkeitsleitbildes herangezogen: Bäume, die abgeholzt werden, müssen nachgepflanzt werden, um die Ressourcenbasis – und damit die wirtschaftliche Basis – nicht zu erschöpfen. Wer allen [35]Wald abholzt, hat kurzfristig viel Holz, aber über die nächsten Jahrzehnte nur wenig.

In Ulrich Grobers höchst empfehlenswertem Buch zur Kulturgeschichte des Begriffes Nachhaltigkeit zitiert er Carlowitz6: „Die gehöltze pfleglich brauchen“ bedeutete so viel wie sie „also zu handhaben, daß solch eine beständige revenüe auf lange jahre geben … über den ertrag der höltzer nicht gegriffen, sondern eine immerwährende beständige holtz=nutzung dem Herrn und eine beharrliche feuerung, auch andere holtz-nothdurfft, dem lande, von jahren zu jahren, bey ihrer zeit, und künfftig den nachkommen bleiben.“

Konkret ist der Anspruch an Nachhaltigkeit Anna Amalia, der Mutter von Herzog Carl August, zu verdanken. Sie veranlasste die erste Forstreform der Welt mit dem Ziel, Holz, dauerhaft und mit stetem Ertrag bereitzustellen. Denn Europas damalige Gier nach der „Materia Prima“, sei es beim Schiffs- oder Hausbau, beim Kochen oder Heizen, drohte die Ressource so kahlzuschlagen, dass zwar das kurz-, nicht aber das langfristige Überleben gesichert wurde.

Nachhaltigkeit wird gegenwärtig schnell und möglichst greifbar gefasst. Dass dem Begriff in Kultur und Bewusstsein, in Philosophie und Poetik viel tiefere Schichten und Dimensionen innewohnen, hat Grober beschrieben. Sein Buch ist eine Ode an die Bedeutung des Begriffes und seinen wahren Kern. Dafür wurde er mit dem Brandenburgischen Literaturpreis Umwelt für „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffes“ ausgezeichnet. In der Beschreibung des Buches warnt Grober: „Nachhaltigkeit ist unser ursprünglichstes Weltkulturerbe, ein Begriff, der tief in unserer Kultur verwurzelt ist und den es vor seinem inflationären Gebrauch zu retten gilt.“

Das von Joachim Heinrich Campe 1807 herausgegebene Wörterbuch der deutschen Sprache definiert das Wort „Nachhalt“ als das, „woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält“.

Die Idee aber reicht noch weiter zurück. Sie findet sich im „Sonnengesang“ des Franz von Assisi genauso wie bei den griechischen Philosophen und den Philosophen der Aufklärung. Ulrich Grobers Zeitreise in die Nachhaltigkeit führt an den Hof des Sonnenkönigs [36]und in die deutschen Fürstenstaaten, erzählt von sächsischem Silberbergbau und vom Holzmangel. Und davon, dass die Nachhaltigkeitsidee überall dort, wo sie auftaucht, ein Kind der Krise ist, aber auch die Entstehung eines neuen Bewusstseins markiert: „Des Bewusstseins, dass der Planet, auf dem wir leben, erhalten und bewahrt werden muss.“ So jedenfalls wird das Opus Magnum vom Verlag beschrieben und fasst die jahrhundertelange Geschichte damit in aller Kürze zusammen.

Merke: Ihrem Ursprung nach ist Nachhaltigkeit ein ressourcenökonomisches Prinzip, das ermöglichte, eine Ressource dauerhaft ertragbringend zu nutzen.

Linnés oeconomia naturae

Die Naturlehre bildet den Ausgangspunkt. In dem lateinischen Wort oeconomia steckt das griechische oikos – Haus, Haushalt. Im Kontext von Natur ist damit so viel gemeint wie die Einheit und Ganzheit der Natur, die Mannigfaltigkeit der Arten, der Biodiversität von Flora und Fauna, die Kreisläufe von Werden und Vergehen, Nahrungsketten, Energieströme – das Eigenleben der Natur in seiner ganzen Hülle und Fülle. Mineralreich, Pflanzenreich und Tierreich bilden ein vernetztes Ganzes. Sie sind ein sich selbst regulierender und erhaltender Organismus. Carl von Linné als Vater und Vorläufer der Ökologie schrieb im Rahmen seiner oeconomia naturae um 1750 in diesem Zusammenhang: Es müsse gelingen, die Abläufe der Ökonomie mit den großen, unwandelbaren, gottgegebenen Kreisläufen der oeconomia naturae zu synchronisieren. „Die Natur erlaubt niemandem, sie zu beherrschen“, so Linné.7 Seiner Auffassung nach war die Ökonomie eine nachahmende Wissenschaft. Diese dürfe nicht wider die Natur handeln, sondern müsse dieser folgen und mit den Ressourcen haushalten. Ökologie meint also die Haushaltung mit der Natur.

[37] Zusammenprall von Ökonomie und Ökologie

Mitte des 19. Jahrhunderts prallten Ökonomie und Ökologie aufeinander. Ihre Ziele, Absichten und Vorgehensweise schienen inkompatibel. Denn die Reinertragslehre setzte dem gemäßigten Holzeinschlag ein abruptes Ende. Die neue Lehre fragte allein nach der höchstmöglichen Verzinsung des im Wald investierten Kapitals. Statt eines steten hohen Holzertrages rückte plötzlich der höchstmögliche direkte Geldertrag in den Fokus. Nicht mehr die Produktivität der Natur war der Maßstab, sondern der freie Markt und sein Gesetz von Angebot und Nachfrage. Gewinnmaximierung nicht Naturgesetzmäßigkeit war das neue Credo in Wirtschaft und Gesellschaft. „Die Zyklen der Natur traten zurück gegenüber der Dynamik des Kapitalismus, der Gebrauchswert hinter den Tauschwert“, nennt es Grober.8 Damit wurde das Handlungsprinzip Nachhaltigkeit entwertet. Es sollte über hundert Jahre, bis in 1970er Jahre hinein, dauern, bis die wissenschaftlichen Disziplinen Ökologie und Nachhaltigkeit wieder aufgegriffen wurden.

2.2 Die Grenzen des Wachstums

Eines der in unserer Gesellschaft gern geglaubten Märchen ist die Behauptung, dass die Fortdauer des Wachstums zu einer stärkeren menschlichen Gleichberechtigung führen müsse. Wir haben bereits dargestellt, wie das gegenwärtige Wachstum von Bevölkerung und Kapital tatsächlich die Kluft zwischen arm und reich weltweit vergrößert.

Dennis Meadows

Der Bericht „Grenzen des Wachstums“ (→QR) im Jahre 1972 schlug wie eine Bombe ein. Basierend auf ausgeklügelten Computersimulationen malte er ein düsteres Bild der Zukunft des Planeten, wenn die Menschheit nicht ressourcenverträglicher wird. Der Bericht markiert den Beginn der jüngeren wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit nachhaltiger Entwicklung und mahnte eine [38]neue „Weltkonjunkturpolitik“ an. Dennis Meadows und sein Forscherteam warnen: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“9 Nach der Publikation des Berichts wurden nur einige zehntausend Exemplare in den USA verkauft, aber Millionen in übervölkerten Ländern wie den Niederlanden oder Japan. Er wurde in etliche Sprachen übersetzt.

Der Begriff der Nachhaltigkeit erfuhr eine deutliche Ausdehnung in seiner Bedeutung. Insgesamt plädierten die Wissenschaftler für einen dauerhaften, weltweiten Gleichgewichtszustand (Homöostase), der nur durch weltweite Maßnahmen erreicht werden kann. Sie verknüpften gezielt ökonomische, ökologische und soziale Aspekte der Nachhaltigkeit. Dabei basierte die Studie auf dem Modell der Dynamik komplexer Systeme (Systems Dynamics) einer homogenen Welt. Sie berücksichtigte die Wechselwirkungen zwischen Bevölkerungsdichte, Nahrungsmittelressourcen, Energie, Material und Kapital, Umweltzerstörung, Landnutzung u.a. Mittels Computersimulation wurde eine Reihe von Szenarien entwickelt. Die Ergebnisse waren immer ähnlich: ein katastrophaler Abfall in der Weltbevölkerung und dem Lebensstandard innerhalb von 50 bis 100 Jahren, wenn die gegenwärtigen Trends anhielten. Das Fatale der ressourcen- und emissionsintensiven Industriegesellschaft sei, dass das Wachstum nicht linear, sondern exponentiell verlaufe. Diese Form des Wachstums endet langfristig tödlich. Nur wenn das Ruder herumgerissen werde, könne ein ökologischer Kollaps verhindert werden, war Meadows’ Argumentation.

Sich ihrer unvollständigen Datengrundlage bewusst, erstellte das Forscherteam Modellläufe unter Annahme gleichbleibender wie bis zu fünfmal höherer Reserven. Das Anliegen war, „Hinweise auf die im Weltsystem charakteristischen Verhaltensweisen“ zu geben statt fixer Voraussagen.10 Ebenso war es ein Anliegen, dass durch eine [39]Betrachtung der Welt als Ganzes – ohne eine separate Behandlung verschiedener Regionen oder Länder – das heißt durch Simplifizierung – ein Modell überhaupt erst möglich gemacht wurde. Auch hagelte es Kritik am Vorgehen sowie an Annahmen und Berechnungsweisen des Berichts. Diese beruhten jedoch meist auf Fehlinterpretationen. Vielmehr bestätigen einige bereits heute eingetretene Voraussagen die damaligen Prognosen des Berichts. So veröffentlichte Graham Turner von der Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) im Juni 2008 eine Studie. Dort verglich er die historischen Daten von 1970 bis 2000 mit den Szenarien der Studie und stellte fest, dass viele mit den Vorhersagen des Standardszenarios übereinstimmten und dieses in einem globalen Kollaps Mitte des 21. Jahrhunderts resultieren dürfte.11 Nachhaltig ist anders.

2006 kam es zu einem Update der Studie. In „Grenzen des Wachstums. Das 30-Jahre-Update“ schreiben Meadows und sein Forscherteam: „Die globale Herausforderung kann man einfach zusammenfassen: Um eine Entwicklung tragfähig zu gestalten, muss die Menschheit das Konsumniveau der Armen dieser Welt anheben, gleichzeitig aber den ökologischen Fußabdruck der Menschheit insgesamt senken. Dazu braucht es technologischen Fortschritt, personelle Veränderungen und längere Planungshorizonte.“12

Small is Beautiful

Die Studie steht in einer langen Tradition von wachstumskritischen Schriften, die das Thema Nachhaltigkeit befördert haben. Dazu zählt auch E.F. Schumachers „Small is Beautiful: Economics as if People Mattered“ aus dem Jahre 1973.

Als Ausgangspunkt der weltweiten Umweltbewegung kann das 1962 erschienene Buch ‚Der Stumme Frühling‘ (Silent Spring) der [40]Biologin und Wissenschaftsjournalistin Rachel Carson gelten. Ziel war, die Auswirkungen eines rigorosen Pestizid-Einsatzes auf Ökosysteme aufzuzeigen. Das Buch löste in den USA eine heftige politische Debatte aus und führte letztlich zum späteren DDT-Verbot. In einer raffiniert aufgebauten Anklage gegen den übermäßigen Einsatz von Pestiziden und anderen Chemikalien zeichnet Carson die Idylle einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt, in der die Stimmen des Frühlings, die Vögel, aber auch die Insekten und andere Lebewesen verstummen. Sie nennt statistische Angaben, Fallbeispiele und Aussagen von Experten und erzeugt so mit ihrer eindringlichen Erzählung Betroffenheit.

Neuen Auftrieb bekam der Schutz der Erde auch durch die Weltraumperspektive (→QR). 400.000 Kilometer von der Erde entfernt meinte der Astronaut Eugene Cernan 1972: „Wir brachen auf, um den Mond zu erkunden, aber tatsächlich entdeckten wir die Erde.“ Er und seine Kollegen sprachen von der blauen Weltkugel (das meistpublizierte Foto aller Zeiten) als fragil, zerbrechlich, zart, verletzlich. Vom Universum aus war die Schönheit der Erde von grenzenloser Majestät, sie war ein funkelndes blauweißes Juwel, unergründlich und geheimnisvoll, ein einsames, marmoriertes, winziges Etwas, ein Saphir auf schwarzem Samt. Das jedenfalls waren die Bezeichnungen von Astronauten beim Anblick unseres Planeten vom Weltall aus.

Um materiell und energetisch nachhaltig zu sein, wie Meadows et al. es fordern, müssten für alle Durchsätze der Wirtschaft Bedingungen erfüllt sein, die sich an den drei Prinzipien orientieren, die Herman Daly u.a. in seinem vielbeachteten Werk „Towards a Steady-State Economy“ formuliert:


■Erstens dürfen die Verbrauchsraten erneuerbarer Ressourcen nicht deren Erneuerungsraten übersteigen.
■Zweitens dürfen die Verbrauchsraten nicht-erneuerbarer Ressourcen nicht die Rate überschreiten, mit der nachhaltig erneuerbare Ressourcen als Ersatz dafür erschlossen werden.
■

2.3 Der Brundtland-Bericht

To keep options open for future generations, the present generation must begin now, and begin together, nationally and internationally.

Our Common Future Report

Seit Meadows et al. prosperierten viele Länder und Ökonomien, gleichzeitig aber häuften sich wirtschaftliche, ökologische und soziale Probleme als unliebsame Begleiterscheinungen. 1983 gründeten die Vereinten Nationen deshalb eine unabhängige Sachverständigenkommission, die sogenannte Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (World Commission on Environment and Development, WCED) mit ihrem Sekretariat in Genf. Sie wurde damit betraut, einen Perspektivbericht zu langfristig tragfähiger, umweltschonender Entwicklung im Weltmaßstab bis zum Jahr 2000 und darüber hinaus zu erarbeiten. Der offizielle Titel dieses Berichtes war „Our Common Future“, geläufiger aber ist die Benennung nach der Vorsitzenden, Gro Harlem Brundtland. Ob als Brundtland- oder Our-Common-Future-Bericht bezeichnet, zwischen den Buchdeckeln findet sich, was bis heute als „klassische“ und am weitesten anerkannte Definition und Leitbildbeschreibung von nachhaltiger Entwicklung gilt:

[42]„Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die gewährleistet, dass künftige Generationen nicht schlechter gestellt sind, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, als gegenwärtig lebende.“

Wer sich diese Definition verinnerlicht, sie auswendig lernt und damit immer parat hat, tut sich einen Gefallen, weil letztlich und im Zweifelsfall immer auf sie rekurriert wird.

Mit dem Bericht beabsichtigten die UNO und die Weltkommission, Handlungsempfehlungen für eine dauerhafte Entwicklung zu geben. Und damit war hier konkret gemeint: eine dauerhafte Erfüllung der Grundbedürfnisse aller Menschen weltweit unter Berücksichtigung der Tragekapazität14 der natürlichen Umwelt sowie der Konfliktlinien zwischen Umwelt- und Naturschutz, Armutsbekämpfung und Wirtschaftswachstum.

Der Verdienst des Brundtland-Berichts war, den Begriff nachhaltige Entwicklung erstmals als globales Leitbild der Entwicklung einer breiten Öffentlichkeit nahegebracht zu haben. Und dies indem er einen Aspekt hervorhob, der gemeinhin radikal vernachlässigt wird: Globale Umweltprobleme sind hauptsächlich das Resultat der nicht-nachhaltigen Konsum- und Produktionsmuster im Norden und der großen Armut im Süden. Diese Problemwahrnehmung verlangte sowohl nach einer gerechtigkeitsorientierten Definition von Nachhaltigkeit als auch nach einem entsprechenden Lösungsansatz. Dies erforderte in der Konsequenz eine Strategie, die Entwicklung und Umwelt zusammenbrachte. Eine weitere, in eine Gleichung gefasste Definition lautete deshalb:15

[43]Nachhaltigkeit = Umwelt + Entwicklung.

Mit dieser Formel schließt sich der Kreis. Sie zeigt, dass die heute geläufige Bezeichnung „nachhaltige Entwicklung“ die Übersetzung der Ausgangsdefinition von „sustainable development“ war. Erstmals war in der Politik die Rede von der Notwendigkeit eines „dauerhaften Gleichgewichtszustandes“.

Beachte: Der Unterschied zwischen den Begriffen Nachhaltigkeit und nachhaltiger Entwicklung ist: Nachhaltigkeit verweist auf einen Zustand, Statik und Beständigkeit; nachhaltige Entwicklung impliziert Bewegung, Dynamik, das Prozesshafte sowie das Werdende und Entstehende.

Konferenzen und Abkommen von globaler, historischer Bedeutung sind die Meilensteine bei der Herausbildung des Nachhaltigkeitsleitbildes. Im Hintergrund des politischen Ringens verschärften sich dabei einige Entwicklungen, die Treiber hin zu mehr Nachhaltigkeit werden können. Auch wenn sicher mehr Rahmenumstände als jene zu nennen sind, wie sie auch im ersten und dritten Kapitel etwa unter Push- und Pull-Faktoren und (Mega-)Trends genannt werden, seien an dieser Stelle der Treibhauseffekt, die Bevölkerungsexplosion sowie die globale Ressourcenerschöpfung genannt. Ihnen ist ihr Zerstörungspotenzial wie ihre wissenschaftliche Mess- und Überprüfbarkeit gemein.

Das Treibhaus heizt sich auf

Was war der Anlass für die Weltgemeinschaft, sich im Brundtland-Bericht von 1987 auf eine gemeinsame globale Strategie zu verständigen? Es war die sich erhärtende wissenschaftliche Erkenntnis, dass sich die Umweltqualität weltweit aufgrund wirtschaftlicher Aktivitäten des Menschen rasant verschlechterte. Besonders deutlich abzulesen war dies an der Veränderung der Emissionswerte und der damit einhergehenden Klimaveränderung.

[44]Zu diesem Ergebnis kam auch das Intergovernmental Panel on Climate Change bzw. der Weltklimarat. Eine Auswahl der Ergebnisse aus dem jüngsten Sachstandsbericht von 2013 findet sich hier:16


■Die Konzentration an Kohlendioxid hat sich seit Beginn der Industrialisierung um 40 Prozent erhöht.
■Die Konzentration des Treibhausgases Methan stieg um 150 Prozent.
■Wenn sich der CO2-Gehalt der Atmosphäre verdoppelt, wird die Lufttemperatur um 1,5 bis 4,5 Grad Celsius steigen. (Im Report 2007 war das IPCC noch von 2 bis 4,5 Grad ausgegangen.)
■Die Ozeane haben etwa 30 Prozent des menschengemachten Kohlendioxids aufgenommen und sind dadurch saurer geworden.
■Der Meeresspiegel ist von 1901 bis 2010 um 19 Zentimeter gestiegen. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird er um 26 bis 82 Zentimeter steigen.
■Die Geschwindigkeit der Eisschmelze in Grönland und in der Antarktis hat sich vervielfacht.
■Hitzewellen treten sehr wahrscheinlich öfter auf und halten länger an.
■Nie war es, dem Bericht zufolge, seit Beginn der Wetteraufzeichnungen wärmer als im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.

Mit welchen Veränderungen, basierend auf dem Ausgangsjahr 1986, bis zum Jahr 2100 zu rechnen ist, zeigen folgende Grafiken anhand der Kategorien globale bodennahe Durchschnittstemperatur, durchschnittlicher globaler Niederschlag sowie Schneeabdeckung in der nördlichen Hemisphäre.

[45]

Abb. 6: Klimawandel – Globale Durchschnittswerte (IPCC 2013)

Die Kurzfassung des aktuellsten Weltklimaberichts ist abrufbar unter →QR.

Die Wissenschaft stößt in Politik und Wirtschaft vor allem auf Gehör, wenn sie beziffert, was Umweltschäden kosten. Weltweite Beachtung über Nacht fand deshalb der Stern-Report (→QR), benannt nach Sir Nicholas Stern, ehemaliger Weltbank-Chefökonom und Herausgeber des rund 650-seitigen Berichts ‚Stern Review on the Economics of Climate Change‘. „Der Klimawandel ist das größte und weitestreichende Marktversagen der Weltgeschichte.“, so Stern, den die britische Regierung beauftragt hat, die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung abzuschätzen.

[46]Der Bericht erschien Ende 2006 mit Ergebnissen wie: „Die jährlichen Kosten für Maßnahmen zur Stabilisierung der Treibhausgaskonzentration zwischen 500 und 550 ppm Kohlendioxidäquivalenten werden schätzungsweise bei etwa 1 % des globalen Bruttoinlandsprodukts liegen, wenn jetzt begonnen wird, entschieden zu handeln.“ Laut Stern kämen Schäden von umgerechnet knapp 5,5 Billionen Euro pro Jahr bis 2100 auf die Menschheit zu, wenn nichts gegen den Klimawandel unternommen wird. Bereits heute wird rund 1 % des globalen Bruttoinlandsprodukts, etwa 270 Milliarden Euro, jährlich ausgegeben, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Die jährlichen Kosten des Klimawandels werden, wenn nicht gehandelt wird, dem Verlust von wenigstens 5 % des globalen Bruttoinlandsprodukts entsprechen. Unter Berücksichtigung sämtlicher Risiken und Einflüsse könnten die Schäden auf 20 % oder mehr des erwarteten globalen Bruttoinlandsprodukts ansteigen. Vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer werden die ökonomischen Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen.

So wären bspw. weitere soziale und kulturelle Konsequenzen, dass bis zu 100 Millionen Menschen ihr Obdach durch Überschwemmungen und infolge des steigenden Meeresspiegels verlieren. Einem von sechs Menschen weltweit droht akute Wasserknappheit bedingt durch schmelzende Gletscher. Bereits heute gibt es über 150 Millionen Klimaflüchtlinge, das heißt Menschen, die etwa durch Trockenheiten und Dürren zur Umsiedelung gezwungen sind.

Wie sich die Kohlendioxid-Konzentration entwickelt hat, zeigt die folgende Abbildung 7.

Der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre war seit 400.000 Jahren nicht so hoch wie heute.

Es wird voll auf dem Planeten

Der Treibhauseffekt verschärfte die externen Lebensbedingungen, d.h. die ökologischen Rahmenbedingungen des Lebensraums. Das rasante Bevölkerungswachstum verschärft dabei den Ressourcendruck, v.a. durch Wasserverbrauch und Nahrungsmittelproduktion zusätzlich. Eine Milliarde Menschen leidet täglich Hunger. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung stetig und ungebremst. Für 2050 erwarten die Vereinten Nationen bis zu 9,1 Milliarden Menschen [47] auf der Erde. Das stellt Bevölkerungsexperten, Ökologen, Epidemiologen und Agrarwissenschaftler gleichermaßen vor Rätsel, wie diese steigende Anzahl von Menschen ernährt werden soll.


Abb. 7: Entwicklung Kohlendioxid-Konzentration letzte 400.000 Jahre (IPCC 2007)

Das exponentielle Wachstum stellt die landwirtschaftliche Produktion unter Druck. „Wir müssen in den kommenden 40 Jahren die gleiche Menge von Lebensmitteln herstellen wie in den letzten 8.000 Jahren“, sagt Jason Clay von der Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) auf dem Kongress des Amerikanischen Wissenschaftsverbandes AAAS in Washington im Februar 2011.17

[48]

Abb. 8: Bevölkerungsentwicklung 1990–2050 (UN, World Population Prospects (2009))

Dieses rasante Tempo der Bevölkerungszunahme erhöht den Ressourcendruck, treibt den Emissionsausstoß an und vermindert die Qualität der globalen Umweltgüter, die Voraussetzung für Leben und Produktion sind.

Problematisch dabei ist, dass 95 % der Zunahme in armen Ländern stattfindet, aber gerade jene im Überlebenskampf keine Rücksicht auf die Umwelt nehmen können. Experten fordern, bei der Energieverschwendung müsste den Industrieländern, beim Bevölkerungswachstum den Entwicklungsländern Einhalt geboten werden.

2.4 Der Rio-Gipfel

Die Weltgemeinschaft ist seit 1992 der nachhaltigen Entwicklung verpflichtet –jedes einzelne Land für sich, aber auch gemeinsam, müssen wir dieses Versprechen umsetzen.

Ursula Eid

Erkenntnis und Handeln sind bisweilen zwei Paar Stiefel. Während Meadows’ Studie die Grenzen des Wachstums bereits vor vier Jahrzehnten ins globale Bewusstsein gehoben hatte, brauchte der Brundtland-Bericht immerhin nur zwei Jahre, bis er 1989 in der UNO-Vollversammlung Beachtung fand. Endlich war der Entschluss geboren, Taten folgen zu lassen. Hatte der vormalige Bericht auf dringenden Handlungsbedarf in internationalem Rahmen hingewiesen, ging es nun darum, Forderungen und Vorschläge in verbindliche Verträge und Konventionen zu überführen. Als Instrument wählte die UNO hierfür eine Konferenz – exakt 20 Jahre [49]nach der ersten weltweiten Umweltkonferenz 1972 in Stockholm. Die Startbahn war frei für die Planung der bis dato größten Umwelt- und Entwicklungskonferenz der Welt, der legendären Rio-Konferenz von 1992.

Die so genannte Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (United Nations Conference on Environment and Development, UNCED) ist geläufig unter dem Begriff Erd-Gipfel, Rio-Gipfel und Weltumwelt-Konferenz. Sie tagte vom 3. bis 14. Juni 1992 in Rio de Janeiro. Die Besonderheit der Konferenz lag in ihrem stattlichen Umfang von zwölf Tagen und der großen Anzahl von Teilnehmern aus insgesamt 178 Staaten. Auch was die Beteiligung zivilgesellschaftlicher Organisationen anging, setzte die Konferenz neue Maßstäbe, nahmen doch 2.400 Vertreter von NGOs teil, weitere 17.000 Menschen beteiligten sich am parallel stattfindenden NGO-Forum.18

Die Herkulesaufgabe war, die Umwelt- und Entwicklungsanliegen zusammenzubringen und sie in ein Abkommen zu überführen, das weltweite Verbindlichkeit beansprucht. Nicht nur umweltpolitische Probleme waren Gegenstand der Konferenz; vielmehr sollten auch die drängenden globalen Entwicklungsprobleme im umweltpolitischen Zusammenhang behandelt werden. Ziel war es, die Weichen für eine weltweite, nachhaltige Entwicklung zu stellen. Dabei war die Öffentlichkeit insbesondere für die Abhängigkeit des Menschen von seiner Umwelt zu sensibilisieren ebenso wie für die Rückkopplung weltweiter Umweltveränderungen auf sein Verhalten bzw. seine Handlungsmöglichkeiten.

Es war ein langer Weg von den Verhandlungen der Regierungen bis zur Verabschiedung der Dokumente. Und einer, auf dem zäh gerungen [50]wurde. Umso mehr wird der Erdgipfel als bisheriger Höhepunkt weltweiter politischer Bemühungen um Nachhaltigkeit angesehen. Trotz der Interessengegensätze – etwa beim Thema Wald- oder Klimaschutz – konnten sich die Staatsmänner und -frauen auf die Unterzeichnung von sechs Dokumenten einigen, die die formaljuristische Verankerung von Nachhaltigkeit befördert haben.


[51]

Abb. 9: Die wichtigsten Abkommen der Rio-Gipfels 1992

Im Nachfolgeprozess der Rio-Konferenz wurde die Kommission für Nachhaltige Entwicklung (Commission on Sustainable Development, CSD) gegründet, die den Umsetzungsprozess der Konferenzergebnisse überwacht. Als Nachfolgekonferenzen fanden 1997 die Konferenz Rio+5 in New York und 2002 der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg statt. Im Juni 2012 fand mit Rio+20 erneut ein Gipfeltreffen in Brasilien statt, das unter dem Titel Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung lief.

Insgesamt hielt das Leitbild Nachhaltigkeit durch den Rio-Gipfel Einzug in die Politik. Allerdings wurde die Problematik von den Ländern in Art und Intensität unterschiedlich angegangen, in der Strategie wie in der Umsetzung. Nach wie vor krankt es zudem an der geringen gesetzlichen Einklagbarkeit und damit Durchsetzungskraft.

Johannesburg Summit – the show must go on

Die größte Nachfolgekonferenz von Rio war der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2002 in Johannesburg/Südafrika mit ca. 20.000 Vertretern von Regierungen, der Wirtschaft, NGOs und Kommunen. [52]Diese mündete nach Marathondebatten über Konsensformulierungen in die Verabschiedung einer Politischen Erklärung der Staats- und Regierungschefs („The Johannesburg Declaration on Sustainable Development“). Wichtigstes Ergebnis: neue Prioritäten, Zielmarken und Umsetzungsprogramme wurden vorgegeben zur weiteren Umsetzung des Leitbildes. Erstmals wurden quantifizierbare Ziele, insbesondere die Millenniumsziele, in den Aktionsplan aufgenommen. Zentrale neue Ziele waren:

a) Bis zum Jahr 2010 soll der Rückgang der Artenvielfalt deutlich reduziert werden.

b) Bis zum Jahr 2015 soll die Zahl der Menschen, die in absoluter Armut, d.h. von weniger als einem USD pro Tag, leben, um 500 Mio. reduziert werden, weltweit alle Kinder eine Grundschulausbildung erhalten und der Anteil der Menschen, die keinen Zugang zu sanitärer Grundversorgung haben, halbiert werden.

c) Bis zum Jahr 2020 soll eine Minimierung der gesundheits- und umweltschädlichen Auswirkungen bei der Produktion und dem Gebrauch von Chemikalien erreicht werden.

Das Hauptproblem hinsichtlich der Umsetzung der Millenniumsziele waren zu knappe Finanzmittel. Um die Gelder zu gewinnen, wurde die sogenannte Global Marshall Plan Initiative als Einnahmequelle erwogen.

Global Marshall Plan Initiative – Welt in Balance

Eine weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft zu etablieren, ist das Ziel der Initiative. Denn nur so bekommt die Weltwirtschaft den Ordnungsrahmen, den es für eine nachhaltige Entwicklung braucht. Ihrem Selbstverständnis nach ist die Global Marshall Plan Initiative „eine Plattform für eine Welt in Balance“. Getragen von rund 5.000 Unterstützern aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft organisieren sich diese als Netzwerk mit flachen Hierarchien und ohne Zentrale. Bereits in den 1990er Jahren unterstützten die Idee Persönlichkeiten wie Kofi Annan, Al Gore, Michail Gorbatschow, Prinz El Hassan bin Talal, Jane Goodall oder George Soros. Deutsche Befürworter sind u.a. Joschka Fischer (der 100 Milliarden DM [53]pro Jahr für die Einrichtung einer Ökosozialen Marktwirtschaft forderte), Hans-Dietrich Genscher, Hubert Weinzierl, Ernst Ulrich von Weizsäcker, Jakob von Uexküll und Sandra Maischberger. Ihre Kernforderungen für eine gerechtere Globalisierung lauten:


■globale Etablierung ökologischer und sozialer Standards für eine nachhaltige Entwicklung
■Überwindung der entwürdigenden Armut der Hälfte der Weltbevölkerung; Verwirklichung der Menschenrechte und Menschenwürde für alle
■Beförderung weltweiten Friedens, globaler Sicherheit und Befriedung von Terrorismus
■Gestaltung eines neuen Wirtschaftswunders durch Nutzung brachliegender Human-Potenziale von drei Milliarden Menschen weltweit.

„Der Wille zum Wandel muss aus der Mitte der Gesellschaft kommen.“, ist die Initiative überzeugt. Zu diesem Zweck schärft sie das Bewusstsein für die Zusammenhänge der Globalisierung durch Information, Allianzen und Druck „von unten“.19

2.5 Die Agenda 21

Die Agenda 21 nimmt sich der drängendsten Probleme der heutigen Zeit an und ist zur gleichen Zeit bemüht, die Welt auf die Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts vorzubereiten. Sie ist Ausdruck eines globalen Konsenses und einer auf höchster Ebene eingegangenen politischen Verpflichtung zur Zusammenarbeit im Bereich von Entwicklung und Umwelt.

Präambel Agenda 21

Die Rio-Konferenz machte eines deutlich: Nachhaltige Entwicklung lässt sich nur durch ein Handlungsprogramm von globaler Reichweite [54]erreichen. Und das war die Agenda 21 (→QR). Mit der in Rio verabschiedeten Agenda 21 wurden detaillierte Handlungsaufträge unter sozialen, ökologischen und ökonomischen Vorzeichen gegeben, um einer weiteren Verschlechterung der Situation des Menschen und der Umwelt entgegenzuwirken und eine nachhaltige Ressourcennutzung sicherzustellen.

Von 172 Landesvertretern unterzeichnet, ist die Agenda 21 damit ein entwicklungs- und umweltpolitisches Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert. Sie ist ein Maßnahmenpaket, das sich an alle Akteure, Ebenen und Bereiche richtet. Ihr zufolge sind es vor allem die Regierungen der einzelnen Staaten, die auf nationaler Ebene die Umsetzung der nachhaltigen Entwicklung planen müssen, in Form von nationalen Strategien, Umweltplänen und Aktionsprogrammen. Dabei sind auch regierungsunabhängige Organisationen und andere Institutionen zu beteiligen. Wichtig für den Erfolg der Maßnahmen und Projekte ist eine breite Beteiligung der Öffentlichkeit bzw. der Bevölkerung, weil sie das Rückgrat der Gesellschaft sind. Eine Verantwortung kommt auch den Kommunalverwaltungen zu, die für ihren Bereich die Umsetzung der „Lokalen Agenda 21“ im Konsens mit ihren Bürgern herstellen soll.

Global denken – lokal handeln

Die Agenda 21 besteht aus insgesamt 40 Kapiteln, in denen alle relevanten Politikbereiche und Handlungsmaßnahmen angesprochen werden. In der Präambel heißt es: „Durch eine Vereinigung von Umwelt- und Entwicklungsinteressen und ihre stärkere Beachtung kann es uns jedoch gelingen, die Deckung der Grundbedürfnisse, die Verbesserung des Lebensstandards aller Menschen, einen größeren Schutz und eine bessere Bewirtschaftung der Ökosysteme und eine gesicherte, gedeihlichere Zukunft zu gewährleisten. Das vermag keine Nation allein zu erreichen, während es uns gemeinsam gelingen kann: in einer globalen Partnerschaft, die auf eine nachhaltige Entwicklung ausgerichtet ist.“

Die Agenda 21 ist thematisch in vier Bereiche unterteilt:

[55]

Abb. 10: Themenbereiche der Agenda 21

Anlässlich des „Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung“ in Johannesburg 2002 vermeldeten die Vertreter der Kommunen nach zehn Jahren nur mittelmäßige Erfolge. In Deutschland besteht derzeit in rund 2.600 Kommunen ein Beschluss zur Erarbeitung einer Lokalen Agenda 21, das heißt, dass ein nachhaltigkeitsorientiertes Handlungsprogramm, das auf die örtlichen Voraussetzung abgestimmt ist, entwickelt werden soll. Insgesamt stehen die Bemühungen für die Lokale Agenda 21 unter dem Motto „Global denken – lokal handeln!“ bzw. unter dem Vorzeichen des Prinzips Glokalität.

[56]2.6 Die Millennium-Entwicklungsziele

Today it is increasingly clear that UN objectives: peace, security, development, go hand in hand with prosperity and growing markets. If societies fail, so will markets.

Kofi Annan

Die Millennium-Entwicklungsziele – auf Englisch Millennium Development Goals oder kurz MDGs – der Vereinten Nationen sind acht Entwicklungsziele, die im Jahr 2000 von der UNO, der Weltbank, der OECD und mehreren Nichtregierungsorganisationen formuliert worden sind. Hauptziel dabei ist, die weltweite Armut zu halbieren und dies innerhalb desselben Zeitrahmens, der für die anderen Ziele ausgegeben wurde, bis 2015. Am 9. September 2000 verabschiedeten 189 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen mit der Millenniumserklärung einen Katalog grundsätzlicher, verpflichtender Zielsetzungen für alle UN-Mitgliedstaaten. Armutsbekämpfung, Friedenserhaltung und Umweltschutz wurden als die wichtigsten Ziele der internationalen Gemeinschaft bestätigt. Das Hauptaugenmerk lag hierbei auf dem Kampf gegen die extreme Armut. Hauptanliegen war die globale Zukunftssicherung, also die Gewährleistung einer weltweiten nachhaltigen Entwicklung, mit vier Handlungsfeldern:


■Frieden, Sicherheit und Abrüstung
■Entwicklung und Armutsbekämpfung
■Schutz der gemeinsamen Umwelt
■Menschenrechte, Demokratie und gute Regierungsführung.

Die Ziele sind hier genannt, weitere Informationen dazu finden sich in Kapitel 5.


[57]

Abb. 11: Millenniumsentwicklungsziele (UN 2000)

[58]Zehn Jahre später wurden die MDGs und ihre Umsetzung auf der 65. UN-Generalversammlung (vom 20. bis 22. September 2010 in New York) einer Zwischenbilanz unterzogen. Auf der sogenannten „Weltarmutskonferenz“ mahnte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon: Es gebe Fortschritte, aber auch noch viel zu tun. Kritiker indes sprechen davon, dass die Ziele weit verfehlt werden und die Arm-Reich-Schere sich unaufhörlich erweitert. Karl-Albrecht Immel von der Welthungerhilfe sagt: „In den Industrieländern und einigen Entwicklungsländern insbesondere in Asien ist der Pro-Kopf-Konsum in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. In Afrika dagegen steht einem Durchschnittshaushalt heute rund ein Fünftel weniger zur Verfügung als 1980. In den Ländern mit dem reichsten Fünftel der Erdbevölkerung ist das Pro-Kopf-Einkommen heute rund 90 Mal so hoch wie in jenen Staaten, in denen das ärmste Fünftel der Menschheit lebt. Selbst in der „Blütezeit“ des Kolonialismus gab es nicht annähernd ein solches weltweites Wohlstandsgefälle. Noch im Jahr 1960 hatte das Verhältnis bei 30:1, im Jahr 1990 bei 60:1 gelegen.”

2.7 Weltklimagipfel Durban

Der Glaube an das unbegrenzte Wachstum der Wirtschaft und nationale Egoismen sind die Ursachen des Scheiterns des Klimagipfels in Durban.

Hubert Weinzierl

2012 ist das Jahr, in dem das einzige völkerrechtlich verbindliche Instrument der Klimaschutzpolitik, das Kyoto-Protokoll auslief. Wie jenes Abkommen nach seinem Ablauf verlängert werden könne, war die zentrale Frage auf der Weltklimakonferenz 2012 in Durban/Südafrika. Vom 28.11. bis 11.12.2011 debattierten Vertreter aus knapp 200 Staaten über ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll, um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

Nach erneut zähen Verhandlungen einigte sich der Gipfel auf einen Kompromiss, während die Beschlüsse hinsichtlich der Umsetzung unverbindlich blieben. Demnach sollte 2012 in Katar das Kyoto-[59]Protokoll mit einer zweiten Verpflichtungsperiode verlängert werden und bis zum Jahr 2015 ein verbindliches Klimaschutzabkommen, ein sogenannter Weltklimavertrag, ausgehandelt werden, der 2020 in Kraft treten soll. Erstmals wollen dann auch Länder wie die USA und China verbindliche Ziele mittragen, Kanada trat im Anschluss an die Verhandlungen aus dem Kyoto-Protokoll aus. Norbert Röttgen sagte am 16.12.2011 in einer Regierungserklärung zu den Ergebnissen des Klimagipfels: „Mit den Ergebnissen dieser Konferenz hinken wir dem Problem hinterher. Klimaschutz findet statt, er entwickelt sich dynamisch. Aber die Maßnahmen, die einzelne Staaten getroffen haben, die Maßnahmen, die die Staatengemeinschaft getroffen haben, sind in der Summe nicht ausreichend. Wir tun immer noch zu wenig“.

2.8 Die wichtigsten Stationen

The science is getting worse faster than the politics is getting better.

David Miliband

Die wichtigsten Konferenzen, Abkommen und Bündnisse zum Thema Nachhaltigkeit sowie Umwelt- und Klimaschutz sind nachfolgend aufgelistet:


1946Internationale Konvention zur Regelung des Walfangs
1948Gründung der Welt-Naturschutzunion
1961OECD – Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: gegründet, um die Arbeit der Vorläuferorganisation OEEC (Organisation for European Economic Co-operation) und konkret die politische Stabilisierung Westeuropas vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts fortzusetzen.
1968Europäische Wassercharta
19721. Internationale Konferenz über die menschliche Umwelt in Stockholm
[60]1973Washingtoner Artenschutzübereinkommen – Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen
1976HABITAT: UN-Konferenz über menschliche Siedlungen
1979Weltklimakonferenz, Konferenz der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) zur Veränderung des Klimas
Nord-Süd- bzw. Brandt-Report: Das Überleben sichern. Gemeinsame Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer. Forderung an die Industrieländer, die Entwicklungsländer stärker zu unterstützen.
1982Weltcharta für die Natur
1985Wiener Abkommen zum Schutz der Ozonschicht
1987Internationale Konferenz zum Schutz der Ozonschicht in Montreal
Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen; erstmalige Definition des Begriffs Nachhaltige Entwicklung in einem politischen Dokument
1990Gründung von Klimabündnis e.V., einer Instiution zur Förderung von Städtepartnerschaften zwischen Industrie- und Entwicklungsländern
1992Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung bzw. Erdgipfel oder Rio-Konferenz – Meilenstein für die Integration von Umwelt- und Entwicklungsfragen; seit Stockholm 1972 die erste größere internationale Konferenz zur Diskussion von Umweltfragen in einem globalen Rahmen
1993Menschenrechtskonferenz, Wien
WHO-Programm: Globale Strategie für Gesundheit und Umwelt (Global Strategy for Health and Environment): dient als Arbeitsrahmen für die Erfüllung der in der Agenda 21 vereinbarten Ziele [61]Weltwaldkonferenz, Jakarta: Folgekonferenz der Wald-Deklaration, verabschiedet auf der Rio-Konferenz 1992
1994UN-Klimarahmenkonvention, UN-Weltbevölkerungskonferenz, UN-Artenschutz-Konferenz, Nassau/Bahamas, 1. Vertragsstaatenkonferenz zum Übereinkommen über die biologische Vielfalt, der Artenschutz-Konvention
Aalborg-Charta: Charta der Europäischen Städte und Gemeinden auf dem Weg zur Zukunftsbeständigkeit
Inselstaatenkonferenz, Barbados, „Weltkonferenz zur nachhaltigen Entwicklung der kleinen Inselstaaten“
19951. UN-Klimakonferenz Berlin/Deutschland
19962. UN-Klimakonferenz Genf/Schweiz
WACLAC – Weltversammlung der Städte und Gemeinden, Istanbul
HABITAT II, Istanbul: 2. UN-Konferenz über menschliche Siedlungen
19973. UN-Klimakonferenz Kyoto/Japan – erstmals werden rechtlich verbindliche Ziele für Emissionshöchstmengen für Industrieländer international festgelegt.
Weltgipfel Rio+5 New York/USA – Ernüchterung nach Bilanzierung der Bemühungen seit 1992; Diskussion um die Entwicklung der Vorgaben des ersten Weltgipfels.
1. Weltwüstenkonferenz, Rom
19984. UN-Klimakonferenz Buenos Aires/Argentinien – Arbeitsplan zur Ausgestaltung des Kyoto-Protokolls.
Aarhus-Konvention: EU-Übereinkommen über den Zugang zu Informationen und Öffentlichkeitsbeteiligung an Entscheidungsverfahren in Umweltangelegenheiten
19995. UN-Klimakonferenz Bonn/Deutschland
20006. UN-Klimakonferenz Den Haag/Niederlande – Scheitern und Aussetzen der Klimaverhandlungen [62]Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen in New York, mit Verabschiedung der acht Millenniumsziele, die bis 2015 erreicht werden sollen.
20016. UN-Klimakonferenz Bonn/Deutschland – Fortführung der vorigen Klimakonferenz und Einigung über Kyoto-Protokoll-Ausgestaltung
7. UN-Klimakonferenz Marrakesch/Marokko
2002Weltgipfel Rio+10 Johannesburg/Südafrika – erneute Diskussion der Umsetzungsmöglichkeiten der Rio-Konventionen in Zeiten voranschreitender Globalisierung
8. UN-Klimakonferenz Neu Delhi/Indien
20039. UN-Klimakonferenz Mailand/Italien – Verabschiedung neuer Leitlinien für Emissionsberichterstattung und Übereinkunft zu kohlenstoffbindenden Aufforstungsprojekten (Clean Development Mechanism, CDM)
200410. UN-Klimakonferenz Buenos Aires/Argentinien – Überlegungen zu Möglichkeiten der Anpassung an unvermeidbare Klimawandelfolgen
200511. UN-Klimakonferenz Montreal/Kanada – Beschluss über Kyoto-Protokoll-Fortschreibung nach 2012; Aushandlung neuer Grenzwerte für Treibhausgasemissionen
200612. UN-Klimakonferenz Nairobi/Kenia – Beschluss eines Fonds zur Unterstützung afrikanischer Länder
200713. UN-Klimakonferenz Bali/Indonesien – gemäß „Fahrplan von Bali“ soll 2009 ein Folgeabkommen samt inhaltlicher Anforderungen für das Kyoto-Protokoll beschlossen werden.
200814. UN-Klimakonferenz Posen/Polen
200915. UN-Klimakonferenz Kopenhagen/Dänemark – laut rechtlich unverbindlichem „Minimalkonsens“ ist die Erderwärmung auf maximal 2° C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen.
[63]201016. UN-Klimakonferenz Cancún/Mexiko – es wurden keine völkerrechtlich bindenden Maßnahmen getroffen.
201117. UN-Klimakonferenz in Durban/Südafrika – Ziel war es, ein Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll zu finden – Beschluss, das Kyoto-Protokoll zunächst ab 1. Januar 2013 mit einer zweiten Verpflichtungsperiode zu verlängern, Reduktionsziele und Dauer der zweiten Verpflichtungsperiode sollten auf der 18. UN-Klimakonferenz in Katar 2012 festgelegt werden.
201218. UN-Klimakonferenz Doha/Katar (sogenannter Weltgipfel Rio+20) – Beschluss der Fortsetzung des Kyoto-Protokolls bis 2020 in letzter Minute; Russland, Kanada, Japan und Neuseeland erklärten ihren Austritt.
Weltgipfel Rio+20 Rio de Janeiro/Brasilien – Ansinnen der Staats- und Regierungschefs der Welt, dem Thema nachhaltiger Entwicklung neuen Schwung zu verleihen; BUND-Vorsitzender Hubert Weiger kritisierte, blumige Absichtserklärungen und ein Aufguss früherer Gipfelbeschlüsse würden dem globalen Ressourcenschutz nicht helfen. Gipfelergebnisse wurden gemischt aufgenommen.
201319. UN-Klimakonferenz Warschau/Polen – Konferenz endet nur mit einer Einigung auf die Grundsätze eines Abkommens.
201420. UN-Klimakonferenz Lima/Peru
201521. UN-Klimakonferenz Paris/Frankreich

Insgesamt lässt sich der Prozess der Etablierung des Nachhaltigkeitsleitbildes auf politischer Ebene – wie er sich anhand obiger Konferenzen und Abkommen abzeichnet – als ambivalent beschreiben. Einerseits lässt sich die Herausbildung der Gedanken des Umweltschutzes und sozialer Gerechtigkeit an der zunehmenden Regelmäßigkeit, Institutionalisierung und Internationalisierung politischer Treffen ablesen. Andererseits verlaufen dieser Verstetigungs- [64]und Aufwertungsprozess des Themas Nachhaltigkeit, die damit einhergehende globale politische Konsensfindung als auch die Umsetzung von Maßnahmen im Verhältnis zur Relevanz des Themas viel zu langsam, fragmentarisch und unkoordiniert. Somit lässt sich die nachhaltigkeitsbezogene Institutionen-, Kapazitäten- und Willensbildung als erratisch, im Sinne von „ein Schritt vor und ein Schritt zurück“, beschreiben.

Als Beispiel hierfür kann das 1997 beschlossene Kyoto-Protokoll gelten, das bis heute als wichtigster Beschluss für den globalen Klimaschutz aufgrund seiner annähernd sanktionsfähigen Wirkung angesehen werden kann. Demgegenüber sind alle Bemühungen auf internationaler Ebene seitdem als zaghaft und rückschrittlich zu bewerten. So offenbarten die Verhandlungen zur Fortschreibung des Klimaschutzabkommens die großen Schwierigkeiten zwischen Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern zu einem Konsens zu gelangen, da sich die Parteien gegenseitig Zugeständnisse abverlangen, bevor sie jene eingehen, was in einer Patt-Situation resultiert, die wiederum die Bemühungen, sich der Herausforderung des Klimawandels zu stellen, stagnieren lässt.

Für viele Akteure wie z.B. Umweltschutzverbände, Menschenrechtsorganisationen oder wissenschaftliche Einrichtungen ist dies insofern befremdlich, weil das politische Verhalten mit den durch die Medien vermittelten Erkenntnisfortschritten kontrastiert, die klimawandelbedingte Veränderungen zunehmend bestätigen (wie Überschwemmungen, Wirbelstürme oder Meeresspiegelanstieg; vgl. aktueller Weltklimabericht des IPCC von 2013, S. 43). Auch für die globale Zivilgesellschaft führt es zu Irritationen, wenn Politiker und Regierungen vor dem Hintergrund der sich erhärtenden Klimawandelhypothese nicht konsequent aktiv werden.

Fazit – Es geht voran, aber zu langsam

Der Ursprung des Nachhaltigkeitsprinzips geht auf das Jahr 1713 zurück. In den darauffolgenden 300 Jahren griffen vor allem Politik und Zivilgesellschaft das ressourcenökonomische Prinzip erneut auf. Im 20. Jahrhundert verstärkte sich das Bewusstsein der Weltgemeinschaft für Probleme wie Umweltverschmutzung, Überbevölkerung, Armut und Ressourcenerschöpfung. Zu Beginn des Jahrhunderts fanden erste internationale [65]Konferenzen zum Thema Naturschutz statt. Ab Mitte der 1970er Jahre wuchs das öffentliche und politische Interesse an Umweltschutz-Themen. Es wurden bindende Regelungen zwischen Staaten zum Schutz der Umwelt beschlossen, so z.B. das Washingtoner Artenschutzabkommen. Die Probleme wurden spezifischer, die Ziele konkreter.

Ein vorläufiger Höhepunkt war 1972 der alarmierende Bericht „Grenzen des Wachstums“, der ein neues Denken und Handeln in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft forderte. 1987 lieferte der Brundtland-Bericht die erste formale politische Definition von Nachhaltigkeit, die bis heute als die klassische, gültige und am weitesten akzeptierte Definition anzusehen ist.

An der Schwelle zum 3. Jahrtausend markierte die weltweite Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 den Höhepunkt gemeinsamer globaler Nachhaltigkeitsbemühungen, nämlich von 178 Staaten. Hieraus ging auch die maßgebliche globale Agenda 21 hervor. Die Erfolge der Millenniumsentwicklungsziele bleiben seit dem Jahr 2000 indes genauso aus wie die Fortschreibung des Kyoto-Protokolls zum Klimaschutz.

International wurden in den Folgejahren nach Rio viele verschiedene Gremien und Arbeitsorgane gegründet und Konferenzen durchgeführt. Bis heute sind die Aktivitäten umfangreich und unübersichtlich geworden. Das Prinzip Nachhaltigkeit ist dabei, sich seinen Weg zu bahnen. Leicht hat es das Thema dabei aber nicht.

Literatur

Brandt, W. (Hrsg.) (1982) Das Überleben sichern. Bericht der Nord-Süd-Kommission. Gemeinsame Interessen der Industrieund Entwicklungsländer. Kiepenheuer und Witsch.

Carson, R. (1963) Der stumme Frühling. Biederstein München.

Costanza, R. (1991) Ecological Economics. The Science and Management of Sustainability. New York. Columbia University Press.

Dueck, G. (2008) Abschied vom Homo Oeconomicus. Warum wir eine neue ökonomische Vernunft brauchen. Eichborn.

[66]Grober, U. (2010) Die Entdeckung der Nachhaltigkeit: Kulturgeschichte eines Begriffs. München.

Habisch, A.; Schmidpeter, R.; Neureiter, M. (2007) Handbuch Corporate Citizenship. Corporate Social Responsibility für Manager. Springer Berlin.

Hauff, V. (Hrsg.) (1987) Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Eggenkamp Verlag, Greven.

Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) (2013) Fifth Assessment Report, AR5. United Nations.

Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (1992) Agenda 21. Rio de Janeiro.

Meadows, D. et al. (1972) Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. dva Stuttgart.

Meadows, D. et al. (2008) Grenzen des Wachstums. Das 30-Jahre-Update: Signal zum Kurswechsel, 3. Aufl., Stuttgart.

Ott, K.; Döring, R. (2008) Theorie und Praxis starker Nachhaltigkeit, Marburg.

Radermacher, F.J.; Beyers, B. (2011) Welt mit Zukunft: Die ökosoziale Perspektive, 7. Aufl., Hamburg.

Rogall, H. (2008) Ökologische Ökonomie. Eine Einführung. Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden.

Schumacher, E.F. (1973) Small is Beautiful: Economics as if People Mattered. Harper New York.

Siebenhüner, B. (2001) Homo sustinens – Auf dem Weg zu einem Menschenbild der Nachhaltigkeit. Metropolis Marburg.

Stern, N. (2007) The Economics of Climate Change. The Stern Review. Cambridge University Press Cambridge.

5 Hans Carl von Carlowitz (1732) Sylvicultura Oeconomica. Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht. Kessel, Remagen-Oberwinter (Wiederauflage 2009).

6 Grober (2010), S. 115

7 Grober (2010), S. 128 f. Im Original siehe Carl von Linné (1735), Systema Naturae. Johan Wilhelm de Groot, Leiden.

8 Grober (2010), S. 177

9 Meadows et al. (1972), S. 17

10 Meadows et al. (1972), S. 79

11 Graham Turner: A Comparison of The Limits to Growth with Thirty Years of Reality. In: Socio-Economics and the Environment in Discussion. CSIRO Working Paper Series Number 2008–09. Juni 2008; New Scientist: Prophesy of economic collapse „coming true“. 17. November 2008

12 Meadows et al. (2006), S. 264

13 Daly (1990), S. 2. Als physikalische Teildisziplin bietet die Thermodynamik z.B. mit ihrem Entropiegesetz Ansätze, die als Gegenentwürfe zum neoklassischen Paradigma genutzt werden könnten und an denen sich Wirtschaftsprozesse orientieren könnten. Demnach wären jene Prozesse etwa als unwiederbringlicher Verzehr eines endlichen Vorrats an Ressourcen zu begreifen. Siehe Daly, H.E.: Toward Some Operational Principles of Sustainable Development. In: Ecological Economics, Bd. 2 (1990) H.1; S. 1–6. Siehe auch Georgescu-Roegen, N.: The Entropy Law and Economic Process. Cambridge 1971.

14 In der Schifffahrt bezeichnet der in der Ökologie geläufige Begriff der Tragekapazität bzw. carrying capacity die maximal mögliche Fracht, bevor das Schiff Gefahr läuft unterzugehen.

15 Auf diese Definition als Ausgangspunkt bezieht sich auch die Dissertation der Autorin mit dem Titel „Klima, Wälder, indigene Völker“. Dort zeigt sie auf, wie Umweltveränderungen menschliche Entwicklung beeinflussen. Da indigene Völker besonders nah an, mit und in der Natur leben, lässt sich der Zusammenhang von Umwelt und Entwicklung gut aufzeigen. So ist bspw. der Regenwald die notwendige Basis für kulturelles wie wirtschaftliches (Über-)Leben und beeinflusst damit die Entwicklung einer Gemeinschaft.

16 IPCC Fifth Assessment Report (AR5), Climate Change 2013, The Physical Science Basis. WMO. Genf.

17 The American Association for the Advancement of Science (AAAS). Science Without Borders, 177th Meeting. 16–21.02.2011, Washington, DC

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