Kitabı oku: «Tödliches Hasewasser»
Tödliches Hasewasser
Irmela Schröck
Krimi

©Irmela Schröck 2020
Machandel Verlag Haselünne 2021
Charlotte Erpenbeck
Cover: Motortion und Rislan, depositohotos.com
ISBN 978-3-95959-308-3
1. Kapitel
Mark Kössner erwachte. Er lauschte aufmerksam. Etwas hatte sich verändert. Eine Berufskrankheit, dachte er, als Kommissar war man irgendwie ständig unter Spannung. Sogar im eigenen Schlafzimmer. Nein, kein verdächtiges Geräusch, es war nichts zu hören. Dann begriff er. Es regnete nicht mehr, kein Trommeln auf dem Dach, kein Tropfen von der Dachrinne. Seit Tagen und Nächten hatte es ununterbrochen gegossen, die Hase war angeschwollen und über die Ufer getreten. Aber jetzt war es still. Mark streckte und dehnte sich wohlig. Er konnte seinen Samstag ohne Regen genießen. Ellas Atem strich ruhig und gleichmäßig über seine Schulter. Mark drehte sich zu seiner Frau um und betrachtete ihr hübsches, entspanntes Gesicht. Ihr Mund war leicht geöffnet und entließ mit einem sanften Ton die Atemluft. Die blonden Haare lagen wie ein Fächer um sie herum auf dem Kopfkissen. Unwillkürlich musste er an seine Hochzeit vor sieben Monaten denken. Es war ein schönes Fest gewesen. Sein Chef, der Oberkriminalrat Detlev Heilmann, war zum Gratulieren gekommen und hatte ihn zur Seite genommen. „Mark“, hatte er gesagt, „ich bin jetzt über sechzig und werde spätestens in drei Jahren in den Ruhestand gehen. Ich habe Sie zu meinem Nachfolger vorgesehen, vorausgesetzt, dass alles so gut weiter läuft und Sie Ihre Fälle klären!“ Ein leiser Seufzer drang aus Marks Mund. Die Fälle klären! dachte er leicht frustriert. Welche Fälle?
Seit er sich von Osnabrück nach Haselünne hatte versetzen lassen, waren die Fälle, die auf seinem Schreibtisch landeten, kaum der Rede wert. Einbruch, Diebstahl, Autounfälle mit Blechschaden, Fahrerflucht nach einer Rempelei auf einem Parkplatz, eine kleine Kneipenschlägerei, aber kein Kapitalverbrechen. Und erst recht kein Mord. Dabei war Mord für ihn erst ein richtiger Fall, jene Art von Herausforderung, in der er die Puzzlesteine Stück für Stück zusammenfügen musste, bis sich das Bild eines Täters und des Tatverlaufs ergab. Nun, er hatte sich für Haselünne und seine Ella entschieden, obwohl er genau wusste, dass es ihn in die Provinz verschlug. Damit musste und wollte er jetzt leben.
Gerade überlegte er, ob er schon aufstehen und den Kaffeetisch decken sollte, als das Klingeln des Telefons ihm die Entscheidung abnahm. Vorsichtig schlüpfte er aus dem Bett, aber Ella wurde trotzdem wach.
„Musst du schon aufstehen, heute ist doch Samstag?“, murmelte sie verschlafen, hörte dann ebenfalls das Klingeln und verstand. Kein gemeinsames Frühstück heute. Sie rollte sich zur Seite und zog sich die Decke über die Ohren.
Mark wusste, dass dieser frühe Anruf nur von seiner Dienststelle kommen konnte. Er hob den Hörer mit der linken Hand hoch und drehte gleichzeitig mit der Rechten das Wasser für den Kaffee auf: „Hier Mark Kössner“, meldete er sich.
„Sie müssen sofort kommen, Herr Kössner, in der Hase ist eine Leiche gefunden worden!“, verkündete die Stimme seines Kollegen Jens Köppke.
Mark fühlte sich wie elektrisiert. Eine Leiche? Also endlich mal ein richtiger Fall?
„Wo genau?“, fragte er aufgeregt.
„In Hamm, kurz hinter der Bootsanlegestelle! Die Männer der Spurensicherung sind schon vor Ort, Sie werden sie sehen können“, sagte der Kollege.
„In Ordnung, ich bin in zwanzig Minuten da!“, versicherte Mark.
Er eilte ins Bad und machte sich fertig, während das Kaffeewasser leicht plätschernd durch den Filter floss. Rasch füllte er sich eine ordentliche Portion des Kaffees in einen Becher mit Deckel und nahm ihn mit zum Auto, um ihn auf der Fahrt zu trinken.
Die Straße nach Hamm war am Samstagmorgen kaum befahren. Es war Oktober, der Himmel verhangen und dunkel. Nebelschwaden zogen über die Wiesen. Mark konnte seinen Gedanken freien Lauf lassen. Er überlegte, ob die Leiche in der Hase ein Mordfall werden könnte. Er hoffte es, fast inbrünstig. Eine Tat aufzuklären, bedeutete ihm viel und verschaffte ihm Genugtuung , ganz zu schweigen davon, dass so ein Mordfall seine Karriere weiterbringen konnte.
Mark bremste ab und näherte sich der angegebenen Leichenfundstelle behutsam. Aus dem Nebel heraus schälten sich menschliche Silhouetten. Mark erkannte sie in ihren Overalls als Männer der Spurensicherung. Er parkte sein Auto auf einem Grünstreifen hinter der Brücke und duckte sich an der Böschung unter der Absperrung durch. „Moin!“, rief er in die Runde der Anwesenden. „Wo ist die Leiche?“ Ein junger Mann, dessen Overall sich über dem Bauch spannte, antwortete:
„Sie ist noch unten im Wasser. Wir wollten mit der Bergung warten, bis Sie da sind, damit Sie sich ein Bild machen können!“
Mark warf einen Blick zum Ufer und erfasste undeutlich die Umrisse eines menschlichen Körpers im Wasser. „Wer hat die Leiche gefunden?“, fragte er. Es schien ihm seltsam, dass jemand in dieser Dunkelheit und bei dem matschigen Ufer einen Körper entdeckt hatte. Wer ging da so nah ans Gewässer?
Der junge Mann klärte ihn auf: „Eine Frau Niemeyer hat sie entdeckt oder besser ihr Hund.“
„Und wo ist diese Frau Niemeyer jetzt?“, fragte Mark und schaute sich suchend um.
„Sie sitzt im Polizeiwagen, weil ihr so kalt war. Vermutlich war das der Schock“, erklärte der junge Mann.
„Okay, ich werde kurz mit ihr sprechen, damit sie nach Hause gehen kann! Danach müssen wir die Leiche bergen“, ordnete Mark an.
Er trat an den Streifenwagen und öffnete die Seitentür. Eine blasse Frau von ungefähr sechzig Jahren schaute ihn durch eine randlose Brille erwartungsvoll an. Sie trug eine dicke graue Kapuzenjacke, helle Jeans und braune Stiefeletten. Zu ihren Füßen hockte ein Cockerspaniel, den sie am Halsband festhielt.
„Kommissar Mark Kössner“, stellte er sich vor. „Sie sind Frau Niemeyer, die den Fund gemacht hat?“ Das Wort Leiche wollte Mark in diesem Moment nicht über die Lippen kommen.
Frau Niemeyer nickte und wies auf den Hund. „Er war es, mein Cäsar. Ich hatte ihn frei laufen lassen, weil er immer gern ans Wasser geht, um etwas zu trinken. Aber er kam nicht zurück und bellte ununterbrochen, bis ich ihm folgte und sah, warum!“, schloss sie ihren Bericht.
„Konnten Sie denn Genaueres sehen? Es war doch noch dunkel“, fragte Mark nach.
„Ich habe immer eine Taschenlampe bei mir, wenn ich im Dunkeln den Hund ausführe. Ich habe nichtsahnend den Strahl der Lampe auf etwas Helles im Wasser gerichtet und konnte nicht glauben, was ich da sah. Einen Menschen, einen toten Menschen!“ Sie fröstelte bei der Erinnerung daran und zog ihre Kapuzenjacke enger um ihren Körper.
„Um wie viel Uhr war das?“, fragte Mark.
„Das muss kurz vor halb sieben Uhr gewesen sein“, erinnerte sie sich.
„Und dann haben Sie die Polizei gerufen?“
„Ja, und die sagten, dass ich warten muss bis Sie kommen. Kann ich denn jetzt gehen?“, wollte sie wissen.
„Ich nehme an, dass Ihre Personalien schon aufgenommen wurden?“
„Ja“, bestätigte Frau Niemeyer.
„Gut, dann können Sie jetzt gehen. Oder soll Sie ein Beamter nach Hause fahren?“, erkundigte sich Mark fürsorglich.
„Wenn das geht“, seufzte Frau Niemeyer, „wäre es schön!“
Mark nickte dem Beamten am Steuer zu und der verstand.
„Frau Niemeyer, Sie müssen allerdings noch heute Nachmittag oder morgen früh auf die Wache kommen, um das Protokoll zu unterschreiben.“
„Das mache ich“, versprach sie und lächelte Mark dankbar an.
Mark schloss die Tür, ging zu seinem Wagen, nahm aus seinem Kofferraum Gummistiefel heraus, zog sie an und marschierte damit zu den wartenden Männern. Inzwischen war es so hell geworden, dass Mark den toten Körper erkennen konnte. Es war offensichtlich eine Frau. Sie lag mit dem Gesicht nach unten im Wasser, graue Haare ließen vermuten, dass sie nicht mehr die Jüngste war. Am Ufer selbst befanden sich tiefe Fußspuren von Cäsar und seinem Frauchen, aber auch andere, die wohl von den Polizisten stammten. Das matschige Ufer hatte jeden Schritt konserviert. Mark schaute sich genau um. Die Möglichkeit, dass die Frau hier ins Wasser gefallen oder geworfen worden war, schloss er aus. Der Weg war für ein Abrutschen zu weit vom Ufer entfernt und die Brücke lag stromabwärts. Dafür zeigte ihm verklumpter Unrat in den Zweigen einer halb überschwemmten Uferweide, dass die Strömung genau hier so Einiges gegen das Ufer trieb. Vermutlich war auch die Leiche vom Hochwasser hierher getrieben worden.
Mark gab den Männern ein Handzeichen und sie begannen mit der Bergung der Toten. Zwei Beamte legten eine Plastikplane aus, auf die sie den leblosen Körper gleiten ließen. Sie drehten ihn auf den Rücken, so dass Mark in das Gesicht der Frau schauen konnte. Es war stark aufgedunsen, teigig und weißgrau. Weder er noch ein anderer der Anwesenden kannte die Tote. Sie mochte zwischen fünfundsechzig und fünfundsiebzig Jahre alt sein. Sie trug eine helle Steppjacke und einen bunten Rock, der ihre dünnen Beine notdürftig bedeckte, aber keinen Schmuck, auch keinen Ehering. In der Steppjacke fanden die Beamten weder einen Ausweis noch irgendeinen Hinweis auf ihre Identität. Werner Koch, der anwesende Rechtsmediziner, konnte über den Todeszeitpunkt noch keine Angaben machen. Er schätzte, dass sie mindestens vier längstens sechs Tage im Wasser gelegen hatte. Näheres könne er erst nach der Obduktion sagen. Mark bedankte und verabschiedete sich. Im Moment konnte er nichts weiter tun als ins Büro zu fahren.
2. Kapitel
Im Polizeirevier traf Mark auf seine Kollegen, Jens Köppke und Kevin Schmitt. Sie waren begierig zu erfahren, was Mark am Haseufer entdeckt hatte. Mark zeigte den beiden das Foto der Leiche, das er mit seinem Handy aufgenommen hatte. Aber auch sie schüttelten den Kopf, sie kannten die Frau nicht. Es war ja auch nicht gesagt, dass sie aus dieser Gegend stammte, es konnte eine Touristin sein, das Emsland hatte in den letzten Jahren sehr an Beliebtheit gewonnen. Mark fuhr seinen Computer hoch und begann eine Datei vermisster Personen zu durchforsten. Niemand passte auf die Tote, entweder waren die vermissten Personen zu jung oder die Anzeige lag viel zu lange zurück. Mark war es ein Rätsel, dass es Menschen gab, die schon fast eine Woche verschwunden, aber offensichtlich nicht vermisst worden waren. Die Datei hatte nichts gebracht, also musste eine andere Methode her. Die Identität der Toten war die Voraussetzung für jede weitere Nachforschung. Mark sprach mit Kevin, der ein Spezialist für das Herstellen von Phantombildern war.
„Könnten Sie auch das Foto so bearbeiten, dass die Frau nicht so aufgedunsen aussieht?“
„Das kann ich versuchen“, meinte Kevin. „Wer braucht das Bild?“
„Ich möchte es an die Presse geben“, erklärte Mark, „aber nicht so entstellt!“
Mark sah Kevin zu, als dieser das Foto in den Computer lud. Mit einem speziellen Programm begann Kevin, Änderungen daran vorzunehmen. Das sah erfolgversprechend genug aus, dass Mark wieder in sein Büro ging und den Text für die Presse vorbereitete. Danach rief er bei der Zeitung an und bat die Redaktion um schnellstmögliche Veröffentlichung seines Textes. Man versprach ihm die Veröffentlichung bereits für Montagmorgen.
Wer kennt diese Frau?
Am Samstagmorgen wurde in der Hase der tote Körper einer 65-75 jährigen Frau geborgen. Sie ist mit einer hellen Steppjacke und einem bunt geblümten Rock bekleidet. Sie trug braune Schnürschuhe und beigefarbene Strümpfe. Wer Angaben zu dieser Person machen kann, melde sich bitte bei der Polizeiwache Haselünne. Der Ansprechpartner ist Kriminalkommissar Mark Kössner.
Mark nahm das inzwischen fertige Foto von Kevin und mailte es mit seinem Text an die Meppener Tagespost und zur Sicherheit noch an den EL-Kurier, weil er wusste, dass manche Haselünner keine Tagespost abonniert hatten.
Anschließend begann er, das Protokoll mit der Aussage von Frau Niemeyer anzufertigen. Er speicherte es ab und sagte Jens Köppke Bescheid, wo er es finden könnte, falls Frau Niemeyer schon am Nachmittag in das Büro käme, um es zu unterschreiben. Danach telefonierte er mit dem Rechtsmediziner und erkundigte sich nach Einzelheiten. Die helle Steppjacke stammte von der Firma Gerry Weber. Die Firma war bundesweit bekannt, das brachte ihn also in der Beurteilung vorerst nicht weiter. Außerdem lag die Grenze nicht weit, es konnte also durchaus auch eine Touristin aus einem der Nachbarländer sein. Er rief Vermisstendateien in den Niederlanden und Belgien auf, leider wieder fast ergebnislos. Eine Frau aus den Niederlanden war seit sechs Tagen vermisst gemeldet, passte aber vom Alter her nicht ganz. Aber wie alt die Tote war, wusste Mark ja nicht genau. Er hatte nur geschätzt. Vielleicht lag er mit seiner Schätzung total daneben und die Frau war erst Ende fünfzig. Er faxte ein Foto zu der Polizeistelle in den Niederlanden. Es dauerte keine zehn Minuten und Mark hatte die Antwort. Die beiden Frauen waren nicht identisch. Mark forschte weiter. Die Schuhe der Ertrunkenen waren von Tamaris. Da sah der Kommissar ebenfalls keinen Anhaltspunkt, der zur Identifizierung helfen könnte. Der geblümte Rock schien selbst genäht zu sein. Allein der Pulli unter der Jacke könnte auf eine Bewohnerin aus Haselünne deuten. Er trug ein Label der Firma Canda. Diese Firma befand sich im Industriegebiet von Haselünne. Damit war Mark Kössner erst einmal zufrieden. Für den Moment blieb ihm jetzt nichts weiter übrig, als nach Hause zu fahren.
Seine Frau Ella löcherte ihn bei einer Tasse Kaffee umgehend mit tausend Fragen. Sie nahm immer lebhaft Anteil an seinen Fällen und wollte natürlich wissen, warum er von seinen Kollegen am Samstagmorgen aus dem Bett geholt worden war. Mark erzählte Ella von dem schrecklichen Fund und zeigte ihr das Foto, aber auch sie konnte keine Aufklärung zu der Identität der Toten beitragen. Ihr fiel aber das Gleiche auf wie Mark.
„Wieso hast du nichts über sie in der Vermisstendatei gefunden? Irgendwer muss doch das Verschwinden dieser Frau bemerkt haben.“
„Wir wissen doch noch gar nichts über sie. Vielleicht war sie alleinstehend und deshalb hat sie keiner vermisst“, erklärte Mark.
Ella war nicht überzeugt. „Und was ist mit Nachbarn?“, fragte sie nach.
„Das wäre leider nicht das erste Mal“, knurrte Mark „dass jemand in seiner Wohnung stirbt und keiner der Nachbarn etwas bemerkt hat!“ Ella seufzte und nickte zustimmend.
Am Sonntagvormittag fuhr Mark wieder ins Büro und versuchte weiter, einen Hinweis auf die Identifizierung der Ertrunkenen zu finden. Er fragte bei ortsansässigen Hotels und Pensionen nach vermissten Personen. Ohne Erfolg. Am Nachmittag unternahm Mark mit seiner Frau einen Spaziergang, zunächst um den See und dann an der Hase entlang. Das Wetter war kühl, aber sonnig. Seine Gedanken hingen immer noch der Toten nach. Mark bemerkte, dass er Ella kaum zuhörte. Ständig suchte er mit den Augen das Ufer nach möglichen Stellen des Unfalls oder des Mordes ab. Aber die Ufer waren wegen des Hochwassers noch weitläufig und flach.
Selbst wenn hier jemand hineingefallen wäre, hätte er aufstehen und wieder hinauslaufen können. Er wäre nicht ertrunken. Das bedeutete, dass der Tod der Frau vor der Überschwemmung passiert sein musste. Wann hatte es angefangen zu regnen? Das muss am Wochenbeginn gewesen sein, rechnete Mark nach. Oder hatte es schon am Sonntag begonnen?
„Weißt du noch“, fragte er Ella, „wann es angefangen hat, so unaufhörlich zu regnen?“
„Ich glaube Sonntagnacht, denn Montag bin ich auf dem Weg zur Arbeit schon durch Wasserlachen gefahren.“
„Stimmt“, pflichtete er ihr bei, „jetzt fällt es mir auch wieder ein, ich musste vor dem Büro einer großen Pfütze ausweichen.“
Mark hakte seine Frau unter und machte sich mit einem selbstsicheren Lächeln etwas Mut. Er würde den Fall schon klären. Ella lehnte sich zärtlich an ihn und fragte, worauf er heute Abend Appetit hätte. „Soll ich uns ein Bauernomelett machen?“, fragte sie, nachdem von Mark keine Antwort kam.
Mark nickte begeistert. „Und einen grünen Salat!“, fügte er hinzu.
3. Kapitel
Am Montagmorgen schaute Mark erwartungsvoll in die Zeitung. Das Foto der Toten prangte oben auf der Seite „Lokales“. Er war gespannt, ob sich jemand dazu melden würde, deshalb beeilte er sich, ins Büro zu kommen. Als er zur Tür eintrat, hatten seine beiden Kollegen ihr Telefon am Ohr. Das sah vielversprechend aus. Tatsächlich hatten bereits verschiedene Leute angerufen, wie Köppke und Schmitt ihm berichteten. Aber alle behaupteten etwas anderes. Ein Anrufer meinte, dass er die Frau vorige Woche im Kaufhaus Schröder gesehen hätte, konnte aber keinen Namen nennen. Eine Anruferin glaubte eine alte Nachbarin aus Helte erkannt zu haben, der Name sei Gerda Wilmering. Aber wohin diese Frau Wilmering gezogen war, das wusste sie nicht. Auch der dritte Anruf brachte nicht die gewünschte Erkenntnis, musste aber trotzdem überprüft werden. Am wahrscheinlichsten erschien Mark der Anruf einer Elisabeth Vohrer. Sie glaubte in dem Foto ihre Freundin zu erkennen, von der sie schon seit einer Woche nichts mehr gehört oder gesehen hatte, was ungewöhnlich für sie war.
„Kommen Sie, Kevin, wir fahren direkt zu der Frau, um Näheres zu erfahren. Sie scheint die Tote gekannt zu haben“, sagte Mark und verließ von Kevin gefolgt das Büro.
Frau Vohrer wohnte in einem Mehrfamilienhaus auf dem Erikaweg 15. Sie ließ die beiden Männer, die vor ihrer Wohnungstür standen und sich als Kriminalbeamten auswiesen, sofort ein. Mark sah sich einer etwa siebzigjährigen recht korpulenten Frau gegenüber. Ihre langen, graublonden Haare waren in der Mitte gescheitelt und hinten zusammengebunden. Um ihre Rundungen etwas zu kaschieren, hatte sie ein lockeres Shirt über einer weiten, blauen Hose an. Mark und Kevin folgten ihr in ein geräumiges Wohnzimmer mit Eichenmöbeln und einer braunen Kunstledergarnitur. Eine rotgetigerte Katze sprang maunzend vom Sofa und verschwand mit hoch erhobenen Schwanz durch eine offene Tür in den Nebenraum.
„Bitte nehmen Sie doch Platz“, forderte Frau Vohrer sie auf und ließ sich selbst in einen Sessel fallen. Mark setzte sich ihr gegenüber auf das Sofa und zog einen Notizblock aus der Tasche. Den Kugelschreiber hielt er schreibbereit in der Hand.
„Also“, begann er, „Sie meinen, auf dem Foto Ihre Freundin zu erkennen?“
Auf dem Couchtisch lag die aufgeschlagene Zeitung und Frau Vohrer zeigte aufgeregt auf das Bild:
„Das ist Elvira, hundertprozentig!“ Sie schnaufte etwas. Vor Aufregung oder wegen ihrer Körperfülle?
„Elvira wer?“, fragte Mark nach, „und wo wohnt sie?“
„Elvira Enning, sie wohnt auf der Lingener Straße 140. Sie ist Witwe und wohnt dort allein!“
Mark notierte sich den Namen und die Adresse und schaute dann vom Notizbuch wieder hoch auf Frau Vohrer. Ihre Wangen zeigten hektische rote Flecken.
„Hat Frau Enning Kinder oder Verwandte hier in Haselünne?“
„Oh, doch, einen Sohn hat sie!“, japste Frau Vohrer wütend, „aber der lässt sich nicht bei ihr blicken! Können Sie das verstehen? Sie hat nur den einen Sohn. Ihr Mann ist schon lange tot. Aber die Mutter mal zu besuchen, ist für den Herrn Sohnemann wohl zu viel verlangt!“, erregte sie sich und ihre Wangen färbten sich noch röter.
„Aha“, machte Mark nur. „Sie wissen sicher, wo der Sohn wohnt?“
„Ja, der wohnt in Lehrte, aber die genaue Adresse weiß ich nicht. Dennis heißt er, Dennis Enning!“
Frau Vohrer schaute Mark herausfordernd an, so als wolle sie von ihm eine Bestätigung für das schlechte Benehmen des Sohnes haben. Mark reagierte nicht darauf, sondern stellte seine nächste Frage.
„Und mehr Verwandtschaft hat Frau Enning nicht?“
„Nur noch Boris, den Enkel“, prustete sie.
„Dann ist Dennis Enning verheiratet!“, stellte Mark fest.
„Ja, aber mit der Schwiegertochter kommt Elvira nicht gut aus. Das ist eine ziemliche Zicke, die ihr und Dennis das Leben schwer macht! Wenn Sie wüssten, was die Elvira alles angetan hat. Das Haus hat sie ihr verboten und den Kontakt zu Boris.“
Frau Vohrer kam sich mit ihrem Wissen um die Freundin offenbar sehr wichtig vor. Leute wie sie waren Mark unsympathisch, aber das durfte er sich nicht anmerken lassen. Trotzdem konnte er sich nicht verkneifen, Frau Vohrer auf die Tatsache von Frau Ennings Tod hinzuweisen. „Frau Vohrer, Sie sagten doch, Frau Enning sei Ihre Freundin gewesen. Da verwundert es mich etwas, dass Sie offenbar keine Trauer über ihren Tod empfinden.“
Frau Vohrer schaute Mark etwas verblüfft an und antwortete schnippisch: „Ich bin kein Typ, der vor anderen seine Tränen zeigt! Meine Trauer ist hier drinnen.“ Sie klopfte mit der Hand auf ihren mächtigen Busen und verzog ihr Gesicht etwas schmerzlich. „Was ist denn mit ihr passiert?“, fragte sie nun doch. „Warum ist sie ertrunken?“
„Das versuchen wir noch herauszufinden“, erklärte Mark kurz.
„Wie schrecklich, Elvira ist tot“, jammerte sie auf einmal schluchzend.
Mark ignorierte ihr Getue und stellte die nächste Frage: Wann hatte sie Frau Enning das letzte Mal gesehen? Frau Vohrer kniff die Lippen zusammen und schien nachzudenken.
„Das muss am Sonntag gewesen sein“, ließ sie dann verlauten. „Ja, genau, es war Sonntag. Elvira hat Sonntags immer Depressionen, weil sie doch früher mit Boris so gerne am Sonntag etwas unternommen hat. Sie hat mich jammernd angerufen und wir haben uns im Burgkeller verabredet, um dort einen Flammkuchen zu essen“, ergänzte sie.
Mark kannte den Burgkeller nur von außen. Er hatte da noch nie gegessen. Im Sommer konnte man dort allerdings gemütlich im Hof sitzen, wie er schon öfters gesehen hatte. Er müsste mit Ella einmal dorthin gehen, nahm er sich vor. Jetzt war es eigentlich schon zu kalt im Hof, aber der goldene Oktober hatte noch ein paar Sonnentage hervorgebracht. Vielleicht hatte er Glück und es war noch geöffnet.
„Hat sie dann irgendetwas Auffälliges gesagt oder war sie anders als sonst?“, wollte Mark wissen.
Frau Vohrer ächzte: „Sonntags ist es immer schrecklich mit ihr. Ich mag mir das Gejammer schon nicht mehr anhören, aber sie hat sonst niemanden. Sie sagt dann, am liebsten würde sie sich das Leben nehmen, aber das sagt sie schon seit Jahren!“
Mark dachte sofort, dass es dann doch Selbstmord gewesen sein könnte und meinte: „Vielleicht hat sie es dieses Mal tatsächlich getan!“ Dann fiel ihm ein, dass früher nicht alle Kinder schwimmen gelernt hatten, und Frau Enning gehörte in diese Zeit. „Wissen Sie zufällig, ob Frau Enning schwimmen konnte?“, fragte er deshalb.
Frau Vohrer richtete sich auf, man sah ihr an, dass sie es genoss, etwas zu wissen, was andere nicht wussten. „Nein, sie konnte nicht schwimmen“, bestätigte sie und fügte dann reißerisch hinzu: „Als Baby ist sie mal in der Badewanne unter Wasser gerutscht, als die Mutter sich gerade weggedreht hatte und seither hatte sie panische Angst vor Wasser.“ Sie schaute Mark erwartungsvoll an.
Hm. Das verkomplizierte die Lage wieder. Marks Gedanken rotierten. Warum sucht jemand dann den Freitod im nassen Element, wenn er Angst vor Wasser hat? Darüber musste er nachdenken oder mal mit einem Psychologen sprechen. Erst einmal fragte er weiter: „Und nach Sonntag hat sie sich nicht mehr bei Ihnen gemeldet?“
Frau Vohrer verzog leicht ihr Gesicht und quetschte ein „Nein“ zwischen ihren Lippen hervor.
„Wie oft haben Sie normalerweise Kontakt zu ihr?“, forschte Mark nach.
Frau Vohrer schnalzte leicht mit der Zunge. „Wir telefonieren recht häufig miteinander. Aber an diesem Sonntag war mir ihr Gejammer ziemlich auf den Geist gegangen. Ich war froh, danach nichts von ihr zu hören!“, gab sie etwas widerwillig zu.
Mark notierte ihre Aussagen, nickte Kevin zu und erhob sich. „Wir werden sicher noch einmal zu Ihnen kommen, Frau Vohrer, wenn Fragen auftauchen. Vorerst danke ich Ihnen.“ Mark reichte ihr die Hand. „Einen schönen Tag noch!“
Frau Vohrer stemmte sich schnaufend aus dem Sessel hoch und begleitete leicht watschelnd die Beamten zur Tür.
4. Kapitel
„Okay“, meinte Mark Kössner zu Kevin Schmitt, „wir werden erst einmal Frau Ennings Wohnung durchsuchen, um ihre Identität zu überprüfen. Fahren wir also zur Lingener Straße.“
Das Haus Lingener Straße Nummer 140 war ein Einfamilienhaus aus grauen Klinkersteinen mit einem niedrigen Dach. Der Vorgarten war mit dunkelgrauen Kieselsteinen belegt. Zwei große Eiben standen darin. Es sah ordentlich, aber langweilig aus. Sicherheitshalber schellten sie, aber wie zu erwarten war niemand im Haus. Kevin öffnete mit einem Dietrich die Tür und beide traten ein. Ein schmaler Flur empfing sie. Gleich hinter der Eingangstür war ein Schlüsselbrett an der Wand befestigt, daran hingen mehrere große und ein kleiner Schlüssel. Mark nahm den kleinen Schlüssel, öffnete und leerte damit den Briefkasten. Ein Brief von Ärzte ohne Grenzen und ein Zettel befanden sich darin.
Leider kann ich nichts machen. Tut mir leid.
Der Zettel trug keine Unterschrift, also muss Frau Enning die Schrift vertraut gewesen sein. Vielleicht stammte er von ihrem Sohn? Mark schaute sich im Haus weiter um. An der Garderobe hingen zwei dunkle Jacken und ein heller Mantel, zwei Paar braune Schuhe standen unterhalb. Ein Foto an der Wand zeigte einen lächelnden kleinen Jungen. Er mochte zwischen fünf und sechs Jahren sein. Außer einem kleinen Tischchen, auf dem ein Telefon stand, war weiter nichts im Flur. Am Ende des Ganges führte eine geöffnete Tür zum Wohnzimmer. Ein großes Blumenfenster gab den Blick in den kleinen Garten frei. Der bestand nur aus einer Grasfläche, die von einer dichten Grünhecke umgeben war. Dafür strotzte die Fensterbank vor blühenden Orchideen in allen Farben. Das Zimmer war mit Schrankwand, Sitzecke und Esstisch möbliert. Außer der direkt anschließenden kleinen Küche und dem großzügigen Bad gab es noch ein Schlafzimmer mit einem Doppelbett und einem großen Kleiderschrank. Der Raum daneben war ein Kinderzimmer mit bunten Möbeln und einer lustigen Tiertapete. Hier wird der Enkel Boris schlafen und spielen dürfen, vermutete Mark. Die beiden Beamten durchsuchten die Räume und die Schränke. Sie öffneten Schubladen, um die Identität von Elvira Enning anhand eines Ausweises bestätigen zu können. Außer Bankauszügen, die auf Elvira Enning lauteten, fanden sie jedoch nichts, keine Brieftasche und auch kein Portemonnaie. Mark vermutete, dass Frau Enning bei ihrem Sturz ins Wasser ihre Handtasche, in der vermutlich der Ausweis war, verloren haben musste. Er versiegelte das Haus und beide Männer begaben sich zurück zum Auto. Nun mussten sie dem Sohn die traurige Mitteilung überbringen.
Draußen im Auto bat Mark seinen Kollegen, Dennis Ennings Adresse in Lehrte ausfindig zu machen. Er startete seinen Wagen und fuhr schon einmal in die Richtung los, während Kevin mit seinem Smartphone hantierte. Kurze Zeit später konnte ihm Kollege Schmitt die Adresse nennen. Sie fuhren hin und parkten direkt vor dem Haus. Es war klein und rot verklinkert mit einem Vorgarten, der von einem weißen Zaun umgeben war. Mark und Kevin gingen durch ein Gartentor auf das Haus zu. Mark bemerkte, dass sich an einem Fenster eine Gardine bewegte. Sie wurden offensichtlich schon beobachtet. Tatsächlich öffnete sich die Haustür sofort nach ihrem Klingeln. Eine junge Frau schaute sie misstrauisch an. Sie war ein dunkler Typ, hatte etwas Südländisches an sich. Das enge, rote T-Shirt, das sie zu schwarzen Leggings trug, betonte ihre schlanke Figur. Sie zeigte beim Sprechen blitzblanke Zähne, aber ihr Gesichtsausdruck war unfreundlich, fast mürrisch. Mark stellte sich vor und bat, hereinkommen zu dürfen. Aber das erlaubte sie nicht. Selbst der Polizeiausweis machte keinen Eindruck auf sie.
„Mein Mann ist gegen 18.00 Uhr zu Hause, kommen Sie dann noch einmal wieder. Ich bin allein im Haus und lasse keine Fremden ein.“ Sie schaute misstrauisch von Mark zu Kevin und wieder zurück zu Mark.
Der setzte sein freundlichstes Lächeln auf und versuchte es noch einmal. „Es geht um Ihre Schwiegermutter, sie ...“,
„Mein Mann wird gegen 18.00 Uhr zu Hause sein“, unterbrach sie ihn schroff, „dann können Sie ihm sagen, was Sie zu sagen haben.“ Die Tür fiel heftig ins Schloss.
Mark und Kevin blieben verdattert davor stehen und schauten sich an. Mark klopfte an die Haustür und klingelte erneut. „Frau Enning“, rief er, „wo können wir Ihren Mann jetzt erreichen?“ Er bekam keine Antwort und die Tür wurde nicht wieder geöffnet.
Unwillkürlich musste Mark an den Satz von Frau Vohrer denken: „Die Schwiegertochter ist eine ziemliche Zimtzicke.“ Da schien etwas dran zu sein.
„Gut“, befand er, „dann werden wir noch einmal zur Lingener Straße fahren und die Nachbarn von Frau Enning senior befragen.“
Gesagt, getan.
5. Kapitel
Auf ihr Klingeln am rechten Nachbarhaus geschah nichts. Sie klingelten und warteten eine Weile, ehe sie das zweite Mal klingelten. Niemand öffnete, sie wandten sich dem linken Haus zu. Hier hatten sie mehr Erfolg. Eine junge Frau öffnete die Tür, an ihren Beinen hing ein kleines, quengelndes Kind. Sie beugte sich hinunter und nahm das Kind auf den Arm, richtete erst dann ihre Aufmerksamkeit auf die Besucher.
„Ja, bitte?“, fragte sie.
Mark bat darum, kurz herein kommen zu dürfen. Drinnen erklärte er den Grund seines Besuches und fragte nach Kontakten zu der Nachbarin Frau Enning.
„Wir wohnen noch nicht so lange hier. Eigentlich habe ich bislang keinen Kontakt zu ihr gehabt!“, sagte sie. „Wir grüßten uns, aber mehr auch nicht. Ich hatte das Gefühl, dass sie etwas gegen Kinder hatte, sie schaute sich meinen Kleinen nie richtig an, und der ist doch so süß, finden Sie nicht?“
„Doch“, gab Mark zu, „das ist er!“ Mark lächelte den Kleinen an, der scheute sich und versteckte sein Gesichtchen am Hals seiner Mutter.
„Und sonst, können Sie vielleicht etwas über Besucher sagen, die Frau Enning bekam?“, setzte Mark das Gespräch fort.
Die Frau schüttelte bedauernd den Kopf. „Leider kann ich Ihnen da auch nicht weiterhelfen, tut mir leid. Aber ich glaube mit den Nachbarn von gegenüber hatte sie Kontakt. Ich habe sie wiederholt nach drüben gehen sehen.“
„Gut, dann werden wir es dort versuchen, vielen Dank.“
Die junge Frau setzte den Jungen wieder auf den Boden und reichte Mark zum Abschied die Hand. Mark lächelte dem Kleinen zu: „Tschüss“, doch der antwortete nicht, sondern trottete auf seinen kleinen Beinchen davon.
„Wenn Frau Enning den Kleinen nicht angeschaut hat, lag es vielleicht daran, dass sie immer an ihren Boris denken musste und das tat ihr zu weh“, vermutete Mark draußen. Kevin nickte.
Auf der Lingener Straße war momentan allerhand Verkehr und Mark und Kevin mussten warten bis sie gefahrlos hinübergehen konnten. Im Vorgarten des Hauses gegenüber arbeitete ein älterer Mann, den sie auf Frau Enning ansprachen.
„Nee“, sagte der, „da müssense meine Frau fragen! Die traf sich schon ma mit der Elvira. Is wat mit ihr?“, fragte er und stützte sich dabei auf seine Schaufel.
„Leider ja, wir haben sie tot aus der Hase geborgen!“
„Nee, is nich möglich! Elvira? Tot? Ich hab das Bild in der Zeitung gesehen, aber ich habse nich erkannt. Kommense ma mit rein!“ Der Mann warf seine Schaufel zur Seite und ging voraus. Schon beim Öffnen der Haustür rief er laut:
„Martha, kannste ma kommen, hier is die Pollizei!“
Seine Frau, eine dürre Endsechzigerin in einem türkisfarbenen Hauskittel mit buntem Blumenmuster, kam auf Pantoffeln von oben die Treppe herunter.
„Was will die Polizei von uns?“
„Die Elvira is tot, die is inner Hase ertrunken! Was sagste dazu?“, rief er ihr entgegen.
„Elvira ist tot?“, fragte sie erschreckt zurück. „Um Gotteswillen, wie ist das passiert?“
Mark ging auf die Frau zu: „Sie sind Frau ...?“, fragte er.
„Martha Wolters, ja, was ist mit Elvira passiert?“ Sie schien ehrlich erschrocken zu sein, setzte sich in einen Sessel und schaute den Kommissar fassungslos an, dabei strich sie mehrfach ihren Kittel auf den Oberschenkeln glatt.
„Wir haben sie leblos in der Hase gefunden. Dort muss sie schon vor vier oder fünf Tagen hineingefallen sein.“
„Vor vier oder fünf Tagen schon, mein Gott! Das kann ich nicht glauben. Und wir haben nichts gemerkt. Anton, was sagst du dazu?“
Herr Wolters schüttelte nur mehrfach den Kopf und blieb stumm.
„Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“, forschte Mark nach und schaute abwechselnd das Ehepaar an.
„Jetzt, wo Sie das sagen, fällt mir auf, dass ich sie in den letzten Tagen nicht gesehen habe“, erinnerte sich Frau Wolters. „Gesprochen habe ich sie – warten Sie mal – letzte Woche. Ja, am Dienstag traf ich sie bei Hoppe auf dem Markt!“ Frau Wolters strich in nervöser Hektik erneut ihren Kittel auf den Oberschenkeln glatt.
„Ist Ihnen da etwas aufgefallen? War sie anders? Wirkte sie depressiv?“, wollte Mark von ihr erfahren.
Frau Wolters überlegte kurz und schüttelte den Kopf. „Nein, sie war wie immer, nicht Anton? Ich habe dir doch erzählt, dass ich sie getroffen habe!“
Der Angesprochene nickte wieder wortlos.
„Hatten Sie näheren Kontakt zu ihr? Können Sie mir etwas über ihre Familienverhältnisse erzählen?“, bat der Kommissar
Frau Wolters stellte das Streichen über dem Kittel ein. Sie nickte mehrfach. „Oh, ja, da gäbe es einiges zu erzählen. Sie war eine so liebe Person, dabei war sie bedauernswert, das hatte sie nicht verdient!“ Frau Wolters verzog ihr Gesicht zu einem schmerzlichen Ausdruck und schaute ihren Mann traurig an. Der nickte ihr aufmunternd zu und strich mit seinen Fingern über ihr Handgelenk. Mit lächelnden Augen wandte sie sich ihm kurz zu.
„Was hatte sie nicht verdient, was genau meinen Sie?“, hakte Mark nach.
Das Lächeln verschwand aus ihren Augen und seufzend erklärte sie: „Den undankbaren Sohn, der sie nicht mehr besucht, den hat sie nicht verdient. Sie hat ihn mit so viel Liebe groß gezogen. Das war nicht immer leicht für sie, nachdem ihr Hermann gestorben war.“ Frau Wolters nickte bestätigend und strich wieder den Kittel auf ihren Oberschenkeln glatt.
„Gab es einen Grund, weshalb er sie nicht mehr besuchte? Ist etwas vorgefallen?“, wunderte sich Mark.
Frau Wolters schüttelte den Kopf. „Das ist ja gerade das Schlimme, Elvira weiß es nicht. Gott, was hat sie alles für Dennis getan. Wenn er etwas haben wollte, was sie sich nicht leisten konnte, dann ging sie nach der Arbeit noch im Krankenhaus putzen, nur um ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Er ist ein guter Junge, ich kenne ihn seit seiner Geburt, aber dann kam diese Nadja und er hat den Verstand verloren!“ Sie seufzte noch einmal lautstark. Ihr Mann drückte ihr kurz die Hand.
„Ich werde gleich noch zu Herrn Enning fahren“, erklärte Mark, „vielleicht kann ich den Grund von ihm erfahren.“
Frau Wolters schaute ihn skeptisch an und spitzte ihre Lippen. „Da werden Sie nicht viel Erfolg haben, befürchte ich. Elvira hat auch versucht, mit ihm zu reden, aber er hat nur gesagt, er wolle seine Ruhe haben. Das war das Letzte, was sie von ihm zu hören bekam!“
„Das ist hart!“, sagte Mark und fragte dann: „Hat Frau Enning Ihnen gegenüber mal erwähnt, dass sie sich das Leben nehmen will?“
Frau Wolters blickte ihn erschrocken an. „Elvira? Sich das Leben nehmen? Nein, das hat sie nie gesagt! Das würde sie ihrem Boris auch nicht antun. Sie wartete ja darauf, dass er groß genug wird, um sich über das Verbot der Mutter hinwegzusetzen und sie wieder zu besuchen. Boris war ihr Ein und Alles! Sie hat nur immer gejammert, dass ihr so viel Zeit verloren geht, ohne den Enkel aufwachsen zu sehen. Sie würde ja auch nicht jünger, hat sie geklagt. Die arme Elvira, und nun hat sie es doch nicht geschafft.“ Sie blickte ihren Mann deprimiert an. „Ist das nicht traurig?“
„Das ist sehr traurig“, bestätigte Mark anstelle des Herrn Wolters, der immer noch schweigend dabei saß.
„Ja, das ist sehr, sehr traurig“, wiederholte Frau Wolters und ihr Mann nickte heftig mit dem Kopf.
5. Kapitel
„Bevor wir den Sohn besuchen“, wandte sich Mark an Kevin „möchte ich erst mit Dr. Koch sprechen, um zu erfahren, was die Obduktion ergeben hat.“
Die beiden fuhren zur Wache und Mark telefonierte mit dem Rechtsmediziner. Die Todesursache war eindeutig: Tod durch Ertrinken. Es gab allerdings eine Auffälligkeit, eine Wunde am Kopf. Leider konnte der Arzt dazu nichts Näheres sagen, es musste bei Vermutungen bleiben. Die Wunde am Kopf konnte von einem Schlag herrühren, aber auch beim Fall ins Wasser passiert sein, wenn der Kopf dabei auf einen harten Gegenstand getroffen wäre. Da bislang die Stelle nicht bekannt war, wo die Frau ins Wasser gefallen war, konnte er dazu nichts sagen.
„Konnten Sie den Todeszeitpunkt feststellen?“, fragte Mark.
„Auch das ist nicht genau zu sagen. Die Aufweichung der Haut lässt auf etwa fünf Tage schließen, aber ob es morgens oder abends geschehen ist ...? Es tut mir leid, dass ich Ihnen so wenig helfen kann. Wasserleichen zu beurteilen, ist besonders schwierig, da spielt auch die Temperatur des Wassers eine Rolle. Wie kalt war der Fluss, als sie hineinfiel? War er kälter als heute oder wärmer? Der viele Regen könnte den vorher warmen Fluss mächtig abgekühlt haben. Das alles muss man berücksichtigen, um den Zeitpunkt des Todes zu ermitteln. Aber ohne genaue Daten bin ich im Nachhinein nur auf Vermutungen angewiesen“, erklärte Dr. Koch.
Mark bedankte sich und beendete das Gespräch. Der Fall hatte sich schwieriger entwickelt, als er zunächst angenommen hatte. Natürlich konnte er einfach behaupten, es sei Selbstmord gewesen und die Sache auf sich beruhen lassen. Aber das war nicht seine Art. Wenn es ein Freitod gewesen war, brauchte er Beweise dafür. Ebenso für das Gegenteil, sollte es Mord gewesen sein. Nicht einmal die dritte Möglichkeit, einen ganz gewöhnlichen Unfall, konnte er sicher ausschließen.
Mark setzte zu seinem zweiten Versuch an, Dennis Enning zu treffen, um ihm vom Tod seiner Mutter zu erzählen. Er ging davon aus, dass Herr Enning den Artikel in der Zeitung nicht gesehen hatte, sonst hätte er sich bestimmt gemeldet.
Als Mark und Kevin vor die Haustür kamen, wurde ihnen sofort geöffnet, ohne dass sie geklingelt hatten. Ein großer, kräftiger Mann mit einer Stirnglatze stand im Türrahmen, neben ihm ein etwa neunjähriger, dunkelhaariger Junge in Jeans und T-Shirt. Mark zeigte seinen Ausweis und fragte den Mann, ob er Dennis Enning sei, der Sohn von Elvira Enning. Als das bejaht wurde, erklärte er ihm, dass er mit ihm wegen seiner Mutter sprechen wollte.
„Ja, das hat mir meine Frau schon gesagt, was ist mit ihr? Warum kommt die Polizei?“
Mark warf einen Blick auf den Jungen, der ihn mit neugierigen Augen anblickte, und bat:„Können wir mit Ihnen allein sprechen?“
„Boris, geh bitte in dein Zimmer!“, wies Dennis Enning seinen Sohn an. Der Junge zog die Schultern hoch, machte aber keine Anstalten zu gehorchen. „Geh bitte“, wiederholte der Vater barsch.
„Aber es geht doch um Omi, ich möchte auch wissen, was mit ihr los ist“, maulte Boris störrisch.
Mark fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Wenn die Oma so am Enkel gehangen hatte, dann war es sicher umgekehrt genauso. Er konnte die Nachricht vom Tod der Oma nicht dem Kind überbringen, das sollten besser die Eltern anschließend tun. Sie wussten, wie sie mit ihm umzugehen hätten.
„Ich muss leider mit deinem Papa allein sprechen“, erklärte Mark. „Er wird es dir nachher erzählen!“
Der Junge hob bittend seinen Blick zum Vater. Der schaute ihn nur streng an und der Junge trottete endlich davon. Herr Enning machte eine einladende Handbewegung. „Bitte kommen Sie ins Wohnzimmer!“
Ein heller Raum empfing die Beamten. Hohe Fenster, die bis auf den Boden reichten, Buchenschränke und eine rote Sitzgarnitur bestimmten das Bild. Auf einem Sofa saß die Ehefrau Nadja und strickte an einem langen bunten Schal. Mark und Kevin grüßten, als sie das Zimmer betraten. Sie schaute nur kurz hoch, sagte aber nichts. Dennis schloss die Tür und setzte sich neben seine Frau.
„Wir haben keine gute Nachricht für Sie“, begann Mark. „Ihre Mutter ist heute Morgen tot aufgefunden worden!“, fuhr er fort und beobachtete bei seinen Worten genau seine beiden Gegenüber. In Dennis Ennings Gesicht zeichnete sich Unglauben aus, bei seiner Frau glaubte Mark eine Spur von Freude zu sehen, ihre Augen leuchteten. War es Schadenfreude oder Triumph oder was war es?
„Mein Gott, tot aufgefunden, was genau heißt das?“, fragte Herr Enning bestürzt. „Ist sie zu Hause zusammengebrochen oder auf der Straße?“ Seine Stimme zitterte bei den Fragen, seine Augen schimmerten feucht.
„Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass Ihre Mutter tot aus der Hase geborgen worden ist! Sie muss schon vier oder fünf Tage im Wasser gelegen haben. Haben Sie sie nicht vermisst?“, forschte Mark nach.
Dennis Enning schaute ihn fassungslos an, dann schlug er die Hände vor das Gesicht, seine Schultern begannen zu zucken. Seine Frau legte das Strickzeug zur Seite und streichelte vorsichtig seinen Rücken.
Mark und Kevin wechselten einen verständnisvollen, aber traurigen Blick. Der Tod einer Mutter konnte niemandem egal sein.
Die Wohnzimmertür wurde aufgerissen und Boris stürzte ins Zimmer: „Omi ist tot? Meine Omi ist tot?“ Der Junge hatte offensichtlich vor der Tür gelauscht. Der Vater nahm die Hände vom Gesicht und den Jungen in den Arm. Beide weinten gemeinsam. Nadja Ennings Blick war teilnahmslos, sie nahm ihr Strickzeug wieder hoch, legte es aber gleich zurück in den Schoß, ohne eine Masche gestrickt zu haben. Sie saß stumm mit ausdrucksleeren Augen neben ihrem Mann.
Unter diesen Umständen wollte Mark niemanden mit Fragen belästigen. Die Familie musste erst den Schock überwinden. Er stand auf und reichte dem Mann die Hand. „Mein herzliches Beileid, Herr Enning. Wir müssen Ihnen einige Fragen stellen. Aber jetzt ist es wichtiger, Ihren Sohn zu trösten. Können Sie morgen früh mit Ihrer Frau auf die Wache kommen?“
Herr Enning nickte und wollte aufstehen, um sich zu verabschieden, aber seine Frau sprang schon auf.
„Ich bringe Sie hinaus.
„Bitte kommen Sie morgen früh mit Ihrem Mann zur Wache!“, wiederholte Mark noch beim Abschied an der Tür.
Sie schaute Mark kurz mit einem unterkühlten Blick an, aber sie antwortete nicht.
Auf dem Weg zurück zur Wache unterhielten sich Mark und Kevin im Auto über das merkwürdige Verhalten von Nadja Enning. Warum war die Frau so kaltschnäuzig?
Im Büro erledigten beide noch Schreibarbeiten, ehe sie gegen zwanzig Uhr Feierabend machten.
6. Kapitel
Am nächsten Morgen kamen Dennis und Nadja Enning schon kurz nach neun Uhr ins Kommissariat. Beide trugen dunkle Kleidung, dem Anlass entsprechend. Dennis Enning sah blass aus, seine Augen waren so geschwollen und gerötet, als hätte er die ganze Nacht geweint. Seine Frau wirkte gelassen, aber hatte wieder ihren mürrischen Gesichtsausdruck.
„Wie geht es Boris?“, wollte Mark gleich zu Beginn wissen.
„Er hat sich erst einmal beruhigt, aber inwieweit es ihn getroffen hat, werden erst die nächsten Tage zeigen“, erwiderte Herr Enning. Seine Frau schwieg.
„Ich möchte zuerst, dass Sie Ihre Mutter identifizieren, ehe Sie uns noch Fragen beantworten müssen.“
Dennis nickte.
„Möchten Sie mitkommen und sich von Ihrer Schwiegermutter verabschieden?“, fragte Mark die junge Frau. Sie schüttelte den Kopf.
Mark begleitete Herrn Enning zu Dr. Koch. Der fragte ihn vorsichtig, ob er sich die Identifizierung zutraue. Wasserleichen sahen ja meist nicht eben gut aus. Herr Enning bejahte nickend. Als er die Tote sah, nickte er wieder und Tränen schossen ihm aus den Augen. Mark ließ ihn mit Dr. Koch und der Toten allein, blieb aber vor der Tür stehen und wartete auf ihn.
„Wir möchten zuerst mit Ihnen allein sprechen“, erklärte der Kommissar, als er mit Dennis Enning wieder in seinem Dienstzimmer war. „Bitte warten Sie so lange draußen“, wandte er sich an Frau Enning.
Sie verzog ihr Gesicht zu einem Schmollmund, verließ aber wortlos den Raum. Mark setzte sich Herrn Enning gegenüber und schaute ihn genauer an. Herr Enning hatte ein sympathisches, etwas weichliches Gesicht. Ein Schnäuzer sollte ihn wohl etwas männlicher aussehen lassen, aber das gelang angesichts seines runden Gesichts nicht. Die leichte Stupsnase und die rosige Gesichtsfarbe taten ihr Übriges.
„Wie geht es Ihnen? Können Sie heute ein paar Fragen beantworten?“, begann Mark.
„Ja, das geht schon, aber ich denke, dass ich mehr Fragen an Sie habe. Ich habe mir die ganze Nacht mein Hirn zermartert. Wieso lag meine Mutter in der Hase? Ist sie da reingefallen? Aber sie hat Angst vor Wasser und geht gar nicht so nah an ein Ufer. Ich versteh das nicht. Oder hat sie jemand hineingestoßen? Aber wer sollte so etwas tun? Und warum?“ Dennis Enning knetete nervös seine Finger. Mark antwortete ruhig: „Das sind eine ganze Menge Fragen, die wir zu klären versuchen. Der Obduktionsbericht sagt, dass sie ertrunken ist, aber warum, das wissen wir noch nicht. Gab es einen Grund, warum Ihre Mutter sich vielleicht das Leben nehmen wollte?“
Herr Enning blickte von seinen Händen hoch und schaute Mark mit erschrockenen Augen an.„Selbstmord? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen, schon gar nicht im Wasser. Davor hatte sie zu viel Angst.“
Mark nickte, er sah das genauso. Aber vielleicht wollte die Frau mit der Wahl ihrer Todesart etwas ausdrücken? In ihrem Umfeld war die Angst vor dem Wasser offenbar bekannt! Vielleicht wollte sie damit auf ihre absolute Verzweiflung hinweisen, weil sie ihren Enkel nicht mehr sehen durfte?, überlegte er.
„Hatte Ihre Mutter Feinde, die auf ihren Tod aus waren?“
„Nein, bestimmt nicht, sie war eine liebenswürdige und hilfsbereite Frau. Wer sollte ihr etwas antun wollen?“, klagte der Sohn und blickte Mark hilflos an. Seine Augenlider flatterten leicht.
„Wie war denn Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter?“, fragte Mark trotzdem. Der Angesprochene zuckte zusammen.
„Wir hatten immer ein gutes Verhältnis!“, beeilte er sich zu sagen, schaute aber Mark dabei nicht an.
„Wann haben Sie sie zum letzten Mal gesehen?“
Jetzt zögerte Herr Enning mit der Antwort, Mark sah, dass ihm die Frage unangenehm war. Sein nervöses Augenzucken verstärkte sich. Mark wartete geduldig.
„Ungefähr vor einem Jahr“, murmelte Herr Enning dann leise.
Mark war entsetzt, versuchte das aber nicht so deutlich zu zeigen. „Vor einem Jahr? Was ist mit Geburtstag und Weihnachten? Haben Sie sie da nicht besucht oder eingeladen?“
Dennis Enning, der große Junge, saß vor Mark wie ein Häufchen Elend. Er schämte sich zutiefst, in seinen Augen schimmerten Tränen, das Sprechen fiel ihm schwer. „Das ging nicht, wegen Nadja“, gab er dann zu.
Hatte Mark richtig verstanden? „Wegen Ihrer Frau haben Sie Ihre Mutter nicht mehr besucht oder eingeladen?“, hakte er nach.
„Ja, Nadja mochte meine Mutter nicht. Wir hatten ständig Streit, wenn es um sie ging. Irgendwann habe ich aufgegeben, um Ruhe zu haben.“ Herr Enning hielt seinen Kopf gesenkt und malträtierte seine Finger.
„Aber Sie konnten Ihre Mutter doch ohne Ihre Frau besuchen!“, insistierte Mark.
„Das habe ich anfangs auch getan“, verteidigte sich Dennis heftig. „Aber Nadja hat dann gefragt: Wo bist du gewesen? Ich will nicht lügen müssen und habe es ihr gesagt. Dann hatte ich wieder das Theater und das Gemaule von ihr und dann habe ich es sein gelassen und bin nicht mehr hingegangen.“ Die Aussage machte ihm zu schaffen. Er nahm ein Taschentuch aus der Jacke und wischte sich über seine feuchten Augen und verschwitzte Stirn.
„Was genau hatte Ihre Frau gegen Ihre Mutter?“, wollte Mark wissen.
„Das war wegen Boris. Nadja war der Meinung, dass meine Mutter das Kind gegen sie aufhetzt“, murmelte Herr Enning.
„Denken Sie das auch?“
„Nein, aber Sie kennen Nadja nicht. Sie konnte alles so drehen, dass es negativ für meine Mutter aussah“, stöhnte er und atmete schwer.
„Gut, Herr Enning, dann werde ich mal Ihre Frau befragen. Fürs Erste sind wir fertig, aber wir kommen sicher mit weiteren Fragen auf Sie zu.“
„Was ist mit der Beerdigung?“, fragte Dennis Enning. „Sie sagten, der Obduktionsbericht liegt vor, dann wird doch die Leiche freigegeben, oder?“
Mark hätte es ihm gern bestätigt, aber so einfach war es nicht. Es waren noch ungeklärte Spuren an der Leiche. Das sagte er ihm. „Im Moment geht das noch nicht, aber ich sage Ihnen sofort Bescheid, wenn ich Genaues weiß!“
Er verabschiedete sich und bat Nadja Enning herein. Sie blieb vor ihrem Mann stehen und schaute ihn von oben herab an: „Du kannst schon nach Hause fahren, ich werde mich noch in Haselünne umschauen, jetzt, wo ich schon einmal hier bin! Ich komme mit dem Taxi nach!“
Ihr Mann machte den Mund auf, um etwas zu sagen, schwieg dann aber und ging mit hängenden Schultern und müden Schritten hinaus.
Mark machte keine lange Vorrede. Er kam sofort zur Sache. „Sie mochten Ihre Schwiegermutter nicht?“
„Ja, und?“, giftete sie, verschränkte ihre Arme vor der Brust und schaute Mark herausfordernd an.
„Gab es einen Anlass, dass Ihr Verhältnis zu ihr getrübt hatte?“, erkundigte sich der Kommissar.
„Es gab ständig Anlässe, sie mischte sich in alles ein, wollte immer alles besser wissen und sie hetzte Boris gegen mich auf. Ich musste mir dauernd von ihm anhören: Aber Omi hat gesagt ..., Omi findet aber ...Omi meint aber ..., Omi, Omi Omi. Ich konnte es nicht mehr hören! Und mein Mann blies ins selbe Horn! Wer bin ich denn? Gilt meine Meinung nichts? Was ich sagte und wollte, das interessierte niemanden!“, erregte sie sich.
Mark registrierte Nadja Ennings Eifersucht und konnte sich vorstellen, dass sie mit Verboten reagiert hatte, weil das wohl ihre einzige Waffe gegen ihre ungeliebte Schwiegermutter gewesen war, die doch Sohn und Ehemann so geliebt hatten.
„Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?“
„Gesehen habe ich sie letzte Woche, aber nicht gesprochen“, gab sie mürrisch zu.
„Sie sprachen also nicht mehr mit ihr?“, fragte Mark.
„Nein, dazu bestand keine Veranlassung! Ich habe ihr das Haus verboten.“
„War Ihr Mann damit einverstanden, hatte er auch Ärger mit seiner Mutter?“, erkundigte sich der Kommissar.
„Mein Mann ist ein Schwächling, der will nur seine Ruhe haben und macht, was ich will. Ich wollte auch nicht mehr, dass Boris zu ihr ging“, murrte sie und kniff ihre Lippen zusammen.
„Hing Boris nicht an seiner Oma? Fehlte ihm dann nicht der Kontakt zu ihr?“, bohrte Mark nach.
Sie verzog ihre Mundwinkel scharf nach unten. Ihr hübsches Gesicht bekam etwas Diabolisches.„Das glaube ich nicht, Boris hatte genug Kontakte zu seinen Freunden. Wozu sollte ihm der Kontakt zu einer alten Frau nützen?“, gab sie herzlos von sich.
Die Aussage irritierte Mark. Er erinnerte sich an seine Großmutter und wie gern er als Kind bei ihr gewesen war. Später hatte er sie nicht mehr so oft besucht, aber immer breitete sich ein warmes Gefühl in ihm aus, wenn er an sie dachte.
„Waren Sie denn nicht gern bei Ihrer Großmutter?“, fragte er nach.
Frau Ennings Mundwinkel hoben sich zu einem verächtlichen Lächeln. „Nein, eine richtige Oma habe ich nie gehabt. Die eine Oma sah ich selten, an sie kann ich mich kaum erinnern. Die andere Oma interessierte sich nicht für mich. Sie gab immer nur Geld zu meinem Geburtstag und meine Mutter kaufte dann in ihrem Namen etwas für mich. Aber dafür sollte ich mich bei der Oma bedanken, verlangte meine Mutter.“ Nadja Enning schwieg und Mark meinte, eine Spur von Traurigkeit in ihren Augen zu sehen.
„Und Ihr Mann? Wollte der seine Mutter nicht sehen?“
„Oh doch! Er war ein richtiges Muttersöhnchen, als ich ihn kennenlernte! Seine Mutter musste immer und überall dabei sein. Kein Wochenende ohne sie. Und ich? Ob ich das gut fand oder nicht, interessierte ihn nicht. Und außerdem konnte ich ihm nichts recht machen, immer hielt er mir seine Mutter unter die Nase. Mutti hatte alles anders gemacht, bei Mutti hat es besser geschmeckt, Mutti würde meinen, immer nur Mutti. Ich konnte es nicht mehr aushalten. Schließlich habe ich ihn vor die Wahl gestellt: Entweder deine Mutter oder ich!“
Sie schaute Mark triumphierend an.
Mark konnte ihr gefühlsmäßig nicht folgen. Er atmete tief ein, ehe er eine weitere Frage stellte.„Und wann war das ungefähr?“
Sie überlegte kurz.
„Das ist ungefähr zwei Jahre her!“, gab sie dann zu.
„Und bis dahin durfte Boris noch seine Oma besuchen?“
„Ja, er ging auf jeden Fall immer sonntags zu ihr, manchmal auch in der Woche, wenn ich etwas vorhatte!“
„Sind Sie berufstätig?“, wollte Mark noch wissen.
„Zur Zeit nicht, aber früher als Boris klein war, ging ich arbeiten.“
„Hatten Sie einen Krippenplatz?“
Sie verneinte.
„Wer hat sich um den Jungen gekümmert?“
„Dennis Mutter sorgte für Boris! Damit wurde alles noch schlimmer. Sie wollte bestimmen, was ich Boris zu essen geben, wie ich ihn erziehen sollte. Das ging gar nicht! Ich habe vor zwei Jahren aufgehört zu arbeiten und mich selbst um das Kind gekümmert!“
Mark hatte erst einmal genug gehört, er musste sich das Gesagte durch den Kopf gehen lassen und Rückschlüsse für sein weiteres Vorgehen ziehen. Er beendete das Gespräch.
„Frau Enning, ich danke Ihnen für Ihre Offenheit.“
Er ging vor ihr zu der Tür und öffnete sie. Nadja Enning ging grußlos an ihm vorbei und verließ den Raum mit schnellen Schritten.
7. Kapitel
Jens Köppke kam mit einer Tasse Kaffee herein und bot sie Mark an. Der griff gerne zu.
„Gab es was Neues bei den Aussagen von den Ennings?“, fragte Jens und setzte sich Mark gegenüber.
„Eigentlich nicht, Herr Enning ist tief betroffen, aber seiner Frau ist der Tod der Schwiegermutter wohl ziemlich egal, wenn nicht sogar recht“, berichtete Mark seinem Kollegen.
Gemeinsam gingen sie die Aussagen durch. Es sah eigentlich alles nach Selbstmord aus. Der fehlende Kontakt zu dem Sohn und dem geliebten Enkel, das herzlose Verhalten der Schwiegertochter ohne Aussicht auf Besserung, die Aussage von der Freundin Frau Vohrer, dass sich die alte Frau Enning das Leben nehmen wollte.
Dagegen sprach allerdings die Meinung von der Nachbarin Martha Wolters. Sie vertrat vehement die Meinung, dass Elvira Enning ihrem Enkel Boris nie ihren Selbstmord angetan hätte. Wer hatte recht?
„Sie müssen noch einmal mit Frau Vohrer sprechen, klären was sie genau von den Selbstmordabsichten weiß!“, schlug Jens vor und stand auf
Mark pflichtete ihm bei. „Ja, das habe ich auch schon gedacht. Ich werde gleich noch einmal hinfahren! Ich würde Kevin gerne mitnehmen, ist er da?“
„Nein, Kevin ist wegen eines Einbruchs auf der Mozartstraße unterwegs.“
Mark fuhr also allein zur Erikastraße und fand Einlass bei Frau Vohrer. Sie trug die gleiche Bluse wie am Vortag. Die Hose hatte sie gegen eine Jogginghose getauscht. Mark schoss der Gedanke durch den Kopf, dass sie bei ihrer Figur sicher kein Jogging machen würde, obwohl sie es nötig hätte.
„Wo ist denn der andere junge Mann?“, wollte Frau Vohrer gleich wissen. „Müssen Sie nicht immer zu zweit sein?“
„Meistens sind wir zu zweit, das ist wahr, aber es ist kein `muss´ “, erklärte Mark. „Ich möchte noch einmal mit Ihnen über Ihr Verhältnis zu Frau Enning sprechen.“
Er folgte Frau Vohrer ins Wohnzimmer.
„Wie lange kannten Sie Ihre Freundin schon?“, fragte er, nachdem er auf dem Sofa Platz genommen hatte.
Frau Vohrer setzte sich japsend in ihrem Sessel zurecht. „Schon ewig. Wir waren in derselben Klasse!“
„Dann haben Sie ja alles mitbekommen, den Tod ihres Mannes, die enge Beziehung zu Dennis und den Streit um Boris!“, stellte Mark fest.
„Ja, das kenne ich alles. Obwohl, das muss ich zugeben, früher waren wir nicht so eng befreundet, erst als auch mein Mann mich verließ, kamen wir uns näher.“
„Wann ist denn Ihr Mann gestorben?“
„Ich sagte, dass er mich verließ, nicht, dass er gestorben ist!“, dokumentierte sie bestimmt.
„Aha, gut, wann war das?“
„Vor 16 Jahren und 7 Monaten!“
„Das wissen Sie noch so genau? Erstaunlich!“
„Ja, es war ein einschneidendes Ereignis in meinem Leben. Für keine Frau ist es leicht, wenn sie von ihrem Mann wegen einer anderen Frau verlassen wird! Ich war damals ziemlich fertig, und als ich zufällig Elvira traf und mich ihr anvertraute, hat sie sich um mich gekümmert.“
„War sie da schon Witwe?“, hakte Mark nach.
„Ja, ihr Hermann war zwei Jahre davor an Herzversagen gestorben. Wie gesagt, mir ging es damals schlecht. Ich hatte Depression und habe an Suizid gedacht. Elvira hat sich wirklich sehr um mich bemüht, damit ich wieder lebensfroh werde. Deshalb musste ich mir umgekehrt natürlich auch ihr Gejammer anhören, als es ihr nicht gut ging.“
Frau Vohrer erhob sich ächzend aus ihrem Sessel und holte ein Fotoalbum aus dem Regal. Sie blätterte in dem Album und hielt Mark eine Seite hin.
„Sehen Sie, hier sind wir, Elvira, Dennis und ich. Wir hatten einen Ausflug nach Borkum gemacht! Damals haben wir oft am Wochenende Ausflüge gemacht. Und Boris war so ein netter, kleiner Kerl. Wir haben viel gelacht“, erinnerte sie sich.
Mark schaute sich das Foto an. Frau Enning sah nett und sehr lieb aus. Er kannte sie ja bisher nur als entstellte Wasserleiche. Frau Vohrer war damals noch nicht ganz so dick wie heute, und Boris lachte frech in die Kamera. „Nettes Foto“, bekannte Mark und wartete, was Frau Vohrer ihm weiter berichten würde.
„Also, ich hatte ja wenig Geld“, fuhr sie fort, „arbeiten gehen konnte ich nicht, sonst hätte ich die Unterstützung meines Mannes verloren. Aber der sollte zahlen für das, was er mir angetan hatte.“ Ihre Stimme war mit jedem Wort lauter geworden.
„Dann hat Frau Enning die Ausflüge bezahlt?“, folgerte Mark und notierte sich die Aussage, die Frau Vohrer ihm jetzt nannte:
„Ja, sie wollte doch, dass ich wieder Freude am Leben finde! Das war es ihr wert.“
Mark machte sich erneut eine Notiz.
„Hatte sie denn genug Geld? Bekam sie von ihrem Mann eine gute Rente?“
Frau Vohrer überlegte.
„Nein, ihre Witwenrente war recht klein, aber sie ging ja arbeiten!“, bestätigte sie dann fast fröhlich.
„Können Sie sich noch erinnern, wann Frau Enning ungefähr anfing, über Selbstmord zu reden?“
Frau Vohrer stützte ihr kräftiges Kinn in ihre dicken Hände und dachte nach.
„Das ist noch nicht so lange her; vielleicht vor zwei Monaten“, sagte sie dann.
„Ach, neulich sagten Sie, dass sie schon seit Jahren davon redete!“, staunte Mark.
Frau Vohrer wirkte etwas verwirrt, als sie antwortete: „Ich soll gesagt haben, dass sie schon seit Jahren davon redete? Vielleicht haben Sie sich verhört?“
Mark blätterte in seinem Notizblock zurück, fand die Stelle und las sie vor:
„Elvira redet schon seit Jahren davon, sich das Leben zu nehmen.“ Frau Vohrer stieß geräuschvoll Luft durch die Nase.
„Wahrscheinlich habe ich das so gemeint, wie man das oft so sagt, seit Jahren und es ist erst kürzlich gewesen“, versuchte sie ihre Aussage zu erklären.
„Okay“, sagte Mark. „Hat sie erwähnt, wie sie ihr Leben beenden wollte?“
„Nicht so direkt, mehr so allgemein!“ Frau Vohrer streckte sich und schlug die Beine übereinander, als ob sie einer gemütlichen Plauderstunde beiwohnte.
Mark ließ nicht locker, er wollte es wissen. „Können Sie das näher erläutern? Was genau hat sie gesagt?“
Frau Vohrer legte ihre Hände aneinander und schien nachzudenken. „Nun ja, mal hat sie gejammert, dass sie sich einen Strick nimmt, wenn sie Boris nicht mehr sehen darf, mal hat sie gesagt, dann gehe ich ins Wasser!“, antwortete sie.
„Sie wollte ins Wasser gehen? Hat sie das nicht stutzig gemacht? Sie kennen doch ihre Angst davor!“
Wieder streifte ihr etwas irritierter Blick Mark.„Ich habe es nicht ernst genommen. Ich dachte, das sagt sie nur so dahin und habe deshalb nicht nachgefragt.“ Die Fragen waren ihr wohl unangenehm, sie zog ihre Beine wieder ein und rutschte unruhig im Sessel hin und her.
Mark fuhr mit seiner Befragung fort. „Hatte sie außer Ihnen noch andere Freunde?“
„Kaum, mit der Nachbarin von gegenüber hatte sie Kontakt und vor Kurzem hatte sie einen Mann kennengelernt, mit dem sie sich in letzter Zeit häufig getroffen hat. Meinen Rat, sich mit keinem Mann einzulassen, hat sie ignoriert.“
Frau Vohrer setzte eine beleidigte Miene auf. Mark registrierte aber auch eine gewisse Traurigkeit und fragte deshalb: „Waren Sie darüber enttäuscht?“
„Natürlich. Wir haben uns jahrelang genügt. Was hatte da jetzt ein Mann zu suchen?“ Ihre Unterlippe schob sich schmollend vor.
„Wie lange kannte sie ihn schon?“, erkundigte sich Mark interessiert.
„Das kann ich nicht genau sagen, erzählt hat sie mir erst neulich von ihm! Ich hatte mich gewundert, dass sie neuerdings wenig Zeit hatte und da hat sie es zugegeben“, schmollte Frau Vohrer weiter.
Mark verstand ihre Enttäuschung.„Das war dann doppelt schlimm für Sie, zuerst weiht ihre Freundin Sie nicht ein und dann trifft sie sich mit einem Mann!“, sagte Mark.
Frau Vohrer nickte heftig und stieß laut pustend ihren Atem aus.
„Können Sie mir seinen Namen und die Adresse des Mannes geben?“
„Ja, er heißt Manfred Bauer und wohnt in Lahre auf dem Kirchweg. Die Hausnummer weiß ich allerdings nicht“, betonte sie. „Und wenn Sie ihn besuchen wollen, werden Sie kein Glück haben, er ist für eine Woche zu seinem Bruder nach Hamburg gefahren! Deswegen habe ich mir ja in den letzten Tagen auch keine Sorgen um Elvira gemacht, ich dachte, dass sie mitgefahren ist“, klagte sie.
„War Herr Bauer am Sonntag schon verreist als sie sich im Burgkeller trafen?“, interessierte sich Mark.
„Nein, er wollte erst am Montagmorgen fahren, deshalb hat Elvira doch so viel gejammert und gesagt, jetzt sehe ich ihn eine Woche nicht mehr“, erinnerte sie sich.
„Ich dachte, sie hat wegen Boris gejammert, haben Sie das nicht gestern gesagt?“
Frau Vohrer ärgerte sich sichtlich darüber, dass Mark sie immer mit ihren eigenen Aussagen konfrontierte. „Ist doch egal warum, sie hat jedenfalls gejammert!“, raunzte sie.
Mark sah momentan keinen Sinn in einer weiteren Befragung und erhob sich, um zu gehen.
„Bleiben Sie ruhig sitzen!“, sagte er zu Frau Vohrer, die sich ächzend anschickte, sich aus dem Sessel zu quälen. „Ich finde allein hinaus.“
8. Kapitel
So, dachte Mark, als er schon wieder im Auto saß da war also ein Mann im Spiel, das konnte einiges verändert haben. Er musste noch einmal mit Frau Wolters sprechen und mit den Nachbarn, die er gestern nicht erreicht hatte. Keinen der Beteiligten konnte Mark nach einem Alibi fragen, weil der Todeszeitpunkt nicht feststand und wahrscheinlich auch nicht mehr geklärt werden würde.
Er fuhr zum Büro und schrieb anhand seiner Notizen ein Gesprächsprotokoll von seinem Besuch bei Frau Vohrer. Er hatte ein ungutes Gefühl bei diesem Bericht. Erklären konnte er es sich nicht. Lag es daran, dass ihm die Frau unsympathisch war? Nun, er war erst am Anfang seiner Nachforschungen, es konnte sich noch einiges ergeben.
Kevin war von seinem Einsatz zurück. Mark nahm ihn jetzt zur Befragung der Nachbarn mit. Sie klingelten zuerst bei Frau Ennings Nachbarin auf der rechten Seite, die gestern nicht zu Hause war. Magdalene Ewers stand an der Türklingel. Dieses Mal wurde ihnen die Tür nach einer geraumen Weile geöffnet. Eine weißhaarige, alte Dame schaute die beiden Beamten über ihre Lesebrille fragend an.
„Mark Kössner und mein Kollege Kevin Schmitt“, stellte er sich vor und zeigte seinen Dienstausweis.
„Wir haben ein paar Fragen zu Ihrer Nachbarin Frau Enning. Können wir kurz hereinkommen?“
Frau Ewers nickte, trat zur Seite und ließ die Beamten eintreten. Sie lief mit trippelnden,leicht unsicheren Schritten voraus. Die Männer folgten ihr in die Küche, wo um einen Tisch herum vier Stühle standen.
„Bitte setzten Sie sich.“ Mark und Kevin folgten der Aufforderung.
„Wissen Sie, was Frau Enning passiert ist?“, leitete Mark das Gespräch ein. Die alte Dame nahm ihre Brille ab und machte ein betrübtes Gesicht.
„Ja, Frau Wolters hat es mir erzählt, wie schrecklich! Und ich habe gedacht, sie ist verreist, als sie nicht zu mir kam“, klagte sie.
„Sie hatten näheren Kontakt zu Frau Enning?“, fragte Mark.
„Ja, sie hat mir viel geholfen. Ich bin einundneunzig und da benötige ich schon mal Hilfe. Frau Enning war immer hilfsbereit und nichts war ihr zu viel. So eine liebe Person und nun ist sie tot, dabei war sie viel jünger als ich. Ich kann das nicht begreifen“, jammerte sie. In ihren wässrigen, blauen Augen schimmerten Tränen.
„Haben Sie den Eindruck, dass Frau Enning sich selbst das Leben genommen haben könnte?“, fragte Mark vorsichtig.
Frau Ewers schaute ihn entgeistert an.
„Selbstmord? Niemals! Das hat ihr jemand angetan!“, empörte sie sich.
„Was macht Sie da so sicher?“, wollte Mark wissen.
„Sie war doch so glücklich mit ihrem Herrn Bauer. Sie hätten mal sehen sollen wie sie strahlte, seit es ihn in ihrem Leben gab“, versicherte sie. „Fast täglich hat er sie besucht. Weiß er das schon?“, überlegte sie dann.
„Nein, wahrscheinlich nicht. Er soll zur Zeit in Hamburg sein!“, klärte Mark sie auf.
Frau Ewers fasste sich an die Stirn. „Stimmt“, gab sie zu, „das hatte ich ganz vergessen. Das passiert mir schon mal in meinem Alter“, fügte sie entschuldigend hinzu. „Aber morgen kommt er wieder. Der arme Mann tut mir jetzt schon leid!“ Und dann fiel ihr ein, dass sie selbst auch zu bedauern war.
„Und ich? Wer hilft mir jetzt, wo Elvira tot ist?“, seufzte sie aus tiefster Seele. Die alte Dame tat Mark leid. Mit einem Mal ohne eine Hilfe dazustehen, war sicher schwierig für sie.
Er tätschelte kurz ihre Hand und schlug vor:„Meine Frau ist auch eine ganz Liebe und würde sicher gern für Frau Enning einspringen, wenn Hilfe gefragt ist.“ Er nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte und gab sie ihr. „Dort finden Sie meine Telefonnummer, sagen Sie mir einfach Bescheid.“
„Meinen Sie das im Ernst?“, fragte sie erfreut.
„Natürlich“, erwiderte er.
Es gab eine kleine Gesprächspause in der Mark nachdachte. Frau Ewers war jetzt schon die zweite Frau, die nicht an einen Selbstmord glaubte. Natürlich konnte es sein, dass Frau Enning sich einer Freundin mehr anvertraute als einer Nachbarin, aber Mark machte sich diesbezüglich seine Gedanken. Frau Vohrer schien ihm keine zuverlässige Zeugin zu sein. Sie hatte sich schon mehrfach widersprochen. Natürlich machte sie das nicht automatisch zur Mörderin, zumal er kein Motiv bei ihr sah. Nein, nicht nur bei ihr, er sah nirgendwo ein Motiv. Sicher die Schwiegertochter mochte sie nicht, aber durch ihre Verbote hatte sie ja erreicht, was sie wollte und keine Veranlassung mehr, sie umzubringen.
„Frau Ewers, kennen Sie Herrn Bauer persönlich?“
Frau Ewers nickte lächelnd: „Ein ganz netter Mann! Elvira hat ihn mir vorgestellt! Er ist Witwer und genauso allein wie sie.“
„Wie lange kennen sich die Beiden, wissen Sie das zufällig?“
Frau Ewers dachte einen Moment lang nach. „Ich denke, so sechs Monate könnten es wohl sein!“
Der Kommissar überlegte kurz und fragte nach: „Haben Sie in dieser Zeit eine Veränderung an Frau Enning festgestellt?“
„Unbedingt, sie wirkte viel gelöster und fröhlicher! Nicht nur deshalb meine ich auch, dass ein Selbstmord nicht in Frage kommt. Es sei denn, Herr Bauer hat ihr den Laufpass gegeben, aber davon weiß ich nichts.“
„Nun das können wir klären, wenn Herr Bauer zurück ist. Frau Ewers, ich danke Ihnen und hoffe, Sie werden die Hilfe meiner Frau auch wirklich in Anspruch nehmen.“
Die alte Dame lächelte ihn an, ein Strahlen ging dabei über ihr runzeliges Gesicht und ließ sie plötzlich jung aussehen. Mark sah es, ein warmes Gefühl durchströmte sein Herz. Unwillkürlich kam ihm seine Großmutter in den Sinn. Er verabschiedete sich herzlich und ihr Lächeln begleitete ihn noch, als er und Kevin schon wieder im Auto saßen.
9. Kapitel
Mark setzte seinen Kollegen im Büro ab und fuhr weiter zu der Grundschule, in die Boris ging. Er wollte unbedingt sehen, wie es dem Jungen ging. Boris hatte so herzzerreißend geschluchzt, als er von dem Tod seiner Oma erfahren hat. Es war Mark nah gegangen.
Viele Kinder hatten gerade Unterrichtsende und strömten aus dem Gebäude. Vielleicht hat Boris auch Schulschluss?, dachte Mark und wartete im Auto. Und tatsächlich, Boris kam mit eingezogenen Schultern und hängendem Kopf als einer der Letzten heraus. Mark stieg aus und ging auf ihn zu: „Hallo Boris, kennst du mich noch?“, sprach er ihn an. Boris nickte und blickte fragend zu ihm hoch.
„Wie geht es dir?“, fragte Mark den Jungen.
„Gaanz guut“, antwortete er gedehnt.
„Das war ein ziemlicher Schock für dich, nicht?“, fuhr Mark fort. „Die Omi hat dich sehr lieb gehabt, weißt du das?“
„Ja, sie war die beste Oma der Welt!“, rief er mit leuchtenden Augen. „Manchmal hat sie nach der Schule auf mich gewartet, aber ich durfte das nicht Mama erzählen!“
„Das ist ein bisschen traurig, nicht wahr? Wann hast du sie zuletzt gesehen, kannst du dich daran erinnern?“
„Ja, am vorletzten Donnerstag, sie kam oft am Donnerstag, weil sie morgens auf den Markt ging“, erzählte Boris freimütig.
„War etwas Besonderes am letzten Donnerstag?“
„Ja“, strahlte der Junge, doch im selben Moment kräuselten sich seine Lippen zum Weinen.
Mark fasste ihn unters Kinn und hob den Kopf des Jungen an. „Was ist? Warum bist du jetzt so traurig?“, fragte er teilnahmsvoll.
„Weil ...“, schluckte Boris, „weil sie mir nicht mehr sagen kann, welche große Überraschung sie für mich hat.“
„Sie hatte eine Überraschung für dich? Hat sie das gesagt, sonst nichts?“, forschte Mark nach.
„Nein, nur dass sie eine große Überraschung für mich hätte!“ Der Junge schüttelte traurig den Kopf, aber im selben Moment drehte er sich um und rannte los: „Mein Bus, mein Bus fährt weg.“
Mark sah, dass Boris gerade noch durch die Bustür schlüpfen konnte, ehe der Bus abfuhr.
Wenn Frau Enning ihren Enkel nach der Schule getroffen hatte, war also bis zur Abfahrt des Busses nie viel Zeit, um sich zu unterhalten, das wurde Mark klar. Vielleicht hat sie deshalb nur von einer Überraschung gesprochen ohne sie näher zu erläutern. Den Bus zu verpassen, konnte sich Boris nicht erlauben, da wäre seine Mutter misstrauisch geworden. Armer Boris. Er stand genauso wie sein Vater unter der Fuchtel von Nadja Enning.
Ich muss die Wohnung von Frau Enning noch einmal durchsuchen, vielleicht finde ich einen Hinweis auf die Überraschung und Boris kann sie doch noch bekommen, dachte Mark. Zunächst aber fuhr er zurück ins Büro und erledigte dort Schreibarbeiten. Die Wohnung von Frau Enning nach einer Überraschung für Boris zu durchsuchen, musste erst einmal warten.
Am Abend zu Hause überraschte ihn Ella mit einer Information zu seinem Fall. Eine ihrer Arbeitskolleginnen hatte das Bild der Toten in der Zeitung gesehen und behauptet, sich an sie erinnern zu können. Und zwar war die Kollegin mit ihrem Mann vergangenen Sonntag im Burgkeller gewesen und am Nebentisch hätten Frau Enning und eine ziemlich dicke Frau gesessen.
„Ja, das weiß ich. Frau Vohrer hat es mir erzählt, es war das letzte Mal, dass sie mit ihrer Freundin gesprochen hat.“
„Hattest du nicht gesagt, dass Frau Enning ihrer Freundin die Ohren voll gejammert hätte?“, fragte Ella nach.
„Ja, so hat es Frau Vohrer berichtet.“
„Meine Kollegin behauptet das Gegenteil. Frau Vohrer hätte gejammert und wollte, dass sie diesen `Kerl´– wie sie sich ausdrückte – fallen lassen soll. Sie wäre dabei ziemlich laut geworden!“, erzählte Ella aufgeregt.
„Mmh“, machte Mark „das wirft ein ganz neues Licht auf den Fall. Kannst du deine Kollegin bitten, auf die Wache zu kommen, um eine Aussage zu machen?“
Ella nickte. „Ich rufe sie am besten gleich zu Hause an“, schlug sie vor. „Morgen muss ich erst nachmittags arbeiten, da werde ich sie nicht treffen.“
10. Kapitel
Am nächsten Morgen gegen 9.00 Uhr rief Mark bei Manfred Bauer in der Hoffnung an, dass der am Abend zuvor nach Hause gekommen war. Das war der Fall. Mark stellte sich als Kriminalkommissar vor und erklärte ihm, dass er ein paar Fragen zu Frau Enning an ihn hätte.
„Sie sind von der Polizei? Ist etwas mit Elvira?“, rief Herr Bauer aufgeregt. „Ich habe schon mehrfach vergeblich versucht, sie telefonisch zu erreichen.“
„Herr Bauer, es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass Frau Enning tot aufgefunden wurde. Deshalb möchte ich mit Ihnen sprechen. Passt es Ihnen, wenn ich gleich vorbeikomme?“
Herr Bauer schnappte hörbar nach Luft. „Tot? Mein Gott, das ist doch nicht möglich“, stöhnte er und sein Atem röchelte durchs Telefon. „Was ist passiert?“
Mark machte sich Vorwürfe, dass er Herrn Bauer die Nachricht so schonungslos am Telefon mitgeteilt hatte. Offensichtlich war der alte Mann mit der Nachricht überfordert. Mark hätte es ihm besser persönlich sagen müssen. Was ist, wenn Herr Bauer jetzt einen Herzanfall bekommt und keiner ist da, um zu helfen?
„Herr Bauer, ich komme sofort zu Ihnen, dann erkläre ich es Ihnen“, schloss Mark das Gespräch rasch ab und legte das Telefon auf die Ladestation zurück.
Zehn Minuten später stand Mark vor der Tür. „Mein Gott! Was ist passiert?“, stieß der alte Mann hervor, als er Mark geöffnet hatte. Er hatte sich offenbar sehr hastig angezogen, denn sein kariertes Hemd war falsch zugeknöpft, er war unrasiert und seine weißen Haare standen ungekämmt zu Berge. Sein sympathisches Gesicht sah sehr betrübt aus.
„Kann ich erst einmal herein kommen?“, fragte Mark.
„Entschuldigung, ja bitte, treten Sie ein.“ Herr Bauer deutete ins Hausinnere. Mark folgte ihm durch den Flur ins Wohnzimmer und nahm auf einem beigefarbenen Sessel Platz. Der alte Herr setzte sich auf das Sofa gegenüber und schaute Mark aufgeregt an.
Der Kommissar kam direkt zur Sache. „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Frau Enning tot aus der Hase geborgen wurde!“
Ungläubig starrte Herr Bauer ihn an. „Aus der Hase?“, krächzte er, „wieso aus der Hase?“ Seine Unterlippe zitterte. Er nahm ein Taschentuch aus der Hose, tupfte sich damit über die Augen und schnäuzte sich. „Was machte sie in der Hase? Ich versteh' das nicht! Sie hatte doch Angst vor Wasser.“ Er sprang auf und lief im Wohnzimmer hin und her.
„Vielleicht wurde sie hineingestoßen oder aber sie ist gestolpert und hineingefallen? Das versuchen wir herauszufinden.“
Herr Bauer schüttelte immer wieder kaum merklich seinen Kopf, als wollte und könnte er es nicht begreifen.
„Erzählen Sie mir von ihr, wie lange kannten sie sich?“, forderte Mark ihn auf. Ein leerer Blick aus trüben Augen traf Marks Seele.
Herr Bauer setzte sich wieder auf das Sofa. Er schaute Mark traurig an: „Wir kennen uns jetzt sieben Monate. In der Praxis von Dr. Sievert haben wir uns zum ersten Mal getroffen. Wir haben uns in der Wartezeit unterhalten und sie gefiel mir“, erzählte er. Die Erinnerung daran ließ ihn das traurige Ereignis für einen Augenblick vergessen. Fast gelöst berichtete er weiter: „Sie war nach mir dran, deshalb habe ich draußen auf sie gewartet und sie dann nach Hause begleitet. Sie hat mich etwas an meine verstorbene Frau erinnert. Maria war auch so zurückhaltend und lieb gewesen. Aber die habe ich leider schon vor zwei Jahren verloren.“ Er stützte bekümmert seinen Kopf in die Hände und erzählte weiter: „Ich sah Elvira an, dass sie nicht glücklich war. Und als ich sie darauf ansprach, hat sie mir ihr Leid geklagt. Der einzige Sohn meldet sich nicht mehr, die Schwiegertochter verbietet den Kontakt zum Enkel und ihre einzige Freundin nutzt ihre Gutmütigkeit aus.“ Herrn Bauers Blick wanderte zum Fenster, er schwieg jetzt.
„Manchmal ist es einfacher, einem Fremden seine Sorgen mitzuteilen, da kann ich Frau Enning gut verstehen“, nahm Mark den Faden behutsam wieder auf. Dass Frau Ennings Kontakt zu dem Sohn und Enkel abgebrochen war, wusste er bereits, aber dass die Freundin deren Gutmütigkeit ausgenutzt hatte, war neu für ihn. „Wissen Sie mehr über diese Freundin, wieso sie Frau Enning ausnutzt?“, fragte er interessiert.
„Sie hat grundsätzlich erwartet, dass Elvira bezahlt, wenn sie irgendwohin gingen. Und sie hat Elvira bekniet, ihr Haus nicht an Dennis oder Boris zu vererben. Sie sei es schließlich, die sich immer um sie gekümmert hätte.“
Mark horchte auf, da zeichnete sich zum ersten Mal eine Art Mordmotiv ab. Mord aus Habgier! „Wissen Sie, ob Elvira darauf einging? Hat sie ihr Testament zugunsten der Freundin geändert?“
„Ich glaube nicht, zumindest hat sie gesagt, dass sie es nicht machen will. Aber manchmal hatte sie wieder Zweifel, weil Elisabeth ihr eingeredet hat, dass Boris ihr Haus nicht brauchte, er würde ja das Haus der Eltern erben. Und Dennis sollte bestraft werden, weil er sich nicht um sie gekümmert hatte. Manchmal überlegte Elvira, ob Elisabeth nicht recht hätte. Ich war jetzt gerade eine Woche in Hamburg, ob sie ihr Testament jetzt doch geändert hat, weiß ich deshalb nicht. Wann genau ist Elvira ertrunken?“
„Leider wissen wir das nicht, sie hat vermutlich fünf Tage im Wasser gelegen“, gab Mark zu.
„Was, so lange?“, entsetzte sich sein Gegenüber. „Wieso ist sie nicht eher entdeckt worden? Hat Frau Vohrer denn keine Vermisstenanzeige aufgegeben?“ Wieder begann er seinen Kopf leicht zu schütteln.
„Nein, Frau Vohrer war der Meinung, dass sie mit Ihnen nach Hamburg gefahren ist. Die Leiche ist nicht eher entdeckt worden, weil wir hier Hochwasser hatten. Man konnte also nicht am Ufer spazieren gehen. Außerdem wurde sie nur gefunden, weil sie sich im Ufergestrüpp verfangen hatte und so bei dem sinkenden Wasserstand an die Wasseroberfläche kam“, erklärte Mark.
Herr Bauer konnte es wohl nicht richtig fassen, er starrte blicklos aus dem Fenster und schwieg minutenlang. Dann schaute er den Kommissar wieder an. „Aber jetzt ist sie gefunden worden. Wann ist denn die Beerdigung? Kümmert sich ihr Sohn darum?“
„Davon gehe ich aus. Zumindest wollte er wissen, wann die Leiche freigegeben wird. Ich denke, dass das spätestens in zwei Tagen der Fall sein wird.“
Herr Bauer wirkte zerknirscht. „Ob Sie mir Bescheid sagen könnten, wann die Beerdigung stattfindet? Dennis weiß ja gar nicht, dass es mich im Leben seiner Mutter gibt! Von da werde ich nichts erfahren.“
„Ich denke von den Nachbarn können Sie es auch erfahren, aber ich werde versuchen, daran zu denken.“ Dann stand er auf, um zu gehen. „Sollte Ihnen noch irgendetwas einfallen, was uns hilft, den Fall aufzuklären, lassen Sie es mich bitte wissen“, sagte er und wandte sich dem Ausgang zu.
Herr Bauer folgte ihm langsam und mit gesenktem Kopf. „Ich kann das nicht begreifen, Elvira ist tot!“, murmelte er hilflos und traurig an der Haustür. „Bitte, Herr Kössner, sorgen Sie dafür, dass ihr Tod aufgeklärt wird!“
„Ich werde alles tun, um den Fall aufzuklären“, versprach Mark ihm zum Abschied.
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