Kitabı oku: «Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun»
Irmgard Keun
Das kunstseidene Mädchen
Lektüreschlüssel XL
für Schülerinnen und Schüler
Von Wilhelm Borcherding
Reclam
Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:
Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Roman. Berlin: Ullstein 162018.
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Lektüreschlüssel XL | Nr. 15525
2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961763-3
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015525-7
www.reclam.de
Inhalt
1. Schnelleinstieg
2. Inhaltsangabe
3. Figuren
4. Form und literarische Technik
5. Quellen und Kontexte
6. Interpretationsansätze
7. Autorin und Zeit
8. Rezeption
9. Wort- und Sacherläuterungen
10. Prüfungsaufgaben mit Lösungshinweisen
11. Literaturhinweise / Medienempfehlungen
12. Zentrale Begriffe und Definitionen
1. Schnelleinstieg
| Autorin | Irmgard Keun, geboren am 6. Februar 1905 in Berlin, gestorben am 5. Mai 1982 in Köln. Sie gilt mit ihren Bestsellern Gilgi, eine von uns und Das kunstseidene Mädchen als eine der bedeutendsten und erfolgreichsten Vertreterinnen der Neuen Sachlichkeit. |
| Erscheinungsjahr | 1932 |
| Ort und Zeit der Handlung | Zunächst spielt der Roman in einer mittelgroßen Stadt am Rhein, möglicherweise Köln, im Spätsommer 1931. Danach geht Doris, die Hauptfigur, nach Berlin, wo sie von Herbst bis Weihnachten 1931 versucht, ein »Glanz« (S. 45) zu werden. Silvester 1931 verbringt sie obdachlos im Wartesaal des Bahnhofs Zoo; der Roman endet im Frühling 1932 am Bahnhof Friedrichstraße, wo Doris einen Entschluss fasst. |
| Epoche | Neue Sachlichkeit |
| Gattung | Zeitroman, Großstadtroman, Gesellschaftsroman Tagebuchroman, Moderner Frauenroman |
| Aufbau | Der Roman besteht aus drei Teilen:Erster Teil: Ende des Sommers und die mittlere StadtZweiter Teil: Später Herbst – und die große StadtDritter Teil: Sehr viel Winter und ein WartesaalJeder Teil ist in eine ungleiche Anzahl von Abschnitten unterteilt, die durch Leerzeilen voneinander getrennt sind. |
Im Oktober 1931 erschien der erste Roman Gilgi, eine von uns der bis dahin unbekannten Autorin Irmgard Keun. Sie hatte zwar schon 1929 mit dem Schreiben des Romans begonnen, behauptete aber, ihn in nur fünf Monaten vollendet zu haben. Er wurde zu einem Eine junge Autorin erregt Aufmerksamkeit Bestseller und verhalf der 26-jährigen Autorin schnell zu großem literarischen Ruhm. Noch in seinem Erscheinungsjahr wurden 30 000 Exemplare verkauft; Irmgard Keun war es gelungen, unter anderem den Zeitgeschmack vieler jungen Frauen zu treffen.
Nur wenige Monate später, und noch bevor im selben Jahr die Filmversion von Gilgi, eine von uns in die Kinos kam, erschien im Juni 1932 der zweite Roman der Autorin: Das kunstseidene Mädchen. Auch er erlebte eine Startauflage von 30 000 Exemplaren und stand hinter dem finanziellen und literarischen Erfolg des Debütromans nicht zurück. Wieder identifizierten sich meist junge Leserinnen mit der 18-jährigen Hauptfigur Doris, die ähnlich wie ihre ›Vorgängerin‹ Gilgi davon träumt, sich selbst verwirklichen zu können und berühmt zu werden: Sie will um nahezu jeden Preis eine Künstlerin, ein »Glanz« (S. 45) werden.
Für eine junge Stenotypistin in einer »mittlere[n]« (S. 5) Stadt ist es nicht leicht, ihren großen Vorbildern, den Kinoheldinnen und Künstlerinnen, nachzueifern. Nach einer kurzen Phase der Arbeitslosigkeit und einem kurzen Engagement am Theater der Stadt wechselt Doris nach Erfolg in Berlin?Berlin. Sie ist fest davon überzeugt, dass die Großstadt die besten Voraussetzungen bietet, ihrem Ziel näherzukommen. Mit der Unterstützung zahlreicher ärmerer und reicherer, jüngerer und älterer Männer bemüht sie sich, ihren Lebensentwurf zu verwirklichen.
Doch ihr Weg führt nicht geradewegs nach oben. Mal mehr, mal weniger erfolgreich, jagt Doris ihrem Glücksanspruch nach. Sie muss immer häufiger erkennen, dass sie ihre Vorstellungen von einer ruhmreichen Karriere und großem öffentlichen Ansehen nicht verwirklichen kann. Völlig mittellos findet sie schließlich vorübergehend Geborgenheit bei einem Mann, der von seiner Frau zuvor verlassen worden ist. Nach einigen Monaten muss sich Doris erneut damit abfinden, dass es wieder nicht zu einer Beziehung reicht und schon gar nicht zu einem ›kleinen Glück‹, wie es die Kinofilme und die unzähligen (Mode-) Zeitschriften vorgaukeln. Sie landet schließlich wieder im Wartesaal des Bahnhofs Friedrichstraße, wo einst ihr Leben in Berlin begonnen hat. Doris gelangt am Ende zu der Einsicht, dass es vielleicht doch gar nicht so erstrebenswert ist, ein »Glanz« (S. 45) zu werden. Sie war nach Berlin gegangen, um das ganz große Glück zu finden; Tag für Tag hat sie jedoch in ihrer Umgebung erfahren, wie die medial vermittelten Träume vieler junger Frauen von einem aufregenden und sorgenfreien Leben in der Großstadt geplatzt sind. Obwohl Doris am Ende völlig desillusioniert ist und nicht so recht weiß, was aus ihrem Leben werden soll, gibt sie sich niemals völlig auf. Sie hält nach wie vor an ihrer Vorstellung fest, auf keinen Fall wieder arbeiten zu gehen, weil Frauen viel zu wenig verdienen, um ihren Lebensunterhalt als Alleinstehende zu sichern. Notfalls will sie lieber auf ihr Lebensglück verzichten.
Auch der große Erfolg des zweiten Romans ließ sich erneut auf Keuns Fähigkeiten zurückführen, das am Ende der Weimarer Republik vorherrschende Lebensgefühl der Weimarer Republik Lebensgefühl der jungen Frauen genau beobachten und beschreiben zu können. Die meisten Kritiker waren von ihrer virtuosen Schreibweise fasziniert, die sich am Stil der Neuen Sachlichkeit orientierte.
Andere Kritiker erhoben Plagiatsvorwürfe Plagiatsvorwürfe gegen die Autorin, weil der Roman Formulierungen aus dem Roman eines Kollegen aufweisen sollte. Es gelang der Autorin nur bedingt, den Verdacht ihrer Kritiker auszuräumen (vgl. hier Kapitel 8).
Ihr blieb nicht viel Zeit dafür. Schon am 30. Januar 1933 gelangten die NS-Zeit Nationalsozialisten unter der Führung Hitlers an die Macht. Die beiden Romane stießen aufgrund der in ihnen beschriebenen Frauenfiguren und deren Lebenswandel auf die Ablehnung der neuen Regierung. So verwundert es nicht, dass am Tag der Bücherverbrennung, am 10. Mai 1933, wohl auch Keuns Romane dem Feuer des nationalsozialistischen ›Säuberungswahns‹ zum Opfer fielen, auf jeden Fall im Oktober 1933 verboten, beschlagnahmt und vernichtet wurden.
Irmgard Keun ging 1936 ins Exil Exil, wo sie noch einige Werke in deutschen Exilverlagen veröffentlichen konnte. 1940 kehrte sie unerkannt nach Nazi-Deutschland zurück und überlebte den Terror. Es gelang ihr jedoch nicht mehr, an die beiden großen Erfolge von 1931 und 1932 anzuknüpfen. Nach 1975 wurde Irmgard Keuns Werk von der feministischen Literaturwissenschaft Späte Rezeption wiederentdeckt, die sich für die emanzipatorischen Züge in den beiden ersten Romanen der Autorin zu interessieren begann. 2017, 35 Jahre nach Irmgard Keuns Tod 1982, kam es zu einer kommentierten Gesamtausgabe ihrer Werke.
2. Inhaltsangabe
Erster Teil: Ende des Sommers und die mittlere Stadt (S. 7–64)
Doris ist 18 Jahre alt und lebt im Jahre 1931, also zum Ende der Weimarer Republik, in einer mittleren Industriestadt im Rheinland (es handelt sich vermutlich um Köln, wo die Autorin selbst viele Jahre lebte und wie Doris als Sekretärin arbeitete). Als Kindheit und Jugend Kind kleinbürgerlicher und ärmlicher Eltern ist sie in dieser Stadt aufgewachsen und hat ihre Schulzeit dort verbracht. Im zweiten Teil erzählt sie rückblickend von ihrer Kindheit und Jugend (S. 92 f.): Nach ihrer Geburt ist Doris von ihrem (Stief-)Vater »mit zugeheiratet« (S. 92) worden; wer ihr leiblicher Vater ist, weiß weder sie noch ihre Mutter. Von den Eltern ist sie zwar nie geschlagen worden, eine liebevolle Zuwendung hat sie aber dennoch nicht erfahren.
Seit dem ersten Schultag muss sie Spott und Hohn ertragen. Ihre Schulkameradinnen und -kameraden hänseln sie und lachen sie aus, so dass sie sich als Außenseiterin fühlt. Anlass ist etwa Doris’ ungewöhnliches Kleid, das ihr die Mutter aufgrund der schwierigen materiellen Situation der Familie aus Gardinenstoff genäht hat; es ist weder zeit- noch kindgemäß. Doris leidet sehr unter diesen Erniedrigungen und setzt sich heftig zur Wehr. Die Herabwürdigungen prägen sie so nachhaltig, dass sie beschließt, alles zu unternehmen, um niemals wieder in ihrem Leben solche Diskriminierungen erleben zu müssen. Statt ausgelacht zu werden, will sie selbst auf andere herunterschauen und sich über sie amüsieren. Nach Abschluss der Schulzeit absolviert sie eine Lehre. Da sie aber die deutsche Sprache und die Kommasetzung nicht vollständig beherrscht, findet sie zunächst keine Lehrstelle.
Lebensentwurf Doris arbeitet zu Beginn des Romans mit mehreren Kolleginnen als Stenotypistin in einer Rechtsanwaltskanzlei. Die Tätigkeit führt sie nicht besonders gern aus, weil es ihr bisher nicht gelungen ist, die seit der Schulzeit bestehende Rechtschreibschwäche zu überwinden. Sie spricht zwar keinen Dialekt wie ihre Eltern, aber die Briefe und Schriftsätze, die sie für ihren Chef verfasst, sind häufig fehlerhaft. So bekommt sie des Öfteren Probleme mit ihm. Sie bezweifelt ohnehin, dass er sie noch lange in der Kanzlei beschäftigen wird. Es gelingt ihr für einen gewissen Zeitraum, die Zweifel ihres Arbeitgebers an ihren beruflichen Kompetenzen durch sinnliche Blicke, die sie ihm während der Besprechungen zuwirft, zu zerstreuen und ihn davon abzuhalten, ihr zu kündigen.
Sie will so oder so nicht mehr lange als Stenotypistin für ihn tätig sein, weil sie glaubt, ein »ungewöhnlicher Mensch« (S. 8) zu sein und dass »etwas Großartiges« und »etwas Besonderes« in ihr vorgeht. Sie will eine Künstlerin, ein »Glanz« (S. 45), werden und ein luxuriöses Leben führen, so wie sie es bei den jungen Frauen in den Filmen gesehen hat. Ihr Vorbild ist die amerikanische Schauspielerin Colleen Moore, der sie in gewisser Weise ähnlich sieht.

Abb. 1: Die amerikanische Schauspielerin Colleen Moore, 1920
Deshalb entschließt sie sich, ihr zukünftiges Leben in einem ›Drehbuch‹ zu dokumentieren (»ich will schreiben wie Film«, S. 8). In einem »schwarze[n], dicke[n] Heft« (S. 10) notiert sie ab jetzt ihre Vorstellungen, Träume und Erfahrungen.
Doris kann jedoch das Leben, das sie führen will, nicht mit ihrem Einkommen Finanzielle Situation finanzieren. Sie muss ihre Eltern finanziell unterstützen. Ihr Stiefvater ist arbeitslos und trinkt zudem. Die Mutter verdient als Garderobiere im Theater nicht genug, um davon sich und ihren Mann ernähren zu können. Also gibt Doris von ihren 120 Mark, die sie im Monat verdient, 70 Mark als Haushaltszuschuss und Miete für ihr häusliches Zimmer an ihre Eltern ab. Sie bekundet zwar ihren Aufstiegswillen und betont ihren unbedingten Ehrgeiz, aus eigener Kraft kann sie aber den angestrebten höheren gesellschaftlichen Rang nicht erreichen. Voraussetzung für den Aufstieg ist die Anschaffung neuer Kleidung und des entsprechenden Schmucks. Um ihre Ziele zu erreichen, benötigt sie potentielle Geldgeber. Deshalb geht sie taktisch geschickt immer wieder neue Beziehungen zu Männern ein, die ihr eine neue Garderobe bezahlen oder Schmuckstücke schenken. Trotz ihres jugendlichen Alters durchschaut sie die Wünsche und Begierden ihrer Liebhaber und stellt sich auf sie ein. Sie passt ihr Verhalten bis zu einer von ihr bestimmten Grenze dem Begehren ihrer Liebhaber an, wobei sie Prostitution gänzlich ausschließt. Häufig spielt sie den Männern auch nur vor, die von ihnen geschätzten Eigenschaften zu besitzen. Doris beherrscht diese Täuschungsmanöver mittlerweile so perfekt, dass ihr die Männer nach relativ kurzer Zeit die Wünsche erfüllen. Die Beziehungen, die sie eingeht, halten meistens nicht sehr lange.
Ihre Beziehung zu Hubert Hubert stellt eine Ausnahme dar. Doris war gerade einmal 16 Jahre alt und noch unerfahren, als sie sich dem fast 30-jährigen Doktoranden hingegeben hat. Sie betont, dass die Initiative von ihr ausgegangen sei. Von ihm behauptet sie, dass er der einzige Mann sei, den sie jemals wirklich geliebt habe. Alles, was sie in ihrem ›Drehbuch‹ über Hubert notiert, ihr gesamtes Verhalten ihm gegenüber, deutet darauf hin, dass sie ihn eigentlich noch immer liebt.
Die beiden trennen sich nach einem Jahr wieder. Als er während der Aussprache Doris vorhält, dass sie mit ihm vor der Ehe geschlafen habe, was seinen Vorstellungen widerspreche, gerät sie in Wut und ohrfeigt ihn in der Öffentlichkeit. Doris vergleicht ihre nachfolgenden Liebhaber immer wieder mit ihrer ersten großen Liebe; daraus wird deutlich, dass sie diese Trennung gefühlsmäßig bisher noch nicht vollständig verarbeitet hat.
Doris’ Befürchtung, ihr Chef werde sich nicht ewig mit ihr gedulden, bewahrheitet sich schließlich. Nach vielen »sinnlichen« (S. 9) Blicken und ›versehentlichem‹ Hautkontakt (S. 24) verliert er seine Beherrschung und bedrängt sie sexuell. Doris setzt sich körperlich zur Wehr und beleidigt ihn. Beides führt schließlich zu ihrer Kündigung.
Über verschiedene Kontakte gelingt es der Mutter, Doris als Von der Statistin zum »Glanz«Statistin am Theater unterzubringen. Die Arroganz und Hochnäsigkeit unter den Schauspielerinnen (den »fertigen« [S. 31], den unerfahrenen Absolventinnen der Schauspielschule und den Praktikantinnen) verletzen das Selbstwertgefühl der Statistin. Die Schauspielerinnen treten ihr mit Verachtung gegenüber und belächeln ihre geringe Schulbildung. Doris kann sich jedoch deren Aufmerksamkeit sichern, indem sie die Lüge verbreitet, den Direktor des Theaters, Leo Olmütz, gut zu kennen, mit ihm liiert zu sein und von ihm protegiert zu werden.
Da Doris stets nach Höherem strebt, will sie nicht auf der tiefsten Stufe der Hierarchie verharren, die von den Statisten eingenommen wird. Sie nutzt eine günstige Gelegenheit, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Eine der »fertigen« (S. 31) Schauspielerinnen soll in dem Stück, das gerade einstudiert wird, einen Satz übernehmen. Die Wahl fällt zufällig auf Mila von TrapperMila von Trapper, die sich Doris’ Hass zugezogen hat, weil sie ihr eine mangelnde Allgemeinbildung vorgeworfen hat. Damit hat Mila Doris gezwungen, einmal mehr zu schauspielern, um die Mängel zu verschleiern und den Schein zu wahren. Als die von Trapper vor der Probe die Toilette aufsucht, sperrt Doris sie dort ein, so dass die Schauspielerin die Probe verpasst. Ungefragt springt Doris für sie ein und sichert sich den Auftritt. Zudem erhält sie von der Direktion noch eine kostenlose Schauspielausbildung, so dass sie sich in ihrer Entscheidung bestätigt sieht. Doris’ Zuversicht, dass sie nunmehr akzeptiert wird, wächst. Sie hat die unterste Stufe verlassen und schaut optimistisch in die Zukunft. Zur Premiere erscheinen fast nur ihre ehemaligen Liebhaber, die Doris nach der Aufführung rühmen und behaupten, sie sei eine Attraktion für das Theater. Sie wundert sich über die große Anzahl dieser Männer, sonnt sich aber gern in deren Lob.
Doris fürchtet allerdings, dass ihre Lüge, sie sei mit dem Theaterdirektor liiert, sie in Schwierigkeiten bringen könnte, weil die Kolleginnen und Kollegen über ihr (nur vorgetäuschtes) Verhältnis zum Direktor sprechen.
Vor der nächsten Aufführung kommt Therese, Freundin und ehemalige Bürokollegin, zu Doris ins Theater und verkündet, dass Hubert sie im Anschluss treffen will. Doris macht sich gerade für Hubert zurecht, als der Direktor sie rufen lässt. Sie ahnt, was auf sie zukommt, und wird nervös. Auf der Suche nach ihrer Mutter geht sie durch die Garderobe, wo sie einen wertvollen Doris kommt zu ihrem Pelz Pelz erblickt. Dieser gefällt ihr so sehr, dass sie beschließt, ihn für das Treffen mit Hubert ›auszuborgen‹. Sie nimmt ihn an sich, folgt nicht der Vorladung des Direktors und verlässt das »Drecktheater« (S. 61).
Die Begegnung mit Hubert verläuft enttäuschend. Seine Frau hat ihn verlassen und auch seine beruflichen Aussichten haben sich drastisch verschlechtert. Obwohl sie die Nacht miteinander verbringen, vergrößert sich Doris’ psychische Notlage weiter, weil er nichts weiter als eine materielle Unterstützung von ihr will. Enttäuscht verlässt sie ihn. Den Pelz bringt sie nicht zurück, weil er ihr zur ›zweiten Haut‹ geworden ist: »Der Mantel will mich, und ich will ihn, wir haben uns.« (S. 64)
Mit Therese plant Doris ihr weiteres Vorgehen: Sie wird in die Großstadt Berlin fliehen. In der Metropole hofft sie ihrem Lebenstraum näherzukommen und ihren Lebensentwurf in die Wirklichkeit umsetzen zu können.
Zweiter Teil: Später Herbst – und die große Stadt (S. 67–139)
Der zweite Abschnitt beginnt mit der Schilderung der ersten Erfahrungen, die sie in der Ankunft in Berlin Stadt gemacht hat. Doris ist ›maßlos‹ beeindruckt. Die Beleuchtung und die Lichtreklame versetzen sie ebenso in Aufregung wie die vielen elegant gekleideten Menschen und die ungeheuerliche Mobilität.
Bei ihrer Ankunft am Bahnhof Friedrichstraße tummelt »sich ungeheures Leben« (S. 71) in der Stadt, weil die französischen Politiker Pierre Laval und Aristide Briand zu politischen Verhandlungen über die Aussetzung der deutschen Reparationszahlungen zur Wiederankurbelung der Wirtschaft nach Berlin gekommen sind. Durch die Weltwirtschaftskrise war auch Deutschland in finanzielle Not geraten, die durch die Schadensersatzzahlungen (Reparationen) an die Siegermächte nach dem Ersten Weltkrieg noch verschärft wurde. Doris wird von der Aufregung mitgerissen und zählt sich sofort zu den Berliner Bürgern. Damit sie die Ereignisse verstehen und einordnen kann, wendet sie sich an einen Passanten, der ihr die Zusammenhänge genauer erklären soll. Er lädt sie in ein Café ein. Doch statt sie aufzuklären, schildert er ihr sein Privatleben und macht ihr schöne Augen. Unter einem Vorwand verlässt sie enttäuscht das Café.
Sie macht sich auf den Weg zu Margretchen Weißbach, einer früheren Freundin Thereses. Dort hofft sie vorübergehend Unterschlupf zu finden. Margrete steht unmittelbar vor der Geburt ihres ersten Kindes. Doris holt eine Hebamme zu Hilfe, und ein Mädchen erblickt das Licht der Welt. Familie Weißbach lebt in ärmlichen Verhältnissen, der Mann ist arbeitslos und Margrete verdient zurzeit kein Geld; Doris kann also dort nicht bleiben.
Margrete verweist sie weiter an Tilli Scherer, in der Doris eine Gleichgesinnte findet. Auch Tilli will ein »Glanz« (S. 45) werden. Doris muss jedoch schon nach kurzer Zeit feststellen, dass die Filmbranche wenig Aussicht auf Erfolg bietet, um ein Star zu werden.
»Es geht etwas vorwärts« (S. 78) in Berlin Gleichwohl stürzt sich Doris in das Großstadtleben, und durch ein paar Männerbekanntschaften kann sie ihr Überleben in der Metropole sichern.
Und da sie den idealen Mann, der ihren Vorstellungen entspricht, noch immer nicht gefunden hat, sucht sie nun mit Hilfe ihres Pelzes, der das Interesse der Männer auf seine Trägerin lenken soll, nach einem geeigneten Liebhaber. Doris geht zu diesem Zeitpunkt noch immer davon aus, dass neben finanziellen Zuwendungen auch etwas Anerkennung und Liebe im Spiel sein soll. Bei einem älteren Schriftsteller unternimmt sie den ersten Versuch. Obwohl sie ihn nicht mag, folgt sie der Einladung in seine Wohnung, wo er ihr aus seinem Buch vorliest, während Doris sich die Seidenhemden seiner abwesenden Frau unter die Bluse steckt und dann verschwindet.
Doris ist unglücklich, dass sie niemanden hat, der ihre Vorstellungen von Unterstützung und Zuneigung erfüllt. Ihre Unzufriedenheit bezieht sich auf die Tatsache, dass sie viele Dinge (noch) nicht hat, über die einige ihrer Vorbilder aus den Filmen scheinbar bereits verfügen. Sie geht aber davon aus, dass ihre Unzufriedenheit sie zu motivieren vermag, mehr Energie aufzuwenden, um auf dem Weg nach oben voranzukommen.
In dieser Situation verspürt sie Heimweh nach ihrem Zuhause. Doris lindert ihre Sehnsucht ein wenig, indem sie einen Brief an ihre Mutter schreibt. Mehr ist allerdings nicht möglich, wenn sie der Polizei ihren Aufenthaltsort nicht verraten will, falls man sie wegen des gestohlenen Fehs weiter suchen sollte.
Doris kann offiziell keine Arbeit ausüben, weil sie nicht polizeilich gemeldet ist. Sie benötigt aber Geld zum Überleben und arbeitet deshalb illegal als Arbeit als Kindermädchen Kindermädchen bei einer reichen Familie. Diese Tätigkeit ermöglicht ihr bis auf weiteres das Überleben im hektischen Großstadtleben. Der Familienvater, ein älterer Aktionär, verspricht ihr eine Wohnung und Geld. Die Aussicht auf ein angenehmes Leben ist verheißungsvoll, und so ist Doris schließlich bereit, sich ihm hinzugeben und sich damit über Konventionen hinwegzusetzen. Sie sieht nicht ein, warum eine Frau als anständig angesehen wird, wenn sie wegen des Geldes eine Ehe eingeht, während eine Frau als unanständig und als Prostituierte eingestuft wird, wenn sie mit einem Mann verkehrt, den sie attraktiv findet.
Als unerwartet ein gutaussehender Freund des Ehemanns auftaucht, der Doris noch besser gefällt, verbringt sie die Nacht lieber mit ihm statt mit dem Aktionär. Der wirft Doris daraufhin aus dem ›Paradies‹, weil der Freund ihm von seiner ›Eroberung‹ erzählt und er seine »reinen Kinder[]« (S. 87) vor Doris ›schützen‹ muss. Wieder steht sie vor der Frage, wovon sie ihren Lebensunterhalt bestreiten soll.
Doris und Tilli haben kein Geld und müssen hungern. Doris befürchtet, wie die Frauen des Zuhälters Rannowsky, der im selben Haus über ihnen wohnt, auf einer der Amüsiermeilen Berlins zu enden. Gleichzeitig will sie ihre Hoffnung nicht aufgeben, doch noch ein Glanz zu werden.
Sie lässt sich von Mit Franz ins Resi Franz ins »Resi« (S. 89) einladen. Doris ist von der Einrichtung (Lichtobjekte, Rohrpost, Technik, usw.) so fasziniert, dass sie ins Schwärmen gerät und Berlin einfach nur noch schön findet und eine »Berliner[in]« (S. 90) sein will und dazugehören möchte. Aber Franz vermag Doris’ Vorstellungen von einem reichen Liebhaber nicht zu erfüllen, weil er nur wenig Geld besitzt und ständig nachrechnen muss, wie viel er davon ausgeben darf. Franz entpuppt sich am Ende auch in anderer Hinsicht als Problemfall. Als sie später (aus Mitleid) seinem sexuellen Drängen relativ schnell nachgibt, ist er sehr enttäuscht. Er hat immer von einem Mädchen geträumt, das sich nicht so freizügig verhält wie Doris.
Der Besuch im »Resi« wirkt noch länger bei Doris nach. Dort ist sie auf das Berlin getroffen, das sie faszinierend findet: »Mein Leben ist Berlin, und ich bin Berlin.« (S. 92) Diese Stadt ermöglicht ihr weiterhin die Illusion, hier ihren Lebensentwurf realisieren zu können.

Abb. 2: Das Café Josty am Potsdamer Platz, um 1930, in dem auch Doris verkehrt. – Bundesarchiv, Bild 146-1994-004-10A / Marmulla, L. / CC-BY-SA 3.0
Berlin vermittelt Doris ein Gefühl der Freiheit: »Berlin ist mir ein Ostern, das auf Weihnachten fällt, wo alles voll schillerndem Betrieb ist.« (S. 95) Zudem scheint ihr Berlin immer noch die Garantie zu bieten, ein Glanz zu werden, auch wenn sie des Öfteren nicht weiß, was sie am nächsten Tag essen soll.
Im Haus von Doris und Tilli wohnt auch der blinde Herr Die Episode mit Herrn Brenner Brenner. Er bietet Doris die Gelegenheit, ihm ihr Bild von Berlin auszumalen. In seiner Gegenwart vergisst Doris vorübergehend ihre Probleme und sie freut sich über seine fröhliche und freundliche Art. Er fertigt kleine Aufmerksamkeiten für sie an und gewinnt damit ihre Sympathie. Kurz bevor Herr Brenner in ein Heim kommt, führt Doris ihn durch die Stadt, die er am Ende des Bummels ambivalent findet. Während des Rundgangs gewinnt Doris selbst zusehends den Eindruck, dass es in dem Großstadtgewühl Berlins doch nicht nur die heile Welt gibt. Am Ende wird sie nachdenklich und sie stellt sich die Frage: »[W]as ist denn wohl nur kaputt auf der Welt?« (S. 119) Antworten auf die Frage hat sie nicht.
Und dann erreicht Doris doch noch ihr Ziel, ein Endlich ein Glanz: Alexander Glanz zu werden und ganz oben in der Gesellschaft zu stehen. Bei einem ihrer vielen Kaffeeaufenthalte lernt sie den wesentlich älteren, verheirateten Firmeninhaber Alexander kennen, den sie »eine fröhliche rosa Kugel« (S. 122) oder »mein runder kleiner Edamer« (S. 123) nennt. Sie schätzt seinen Reichtum, der ihr das ersehnte Luxusleben ermöglicht, von dem sie immer geträumt hat. Als er sie fragt, ob sie nicht nur sein Geld, sondern auch ihn ein bisschen liebhabe, rührt sie das so sehr, dass sie zugibt, ihn wirklich ein bisschen liebzuhaben. Sie kann Wünsche werden erfülltkonsumieren, sich bedienen lassen, in einer Zimmerflucht am Kurfürstendamm wohnen und vieles mehr. Sie kann ihrer Mutter Wünsche erfüllen und ihre Schulden bei Therese begleichen. Obwohl sie sich selbst Schönheit attestiert, weiß sie nichts mit der Schönheit anzufangen und fragt sich zweimal, für wen sie eigentlich schön sei. Und so glaubt Doris wieder an ihre Karriere beim Film. Bei Alexander kann es Doris gut aushalten, auch wenn sie sich stundenlang seine Schilderungen aus Kindertagen anhören muss. Sie fasst ihre augenblickliche Stimmung so zusammen: »So ein Leben, so ein Leben.« (S. 125) So hat sie es sich seit dem Beginn der Niederschrift ihres ›Drehbuches‹ schon immer vorgestellt.
Obwohl Doris weiß, dass sie nur vorübergehend Alexanders Geliebte sein kann, genießt sie es, ein Glanz zu sein. Sie kann es sich leisten, mit dem Taxi durch Berlin zu fahren. Dabei nimmt sie die Straßen wie durch eine Filmkamera wahr. So, stellt sie sich vor, muss es sein, wenn sie in einem Film der Wochenschau vorkommt. Eines Tages kehrt Alexanders Frau unerwartet zurück, und Doris muss die Wohnung verlassen. Alexander, so erfährt sie, ist verhaftet worden. Doris steht Doris verliert ihren Glanz wieder auf der Straße.
Tillis Mann Albert ist mittlerweile nach Berlin zurückgekehrt; er hat in Essen gearbeitet und ist nun arbeitslos. Doris kann dennoch für ein paar Tage bei ihnen wohnen, bis sich Albert zu sehr für sie zu interessieren beginnt. Um Konflikte mit Tilli zu vermeiden und auch aus Entsetzen darüber, dass Hulla, eine der Prostituierten im Haus, aus Angst vor dem Zuhälter Rannowsky aus dem Fenster gesprungen ist, verlässt sie die Wohnung und mietet sich ein möbliertes Zimmer. Doris beginnt zu begreifen, dass die Verwirklichung ihres Lebensentwurfes in weite Ferne gerückt ist. Resigniert überlegt sie, ob sie sich durch die Beziehung zu einem Mann über Wasser halten, es noch einmal beim Film versuchen oder als Bardame arbeiten soll. Sie entscheidet sich für Ersteres und zieht zu Lippi Wiesel, den sie zwar auch nicht liebt, aber der ihr das Alleinsein erspart. Es plagt sie nicht nur das Heimweh, sondern auch die Sehnsucht nach einem Ort, an dem sie sich wirklich zu Hause fühlen kann. Wieder stellt sie sich die Frage, was sie in ihrem Leben falsch macht, warum es ihr nicht gelingt, einen Mann zu finden und mit ihm glücklich zu werden. Als Lippi am Heiligabend ihre Vorstellungen von einem gemeinsamen Weihnachtsfest nicht erfüllt, sondern sie angetrunken sexuell bedrängt, packt sie ihren Koffer, verlässt seine Wohnung und übernachtet im Tiergarten auf einer Parkbank.
Dritter Teil: Sehr viel Winter und ein Wartesaal (S. 143–219)
Doris verbringt in den nächsten Tagen einen Großteil ihrer Zeit im Wartesaal des Bahnhofs Zoo. Sie weiß genau, was sie nicht will, aber fragt sich andererseits, was sie will. Damit wird deutlich, dass sie rat- und orientierungslos ist. Sie findet kaum noch Gefallen an ihrer Vorstellung, ein Glanz zu werden. Auch Gespräche über Erotik langweilen sie oder ekeln sie an. Von den Männern wird sie häufiger für eine Prostituierte gehalten, was sie weit von sich weist. Doris ist an einem Am Tiefpunkt Tiefpunkt angekommen.
Im Wartesaal lernt sie den arbeitslosen Karl Karl kennen. Er wohnt in einer Laubenkolonie und hält sich mit Gelegenheitsarbeiten und dem Verkauf von selbst angebautem Gemüse über Wasser. Er bietet ihr an, mit ihm zusammenzuarbeiten, damit sie nicht – wie sehr viele andere Frauen – auf der Straße ihr Geld verdienen muss. Als Karl später noch einmal nachfragt, weist sie erneut sein Angebot zurück, da sie noch Ehrgeiz habe. Silvester 1931 scheint Doris völlig am Ende zu sein. Sie beschließt, in Zukunft Blumen zu verkaufen, um ihr Überleben zu sichern. Dafür muss sie erst einmal über Geld verfügen, mit dem sie die Blumen erwerben kann, die sie später teurer verkaufen will. Sie ist bereit, ihr Startkapital durch den einmaligen Einsatz ihres Körpers zu verdienen.
In den Morgenstunden des Neujahrstages 1932 lernt Doris einen Mann ( Herr Ernst Herrn Ernst) kennen, dessen Frau mit einem anderen durchgebrannt ist. Auf seine Frage, ob sie mitkommen will, antwortet Doris ohne zu zögern mit einem »Ja« (S. 153). Sie hofft, von ihm das benötigte Geld zu bekommen. Gemeinsam fahren sie mit dem Omnibus zur Wohnung des Mannes. Doris weicht einer Unterhaltung mit ihm aus, weil sie ihn unsympathisch findet. Er schlägt ihr vor, erst einmal schlafen zu gehen. Im Badezimmer betrachtet sich Doris im Spiegel und ist so entsetzt über ihr neuerdings erbärmliches Aussehen, dass sie Zweifel daran hegt, noch ein Glanz werden zu können. Die Neue Hoffnungen Aussicht, zehn Mark verdienen zu können, lässt Doris ins Wohnzimmer zurückkehren, wo der Mann ein Bett für sie vorbereitet hat. Als sie ihn auf ihre Müdigkeit hinweist, verschwindet der Mann im Schlafzimmer. Doris ist zwar überrascht, aber zu müde, um sich weitere Gedanken zu machen. Sie fällt in einen langen Tiefschlaf.
Als sie wieder erwacht, trifft der Mann Vorbereitungen, um zur Arbeit zu gehen. Er weist Doris darauf hin, dass er ihr Kaffee gekocht hat und dass sie sich in der Speisekammer bedienen soll. Nachdem er zurückgekehrt ist, erfährt Doris, dass er Werbezeichner und 37 Jahre alt ist und sich vor dem Alleinsein fürchtet. Die nächsten Tage verlaufen nahezu gleich. Doris schläft sich weiter aus, während der Mann die Wohnung in Ordnung hält, Essen besorgt und seiner Arbeit nachgeht. Seine fürsorgliche und andauernd freundliche Art irritiert Doris, so dass sie sich schon fragt, ob sie ihm nicht attraktiv genug ist.
Doris bleibt weiter in der Wohnung. Sie Zunehmendes Vertrauen unterhalten sich viel über seine Frau, weil der Mann sie nach wie vor liebt und sich häufig wehmütig an die gemeinsame Vergangenheit erinnert. Doris beginnt sich nützlich zu machen. Sie kauft ein, bereitet das Essen zu und hält die Wohnung in Ordnung. Es geht ihr langsam besser, auch wenn sie sich noch nicht nähergekommen sind.
Sie will ihm ihre Aufzeichnungen zum Lesen geben, damit er sie besser kennenlernen kann. Während er Doris’ Drehbuch liest, ergreift sie eine innere Unruhe. Sie überlegt angespannt, wie er auf ihre Erfahrungen und Geständnisse reagieren wird. Doch sie hat sich vergebens aufgeregt. Er antwortet auf ihre Bemerkungen lediglich mit dem nüchternen Vorschlag, den wertvollen Pelzmantel zurückzuschicken, damit sie ihre Papiere bekommt und sich Arbeit suchen kann. Sie lehnt den Vorschlag vehement ab, da der Pelz mit ihrer Persönlichkeit ›verwachsen‹ sei. Er gibt ihr das Gefühl, dass er sie nicht nur schützt, sondern ihr auch die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen sichert. Doris begründet ihre Weigerung, sich eine Arbeit zu suchen, mit den Rückschlüssen, die sie aus Thereses Erfahrungen gezogen hat. Sie will von niemandem abhängig sein und sie will nicht immer in Sorge sein müssen, entlassen zu werden. Die Einwände und das gute Zureden von Herrn Ernst prallen an ihr ab. Sie will nicht arbeiten, den Pelz will sie weiterhin für sich behalten.
Nach und nach richten sich Doris und Herr Ernst in ihrem gemeinsamen Leben ein. Doris gelangt immer mehr zu der Überzeugung, dass sie ihn sogar lieben könnte, wobei es sie allerdings stört, dass er nach wie vor viel von seiner Frau erzählt und zu wenig Interesse für Doris zeigt. Nach einer gewissen Zeit kann sich Doris sogar an die Vorstellung gewöhnen, nicht mehr allein zu schlafen. Sie will ihm dieses Annäherungsversuche Angebot notfalls unterbreiten, damit sie nicht arbeiten muss. Sie geht davon aus, dass sie durch Arbeit nicht weiterkommt, weil es ihr an entsprechender Bildung mangelt. Sie ist sicher, dass sie immer auf einen Mann angewiesen sein wird, wenn sie sich etwas Kleidsames oder Schönes kaufen will. Dabei gehen ihr dann wieder die Risiken und Chancen durch den Sinn, die die Prostitution mit sich bringt. Da sie bei Herrn Ernst keine erotischen Ambitionen wahrnimmt, glaubt sie schließlich, dass sie »häßlich« (S. 186) sei. Doch die gierigen Blicke der anderen Männer und deren Annäherungsversuche lassen Doris zu anderen Rückschlüssen gelangen.
Dann bringt der Briefträger einen an Herrn Ernst adressierten, handgeschriebenen Hannes Brief an ihren Mann Brief, der bei Doris Verdacht erregt. Sie öffnet ihn und liest den Inhalt. Es handelt sich um einen langen Brief von Hanne, Herrn Ernsts Ehefrau. Sie bittet ihn darin um Verzeihung und deutet vorsichtig ihre Bereitschaft zur Rückkehr an. Doris versteckt den Brief und bekundet in einem Selbstgespräch ihre Absicht, bei Herrn Ernst zu bleiben und alles Notwendige für ihn und seinen Haushalt zu tun. Ihre Äußerungen klingen beinahe so, als ob sie sich für ein Leben an der Seite dieses Mannes entschieden hätte.
Auch bei einem Kinobesuch kommt es nicht zu den von Doris erhofften Annäherungen; während der Filmvorführung denkt Herr Ernst wieder an seine Frau. Als sie beide zu Hause sind, wagt es Doris nicht, einfach in sein Schlafzimmer zu gehen und sich ihren Empfindungen zu überlassen. Obwohl Doris mit ihrem augenblicklichen Leben sehr zufrieden ist, könnte sie es sich noch wunderbarer vorstellen, wenn sich Herr Ernst auch körperlich für sie interessieren würde. Am Ende überlegt sich Doris sogar, ihren Pelzmantel zurückzuschicken und quasi gegen die Ausweispapiere einzutauschen. Das soll ihre Zugeständnis an Herrn ErnstGegenleistung an Herrn Ernst sein, wenn er seinerseits damit aufhören würde, in den Gesprächen ständig seine Frau zu erwähnen. Um schließlich ein »Glanz« (S. 196) für Herrn Ernst zu sein, beschließt sie, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie schreibt einen Brief an die ehemalige Besitzerin des Pelzes und kündigt darin seine Rückgabe an. Herrn Ernst unterrichtet sie vorerst nicht von ihrer Absicht.
Doris rätselt immer wieder über Herrn Ernst körperliche Distanziertheit und denkt über die mangelnden Gemeinsamkeiten zwischen sich und ihm nach. Zu ihrer Überraschung kommt es doch noch zu der von ihr sehnlichst herbeigewünschten Annäherung. Herr Ernst küsst Doris auf den Hals, was bei ihr eine Intensivierung ihrer Gefühle hervorruft. Schließlich ist sie bereit, ihm ihre »wahre« (S. 205) Liebe zu offenbaren, indem sie ihm ihren Brief an die Eigentümerin des Pelzes zeigt und ihm verschiedene Dinge schenkt. Schließlich gesteht sie Herrn Ernst, dass sie all das nur aus Liebe zu ihm tut. Damit hat sie Herrn Ernst überrumpelt. Glückselig sinken sich die beiden in die Arme und verbringen die Nacht miteinander.
Wenige Tage nach der gemeinsamen Nacht küsst er sie und spricht sie dabei mit dem Vornamen seiner Frau an. Doris wird schmerzhaft klar, dass er nach wie vor seine Frau Hanne liebt und es ihr nicht gelungen ist, sie aus seiner Erinnerung zu verdrängen. Sie beschließt schweren Herzens, sich von ihm zu Trennung trotz Gefühlen füreinander trennen, obwohl sie ihn liebt.
Sie holt Hannes Brief aus dem Versteck und schickt ihn noch einmal an Ernsts Adresse; anschließend begibt sie sich zu Ernsts Ehefrau und drängt sie, umgehend zu ihrem Mann zurückzukehren. Hanne verspricht es ihr und bekennt, dass es vor allem ökonomische Gründe sind, warum sie zu ihm zurückkehren will; sie liebe Ernst »nicht zu sehr« (S. 213).
Doris findet sich wieder im Wartesaal des Bahnhofs Friedrichstraße ein, wo sie sich mit einem anderen jungen Fahrgast über die vorausgegangenen Erlebnisse unterhält. Während der Unterredung wird ihr klar, dass nicht nur ihr Lebensentwurf misslungen ist, sondern dass sie mittlerweile nicht mehr zur Gesellschaft gehört. Da sein Zug geht, müssen sie das Gespräch abbrechen. Doris ist nun völlig allein und ratlos. Darüber hinaus besitzt sie kein Geld mehr für das alltägliche Leben.
Doris Letzte Hoffnung: Karl hofft, auf Karl zu treffen. Ihr ist in den vergangenen Monaten in Berlin klar geworden, dass viele Männer nur Frauen heiraten, die aus ihrer eigenen Klasse stammen, dass die soziale Herkunft und die Bildung bei der Eheschließung eine große Rolle spielen und sie deshalb wohl keine Chancen hat, einen Mann aus der Oberschicht zu finden, der ihren Vorstellungen entspricht. Es gelingt Doris nicht, klare Gedanken zu fassen. Sie will zwar immer noch nicht arbeiten, aber sie will zu Karl, um mit ihm zusammen das Leben zu bestreiten. Sollte er sie nicht mehr wollen, bliebe ihr die Möglichkeit, eine Prostituierte wie Hulla zu werden. Damit schließt sie nicht mehr aus, das Schicksal so vieler anderer Frauen auf den Straßen Berlins zu teilen. Nach etwa neun Monaten Aufenthalt in Berlin gewinnt sie am Ende die Einsicht: »Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an.« (S. 219)
3. Figuren

Abb. 3: Figurenkonstellation
Doris
Doris ist die Hauptfigur des Romans. Als Ich-Erzählerin dominiert sie das gesamte Figurenensemble. Sie kann als Repräsentantin der Neuen Frau Repräsentantin der Neuen Frau aufgefasst werden: materiell eigenständig, sexuell freizügig und extravagant gekleidet (vgl. dazu Kapitel 5: »Das neue Frauenbild«). Nur sie wird von der Autorin differenzierter charakterisiert. An ihr verdeutlicht Irmgard Keun die Lebensbedingungen der Frauen aus dem Kleinbürgertum, ihre Denk- und Verhaltensweisen, ihre Sehnsüchte und Wünsche.
Weitere wichtige weibliche Figuren sind ihre Mutter, ihre Freundin Therese, Bekannte und Gegenspielerinnen. Aus der Vielzahl von Männern, potentiellen Liebhabern und Versorgern, die Doris’ sogenanntes ›Drehbuch‹ füllen, ragen der (Stief-)Vater, Hubert und Herr Ernst heraus. Erwähnenswert sind noch deutsche und amerikanische Schauspielerinnen und Schauspieler, die mit ihrem Rollenverhalten und ihrer Kleidung die Leserinnen und Leser zur Identifikation einladen oder als Vorbilder betrachtet und ›angehimmelt‹ werden können.
Am nächsten steht Doris ihrer Mutter, mit der sie sich gut versteht und von der sie z. B. bei der Suche nach einem Arbeitsplatz unterstützt wird. Außerdem verbindet sie eine tiefere Freundschaft mit ihrer Arbeitskollegin Therese. Diese Freundschaft überdauert die Zeit der Handlung. Das Verhältnis zu ihrer Mitbewohnerin Tilli Scherer kann als etwas oberflächliche Freundschaft bezeichnet werden. Zumindest verfolgen sie gemeinsame Ziele und tauschen sich über ihre Erfahrungen aus. Im Theater stellt Mila von Trapper eine Gegenspielerin von Doris dar.
Doris Eigenschaften beweist außerordentliche Hilfsbereitschaft. Als sie auf Empfehlung von Therese bei Margrete Weißbach wegen einer vorübergehenden Unterkunft nachfragt, steht diese völlig unvorbereitet vor der Niederkunft. Doris bezahlt mit dem Rest des ihr verbliebenen Geldes die Kosten für die Hebamme. Da der Wohnraum nun zu eng geworden ist, zieht sie weiter zu Tilli Scherer, ohne ihr Geld zurückzufordern, das sie für die Hebamme vorgeschossen hat.
Gegenüber dem blinden Herrn Brenner, einem Mitbewohner des Hauses, in dem sie mit Tilli wohnt, erweist sie sich als hilfsbereit. Sie verbringt viel Zeit mit ihm und führt ihn auf einer Erkundungstour durch Berlin, kurz bevor er ins Heim kommt.
Hulla, eine andere Hausbewohnerin und Prostituierte, bittet Doris um ihre Hilfe, die ihr ohne zu zögern zur Seite steht. Als Rannowsky, Hullas Zuhälter, allerdings später auf sie losgeht, ist Doris nicht zur Stelle.
Mitgefühl und Mitleid beweist Doris gegenüber Franz, der sie ins »Resi« (S. 89) einlädt. Im Grunde hat er selbst zu wenig Geld zur Verfügung, weil er weitere Familienmitglieder unterhalten muss, deshalb will sie ihn auf ihre Art ›entlohnen‹, indem sie mit ihm schläft. Indes missversteht Franz das ihm entgegengebrachte Mitleid und ist enttäuscht darüber, dass sie sich ihm hingibt. Doris trifft ihn nicht wieder. Gegenüber den anderen Liebhabern empfindet sie allerdings kein Mitleid.
Außerdem besitzt Doris eine außerordentliche Portion Optimismus und eine ausgesprochene Kämpfernatur. Auf ihrem Weg nach oben muss sie immer wieder Rückschläge hinnehmen, die sie aber nicht von ihren Selbstverwirklichungsversuchen abbringen. Selbst als sie im Ende völlig allein und ohne Perspektive dasteht, gibt sie nicht auf. Sie ist lediglich bereit, ihre Erwartungen zurückzuschrauben (S. 219).
Schließlich bekämpft sie ausdauernd ihre Minderwertigkeitsgefühle, die sie seit ihrer Schulzeit beherrschen. Sie versucht mehrfach, ihre Schwächen zu überwinden und ihr Halbwissen durch den Erwerb entsprechender Kenntnisse zu ersetzen. Um durch die Welt zu kommen, wie sie es sich vorstellt (S. 41), sucht sie nach einem Partner, der sie bei ihrem Bemühen unterstützt, sich umfangreicheres Wissen anzueignen.
Durch ihre Nachforschungen nach einem geeigneten Lebenspartner hat sie viel Menschenkenntnis erworben. Sie durchschaut die Eitelkeit der Männer (S. 14), kennt deren »Krankheit[en]« (S. 16) und Vorlieben (S. 71) und weiß um deren Einbildungen (S. 15 f.). Diese Menschenkenntnis verhilft ihr zu einem ausgeprägten Selbstbewusstsein.
Doris hat Doris’ Lebensentwürfe einerseits Lebenspläne, die vielen Leserinnen und Lesern auch heute noch bekannt sein dürften. Dazu gehören unter anderem die Suche nach einem Partner oder einer Partnerin für ein gemeinsames Leben in gegenseitiger Liebe und Achtung und materielle Absicherung.
Andererseits probiert die Protagonistin Rollenentwürfe aus, die einem damals neuen Frauenbild entsprachen, dem der sogenannten Neuen Frau: Doris ist unabhängig und entscheidet für sich allein, wie sie leben möchte. Ungewöhnlich und neu an diesem Roman war der Versuch, zu »schreiben wie Film« (S. 8) und das Leben einer Protagonistin als literarische Umsetzung eines Kinofilms zu gestalten. Doris träumt, wie viele junge, berufstätige Frauen dieser Zeit, von einem glanzvollen und luxuriösen Leben, wie es die Menschen im Film führen.
Den Anhängerinnen der Neuen Frau waren sicherlich weder Doris’ Aufstiegswille noch ihr unbedingter Ehrgeiz fremd. Für einige von ihnen kam eventuell die Flucht aus dem engen Milieu ihres Herkunftsortes in Frage. Aber was sie bisher in keinem anderen Roman gelesen hatten, sind die Bestrebungen der Hauptfigur. Doris kämpft um ihre Freiheit und Selbstbestimmung persönliche Freiheit und ihr umfassendes Selbstbestimmungsrecht (S. 25). Sie besteht auf der Möglichkeit, selbständig ihre Tätigkeit in der Anwaltskanzlei zu beenden (S. 26), für ihre Unabhängigkeit und (sexuelle) Freizügigkeit (S. 22) einzutreten und daran festzuhalten. Sie beharrt ferner auf ihrem Recht, Beziehungen zu Männern einzugehen und sie wieder aufzukündigen (S. 7, 52 f.).
Für die Umsetzung ihrer Ziele nimmt Doris Innere und äußere Konflikte zahlreiche innere und äußere Konflikte in Kauf. Grundsätzlich schätzt sie »Männer in großer Stellung ohne erotisches Wollen« (S. 43). Die Promiskuität bereitet ihr kein Kopfzerbrechen, solange ein Mann ihr nach dem einvernehmlichen Vollzug später kein unmoralisches Verhalten vorwirft und sie etwa wie Hubert schließlich nicht heiraten will, weil sie ihm nicht mehr »anständig[]« (S. 21) genug erscheint.
Zahlreiche andere Männer versuchen sexuelle Übergriffe, denen sie sich jedoch erfolgreich widersetzen kann (S. 25). Einige Männer betrachten ihre Annäherungs- und Anlehnungsversuche als ›Angebote‹ einer Prostituierten, deren Gefühle sie gegen Geld käuflich erwerben können. Da Doris sowohl ihren Körper als auch ihr Aussehen bei dem Versuch einsetzt, ihren gesellschaftlichen Aufstieg voranzutreiben und ihre materielle Situation zu verbessern (S. 11 und öfter), trägt sie zumindest teilweise selbst zur Fehleinschätzung bei.
Einige Liebhaber betrachten ihre Freizügigkeit nicht als Merkmal und Ausdruck eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins, sondern als Aufforderung. In diesem Fall ist Doris das Opfer der Doppelmoral der Männer, die glauben, sich alle sexuellen Freiheiten erlauben zu dürfen, den Frauen auf diesem Gebiet aber keinesfalls das gleiche Recht zugestehen (S. 79).
Die Angst vor der Vereinsamung (S. 88) ist einer der Gründe für Doris’ Konflikte, sich mit verschiedenen Männern einzulassen. So zieht sie wieder aus ihrem möblierten Zimmer aus (S. 131) und quartiert sich noch vor Weihnachten bei Lippi Wiesel ein. Sie hofft ein bisschen darauf, dort ihr Heimweh verdrängen zu können und etwas Wärme und Geborgenheit zu finden (S. 135).
Einen weiteren zentralen Konflikt stellt Doris’ Weigerung dar, eine konkrete Tätigkeit auszuüben. Als Karl sie einlädt, bei ihm zu wohnen und für ihn zu arbeiten, weigert sie sich, weil sie noch »Ehrgeiz« (S. 151) habe. Als sie während ihres Aufenthaltes bei Herrn Ernst mit ihm über die Aufnahme einer Arbeit streitet, argumentiert sie ähnlich. Der wahre Grund liegt vielmehr in ihrer Erfahrung, dass sich Arbeit weder in finanzieller noch ideeller Weise für sie auszahlt, weil sie nur über eine rudimentäre (Aus-)Bildung verfügt, die ihr keinen dauerhaften Arbeitsplatz und kein hinreichendes Einkommen für die Befriedigung ihrer Wünsche und Bedürfnisse garantiert.
Schließlich spielt ihr Überleben in der Großstadt bei ihren Konflikten eine große Rolle. Das Leben, so wie es sich Doris erträumt, kostet deutlich mehr Geld, als sie durch eigenständige Arbeit verdienen kann. Insofern muss sie sich einen männlichen ›Versorger‹ zur Überwindung ihrer Notlage sichern (S. 28, 95, 131).
Zu den wesentlichen Charakterzügen der Protagonistin zählen Widersprüchlichkeiten ihre Widersprüchlichkeiten. Während oben von ihrem ausgeprägten Selbstbewusstsein die Rede ist, müssen hier ihre Selbstzweifel thematisiert werden. Sie äußern sich am stärksten in ihrer Willensschwäche. Zu Beginn des dritten Teils – Doris befindet sich fast an einem Tiefpunkt – gesteht sie sich ihre Rat- und Orientierungslosigkeit ein. Zunächst zählt sie all das auf, was sie nicht will. Es folgt ihr Bekenntnis, dass sie nicht mehr weiterweiß. Der letzte Satz ist dann der Beleg für die Willensschwäche: »Ich will – ich will – was?« (S. 143).
Die größten Widersprüchlichkeiten ergeben sich in Doris’ Bild von der Liebe Doris’ Auffassungen von der Liebe. Hier unterscheiden sich ihre Aussagen in erheblichem Maß. Zu Beginn des Romans schreibt sie über die Gefühle zu Männern: »Etwas Liebe muß dabei sein, wo blieben sonst die Ideale?« (S. 10) Zu Beginn des zweiten Abschnitts heißt es über die Liebe: »Das ist so furchtbar viel, wenn einem einer gefällt – Liebe ist noch so ungeheuer viel mehr, daß es sie wohl gar nicht, vielleicht kaum gibt« (S. 87).
Ausschließlich positiv denkt sie über die Liebe während ihres Zusammenseins mit Herrn Ernst. Zunächst deutet sie »wahre Liebe« (S. 205) als das einfache, bedingungslose Dasein für jemand anderen. Nachdem sie sich geliebt haben, kommt Doris zu dem Ergebnis: »Also das allein macht die Liebe nämlich gar nicht aus, aber es gehört auf schöne Art mit dazu« (S. 207).
Ihre Formulierung lässt aufhorchen, denn sie deutet an, dass Doris in dieser Frage wie in ihrer abschließenden Beurteilung des »Glanz[es]« (S. 219) ihre einseitigen Ansichten überwunden hat.
In der Persönlichkeit Doris’ werden zwei unterschiedliche Moderne versus traditionelle Rollenmuster Rollenkonzepte deutlich. Auf der einen Seite repräsentiert sie das moderne Konzept der Neuen Frau (Frauenbewegung), um dieses aber leben zu können, muss sie auf Elemente des alten Geschlechterkonzepts (Patriarchat) zurückgreifen. Um ihre Sehnsucht nach persönlicher Freiheit und ökonomischer Unabhängigkeit zu stillen, muss sie sich alten vertrauten Abhängigkeiten unterwerfen. Demnach entscheidet in Deutschland um 1931 immer noch der Mann über die wesentlichen Fragen in der Ehe, und diesen Entscheidungen hat sich die Frau zu beugen. Zwar sollten die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches von 1900 die Rechte der Frauen stärken, aber bis zum Erscheinen dieses Romans hat sich keine Besserung der Rechtsstellung der Frau im Alltag ergeben. Es hat bis zum Jahr 1977 gedauert, bis die gesetzlich verankerte Aufgabenteilung in der Ehe gestrichen worden ist. Bis dahin hatte die Frau vor allem ihre Pflichten in Ehe und Familie zu erfüllen. Wenn sie einer Berufstätigkeit nachgehen wollte, war sie von der Zustimmung des Ehemanns abhängig.
Doris betont des Öfteren, dass ihre Unterwerfung unter die von den Männern festgeschriebenen Normen eine Maßnahme zur Vermeidung der Vereinsamung darstellt. Dadurch übt sie nachhaltig Kritik an den herrschenden Dorisʼ Gesellschaftskritik gesellschaftlichen Regeln. Sie hat die Antwort der Mutter auf ihre Frage, warum sie den Mann – von dem Doris nach eigener Aussage nichts hält – geheiratet habe, verinnerlicht. Ihre Mutter hatte ganz ruhig darauf geantwortet: »irgendwo muß man doch einmal hingehören« (S. 28). Doris gesteht, dass diese Erwiderung großen Eindruck auf sie ausgeübt und sie die Entscheidung ihrer Mutter sofort verstanden habe. Wieder zeigt sich die Widersprüchlichkeit in den Aussagen und dem Verhalten der jungen Frau. Obwohl sie behauptet, die Entscheidung ihrer Mutter nachvollzogen und akzeptiert zu haben, unternimmt sie trotz der sich ihr durchaus bietenden Gelegenheiten, keinen ernsthaften Versuch, wie ihre Mutter die Geborgenheit bei einer ihrer vielen Männerbekanntschaften zu suchen.
Zu Beginn des Romans ist die Hauptfigur zuversichtlich, dass sie die Ziele realisieren kann, die sie sich selbst gesetzt hat. Ihren ersten Erfolg kann Doris verbuchen, als die Theaterdirektion ihr den kostenlosen Schauspielunterricht anbietet. Die weiteren Stationen bahnen eine Die Abwärtsspirale Wende an und führen Doris zu der Erkenntnis: »Betrunken sein, mit Männern schlafen, viel Geld haben – das muß man wollen, und nichts anderes denken, wie hält man es sonst denn aus – was ist denn wohl nur kaputt auf der Welt?« (S. 119)
Mit der Beziehung zu Alexander erfährt ihr Leben wieder eine Wendung zum Guten. Er finanziert ihr Leben und ermöglicht ihr so, ihre Träume zu verwirklichen (S. 125). Nach dem abrupten Ende der Episode resigniert sie: »Es ist mir jetzt schon alles egal […]. Ich bin das alles so satt.« (S. 131) Der tiefste Fall steht ihr jedoch noch bevor. Sie muss sogar darüber nachdenken, sich zu prostituieren, um ihr Überleben in der Großstadt zu sichern. Es gibt kein Happy End für Doris. Glanz und Elend liegen viel näher zusammen, als sie es sich zu Beginn ihres Selbstverwirklichungsversuchs vorgestellt hat.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es schwerfällt, Doris trotz aller differenzierten Beschreibungen durch die Autorin angemessen zu charakterisieren. Ihre Denk- und Verhaltensweisen sind äußerst vielschichtig und sehr widerspruchsvoll.
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