Kitabı oku: «Die Lange Stille»

Irmin Burdekat
Die Lange Stille
Irmin Burdekat
Die Lange Stille
© tpk-Verlag, Bielefeld 2022
www.tpk-verlag.de
www.dielangestille.de
Alle Rechte vorbehalten.
1. Auflage 2022
Lektorat: Michael Lenkeit
Gestaltung: Christian Andreas
Druck: Finidr s.r.o., Tschechische Republik
Schriften: Gandhi Serif, Trade Gothic
Papier: Munken Print Cream 100g/m2
ISBN 978-3-936359-87-9
als eBook: ISBN 978-3-936359-88-6
als Hörbuch: ISBN 978-3-936359-89-3
Dieweil Geschichte – wenn mit Bier gepaart –
Die ernsten Lehren milder offenbart.
aus TOM JONES
von Henry Fielding (1707 – 1754)
Im Gedenken an Hannes Hoyer.
»Herr Weber, Sie behindern mit Ihrer Passivität den Heilungserfolg!«
»Mmmh.«
»Warum diese Teilnahmslosigkeit?«
»Weiß nicht.«
»Wie erklären Sie sich denn Ihre Antriebslosigkeit?«
»Vielleicht kommt’s von Ihren Pillen?!«
»Ah, ein guter Hinweis. Ich werde Sie neu einstellen lassen. Doktor Gruschke wird sich darum kümmern. Ja, schön. Und dann gehen Sie doch auch mal zur Gruppentherapie!«
»Nee!«
»Warum denn nicht? Das hat schon vielen geholfen.«
»Mir nicht!«
»Aber Sie haben es doch noch gar nicht ausprobiert.«
»Mmmh.«
»Herr Weber, Sie sollten aus sich herauskommen. Es wäre gut, wenn Sie sich öffnen. Es wird Ihnen helfen, wenn Sie anderen erklären, was mit Ihnen los ist. Ich kann Sie nur dazu einladen.«
»Bin kein Typ für Stuhlkreise.«
»Das ist doch Blödsinn. Reden Sie sich bloß nichts ein!«
»Ich bin auch kein Typ für diese Irrenanstalt.«
»Herr Weber, nicht schon wieder. Wir sind ein ganz normales Krankenhaus.«
»Aber Sie lassen mich hier nicht weg!«
»Zu Ihrem Schutz, nur deshalb.«
»Ich wäre lieber schutzlos.«
»Herr Weber, Sie gefallen sich in Ihrer Verbohrtheit. Nun denn, wenn Sie nicht reden wollen, wie wäre es, wenn Sie zu Stift und Papier greifen?«
»Ich schreibe nur Laptop.«
»Na prima, aber dann schreiben Sie! Beginnen Sie an irgendeiner markanten Stelle in Ihrer Kindheit oder Jugend. Erzählen Sie sich Ihr Leben. Das wird Ihnen helfen. Garantiert!«
»Mmmh.«
»Was bedeutet ‚mmmh‘? Werden Sie schreiben?«
»Vielleicht.«
»Ich nehme das mal als ein Ja. Schön. Schreiben Sie einfach drauflos, authentisch, so, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist.«
»Aha.«
»Das freut mich, Herr Weber. Fangen Sie am besten sofort an!«
»Mmmh. Wie? Ja. Äh, nein!«

Die Lange Stille. Alle nannten sie so. Ich kannte diesen Namen schon, bevor ich erfuhr, dass sie auch Karin hieß. Beim Tanzunterricht mussten wir häufig die Partner wechseln, darum habe ich sicher auch mal mit ihr getanzt. Aber nicht gesprochen. Nur gegrinst. Wir »Männer« hatten für fast jede der Damen einen Spitznamen. Die Damen ihrerseits verfuhren ähnlich, was ich damals nicht im Traum für möglich gehalten hätte. Von der Schule kannte ich so etwas natürlich. Manche Lehrer etwa konnten es sich nicht verkneifen und nannten mich »Pausenclown«, wogegen ich mich, weil es aus einer so unseriösen Quelle kam, nicht weiter gewehrt habe. Erst viel später erfuhr ich, wie die vereinigten Tanzmariechen mich hinter meinem Rücken nannten: »Der Kasper«.
Ich erwähne diese unerfreuliche Tatsache nur deshalb, weil sie ein noch konfuseres Licht auf den nun zu berichtenden Vorfall wirft. Zwei Übungsabende vor dem großen Abtanzball kam die Lange Stille in der Pause auf mich zu, als ich vor der Theke gerade an meiner Cola hing. Wie immer ins Gespräch vertieft und umringt von Fans, die auf neue Späße aus meiner Juxkanone warteten. Sie stellte sich einfach vor mich, lächelte, wahrscheinlich geheimnisvoll, und sagte: »Ich möchte dich als Partner für den Abtanzball!« Dieser Auftritt stellte alles mir bis dahin Bekannte in den Schatten. Heute würde man wahrscheinlich so tun, als wäre es selbstverständlich. Aber ist es das wirklich? Männer sind doch die Jäger.
Mit dem Abstand vieler Jahre fallen mir natürlich etliche kluge Erwiderungen auf ihre Frage ein – wobei, es war ja nicht einmal wirklich eine Frage. Eher eine Bitte mit sehr hohem Erwartungsdruck. Unglaublich. Einfach nur: »Ich möchte dich als Partner für den Abtanzball!«
Was also sollte ich tun? Oberstes Gebot zu jenen Zeiten war – und ist es wahrscheinlich auch heute noch –, immer und in jeder Lebenslage cool zu sein. Und cool zu bleiben. Sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Sein Gesicht zu wahren. Nicht rumzueiern. Abgeklärtheit mit hohem Posing-Faktor also. Deshalb, nur deshalb, und ohne groß nachzudenken, sagte ich: »Geht klar!«
Dabei sahen meine Planungen eigentlich ganz andere Konstellationen vor. Ich hatte eine präzise Hitliste, mit wem ich den Tanzunterricht beenden wollte. Auf keinem der ersten fünf Plätze stand die Lange Stille, und weitere Plätze waren noch gar nicht belegt.
Die Einschätzung der Attraktivität meiner Konkurrenten war nicht einfach und erforderte ein ständiges, inneres Sich-Messen und -Vergleichen. Dieser Stress lag nun hinter mir, durch die einsame Entscheidung einer jungen Frau von fünfzehneinhalb Jahren.
Am letzten Übungsnachmittag vor dem Ball tanzte man, weil so befohlen, ausschließlich mit »seiner« Partnerin. Das volle Programm: Langsamer Walzer, Walzer (nur rechtsherum), Foxtrott, Quickstep, Cha-Cha-Cha, Blues und Rumba. Vielleicht noch mehr, aber den Rest habe ich vergessen. Jedenfalls erfuhr ich bei dieser Trainingseinheit alle wichtigen Details. Sie hieß offiziell Karin, genauer sogar Karin Mohrmann. Am Heidplackenweg Nr. 3 – 4 sollte ich sie am darauffolgenden Samstag gegen achtzehn Uhr abholen und das fällige Biedermeier-Sträußchen übergeben, um im Gegenzug ein kleines Einstecktuch für die Brusttasche meines blau-gestreiften Jacketts in Empfang zu nehmen. Der finanzielle Ausgleich war durch diesen Tausch nahezu gewährleistet und wurde deshalb von der Tanzlehrerin vorgeschrieben.
Der zweite Satz, den die Lange Stille je an mich richtete, war: »Geht doch.« Damit beschrieb sie unsere steifen Paartanzergebnisse, und wenn man wollte, lag sogar so etwas wie Lob, zumindest aber Anerkennung in ihrer Aussage. Haben wir danach noch miteinander geredet? Jedenfalls nicht bei der Generalprobe. Obwohl, wenn ich so darüber nachdenke, ist das eher unwahrscheinlich. Irgendwas Belangloses werden wir wohl schon gesagt haben. Zumindest ich. Absolut sicher bin ich allerdings, dass ich weder meinem Image als Pausenclown noch als Kasper auch nur im Ansatz gerecht wurde. Ich gab, warum auch immer, den seriösen, in sich gekehrten jungen Mann. Eine Rolle, die mir überhaupt nicht lag. Entsprechend barsten die Ventile, als ich wieder im Kreis meiner Kumpel war.
Den Fußmarsch zum Ball erledigten wir mehr oder weniger schweigend. Auffallend war lediglich, dass sich erstmalig in meinem Leben jemand bei mir einhakte. Diese Inszenierung war von der Tanzlehrerin »empfohlen« worden, weil es sich so gehöre oder irgendwas in der Art. Damals gab es schon eine modernere Tanzschule in der Stadt, aber wir waren bei Lisbeth Neumann. Die Bessersituierten schickten ihre Kinder dorthin, weil sie sich mehr Schliff und Strenge erhofften. Bei meinen Eltern hatte der günstigere Preis den Ausschlag gegeben.
Wir gingen also wie ein altes Ehepaar durch die kalten Straßen unserer Heimatstadt und waren beide froh, als wir im Schützenhof ankamen. Sofort trennten sich unsere Wege und wir tauchten ab unter die sichere Glocke unserer Geschlechtsgenossen. Dort fühlte ich mich wieder geborgen und es herrschte absolutes Wohlfühlklima: fröhlich, grob und zotig.
Der erste Teil des Abtanzballs war ein Wirrwarr an zeremoniellen Abfolgen, ähnlich einer Kaiserkrönung. Ich musste unter anderem mit Karins Mutter tanzen und sie mit meinem Vater. Was sollte das? Immerhin wusste ich danach, wer Karin die Stille nicht vererbt hatte: ihre Mutter.
Wir saßen an einem Sechser-Tisch, fünf aufgedrehte, schnatternde Teenager und die Lange Stille. Diesen Tisch hatte ich organisiert und damit sichergestellt, die »richtigen« Leidensgenossen in Witzeverbreitungsweite zu haben. Jeder von uns musste sieben Mark zahlen, dafür stellte ein überheblicher Kellner eine dicke Schüssel mit Kalter Ente auf den Tisch. Dazu für jeden ein dünnes Glas samt Untersetzer und Löffelchen.
Als wir unsere Pflichttänze hinter uns hatten, begann die Party, der Spaß, die Action, das Pfauenradschlagen und Anbaggern. Ab und zu gab es sogar vernünftige Musik, und man konnte endlich ordentlich tanzen. Also ohne den ganzen Ringelpiez mit Anfassen. Die Lange Stille war verschwunden, jedenfalls aus meinen Augen, und ich hatte sie schon vergessen. Ralle Krettmann hatte eine Pulle Whisky eingeschleust – es war Racke Rauchzart, aber ohne Lederhalfter – und damit der Stimmungsentfaltung gute Dienste geleistet.
Ich tanzte mit etlichen Damen. Einige davon vordere Plätze auf meiner Hitliste. Mir ging es prima, ich war verschwitzt und guter Dinge. Beschwingt, könnte man sagen.
Erst später am Abend traf ich wieder auf die Lange Stille, unten im Flur vor den Toiletten. Wir gingen zufällig aufeinander zu, und es wäre normal gewesen, aneinander vorbeizulaufen. War aber nicht so. Karin öffnete ihre Arme, als ob sie mit mir tanzen wollte. Ich fiel drauf rein, und schon begann die herrlichste Knutscherei. Einfach so. Völlig ungeplant. Und nicht einmal schlecht. Genau genommen sogar ziemlich gut. Wie lange? Keine Ahnung. Aber an etwas kann ich mich erinnern, als wäre es vor fünf Minuten gewesen: Wir blieben, uns an den Händen haltend, voreinander stehen und staunten uns an. Kein halber Meter trennte unsere Gesichter. In diesem Moment habe ich Karin zum ersten Mal richtig angesehen, ihr in die Augen geschaut, sie wahrgenommen. Sie erkannt?
Allenfalls unbewusst. Aber die gewaltige Elektrizität zwischen den Polen ihrer Pupillen, die sprang über. Hochspannung und kaum noch Widerstand – besser kann ich meinen damaligen Zustand nicht beschreiben.

Am nächsten Morgen erscheint die Lange Stille in der Küche und begrüßt ihre Mutter fröhlich mit einem leichten Kopfnicken sowie mindestens drei Sekunden Augenkontakt. Frau Mohrmann schlägt Eier auf, lässt den Inhalt in eine Schüssel laufen, verquirlt das Ganze mit einem Schneebesen und schüttet noch einen Viertelliter Mineralwasser mit Kohlensäure dazu. Sie will abnehmen und ihr ist jedes Mittel recht. Dann unterbricht sie die Vorbereitung der allsonntäglichen Rühreiproduktion und fragt: »Wer war das denn gestern eigentlich – dein Tanzpartner?«
Karin deckt den Tisch und erläutert ausführlich: »Werner.«
»Werner wer?«, will Mutter Mohrmann nun wissen, gestützt
auf ihren Schneebesen und mit leicht erhobener Augenbraue.
»Werner Weber.«
»Aha«, kontert Frau Mohrmann und rührt weiter, bis sie erneut stoppt. »Mir kam er ziemlich albern vor«, sagt sie und erwartet die Reaktion ihrer Tochter. Die kommt. Prompt. Und bringt das Rührei zum Stocken.
»Ich werde ihn heiraten!«.
Seelenruhig legt Karin Messer, Gabeln, Teelöffel, Messerbänkchen sowie die silbernen Serviettenringe mit den Namen aller Familienmitglieder neben die weißen Teller der Serie Alt-Belgien.
Elke Mohrmann zeigt nun, was sie in ihrer Laienspielgruppe gelernt hat. Sie gibt einen Lachkrampf mit eingebautem Erstickungsanfall unter Hinzuziehung einer Portion Schüttelfrost zum Besten und trötet trompetensoloartig: »Das glaub ich nicht. Ich fass es nicht. Rettet mich, Hilfe, Hilfe, ich ersticke!«
Die Lange Stille weiß um den Ernst der Lage und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, zählt noch mal die eingedeckten Teller und fragt unaufgeregt: »Isst Peter mit?«
Bruder Peter kommt, von dem Krawall in der Küche aufgeschreckt, angerannt und will wissen, was los ist. Mutter Mohrmann fängt sich wieder, deutet mit dem tropfenden Schneebesen auf ihre älteste Tochter und prustet: »Karin will einen Werner Weber heiraten!«
Peter erfasst den Fehlalarm, sackt in sich zusammen und bringt alles auf den Punkt: »Na und?« Dann dreht er sich um und putzt seine Zähne zu Ende.
Als alle vollzählig am Frühstückstisch sitzen, versucht Frau Mohrmann noch einmal, die Neuigkeit des Tages an den Mann zu bringen, denn sie kennt ihre Tochter und weiß, dass Scherze nicht ihr Ding sind. Zum Glück hat Familie Mohrmann ein Oberhaupt mit der Lizenz, Machtworte zu sprechen. Das heutige lautet: »Elke, du bist peinlich.«

Als immer mehr Leute an uns vorbeiliefen und sich fast die Hälse aus der Fassung drehten, meinte die Lange Stille: »Komm, bring mich nach Hause.«
Der Marsch wurde ein Stop-and-go. Knutschen, laufen, knutschen und so weiter. Es war eiskalt, ein böser Wind fegte durch die Straßen, aber Kälte und Sturm machten einen ehrfurchtsvollen Bogen um uns. Vor ihrem Haus – die Mohrmanns wohnten in einer Villa, der Begriff fand sich damals aber noch nicht in meinem Alltagsvokabular – hätte nun der finale Abschiedskuss kommen müssen. Kam aber nicht. Karin blieb stehen und sah mich an – oh Mann: Da war er wieder, dieser Blick! Hilft alles nichts, ich muss an dieser Stelle zuerst ihren magischen Blick beschreiben. Sonst versteht niemand irgendwas, und jeder denkt, das alles sei nur jugendliche Schwärmerei gewesen. Dabei bin ich mir bis heute nicht einmal sicher: War es der Blick oder das Mienenspiel oder der Ausdruck der Augen oder gar ein noch unentdeckter Faktor? Da war auch noch ihr Mund, zumindest die Mundwinkel. Was wird allein von der Stellung des Mundes schon ausgelöst?
Und wie beschreibt man den Energiestrom, die wuchtige Aura oder die Masse an Wirkung, wenn man das ganze Gesicht eines Menschen erfasst? Okay, da gibt es die Schwachstrom-Typen, die lediglich eine Portion Langeweile im Angebot haben. Oder ganz normale Zeitgenossen, die einem was erzählen, während man reflexmäßig mit ihnen in Augenkontakt bleibt. Selten, ganz selten – und mittlerweile habe ich mehr als vierzig Jahre auf dem Buckel – trifft man jemanden, dem blitzartige Funken aus den Pupillen fliegen. Die Lange Stille blitzte jedoch gar nicht. Ihre Hochspannungsströme waren ein perfekter, lang gezogener Mix aus Wohlwollen, Anerkennung, Mona-Lisa-mäßiger Geheimniskrämerei und – ich nenne es einfach mal so: Begierde. Genau! Da war eine kultivierte, extrem disziplinierte Begierde mit im Spiel. So sah sie mich ein paar Sekunden an, dann kam ihre Hand, mit deren Rücken sie mir über die Wange strich, um zu sagen: »Ich mag dich!«
Ohne jegliche Hast drehte sie sich um und ging die vier Stufen vom Bürgersteig hoch auf den gepflasterten Weg, der zur Haustür führte. Während sie mit der linken Hand aufschloss, traf mich noch ein halber Blick über die Schulter. Sie oben, ich unten. Ihre rechte Hand deutete auf Hüfthöhe ein Winken an, dann verschwand sie im Haus.
Ich schildere diese Szene nur deshalb so lang und breit, weil die Nachwirkungen erheblich waren. Das, was von ihr rüberkam, mich erreichte, etwas in mir auslöste.
Gleich am nächsten Tag schon.
Sonntagnachmittags ging man zum Tanztee in die Tanzschule, wo wir die gesellschaftliche Reife bekommen sollten, die angeblich nötig war, um im Bürgertum zu überleben. So ähnlich stand es jedenfalls im Werbeprospekt, damit die Eltern die geforderte Teilnahmegebühr lockermachten. Meine Clique war immer dort, und ich gehörte als Zentrum der guten Laune schon wegen meiner Stellung im sozialen Gefüge dazu. Aber an diesem Sonntag sah ich ein Problem auf mich zukommen. Ich war nämlich zu dieser Zeit noch mit Angela »zusammen«. Angela war eine eher unspektakuläre Erscheinung, hatte aber zwei ernst zu nehmende Vorteile: Sie war ein Jahr älter als ich und hatte angedeutet, dass sie sich »demnächst« ein Rezept für die Pille besorgen wollte. Zu den festen Ritualen in meinem Leben gehörte unser gemeinsamer Auftritt beim Tanztee. Nun bestand aber die Gefahr, dort mit der Langen Stillen konfrontiert zu werden. Daher entschuldigte ich mich telefonisch bei Angela und ließ den Termin krankheitsbedingt ausfallen. Damit erkaufte ich mir etwas Bedenkzeit.
Am darauffolgenden Dienstag erreichte mich ein Briefchen: »Ich würde Dich gerne am Samstag um 15 Uhr im Park-Café treffen. Lieber Gruß, Karin.«
Damit begann die zweite Phase der Bedenkzeit. Immerhin hatte ich nun vier volle Tage zur Verfügung, um mir ein Konzept zurechtzuzimmern. Dafür entwickelte ich Satzmodule, um ihr in flüssiger Rede alles erklären zu können. »Alles« bedeutete: Den Vorfall beim Abtanzball als einen jugendlicher Unreife geschuldeten Ausrutscher zu deklarieren. Ich wollte die Lange Stille nicht verletzen, meine übrigen Interessen aber auch nicht aufs Spiel setzen. Diesen Spagat galt es zur Zufriedenheit aller Beteiligten vorzuführen. So weit mein Plan.
Überpünktlich kam ich ins Café, aber Karin war schon da. Vor sich eine Cola und ein Reclam-Heft. War’s schon Hesse? Wahrscheinlich nicht. Kaum saß ich einigermaßen sicher und hatte das nervöse Hin- und Herflackern meiner Augen unter Kontrolle, blieb mein Blick in ihrem Gesicht hängen. Da war er wieder, dieser unbeschreibliche Magnetismus. Ihre dunklen Augen im Zusammenspiel mit Wangen, Mund und Nase – vielleicht sogar den Haaren: eine unnachahmliche Komposition aus vielschichtigen Emotionen. Ich fühlte mich erkannt, bewundert und behütet – und gleichzeitig bewertet, verunsichert und minimal verarscht. Was für eine Mischung!
Mein Redekonzept zerrann in Sekundenschnelle. Meine Schweißdrüsen sprengten wie ein Gartenschlauch. Mein Hemd war klatschnass. Hektisch stotterte ich vor mich hin, um wenigstens den wichtigsten Punkt zu setzen: Meine Beziehung zu Angela. »Ich gehe sozusagen mit ihr, verstehst du?!« An den Satz erinnere ich mich noch.
Doch als der Kern meiner Botschaft raus war, passierte etwas Unerwartetes. Mit der Rechten ergriff Karin eine meiner zappeligen Hände, die Linke legte sie auf meinen Unterarm. Dann sagte sie ruhig und beruhigend: »Verstehe ich. Ist doch normal. Aber ich möchte, dass du fair mit ihr Schluss machst. Erzähl nichts von uns, das kränkt sie nur. Du schaffst das!«
Später schlenderten wir noch eine Weile durch den Park. Es war Gott sei Dank schon sehr dämmerig, und ich fühlte mich unbeobachtet. Außerdem schloss ich bei der Knutscherei vorschriftsmäßig die Augen.
Das Angela-Problem löste sich wundersamer Weise von ganz allein. Wieder bekam ich Post am Dienstag. Dieses Mal von Angela. Ich sei mit »einer anderen« eng umschlungen gesehen worden, weshalb sie hiermit die Beziehung zu mir fristlos kündige. Ich solle mir nicht die Mühe machen, zu versuchen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. »Verpiss dich aus meinem Leben!«, lautete die alles beendende Grußformel.
So kam es, dass ich nun mit der Langen Stillen »ging«.
Einige Zeit nach dem Abtanzball saß meine Familie mal wieder versammelt am Abendbrottisch. Mein Vater war Handlungsreisender in Sachen Muffen und Schellen und wochentags selten zu Hause. Endlich kam er dazu, seine aufgestaute Neugierde zu befriedigen. Er fragte: »Wer war eigentlich deine Tanzpartnerin beim Ball da neulich. Ich fand die sehr nett. Übrigens auch attraktiv.«
Meine Mutter seufzte hörbar und ließ die Schultern hängen. Dann blaffte sie los: »Die ist ja wohl nicht ganz deine Kragenweite, oder?«
»Hab ich doch gar nicht gesagt. Was soll das? Was legst du mir schon wieder in den Mund?«
Ich unterbrach die Unterhaltung meiner Eltern und sagte: »Das war Karin. Ich gehe jetzt mit ihr.«
Mein Vater schluckte seine Empörung hinunter und meinte anerkennend »Gut, gut!«, dabei nickte er mir freundlich zu. Dann ergänzte er schmunzelnd: »Halt dir die warm. Das ist eine zum Heiraten!«
Meine Mutter ertrug die Kommentare ihres Gatten schon lange nicht mehr. Ihr Nervenkostüm war aus extrem dünner Seide. »Red doch nicht so einen Quatsch, Ewald. Der Junge ist doch noch viel zu jung, um sich über so was Gedanken zu machen. In Wirklichkeit willst du dem Mädel doch nur selbst an die Wäsche. Dein gestörter Realitätssinn macht dich zu einem geifernden Idioten. Du machst dich lächerlich – und mich dazu!«
Meinem Vater war leider die eheliche Treue abhandengekommen. Eine Entwicklung, die meiner Mutter nicht verborgen geblieben war. Wahrscheinlich war es also sein schlechtes Gewissen, das ihn losbrüllen ließ: »Deine Unterstellungen sind unerträglich. Du manipulierst, wo du nur kannst!« Er holte tief Luft, vermutlich, um seine Tirade noch lauter und aggressiver fortzusetzen.
Ich grätschte gerade noch rechtzeitig dazwischen: »Weiß einer von euch zufällig, wie spät es ist?« Das entspannte die Lage jedoch nicht.
»Für mich zu spät!«, zischte meine Mutter, nur um beim Aufstehen noch eben schwungvoll ihre Tasse vom Tisch zu fegen.
Ich schüttelte den Kopf und brummte: »Scherben bringen Glück!«
Iris, meine blöde, drei Jahre jüngere Schwester glaubte noch nicht an das Glück der Scherben. Sie lief weinend hinter meiner Mutter her – während ich mich möglichst unauffällig aus dem Staub machte.
Die bisher beschriebenen Vorkommnisse dienen einzig dem Zweck, Zusammenhänge erkennbar zu machen. Um nachvollziehen zu können, warum ich mich im darauffolgenden Jahr einer Art Dreifrontenkrieg ausgesetzt sah. Da waren zum einen die Scharmützel im Freundes- und Bekanntenkreis. Die finale Schlacht, nach aufreibenden Monaten, schlug ich stellvertretend mit Fräulein Czernatzke. So nannten wir Claus Komischke, nach einer Figur aus irgendeinem Klassiker. Er hatte ein etwas weibisches Wesen und schnatterte wie ein Entenstall beim Besuch des Fuchses. Alle Sticheleien, Sprüche und Witzchen von allen auf meine Kosten galten der Körpergröße der Langen Stillen. Als Czernatzke zum Angriff überging, befanden wir uns gerade im Umkleideraum nach dem Schulsport. Allein. Wir hatten wohl rumgebummelt, folgten jedenfalls nicht dem Herdentrieb, denn die letzte Stunde war vorbei und man hätte hinaus ins freie Leben gleiten können. Ich fummelte an meiner Socke herum und versuchte sie so zu drehen, dass man ein Loch im Bereich des großen Zehs nicht sehen konnte. Breit grinsend schoss Czernatzke seine Granate auf mich ab, so viel bekam ich sogar in gebückter Haltung mit. »Willst du eigentlich noch wachsen oder hast du schon eine Trittleiter, um deine neue Flamme zu küssen?«
Wozu schaut man sich Cowboy- oder Boxerfilme an? Um Vorbilder zu finden und sich ihre Taten zu eigen zu machen. Innerhalb von zwei Sekunden wurde ich zu Old Shatterhand. Oder Rocky. Oder Bud Spencer. High Noon war zwar vorbei – es muss kurz vor zwei gewesen sein –, aber meine Faust schlug trotzdem erbarmungslos zu. Ich donnerte dem Fräulein dermaßen eine rein, dass er stumpf umfiel, wobei er sich auf dem Weg nach unten auch noch einen Schlag von der Holzbank einfing. Er blieb benommen liegen, war aber voll am Leben, das konnte man dem Geröchel entnehmen. Leicht nervös raffte ich im Eiltempo meine Sachen zusammen, rannte hinaus und traf im Flur vor der Turnhalle auf den Hausmeister. »In der Umkleide liegt einer, der fühlt sich nicht wohl. Wollen Sie mal nachschauen?« Das war doch nun alles andere als unterlassene Hilfeleistung. Im Gegenteil, ich finde sogar: Das war Erste Hilfe.
Czernatzke begab sich in den nächsten Tagen auf eine Art Friedensmission. Er schilderte meine Schlagkraft mit höchster Übertreibung und sorgte so dafür, dass mich niemand mehr auf Karin ansprach. Die Neckerei war vorbei. Sogar der halb legale Name »Die Lange Stille« blieb nun unerwähnt. Man fragte mich höchstens nach meiner Freundin, und mit der Zeit gewöhnten sich alle an »Karin«.
Die jedoch blieb leider immer drei bis fünf Zentimeter größer – Quatsch, länger – als ich, was natürlich nicht leicht wegzustecken war. Wenn wir Händchen haltend durch die Fußgängerzone schlenderten, um beim Spiel von Sehen-und-Gesehen-Werden mitzumachen, gab sie sich allerdings große Mühe, kleiner zu erscheinen. Fast hätte man sie statt die Lange Stille auch die Bucklige nennen können. Im Gegenzug tat auch ich viel für meine Haltung und ging so aufrecht wie möglich. Seitdem achte ich beim Schuhkauf immer auf möglichst hohe Absätze.
Die zweite Front, an der mir die Geschosse um die Ohren flogen, war mein Elternhaus. Präziser wäre es wohl, wenn ich mich als »zwischen die Fronten geraten« bezeichnen würde. Meine Eltern hatten den seit Langem schwelenden Konflikt zu einer offenen Konfrontation ausgebaut. Sie befanden sich im Kriegszustand, und wir Kinder mussten uns entscheiden, ob wir Freund oder Feind sein wollten. Je nachdem, mit wem man es gerade zu tun hatte, musste man schnell eine andere Fahne hissen. War ich mit meinem Vater allein, bestätigte ich ihm, dass seine Frau eine keifende Furie sein konnte, fernab jeglicher Logik. Schüttete mir meine Mutter ihr Herz aus, konnte ich ihr nur zustimmen, dass ihr Mann ein unzuverlässiger Hallodri sei. Diese Kriegslist wäre aufgegangen, hätte meine Schwester denn mitgespielt. Sie schlug sich jedoch recht schnell einzig auf die weibliche Seite und gab dort zum Besten, wie ich mich hinter Mutters Rücken über sie geäußert hatte.
Es kam, wie es kommen musste. Die Kriegsparteien verließen in entgegengesetzten Richtungen das Schlachtfeld und nahmen jeweils ein Kind als Beute mit. Ich blieb mit meinem Vater in der alten Wohnung, während Iris und meine Mutter zu Omi Lehne zogen, der Mutter meiner Mutter. Dort wäre ich auch lieber hin, da Omi Lehne ein schönes, geräumiges Haus mit einem verwunschenen Garten voller Obstbäume besaß sowie ein allzeit spendables Portemonnaie. »Hier Jung, hast ’n Schein« war ihre Standardformel bei jeder Verabschiedung.
Es gab aber auch Vorteile unserer Aufteilung. Mein Vater hatte keinen sonderlich ausgeprägten Ordnungssinn und nervte deshalb nicht rum, wenn es mal wieder »Wie sieht es denn hier aus?« bei uns aussah. Seine Ansprüche waren bescheidener Natur. War Landleberwurst und Bier im Kühlschrank, Nescafé Gold im Regal und Pumpernickel im Brotkasten, dann waren seine Bedürfnisse befriedigt. Um meine eigenen lukullischen Wünsche erfüllen zu können, legte er mir wöchentlich einen Zwanziger auf den Tisch. Geld, das ich gut gebrauchen konnte. Zusammen mit meinem Taschengeld wanderte es meist in den Plattenladen meines Vertrauens oder ins Park-Café. Trotzdem war ich zu jener Zeit ausgewogen ernährt und körperlich ohne jede Mangelerscheinung.
Damit komme ich zu Familie Mohrmann und ihrer Tochter Karin, der dritten und kompliziertesten Front. Sie war geprägt von sehr unterschiedlichen Abschnitten. Oder Schlachten. Sehr siegreichen, besser: entspannten (Karin). Und sehr strapaziösen, bei denen man ständig auf der Hut sein musste (ihre Mutter).
Anhand einer Szene lassen sich die Verhältnisse bei den Mohrmanns vielleicht am besten beschreiben. Circa drei oder vier Wochen nach dem Abtanzball überbrachte mir Karin die Einladung ihrer Eltern zu einem sonntäglichen Kaffeekränzchen. Im Kreis der gesamten Familie. Spätestens am Samstagabend vor meinem dortigen Auftritt erfasste mich eine ungemütliche Unruhe. Ich überlegte, wie ich rüberkommen wollte, ging die Möglichkeiten des äußeren Eindrucks auf Basis meines Kleiderschranks durch und bereitete Anti-Glatteis-Themen vor, auf die ich, in Not geraten, das Gespräch lenken konnte. Gerade noch rechtzeitig, also etwa eine halbe Stunde vorher, fiel mir ein Satz aus dem Mund meiner Mutter ein. Könnte aber auch der Volksmund gewesen sein: »Man kommt nicht mit leeren Händen.« Aber wo treibt man sonntags gegen halb drei einen Blumenstrauß auf? Und vor allem einen, der nichts kostet. Zusammenklauen ging nicht, es war Mitte Dezember. Aber leihen ging. Ich hetzte also mit dem Fahrrad zu Omi Lehne und redete nicht lange um den heißen Brei herum. Endergebnis: Sie lieh mir einen Strauß, den sie ohnehin am nächsten Tag hätte wegschmeißen müssen. Ich rupfte die überalterten Stängel heraus und arrangierte die übrigen Nelken, die noch über einen Rest Stehvermögen verfügten, zu einem einigermaßen ansehnlichen Bündel. Es kam ja sowieso mehr auf die Geste an.
Kaum hatte ich geklingelt, öffnete Karin lächelnd die Haustür und zischte mir zu: »Küssen später!« Direkt hinter ihr stand – empfangsbereit für die Nelken – Frau Mohrmann. Ich erinnerte mich sofort an ihren speckigen Rücken, den ich beim Elterntanz mehr als erwünscht zu spüren bekommen hatte. Meine Finger mussten sich geradezu in das Fettgewebe hineinkrallen, da mir die Dame ansonsten bei den Drehungen entglitten wäre.
Der Flur der Mohrmanns ähnelte eher einer Empfangshalle, jedenfalls war er viermal so groß wie unserer. Auffällig war ein ausladender Ölschinken an der Wand. Ich blieb davor stehen und hörte Frau Mohrmann sagen: »Ein echter Radziwill!« Es war nichts Abstraktes, aber dennoch ziemlich konfus. Irgendwie Dalí für Arme. Ich zählte still bis fünf, dann lobte ich den aufwendigen Rahmen des Bildes. Das war keine Show. Der gefiel mir wirklich. Die Endlosserie der Fettnäpfchen, die ich bei Frau Mohrmann zielsicher ansteuerte, begann in diesem Moment. Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, die äußerlich zur Schau gestellte Lässigkeit wäre ein Spiegelbild meines Innenlebens gewesen.
Zum Glück erschien in diesem Augenblick Karins älterer Bruder und lockerte die Stimmung auf. Er kam die Treppe herunter gehüpft, ging direkt auf mich zu und sagte: »Hi, ich bin Peter. Kann dir leider nicht beistehen. Hab so ’nen ähnlichen Job wie du zu erledigen. Muss zu den Eltern meiner Freundin. Lass dich von den Zombies hier nur nicht einschüchtern!« Er schlug mir freundschaftlich auf die Schulter, zeigte seiner Schwester kurz einen hochgestreckten Daumen, und weg war er.
Karin nahm meinen Arm und sagte: »Komm rein. Mein Vater ist im Wohnzimmer, und erschrick nicht, mein Opa ist auch da. Aber der bekommt nicht mehr viel mit.«
Mutter Mohrmann krähte von hinten: »Guten Tag sagen sollte dein Galan dem Opa aber schon – und zwar ordentlich.«
Als ich ins Wohnzimmer trat, erhob sich Dr. Mohrmann aus seinem Sessel, legte die Süddeutsche auf den Boden, kam mir entgegen und zeigte ein unverdächtig freundliches Gesicht. Diese entspannenden Sekunden brachten mich dazu, ihn mit einem formvollendeten Diener zu begrüßen. War nicht geplant. Reine Intuition.
Dann war der Opa dran. Er saß schon an der Kaffeetafel, ohne dem Geschehen um ihn herum sonderlich große Aufmerksamkeit zu schenken. Ich marschierte auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte: »Guten Tag, Herr Mohrmann!« Laut und zackig, also so, wie es sich zur damaligen Zeit gehörte. Womit ich in Fettnapf Nummer zwei gelandet war, denn es war der Vater von Karins Mutter.
Meine Anrede holte ihn aus seiner halb dementen Schläfrigkeit. Lautstark empörte er sich: »Von Metjendorf, wenn ich bitten darf. Hans-Joseph von Metjendorf. Mit Bindestrich. Und nicht der niedere Josef mit f, sondern der gebildete mit ph. Merken Sie sich das, mein Herr!« Eine Ansage wie vom Band, und ebenso wie eine solche versiegte seine Aktivität mit dem Ende der Aufnahme.
Bei Tisch, nachdem die Kaffee-oder-Tee-Frage geklärt war und ich meinen Stuhl das zehnte Mal zurechtgerückt hatte, nachdem die Kirsch-Sahne-Schnittchen verteilt waren und harmlose Plaudereien begonnen hatten, störte Frau Mohrmann die sich leise entwickelnde Harmonie: »Was lesen Sie denn so für Bücher, junger Mann?« Auf diese unnötige Frage war ich von Karin vorbereitet und, mangels passender eigener, mit Antworten ausgestattet worden. Wir hatten viel gelacht, als Karin mich bei der Generalprobe im Park-Café ausfragte und ich die paar Titel und Inhaltsangaben aus mir herausquetschte.
Auch heute lief alles hervorragend – bis ich derbe patzte. Ich erwähnte den Fänger im Weizen und verwechselte auch noch den Autor. Frau Mohrmann fragte spitz: »Meinen Sie den Fänger im Roggen?«
»Ja klar, sowieso, genau, was sonst? Böll muss man einfach gelesen haben. Seine Beschreibungen gesellschaftlicher Vorgänge …« Weiter kam ich nicht. Karin stieß aus der Tiefe ihrer Stille empor und übernahm für den Rest der Zeit die Konversation. Wer sie kennt, weiß, wie lobenswert dieser Einsatz von ihr war.
Zeitverzögert und in Häppchen bekam ich von Karin das Feedback serviert. Mutter M. soll mich einen »hohlen Schaumschläger« genannt haben: »Große Klappe, nichts dahinter!« Dr. M. hatte hingegen Partei für mich ergriffen. Er soll gesagt haben: »Der Junge hat Potenzial. Der macht Progress.« Und diesem Mann konnte man nun wirklich vertrauen, er war schließlich kein einfacher, dahergelaufener Arzt, nein, er leitete sein eigenes Institut. Röntgeninstitut Mohrmann. Er war demnach eine Kapazität des Durchblicks!
Für mich eine klare Bestätigung.
Ach, fast vergessen, da gab es auch noch Bärbel. Die kleine Schwester von Karin. Knapp vierzehn Jahre alt, Zahnspange, schlaffer, feuchter Händedruck und heiße Anwärterin auf den Titel »Die Kleine Stille«. Die Schweigsamkeit ihrer Schwester übertraf sie noch um Schiffsladungen. Dazu machte sie ein gleichgültiges Gesicht und schaffte es, diesen Ausdruck ohne jede Unterbrechung bis zum Abschied beizubehalten, was ihr das gefühllose Aussehen einer Schaufensterpuppe verlieh.
Meine Analyse der Familiendynamik im Hause Mohrmann, die ich auf dem Heimweg aufstellte und die sich über die Jahre bestätigen sollte, fiel eindeutig aus: Karin war zweifellos die Chefin, auch wenn das zu der Zeit noch niemand wahrhaben wollte. Und in ihrem Vater hatte sie einen zuverlässigen Adjutanten.
Überhaupt Karin. Unsere Beziehung lief ruhig in den von ihr vorgegebenen Bahnen. Wir trafen uns so oft es ging: Hallenbad, Tanztee, Schulfeten, Konzerte im Kurpark und Partys, die unsere Freunde in unregelmäßigen Abständen schmissen. Auf diesen Partys waren die Eltern meist nicht da, oder sie versuchten, sich so unsichtbar wie möglich zu machen, sodass der Wanderschaft über alle Körperregionen nichts im Wege stand.
Bevor die speziell dafür eingerichteten Körperteile den Job übernahmen, mussten die Hände das Nötige erledigen. Petting hieß alles, was nicht schwanger machte, aber schon eine Menge Spaß.
Im Frühsommer, als meine Mutter endlich auszog und ich die Wohnung nur noch mit dem häufig abwesenden Handlungsreisenden teilen musste, erweiterten sich die Möglichkeiten des ungestörten Miteinanders schließlich enorm. Analytisch, wie es ihre Art war, erkannte die Lange Stille sofort nicht nur die schöne Seite dieser Entwicklung, sondern auch die gefährliche. Ohne alle Umschweife setzte sie das Thema auf die Tagesordnung: »Ich möchte erst mit dir schlafen, wenn wir mindestens ein Jahr zusammen sind.« Genau so sagte sie es, und mir verschlug es fast die Sprache. Mit dem Satz war jedoch ein Damm gebrochen, und während anfangs noch das Gewicht der schlechten Nachricht in mir überwog, gewann zusehends die gute die Oberhand. Denn wir fingen an, uns wenigstens verbal der Sache anzunähern.
Drei Monate vor Ablauf der Frist schlug Karin einen konkreten Zeitpunkt vor. Der Jahrestag des Abtanzballs sollte es sein. Ich recherchierte und bemerkte, dass es ein Sonntag sein würde. Karin lächelte nachsichtig und sagte: »Okay, dann einen Tag früher. Am Samstag.« Es gibt nichts Besseres im Leben als klare Ziele, die man durch simples Älterwerden erreicht.
Erwähnt werden muss auch noch eine vierte Front, an der ich gefordert war: Die Lange Stille verschlang Bücher wie Vogelkinder Regenwürmer. Sahen wir uns ein paar Tage nicht, hatte sie wieder zugeschlagen. Dann war es plötzlich vorbei mit der Stille. Begeistert vom verdauten Buchstabensalat ratterte sie die Inhaltsangaben herunter, und ich wusste mittlerweile schon, was danach kam. Immer der gleiche Satz: »Das musst du unbedingt lesen!« Ich, der militante Nichtleser. Gleichzeitig war ich jedoch auch ein eifriger Selbstdarsteller, der gemocht, gelobt und bewundert werden wollte. Und mit nichts konnte man bei Karin mehr punkten als mit gelesenen Büchern. Mir fiel es naturgemäß leicht, begeistert zu erzählen. Vorgeführte Begeisterung war sozusagen meine Spezialität. Aber ihre Wälzer brachten mich an den Rand der Verzweiflung. Keinen einzigen schaffte ich komplett. Alles, was sie mir vorschlug, war zu dröge, zu lang oder zu kompliziert. Ich war ehrlich bemüht, nur leider noch nicht reif für Literatur.
Doch dann entdeckte ich die Marktlücke. Mein Kompetenzfeld. Die Waffengattung, in der mir niemand das Wasser reichen konnte. Schon gar nicht die Lange Stille. Musik! Popmusik, um genau zu sein! Karin konnte zwar Noten lesen und aus einem Klavier abgehackte, statische Tonfolgen herausklimpern, die vielleicht im Mittelalter modern gewesen waren, aber der musikalische Zeitgeist hatte sie nie heimgesucht. Damit stand es unentschieden zwischen uns.
Gegenseitige Anerkennung ist ein genialer Kitt für jedes Miteinander. Man weiß sich vom anderen geschätzt und fühlt sich deshalb zu ihm hingezogen. War mir damals von der Technik her natürlich noch nicht klar und nebenbei auch egal. Hauptsache, es funktionierte. Und die Sache zwischen Karin und mir funktionierte prima. Obwohl ich eigentlich mehr auf eine »spektakuläre« Freundin an meiner Seite aus war, eine, mit der man hätte angeben können. Dennoch gab ich mich mit der Langen Stillen zufrieden, weil … Ja, warum eigentlich? War es etwa schon Liebe?
Zwischen Fräulein Czernatzke und mir herrschte nach dem Vorfall in der Umkleide monatelang Funkstille. Wir gingen uns aus dem Weg, und wenn wir uns sahen, übersahen wir uns. Das lief ein knappes Jahr so – nein, eigentlich nur sechs Monate. Dann kam er auf mich zu, leutselig, als wäre nie etwas gewesen: »Interessiert dich wahrscheinlich nicht«, meinte er höchst beiläufig, »aber meine Schwester arbeitet in der Reichsapotheke. Sie hat deiner Freundin vor ein paar Tagen die Pille verkauft. Nur so als Info.« Diese Nachricht erhielt ich fünf Wochen vor dem abgemachten Termin und sie steigerte meine Aufregung gewaltig.

Im Stadttheater steht Arthur Schnitzlers Reigen auf dem Programm. Die Premieren-Besucher sind von der Aufführung begeistert, zumindest überwiegend. Einige sind es nicht und wenige trauen sich beim Schlussapplaus zu pfeifen. Ganz vereinzelt hört man sogar Buhrufe.
Das Ehepaar Mohrmann tritt aus dem Foyer hinaus in die warme Abendluft und ist ein Spiegelbild des Meinungsspektrums.
»Ich fand es geradezu scheußlich!«, platzt es aus Frau Mohrmann heraus.
Ihr Mann dagegen findet: »Sehr modern inszeniert, nicht übel. War doch sehr unterhaltsam.«
»Unterhaltsam nennst du das? Typisch Mann. Ist dir etwa die repressive Gewalt entgangen, mit der die Männer im Stück die Frauen unter Druck gesetzt haben?«
»Druck? Ich habe nur einvernehmlichen Sex wahrgenommen, und zwar jedes Mal!«
»Ha, Wahrnehmung und Realität – die Frauen konnten doch gar nicht anders. Für mich sind sie alle mehr oder weniger gezwungen worden. Was hätten sie denn sonst tun sollen?«
»Stopp, stopp, stopp! Haben wir das gleiche Stück gesehen?« Herr Mohrmann sagt das mit Nachdruck und bleibt einen halben Schritt zurück.
»Du brauchst mich gar nicht so anzuschreien, ich höre sehr gut. Und deine Stimmlage beweist nur, wie recht ich habe.«
»Dann bitte noch mal von vorne: War der Sex einvernehmlich, oder hat eine der Damen gesagt: Ich will das nicht?«
»Darauf kommt es doch gar nicht an. Männer wollen immer nur das Eine. Wird dir doch wohl nicht entgangen sein, oder? Du siehst die Seelen der Frauen überhaupt nicht. Kein Mann hat einen Blick dafür.«
»Aha, und die Seelen der Frauen haben keinerlei Fortpflanzungstrieb, ja?«
»Arnulf, sei doch bitte nicht kindisch. Du weißt, ich habe die Tagebücher von Schnitzler gelesen und kann beurteilen, wes Geistes Kind der Mann war. Ein Schwerenöter. Der fragt sich doch tatsächlich: ›Warum kann ich sie nicht alle haben?‹ Der Typ war ein Sexist. Und diese Geisteshaltung wabert auch durch das Stück.«
»Elke, stehen wir etwa kurz vor einer Bücherverbrennung?«, gießt der Doktor süffisant grinsend noch etwas Öl ins Feuer.
»Wenn du dich auf das Stück eingelassen hättest … Ach, vergiss es. Ihr seid alle nur geile Böcke. Wie eine Frau empfindet, ist euch doch völlig egal. Das ist heute nicht anders als damals. Mir tun nur die jungen Mädchen leid, weil sie noch nicht kapiert haben, was läuft. Und am meisten sorge ich mich um meine Töchter.«
»Deine jüngere Tochter weiß noch gar nichts vom anderen Geschlecht, und deine ältere Tochter ist doch in guten Händen.«
»Pah, dass ich nicht lache. Dieser Werner ist doch geradezu exemplarisch. Hast du nicht bemerkt, wie er sie ansieht? Der zieht Karin doch schon mit den Augen aus. Es wird nicht mehr lange dauern, dann kriegt er sie rum. Wenn ich nur wüsste, wie ich dem armen Mädel helfen kann. Aber jedes vernünftige Wort führt nur zu Trotzreaktionen. Man ist ja so hilflos als Mutter.«
»Mit Trotzreaktionen kennst du dich doch aus, soweit ich mich erinnere. Obwohl – deine Entjungferung war sicherlich ein Akt repressiver Gewalt, den du nur zugelassen hast, damit du deiner Mutter …«
»Arnulf, geht’s noch tiefer unter die Gürtellinie? Mach dir lieber Gedanken, was wir für Karin tun können! Dieser Werner ist ein ganz übler Typ. Beim Ladies‘ Circle ist eine Lehrerin dabei, die hat mir gesteckt, wie schlecht er in der Schule ist. Ein Loser, ein Aufschneider und dazu noch aus sehr einfachen Verhältnissen. Seine Eltern haben sich gerade getrennt. Sodom und Gomorrha – und unser Kind mittendrin. Furchtbar.«
»Wenn sich seine Eltern gerade getrennt haben, wäre es doch eine gute Idee, ihn öfter einzuladen. Menschen, mit denen man gemeinsam isst und trinkt, werden einem vertraut, man lernt sie kennen. Und so einen jungen Menschen kann man noch beeinflussen.«
»Interessant, du willst ihn also so beeinflussen, dass er unsere Tochter in Ruhe lässt? Ist das dein Plan?«
»Unsere Tochter will doch gar nicht in Ruhe gelassen werden!«
»So? Was will sie denn dann?«
»Was wohl? Die hat ihren ersten Freund. Die genießt ihr Leben. Völlig normal alles. Ich werde mit ihr reden. Und ihn öfter zu uns einladen. Friss ein wenig Kreide. Du wirst sehen, der Junge ist gar nicht so übel. Karin weiß, was sie tut!«

Ich hatte ja schon erwähnt, wie ausgewogen ernährt ich mich in jenen Tagen fühlte. Großen Anteil daran hatte Familie Mohrmann. Kurz nachdem meine Mutter ihre Koffer gepackt hatte, fragte mich Karin nämlich, ob ich ihrem Vater helfen könne, einen Baum zu fällen. Ihr Bruder sei im Stress, und außerdem gebe es immer Krach zwischen Vater und Sohn.
Zwanzig Kilometer vor der Stadt besaßen die Mohrmanns ein Wochenendgrundstück tief im Wald. Ich glaube, so circa fünftausend Quadratmeter. Mittendrin ein kleines Holzhaus. Also für Mohrmannsche Verhältnisse klein, weil vom Landkreis nur achtzig Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche erlaubt waren.
Ich fuhr mit dem Doktor allein hin, Karin wollte später mit ihrer Mutter nachkommen. »Lasst euch Zeit«, sagte Herr Mohrmann zu seiner Frau und sprach mir damit aus dem Herzen. Wir fuhren in seinem schnieken Alfa Spider Fastback, hinter uns auf den Notsitzen eine nach Benzin stinkende Kettensäge. Ich erfuhr, dass die Säge immer zu Hause übernachten musste, da diese Dinger bei Einbrechern ziemlich beliebt seien. Als wir dort waren, holte der Doktor die Säge aus dem Fond und wollte sofort loslegen. Ich ging dazwischen und fragte, ob es nicht besser wäre, erst einmal das Haus aufzusperren, Arbeitshandschuhe zu suchen und eine allgemeine Besprechung zur Vorgehensweise abzuhalten. So kannte ich es jedenfalls von meinem Opa, denn der hatte mich zu einer qualifizierten Forst- und Gartenhilfskraft ausgebildet.
»Was wollen Sie denn jetzt schon im Haus?«, fragte mein Vorarbeiter erstaunt.
Ich sagte: »Schon mal gucken, wo der Erste-Hilfe-Kasten steht, für Pflaster und so, wo Handtücher, Haushaltsrollen, Schere und der ganze Kram liegen. Operationsvorbereitungen! ›Auf alles vorbereitet sein‹, hat mein Opa immer gesagt.«
Herr Mohrmann grinste nur und nickte. Damit kam erst einmal etwas Ruhe ins Spiel. Dann zeigte er auf eine Baumgruppe, ein gutes Dutzend Fichten, die seine Frau als umsturzgefährdet eingestuft hatte. Um nicht beim nächsten Sturm die Hütte plattzumachen, sollten sie ihr Leben lassen. Klang nicht unvernünftig.
Unvernünftig bis zum Wahnsinn ging es dann aber los. Das Röntgengenie versuchte, die Kettensäge in Holzfällermanier zu starten. Also locker in der linken Hand gehalten und dann mit rechts das Anlasser-Seil mit Schmackes hochgezogen. Dabei schaukelte das Gerät immer wieder gefährlich nah an seinem Bein vorbei. Die Säge erkannte aber offensichtlich den Amateur, der sich an ihr zu schaffen machte, und sprang erst gar nicht an.
»Wenn Sie es in der Art weiter probieren wollen, wären Sie besser Chirurg geworden!«, sagte ich und nahm ihm die Säge ab. Ich arretierte den Handgriff fest unter meinem Schuh, hielt die Säge mit der Linken am Boden, drückte den Choke – der Doktor hatte es ohne versucht – und zog am Seil. Die Säge sprang sofort an. Ich ließ sie ein paar Mal hochdrehen und machte sie wieder aus. Begeistert von so viel Dynamik schnappte sich der Doktor seine Säge, startete sie nach meiner Methode und schritt munter auf den ersten Kandidaten zu. Er setzte zum Schnitt an und disqualifizierte sich damit vollends. Wieder ging ich dazwischen, drückte über seinen Arm greifend den Stopp-Knopf und schüttelte aufgeregt den Kopf.
»Wollen Sie die Hütte ganz ohne Sturm zerschreddern?«, brüllte ich und nahm ihm die Säge aus der Hand. »Mann, wo setzen Sie denn an? Ohne vorher einen Blick in die Krone geworfen zu haben? Der fällt uns doch präzise aufs Dach. Außerdem, eine Schutzbrille ist ja wohl das Mindeste, oder?« Er hatte keine, ich wenigstens meine Sonnenbrille.
Ich war sauer über so viel Dilettantentum und betete ihm mein komplettes Fachwissen zum Thema Wald- und Forstwirtschaft vor. Mein Opa hatte mich über Jahre damit traktiert. Wie ich nun merkte, absolut zu Recht. Als Vierzehn-, Fünfzehnjähriger hatte ich mit ihm eine halbe Kleingartenkolonie abgeholzt, weshalb sich jetzt ohne weitere Absprache ein Rollentausch vollzog. Ich war der Chef – der Röntgenologe ohne Durchblick mein Assistent. An der richtigen Stelle gesägte Kerben ließen die Bäume wunschgemäß umknicken, nachdem ich entgegen der Kerbung den finalen Cut ansetzte. Jeder Stamm landete exakt dort, wo ich ihn hinhaben wollte.
Danach wünschte sich mein Assistent praktische Scheiben – nicht zu schwer, um sie selbst in Kaminholz verwandeln zu können. Doch als ich dann seinen Umgang mit der Axt sah, griff ich erneut ein. Reine Katastropheninterventionsmaßnahme. Endergebnis: Ich hackte, er fuhr die Scheite per Schiebkarre ans Haus und stapelte an der Außenwand eine ordentliche Beige, wie mein Opa, der aus Süddeutschland kam, zu sagen pflegte.
Die Damen ließen sich tatsächlich viel Zeit, bis sie mit einem randvoll gefüllten Picknickkorb erschienen. Feinste Delikatessen kamen zum Vorschein. In einem zweiten Korb lagen ein paar Flaschen Jever. Gut gekühlt, also absolut bedarfsgerecht. Arnulf und ich stießen die Flaschen aneinander und tranken nachträglich Brüderschaft. Den »Arnulf« hatte er mir schon eine Stunde vorher angeboten.
Die Lange Stille beobachtete uns mit ihrem Speziallächeln, wohlwollend, amüsiert, stolz und auch ein wenig von oben herab. Frau Mohrmann dagegen konnte ein »Tse« nicht unterdrücken.
Von diesem Tag an war ich regelmäßiger Gast am Tisch der Mohrmanns. Arnulf, Peter und Karin mir zugetan, Bärbel undurchsichtig neutral und Frau Mohrmann blieb, was sie von Anfang an war: eine feindlich gesinnte Kreuzspinne mit Dauerwelle. Außerdem eine penetrante Verdachtsschöpferin.
An einem Samstag gegen siebzehn Uhr – es war Ende November – fuhren Karin und ich mit unseren Rädern händchenhaltend stadtauswärts. Es war kalt und ein fieser Nieselregen tanzte in regelmäßigen Windböen vor den Fahrradlampen hin und her. Etwa anderthalb Stunden später erreichten wir das Waldgebiet. Der sandige Weg zwang uns zum Absteigen, weshalb wir noch ein paar Minuten schieben mussten. Karin hatte den Schlüssel für das Jägerzauntor nicht dabei, nur den fürs Holzhaus. Also wuchtete ich zuerst die Räder, dann meine Freundin über den Zaun. »Fechterflanke«, rief ich ihr zu und sprang. Meine Hose blieb an einer spitzen Holzlatte hängen, die einen Winkel in den Jeansstoff riss. Für uns ein Grund, ausgelassen zu lachen. Minutenlang.
Dann schloss die Lange Stille das Haus auf und begann, Kerzen anzuzünden, während ich den Kamin anfeuerte. In mitgebrachten Tüten war jede Menge Knabberzeug, Weintrauben, ein paar Scheiben Salami und zweihundert Gramm Edamer am Stück. Aus meiner Fahrradtasche zauberte ich einen Liter River Cola und einen Flachmann mit Weinbrand. Karin wickelte sich in eine Wolldecke und setzte sich im Schneidersitz vor den Kamin, in dem es noch einiges für mich zu tun gab, bis die Flammen rauchfrei brannten. Vielleicht brauchte ich auch einfach die Ablenkung, denn ich war extrem nervös. Innerlich. Äußerlich war ich natürlich vollkommen cool. Karin bot mir eine Wolldecke an, aber ich sagte: »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!« Ein platter Satz meines Vaters, hier auf einmal bedeutungsschwer.
Als die Hitze schließlich begann, unsere Gesichter zu röten, und Verlangen den Raum erfüllte, legte sich Karin hin und sagte: »Komm!« Einfach nur: »Komm!«
Weihnachten stand vor der Tür, und bei mir zu Hause ging es drunter und drüber. Meine Mutter lehnte einen Heiligen Abend in Gegenwart ihres Mannes ab. Selbst auf neutralem Boden. Mich jedoch lud sie ausdrücklich und zuckersüß zu sich ein. Mein Vater schwankte zwischen Wut und Eigeninteresse. Einerseits bestand er darauf, mit dem ihm zugeteilten Kind, also mir, zu feiern. Andererseits hatte er seit ein paar Monaten eine Freundin, die ihm ziemlich heilig war, erst recht an diesem Abend.
Ich besprach die Lage – wie übrigens alle Krisenlagen in meinem Leben – mit der Langen Stillen, die sie wiederum – wie immer – mit ihrem Vater besprach. Heraus kam Folgendes. Offiziell: Weihnachtsfeier mit meinem Vater an Heiligabend und am Fünfundzwanzigsten. Den zweiten Weihnachtstag bot ich meiner Mutter an, selbstverständlich im Doppelpack, also mit Karin. Inoffiziell saß mein Vater am Heiligen Abend bei seiner Freundin unterm Baum – und ich bei den Mohrmanns.
Da alles neu für mich war, störten mich die Familienrituale nicht besonders. Es herrschte Anzugpflicht à la Abtanzball, und der ganze Abend war nahezu im Minutentakt verplant. Damit ich mit dem ganzen Aktionismus klarkam, flüsterte Karin ab und zu: Jetzt machen wir dieses, jetzt kommt das. Ich wunderte mich, dass keine Kreidezeichen auf dem Teppich zu entdecken waren, denn selbst für das Familienfoto gab es eine exakt vorgegebene Aufstellung. Ich zwar neben Karin, aber ohne Körperkontakt. Die Mutter wünschte sich zehn Zentimeter Abstand zwischen uns – genau so sagte sie es. Ein zweites Foto wurde angekündigt, bei dem ich ausdrücklich nicht im Bild sein sollte. »Nur die Familie, verstehen Sie, Werner?!« Ich verstand, drückte mich an die Seite und machte einen langen Arm, hoffend, dass es wenigstens mein Daumen mit aufs Bild schaffen würde. Er schaffte es!
Dann wurde gesungen, angestoßen, gebetet, gegessen, gesungen, Klavier gespielt und gesungen, Geschenke ausgepackt, eine Geschichte vorgelesen und dann ging’s ab zur Kirche. Dort das Gleiche. Gesang, Geschichte, Gesang. Auf dem Rückweg war Frau Mohrmann schon reichlich aufgekratzt. Zu Hause genehmigte sie sich noch ein paar Gläser der Feuerzangenbowle und wurde dadurch recht erträglich. Vor allem ging ihr der Kontrollwahn verloren. Arnulf war eingeweiht und zwinkerte uns zu, als Karin sagte: »Ich bringe Werner noch raus!« Raus, hieß hoch zu ihr ins Zimmer, Tür verrammeln und … Ja, das war ein schönes Weihnachtsfest, kann man nicht anders sagen.
Heute würde ich die Lange Stille eher als ruhig bezeichnen. Oder anders ausgedrückt: Sie war nie aufgeregt. Sie beantwortete mir manchmal erst mehr als einen doppelten Augenblick später meine Fragen oder nahm sehr zeitversetzt Stellung zu meinen Erzählungen. Dabei war sie nie desinteressiert. Im Gegenteil! Sie suchte ständig meine Augen, um sich ein Bild – nein, viele Bilder – zu machen, bevor sie das Geschehen mit Text versah. Ich hingegen war generell sehr mitteilungsaktiv. Meine Oma hatte schon begonnen, mich »Sabbelkopp« zu nennen, als ich erst fünf Jahre alt war. Natürlich immer lieb gemeint. Sie fiel häufig ins Plattdeutsche und variierte die Ansprache an mich auch schon mal: »Na, du lüttjen Sabbelphilipp, wo geiht di dat?« In der Schule steigerte sich die Einschätzung der Lehrer über die Jahre von »Werner ist ein kleines Plappermäulchen« zu »Werner redet ständig ungefragt dazwischen und stört den Unterricht«.
Karin dagegen war – und blieb es immer – die Inkarnation, beinahe möchte ich sagen, die Erfinderin positiver Kommunikation. Sie gehörte zu den Leuten, die einen für gute Reflexe loben, wenn man gerade vom Pferd gefallen ist und nicht ins Krankenhaus muss. Alles, was sie sagte, hatte Hand und Fuß, war überlegt. Was mir damals natürlich nur gefühlt klar war.
»Ich habe dir eine Matratze mit Bettzeug in mein Zimmer gelegt. Da kannst du dann später schlafen.«
Als Karin dies sagte, begriff ich das »später« nicht nur intuitiv, sondern auch in vollem Umfang intellektuell. Eine schöne Steigerung der Festtagsstimmung. Trotzdem wollte ich noch einen Gag loswerden. Ich nahm mein Weihnachtsgeschenk von ihr – es war Demian von Hermann Hesse – mit ernstem Gesicht in die Hand und sagte: »Ich möchte vor dem Einschlafen erst noch eine Runde lesen!«
Aber Karin stahl mir die Schau, umarmte mich und säuselte: »Oh ja, lies mir bitte noch ein bisschen vor!«
Ich war nun ständig bei den Mohrmanns, dennoch schafften Karins
Mutter und ich es, uns nahezu völlig aus dem Weg zu gehen. Unser Talent für diesen Affentanz möchte ich hier ausdrücklich loben, denn dieser Kraftakt unter ein und demselben Dach erforderte Kreativität, sehr gute Ohren und die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen.
Arnulf hingegen wurde ein väterlicher Freund. Ständig erfand er kleine Aufgaben für mich, die er allein mit seinen zwei linken Händen nur stümperhaft erledigt bekommen hätte. Wenn bei diesen Arbeitsdiensten im Haus, in der Praxis, auf dem Wochenendgrundstück oder in der Garage Feierabendstimmung aufkam, saßen wir noch bei einer Flasche Bier zusammen. Ich konnte ihm gut zuhören, ohne mich dabei anstrengen zu müssen. Ohne vorgetäuschtes Interesse, meine ich. Die Lange Stille beobachtete uns ab und zu mit etwas Abstand und schickte ihre wortlose Kommentierung mit den typischen Karin-Blicken rüber. Zufrieden, erfreut über unser harmonisches Miteinander, aber auch mit einer Prise Überheblichkeit angesichts unserer männerbündlerischen Zweisamkeit.
Mein Zustand, besser, meine Einstellung ihr gegenüber war höchst unaufgeregt. Heute kann ich es erklären: Ich war nicht gerade wild auf sie, aber ich fühlte mich bei ihr geborgen.

Die Konferenz des Prinz Herther Gymnasiums tagt schon seit Stunden. Die Problemfälle der Anstalt werden wieder und wieder durchgekaut. Dabei verläuft eine Demarkationslinie zwischen den jungen und den älteren Kollegen, zwar allesamt Pädagogen, aber ihre Auslegung der Pädagogik klafft weit auseinander. Es gibt einige schlechte Schüler. Aber ist schlecht schon gleichbedeutend mit unwürdig? Menschen neigen zu Krisen. Wenn es gerade kriselt, bedeutet das dann schon automatisch »schlecht«? Auf jeden Fall schlecht für den Menschen in der Krise. Den Einwand eines jüngeren Lehrers, Krisen seien menschlich, wischt der Direktor vom Tisch: »Hier geht es nicht um Menschlichkeit, hier geht es um Leistung!« Doch leider geht es auch ums Image. Schüler mit einem schlechten Image verschlechtern ihre Lage dramatisch. Auch wieder menschlich. Oder gucken Pädagogen hinter die Stirn ihrer jugendlichen Schüler? – Sollten sie eigentlich!

Mein Dreieinhalbfrontenkrieg löste sich nach und nach auf und ging über in einen gediegenen, entspannten Frieden. Das Haus Weber, also mein Elternhaus, war mittlerweile mehr oder weniger inexistent. Meinen Vater traf ich nur noch selten, aber wenn, dann in bester Laune. Meine Mutter besuchte ich kaum noch, da sie grundsätzlich miese Laune hatte. Wobei, je seltener ich kam, desto mieser die Stimmung.
Die Stichelei-Front meiner Kumpels hatte sich ja mit Czernatzkes Hilfe in allerreinste Luft aufgelöst. Keiner sprach mich mehr auf Karin an, und wenn sie Gegenstand unserer Gespräche war, dann nur, weil ich von ihr erzählte. In diesem Zusammenhang sprach ich nach wie vor von der Langen Stillen. War einfach cooler.
Mit meinem Freundeskreis verband mich vor allem die Liebe zu qualitativ hochwertiger Popmusik. Und um an dieser Stelle schon mal die Spreu vom Weizen zu trennen: Die Achtzigerjahre waren der musikalische Höhepunkt des Jahrhunderts! Wer das bestreitet, hat keine Ahnung. Ein paar Namen zementieren diese These: Fischer-Z, Joe Jackson, Peter Gabriel, Talking Heads, Police, R.E.M., Depeche Mode und so weiter.
Die Mohrmann-Front kam ja bereits zur Sprache. Alles lief rund und vor allem ruhig. Einmal punktete ich sogar bei Elke Mohrmann, als sie mich spitz fragte: »Werner, was hören Sie denn für Musik? Wohl nichts Klassisches, wie?«
»Doch, doch, eigentlich nur Klassiker!«, antwortete ich spontan.
Worauf sie meinte: »Was denn so?«
»Ich bring mal was mit«, zog ich mich grinsend aus der Affäre.
Und schon war auch Karins rettende Hand zur Stelle, die mich noch weiter aus dem Gefahrenherd in Richtung Flur zog. Sie sagte knapp »Wir müssen jetzt los«, und wir verschwanden.
In den darauffolgenden Tagen machte ich mir ernsthaft Gedanken, welche unbestritten hochwertigen Kompositionen ich ihrer Mutter vorspielen sollte, falls es zur Einlösung meiner Ankündigung kommen würde. Mein Vater, den ich um Rat fragte, suchte mir aus seinem Plattenschrank drei Scheiben raus und machte Kreuze hinter die Stücke, mit denen ich seiner Meinung nach einen guten Eindruck machen konnte. Jeder Titel war allererste Sahne! Allerdings mit einem schweren Manko behaftet: Nichts davon war aus meinen geliebten Achtzigern. Doch alles klang progressiv, laut und ungestüm, worauf ich großen Wert legte. Darunter »Bourée« von Jethro Tull, »Sabre Dance« von Ekseption und »Brandenburg Concerto« von The Nice.
Um vorbereitet zu sein, hörte ich mir die Stücke ein Dutzend Mal an und fand mehr und mehr Gefallen an ihnen, auch wenn es Jazz Rock war. Da ich das Gedudel, das sich Karins Mutter reinzuziehen pflegte, mittlerweile kannte, war ich mir sicher, damit einen Kontrapunkt setzen zu können.
Schließlich kam es bei einem sonntäglichen Frühstück zu meinem DJ-Einsatz. Familie Mohrmann hörte andächtig zu – das waren sie gewohnt –, und ich lieferte zur Zufriedenheit aller meinen Musikgeschmack ab. Nur Elke Mohrmann verzog das Gesicht, stand auf und brummte beim Hinausgehen: »Der arme Bach!«
Inzwischen weiß ich: Der Sabre Dance war gar nicht von Bach.
Wie gesagt, es herrschte Harmonie und Frieden, ständig gab’s Spaß, Erlebnisse, Bestätigung und dazu prima Essen sowie guten Sex. Mehr kann man vom Leben doch nicht erwarten, oder?! Aber zufriedene Menschen senden offensichtlich aufreizende Signale aus, die von unfriedlich gestimmten Zeitgenossen empfangen werden. Sogleich kommen sie aus dem Hinterhalt gestürzt und greifen an.
Der Angriff war blau, jedenfalls der Umschlag, und in unfreundlichem Beamtendeutsch getextet. Er war an meinen Vater gerichtet, betraf aber mich. Um ihn zu entlasten, öffnete ich den Brief mit dem Absender meiner Schule selbst. Da stand was von nahezu ausgeschlossener Versetzung, versehen mit dem Hinweis, dass ein nochmaliges Verfehlen des Klassenziels mein Ende auf der Anstalt bedeuten würde. Diese Arschkrampen! Warum sagten sie mir das nicht ins Gesicht? Um ihnen ein gutes Beispiel von direkter und offener Kommunikation zu geben, sprach ich meinen Klassenlehrer gleich am nächsten Tag darauf an. Erst stotterte er etwas herum, doch dann rückte er mit dem Deal heraus, den sie auf einer Konferenz ausbaldowert hatten. Ich könne die Zwölfte normal beenden, bliebe aber aller Voraussicht nach hängen, und weil es dann das dritte Mal wäre, würde ich fliegen. Mit fünf Fünfen im Zeugnis. Ihr Friedensvorschlag sah meinen sofortigen freiwilligen Ausstieg vor. Als Belohnung gäbe es ein Abgangszeugnis und nur eine bis zwei Fünfen.
Ich sagte dem Pädagogen, das käme mir vor wie die Wahl zwischen erschossen oder erwürgt werden.
Er grinste und meinte: »Ich würde das Erschießungskommando vorziehen!«
Ich war bereits seit ein paar Wochen nicht mehr ständiges Mitglied der lerntätigen Jugend Deutschlands, als ich meinem Vater die frohe Botschaft endlich verkünden konnte. Nicht dass ich es ihm verschweigen wollte, er hatte vorher einfach nie Zeit. Zu den je nach Lebenslage wechselnden Devisen meines Vaters gehörte der Spruch: »Stolpern darf man, aufstehen muss man!« Nicht anders verhielt es sich in diesem Fall. »Dann machst du eben eine Lehre!«, meinte er trocken. Er munterte mich sogar mit dem Hinweis auf, dass ich ja durch die erfolgreiche Versetzung in die elfte Klasse immerhin den Realschulabschluss in der Tasche hätte. »Mehr braucht man nicht im Leben.«
Mein Vater machte immer »aus allem das Beste!« Und aus Prinzip erklärte er das, was er tat, zum Besten. Man hörte ihn dann »besser ging’s doch gar nicht« oder »besser so als anders« sagen und seine Begeisterung schwappte häufig über.
In dieser Situation kannte die Dynamik meines Vaters keine Grenzen. »Los, setz dich her. Wir überlegen mal, was du machen könntest.« Er fühlte sich zum Berufsberater berufen, und wir gingen alle möglichen und unmöglichen Ausbildungen durch, besprachen das Für und Wider und die Chancen, die der jeweilige Vorschlag im Laufe meines zukünftigen Lebens bieten würde: »zu viel Arbeit«, »zu wenig Geld«, »zu viel Konkurrenz«, »braucht man sehr gute Augen für«, »bekommt man Plattfüße von« und so weiter. Zu jedem Beruf schien mein Vater Insiderkenntnisse zu haben, und er wusste genau, wovon man besser die Finger lassen sollte.
Im Verlauf der Diskussion setzten bei mir Ermüdungserscheinungen ein, während mein Vater immer euphorischer wurde. In ungeordneter Reihenfolge sprachen wir über Tischler, Bademeister, Kfz-Mechaniker, Optiker, Kellner, Bürokaufmann, Tanzlehrer und mehr. Mein favorisierter Vorschlag »Musikkritiker« fiel dem Einwand zum Opfer, dass es einen entsprechenden Lehrberuf angeblich nicht gab. Was schade war, denn mein Talent in diesem Bereich war allgemein anerkannt.
Am Ende blieb nur ein einziger Beruf auf der Welt übrig, für den es sich lohnen würde, die Mühen einer Ausbildung auf sich zu nehmen: Chemigraf! Die plausiblen Gründe dafür waren unter anderem meine Drei in Chemie, meine Zwei in Kunst, eine prima Vergütung schon während der Lehre, die Tatsache, dass der infrage kommende Betrieb direkt um die Ecke lag, sowie Vaters Analyse: »Junge, du hast doch ein grafisches Auge!« Das unausgesprochene Hauptargument war jedoch, dass mein Vater ebenfalls Chemigraf gelernt hatte.
Am nächsten Tag fiel er erneut über mich her und hatte Ergänzungen zu seinen Ausführungen mitgebracht. Wer in einem Verlag arbeite, hätte die ganze Welt in klein vor den Füßen. Redaktionen, Vertrieb, Buchhaltung, Technik, Werbung, Kundenservice und was weiß der Henker noch. »Da bist du heute dabei, wenn die Entscheidungen fallen, was die Bevölkerung morgen zu denken hat. Junge, da wird Meinung gemacht!« Klang nicht übel. Ich hatte zwar noch keine eigene Meinung, behielt das aber nie für mich. Irgendwas ließ sich schließlich zu allem und jedem sagen.

Elke Mohrmann ist aufgebracht und achtet nicht auf die angelehnte Wohnzimmertür. Im Flur steht die Lange Stille und bekommt den Redeschwall ihrer Mutter mit: »Ich habe es brühwarm von Ingeborg. Heute Nachmittag. Von der Schule geflogen ist er! Ein Versager! Was ich immer gesagt habe! Aber du hältst ihn ja für ein Genie. Merkst du gar nicht, wie du deiner Tochter damit einen Bärendienst erweist?«
»Elke …«
»Nichts Elke! Hör auf mit deinen Beschwichtigungen. Du behandelst diesen Werner, als wäre er ein Freund von dir. Überlegst du gar nicht, was das für einen Eindruck bei Karin hinterlässt?«
»So? Was denn für einen?«
»Das Kind ist doch noch völlig unerfahren. Deine übertriebene Sympathie für ihn muss sie doch geradezu irritieren. Karin hört auf dich. Leider mehr als auf mich. Mach ihr endlich klar, dass sie sich von diesem unfähigen Flegel befreien muss. Arnulf, versündige dich nicht an unserem Kind!«
Dr. Arnulf Mohrmann lacht laut auf. »Hast du es nicht eine Nummer kleiner?«
»Das Lebensglück meines Kindes liegt mir nun mal am Herzen. Sie ist viel zu jung, um diesen negativen Umgang als solchen zu erkennen. Arnulf – tu was! Schmeiß den Typen raus. Er hat hier nichts verloren. Der bringt nur Unglück, ich spüre es geradezu!«
»Seit wann ist ein Kind denn ein Unglück?« Dr. Mohrmann sieht seine Frau vielsagend an, sieht, wie sie im Zeitlupentempo die Nachricht verarbeitet, und freut sich klammheimlich auf die Szene, die gleich folgen wird.
Und er wird nicht enttäuscht. Elke Mohrmann sinkt auf den echten Perser, haut ihre Fäuste in die fünfzigtausend Knoten, schreit, wimmert und weint, bis sie erschöpft liegen bleibt. Ihr ganzer Körper zittert. Vielleicht sind es auch nervöse Zuckungen. Doch dann unterbricht sie abrupt die theatralische Einlage, kommt auf die Knie, deutet mit dem Zeigefinger auf ihren Mann und schleudert ihm angsteinflößende Blicke entgegen. Mit herrischer Schärfe schreit sie: »Das erledigst du!«

Zwei Megathemen blieben zwischen Karin und mir – vorerst – unbesprochen. Keine Ahnung warum. Sonst teilten wir wirklich alle Geheimnisse miteinander. Dennoch: Sie hat mir nichts gesagt, und ich ihr auch nicht. Dabei waren es äußerst persönliche Neuigkeiten, über die wir da hätten reden können. Doch von Karins Schwangerschaft erfuhr ich erst Jahre später. Und mir selbst war der Rausschmiss – denn nichts anderes war es – aus dem Gymnasium peinlich, und ich wartete erst noch eine ganze Weile, um die Aktion in ein positives Licht rücken zu können. Ich überbringe schlechte Nachrichten gern in Geschenkpapier. Habe ich von meinem Vater.
Um Karin eine Freude zu machen, las ich nach dem Schul-desaster ein Buch nach dem anderen und berichtete ihr aufgekratzt von neuen Erkenntnissen und literarischen Höhepunkten. Belesen zu sein war der gefühlte Wertmaßstab, mit dem die Lange Stille Menschen beurteilte. Wobei – so ganz stimmt das nicht. Immerhin fuhr sie auf mich schon zu einer Zeit ab, als ich bestenfalls ein profunder Kenner von Fix & Foxi war. Musikexpress, Sounds, Bravo und Rolling Stone wurden erst danach zu meinem wöchentlichen Lesefutter. Aus diesen Blättern saugte ich mein allseits bewundertes Musik-Know-how, das mich so manche Redeschlacht gewinnen ließ. Wissen ist eben Macht. Und für den Small Talk zwischendurch konnte ich stundenlang Otto und Heinz Erhardt zitieren. Und vor allem den Comic-Helden Werner, den ich später auch stimmlich perfekt draufhatte. Unbelesen war ich also nicht. Nur anders belesen. Doch jetzt zog ich in rascher Folge eine Literatur-Taube nach der anderen aus dem Zylinder und entfachte ein Feuer in Karin, ohne dass man sie je brennen sah. Eine innere Flamme. Diese tiefe, ruhige, unerschütterliche Zuneigung zu mir war ihre Reaktion auf … Ja, was soll ich sagen? Auf mich! Was sonst? Eine Umarmung von Karin war wie eine warme Wolldecke am Nordpol. Da vermisste man nichts. Nur, wie sollte ich das damals schon checken? Mir fehlte doch jeder Vergleich. Einfach immer nur glücklich sein bringt gar nichts. Berge ohne Täler sind Flachland.
Ich wartete also, bis ich die Lehrstelle in der Tasche hatte. Dann bestellte ich im Park-Café einen Piccolo mit zwei Gläsern. Karin war noch stiller als sonst, was wohl an den Strapazen einer Reise mit ihrem Vater nach Holland lag. Aber sie freute sich ehrlich mit mir und meiner geschickten Abzweigung auf dem Lebensweg. Ich betonte vielleicht zu oft den Begriff »Graf«, der mir an meinem zukünftigen Beruf besonders gefiel. »Ich mache Karriere als Chemiegraf, im Druck- und Verlagswesen. Wirst schon sehen. Mein Vater ist sich da ganz sicher!«
Karin lächelte still, sah mich eine Weile an, und als die Spannung kaum mehr auszuhalten war, prophezeite sie: »Glaub ich auch!«
Das Bewerbungsgespräch mit dem technischen Verlagsleiter der Volkszeitung – im Volksmund VZ genannt – war dermaßen glatt gelaufen, dass es mich hätte stutzig machen müssen. Tat es aber nicht. Denn zu dem Zeitpunkt war mir eigentlich alles egal. Ich wollte einfach nur wieder irgendwo dazugehören. Dabei sein. Mich einreihen, um dann wie gewohnt aus der Reihe zu tanzen. Ohne ein soziales Umfeld ist man ständig fimmelig, weil man sich so unwichtig, ja nutzlos vorkommt. Ich verbummelte die Tage und bemerkte es bald. Darum war ich erleichtert, als es hieß: »Sie können nächsten Montag anfangen!«
Turnusgemäß hätte das Lehrjahr eigentlich früher oder später begonnen, aber der technische Verlagsleiter wollte sich bei der Industrie- und Handelskammer für mich einsetzen. Sogar zur Berufsschule musste ich sofort, obwohl es zwei gute Gründe für meine Aversion gegen diese Ansage gab. Einmal generell der Begriff »Schule« und zum anderen der Weg dorthin. Chemigrafen wurden nur in Bremen beschult, was zwei Stunden Zugfahrt bedeutete. Um sechs Uhr fünf ging’s los. Jeden Mittwochmorgen. Und jedes zweite Mal ohne mich, weil sich ein um fünf Uhr dreißig klingelnder Wecker nicht mit meinem Schlafbedürfnis in Einklang bringen ließ. Außerdem befand ich mich seit Beginn der Lehre unter einer permanenten, leichten Dauernarkose. Das lag an meinem Arbeitsplatz. Der ständige Säuremief in der Chemigrafieabteilung machte mich kirre. Die Dämpfe benebelten mein Hirn und verfolgten mich in den ersten Monaten bis in meine Träume. Wir mussten ja pausenlos Klischees ätzen, also die Reproduktionsfotografien für den Mehrfachdruck auf Metallplatten übertragen. Zu meiner Anfangszeit druckten wir noch altmodisch im Hochdruckverfahren. Zwei ältere Gesellen machten den Job im Labor. Beide stoisch, weltabgewandt und randvoll abgefüllt mit Resignation. Einer von ihnen hatte massiven Ausschlag an den Armen, im Grunde war er eine lebendige Warnleuchte. Aber anstatt wegzurennen, achtete ich zunächst nur darauf, die Ärmel meines unmodisch-grauen Kittels ständig bis zu den Händen herunterzuziehen. Auch sah man mich nie ohne die von der Firma gestellten pinken Gummihandschuhe.
So hatte ich schon nach vierzehn Tagen fünfundzwanzig vernünftige Gründe für eine fristlose Kündigung in mir angesammelt, die ich meinem Vater ausführlich darlegte. Er konterte mit sechsundzwanzig angeblich noch vernünftigeren Gründen, warum ich den Job weiter durchziehen sollte. »Ohne Berufsausbildung bist du eine Milchkuh ohne Euter. Beiß die Zähne zusammen und entwickele Techniken, wie und wo du dich am besten verkrümeln kannst. Das geht nirgends besser als in einem Zeitungsverlag. Alle sind ständig in Hetze und achten nicht auf Leute wie dich!«
Der Alte hatte recht. Genau so machte ich es. Musste ich zum Beispiel Platten in die Druckerei bringen, verlief ich mich ab jetzt regelmäßig im Haus, schaute in der Redaktion vorbei, stellte blöde Fragen, mimte Interesse für alles und jeden, und schon verging die Zeit wie im Flug.
Außerdem freundete ich mich mit unserem Pförtner an, der sich als perfekter Meldedienstleister entpuppte. Karin konnte bei ihm nach der Schule Nachrichten für mich hinterlassen, und wenn ich ausstempelte – die Stempeluhr war direkt neben der Pförtnerkabine –, überreichte er mir die kleinen Briefchen. Immer mit ausführlicher Personen- und Modebeschreibung. »Heute hatte sie ein Blümchenkleid an. Mit weißem Gürtel. Was für eine Taille! Sie kam mit dem Fahrrad. Das solltest du deiner Süßen mal putzen!« Und so weiter. Der Mann hieß übrigens Hornegger. Echt jetzt. Und natürlich nannten ihn alle Honecker, wenngleich Mielke richtiger gewesen wäre.
Den ersten Coup landete ich vier Monate nach meinem Eintritt in die Zeitungswelt. Ich hatte mir angewöhnt, unser Blatt täglich zu lesen. War schließlich eine Tageszeitung. Irgendwann wurde eine neue Jugendseite vorgestellt, die samstags erscheinen sollte. Allerdings war die Aufmachung grottenschlecht, langweilig und anbiedernd, die Sprache auf dem Niveau von kinderlosen Verwandten, die sich bei ihren pubertierenden Neffen einschleimen wollen. Mir war sofort klar, dass sich meine Generation damit bestenfalls aufs Klo verdrücken würde. Und zwar nicht zum Lesen. Genau mit dieser Argumentation, beiläufig in der Redaktion eingestreut, landete ich einen Volltreffer.
»Was fehlt denn deiner Meinung nach?«, fragte mich ein älterer Redakteur.
»Na zum Beispiel eine Rubrik mit Musikkritiken. Besprechungen der wichtigsten Neuerscheinungen.«
Der Mann tat so, als wäre er interessiert, und ich versprach ihm eine beispielhafte Lieferung für den nächsten Tag. Mein Verriss von Smokie sowie die mitgelieferte Lobhudelei auf David Bowie gefiel den Herren und sorgte für spontane Heiterkeit in der Redaktion. Ich hatte geschrieben:
Licht aus! Whoom! Spot an!
Neeeeein …! Was an Smokie immer auffälliger wird: Das Geld aus ihren sogenannten Hits geben sie bei der Altkleiderstelle ab, um bevorzugt Cord-Sakkos alter Geschichtslehrer für Chris Norman zu kaufen. Der Rest wird genutzt, um sich bei talentlosen Songschreibern mit abgelehnten Kompositionen zu versorgen. Bestes Beispiel ist die aktuelle Single »Run To Me«, die wegen der schlabberigen Gitarrenarbeit eigentlich Run Away heißen müsste. Ganz anders der Herr Bowie, David mit Vornamen. Mit nur einer Gummizelle, einer Planierraupe und der Restgarderobe eines Wanderzirkus (siehe Video) erschafft er mit seiner neuen Single »Ashes to Ashes« einen Hit, zu dem es sich nicht nur famos abzappeln lässt – auch Moped frisieren, Fransenjeans kürzen oder Fassbier mit Schuss gehen damit gut. Merke: Wo bei David schon die ersten Schweißperlen austreten, herrscht bei Smokie noch der Dreißigjährige Krieg. Peinlich!
Euer Werner
Damit kam ich ins Blatt. Jede Woche! Nicht zu fassen, oder? Ein Musikredakteur im grauen Kittel. Meine Spalte hieß: Die Platten-Guillotine. Unterschrift: Euer Werner. So stieg ich zur Lokalprominenz auf. Jedenfalls bei meinesgleichen.

Der Gesprächsfaden zwischen Mutter und Tochter ist gerissen. Der Vorfall hat Elke Mohrmann in die Sprachlosigkeit getrieben. Es ist ein Mix aus Empörung, Enttäuschung, Überheblich- und Hilflosigkeit. Sie weint oft, wenn sie allein ist. Sie spürt ihre Unfähigkeit, sucht nach Worten, findet aber keine passenden. Karin ist ihr entglitten. Gespürt hat sie den unaufhaltsamen Prozess schon länger. Inzwischen weiß sie es. Beschreibt es ihrem Mann und bittet um Rat. Nur, dessen Ratschläge empfindet sie als Schläge, sind in ihren Ohren Vorwürfe, machen sie wütend, verstärken ihren Frust.
Eine Mutter von drei Kindern, der eines abhandengekommen ist. Eine Frau, die den Beziehungstrümmerhaufen vor sich erkennt, aber nicht realisiert, dass sie Beziehung als Beherrschung lebt.

Ob ich die nun folgenden Ereignisse in der richtigen Reihenfolge wiedergeben kann, bezweifle ich stark. Es passierte einfach zu viel. Das Leben nahm Fahrt auf, so kam es mir jedenfalls vor. Gibt es einen Puls der eigenen Zeit? Falls ja, dann schlug er stetig schneller, wenngleich sich die Taktzahl nur schleichend erhöhte. Unbemerkt von mir.
Karin war inzwischen in der dreizehnten Klasse. »Ich sollte besser etwas mehr für die Schule tun«, sagte sie unaufgeregt und lächelte ein wenig verlegen. Aus gutem Grund! Ihre Anforderungen an sich selbst waren in meinen Augen wahnsinnig übertrieben. Ich wusste zwar, dass sie Medizin studieren wollte, aber ihr Zeugnisdurchschnitt lag ohnehin schon bei Eins-Komma-Irgendwas. Genau um dieses Irgendwas ging es ihr. Sie wollte ein glattes Einser-Abi, um sich keine Gedanken um den Numerus clausus machen zu müssen. Ein reines Luxusproblem in der Streber-Liga.
Die nächste Ansage kam von meinem Vater. Er meinte, es sei an der Zeit, es den Vögeln gleichzutun und aus dem Nest zu flüchten. Damit meinte er sowohl mich als auch sich. Er rechnete mir vor, wie viele Fantastilliarden es sparen würde, wenn er Vollzeit bei seiner Freundin wohnen würde. Er sei ja ohnehin meistens dort, sie mache seine Wäsche, könne prima kochen – und: »Lebensmittelpunkte verschieben sich nun mal im Laufe des Lebens.«
Mein neuer Mittelpunkt sollte ab sofort ein möbliertes Zimmer bei Frau Kasupke sein. Er habe mit der Dame bereits alles geregelt und auch angedeutet, dass ich eine Freundin hätte. Seinem Augenzwinkern entnahm ich die Erlaubnis für Damenbesuch bei Frau Kasupke, was diese später tatsächlich eingeschränkt bestätigte: »Aber nur bis zweiundzwanzig Uhr, junger Mann!«
Mein Vater hatte mich mit dem – »besser geht’s doch gar nicht« – Vorgang dermaßen überrumpelt, dass ich nur sprachlos schluckte, als die Parole hieß: »Morgen ziehen wir um. Ich habe schon einen Nachmieter. Pack deine Sachen heute Nacht, morgen kannst du ja blaumachen.« Wenn Sentimentalität als die Schwäche, Abschied zu nehmen, beschrieben wird, muss ich meinem Vater in dieser Situation grenzenlose Stärke bescheinigen. Die Auflösung meines Elternhauses – in dem ich immerhin achtzehn Jahre verbracht hatte – vollzog sich explosionsartig und ließ zunächst keinerlei Rührseligkeit aufkommen. »Um elf Uhr fahre ich dich rüber!«, posaunte mein Vater überschwänglich und mit einer derart ansteckenden guten Laune, dass ich glaubte, an einer Fahrt ins Blaue teilzunehmen. Er selbst sorgte dabei für einen unerschöpflichen Getränkenachschub, brüllend laute Begleitmusik aus seinem Plattenlager und Kartoffelsalat mit Würstchen, den seine Freundin mitbrachte.
Vier oder fünf Freunde von ihm tauchten mit Umzugskartons auf, und zwei Freundinnen seiner Freundin kamen mit Bergen an alten Zeitungen. Da hinein wickelten sie Geschirr und Gläser, während sie gleichzeitig rauchten, tranken, lachten und sich über den Rest-Haushalt meiner Mutter lustig machten. Die Kumpel meines Vaters wiederum zerlegten unsere Möbel und erzählten sich pausenlos Witze wie: Zwei Männer stehen an der Bar. Sagt der eine: »Ich glaube, meine Frau ist tot.« Fragt der andere: »Wieso glaubst du das?« Antwort: »Im Bett ist es wie immer, aber die Küche sieht aus …« Darüber lachten sie stundenlang. Der heiteren Stimmung im Hause konnte man sich beim besten Willen nicht entziehen, zumal ich mir ja generell eine Grund-Coolness verschrieben hatte, die mit allem und jedem fertigwerden konnte.
Irgendwann – es muss kurz vor Mitternacht gewesen sein – klingelte es plötzlich Sturm. Mehrere Nachbarn hatten sich zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen und protestierten lautstark gegen unsere Lautstärke. Mein Vater bot allen eine Flasche Bier an, berichtete fröhlich von unserem anstehenden Auszug und meinte: »Leute, das ist doch wirklich ein Grund zum Feiern für euch, oder? Heute Nacht bleibt ihr schön wach und danach könnt ihr aus dem Haus einen Sarg machen. Was Besseres kann euch doch gar nicht passieren!« Aber damit überschätzte mein Vater die Flexibilität unserer zukünftigen Ex-Nachbarn. Um zwei Uhr kam die Polizei, und mein Vater versprach, die Musik leiser zu drehen. Schon kurz darauf bauten seine Freunde die Stereoanlage ab, und es herrschte endgültig Ruhe.
Mit der kam ich allerdings nicht klar. Ich hockte in meinem Zimmer, wo ich bis dahin schleichend mein bisheriges Leben zusammengepackt hatte. Eine Stunde und mehr war allein dafür draufgegangen, die Poster meiner musikalischen Heroes von den Wänden zu nehmen. Jedes einzelne löste massive Gefühlsschwankungen aus und stellte mich vor herzzerreißende, nein: existenzielle Entscheidungen. Wollte ich zum Beispiel Steven Patrick Morrissey weiterhin anbeten oder jetzt schon in die Kategorie »Idioten« abschieben? Das war emotionale Schwerstarbeit! Auch jeder einzelne Pulli musste auseinandergefaltet, begutachtet, auf Erinnerungen gecheckt, wieder zusammengelegt und in einen Karton geworfen werden. So was erledigt man nicht im Handumdrehen. Das nimmt einen mit. Und mit der plötzlichen Stille, ohne die betäubenden Rhythmen aus dem Hintergrund, waberte eine belastende Schwere durch mein Zimmer.
Apropos Stille. Mit Karin an meiner Seite wäre die Aktion wahrscheinlich erträglicher gewesen. Sie fehlte, ohne dass ich mir das eingestanden hätte. Doch leider war mein Vater mit seinem Umzugsüberfall zu unsensibel an die Sache herangegangen. Mit einem gewissen Informationsvorlauf hätte ich ohne die Lange Stille keinen Finger gerührt. Wäre sie da gewesen, hätte ich alles um einiges entspannter abgewickelt, allein schon durch den automatischen Selbstbewusstseins-Schub, den sie bei mir auslöste. So aber saß ich morgens um fünf fix und fertig in meinem Zimmer und – heute kann ich es ja zugeben – war am Flennen. Kraftlos, müde, entwurzelt und allein. Im Schneidersitz vor meinem Bett, die Arme auf der Matratze verschränkt, darauf der Kopf. In dieser Haltung schlafend fand mich mein Vater um kurz nach sieben.
Während der Packaktion war mir klar geworden, dass ich kein Nestflüchtling war, sondern ein Vertriebener. Der Heimat beraubt. Ausgewiesen ohne Recht auf Rückkehr. Seit jener Zeit gehe ich mit dem Begriff »Flüchtling« vorsichtiger um. Es ist einfach ein Unterschied, ob man selbst flieht, weil einem die Verhältnisse nicht mehr passen, oder ob man mit Gewalt zur Flucht gezwungen wird. Meine Flucht gehörte jedenfalls zur brutaleren Kategorie. Ich wollte nicht weg. Für mich war die elterliche Wohnung mein gefühltes Zentrum, die Höhle, die mir Sicherheit und Geborgenheit vermittelte, auch wenn ich ständig unterwegs war. Allein das Gefühl, einen sicheren Rückzugsort zu haben, war wichtig, und nach seinem Verlust fühlte ich mich unbeschreiblich verloren. Zwei, drei Wochen ging das so, dann zog ich mal wieder die Ereigniskarte.

Die Stadt hat zwei Tageszeitungen, was angesichts der Einwohnerzahl mindestens eine zu viel ist. Werner Weber arbeitet bei der »Volkszeitung« im Bodo Bock Verlag. Die Konkurrenz – »Die Umschau« – gehört einer Partei, die sich schon seit Jahren erhebliche Verluste leistet. Die roten Zahlen der Umschau passen insofern zum verlegerischen Konzept des Blattes. Der alte Slogan »Uns liest der kleine Mann« deutet jedenfalls in diese Richtung. Als ein neuer Chef kommt, der vermeintlich alte Zöpfe abschneidet, spürt man einen frischen Wind in der Stadt. Die Umschau bekommt ein anderes Gesicht, sieht nun irgendwie moderner aus, und plötzlich gehört »der kleine Mann« nicht mehr zur Zielgruppe. Gediegen lautet der neue Slogan: »Uns liest man gern!« Immer häufiger taucht er im Stadtbild auf, und auf Klapptischen in der Fußgängerzone werden Abonnenten geworben. Tatsächlich ist die Werbekampagne erfolgreich.
Bodo Bock ärgert sich. Er ist ein Verleger von altem Schrot, und Korn gehört zu seinen bevorzugten Schnäpsen. Eine leicht rötlich gefärbte Nase zeigt es an. In diesen unerfreulichen Tagen kippt er so manches Glas mehr, weil er danach besser denken kann. Und dann kommt ihm eine Idee...

Frau Kasupkes Warmherzigkeit schien gut gekühlt zu sein, wenn auch nicht direkt frostig. Sich in ihrer Gegenwart wohlzufühlen, war offenbar nicht einmal ihrem Ehemann gelungen. Sein Bild hing mit einem Trauerflor versehen in dem dunklen Flur ihrer Wohnung, obwohl er schon vor zwölf Jahren von seinem Recht aufs Ableben Gebrauch gemacht hatte. Drei Tage nach meinem Einzug feierte sie im Kreis zweier Freundinnen ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag. Ich erinnere mich so genau daran, weil es der Tag war, an dem ihr Kater verschwand. Natürlich gab sie mir die Schuld an seinem Verschwinden. Denn als mein Vater mich in seinem Kombi, vollgestopft mit seinen Muster-Muffen und -Schellen sowie dem ersten Schwung meiner Sachen, bei ihr abgesetzt hatte, streunte Morli neugierig in meinem Zimmer herum. Was ich mir natürlich verbeten habe. Ohne körperliche Gewalt! Jedenfalls fast. Aber mit seinem Verschwinden hatte ich nichts zu tun!
Zurück zur Firma. Weil ich meine Plattenkritiken immer wieder erst in allerletzter Sekunde ablieferte, bekam ich einen Anschiss vom Chefredakteur. Das wurde ein regelrechter Erkenntnisgewinn, weil hinter seiner Kritik eine Weisheit fürs Leben lauerte: »Hör mal Werner, wir zahlen dir fünfundzwanzig Mark für deine paar hingestocherten Zeilen und müssen darauf länger warten als aufs Christkind. Ab sofort bekommst du dreißig Mark, dafür will ich aber immer zwei Kritiken Vorlauf haben. Nächste Woche lieferst du drei Artikel ab, ist das klar?!«
Ich ging zu meinen beiden depressiven Vorgesetzen und erklärte ihnen die Lage. Aufgrund der Ansage des Chefredakteurs beantragte ich zwei freie Tage, weil ansonsten die Samstagsausgabe nicht erscheinen könnte. Die beiden glotzten mich verständnislos an, bis einer sagte: »Mach doch.«
Zwei Tage Baggersee! Hinterher tippte ich in der Firma meine Kritiken fein säuberlich ab, zählte wie befohlen die Anschläge pro Zeile sowie die Zeilenanzahl und war mit mir zufrieden. Meine Zufriedenheit steigerte sich noch erheblich, als ich dem zuständigen Redakteur meine Texte vorlegte. Er überflog mein Geschreibsel – mit sichtlichem Desinteresse – dann sah er mich über seine fetten Brillengläser an und meinte: »Da, du hast Post. Wir bekommen immer mehr Leserbriefe von irgendwelchen Kindern, die deine Kritiken verreißen. Wir wollen deshalb eine Spalte ‚Briefe an Werner‘ einführen. Lies den Kram durch, und die interessantesten zwei beantwortest du. Jeweils einspaltig, neun Zeilen, kein Wort mehr. Dafür gibt’s einen Zehner extra.« Ich war nicht nur zufrieden, ich war geradezu beglückt.
Die meisten Aufträge in der Chemigrafieabteilung bekamen wir per Rohrpost. Analoge Nachrichtentechnik mit Über- oder Unterdruck. Durch das ganze Verlagsgebäude zog sich ein wirres Röhrennetzwerk. Jede Abteilung hatte eine eigene Station für den Ab- und Eingang. Kam so eine Büchse angeschossen, fiel sie am Rohrende in einen Ledersack, nachdem vorher eine Art Fahrradklingel den Empfang quittiert hatte. Was überflüssig war, denn die Anlage machte auch so schon genug Krach. Zu meinen Aufgaben gehörte es, eingehende Sendungen zu öffnen und die beiliegenden Fotos oder Anzeigen in den Auftragskorb zu legen. Auf einem Formular trug man die Ankunftszeit ein und eruierte, ob es sich um etwas Dringendes, sehr Dringendes oder extrem Dringendes handelte. Aufträge ohne den Zusatz »Dringend« verschlampten wir regelmäßig. Ab und zu kamen auch mal Scherzsendungen, Informationen des Betriebsrats oder der Geschäftsleitung. Mit anderen Worten: Rundschreiben per Blasrohr.
Auf diese Weise erfuhr ich vom Aufruf des Verlegers zu einem Slogan-Wettbewerb. Bodo – alle nannten ihn so – wollte der Konkurrenz Konkurrenz machen und forderte seine Belegschaft auf, kreativ zu sein. Das Beste aber war die Belohnung. Der Sieger sollte dreihundert Mark bekommen und einen Einkaufsgutschein von Karstadt. Wert ebenfalls dreihundert. Ich zeigte den Zettel meinen Kollegen und einer sagte: »Der Alte ärgert sich über die Umschau mit ihrem Uns-liest-man-gern-Schwachsinn. Schmeiß weg, Junge. Den Preis holen sich sowieso die Redakteure. Da haben wir armen Schweine keine Chance.«
Doch die Sache wollte mir nicht aus dem Kopf. Und in der Mittagspause schlug bei mir ein Blitz ein. Ich schrieb meinen Slogan plus Name und Abteilung auf und sendete die grandiose Idee per Rohrpost ins Sekretariat. Danach herrschte Funkstille. Drei Wochen lang. Dann kam aus dem Rohr plötzlich die Sensation. Die Sieger des Wettbewerbs sollten sich nachmittags um fünfzehn Uhr im Verlegerbüro einfinden, um ihre Preise entgegenzunehmen. Drei Namen standen da. In alphabetischer Reihenfolge. Daher war ich der Dritte. Aber ich war mir sicher, dass ich den Vogel abgeschossen hatte. Kurz vor der Zeit klopfte ich bei Bodos Sekretärin an, die mich auf einen Stuhl in der Ecke ihres Büros verbannte. »Es geht erst los, wenn alle da sind!« Wie von meinen Kollegen vorhergesagt, erschienen reichlich zu spät zwei Redakteure. Der Chefredakteur und ein junger Sportschreiberling.
Wir warteten noch ein Weilchen, dann tauchte Bodo in der Tür auf. Er lud uns in sein Zimmer ein, spendierte eine Runde Bommerlunder, rief seine Sekretärin und fragte herrisch, wo denn der Fotograf bliebe. Der Dussel hatte den Termin vergessen, und so mussten wir mit dem Alten noch zwei weitere Bommis – wie er sie nannte – trinken. Drei Klare am Nachmittag, mir kam langsam die Klarheit abhanden!
Als der Kameramann dann endlich da war, legte Bodo los. Er freue sich, die Anzahl der Vorschläge sei überwältigend gewesen, die Auswahl der besten Slogans eine schwere Aufgabe und so weiter und so fort. Endergebnis: Ich bekam fünfundzwanzig Mark, einen Einkaufsgutschein und war unehrenvoller Dritter. Doch das war nicht das Problem. Das Problem war der skandalöse erste Platz, der an den Chefredakteur ging. Sein Slogan »Lesen, was Niveau hat!« war in meinen Augen unterirdisch. Da half auch der vierte Bommi nicht, den Bodo uns aufnötigte, nachdem ein Foto von ihm und seinen Preisträgern mit den jeweiligen Urkunden und, gut sichtbar, den Gutscheinen von Karstadt gemacht worden war.
Habe ich erwähnt, dass Bodo die Gläser randvoll einschenkte? Im Hinausgehen sah ich aus dem Augenwinkel, wie er sich nach dieser Anstrengung noch ein Gläschen gönnen wollte, und rief abfällig zum Abschied: »Na denn noch mal Prost!« Bodo brüllte, ich solle wieder reinkommen und was mein Auftritt zu bedeuten hätte. Unverblümt und mit der Klarheit von vier Bommerlundern, die eher sechs gewesen sein dürften, sagte ich ihm, dass ich seine Wahl für einen Griff ins Klo hielt.
»Der Spruch zieht keinen Hering vom Teller!« Wortwörtlich sagte ich es so, während ich vor seiner roten Nase leicht hin- und herschwankte.
»Lernen Sie erst mal zu verlieren, junger Mann! Bei mehr Einsendungen wären Sie chancenlos gewesen. Wissen Sie mit dem Begriff ›Respekt‹ überhaupt etwas anzufangen?« Danach kam noch die Nummer von den Lehrjahren, die keine Herrenjahre seien, und von wegen wie viel Verständnis er der Jugend entgegenbringen würde. Alle weiteren Plattitüden, die er mir auftischte, habe ich verdrängt. Zum Schluss wurde es dann aber geradezu unheimlich: »So, jetzt vertragen wir uns mal wieder. Bin schließlich kein Unmensch. Hier, den trinken wir auf gute Zusammenarbeit!« Der nächste Bommi gluckerte ins Glas und durch die Kehle. Arbeitsunfähig machte ich mich aus dem Staub, ohne mich vorher von den depressiven Chemigrafen zu verabschieden.
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