Kitabı oku: «Existenzielle Psychotherapie»

Yazı tipi:

Edition Humanistische Psychologie

Hg. Anna und Milan Sreckovic

Der Autor

Irvin D. Yalom ist Emeritus für Psychiatrie an der School of Medicine der Stanford University. Er wurde unter anderem 1974 mit dem Edward-Strecker-Prize für psychiatrische Versorgung und Behandlung und 1979 mit dem Foundation’s Fund Prize in Psychiatry der American Psychiatric Association for Research ausgezeichnet. Von seinen Monographien und Aufsätzen sind zahlreiche auch ins Deutsche übersetzt worden. Neben seinen fachwissenschaftlichen Büchern hat er sehr erfolgreich in zahlreichen Sprachen belletristische Texte über Psychotherapie veröffentlicht, die ihn auch als Bestsellerautor einem breiten Publikum auf der ganzen Welt bekannt gemacht haben (›Commonwealth Club of California Gold Medal for best fiction 1993‹ für den Roman When Nietzsche Wept). Er wurde vor kurzem in den USA zu einem der drei wichtigsten lebenden Psychotherapeuten gewählt und ist Träger des Internationalen Sigmund-Freud-Preises für Psychotherapie 2009 des World Council for Psychotherapy (WCP).


© 1989, 2010 EHP – Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach www.ehp.biz

© 2003 Ulfried Geuter für das Interview mit Irvin Yalom

© 1980 Yalom Family Trust

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›Existential Psychotherapy‹ bei Basic Books, Inc., Publ., New York

Die Übersetzung aus dem Amerikanischen von Martina Gremmler-Fuhr und Reinhard Fuhr (†) wurde für die 5., korrigierte Auflage überarbeitet.

Für hilfreiche Unterstützung danken wir Sigrid Pape.

Übersetzung des Vorworts zur 4. verm. Aufl.: Irmgard Hölscher

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

5. korr. Auflage 2010

Umschlagentwurf: Gerd Struwe, Uwe Giese

– unter Verwendung eines Bildes von Dieter Teusch –

Satz: MarktTransparenz Uwe Giese

Gedruckt in der EU

Alle Rechte vorbehalten

All rights reserved. No part of this book may be reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photo-copying, recording or by any information storage and retrieval system, without permission in writing from the publisher.

Print-ISBN 978-3-926176-19-6

E-Book-ISBN 978-3-89797-606-1

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Danksagung

Vorwort des Autors: 25 Jahre Existenzielle Psychotherapie

1. Kapitel: Einführung

Existenzielle Therapie: Eine dynamische Psychotherapie

Die existenzielle Orientierung: Fremd, aber seltsam vertraut

Das Feld existenzieller Psychotherapie

Existenzielle Therapie und die akademische Gemeinschaft

I. Teil: TOD

2. Kapitel: Leben, Tod und Angst

Die Interdependenz von Leben und Tod

Tod und Angst

Die Unaufmerksamkeit gegenüber dem Tod in der Theorie und Praxis der Psychotherapie

Freud: Angst ohne den Tod

3. Kapitel: Der Todesbegriff bei Kindern

Das verbreitete Interesse von Kindern am Tod

Der Todesbegriff: Entwicklungsstufen

Todesangst und die Entwicklung der Psychopathologie

Die Todeserziehung von Kindern

4. Kapitel: Tod und Psychopathologie

Todesangst: Ein Paradigma der Psychopathologie

Besonderheit

Der letzte Retter

Auf dem Weg zu einer integrierten Sicht der Psychopathologie

Schizophrenie und die Furcht vor dem Tod

Ein existenzielles Paradigma der Psychopathologie: Forschungsbefunde

5. Kapitel: Tod und Psychotherapie

Der Tod als Grenzsituation

Der Tod als ursprüngliche Quelle der Angst

Probleme der Psychotherapie

Lebensbefriedigung und Todesangst: Eine therapeutische Stütze

Todes-Desensibilisierung

II. Teil: FREIHEIT

6. Kapitel: Verantwortung

Verantwortung als eine existenzielle Angelegenheit

Vermeidung der Verantwortung: Klinische Erscheinungsformen

Übernahme von Verantwortung und Psychotherapie

Verantwortungsbewusstheit nach amerikanischer Art – oder: Wie man sich um sein eigenes Leben kümmert, selbst Regie führt, zuerst an sich denkt und es schafft

Verantwortung und Psychotherapie: Forschungsbefunde

Grenzen der Verantwortung

Verantwortung und existenzielle Schuld

7. Kapitel: Wollen

Verantwortung, Wollen und Handlung

Zum klinischen Verständnis des Willens: Rank, Farber, May

Der Wille und klinische Praxis

Wunsch

Entscheidung – Wahl

Vergangenheit versus Zukunft in der Psychotherapie

III. Teil: ISOLATION

8. Kapitel: Existenzielle Isolation

Was ist existenzielle Isolation?

Isolation und Beziehung

Existenzielle Isolation und interpersonale Psychopathologie

9. Kapitel: Existenzielle Isolation und Psychotherapie

Eine Anleitung zum Verständnis zwischenmenschlicher Beziehungen

Den Patienten mit der Isolation konfrontieren

Isolation und die Begegnung zwischen Patient und Therapeut

IV. Teil: SINNLOSIGKEIT

10.Kapitel: Sinnlosigkeit

Das Problem des Sinns

Der Sinn des Lebens

Sinnverlust: Klinische Implikationen

Klinische Forschung

11. Kapitel: Sinnlosigkeit und Psychotherapie

Warum brauchen wir Sinn ?

Psychotherapeutische Strategien

EPILOG

Sich berühren lassen. Der Romanautor und Psychotherapeut Irvin Yalom im Gespräch mit Ulfried Geuter

Anmerkungen

Personen- und Sachregister

Für Marilyn – aus jedem erdenklichen Grund

Für Marilyn – aus jedem erdenklichen Grund

Danksagung

Viele haben mir bei meiner Arbeit geholfen, und ich bin nicht in der Lage, ihnen allen zu danken. An diesem Buch habe ich mehrere Jahre geschrieben, und meine Schuldigkeit geht über die Grenzen meines Gedächtnisses hinaus. Rollo May und Dagfinn Follesdal waren außergewöhnlich wichtige Lehrer und Führer für mich. Viele Kollegen lasen und kritisierten das ganze Manuskript oder Teile davon: Jerome Frank, Julius Heuscher, Kent Bach, David Spiegel, Alex Comfort, James Bugental, Marguerite Lederberg, Michael Bratman, Mitchell Hall, Alberta Siegel, Alvin Rosenfeld, Herbert Leidermann, Michael Norden und viele Psychiatriepatienten von Stanford. Ihnen allen gilt mein Dank.

Ich bin Gardner Lindzey und dem Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences gegenüber verpflichtet, weil sie mir bei meinen Studien während meines Stipendienjahres von 1977-1978 ideale Bedingungen gewährten. Ich bin der Universität von Stanford sehr dankbar, die mir während meiner gesamten Karriere die Möglichkeiten akademischen Lebens großzügig zur Verfügung gestellt hat: intellektuelle Freiheit, materielle Unterstützung und hoch qualifizierte professionelle Kollegen. Ich bin auch Thomas Gonda, dem Vorsitzenden der Abteilung für Psychiatrie, sehr dankbar dafür, dass er administrative Aufgaben weitgehend von mir fern hielt; und Marjorie Crosby für ihre Unterstützung und Ermutigung. Phoebe Hoss gewährte ausgezeichnete redaktionelle Hilfe. Dies ist ein langes Buch, und jedes Wort von jedem Entwurf – angefangen von den ersten Skizzen bis zum fertigen Manuskript – wurde von meiner Sekretärin Bea Mitchell getippt, deren Geduld, Engagement und Fleiß kaum je während der vielen Jahre, in denen wir zusammen arbeiteten, nachließen. Meine Frau Marilyn bestärkte mich nicht nur ununterbrochen, sondern beriet mich, wie bei all meinen früheren Büchern, in inhaltlichen und schriftstellerischen Fragen auf unschätzbare Weise.

Vorwort zur vierten deutschen Auflage: »25 Jahre Existenzielle Psychotherapie«1

Wenn mich Leser fragen, welches meiner Bücher mir am liebsten ist, fällt mir die Antwort nicht leicht. Wie die meisten Autoren bin ich meist in das Buch verliebt, das ich gerade schreibe. Aber wenn ich wüsste, dass ich meine Feder für immer niederlegen müsste, würde ich wohl antworten, dass ich besonders stolz auf das Buch Existenzielle Psychotherapie bin. Es war am schwersten zu schreiben; ich habe jahrelang lesen müssen, bis ich in der Lage war, es zu Papier zu bringen – übrigens im Wortsinn: Ich habe es nämlich mit Bleistift auf gelbes, blau liniertes Papier geschrieben – das war kurz vor der Einführung der Textverarbeitung, und tippen konnte ich auch nicht.

Ich weiß noch genau, wie ich mich bei meinem alten Freund Alex Comfort, dem Schriftsteller, beklagte, ich könne einfach den Anfang nicht finden. Ich erzählte, dass ich jahrelang unaufhörlich gelesen und viele Philosophie-Seminare an der Universität Stanford besucht hätte und trotzdem blockiert sei. Alex Comfort kannte sich mit den Problemen des Schreibens aus; er hat neben Joy of Sex, das ihn berühmt gemacht hat, über fünfzig weitere Bücher geschrieben – medizinische und geriatrische Abhandlungen, Romane und auch einige Gedichtbände. Er hörte geduldig zu und sagte dann: »Dein Thema ist so groß, dass du mit dem Lesen nie fertig wirst. Ich mache dir einen Vorschlag: Hör auf zu lesen und fang an zu schreiben! Morgen!« Diesen Rat habe ich befolgt und gleich am nächsten Morgen mit dem Schreiben angefangen – und dann jeden weiteren Morgen, dreieinhalb Jahre lang.

Existenzielle Psychotherapie war ein Wendepunkt in meiner Laufbahn als Autor. Vorher hatte ich über eine Reihe von Themen geschrieben, die nachfolgenden Bücher dagegen waren fast ausschließlich Variationen verschiedener Motive aus diesem Buch. Was ich dort geschrieben und skizziert habe, bildet den Fokus aller weiteren Bücher, aber die Form hat sich verändert. Nachdem Existenzielle Psychotherapie erschienen war, wurde mir klar, dass sich die subjektiven Reaktionen auf die Wechselfälle des Lebens in fachlicher Prosa nur unzureichend beschreiben lassen, und ich habe mich wie viele existenzielle Denker vor mir entschieden, die Konfrontation mit den existenziellen Fakten des Lebens in einer anschaulicheren literarischen Form zu beschreiben.

Existenzielle Psychotherapie ist also die Quelle, sozusagen die Mutter all der Romane, Geschichten und Leitfäden für Kliniker, die ich seit 1980 geschrieben habe, und aus diesem Buch sind andere entstanden wie Die Liebe und ihr Henker, Die Reise mit Paula, Die rote Couch, Und Nietzsche weinte, Die Schopenhauer-Kur.

Von Zeit zu Zeit habe ich darüber nachgedacht, Existenzielle Psychotherapie zu überarbeiten, aber dann schien es mir absurd, Material zu bearbeiten, das sich mit den zeitlosen Quellen des Leidens beschäftigt – Leiden, das die Menschen seit dem Entstehen der Selbstbewusstheit erleben. Doch so zeitlos das Thema auch sein mag, der Autor ist es nicht. Wenn ich den Text überarbeiten sollte, dann würde ich das mit aufnehmen, was ich in den Jahren seit der Veröffentlichung gelernt habe: weitere Einzelheiten aus der psychotherapeutischen Praxis und über die großen Leistungen von Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche, zwei Philosophen, die für mich sehr wichtig geworden sind.

Die Fragen und Kommentare der Leser, die mich im Lauf der Jahre erreicht haben, haben mich bewogen, bestimmte Aspekte aus der Praxis der existenziellen Psychotherapie deutlicher zu machen, die ich im Text nur angerissen und nicht ausgeführt habe. Besonders häufig werde ich gefragt: Wo gibt es die besten Ausbildungsprogramme für existenzielle Psychotherapie? Mir ist bei dieser Frage nicht wohl: ich benutze heute den Begriff »existenzielle Psychotherapeuten« nur sehr selten und spreche lieber von »existenziell sensiblen«, »existenziell orientierten« oder »existenziell gestimmten« Therapeuten. Ich glaube nicht, dass existenzielle Therapie eine eigenständige, unabhängige ideologische Schule sein kann. Man kann angehende Therapeuten nicht von Anfang an zu existenziellen Therapeuten ausbilden, sondern sollte ein volles, abgerundetes psychotherapeutisches Ausbildungsprogramm durch existenzielle Sensibilität quasi veredeln.

Dafür ein anschauliches Beispiel: Vor kurzem kam Felix, ein fünfzigjähriger Zahnarzt, zu mir in Behandlung, der nach dem Tod eines nahen Freundes unter anhaltender chronischer Todesangst litt. Er wurde fast jede Nacht von Todesängsten überschwemmt und hatte viele Aktivitäten (wie Autofahren, Skifahren und Schwimmen) aufgegeben, weil sie ihm zu gefährlich schienen. Bei der Exploration von Todesängsten, so habe ich festgestellt, sind Nietzsches Bemerkungen über die Vollendung des eigenen Lebens und den richtigen Zeitpunkt des Sterbens ausgesprochen nützlich. Ich glaube, dass es zwischen Todesangst und erfülltem Leben einen Zusammenhang gibt: je größer das ungelebte Leben, desto größer die Verzweiflung. Also fragte ich Felix, ob er das Gefühl habe, sein Leben ganz gelebt zu haben, oder ob er ungelebtes Lebens in sich spüre.

Felix ging auf diese Frage ein und sprach lange über seine brachliegende Kreativität. Obwohl er ein begabter Maler war, hatte er seit Jahren nichts mehr gemalt. Auf die Frage nach dem Grund für diese Vernachlässigung seines kreativen Selbst antwortete er: »Zu viel zu tun, zu beschäftigt mit Geld verdienen!« Doch wie ich bald erfuhr, verdiente er mehr Geld, als er brauchte. Die weitere Exploration ergab, dass die Triebkraft dahinter eine implizite Konkurrenz mit seiner Frau – ebenfalls Zahnärztin – war, die sich um die Frage drehte, wer mehr verdiente.

»Was würden Sie über diesen Lebensplan denken, wenn Ihr Leben jetzt zu Ende wäre?« fragte ich.

»Verheerend«, antwortete er, »ein weggeworfenes Leben«.

Die nächste Phase unserer Arbeit konzentrierte sich auf seine Ehe, auf die anhaltenden Auseinandersetzungen und die Unzufriedenheit mit seiner Frau und mit anderen wichtigen Frauen aus seiner Vergangenheit und Gegenwart. Danach untersuchten wir seine tiefe Neigung, über andere zu ›richten‹ – über mich, über alle Menschen in seiner Umgebung. Diese Untersuchung führte zurück zu der Unfähigkeit zu malen – er schien Angst vor Kritik zu haben und nicht bereit zu sein, die Grenzen seiner Kreativität auszuloten, sondern wollte die Vorstellung potenzieller Größe bewahren.

Was ich damit sagen will, ist, dass bei diesem Patienten wie bei fast allen anderen die therapeutische Exploration einer existenziellen Angst den Weg zu einer Reihe interpersonaler und innerpsychischer Bereiche gebahnt hat. Der Therapeut muss in der Lage sein, den Patienten dorthin zu begleiten, wo der Weg hinführt.

Noch ein paar Worte über die Alltagspraxis einer existenziell gestimmten Therapie: Obwohl ich das Buch für ein Fachpublikum geschrieben habe, haben viele Patienten, die es gelesen haben (meist solche mit einer tödlichen Erkrankung), gesagt, sie hätten von dem existenziellen Ansatz profitiert. Aber zur Psychotherapie gehört in der Regel mehr als nur die Vermittlung von Inhalten.

Wie sieht existenzielle Psychotherapie in der Praxis wirklich aus? Will man diese Frage beantworten, muss man auf den »Inhalt« und auf den »Prozess« achten, also auf die beiden wichtigen Aspekte des therapeutischen Diskurses. »Inhalt« heißt genau das – die exakten Worte, die gesprochen, die wesentlichen Themen, die angesprochen werden. »Prozess« bezieht sich auf eine ganz andere und ungeheuer wichtige Dimension: auf die interpersonale Beziehungzwischen Patient und Therapeut. Wenn wir nach dem »Prozess« einer Interaktion fragen, meinen wir: Was sagen die Worte (und das nonverbale Verhalten) über das Wesen der Beziehung zwischen den an der Interaktion beteiligten Parteien aus?

Wenn wir also meine Therapiesitzung beobachten, welchen Inhalt und welchen Prozess können wir dann erkennen? Betrachten wir zunächst den Inhalt: Hier wird der Beobachter oft vergeblich auf ausführliche, explizite Diskussionen über Tod, Freiheit, Sinn oder existenzielle Einsamkeit warten. Ein solcher existenzieller Inhalt wird nur für einige (aber nicht alle) Patienten in einigen (aber nicht in allen) Phasen der Therapie wichtig sein. Ein effektiver Therapeut sollte nie versuchen, Diskussionen über einzelne inhaltliche Bereiche zu erzwingen: Therapie darf nicht theorie-, sondern muss beziehungsgeleitet sein.

Betrachten wir jetzt den Prozess. Achtet man in denselben Sitzungen auf einen charakteristischen, aus einer existenziellen Orientierung abgeleiteten Prozess, wird man etwas ganz anderes erkennen: Eine erhöhte Sensibilität für existenzielle Fragen hat großen Einfluss auf das Wesen der Beziehung von Therapeut und Patient und berührt jede einzelne Therapiesitzung. Denn Therapeut und Patient sind mit denselben Lebenstatsachen konfrontiert und müssen beide die Angst bewältigen, die aus den vier existenziellen Fragen entsteht, die in diesem Buch beschrieben werden. Es gibt hier kein wir (die Therapeuten) und sie (die Leidenden). Es ist uns gemeinsam, wir sind Reisegefährten – oder, wie Schopenhauer sagt: Leidensgefährten –, und die Grundlagen effektiver Therapie sind tiefe Fürsorge und Empathie für unsere Patienten und die Schaffung einer echten Begegnung.

Denken Sie daran: In der existenziell sensiblen Therapie gibt es eine dynamische adaptive Spiralbewegung zwischen Inhalt und Prozess. Das alte Sprichwort: Es ist die Beziehung, die heilt, gilt für den existenziellen genauso wie für jeden anderen psychotherapeutischen Ansatz. Aber die existenziellen Fakten des Lebens sind eine Richtschnur für eine tiefere, reichere Beziehung zu denen, die unsere Hilfe suchen. Und wenn eine solche Beziehung erst einmal da ist, kann der Patient nicht nur die Basis seines persönlichen Lebens – seine Geschichte und seinen Alltag – tiefer erkunden, sondern auch die Basis seiner Existenz.

Irvin D. Yalom, 2005

1. Kapitel: Einführung

Vor vielen Jahren meldeten sich einige Freunde und ich zu einem Kochkurs an, der von einer armenischen Matrone und ihrem betagten Diener gegeben wurde. Da sie kein Englisch sprach und wir kein Armenisch, war die Unterhaltung nicht einfach. Sie lehrte durch Demonstration; wir schauten zu (und versuchten fleißig, ihre Rezepte eins zu eins zu verstehen), während sie eine Reihe wunderbarer Auberginen- und Lammgerichte zubereitete. Aber unsere Rezepte waren unvollkommen, und so sehr wir uns auch bemühten, wir konnten ihre Gerichte nicht nachahmen. »Was war es«, fragte ich mich, »das ihrer Kochkunst dieses besondere Etwas gab?« Die Antwort entzog sich mir, bis ich eines Tages, als ich besonders aufmerksam beobachtete, was in der Küche vor sich ging, unsere Lehrerin mit großer Würde und Überlegtheit ein Mahl zubereiten sah. Sie übergab es ihrem Diener, der es wortlos in die Küche zum Ofen trug und ohne zu zögern eine Handvoll ausgewählter Gewürze und Zutaten nach der anderen hineinwarf. Ich bin überzeugt, dass jene heimlichen »Zugaben« den ganzen Unterschied ausmachten.

An diesen Kochkurs erinnere ich mich, wenn ich über Psychotherapie nachdenke, besonders wenn ich an die entscheidenden Zutaten erfolgreicher Therapie denke. Formale Texte, Zeitschriftenaufsätze und Vorlesungen beschreiben Therapie als exakt und systematisch, mit sich sorgfältig abzeichnenden Stadien, strategisch technischen Interventionen, methodischer Entwicklung und Wiederauflösung von Übertragung, Analyse der Objektbeziehungen und als ein sorgfältiges rationales Programm von Interpretationen, die Einsichten ermöglichen. Aber ich glaube wirklich, dass der Therapeut das »Eigentliche« hineinwirft, wenn niemand zuschaut.

Aber welches sind diese »Zugaben«, diese flüchtigen, außerplanmäßigen Extras? Sie existieren außerhalb der formalen Theorie, über sie wird nicht geschrieben, sie werden nicht ausdrücklich gelehrt. Die Therapeuten sind sich ihrer oft nicht bewusst; aber jeder Therapeut weiß, dass er oder sie es nicht erklären kann, warum viele Patienten Fortschritte machen. Die entscheidenden Zutaten sind schwer zu beschreiben, noch schwerer zu definieren. Ist es überhaupt möglich, solche Qualitäten wie Mitgefühl, »Präsenz«, Fürsorge, sich selbst öffnen, den Patienten auf einer tiefen Ebene berühren oder diese flüchtigste Qualität von allen – Weisheit – zu definieren und zu lehren?

Einer der ersten aufgezeichneten Fälle moderner Psychotherapie zeigt sehr anschaulich, wie Therapeuten diese Extras selektiv außer Acht lassen.1 (Spätere Beschreibungen von Therapien sind weniger brauchbar in dieser Hinsicht, weil sie so besessen von der richtigen Durchführung der Therapie waren, dass die außerplanmäßigen Manöver in den Fallberichten ausgelassen wurden.) 1892 behandelte Sigmund Freud erfolgreich ein Fräulein Elisabeth von R., eine junge Frau, die an psychogenen Gehschwierigkeiten litt. Freud erklärte diesen therapeutischen Erfolg ausschließlich mit seiner Technik der Abreaktion, der Aufhebung der Verdrängung bestimmter schädlicher Wünsche und Gedanken. Aber wenn man Freuds Aufzeichnungen studiert, ist man erstaunt von der Vielfalt seiner anderen therapeutischen Handlungen. Zum Beispiel beauftragte er Elisabeth, das Grab ihrer Schwester zu besuchen und bei einem jungen Mann vorbeizuschauen, den sie attraktiv fand. Um ihr Leiden zu erleichtern, »bekümmerte« er sich »freundschaftlich um gegenwärtige Verhältnisse«2 der Patientin und »suchte in solcher Absicht« Kontakt zu ihrer Familie: Er befragte die Mutter der Patientin und »bat sie inständig«, eine Möglichkeit der Kommunikation mit der Patientin zu eröffnen und ihr von Zeit zu Zeit zu erlauben, ihren Kummer auszusprechen. Er erfuhr von der Mutter, dass Elisabeth keine Chance hatte, den Mann ihrer verstorbenen Schwester zu heiraten, und teilte dies seiner Patientin mit. Er half dabei, das finanzielle Durcheinander der Familie zu klären. Ein anderes Mal drängte Freud Elisabeth, mit ruhiger Gelassenheit der Tatsache ins Auge zu sehen, dass die Zukunft für jeden unvermeidlicherweise unsicher ist. Er tröstete sie wiederholt, indem er ihr versicherte, dass sie nicht für unerwünschte Gefühle verantwortlich sei und dass der Grad an Schuld und Reue, die sie für diese Gefühle empfand, ein überzeugender Beweis ihres hochmoralischen Charakters sei. Als Freud schließlich nach Beendigung der Therapie hörte, dass Elisabeth zu einem privaten Tanzvergnügen gehen würde, verschaffte er sich eine Einladung, so dass er sie »in einem lebhaften Tanz vorbei wirbeln« sehen konnte. Man muss sich wirklich fragen, welches von Freuds Extras, die zweifellos wirkungsvolle Interventionen darstellten, Fräulein von R. halfen; sie aus der Theorie auszuklammern heißt, dem Irrtum Tür und Tor zu öffnen.

Es ist meine Absicht, in diesem Buch einen Zugang zur Psychotherapie vorzuschlagen und zu erläutern – eine theoretische Struktur und eine Reihe von Techniken, die aus dieser Struktur hervorgehen – der einen Rahmen für viele der Extras in der Therapie bereitstellt. Das Etikett für diesen Zugang, »existenzielle Psychotherapie«, widersetzt sich einer prägnanten Definition, denn die Grundlagen der existenziellen Orientierung sind nicht empirisch, sondern zutiefst intuitiv.

Ich werde zuerst eine formale Definition anbieten, und dann werde ich im gesamten übrigen Buch diese Definition erläutern:

Existenzielle Psychotherapie ist ein dynamischer Zugang zur Therapie, der sich auf die Gegebenheiten konzentriert, welche in der Existenz des Individuums verwurzelt sind.

Ich bin überzeugt davon, dass die große Mehrheit der erfahrenen Therapeuten, ganz gleich, ob sie einer anderen ideologischen Ausrichtung anhängen, viele der existenziellen Einsichten verwenden, die ich beschreiben werde. Die Mehrheit der Therapeuten ist sich beispielsweise der Tatsache bewusst, dass das Verständnis von unserer Endlichkeit oft eine bedeutende innere Verschiebung der Perspektive auslösen kann; dass es die Beziehung ist, die heilt; dass die Patienten von Entscheidungssituationen gequält werden; dass ein Therapeut Katalysator für den »Willen« des Patienten zum Handeln ist; und ebenso, dass die Mehrzahl der Patienten an Sinnverlust in ihrem Leben leidet.

Aber der existenzielle Ansatz ist mehr als ein subtiler Akzent oder eine implizite Perspektive, die die Therapeuten unwissentlich verwenden. Während meiner Vorlesungen für Therapeuten über verschiedene Themen fragte ich immer wieder: »Wer von Ihnen betrachtet sich als existenziell ausgerichtet?« Ein hoher Anteil der Zuhörerschaft, gewöhnlich mehr als fünfzig Prozent, antwortete zustimmend. Aber wenn diese Therapeuten gefragt wurden, »Was ist der existenzielle Ansatz?«, fanden sie es schwierig zu antworten. Die Sprache, die von Therapeuten verwendet wird, um irgendeinen therapeutischen Ansatz zu beschreiben, war nie berühmt für ihre Griffigkeit oder schlichte Klarheit; aber keine von all den therapeutischen Ausdrucksweisen kann mit der existenziellen in ihrer Vagheit und Verwirrung konkurrieren. Die Therapeuten assoziieren den existenziellen Ansatz mit solchen in sich unpräzisen und offensichtlich beziehungslosen Begriffen wie »Authentizität«, »Begegnung«, »Verantwortung«, »Wahl«, »humanistisch«, »Selbstaktualisierung«, »sich zentrieren«, »im Sinne Sartres« und »im Sinne Heideggers«; und viele Experten für geistige Gesundheit haben ihn lange Zeit für eine verworrene, »sanfte«, irrationale und romantische Orientierung gehalten, die, statt ein »Ansatz« zu sein, einen Freibrief für Improvisation gibt, damit undisziplinierte und ungenaue Therapeuten »ihr eigenes Ding machen können«. Ich hoffe, zeigen zu können, dass solche Schlussfolgerungen ungerechtfertigt sind, dass der existenzielle Ansatz ein wertvolles, effektives psychotherapeutisches Paradigma ist, das ebenso rational, in sich schlüssig und systematisch ist wie irgendein anderes.

Existenzielle Therapie: Eine dynamische Psychotherapie

Existenzielle Psychotherapie ist eine Form von dynamischer Psychotherapie. »Dynamik« ist ein Begriff, der im Bereich psychischer Gesundheit häufig verwendet wird – wie in »Psychodynamik«; und wenn man eines der grundlegenden Merkmale des existenziellen Ansatzes verstehen will, ist es notwendig, Klarheit über die Bedeutung dynamischer Therapie zu gewinnen. »Dynamisch« hat sowohl allgemeinsprachliche als auch therapeutische Bedeutungen. Im allgemeinen Verständnis hat »dynamisch« (von griech. dunasthi = Stärke, Kraft haben) die Konnotation »Energie«, »Bewegung« (ein »dynamischer« Fußballspieler oder Politiker, »Dynamo«, »Dynamit«); aber das ist nicht seine therapeutische Bedeutung, denn wenn sie es wäre, welcher Therapeut würde dann zugestehen, dass er undynamisch – das heißt langsam, träge, stagnierend, unbeweglich ist? Nein, der Begriff findet eine spezifisch technische Verwendung, die das Konzept von »Kraft« beinhaltet. Freuds wesentlicher Beitrag zum Verständnis des Menschen ist sein dynamisches Modell psychischer Funktionsweisen – ein Modell, welches postuliert, dass es Kräfte gibt, die innerhalb des Individuums in Konflikt miteinander stehen, und dass Gedanken, Gefühle und Verhalten, sowohl adaptiver als auch psychopathologischer Art, das Resultat dieser miteinander in Konflikt stehenden Kräfte sind. Darüber hinaus – und das ist wichtig – existieren diese Kräfte auf verschiedenen Ebenen der Bewusstheit; einige von ihnen sind tatsächlich völlig unbewusst.

Die Psychodynamik eines Individuums beinhaltet deshalb die verschiedenen unbewussten und bewussten Kräfte, Motive und Befürchtungen, die in ihr oder ihm wirksam sind. Die dynamischen Psychotherapien gründen auf diesem dynamischen Modell psychischer Funktionsweisen.

So weit, so gut. Existenzielle Therapie, wie ich sie beschreiben werde, passt bequem in die Kategorie der dynamischen Therapie. Aber wenn wir fragen, Welche Kräfte (und Befürchtungen und Motive) stehen in Konflikt miteinander? Was ist der Inhalt dieses internen bewussten und unbewussten Kampfes? Dies ist der Punkt, an dem sich die dynamische existenzielle Therapie von der Gemeinschaft der anderen dynamischen Therapien löst. Existenzielle Therapie gründet auf einer radikal abweichenden Sichtweise der spezifischen Kräfte, Motive und Befürchtungen, die im Menschen interagieren.

Die präzise Eigenart der tiefsten inneren Konflikte ist niemals leicht zu identifizieren. Der Kliniker, der mit einem gestörten Patienten arbeitet, ist selten in der Lage, den grundlegenden Konflikt in seiner ursprünglichen Form zu untersuchen. Stattdessen beherbergt der Patient eine unendliche Fülle von Besorgnissen: Die ursprünglichen Besorgnisse sind tief verborgen, überkrustet mit vielen Schichten von Repression, Verleugnung, Verschiebung und Symbolisierung. Der klinische Forscher muss sich mit einem klinischen Bild auseinandersetzen, dessen Fäden so vielfältig ineinander verwickelt sind, dass eine Entwirrung schwierig ist. Um die ursprünglichen Konflikte zu erkennen, muss man viele Zugänge wählen: tiefes Nachdenken, Träume, Alpträume, das Aufblitzen tiefer Erfahrungen und Einsichten, psychotische Äußerungen und das Studium von Kindern. Ich werde diese Zugänge zu gegebener Zeit untersuchen, aber vorerst mag eine stilisierte schematische Darstellung hilfreich sein. Ein kurzer Überblick über drei kontrastierende Ansichten vom prototypischen innerpsychischen Konflikt des Individuums – die Freudsche, die Neo-Freudianische und die existenzielle – veranschaulicht in der Gegenüberstellung die existenzielle Sichtweise der Psychodynamik.

Freudsche Psychodynamik

Nach Freud wird das Kind von instinkthaften Kräften beherrscht, die ihm angeboren sind und die sich wie ein Farnwedel während des psychosexuellen Entwicklungszyklus entfalten. Es gibt Konflikte an mehreren Fronten: duale Instinkte (Ich-Instinkte versus libidinöse Instinkte oder in der zweiten Theorie, Eros versus Thanatos) stehen einander gegenüber; die Instinkte kollidieren mit den Anforderungen der Umwelt und später mit denen der internalisierten Umwelt – dem Über-Ich; für das Kind ist es erforderlich, zwischen dem inneren Drang nach unmittelbarer Befriedigung und dem Realitätsprinzip, das ein Verzögern der Befriedigung verlangt, zu vermitteln. Das instinktgetriebene Individuum steht daher im Krieg mit einer Welt, die die Befriedigung von angeborenen aggressiven und sexuellen Bedürfnissen verhindert.

Neo-Freudianische (interpersonale) Psychodynamik

Die Neo-Freudianer – besonders Harry Stack Sullivan, Karen Horney und Erich Fromm – präsentieren eine andere Ansicht vom Grundkonflikt des Individuums. Statt instinktgetrieben und vorprogrammiert zu sein, ist das Kind ein Wesen, welches, abgesehen von angeborenen neutralen Eigenschaften wie Temperament und Aktivitätsniveaus, vollkommen von kulturellen und zwischenmenschlichen Umgebungen geformt wird. Das Grundbedürfnis des Kindes ist Sicherheit – zwischenmenschliche Akzeptanz und Anerkennung –, und die Qualität der Interaktion mit bedeutsamen Erwachsenen, die ihm Sicherheit verschaffen, determiniert seine Charakterstruktur. Obwohl das Kind nicht von Instinkten beherrscht wird, hat es dennoch ein hohes Maß an angeborener Energie, Neugier, einer Unschuld des Körpers, einem ihm innewohnenden Wachstumspotenzial und an einem Wunsch nach dem ausschließlichen Besitz geliebter Erwachsener. Diese Eigenschaften stimmen nicht immer mit den Forderungen der es umgebenden bedeutsamen Erwachsenen überein, und der Grundkonflikt besteht zwischen diesen natürlichen Wachstumsneigungen und dem Bedürfnis des Kindes nach Sicherheit und Anerkennung. Wenn ein Kind unglücklicherweise Eltern hat, die so sehr in ihren eigenen neurotischen Kämpfen verstrickt sind, dass sie weder Sicherheit geben noch autonomes Wachstum ermutigen können, dann gibt es ernsthafte Konflikte. In solch einem Kampf gibt es immer einen Kompromiss zugunsten der Sicherheit und zuungunsten des Wachstums.

Existenzielle Psychodynamik

Die existenzielle Position hebt eine andere Art Grundkonflikt hervor: Weder einen Konflikt mit unterdrückten instinkthaften Antrieben noch einen mit internalisierten bedeutsamen Erwachsenen, sondern stattdessen einen Konflikt, der aus der Konfrontation des Individuums mit den Gegebenheiten der Existenz hervorgeht. Und ich meine mit »Gegebenheiten« der Existenz bestimmte letzte Dinge, bestimmte intrinsische Eigenschaften, die ein Teil, und zwar ein unausweichlicher Teil der Existenz des menschlichen Wesens in der Welt sind.

Wie entdeckt man die Natur dieser Gegebenheiten? In einer Hinsicht ist die Aufgabe nicht schwierig. Die Methode ist tiefes persönliches Nachdenken. Die Bedingungen sind einfach: Einsamkeit, Stille, Zeit und das Frei-Sein von alltäglichen Ablenkungen, mit denen jeder von uns seine oder ihre3 Erlebniswelt füllt. Wenn wir die alltägliche Welt wegwischen oder »im Zaum halten« können, wenn wir über unsere »Situation« in der Welt tiefgehend nachdenken, über unsere Existenz, unsere Grenzen, unsere Möglichkeiten, wenn wir den Grund erreichen, der unter jedem anderen Grund liegt, dann begegnen wir unvermeidlich den Gegebenheiten der Existenz, den »Tiefenstrukturen«, die ich von jetzt an als »letzte Dinge« (ultimate concerns) bezeichnen werde. Dieser Prozess des Nachdenkens wird oft durch bestimmte tiefgehende Erfahrungen ausgelöst. Diese »Grenz«-Situationen, wie sie oft genannt werden, schließen solche Erfahrungen mit ein wie die Begegnung mit dem eigenen Tod, eine bedeutende, nicht mehr rückgängig zu machende Entscheidung oder den Zusammenbruch eines grundlegenden sinngebenden Schemas.

Dieses Buch handelt von vier letzten Dingen: Tod, Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit. Die Begegnung des Individuums mit jeder dieser Tatsachen des Lebens stellt den Inhalt des existenziellen dynamischen Konflikts dar.

Tod. Die offensichtlichste, am leichtesten zu verstehende letzte Angelegenheit ist der Tod. Wir existieren jetzt, aber eines Tages werden wir aufhören zu sein. Der Tod wird kommen, und es gibt kein Entfliehen vor ihm. Es ist eine schreckliche Wahrheit, und wir antworten auf sie mit tödlicher Panik. »Alles«, in Spinozas Worten, »bemüht sich darum, auf seinem eigenen Dasein zu bestehen«4; und ein existenzieller Kernkonflikt ist die Spannung zwischen der Bewusstheit von der Unausweichlichkeit des Todes und dem Wunsch weiterzuexistieren.

Freiheit. Ein anderes der letzten Dinge, ein weit weniger leicht zugängliches, ist die Freiheit. Gewöhnlich halten wir die Freiheit für einen eindeutig positiven Begriff. Hat das menschliche Wesen sich nicht während der gesamten uns überlieferten Geschichte nach Freiheit gesehnt und danach gestrebt? Aber die Freiheit ist aus der Perspektive des letzten Grundes an Furcht gebunden. In ihrer existenziellen Bedeutung heißt »Freiheit« die Abwesenheit von äußeren Strukturen. Im Gegensatz zur alltäglichen Erfahrung betritt (und verlässt) das menschliche Wesen kein wohlgeordnetes Universum mit einem ihm innewohnenden Plan. Das Individuum hat vielmehr die völlige Verantwortung – im Sinne von Urheberschaft – für seine oder ihre eigene Welt, den eigenen Lebensentwurf, für Entscheidungen und Handlungen. »Freiheit« in diesem Sinn hat eine erschreckende Bedeutung: Sie bedeutet, dass es unter uns keinen Grund gibt – nichts, eine Leere, einen Abgrund. Der Zusammenprall zwischen unserer Begegnung mit der Grundlosigkeit und unserem Wunsch nach Grund und Struktur ist eine existenzielle Schlüsseldynamik.

Existenzielle Isolation. Eine dritte letzte Angelegenheit ist die Isolation – nicht die zwischenmenschliche Isolation, mit der sie begleitenden Einsamkeit oder die innerpersonale Isolation (Isolation von Teilen unserer selbst), sondern eine grundlegende Isolation, sowohl von anderen Geschöpfen als auch von der Welt – die jede andere Isolation noch unterläuft. Ganz gleich, wie nahe wir uns kommen können, es bleibt eine letzte unüberbrückbare Kluft; jeder von uns betritt seine Existenz allein und muss wieder allein von ihr scheiden. Der existenzielle Konflikt ist daher die Spannung zwischen unserer Bewusstheit von unserer absoluten Isolation und unserem Wunsch nach Kontakt, nach Schutz, unserem Wunsch, ein Teil von etwas Größerem zu sein.

Sinnlosigkeit. Eine vierte letzte Angelegenheit oder Gegebenheit der Existenz ist die Sinnlosigkeit. Wenn wir sterben müssen, wenn wir unsere eigene Welt schaffen, wenn jeder von uns letztlich allein in einem gleichgültigen Universum ist, welchen Sinn hat dann das Leben? Warum leben wir? Wie sollen wir leben? Wenn es keinen vorbestimmten Plan für uns gibt, dann muss jeder von uns seinen eigenen Sinn im Leben konstruieren. Aber kann der Sinn, den wir uns selbst geben, stabil genug sein, um unser eigenes Leben zu tragen? Dieser existenzielle dynamische Konflikt rührt von dem Dilemma eines sinnsuchenden Geschöpfes her, das in ein Universum hineingeworfen ist, das keinen Sinn hat.

Existenzielle Psychodynamik: Allgemeine Merkmale

»Die existenzielle Psychodynamik« bezieht sich daher auf diese vier Gegebenheiten, diese letzten Dinge, und auf die bewussten und unbewussten Befürchtungen und Motive, die von ihnen erzeugt werden. Der dynamische existenzielle Ansatz behält die grundlegende dynamische Struktur bei, wie sie von Freud entworfen wurde, ändert aber den Inhalt radikal. Die alte Formel wird durch eine neue ersetzt (s. Abb.).


Beide Formeln gehen davon aus, dass Angst die Triebkraft für Psychopathologie ist; dass sich psychische Operationen, einige bewusst und einige unbewusst, entwickeln, damit wir mit der Angst umgehen können; dass diese psychischen Operationen (Abwehrmechanismen) die Psychopathologie ausmachen; und dass sie, obwohl sie Sicherheit verschaffen, unausweichlich das Wachstum und die Erfahrung beschränken. Ein wesentlicher Unterschied zwischen diesen beiden dynamischen Ansätzen ist, dass Freuds Sequenz am »Trieb« ansetzt, während ein existentielles Konzept an der Bewusstheit und der Angst ansetzt. Der Therapeut hat, wie Otto Rank wusste,7 weit mehr Einwirkungsmöglichkeit, wenn er den Menschen in erster Linie als ein angstvolles Leidwesen ansieht, statt als eines, das von den Instinkten getrieben wird.

Diese vier letzten Dinge – Tod, Freiheit, Isolation, Sinnlosigkeit – machen den Korpus existenzieller Psychodynamik aus. Sie spielen eine außerordentlich wichtige Rolle auf jeder Ebene der psychischen Organisation des Individuums und haben höchste Bedeutsamkeit für die klinische Arbeit. Sie stellen auch das zentrale Organisationsprinzip dar; die vier Teile dieses Buches werden sich jeweils mit einem dieser letzten Dinge befassen und jeweils dessen philosophische, psychopathologische und therapeutische Implikationen erforschen.

Existenzielle Psychodynamik: Die Frage nach der Tiefe

Ein weiterer Hauptunterschied zwischen der existenziellen Dynamik und der Freudschen oder Neo-Freudianischen Dynamik betrifft die Definition von »Tiefe«. Für Freud bedeutete Erforschung immer Ausgrabung. Mit der Bedachtsamkeit und Geduld eines Archäologen legte er die vielschichtige Psyche frei, bis er auf das Grundgestein stieß, eine Schicht fundamentaler Konflikte, die die psychologischen Überreste der frühesten Ereignisse im Leben des Menschen waren. Tiefster Konflikt bedeutete frühester Konflikt. Freuds Psychodynamik ist also entwicklungsmäßig bedingt, und »grundlegend« oder »primär« müssen chronologisch verstanden werden: Beide Begriffe bedeuten »zuerst«. Dementsprechend werden die frühesten psychosexuellen Traumata als »grundlegende« Quellen der Angst betrachtet: Trennung und Kastration.

Die existenziellen Dynamiken sind keinem Entwicklungsmodell verpflichtet. Es gibt keinen zwingenden Grund anzunehmen, dass »grundlegend« (das heißt wichtig, elementar) und »zuerst« (das heißt chronologisch zuerst) identische Konzepte sind. Aus einer existenziellen Perspektive tief zu forschen bedeutet nicht, dass man die Vergangenheit erforscht; es bedeutet vielmehr, dass man die alltäglichen Probleme beiseite lässt, und tiefgehend über seine existenzielle Situation nachdenkt. Es bedeutet, außerhalb der Zeit zu denken, über die Beziehung zwischen den eigenen Füßen und dem Boden unter uns, zwischen dem eigenen Bewusstsein und dem Raum um uns herum nachzu denken; es bedeutet, nicht über den Weg nachzudenken, wie man zu dem geworden ist, was man ist, sondern dass man ist.

Die Vergangenheit – das heißt unsere Erinnerung an die Vergangenheit – ist insofern wichtig, als sie Teil unserer gegenwärtigen Existenz ist und dazu beigetragen hat, auf welche Weise man sich mit den letzten Dingen auseinandersetzt; aber dies ist, wie ich später ausführen werde, nicht das lohnendste Gebiet für therapeutische Erforschung. Die-Zukunft-die-zur-Gegenwart-wird ist das primäre Tempus existenzieller Therapie.

Diese Unterscheidung bedeutet nicht, dass man existenzielle Faktoren in einem entwicklungsmäßigen Rahmen nicht erforschen kann (tatsächlich wird im dritten Kapitel die Entwicklung des Todesbegriffs beim Kind gründlich erforscht); aber sie bedeutet, dass Entwicklungsfragen nicht relevant sind, wenn ein Individuum fragt, »Welches sind die grundlegendsten Quellen der Furcht in diesem Moment, auf der tiefsten Ebene meines Seins?« Die frühesten Erfahrungen eines Individuums geben, obwohl sie unbestreitbar wichtig für das Leben sind, keine Antwort auf diese grundlegende Frage. Tatsächlich erzeugen die Überreste frühester Lebenserfahrungen biologische Störungen, die zur Verdunklung der Antwort beitragen. Die Antwort auf die Frage ist transpersonal. Es ist eine einschneidende Antwort in der persönlichen Lebensgeschichte jedes Individuums, eine Antwort, die zu jeder Person passt: Sie gehört zur »Situation« des menschlichen Wesens in der Welt.

Die Unterscheidung zwischen dem entwicklungsorientierten, dynamischen, analytischen Modell und dem unmittelbaren, ahistorischen, existenziellen ist von mehr als nur theoretischem Interesse: Wie ich in späteren Kapiteln erläutern werde, hat sie tief greifende Implikationen für die Technik des Therapeuten.

Die existenzielle Orientierung: Fremd, aber seltsam vertraut

Ein großer Teil meines Materials über die letzten Dinge wird für den Kliniker fremd und doch auf eine seltsame Weise vertraut erscheinen. Das Material wird fremd erscheinen, weil der existenzielle Zugang quer zu gewohnten Kategorien liegt und klinische Beobachtungen auf eine neue Weise zusammenführt. Darüber hinaus ist ein großer Teil des Vokabulars unterschiedlich. Selbst wenn ich den Jargon professioneller Philosophen vermeide und alltägliche Begriffe benutze, um die existenziellen Konzepte zu beschreiben, wird der Kliniker die Sprache als psychologisch fremd empfinden. Wo ist das Psychotherapie-Lexikon, das Begriffe enthält wie »Wahl«, »Verantwortung«, »Freiheit«, »existenzielle Isolation«, »Sterblichkeit«, »Zweck des Lebens«, »Wollen«? Der medizinische Bibliothekscomputer lachte mich aus, als ich Literaturnachweise auf diesen Gebieten von ihm haben wollte.

Dennoch wird der Kliniker in ihnen viel finden, was ihm vertraut ist. Ich glaube, dass der erfahrene Kliniker oft implizit innerhalb eines existenziellen Rahmens arbeitet: »In seinen Knochen« wertschätzt er die Besorgnisse eines Patienten und antwortet demgemäß. Diese Antwort ist das, was ich vorher mit den entscheidenden »Zugaben« meinte. Eine Hauptaufgabe dieses Buches besteht darin, den Fokus des Therapeuten zu verschieben und sich sorgfältig diesen vitalen Dingen und den therapeutischen Transaktionen, die an der Peripherie formaler Therapie stattfinden, zuzuwenden und sie dorthin zu stellen, wo sie hingehören – ins Zentrum der therapeutischen Arbeit.

Ein weiterer vertrauter Zug besteht darin, dass die wesentlichen existenziellen Fragen seit dem Beginn niedergeschriebener Gedanken erkannt und diskutiert wurden, und dass ihr Primat von einer ununterbrochenen Reihe von Philosophen, Theologen und Dichtern anerkannt wurde. Diese Tatsache mag unser Gefühl von Stolz auf die Moderne, unseren Glauben an eine ewige Spirale des Fortschritts erschüttern; aber von einer anderen Perspektive aus gesehen mögen wir uns darin bestätigt fühlen, dass wir auf einem ausgetretenen Pfad reisen, der weit in die Zeit zurückreicht und der von den weisesten und nachdenklichsten Persönlichkeiten eingeschlagen wurde.

Diese existenziellen Quellen der Furcht sind auch insofern vertraut, als sie zur Erfahrung des Therapeuten wie jeder anderen Person gehören; sie sind keinesfalls ausschließlicher Bestandteil der Erfahrungen psychisch gestörter Menschen. Immer wieder werde ich betonen, dass sie Teil der Situation des Menschen sind. Wie kann dann, mag man fragen, eine Theorie der Psychopathologie8 auf Faktoren beruhen, die von jedermann erfahren werden? Die Antwort ist natürlich, dass jede Person den Stress der menschlichen Situation in hoch individualisierter Form erfährt. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das existenzielle Modell nicht gravierend von anderen größeren Theorien. Jedes Individuum geht durch bestimmte Entwicklungsstufen, jede mit ihrer eigenen dazugehörigen Angst. Jeder geht durch den ödipalen Konflikt, das irritierende Auftauchen aggressiver und sexueller Gefühle, die Kastrationsangst (zumindest für die Männer), den Schmerz der Individuation und Trennung und viele andere ernsthafte Herausforderungen der Entwicklung. Das einzige Modell der Psychopathologie, das nicht auf allgemein erfahrbaren Faktoren beruht, ist eines, das auf akute Traumata gegründet ist. Traumatische Neurosen sind jedoch selten. Die überwältigende Mehrheit der Patienten leidet an dem Stress, der in unterschiedlichem Ausmaß Teil der Erfahrung jedes Menschen ist.

Tatsächlich kann nur die Universalität menschlichen Leidens die allgemeine Beobachtung erklären, dass das Patient-Sein allgegenwärtig ist. André Malraux, um eine solche Beobachtung zu zitieren, fragte einst einen Gemeindepriester, der fünfzig Jahre lang die Beichte abgenommen hatte, was er über die Menschheit gelernt habe. Der Priester antwortete: »Als erstes, dass die Menschen viel unglücklicher sind als man glaubt … und dann die grundlegende Tatsache, dass es so etwas wie eine erwachsene Person nicht gibt.«9 Oft sind es nur die äußeren Umstände, die dazu führen, dass die eine Person Patient genannt wird und nicht die andere: zum Beispiel finanzielle Mittel, Verfügbarkeit von Psychotherapeuten, persönliche und kulturelle Einstellungen zur Therapie oder Berufswahl – die Mehrzahl der Psychotherapeuten wird selbst bona fide zu Patienten. Die Universalität von Stress ist einer der Hauptgründe, weshalb die Gelehrten auf solche Schwierigkeit stoßen, wenn sie versuchen, Normalität zu definieren und zu beschreiben. Der Unterschied zwischen Normalität und Pathologie ist quantitativ, nicht qualitativ.

Das zeitgemäße Modell, das für unsere Beweisführung am nächsten liegt, ist analog zu einem Modell der somatischen Medizin, demzufolge eine Infektionskrankheit nicht nur das Ergebnis von Bakterien oder Viren ist, die in einen schutzlosen Körper eindringen. Vielmehr ist die Krankheit das Ergebnis eines Ungleichgewichts zwischen dem Schädling und dem Widerstand des Wirtes. Mit anderen Worten, Schädlinge existieren die ganze Zeit im Körper – gerade so, wie Stress vom Leben nicht wegzudenken ist und alle Individuen befällt. Ob ein Individuum eine klinische Krankheit entwickelt, hängt von der Widerstandskraft des Körpers (das heißt solchen Faktoren wie Immunsystem, Nahrung und Müdigkeit) gegen den Schädling ab: Wenn der Widerstand verringert wird, entwickelt sich die Krankheit, obwohl die Giftigkeit und Aggressivität des Schädlings unverändert bleiben. Deshalb sind alle menschlichen Wesen in einer solchen misslichen Lage, aber einige davon sind nicht imstande, damit fertig zu werden: Psychopathologie hängt nicht nur von der An- oder Abwesenheit von Stress ab, sondern von der Wechselbeziehung zwischen allgegenwärtigem Stress und den Abwehrmechanismen des Individuums.

Die Behauptung, dass die letzten existentiellen Dinge niemals in der Therapie zur Sprache kommen, ist ganz und gar eine Funktion der selektiven Unaufmerksamkeit des Therapeuten: Ein Zuhörer, der auf den richtigen Kanal eingestellt ist, findet offensichtliches und reichliches Material. Ein Therapeut mag sich jedoch entscheiden, den letzten existenziellen Dingen keine Aufmerksamkeit zu schenken, gerade weil sie universelle Erfahrungen sind und nichts Konstruktives herauskommen kann, wenn man sie untersucht. Tat sächlich habe ich oft in der klinischen Arbeit beobachtet, dass der Therapeut und der Patient für eine kurze Zeit stark erregt sind, wenn existenzielle Dinge zur Sprache kommen; aber bald wird das Gespräch oberflächlich, und der Patient ebenso wie der Therapeut scheinen sich zu sagen, »So ist nun mal das Leben, nicht wahr! Lasst uns auf etwas Neurotisches kommen, etwas, womit wir etwas anfangen können!«

Andere Therapeuten umgehen es, existenzielle Dinge zu behandeln, nicht nur weil diese Dinge universell sind, sondern weil es zu schrecklich ist, sich ihnen zu stellen. Schließlich haben neurotische Patienten (und auch die Therapeuten) genug Sorgen, um die sie sich kümmern können, ohne ihnen noch solche aufmunternden Themen wie Tod und Sinnlosigkeit hinzuzufügen. Solche Therapeuten glauben, dass man existenzielle Fragen am besten ignoriert, weil es nur zwei Möglichkeiten gibt, mit den brutalen existenziellen Tatsachen des Lebens umzugehen – angstvolle Wahrheit oder Verleugnung – und beides ist unbekömmlich. Cervantes gab diesem Problem Ausdruck, als sein unsterblicher Don sagte, »Welches von beiden möchtest du haben, weise Verrücktheit oder närrische Gesundheit?«

Eine existenzielle therapeutische Position weist dieses Dilemma, wie ich in späteren Kapiteln versuchen werde zu zeigen, zurück. Weisheit führt nicht zu Verrücktheit und Verleugnung nicht zu Gesundheit: Die Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten der Existenz ist schmerzhaft, aber letztlich heilsam. Gute therapeutische Arbeit ist immer gepaart mit der Überprüfung der Realität und der Suche nach persönlicher Erleuchtung; der Therapeut, der sich dafür entscheidet, dass bestimmte Aspekte der Realität und Wahrheit zu vermeiden sind, befindet sich auf trügerischem Boden. Thomas Hardys Kommentar, »wenn es überhaupt einen Weg zum Besseren gibt, dann erfordert er einen vollständigen Blick auf das Schlimmste«10, gibt einen guten Rahmen für den therapeutischen Ansatz, den ich beschreiben werde, ab.

Das Feld existenzieller Psychotherapie

Existenzielle Psychotherapie ist ziemlich heimatlos. Sie gehört eigentlich nirgendwo hin. Sie hat kein Heim, keine formale Schule, keine Institution; sie ist bei der besseren akademischen Nachbarschaft nicht willkommen. Sie hat keine formale Gesellschaft, keine bodenständige Zeitschrift (ein paar kränkliche Sprösslinge wurden in ihrer Kindheit wieder weggeblasen), keine stabile Familie, keinen pater familias. Sie hat jedoch einen Stammbaum, ein paar versprengte Vettern und Freunde der Familie, einige in der alten Welt, einige in Amerika.

Existenzialistische Philosophie: Das Heim der Ahnen

»Existenzialismus kann nicht leicht definiert werden.« So beginnt die Diskussion existenzialistischer Philosophie in einer philosophischen Enzyklopädie.11 Die meisten anderen Quellentexte beginnen auf ähnliche Weise und unterstreichen die Tatsache, dass zwei Philosophen, die beide das Etikett »existenzialistisch« tragen, in jedem wesentlichen Punkt unterschiedlicher Meinung sein können (abgesehen von der Abneigung, so etikettiert zu werden, die sie beide teilen). Die meisten philosophischen Texte lösen das Problem der Definition, indem sie eine Liste von Themen aufführen, die mit Existenz in Zusammenhang stehen (zum Beispiel Sein, Wahl, Freiheit, Tod, Isolation, Absurdität), und indem sie behaupten, dass ein existenzialistischer Philosoph jemand ist, dessen Arbeit der Erforschung dieser Themen gewidmet ist. (Dies ist natürlich auch die Strategie, die ich verwende, um das Feld existenzieller Psychotherapie abzustecken.)

Es gibt eine existenzialistische »Tradition« in der Philosophie und eine formale existenzialistische »Schule« der Philosophie. Offensichtlich ist die existenzialistische Tradition zeitlos. Welcher große Denker hat nicht an irgendeiner Stelle, sowohl in seinem Werk als auch in seinem Leben, seine Aufmerksamkeit den Fragen von Leben und Tod zugewandt? Die formale Schule der existenzialistischen Philosophie hat jedoch einen eindeutig feststellbaren Beginn. Einige datieren ihn auf einen Sonntagnachmittag im Jahr 1834, als ein junger Däne in einem Café saß, Zigarre rauchte und über die Tatsache sinnierte, dass er auf dem besten Wege war, ein alter Mann zu werden, ohne einen Beitrag für diese Welt geleistet zu haben. Er dachte über seine vielen erfolgreichen Freunde nach:

Wohltäter des Zeitalters, die wissen, wie sie der Menschheit Gutes tun können, indem sie das Leben immer leichter machen, einige durch Eisenbahnen, andere durch Omnibusse und Dampfboote, andere durch Telegrafen, andere durch leicht verständliche Kompendien und kurze Wiedergaben alles Wissenswerten und schließlich die wahren Wohltäter des Zeitalters, die die spirituelle Existenz dank ihrer Gedanken in systematischer Weise immer leichter werden lassen.12

Seine Zigarre erlosch. Der junge Däne, Sören Kierkegaard, zündete sich eine neue an und sinnierte weiter. Plötzlich blitzte in seinem Kopf dieser Gedanke auf:

Du musst etwas tun, aber da es mit deinen begrenzten Fähigkeiten unmöglich sein wird, etwas leichter zu machen, als es schon geworden ist, musst du dich mit dem gleichen humanitären Enthusiasmus wie die anderen daran begeben, etwas schwerer zu machen.13

Er räsonierte, dass, wenn sich alle zusammenfinden, um alles leichter zu machen, die Gefahr besteht, dass die Leichtigkeit überhand nimmt. Vielleicht braucht es jemanden, der die Dinge wieder schwierig macht. Es schien ihm so, als hätte er seine Bestimmung entdeckt: Er sollte auf die Suche nach Schwierigkeiten gehen – wie ein neuer Sokrates.14 Und welche Schwierigkeiten? Sie waren nicht schwer zu finden. Er brauchte nur seine eigene Situation in der Existenz zu betrachten, seine eigene Furcht, seine Entscheidungen, seine Möglichkeiten und Begrenzungen.

Kierkegaard widmete den Rest seines kurzen Lebens der Erforschung dieser existenziellen Situation und veröffentlichte in den Jahren nach 1840 mehrere wichtige existenzialistische Abhandlungen. Sein Werk blieb viele Jahre lang unübersetzt und übte bis nach dem ersten Weltkrieg wenig Einfluss aus, bis es fruchtbaren Boden fand und von Martin Heidegger und Karl Jaspers aufgegriffen wurde.

Die Beziehung der existenziellen Therapie und der existenzialistischen Schule der Philosophie ist ganz ähnlich wie die der klinischen Pharmakotherapie zur biochemischen Grundlagenforschung. Ich werde mich oft auf philosophische Arbeiten beziehen, um einige der klinischen Fragen zu erklären, zu untermauern oder zu illustrieren; aber es ist nicht meine Absicht (und liegt auch nicht in der Reichweite meiner Gelehrsamkeit), die Arbeiten irgendeines Philosophen oder die wichtigeren Glaubenssätze existenzialistischer Philosophie in umfassender Weise zu besprechen. Dies ist ein Buch für Kliniker, und ich möchte, dass es klinisch nützlich ist. Meine Ausflüge in die Philosophie werden kurz und pragmatisch sein; ich werde mich selbst auf jene Gebiete beschränken, die eine Hebelwirkung für die klinische Arbeit anbieten. Ich kann es dem professionellen Philosophen nicht anlasten, wenn er mich mit einem raubenden Wikinger vergleicht, der Edelsteine ergattert, während er die feinen und wertvollen Fassungen zurücklässt.

Da die Ausbildung der großen Mehrheit der Psychotherapeuten wenig oder keine Betonung auf Philosophie legt, werde ich bei meinen Lesern keinen philosophischen Hintergrund voraussetzen. Wenn ich mich auf philosophische Texte beziehe, werde ich versuchen, dies in einer direkten, jargonfreien Art zu tun – was, nebenbei gesagt, keine leichte Aufgabe ist, da sich professionelle existenzialistische Philosophen und sogar die psychoanalytischen Theoretiker im Gebrauch einer verworrenen und gewundenen Sprache gegenseitig übertreffen. Der eine höchst bedeutsame Text in diesem Bereich, Heideggers Sein und Zeit, steht einsam da als der unangefochtene Champion linguistischer Verwirrung. Ich habe den Grund für die undurchdringliche, tiefgründig klingende Sprache niemals verstanden. Die grundlegenden existenziellen Konzepte selbst sind nicht komplex, sie brauchen nicht so sehr entschlüsselt und peinlich genau analysiert zu werden, sondern müssen enthüllt werden. Jeder tritt zu irgendeinem Zeitpunkt in seinem Leben in ein »dunkles Studium« ein und beschäftigt sich irgendwie mit letzten existenziellen Dingen. Nicht formale Explikation ist erforderlich: Die Aufgabe des Philosophen ebenso wie die des Therapeuten ist es, die Verdrängung wieder rückgängig zu machen und das Individuum wieder mit etwas vertraut zu machen, was er oder sie schon immer gewusst hat. Das ist genau der Grund, weshalb viele der führenden existenzialistischen Denker (zum Beispiel Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Miguel de Unamuno, Martin Buber) die literarische Ausdrucksweise der formal-philosophischen Argumentation gegenüber vorziehen. Darüber hinaus müssen der Philosoph und der Therapeut das Individuum dazu ermutigen, seine existenzielle Situation anzuschauen und sich ihr zu widmen.

Die existenziellen Analytiker: Alte Vettern vom Lande

Eine Anzahl europäischer Psychiater beschäftigte sich mit vielen der grundlegenden Annahmen von Freuds psychoanalytischem Ansatz. Sie wandten sich gegen Freuds Modell der psychischen Funktionsweise, seine Bemühungen, das menschliche Wesen mit Hilfe eines Energieerhaltungsschemas zu verstehen, das den Naturwissenschaften entliehen war, und machten geltend, dass solch ein Ansatz zu einer unangemessenen Sichtweise des menschlichen Wesens führt. Wenn man ein Schema verwendet, um alle Individuen zu erklären, so argumentierten sie, verfehlt man die einzigartige Erfahrung der besonderen Person. Sie hatten etwas gegen Freuds Reduktionismus (das heißt, dass er das gesamte menschliche Verhalten auf einige wenige, grundlegende Triebe zurückführte), seinen Materialismus (das heißt, dass er das Höhere in Begriffen des Niederen erklärte) und seinen Determinismus (das heißt den Glauben, dass alles geistige Funktionieren durch identifizierbare Faktoren, die bereits bestehen, verursacht wird).

Die verschiedenen existenziellen Analytiker stimmten in einer grundlegenden Verfahrensfrage überein: Der Analytiker muss sich dem Patienten auf phänomenologische Weise nähern; das heißt, er oder sie muss in die Erfahrungswelt des Patienten eintreten und auf die Phänomene in dieser Welt achten ohne die Vorannahmen, die das Verständnis verzerren. Wie Ludwig Binswanger, einer der bekanntesten existenziellen Analytiker, sagte: »Es gibt nicht nur einen Raum und eine Zeit, sondern ebenso viele Räume und Zeiten wie es Subjekte gibt.«15

Abgesehen von ihrer Reaktion auf Freuds mechanistisches, deterministisches Modell des Geistes und ihrer Annahme von einer phänomenologischen Vorgehensweise in der Therapie, haben die existenziellen Analytiker wenig Gemeinsames und wurden nie als eine zusammenhängende ideologische Schule betrachtet. Diese Denker – u. a. Ludwig Binswanger, Medard Boss, Eugene Minkowsky, Victor Emil von Gebsattel, Roland Kuhn, Igor Alexander Caruso, Frederik Jacobus Johannes Buytendijk, Gustav Bally und Viktor Frankl – waren fast vollständig unbekannt in der amerikanischen psychotherapeutischen Gemeinschaft, bis Rollo Mays sehr einflussreiches Buch Existence aus dem Jahr 1958 (und darin besonders die Einleitung16) – deren Werk in den USA einführte.17

Heute jedoch, mehr als zwanzig Jahre nach Mays Buch, ist es erstaunlich, dass diese Persönlichkeiten wenig Einfluss auf die amerikanische psychotherapeutische Praxis ausüben. Sie bedeuten kaum mehr als die unbekannten Gesichter auf einer vergilbten Daguerreotypie im Familienalbum. Teilweise geht diese Vernachlässigung auf eine Sprachbarriere zurück: Abgesehen von einigen Schriften von Binswanger und Frankl wurden diese Philosophen selten übersetzt. Größtenteils liegt es jedoch an der abstrakten Natur ihrer Schriften: Sie sind durchdrungen von der philosophischen Weltanschauung [im Original deutsch] der alten Welt, die überhaupt nicht synchron mit der amerikanischen pragmatischen Tradition in der Therapie verläuft. Deshalb bleiben die existenziellen Analytiker aus der Alten Welt verstreute und größtenteils außerhalb Europas aus den Augen verlorene Vettern des existenziellen Therapieansatzes, den ich zu beschreiben beabsichtige. Ich beziehe mich nicht sehr eingehend auf sie mit Ausnahme von Viktor Frankl, einem hervorragenden pragmatischen Denker, dessen Werk größtenteils übersetzt wurde.

Humanistische Psychologen: Auffällige amerikanische Vettern

Der europäische existenzielle analytische Trend entstand sowohl aus dem Wunsch heraus, philosophische Konzepte auf ein klinisches Studium der Person anzuwenden als auch als Reaktion auf Freuds Modell des Menschen. In den Vereinigten Staaten begann eine analoge Bewegung in den späten Fünfziger-Jahren zu brodeln, sie tauchte in den Sechziger-Jahren auf und vereinigte sich und schoss plötzlich in den siebziger Jahren nach allen Richtungen hin los.

Die amerikanische Psychologie war in den Fünfziger-Jahren lange von zwei führenden ideologischen Schulen beherrscht. Die erste – und bei weitem die am längsten vorherrschende – war ein wissenschaftlicher positivistischer Behaviorismus; die zweite war die Freudsche Psychoanalyse. Eine schwache Stimme, von der man zuerst in den späten Dreißiger- und Vierziger-Jahren hörte, stammte von abweichenden sozialen Psychologen, die unbehaglich in der Bastion experimenteller Psychologen nebeneinander existierten. All mählich wurde es jenen Persönlichkeitstheoretikern (zum Beispiel Gordon Allport, Henry Murray und Gardner Murphy, und später George Kelly, Abraham Maslow, Carl Rogers und Rollo May) bei den Begrenzungen sowohl der behavioristischen als auch der analytischen Schule unbehaglich. Sie hatten das Gefühl, dass diese beiden ideologischen Persönlichkeitsansätze einige der wichtigsten Qualitäten ausschlossen, die das menschliche Wesen ausmachen – zum Beispiel Wahl, Werte, Liebe, Kreativität, Selbstbewusstheit, menschliches Potenzial. Im Jahr 1950 etablierten sie formal eine neue ideologische Schule, die sie »Humanistische Psychologie« nannten. Die Humanistische Psychologie, manchmal als »Dritte Kraft« in der Psychologie bezeichnet (nach dem Behaviorismus und der Freudschen analytischen Psychologie), wurde zu einer stabilen Organisation mit wachsenden Mitgliederzahlen und jährlichen Versammlungen, die von Tausenden von Professionellen für geistige Gesundheit besucht wurden. Im Jahr 1961 gründete die American Association of Humanistic Psychology das Journal of Humanistic Psychology, unter deren Herausgeberschaft so allgemein bekannte Persönlichkeiten wie Carl Rogers, Rollo May, Lewis Mumford, Kurt Goldstein, Charlotte Bühler, Abraham Maslow, Aldous Huxley und James Bugental aufgeführt wurden.

Die flügge gewordene Organisation machte einige erste Versuche, sich selbst zu definieren. 1962 wurde formal festgestellt:

Die Humanistische Psychologie beschäftigt sich vor allem mit jenen menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die kaum einen oder keinen systematischen Ort haben, weder in der positivistischen oder behavioristischen Theorie, noch in der klassischen psychoanalytischen Theorie: zum Beispiel Liebe, Kreativität, Selbst, Wachstum, Organismus, Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, Selbstaktualisierung, höhere Werte, Natürlichkeit, Wärme, Ich-Transzendenz, Objektivität, Autonomie, Verantwortlichkeit, Bedeutung, Fairness, transzendentale Erfahrung, psychologische Gesundheit und verwandte Konzepte.18

Im Jahr 1963 schlug der Präsident der Vereinigung, James Bugental, fünf grundlegende Postulate vor:

1. Der Mensch ist als Mensch mehr als die Summe seiner Teile (das heißt, man kann den Menschen nicht aufgrund wissenschaftlicher Studien von Teilfunktionen verstehen.)

2. Der Mensch hat sein Dasein in einem menschlichen Kontext (das heißt, man kann den Menschen nicht aufgrund von Teilfunktionen verstehen, die die zwischenmenschliche Erfahrung ignorieren.)

3. Der Mensch ist bewusst (und kann nicht verstanden werden durch eine Psychologie, die die kontinuierliche vielschichtige Selbstbewusstheit des Menschen nicht anerkennt.)

4. Der Mensch hat Wahlmöglichkeiten (der Mensch ist kein Zuschauer seiner Existenz; er schafft seine eigene Erfahrung.)

5. Der Mensch ist intentional19 (der Mensch weist auf die Zukunft; er hat Zweck, Werte und Sinn.)20

Vieles in diesen frühen Manifesten – Anti-Determinismus, die Betonung der Freiheit, Wahl, Zweck, Werte, Verantwortung, die Verpflichtung gegenüber der Wertschätzung der einzigartigen Erfahrungswelt jedes Individuums – ist von großer Bedeutung für den existenziellen Bezugsrahmen, den ich in diesem Buch darstelle. Das amerikanische Gebiet Humanistischer Psychologie ist jedoch keinesfalls synonym mit der existenzialistischen Tradition auf dem Kontinent; es gibt einen wesentlichen Unterschied in der Akzentsetzung. Die existenzialistische Tradition in Europa hat immer die menschliche Begrenztheit und die tragischen Dimensionen der Existenz betont. Vielleicht ist das so, weil die Europäer vertrauter sind mit geografischen und ethnischen Einschränkungen, mit Krieg, Tod und einer ungewissen Existenz. Die Vereinigten Staaten (und die Humanistische Psychologie, die sie hervorbrachten) badeten in einem Zeitgeist [im Original dt.] des Expansionsdrangs, des Optimismus, der grenzenlosen Horizonte und des Pragmatismus. Folglich ist die importierte Form des existenzialistischen Gedankenguts systematisch geändert worden. Jeder der grundlegenden Glaubenssätze hat einen ausdrücklichen Akzent der Neuen Welt. Der europäische Fokus liegt auf den Grenzen und darauf, dass man sich der Angst vor Unsicherheit und Nicht-Sein stellen und diese annehmen muss. Die humanistischen Psychologen andererseits sprechen weniger von Grenzen und Kontingenz als von der Entwicklung des Potenzials, weniger von Akzeptanz als von Bewusstheit, weniger von Angst als von Gipfelerlebnissen und ozeanischem Einheitsgefühl, weniger von dem Sinn des Lebens als von Selbstverwirklichung, weniger vom Fremdsein und der grundlegenden Isolierung als von Ich-Du und Begegnung.

In den Sechziger-Jahren verschlang die Gegenkultur mit ihren sie begleitenden sozialen Phänomenen – wie die Bewegung der Redefreiheit, die Blumenkinder, die Drogenkultur, die Human Potential Bewegung, die sexuelle Revolution – die humanistische psychologische Bewegung. Bald entwickelten die Kongresse der Vereinigung Merkmale eines Karnevals. Das große Zelt der Humanistischen Psychologie war, wenn schon nichts anderes, dann großzügig und vereinigte bald eine verwirrende Vielzahl von Schulen unter seinem Dach, die kaum in der Lage waren, miteinander zu reden, nicht einmal in einem existenzialistischen Esperanto. Gestalttherapie, Transpersonale Therapie, Encountergruppen, Holistische Medizin, Psychosynthese, Sufismus und viele, viele andere betraten die Szene. Die neuen Trends haben Wertorientierungen mit bedeutsamen Implikationen für die Psychotherapie. Betont wird der Hedonismus (»wenn es sich gut anfühlt, tu es«), der Anti-Intellektualismus (der jeden kognitiven Zugang als »mindfucking« betrachtet), individuelles Erfülltsein (»mach’ deine eigene Sache«, »Gipfelerlebnisse«) und Selbstverwirklichung (ein Glaube an die Vervollkommnung des Menschen ist bei den meisten humanistischen Psychologen verbreitet, mit der großen Ausnahme von Rollo May, der viel stärker in der existenzialistisch-philosophischen Tradition verwurzelt ist).

Diese um sich greifenden Trends, besonders die anti-intellektuellen, führten bald zu einer Scheidung der Humanistischen Psychologie von der akademischen Gemeinschaft. Humanistische Psychologen in etablierten akademischen Positionen fühlten sich unwohl in der Gemeinschaft, in der sie sich aufhielten, und lösten sich allmählich von ihr. Fritz Perls, der weit davon entfernt war, ein Befürworter von Disziplin zu sein, drückte seine große Besorgnis aus über die »Abgefahrenen«, diejenigen des »Alles ist möglich« sowie über die »Schnellküche der Sinnesbewusstheit«21, und schließlich waren die drei Persönlichkeiten, die die Humanistische Psychologie anfänglich intellektuell geführt hatten – May, Rogers und Maslow – sehr ambivalent in ihrer Haltung gegenüber diesen irrationalen Trends und verringerten allmählich ihre aktive Unterstützung.

Die Existenzielle Psychotherapie hat daher eine etwas verschwommene Beziehung zur Humanistischen Psychologie. Sie teilen jedoch viele grundlegende Prämissen, und viele humanistische Psychologen haben eine existenzielle Orientierung. Von ihnen werden Maslow, Perls, Bugental, Bühler und vor allem Rollo May häufig in diesem Text zitiert werden.

Humanistische Psychoanalytiker: Freunde der Familie

Es bleibt noch eine Gruppe von Verwandten, auf die ich mich als »Humanistische Psychoanalytiker« beziehen werde, und die sich frühzeitig von den Ästen des Stammbaumes, den ich beschrieben habe, abspalteten. Obwohl sie sich niemals als Clan betrachteten, haben sie in ihren Werken viele Parallelen. Die bedeutenden Stimmen in dieser Gruppe – Otto Rank, Karen Horney, Erich Fromm und Hellmuth Kaiser – wurden alle in europäischer Freudscher psychoanalytischer Tradition ausgebildet, aber emigrierten nach Amerika; und sie alle, mit Ausnahme von Rank, leisteten ihre größeren Beiträge, während sie in die amerikanische intellektuelle Gemeinschaft eintauchten. Jeder von ihnen widersetzte sich dem Freudschen Modell von Instinktantrieben für das menschliche Verhalten, und jeder schlug wichtige Korrekturen vor. Das Werk von jedem von ihnen hat eine große Reichweite, und jeder wandte seine Aufmerksamkeit eine Zeit lang irgendeinem Aspekt existenzieller Therapie zu. Rank, dessen Beiträge durch seinen modernen Interpreten Ernest Becker in brillanter Weise bereichert wurden, betonte die Bedeutung des Willens und der Todesangst; Horney betonte die entscheidende Rolle der Zukunft als beeinflussende Kraft für das Verhalten (das Individuum wird durch Zweck, Ideale und Ziele motiviert und nicht so sehr durch vergangene Ereignisse geformt und determiniert); Fromm hat die Rolle der und die Furcht vor der Freiheit des Verhaltens in meisterhafter Weise beleuchtet, während Kaiser sich mit der Verantwortung und der Isolation beschäftigte.

Zusätzlich zu diesen wesentlichen Zweigen der Philosophie, der Humanistischen Psychologie und der humanistisch orientierten Psychoanalyse, enthält der Stammbaum der existenziellen Therapie noch einen anderen bedeutsamen Zweig, der von den großen Schriftstellern getragen wird, die nicht weniger umfassend als ihre professionellen Brüder existenzielle Fragen erforschten und erklärten. Daher werden die Stimmen von Dostojewskij, Tolstoi, Kafka, Sartre, Camus und vielen anderen hervorragenden Lehrern häufig in diesem Buch gehört werden. Große Literatur überlebt, wie Freud in seiner Erörterung über Oedipus Rex22 hervorhob, weil etwas im Leser auftaucht, das die Wahrheit erfasst. Die Wahrheit fiktiver Charaktere bewegt uns, weil es unsere eigene Wahrheit ist. Darüber hinaus lehren uns große Werke der Literatur etwas über uns selbst, weil sie glühend ehrlich sind, so ehrlich wie irgendwelche klinischen Daten: Der große Romancier, so sehr seine Persönlichkeit auch auf viele Charaktere aufgespalten sein mag, ist letztlich höchst selbstenthüllend. Thornton Wilder schrieb einmal: »Wenn Königin Elizabeth oder Friedrich der Große oder Ernest Hemingway ihre Biografien lesen könnten, würden sie ausrufen, ›Oh – mein Geheimnis ist immer noch sicher!‹ Aber wenn Natascha Rostow Krieg und Frieden lesen könnte, würde sie ihr Gesicht mit den Händen bedecken und ausrufen, ›Wie konnte er das wissen? Wie konnte er das wissen?««23

Existenzielle Therapie und die akademische Gemeinschaft

Zuvor hatte ich die existenzielle Therapie mit einem heimatlosen Kind verglichen, das keinen Zugang zu der besseren akademischen Nachbarschaft hatte. Das Fehlen akademischer Unterstützung durch die akademische Psychiatrie und Psychologie hat bedeutsame Folgen für das Feld der existenziellen Therapie, da akademisch dominierte Institutionen all die entscheidenden Versorgungslinien kontrollieren, die die Entwicklung der klinischen Disziplinen beeinflussen: das Training von Klinikern und Akademikern, die Forschungsfinanzierung, Lizenzvergaben und Zeitschriftenveröffentlichungen.

Es lohnt sich, einen Augenblick darüber nachzudenken, warum der existenzielle Ansatz durch das akademische Establishment so unter Quarantäne gehalten wird. Die Antwort konzentriert sich vor allem auf die Frage nach der Grundlage des Wissens – das heißt, wie wissen wir, was wir wissen? Die akademische Psychiatrie und Psychologie, die in einer positivistischen Tradition steht, wertet empirische Forschung als die Methode, Wissen zu validieren.

Betrachten wir die typische Karriere des Akademikers (und ich spreche nicht nur aufgrund von Beobachtung, sondern aus meiner eigenen akademischen Karriereerfahrung): Der junge Dozent oder Assistenz-Professor wird angestellt, weil er oder sie die Fähigkeit und Motivation für empirische Forschung zeigt, und wird später auf der Grundlage sorgfältiger und methodisch abgesicherter Forschung belohnt und befördert. Die wesentliche Entscheidung über die Amtszeit wird auf der Grundlage der Menge empirischer Forschung, die in angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wurde, getroffen. Andere Faktoren, wie die Fähigkeit zu lehren oder nicht-empirische Bücher, Buchkapitel und Essays, werden ganz entschieden weniger berücksichtigt.

Es ist außerordentlich schwierig für einen Gelehrten, sich eine akademische Karriere auf der Grundlage empirischer Erforschung existenzieller Fragen zurechtzuschneidern. Die grundlegenden Annahmen der existenziellen Therapie sind so, dass empirische Forschungsmethoden oft nicht anwendbar oder unangemessen sind. Beispielsweise erfordert die empirische Forschungsmethode, dass der Erforscher einen komplexen Organismus studiert, indem er ihn in seine Komponenten aufteilt, wobei jede einfach genug sein muss, um empirische Untersuchungen zu ermöglichen.

Aber dieses Grundprinzip negiert ein grundlegendes existenzielles Prinzip. Eine Geschichte, die Viktor Frankl erzählte, mag das veranschaulichen.24

Zwei Nachbarn waren in einem bitteren Streit miteinander. Der eine behauptete, dass die Katze des anderen seine Butter gefressen hatte, und dementsprechend forderte er Wiedergutmachung. Da die beiden nicht in der Lage waren, das Problem zu lösen, gingen sie mit der Katze unterm Arm zum Dorfweisen, um sein Urteil zu hören. Der Weise fragte den Kläger, »Wieviel Butter hat die Katze gegessen?« »Zehn Pfund«, war die Antwort. Der weise Mann legte die Katze auf eine Waage. »Oh, schau an!«, sie wog genau zehn Pfund. »Mirabile dictu !«, rief er aus. »Hier haben wir also die Butter. Aber wo ist die Katze?«

Wo ist die Katze? Alle Teile zusammengenommen, ergeben keine Rekonstruktion der Kreatur. Ein grundlegendes humanistisches Credo ist, dass »der Mensch mehr ist als die Summe seiner Teile.« Ganz gleich, wie gründlich man die Bestandteile des Geistes versteht – zum Beispiel das Bewusste und Unbewusste, das Über-Ich, das Ich, und das Es – begreift man doch nicht die zentrale Lebensinstanz, die Person, deren Unbewusstes (oder Über-Ich oder Es oder Ich) es ist. Außerdem hilft empirische Forschung der Person, die diesen Teil besitzt, niemals dabei, etwas über die Bedeutung dieser psychischen Struktur zu erfahren. Bedeutung kann niemals aus dem Studium von Komponenten gewonnen werden, weil Bedeutung niemals verursacht ist; sie wird durch eine Person, die all ihren Komponenten übergeordnet ist, geschaffen.

Aber es gibt bei dem existenziellen Ansatz ein Problem mit empirischer Forschung, das sogar grundlegender ist als dasjenige von der Art »Wo ist die Katze?«. Rollo May spielt darauf an, wenn er Existenzialismus definiert als »das Bemühen, den Menschen zu verstehen, indem man die Kluft zwischen Subjekt und Objekt unterläuft, welche westliches Denken und westliche Wissenschaft seit der Zeit kurz nach der Renaissance belastet hat.«25 Die »Kluft zwischen Subjekt und Objekt« – ich möchte das genauer anschauen. Die existenzielle Position fordert die traditionelle kartesische Ansicht von einer Welt voller Objekte und Subjekte, die jene Objekte wahrnehmen, heraus. Offensichtlich ist dies die grundlegende Annahme der wissenschaftlichen Methode: Es gibt Objekte mit einer endlichen Zahl von Eigenschaften, die man durch objektive Erforschung verstehen kann. Die existenzielle Position unterläuft diese Kluft zwischen Subjekt und Objekt und betrachtet die Person nicht als ein Subjekt, das unter den richtigen Bedingungen externe Realität wahrnimmt, sondern als ein Bewusstsein, das an der Konstruktion der Realität teilhat. Um dies hervorzuheben sprach Heidegger immer von dem menschlichen Wesen als Dasein [im Original dt.]. Da bezieht sich auf die Tatsache, dass die Person da, ein geschaffenes Objekt (»empirisches Ich«) ist, und zur gleichen Zeit die Welt schafft (das heißt ein »transzendentales Ich« ist). Dasein ist gleichzeitig der Sinngeber und das Gewusste. Jedes Dasein erschafft daher seine eigene Welt; alle Wesen mit einem standardisierten Instrument zu erforschen, als wenn sie in der gleichen objektiven Welt lebten, bedeutet, dass man einen monumentalen Irrtum in seine Beobachtung einführt.

Es ist jedoch wichtig, sich bewusst zu sein, dass die Begrenzungen empirischer psychotherapeutischer Forschung nicht auf eine existenzielle Orientierung in der Therapie beschränkt sind; nur sind sie in dem existenziellen Ansatz offensichtlicher. Sofern Therapie eine tief persönliche, menschliche Erfahrung ist, wird eine empirische Studie der Psychotherapie jedweder ideologischen Ausrichtung Irrtümer enthalten und von begrenztem Wert sein. Es ist allgemein bekannt, dass die psychotherapeutische Forschung in ihrer dreißigjährigen Geschichte wenig Einfluss auf die Praxis der Therapie gehabt hat. Tatsächlich nehmen, wie Carl Rogers, der Gründer empirischer psychotherapeutischer Forschung traurig bemerkte, nicht einmal die Psychotherapieforscher selbst ihre Forschungsergebnisse ernst genug, um ihr Konzept von Psychotherapie zu verändern.26

Es ist auch allgemein bekannt, dass die große Mehrzahl der Kliniker aufhört, empirische Forschung zu betreiben, wenn sie einmal ihre Dissertation beendet haben oder in Amt und Würden sind. Wenn empirische Forschung ein gültiges wahrheitssuchendes und wahrheitsfindendes Bemühen ist, warum legen Psychologen und Psychiater ihre Zahlentabellen für Stichproben für immer beiseite, wenn sie einmal die akademischen Hürden überwunden haben? Ich glaube, dass er oder sie allmählich anzuerkennen beginnt, dass in einem empirischen Studium der Psychotherapie unglaubliche Probleme stecken.

Eine persönliche Erfahrung mag dies veranschaulichen. Vor einigen Jahren führten zwei Kollegen und ich ein großes Forschungsprojekt über den Prozess und die Ergebnisse von Encountergruppen durch. Wir veröffentlichten die Ergebnisse in einem Buch, Encounter Groups: First Facts,27 das gleichzeitig als ein Markstein für Genauigkeit in klinischer Arbeit bejubelt und durch viele humanistische Psychologen wild angegriffen wurde. Tatsächlich wurde eine Ausgabe des schon erwähnten Journal of Humanistic Psychology einem energischen Angriff auf diese Arbeit gewidmet. Meine Kollegen schrieben handfeste und wirkungsvolle Erwiderungen auf die Kritiken, aber ich lehnte das ab. Zum einen, weil ich vollständig damit beschäftigt war, ein Buch zu schreiben. Auf einer tieferen Ebene hatte ich Zweifel an der Bedeutung unserer Forschung – nicht aus den Gründen, die öffentlich aufgegriffen wurden, sondern aus anderen: Ich konnte nicht glauben, dass die wahre Erfahrung der Teilnehmer mit unserem hochtechnischen, computermäßigen Statistikansatz angemessen beschrieben wurde. Ein Ergebnis in dem methodologischen Hauptteil unserer Arbeit28 machte mir besonders Sorgen: Wir hatten eine ungeheure Batterie psychologischer Instrumente benutzt, um zu überprüfen, wie sehr sich ein Teilnehmer einer Encountergruppe verändert hatte. Die Maßstäbe für das Ergebnis wurden aus vier verschiedenen Perspektiven gewonnen: (1) vom Teilnehmer selbst, (2) vom Gruppenleiter, (3) von den Co-Mitgliedern des Teilnehmers, (4) aus dem sozialen Netz des Teilnehmers. Die Korrelation zwischen diesen vier Perspektiven des Wandels war null! Mit anderen Worten, es gab keinerlei Übereinstimmung zwischen den verschiedenen Informationsquellen darüber, wer sich verändert hatte, und wie viel er sich verändert hatte.

Nun gibt es natürlich statistische Möglichkeiten, um diesen Befund zu »handhaben«, aber es bleibt die Tatsache, dass Ergebnis-Evaluation hochgradig relativ ist und sehr stark von den Informationsquellen abhängt. Das ist auch kein Problem, das sich auf dieses Projekt beschränkt: Es ist eine Plage für jede psychotherapeutische Ergebnisstudie. Je mehr Methoden zur Messung des Ergebnisses benutzt werden, desto weniger ist sich der Forscher seiner Ergebnisse sicher!

Wie gehen Forscher mit diesem Problem um? Eine Methode ist, die Reliabilität zu erhöhen, indem man weniger Fragen stellt und sich auf eine einzige Datenquelle verlässt. Eine andere übliche Methode besteht darin, dass man die »weichen« oder subjektiven Kriterien meidet und nur objektive Kriterien wie zum Beispiel das Maß an Alkoholverbrauch misst, die Zahl der Unterbrechungen des anderen durch den Partner in einer bestimmten Zeiteinheit, die Zahl der Bisse bei Nahrung, die man zu sich nimmt, galvanische Hautreaktionen oder das Anschwellen des Penis beim Betrachten von Lichtbildern mit nackten Jugendlichen. Aber wehe dem Forscher, der versucht, die bedeutenden Faktoren zu messen wie die Fähigkeit zu lieben oder die Sorge für jemand anderen, die Lust am Leben, Zweckhaftigkeit, Großzügigkeit, Überschwang, Autonomie, Spontaneität, Humor, Mut oder Engagement im Leben. Immer wieder trifft man auf dieselbe Grundtatsache des Lebens bei psychotherapeutischer Forschung: Die Genauigkeit des Ergebnisses ist direkt proportional zur Trivialität der Variablen, die man erforscht hat. Eine seltsame Art von Wissenschaft! Welche Alternative gibt es? Die angemessene Methode, die innere Welt eines anderen Individuums zu verstehen, ist die »phänomenologische«, die direkt zu den Phänomenen geht, um dem anderen ohne »standardisierte« Instrumente und Vorannahmen zu begegnen. Man muss so weit wie möglich die eigene Weltsicht »ausklammern« und in die Erfahrungswelt der anderen eintreten. Solch ein Zugang zum Wissen über eine andere Person ist außerordentlich günstig in der Psychotherapie: Jeder gute Therapeut versucht, sich mit dem Patienten in dieser Art und Weise in Beziehung zu setzen. Das ist es, was mit Empathie, Präsenz, genuinem Zuhören, nicht-bewertender Akzeptanz oder einer Haltung »disziplinierter Naivität« – um Mays glücklichen Ausdruck zu verwenden29 – gemeint ist. Existenzielle Therapeuten haben immer darauf gedrängt, dass der Therapeut versucht, die private Welt des Patienten zu verstehen, anstatt sich darauf zu konzentrieren, wie der Patient von den »Normen« abweicht. Aber dieser phänomenologische Ansatz, der per Definition nicht empirisch ist, bringt erschütternde und bis jetzt noch ungelöste Probleme für den Forscher mit sich, der darum kämpft, hohe wissenschaftliche Standards in seinem oder ihrem Werk zu erreichen.

Trotz dieser Vorbehalte habe ich mich durch meine professionelle Ausbildung veranlasst gesehen, die vorhandene Forschung für jede der vier grundlegenden existenziellen Fragen – Tod, Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit – zu betrachten. Und natürlich kann sorgfältige Forschung Licht auf verschiedene wichtige Problembereiche werfen. Zum Beispiel kann Forschung uns darüber Auskunft geben, wie häufig Patienten ausdrücklich mit existenziellen Fragen beschäftigt sind oder wie häufig Therapeuten diese Fragen wahrnehmen.

Für die vielen existenziellen Themen, die niemals ausdrücklich von Forschern untersucht wurden, habe ich Forschungen aus angrenzenden Gebieten überprüft, die möglicherweise dazu etwas beitragen können. Beispielsweise wird im sechsten Kapitel die Forschung über die »Kontrollüberzeugung« diskutiert, weil sie für die Bereiche der Verantwortung und des Willens bedeutsam ist.

Andere Themen erlauben aus den erwähnten Gründen keine empirische Forschung. Die Forscher haben demgemäß einige Teilprobleme ausgewählt, die für Forschung leichter zugänglich sind. Beispielsweise gibt es, wie wir sehen werden, viele »Todesangst«-Skalen, die das Phänomen der Furcht untersuchen, aber in solch einer oberflächlichen und normierten Art und Weise, dass sie wenig zur Erkenntnis beitragen. Ich erinnere mich dabei an die Geschichte des Mannes, der in der Nacht nach einem verlorenen Schlüssel sucht, und zwar nicht auf dem Weg, wo er ihn fallen ließ, sondern unter einer Laterne, wo das Licht besser ist. Ich zitiere diese Forschung über Teilprobleme mit den entsprechenden Vorbehalten.

Es gibt auch noch andere Bereiche, wo das Wissen intuitiv bleiben muss. Bestimmte Wahrheiten über Existenz sind so klar und sicher, dass eine Erhärtung durch logische Argumentation oder empirische Erforschung höchst überflüssig erscheint. Karl Lashley, der Neuropsychologe, soll das einmal so kommentiert haben: »Wenn du einem Airedaleterrier beibringen willst, Geige zu spielen, dann brauchst du kein Streichquartett, um das zu beweisen.«

Ich habe versucht, dieses Buch in einem Stil zu verfassen, der klar genug ist und möglichst frei von Jargon, so dass es auch für den Laien verständlich ist. Die vorrangige Leserschaft, die ich ansprechen möchte, sind jedoch Studenten und praktizierende Psychotherapeuten. Es ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass ich, auch wenn ich keine formale philosophische Vorbildung bei meinen Lesern voraussetze, doch von einigem klinischen Hintergrundwissen ausgehe. Ich halte dies nicht für einen »ersten« oder vollständigen Psychotherapie-Text, sondern erwarte, dass der Leser mit den herkömmlichen klinischen Erklärungssystemen vertraut ist. Wenn ich daher klinische Phänomene aus einem existenziellen Bezugsrahmen heraus beschreibe, biete ich nicht immer alternative Modi der Erklärung für sie an. Meine Aufgabe, wie ich sie sehe, ist es, einen zusammenhängenden psychotherapeutischen Ansatz auf der Basis existenzieller Fragestellungen zu beschreiben, welche den Vorgehensweisen, die die Mehrzahl der Therapeuten implizit verwendet, einen ausdrücklichen Stellenwert geben.

Ich behaupte nicht, die Theorie der Psychopathologie und Psychotherapie zu beschreiben. Stattdessen stelle ich ein Paradigma, ein psychologisches Konstrukt vor, das dem Kliniker ein Erklärungssystem anbietet, ein System, das es ihm oder ihr erlaubt, einer großen Vielfalt klinischer Daten Sinn zu geben, und eine systematischere Strategie der Psychotherapie zu formulieren. Es ist ein Paradigma, das beachtliche Erklärungskraft hat; es ist sparsam (das heißt, es beruht auf relativ wenigen, grundlegenden Annahmen), und es ist leicht zugänglich (das heißt, die Annahmen basieren auf Erfahrungen, die intuitiv von jedem Individuum durch Introspektion wahrgenommen werden können).

Darüber hinaus ist es ein humanistisch begründetes Paradigma, das mit der tief menschlichen Natur der therapeutischen Aufgabe übereinstimmt. Aber es ist ein Paradigma, nicht das Paradigma – nützlich für einige Patienten, nicht für alle Patienten; verwendbar für einige Therapeuten, nicht für alle Therapeuten. Die existenzielle Orientierung ist ein klinischer Ansatz unter vielen anderen Ansätzen. Er ordnet klinische Daten zu neuen Mustern wie andere Paradigmen auch, erhebt keinen Ausschließlichkeitsanspruch und ist nicht in der Lage, jedes Verhalten zu erklären. Das Wesen des Menschen ist zu komplex und voller Möglichkeiten, um so etwas zuzulassen.

Die Existenz ist unabdingbar frei und daher unsicher. Die kulturellen Institutionen und psychologische Konstrukte verdunkeln diese Tatsache häufig, aber die Konfrontation mit unserer eigenen existenziellen Situation erinnert uns daran, dass Paradigmen von uns selbst geschaffene, hauchdünne Barrieren gegen den Schmerz der Unsicherheit sind. Der reife Therapeut muss beim existenziellen theoretischen Ansatz, ebenso wie bei jedem anderen, diese grundlegende Unsicherheit zu tolerieren in der Lage sein.

I. Teil: TOD

In den nächsten vier Kapiteln werde ich die Rolle, die der Begriff des Todes in der Psychopathologie und Psychotherapie spielt, erforschen. Die grundlegenden Postulate, die ich beschreibe, sind einfach:

1. Die Todesfurcht spielt eine wesentliche Rolle in unserer inneren Erfahrung; sie verfolgt uns wie nichts anderes; sie rumort ständig unter der Oberfläche; sie ist eine dunkle, unstete Präsenz am Rande des Bewusstseins.

2. Das Kind ist im frühen Alter ausgiebig mit dem Tod beschäftigt und seine hauptsächliche Entwicklungsaufgabe ist es, mit den erschreckenden Ängsten vor der Vernichtung umzugehen.

3. Um mit diesen Ängsten umgehen zu können, errichten wir Abwehrmechanismen gegen die Bewusstheit des Todes, Abwehrmechanismen, die auf Verleugnung gründen, die die Charakterstruktur formen und die, wenn sie nicht gut angepasst sind, zu klinischen Syndromen führen. Mit anderen Worten, Psychopathologie ist das Ergebnis ineffektiver Modi der Transzendenz des Todes.

4. Schließlich kann ein solider und effektiver Ansatz der Psychotherapie auf der Grundlage der Bewusstheit des Todes konstruiert werden.

Das zweite Kapitel wird einen Überblick über die Rolle des Todesbegriffs in der Psychotherapie geben, wird relevantes klinisches Material und wissenschaftliche Belege präsentieren und wird Auskunft darüber geben, warum das traditionelle analytische Denken den Tod in peinlicher Weise ausgelassen hat, sowohl in der psychotherapeutischen Theorie als auch in ihrer Methodenlehre.

Das dritte Kapitel widmet sich der Entwicklung des Todesbegriffs bei Kindern und wird sich auf die Abwehrmechanismen konzentrieren, die auftauchen, damit sich das Individuum vor der Todesangst schützen kann. Im vierten Kapitel wird ein Paradigma der Psychopathologie vorgestellt werden, das auf diesen den Tod verleugnenden Abwehrmechanismen gegründet ist; und im fünften Kapitel wird sowohl die Theorie als auch die praktische Verwirklichung eines Therapieansatzes präsentiert werden, der auf Todesbewusstheit basiert.

2. Kapitel: Leben, Tod und Angst

»Kratzen Sie nicht, wo es nicht juckt«, riet der große Adolph Meyer einer Generation von Psychiatriestudenten.1 Ist dieser Spruch nicht ein ausgezeichnetes Argument gegen die Untersuchung der Einstellungen der Patienten zum Tod? Haben die Patienten nicht schon genug Angst und genug Furcht, ohne dass der Therapeut sie an den ärgsten Schrecken des Lebens erinnert? Warum soll man sich auf die bittere und unveränderliche Realität konzentrieren? Wenn es das Ziel der Therapie ist, Hoffnung einzuflößen, warum sollte man dann den die Hoffnung zerstörenden Tod beschwören? Das Ziel der Therapie ist es, dabei behilflich zu sein, wie der Mensch zu leben lernen kann. Warum sollten wir den Tod nicht schlicht den Sterbenden überlassen?

Diese Argumente erfordern eine Antwort, und ich werde sie in diesem Kapitel aufgreifen, indem ich behaupte, dass uns der Tod die ganze Zeit juckt, dass unsere Einstellungen zum Tod die Art, wie wir leben und wachsen und die Art, wie wir straucheln, beeinflusst. Ich werde zwei Behauptungen untersuchen, von denen jede wesentliche Implikationen für die Praxis der Psychotherapie hat:

1. Leben und Tod sind interdependent; sie existieren gleichzeitig, nicht in Folge; der Tod surrt ständig unterhalb der Membran des Lebens und übt einen großen Einfluss auf die Erfahrung und das Verhalten aus.

2. Der Tod ist eine ursprüngliche Quelle der Angst, und als solche ist er die primäre Quelle der Psychopathologie.

Die Interdependenz von Leben und Tod

Eine ehrwürdige Denkrichtung, die bis zum Beginn geschriebener Gedanken zurückreicht, betont die wechselseitige Abhängigkeit von Leben und Tod. Es ist eine der offensichtlichsten Wahrheiten des Lebens, dass alles vergeht, dass wir das Vergehen fürchten und dass wir dennoch angesichts des Vergehens, angesichts der Furcht leben müssen. Der Tod, sagen die Stoiker, ist das wichtigste Ereignis im Leben. Gut zu leben heißt zu lernen, gut zu sterben. Cicero sagte: »Philosophieren heißt, sich auf den Tod vorzubereiten«,2 und Seneca: »Niemand erfreut sich des wahren Geschmacks am Leben, außer derjenige, der bereit und willens ist, es zu verlassen.«3 Der Heilige Augustinus drückte die gleiche Idee aus: »Nur angesichts des Todes wird das Selbst des Menschen geboren.«4

Es ist nicht möglich, den Tod den Sterbenden zu überlassen. Die biologische Grenze zwischen Leben und Tod ist relativ genau; aber psychologisch gesehen gehen Leben und Tod ineinander über. Der Tod ist eine Tatsache des Lebens; wenn wir einen Moment lang nachdenken, werden wir uns bewusst, dass der Tod nicht nur der letzte Moment im Leben ist. »Sogar in der Geburt sterben wir; das Ende ist von Anfang an da« (Manilius).5 Montaigne fragte in seinem tiefgehenden Essay über den Tod: »Warum fürchtest du den letzten Tag? Er trägt nicht mehr zu deinem Tod bei als irgendein anderer. Der letzte Schritt verursacht nicht die Erschöpfung, sondern enthüllt sie.«6 Es wäre eine einfache Angelegenheit (und eine sehr verführerische), immer weiter wichtige Zitate über den Tod anzuführen. Praktisch jeder große Denker (normalerweise in der ersten Hälfte seines Lebens oder gegen Ende) hat tiefgründig über den Tod nachgedacht und darüber geschrieben; und viele haben den Schluss gezogen, dass der Tod ein untrennbarer Teil des Lebens ist, und dass eine lebenslange Betrachtung des Todes das Leben eher bereichert als es verarmen zu lassen. Obwohl die Physikalität des Todes den Menschen zerstört, rettet ihn die Idee des Todes.

Dieser letzte Gedanke ist so wichtig, dass er einer Wiederholung wert ist: Obwohl die Physikalität des Todes den Menschen zerstört, rettet ihn die Idee des Todes. Was genau bedeutet diese Aussage? Wie rettet die Idee des Todes den Menschen? Und wovor rettet sie ihn?

Ein kurzer Blick auf ein Grundkonzept existenzialistischer Philosophie kann Klärung bringen. Martin Heidegger erforschte im Jahr 1926 die Frage, wie die Idee des Todes den Menschen retten kann, und gelangte zu der wichtigen Einsicht, dass die Bewusstheit von unserem eigenen Tod als Ansporn für den Wechsel von einem Modus der Existenz zu einem höheren dient. Heidegger glaubte, dass es zwei fundamentale Modi des Existierens in der Welt gibt: (1) einen Zustand des Vergessens des Seins oder (2) einen Zustand des Bewusstseins des Seins.7

Wenn man im Zustand des Vergessens des Seins lebt, lebt man in der Welt der Dinge und taucht in die täglichen Ablenkungen des Lebens ein: Man ist »nivelliert«, voll beschäftigt mit »müßigem Geschwätz«, verloren in dem »sie«. Man gibt sich an die alltägliche Welt hin, an eine Beschäftigung damit, wie die Dinge sind.

In dem anderen Zustand, dem Zustand des Bewusstseins des Seins, rätselt man nicht darüber, wie die Dinge sind, sondern dass sie sind. In diesem Modus zu existieren heißt, dass man sich ständig des Seins bewusst ist. In diesem Modus, auf den oft als »ontologischer Modus« (von dem griechischen ontos, was »Existenz« bedeutet) Bezug genommen wird, bleibt man sich des Seins bewusst, nicht nur der Zerbrechlichkeit des Seins, sondern auch seiner Verantwortung für sein eigenes Sein (wie ich es im sechsten Kapitel diskutieren werde). Da man nur in diesem ontologischen Modus in Berührung mit seiner eigenen Selbst-Schöpfung ist, kann man nur hier Zugang zu der Macht des Wandels selbst erhalten.

Gewöhnlich leben wir im ersten Zustand. Das Vergessen des Seins ist der alltägliche Modus der Existenz. Heidegger beschreibt diesen als »unauthentisch« – als einen Modus, in dem wir uns der Urheberschaft des Lebens und der Welt nicht bewusst sind, in welchem wir »fliehen«, »fallen« und beruhigt werden, in welchem wir die Wahlmöglichkeiten des Seins vermeiden, indem wir durch den »Niemand weitergetragen werden.«8 Wenn wir jedoch in den zweiten Modus des Seins eintreten (Bewusstsein des Seins), existieren wir authentisch (daher der häufige Gebrauch des Begriffs »Authentizität« in der gegenwärtigen Psychologie). In diesem Zustand werden wir uns vollständig unserer selbst bewusst – bewusst unserer selbst als transzendentales (konstituiertes) Ich ebenso wie als ein empirisches (konstituierendes) Ich; wir umfassen unsere Möglichkeiten und Begrenzungen; wir stellen uns der absoluten Freiheit und dem Nichts – und angesichts dessen haben wir Angst.

Was hat nun der Tod mit all dem zu tun? Heidegger war sich bewusst, dass man nicht durch einfache Kontemplation von einem Zustand des Vergessens des Seins zu einem erleuchteteren, ängstlicheren Bewusstsein des Seins gelangen kann, auch nicht, indem wir uns beugen oder die Zähne zusammenbeißen. Es gibt bestimmte unveränderbare, unauslöschliche Bedingungen, bestimmte »dringliche Erfahrungen«, die uns aufrütteln, die uns vom ersten, alltäglichen Zustand der Existenz zu dem Zustand des Bewusstseins der Existenz zerren. Unter diesen dringlichen Erfahrungen (Jaspers bezog sich später auf sie als »Grenz«-Situationen9) hat der Tod nicht seinesgleichen: Der Tod ist die Bedingung, die es für uns möglich macht, das Leben auf authentische Art und Weise zu leben.

Diese Ansicht – dass der Tod einen positiven Beitrag zum Leben leistet wird nicht so leicht akzeptiert. Gewöhnlich sehen wir den Tod als totales Übel an, so dass wir jede gegenteilige Ansicht als einen unangemessenen Scherz verwerfen. Wir kommen ganz gut ohne diese Plage aus, vielen Dank.

Aber schieben wir dieses Urteil einen Augenblick lang auf und stellen uns das Leben ohne einen Gedanken an den Tod vor. Das Leben verliert etwas von seiner Intensität. Das Leben schrumpft, wenn der Tod verleugnet wird. Freud, der aus Gründen, auf die ich später kurz zurückkommen werde, wenig über den Tod sprach, glaubte, dass die Vergänglichkeit des Lebens unsere Freude an diesem erhöht. »Die Begrenzung in der Möglichkeit einer Freude erhöht den Wert einer Freude«. Freud schrieb während des Ersten Weltkriegs, dass die Verlockung des Krieges darin bestand, dass er den Tod wieder in das Leben brachte: »Das Leben wurde in der Tat wieder interessant; es hat wieder seinen vollen Inhalt erhalten.«10 Wenn der Tod ausgeschlossen wird, wenn man aus dem Auge verliert, was auf dem Spiel steht, verarmt das Leben. Es wird zu etwas, wie Freud schrieb, »so Seichtem und Leerem, wie zum Beispiel ein amerikanischer Flirt, bei dem von Anfang an klar ist, dass nichts daraus wird, im Gegensatz zu einer Liebesaffäre auf dem alten Kontinent, bei der beide Partner ihre Konsequenzen ständig im Bewusstsein haben müssen.«11 Viele haben darüber spekuliert, dass die Abwesenheit der Tatsache des Todes ebenso wie der Idee des Todes zu einem Abstumpfen der Sensibilität für das Leben führen würde. Beispielsweise gibt es in Jean Giraudouxs Theaterstück Amphitryon eine Unterhaltung zwischen den unsterblichen Göttern. Jupiter erzählt Merkur, wie es ist, weltliche Gestalt anzunehmen und eine sterbliche Frau zu lieben:

Sie gebraucht wenige Ausdrücke, und das erweitert den Abgrund zwischen uns … sie sagt, »Als ich ein Kind war« – oder »Wenn ich alt bin« – oder »Niemals in meinem ganzen Leben« – Das bringt mich um, Merkur … Uns fehlt etwas, Merkur – die Ergriffenheit des Übergangs – die Andeutung der Sterblichkeit – jene süße Traurigkeit des Ergreifens von etwas, was man nicht halten kann?«12

Auf ähnliche Weise stellt sich Montaigne ein Gespräch vor, in dem Chiron, halb Gott, halb Sterblicher, Unsterblichkeit zurückweist, als sein Vater Saturn (der Gott der Zeit und Dauer) beschreibt, was mit der Wahl verbunden ist:

Stell dir mal aufrichtig vor, wie viel unerträglicher und schmerzhafter ein ewig dauerndes Leben für den Menschen wäre als das Leben, das ich ihm gegeben habe. Wenn du den Tod nicht hättest, würdest du mich unaufhörlich verfluchen, weil ich dich seiner beraubt habe. Ich habe es absichtlich mit ein wenig Bitterkeit vermischt, um dich daran zu hindern, es zu gierig und maßlos zu umarmen, wenn du seine Annehmlichkeit siehst. Um dich in den gemäßigten Zustand zu versetzen, den ich von dir fordere, indem du weder dem Leben entfliehst, noch vor dem Tod zurückweichst, habe ich beide von ihnen zwischen Süße und Bitterkeit gemildert. 13

Ich möchte nicht an einem nekrophilen Kult teilhaben oder für lebensverleugnende Morbidität eintreten. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass unser grundlegendes Dilemma darin besteht, dass jeder von uns sowohl Engel als auch Bestie ist; wir sind die sterblichen Geschöpfe, die, weil wir uns unserer selbst bewusst sind, wissen, dass wir sterblich sind. Eine Verleugnung des Todes auf irgendeiner Ebene ist eine Verleugnung unserer grundlegenden Natur und erzeugt eine zunehmende und durchgreifende Verringerung der Bewusstheit und Erfahrung. Die Integration der Idee des Todes rettet uns; statt uns zu einer Existenz des Schreckens oder des düsteren Pessimismus zu verurteilen, wirkt sie als Katalysator, damit wir in authentischere Modi des Lebens eintauchen können, und sie vergrößert unsere Freude am Leben. Als Bekräftigung dafür haben wir das Zeugnis von Personen, die eine persönliche Begegnung mit dem Tod hatten.

Konfrontation mit dem Tod: Persönlicher Wandel

Einige unserer größten Werke der Literatur haben die positiven Wirkungen, die eine nahe Begegnung mit dem Tod auf einen Menschen hatte, dargestellt.

Tolstois Krieg und Frieden liefert uns eine ausgezeichnete Illustration davon, wie der Tod einen radikalen persönlichen Wandel initiieren kann.14 Pierre, der Protagonist, fühlt sich von dem bedeutungslosen, leeren Leben der russischen Aristokratie abgestumpft. Als verlorene Seele stolpert er durch die ersten neunhundert Seiten des Romans und sucht nach irgendeinem Sinn des Lebens. Es kommt zum Höhepunkt des Buches, als Pierre von Napoleons Truppen gefangen genommen und zum Tod durch Erschießen verurteilt wird. Er steht mit sechs anderen in einer Reihe, er beobachtet die Exekution der fünf Männer vor ihm und bereitet sich daraufvor zu sterben – erst im letzten Augenblick wird er unerwarteterweise begnadigt. Die Erfahrung verwandelt Pierre, der dann während der letzten dreihundert Seiten des Romans sein Leben begeistert und zweckvoll lebt. Er begibt sich voll in die Beziehung zu anderen, ist sich seiner natürlichen Umgebung voll bewusst, entdeckt eine Aufgabe im Leben, die Bedeutung für ihn hat, und widmet sich ihr.

Auch Dostojewskij wurde im Alter von neunundzwanzig Jahren vor der Exekution durch ein Erschießungskommando in letzter Minute begnadigt – ein Ereignis, das sein Leben und sein Werk nachhaltig beeinflusste.

Tolstois Geschichte »Der Tod des Iwan Iljitsch« enthält eine ähnliche Botschaft.15 In Iwan Iljitsch, einem engstirnigen Bürokraten, entwickelt sich eine tödliche Krankheit, wahrscheinlich Darmkrebs, und er erleidet ungewöhnliche Schmerzen. Seine Qual dauert unvermindert an, bis Iwan Iljitsch kurz vor seinem Tode auf eine bestürzende Wahrheit stößt: er stirbt schlimm, weil er schlimm gelebt hat. In den wenigen Tagen, die ihm verbleiben, erfährt Iwan Iljitsch eine dramatische Verwandlung, die mit keinem anderen Begriff beschrieben werden kann als persönliches Wachstum. Wäre Iwan Iljitsch ein Patient, würde jeder Psychotherapeut vor Freude über den Wandel in ihm strahlen: er bezieht sich viel einfühlsamer auf andere; seine chronische Bitterkeit, Arroganz und Selbstverherrlichung verschwinden. Kurz und gut, in den letzten wenigen Tagen seines Lebens erreicht er eine weit höhere Ebene der Integration, als er sie jemals zuvor erreicht hat.

Dieses Phänomen ereignet sich häufig in der Welt des Klinikers. Beispielsweise deuten Interviews mit sechs von zehn Selbstmordwilligen, die von der Golden Gate Bridge sprangen und überlebten, darauf hin, dass diese sechs als Ergebnis ihres Sprungs in den Tod ihre Ansichten über das Leben verändert hatten.16 Einer berichtete: »Mein Lebenswille hat sich eingestellt … es gibt einen wohlwollenden Gott im Himmel, der alle Dinge im Universum durchdringt.« Ein anderer: »Wir haben alle Anteil an der Göttlichkeit – jenem großen Gott Menschlichkeit.« Ein anderer: »Ich habe jetzt einen starken Lebenswillen … mein ganzes Leben ist wiedergeboren … ich bin aus den alten Pfaden ausgebrochen … ich kann jetzt die Existenz anderer Menschen empfinden.« Ein anderer: »Ich spüre, dass ich Gott jetzt liebe und möchte etwas für andere tun.« Ein weiterer:

Ich war erfüllt von einer neuen Hoffnung und einem neuen Zweck des Lebens. Es geht über das Verständnis der meisten Menschen hinaus. Ich schätze das Wunder des Lebens – wie wenn ich einen Vogel beim Fliegen beobachte – alles ist bedeutungsvoller, wenn du nahe daran bist, es zu verlieren. Ich erlebte ein Gefühl der Einheit mit allen Dingen und des Eins-Seins mit allen Menschen. Nach meiner psychischen Wiedergeburt habe ich auch Mitgefühl für die Schmerzen von anderen. Alles war klar und hell.

Es gibt unzählige klinische Beispiele. Abraham Schmitt beschreibt im Detail eine chronisch depressive Patientin, die einen ernsthaften Selbstmordversuch unternahm und durch reinen Zufall überlebte, und er hebt die »vollständige Diskontinuität zwischen den beiden Abschnitten ihres Lebens« hervor – vor und nach ihrem Selbstmordversuch. Schmitt spricht von seinem professionellen Kontakt mit ihr nicht im Sinne einer Therapie, sondern im Sinne einer Dokumentation ihrer drastischen Lebensveränderung. Um sie zu beschreiben, verwenden ihre Freunde das Wort »pulsierend«, was so viel wie »vor Leben und Enthusiasmus sprühend« heißt. Der Therapeut stellt fest, dass sie nach ihrem Selbstmordversuch »in Kontakt mit sich selbst, ihrem Leben und ihrem Ehemann war. Ihr Leben wird nun voll gelebt und erfüllt das Leben vieler anderer. … Innerhalb eines Jahres nach dem Selbstmordversuch und dem Wandel wurde sie schwanger mit dem ersten von mehreren Kindern, die in rascher Folge geboren wurden (sie war lange unfruchtbar gewesen).«17

Russel Noyes studierte zweihundert Personen, die todesnahe Erfahrungen hatten (Autounfälle, Ertrinken, Abstürze in den Bergen u.a.), und er berichtete, dass eine ansehnliche Zahl (23 Prozent) sogar viele Jahre später beschrieb, dass sie über so etwas verfügten wie ein

starkes Empfinden für die Kürze des Lebens und seinen Wert … einen größeren Schwung im Leben, eine erhöhte Wahrnehmung der und emotionale Reaktionsfähigkeit auf die unmittelbare Umgebung … eine Fähigkeit, im Augenblick zu leben und jeden Moment zu genießen, wenn er vorbeikommt … ein größeres Bewusstsein vom Leben – ein Bewusstsein vom Leben und den lebenden Dingen und den Drang, sich ihrer jetzt zu erfreuen, bevor es zu spät ist.18

Viele von ihnen beschrieben eine »Neubewertung von Prioritäten«, und dass sie mehr Mitgefühl und mehr menschliche Orientierung hatten als zuvor.

Abdul Hussain und Seymour Tozman, Ärzte für die »Todeszellen« in einem Gefängnis, beschreiben drei Menschen in einem klinischen Fallbericht, die zum Tode verurteilt waren und in letzter Minute begnadigt wurden. Alle drei zeigten dem Autor zufolge einen tiefen Wandel ihres Persönlichkeitsstils und einen »bemerkenswerten Wandel ihrer Einstellung«, der während der folgenden Monate anhielt.19

Krebs: Konfrontation mit dem Tod. Das chinesische Piktogramm für »Krise« ist eine Kombination von zwei Symbolen: »Gefahr« und »Gelegenheit«. Während vieler Jahre war ich bei meiner Arbeit mit unheilbar kranken Krebspatienten erstaunt darüber, wie viele von ihnen ihre Krise und ihre Gefahr als eine Gelegenheit für Wandel nutzten. Sie berichten von erstaunlichen Verschiebungen, inneren Verwandlungen, die nicht anders als als »Persönlichkeitswachstum« charakterisiert werden können:

• Ein neues Arrangement der Prioritäten im Leben: eine Trivialisierung des Trivialen.

• Ein Gefühl der Befreiung: die Fähigkeit, darüber zu entscheiden, Dinge nicht zu tun, wenn sie nicht wollten.

• Ein gesteigertes Gefühl für das Leben in der unmittelbaren Gegenwart, statt das Leben bis zur Pensionierung oder einem anderen Zeitpunkt in der Zukunft zu verschieben.

• Eine lebhafte Wertschätzung der elementaren Tatsachen des Lebens: Wandel der Jahreszeiten, Wind, fallende Blätter, letztes Weihnachtsfest und so weiter.

• Tiefergehende Kommunikation mit geliebten Menschen als vor der Krise.

• Weniger zwischenmenschliche Ängste, weniger Besorgnis, zurückgewiesen zu werden, größere Bereitschaft, Risiken auf sich zu nehmen als vor der Krise.

Senator Richard Neuberger beschrieb diese Verwandlungen kurz vor seinem Tod durch Krebs:

Ein Wandel ergriff mich, von dem ich glaube, dass er nicht wieder rückgängig zu machen ist. Fragen des Prestiges, des politischen Erfolges, des finanziellen Status’ wurden auf einmal unbedeutend. In jenen ersten Stunden, als mir bewusst wurde, dass ich Krebs hatte, dachte ich nicht an meinen Sitz im Senat, an mein Bankkonto oder an das Schicksal der freien Welt … meine Frau und ich hatten keinen Streit, seit meine Krankheit diagnostiziert wurde. Ich pflegte sie auszuschimpfen, weil sie die Zahnpasta von oben herausdrückte statt von unten her, weil sie nicht genügend für meinen sehr eigenwilligen Appetit gesorgt hatte, weil sie eine Gästeliste anfertigte, ohne mich zu befragen, weil sie zu viel für Kleider ausgab. Jetzt sind mir diese Dinge entweder nicht bewusst oder sie scheinen mir unbedeutend …

Stattdessen kam eine neue Wertschätzung von Dingen, die ich einst für selbstverständlich hielt – mit einem Freund zusammen Essen gehen, Muffets Ohren kraulen und ihrem Schnurren zuhören, die Gesellschaft meiner Frau, ein Buch oder eine Zeitschrift in dem ruhigen Lichtkegel meiner Nachttischlampe lesen, den Kühlschrank plündern: ein Glas Orangensaft oder ein Stück Kuchen. Zum ersten Mal glaube ich, dass ich das Leben genieße. Schließlich werde ich mir bewusst, dass ich nicht unsterblich bin. Es schaudert mich, wenn ich an all die Gelegenheiten denke, die ich mir – selbst als ich bei bester Gesundheit war – durch falschen Stolz, künstliche Werte und eingebildete Kränkungen verdarb.20

Wie verbreitet sind positive persönliche Veränderungen nach einer Konfrontation mit dem Tod? Die Krebspatienten, die ich untersuchte, waren eine von mir selbst ausgewählte Stichprobe von psychologisch interessierten Frauen mit Krebs, die sich entschieden hatten, eine Selbsthilfegruppe für Krebspatientinnen aufzusuchen. Um die allgemeine Verbreitung dieses Phänomens zu untersuchen, entwarfen mein Kollege und ich ein Forschungsprojekt, um Patienten in einem rein medizinischen Kontext zu studieren.21 Wir entwarfen einen Fragebogen, um einige dieser persönlichen Verwandlungen zu messen, und teilten ihn nacheinander an siebzig Patienten aus, die zur Behandlung ihrer Brustkrebsmetastasen Onkologen aufsuchten. Es handelt sich um ambulante Patienten: Nur wenige von ihnen hatten physische Schmerzen oder Behinderungen. Sie alle kannten die Diagnose und wussten auch, dass sie, obwohl sie noch einige Monate oder sogar Jahre leben konnten, schließlich an ihrer Krankheit sterben würden. Ein Teil des Fragebogens bestand aus siebzehn Aussagen über Persönlichkeitswachstum, jede der Patienten wurde gebeten, auf einer Fünferskala (die von »fast nie« bis »immer« reichte) Einschätzungen für zwei Zeitperioden zu geben: »vor« dem Ausbruch des Krebses und »jetzt«.

1. Ich kommuniziere offen mit meinem Ehemann.

2. Ich schätze die Schönheit der Natur.

3. Ich habe ein Gefühl persönlicher Freiheit.

4. Ich versuche, mit meinen Kindern offen zu reden.

5. Es ist wichtig, dass mich jeder mag.

6. Ich habe viel Spaß am Leben.

7. Ich bin im Gespräch ehrlich und frei.

8. Ich tue nur die Dinge, die ich wirklich tun will.

9. Ich lebe mehr in der Gegenwart als in der Vergangenheit oder Zukunft.

10. Ich habe Augenblicke tiefer Gelassenheit.

11. Ich trete für meine persönlichen Rechte ein.

12. Ich habe ein Empfinden für psychisches Wohlbefinden.

13. Ich teile mich meinen Freunden offen mit.

14. Ich habe das Gefühl, dass ich anderen etwas Wertvolles über das Leben beibringen kann.

15. Ich bin in der Lage, das zu wählen, was ich tun will.

16. Mein Leben hat Sinn und Zweck.

17. Religiöser/spiritueller Glaube hat große Bedeutung für mich.

Als wir die Ergebnisse überprüften, erfuhren wir, dass die Mehrheit der Patienten keinen Wandel zwischen »vorher« und »jetzt« eingeschätzt hatten. Bei denjenigen Patienten jedoch, die über Unterschiede zwischen »vorher« und »jetzt« berichteten, gingen die Unterschiede fast einheitlich in Richtung größeren Wachstums seit des Ausbruchs des Krebses. Mehr Patienten berichteten über positive statt negative Veränderungen bei vierzehn von siebzehn Items.

Die einzigen zwei Items, die das Gegenteil anzeigten, waren Item 3 (»Ich habe ein Gefühl persönlicher Freiheit«), was wahrscheinlich, wie ich glaube, von den größeren physischen Beschränkungen beeinflusst war, unter denen die Krebspatienten litten, und Item 13 (»Ich teile mich meinen Freunden offen mit«). Die Erklärung für die gegenteilige Einschätzung bei letzterem mag in der Tatsache liegen, dass viele der Freunde der Patienten extremes Unbehagen zeigten; die Patienten fanden heraus, dass während einige enge Beziehungen gestärkt wurden, viele andere belastet waren.

In einigen der Items wurden signifikante Unterschiede deutlich: Beispielsweise berichteten achtzehn Patienten bei Item 14 (»Ich habe das Gefühl, dass ich anderen etwas Wertvolles über das Leben beibringen kann«) eine positive Veränderung, drei eine negative; bei Item 11 (»Ich trete für meine persönlichen Rechte ein«) – zwölf positive, drei negative Veränderungen; bei Item 2 (»Ich schätze die Schönheit der Natur«) – elf positive, zwei negative Veränderungen. Wer würde vermuten, dass unheilbarer Krebs die »Augenblicke tiefer Gelassenheit« (Item 10) eines Menschen vermehren würde? Und doch berichteten achtzehn Patienten von solch einem Zuwachs (im Gegensatz zu acht, die von einer negativen Veränderung berichteten). Ein anderer Teil des Fragebogens untersuchte die Veränderungen in der Intensität verbreiteter Ängste. Neunundzwanzig Ängste wurden aus einer Standardliste von Ängsten ausgewählt, und die Patienten wurden gebeten, deren Ausmaß einzuschätzen (»vor« dem Krebs und »jetzt«).

1. Tote Menschen

2. Wütende Menschen

3. Trennung von Freunden

4. Geschlossene Räume

5. Sich von anderen zurückgewiesen fühlen

6. Sich missbilligt fühlen

7. Ignoriert werden

8. Dunkelheit

9. Menschen mit Deformierungen

10. Fehler machen

11. Albern aussehen

12. Die Kontrolle verlieren

13. Mit Entscheidungen beauftragt oder dafür verantwortlich sein

14. Geisteskrank werden

15. Schriftliche Tests machen

16. Von anderen berührt werden

17. Sich anders als die anderen fühlen

18. Allein sein

19. An einem fremden Ort sein

20. Öffentlich reden

21. Schlechte Träume

22. Fehlschläge

23. Einen Raum betreten, in dem schon andere Menschen sitzen

24. Von hohen Gebäuden herunterschauen

25. Fremde

26. Sich ärgerlich fühlen

27. Autoritätspersonen

28. Gesprächspausen

29. Kriechende Insekten

Die Ergebnisse dieses Fragebogens deuteten auf den gleichen Trend wie bei den persönlichen Wachstums-Items hin, jedoch nicht in der gleichen Größenordnung. Bei neun Items berichteten die Patienten von größerer Angst seit dem Ausbruch des Krebses; bei einem Item gab es eine gleichmäßige Umverteilung (genauso viele Patienten berichteten von weniger Angst »jetzt«, wie von mehr Angst »jetzt«); und bei neunzehn der neunundzwanzig Items berichteten mehr Patienten von weniger Ängsten »jetzt« als »vor« dem Ausbruch ihrer Krebskrankheit.

Die meisten Therapeuten können anekdotisches klinisches Material beisteuern, um das zu veranschaulichen. Viele Therapeuten haben mit Patienten gearbeitet, die mitten in der Therapie eine Auseinandersetzung mit dem Tod hatten, was zu einem raschen Wandel in der Lebensperspektive und zu einer Neuordnung der Prioritäten im Leben führte. In der Literatur gibt es kaum weitere Untersuchungen über dieses Phänomen. Einige Studien22 wurden bei hospitalisierten Patienten, die dem Tode nahestanden, durchgeführt und berichten von viel negativeren Befunden als in unserer Studie; aber solche Patienten sind oft isoliert, kachektisch und haben große Schmerzen. Vor kurzem nahm sich ein Krebspatient Kübler-Ross wegen eben dieser Angelegenheit vor und betonte, dass die »Stadien« des Sterbens bei Kübler-Ross durch eine kachektische Krankenhauspopulation verzerrt würden und sie die »goldene Periode« übersah, die sich ereignet, wenn ein Patient Zeit hat, um seine Begegnung mit dem Tod zu assimilieren.23

Schmitt hatte eine Patientin, die ein Nierenversagen extrem nah an den Tod herangeführt hatte. Nach einer langen Periode der Nierendialyse hatte die Patientin eine erfolgreiche Nierentransplantation und kehrte mit einem Gefühl sowohl physischer wie psychischer Wiedergeburt in das Leben zurück. Sie beschreibt ihre Erfahrung:

Wirklich die einzige Möglichkeit, wie ich mich beschreiben kann, ist, dass ich von mir selbst glaube, zwei Leben gehabt zu haben. Ich nenne sie sogar die erste und die zweite Kathy. Die erste Kathy starb während der Dialyse. Angesichts des Todes konnte sie es nicht länger durchstehen. Eine zweite Kathy musste geboren werden. Das ist die Kathy, die mitten im Tod geboren wurde … die erste Kathy war eine frivole Göre. Sie lebte immer nur von einer Minute zur anderen. Sie stritt sich über kaltes Essen in der Cafeteria herum, über die Langweiligkeit chirurgischer Vorlesungen für Krankenschwestern, über die Unfairness ihrer Eltern. Ihr Ziel im Leben war es, am Wochenende Spaß zu haben … die Zukunft war weit weg und von nur geringem Interesse. Sie lebte nur für Trivialitäten.

Aber die zweite Kathy – das bin ich jetzt. Ich bin verrückt nach Leben. Schau dir die Schönheit des Himmels an! Er ist herrlich blau! Ich gehe in einen Blumengarten, und jede Blume nimmt so fantastische Farben an, dass ich von ihrer Schönheit benommen bin … Eines weiß ich: Wäre ich meine erste Kathy geblieben, hätte ich mein ganzes Leben verspielt und ich hätte niemals gewusst, was Freude am Leben bedeutet; ich musste dem Tod Auge in Auge begegnen, bevor ich leben konnte. Ich musste sterben, um zu leben.24

Eine ungewöhnliche Begegnung mit dem Tod bewirkte einen Wendepunkt im Leben Arthurs, eines Alkoholpatienten. Der Zustand des Patienten ver schlechterte sich ständig. Er hatte mehrere Jahre lang stark getrunken und hat keine Periode der Nüchternheit gehabt, die lang genug gewesen wäre, um effektiven psychotherapeutischen Kontakt zu ermöglichen. Er kam in eine Therapiegruppe, und eines Tages kam er so vergiftet in die Sitzung, dass er bewusstlos wurde. Die Gruppe setzte ihr Treffen fort, mit dem bewusstlosen Arthur auf der Couch, diskutierte darüber, was sie mit Arthur tun sollten, und brachten ihn schließlich geschlossen von der Sitzung ins Krankenhaus.

Glücklicherweise wurde die Sitzung auf Video aufgenommen, und später, als Arthur das Videoband ansah, hatte er eine tiefe Begegnung mit dem Tod. Alle hatten sie ihm jahrelang gesagt, dass er sich zu Tode trinken würde. Aber bis zu dem Zeitpunkt, als er das Videoband sah, hatte er dies niemals wirklich für möglich gehalten. Das Videoband von ihm selbst, ausgestreckt auf der Couch, und den Gruppenmitgliedern, die um seinen Körper herumstanden und über ihn redeten, hatte eine unheimliche Ähnlichkeit mit dem Begräbnis seines Zwillingsbruders, der ein Jahr zuvor an Alkoholismus gestorben war. Er stellte sich selbst bei seiner eigenen Totenwache vor, auf einer Bahre ausgestreckt und umgeben von Freunden, die über ihn redeten. Arthur war von der Vision tief erschüttert, begann die längste Periode der Nüchternheit, die er in seinem Erwachsenenleben hatte, und ließ sich zum ersten Mal auf therapeutische Arbeit ein, die schließlich sehr nützlich für ihn war.

Mein Interesse an existenzieller Therapie wurde zu einem großen Teil dadurch geweckt, dass ich vor vielen Jahren Zeuge der Wirkung des Todes auf eine meiner Patientinnen war. Jane war eine fünfundzwanzigjährige ewige Collegestudentin, die in die Therapie kam, weil sie niedergeschlagen war, schwere gastritische Funktionsstörungen hatte und sich dauernd hilflos und nutzlos fühlte. In ihrer ersten Sitzung präsentierte sie ihr Problem in diffuser Weise und jammerte wiederholt: »Ich weiß nicht, was los ist.« Ich wusste nicht, was sie mit dieser Aussage meinte, und weil sie in eine lange Litanei der Selbstabwertung eingeflochten war, vergaß ich sie bald. Ich führte Jane in eine Therapiegruppe ein, und in der Gruppe hatte sie wieder ein starkes Empfinden davon, dass sie nicht wusste, was los war. Sie wusste nicht, was mit ihr geschah, warum die anderen Mitglieder so desinteressiert an ihr waren, warum sie eine Gesprächsparalyse entwickelte, warum sie masochistische Beziehungen mit anderen Mitgliedern herstellte, warum sie so fixiert auf den Therapeuten war. Das Leben war zu einem großen Teil ein Geheimnis, etwas »außerhalb«, das ihr zustieß, etwas, das auf sie herabregnete.

In der Therapiegruppe war Jane ängstlich und langweilig. Jede ihrer Aussagen war vorhersagbar; bevor sie sprach, suchte sie das Meer der Gesichter in der Gruppe nach Anzeichen darauf ab, was andere wollten, und dann formte sie ihre Aussage so, dass möglichst viele Leute erfreut waren. Alles nur um zu vermeiden, dass andere beleidigt oder abgestoßen waren. (Was natürlich geschah, war, dass die Leute sich abwendeten, nicht aus Ärger, sondern aus Langeweile.) Es war klar, dass sich Jane chronisch vom Leben zurückzog. Jeder in der Gruppe versuchte, »die wirkliche Jane« in dem Kokon der Fügsamkeit, den sie um sich gesponnen hatte, zu finden. Sie versuchten, Jane zu ermutigen; sie drängten sie, Gesellschaft zu suchen, zu studieren, das letzte für ihre Graduierung nötige Examenspapier zu schreiben, sich Kleider zu kaufen, ihre Rechnungen zu bezahlen, sich zu pflegen, ihr Haar zu kämmen, ihren Lebenslauf zu schreiben, sich nach Jobs umzusehen.

Diese Ermahnungen, wie die meisten Ermahnungen in der Therapie, waren nicht erfolgreich, und deshalb versuchte die Gruppe eine andere Taktik: Sie drängten Jane, sich die Verlockungen und den Segen des Versagens vor Augen zu führen. Was hatte sie davon? Warum war das Versagen so lohnenswert? Diese Fragerichtung war produktiver, und wir erfuhren, dass der Lohn beträchtlich war. Zu versagen hielt Jane jung, hielt sie geschützt, hielt sie davon ab, Entscheidungen zu treffen. Die Idealisierung und Anbetung des Therapeuten diente demselben Zweck. Die Hilfe war »da draußen«. Ihre Aufgabe in der Therapie, wie sie sie sah, war, sich so schwach zu geben, bis der Punkt erreicht war, an dem der Therapeut seine königliche Berührung nicht mehr guten Gewissens zurückhalten konnte.

Das kritische Ereignis in der Therapie trat ein, als Jane einen großen, bedrohlichen Lymphknoten in der Achsel entwickelte. Die Gruppe traf sich am Dienstagabend; zufällig musste sie am Dienstagmorgen eine Biopsie machen lassen und vierundzwanzig Stunden warten, bevor sie erfuhr, ob der Knoten bösartig war. An diesem Abend kam sie in Panik zum Treffen. Sie hatte zuvor niemals über ihren eigenen Tod nachgedacht, und die Sitzung war sehr wirkungsvoll für sie, da die Gruppe ihr half, sich ihren Ängsten zu stellen und sie auszudrücken. Ihre überwältigende Erfahrung war eine schreckliche Einsamkeit – eine Einsamkeit, die sie immer am Rande des Bewusstseins wahrgenommen und immer gefürchtet hatte. Bei dieser Sitzung wurde Jane auf einer tiefen Ebene bewusst, dass sie dem Tod letztlich allein gegenübertreten musste, ganz gleich, was sie tat, ganz gleich, wie sehr sie sich schwach machte – niemand konnte für sie eintreten, niemand konnte ihren Tod für sie sterben.

Am nächsten Tag erfuhr sie, dass der Lymphknoten gutartig war, aber trotzdem waren die psychischen Wirkungen der Erfahrung tiefgreifend. Viele Dinge begannen nun für Jane zu zusammen zu kommen. Sie fing an, Entscheidungen auf eine Art und Weise zu fällen, wie sie es nie zuvor getan hatte, und sie übernahm das Steuer ihres Lebens. Bei einer Sitzung meinte sie: »Ich glaube, ich weiß, was los ist.« Ich hatte ihre ursprüngliche Beschwerde seit langem vergessen, aber jetzt erinnerte ich mich daran und verstand sie schließlich. Es war wichtig für sie gewesen, nicht zu wissen, was los war. Sie hatte versucht, die Einsamkeit und den Tod, der das Erwachsenenleben begleitet, mehr als alles andere zu vermeiden. Auf magische Weise hatte sie versucht, den Tod zu besiegen, indem sie jung blieb, indem sie Entscheidung und Verantwortung vermied, indem sie sich entschied, an den Mythos zu glauben, dass immer jemand da sein würde, der für sie entscheiden würde, der sie begleiten würde, der für sie da sein würde. Erwachsen werden, entscheiden, sich von anderen trennen bedeutet auch, sich der Einsamkeit und dem Tod zu stellen.

Zusammengefasst spielt der Begriff des Todes in der Therapie eine entscheidende Rolle, weil er in der Lebenserfahrung von jedem von uns eine entscheidende Rolle spielt. Tod und Leben sind interdependent: Obwohl die Physikalität des Todes uns zerstört, rettet uns die Idee des Todes. Die Anerkenntnis des Todes trägt zur Würze des Lebens bei, sorgt für einen radikalen Wandel in der Lebensperspektive und kann uns von einem Modus des Lebens, der durch Ablenkung, Beruhigung und kleinliche Ängste charakterisiert ist, in einen authentischeren Modus überführen. In den Beispielen der Personen, die nach der Begegnung mit dem Tod bedeutsame persönliche Wandlungsprozesse erlebten, finden sich offensichtliche und wichtige Implikationen für die Psychotherapie. Was wir brauchen, ist eine Technik, die es dem Psychotherapeuten erlaubt, dieses therapeutische Potenzial mit allen Patienten auszuschöpfen, statt von glücklichen Umständen oder dem Ausbruch einer tödlichen Krankheit abhängig zu sein. Ich werde im fünften Kapitel ausführlich auf diese Fragen eingehen.

Tod und Angst

Angst spielt solch eine zentrale und offensichtliche Rolle in der Psychotherapie, dass es nicht nötig ist, diesen Punkt weiter auszuführen. Der einzigartige Stellenwert der Angst zeigt sich in der traditionellen psychiatrischen Krankheitslehre deutlich daran, dass die bedeutenden psychiatrischen Syndrome »Reaktionen« genannt werden – psychotische Reaktionen, neurotische Reaktionen, psychophysische Reaktionen. Wir betrachten diese Zustände als Reaktionen auf die Angst. Es sind Versuche, wenn auch schlecht angepasste, mit der Angst fertig zu werden. Psychopathologie ein Vektor – die Resultante der Angst und der die Angst bekämpfenden Abwehrmechanismen des Individuums, sowohl der neurotischen als auch der charakterologischen. Die Therapeuten beginnen ihre Arbeit mit einem Patienten meist, indem sie sich auf die manifeste Angst, die Äquivalente der Angst oder die Abwehr, die das Individuum errichtet, um sich vor der Angst zu schützen, konzentrierten. Obwohl die therapeutische Arbeit sich in viele Richtungen hin ausdehnt, benutzen die Therapeuten Angst immer wieder als Leuchtturm oder Kompass. Sie arbeiten auf die Angst hin, decken ihre grundlegenden Quellen auf und versuchen als letztes Ziel, diese Quellen an der Wurzel zu packen und zum Versiegen zu bringen.

Todesangst: Eine einflussreiche Determinante menschlicher Erfahrung und menschlichen Verhaltens

Der Schrecken des Todes ist überall in solchem Ausmaß vorhanden, dass ein beträchtlicher Teil der Lebensenergie für die Verleugnung des Todes aufgebraucht wird. Die Transzendenz des Todes ist ein wesentliches Motiv in menschlicher Erfahrung – von den tiefsten innerpersönlichen Erscheinungen, unserer Abwehr, unseren Motiven, unseren Träumen und Albträumen, bis zu den ganz öffentlichen makrosozialen Strukturen, unseren Monumenten, Theologien, Friedhöfen, Einbalsamierungen, unserer Eroberung des Weltraums, ja unserer ganzen Lebensführung – im Ausfüllen unserer Zeit, in unserer Abhängigkeit von Ablenkungen, unserem unbeirrten Glauben an den Mythos des Fortschritts, unserem Drang »weiterzukommen«, unserer Sehnsucht nach dauerhaftem Ruhm.

Die urzeitlichen Gruppen von Menschen, die Moleküle sozialen Lebens, wurden, wie Freud spekulierte, aus Furcht vor dem Tod gebildet: Die ersten Menschen kauerten sich zusammen aus Angst vor dem Getrennt-Sein und einer Furcht vor dem, was in der Dunkelheit lauerte. Wir halten die Gruppe aufrecht, um uns selbst aufrechtzuerhalten, und die Geschichtsschreibung über die Gruppe ist eine symbolische Suche nach mittelbarer Unsterblichkeit. Tatsächlich ist Geschichte selbst, wie Hegel behauptete, das, was der Mensch mit dem Tod macht. Robert Jay Lifton hat verschiedene Modi beschrieben, mit denen der Mensch symbolische Unsterblichkeit zu erreichen sucht. Betrachten wir ihre durchgängigen kulturellen Implikationen: (1) der biologische Modus – durch seine Nachkommen leben, durch eine endlose Kette biologischer Zugehörigkeit; (2) der theologische Modus – Leben auf einer anderen, höheren Ebene der Existenz; (3) der kreative Modus – durch sein Werk weiterleben, durch die anhaltende Wirkung seiner persönlichen Schöpfungen oder Einflüsse auf andere (Lifton weist darauf hin, dass der Therapeut persönliche Befriedigung aus dieser Quelle schöpft: indem er seinem Patienten hilft, initiiert er eine endlose Kette, da die Kinder und Angehörigen seiner Patienten auf seinen Spuren wandeln); (4) das Thema ewiger Natur – man überlebt, indem man sich den treibenden Lebenskräften der Natur überlässt; (5) der Modus der transzendentalen Erfahrung, indem man »sich selbst verliert« in einen Zustand, der so intensiv ist, dass Zeit und Tod verschwinden, und man im »Kontinuum der Gegenwart«25 lebt.

Diese sozialen Verästelungen der Todesangst und der Suche nach Unsterblichkeit sind so weit verbreitet, dass sie weit über den Rahmen dieses Buches hinausreichen. Unter denen, die über diese Fragen schrieben, haben vor allem Norman Brown, Ernest Becker und Robert Jay Lifton auf brillante Weise gezeigt, wie die Todesangst das Gewebe unserer sozialen Strukturen durchdrungen hat. Mich interessieren hier die Wirkungen der Todesangst auf die innere Dynamik des einzelnen Menschen. Ich stelle die Behauptung auf, dass die Furcht vor dem Tod die primäre Quelle der Angst ist. Obwohl diese Position einfach ist und mit alltäglicher Intuition übereinstimmt, werden wir sehen, dass ihre Auswirkungen auf Theorie und klinische Praxis sehr weitläufig sind.

Todesangst: Definition

Lassen Sie mich zunächst die Bedeutung von »Todesangst« untersuchen. Ich werde abwechselnd verschiedene Begriffe verwenden: »Todesangst«, »Furcht vor dem Tod«, »tödlicher Schrecken«, »Furcht vor der Endlichkeit«. Die Philosophen sprechen von der Bewusstheit der »Zerbrechlichkeit des Seins« (Jaspers), der Furcht vor dem »Nicht-Sein« (Kierkegaard), der »Unmöglichkeit weiterer Möglichkeiten« (Heidegger) oder der ontologischen Angst (Tillich). Viele dieser Ausdrücke beinhalten Unterschiede in der Akzentuierung, da die Menschen die Todesangst auf sehr verschiedenartige Weise erfahren können. Können wir präziser sein? Was genau ist es, was wir am Tod fürchten?

Die Forscher, die diese Frage untersucht haben, weisen darauf hin, dass die Angst aus einer Vielzahl kleinerer, unterscheidbarer Ängste zusammengesetzt ist. Zum Beispiel haben James Diggory und Doreen Rothman eine große Stichprobe (N =563) aus der allgemeinen Bevölkerung gebeten, mehrere Konsequenzen des Todes in eine Rangordnung zu bringen. Dies waren die allgemeinen Ängste im Zusammenhang mit dem Tod nach abnehmender Häufigkeit:

1. Mein Tod würde meinen Verwandten und Freunden Kummer verursachen.

2. Alle meine Pläne und Vorhaben wären am Ende.

3. Der Prozess des Sterbens könnte schmerzhaft sein.

4. Ich könnte keine Erfahrungen mehr machen.

5. Ich wäre nicht mehr in der Lage, für diejenigen zu sorgen, die von mir abhängig sind.

6. Ich fürchte mich davor, was mit mir geschehen könnte, wenn es ein Leben nach dem Tode gibt.

7. Ich fürchte mich davor, was mit meinem Körper nach dem Tode geschehen könnte.26

Viele dieser Ängste scheinen den persönlichen Tod nur am Rande zu berühren. Die Ängste vor den Schmerzen liegen offensichtlich auf dieser Seite des Todes; Ängste wegen eines Lebens nach dem Tode fragen nach der Möglichkeit, den Tod in ein nicht terminiertes Ereignis zu verwandeln; Ängste um andere sind offensichtlich keine Ängste um uns selbst. Die Furcht vor persönlichem Ausgelöschtwerden scheint im Zentrum der Besorgnis zu stehen: »Meine Pläne und Vorhaben wären am Ende« und »Ich könnte keine Erfahrungen mehr machen.«

Jacques Choron kommt in einem Überblick über die hauptsächlichen philosophischen Ansichten vom Tod zu einer ähnlichen Analyse. Er unterscheidet drei Typen der Todesfurcht: (1) was nach dem Tod kommt, (2) das »Ereignis« des Sterbens und (3) aufhören zu sein.27 Von diesen sind die ersten beiden, wie Robert Kastenbaum hervorhebt, Ängste, die mit dem Tod verbunden sind.28 Es ist jedoch der dritte Typus, das »Aufhören zu sein« (Vernichtung, Auslöschung, zunichte machen), welcher die zentralere Angst vor dem Tod zu sein scheint; und es ist dieser Typus von Angst, auf den ich mich in diesen Kapiteln beziehe.

Kierkegaard war der erste, der eine deutliche Unterscheidung zwischen Furcht und Angst traf; er stellte Furcht, die eine Furcht vor einer Sache ( einem Etwas) ist, der Angst gegenüber, die eine Angst vor keiner Sache (einem Nichts) ist – »Nicht«, wie er fein festhält, »ein Nichts, mit dem das Individuum nichts zu tun hat.«29 Man hat Angst davor, sich selbst zu verlieren und zu nichts zu werden. Diese Angst kann nicht lokalisiert werden. Wie Rollo May sagt: »Sie greift uns von allen Seiten gleichzeitig an.«30 Einer Angst, die man weder verstehen noch lokalisieren kann, kann man sich nicht stellen, und sie wird darum umso schrecklicher: Sie erzeugt ein Gefühl der Hilflosigkeit, welches unabwendbar weitere Angst hervorbringt (Freud hatte den Eindruck, dass Angst eine Reaktion auf Hilflosigkeit war; Angst, schrieb er, »ist ein Signal, das uns Gefahr anzeigt,« und das Individuum erwartet, »dass sich eine Situation von Hilflosigkeit ergeben wird.«31

Wie können wir Angst bekämpfen? Indem wir sie von nichts zu etwas verlagern. Das ist es, was Kierkegaard meinte mit »das Nichts, welches zum Objekt der Angst wird, wird sozusagen immer mehr zu etwas.«32 Es ist das, was Rollo May mit »Angst versucht, zur Furcht zu werden« meinte.33 Wenn wir eine Angst vor nichts in eine Furcht vor etwas verwandeln können, kön nen wir eine Aktion beginnen, mit der wir uns selbst schützen – das heißt, wir können das, was wir fürchten, vermeiden, Verbündete dagegen suchen, magische Rituale entwickeln, um es zu besänftigen, oder eine systematische Aktion planen, um es zu entgiften.

Todesangst: Klinische Erscheinungsformen

Die Tatsache, dass Angst die Tendenz hat, zur Furcht zu werden, vereitelt den Versuch des Klinikers, die ursprüngliche Quelle der Angst zu identifizieren. Man begegnet ursprünglicher Todesangst selten in der klinischen Arbeit in ihrem Urzustand. Wie entstehender Sauerstoff wird sie rasch in einen anderen Zustand überführt. Um die Todesangst abzuwehren, entwickelt das kleine Kind Schutzmechanismen, die, wie ich im nächsten Kapitel ausführen werde, auf Verleugnung beruhen, durch mehrere Stadien gehen und schließlich aus einer hochkomplexen Folge mentaler Operationen bestehen, die die nackte Todesangst verdrängen und sie unter einer Schicht solcher Abwehroperationen verbergen wie Verschiebung, Sublimierung und Konversion. Gelegentlich zerreißt eine aufrüttelnde Erfahrung im Leben den Vorhang der Abwehr und erlaubt der rohen Todesangst, ins Bewusstsein einzubrechen. Das unbewusste Ich repariert den Riss jedoch schnell wieder und verbirgt erneut die Natur der Angst.

Ich kann das aufgrund meiner persönlichen Erfahrung veranschaulichen.

Während ich dabei war, dieses Buch zu schreiben, war ich an einem frontalen Autozusammenstoß beteiligt. Ich fuhr friedlich eine Vorortstraße entlang, als ich plötzlich einen Wagen, der außer Kontrolle geraten war und direkt auf mich zufuhr, bedrohlich näherkommen sah. Obwohl der Zusammenstoß heftig genug war, um beide Autos zu zerstören, und obwohl der andere Fahrer ernsthaft verletzt wurde, hatte ich Glück, und mir wurden keine bedeutsamen körperlichen Verletzungen zugefügt. Ich erreichte ein Flugzeug zwei Stunden später und war in der Lage, in einer anderen Stadt eine Vorlesung zu halten. Aber ich war zweifellos schwer erschüttert, ich fühlte mich benommen, war zitterig und konnte weder essen noch schlafen. Am Abend war ich unklug genug, mir einen schrecklichen Film (Carrie) anzusehen, der mich gründlich entsetzte, und ich verließ das Kino, bevor er zu Ende war. Ich kehrte ein paar Tage später nach Hause zurück, ohne offensichtliche psychische Nachwirkungen, abgesehen von gelegentlichen Schlafstörungen und Angstträumen.

Aber ein seltsames Problem tauchte auf. Zu dieser Zeit verbrachte ich ein Jahr als Stipendiat am Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences in Palo Alto, Kalifornien. Ich war gern mit meinen Kollegen zusammen und freute mich besonders auf die täglichen gemütlichen Diskussionen über gelehrte Fragen zur Mittagessenszeit. Unmittelbar nach dem Unfall entwickelte ich jedoch starke Angst bei diesen Mittag essen. Würde ich etwas von Bedeutung zu sagen haben? Was würden meine Kollegen von mir halten? Würde ich mich zum Narren machen? Nach einigen Tagen wurde die Angst so extrem, dass ich nach Entschuldigungen suchte, um woanders alleine essen gehen zu können. Ich begann jedoch auch, mein Dilemma zu analysieren, und eine Tatsache war überaus klar: Die Angst vor dem Mittagessen trat zum ersten Mal nach dem Autounfall auf. Außerdem war die starke Angst im Zusammenhang mit dem Unfall, bei dem ich nahe daran war umzukommen, innerhalb von ein oder zwei Tagen vollkommen verschwunden. Es war klar, dass es der Angst gelungen war, zur Furcht zu werden. Ein großes Maß an Todesangst war unmittelbar nach dem Unfall in mir aufgebrochen, und ich hatte sie in erster Linie durch Verschiebung »bearbeitet« – ich hatte sie von ihrer wahren Quelle abgespalten und sie an eine spezifische passende Situation geheftet. Meine grundlegende Todesangst erlebte daher nur ein kurzes Aufflackern, bevor sie zu solchen kleineren Sorgen wie Selbstwertgefühl, Furcht vor zwischenmenschlicher Zurückweisung oder Erniedrigung säkularisiert wurde.

Obwohl ich mit meiner Angst umgegangen war, sie »durchgearbeitet« hatte, hatte ich sie nicht gründlich beseitigt; und Spuren davon waren noch monatelang spürbar. Obwohl ich meine Mittagessensphobie durchgearbeitet hatte, tauchte eine Serie anderer Ängste auf – Ängste, einen Wagen zu fahren, Fahrrad zu fahren. Monate später, als ich zum Skifahren ging, war ich so vorsichtig, so ängstlich, dass etwas passieren könnte, dass mein Skivergnügen und meine Fähigkeiten beim Skifahren ernsthaft eingeschränkt waren. Doch diese Ängste konnten in Raum und Zeit lokalisiert und in einer systematischen Art und Weise behandelt werden. So störend sie auch waren, sie waren nicht grundlegend, sie bedrohten nicht mein Sein.

Zusätzlich zu diesen spezifischen Ängsten bemerkte ich einen anderen Wandel: Die Welt erschien gefährlich. Ich hatte in ihr mein Heimatgefühl verloren: Überall schien Gefahr zu lauern. Das Wesen der Realität hatte sich verändert, während ich das erfuhr, was Heidegger »unheimlich« [im Original dt.] nannte – die Erfahrung, »in der Welt nicht zu Hause zu sein«, die er als eine typische Konsequenz der Todesbewusstheit ansah (was ich bestätigen kann).34

Eine weitere Eigenart der Todesangst, die oft in der Literatur über geistige Gesundheit Verwirrung gestiftet hat, ist, dass die Furcht vor dem Tod auf vielen verschiedenen Ebenen erlebt werden kann. Man kann, wie ich ausgeführt habe, sich Sorgen machen über den Akt des Sterbens, die Furcht vor den Schmerzen beim Sterben, das Bedauern über unvollendete Vorhaben, man kann das Ende persönlicher Erfahrungen bedauern oder den Tod so rational und leidenschaftslos betrachten wie die Epikureer, die einfach den Schluss zogen, dass im Tod kein Schrecken ist, weil »wo ich bin, ist der Tod nicht; wo der Tod ist, bin ich nicht. Daher bedeutet der Tod mir nichts« (Lukrez). Wir sollten uns jedoch bewusst sein, dass diese Antworten bewusste erwachsene Reflexionen über das Phänomen des Todes sind; keinesfalls sind sie identisch mit der primitiven Angst vor dem Tod, die das Unbewusste beherbergt – eine Angst, die Teil des Gewebes des Seins ist, die früh im Leben – zu einer Zeit vor der Entwicklung exakten Begriffsverständnisses – gebildet wird, eine Angst, die kalt, unheimlich und roh ist, eine Angst, die vor und jenseits aller Sprache und allen Vorstellungsvermögens existiert.

Dem Kliniker begegnet die Todesangst in ihrer krassen Form selten: Diese Angst wird mit üblicher Abwehr gehandhabt (zum Beispiel Verdrängung, Verschiebung, Rationalisierung) und durch einige Abwehrmechanismen, die nur für sie spezifisch sind (s. u. Kap. 4). Natürlich sollte diese Situation uns nicht übermäßig beunruhigen: Sie gilt für jede Theorie der Angst. Primäre Angst wird immer in etwas weniger Giftiges für die Person umgewandelt; das ist die Funktion des ganzen Systems psychologischer Abwehrmechanismen. Es ist selten, dass ein Kliniker unverhohlene Kastrationsangst (um Freuds Bezugsrahmen zu verwenden) beobachten kann; stattdessen sehen wir einige Verwandlungen der Angst. Zum Beispiel kann ein männlicher Patient phobisch auf Frauen reagieren oder kann ängstlich beim Rivalisieren mit Männern in bestimmten sozialen Situationen sein oder kann dazu neigen, sexuelle Befriedigung in anderer Weise zu suchen als über sexuellen Kontakt mit dem anderen Geschlecht.

Ein Kliniker jedoch, der ein existenzielles Bezugssystem entwickelt hat, wird die »umgeformte« Todesangst erkennen und erstaunt sein, wie häufig und vielfältig sie in Erscheinung tritt. Lassen Sie mich ein paar klinische Beispiele anführen.

Ich begegnete vor Kurzem zwei Patienten, die Therapie nicht wegen existenzieller Angst suchten, sondern um alltägliche schmerzhafte Beziehungsprobleme zu lösen.

Joyce war eine dreißigjährige Universitätsprofessorin, die mitten im schmerzhaften Prozess einer Scheidung war. Sie hatte ihr erstes Rendezvous mit Jack, als sie fünfzehn war, und heiratete ihn mit einundzwanzig. Die Ehe war mehrere Jahre lang offensichtlich nicht gut gegangen, und sie hatten sich vor drei Jahren getrennt. Obwohl Joyce eine befriedigende Beziehung zu einem anderen Mann aufgenommen hatte, war sie nicht in der Lage, ihre Scheidung voranzutreiben. Tatsächlich bestand ihre Hauptbeschwerde, als sie die Therapie begann, in unkontrolliertem Weinen, wann immer sie mit Jack sprach. Eine Analyse ihres Weinens deckte mehrere wichtige Faktoren auf.

Erstens war es von höchster Bedeutung, dass Jack sie auch weiterhin liebte. Obwohl sie ihn nicht mehr liebte und begehrte, wünschte sie sich sehr, dass er oft an sie dachte und sie so liebte, wie er nie eine andere Frau geliebt hatte. »Warum?« fragte ich. »Jeder möchte, dass man sich an ihn erinnert«, antwortete sie. »Es ist ein Weg, wie ich meiner Nachwelt erhalten bleiben kann.« Sie erinnerte mich an das jüdische Kaddish-Ritual, das um die Annahme herum aufgebaut ist, dass man weiterexistiert, solange man in der Erinnerung seiner Kinder ist. Würde Jack sie vergessen, würde sie ein wenig sterben. (Allen Sharp beschreibt in A Green Tree in Geddes einen kleinen mexikanischen Friedhof, der in zwei Teile aufgeteilt ist: die »Toten«, deren Gräber noch mit Blumen geschmückt werden, die die sie Liebenden auf sie legen, und die »wirklich Toten«, deren Grabstätten nicht länger erhalten werden – keine lebende Seele erinnert sich ihrer.35 In einem bestimmten Sinn sterben auch viele andere, wenn eine sehr alte Person stirbt; die tote Person nimmt sie mit. All jene kürzlich gestorbenen, derer sich keiner mehr erinnert, sterben erst in diesem Moment »wirklich«.

Eine andere Quelle von Joyce’ Tränen war ihr Gefühl, dass sie und Jack schöne und wichtige gemeinsame Erfahrungen hatten. Sie hatte das Gefühl, dass diese Ereignisse ohne ihr Zusammensein zerrinnen würden. Das Schwinden der Vergangenheit gemahnt lebhaft an den gnadenlosen Fluss der Zeit. In dem Maß, in dem die Vergangenheit schwindet, verkürzt sich das Band der Zukunft. Joyce’ Ehemann half ihr, die Zeit einzufrieren – die Zukunft ebenso wie die Vergangenheit. Obwohl sie sich dessen nicht bewusst war, war es klar, dass Joyce Angst hatte, die Zukunft aufzubrauchen. Sie hatte zum Beispiel die Gewohnheit, niemals eine Aufgabe vollständig fertig zu machen. Wenn sie ihre Hausarbeit erledigte, ließ sie immer eine Ecke des Hauses ungeputzt. Sie hatte Angst, »fertig« zu sein. Sie begann niemals ein Buch zu lesen, ohne ein anderes auf ihrem Nachttisch zu haben, das darauf wartete, gelesen zu werden. Man fühlt sich an Proust erinnert, dessen Hauptwerke der Flucht vor »den verschlingenden Klauen der Zeit« gewidmet sind, indem er die Vergangenheit wieder einzufangen sucht.

Die Angst vor dem Versagen war noch ein anderer Grund, warum Joyce weinte. Das Leben war bis vor kurzem eine ununterbrochene Erfolgsleiter gewesen. In ihrer Ehe zu versagen bedeutete, dass sie, wie sie es oft formulierte, »genau wie jede andere« sein würde. Obwohl sie beachtliche Talente hatte, waren ihre Erwartungen doch zu grandios. Sie stellte sich vor, internationalen Ruhm zu erringen, vielleicht sogar den Gewinn eines Nobelpreises für ein Forschungsprogramm, das sie in Angriff nehmen wollte. Sollte dieser Erfolg nicht innerhalb von fünf Jahren eintreten, plante sie, ihre Energie der Literatur zu widmen und ein neues You can’t go home again (dt.: Es führt kein Weg zurück; Erfolgsroman von Thomas Wolfe aus dem Jahr 1940; [Anm. Übers.]) zu schreiben – obwohl sie niemals schriftstellerisch tätig war. Doch es gab einen Grund für ihr Gefühl der Besonderheit: Bis jetzt hatte sie bei keinem Erreichen jedes ihrer Ziele versagt. Das Scheitern ihrer Ehe war die erste Unterbrechung ihres Aufstiegs, die erste Herausforderung für ihre solipsistische, anmaßende Welt. Das Scheitern der Ehe bedrohte ihr Gefühl der Besonderheit, das, wie ich im vierten Kapitel erörtern werde, einer der verbreitetsten und mächtigsten, den Tod verleugnenden Abwehrmechanismen ist.

Joyce’ allgemeines Problem hatte also Wurzeln, die zur ursprünglichen Todesangst zurückführten. Für mich als existenziell orientiertem Therapeuten hatten diese klinischen Phänomene – der Wunsch, geliebt und ewig erinnert zu werden, der Wunsch, die Zeit einzufrieren, der Glaube an die persönliche Unverletzlichkeit, der Wunsch, miteinander zu verschmelzen – alle die gleiche Funktion für Joyce: die Todesangst zu mildern. Als sie jedes von ihnen analysierte und die gemeinsame Quelle dieser Phänomene allmählich verstand, besserte sich Joyce’ klinisches Bild beträchtlich. Am überraschendsten war, dass sie, als sie ihr neurotisches Verlangen nach Jack aufgab und ihn nicht länger dafür benutzte, dem Tod zu trotzen, in der Lage war, sich ihm zum ersten Mal in einer wahrhaft liebevollen Weise zuzuwenden und die Ehe auf einer völlig neuen Basis zu gestalten. Aber das ist ein anderes Thema, das ich im achten Kapitel ansprechen werde.

Dann gab es da eine dreißigjährige alleinstehende Frau, Beth, die wegen ihrer Unfähigkeit, eine befriedigende Beziehung mit einem Mann herzustellen, zur Therapie kam. Sie hatte bei vielen vorhergehenden Gelegenheiten »schlecht gewählt«, wie sie es nannte, und hatte die Beziehung abgebrochen, weil sie ihr Interesse an dem Mann verlor. Während sie in Therapie war, wiederholte sie diesen Zyklus: Sie verliebte sich in einen Mann, geriet in einen quälenden Zustand der Unzufriedenheit und war schließlich nicht in der Lage, sich auf ihn einzulassen.

Als wir ihr Dilemma analysierten, wurde deutlich, dass sie sich gedrängt fühlte, eine dauerhafte Beziehung herzustellen: Sie hatte die Einsamkeit satt, hatte es satt, allein zu leben, und wünschte sich verzweifelt, Kinder zu haben. Der Druck nahm zu, weil sie sich Sorgen darüber machte, dass sie älter wurde und das gebärfähige Alter vorüberging.

Als ihr Liebhaber jedoch mit ihr über die Heirat sprechen wollte, geriet sie in Panik; und je mehr er sie drängte, desto ängstlicher wurde sie. Beth verglich die Ehe damit, an der Wand festgenagelt zu werden: Sie wäre für immer in der gleichen Art festgelegt, wie Tiere in der Biologie durch Formaldehyd fixiert werden. Es war wichtig, weiter zu wachsen, jemand anderes zu werden, jemand anderes zu werden als sie war; und sie fürchtete, ihr Liebhaber wäre zu genügsam, zu zufrieden mit sich und dem Leben. Allmählich wurde Beth die Bedeutung dieses Motivs für ihr Leben bewusst. Sie hatte nie in der Gegenwart gelebt. Selbst wenn sie aß oder ein Mahl servierte, war sie schon einen Gang voraus; wenn sie das Hauptgericht aß, waren ihre Gedanken bei dem Nachtisch. Sie hatte oft mit Schrecken über das »sich Niederlassen« nachgedacht, das sie mit »sich zur Ruhe setzen« gleichsetzte. »Ist das alles, was es im Leben gibt?« fragte sie sich oft selbst, wenn sie über Heirat oder irgendeine andere Form des Sich- Einlassens nachdachte.

Als Beth in der Therapie in diese Bereiche eintauchte – ihr Zwang, immer einen Schritt weiter zu sein, ihre Angst vor dem Altwerden, vor dem Tod und dem Stillstand – wurde sie noch ängstlicher als je zuvor. An einem Abend nach einer Sitzung, in der wir besonders tief geforscht hatten, erlebte sie außergewöhnliche panische Angst. Als sie ihren Hund ausführte, hatte sie das unheimliche Gefühl, dass sie von irgendeinem unwirklichen Wesen verfolgt wurde. Sie schaute nach allen Seiten hinter sich, fing schließlich an zu rennen und eilte nach Hause. Später brach ein Regensturm los, und sie lag die ganze Nacht mit der irrationalen Angst wach, dass das Dach weggerissen oder ihr Haus weggespült werden würde. Wie ich im fünften Kapitel ausführen werde, tritt oft eine Verstärkung der Angst ein, wenn die Furcht vor etwas (in Beth’s Fall die Furcht vor der Ehe oder davor, die falsche Wahl zu treffen) verstanden wird als das, was sie tatsächlich ist – eine Furcht vor nichts. Für Beth waren sowohl der Druck zu heiraten als auch die Furcht vor der Ehe teilweise ein oberflächlicher Widerhall des tieferen Kampfes, bei dem es um die Todesangst ging.

Viele Kliniker haben die Gegenwart und die Transformation der Todesangst durch das ganze Spektrum klinischer Pathologie hindurch beschrieben. Das vierte Kapitel handelt davon in größerer Ausführlichkeit, und ich brauche es hier nur anzudeuten. R. Skoog berichtet, dass über siebzig Prozent der Patienten mit schwerer Zwangsneurose vor dem Ausbruch der Krankheit eine Todeserfahrung hatten, die ihre Sicherheit bedrohte. In dem Maß, in dem das Syndrom sich entwickelt, sind die Patienten zunehmend damit beschäftigt, ihre Welt zu kontrollieren und das Unerwartete oder Zufällige zu verhindern. Die Patienten vermeiden Unordnung und Unsauberkeit und entwickeln Rituale, um das Übel und die Gefahr abzuwenden.36 Erwin Strauss bemerkt, dass die Abscheu des zwanghaften Patienten vor Verfall, Krankheit, Krankheitserregern und Schmutz eng verknüpft mit der Furcht vor persönlicher Auslöschung ist.37 W. Schwidder beobachtet, dass diese zwanghaften Abwehrmechanismen beim Abfedern der Todesangst nicht vollständig wirksam waren. Bei einer Studie von über hundert zwanghaft phobischen Patienten stellte er fest, dass ein Drittel von ihnen Enge und Dunkelheit fürchteten, und ein etwas größerer Anteil hatte ausdrückliche Todesangst.38

Herbert Lazarus und John Kostan betonen in einer ausführlichen Studie des Hyperventilationssyndroms (ein extrem häufiger Zustand: zwischen fünf und zehn Prozent aller Patienten, die einen Arzt aufsuchen, leiden an diesen Beschwerden) die darunter liegende Dynamik der Todesangst, die in eine Serie anderer Phobien transformiert wird. Die Unfähigkeit, die Todesangst genügend zu binden, führt zu der Hyperventilationspanik.39

D. B. Friedman beschreibt einen zwanghaften Patienten, dessen Todesangst die Form des zwanghaften Gedankens annahm, dass er von jedem vergessen würde. Damit verknüpft war seine fixe Idee, dass er immer die aufregenden Sachen in der Welt um ihn herum verpasste: »Etwas wirklich Neues geschieht nur, wenn ich nicht da bin, vor meiner Zeit oder nach meiner Zeit, bevor ich geboren wurde oder nachdem ich tot bin.«40

Die Todesangst wird bei dem hypochondrischen Patienten, der ständig mit der Sicherheit und dem Wohlbefinden seines oder ihres Körpers beschäftigt ist, nur spärlich verkleidet. Hypochondrische Krankheit bei einem Patienten beginnt häufig nach einer ernsten Erkrankung des Patienten oder von jemandem, der ihm oder ihr nahesteht. Früh im Verlauf dieser Krankheit, bemerkt V. Kral, gibt es eine direkt erfahrene Furcht vor dem Tod, die später in viele Körperorgane diffundiert.41

Mehrere klinische Untersuchungen haben von der zentralen Rolle der Todesangst beim Depersonalisations-Syndrom berichtet.42 Martin Roth zum Beispiel fand heraus, dass Tod oder ernste Erkrankung das bestürzende Ereignis bei über fünfzig Prozent der Patienten war, die von einem Depersonalisations-Syndrom berichteten.43

Diese neurotischen Syndrome haben einen gemeinsamen Zug: Obwohl sie unbequem sind und einen Patienten einengen, sind sie erfolgreich darin, ihn oder sie vor offener und erschreckender Todesangst zu beschützen.

Todesangst: Empirische Forschung

Während der letzten dreißig Jahre gab es einen kontinuierlichen, aber schwachen Strom empirischer Sozialforschung über den Tod. Praktisch jeder Forschungsbericht über den Tod beginnt mit einem Fanfarenruf für die Forschung und entweder einem Lamentieren oder einem verachtungsvollen Protest über das Fehlen sorgfältiger Untersuchung. Nachdem ich die Literatur durchgesehen habe, komme ich nicht umhin, eine ähnliche Beschwerde zu wiederholen. Auffällig ist der starke Kontrast zwischen spekulativer oder impressionistischen Literatur über den Tod einerseits und seiner methodischen Erforschung. Beispielsweise werden in einer Bibliografie über den Tod bis zum Jahre 1972 über 2.600 Bücher und Artikel aufgeführt; aber weniger als zwei Prozent sind empirische Forschungen, und nur eine Handvoll von ihnen hat direkte Bedeutung für die existenzielle Theorie und Therapie.

Diejenige Forschung, die auch nur im entferntesten bedeutsam ist für meine gegenwärtige Fragestellung, versucht die folgenden Fragen zu untersuchen: die Häufigkeit von Todesangst, Studien über die Korrelation des Ausmaßes an Todesangst mit einer Anzahl von Variablen – demografische (Alter, Geschlecht, Familienstand, Beruf, Religion, Bildung und so weiter), persönliche Faktoren (MMPI Dimensionen – Minnesota Multiple Personality lnventory; allgemeine Angst oder Depressionsniveaus) und Lebenserfahrungen (früher Verlust, Heimunterbringung) – und die Beziehung zwischen Todesangst und Psychopathologie oder anderen psychologischen Erfahrungen, besonders Fantasien, Träumen und Albträumen.

So weit, so gut. Wie jedoch Robert Kastenbaum und Ruth Aisenberg in ihrem wohldurchdachten Überblick feststellen, sind die Studien mit wenigen Ausnahmen entweder extrem begrenzt in ihrer Reichweite oder methodisch sehr fehlerhaft.44 Viele Studien untersuchen den Tod auf ungenaue Weise; beispielsweise versäumen sie es, zwischen der Furcht, die man vor seinem eigenen Tod, vor dem Tod eines anderen oder vor der Wirkung seines eigenen Todes auf die anderen hat, zu unterscheiden.

Ein schwierigeres Problem ist jedoch, dass die meisten Studien bewusste Einstellungen zum Tod oder bewusste Erscheinungsformen der Angst gemessen haben. Und um das Problem noch schwieriger zu machen: Die Studien benutzen (mit wenigen Ausnahmen45) Instrumente, die schnell konstruiert wurden, »selbstgestrickte« Skalen, deren Reliabilität oder Validität nicht erhärtet wurden.

Eine berufsbezogene Studie ist jedoch interessant. Medizinstudenten wurden untersucht, indem eine bewusste Todesangst-Skala und die »Autoritäts«- Skala (California Personality Inventory F scale) benutzt wurden. Eine negative Beziehung wurde zwischen der Todesangst und Autoritarismus festgestellt das heißt, je höher der Autoritarismus, desto niedriger die Todesangst und umgekehrt. Darüber hinaus hatten Medizinstudenten, die sich für die Psychiatrie entschieden, größere Todesangst (und waren weniger autoritär) als jene, die zur Chirurgie gingen.46 Vielleicht sind die Chirurgen gegen Todesangst besser gewappnet und Psychiater sich ihrer Todesangst mehr bewusst (vielleicht haben die grünschnäbeligen Psychiater auch mehr absolute Todesangst und kommen zum Berufsfeld für psychische Erkrankungen auf der Suche nach persönlicher Erleichterung).

Verschiedene Projekte berichten davon, dass tief religiöse Personen weniger Todesangst haben.47 Studenten, die einen Elternteil verloren haben, haben höhere Todesangst.48 Die meisten Studien zeigen wenig Unterschiede in Bezug auf das Alter,49 obwohl es eine positive Beziehung zwischen den Sorgen um den Tod und die Nähe des Todes gibt.50 Eine Studie über die verbreitetsten Ängste von eintausend Studenten koedukativer Colleges weist darauf hin, dass die Ängste, die mit dem Tod in Beziehung stehen, extrem wichtig in dieser Population sind.51

Verschiedene Projekte haben zwar demonstriert, aber nicht versucht zu erklären, dass Frauen ein höheres Bewusstsein der Todesangst haben als Männer.52

Eine groß angelegte Studie (N = 825) berichtet von keinen Männer-Frauen-Unterschieden, aber eine genaue Prüfung der Daten zeigte, dass die Frauen weniger geneigt waren als die Männer, beunruhigende Fragen im Fragebogen zu beantworten; zum Beispiel wurde ein Item (»Stellst du dir lebhaft dich selbst vor, wie du stirbst oder wie du tot bist«) nur von 78 Prozent der Frauen und von 98 Prozent der Männer beantwortet.53

Eine Betrachtung der bewussten Todesangst hat, auch wenn sie von einigem Interesse sein mag, wenig Bedeutung für das Verständnis der Persönlichkeitsstruktur und der Psychopathologie. Der Eckpfeiler dynamischer Psychologie ist genau der, dass starke Angst nicht bewusst bleibt: Sie wird verdrängt und »verarbeitet«. Einer der Hauptschritte im Umgang mit der Angstquelle besteht darin, sie abzuspalten oder den Affekt von dem Gegenstand zu isolieren. Deshalb kann man über den Tod mit nur geringem Unbehagen nachdenken und man kann verschobene Angst erleben mit geringem Zugang zu ihren wahren Quellen. Ein paar Studien, auf die ich gleich zurückkommen werde, waren sensibel für den Unterschied zwischen bewusster und unbewusster Todesangst und haben versucht, die Todesangst auf unbewussten Ebenen zu untersuchen. Sie haben Instrumente verwendet wie den TAT (Thematic Apperception Test), den Rorschach-Test, die Traumanalyse, den Wortassoziati onstest, den Satzvervollständigungstest sowie die tachistoskopische Projektion und galvanische Hautreaktion.

Todesangst und Psychopathologie

Bewusste Todesangst. Ein paar verstreute Berichte versuchen, bewusste Todesangst und Psychopathologie zu korrelieren. Es gibt eine positive Korrelation bei freiwilligen studentischen Versuchspersonen zwischen Todesangst und Neurotizismus (Neurotizismusskala von Eysenck).54 Gefängnisinsassen, die wegen »kleinerer« Vergehen eingesperrt waren (über die Vergehen werden keine weiteren Details angegeben), haben signifikant mehr Todesangst, Sorge um den Tod und mehr Angst vor Begräbnissen und medizinischen Krankheiten und sind sich häufiger bewusst, dass sie Gedanken über den Tod unterdrücken, als normale Kontrollgruppen.55 Bewusste Todesangst korreliert positiv mit der MMPI Depressionsskala bei alten Psychiatriepatienten; die Korrelation war tatsächlich so hoch, dass die Untersucher vorschlugen, die erhöhte Todesangst als Teil des depressiven Syndroms bei alten Menschen zu betrachten. Die gleiche Studie enthüllte keine Korrelation zwischen Todesangst und somatischer Symptomatologie (nach dem Cornell Medical Index).56 Möglicherweise taucht Somatisierung als Reaktion auf die Todesangst auf und dient als Auffangbecken für sie.

Obwohl die Studien auf ein Fehlen offener Todesangst bei der normalen älteren Bevölkerung hinweisen,57 zeigen diejenigen älteren Menschen, die psychologisch unreif oder psychiatrisch gestört sind, hohe Todesangst.58 Adoleszente tendieren dazu, höhere Todesangst zu zeigen als andere Altersgruppen; und wieder finden wir, dass Individuen, die Psychopathologien aufweisen (in dieser Studie werden sie als delinquente Handlungen von beträchtlicher Größenordnung, die Gefängnisstrafe rechtfertigen würden, definiert), mehr Todesangst ausdrücken als die Kontrollgruppen.59 Eine Studie über normale Mädchen und solche, die »subnormal« sind und in Heimen leben, zeigte, dass diejenigen, die im Heim lebten, offenere Furcht vor dem Tod hatten.60 In ähnlicher Weise fand ein anderer Forscher heraus, dass High School-Mädchen mit schlechten Leistungen erheblich größere Angst vor dem Tod hatten – »Oft so überwältigend, dass sie nur indirekt mitgeteilt werden kann.«61

Unbewusste Todesangst. Aber diese Studien über bewusste Einstellungen zum Tod und über Todesängste helfen wenig beim Verständnis der Rolle der Todesangst in der Psychodynamik. Verschiedene Forscher haben dementsprechend versucht, die unbewussten Besorgnisse über den Tod zu untersuchen. Feifel und seine Mitarbeiter haben drei Niveaus der Besorgnis definiert: (l) bewusst (gemessen durch die Einschätzung der Antworten auf die Frage »Fürchtest du dich vor deinem eigenen Tod?«); (2) Fantasie (gemessen durch Kodierung der Positivität oder Negativität der Reaktionen auf die Anweisung »Welche Ideen oder Bilder kommen dir in den Sinn, wenn du über deinen Tod nachdenkst?«); (3) unterhalb der Bewusstheitsebene (gemessen durch die durchschnittliche Reaktionszeit auf Todeswörter in einem Wortassoziationstest und einem Interferenztest mit Farbwörtern).62

Die Untersucher fanden heraus, dass die Sorgen bezüglich des Todes auf jeder dieser drei Ebenen stark variierten. Auf der bewussten Ebene verleugnete die größte Zahl der Personen (über 70 Prozent) eine Furcht vor dem Tod. Auf der Fantasie-Ebene verleugneten 27 Prozent Todesfurcht, 62 Prozent antworteten ambivalent und 11 Prozent zeigten deutliche Todesangst. Auf einem Niveau unterhalb der Bewusstheitsebene zeigten die meisten Personen eine beträchtliche Abneigung gegenüber dem Tod. Der wesentliche Unterschied zwischen normalen Neurotikern und Psychotikern war, dass die psychotische Person vermehrt eine übergreifende Todesangst zeigte als die anderen. Auf einem bewussteren Niveau nahmen ältere und religiösere Personen den Tod in einer »ziemlich positiven Stimmung wahr, erlagen aber der Angst in ihrem Innersten.«63 Obwohl diese Studien grobe Instrumente benutzen, zeigen sie dennoch die Notwendigkeit auf, die Sorge um den Tod auf verschiedenen Ebenen der Bewusstheit zu untersuchen.

In einem interessanten Experiment demonstrierte W. W. Meissner das Vorhandensein bedeutsamer unbewusster Angst.64 Er testete die galvanische Hautreaktion (GSR = Galvanic Skin Response) von normalen Personen, denen eine Serie von fünfzig Items vorgelegt wurde: dreißig neutrale Begriffe und zwanzig Todessymbole (zum Beispiel schwarz, eine niederbrennende Kerze, eine Reise, eine schlafende Person, einen Schweigsamen, eine Brücke überqueren). Die Todessymbole riefen eine signifikant größere GSR-Reaktion hervor als die Kontrollwörter.

Klass Magni testete unbewusste Todesangst auf andere Weise.65 Todesbedeutsame Szenen (Bilder von Begräbnissen, zerfallene und verstümmelte Körper und so weiter) wurden tachistoskopisch zunehmend längere Zeit projiziert. Magni maß die Zeit, die eine Person brauchte, um die Szene zu identifizieren und er wies nach, dass Theologiestudenten, die als Pfarrer in eine Gemeinde zu gehen planten, signifikant weniger Zeit brauchten, um die Szene zu identifizieren (und hatten daher vermutlich signifikant weniger unbewusste Todesangst) als Studenten, die in die Forschung oder Lehrerlaufbahn gehen wollten, wo sie weniger intensiv damit beschäftigt sein würden, anderen beizustehen. Mehrere Studien, die Interviewdaten66 oder TAT-Daten67 verwendeten, zeigen, dass Personen mit höherem neurotischen Niveau größere Todesangst haben.

Studien über unbewusste Todesangst bei älteren Menschen, die den TAT und Satzvervollständigungstests verwendeten, zeigen, dass ältere Personen, denen eigene Wohnräume, vergleichbar mit einem Familiensetting, zugewiesen wurden, signifikant weniger Todesangst haben als jene Personen, die in traditionellen Altersheimen wohnen.68 Darüber hinaus haben die alten Menschen weniger unbewusste Todesangst, wenn sie mit vielen Lebensaktivitäten beschäftigt sind.69 Todesangst nach dem TAT korreliert bei alten Menschen positiv mit den MMPI Neurose-Indikatoren (Hypochondrie, Abhängigkeit, Impulsivität und Depression).70 Eine Studie über unbewusste Todesangst (eine projektive Satzvervollständigungstechnik) bei einer Population von Erwachsenen mittleren bis höheren Alters zeigte, dass die jüngeren Erwachsenen mehr Todesangst hatten als die älteren Gruppen.71

Wenn die Furcht vor dem Tod eine primäre Quelle der Angst ist, dann sollte man sie in Träumen finden, wo unbewusste Themen oft in relativ unverkleideter Form auftauchen. Eine große normative Studie der Träume zeigte, dass offene Todesangst in 29 Prozent der Träume gefunden werden kann.72 Eine umfangreiche Studie von Albträumen deckte auf, dass die häufigsten Angstthemen in Träumen von Erwachsenen darin bestehen, entweder zu sterben oder ermordet zu werden. Die anderen gewöhnlichen Themen waren auch mit dem Tod verbunden: Ein Familienmitglied oder andere Personen, die sterben, oder das Leben des Träumenden wird durch einen Unfall bedroht oder dadurch, dass jemand ihn oder sie verfolgt.73 Korreliert das Maß an bewusster Todesangst mit der Anzahl an Albträumen über den Tod? Die Studien zeigen widersprüchliche Ergebnisse in Abhängigkeit von der spezifischen Todesangstskala, die verwendet wurde. Eine Person jedoch (besonders, wenn sie unter zehn Jahren alt ist), die den Tod naher Freunde oder von Verwandten erlitten hat, neigt häufiger dazu, Todesalbträume zu haben.74 Eine Studie berichtet von einem faszinierenden Befund: Es gibt eine nichtlineare Beziehung zwischen bewusster Todesangst und Todesthemen in Träumen.75 Mit anderen Worten: jene Personen, die sehr große oder sehr geringe bewusste Todesangst haben, tendieren dazu, vom Tod zu träumen. Möglicherweise spiegelt hohe bewusste Angst hohe unbewusste Angst in der Weise wider, dass diese nicht kontrolliert werden kann und in schlechte Träume (Albträume) sowie in das Bewusstsein eindringt. Sehr geringe bewusste Todesangst (weniger als man bei einem durchschnittlichen Menschen erwarten würde) kann starke unbewusste Todesangst widerspiegeln, die im Wachzustand durch Verleugnung und Verdrängung kontrolliert wird, aber die im Schlafzustand den Traumzensor überwältigt.

Zusammengefasst können wir sagen, dass die Literatur über Todesangst eine begrenzte Hilfe bei der Erweiterung unseres Verständnisses von der Rolle der Todesfurcht in der Psychopathologie und Psychotherapie bietet. Die meisten Forschungen bestehen aus Korrelationsstudien zwischen bewusster Todesangst (auf grob konstruierten Skalen) und einer Fülle von demografischen und psychometrischen Variablen. Diese Studien zeigen einige positive Korrelationen zwischen hoher Todesangst und Depression, frühem Verlust, fehlendem religiösen Glauben und beruflicher Entscheidung. Andere Studien erforschen tiefere Schichten des Bewusstseins und zeigen, dass ein beträchtlicher Teil der Todesangst außerhalb der Bewusstheit liegt; dass Todesangst zunimmt, wenn man sich von der bewussten zur unbewussten Erfahrung bewegt; dass uns die Furcht vor dem Tod in unseren Träumen beschleicht; dass alte Menschen den Tod mehr fürchten, wenn sie psychisch unreif sind oder wenn sie weniger Lebensaktivitäten haben, mit denen sie sich beschäftigen; und schließlich, dass Todesangst, sowohl bewusste wie auch unbewusste, mit Neurotizismus zusammenhängt.

Die Unaufmerksamkeit gegenüber dem Tod in der Theorie und Praxis der Psychotherapie

All die zuvor genannten Perspektiven des Todes – kulturelle Tradition, klinische Erfahrung und empirische Forschung – haben starke Implikationen für die Psychotherapie. Das Hineinnehmen des Todes in das Leben bereichert das Leben; es befähigt die Menschen, sich von erdrückenden Alltäglichkeiten zu befreien, zweckvoller und authentischer zu leben. Die volle Bewusstheit des Todes kann radikalen persönlichen Wandel unterstützen. Jedoch ist der Tod eine primäre Quelle der Angst; er durchdringt unsere innere Erfahrung, und wir verteidigen uns dagegen durch eine Anzahl persönlicher Dynamiken. Darüber hinaus resultiert Todesangst, mit der in einer schlecht angepassten Weise umgegangen wird, in einer breiten Variation von Anzeichen, Symptomen und Charakterzügen, die wir als »Psychopathologie« bezeichnen, wie ich im vierten Kapitel ausführen werde.

Trotz dieser zwingenden Gründe schließt der Dialog in der Psychotherapie den Todesbegriff selten ein. Der Tod wird in fast jeder Hinsicht im Bereich der psychischen Gesundheit übersehen, und zwar auf eklatante Weise: in der Theorie, in der Grundlagenforschung und in klinischer Forschung, in klinischen Berichten und in allen Formen klinischer Praxis. Die einzige Ausnahme liegt in dem Bereich, in dem der Tod nicht ignoriert werden kann – der Versorgung eines sterbenden Patienten. Die sporadischen Artikel, die vom Tod handeln und die tatsächlich in der psychotherapeutischen Literatur erscheinen, sind normalerweise in zweit- oder drittklassigen Zeitschriften zu finden und bleiben anekdotisch. Es sind Kuriositäten am Rande des Hauptstroms der Theorie und Praxis.

Klinische Fallberichte

Das Auslassen der Furcht vor dem Tod in klinischen Fallberichten, um ein Beispiel zu nehmen, ist so offensichtlich, dass man versucht ist, auf nicht weniger als eine Verschwörung des Schweigens zu schließen. Es gibt drei Hauptstrategien, wie man in klinischen Fallberichten mit dem Tod umgeht.

• Erstens, die Autoren lassen dieses Thema selektiv aus und berichten keinerlei Material, das mit dem Tod zusammenhängt.

• Zweitens, die Autoren präsentieren umfangreiche klinische Daten in Bezug zum Tod, aber ignorieren das Material vollständig bei der Formulierung der Dynamik des Falles. Dies ist beispielsweise der Fall in Freuds Fallgeschichten, und ich werde später Beweise dafür liefern.

• Drittens, die Autoren können klinisches Material präsentieren, das auf den Tod bezogen ist, aber wenn sie den Fall beschreiben, übersetzen sie »Tod« in ein Konzept, das mit einer bestimmten Ideologierichtung übereinstimmt.

In dem viel zitierten Artikel Die Einstellungen von Psychoneurotikern zum Tod, der in einer führenden Zeitschrift veröffentlicht wurde, präsentieren zwei hervorragende Kliniker, Walter Bromberg und Paul Schilder, mehrere Fallgeschichten, in denen der Tod eine herausragende Rolle spielt.76

Beispielsweise entwickelte eine weibliche Patientin akute Angst nach dem Tod einer Freundin, der gegenüber sie erotische Gefühle empfand. Obwohl die Patientin ausdrücklich feststellte, dass ihre persönliche Furcht vor dem Tod dadurch entfacht wurde, dass sie ihre Freundin sterben sah, schließen die Autoren, dass »ihre Angstreaktion gegen die unbewusste homosexuelle Bindung, mit der sie kämpfte, gerichtet war … ihr eigener Tod bedeutete die Wiedervereinigung mit der homosexuellen Geliebten, die verschieden war … sterben bedeutete eine Wiedervereinigung mit dem verleugneten Liebesobjekt.«

Eine andere Patientin, deren Vater Leichenbestatter war, beschrieb ihre starke Angst: »Ich habe mich immer vor dem Tod gefürchtet, ich fürchtete, ich würde aufwachen, während sie mich einbalsamierten, ich habe diese seltsamen Gefühle unmittelbar bevorstehenden Todes. Mein Vater war ein Leichenbestatter. Ich habe niemals an den Tod gedacht, wenn ich mit Leichen zu tun hatte … aber jetzt habe ich das Gefühl, ich möchte wegrennen … ich denke ständig daran … ich fühle mich, als ob ich ihn wegkämpfen würde.« Die Autoren schließen daraus, dass »die Angst vor dem Tod der Ausdruck eines unterdrückten Wunsches ist, passiv zu sein und von dem Vater-Leichenbestatter versorgt zu werden.« Ihrer Ansicht nach ist die Angst der Patientin das Produkt ihrer Selbstverteidigung gegen diese gefährlichen Wünsche und ihres Wunsches nach Selbstbestrafung für ihren inzestuösen Wunsch.

Die anderen Fallgeschichten im gleichen Artikel liefern weitere Beispiele der Übersetzung von Tod in das, was die Autoren für grundlegendere Ängste halten: »Tod bedeutet für diesen Jungen letzte sadomasochistische Befriedigung in einer homosexuellen Wiedervereinigung mit dem Vater« oder »Tod bedeutet für ihn die Trennung von der Mutter und ein Ende des Ausdrucks von seinen unbewussten libidinösen Wünschen.«

Man kann offensichtlich nur darüber staunen, warum es solch einen Drang zur Umdeutung gibt. Wenn das Leben eines Patienten durch eine Furcht beschnitten ist, sagen wir, vor offenen Räumen, Hunden, radioaktiven Störfällen, oder wenn jemand ständig mit zwanghaften Grübeleien über Sauberkeit, oder ob die Türen verschlossen sind, beschäftigt ist, dann scheint es einen Sinn zu haben, diese oberflächlichen Besorgnisse in grundlegendere Bedeutungen zu übersetzen. Aber res ipsa loquitur, eine Todesfurcht kann eine Todesfurcht sein und ist nicht übersetzbar in eine »tiefere« Furcht. Vielleicht ist es, wie ich später ausführen werde, nicht eine Übersetzung, die der neurotische Patient braucht; er oder sie ist vielleicht nicht außer Kontakt mit der Realität, sondern stattdessen zu nahe an der Wahrheit, weil er nicht in der Lage ist, normale »Verleugnungsmechanismen« wirken zu lassen.

Klinische Forschung

Unachtsamkeit gegenüber dem Todesbegriff hat auch weitreichende Implikationen für die klinische Forschung. Betrachten wir zum Beispiel den Bereich des Trauerns und des Verlustes. Obwohl viele Forscher die Anpassungsfähigkeit der Überlebenden peinlich genau untersucht haben, haben sie ständig versäumt zu berücksichtigen, dass der Überlebende nicht nur einen »Objektverlust« erlitten hat, sondern dass er auch dem Verlust seiner selbst begegnet ist. Unter dem Kummer um den Verlust eines anderen liegt die Botschaft: »Wenn deine Mutter (dein Vater, Kind, Freund, Partner) stirbt, dann wirst du auch sterben.« (Kurz nachdem einer meiner Patienten seinen Vater verlor, hatte er die Halluzination einer Stimme, die von oben auf ihn die Worte herabdröhnte: »Du bist der nächste.«) In einer viel zitierten Studie über Witwen im ersten Jahr nach ihrem Verlust berichtet der Forscher über Aussagen der Personen wie »Ich habe das Gefühl, dass ich am Rande einer schwarzen Grube entlanggehe« oder über Kommentare von der Art, dass sie die Welt jetzt als unsicheren und möglicherweise schädlichen Ort ansehen oder dass das Leben bedeutungslos und ohne Sinn zu sein scheint; oder dass sie wütend, aber ohne ein Ziel für diese Wut sind.77 Ich glaube, dass jede dieser Reaktionen, wenn sie tiefgehender erkundet würde, einen Forscher zu wichtigen Schlüssen über die Rolle des Verlusts als einer Erfahrung führen würde, die das Potenzial in sich hat, die Begegnung des Überlebenden mit seinem oder ihrem persönlichen Tod zu erleichtern. Der Forscher dieser Studie jedoch arbeitete, wie auch andere in ausführlichen Studien über Trauerfälle, die ich gelesen habe, innerhalb eines anderen Bezugsrahmens und versäumte es demgemäß, den reichen Boden zu beackern. Dieses Versäumnis ist ein weiteres beklagenswertes Beispiel der Verarmung, die erfolgt, wenn die Verhaltenswissenschaft spontan offensichtliche Wahrheiten ignoriert. Vor viertausend Jahren wusste der Protagonist in einem der ersten Schriftstücke, dem babylonischen Epos Gilgamesch, sehr wohl, dass der Tod seines Freundes Enkidu seinen eigenen Tod bedeutete: »Nun, was für ein Schlaf ist das, der dich ergriffen hat? Du wurdest dunkel und kannst mich nicht hören. Wenn ich sterbe, wird es mir nicht wie Enkidu ergehen? Kummer dringt in mein Herz, ich fürchte mich vor dem Tod.«78

Der Klinische Praktiker

Einige Therapeuten stellen fest, dass Sorgen bezüglich des Todes von den Patienten einfach nicht erwähnt werden. Ich glaube jedoch, dass das wirkliche Problem darin besteht, dass die Therapeuten nicht bereit sind, sie zu hören. Ein Therapeut, der empfänglich ist, der die Sorgen des Patienten tiefgehend erforscht, wird dem Tod ständig in seiner alltäglichen Arbeit begegnen.

Patienten, denen auch nur die kleinste Ermutigung gegeben wird, werden außerordentlich viel Material, das mit der Sorge über den Tod zusammenhängt, einbringen. Sie sprechen über den Tod von Eltern oder Freunden, sie machen sich Sorgen über das Altwerden, ihre Träume werden vom Tod heimgesucht, sie gehen zu Klassentreffen und sind schockiert, wie sehr die anderen gealtert sind, sie bemerken, wie die Kinder die Macht übernehmen; zuweilen merken sie plötzlich, dass sie sich an den Freuden der herumsitzenden alten Menschen erfreuen. Sie sind sich vieler kleiner Tode bewusst: Altersschwäche, Leberflecke auf ihrer Haut, graue Haare, steife Glieder, gebeugte Haltung, sich vertiefende Falten. Die Pensionierung naht, die Kinder verlassen das Haus, sie selbst werden Großeltern, ihre Kinder sorgen für sie, der Lebenszyklus erfasst sie. Andere Patienten mögen von Vernichtungsängsten sprechen: die verbreitete schreckliche Fantasie, dass irgendein mordbegieriger Angreifer sich Zugang zum Haus verschafft, oder angstvolle Reaktionen auf Gewalt im Fernsehen oder Kino. Die Arbeit in der Endphase in der Therapie ist bei jedem Patienten von Unterströmungen der Sorge über den Tod begleitet, wenn der Therapeut nur zuhört.

Meine persönliche klinische Erfahrung bestätigt die Allgegenwart von der Besorgnis über den Tod in hohem Maße. Während der ganzen Zeit, die ich an diesem Buch schrieb, ist mir sehr viel bis dahin unsichtbares klinisches Material aufgefallen. Zweifellos habe ich den Patienten in einem gewissen Ausmaß Stichworte gegeben, damit sie mich mit bestimmtem Beweismaterial versorgen. Aber ich glaube daran, dass es im Großen und Ganzen immer da war; ich war einfach nicht richtig darauf eingestellt. Beispielsweise habe ich weiter oben in diesem Kapitel zwei Patienten, Joyce und Beth, angeführt, die alltägliche klinische Probleme hatten, welche sich auf den Aufbau und die Beendigung zwischenmenschlicher Beziehungen bezogen. Bei gründlicherer Nachfrage zeigten beide Frauen viele Sorgen über existenzielle Fragen, die ich niemals hätte erkennen können, hätte ich nicht den angemessenen psychologischen Rahmen dafür gehabt.

Ein anderes Beispiel des »Sich-Einstimmens« wird von einer Therapeutin angeboten, die eine Samstagsvorlesung, die ich über das Thema der Todesangst hielt, besuchte. Ein paar Tage später schrieb sie in einem Brief:

… ich erwartete nicht, dass das Thema jetzt in meiner Arbeit auftauchen würde, da ich Berater am Reed College bin, und unsere Studenten gewöhnlich bei guter körperlicher Verfassung sind. Aber meine erste Verabredung am Montagmorgen war mit einer Studentin, die zwei Monate vorher vergewaltigt worden war. Sie litt seither an vielen unangenehmen und schmerzhaften Symptomen. Sie gab mit einem verlegenen Lachen den Kommentar von sich, »Wenn ich nicht an dem einen sterbe, sterbe ich an dem anderen.« Es geht wohl teilweise auf ihre Bemerkungen zurück, dass das Interview sich ihrer Angst vor dem Sterben zuwandte, und dass vergewaltigt zu werden und zu sterben Dinge waren, von denen sie glaubte, dass sie nur anderen Menschen zustoßen würden. Sie fühlte sich jetzt verletzlich und überflutet von Ängsten, die gewöhnlich unterdrückt waren. Sie schien erleichtert, dass es in Ordnung war, darüber zu sprechen, dass man vor dem Sterben Angst hat, auch wenn keine tödliche Krankheit im eigenen Körper gefunden werden kann.79

Psychotherapeutische Sitzungen, die eine auch nur vorübergehende Begegnung mit dem Tod berücksichtigen, bieten viel klinisches Material an. Träume sind natürlich besonders fruchtbares Quellenmaterial. Eine dreißigjährige Frau beispielsweise träumte in der dem Begräbnis eines alten Freundes folgenden Nacht: »Ich sitze und sehe fern. Der Arzt kommt herüber und untersucht meine Lungen mit einem Stethoskop. Ich werde wütend und frage ihn, welches Recht er hat, das zu tun. Er sagte, ich würde rauchen wie ein Schlot. Er sagte, ich hätte eine weit fortgeschrittene ›Stundenglas‹-Krankheit in meinen Lungen.« Die Träumerin raucht nicht, aber ihr toter Freund rauchte drei Päckchen am Tag. Ihre Assoziation zur »Stundenglas«-Krankheit der Lunge war, »die Zeit rinnt davon.«80

Die Verleugnung spielt eine zentrale Rolle für die selektive Unachtsamkeit eines Therapeuten für den Tod in der Therapie. Verleugnung ist eine allgegenwärtige und mächtige Abwehr. Wie eine Aura umgibt sie den Affekt, der mit dem Tod assoziiert wird, wann immer er erscheint. (Ein Witz aus Freuds umfangreicher Sammlung verdeutlicht das, als ein Mann zu seiner Frau sagt: »Wenn einer von uns beiden vor dem anderen stirbt, denke ich, werde ich nach Paris umziehen.«)81 Die Verleugnung verschont den Therapeuten nicht, und im Behandlungsprozess gehen die Verleugnung des Therapeuten und die Verleugnung des Patienten eine Kollusion ein. Viele Therapeuten haben ihre persönliche Angst vor dem Tod nicht erforscht und durchgearbeitet, obwohl sie viele Jahre lang selbst in Analyse waren; sie vermeiden diesen Bereich auf phobische Weise in ihrem persönlichen Leben und sind selektiv unachtsam für Material in der psychotherapeutischen Praxis, das offensichtlich mit dem Tode verknüpft ist.

Zusätzlich zu der Verleugnung jedes einzelnen Therapeuten gibt es eine kollektive Verleugnung im gesamten Feld der Psychotherapie. Diese kollektive Verleugnung kann am besten verstanden werden, wenn man erforscht, warum der Tod aus den formalen Angsttheorien ausgelassen wurde. Obwohl Angst eine absolut zentrale Rolle sowohl in der Theorie als auch in der täglichen Praxis der dynamischen Psychotherapie spielt, wird dem Tod in den traditionellen dynamischen Theorien der Angst kein Platz eingeräumt. Wenn wir die therapeutische Praxis ändern, die klinische Hebelwirkung, die der Begriff des Todes zur Verfügung stellt, nutzen wollen, wird es notwendig sein, die Rolle des Todes in der Genese der Angst darzustellen. Es gibt keinen besseren Weg, damit anzufangen, als dass man den Spuren der Evolution des psychodynamischen Angstbegriffs folgt und versucht, die systematische Ausklammerung des Todesbegriffs zu verstehen.

Freud: Angst ohne den Tod

Freuds Ideen haben das Feld so sehr beeinflusst, dass die Evolution des dynamischen Gedankenguts zu einem großen Teil die Evolution von Freuds Gedankengut ist. Trotz seines außerordentlichen, der Zeit vorauseilenden Wissens glaube ich jedoch, dass er im Bereich des Todes einen hartnäckigen blinden Fleck hatte, der einige sehr offensichtliche Aspekte der inneren Welt des Menschen für ihn verdeckte. Ich werde einiges Material präsentieren, um zu veranschaulichen, wie Freud den Tod in seinen klinischen und theoretischen Überlegungen vermied, und dann einige Gründe dafür nennen, die hinter dieser Vermeidung stecken können.

Freuds Meiden des Todes

Freuds erster bedeutsamer klinischer und theoretischer Beitrag erschien in den Studien über Hysterie, die er mit Josef Breuer 1895 schrieb.82 Es ist eine faszinierende Arbeit und verdient Aufmerksamkeit, denn sie illustriert auf überzeugende Weise eine selektive Unaufmerksamkeit für den Tod, und sie legt die Grundlage für den Ausschluss des Todes aus dem gesamten Bereich dynamischer Therapie, die aus ihr hervorging. Das Buch führt fünf Hauptfälle auf, einen (Anna O.) von Breuer und vier von Freud. Mehrere andere Fälle tauchen in den Fußnoten und Diskussionsabschnitten in fragmentarischer Form immer wieder einmal auf. Jeder der Patienten beginnt die Therapie mit starken Symptomen, die Lähmung, Anästhesie, Schmerz, Ticks, Müdigkeit, Zwangshandlungen, Erstickungsgefühle, Geschmacks- und Geruchsverlust, linguistische Desorganisationen, Amnesie und so weiter einschließen. Auf Grund der Untersuchung dieser fünf Patienten stellten Freud und Breuer eine Ätiologie der Hysterie und die systematische Form einer Therapie auf, die auf dieser Ätiologie gründet.

Die fünf Patienten litten alle an einem wichtigen emotionalen Trauma, das sich früh in ihrem Leben ereignete. Freud bemerkt, dass ein Trauma, obwohl es störend ist, keine anhaltenden Wirkungen hervorbringt, weil die Emotionen, die dadurch ausgelöst wurden, zerstreut werden: entweder sie werden abreagiert (die Person geht durch eine Katharsis, indem sie die Emotion auf eine effektive Weise zum Ausdruck bringt) oder auf andere Weise durchgearbeitet (Freud stellt fest, dass die Erinnerung an Traumata in »den großen Komplex der Assoziationen eintritt. Sie (Erinnerung) rangiert dann neben anderen, vielleicht ihr widersprechenden Erlebnissen«und wird dann »korrigiert«, richtig gestellt oder einem Realitätstest unterzogen, zum Beispiel indem man mit einer Beleidigung umgehen kann, wenn man an seine Errungenschaften und Stärken denkt.)83

Bei diesen fünf Patienten verteilte sich das Trauma nicht, sondern verfolgte das Opfer stattdessen kontinuierlich. (»Der Hysterische leidet größtenteils an Reminiszenzen.«84) Freud wies darauf hin, dass die Erinnerung an das Trauma und die dazugehörenden Emotionen aus den bewussten Gedanken verdrängt wurden (der erste Gebrauch des Begriffs der Verdrängung und des Unbewussten) und daher nicht für den normalen Prozess der Affektverteilung verfügbar waren. Der eingeklemmte Affekt blieb jedoch mit frischer Stärke im Unbewussten bestehen und fand einen bewussten Ausdruck durch Konversion in körperliche Symptome (daher »Konversionshysterie«).

Die Implikationen für die Behandlung sind klar: Man muss den Patienten befähigen, das Trauma zu erinnern und dem eingeklemmten Affekt Ausdruck zu verleihen. Freud und Breuer verwandten Hypnose, und später benutzte Freud die freie Assoziation, um den Patienten zu helfen, die Erinnerung an die ursprüngliche Kränkung wiederzugewinnen und den Affekt verbal und verhaltensmäßig auszudrücken.

Freuds Spekulationen über den Aufbau und die Verteilung von Affekten über die Bildung von Symptomen und über ein System der Therapie, das auf diesen Annahmen beruht, sind von entscheidender Bedeutung und kündigen viel von der dynamischen Theorie und Therapie, die ihm folgte, an. Am relevantesten für meine Diskussion ist Freuds Ansicht über die Quelle des dysphorischen Affekts – das Wesen des ursprünglichen Traumas. Die Theorie der Symptome und der therapeutische Ansatz bleiben im gesamten Text konsistent. Aber Freuds Beschreibung des Wesens des Traumas, das für die Symptome verantwortlich ist, erlebt eine faszinierende Evolution vom ersten bis zum letzten Patienten. (In seiner Einführung stellt er fest, »Ich kann niemandem, der an der Entwicklung der Katharsis in der Psychoanalyse interessiert ist, einen besseren Rat geben, als mit den Studien über Hysterie zu beginnen und damit dem Weg zu folgen, den ich selbst bereitet habe.«)85

In den ersten Fällen des Buches scheinen die Traumata trivial zu sein: Es strapaziert die Glaubwürdigkeit, dass der tief greifend neurotische Zustand einer Person daher rühren könnte, dass er von einem bösartigen Hund gejagt wurde86 oder dass er von einem Arbeitgeber mit einem Stock geschlagen wurde; oder dass man entdeckt, dass das Dienstmädchen dem Hund erlaubt hat, Wasser aus seinem Glas zu trinken,87 oder dass man in seinen Arbeitgeber verliebt ist und dessen ungerechte Vorwürfe erleiden muss.88 Im Weiteren werden die Erklärungen von Falltraumata im Buch Freuds immer verwirrender in ihrer Ausgeklügeltheit: Er glaubte schließlich, dass seine Patienten von archetypischen Sorgen verfolgt wurden, die es wert gewesen wären, von einem griechischen Tragödienschreiber festgehalten zu werden – Hass auf Kinder (da sie die Fähigkeit einer Frau zur Versorgung ihres sterbenden Ehemanns anzweifelten)89, inzestuöse Handlungen mit einem Elternteil,90 das Miterleben einer Zeugungsszene91 und die Freude (gefolgt von Schuldgefühlen) bei dem Tod einer Schwester, deren Ehemann die Patientin liebte.92 Diese letzteren Fälle, die Fußnoten und Freuds Briefe93 legen alle Zeugnis ab von der unbeirrbaren Richtung in Freuds Denken über die Quelle der Angst: (1) Er verschob die Zeit des »wirklichen« Traumas, das für die Angst verantwortlich war, allmählich in eine frühere Periode im Leben; und (2) kam er zu der Ansicht, dass das Wesen des Traumas ausdrücklich und ausschließlich sexuell sei.

Freuds Nachsinnen über die emotionalen Traumata seiner fünf Patienten entwickelte sich allmählich zu einer formalen Theorie der Angst. Angst war ein Signal für antizipierte Gefahr; die Angst wurde früh im Leben gesät, wenn ein bedeutsames Trauma eintrat: Die Erinnerung des traumatischen Ereignisses wurde verdrängt und der dazugehörige Affekt in Angst verwandelt. Die Erwartung der Wiederkehr des Traumas oder einer analogen Gefahr konnte die Angst erneut hervorrufen.

Welche Art von Trauma? Welche Ereignisse sind so grundlegend bösartig, dass ihre Echos einen Menschen sein ganzes Leben lang hindurch verfolgen? Freuds erste Antwort hob die Bedeutung des Affekts der Hilflosigkeit hervor. »Angst ist die ursprüngliche Reaktion auf Hilflosigkeit im Trauma, die dann später in der Gefahrsituation als Hilfssignal reproduziert wird.«94 Dann besteht die Aufgabe darin zu bestimmen, welche Situationen Hilflosigkeit hervorrufen. Da das Thema der Angst das Herzstück psychoanalytischer Theorie ist, und da Freud während seiner gesamten Laufbahn die grundlegende Theorie beliebig änderte, ist es nicht überraschend, dass es viele Aussagen über Angst gibt, dass sie vielfältig sind und teilweise widersprüchlich.95 Zwei primäre Ursprünge der Angst überleben die rastlosen Veränderungen durch Freud: der Verlust der Mutter (Verlassenheit und Trennung) und der Verlust des Phallus (Kastrationsangst). Andere Quellen schließen das Über-Ich oder die moralische Angst ein, die Furcht vor den eigenen selbstzerstörerischen Tendenzen und die Furcht vor Ich-Verlust – die Furcht, von den dunklen irrationalen Mächten der Nacht, die in uns wohnen, überwältigt zu werden.

Obwohl Freud oft andere Quellen der Angst erwähnte, legte er seine Hauptbetonung auf Verlassenheit und Kastration. Er glaubte, dass diese beiden psychischen ›Katzenjammer-Kids‹ uns in immer neuer Verkleidung unser ganzes waches Leben lang verfolgen, und in unserem Schlaf die Nahrung für unsere zwei üblichen Albträume liefern: des Fallens und des Gejagt-Werdens. Freud, der immer ein Archäologe war und immer nach noch grundlegenderen Strukturen suchte, weist darauf hin, dass Kastration und Trennung eine gemeinsame Eigenschaft haben: Verlust – Verlust der Liebe, Verlust der Fähigkeit, sich mit der Mutter zu vereinigen. Chronologisch gesehen kommt die Trennung zuerst, da sie schon in der Tatsache des Geburtstraumas – des ersten Moments im Leben – angelegt ist; aber Freud entschied sich dafür, die Kastration als die gattungsmäßig primäre Quelle der Angst zu betrachten. Die frühe Trennung, so behauptete er, programmiert die Person für die Kastrationsangst, die die früheren Angsterfahrungen einschließt, sobald sie sich entwickelt.

Wenn man die Datengrundlage (das Fallmaterial der Patienten in den Studien über Hysterie), aus dem Freuds Schlussfolgerungen über Angst und Trauma hervorgehen, betrachtet, ist man von der erstaunlichen Diskrepanz zwischen den Fallgeschichten und Freuds Schlussfolgerungen und Formulierungen beeindruckt: Der Tod durchdringt die klinischen Geschichten dieser Patienten so sehr, dass Freud ihn nur mit einer übermäßigen Anstrengung der Unachtsamkeit in seinen Ausführungen über die Traumata des Fallens herauslassen konnte. Von den fünf Patienten werden zwei nur kurz diskutiert. (Eine Patientin, Katarina, Freuds Kellnerin in einem Ferienort, wurde in einer einzigen Sitzung behandelt.) Die drei Hauptpatientinnen – Anna O., Frau Emmy von N. und Fräulein Elisabeth von R. (die ersten dynamischen Fallberichte in der psychiatrischen Literatur) – sind insofern bemerkenswert, als ihre klinischen Beschreibung vor Anspielungen auf den Tod nur so überströmen. Wahrscheinlich hätte Freud darüber hinaus sogar noch mehr Material über das Todesthema hervorgelockt und berichtet, wenn er an der Todesangst besonders interessiert gewesen wäre.

Anna O.s Krankheit beispielsweise entwickelte sich zuerst, als ihr Vater krank wurde (und er erlag dieser Krankheit zehn Monate später). Sie pflegte ihn zunächst unermüdlich; aber schließlich führte ihre Krankheit, die aus bizarr veränderten Bewusstseinszuständen, Amnesie, linguistischer Desorganisation, Anorexie und Konversionssymptomen der Sinne und Muskeln bestand, dazu, dass sie von ihrem sterbenden Vater ferngehalten wurde. Während des folgenden Jahres verschlimmerte sich ihr Zustand sehr. Breuer bemerkte Anna O.s ständige Besorgnis über den Tod. Beispielsweise kommentierte er, dass, obwohl sie bizarre und rasch wechselnde Störungen des Bewusstseins hatte, »das Bewusstsein davon, dass der Vater gestorben sei, (…) meist doch zu bestehen [schien].«96

Während Breuers Hypnosearbeit mit Anna O. hatte sie erschreckende Halluzinationen, die in Verbindung mit dem Tod ihres Vaters standen. Während sie ihn gepflegt hatte, war sie einmal ohnmächtig geworden, als sie sich einbildete, dass sie ihn mit einem Totenkopf sah. (Während der Behandlung schaute sie einmal in den Spiegel und sah nicht sich selbst, sondern ihren Vater mit einem Totenkopf, der sie anstarrte.) Bei anderer Gelegenheit halluzinierte sie eine schwarze Schlange, die ihren Vater gerade angriff. Sie versuchte, gegen die Schlange zu kämpfen, aber ihr Arm war eingeschlafen, und sie halluzinierte, dass ihre Finger sich in Schlangen verwandelten und jeder Fingernagel zu einem winzigen Totenkopf wurde. Breuer hielt diese Halluzinationen, die von ihrem Todesschrecken ausgingen, für die grundlegende Ursache ihrer Krankheit: »Am letzten Tage [der Behandlung] reproduzierte sie mit der Nachhilfe, dass sie das Zimmer so arrangierte, wie das Krankenzimmer ihres Vaters gewesen war, die oben erzählte Angsthalluzination, welche die Wurzel der ganzen Erkrankung gewesen war.«97

Frau Emmy von N. entwickelte ihre Krankheit, wie Anna O., unmittelbar nach dem Tod des Menschen, dem sie am nächsten stand – ihres Ehemannes. Freud hypnotisierte Frau Emmy von N. und fragte nach wichtigen Assoziationen. Sie rasselte eine Litanei von Erinnerungen herunter, die in Beziehung zum Tod standen: Sie sah ihre Schwester in einem Sarg (im Alter von sieben), sie wurde durch ihren Bruder, der sich als Geist verkleidet hatte, und durch ihre Geschwister, die tote Tiere auf sie warfen, erschreckt, sie sah ihre Tante im Sarg (im Alter von neun), sie fand ihre Mutter bewusstlos von einem Schlaganfall (im Alter von fünfzehn), und dann (im Alter von neunzehn) fand sie sie tot auf, sie pflegte einen Bruder, der an Tuberkulose starb, sie betrauerte (im Alter von neunzehn) den Tod ihres Bruders, sie war Zeugin des plötzlichen Todes ihres Ehemannes. Auf den ersten acht Seiten des klinischen Fallberichts gibt es nicht weniger als elf explizite Bezugnahmen auf den Tod, auf Sterben oder auf Leichen. In der gesamten klinischen Beschreibung spricht Frau Emmy von N. ausführlich über ihre tief greifende Todesangst.

Die Krankheit der dritten Patientin, Fräulein Elisabeth von R., begann während der achtzehn Monate, in denen sie ihren sterbenden Vater versorgt und den unerbittlichen Verfall ihrer Familie beobachtet hatte: Eine Schwester zog weit weg, ihre Mutter litt an einer schweren Krankheit, ihr Vater starb. Schließlich brach Fräulein Elisabeths Krankheit in voller Stärke nach dem Tod einer sehr geliebten älteren Schwester aus. Im Verlauf der Therapie gab ihr Freud (in ganz ähnlicher Weise, wie Breuer sein Beratungszimmer umgeräumt hatte, damit es dem Zimmer ähnelte, in dem Anna O.s Vater gestorben war) die Aufgabe, das Grab ihrer Schwester zu besuchen, um das Auftauchen alter Erinnerungen und Affekte zu beschleunigen.

Freud glaubte, dass Angst durch eine Situation hervorgerufen wird, die eine frühere, lange vergessene Situation des Schreckens und der Hilflosigkeit wachruft. Sicherlich lösten die mit dem Tod in Zusammenhang stehenden Traumata dieser Patientinnen tiefe Gefühle des Schreckens und der Hilflosigkeit in ihnen aus. Aber in der Lösung jedes Falles vernachlässigt Freud das Todesthema entweder gänzlich oder lenkt die Aufmerksamkeit auf den generellen Stress, der durch die Verluste, die jede Patientin erlitten hatte, verursacht wurde. Seine Formulierungen konzentrieren sich auf die erotischen Komponenten der Traumata jeder Patientin.

Robert Jay Lifton macht in The Broken Connection (New York, 1979) fast genau die gleiche Beobachtung über einen anderen von Freuds wichtigen Fällen, Klein Hans, und er schlussfolgert, dass die Libidotheorie den Tod aufhebt. Da Liftons Buch unglück licherweise erschien, nachdem mein Buch fertig war, war ich nicht in der Lage, seine reichen Einsichten in einer sinnvollen Weise aufzugreifen. Es ist ein gedankenreiches, wichtiges Werk, das sorgfältiges Lesen erfordert.

Freud verhalf Fräulein Elisabeth, als ihre Schwester starb, zu der Erkenntnis dass sie sich in der Tiefe ihrer Seele freute (und infolgedessen von Schuld überwältigt wurde), weil der Ehemann ihrer Schwester, den sie begehrte, jetzt frei war, um sie zu heiraten. Eine wichtige Entdeckung: Das Unbewusste, ein Überrest primitiver Wünsche, die im Keller unserer Seele vergraben liegen, weil sie für das Sonnenlicht ungeeignet sind, tauchte kurz im Bewusstsein auf und verursachte große Angst, die schließlich durch Konversionssymptomatologie gebunden wurde.

Es besteht kein Zweifel, dass Freud in jedem seiner Patienten wichtige Konflikte aufdeckte. Aber das, was er ausließ, bedarf der genauen Untersuchung. Der Tod eines Elternteils, eines Partners oder eines anderen Nahestehenden ist mehr als ein generalisierter Stress; es ist mehr als der Verlust eines wichtigen Objektes. Es ist ein Klopfen an der Tür der Verleugnung. Wenn, wie Freud spekulierte, Fräulein Elisabeth auch nur für einen flüchtigen Moment, als ihre Schwester starb, dachte: »Jetzt ist ihr Ehemann wieder frei, und ich kann seine Frau sein«, dann erschauerte sie höchstwahrscheinlich auch bei dem Gedanken: »Wenn meine geliebte Schwester stirbt, dann werde ich auch sterben.« Wie Fräulein Elisabeth beim Tod ihrer Schwester, so Anna O. beim Tod ihres Vaters oder Frau Emmy von N. beim Tod ihres Ehemannes: Jede von ihnen muss auf einer tiefen Ebene und nur für einen Augenblick einen Blick auf ihren eigenen Tod geworfen haben.

In den nachfolgenden Formulierungen, die die Quellen der Angst betreffen, übersah Freud den Tod weiterhin auf höchst seltsame Weise. Er fixierte sich auf den Verlust: Kastration und Verlassenheit – der Verlust des Penis und der Verlust der Liebe. Seine Haltung ist an dieser Stelle untypisch. Wo ist der furchtlose archäologische Gräber? Freud bohrte immer nach dem Fels – nach den frühesten Ursprüngen – der Dämmerung des Lebens – der Lebensweise des primitiven Menschen – der vorsintflutlichen Horde – den grundlegenden Trieben und Instinkten. Aber vor dem Tod hielt er plötzlich inne. Warum tat er nicht einen weiteren, nahe liegenden Schritt, hin zu dem gemeinsamen Nenner von Verlassenheit und Kastration? Beide Begriffe stützen sich auf ontologische Felsen. Verlassenheit ist unentwirrbar mit dem Tod verknüpft: Der verlassene Primat geht immer unter; das Schicksal des Aussätzigen ist unvermeidlicherweise der soziale Tod, dem der physische Tod schnell folgt. Kastration ist, wenn sie im bildlichen Sinn verstanden wird, synonym mit Vernichtung; wenn sie wörtlich genommen wird (und Freud meinte sie leider wörtlich), dann führt sie auch zum Tod, da der kastrierte Mensch seinen Samen nicht in die Zukunft werfen kann, er nicht der Auslöschung entfliehen kann.

In Hemmung, Symptom und Angst betrachtete Freud kurz die Rolle des Todes in der Ätiologie der Neurosen, aber schob sie wieder als oberflächlich beiseite (ich werde später auf die auf den Kopf gestellte analytische Sichtweise von dem, was »Tiefe« und »Oberflächlichkeit« ausmacht, eingehen). In einer Passage, die unzählige Male von Theoretikern zitiert wurde, beschreibt Freud, warum er die Todesfurcht aus seinen Überlegungen über die ursprüngliche Quelle der Angst weglässt.

Es ist nach allem, was wir von der Struktur der simpleren Neurosen des täglichen Lebens wissen, sehr unwahrscheinlich, dass eine Neurose nur durch die objektive Tatsache der Gefährdung ohne Beteiligung der tieferen unbewussten Schichten des seelischen Apparats zustande kommen sollte. Im Unbewussten ist aber nichts vorhanden, was unserem Begriff der Lebensvernichtung Inhalt geben kann. Die Kastration wird sozusagen vorstellbar durch die tägliche Erfahrung der Trennung vom Darminhalt und durch den bei der Entwöhnung erlebten Verlust der mütterlichen Brust; etwas dem Tod Ähnliches ist aber nie erlebt worden oder hat wie die Ohnmacht keine nachweisbare Spur hinterlassen. Ich halte darum an der Vermutung fest, dass die Todesangst als Analogon der Kastrationsangst aufzufassen ist, und dass die Situation, auf welche das Ich reagiert, das Verlassensein vom schützenden Über-Ich – den Schicksalsmächten – ist, womit die Sicherung gegen alle Gefahren ein Ende hat.98

Die Logik kommt hier schlimm ins Schleudern. Zuerst besteht Freud darauf, dass die Erfahrung des Todes im Unbewussten nicht repräsentiert sein kann, weil wir keine Erfahrung davon haben. Hatten wir eine Erfahrung mit der Kastration? Keine direkte Erfahrung, gibt Freud zu; aber er stellt fest, dass wir die Erfahrung von anderen Verlusten haben, die erfahrungsmäßig gleichwertig sind: die tägliche Trennung von den Fäkalien oder die Erfahrung des Abstillens. Sicher ist die Fäkalien-Abstillen-Kastrationskette nicht logisch zwingender als der Begriff von einer angeborenen intuitiven Bewusstheit des Todes. Das Argument, wodurch Tod durch Kastration als ursprüngliche Quelle der Angst ersetzt wird, ist in der Tat so unhaltbar, dass ich mich nicht wohlfühle, wenn ich es angreife, ganz so als würde ich einen offensichtlich verkrüppelten Gegner bekämpfen. Betrachten Sie beispielsweise die offensichtliche Tatsache, dass auch Frauen Angst haben – die Verrenkungen, die notwendig sind, um die Kastrationstheorie auf Frauen anzuwenden, sind wirklich Spitzenleistungen analytischer Metapsychologie.

Melanie Klein war ausgesprochen kritisch gegenüber Freuds seltsamer Inversion des Primats. »Die Todesangst verstärkt die Kastrationsangst und ist nicht ihr analog … da die Reproduktion eine wesentliche Möglichkeit ist, gegen den Tod zu arbeiten, würde der Verlust der Genitalien das Ende der kreativen Kraft bedeuten, die das Leben erhält und weiterführt.« Klein stimmte auch mit Freuds Ansicht nicht überein, dass es keine Todesfurcht im Unbewussten gäbe. Sie akzeptierte später Freuds Forderung, dass es in der tiefsten Schicht des Unbewussten einen Todesinstinkt (Thanatos) gibt und argumentierte, dass »eine Todesfurcht, die auch im Unbewussten sitzt, in Opposition zu diesem Instinkt aktiv ist.«99 Trotz des Widerspruchs von Klein ebenso wie von Rank und Adler u.a., die in eine Guerilla-Opposition gingen, bestand Freud auf seinen Ansichten und begründete einen Kult der Todesverleugnung für viele Generationen von Therapeuten. Die wichtigsten analytischen Handbücher reflektieren und zementieren diesen Trend. Otto Fenichel stellt fest, dass, »weil die Idee des Todes subjektiv unbegreiflich ist, jede Todesfurcht andere unbewusste Ideen verdeckt.«100 Robert Waelder lässt alle Betrachtungen über den Tod aus;101 während Ralph Greenson den Tod kurz aus der Perspektive von Thanatos, Freuds Todesinstinkt, diskutiert und ihn dann als eine Kuriosität verwirft – eine kühne, aber unhaltbare Theorie.102 Nur allmählich und durch jene, die außerhalb der Freudschen Tradition arbeiteten (oder die sich schnell außerhalb dieser wiederfanden), wurde die notwendige Korrektur vorgenommen.

Warum schloss Freud den Tod aus der psychodynamischen Theorie aus? Warum betrachtete er die Todesfurcht nicht als ursprüngliche Quelle der Angst? Offensichtlich ist dieser Ausschluss nicht ein bloßes Übersehen: Die Todesfurcht ist weder ein tiefgründiges noch ein schwer fassbares Konzept; und Freud konnte diese Fragen kaum übersehen (und absichtlich verworfen) haben. Er ist sich ja 1923 klar darüber: »Der volltönende Satz: jede Angst sei eigentlich Todesangst, schließt kaum einen Sinn ein, ist jedenfalls nicht zu rechtfertigen.«103 Seine Argumentation geht in die gleiche Richtung wie zuvor: Dass es wirklich nicht möglich ist, den Tod zu begreifen – ein Teil des Ich bleibt immer ein lebender Zuschauer. Noch einmal gelangt Freud zu der unbefriedigenden Schlussfolgerung, dass »die Todesangst wie die Gewissensangst als Verarbeitung der Kastrationsangst aufgefasst werden [kann].«104

Bemerkenswert ist auch, dass Freuds Unaufmerksamkeit für den Tod auf die Diskussionen der formalen Angsttheorie, der Theorie der Verdrängung und des Unbewussten begrenzt ist: kurz, auf die inneren Mechanismen – die Zahnräder, Lager und Energiezellen – des geistigen Mechanismus.

Im Alter von vierundsechzig Jahren gibt Freud dem Tod in Jenseits des Lustprinzips in seinem Modell des Geistes Raum; aber sogar in dieser Formulierung spricht er nicht von einer ursprünglichen Todesfurcht, sondern stattdessen von einem Willen zum Sterben – Thanatos wurde als einer der zwei ursprünglichen Triebe konzipiert.105

Wann immer er es sich gestattete, die Zügel locker zu lassen, spekulierte er kühn und kraftvoll über den Tod. Zum Beispiel diskutierte er in einem kurzen eindringlichen Essay, den er am Ende des Ersten Weltkriegs unter dem Titel »Zeitgemäßes über Krieg und Tod« schrieb, die Verleugnung des Todes und den Versuch des Menschen, den Tod durch die Schöpfung von Unsterblichkeitsmythen zu vernichten. Zuvor habe ich einige seiner Kommentare darüber angeführt, wie die Vergänglichkeit des Lebens dessen Würze und Reichtum erhöht. Er berücksichtigte dabei die Rolle, die der Tod in der Gestaltung des Lebens spielt:

Wäre es nicht besser, dem Tode den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken einzuräumen, der ihm gebührt, und unsere unbewusste Einstellung zum Tode, die wir bisher so sorgfältig unterdrückt haben, ein wenig mehr hervorzukehren? Es scheint das keine Höherleistung zu sein, eher ein Rückschritt in manchen Stücken, eine Regression, aber es hat den Vorteil, der Wahrhaftigkeit mehr Rechnung zu tragen und uns das Leben wieder erträglicher zu machen. Das Leben zu ertragen, bleibt ja doch die erste Pflicht aller Lebenden. Die Illusion wird wertlos, wenn sie uns darin stört. Wir erinnern uns des alten Spruches: Si vis pacem, para bellum. Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Kriege. Es wäre zeitgemäß, ihn abzuändern: Si vis vitam, para mortem. Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.106

»Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.« Freud glaubte, dass die Aufgabe eines Therapeuten darin besteht, einem Patienten das Leben ertragen zu helfen. Freuds gesamte therapeutische Karriere war diesem Ziel gewidmet. Aber abgesehen von dieser Maxime blieb er für immer stumm gegenüber der Vorbereitung auf den Tod, gegenüber der Rolle und dem Begriff des Todes in der Psychotherapie. Warum?

Wenn man aufzeigt, was Freud übersehen hat, indem man seine blinden Flecken kommentiert, kann man nur so weit gehen, bis man unbehaglich über die eigene Schulter schaut. Vielleicht war seine Vision größer als unsere, sie war es in vielerlei anderer Hinsicht. Vielleicht ist die Frage so schlicht, dass er niemals die Notwendigkeit spürte, die volle Argumentationsbreite für seine Ansicht zu liefern. Wir sind, glaube ich, gut beraten, die Gründe hinter Freuds Ansicht genau zu überdenken. Ich glaube, er ließ den Tod aus seiner dynamischen Theorie aus ungesunden Gründen weg, die aus zwei Quellen stammen: Die eine ist ein überholtes theoretisches Modell des Verhaltens; und die andere ein unnachsichtiges Streben nach persönlichem Ruhm.

Freuds Unaufmerksamkeit gegenüber dem Tod: Theoretische Gründe

Als Freud fünfundsiebzig Jahre alt war, wurde er gefragt, wer ihn am stärksten beeinflusst hatte. Ohne Zögern antwortete er, wie er immer geantwortet hatte: »Brücke.« Ernst Brücke war Freuds Physiologie-Professor in der Medizinischen Hochschule und sein Mentor während seiner kurzen Forschungskarriere in Neurophysiologie gewesen. Brücke war ein strenger Mann mit einem preußischen eisernen Willen und stahlblauen Augen, der von den Medizinstudenten in Wien gefürchtet wurde. (Zur Examenszeit wurden jedem Studenten mehrere Minuten für mündliche Befragung gegeben. Wenn ein Student die erste Frage in einer Prüfung nicht beantworten konnte, pflegte Brücke den Rest der vorgesehenen Zeit in ernster Stille dazusitzen, unnachgiebig gegenüber dem verzweifelten Flehen des Studenten und des Dekans, der zugegen war.) In Freud fand Brücke schließlich einen Studenten, der seines Interesses würdig war, und die beiden arbeiteten mehrere Jahre lang eng im neurophysiologischen Laboratorium zusammen.

Brücke war eine grundlegende Kraft hinter der ideologischen Schule der Biologie, die durch Hermann von Helmholtz begründet wurde und die die medizinische Forschung und die Grundlagenforschung in Westeuropa im letzten Teil des neunzehnten Jahrhunderts beherrschte. Die grundlegende Helmholtzsche Position, Brückes Vermächtnis an Freud, wurde in einer Aussage durch einen weiteren Gründer, Emil du-Bois Reymond, klar skizziert:

Brücke und ich haben uns verschworen, die Wahrheit geltend zu machen, dass im Organismus keine anderen Kräfte wirksam sind als die gemeinen physikalisch-chemischen; dass, wo diese bislang nicht zur Erklärung ausreichen, mittels der physikalisch-mathematischen Methode entweder nach ihrer Art und Weise die Wirksamkeit im konkreten Fall gesucht werden muss, oder dass neue Kräfte angenommen werden müssen, welche, von der gleichen Dignität mit den physikalisch-chemischen, der Materie inhärent, stets auf nur abstoßende oder anziehende Componenten zurückzuführen sind.107

Die Helmholtzsche Position ist also deterministisch und anti-vitalistisch. Der Mensch ist eine Maschine, die durch chemisch-physikalische Mechanismen aktiviert wird. Brücke stellte 1874 in seinen Vorlesungen über Physiologie fest, dass, obwohl die Organismen sich von den Maschinen in ihrer Assimilationskraft unterscheiden, sie nichtsdestoweniger Phänomene der physischen Welt sind, die durch Kräfte gemäß den Prinzipien der Erhaltung der Energie bewegt werden. Die Anzahl der Kräfte, die den Organismus in Gang halten, scheint nur angesichts der Unwissenheit groß. »Der Fortschritt der Wissenschaft hat sie auf zwei reduziert: Anziehung und Abstoßung. Das alles gilt auch für den Organismus Mensch« (kursiv vom Verfasser).108

Freud übernahm dieses mechanistische Helmholtzsche Modell des Organismus und wendete es auf die Konstruktion eines Modells des Geistes an. Mit siebzig sagte er: »Meine Lebensarbeit war auf ein einziges Ziel eingestellt … wie der Apparat gebaut ist, der diesen (seelischen) Leistungen dient, und welche Kräfte in ihm zusammen- und gegeneinanderwirken.«109 Von daher ist es offensichtlich, was Freud Brücke verdankte: Die Freudsche Theorie, die ironischerweise oft als irrational angegriffen wird, ist tief verwurzelt in der traditionellen biophysikalisch-chemischen Doktrin. Freuds dualistische Instinkttheorie, die Theorie der libidinösen Energieerhaltung und Transformation und sein unnachgiebiger Determinismus gehen seiner Entscheidung, Psychiater zu werden, voraus: sie alle haben ihre Anlage in Brückes mechanistischem Menschenbild.

Dies im Hinterkopf, können wir mit größerem Verständnis zur Frage nach Freuds Ausschluss des Todes aus seiner Beschreibung menschlichen Verhaltens zurückkehren. Dualität – die Existenz zweier, sich unerbittlich bekämpfender Grundtriebe – war der Fels, auf dem Freud sein metapsychologisches System baute. Die Helmholtzsche Doktrin forderte Dualität. Erinnern wir uns an Brückes Aussage: die grundlegenden Kräfte, die im Organismus aktiv sind, sind zwei – Anziehung und Abstoßung. Die Theorie der Verdrängung, der Beginn psychoanalytischen Denkens, fordert ein dualistisches System: Verdrängung erfordert einen Konflikt zwischen zwei grundlegenden Kräften. Während seiner gesamten Karriere versuchte Freud, das Paar der grundlegenden antagonistischen Triebe zu identifizieren, die den menschlichen Organismus antreiben. Sein erster Vorschlag war »Hunger und Liebe«, wie sie im Kampf zwischen der Erhaltung des einzelnen Organismus und dem Fortbestand der Spezies Gestalt angenommen hatten. Der größte Teil der analytischen Theorie basiert auf dieser Antithese: Der Kampf zwischen dem Ich und den Libidoinstinkten war in Freuds früherer Theorie der Grund der Verdrängung und die Quelle der Angst. Später wurde er sich aus Gründen, die für diese Diskussion nicht relevant sind, bewusst, dass diese Dualität unhaltbar war, und er trat für einen anderen Dualismus ein: einen grundlegenden Dualismus, der im Leben selbst begründet ist – zwischen Leben und Tod, Eros und Thanatos. Die Freudsche Metapsychologie und Psychotherapie ist jedoch auf der ersten dualistischen Instinkttheorie gegründet; weder Freud noch seine Studenten (mit der einzigen Ausnahme von Norman O. Brown110) formulierten sein Werk auf der Grundlage der Dualität von Leben und Tod neu; und die meisten seiner Nachfolger verwarfen die zweite Instinkttheorie, weil sie zu einer Position großen therapeutischen Pessimismus’ führte. Entweder sie blieben bei der ersten Erhaltungsdialektik von Libido und Ich, oder sie schweiften zum Jungianischen Instinkt-Monismus ab – einer Position, die die Theorie der Verdrängung unterminiert.

Der Tod ist noch nicht; es ist ein Ereignis, das sein wird, ein Ereignis, das in der Zukunft liegt. Sich den Tod vorzustellen und sich darüber Sorgen zu machen, erfordert eine komplexe geistige Aktivität – die Planung und Projektion des Selbst in die Zukunft. In Freuds deterministischem Schema sind die unbewussten Kräfte, die aufeinanderprallen und deren Vektor unser Verhalten bestimmt, tief und instinkthaft. Es gibt dort keinen Platz in der psychischen Kraftzelle für komplexe geistige Vorgänge, bei denen man sich die Zukunft vorstellt und sich vor ihr fürchtet. Freud steht der Ansicht Nietzsches nahe, der bewusste Überlegung für vollständig überflüssig hält, um Verhalten hervorzubringen. Verhalten ist, nach Nietzsche, determiniert durch unbewusste mechanische Kräfte: bewusste Überlegung folgt dem Verhalten, statt dass es ihm vorangeht; das Empfinden, dass wir unser Verhalten steuern, ist eine völlige Illusion. Man stellt sich nur vor, man würde sich Verhaltensweisen frei wählen, um den Willen zur Macht zu befriedigen, sein Bedürfnis, sich selbst als autonomes, entscheidungsfähiges Wesen zu begreifen.

Der Tod kann daher keine Rolle in Freuds formaler dynamischer Theorie spielen. Da er ein zukünftiges Ereignis ist, das man nie erfahren hat und das man sich nicht realistisch vorstellen kann, kann es nicht im Unbewussten existieren und daher das Verhalten auch nicht beeinflussen. Er hat keinen Platz in einer Sichtweise des Verhaltens, das auf den Gegensatz zweier opponierender Urinstinkte reduzierbar ist. Freud wurde ein Gefangener seines eigenen deterministischen Systems und konnte die Rolle, die der Tod im Erzeugen von Angst und in der Sicht des Menschen vom Leben spielt, nur auf zwei Arten diskutieren: Er konnte außerhalb seines formalen Systems arbeiten (in Fußnoten oder in Essays, die »außerhalb des Protokolls« waren, wie »Zeitgemäßes über Krieg und Tod«111 und »Das Motiv der Kästchenwahl«112), oder er konnte den Tod nur in sein System zwängen, indem er die Todesfurcht entweder unter irgendeine ursprüngliche (Kastrations-) Angst subsumierte, oder indem er den Willen zum Sterben als einen der zwei grundlegenden Triebe betrachtete, die allem Verhalten zugrunde liegen. Den Tod als grundlegenden Trieb auszurufen, löst das Problem nicht: Man versäumt dabei, den Tod als ein zukünftiges Ereignis zu betrachten, und übersieht die Bedeutung des Todes im Leben als Leuchtturm, als Bestimmung, als Endpunkt, der entweder die Macht hat, das Leben all seiner Bedeutung zu berauben oder uns in eine authentische Form des Seins zu locken.

Freuds Unaufmerksamkeit gegenüber dem Tod: Persönliche Gründe

Um zu erkunden, weshalb Freud an einem theoretischen System dauerhaft festhielt, das seinen hochfliegenden Intellekt behinderte und ihn zu verzerrten Positionen zwang, muss ich mich einem kurzen Studium von Freud, dem Menschen, zuwenden. Das Werk von Künstlern, Mathematikern, Genetikern oder Romanschriftstellern spricht für sich selbst; es ist ein Luxus – oft ein unterhaltsamer, interessanter Luxus, gelegentlich auch ein intellektuell erhellender –, das persönliche Leben und die Motivationen der Künstler und Wissenschaftler zu studieren. Aber wenn man eine Theorie betrachtet, die behauptet, die tiefsten Schichten menschlichen Verhaltens und menschlicher Motivationen offenzulegen, und wenn die Daten, die diese Theorie unterstützen, zu einem großen Teil aus der Selbstanalyse eines Menschen stammen, dann wird es nicht zu einem Luxus, sondern zu einer Notwendigkeit, den Menschen so tief wie möglich zu erforschen. Glücklicherweise mangelt es nicht an Daten: Über Freud als Person ist wahrscheinlich mehr bekannt als über irgendeine andere moderne historische Persönlichkeit (mit der möglichen Ausnahme von Woody Allen).

Tatsächlich gibt es so viel biografisches Material über Freud – das von Ernest Jones’ umfangreichem, dreibändigem Das Leben und Werk von Sigmund Freud113 über Laienbiografien114, veröffentlichten Erinnerungen von früheren Patienten115 bis zu Band über Band an veröffentlichter Korrespondenz116 reicht –, dass man jede beliebige Zahl an wilden Hypothesen über seine Charakterstruktur vertreten kann, wenn man sorgfältig auswählt. Deshalb caveat emptor.

Ich glaube, dass viel dafür spricht, dass im Kern von Freuds verzehrender Entschlossenheit seine unstillbare Leidenschaft steckte, Größe zu erlangen. Jones’ Biografie konzentriert sich auf dieses Thema. Freud wurde in einer unversehrten Fruchtwasserblase geboren – ein Ereignis, das nach dem Volksmund immer Ruhm ankündigt. Seine Familie glaubte, dass ihm Ruhm bestimmt war: Seine Mutter, die niemals daran zweifelte, nannte ihn »mein goldener Sigi, Sigi, mein Gold« und zog ihn allen ihren anderen Kindern vor. Später schrieb er: »Ein Mensch, der der unbestrittene Favorit seiner Mutter war, behält sein Leben lang das Gefühl eines Eroberers, jenes Vertrauen in den Erfolg, das oft wirklichen Erfolg initiiert.«117 Der Glaube wurde durch frühe Prophezeiungen angefacht: Eines Tages informierte ein älterer Fremder Freuds Mutter, dass sie einen großen Mann in die Welt gesetzt habe; ein Bänkelsänger in einem Vergnügungspark wählte Freud aus den anderen Kindern aus und sagte voraus, dass er eines Tages ein Regierungsminister werden würde. Auch Freuds offensichtliche intellektuelle Begabung verstärkte den Glauben; er stand immer an der Spitze seiner Klasse im Gymnasium – tatsächlich belegte er nach Jones solch einen privilegierten Platz, dass er kaum je in Frage gestellt wurde.118

Es dauerte nicht lange, bis Freud aufhörte, sein Schicksal infrage zu stellen. In seiner Adoleszenz schrieb er an einen Jugendfreund, dass er eine Auszeichnung für einen Aufsatz erhalten hatte, und fuhr fort: »Du wusstest nicht, dass du Briefe mit einem deutschen Stilisten ausgetauscht hast. Du bewahrst sie besser sorgfältig auf – man weiß nie.«119 Die interessanteste Aussage in dieser Hinsicht kann in einem Brief an seine Verlobte gefunden werden, den er schrieb, als er achtundzwanzig Jahre alt war (und er hatte das Gebiet der Psychiatrie noch nicht betreten!):

Ein Vorhaben habe ich allerdings fast ausgeführt, welches eine Reihe von noch nicht geborenen, aber zum Unglück geborenen Leuten schwer empfinden wird. Da du doch nicht erraten wirst, was für Leute ich meine, so verrate ich dir’s gleich: es sind meine Biographen. Ich habe alle meine Aufzeichnungen seit 14 Jahren u. Briefe, wissenschaftliche Excerpte u. Manuskripte meiner Arbeiten vernichtet. Von Briefen sind nur die Familienbriefe verschont geblieben. Deine ›Liebchen‹ waren nie in Gefahr. Alle alten Freundschaften und Beziehungen haben sich dabei mir nochmals präsentiert und stumm den Todesstreich empfangen … alle meine Gedanken und Gefühle über die Welt im Allgemeinen und soweit sie mich betraf, im Besonderen sind für unwert erklärt worden, fortzubestehen. Sie müssen jetzt nochmals gedacht werden, und ich hatte viel zusammengeschrieben. Aber das Zeug legt sich um einen herum, wie der Flugsand um die Sphynx, bald wären nur mehr meine Nasenlöcher aus dem vielen Papier herausgeragt; ich kann nicht reifen und nicht sterben ohne die Sorge, wer mir in die alten Papiere kommt. Überdies alles, was hinter dem großen Einschnitt in meinem Leben zu liegen fällt, hinter unserer Liebe und meiner Berufswahl, ist lang todt u. soll ihm ein ehrliches Begräbnis nicht vorenthalten sein. Die Biographen aber sollen sich plagen, wir wollen’s ihnen nicht zu leicht machen. Jeder soll mit seinen Ansichten über die ›Entwicklung des Helden‹ Recht behalten, ich freue mich schon, wie die sich irren werden.120

In seinem Streben nach Größe sucht Freud nach der großen Entdeckung. Seine frühen Briefe beschreiben eine Fülle verwirrender Ideen, die er aufgriff und wieder verwarf. Nach Jones verpasste er Größe knapp dadurch, dass er seine frühe neurohistologische Arbeit nicht bis zu ihrer logischen Schlussfolgerung weiter verfolgte: das Aufstellen einer Neuronentheorie. Er verpasste sie noch einmal in seiner Arbeit mit Kokain. Freud beschrieb dieses Ereignis in einem Brief, der so beginnt: »Ich möchte hier ein wenig zurückgehen und erklären, warum es der Fehler meiner Verlobten war, dass ich nicht bereits in frühem Alter berühmt war.«121 Freud fährt fort, indem er erwähnt, wie er eines Tages einem Physikerfreund, Karl Koller, gegenüber beiläufig seine Beobachtungen über die anästhetischen Eigenschaften von Kokain bemerkt und dann die Stadt für einen langen Besuch bei seiner Verlobten verlassen hatte. Als Freud zurückkehrte, hatte Koller bereits entscheidende chirurgische Experimente durchgeführt und als Entdecker der Lokalanästhesie Ruhm erlangt.

Wenige Menschen waren mit intellektuellen Gaben gesegnet, die denen Freuds vergleichbar wären; er hatte große Imaginationskraft, unbegrenzte Energie und unbezähmbaren Mut. Aber als er erwachsen wurde, fand er, dass sein Weg zum Erfolg in unfairer und unberechenbarer Weise versperrt war. Brücke musste Freud davon in Kenntnis setzen, dass es wegen des Antisemitismus in Wien praktisch keine Hoffnung auf eine erfolgreiche akademische Karriere gab: Die Unterstützung der Universität, die Anerkennung, die Promotion waren ihm verwehrt. Freud wurde im Alter von siebenundzwanzig gezwungen, seine Forschung aufzugeben und seinen Lebensunterhalt als praktizierender Arzt zu verdienen. Er studierte Psychiatrie und trat in eine private medizinische Praxis ein. Die »große Entdeckung« war nun seine einzige Chance, Ruhm zu erlangen.

Freuds Gefühl, dass ihm Zeit und Gelegenheit entglitten, erklärt zweifellos seine Unklugheit bei dem Vorfall um das Kokain. Er las, dass die Einheimischen Südamerikas dadurch Stärke gewannen, dass sie Kokainpflanzen kauten; er führte Kokain in seine klinische Praxis ein und pries in der Wiener medizinischen Gesellschaft die positiven Wirkungen der Droge auf Depression und Müdigkeit. Er verschrieb vielen seiner Patienten Kokain und drängte seine Freunde (sogar seine Verlobte), es einzunehmen. Als bald darauf die ersten Berichte über Kokainabhängigkeit erschienen, fiel Freuds Glaubwürdigkeit bei der Wiener medizinischen Gesellschaft in sich zusammen. (Dieser Vorfall erklärt, zumindest zu einem kleinen Teil, warum die Wiener akademische Gemeinschaft es an Reaktionen auf Freuds spätere Entdeckungen fehlen ließ.)

Die Psychologie fing an, ihn vollständig gefangen zu nehmen. Die Struktur des Geistes zu entwirren, wurde, wie Freud es formulierte, zu seiner Geliebten. Seine Hoffnungen auf Ruhm hingen vom Erfolg dieser Theorie ab; als gegenteilige klinische Beweise erschienen, war er am Boden zerstört. Freud beschrieb diesen Rückschlag in einem Brief an seinen Freund Wilhelm Fließ im Jahre 1897: »Die Erwartung des ewigen Nachruhmes war so schön, und des sicheren Reichtums, die volle Unabhängigkeit … all dies hing davon ab, ob Hysterie aufgeht oder nicht.«122

Systematische Beobachtungen waren von geringer Bedeutung. Freuds Ziel war nichts Geringeres als ein umfassendes Modell des Geistes. Im Jahr 1895, als er immer noch auf halbem Weg zwischen Neurophysiologie und Psychiatrie war, hatte Freud das Gefühl, dass die Entdeckung eines Modells des Geistes kurz bevorstand. Er schrieb in einem Brief:

In einer fleißigen Nacht der verflossenen Woche, bei jenem Grad von Schmerzbelastung, der für meine Hirntätigkeit das Optimum herstellt, haben sich plötzlich die Schranken gehoben, die Hüllen gesenkt, und man konnte durchschauen vom Neurosendetail bis zu den Bedingungen des Bewußtseins. Es schien alles ineinander zu greifen, das Räderwerk paßte zusammen, man bekam den Eindruck, das Ding sei jetzt wirklich eine Maschine und werde nächstens auch von selber gehen. Die drei Systeme von Neuronen, der freie und gebundene Zustand von Quantität, der Primär- und Sekundärvorgang, die Haupttendenz und die Kompromißtendenz des Nervensystems, die beiden biologischen Regeln der Aufmerksamkeit und der Abwehr, die Qualitäts-, Real- und Denkzeichen, der Zustand der psychosexualen Gruppe – die Sexualitätsbedingung der Verdrängung, endlich die Bedingungen des Bewußtseins als Wahrnehmungsfunktion – das alles stimmte und stimmt heute noch! Ich weiß mich vor Vergnügen natürlich nicht zu fassen.123

Damit die Entdeckung für Freuds Bedürfnisse voll zufriedenstellend sein konnte, waren zwei Kriterien zu erfüllen: (1) das Modell des Geistes sollte ein umfassendes sein, welches mit den Helmholtzschen wissenschaftlichen Kriterien übereinstimmte; und (2) es sollte eine originelle Entdeckung sein. Das Freudsche Grundschema des Geistes, die Existenz von Verdrängung, die Beziehung zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, das grundlegend biologische Substrat von Gedanken und Affekt war eine kreative Synthese – nicht neuartig in ihren Komponenten (Schopenhauer und Nietzsche hatten einen kühnen Weg markiert), aber neuartig in ihrer Gründlichkeit und ihrer Anwendbarkeit auf viele menschliche Aktivitäten, von Träumen und Fantasie bis hin zu Verhalten, Symptombildung und Psychose. (Über seine Vorgänger sagte Freud an einer Stelle: »Viele Leute haben mit dem Unbewussten geflirtet, aber ich war derjenige, der es zuerst heiratete.«) Die Energiekomponente des Freudschen Modells (die sexuelle Kraft oder Libido) – ein beständiges Maß an Energie, das durch vorherbestimmte, wohldefinierte Stadien der Entwicklung während der frühen und späteren Kindheit geht, welches gebunden oder ungebunden sein kann, mit dem Objekte besetzt werden können, das überfließen oder aufgestaut oder verschoben werden kann, das die Quelle des Gedankens, des Verhaltens, der Angst und der Symptome ist – ist vollständig neu; es war die große Entdeckung, und Freud hielt grimmig daran fest. Um der Libidotheorie willen opferte er seine Beziehungen zu seinen vielversprechendsten Schülern, die von ihm abrückten, weil sie sich weigerten, sein absolutes Beharren auf der neuen Entdeckung zu akzeptieren – die zentrale Rolle der Libido bei der menschlichen Motivation.

Die Rolle des Todes im menschlichen Verhalten hatte für Freud offensichtlich weder als Quelle von Angst noch als Determinante der Motivation einen Reiz. Sie erfüllte keine dynamische Erfordernisse: Der Tod war kein Instinkt (obwohl Freud im Jahr 1920 dieses postulieren sollte) und passte nicht in ein mechanistisches Helmholtzsches Modell. Noch war die Rolle des Todes neuartig: Es war ein alter Hut, sozusagen Altes Testament; und es war nicht das Ziel Freuds, sich einer langen Prozession von Denkern anzuschließen, die bis an den Beginn aller Zeiten zurückreicht. »Ewiger Ruhm«, wie er es zu nennen pflegte, lag dort nicht. Ewiger Ruhm würde ihm sicher sein auf Grund der Entdeckung einer his dahin unbekannten Quelle menschlicher Motivation: der Libido. Es besteht wohl kein Zweifel daran, dass Freud einen wichtigen Faktor im menschlichen Verhalten korrekt darstellte. Freuds Irrtum war eine Überbesetzung: Seine grimmige Investition in das Primat der Libido war überdeterminiert; er erhob einen Aspekt menschlicher Motivation in eine Position absoluten Vorrangs und absoluter Exklusivität und subsumierte unter diesem Aspekt alles Menschliche, für alle Personen und für alle Zeiten.

Gegentheorien

Bald erschienen Gegentheorien. Freuds kreativste Studenten nahmen sich die Libidotheorie vor; und um 1910 herum hatten Carl Jung, Alfred Adler und Otto Rank sich entschlossen, die Gnade ihres Meisters hinter sich zu lassen, statt sein mechanistisches dualistisch-instinkthaftes Menschenbild zu akzeptieren. Jeder dieser Abtrünnigen schlug eine andere Quelle der Motivation vor. Jung forderte einen spirituellen Lebenskraft-Monismus. Adler betonte die Sorge des Kindes um das Überleben und seine Kleinheit und Hilflosigkeit angesichts einer makroskopischen Erwachsenenwelt und eines umfassenden Universums. Rank betonte die Bedeutung der Todesangst und behauptete, dass das menschliche Wesen sich zwischen zwei Ängsten ständig hin- und herwindet – der Angst vor dem Leben (und dessen intrinsischer Isolation) und der Angst vor dem Tod. Diese Ansichten und die Beiträge solcher jüngeren Theoretiker wie Fromm, May, Tillich, Kaiser und Becker ergänzen alle die Freudsche strukturelle Theorie, aber ersetzen sie nicht. Freuds großer Beitrag war seine Formulierung eines dynamischen Modells des Geistes. Den Tod in das Freudsche dynamische Modell einzuführen, sowohl als Furcht vor dem Tod als auch als ein Begreifen des Todes, ist lediglich eine Wiedereingliederung: Der Tod war immer da, unterhalb der Kastration, unterhalb der Trennung und Verlassenheit. In diesem einen Fall blieben Freud und die ihm folgende analytische Tradition zu oberflächlich; nachfolgende Theoretiker haben eine korrektive Kraft zur Verfügung gestellt und haben so zur Vertiefung unserer Sichtweise vom menschlichen Wesen beigetragen.

3. Kapitel: Der Todesbegriff bei Kindern

Unsere Sorgen über den Tod und unsere Art, mit Todesangst umzugehen, sind keine Oberflächenphänomene, die leicht zu beschreiben oder zu verstehen wären. Sie treten im Erwachsenenalter auch nicht neu auf. Sie sind vielmehr tief in der Vergangenheit verwurzelt und werden im Verlauf des Lebens, während wir mit Sicherheit und Überleben beschäftigt sind, rundlich umgeformt. Das Studium des Kindes liefert uns eine einzigartige Möglichkeit, das Ringen des menschlichen Wesens mit dem Tod in der ursprünglichen Form zu untersuchen. Der Zweck dieses Kapitels ist es, die Begegnung des Kindes mit Sterblichkeit, sein Begreifen des Todes, sein Entsetzen, seine Vermeidungen und Schutzmechanismen und schließlich seine Entwicklung angesichts der Furcht vor dem Tod zu untersuchen.

Meines Erachtens gibt es eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen der Bedeutung des Todes für das Kind und der Aufmerksamkeit, die dem Tod in der Kindesentwicklung durch Wissenschaftler gegeben wird. Die relevante Literatur ist dünn, und wenn man sie mit der umfangreichen Literatur über andere Fragen der Kindesentwicklung vergleicht, scheint sie bestenfalls oberflächlich zu sein. Empirische Studien über den Todesbegriff beim Kind sind besonders selten; psychoanalytisch orientierte Kliniker haben gelegentlich versucht, die Frage zu untersuchen, aber, wie wir sehen werden, mit einer Voreingenommenheit, die die Genauigkeit der Beobachtung oft untergräbt. Darüber hinaus ist viel einschlägiges Material in alten Veröffentlichungen zu finden und oft außerhalb der Hauptströmung der Literatur über die Kindesentwicklung oder die Kinderpsychiatrie. Vieles verdanken wir Sylvia Anthony, die die Forschung und die beschreibende Literatur in ihrer Monografie The Discovery of Death in Childhood and After1 so kundig durcharbeitete und analysierte.

Sowohl meine klinische Arbeit als auch die Durchsicht der Arbeiten von anderen lässt mich zu verschiedenen Schlussfolgerungen kommen:

1. Wenn Verhaltensforscher sich entschlossen, die Frage gründlich zu untersuchen, entdeckten sie übereinstimmend, dass Kinder außerordentlich stark mit dem Tod beschäft igt sind. Sorgen der Kinder über den Tod sind durchgängig vorhanden und üben weitreichenden Einfl uss auf ihre Erfahrungswelt aus. Der Tod ist für sie ein großes Rätsel, und eine ihrer größten Entwicklungsaufgaben besteht darin, mit der Furcht vor Hilfl osigkeit und Vernichtung umzugehen, während sexuelle Angelegenheiten sekundär und davon abgeleitet sind.2

2. Kinder sind nicht nur gründlich mit dem Tod beschäftigt, sondern diese Beschäftigung beginnt in einem früheren Alter als gemeinhin angenommen.

3. Kinder durchlaufen regelmäßige Entwicklungsstufen in ihrer Bewusstheit des Todes und in den Methoden, die sie verwenden, um mit ihrer Todesfurcht umzugehen.

4. Die kindlichen Bewältigungsstrategien beruhen unweigerlich auf Verleugnung: Es scheint, dass wir nicht in Toleranz gegenüber den nackten Tatsachen von Leben und Tod aufwachsen, vielleicht nicht aufwachsen können.

Das verbreitete Interesse von Kindern am Tod

Freud glaubte, dass die heimlichen sexuellen Erkundungen, die Beschäftigung mit der Frage ›Woher?‹ ein vorherrschendes Interesse von Kindern sei, und begründete damit die Generationenkluft, die zwischen Kind und Erwachsenen besteht. Es gibt jedoch genügend Beweise, dass die Frage ›Wohin?‹ unseren Geist auch als Kind intensiv beschäftigt und uns ständig während unseres gesamten Lebens in den Ohren summt: Man kann sich ihr stellen, kann sie fürchten, ignorieren, unterdrücken, aber man kann nicht frei von ihr sein.

Nur wenige Eltern oder Beobachter junger Kinder waren nicht erstaunt über das Auftauchen plötzlicher, unerwarteter Fragen eines Kindes über den Tod. Als mein fünfjähriger Sohn und ich einmal still am Strand entlang spazierten, wandte er plötzlich sein Gesicht zu mir hoch und sagte: »Weißt du, meine beiden Großväter starben, bevor ich sie je gesehen habe.« Es erschien mir wie eine Bemerkung, die die Spitze eines Eisbergs andeutete. Ich war sicher, dass er lange im Stillen über die Frage nachgesonnen hatte. Ich fragte ihn, so sanft ich konnte, wie oft er über solche Dinge wie den Tod nachdachte, und ich war verblüfft, als er in einer seltsam erwachsenen Stimme antwortete: »Ich denke ständig darüber nach.«

Ein anderes Mal bemerkte er unschuldig, aus Anlass der Abreise seines Bruders ins College: »Jetzt sind nur noch drei von uns zu Hause, du und ich und Mami. Ich bin gespannt, wer zuerst sterben wird.«

Ein viereinhalbjähriges Kind sagte plötzlich zu seinem Vater, »Ich fürchte mich jeden Tag vor dem Sterben; ich wünschte, ich würde niemals alt werden, denn dann würde ich niemals sterben.«3 Ein dreieinhalbjähriges Mädchen bat darum, dass man einen Stein auf seinen Kopf lege, so dass es aufhören würde zu wachsen und nicht alt werden und sterben müsste.4 Ein kleines vierjähriges Mädchen weinte vierundzwanzig Stunden lang, als es erfuhr, dass alle lebendigen Dinge sterben. Seine Mutter war nicht anders in der Lage, es zu beruhigen, als dass sie ihm versprach, dass es niemals sterben würde.5 Ein paar Tage nach dem Tod seiner Großmutter väterlicherseits kam ein vierjähriges Kind in die Küche der Wohnung seiner Familie und sah auf dem Tisch eine tote Gans, deren blutiger Kopf bewegungslos vom langen Hals herunterhing. Das Kind, das vom Tod seiner Großmutter gehört hatte, aber keine besondere Reaktion gezeigt hatte, schaute nun kurze Zeit ängstlich auf die Gans und sagte zu seiner Mutter: »Ist das, was du tot nennst?«6

Erik Erikson berichtet von dem Fall eines vierjährigen Kindes, dessen Großmutter starb, und das in der Nacht, nachdem es ihren Sarg gesehen hatte, einen epileptiformen Anfall hatte. Einen Monat später fand es einen toten Maulwurf, fragte nach dem Tod und hatte wieder Krämpfe. Zwei Monate später hatte es eine dritte Serie von Krämpfen, nachdem es versehentlich einen Schmetterling in seiner Hand zerdrückt hatte.7

Die unschuldige Art der Kinderfragen kann uns den Atem verschlagen. Das junge Kind fragt direkt: »Wann wirst du sterben?« »Wie alt bist du?« »Wie alt sind Menschen, wenn sie sterben?« Das Kind behauptet, »Ich will so lange leben, bis ich tausend Jahre alt bin. Ich will so lange leben, bis ich der älteste Mensch auf der Erde bin.« Dies sind Gedanken in einem Alter der Unschuld, und sie können durch einen Tod ausgelöst sein – den Tod eines Großelternteils, eines Tieres, vielleicht sogar einer Blume oder eines Blattes; aber oft tauchen sie unvermittelt, ohne irgendeinen äußeren Anreiz, auf: Das Kind reagiert nur die inneren Sorgen, über die es lange meditiert hat, ab. Später, wenn das Kind lernt, »des Kaisers neue Kleider« zu sehen, wird es auch dazu übergehen zu glauben, dass der Tod eine Angelegenheit ohne große Bedeutung ist.

Anthony hat uns einen objektiven Maßstab für die Todesbesorgnis von Kindern geliefert, indem sie bei neunundachtzig Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren einen Geschichten-Vervollständigungs-Test durchführte.8 Die Geschichten hatten ein offenes Ende und nahmen nicht ausdrücklich Bezug auf den Tod. (Beispiel: »Als der Junge abends ins Bett ging, worüber dachte er nach?« oder »Ein Junge ging zur Schule; in der großen Pause spielte er nicht mit den anderen, sondern blieb ganz allein in einer Ecke. Warum?«) Bei der Vervollständigung der Geschichten bekundeten die Kinder ein beachtliches Maß an Auseinandersetzung mit dem Tod oder der Vernichtung. Ungefähr 50 Prozent der Kinder bezogen sich in ihrer Vervollständigung der Geschichte auf den Tod, auf Beerdigungen, Tötungen oder Geister. Wenn etwas indirekte Antworten auch eingeschlossen wurden (»Er wurde überfahren« oder »Sie verlor eines ihrer Kinder«), stieg der Anteil auf über 60 Prozent. Zum Beispiel gaben die Kinder auf die Frage, »Als der Junge abends ins Bett ging, worüber dachte er nach?«, Antworten wie »Jemand kam in sein Zimmer und tötete ihn« oder »Schneewittchen, ich habe sie nicht gesehen, aber ich habe sie tot in einem Bilderbuch gesehen« oder »Jemand kam in sein Haus, sein Vater starb, und dann starb er auch.« Eine Geschichte erzählte von einer magischen Fee, die das Kind fragte, ob es erwachsen sein wollte oder ein Leben lang jung bleiben wollte, vielleicht für immer. Im Gegensatz zu dem verbreiteten Glauben, dass das Kind begierig ist, zu wachsen und stark und einflussreich zu werden, drückten 35 Prozent der Kinder in ihren Vervollständigungs-Geschichten eine Vorliebe dafür aus, jung zu bleiben, da sie Altwerden mit dem Tod in Verbindung brachten.

Der Todesbegriff: Entwicklungsstufen

Auf der Grundlage umfassender Belege für die Beschäftigung von Kindern mit dem Tod werde ich nun die Ontogenese des Todesbegriffs betrachten. Viele Forscher haben bemerkt, dass die Gedanken und Ängste der Kinder über den Tod und ihre Methoden, mit ihrer Furcht umzugehen, für bestimmte Entwicklungsstufen spezifisch sind.

Hindernisse bei der Erkundung dessen, was ein Kind über den Tod weiß

Unserem Wissen über das, was das sehr junge Kind über den Tod weiß, steht viel im Wege; deshalb gibt es in diesem Bereich auch viele Kontroversen.

Das Fehlen der Sprache und der Fähigkeit für abstrakte Gedanken. Das Fehlen der Sprache bei sehr kleinen Kindern ist ein gewaltiges Hindernis für das Verständnis des Erwachsenen vom inneren Erleben des Kindes. Deshalb werden von den Experten Annahmen darüber gemacht, was das Kind weiß und nicht weiß, die oft sehr einseitig sind. Ein anderer Faktor ist, dass Entwicklungstheoretiker, besonders Jean Piaget, gezeigt haben, dass es sehr jungen Kindern an der Fähigkeit für abstraktes Denken mangelt. Selbst noch im Alter von zehn Jahren ist das Kind in einem Stadium konkreter geistiger Operationen und beginnt gerade, das, was »möglich« ist, in Betracht zu ziehen.9 Da der Tod, der eigene Tod, Sein und Nicht-Sein, Bewusstsein, Endlichkeit, Ewigkeit und die Zukunft abstrakte Begriffe sind, haben viele Entwicklungspsychologen den Schluss gezogen, dass junge Kinder überhaupt keinen genauen Begriff vom Tod haben.

Freuds Standpunkt. Ein weiterer wichtiger Faktor, der die professionellen Ansichten über den Begriff des jungen Kindes vom Tod beeinflusste, war der harte Standpunkt Freuds, der überzeugt war, dass das junge Kind die wahren Implikationen des Todes nicht begreift. Da Freud die sehr frühen Jahre des Lebens als diejenigen betrachtete, die am wirksamsten für die Bildung des Charakters sind, sah er genau aus diesem Grund den Tod als ein unwichtiges Motiv in der psychischen Entwicklung an. Die folgenden Passagen aus Die Traumdeutung vermitteln seine Position:

… dass die Vorstellung des Kindes vom »Totsein« mit der unsrigen das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat. Das Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, vom Frieren im kalten Grab, vom Schrecken des endlosen Nichts, das der Erwachsene, wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner Vorstellung so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum spielt es mit dem grässlichen Wort und droht einem anderen Kind: »Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz gestorben ist«, wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, die vielleicht nicht daran vergessen kann, dass die größere Hälfte der erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gang durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen: »Mama, ich habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer, immer sehen kann!« So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom Gestorbensein der unsrigen. Von einem hochbegabten zehnjährigen Knaben hörte ich nach dem plötzlichen Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen folgende Äußerung: Dass der Vater gestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht zum Nachtmahl nach Hause kommt, kann ich mir nicht erklären. Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als »fort sein«, die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zustande kommt, ob durch Verreisen, Entlassung, Entfremdung oder Tod … Dass das Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv vermisst, hat manche Mutter zu ihrem Schmerz erfahren, wenn sie nach mehrwöchentlicher Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre Erkundigung hören musste; Die Kinder haben nicht ein einziges Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes »unentdeckte Land« verreist ist, »von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt«, so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und erst nachträglich beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern.10

Danach weiß das Kind sogar im Alter von acht oder neun laut Freuds Ansicht wenig über den Tod (und fürchtet ihn daher auch wenig). Freud wies dem Tod in seinen Formulierungen über die grundlegenden Sorgen des Kindes einen relativ späten Platz in der Entwicklung zu und gab den Sorgen bezüglich der Sexualität eine frühere und primäre Position. Seine Schlussfolgerungen über die Rolle des Todes in der persönlichen Entwicklung waren höchst einflussreich und führten dazu, dass die Frage eine Generation lang vorzeitig ausgeklammert wurde. Es gibt, wie ich im letzten Kapitel ausführte, nicht nur persönliche und theoretische Gründe für Freuds Irrtum, sondern auch methodologische: Er arbeitete niemals direkt mit jungen Kindern.

Erwachsene Voreingenommenheit. Die Voreingenommenheit ist eine andere wichtige Barriere für unser Wissen darüber, was das Kind über den Tod weiß. Ob die Untersuchungen beobachtend, psychometrisch oder projektiv sind, die Daten müssen von einem Erwachsenen gesammelt und interpretiert werden; und die persönliche Angst und Verleugnung des Todes durch diesen Erwachsenen kontaminiert oft die Ergebnisse. Die Erwachsenen sprechen mit Kindern nur widerwillig über den Tod, sie vermeiden das Thema, sie akzeptieren oberflächliche Daten unhinterfragt, weil sie nicht bereit sind, beim Kind weiter nachzufragen, und nehmen die Erfahrung des Kindes in systematischer Weise falsch wahr, und sie täuschen sich auch, wenn sie annehmen, dass das Kind weniger Bewusstheit vom Tod und daher weniger Angst hat, als es tatsächlich der Fall ist.

Eine oft zitierte Forschungsarbeit über die Ängste der Kinder durch Rema Lapouse und Mary Monk veranschaulicht die Bedeutung dieser Voreingenommenheit.11 Die Autorinnen untersuchten eine große Stichprobe (N = 482) normaler Kinder im Alter von sechs bis zwölf mit dem Ziel, die Art und das Ausmaß der Ängste von Kindern festzustellen – aber weil sie das Gefühl hatten, dass es unmöglich wäre, hunderte von Interviews mit Kindern durchzuführen, interviewten sie stattdessen die Mütter! Die Mütter hielten die zwei Angst-Items, die am engsten mit dem Tod in Verbindung standen (»krank werden, einen Unfall haben oder sterben« oder »Sorgen über die Gesundheit«) für am wenigsten bedeutsam: Nur 12 Prozent der Mütter schätzten das erste Item als eine wichtige Sorge ein, und 16 Prozent das zweite. (Im Gegensatz dazu schätzten 44 Prozent »Schlangen« und 38 Prozent »Schulnoten« als wichtige Sorgen ein.)

Die Autorinnen wählten dann eine Unterstichprobe (N = 192) aus und interviewten sowohl die Kinder als auch die Mütter. Die Ergebnisse zeigten, dass die Mütter die Häufigkeit der Ängste der Kinder im allgemeinen unterschätzten. Die zwei auf den Tod bezogenen Items zeigten besonders hohe Diskrepanzen: Bei diesen Items stimmten Mütter und Kinder in ihren Antworten nur in 45 Prozent der Fälle überein: Von den Fehleinschätzungen waren 90 Prozent das Ergebnis der Unterschätzung der Sorgen der Kinder um den Tod durch die Mütter. (Die Mütter unterschätzten im selben Maß auch andere Items, die indirekter mit Tod in Beziehung standen: »Jemand in der Familie wird krank oder stirbt«, »Krankheitserreger«, »Feuer«) Die Ergebnisse legen nahe, dass die Mütter dazu neigen, sich des Grades, in dem ihre Kinder mit dem Tod beschäftigt sind, nicht bewusst zu sein.

Eine andere Studie berichtet von Reaktionen auf den Tod von John F. Kennedy in einem Kinderkrankenhaus.12 Die Forscher merken an, dass hoch ausgebildetes Krankenhauspersonal in unerwarteter Weise unzuverlässig war bei der Beobachtung der Reaktionen von Kindern auf den Tod. Diese Mitglieder des Personals differierten sehr stark, nicht nur in ihren Beobachtungen dieser Reaktionen, sondern auch in ihren Meinungen darüber, wie viele Informationen Kindern gegeben werden sollten und wie sehr man erwarten konnte, dass Kinder starken emotionalen Stress ertragen.

Piaget, der sein ganzes Berufsleben lang mit Kindern gearbeitet hatte, meinte, dass psychologische Tests, auch die von hoch differenzierter Art, häufig unvollständige und irreführende Daten erbringen, und dass die befriedigendste Art der Befragung eine »allgemeine Untersuchung« (oder ein »klinisches Interview«) ist – und die meisten Kliniker würden dem zustimmen. Tiefeninterviews mit Kindern haben in der Literatur jedoch Seltenheitswert. Unser Fürsorgeinstinkt wird geweckt beim Anblick der Jungen fast jedweder Säugetierspezies, angefangen von kleinen Kätzchen, jungen Hunden und Fohlen bis hin zu Menschen. Es ist schwierig, gegen den biologischen Strich zu gehen, ein Kind der nackten Wahrheit über den Tod auszusetzen; und diese Schwierigkeit ist, glaube ich, der Hauptfaktor für die Seltenheit professioneller Untersuchungen. Tatsächlich habe ich ernsthaft Zweifel darüber, ob ein Forschungsprojekt, in dessen Design eine ausdrückliche Befragung kleiner Kinder über den Tod enthalten ist, heute von einem Komitee für sozialwissenschaftliche Humanforschung genehmigt werden würde; zweifellos würde solch ein Projekt auf starken Widerstand der Eltern stoßen.

Folglich sind die Untersuchungen im Allgemeinen indirekt und oft oberflächlich. Es gibt nur wenige Berichte über Untersuchungen, die auf direkten Interviews basieren,13 und die gründlichsten von ihnen sind mehrere Jahrzehnte alt. Maria Nagy und Sylvia Anthony berichteten von Arbeiten, die in den vierziger Jahren durchgeführt wurden. Nagy (die den Kindern in der Schule, wo sie ihre Untersuchungen durchführte, als »Tante Tod« bekannt war) bat Kinder, Bilder über den Tod zu malen, Aufsätze über den Tod zu schreiben und ihre Gedanken über den Tod mündlich zu äußern.14 Anthony fragte nach Definitionen von Wörtern, die mit dem Tod zusammenhängen, und benutzte einen Geschichten-Vervollständigungs-Test.15 1935 legten Paul Schilder und David Wechsler Kindern eine Serie von Bildern mit Todesbezug vor und fragten nach ihren Reaktionen.16 Obwohl die Bilder sehr deutlich, ja sogar makaber waren, machten die Autoren Konzessionen gegenüber der Empfindsamkeit der Kinder und akzeptierten und berichteten die Reaktionen ohne nachzufragen. Wären die Versuchspersonen Erwachsene gewesen, hätten die Forscher dieses Vorgehen niemals geduldet; stattdessen hätten sie nachgefragt, nachgeforscht und die Reaktionen in großer Tiefe interpretiert. Was dem Kind beigebracht wird. Es gibt noch etwas, was unser Wissen über das, was ein Kind über den Tod weiß, beeinträchtigt. Ein Kind bleibt selten lange im ersten Zustand seines Wissens über den Tod, denn die Erwachsenen sind außerordentlich verängstigt bei dem Anblick eines Kindes, das mit Gedanken an den Tod ringt, und springen ein, um das Kind zu schonen. Das Kind nimmt die Angst des Erwachsenen wahr und entdeckt dementsprechend, dass es notwendig ist, Sorgen über den Tod zu unterdrücken: Es wird wenig echte Unterstützung von seinen Eltern erhalten. Viele Eltern kommen angesichts des Kummers eines Kindes ins Wanken und zwar trotz eines beträchtlichen Maßes an Aufklärung und des festen Entschlusses, ehrlich zu sein. Anthony berichtet von einer kurzen anschaulichen Unterhaltung zwischen einem fünfjährigen Kind und seiner Mutter, die Universitätsprofessorin war:

Kind: »Sterben Tiere auch?«

Mutter: »Ja, Tiere sterben auch. Alles was lebt, stirbt einmal.«

Kind: »Ich will nicht sterben. Ich würde gerne länger leben als irgendjemand auf der Welt.«

Mutter: »Du brauchst nie zu sterben; du kannst ewig leben.«17

Im Allgemeinen versuchen die Eltern, die Ängste eines Kindes zu besänftigen, indem sie eine Form der Verleugnung anbieten, entweder ein eigentümliches Verleugnungssystem oder einen sozial sanktionierten Unsterblichkeitsmythos.

Was der Forscher oft entdeckt, ist also nicht die natürliche Neigung eines Kindes, sondern eine komplexe Mischung aus dem Wissen des Kindes, Angst und Verleugnung, vermischt mit der Angst und den verleugnenden Abwehrmechanismen des Erwachsenen. Was man einem Kind erzählen sollte und was nicht, ist eine Frage, die ich später besprechen werde, aber wir müssen verstehen, warum wir unterschiedliche Formen der Wissensvermittlung bezüglich des Todes wählen. Ist es zum Nutzen des Kindes oder des Erwachsenen? Erma Furman, die junge Kinder, die einen Elternteil verloren hatten, genau untersuchte, schlussfolgerte, dass »konkrete Information über den Tod zu bestimmten Zeiten hilfreich für sie war, und dass die Aufgabe des Kindes schwieriger gemacht wurde, wenn die Erwachsenen in seiner Umgebung bewusst oder unbewusst Fehlangaben über die objektiven Tatsachen machten oder diese vertuschten.«18

Erste Bewusstheit des Todes

Wann weiß das Kind zum ersten Mal vom Tod? Verschiedene Datenquellen stehen zur Verfügung (von denen alle beeinträchtigt sind durch die Hinder nisse, die ich beschrieben habe): Sorgfältige Längsschnitt-Untersuchungen – durch Eltern oder geschulte Beobachter; psychologische Tests – vor allem Wortdefinitionen (das heißt »Tod«, »Leben«, »lebendig«), Geschichten-Vervollständigungen, TAT (Thematischer Apperzeptions-Test), Analyse von Kinderzeichnungen; systematische Beobachtungen durch das Personal in Krankenhäusern oder Heimen; und Fallberichte von Kindertherapeuten oder Erwachsenentherapeuten, die retrospektive Daten liefern.

Der Tod und die Entwicklung der Sprache. Die objektiveren Messungen hängen von der jeweiligen Sprachfähigkeit des Kind ab. Anthony versuchte, die Frage »Wann weiß das Kind vom Tod?« zu beantworten indem sie dreiundachtzig Kinder bat, das Wort »tot«, das in einen Test über allgemeine Vokabeln eingefügt war, zu definieren. Die Antworten von 100 Prozent der Kinder, die sieben Jahre und älter waren (und von zwei Dritteln der sechs Jahre alten Kinder), deuteten auf ein Verständnis von der Bedeutung des Wortes hin (obwohl sie oft in ihren Definitionen Phänomene einbezogen, die nicht logisch oder biologisch wesentlich waren). Nur drei der zweiundzwanzig Kinder, die sechs Jahre oder jünger waren, wussten überhaupt nichts von der Bedeutung des Wortes.19

Ein anderer objektiver Zugang zum Problem ist es, die Entwicklung des Begriffs »lebendig« oder »Leben« bei Kindern zu untersuchen. Bei jungen Kindern scheint es viel Verwirrung über die Eigenschaften von lebenden Wesen zu geben. J. Sully bemerkte 1895, dass junge Kinder alle offensichtlich spontanen Bewegungen als ein Zeichen des Lebens ansehen und daher glauben, dass Objekte wie Feuer oder Rauch lebendig sind.20 Piaget nahm an, dass der Animismus der Kinder (der, wie er glaubte, mit dem Animismus primitiver Menschen verglichen werden kann) in vier Stadien aufgeteilt werden kann. Zuerst werden die unbelebten Objekte im Allgemeinen so betrachtet, als hätten sie Leben und Willen. Zu Beginn des siebten Lebensjahres schreibt das Kind nur den Dingen Leben zu, die sich bewegen. Vom achten bis zum zwölften Jahr schreibt das Kind denjenigen Dingen Leben zu, die sich selbst bewegen; und danach wird die Ansicht des Kindes in zunehmendem Maß die von Erwachsenen.

Piaget hielt das Thema des Todes für ein Hilfsmittel bei der Entwicklung eines reifen Begriffs der Kausalität. In den frühen Gedanken des Kindes wird Motivation als Quelle betrachtet, und die Erklärung von der Existenz der Dinge und jeder Ursache wird mit einem Motiv in Zusammenhang gebracht. Wenn das Kind sich des Todes bewusst wird, erfährt dieses Gedankensystem eine Umwälzung: Tiere und Menschen sterben, und ihr Tod kann nicht als Ergebnis ihres Motivs erklärt werden. Allmählich fangen die Kinder an zu verstehen, dass der Tod ein Naturgesetz sein muss – ein Gesetz, das einheitlich und unpersönlich ist.21

Bei dem Versuch zu verstehen, was lebt oder Leben hat und was unbelebt ist, geht das Kind durch eine große Verwirrung. Beispielsweise glaubte mehr als ein Drittel der sieben- bis achtjährigen Kinder in einer Studie, dass eine Uhr oder ein Fluss lebt; drei Viertel hatten das Gefühl, dass der Mond lebt, während zwölf Prozent das Gefühl hatten, dass ein Baum nicht lebt.22 Die Verwirrung des Kindes wird wahrscheinlich erhöht durch die verwirrenden Botschaften aus der Umgebung. Das Kind wird nie klar und genau über diese Dinge durch die Erwachsenen unterrichtet. Es ist verwirrt durch Puppen und mechanisches Spielzeug, welches Leben simuliert. Dichterische Freiheit in der Sprache ist eine weitere Quelle der Verwirrung (»Wolken rasen über den Himmel«, »der Mond schaut zum Fenster herein«, »der Bach tanzt zum Meer«).

Beobachtung von Kindern. Diese Studien der linguistischen Entwicklung haben viele Entwicklungstheoretiker und Kliniker dazu veranlasst, den Zeitpunkt der Bewusstheit des Kindes vom Tode viel später anzusetzen, als durch die direkten Beobachtungen nahegelegt wird, die ich jetzt betrachten werde. Vielleicht erheben Forscher unnötig strenge Anforderungen für die Beweisführung. Gibt es irgendwelche Gründe dafür, dass ein Kind in der Lage sein muss, »lebendig« oder »tot« zu definieren, um in seinem Innersten zu wissen, dass es wie Insekten, Tiere oder andere Menschen eines Tages aufhören wird zu sein? Forscher, die sehr junge Kinder untersuchen, stellen übereinstimmend fest, dass diese sich in beträchtlichem Ausmaß mit dem Tod beschäftigen. Der theoretische Einwand, dass das Kind, das jünger als acht oder zehn ist, abstrakte Konzepte nicht verstehen kann, geht an der Frage vorbei. Wie Kastenbaum und Aisenberg hervorheben: »Zwischen den Extremen von ›Nicht-Verstehen‹ und expliziten, integrierten, abstrakten Gedanken gibt es viele Wege, über die der junge Geist in eine Beziehung mit dem Tod eintreten kann.«23 Trotz einer gewissen Vagheit ist der Ausdruck »in eine Beziehung mit dem Tod eintreten« hilfreich: Das sehr junge Kind denkt über den Tod nach, fürchtet sich vor ihm, ist neugierig auf ihn, registriert Wahrnehmungen, die sich auf den Tod beziehen und die es sein ganzes Leben lang behalten wird, und errichtet Abwehrmechanismen gegen den Tod, die auf Magie gründen.

Kastenbaum und Aisenberg berichten von Beobachtungen über David, einem achtzehn Monate alten Kind, das einen toten Vogel in seinem Garten entdeckte. Der Junge schien benommen zu sein und sein Gesicht nahm, seinen Eltern zufolge, »einen erstarrten, ritualisierten Ausdruck an, der ganz stark stilisierten griechischen Masken für Tragödienaufführungen ähnelte.«24 David war ein typisches Kleinkind, das dazu neigte, alles in seiner Reich weite aufzuheben und zu untersuchen; in diesem Fall jedoch kauerte er sich neben dem Vogel nieder, machte aber keine Anstrengung, ihn zu berühren. Ein paar Wochen später fand er einen weiteren toten Vogel. Diesmal hob er den Vogel auf und bestand mit Hilfe von Gesten, die die Nachahmung von einem fliegenden Vogel einschlossen, darauf, dass der Vogel zurück auf den Ast eines Baumes gesetzt würde. Als seine Eltern den toten Vogel auf den Baum setzten und der Vogel leider nicht flog, bestand David wiederholt darauf, dass der Vogel auf den Baum gesetzt werden sollte. Ein paar Wochen später konzentrierte sich die Aufmerksamkeit des Jungen auf ein einzelnes herabgefallenes Blatt, und er war sehr beschäftigt mit dem Versuch, es wieder auf den Baum zurückzulegen. Als es ihm nicht gelang, das Schicksal des Blattes zu revidieren, beauftragte er seinen Vater, das Blatt wieder am Baum festzumachen. Da David nicht in der Lage war zu sprechen, kann man sich der genauen Natur seiner inneren Erfahrung nicht sicher sein, aber sein Verhalten legt nahe, dass er sich mit dem Begriff des Todes auseinandersetzte. Es ist sicher keine Frage, dass die Begegnung mit dem Tod neuartiges und ungewöhnliches Verhalten hervorrief

Szandor Brant, ein Psychologe, berichtet von einem Vorfall, an dem sein Sohn Michael im Alter von zwei Jahren und drei Monaten beteiligt war.25 Michael, der von seiner Flasche ein Jahr lang entwöhnt worden war, fing an, mehrmals in der Nacht aufzuwachen und hysterisch nach der Flasche zu schreien. Als man ihn fragte, bestand Michael darauf, dass er die Flasche haben müsse, oder »ich werde nicht in Gang kommen«, »mir wird das Benzin ausgehen«, »mein Motor wird nicht laufen, und ich werde sterben.« Sein Vater sagt, dass bei zwei Gelegenheiten unmittelbar vor Michaels Aufwachen in der Nacht bei einem Auto im Beisein des Kindes das Benzin ausgegangen war und es viele Diskussionen darüber gab, wie der Motor »gestorben« war, und wie die Batterie dazu kam, »tot« zu sein. Michael schien überzeugt zu sein, so schließt sein Vater, dass er weiter Flüssigkeit trinken müsse, sonst würde er auch sterben. Michaels sichtbare Besorgnis über den Tod hatte sogar früher in seinem Leben begonnen, als er eine Fotografie von einem toten Verwandten sah und endlose Fragen an seine Eltern über den Status dieses Verwandten richtete. Michaels Geschichte deutet darauf hin, dass der Tod eine Quelle großen Kummers für das sehr junge Kind sein kann. Darüber hinaus erkannte Michael, was auch für den vorherigen Fall gilt, in einem sehr frühen Alter den Tod als ein Problem – vielleicht, wie Kastenbaum nahelegt, das erste vitale Problem und ein Hauptanstoß für kontinuierliche geistige Entwicklung.26

Gregory Rochlin schließt auf der Grundlage mehrerer Spielsitzungen mit einer Reihe normaler Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren ebenfalls, dass das Kind im sehr frühen Alter lernt, dass das Leben ein Ende hat, und dass der Tod für es selbst ebenso wie für jene kommen wird, von denen es abhängt.

Meine eigenen Untersuchungen haben gezeigt, dass das Wissen vom Tod, einschließlich der Möglichkeit des eigenen Todes, in einem sehr frühen Alter erworben wird, und zwar weit früher, als normalerweise vermutet. Im Alter von drei Jahren ist die Angst vor dem eigenen Tod auf eindeutige Weise mitteilbar. Wieviel früher als im Alter von drei Jahren diese Information erworben wird, ist eine Angelegenheit wenig stichhaltiger Spekulation. Die Verständigung mit einem jüngeren Kind über dieses Thema ist unwahrscheinlich. Sie wäre auch zu fragmentarisch. Wichtiger ist, dass der Tod in einem Kind von drei Jahren bereits als eine Furcht, als eine Möglichkeit angefangen hat, wesentliche Wirkungen zu erzeugen.27

Der Beweis steht jedem, der bereit ist, Kindern zuzuhören und ihr Spiel zu beobachten, leicht zur Verfügung, stellt Rochlin fest.28 Überall auf der Welt spielen die Kinder Spiele von Tod und Auferstehung. Es gibt viele Gelegenheiten, etwas über den Tod zu lernen. Eine Fahrt zum Fleischmarkt sagt jedem Kind mehr, als es zu wissen wünscht. Möglicherweise bedarf es keiner Erfahrung; möglicherweise hat, wie Max Scheler behauptet,29 jeder von uns ein intuitives Wissen vom Tod. Ungeachtet der Quelle des Wissens ist jedoch eines sicher: Die Tendenz, den Tod zu verleugnen, sitzt tief in jedem von uns, sogar im frühen Lebensalter. Das Wissen wird aufgegeben, wenn unsere Wünsche dem entgegenstehen.

Wenn die Realität mit Macht hereinbricht, wanken die noch jungen todesverleugnenden Abwehrmechanismen und erlauben es der Angst durchzubrechen. Rochlin beschreibt einen dreieinhalbjährigen Jungen, der seine Eltern mehrere Monate lang immer wieder gefragt hat, wann er oder sie sterben würden.30 Man hörte ihn murmeln, dass er selbst nicht sterben würde. Dann starb sein Großvater. (Dieser Großvater lebte in einer entfernten Stadt und war dem Kind kaum bekannt.) Der Junge begann, häufige Albträume zu haben und verzögerte das Schlafengehen regelmäßig; er setzte offensichtlich das Schlafengehen mit dem Tod gleich. Er fragte, ob es wehtun würde zu sterben, und sagte, dass er Angst hatte zu sterben. Sein Spiel deutete auf seine Beschäftigung mit Krankheit, Tod, Töten und Getötet-Werden hin. Obwohl es schwierig ist, mit Sicherheit zu wissen, was »Tod« für die innere Welt des präoperationalen Kindes bedeutete, schien es, dass dieses Kind viel Angst mit ihm assoziierte: Tod bedeutete, in die Kloake geschüttet zu werden, verletzt zu werden, zu verschwinden, im Abwasserkanal weggeschwemmt zu werden, auf dem Friedhof zu verwesen.

Ein anderes vierjähriges Kind verlor auch einen Großvater, der an seinem dritten Geburtstag starb. Der Junge bestand darauf, dass sein Großvater nicht tot war. Dann, als ihm gesagt wurde, dass sein Großvater an Altersschwäche gestorben sei, wollte er die Versicherung haben, dass seine Mutter und sein Vater nicht alt waren, und erzählte ihnen, dass er nicht älter werden würde. Ein Teil des Transskripts dieser Spielsitzung zeigt sehr deutlich, dass dieses vierjährige Kind »in eine Beziehung mit dem Tod eingetreten war«.

D: Letzte Nacht fand ich eine tote Biene.

Dr.: Sah sie tot aus?

D: Sie wurde getötet. Irgendjemand ist darauf getreten, und daran ist sie gestorben.

Dr.: So tot wie Menschen tot sind?

D: Sie sind tot, aber sie sind nicht wie tote Menschen. Überhaupt nicht wie tote Menschen.

Dr.: Gibt es da einen Unterschied?

D: Menschen sind tot und Bienen sind tot. Aber sie werden in die Erde gelegt und sie sind zu nichts nütze. Menschen.

Dr.: Sind zu nichts nütze?

D: Nach langer Zeit wird sie wieder lebendig werden (die Biene). Aber ein Mensch nicht. Ich will nicht darüber reden.

Dr.: Warum?

D: Weil ich zwei lebende Großväter habe.

Dr.: Zwei?

D: Einen.

Dr.: Was geschah dem anderen?

D: Er starb vor langer Zeit. Vor hundert Jahren.

Dr.: Wirst du auch lange leben?

D: Hundert Jahre.

Dr.: Also was?

D: Ich werde vielleicht sterben.

Dr.: Alle Menschen sterben.

D: Ja, ich auch.

Dr.: Das ist traurig.

D: Ich muss es trotzdem.

Dr.: Du musst?

D: Sicher, mein Vater wird sterben. Das ist traurig.

Dr.: Warum?

D: Kümmern Sie sich nicht drum.

Dr.: Du möchtest nicht darüber sprechen.

D: Ich will jetzt zu meiner Mutter.

Dr.: Ich werde dich zu ihr bringen.

D: Ich weiß, wo tote Menschen sind. Auf Friedhöfen. Mein alter Großvater ist tot. Er kann da nicht mehr weg.

Dr.: Du meinst, von wo er begraben ist.

D: Er kann da nicht mehr weg. Niemals.31

Melanie Klein kommt aufgrund ihrer Erfahrungen bei der Analyse von Kindern zu dem Schluss, dass die sehr jungen Kinder eine intime Beziehung zum Tod haben – eine Beziehung, die sehr viel früher einsetzt als das begriffliche Wissen über den Tod. Die Furcht vor dem Tod ist, so stellt Klein fest, ein Teil der frühesten Lebenserfahrung des Kleinkindes. Sie akzeptiert Freuds Theorie aus dem Jahr 1923, dass es einen universellen unbewussten Todestrieb gibt, aber sie argumentiert, dass, wenn das menschliche Wesen überleben soll, es eine diesen ausgleichende Furcht vor dem Verlust des Lebens geben muss. Klein betrachtet die Furcht vor dem Tod als die ursprüngliche Quelle der Angst; sexuelle Angst und Über-Ich-Angst sind daher Nachzügler und abgeleitete Phänomene.

Meine analytischen Beobachtungen zeigen, dass es im Unbewussten eine Furcht vor der Vernichtung des Lebens gibt. Ich würde auch meinen, dass, wenn wir die Existenz des Todesinstinkts annehmen, wir auch annehmen müssen, dass es in den tiefsten Schichten des Geistes eine Antwort auf diesen Instinkt gibt, in Form einer Furcht vor der Vernichtung des Lebens. Die Gefahr, die aus dem inneren Wirken des Todesinstinkts hervorgeht, ist die erste Ursache der Angst … die Furcht davor, verschlungen zu werden, ist ein unverhüllter Ausdruck der Furcht vor totaler Vernichtung des Selbst … Die Furcht vor dem Tod dringt in die Kastrationsangst ein und ist ihr nicht »analog« … Da die Reproduktion der wesentliche Weg ist, dem Tod entgegenzuwirken, würde der Verlust der Genitalien das Ende der kreativen Kraft bedeuten, die das Leben erhält und weiterführt.32

Kleins Argument, dass die Besorgnis um die Reproduktion aus der Todesfurcht fließt, ist, glaube ich, schlagkräftig und stellt die traditionellen analytischen Ansichten dessen, was »primär« im geistigen Leben des Individuums ist, infrage. Kurt Eissler, der früh in der psychoanalytischen Bewegung intensiv über den Tod nachdachte, kam zu der Schlussfolgerung, dass die frühe Beschäftigung des Kindes mit Sexualität eine abgeleitete Fragehaltung ist, sekundär zu einer früheren und erschreckenden Bewusstheit des Todes:

Verfeinerte Forschung auf diesem Gebiet könnte zeigen, dass die Erforschung der generativen Prozesse (das heißt der »Tatsachen des Lebens«) durch das Kind eine Neuauflage einer früheren und kurz andauernden Erforschung des Todes ist. Möglicherweise wendet sich das Kind von solcher Erforschung wegen der sie begleitenden Schrecken ab und wegen der äußersten Hoffnungslosigkeit und darauf folgenden Verzweiflung hinsichtlich irgendeines möglichen Fortschritts bei dieser Erkundung.33

Andere Autoren, die Kinder genau beobachtet haben, sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass das junge Kind unabhängig davon, ob es intellektuell in der Lage ist, den Tod zu verstehen, doch das Wesen der Sache begreift. Anna Freud, die mit jungen Kindern während des deutschen Luftangriffs auf London arbeitete, schrieb: »Man kann mit Sicherheit sagen, dass alle Kinder, die zur Zeit des Luftangriffs auf London über zwei Jahre alt waren, sich bewusst waren, dass die Häuser einstürzen, wenn sie bombardiert werden, und dass die Menschen in den einstürzenden Häusern oft getötet oder verletzt werden.«34 Sie beschrieb ein viereinhalbjähriges Kind, das den Tod ihres Vaters erkannte: Die Mutter des Kindes wollte den Tod des Vaters ihren Kindern gegenüber verleugnen, aber das Kind bestand darauf: »Ich weiß alles über meinen Vater. Er ist getötet worden und wird niemals zurückkommen.«

Furman arbeitete mit einer großen Zahl von Kindern, die ein Elternteil verloren hatten, und sie zog den Schluss, dass die Kinder während ihres zweiten Lebensjahres ein grundlegendes Verständnis des Todes erlangen könnten. Das Verständnis des Todes wird durch irgendeine Art früher Erfahrung vergrößert, die dem Kind hilft, die notwendigen geistigen Kategorien zu bilden. Furman zitiert das folgende Beispiel:

Suzie war kaum drei Jahre alt, als ihre Mutter starb. Bald nachdem ihr diese traurige Nachricht überbracht wurde, fragte Suzie: »Wo ist Mami?« Ihr Vater erinnerte sie an den toten Vogel, den sie vor nicht allzu langer Zeit gefunden und begraben hatten. Er erklärte, dass auch Mami gestorben war und begraben werden musste. Er würde ihr zeigen wo, wann immer Suzie das wünschte. Einen Monat später berichtete Suzie ihrem Vater: »Jimmy (der sechs Jahre alte Sohn des Nachbarn) hat mir erzählt, dass meine Mami bald wiederkommen würde, weil seine Mami es so gesagt hat. Ich sagte ihm, dass das nicht wahr ist, weil meine Mami tot ist, und wenn du tot bist, dann kannst du niemals zurückkommen. Das stimmt, Vati, nicht wahr?«35

Eine Mutter berichtete das folgende Gespräch mit einem Kind im Alter von drei Jahren und neun Monaten:

Jane hat keine religiöse Unterweisung erhalten und ist bis jetzt niemals dem Tod in Verbindung mit irgendeinem menschlichen Wesen aus ihrem Bekanntenkreis begegnet. Vor ein paar Tagen begann sie, mir Fragen über den Tod zu stellen. …Das Gespräch begann damit, dass Jane fragte, ob Menschen im Frühling wie die Blumen zurückkehren würden. (Etwa vor einer Woche war sie sehr aufgeregt gewesen, weil ihre Lieblingsblume abgestorben war, und wir hatten sie getröstet, indem wir ihr sagten, dass sie im Frühling zurückkehren würde.) Ich antwortete, dass sie nicht in der gleichen Weise zurückkämen, sondern anders, möglicherweise als Babys. Diese Antwort verwirrte sie offensichtlich – sie hasst Veränderung, und dass die Menschen alt werden –, denn sie sagte: »Ich möchte nicht, dass Nan anders ist, ich möchte nicht, dass sie sich verändert und alt wird.« Dann: »Wird Nan sterben? Werde ich auch sterben? Stirbt jeder?« Als ich ›ja‹ sagte, brach sie in wirklich herzzerbrechendes Weinen aus und sagte immer wieder: »Aber ich will nicht sterben, ich will nicht sterben …« Sie fragte dann, wie die Menschen sterben, ob es weh tun würde, ob sie ihre Augen wieder öffnen würden, wenn sie tot wären, ob sie sprächen, äßen und Kleider trügen. Plötzlich mitten in all diesen Fragen und Tränen sagte sie: »Jetzt will ich weiter meinen Tee trinken«, und die Angelegenheit war für dieses Mal vergessen.36

Es ist interessant, die beunruhigten, unsicheren Antworten von dieser Mutter zu bemerken, der es kurze Zeit vorher ohne große Schwierigkeiten gelungen war, die Fragen ihrer Tochter nach der Geburt und wo die Babys herkämen zu beantworten. Sie beendete den vorhergehenden Bericht: »Ich war völlig überrascht. Obwohl ich die Fragen über Geburt und so weiter erwartete, hatte ich nicht an jene über den Tod gedacht, und meine eigenen Gedanken waren sehr unklar.« Offensichtlich nimmt ein Kind die Angst und Verwirrung solch eines Elternteils zusammen mit jeder verbalen Beschwichtigung, die der Elternteil anbieten mag, wahr. Andere Berichte über die Gespräche mit Eltern geben uns eine Ahnung von der Furcht und Neugier eines Kindes bezüglich des Todes. Zum Beispiel:

Kürzlich hat Richard (5 Jahre, 1 Monat) über das Sterben zu jammern angefangen und fühlte sich schlecht. Gestern, als er in seiner Badewanne herumschwamm, spielte er mit der Möglichkeit, niemals zu sterben, tausend Jahre zu leben. Heute sagt er: »Ich könnte allein sein, wenn ich sterbe, wirst du bei mir sein?« »Aber ich will niemals tot sein; ich will nicht sterben.« Einige Tage zuvor hatte ihm seine Mutter, als er sich zu fürchten schien, weil er nicht wusste, wie man stirbt, erzählt, er brauche sich keine Sorgen zu machen, weil sie zuerst sterben würde, und so würde er wissen, wie man das macht. Das schien ihn zu beruhigen.37

In einem kontroversen Aufsatz stellt Adah Maurer einige faszinierende Spekulationen über die frühe Bewusstheit des Todes bei Kleinkindern an.38 Die erste Aufgabe des Kleinkindes ist es, so argumentiert Maurer, zwischen Selbst und Umgebung zu differenzieren – das Sein als das Gegenteil des Nicht-Seins zu kennen. Während das Baby zwischen Bewusstsein und Unbewusstheit hin und her pendelt, zwischen Schlaf und Wach-Sein, bekommt es einen Sinn für diese beiden Zustände. Welches ist die geistige Erfahrung eines Kleinkindes während eines nächtlichen Schreckens? Maurer schlägt vor, dass das Kleinkind vielleicht Furcht und die Bewusstheit des Nicht-Seins erfährt. Während es in einem dunklen ruhigen Raum liegt und sowohl des Seh- als auch des Hörvermögens beraubt ist, ist das Kleinkind vielleicht durch eine halbwache körperlose Empfindung in Panik versetzt. (Max Stern, der nächtliches Erschrecken untersuchte, kam zu einer ähnlichen Schlussfolgerung: Das Kind ist erschrocken vor dem Nichts.39)

Warum hat das Kleinkind Spaß an dem Spiel, Spielzeug von einem Kindersitz aus herunterzuwerfen? Das Kind, das einen Partner finden kann, der mitmacht und das Spielzeug zurückgibt, wird im Allgemeinen das Spiel fortführen, bis der Partner ermüdet aufgibt. Vielleicht stammt diese Freude aus einem erotischen Vergnügen an muskulärer Bewegung; vielleicht ist es eine Manifestation dessen, was Robert White den Trieb nach »Effektanz« nennt – das innewohnende Vergnügen, seine Umwelt zu beherrschen.40 Maurer behauptet, dass das Kleinkind von dem Verschwinden und Wiedererscheinen fasziniert ist, welches in den Gedanken und den Verhaltensweisen, die dem Kind zur Verfügung stehen, materielle Symbole des Begriffs von Sein und Nicht-Sein darstellen.41 Tatsächlich kann Whites Effektanztrieb ein Abkömmling des Versuchs des Kindes sein, Nicht-Sein zu besiegen. Diese Spekulationen stimmen mit einer großen Fülle von Literatur über die »Objektbeständigkeit« in der Kindesentwicklung überein, deren gründliche Erörterung mich zu weit weg führen würde. Kurz jedoch heißt das, dass das Kind das Verschwinden eines Objektes nicht schätzt, bis es seine Beständigkeit hergestellt hat. Beständigkeit hat keine Bedeutung ohne die Wertschätzung von Wandel, Zerstörung oder Verschwinden; deshalb entwickelt das Kind das Konzept von Beständigkeit und Wandel zusammen.42 Darüber hinaus gibt es eine enge Beziehung zwischen Objektbeständigkeit und einem Sinn für Selbstbeständigkeit; die gleiche Art von Oszillieren, die Kopplung von Beständigkeit (Belebtheit, Sein) und Verschwinden (Nicht-Sein, Tod) ist wesentlich für die Entwicklung des Kindes.

»Alles weg« ist einer der ersten Sätze im Vokabular des Kindes, und »alles weg« ist ein allgemeines Thema in den Kindheitsängsten. Die Kinder bemerken, wie ein Huhn zur Mittagszeit verschwindet; oder wie das Badewasser wegfließt, wenn der Stöpsel einmal gezogen ist; oder wie die Fäkalien weggespült werden. Es gibt kaum ein Kind, welches nicht fürchtet, verschlungen, weggespült oder durch das Abflussrohr eingesaugt zu werden. Die analytische Literatur bemerkt die unbewusste Gleichsetzung von Fäkalien und Leichnam.43 Vielleicht ist es an der Zeit, dass die Psychotherapeuten die Dynamik der Sauberkeitserziehung neu überdenken, denn in ihr scheint mehr enthalten zu sein als analer Erotizismus oder trotziger Widerstand: Für das Kind löst die Sauberkeitserziehung die Ängste im Zusammenhang mit physischer Integrität und Überleben aus. Wenn das Kind sich bewusst wird, dass ewige Wiederkehr verschwundener Gegenstände nicht das Übliche ist, dann sucht es nach anderen Strategien, um sich vor der Bedrohung des Nicht-Seins zu schützen. Das Kind wird zum Meister statt zum Opfer des »alles weg«. Das Kind zieht den Badewannenstöpsel heraus, spült Dinge die Toilette hinunter und bläst Streichhölzer freudig aus, es freut sich, wenn es der Mutter helfen kann, indem es auf das Pedal des Mülleimers tritt. Später verbreitet das Kind den Tod entweder symbolisch in Cowboy- und Indianer spielen oder wörtlich, indem es das Leben von Insekten auslöscht. Tatsächlich hielt Karen Horney die Feindseligkeit und Zerstörungswut eines Kindes für direkt proportional zum Ausmaß, in dem dieses Kind das Gefühl hat, dass sein Überleben in Gefahr ist.

Was geschieht mit dem Wissen, wenn das Kind einmal »weiß«?

Das Gewusste bleibt nicht gewusst. Matilda McIntire, Carol Angle und Lorraine Struempler fragten 598 Kinder danach, ob ein totes Schoßtier weiß, dass sein Besitzer es vermisst, und sie fanden heraus, dass siebenjährige Kinder bei weitem mehr dazu neigen als elf- und zwölfjährige, die Endgültigkeit und Unveränderbarkeit des Todes zu akzeptieren.44 Ein ähnliches Ergebnis berichten Irving Alexander und Arthur Adlerstein, die eine große Zahl von Kindern zwischen fünf und sechzehn Jahren mit dem GSR (Galvanische Hautreaktion – ein physiologisches Maß für Angst) testeten, wobei sie einer Serie von Wörtern mit Todesbezug, die in eine Serie neutraler Wörter eingestreut waren, ausgesetzt wurden.45 Sie teilten die Kinder in drei Gruppen ein: Kindheit (5-8), Präadoleszenz oder Latenzphase (9-12) und Adoleszenz (13-16). Die Ergebnisse wiesen darauf hin, dass die jungen Kinder (und die Adoleszenten) eine wesentlich größere emotionale Reaktion auf Wärter mit Todesbezug zeigten als die Versuchspersonen der Latenzzeit. Die Autoren zogen den Schluss, dass die Latenzzeit eine gesegnete Phase ist, das »goldene Zeitalter« der Kindheit. »Die Kinder in diesem Alter scheinen zu sehr mit der Routine des Lebens und den dazugehörigen Vergnügungen beschäftigt zu sein, als dass sie sich mit dem Begriff des Todes befassen.«

Ich glaube, dass es einen weniger blauäugigen Weg gibt, diese Ergebnisse zu erklären, nämlich dass das Kind im frühen Alter über die »wahren Ursachen des Lebens« stolpert, dass die einsame Suche des Kindes es zur Entdeckung des Todes führt. Aber das Kind ist von der Entdeckung überwältigt und erfährt ursprüngliche Angst. Obwohl das Kind nach Bestätigungen sucht, muss es sich mit dem Tod auseinandersetzen: Es gerät angesichts des Todes vielleicht in Panik, verleugnet ihn, personifiziert ihn, verachtet ihn, verdrängt ihn, verschiebt ihn, aber es muss sich mit ihm auseinandersetzen. Während der Latenzzeit lernt das Kind (oder es wird ihm beigebracht), die Realität zu negieren; und allmählich, während das Kind wirksame und verfeinerte Formen der Verleugnung entwickelt, gleitet die Bewusstheit des Todes in das Unbewusste ab, und die ausdrückliche Furcht vor dem Tod lässt nach. Die sorgenfreien Tage der Präadoleszenz – das »goldene Zeitalter« der Latenzzeit – verringern die Todesangst nicht, sondern gehen aus ihr hervor. Obwohl man in der Latenzzeit viel allgemeines Wissen erwirbt, zieht man sich gleichzeitig vom Wissen über die Tatsachen des Lebens zurück. Und es ist die Bewusstheit des Todes ebenso wie die kindliche Sexualität, die »latent« ist. Während der Adoleszenz sind die Verleugnungssysteme der Kindheit nicht mehr wirksam. Die introspektiven Tendenzen und die größeren Ressourcen der Adoleszenz erlauben ihm oder ihr, sich der Unausweichlichkeit des Todes wieder einmal zu stellen, die Angst zu ertragen und nach einem veränderten Modus des Umgangs mit den Tatsachen des Lebens zu suchen.

Stadien des Wissens

Ein Arbeitsmodell für die kindliche Entwicklungsfolge des Todesbegriffs hängt von der offenen Frage ab, wann es zuerst vom Tod »weiß«. Entweder das Kind entwickelt allmählich eine Bewusstheit und ein Verständnis des Todes; oder, wie ich glaube, das Kind wird von einem sprunghaften Prozess erfasst, zuviel zu früh zu wissen, und findet dann einen Weg, jenes Wissen zu verdrängen, zu »verlernen«, bis es allmählich darauf vorbereitet ist, das zu akzeptieren, was es ursprünglich wusste. In dieser Angelegenheit gibt es keine Sicherheit; es gibt keine zwingenden Beweise für die beiden Standpunkte.

Ich betrachte die Stadien, die dem ersten Wissen eines Kindes vom Tod folgen, als auf Verleugnung gegründet. Das Konzept der Verleugnung schließt die Existenz vorhergehenden Wissens mit ein: Man kann nur das verleugnen, was bekannt ist. Wenn ein Leser sich entscheidet, die Argumente, die ich zur Unterstützung des vorangehenden Wissens angeführt habe, nicht zu akzeptieren, dann muss er dort, wo ich »Verleugnung« geschrieben habe, »Annäherung an Wissen« lesen.

Verleugnung: Der Tod ist temporär, ein Vergehen, nur Scheintod oder Schlaf. Viele Kinder, die alt genug sind zu sprechen, berichten, dass sie den Tod für reversibel oder temporär oder für ein Nachlassen halten, statt des Endes des Bewusstseins. Diese Ansicht erhält große Unterstützung durch die allgegenwärtigen Zeichentrickfilme im Fernsehen, die Typen zeigen, welche auf eine unendliche Vielzahl von Möglichkeiten zerrissen, platt gedrückt, zermalmt oder verstümmelt werden und dann schließlich und wunderbarerweise wiederhergestellt sind. Nagy berichtet von einigen anschaulichen Interviewauszügen:

S.C. (vier Jahre, 8 Monate): »Es kann sich nicht bewegen, weil es im Sarg ist.«

»Wenn es nicht im Sarg wäre, könnte es sich bewegen?«

»Es kann essen und trinken.«

S.J. (5 Jahre, 10 Monate): »Seine Augen waren geschlossen, es lag dort so tot. Was immer man auch tut, es sagt kein Wort.«

»Wird es nach zehn Jahren das gleiche sein wie zu der Zeit, als es begraben wurde?«

»Es wird dann älter sein, es wird immer älter und älter sein. Wenn es hundert Jahre alt ist, wird es genau wie ein Stück Holz sein.«

»Wie wird es wie ein Stück Holz sein?«

»Das könnte ich nicht sagen. Meine kleine Schwester wird jetzt fünf Jahre alt sein. Ich war noch nicht am Leben, als sie starb. Sie wird jetzt so groß sein. Sie hat einen kleinen Sarg, aber sie passt in den kleinen Sarg.«

»Was glaubst du macht sie jetzt?«

»Sich hinlegen, immer dort liegen. Sie ist noch so klein, sie kann nicht wie ein Stück Holz sein. Nur sehr alte Leute.«

»Was passiert dort unter der Erde?«

B.I. (4 Jahre, 11 Monate): »Er schreit, weil er tot ist.«

»Aber warum sollte er schreien?«

»Weil er vor sich selbst Angst hat.«

T.P. (4 Jahre, 10 Monate): »Ein toter Mensch ist gerade so, als wenn er schlafen würde. Er schläft auch in der Erde.«

»Schläft genau so wie du in der Nacht oder anders?«

»Nun – schließt seine Augen. Schläft wie die Leute in der Nacht. Schläft so, gerade so.«

»Wie weißt du, ob jemand schläft oder tot ist?«

»Ich weiß es, wenn sie in der Nacht ins Bett gehen und ihre Augen nicht mehr öffnen.

Wenn jemand ins Bett geht und nicht aufsteht, ist er tot oder krank.«

»Wird er jemals aufwachen?«

»Nie. Ein toter Mensch weiß nur, wenn jemand zum Grab hingeht oder so. Er spürt, dass jemand da ist oder spricht.«

»Er spürt die Blumen, die auf sein Grab gelegt werden. Das Wasser berührt den Sand. Langsam, langsam hört er alles. Tante, spürt der tote Mensch, wenn es tief in den Grund sickert?« [das Wasser]

»Was glaubst du: Würde er gerne von dort weggehen?«

»Er würde gerne herauskommen, aber der Sarg ist zugenagelt.«

»Wenn er nicht im Sarg wäre, könnte er zurückkommen?«

»Er könnte nicht den ganzen Sand hochstoßen.«

H.G. (8 Jahre, 5 Monate): »Die Leute glauben, dass tote Menschen fühlen können.« »Und können sie das nicht?«

»Nein, sie können nicht fühlen, es ist, als wenn sie schlafen. Schau, ich schlafe, ich fühle es nicht, außer wenn ich träume.«

»Träumen wir, wenn wir tot sind?«

»Ich glaube, das tun wir nicht. Wir träumen niemals, wenn wir tot sind. Manchmal blitzt etwas auf, aber nicht halb so lang wie ein Traum.«

L.B. (5 Jahre, 6 Monate): »Seine Augen waren geschlossen.«

»Warum?«

»Weil er tot war.«

»Was ist der Unterschied zwischen schlafen und sterben?«

»Dann bringen sie den Sarg und legen ihn hinein. Sie legen die Hände so hin, wenn er tot ist.«

»Was passiert mit ihm im Sarg?«

»Die Würmer essen ihn. Sie bohren sich in den Sarg.«

»Warum lässt er sie herein?«

»Er kann nicht mehr aufstehen, weil da Sand über ihm ist. Er kann nicht aus dem Sarg heraus.«

»Wenn da kein Sand über ihm wäre, könnte er herauskommen?«

»Sicher, wenn er nicht sehr schlimm erdolcht wurde. Er könnte seine Hand aus dem Sand strecken und graben. Daran sieht man, dass er immer noch leben will.«

T.D. (6 Jahre, 9 Monate): »Der Patenonkel meiner Schwester starb, und ich fasste seine Hand an. Seine Hand war so kalt. Sie war grün und blau. Sein Gesicht war ganz faltig. Er kann sich nicht mehr bewegen. Er kann nicht mehr seine Hände zusammenpressen, weil er tot ist. Und er kann nicht atmen.«

»Sein Gesicht?«

»Es hat eine Gänsehaut, weil er kalt ist. Er ist kalt, weil er tot ist und für immer kalt ist.«

»Fühlt er die Kälte oder ist es, weil seine Haut so war?«

»Wenn er tot ist, fühlt er auch. Wenn er tot ist, fühlt er ein ganz kleines bisschen. Wenn er ganz tot ist, fühlt er nichts mehr.«

G.P. (6 Jahre): »Er streckte seine Arme aus und legte sich hin. Du konntest seine Arme nicht herunterdrücken. Er kann nicht sprechen. Er kann sich nicht bewegen. Er kann nicht sehen. Er kann seine Augen nicht öffnen, er liegt da vier Tage lang.«

»Warum vier Tage lang?«

»Weil die Engel noch nicht wissen, wer er ist. Die Engel graben ihn aus und nehmen ihn dann mit. Sie geben ihm Flügel und fliegen weg.«46

Diese Aussagen sind höchst informativ. Man ist erstaunt über die inneren Widersprüche durch den Wechsel der Wissensebenen, die sogar in diesen kurzen Exzerpten offensichtlich sind. Die Toten fühlen, aber sie fühlen nicht. Die Toten wachsen, aber irgendwie bleiben sie im gleichen Alter und passen in den Sarg von derselben Größe. Ein Kind begräbt einen Schoßhund, aber hinterlässt Nahrung auf dem Grab, weil der Hund ein wenig hungrig sein mag.47 Das Kind scheint an mehrere Stufen des Todes zu glauben. Die Toten können »ein ganz kleines bisschen« fühlen (oder mögen Traummomente haben); aber jemand, der »ganz tot ist, fühlt nichts mehr.« (Nebenbei werden diese Zitate von Nagy als Beweis dafür vorgelegt, dass ein Kind den Tod als temporär betrachtet oder ihn völlig verleugnet, indem es ihn mit Abreise oder Schlaf gleichsetzt. Wieder einmal scheint die Voreingenommenheit des Beobachters offensichtlich zu sein; für mich weisen die Passagen darauf hin, dass die Kinder umfassendes Wissen hatten.

Wenn man von Würmern gefressen wird, wenn man für immer unter dem Dreck bleibt, wenn man »ganz tot« ist und »nichts mehr fühlt«, dann ist daran nichts temporär oder unvollständig.

Die Gleichsetzung des Kindes von Schlaf und Tod ist wohlbekannt. Der Zustand des Schlafs ist für das Kind die Erfahrung, die dem Nicht-Bewusstsein am nächsten liegt, und ist der einzige Schlüssel des Kindes dazu, was es bedeutet, tot zu sein. (In der griechischen Mythologie waren der Tod, Thanatos, und der Schlaf, Hypnos, Zwillingsbrüder.) Diese Assoziation hat Implikationen für Schlafstörungen, und viele Kliniker haben darauf hingewiesen, dass Todesangst ein wichtiger Faktor bei Schlaflosigkeit von Kindern und Erwachsenen ist. Viele ängstliche Kinder betrachten den Schlaf als gefährlich. Denken Sie an das Kindergebet:

Now I lay me down to sleep,

I pray the Lord my soul to keep;

If I should die before I wake,

I pray the Lord my soul to take.

(Nun leg ich mich zum Schlafen hin,

Ich bitte den Herrn, meine Seele zu bewahren;

Wenn ich sterben sollte, bevor ich aufwache, bitte ich den Herrn, meine Seele zu sich zu nehmen.)

Die Aussagen, die Nagy sammelte, machen es auch sonnenklar, dass die Kinder den Tod als schrecklich und furchterregend betrachten, auch wenn ihr Wissen unvollständig ist. Die Vorstellungen, in einem zugenagelten Sarg gefangen zu sein, ganz allein unter der Erde zu weinen, hundert Jahre lang begraben zu sein und dann zu Holz zu werden, von Würmern gefressen zu werden, die Kälte zu spüren, blau und grün zu werden oder unfähig zu sein zu atmen, sind tatsächlich erschreckend.

Diese frühen Ansichten vom Tod bleiben mit erstaunlicher Beharrlichkeit im Unbewussten. Elliot Jaques beschreibt beispielsweise den folgenden Traum von einer klaustrophobischen Patientin mittleren Alters: »Sie lag in einem Sarg. Sie war in kleine Stücke geschnitten worden und war tot. Aber es gab spinnwebdünne Nervenfäden, die durch jedes Stück liefen und es mit ihrem Gehirn verbanden. Als Folge davon konnte sie alles erfahren. Sie wusste, dass sie tot war. Sie konnte sich nicht bewegen oder einen Ton von sich geben. Sie konnte nur in der klaustrophobischen Dunkelheit und Stille des Sarges liegen.«48

Die Ansichten von Kindern über den Tod sind ernüchternd, besonders für Eltern und Erzieher, die es vorziehen, die Unerfreulichkeit des gesamten Themas zu ignorieren. »Was sie nicht wissen, wird ihnen nicht weh tun«, ist die Argumentation hinter dem offiziell geduldeten Schweigen. Aber was die Kinder nicht wissen, das erfinden sie; und wie wir in den Beispielen sehen, sind die Erfindungen scheußlicher als die Wahrheit. Ich werde später mehr über die Todeserziehung zu sagen haben, aber für den Moment ist es offensichtlich, dass der Glaube der Kinder über den Tod wirklich erschreckend ist, und dass die Kinder sich gezwungen sehen, Wege zu finden, um ihren Geist zu beruhigen.

Verleugnung: Die zwei grundlegenden Bollwerke gegen den Tod. Das Kind hat zwei grundlegende Abwehrmöglichkeiten gegen den Schrecken des Todes – Abwehrmöglichkeiten, die aus dem ersten Lebensabschnitt stammen: Tiefer Glaube sowohl an seine persönliche Unverletzbarkeit als auch an die Existenz eines einzigartigen persönlichen letzten Retters. Dieser Glaube wird durch die direkte elterliche und religiöse Unterweisung, in Mythen über das Leben nach dem Tod, in Form der Existenz eines alles beschützenden Gottes und in der Wirksamkeit persönlicher Gebete unterstützt, und er gründet auch in der frühen Lebenserfahrung des Kleinkindes.

Besonderheit. Jeder von uns, erst als Kind und dann als Erwachsener, hängt an einem irrationalen Glauben an seine Besonderheit. Begrenzungen, Alt-Werden, Tod mag für die da gelten, aber nicht für einen selbst, nicht für mich. Auf einer tiefen Ebene ist man überzeugt von seiner persönlichen Unverletzlichkeit und Unvergänglichkeit. Die Ursprünge dieses originären Glaubens (oder der »Ur-Abwehrmechanismen«, wie Jules Masserman sie nennt49) können in der Morgendämmerung des Lebens gefunden werden. Für jeden von uns ist das frühe Leben eine Zeit intensiver Egozentrik. Man ist das Universum: Es gibt keine Grenzen zwischen uns und anderen Objekten und Wesen. Jede unserer Launen wird ohne persönliche Anstrengung befriedigt: Unser Gedanke löst die Tat aus. Man ist durchdrungen von einem Gefühl der Besonderheit, und man greift diesen leicht verfügbaren Glauben als Schild gegen die Todesangst auf.

Der letzte Retter. Hand in Hand mit dieser anthropozentrischen Illusion (und ich verwende das Wort nicht in einem abfälligen Sinn, denn es ist eine weit verbreitete, vielleicht universelle Illusion) geht der Glaube an den letzten Retter. Dieser Glaube hat seine Grundlage auch in der Morgendämmerung des Lebens zur Zeit der Schattengestalten der Eltern, jenen wundersamen Anhängseln des Kindes, die nicht nur mächtige Beweger, sondern auch ewige Diener sind. Der Glaube an den externen Diener wird verstärkt durch die sorgenvolle Aufmerksamkeit der Eltern während der Kleinkind-Zeit und der Kindheit. Von Zeit zu Zeit wagt sich das Kind zu weit heraus, stößt an den grausamen Palisadenzaun der Realität und wird durch riesige mütterliche Flügel gerettet, die es mit körperlicher Wärme umfangen.

Der Glaube an die Besonderheit und den letzten Retter dient der Entwicklung des Kindes sehr: Er ist die unabdingbare Grundlage der Abwehrstrukturen, die der Mensch gegen den Todesschrecken errichtet. Sekundäre Abwehrmechanismen werden darauf errichtet, die beim erwachsenen Patienten oft die ursprünglichen Ur-Abwehrmechanismen sowie die Natur der ursprünglichen Angst verdecken. Diese beiden grundlegenden Abwehrkräfte sind tief verwurzelt (Zeugnis für ihre Dauerhaftigkeit legen die Unsterblichkeitsmythen und der Glaube an einen persönlichen Gott in praktisch jedem größeren Religionssystem ab) und üben bis ins Erwachsensein, wie ich im nächsten Kapitel ausführen werde, einen dauerhaften und mächtigen Einfluss auf die Charakterstruktur und Symptombildung aus.

Es ist wichtig zu unterstreichen, dass der psychodynamische Wert oder Sinn der Religion nicht notwendigerweise die intrinsische Wahrheit religiöser Ansichten umgeht. Oder, wie Viktor Frankl es formuliert: »Um frühreife sexuelle Neugier zu befriedigen, erfinden wir die Geschichte, dass Störche Babys bringen. Aber daraus folgt nicht, dass die Störche nicht existieren!«50

Verleugnung: Der Glaube, dass Kinder nicht sterben. Ein verbreiteter Trost, von dem Kinder bereits sehr früh in ihrem Leben Gebrauch machen, ist der Glaube, dass Kinder gegen den Tod immun sind. Junge Menschen sterben nicht; der Tod trifft nur die Alten, und das Alter ist sehr, sehr weit weg. Einige Beispiele:

S.: (5 Jahre, 2 Monate): Wo ist deine Mami?

Mutter: Im Himmel. Sie starb vor einiger Zeit. Ich glaube, sie war so um die siebzig. S.: Sie muss achtzig oder neunzig gewesen sein. Mutter: Nein, nur siebzig.

S.: Nee, die Menschen leben, bis sie neunundneunzig sind. Wann wirst du sterben? Mutter: Oh, ich weiß nicht, wenn ich um die siebzig oder achtzig oder neunzig bin.

S.: Oh, (Pause) wenn ich groß bin, werde ich mich nicht rasieren, und dann werde ich einen Bart haben, nicht wahr? [In einer vorhergehenden Unterhaltung sagte S., dass er wisse, dass Männer graue Bärte hätten, wenn sie sehr, sehr alt würden. Später wurde klar, dass er auf die Idee kam, das Rasieren sein zu lassen, weil er sich bemühte, den Tod unendlich weit hinauszuschieben!]51

Ruth (4 Jahre, 7 Monate): Wirst du sterben, Vater?

Vater: Ja, aber nicht, bevor ich alt werde.

Ruth: Wirst du alt werden?

Vater: Ja, ja.

Ruth: Werde ich auch alt werden?

Vater: Ja.

Ruth: Ich fürchte mich jeden Tag vor dem Sterben. Ich wünschte, ich würde niemals alt werden, denn dann würde ich niemals sterben, nicht wahr?52

Interviewer: Kann ein Kind sterben?

G.M. (6 Jahre): Nein, Jungen sterben nicht, wenn sie nicht überfahren werden. Wenn sie in ein Krankenhaus gehen, denke ich, kommen sie lebendig wieder heraus.

E.G. (5 Jahre): Ich werde nicht sterben. Wenn du alt bist, dann stirbst du. Ich werde nie sterben. Wenn die Menschen alt werden, sterben sie. [Später sagt er, dass er sterben wird, wenn er sehr, sehr alt sein wird.]53

In der Beantwortung des Geschichten-Vervollständigungs-Tests ziehen es die meisten Kinder vor, lange Zeit Kind zu bleiben, statt schnell erwachsen zu werden. Ein neuneinhalbjähriger Junge äußerte, dass er aufhören wolle zu wachsen, um ein Kind zu bleiben, weil »wenn jemand älter wird, ist weniger Leben in ihm.«54

Der tatsächliche Tod eines Kindes stellt für Kinder natürlich ein ernstes Problem dar, welches sie oft lösen, indem sie eine Unterscheidung zwischen sterben und getötet werden machen. Ein Junge stellte fest, »Jungen sterben nicht, wenn sie nicht erstochen werden oder von einem Auto überfahren werden.« Ein anderes Kind sagte, »Wenn du zehn Jahre alt bist, weiß ich nicht, wie du sterben könntest, wenn dich nicht jemand tötet.«55 Ein anderes (6 Jahre): »Ich werde nicht sterben, aber wenn du in den Regen rausgehst, kannst du sterben.«56 Alle diese Kommentare besänftigen die Angst, indem sie dem Kind versichern, dass der Tod kein unmittelbares oder zumindest kein unvermeidbares Problem ist. Entweder der Tod wird auf das Alter geschoben – eine Zeit jenseits der Vorstellungskraft des Kindes – oder aber er kann durch Zufall eintreten, jedoch nur, wenn man »sehr, sehr« unvorsichtig ist.

Verleugnung: Personifizierung des Todes. Die meisten Kinder zwischen fünf und neun Jahren gehen durch eine Periode, in der sie den Tod anthropomorphisieren. Dem Tod wird Form und Wille gegeben: Er ist der schwarze Mann, der grimmige Sensenmann, ein Skelett, ein Geist, ein Schatten; oder er wird einfach in Zusammenhang mit den Toten gebracht. Zahlreiche Beispiele dazu:

B.G. (4 Jahre, 9 Monate): »Der Tod macht was falsch.«

»Wie macht er was falsch?«

»Ersticht dich mit einem Messer.«

»Was ist Tod?«

»Ein Mann.«

»Was für ein Mann?«

»Ein Todes-Mann.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Wo?«

»Im Gras. Ich hab’ gerade Blumen gepflückt.«

B.M. (6 Jahre, 7 Monate): »Der Tod schleppt die bösen Kinder weg. Er fängt sie und nimmt sie mit.«

»Wie sieht er aus?«

»Weiß wie Schnee. Der Tod ist ganz weiß. Er ist böse. Er mag Kinder nicht.«

»Warum?«

»Weil er böse ist. Der Tod nimmt auch Männer und Frauen mit.«

»Warum?«

»Weil er sie nicht sehen mag.«

»Was ist weiß an ihm?«

»Das Skelett. Das Knochenskelett.«

»Aber ist das in Wirklichkeit auch so, oder sagen sie das nur so?«

»Es ist auch wirklich so. Ich habe einmal darüber geredet, und in der Nacht kam der richtige Tod. Er hat einen Schlüssel für überallhin, so dass er die Tür gut öffnen kann. Er kam herein und wühlte überall herum. Er kam zum Bett heran und fing an, die Bettdecke wegzuziehen. Ich habe mich fest zugedeckt. Er konnte sie nicht wegziehen. Dann ging er wieder.«

P.G. (8 Jahre, 6 Monate): »Der Tod kommt, wenn jemand stirbt, und er kommt mit einer Sense, haut ihn um und nimmt ihn mit. Wenn der Tod weggeht, hinterlässt er Fußabdrücke. Als die Fußabdrücke verschwunden waren, kam er wieder und haute noch mehr Leute um. Und dann wollten sie ihn fangen, und er verschwand.«

B.T. (9 Jahre, 11 Monate): »Der Tod ist ein Skelett. Er ist so stark, dass er ein Schiff umwerfen könnte. Der Tod kann nicht gesehen werden. Der Tod ist in einem Versteck. Er versteckt sich auf einer Insel.«

V.P. (9 Jahre, 11 Monate): »Der Tod ist sehr gefährlich. Du weißt nie, in welcher Minute er dich mit sich fortnehmen wird. Der Tod ist unsichtbar, etwas, das nie jemand je auf der Welt gesehen hat. Aber in der Nacht kommt er zu jedem und trägt sie mit sich weg. Der Tod ist wie ein Skelett. Alle seine Teile sind aus Knochen gemacht. Aber wenn es hell wird, wenn der Morgen kommt, bleibt keine Spur von ihm. So gefährlich ist er, der Tod.«

M.I. (9 Jahre, 9 Monate): »Sie malen den Tod immer mit einem Skelett und einem schwarzen Umhang. In Wirklichkeit kann man ihn nicht sehen. In Wirklichkeit ist er nur eine Art Geist. Er kommt und nimmt die Leute mit. Er kümmert sich nicht drum, ob es ein Bettler ist oder ein König. Wenn er will, lässt er sie sterben.«57

Obwohl diese Feststellungen erschreckend zu sein scheinen, ist der Prozess der Todespersonifizierung ein Mittel, um die Angst zu mildern. Die Vision eines schleichenden Skeletts, das nachts aus der Friedhofserde auftaucht, gibt, so grimmig das auch sein mag, im Gegensatz zur Wahrheit eine Sicherheit. Solange das Kind glaubt, dass der Tod durch eine äußere Kraft oder Gestalt gebracht wird, ist es sicher vor der wirklich schrecklichen Wahrheit, dass der Tod nicht äußerlich ist – dass man von Lebensbeginn an die Sporen seines eigenen Todes in sich trägt. Wenn der Tod außerdem ein empfindungsfähiges Wesen ist, wenn – wie das Kind im letzten Beispiel sagte – die Situation so ist: »wenn er will, lässt er sie sterben«, dann kann der Tod vielleicht dahingehend beeinflusst werden, dass er nicht will. Vielleicht kann der Tod als Knopfmacher, Ibsens Todesmetapher in Peer Gynt, hinausgezögert, besänftigt oder – wer weiß? – sogar ausgetrickst oder vernichtet werden. Indem das Kind den Tod personifiziert, durchläuft es die kulturelle Evolution: Jede primitive Kultur anthropomorphisiert die blinden Kräfte der Natur in dem Bemühen, größere Kontrolle über ihr eigenes Schicksal erfahren zu können.

Koochers Studie (1974) über die Todeseinstellungen amerikanischer Kinder58 erhärtet nicht die Ergebnisse von Nagy (mit ungarischen Kindern) über die Personifizierung des Todes. Vielleicht gibt es bedeutsame kulturelle Unterschiede, aber der Unterschied in der Methodologie der zwei Studien macht einen Vergleich schwierig: In der amerikanischen Untersuchung war das Interview stark strukturiert mit wenig Nachfragen oder Versuchspersonen-Interviewer-Interaktion, während das Interview im ungarischen Projekt weit offener, intensiver und persönlicher war.

Die anthropomorphisierte Furcht vor dem Tod begleitet uns unser ganzes Leben hindurch. Der Mensch ist selten, der nicht auf irgendeiner Bewusstheitsebene weiterhin Angst hat vor Dunkelheit, Dämonen, Geistern oder irgendwelchen Repräsentationen des Übernatürlichen. Sogar ein maßvoller, gut gemachter Film über Übernatürliches oder Geister spricht, wie die Filmemacher sehr wohl wissen, tiefe Saiten bei den Zuschauern an.

Verleugnung: Verspotten des Todes. Das ältere Kind versucht die Todesfurcht zu besänftigen, indem es sich seiner Lebendigkeit versichert. Neun- und Zehnjährige spotten oft über den Tod. Sie machen höhnische Bemerkungen über ihren alten Feind. Eine Sprachstudie von Schulkindern enthüllte viele Todesspötteleien, die ihnen urkomisch erschienen; zum Beispiel:

You gonna be burned or buried.

(Du wirst verbrannt oder begraben werden.)

It’s not the cough that carries you off, it’s the coffin they carry you off in.

(Es ist nicht der Husten, der dich umbringt, sondern es ist der Sarg, in dem sie dich wegbringen.)

Now I lay me down to sleep,

A bag of bananas at my feet.

If I should die before I wake,

You’ll know it was the tummy ache.

(Nun lege ich mich schlafen,

Ein Sack Bananen zu meinen Füßen.

Wenn ich sterben sollte, bevor ich aufwache,

Wirst du wissen, dass es das Bauchweh war.)

The worms crawl in,

The worms crawl out,

You’II hardly know what it’s all about.59 (Die Würmer kriechen rein,

Die Würmer kriechen raus,

Du weißt kaum, warum all das geschieht.)

Viele Kinder, besonders Jungen, lassen sich auf rücksichtslose, tollkühne Kunststücke ein. (Möglicherweise reflektiert einiges des delinquenten Verhaltens von Erwachsenen das Fortbestehen dieser Abwehr gegen die Todesangst.) Junge Mädchen tun das weniger häufig, entweder wegen der Anforderungen an ihre soziale Rolle oder weil, wie Maurer vorschlägt,60 sie von der Todesfurcht aufgrund ihres Wissens um ihre biologische Rolle als Mütter, und das heißt, als Schöpfer, weniger bedrängt sind.

Verleugnung der Todesbewusstheit in der Literatur über Kinderpsychiatrie. Trotz der zwingenden und überzeugenden Argumente und der sie unterstützenden Beweise, dass Kinder den Tod in einem sehr frühen Alter entdecken und durchgängig damit beschäftigt sind, sucht man vergebens nach einer ausgewogenen Berücksichtigung der Todesfurcht in der psychodynamischen Formulierung der Persönlichkeitsentwicklung oder in der Psychopathologie. Warum gibt es eine Diskrepanz zwischen klinischer Beobachtung und dynamischer Theorie? Dazu ist, glaube ich, ein »Wie« und ein »Warum« zu erwägen.

Wie? Ich glaube, dass der Tod aus der psychodynamischen Theorie durch einen simplen Mechanismus ausgeschlossen wird: Der Tod wird übersetzt in »Trennung«, und diese nimmt die Rolle des Todes in der dynamischen Theorie ein. John Bowlby präsentiert in seiner imposanten Arbeit über Trennung61 überzeugende ätiologische, experimentelle und empirische Beweise, die zu umfangreich sind, als dass sie hier genauer erörtert werden könnten; sie weisen darauf hin, dass die Trennung von der Mutter ein katastrophales Ereignis für das Kleinkind ist und dass die Trennungsangst während der Zeit vom sechsten bis zum dreizehnten Monat deutlich erkennbar ist. Bowlby schließt daraus – und diese Schlussfolgerung wird durch die Kliniker weithin akzeptiert –, dass die Trennung die ursprüngliche Erfahrung bei der Entstehung von Angst ist: Trennungsangst ist die grundlegende Angst; und andere Quellen der Angst, einschließlich der Todesangst, erhalten ihre emotionale Bedeutung durch die Gleichgewichtung mit der Trennungsangst. Mit anderen Worten, der Tod ist bedrohlich, weil er die Trennungsangst wieder hervorruft.

Bowlbys Arbeit enthält zum überwiegenden Teil elegante Argumentationen. Jedoch bei der Betrachtung der Todesangst scheint seine Vorstellungskraft seltsam eingeschränkt zu sein. Beispielsweise zitiert er Jersilds Untersuchung, in welcher vierhundert Kinder nach ihren Ängsten gefragt wurden.62 Jersild fand heraus, dass spezifische Ängste vor dem Krankwerden oder dem Sterben auffällig selten waren: Sie wurden durch keines der zweihundert Kinder unter neun Jahren und nur von sechs der zweihundert Kinder von neun bis zwölf Jahren erwähnt. Bowlby schließt aus diesen Daten, dass die Todesfurcht bei Kindern unter zehn Jahren nicht vorhanden ist, dass sie eine spätere und gelernte Angst ist und dass sie wichtig ist, weil sie mit Trennung gleichgesetzt wird.63 Jersilds Untersuchung zeigt, dass das, wovor die Kinder Angst haben, Tiere, Dunkelheit, Höhen sind oder in der Dunkelheit durch solche Geschöpfe wie Geister oder Kindesentführer angegriffen zu werden. Nicht gestellt wird jedoch die offensichtliche Frage: Was ist die Bedeutung für Kinder von Dunkelheit oder Geistern oder wilden Tieren oder in der Dunkelheit angegriffen zu werden? Mit anderen Worten, was ist die darunterliegende Bedeutung, die geistige Repräsentation dieser Ängste?

Rollo May argumentiert in seinem brillanten Buch über die Angst, dass Jersilds Studie lediglich zeigt, dass Angst in Furcht verwandelt wird.64 Die Furcht eines Kindes ist oft unvorhersagbar, verändert sich und hat keinen Bezug zur Realität (das Kind hat zum Beispiel mehr Furcht vor entfernten Tieren wie Gorillas und Löwen als vor vertrauten). Was auf einer oberflächlichen Ebene unvorhersagbar erscheint, so argumentiert May, ist auf einer tieferen Ebene ganz schlüssig: Die Ängste eines Kindes sind »objektivierte Formen von darunterliegender Angst«. May teilt mit, dass »Jersild mir gegenüber in einem persönlichen Gespräch bemerkt hat, dass diese (der Kinder) Ängste wirklich Angst ausdrückten. Er war überrascht, dass er das zuvor nie gesehen hatte. Ich glaube, die Tatsache, dass er das nicht sah, zeigt, wie schwer es ist, aus unseren traditionellen Denkgewohnheiten herauszukommen.«65

Die Verhaltensforschung hat viele Situationen dargestellt, die bei Menschenkindern Furcht auslösen. Die gleiche Frage kann in Bezug auf diese experimentellen Daten gestellt werden. Warum fürchtet sich das Kind vor Fremden oder einer »visuellen Klippe« (einem Glastisch mit etwas, das wie ein Abgrund darunter aussieht) oder vor einem sich nähernden Gegenstand (der plötzlich auftaucht) oder vor Dunkelheit? Offensichtlich stellt jede dieser Situationen – wie auch Tiere, Geister und Trennung – eine Bedrohung für das Überleben dar. Aber mit der Ausnahme von Melanie Klein und D. W. Winnicott, die hervorheben, dass ursprüngliche Angst die Angst vor der Vernichtung, der Ich-Auflösung ist oder davor, verschlungen zu werden,66 wird die Frage, warum sich das Kind vor diesen lebensbedrohenden Situationen fürchtet, selten gestellt. Die Theoretiker der Kindesentwicklung oder Kinder- und Jugendpsychoanalytiker ziehen oft sehr spekulative Schlussfolgerungen über das Innenleben des Kindes, wenn es sich um Objektbeziehungen oder kleinkindliche Sexualität handelt; aber wenn sie den Todesbegriff des Kindes betrachten, setzt ihre Intuition und Vorstellungskraft aus.

Der Beweis für das Vorhandensein der Trennungsangst gründet auf soliden Verhaltensbeobachtungen. Bei der gesamten Spezies der Säugetiere bekundet ein Kind, das von seiner Mutter getrennt wird, Zeichen der Besorgnis – sowohl äußere motorische Zeichen als auch innere physiologische. Es besteht auch kein Zweifel daran, wie Bowlby nachdrücklich zeigt, dass die Trennungsangst früh im Leben des menschlichen Kleinkindes erkennbar ist und dass Sorgen über Trennungen ein Hauptmotiv in der inneren Welt der Erwachsenen bleibt.

Aber was die Verhaltensforschung nicht enthüllen kann, ist die Natur der inneren Erfahrung des jungen Kindes oder, wie Anna Freud es ausdrückte, der »mentalen Repräsentation« der Verhaltensreaktionen.67 Wir können etwas darüber wissen, was die Furchtsamkeit auslöst, aber nicht, was die Furchtsamkeit ist. Die empirische Forschung zeigt, dass das Kind furchtsam ist, wenn es getrennt wird, aber sie zeigt auf keine Art und Weise, dass die Trennungsangst die ursprüngliche Angst ist, von der die Todesangst abgeleitet ist. Auf einer vorgedanklichen und vorsprachlichen Ebene erfährt das Kind vielleicht die urwüchsige Angst des Nicht-Seins; und diese Angst tendiert sowohl beim Kind als auch beim Erwachsenen dazu, zur Furcht zu werden: Sie wird in der einzigen »Sprache«, die dem Kind zur Verfügung steht, gebunden an und transformiert in die Trennungsangst. Die Entwicklungstheoretiker verwerfen die Idee, dass ein Kleinkind – sagen wir jünger als dreizehn Monate – Todesangst erfahren könnte, weil das Kind nur einen geringen Begriff vom Selbst hat, das von den ihn umgebenden Objekten getrennt ist. Aber das gleiche kann über die Trennungsangst gesagt werden. Was ist es, das das Kind erfährt? Sicherlich nicht Trennung, denn ohne ein Selbstkonzept kann das Kind Trennung nicht begreifen. Was ist es dann schließlich, das wovon getrennt wird?

Unserem Wissen über eine innere Erfahrung, die nicht beschrieben werden kann, sind Grenzen gesetzt, und ich laufe in dieser Diskussion Gefahr, die Gedanken des Kindes zu »erwachsenen Gedanken« zu machen. Man muss sich bewusst sein, dass der Begriff »Trennungsangst« eine Konvention ist, ein Begriff, auf den man sich auf der Grundlage empirischer Forschung geeinigt hat und der sich auf einen unaussprechlichen inneren Zustand der Furchtsamkeit bezieht. Aber für den Erwachsenen ergibt es überhaupt keinen Sinn, Todesangst in Trennungsangst zu übersetzen (oder »Furcht vor dem Objektverlust«), oder zu behaupten, dass die Todesangst von einer »grundlegenderen« Trennungsangst abgeleitet ist. Wie ich in dem vorhergehenden Kapitel ausgeführt habe, muss man zwischen zwei Bedeutungen von »grundlegend« unterscheiden: »grundlegend« und »chronologisch zuerst«. Selbst wenn wir die Behauptung akzeptieren, dass Trennungsangst chronologisch die erste Angst ist, würde daraus nicht folgen, dass Todesangst »wirklich« die Furcht vor dem Objektverlust ist. Die grundlegendste Angst entsteht aus der Bedrohung des Selbstverlusts; und wenn man den Objektverlust fürchtet, dann deshalb, weil der Verlust dieses Objekts eine Bedrohung für sein Überleben ist (oder eine solche symbolisiert).

Warum? Das Auslassen der Todesfurcht aus der dynamischen Theorie ist offensichtlich kein Versehen. Es gibt auch, wie wir gesehen haben, keinen überzeugenden Grund, der die Übersetzung dieser Furcht in andere Begriffe rechtfertigt. Ich glaube, dass ein aktiver Verdrängungsprozess wirksam ist – ein Prozess, der von der universellen Tendenz der Menschheit (einschließlich der Verhaltensforscher und Theoretiker), den Tod zu verleugnen, stammt – ihn sowohl persönlich als auch in seiner Lebensarbeit zu verleugnen. Andere, die die Todesfurcht erforscht haben, kamen zu einer ähnlichen Schlussfolgerung. Anthony bemerkt dazu:

Das Unlogische und die offensichtliche Unsensibilität (der Kindesentwicklungsforscher) gegenüber dem Phänomen der Furcht des Menschen vor dem Tod, die von der Anthropologie und Geschichte als eine der verbreitetsten und stärksten menschlichen Motivationen aufgezeigt wurden, kann nur der konventionellen (das heißt kulturell induzierten) Verdrängung dieser Furcht durch die Autoren selbst und jene, über deren Forschungen sie berichten, zugeschrieben werden.68

Charles Wahl kommentiert in einer ähnlichen Richtung:

Es ist eine überraschende und bedeutsame Tatsache, dass das Phänomen der Todesfurcht oder der Angst davor (Thanatophobie, wie sie genannt wird) in der psychiatrischen oder psychoanalytischen Literatur fast nicht beschrieben wird, während sie doch sicherlich keine klinische Seltenheit ist. Sie fällt durch ihre Abwesenheit auf. Könnte dies bedeuten, dass die Psychiater nicht weniger als andere sterbliche Menschen eine Abneigung davor haben, ein Problem zu betrachten oder zu erforschen, das so eng und persönlich bezeichnend für die Kontingenz der menschlichen Situation ist? Vielleicht scheinen sie, ebenso wie ihre Patienten, La Rochefoucaulds Beobachtung bestätigen zu wollen, dass »man nicht direkt sowohl auf die Sonne als auch auf den Mond schauen kann.«69

Todesangst und die Entwicklung der Psychopathologie

Wenn die Todesangst ein wesentlicher Faktor in der Entwicklung der Psychopathologie ist, und wenn es eine wesentliche Entwicklungsaufgabe jedes Kindes ist, mit dem Todesbegriff klarzukommen, warum entwickeln einige Personen sie behindernde neurotische Störungen, und andere erreichen das Erwachsenenstadium auf relativ gut integrierte Weise? Es gibt keine empirische Forschung, die uns helfen würde, diese Frage zu beantworten, und im Augenblick kann ich nicht mehr tun, als Möglichkeiten aufzuzeigen. Zweifellos interagieren eine Vielzahl von Faktoren auf komplexe Art. Es muss ein »ideales« Timing oder eine Sequenz von Entwicklungsereignissen geben: Das Kind muss sich mit den Fragen in einem Tempo auseinandersetzen, das mit seinen inneren Ressourcen vereinbar ist. »Zuviel zu früh« schafft offensichtlich ein Ungleichgewicht. Ein Kind, das mit dem Tod hart konfrontiert wird, bevor es angemessene Abwehrkräfte entwickelt hat, kann ernsthaft gestresst sein. Ernsthafter Stress, der zu allen Zeiten des Lebens unbequem ist, hat für das Kind Implikationen, die über vorübergehende Stimmungstiefs hinausgehen. Freud beispielsweise sprach von dem unverhältnismäßig schweren und andauernden Schaden für das Ich, der durch massive Traumata früh im Leben verursacht werden kann, und er zitiert zur Veranschaulichung ein Experiment in der Biologie, das die katastrophalen Wirkungen auf den erwachsenen Organismus demonstrierte, die durch einen winzigen Nadelstich in das Embryo ganz zu Beginn seiner Entwicklung ausgelöst wurden.70

Um welche Art von Trauma mag es sich handeln? Verschiedene offensichtliche Möglichkeiten bieten sich an. Es ist ein wichtiges Ereignis, wenn das Kind in seiner Umgebung dem Tod ausgesetzt wird; einige Arten des Kontakts mit dem Tod können – in angemessener Dosierung und beim Vorhandensein bereits entwickelter Ich-Stärke, gesunder Konstitution und in der Gegenwart unterstützender Erwachsener, die selbst auf angemessene Weise mit der Todesangst umgehen können – zu einem harmlosen Ereignis werden, während einige Arten des Kontakts mit dem Tod die Fähigkeiten des Kindes, sich selbst zu schützen, übersteigen mögen. Jedes Kind ist dem Tod in der Begegnung mit Insekten, Blumen, Schoßtieren und anderen kleinen Tieren ausgesetzt, und diese Tode können Quellen der Verwirrung oder Angst sein und das Kind dazu veranlassen, Fragen über den Tod und Ängste davor mit seinen Eltern zu besprechen. Aber bei einem Kind, das dem Tod eines Menschen gegenübersteht, ist die Wahrscheinlichkeit eines Traumas viel größer.

Der Tod eines anderen Kindes ist, wie ich erläutert habe, besonders furchterregend, weil er den tröstenden Glauben, dass nur sehr alte Menschen sterben, untergräbt. Der Tod eines Geschwisters, das sowohl jung als auch wichtig für das Kind ist, ist ein noch größeres Trauma. Die Reaktionen des Kindes darauf können sehr komplex sein, denn verschiedene Punkte spielen dabei eine Rolle: Schuld, die von der Geschwisterrivalität herrührt (und aus der Freude, mehr elterliche Aufmerksamkeit zu erhalten), Verlust des anderen und das Hervorrufen von Furcht vor dem eigenen persönlichen Tod. Die Literatur beschäftigt sich vor allem mit dem ersten Punkt, der Schuld, und gelegentlich mit dem zweiten, dem Verlust, aber fast nie mit dem dritten. Beispielsweise präsentieren Rosenzweig und Bray Daten, die darauf hinweisen, dass bei schizophrenen Patienten signifikant häufiger der Tod eines Geschwisters vor dem sechsten Lebensjahr des Patienten vorkommt, wenn man sie mit normaler Population vergleicht, mit einer manisch-depressiven Stichprobe und mit einer Stichprobe von paretischen Patienten.71

Rosenzweig bietet die übliche analytische Interpretation seines Untersuchungsergebnisses an – nämlich dass überwältigende Schuld, die aus zwischengeschwisterlicher Feindseligkeit und inzestuösen Gefühlen stammt, ein wichtiger Faktor bei der Erzeugung schizophrener Verhaltensmuster ist. Um diese Schlussfolgerung zu unterstützen, präsentiert er drei kurze Fallbeispiele (in je einem Abschnitt). Trotz der Kürze der Berichte und der Selektion aus einer riesigen Stichprobe klinischen Materials für die Unterstützung seiner These, gibt es Beweise für die Furcht vor dem persönlichen Tod in zwei der drei Beispiele. Ein Patient, der seine Mutter und zwei Geschwister früh in seinem Leben verloren hatte, reagierte sehr stark auf den Tod einer Cousine: »Er war so tief verstört, dass er krank wurde und ins Bett gehen musste: Er fürchtete ständig, dass er sterben würde. Der Arzt diagnostizierte einen Nervenzusammenbruch. Der Patient zeigte bald das bizarre Verhalten eines Schizophrenen.«72 Ein anderer Patient verlor drei Brüder, den ersten, als er sechs Jahre alt war. Er entwickelte eine Psychose im siebzehnten Lebensjahr, kurz nach dem Tod des dritten Bruders. Die einzige Aussage, die von diesem Patienten zitiert wird, legt nahe, dass mehr als Schuld bei seiner Reaktion auf den Tod eine Rolle spielt. »Ich habe seine Stimme gelegentlich gehört. Manchmal scheine ich fast er zu sein. Ich weiß nicht, da scheint eine Leere im Weg zu sein … Ja, wie kann ich über eine Leere wie seinen Tod hinwegkommen? Mein Bruder ist tot, und ich bin – nun, ich bin am Leben, aber ich weiß nicht … «73 Diese hochselektive Art des Fallberichts beweist nichts. Ich habe diesen Punkt herausgearbeitet, um die Probleme bei der Interpretation der Forschungsliteratur zu veranschaulichen. Die Forscher und Kliniker sind »eingefahren« und haben Schwierigkeiten, den Bezugsrahmen zu verändern, selbst dann, wenn, wie bei dieser Forschung, eine andere Erklärung völlig plausibel und mit den Daten in Übereinstimmung zu sein scheint.

Wenn man sowohl den Verlust eines Elternteils als auch den Verlust eines Geschwisters betrachtet, findet man in Rosenzweigs Forschung, dass über 60 Prozent der schizophrenen Patienten einen frühen Verlust erlitten hatten. Vielleicht haben die schizophrenen Patienten dann »zuviel zu früh« erlebt. Diese Patienten waren dem Tod nicht nur zu sehr ausgesetzt, sondern wegen des Grads an Pathologie in der Familienumgebung waren die Familien und die Patienten auch besonders unfähig, mit Todesangst umzugehen. (Harold Searles kam, wie ich im vierten Kapitel erläutern werde, auf der Grundlage seiner psychotherapeutischen Arbeit mit erwachsenen Schizophreniepatienten zu den gleichen Schlussfolgerungen.74) Der Tod eines Elternteils ist ein katastrophales Ereignis für das Kind. Seine Reaktionen hängen von vielen Faktoren ab: Die Qualität seiner Beziehung zu dem Elternteil, die Umstände des Todes des Elternteils (war das Kind beispielsweise Zeuge eines natürlichen oder eines gewaltsamen Todes?), die Haltung des Elternteils während seiner oder ihrer Schlussphase der Krankheit und die Existenz eines starken überlebenden Elternteils und ein Netzwerk von Gemeinschafts- und Familienressourcen.75 Das Kind erleidet einen tiefen Verlust, und darüber hinaus fühlt es sich außerordentlich bedrängt von seinen Sorgen darüber, dass sein aggressives Verhalten oder seine Fantasien über den Elternteil zu dessen Tod beigetragen haben könnten. Die Rolle des Verlusts und der Schuld ist gut bekannt und wurde in kompetenter Weise von anderen erörtert.76 In der traditionellen Literatur über Verluste wird jedoch eine Betrachtung der Wirkung des Todes eines Elternteils auf die Bewusstheit des Kindes von seinem Tod ausgelassen. Wie ich zuvor betont habe, ist Vernichtung die ursprüngliche Angst der Person und ist verantwortlich für einen großen Teil der Qual bei seiner oder ihrer Reaktion auf den Verlust eines anderen Menschen. Maurer drückt das treffend aus: »Auf einer Ebene unterhalb wahrer Erkenntnis weiß das Kind mit seinem naiven Narzissmus, dass der Verlust seines Elternteils der Verlust seiner Bande zum Leben ist … Viel eher als eifersüchtiges Besitzenwollen eines verlorenen Liebesobjekts ist totale Panik um sein Leben die Ätiologie der Qual der Trennungsangst.«77

Es ist nicht schwierig nachzuweisen, dass Psychiatriepatienten, Neurotiker und Psychotiker häufiger einen Elternteil verloren haben als Personen aus der allgemeinen Bevölkerung.78 Aber die Implikationen des Todes eines Elternteils für das Kind sind so weitreichend, dass es der Forschung nicht möglich ist, all die einzelnen Komponenten der Erfahrung zu entwirren und zu gewichten. Es ist beispielsweise aus den Tierexperimenten bekannt, dass die Jungen eine Versuchsneurose entwickeln, wenn sie von ihren Müttern getrennt werden, und viel feindseliger auf Stress reagieren als jene, die bei ihren Müttern bleiben. Bei den Menschen verringert die unmittelbare Gegenwart einer mütterlichen Person die Angst, die durch unbekannte Ereignisse ausgelöst wird. Daraus folgt, dass ein Kind, das seine Mutter verloren hat, viel verletzlicher durch jeden Stress, mit dem es sich auseinandersetzen muss, ist. Das Kind wird nicht nur der Angst ausgesetzt, die von der Todesbewusstheit ausgeht, sondern leidet übermäßig an Angst vor vielen anderen Stressfaktoren (zwischenmenschlichen, sexuellen, schulbezogenen), mit denen es schlecht fertigwerden kann. Daher entwickelt das Kind wahrscheinlich eine Symptomatologie und neurotische Abwehrmechanismen, die sich im Laufe des Lebens überlagern. Die Furcht vor dem persönlichen Tod liegt vielleicht in der tiefsten Schicht und bricht in unverhüllter Form nur selten in Albträumen oder anderen Ausdrucksformen des Unbewussten durch.

Josephine Hilgard und Martha Newman erforschten Psychiatriepatienten, die einen Elternteil früh im Leben verloren hatten, und berichten von einem faszinierenden Ergebnis (das sie »Jahrestagsreaktion« nannten): Eine signifikante Korrelation zwischen dem Alter eines Patienten zur Zeit der Einweisung in die Psychiatrie und dem Alter des Elternteils beim Tod.79 Mit anderen Worten, wenn ein Patient ins Krankenhaus kommt, besteht die nicht nur zufällige Möglichkeit, dass er oder sie im gleichen Alter ist wie sein Elternteil, als dieser starb. Wenn beispielsweise die Mutter eines Patienten im Alter von dreißig starb, besteht für den Patienten im Alter von dreißig ein erhöhtes Risiko. Darüber hinaus ist das älteste Kind des Patienten wahrscheinlich im gleichen Alter, in dem der Patient war, als sein Elternteil starb. Beispielsweise ist eine Patientin, die sechs Jahre alt war, als ihre Mutter starb, psychiatrisch gesehen ein Risikofall, wenn ihre älteste Tochter sechs Jahre alt ist. Obwohl die Forscher die Frage der Todesangst nicht aufwarfen, scheint es möglich zu sein, dass der Tod der ursprünglichen Mutter das Kind – die spätere Patientin – plötzlich der Unvorhersagbarkeit aussetzte: Der Tod der Mutter signalisierte dem Kind, dass es auch selbst sterben muss. Das Kind verdrängte diese Schlussfolgerung und die sie begleitende Angst, die unbewusst blieb, bis sie durch den Jahrestag ausgelöst wurde – also dadurch, dass die Patientin das Alter erreichte, in welchem ihr Elternteil starb.

Der Grad des Traumas ist zu einem großen Ausmaß eine Funktion des Grads an Todesangst in der Familie. In vielen Kulturen nehmen die Kinder an den Todesritualen teil. Sie haben manchmal feste Rollen bei Begräbnissen oder anderen Todesritualen. In der Foré-Kultur auf Neu-Guinea beispielsweise nehmen die Kinder an dem Ritual des Verspeisens eines verstorbenen Verwandten teil. Höchstwahrscheinlich ist diese Erfahrung für das Kind nicht katastrophal, weil die Erwachsenen an der Aktivität ohne ernsthafte Angst teilnehmen; es ist Teil eines natürlichen ungehemmten Lebensstroms. Wenn jedoch, wie häufig in der westlichen Kultur, ein Elternteil ernsthafte Angst vor den Todesfragen hat, dann erhält das Kind die Botschaft, dass es viel zu fürchten gibt. Diese elterliche Mitteilung kann besonders wichtig für jene Kinder sein, die ernsthafte physische Krankheiten haben. Wie Marian Breckenridge und E. Lee Vincent es formulierten, »Die Kinder fühlen die Angst ihrer Eltern, dass sie sterben können, und neigen daher dazu, ein vages Unwohlsein mit sich herumzutragen, welches gesunde Kinder nicht empfinden.«80

Die Todeserziehung von Kindern

Viele Eltern, vielleicht die meisten in unserer Kultur, versuchen, die Realitätswahrnehmung in der Todeserziehung schrittweise zu erhöhen. Junge Kinder werden vor dem Tod abgeschirmt; sie werden ausdrücklich fehlinformiert; die Verleugnung wird ihnen früh im Leben eingegeben mit Geschichten vom Himmel oder von der Wiederkehr der Toten oder mit der Versicherung, dass Kinder nicht sterben. Später, wenn das Kind »bereit ist, es anzunehmen«, erhöhen die Eltern allmählich die Dosis an Realität. Gelegentlich nehmen aufgeklärte Eltern einen dezidierten Standpunkt gegen Selbsttäuschung ein und weigern sich, ihren Kindern die Verleugnung der Realität beizubringen. Sie finden es jedoch schwierig, auf das Angebot von Trost durch irgendeine realitätsnegierende Versicherung zu verzichten – entweder eine schlichte Verleugnung der Sterblichkeit oder einen Mythos über eine lange Reise nach dem Leben –, wenn ein Kind erschreckt oder gequält ist.

Elisabeth Kübler-Ross missbilligt die traditionelle religiöse Praxis, Kinder mit »Märchen« über den Himmel, Gott und die Engel zu indoktrinieren, scharf. Aber wenn sie ihre Arbeit mit Kindern beschreibt, die über den Tod besorgt sind – ihren eigenen oder den ihrer Eltern –, ist es offensichtlich, dass auch sie Trost anbietet, der auf Verleugnung gründet. Sie informiert die Kinder, dass man im Augenblick des Todes transformiert oder befreit wird »wie ein Schmetterling« für eine tröstliche verheißungsvolle Zukunft.81 Obwohl Kübler-Ross darauf besteht, dass dies nicht Verleugnung, sondern Realität ist, die auf objektiver Forschung über Erfahrungen nach dem Tode basieren, bleibt der empirische Beweis unveröffentlicht. Die gegenwärtige Position dieser bemerkenswerten Therapeutin, die sich dem Tod unerschrocken stellte, weist darauf hin, wie schwierig es ist, sich mit dem Tod ohne Selbsttäuschung auseinanderzusetzen. Soweit ich es beurteilen kann, unterscheiden sich die »objektiven Daten« von Kübler-Ross nicht in bedeutsamer Weise vom traditionellen religiösen »Wissen« durch Glauben.

Es gibt in unserer westlichen Kultur klare Erziehungsrichtlinien für solche Bereiche wie physische Entwicklung, Informationsaneignung, soziale Fähigkeiten und psychologische Entwicklung; aber wenn die Todeserziehung ansteht, sind die Eltern weitgehend auf sich selbst gestellt. Viele andere Kulturen bieten einige kulturell akzeptierte Mythen über den Tod an, die den Kindern ohne Ambivalenz oder Angst übermittelt werden. Unsere Kultur bietet keine erkennbaren Richtlinien an, denen Eltern folgen könnten; trotz der Allgemeingültigkeit des Themas und seiner entscheidenden Bedeutung in der Entwicklung des Kindes, muss jede Familie nolens volens entscheiden, was sie ihren Kindern beibringt. Oft werden den Kindern Informationen gegeben, die obskur sind, vermischt mit elterlicher Angst, und die wahrscheinlich im Widerspruch zu anderen Informationsquellen in der Umgebung stehen.

In den Reihen professioneller Erzieher herrscht extreme Uneinigkeit über die Todeserziehung. Anthony empfiehlt, dass die Eltern die Realität dem Kind gegenüber verleugnen sollten. Sie zitiert Sandor Ferenczi, der sagte, dass »die Verneinung der Realität eine Übergangsphase zwischen dem Ignorieren und dem Akzeptieren der Realität ist«, und er behauptet, dass das Versagen der Eltern bei der Unterstützung der Verleugnung seitens des Kindes zu »einer Neurose führen kann, in der Todesassoziationen eine Rolle spielten.«82 Anthony fährt fort:

Die Argumente für die Unterstützung der Realitätsakzeptanz sind stark. Trotzdem gibt es in diesem Zusammenhang eine Gefahr. Das Wissen, dass die Verleugnung selbst das Akzeptieren erleichtert, kann die Aufgabe der Eltern vielleicht weniger schwer machen. Sie mögen die Anklage der Unzuverlässigkeit, des Lügens vorausahnen, wenn das eigene Bedürfnis des Kindes nach Verleugnung vorbei ist. Wenn sie offen angeschuldigt werden, können sie antworten: »Du konntest es damals nicht annehmen.«83

Andererseits akzeptieren viele professionelle Erzieher die Ansicht Jerome Bruners, dass »jedes Thema auf irgendeine intellektuell ehrliche Weise ei nem Kind in jedem Entwicklungsstadium wirkungsvoll beigebracht werden kann«,84 und versuchen, dem Kind bei einem allmählichen realistischen Verständnis des Todesbegriffs behilflich zu sein. Euphemismen (»schlafen gegangen«, »in den Himmel gegangen«, »bei den Engeln«) sind »hauchdünne Barrikaden gegen Todesängste und verwirren das Kind nur.«85 Die Angelegenheit zu ignorieren, führt zu einem Narrenparadies für die Eltern: Die Kinder kümmern sich dann sehr wohl weiter um das Thema und finden, wie auch beim Sex, andere Informationsquellen, die oft unzuverlässig oder sogar furchterregender oder bizarrer als die Realität sind.

Zusammengefasst gibt es überzeugende Beweise, dass Kinder den Tod in einem frühen Alter entdecken, dass sie befürchten, dass ihr Leben schließlich ausgelöscht wird, dass sie dieses Wissen auf sich selbst anwenden und dass sie als Ergebnis dieser Entdeckung große Angst erleiden. Eine Hauptentwicklungsaufgabe ist es, mit dieser Angst umzugehen, und das Kind tut dies hauptsächlich auf zwei Wegen: indem es die unerträgliche objektive Realität des Todes verändert, und indem es innere subjektive Erfahrungen verändert. Das Kind verleugnet die Unausweichlichkeit und Dauerhaftigkeit des Todes. Es schafft Unsterblichkeitsmythen – oder übernimmt dankbar Mythen, die Ältere ihm anbieten. Das Kind verleugnet auch seine Hilflosigkeit vor der Gegenwart des Todes, indem es die innere Realität verändert: Das Kind glaubt an seine persönliche Besonderheit, Allmacht und Unverletzlichkeit und an die Existenz von irgendeiner äußeren persönlichen Kraft oder einem Wesen, das es vom Schicksal, das alle anderen erwartet, erlösen wird.

»Es ist nicht so bemerkenswert,« wie Rochlin schreibt, »dass Kinder zu den erwachsenen Ansichten über die Beendigung des Lebens gelangen, sondern vielmehr, wie hartnäckig Erwachsene ihr ganzes Leben lang an den Vorstellungen des Kindes festhalten und wie bereitwillig sie zu ihnen zurückkehren.«86 Die Toten sind daher nicht tot; sie ruhen, sie schlummern weiter in Gedenkstätten beim Klang ewiger Musik, sie erfreuen sich eines Lebens nach dem Tod, in welchem sie letztlich mit ihren geliebten Menschen wieder vereinigt werden. Und unabhängig davon, was anderen geschieht, verleugnet man den Tod als Erwachsener vor sich selbst. Die Verleugnungsmechanismen sind in unseren Lebensstil und unsere Charakterstruktur eingebettet. Zur Last des Menschen als Erwachsener genauso wie zu der des Kindes gehört es, mit der persönlichen Endlichkeit umzugehen; und das Studium der Psychopathologie, der ich mich jetzt zuwenden werde, ist das Studium misslungener Todestranszendenz.

4. Kapitel: Tod und Psychopathologie

Die Bandbreite der Psychopathologie, die Typen klinischer Bilder, die bei Patienten auftreten, ist so groß, dass die Kliniker einige organisierende Prinzipien brauchen, die es ihnen erlauben, Symptome, Verhaltensweisen und Persönlichkeitsstile nach bedeutungsvollen Kategorien zu gruppieren. In dem Maß, in dem Kliniker ein strukturierendes Paradigma der Psychopathologie anwenden können, sind sie entlastet von der Angst, vor einer unklaren Situation zu stehen. Sie entwickeln ein Gefühl des Erkennens oder der Vertrautheit und ein Gefühl des Beherrschens, welches bei den Patienten wiederum ein Vertrauensgefühl erweckt – Vorbedingungen für eine wahrhaft therapeutische Beziehung.

Das Paradigma, das ich in diesem Kapitel beschreiben werde, beruht, wie die meisten Paradigmen der Psychopathologie, auf der Annahme, dass Psychopathologie eine unkultivierte, ineffektive Weise ist, mit Angst umzugehen. Ein existenzielles Paradigma nimmt an, dass die Angst aus der Begegnung des Menschen mit den letzten Dingen der Existenz hervorgeht. Ich werde in diesem Kapitel ein Modell der Psychopathologie darstellen, das auf dem Kampf des Menschen mit der Todesangst beruht, und in späteren Kapiteln Modelle, die für jene Patienten zutreffen, deren Angst stärker mit anderen letzten Dingen gekoppelt ist – Freiheit, Isolation und Sinnlosigkeit. Obwohl ich diese Themen aus didaktischen Gründen getrennt besprechen muss, stellen sie zusammen die vier Stränge im Gewebe der Existenz dar und müssen schließlich zu einem einheitlichen existenziellen Modell der Psychopathologie vereinigt werden.

Alle Menschen begegnen der Todesangst; die meisten von ihnen entwickeln adaptive Modi des Umgangs damit – Modi, die aus Strategien bestehen, die auf Verleugnung beruhen, wie Unterdrückung, Verdrängung, Verschiebung, der Glaube an persönliche Allmacht, die Übernahme sozial akzeptierter religiöser Glaubenssätze, die den Tod »entgiften«, oder persönliche Anstrengungen, den Tod durch eine große Vielfalt von Strategien zu überwinden, die darauf abzielen, symbolische Unsterblichkeit zu erlangen. Der Mensch, der in die Situation des »Patient-Seins« eintritt, hat entweder wegen außergewöhnlichem Stress oder wegen der Unangemessenheit der verfügbaren Abwehrstrategien die verbreiteten Modi des Umgangs mit der Todesangst als ungenügend empfunden und wurde zu extremen Modi der Abwehr getrieben. Diese Abwehrmanöver, oft unbeholfene Arten, mit dem Schrecken umzugehen, stellen das dargebotene klinische Bild dar.

Psychopathologie ist (in jedem System) per Definition eine ineffektive Form der Abwehr. Sogar Abwehrmanöver, die schwere Angst erfolgreich abwehren, verhindern Wachstum und führen zu einem eingeschränkten und unbefriedigenden Leben. Viele existenzielle Theoretiker haben sich über den hohen Preis geäußert, den der Kampf im Umgang mit der Todesangst erfordert. Kierkegaard wusste, dass der Mensch sich einschränkt und selbst zurücknimmt, um die Wahrnehmung des »Schreckens, des Untergangs und der Vernichtung, die für jeden Menschen gleich nebenan wohnen«, zu vermeiden.1 Otto Rank beschrieb den Neurotiker als jemanden, »der das Darlehen (das Leben) ablehnt, um so der Schuldtilgung (dem Tod) zu entgehen.«2 Paul Tillich stellte fest, dass »Neurose der Weg ist, Nicht-Sein zu vermeiden, indem man das Sein vermeidet.«3 Ernest Becker führte ein ähnliches Argument an, als er schrieb: »Die Ironie der Situation des Menschen ist, dass das tiefste Bedürfnis des Menschen darin besteht, frei von der Angst vor dem Tod und der Vernichtung zu sein; aber das Leben selbst erweckt sie, und deshalb müssen wir davor zurückschrecken, völlig lebendig zu sein.«4 Robert Jay Lifton verwendete den Ausdruck »psychische Betäubung«, um zu beschreiben, wie sich der neurotische Mensch vor der Todesangst schützt.5

Nackte Todesangst wird in dem Paradigma der Psychopathologie, das ich beschreiben werde, nicht sehr offenkundig sein. Aber das sollte uns nicht überraschen: Primäre Angst in ihrer ursprünglichen Form ist kaum in irgendeinem theoretischen System deutlich erkennbar. Die Abwehrstrukturen existieren gerade zum Zweck innerer Tarnung: Die Natur des dynamischen Kernkonflikts wird durch Verdrängung und andere Manöver, die die Niedergeschlagenheit verringern können, verborgen. Schließlich ist der Kernkonflikt tief vergraben, und man kann auf ihn nur nach mühsamer Analyse dieser Manöver schließen – obwohl er niemals völlig bekannt sein wird.

Um ein Beispiel anzuführen: Ein Mensch kann sich vor der Todesangst, die mit der Individuation einhergeht, schützen, indem er eine symbiotische Beziehung mit der Mutter aufrechterhält. Diese Abwehrstrategie mag eine Zeit lang erfolgreich sein, aber mit der Zeit wird sie selbst zu einer Quelle sekundärer Angst; beispielsweise kann die Abneigung, sich von der Mutter zu trennen, mit dem Schulbesuch oder der Entwicklung sozialer Fähigkeiten interferieren; und diese Defizite erzeugen wahrscheinlich soziale Angst und Selbstverachtung, die wiederum neue Abwehrstrategien entstehen lassen, die das Unbehagen mildern, aber das Wachstum verzögern und demgemäß zusätzliche Schichten der Angst und der Abwehr generieren. Bald ist der Kernkonflikt mit diesen Epiphänomenen stark eingekapselt, und die Ausgrabung der ursprünglichen Angst wird außerordentlich schwierig. Todesangst ist für den Kliniker nicht unmittelbar sichtbar: Sie wird beim Studium von Träumen, Fantasien oder psychotischen Äußerungen oder durch mühsame Analyse des Ausbruchs neurotischer Symptome entdeckt. Beispielsweise berichten Lewis Loesser und Thea Bry6, dass erste phobische Attacken, die gründlich untersucht werden, unweigerlich von einem Durchbruch der Todesangst gekennzeichnet sind. Das Verständnis späterer Attacken wird durch das Auftauchen von Modifikationen, Ersatzhandlungen und Verschiebungen erschwert.

Bei den abgeleiteten sekundären Formen der Angst handelt es sich trotzdem um »wirkliche« Angst. Ein Mensch kann durch soziale Angst oder durch umfassende Selbstverachtung in die Knie gezwungen werden; und wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, richten sich Behandlungsbemühungen im Allgemeinen auf die abgeleiteten, statt auf die ursprünglichen Ängste. Der Psychotherapeut beginnt die Therapie, unabhängig von seinem Glaubenssystem hinsichtlich der ursprünglichen Quelle der Angst und der Genese der Psychopathologie, auf der Ebene der Sorgen des Patienten: Beispielsweise kann der Therapeut dem Patienten helfen, indem er ihm Unterstützung anbietet, indem er nachhilft beim Aufbau adaptiver Abwehrstrategien oder indem er destruktive zwischenmenschliche Interaktionsformen zu korrigieren hilft. Das existenzielle Paradigma der Psychopathologie erfordert daher bei der Behandlung vieler Patienten keine radikale Abkehr von traditionellen therapeutischen Strategien oder Techniken.

Todesangst: Ein Paradigma der Psychopathologie

Ein klinisches Paradigma, von dem ich glaube, dass es sehr großen praktischen und heuristischen Wert hat, wurde im vorhergehenden Kapitel skizziert. Die Art des Kindes, mit der Todesbewusstheit umzugehen, gründet auf Verleugnung, und die zwei Hauptbollwerke dieses Verleugnungssystems sind der archaische Glaube, dass man entweder persönlich unverletzlich ist und/oder von einem letzten Retter ewig beschützt wird. Diese beiden Glaubenssätze sind besonders wirksam, weil sie aus zwei Quellen Verstärkung erfahren: Aus den Umständen der frühen Kindheit und aus weitverbreiteten, kulturell akzeptierten Mythen, die Unsterblichkeitssysteme sowie die Existenz einer persönlichen, alles beobachtenden Gottheit einschließen.

Der klinische Ausdruck dieser beiden grundlegenden Abwehrstrategien wurde für mich besonders klar, als ich zwei Patienten in zwei aufeinander folgenden Stunden begegnete, die ich Mike und Sam nenne. Sie ermöglichen das Studium der zwei Arten der Todesverleugnung auf eindrucksvolle Weise; der Gegensatz zwischen den beiden ist erstaunlich; und jeder von ihnen wirft durch die Illustration der gegenteiligen Möglichkeit Licht auf die Dynamik der anderen.

Mike, der fünfundzwanzig Jahre alt war und durch einen Onkologen an mich verwiesen worden war, hatte ein hochgradig bösartiges Lymphom, und obwohl eine neue Form der Chemotherapie die einzige Chance für sein Überleben anbot, weigerte er sich, bei der Behandlung zu kooperieren. Ich sah Mike nur einmal (und war für dieses Treffen fünfzehn Minuten zu spät dran), aber es war leicht erkennbar, dass das Leitmotiv seines Lebens Individuation war. Er hatte früh in seinem Leben gegen jede Form der Kontrolle gekämpft und bemerkenswerte Fähigkeiten der Unabhängigkeit entwickelt. Vom zwölften Lebensjahr an hatte er sich selbst ernährt, und mit fünfzehn zog er aus seinem Elternhaus aus. Nach der Highschool ging er zu einem Bauunternehmen und beherrschte bald alle Aspekte dieses Gewerbes – Tischlerei, Elektro-Installationen, Sanitärinstallationen, Maurerarbeiten. Er baute mehrere Häuser, verkaufte sie mit beträchtlichem Gewinn, kaufte ein Boot, heiratete und segelte mit seiner Frau um die Welt. Er fühlte sich von der unabhängigen, individualistischen Kultur, die er in einem Entwicklungsland gefunden hatte, angezogen und bereitete sich auf die Emigration vor, als vier Monate, bevor ich ihn sah, sein Krebs entdeckt wurde.

Das erstaunlichste am Interview war Mikes irrationale Haltung gegenüber chemotherapeutischer Behandlung. Natürlich war die Behandlung außerordentlich unangenehm, würde Schwindelgefühle und Übelkeit hervorrufen, aber Mikes Angst ging über alle vernünftigen Grenzen hinaus: Er konnte in der Nacht vor der Behandlung nicht schlafen; er entwickelte ernsthafte Angstzustände und war ständig mit Möglichkeiten beschäftigt, wie er die Behandlung umgehen konnte. Was genau fürchtete Mike an der Behandlung? Er konnte es nicht spezifizieren, aber er wusste, dass es etwas mit Unbeweglichkeit und Hilflosigkeit zu tun hatte. Er konnte es nicht ertragen zu warten, während der Onkologe das Medikament zur Injektion vorbereitete. (Es konnte nicht vorher präpariert werden, weil die Dosis von seinem Blutbild abhing, das vor jeder Anwendung überprüft werden musste.) Am schrecklichsten von allem war jedoch die intravenöse Injektion: Er hasste das Eindringen der Nadel, das Abtupfen, den Anblick der Tropfen, die in sein Blut gingen. Er hasste es, hilflos und gebunden zu sein, auf der Liege ruhig liegen zu bleiben, seinen Arm unbeweglich zu halten. Obwohl Mike den Tod nicht bewusst fürchtete, war seine Angst vor der Therapie eine offensichtliche Verschiebung der Todesangst. Es war für Mike wahrhaft fürchterlich, abhängig und erstarrt zu sein: Diese Umstände lösten Schrecken aus, sie waren Äquivalente für den Tod; und die meiste Zeit in seinem Leben hatte er sie durch perfekte Selbstständigkeit überwunden. Er hatte einen tiefen Glauben an seine Besonderheit und seine Unverletzlichkeit und hatte sich bis zum Krebs ein Leben geschaffen, das diesen Glauben bestätigte. Ich konnte für Mike wenig tun, außer dass ich seinem Onkologen vorschlug, dass man Mike beibringen sollte, sich selbst seine Medikation vorzubereiten, und dass man ihm erlaubte, sich selbst die intravenöse Injektion zu geben und diese zu überprüfen. Diese Vorschläge halfen, und Mike beendete seine Behandlung. Er hielt seine nächste Verabredung mit mir nicht ein, rief mich aber an und fragte mich nach einer Kassette für eine Selbsthilfe-Muskelentspannung. Er blieb für die Dauer der onkologischen Nachbehandlung in der Region und entschied sich, seinen Emigrationsplan weiterzuverfolgen. Seiner Frau widerstrebte sein Plan so sehr, dass sie sich weigerte mitzugehen, und Mike setzte allein die Segel.

Sam war ungefähr genau so alt wie Mike, ähnelte ihm aber sonst überhaupt nicht. Er kam zu mir in aufgelöstem Zustand, nachdem seine Frau entschieden hatte, ihn zu verlassen. Obwohl er nicht, wie Mike, mit dem Tod im buchstäblichen Sinn konfrontiert wurde, war seine Situation auf einer symbolischen Ebene ähnlich. Sein Verhalten legte nahe, dass er sich einer außerordentlich ernsten Überlebensbedrohung gegenübersah. Er hatte Angst bis zur Panik, er heulte stundenlang ohne Ende, er konnte weder schlafen noch essen, er sehnte sich danach, dass sein Zustand um jeden Preis beendet würde, und erwog ernsthaft, Selbstmord zu begehen. Im Laufe der Wochen verringerten sich Sams Katastrophenreaktionen, aber sein Unbehagen schwelte weiter. Er dachte ständig an seine Frau. Er »lebte nicht im Leben«, wie er es ausdrückte, sondern schlich neben dem Leben her. »Zeit zu verbringen« wurde zu einer bewussten und schwierigen Angelegenheit: Kreuzworträtsel, Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften wurden in ihrer wahren Natur gesehen – als Vehikel, die Leere zu füllen, die Zeit so schmerzlos wie möglich herumzubringen.

Sams Charakterstruktur kann im Zusammenhang mit dem Motiv der »Verschmelzung« verstanden werden – ein Motiv, das im dramatischen Gegensatz zu Mikes »Individuation« stand. Während des Zweiten Weltkriegs war Sams Familie, als er noch sehr jung war, viele Male umgezogen, um den Gefahren zu entfliehen. Er hatte viele Verluste erlitten, einschließlich des Todes seines Vaters, als Sam in der Vor-Adoleszenz war, und den Tod seiner Mutter ein paar Jahre später. Er ging mit seiner Situation um, indem er nahe, intensive Bindungen einging: zuerst mit seiner Mutter und dann mit einer Reihe von Verwandten oder angenommenen Verwandten. Er war jedermanns Mädchen für alles und ständiger Babysitter. Er war ein unverbesserlicher Geschenke-Austeiler, der seine Zeit und sein Geld vielen Erwachsenen großzügig zur Verfügung stellte. Nichts schien für Sam wichtiger zu sein, als geliebt und versorgt zu werden. Nachdem seine Frau ihn verlassen hatte, wurde ihm auf einmal klar, dass er das Gefühl zu existieren nur hatte, wenn er geliebt wurde: Im Zustand der Isolation geriet er ganz ähnlich einem erschreckten Tier in einen scheintoten Zustand – weder lebendig noch tot. Als wir einmal über seinen Schmerz nach dem Weggang seiner Frau sprachen, sagte er: »Wenn ich allein zu Hause sitze, ist es am schwierigsten, daran zu denken, dass eigentlich niemand weiß, dass ich am Leben bin.« Wenn er allein war, aß er kaum oder versuchte, nur die allerprimitivsten Bedürfnisse zu befriedigen. Er säuberte sein Haus nicht, er wusch sich nicht, er las nicht; obwohl er ein begabter Künstler war, malte er nicht. Es gab, wie Sam es formulierte, keinen Grund, »Energie zu verschwenden, wenn ich nicht sicher bin, dass sie mir durch jemand anderen zurückgegeben wird.« Er existierte nicht, wenn niemand da war, der seine Existenz für gültig erklärte. Wenn Sam allein war, verwandelte er sich selbst in eine schlafende Spore, bis ein anderer Mensch ihn mit Energie versorgte, die sein Leben wiedererweckte.

Zu Zeiten der Bedürftigkeit suchte Sam nach Hilfe bei älteren Menschen aus seinem Leben: Er flog quer über den Kontinent, um ein paar Stunden Trost im Haus angenommener Verwandter zu finden; es war unterstützend für ihn, einfach vor dem Haus zu stehen, in dem er und seine Mutter einst vier Jahre lang gelebt hatten; er hatte astronomisch hohe Telefonrechnungen wegen seiner Rat- und Trostsuche bei anderen; er fand viel Unterstützung bei seinen Schwiegereltern, die sich wegen Sams Zuneigung zu ihnen (mit ihrer Liebe) auf seine Seite schlugen und nicht auf die ihrer Tochter. Sams Bemühungen, sich selbst in seiner Krise zu helfen, waren beachtlich aber einförmig: Er versuchte auf vielen Wegen, seinen Glauben zu verstärken, dass irgendeine beschützende Gestalt über ihn wache und für ihn sorge.

Trotz seiner extremen Einsamkeit war Sam nicht bereit, Schritte zu unternehmen, um sie erträglicher zu gestalten. Ich machte ihm ein paar praktische Vorschläge, wie er Freunde treffen könnte: Zusammenkünfte von Alleinstehenden, soziale Aktivitäten der Kirche, Sierra-Club-Aktivitäten, Kurse für Erwachsenenbildung und so weiter. Meine Ratschläge blieben, sehr zu meiner Verwirrung, völlig unbeachtet. Allmählich verstand ich: Es war für Sam trotz seiner Einsamkeit nicht wichtig, mit anderen zusammen zu sein, sondern seinen Glauben an einen letzten Retter zu bestätigen. Er war eindeutig dagegen, Zeit außerhalb seines Hauses auf Treffen von Alleinstehenden zu verbringen. Der Grund? Er fürchtete, einen Telefonanruf zu verpassen! Ein Telefonanruf von »da draußen« war unendlich viel mehr wert, als sich einem Dutzend sozialer Aktivitäten anzuschließen. Vor allem wollte Sam »gefunden« werden, beschützt, gerettet werden, ohne um Hilfe bitten und seine eigene Rettung bewerkstelligen zu müssen. Tatsächlich ging es Sam auf einer tieferen Ebene schlechter bei erfolgreichen Anstrengungen, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass er sich in seinem Lebensdilemma selbst half. Ich traf Sam über einen Zeitraum von vier Monaten. Als es ihm besser ging (durch meine Unterstützung und durch »Verschmelzung« mit einer anderen Frau), verlor er offensichtlich die Motivation, die psychotherapeutische Arbeit fortzuführen, und wir kamen überein, dass es in Ordnung war, sie abzuschließen.

Zwei grundlegende Abwehrstrategien gegen den Tod

Was lernen wir von Mike und Sam? Wir sehen deutlich zwei radikal verschiedene Arten, mit der grundlegenden Angst umzugehen. Mike glaubte fest an seine Besonderheit und persönliche Unverletzlichkeit; Sam glaubte an die Existenz eines letzten Retters. Mikes Empfinden der Unabhängigkeit wurde hypertrophiert, während Sam nicht allein existierte, sondern danach strebte, mit einem anderen zu verschmelzen. Diese zwei Arten sind diametral entgegengesetzt; und obwohl sie sich gegenseitig keineswegs ausschließen, stellen sie eine nützliche Dialektik dar, die es dem Kliniker erlaubt, eine Vielzahl klinischer Situationen zu verstehen.

Wir treffen Mike und Sam zu einer Zeit schwieriger Erfahrungen. Bei keinem der Männer ruft die Krise neue Abwehrstrategien hervor; in der reinsten Form, die möglich ist, beleuchtet sie die Natur und die Begrenztheit ihrer Seinszustände. Das extreme Verhaftetsein, entweder an den Modus der Individuation oder den der Verschmelzung, führt zu einer charakterlichen Rigidität, die offensichtlich schlecht angepasst ist. Mike und Sam weisen extreme Stile auf, die den Stress erhöhen, das Zurechtkommen verhindern und Wachstum verzögern. Mike verweigerte die Teilnahme an einer lebensrettenden Therapie und später an der Nachsorge. Sams intensiver Wunsch nach der vollen Aufmerksamkeit seiner Frau war verantwortlich für ihre Entscheidung, ihn zu verlassen; seine Leidenschaft für Verschmelzung führte zu einer Verstärkung der Qual der Einsamkeit und zur Unfähigkeit, angemessen mit seiner neuen Lebenssituation umzugehen. Weder Mike noch Sam waren irgendwie fähig, an der Krise zu wachsen. Fehlangepasstes und rigides Verhalten, das persönliches Wachstum ausschließt, ist per Definition neurotisches Verhalten.

In grob skizzierter Weise stellen die beiden Abwehrstrategien eine Dialektik dar – zwei diametral entgegengesetzte Modi, sich der menschlichen Situation zu stellen. Das menschliche Wesen verschmilzt entweder oder trennt sich, ist eingebettet oder tritt heraus. Der Mensch bestätigt seine Autonomie, indem er »aus der Natur heraustritt« (wie es Rank formulierte7) oder sucht Sicherheit, indem er mit einer anderen Kraft verschmilzt. Entweder er wird sein eigener Vater oder bleibt der ewige Sohn. Das ist sicher das, was Fromm meinte, als er den Menschen beschrieb als einen, der sich entweder »nach Unterordnung sehnt oder Macht begehrt«.8

Diese existenzielle Dialektik bietet ein Paradigma an, das es dem Kliniker erlaubt, die Situation zu »begreifen«. Es gibt viele alternative Paradigmen, jedes von ihnen mit Erklärungskraft: Mike und Sam haben Charakterstörungen – schizoid bzw. passiv abhängig. Mike kann vom Blickwinkel eines fortgesetzten Auflehnungskonflikts mit seinen Eltern, Abhängigkeit, neurotischer Fortsetzung des ödipalen Konflikts oder Angst vor Homosexualität aus gesehen werden. Sam kann vom Blickwinkel der Identifikation mit seiner Mutter und eines unaufgelösten Kummers oder von Kastrationsangst oder einer Familiendynamik, in der der Kliniker seine Aufmerksamkeit auf die Beziehung mit seiner Frau richtet, »begriffen« werden. Der existenzielle Ansatz ist daher ein Paradigma unter vielen, und dessen raison d’etre ist seine klinische Nützlichkeit. Diese Dialektik erlaubt es dem Therapeuten, Daten zu verstehen, die in der klinischen Arbeit oft übersehen werden. Der Therapeut kann zum Beispiel verstehen, warum Mike und Sam so übermäßig und manieristisch auf ihre schmerzhafte Situation reagierten, oder warum Sam vor der Aussicht zurückschreckte, seine Situation durch Übernahme von Eigenverantwortung zu »verbessern«. Diese Dialektik erlaubt es dem Therapeuten, den Patienten auf der tiefsten Ebene zu involvieren. Sie gründet auf einem Verständnis der ursprünglichen Angst, die in der unmittelbaren Gegenwart existiert: Der Therapeut sieht die Symptome des Patienten als eine Antwort auf die Todesangst an, die ihn gegenwärtig bedroht, nicht als eine Reaktion auf das Auftauchen vergangener Traumata und Stresssituationen. Von daher gesehen betont der Ansatz Bewusstheit, Unmittelbarkeit und Entscheidung – eine Akzentsetzung, die die Hebelkraft des Therapeuten erhöht.

Ich werde im verbleibenden Teil dieses Kapitels diese zwei grundlegenden Formen der Todesverleugnung und die Typen von Psychopathologie, die aus ihr hervorgehen, beschreiben. (Obwohl viele der bekannten klinischen Syndrome im Sinne dieser beiden grundlegenden Todesverleugnungen gesehen und verstanden werden können, erhebe ich nicht den Anspruch auf ein erschöpfendes Klassifikationssystem – das würde den Anschein größerer Präzision und Durchdringung nahe legen, als es der Fall ist.) Beide Glaubensannahmen, die an die eigene Besonderheit und die an den letzten Retter, können in hohem Maße adaptiv sein. Jede von ihnen kann jedoch überstrapaziert und bis zu einem Punkt überlastet werden, an dem die Anpassung zusammenbricht, die Angst durchsickert, die Person zu extremen Maßnahmen greift, um sich zu schützen, und die Psychopathologie entweder in der Form eines Zusammenbruchs der Abwehr oder eines Weglaufens vor ihr in Erscheinung tritt.

Um der Klarheit willen werde ich zuerst jede der Abwehrstrategien getrennt besprechen. Ich werde sie dann wieder integrieren müssen, denn sie sind auf komplexe Weise wechselseitig voneinander abhängig: Die große Mehrheit der Menschen hat Spuren beider Abwehrstrategien, die in ihre Charakterstrukturen eingewoben sind.

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