Kitabı oku: «Flüchtlingsdrama eines Drillings»
Flüchtlingsdrama
eines Drillings
von
Isa Louise Reichenbach
Imprint
Flüchtlingsdrama eines Drillings
Isa Louise Reichenbach
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de Copyright: © 2016 Isa Louise Reichenbach ISBN 978-3-7375-8625-2 Lektorat: D. Müller und Meta Krug Konvertierung: Sabine Abels www.e-book-erstellung.de Umschlaggestaltung: Erik Kinting
Gewidmet meinem Begleiter Robert, der keine Mühe scheute, mich durch meine dunkelsten Tiefen zu begleiten. Dadurch konnte ich hier in meiner Heimat meine alten Wurzeln finden, die Erde auflockern und die Wurzeln tränken.
Ein Dank allen, die mir hindurch halfen.
Hommage an meine Familie.
Inhalt
Die Zeit, in die ich hineingeboren wurde
Wie meine Eltern sich kennenlernten
Kriegszeit, familiäre Belastungen und Schwangerschaft
Die Geburt der Zwillinge und das Trauma des Todes
Erneute Schwangerschaft und Kriegsende
Meine Geburt
Meine ersten drei Lebensjahre
Doktor Antze
Die Kriegsheimkehrer, das Zusammenleben und das Hochwasser
Unsere erste eigene Wohnung
Onkels Horsts Besuch mit Folgen
Tante Magda und Onkel Gerhard
Erziehung und Werte
Mein Bruder Kurt
Leben an der Flutmulde
Die neue Wohnung in Bad Oeynhausen-Lohe
Meine Schulzeit
Oma Meta
Familie, Alltag, Erschwernisse
Das Trauma des Krieges sitzt fest
Erinnerungen an schönere Zeiten
Seelische Belastungen
Familienfeste
Vorzeigekinder
Erster Kuraufenthalt
Pubertät
Erneuter Kuraufenthalt
Schattenseiten
Konfirmation und Ausbildung
Der Nebenjob
Ein einschneidender Verlust
Meine Jugend
Der Übergriff
Rückzug in mich selbst
Arbeitsalltag und die erste große Liebe
Maren
Sommerurlaub
Veränderung
Die Zeit, in die ich hineingeboren wurde
Lange ist es her, als ich in einem kleinen, verschlafenen Örtchen direkt nach Kriegsende geboren wurde.
Der Staub einiger eingestürzter Mauern lag noch in der Luft. Der kleine Kurort, in dem zuvor die Menschen durch die heilenden Quellen Linderung für ihre Leiden fanden, war zum Glück größtenteils erhalten geblieben. Nur weniges musste repariert werden, sodass das Leben wieder bald vorangehen konnte. Allerdings war die Geschäftigkeit, die vor dem Krieg geherrscht hatte, aufgrund der Umstände längst eine andere geworden: Es musste sogar Tauschhandel mit Lebensmitteln betrieben werden, um die nötigsten Nahrungsmittel auf dem Tisch servieren zu können. Es mangelte an allem, auch die dringend benötigten Gebrauchsgüter mussten irgendwie besorgt werden, um ein neues Leben beginnen zu können.
Um den Ortskern befand sich Stacheldraht. Rund gewickelt zog er sich wie eine gekräuselte Girlande durch die Straßen der Innenstadt. Niemand konnte durchkriechen oder darübersteigen. Nicht jeder sollte in die besetzte Zone einfach so hineingehen können. Dort hatten sich wohl überwiegend Engländer einquartiert. An den Eingängen durch den Stacheldraht befanden sich kleine Wachhäuschen, an denen Posten jeden kontrollierten, der rein- und rausging. Um in die besetzte Zone zu gelangen, benötigte man einen Ausweis. Die Menschen, die den Krieg verloren hatten, sollten außen vor bleiben. Ein Zeichen des verlorenen Krieges, Grenzen zu setzen.
Die Menschen nach den Kriegserlebnissen waren vorsichtig miteinander. Wenn sie sich trafen, sagte jeder einige nette Worte. So entstanden kleine Kontakte. Doch durch die vielen Heimatvertriebenen blieben sich die Menschen einander fremd. Die, die die Heimatlosen aufgenommen hatten, empfanden das oft als Einschränkung, denn solche Begegnungen sind nie einfach. Alle Menschen hatten mit dem Wiederaufbau zu tun und schufen sich neue Hausstände. Keiner hatte Zeit, die schlimmen Erlebnisse der Kriegszeiten zu verarbeiten. So wurde gearbeitet und geschwiegen.
In diese Zeit wurde ich hineingeboren: ein mageres und mickrig-kleines Mädchen mit geringem Gewicht – eben den Umständen angepasst. Die Zeit war darauf angelegt, sich von wenigem zu ernähren und zurückhaltend zu sein. Es gab nicht alle Lebensmittel und vieles nur auf Verbrauchsmarken.
Wie meine Eltern sich kennenlernten
Meine Mutter Claire stammte aus einer pommerschen Großstadt. Sie war klein und zierlich mit dunklen Haaren und schwarzen, lebendigen Augen. Die von den durchlebten Ereignissen verängstigte und unsichere junge Frau erwartete mich, das Kind, das in ihr heranwuchs, voller Freude und Erschrecken. Lähmende Gefühle waren durch die Verluste entstanden, aber auch Zwiespalt, denn nichts war mehr wie vorher.
Ihr Vater war bei der Deutschen Bundesbahn als Wagenmeister tätig und konnte die Familie gut versorgen. Er hatte mit seiner Frau schon ein kleines Haus am Rande der Großstadt Stettin. Im Kreise einer frohen Familie wuchs meine Mutter mit ihren beiden Schwestern – einer älteren und einer jüngeren und alle bildhübsch mit schwarzen Augen und Haaren – heran. Der Opa und die Mutter waren Schneidermeister. Sie hatten viele gute Kunden in Stettin und erfreuten sich großer Beliebtheit. Auch die Familie wurde stets mit stilvoller und moderner Kleidung versorgt. Es mangelte an nichts.
So konnten alle drei Mädchen unbesorgt zu jungen Frauen herangewachsen. Gern gingen sie in das bekannte Stadtcafé Ufa, in dem Tanzveranstaltungen stattfanden. Mutter und die älteste Schwester machten eine Ausbildung in Büros und die jüngste wurde Friseurin.
In Stettin lernte Claire ihren späteren Mann kennen: Edwin, der dort als Soldat stationiert war. Die Soldaten amüsierten sich in der Freizeit und besuchten die Lokale, in denen sie junge Frauen trafen. Der junge Edwin war schon in seiner schlesischen Heimat in Vereinen, bei denen Schauspielstücke vorgetragen wurden, tätig. Es wurde viel musiziert und gesungen und er spielte manchmal Schifferklavier. Außerdem imitierte er als Conférencier alte, bekannte Schauspieler. Die Leute mochten ihn und vergnügten sich gern dort.
Claire und Edwin verliebten sich und erlebten zueinander eine große Faszination und Lebendigkeit. Sie beschlossen zu heiraten.
Inmitten einer unruhigen Kriegszeit, in der die Menschlichkeit in einem Chaos versank, richteten die Brauteltern der Braut für Claire 1942 ein wundervolles Hochzeitsfest in der Heimatstadt Stettin aus.
Das hübsche Brautkleid und der Schleier mit einer langen Schleppe wurde vom Opa selbst geschneidert. Die Trauung fand in einer evangelischen Kirche statt und alle Familienangehörigen nahmen teil. Man war fröhlich und guter Dinge und hoffte, das Glück begleite die beiden Vermählten in allen Zeiten. Der Krieg war in den Momenten vergessen. Geschossen wurde woanders!
An diesem Tag begegneten sich beide Familien zum ersten Mal: die Familie der Braut aus der Stadt und die Familie des Bräutigams vom Lande. An Gegensätzen kaum zu überbieten.
Die eine stammte aus der ländlichen niederschlesischen Idylle mit kleinen Gebirgsketten sowie Bächen und Flüssen, in denen es Fische zum Angeln gab, die danach zu leckeren Gerichten verarbeitet wurden. Viel Obst hing an den Bäumen und genug Vieh stand in den Ställen. Das Leben spielte sich in der Natur ab. Die Kinder tollten am Bach neben dem Familienbesitz herum und in den stets schneereichen Wintern schnallten sie sich sogar selbst gebaute Skier unter die Füße und fuhren die Hänge hinab.
Demgegenüber war Claire, die Braut, ein Kind der Großstadt in damaliger Zeit. Claire mit ihren beiden Schwestern bewegten sich als Stadtkinder in ihrer Umgebung und kannten weniger natürliche Freiheit. Sonntags spazierten die Eltern mit ihren Töchtern auf der wundervoll angelegten, sogenannten Hakenterrasse. Ihr Name stammte vom Bauherrn Hermann Haken. Die gesamte Anlage ist aus Sandsteinblöcken gemauert. Rechts und links der Treppenaufgänge befinden sich die als Lampenträger stilisierten Leuchttürme und oben zwei große Pavillons als Flankenbegrenzung. Unten steht eine Plattform mit der Springbrunnengrotte darunter. Der Spaziergang wurde immer von gemütlichem Kaffeetrinken unterbrochen. Von den Lokalitäten konnten die im Hafen liegenden oder auslaufenden Schiffe betrachtet werden, was den Kindern Spaß machte.
Kriegszeit, familiäre Belastungen und Schwangerschaft
Die Kriegsereignisse nahmen die parteilos gebliebenen Jungvermählten in ihre Dienste. Er wurde Soldat und sie Stabshelferin. Die jeweiligen Tätigkeiten sorgten für häufige räumliche Trennungen. Edwin war zunächst in Niederschlesien stationiert und Claire als Stabshelferin in verschiedenen Orten nahe Stettin tätig. Es war 1942 und für die Bevölkerung sah es aus, als wäre alles gut. Die Familie in Stettin war noch im Ort und Edwins Mutter konnte ihr Gasthaus in Schlesien weiterhin betreiben.
Durch die Kriegsdienste konnte sich das junge Ehepaar jedoch immer nur kurzfristig treffen. 1943 wurde Claire schwanger. Sie war inzwischen nach Peenemünde versetzt worden – einem gemütlichen Städtchen an einer Ostseemündung im Oderhaff. Der Fluss Peene prägte diese traumhafte Naturlandschaft. So ahnte niemand der jungen Leute, was in der sogenannten Heeresversuchsanstalt Peenemünde eigentlich stattfand.
Sie waren einberufen worden und verrichteten irgendwelche Tätigkeiten: die Frauen Schreibarbeiten und – eingeteilt in Gruppen – vielfältige Zugehdienste für die Soldaten. Es gab große Küchen für alle, in denen auch einige arbeiteten. Die jungen Frauen wohnten in verschiedenen Häusern, getrennt von den Wohnblöcken der Soldaten. Die Stabshelferinnen waren zum Teil in Holzbaracken im Wald untergebracht. Ein anderer Teil wohnte in einem Hochhaus an der Ostseemündung. Die Freizeit wurde mit Sport oder fröhlichen Veranstaltungen ausgefüllt. Niemand bekam mit, was wirklich dort vor sich ging, denn nur Eingeweihten war bekannt, wo das Kriegsmaterial hergestellt und gelagert wurde. Auch die Einheimischen bekamen nicht mit, dass dort Versuche stattfanden oder Waffen eingelagert wurden. So dachte niemand daran, dass Bomben ausgerechnet in Peenemünde abgeworfen werden, obwohl Küstenorte als beliebte Kriegsziele galten. Das hier oft hergestellte Kriegsmaterial konnte schnell und einfach auf Frachtschiffe verladen und über den Seeweg zu den Orten gebracht werden, an denen man sie benötigte.
Passagierschiffe im Krieg hatten verschiedene Einsätze. So war beispielsweise die Wilhelm Gustloff ein großartiges Schiff mit vielen Annehmlichkeiten der damaligen Zeit. Das junge Ehepaar Claire und Edwin unternahm auf der Wilhelm Gustloff nach ihrer Hochzeit eine kleine Fahrt. Es gehörte zu ihren schönen Erinnerungen. Als die Gustloff durch einen Beschuss mit Tausenden Menschen an Bord versenkt wurde, trauerten die Eltern der Wilhelm Gustloff nach. Der Untergang war eine große Katastrophe.
Es war der 17. August 1943 und gegen Mittag, als plötzlich die Sirenen heulten. Gellend, kreischend, lauter und immer unerträglicher werdend, erfüllte ein unbeschreiblicher Lärm die sonst so stille Luft in dieser herrlichen Landschaft. Die Tiefflieger kamen wie Pfeile angeschnellt, um ihre an Bord geladenen Bomben abzuwerfen. Quälende Gedanken, dass es hoffentlich bald vorbei ist. Minuten wurden zu Stunden. Erbarmungslos heulte und knallte es. Alle rannten umher, um Unterschlupf zu finden.
Als das Hochhaus getroffen wurde, in dem viele junge Frauen wohnten, kamen zu dem Lärm des Fliegerangriffs noch die Schreie der Frauen dazu. Die mit Phosphor gefüllten Brandbomben ließen sich nicht löschen und daher warfen sich die schreienden Frauen ins Meer, um ihre feurigen Körper zu löschen. Sie kreischten und schrien, aber das Wasser half nichts. Sie fackelten wie lebendige Kerzen unter grausamen Schmerzen ab und verkohlten bei lebendigem Leibe.
Auch die junge, schwangere Claire rannte – so schnell sie konnte – mit den anderen Frauen ins Wirtschaftsgebäude, welches bisher verschont geblieben war. Sie kauerte sich mit den anderen Frauen aneinander, schlotternd versuchten sie, einander Halt zu geben. Claire war am meisten mitgenommen. Ihre Freundinnen mussten sie eine ganze Weile festhalten, bis sich ihr Körper beruhigt hatte. Das Geschehen lief ab wie in einem Zeitraffer der Unendlichkeit, so beschrieb sie es später. Wie alle feststellten, hatte der Angriff nur kurz gedauert, denn es war immer noch um die Mittagszeit.
Zurück ließ er den Himmel – neblig, grau und verhangen – einen Geruch – penetrant, scheußlich – und traumatisierte, angsterfüllte junge Menschen. Auch Claire konnte das niemals vergessen. Die durchlebten Gefühle begleiteten fortan ihr weiteres Dasein.
Die werdende Mutter war von dem Geschehen so erschüttert, dass sie nicht mehr in Peenemünde bleiben wollte. Aufgrund der Schwangerschaft konnte sie einen Versetzungsantrag in die Nähe ihres in Schlesien stationierten Ehemannes stellen, der umgehend genehmigt wurde. Kinder waren zu dieser Zeit sehr erwünscht.
Sie reiste sofort zu ihrer Schwiegermutter nach Bernstadt in Schlesien, die dort als gelernte Köchin die Gaststätte Schützenhaus betrieb. Das Schützenhaus war ein großes altes Gebäude mit dicken Mauern, hinter denen es mächtig kalt war. Die Septembertage waren schon ziemlich kühl geworden und die junge, schwangere Frau fror in dem Haus sehr. Mit ihrem Ehemann stand sie dank der gut funktionierende Feldpost in Verbindung. So wusste Claire auch, dass ihr Mann nicht sehr weit entfernt, im Ort Rogau-Rosenau, bei der Fliegereinheit stationiert war. Edwin bildete dort andere Soldaten aus.
Eine Weile die Kälte bei der Schwiegermutter hingenommen, entschloss sie sich, ihren Mann, den künftigen Vater, aufzusuchen, der sich sehr über ihr Kommen freute. Er suchte und fand sofort ein Zimmer in einem Hotel.
„Da bekam ich ein wunderschönes Zimmer“, erzählte sie später, „und alle waren sehr freundlich“.
Das war eine gute Ankunft in Zobten am Berge, wie der Ort hieß.
Die Zeit der Schwangerschaft ging voran und der Körper kam in Form. In dem Hotel konnte sie auf Dauer nicht bleiben und mit einem bald ankommenden Kind überhaupt nicht. Also machte sie sich auf die Suche nach einem Zimmer zur Untermiete. Schnell fand sie ein sehr schönes Quartier bei einer Frau Schmidt in der Bergstraße.
Das Anwesen von Frau Schmidt war so gebaut, dass die Vorderfront mit zwei Fenstern versehen war. Statt einer Türe ins Haus gab es einen kleinen Torbogen, durch den man in einen Innenhof kam, in dem wunderschöne Blumen und kleine Bäume angepflanzt waren. An den Wänden rankte wilder Wein mit seiner lebendig-dunkelroten Farbe. Für eine werdende Mutter eine Oase der Ruhe – mitten im Krieg, den es hier nicht gab.
Es kam ein sehr kalter Winter 1944. Doch in ihrem Zimmer war es warm und gemütlich. Der kleine Ofen verbrannte die Kohlen sehr gut und erzeugte eine wohlige Wärme.
Claire hatte zwar einen schlesischen Mann geheiratet, aber sie wusste von der Heimat ihres Mannes noch gar nichts.
Zobten am Berge war hübsch und von kleinen Hügeln umgeben. Größere Häuser wie in Stettin gab es dort nicht, auch keine Busse und Straßenbahnen. Edwin schilderte, dass die Menschen in Schlesien sich untereinander schon Glaubenskämpfe vor dem Krieg geliefert hatten. Die schlesischen Gebiete waren zumeist von katholischen Gläubigen besiedelt, den evangelischen Glauben, dem meine Mutter angehörte, kannte man kaum. Die evangelischen und die katholischen Leute durften nicht miteinander sprechen. Die beiden Pastoren beschimpften sich wegen der Glaubenszugehörigkeit. Sie forderten die Leute sogar mal auf, sich gegeneinander aufzulehnen. Das uferte aus und die Leute gingen mit Stöcken aufeinander los. Das Volk wurde vom Virus des Kleinkrieges infiziert und kämpfte einen sinnlosen Kampf. Alle waren sich irgendwie fremd und vermuteten hinter jedem anderen etwas Schlechtes. So war kein vernünftiges Miteinander möglich. Ein geheimnisumwittertes, gespanntes Verhältnis hatte sich unter den Menschen breitgemacht. Der Fleischer grüßte den Bäcker von nebenan nicht mehr, obwohl sie jahrelang befreundet waren – nun trennten sie die Parteibücher. Es tobte selbst in der Zeit des Zweiten Weltkrieges auch noch ein zwischenmenschlicher Kleinkrieg.
In diesem Klima des Miteinanders hatte die Mutter Meta versucht, das Gasthaus, das ihr als Witwe ihres verstorbenen Mannes gehörte, zu führen. Das war ein Speiselokal mit etlichen Stammgästen, denn sie liebte ihren Beruf als Köchin sehr.
Von diesen Geschehnissen wusste die werdende Mutter Claire gar nichts. Ihr Leben in der Großstadt war schon damals angenehmer.
Die Geburt der Zwillinge und das Trauma des Todes
Es war der 25. Februar 1944, als die Geburt bei der jungen Frau begann.
In dem kleinen Ort Zobten gab es nur ein kleines Krankenhaus, das die werdenden Eltern eilig aufsuchten. Allerdings war nur eine Hebamme im Krankenhaus und der Arzt selbst erkrankt. Dieses Krankenhaus war erzkatholisch und diese Menschen waren es gewöhnt, den evangelischen Glauben und seine Menschen abzulehnen oder zu bekämpfen. So geriet die junge Frau in dem katholischen Krankenhaus zwischen die Fronten menschlicher Zwietracht und Intoleranz. Die Nonnen sprachen kaum mit ihr und überließen sie mehr sich selbst.
Die Geburt verlief über viele Stunden. Es war in der Nacht gegen 3 Uhr, als das Mädchen das Licht der Welt erblickte. Mit seinen 6 Pfund sah es recht kräftig aus und krähte fröhlich in die neue Umgebung. Die Eltern gaben ihr den Namen Barbara und waren sehr glücklich und stolz. Die Mutter hatte jedoch weiterhin sehr starke Schmerzen. Man muss dazu sagen, dass es in Kriegszeiten damals keine medizinische Vorsorge gab und die Menschen mit den damit verbundenen Überraschungen fertig zu werden hatten. Als die Hebamme noch mal nachfühlte, lächelte sie und sagte:
„Ich traue meinen Augen kaum, da ist ja noch ein Köpfchen … Es kommt also ein zweites!“
Es war bereits in den Morgenstunden, als ein weiteres Mädchen in dieses Leben hineingepresst wurde! Die Eltern gaben ihr den Namen Sieglinde. So waren Barbara und Sieglinde auf der Welt – schöne und gesunde Mädchen. Die Eltern freuten sich und glaubten, ihr Glück sei vollkommen. Sie ahnten nicht, dass die beiden Mädchen den Hauch des Todes mitgebracht hatten ...
Die Zwillinge wurden in kleine Bettchen gelegt und konnten sich – genauso wie ihre Mutter – nach der anstrengenden Geburt erst mal ausschlafen.
Frau Badusche, Claires Nachbarin, erzählte im ganzen Ort, dass so schöne Zwillinge geboren wurden. So kamen die Leute ins Krankenhaus, um die Babys zu besichtigen und etwas Freude in diesen finsteren Kriegszeiten einzufangen. Die Kälte des Februars 1944 wurde von den Besuchern in den dicken Mänteln nicht gespürt! Es gab noch keine verschlossenen Glashäuser, in denen die Babys geschützt vor Wind und Wetter ihre ersten Tage erleben konnten, und auch die Heizung des Krankenhauses gab nicht viel her. So herrschte Durchzug und niemand beachtete das. Außerdem waren weder Fenster noch Türen dicht, sodass die Kälte im Krankenhaus den beiden sehr zu schaffen machte. Das Hin und Her der vielen Menschen an den Bettchen, die Kälte, die sie von draußen mitbrachten – all das machte die Mutter und die Kinder krank. Die Mutter, die die beste Versorgung an der Brust für ihre Kinder übernehmen wollte, konnte das nicht. Sie bekam eine Grippe und hohes Fieber. Man reichte ihr keine Medikamente, sondern überließ sie dem Krankheitsfortgang. Das Personal der Abteilung – verirrt in der Vorstellung, evangelische Familien seien wertloser als katholische – machte sich rar in der Pflege. Es gab nur das Nötigste, jedoch keine freundliche Zuwendung.
In diesen Zeiten wurde mit Wasser verdünnte Milch den Babys gereicht, deren Mütter nicht stillen konnten. Das gab natürlich Verdauungsstörungen. So vertrugen auch die beiden kleinen Mädchen, Barbara und Sieglinde, die künstliche Ernährung nicht so recht. Hinzukommend hatten sie sich erkältet, vielleicht auch bei der Mutter angesteckt.
Der junge Arzt, der ansonsten den Dienst im Krankenhaus versehen hatte, war selber erkrankt. Ein alter, längst pensionierter Arzt erklärte, dass er sich damit nicht auskennt. So signalisierte er, dass er damit nichts zu tun haben will. Aus diesem Grund entließ man nach wenigen Tagen die an Fieber erkrankte Mutter mit den kranken Zwillingen aus dem Krankenhaus.
Die kleine Wohnung war wenigstens gemütlich. Dennoch war auch hier kaum ausreichende Wärme zu erzielen, da der Winter 1944 seine Temperaturen um die 20 Grad Minus hergab. Die Öfen waren klein und nicht ausgerüstet, so viel Heizmaterial aufzunehmen. Nichtsdestotrotz hofften die jungen Eltern, dass sie den Kindern dort helfen konnten, gesund zu werden.
Glücklicherweise war trotz der schlimmen Kriegszeit noch die Telegrafie möglich. So konnte man Claires Mutter, die Oma der Zwillinge, eilig aus Stettin herbeirufen. Der Opa war bei der Bahn als Wagenmeister tätig, daher konnte die Reise von Stettin nach Zobten am Berge in Schlesien sofort arrangiert werden.
Die Oma war selbst Mutter von drei Töchtern. Doch das Leben in der Stadt war einfacher als in dem abgelegenen Dorf Zobten. Einen Arzt gab es ebenso wenig wie Medikamente für die an Fieber erkrankte Kindbettmutter. Diese schleppte sich elend und schlapp dahin und konnte vor Schwäche kaum das Bett verlassen. Die Oma kochte für ihre beiden süßen Enkelmädchen Tee und flößte ihnen diesen schlückchweise ein. Das sollte den Durchfall und das Erbrechen lindern, jedoch half er nicht, die Infektion einzudämmen. Die Kinder hatten gleichzeitig Hunger und Schmerzen und erbrachen sich. Sie schrien markerschütternd. Die Oma, die bis zu diesem Krieg schon ein schwieriges eigenes Leben gehabt und jahrelang ihre eigene, schwer erkrankte Mutter versorgt hatte, erlebte erschüttert ihre Ohnmacht, denn sie konnte ihrer Tochter und den leidenden Babys nicht helfen. Fassungslos stellten alle fest, dass keine Überlebensmöglichkeit besteht.
Der Vater, Edwin, wollte mit seinen kranken Babys gern in die größere Stadt Breslau fahren, um zu einem helfenden Arzt zu gehen, und fragte seinen Kompaniechef. Der lehnte jedoch mit dem Argument ab, dass es Fahnenflucht sei, wenn sich ein Soldat ein paar Kilometer von der Einheit entfernt. Und für Fahnenflucht gab es schwere Strafen bis hin zu Tod durch Erschießen. Vor dieser Strafe hatte Edwin wiederum Angst, weil er es bei Kameraden schon erlebt hatte – also gab es kein Entrinnen.
Oma Elsa war eine sehr gläubige evangelische Frau mit großer Liebe zu Gott, also taufte sie selbst die beiden todgeweihten Kinder auf ihre Namen Barbara und Sieglinde. Sie verzweifelte schier an den Umständen, hielt sich jedoch tapfer aufrecht, um das Nötige zu tun. Sie trug zusammen mit Edwin die sterbenden Kinder auf den Armen. Die Kindsmutter kämpfte um ihr eigenes Leben, sodass sie nichts tun konnte. Nicht nur die äußere Kälte ließ frieren, sondern auch die innere Kälte. Die Herzen erstarrten bei diesem Anblick von Leiden, Elend und Ohnmacht. Sie erlebten, wie zwei Kinder verhungerten. Es gab nichts Tröstendes, nichts, woran man Hoffnung festmachen konnte – Lähmung hatte sich unter diesen wenigen Menschen ausgebreitet.
Der Tod nahm zuerst das zweitgeborene Baby, Sieglinde. Sie lag im Arm des Vaters, als ihr Herz aufhörte zu schlagen.
Erschütterung in den Herzen. Stille und Fassungslosigkeit.
Ein kleiner weißer Sarg wurde bestellt, in den das Baby hineingelegt und zugedeckt wurde. Die Mutter der Kinder, immer noch vom Fieber geschüttelt, konnte gar nicht das Bett verlassen, um zur Beerdigung zu gehen. Der Pastor versuchte in seiner Trauerrede, die göttliche Vorsehung aufzuzeigen. Danach wurde der Sarg unter einem Baum in Zobten am Berge in die Erde versenkt.
Niemand konnte jedoch die Decke, die sich über die Erstarrten gelegt hatte, abnehmen. Es gab in jenen Kriegszeiten keine Gespräche, keine Nähe oder Zärtlichkeit, sondern nur Aufregung und Unruhe und den Kampf ums eigene Überleben, dem niemand entrinnen konnte.
Einige Tage später schloss auch das erstgeborene Mädchen, Barbara, für immer die Augen, um der Schwester zu folgen. Sie starb in Omas Armen und wurde auch in einen kleinen weißen Sarg gelegt. Als sie zu Grabe getragen wurde, schleppte sich die Mutter mit zum Friedhof. Sie wollte die Stelle sehen, an der ihre Kinder in die kalte Erde gelegt wurden. Zu ihrer eigenen Erkrankung kam die Erschütterung über das Erlebte. Das Geschehen war für sie unerträglich und es dauerte einige Zeit, bis ihr Körper die Kraft zur Gesundung fand und sie wieder in den Dienst treten konnte.
Erneute Schwangerschaft und Kriegsende
Man versetzte Claire, die eine gelernte Bürokauffrau war, in das Büro eines Kinderheims. Das Kinderheim war in Zobten und schnell für sie zu erreichen. Doch diesen Dienst versah sie nicht allzu lange, denn im Januar 1945 wurde das Kinderheim von Zobten nach Bad Kudowa verlegt. In diesem dauernden Wechsel bekam die junge Frau Heimweh und das unbändige
Verlangen, zu ihrer Mutter und den Schwestern nach Stettin zu fahren. Sie wollte nur noch nach Hause.
Claire, die den Geruch des Todes noch um sich hatte, war erneut schwanger. Sie war schwanger mit mir, die diese Zeilen schreibt. Überwältigt von Heimweg und den Geschehnissen, setzte sie sich in den Zug in Richtung Stettin, ihrem schönen Zuhause. Sie kam aber nur noch bis Berlin, denn weiter fuhren keine Züge mehr.
Da stand sie nun allein, ohne alles, und fragte sich, was nun wohl werden solle? Sie hatte Angst, Angst vor der Zukunft, sie kannte niemanden, auch keinen Arzt, und wusste nicht wohin mit sich und dem Kind in ihrem Bauch. Bedrückende Gedanken durchzogen sie, auch dass ihr das heranwachsende Kind wieder genommen werden könnte. Viel Zeit zum Denken blieb ihr allerdings nicht. Es musste vorangehen. Die Angst wurde abgehakt und ein neues Ziel gesucht.
Aus ihrer Verzweiflung heraus fuhr sie nach Köthen, wo ihr Mann stationiert war. Das Lager Köthen war gerade im Begriff, aufgelöst und nach Österreich verlegt zu werden. Etliche Soldaten waren schon umgesiedelt und hatten ihre Frauen mitnehmen dürfen. Als Claire ihrem Mann die Lage schilderte, fragte er den Lagerkommandanten, ob er seine Frau auch mitnehmen könne. Das wurde ihm jedoch verneint, denn eine schwangere Frau war nicht schnell und problemlos transportfähig.
Was sollte nun geschehen? Diese Zeit war geprägt von Angst und Panik ums nackte Überleben.
Nun schaltete sich ein Kamerad von Edwin – Hermann Ebmann – ein. Er sagte:
„Fahr zu meiner Frau Martha nach Werste. Dort ist kein Krieg. Dort wirst du unterkommen können“.
Da schon März 1945 war und das Kind im August geboren werden sollte, war die Zeit zum Zaudern und weiterem Suchen nach einer Bleibe ohnehin begrenzt. Während Claires Mann mit seinem Einsatzkommando nach Österreich abrückte, stieg die schwangere Frau in die Eisenbahn und fuhr in Richtung Minden. Nach Minden kam Bad Oeynhausen, wo Familie Ebmann wohnte. Als der Zug fünfzehn Kilometer vor Bad Oeynhausen angekommen war, ging es plötzlich nicht mehr weiter. Die Brücke über die Weser war gesprengt worden.
Wieder stand diese schwangere Frau völlig verdutzt ganz allein vor der Tatsache, dass es nicht mehr weiterging. Da sie noch nie in dieser Gegend war, wusste sie nun gar nicht, in welche Richtung sie nach Bad Oeynhausen musste. Was nun?
Da kam erneut etwas Unerwartetes zu Hilfe. Plötzlich riefen die Leute:
„Ein Milchwagen kommt. Der fährt nach Bad Oeynhausen und nimmt einige Leute mit.“
Da Claire schwanger war, durfte sie bis zum Bahnhof in Bad Oeynhausen mitfahren. Von dort aus konnte sie die Schwägerin von Frau Ebmann, Lisa Halstenbach, anrufen, die sie dann mit dem Fahrrad abholte.
Nun lagen die Schrecken, heimatlos zu sein, endlich hinter dieser jungen Frau, die viel Schreckliches und Verluste erlebt hatte. Nun, in eine fremde Gegend gekommen, würde sie die Natur mit neuem Leben erfüllen.
Das werdende Leben sollte das Licht der Welt im August erblicken. Ein Leben, das buchstäblich in und aus den Trümmern entstanden und dazu bestimmt war, ein neues und friedlicheres Zeitalter zu gestalten.
Der Krieg war am 8. Mai 1945 zu Ende.
Auch am Ende war die Hoffnung so vieler Menschen, die wie meine Eltern ihre Heimat hinter sich gelassen hatten, diese jemals wieder betreten zu dürfen. Daran, Hab und Gut wiederzubekommen, verschwendete niemand Gedanken. Verloren waren harmonische Träume, das schöne Leben, die Gemeinsamkeiten, der Austausch der Erlebnisse, die Fröhlichkeit des Plauderns, der Vergnügungen, ja, die familiäre Geborgenheit. Das waren verlorene Gefühle – erfroren und erstarrt. Sie waren einfach nicht mehr vorhanden. All das war mit einer dicken Mauer umringt. Eine Decke des Schweigens verhüllte die Vergangenheit.
Gezeigt wurden ehemals Einsatz, Leistungsdenken, Handeln, Tun und Aufbauen. Gefühle, die vor dem Krieg erlebt und gelebt wurden, die menschliche Beziehungen geknüpft hatten, wurden mit jedem Bombenangriff in Angst verwandelt. Sie wichen mit dem Anblick des Sterbens und der dauernden Flucht aus den Menschen. Unsicherheit und Angst setzte sich tief und fest in die Menschen. Es gab keine Antworten auf die Frage Warum.
Frau Halstenbach freute sich, dass sie der jungen Frau helfen konnte, und wies ihr einen kleinen Raum in ihrem Hause zu. Hermann, der Kriegskamerad von Edwin, und seine Frau Martha lebten direkt daneben. Aber sie hatten weniger Platz als Frau Halstenbach, die Schwägerin. Im Haus lebte noch die Oma Halstenbach.
Diese Menschen, die der Krieg verschont gelassen hatte, standen der werdenden Mutter sehr freundlich gegenüber. Claire half im Haushalt, so wie sie es konnte. Diese Menschen schenkten ihr einen Lebensraum. Claire lebte sich in dieser fremden Umgebung des kleinen Ortes Werste ein. Sie atmete beständig diese fremde Luft ein. Das bedeutete ihr Leben. Alle gingen sehr freundlich mit ihr um. Dennoch war sie von dem, was sie durchleben musste, sehr verängstigt, verletzt, entwürdigt. Sie verschloss sich. Die Bilder der Vergangenheit waren nicht greifbar. Es war nichts da, was ihr vertraut war, woran sie selbst festhalten konnte. Diese fremde neue Welt war nicht ihre Welt. Heimat war etwas, wo sie sich ehemals sicher und geborgen gefühlt hatte. In dieser fremden neuen Welt kam sie sich wie ein Eindringling vor. Grundsätzlich war es so. Die Fremden waren von drüben gekommen. Niemand kannte das Drüben. So konnten in dem unverdauten Durcheinander keine wärmenden Gefühle entstehen. Claire blieb reserviert, kühl und zurückhaltend. In innerer Abwehr vor dem, was noch Schlimmes passieren kann, lebte sie fortan. Das änderte sich auch durch die Geburt ihrer dritten Tochter nicht.
So trafen verschiedene Frauen aufeinander, die angespannt einander fast belauerten. Die heimischen Frauen waren an bestimmte Rhythmen gewöhnt, die sie beibehalten konnten. Sie hatten Haus und Hof behalten und lebten mit ihren Kindern und ihren Familien in einem solchen Rahmen, der immer Bestand gehabt hatte.
Sie mussten diese fremde Frau bei sich aufnehmen, die ankam von ... ja woher denn überhaupt? Sie war auch noch schwanger, stammte aus dem Nichts der Trümmer, ohne Hab und Gut und überhaupt irgendetwas! Erstaunlich, dass sie die deutsche Sprache perfekt beherrschte. Die Menschen vermuteten die Flüchtlinge, die schweres hinter sich hatten, aus fernen, unbekannten Landen, ohne technischen Fortschritt, nicht aber aus dem heimatlichen Deutschland.
Es war April 1945 und Osterzeit. Am Mittag des Karfreitags heulten die Sirenen. Bedrohlich und drückend wurde die Luft.
Da es in Bad Oeynhausen auch ein großes Munitionslager, Die Weserhütte, gab, war dies natürlich ein bevorzugtes Ziel der Tiefflieger, die Bomben abwarfen.
Alles wurde in dunklen Nebel verhüllt. Der furchtbare Lärm lähmte die angsterfüllten Menschen. Die werdende Mutter und die Familien, bei denen sie wohnte, besaßen keinen Bunker. Also mussten sie – lange stumm sitzend – im Haus verharren, bis der Angriff vorüber war. Sie brauchten eine Weile, bis sie wieder an ihr Tagwerk gehen konnten, denn der Schrecken saß tief.
Die Zeit, die dann kam, veränderte Bad Oeynhausen und das Leben der Bewohner. Der Ort wurde besetzt. Erst zogen die Amerikaner ein, danach kamen die Engländer hinzu. Die Menschen mit den fremden Sprachen zogen überall um den kleinen Ort und die umliegenden Dörfer dicke runde Rollen Stacheldraht. Da konnte niemand, der an den Stacheldraht kam, mehr weitergehen. In jenen Tagen hieß es:
„Die Amerikaner kommen. Sie besehen sich die Häuser, um zu sehen, wo sie etwas besetzen können, um dort zu wohnen.“
Die Bewohner der betroffenen Häuser wurden ausgewiesen und mussten dann irgendwo anders unterkommen. Die Menschen waren niedergeschlagen aufgrund dieser Maßnahmen. Sie zogen gewöhnlich zu anderen Familienangehörigen, die noch Platz im Haus hatten.
Als in das Haus von Familie Halstenbach die Amerikaner kamen zur Besichtigung, blieben alle in einem Raum versammelt: Familie Halstenbach, Familie Ebmann, die Oma und Frau Blase mit ihren drei Kindern, die auch dort untergekommen war, sowie die schwangere Claire. Das Haus, in dem sie alle wohnten, war etwas renoviert und umgebaut worden. Dadurch lag vor dem Haus ein hoher Schuttberg. Die Amerikaner dachten möglicherweise, dass da etwas zertrümmert worden war und der Schutt daher stammte. Sie gingen an dem Haus vorbei, sodass Claire dort zunächst weiterhin wohnen konnte. Sie hatte sich recht gut eingelebt und genoss die Ruhe und den Alltag.
Zu jener Zeit waren Hebammen für die Geburt des Babys zu Hause zuständig. Da die Tochter der Halstenbachs erst ein Jahr alt war, konnten sie der werdenden Mutter eine Hebamme empfehlen. Die Hebamme hieß Frau Burre. Sie war so, wie man sich eine Hebamme vorstellte: liebevoll, gemütlich, gut aufgelegt, verschmitzt und dicklich. Sie sprach der Ernährung anscheinend gut zu. Frau Halstenbach brachte die beiden Frauen zusammen, die sich auf Anhieb mochten. Das war eine gute Voraussetzung für eine positiv verlaufende Geburt.
Die Männer kamen erst im Juni 1945 aus dem Krieg zurück, Anfang Juni zuerst Herr Ebmann und am 12. Juni endlich Claires Mann Edwin. Er war in französischer Gefangenschaft gewesen. Die Freude aller war riesengroß über das gesunde Wiedersehen. Da Edwin vor dem Krieg schon bei der Filmgesellschaft Ufa gearbeitet und im Krieg an bestimmten Orten als Conférencier gearbeitet hatte, bekam er sofort in dem 15 Kilometer entfernten Ort Vlotho wieder eine Anstellung bei der Ufa.
Die Wohnung bei Halstenbachs war nun zu klein für das Ehepaar. Es wurde eilig eine Wohnung gesucht, leider gab es zu dieser Zeit keine, da Bad Oeynhausen besetzt war. Die Oeynhauser Bürger waren schon überall ausquartiert worden und mit anderen Familien zusammengezogen. Die Familien, bei denen meine Eltern untergekommen waren, nahmen Kontakt zu ihren Verwandten auf, um das Wohnungsproblem meiner Eltern zu lösen. So fand sich eine in der Nähe wohnende Tante, eine alte Dame mit dem Namen Poppensieker, die einen Raum für die zukünftige kleine Familie freimachen konnte. Sie wohnte in einer netten Gegend mit kleinen Häusern und sehr gepflegten Vorgärten in der Straße mit dem Namen Fürstenwinkel. Das große Zimmer, das meine Eltern beziehen durften, lag im ersten Obergeschoss und war über eine schon durchgetretene Holztreppe zu erreichen. Der dunkelrote Anstrich der Stufen war abgetreten und das weiße Geländer abgegriffen. Trotzdem waren sie sehr froh, dort untergekommen zu sein.
Edwin und Claire bekamen die rechte Seite. Der Raum, in den man hineinkam, glich einem langen Schlauch. Wenn jemand an einer Seite einen Laut von sich gab, kam vom anderen Ende das Echo. Der Raum war nicht unterteilt, sondern zwei Meter und fünfzig Centimeter breit und sechs Meter lang. Die Möbel konnte das junge Ehepaar auf Bezugsscheine kaufen. Sie erwarben einen schönen Kleiderschrank, eine Schlafcouch zum Ausziehen, einen Tisch, Stühle und zwei Sessel. Das sah recht wohnlich aus. Ein Herd stand auf der Seite neben der Türe, die zum Flur hinausführte. Das Kinderbett stand auf der anderen Seite.
Der August 1945 ging ins Land, aber ich war zum errechneten Termin noch nicht geboren. Ich wollte wohl noch nicht raus aus dem schützenden und warmen Mutterleib, so ließ ich noch eine Weile auf mich warten.
Meine Geburt
Am 1. September des Jahres 1945 war es dann endlich soweit: Die Wehen hatten eingesetzt.
Frau Burre, die Hebamme, hatte die ganze Zeit warmes Wasser auf dem Ofen gewärmt und den Mutterbauch mit dem schönen warmen Wasser übergossen. Sie wollte mir wohl die neue Welt schmackhaft machen. Sie sollte nicht so erschütternd sein wie der vergangene Krieg. Frau Burre hatte begriffen, worum es bei Menschen geht: Wärme und angenehmes Streicheln. Wahrscheinlich löste sie damit bereits damals schon meine Liebe zum Saunieren und dem Baden im warmen Wasser aus.
Ich wurde am frühen Morgen, um 9:10 Uhr, in die neue Umgebung geschubst. Verschmiert und schreiend begrüßte ich diese Welt und brachte mich gleich voll ein. Munter blickte ich in das Geschehen, Lebendigkeit und Neugier pulsierte in meinen Adern. So kam ich als drittes Kind – wie ein Drilling – auf diese Erde.
Die junge Mutter staunte, dass ich nur ein Mädchen war. Noch dazu viel kleiner und zierlicher, als ihre vorher geborenen zwei Mädchen. Sie erwartete anscheinend wieder den Satz der Hebamme: Da kommt ja noch eins! Aber es kam kein zweites Kind. Ich war allein in diese Welt geboren worden.
Mutter war froh, alles gut überstanden zu haben.
Ich war jedoch von einer Mutter geboren worden, die den Geruch des Todes noch um sich hatte. Sie dachte sich, dass ihr dieses neue Kind alles Leid, alle ihre Verluste nehmen könnte, doch sie konnte das neue Leben nicht spüren, nicht wirklich wahrnehmen, so sehr war sie in ihrer abstrakten Vorstellungswelt gefangen.
Vater Edwin kam sofort von seiner Arbeitsstätte bei der Ufa-Filmgesellschaft in Vlotho, 15 Kilometer entfernt, mit dem Fahrrad herbeigefahren. Er stellte hocherfreut fest, dass der neue Erdenbürger gesund krähte und fröhlich ausschaute.
Mit dem Geschenk neuen Lebens beflügelt, kam Edwins Hoffnung, den Krieg zu vergessen. Er wollte das Kind erziehen, dass es – falls irgendwann wieder ein Krieg kommt – dieses Leben bestehen kann.
Meine Eltern hatten zuerst den Namen Sylvia gewählt. Ein Name, der ihnen sehr gefiel. Nun meldeten sich aber die Frauen des Dorfes Werste zu Wort. Sie hatten die schwangere Frau bei sich aufgenommen und meinten, nun mitsprechen zu können. Der Name Sylvia war ihnen fast unbekannt und sie mochten ihn deshalb nicht. So bestanden sie darauf, dass ich auf den Namen Kristel getauft werden sollte. Da die Eltern einfach nur froh waren, dass sie den Krieg hinter sich hatten und freundlich aufgenommen worden waren, stimmten sie zu und nannten mich Kristel.
Meine ersten drei Lebensjahre
Der September ging ins Land. Die Eltern merkten, dass ich – trotz mickrig von Geburt – mein Leben durchsetzte, fröhlich krähte und nicht verstarb wie die Zwillingsschwestern. So fingen meine Eltern an, das Leben in dieser neuen Umgebung zu genießen.
Herbst und Winter waren sehr angenehm, sodass Mutter in dieser schönen Umgebung, meiner Heimat, viel mit mir spazierengehen konnte. Lebensmittel gab es auf Bezugsscheine, sodass ich auch versorgt werden konnte. Nicht gerade üppig, aber ausreichend.
Ich war ein pflegeleichtes Baby. Nehmen, Wickeln, Füttern, Schlafen und das in ständiger Wiederholung. Ein lustvolles Saugen an der Mutterbrust war nicht möglich, weil diese Brust keine Milch abgab, sodass ein Saugen am künstlichen Nuckel das Bedürfnis stillen sollte. Aber ich bekam einen schönen großen Gumminuckel, an dem ich solange lustvoll saugen konnte, bis dieser in eine Brotkruste verwandelt wurde – ganz hart zum Beißen.
Meine Oma und Tante, die vor dem Krieg in Stettin gelebt hatten, waren in den kleinen Ort Beesten geflüchtet. Beesten liegt etwa 150 km von Werste entfernt. Die beiden Frauen waren von dem Bauern sehr unfreundlich empfangen und behandelt worden. Sie mussten dort auf einem Bauernhof die niedrigsten Arbeiten verrichten, um ihr Brot zu verdienen. Das war eine harte Zeit für sie, sodass sie als Abwechslung einige Male nach Bad Oeynhausen zu Besuch kamen, um mich, die neue Erdenbürgerin, zu begrüßen und ab und an zu besuchen.
Nachdem der April 1946 seine Pforten geschlossen hatte und der Mai sich zeigte, kam die andere Oma aus der Heimat zu uns in den Fürstenwinkel. Oma Meta, die Mutter meines Vaters, hatte bis zuletzt in ihrem Haus und Gasthaus in Albendorf in Schlesien gewohnt. Dann war sie von den Polen ausgewiesen worden. Durch die Feldpost war ihr bekannt gewesen, dass ihre Schwiegertochter, meine Mutter, nach Werste gefahren war. So brauchte die Oma wenigstens nicht nach ihren Kindern zu suchen oder ins Unbekannte zu reisen.
Oma Meta, Köchin von Beruf, übernahm von nun an bei ihren Kindern die häusliche Führung. Mutter und Kinder redeten sich gegenseitig in alles hinein. Ich hatte ein ziemlich ruheloses Dasein mit allerlei verschiedenen Geräuschen um mich herum.
Inmitten der lauten Gespräche lief auch das Radio. Wenn jemand davon etwas mitbekommen wollte, rief er:
„Ruhe! Ich kann nichts verstehen!“ – leider oft erfolglos!
Hinzu kam das Klappern und Klirren von Töpfen und Geschirr in der kleinen Küche. Es verbreiteten sich mächtige Küchengerüche in den beiden Zimmern. Oft wirkten die Düfte verzaubernd, denn Oma nahm so allerlei Kräuter zum Würzen. Das allein schon verbreitete Appetit. Besonders gern benutzte sie Dill, Petersilie und Borretsch. Regelmäßig gab es Sauerkraut. Später sammelten wir Pflanzen, die getrocknet wurden, um als Tee Verwendung zu finden.
Kurz: Meine Babytage wurden nie langweilig, sie waren ruhelos!
Alles spielte sich in dem lang gezogenen Raum ab. Außer Schrank, Tisch und Stühlen stand dort auch mein Kinderbett. So kam meine neugierige Natur voll auf ihre Kosten. Ich hatte deshalb auch keine Lust zum Schlafen oder Ruhen, denn ich wollte nichts verpassen. Also krähte und juchzte ich immer mit – ich reagierte auf diese Umgebung.
Der Krieg hatte in den Gefühlen der Menschen seine Spuren hinterlassen. Schlichte menschliche, einfache Gefühle waren einfach nicht vorhanden nach einem Krieg mit all den dramatischen Erlebnissen. Da es die gesamte Bevölkerung betraf und alle Aufbau betreiben mussten, ahnte niemand, dass da vieles fehlte. Auch meine Mutter hatte ihre psychischen Defizite davongetragen. So war sie viel über mein Verhalten, das Verhalten eines Kindes enttäuscht. Einerseits wurde sie sehr nachgiebig, andererseits latent wütend auf alles Mögliche und Unmögliche. Sie kontrollierte grundsätzlich alles und ordnete peinlich genau alles an. Es war ein Leben in rigiden Beschränkungen, die sich nicht nur auf das Äußerliche bezogen, sondern besonders auf die Lebensnotwendigkeiten wie Essen, Trinken, Schlafen, Waschen und Ausscheiden. Und trotzdem hielt sie die Beziehung zu mir fest umschlungen. Eine natürliche Beweglichkeit durfte ich nicht entwickeln. Ich wurde bedrückt darüber. Da es niemand interessierte, versuchte ich das, was ich so erlebte, alles mit Freude zu sehen. Die Natur, die mir an meinem Ursprung mitgegeben wurde, war fröhlich und sehr lebensbejahend.
Nichtsdestotrotz waren die Beziehungen untereinander unklar. Meine kindliche Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit fand kein Echo. Eine innere, emotionale Verunsicherung folgte, wie sich in dem späteren Scheitern zeigte. Mir gelang keine rechte Beziehung. Ich fühlte mich allein, ja isoliert. Die Ruhe für das Kleinkind war nicht gegeben.
Die Familie erwartete von mir alles. Ich musste zuhören, wenn die Kriegserlebnisse, die nicht gerade schön waren, wieder und wieder ausgebreitet und erzählt wurden. Dass es kaum eigene Kleidung gab, sondern abgetragene Sachen, für die man sich überschwänglich bedanken musste, gehörte in diese Zeit. Natürlich gab es in den ersten Kinderjahren keine Schokolade oder Süßigkeiten. Das war natürlich gut für die Figur. Wir waren alle dünn. Aus mir, dem kleinen Mädchen, strahlte jedoch Lebensfreude. So gelang es, die familiären Erwartungen zu erfüllen. Die Menschen waren immer in Bewegung, sie leisteten immer etwas. Das Reden war ein Fluss im Wechsel mit Tisch decken, essen, lachen und wieder kochen. So war alles voller Leben. Das waren die ersten Nachkriegsjahre. Alles auf engem Raum.
Die vorherigen Lebensgewohnheiten mussten verändert werden. Durch all die gravierenden Veränderungen, die zu rasch vor sich gingen, erlebten die Menschen große Widerstände. Diese wirkten sich wiederum auf das Zusammenleben stark aus. Als Kind passte ich nicht so recht in diese Umbruchzeiten. Ich hätte ruhigere Bedingungen gebraucht, um mich schadloser entwickeln zu können. Die Folgen des Krieges waren Einschränkungen in alle Richtungen. Alles war geheimnisvoll und verschwiegen, irgendwie eine unwirkliche Wirklichkeit. Eine nicht zu beschreibende Stimmung hing wie Wolken über dem gesamten Dasein.
Meine Erziehung wurde irgendwie von allen übernommen. Ich war sehr lebendig. Damit ich nicht aus dem Bett fiel, wurde ich festgebunden. Nachts konnte ich dann schlafen. So wuchs ich heran zu einem sehr lebhaften, aber strahlenden Kind.
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