Kitabı oku: «Satzfetzen»

Yazı tipi:

Isabel Morf

Satzfetzen

Kriminalroman


Zum Buch

ZÜRCHER AFFÄREN Die Kantonsrätin Angela Legler, Vertreterin der Mitte-Partei CVP, ist eine umstrittene Politikerin. Bei den Linken macht sie sich beliebt, indem sie ein Fahrradwegkonzept für den Kanton ausarbeiten lässt. Doch sie lässt sich von einem bürgerlichen Gewerbevertreter bestechen. Durch eine Verwechslung von zwei Mappen landen die 7.000 Franken Bestechungsgeld aber bei Lina Kováts, die als Protokollführerin für den Kantonsrat arbeitet. Sie schließt das Geld in ihrer Pultschublade ein. Auf dem Heimweg wird ihr ihre Handtasche entrissen. Am nächsten Tag ist die Pultschublade aufgebrochen, das Geld ist weg. Lina sagt bei der Polizei aus, doch Angela Legler streitet alles ab. Am Tag darauf wird Angela Legler erstochen aufgefunden. Hat der Mord ein politisches Motiv? Oder ist es die Tat eines betrogenen Ehemannes? Schließlich hatte die verheiratete Kantonsrätin eine Affäre mit einem Mitarbeiter …

Isabel Morf wurde in Graubünden geboren und wuchs im Kanton Glarus und im Mittelland auf. Seit vielen Jahren lebt sie in Zürich, mit Ausnahme eines Jahres, das sie während ihres Studiums der Germanistik in Wien verbrachte, wo ihr Lieblingskaffeehaus das »Jelinek« war. Einige Jahre schrieb sie als freie Journalistin über Gesellschaftsthemen, unter anderem – und mit besonderem Interesse – Berichte über Gerichtsprozesse am Obergericht Zürich, was sich im Nachhinein als nützliche Weiterbildung erweist. Später arbeitete sie in Teilzeit als Parlamentsredaktorin für das eidgenössische Parlament in Bern. Das ließ ihr Zeit, sich allerhand Kriminelles auszudenken, das sie dann aber nicht in die Tat umsetzte, sondern lediglich niederschrieb. Heute lebt und schreibt sie in Zürich und an der Ostküste von Schottland. www.isabelmorf.ch

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Neuausgabe 2021

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Alfred Tschui / Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-3630-7

Samstag

Als Valerie Gut einen gebräunten Toast aus dem Toaster fischte, kam ihr plötzlich in den Sinn, was sie geträumt hatte. Merkwürdig, dachte sie irritiert, bestrich das Brot mit Butter und Orangenkonfitüre und hatte den Traum gleich wieder vergessen. Erst in zwei Wochen sollte sie sich wieder daran erinnern. Sie nahm einen Schluck Kaffee, schwarz und süß. Samstagmorgen und sie hatte frei. Ein seltener Luxus für sie, denn normalerweise stand sie samstags in ihrem Fahrradgeschäft FahrGut. Aber jetzt, im November, lief wenig im Laden.

»Willst du auch noch einen?« Sie hielt Beat, der ihr gegenübersaß, einen warmen Toast hin.

Auch Beat Streiff hatte heute frei. Das war ebenfalls nicht selbstverständlich für einen Polizisten, einen Kriminalbeamten im Kommissariat Ermittlung. Wenn ein Gewaltverbrechen geschah, wenn er an einem Fall arbeitete, konnte er sich am Wochenende oft nicht einfach gemütlich zurücklehnen, sondern musste am Ball bleiben.

»Klar, gern.« Er bestreute den Toast mit Zucker und Zimt, eine Vorliebe, die er von einem Besuch in Wien mit nach Hause gebracht hatte. Valeries Hund, der graue Pudelmischling Seppli, lag unter dem Tisch und schnupperte. Er wusste, dass er bei Tisch nichts abkriegte.

»Wollen wir nachher einen Bummel über den Kanzlei-Flohmarkt machen?«, schlug Beat vor.

Valerie kicherte. »Ja, unbedingt. Solange es ihn noch gibt. Falls du keine Angst hast, Diebesgut zu entdecken und amtlich tätig werden zu müssen.«

»Vielleicht stoße ich ja auf ein günstiges Fahrrad«, gab er belustigt zurück.

Seit zwei Wochen war der Kanzlei-Flohmarkt dauernd in den Schlagzeilen der Zürcher Lokalzeitungen. Anlass dafür war ein Vorstoß der CVP-Kantonsrätin Angela Legler. Sie wollte, dass der Flohmarkt geschlossen wurde, weil es immer wieder vorkam, dass dort Diebesgut verhökert wurde. Auf den Leserbriefseiten gingen die Wogen hoch. Die einen Schreiber stimmten ihr aus tiefstem Herzen zu: Gesindel triebe sich dort herum, Randständige, ein Pack, das nicht arbeitete, sondern die fürstliche Sozialhilfe mit dem Verkauf von wertlosem Müll oder geklauten Sachen aufbesserte. Die Empörung der anderen Seite war nicht geringer: Der Flohmarkt sei ein kleiner Freiraum im kapitalistischen Getriebe, eine Notwendigkeit für Leute, die in der Wirtschaftskrise unter die Räder geraten seien, dazu ein lebendiger Multikulti-Ort. Und es werde eben gerade verhindert, dass Dinge zu Müll würden, indem sie verkauft statt weggeworfen wurden.

Valerie hatte die Diskussion amüsiert verfolgt. Im Gegensatz zur Öffentlichkeit wusste sie, dass Angela Legler höchstselbst vor vier Jahren auf dem Flohmarkt ein gestohlenes Rad erstanden hatte. Geklaut worden war es in Valeries Veloladen an der Schmiede Wiedikon. Es war für Legler, damals noch nicht Politikerin, eine sehr peinliche Geschichte gewesen.

Valerie hatte sich nicht wirklich daran erfreuen können, denn jene Zeit war überschattet gewesen von einem Mord, der in ihrem Geschäft geschehen war. Valerie dachte ungern daran zurück, an jenen langen Monat, in dem ihre Welt in Stücke zu gehen schien. Im Allgemeinen war sie ein optimistischer Mensch und meist voller Elan. Mit viel Arbeit und guten Ideen hatte sie das kleine Fahrradgeschäft ihres Vaters, das sie vor 15 Jahren übernommen hatte, zu einem Laden aufgebaut, der in der ganzen Stadt einen ausgezeichneten Ruf hatte. Als sie vor vier Jahren aus heiterem Himmel Drohbriefe erhalten hatte, als ein Kunde ermordet und ihre Schaufenster mit hässlichen Parolen verschmiert worden waren, hatte sie das tief verletzt und verunsichert. Aber jetzt war wieder alles im Lot. Seit drei Jahren arbeitete Priska Betschart bei ihr, eine junge, frische, engagierte Mechanikerin. Luís Zafar hatte seine Ausbildung abgeschlossen und war von Alban Tihic abgelöst worden. Immer noch kamen die jüdischen Kinder aus dem Quartier bei ihr vorbei, um den alten Veloanhänger auszuleihen, und sogar Adele Goldfarb, die jetzt 14 war und ins Gymnasium ging, schaute ab und zu herein. Auch sie hatte bei jenen Ereignissen eine Rolle gespielt. Nie mehr kommen würde Salome Zweifel, die alte Frau, die im selben Haus gewohnt und sich bemüht hatte, Valerie zu helfen. Sie war gestorben. Es tat Valerie nicht mehr weh, wenn es ihr in den Sinn kam. Das war nun einfach Vergangenheit.

Zur Gegenwart gehörte Beat Streiff. Er hatte damals in jenem Mordfall ermittelt, und so waren Valerie und er, die früher einmal eine kurze Affäre gehabt hatten, wieder in Kontakt gekommen. Nach der Aufklärung des Falls, an der Valerie insofern beteiligt gewesen war, als sie zuerst entscheidende Informationen aus Trotz zurückgehalten und sie dann endlich doch rausgerückt hatte, hatte Streiff sie zum Essen eingeladen, sich in Schale geworfen und ihr Blumen mitgebracht. Nachdem er sie ein paar Wochen mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit, selbstironischen Kommentaren und sparsam dosierten Anzüglichkeiten umworben hatte, hatte Valerie ihm nachgegeben. Seither waren sie ein Paar.

»Im Ernst«, fragte Beat, »wie kommt die Frau dazu, einen solch hirnrissigen Vorstoß zu machen? Du kennst sie doch. Was bezweckt sie bloß damit?«

Valerie kannte Angela Legler schon seit Jahren. Sie hatte sie als unverschämte Kundin im Laden gehabt und sie nach einer lautstarken Szene hinausgeschmissen. Seit einiger Zeit saßen sie sich regelmäßig an den Sitzungen der Arbeitsgruppe Kantonales Velowegkonzept, kurz AG KVK, gegenüber. Legler, Mitglied der Verkehrs- und Umweltkommission des Kantonsrates und selbst überzeugte Radfahrerin, hatte die AG KVK initiiert, um ein Radwegnetz für den ganzen Kanton Zürich auszuarbeiten. Neben Kantonsräten und Verwaltungsvertretern waren auch externe Experten in der Kommission. Unter anderem die Fahrradhändlerin Valerie Gut. Wie sie zu dieser Ehre gekommen war, war ihr nicht ganz klar. Ganz sicher war es nicht Leglers Vorschlag gewesen. Vermutlich hatte diese widerstrebend zugestimmt, weil ihr kein guter Vorwand eingefallen war, Valeries Mitwirkung zu verhindern, und weil sie keine schlafenden Hunde wecken wollte.

»Ich vermute, sie will sich einfach profilieren, sich in die Medien bringen«, meinte Valerie. »Sie ist ehrgeizig und der Typ, der polarisiert. Da sie in einer Mitte-Partei ist, muss sie Gegensteuer geben, auffallen. Aber sie macht es so, dass niemand schlau wird aus ihr und sie es sich am Schluss mit allen verdirbt. Mit ihrem Engagement für das Velowegkonzept kann sie bei den Grünen und den Linken punkten. Mit der Kampfansage an den Flohmi will sie bei den Rechten Stimmen holen. Unabhängig politisieren, nennt sie das. Aber ich glaube, unter dem Strich macht sie sich vor allem unbeliebt. Nur merkt sie das nicht, dafür ist sie viel zu sehr von sich selbst überzeugt.«

Valerie zuckte die Schultern und schob sich den Rest ihres Toasts in den Mund. Dann spekulierte sie: »Vielleicht will Angela mit der Schließung des Flohmarkts quasi ihren Sündenfall aus der Welt schaffen. Das wäre die psychologische Erklärung.«

»Das tönt eher biblisch«, meinte Beat.

»Würde auch passen«, gab Valerie zu. »Fritz Legler, ihr Mann, ist ja Pfarrer. Bisschen hardcore.«

»Hardcore?«, fragte Beat verständnislos.

»Na ja, ein Fundi. Evangelikal. Streng moralisch, aber auch schwärmerisch. Würde man auf den ersten Blick gar nicht denken. Er versucht ja, die Jungen zu gewinnen mit seinen Velogottesdiensten in freier Natur. Kleine Radtour aufs Land, dort Predigt, Gesänge und Gebete. Nachher Picknick. Aber die Predigten haben es in sich, hab ich gehört. Aufrufe zu Reue und Buße. Keine Ahnung, was Angela an dem findet.«

»Ist mir auch egal«, brummte Beat. Er hatte eine kleine geheime Privatfehde mit der Politikerin. Er nahm es ihr übel, aber das sagte er Valerie natürlich nicht, dass sie dazu beigetragen hatte, dass der Mutterschaftsurlaub für Kantonsangestellte verlängert worden war. Das bedeutete nämlich, dass er länger auf seine Mitarbeiterin Zita Elmer verzichten musste, die vor drei Monaten ein Baby bekommen hatte. Man hatte ihm zwar einen Ersatz angeboten, aber Streiff konnte mit dem übereifrigen, ungeschickten jungen Schnösel, Melchior Zwicky hieß er, nicht viel anfangen. Er vermisste die robuste, gescheite Elmer. Ob sie wirklich so gescheit war?, zweifelte Streiff manchmal schlecht gelaunt, wenn ihm die Arbeit wieder mal über den Kopf wuchs. Warum hatte sie sich dann ein Baby zulegen müssen? War doch gar nicht der Typ dafür. Na ja, vermutlich die Hormone. Er war froh, dass sich diese Frage bei Valerie und ihm nicht stellte; sie war 48, er bald 52.

Dafür stellte sich ihm ab und zu eine andere Frage. Seit vier Jahren waren Valerie und er jetzt zusammen, beide hatten sie ihre Wohnung behalten, mal waren sie bei ihm, mal bei ihr. Valerie schien mit der Situation zufrieden zu sein, sie hatte das Thema nie angeschnitten. Er auch nicht. Aber manchmal dachte er, ob es nicht vielleicht auch ganz schön wäre zusammenzuwohnen. Er hätte gern gewusst, wie sie darüber dachte. Aber er hatte sie bis jetzt nicht fragen mögen. Vielleicht fühlte sie sich dann eingeengt und das wollte er nicht. Oder erwartete sie im Gegenteil, dass er das Thema aufs Tapet brachte? Und wie würde man das dann bewerkstelligen? Würde er bei ihr einziehen? Sicher nicht. Nicht in die Wohnung, in der sie mit Lorenz Stucki, dem Quacksalber, wie er ihn bei sich nannte, zusammengelebt hatte. Oder würde sie zu ihm ziehen? Würden sie zusammen eine neue Wohnung suchen? In Zürich eine schöne und bezahlbare Wohnung zu finden, war in den letzten Jahren immer schwieriger geworden. Beat schob den Gedanken wieder einmal beiseite.

»Komm«, sagte er stattdessen, »trink deinen Kaffee aus, dann können wir gehen. – Ja, du kommst auch mit«, wandte er sich an Seppli, der an Beats Tonfall erkannt hatte, dass der Tag nun in Schwung kam, und eilends unter dem Tisch hervorsprang. Sollte ihm ja nicht passieren, dass man ihn etwa vergaß.

Valerie band rasch ihre braunen Locken zusammen und steckte sie unordentlich am Hinterkopf fest. Sie war soweit ganz zufrieden mit ihrem Spiegelbild. In den letzten paar Jahren hatte sie drei Kilo zugenommen, aber das stand ihr gar nicht schlecht, fand sie. Sie mochte ihre braunen Augen, ihren wachen Blick. Manchmal schienen ihr ihre Gesichtszüge etwas zu weich zu sein, aber Beat hatte erklärt, bei ihrem Temperament schade es nichts, auch etwas Sanftes an sich zu haben. Sie schlüpfte in ihre moosgrüne Lederjacke und sagte: »Weißt du, ich möchte einen schönen, hohen Kerzenständer finden. Wäre doch gemütlich für lange Winterabende.«

»Und ich brauche eine neue Kaffeemaschine«, meinte er.

»Neu ist gut. Das ist doch gefährlich. Eines Tages wird dir so ein Secondhand-Ding einen tüchtigen elektrischen Schlag versetzen. Wenn du sie wenigstens nach dem Kauf zur Überprüfung zu einem Elektriker bringen würdest.« Sie begriff seine Vorliebe für Kaffeemaschinen, CD-Player und TV-Geräte vom Flohmarkt nicht.

Valerie und Beat schlenderten die Stauffacherstraße hinauf, vorbei am Volkshaus, und überquerten die Straße. Valerie fand es umständlich, Bus oder Tram zu nehmen, während Beat nicht gern Rad fuhr. Deshalb waren sie zusammen oft zu Fuß in der Stadt unterwegs, ein Arrangement, das auch der Hund schätzte. Eine ältere Frau kam ihnen entgegen. Sie grüßte Beat mit Namen, nickte Valerie freundlich zu und machte Anstalten stehenzubleiben. Beat grüßte mit einem halben Lächeln kurz zurück und wollte weitergehen. Aber Valerie blieb stehen und wechselte mit der Frau ein paar Worte, während Beat stumm daneben stand.

»Haben Sie den Lärm letzte Nacht auch gehört?«, wandte sich die Frau jetzt Beat zu. »Ich glaube, es war Elmiger vom vierten Stock, der Besuch hatte. Um halb drei sind seine Gäste das Treppenhaus heruntergepoltert.«

Valerie schien, dass Beat aufatmete. Was hat er nur, dachte sie.

»Nein«, sagte Beat jetzt, »ich war letzte Nacht gar nicht da.«

»Na, dann haben Sie Glück gehabt«, meinte die Frau, wünschte ein schönes Wochenende und verabschiedete sich.

»Was hattest du denn?«, fragte Valerie. »Du hast zuerst so unfreundlich gewirkt. Frau Luchsinger ist doch nett.«

»Ach, manchmal ist sie so geschwätzig«, erwiderte Beat. »Ich dachte, wenn wir stehen bleiben, kommen wir nie wieder weg.«

Aber das war eine glatte Lüge. Es war Beat Streiffs bestgehütetes Geheimnis, dass er an Prosopagnosie litt. Zum Glück nur an einer sehr milden Form. Die meisten Gesichter konnte er problemlos wiedererkennen, aber bei manchen hatte er Mühe. Dummerweise konnte er sich gerade das Gesicht seiner Nachbarin, Else Luchsinger, einfach nicht merken, obwohl sie schon einige Jahre im gleichen Haus wohnten. Traf er sie im Treppenhaus oder in der Waschküche an, wusste er, dass sie es war, denn sie war die einzige ältere Frau im Haus. Allerdings gab es auch da Fallstricke. Einmal hatte er eine Frau mit ›Guten Tag, Frau Luchsinger‹ begrüßt, aber da war es die Mutter von Elmiger gewesen. Außerhalb des Hauses hatte er keine Chance, die Frau zu erkennen. Erst als sie den Nachbarn im vierten Stock erwähnt hatte, war ihm aufgegangen, wer sie war. Nicht einmal Valerie wusste von seiner Schwäche und bei der Polizei selbstverständlich auch niemand. Obwohl es ihm durch langjährige Übung gut gelang, dieses Manko zu überspielen und zu kompensieren, machte es ihn innerlich oft unsicher, wodurch er dann unfreundlich wirkte. Aber das schien ihm das kleinere Übel zu sein.

Valerie und er näherten sich dem Kanzlei-Areal.

»Guck mal, da ist doch etwas im Gange!«, sagte Valerie.

Es herrschte nicht das übliche lebhafte, laute, aber friedliche Durcheinander, das normalerweise den Flohmarkt prägte. Die Stände, die am Rand lagen, waren verlassen. Niemand schien sich im Moment für zerfledderte Comics, Handys der vorletzten Generation oder Lammfelljacken aus den 70er-Jahren zu reißen. Eine unruhige Menschenmenge drängte sich im Zentrum zusammen, es waren Buhrufe zu hören, die Stimmung schien angespannt bis aggressiv. Valerie spürte, wie Beat sich in Streiff verwandelte. Es waren nur Winzigkeiten, die sich in seinem Blick, seiner Haltung, seinem Schritt veränderten. Jetzt war er der Polizist, der eine Situation zu analysieren hatte, abzuschätzen versuchte, ob da etwas aus dem Ruder lief. Sie gingen auf die Menschenmenge zu. Streiff drängte sich hindurch.

In der Mitte, umringt von warm eingepackten Flohmarkthändlern und Kunden, es war ja schon November und morgens ordentlich kalt, stand – Angela Legler. Allein. In einer ziemlich ungemütlichen Situation und nicht einmal besonders warm angezogen.

»Lassen Sie mich durch!«, rief sie. »Sofort. Das ist ein öffentlicher Ort. Ich habe das Recht, hier zu sein.«

Buhrufe und höhnisches Gelächter antworteten ihr.

»Was fällt dir ein hierherzukommen!«, schrie eine ältere, pummelige Frau mit grauen Locken, die, so glaubte sich Valerie zu erinnern, einen Stand mit gebrauchten Kleidern und Schuhen hatte. »Das ist unser Ort und du willst ihn kaputtmachen.«

»Jetzt stehst du uns Red und Antwort!«, rief ein anderer Flohmarkthändler, ein hagerer, kahler Mann um die 40, der jeweils Geschirr und Pfannen, aber manchmal auch elektronische Geräte feilbot. »Was spielst du da für ein schmutziges Politspielchen? Wem willst du in den Arsch kriechen? Kriegst du das bezahlt?«

Legler hatte ihre Überlegenheit noch nicht verloren. Sie straffte sich. »So diskutiere ich nicht mit Ihnen!«, rief sie. »Ich bin Politikerin. Ich bin mitverantwortlich dafür, dass Gesetze eingehalten werden. Und das hier ist ein rechtsfreier Raum. Das geht einfach nicht!«

Wieder Buhrufe. Die Leute kamen ihr näher. Sie wich einen Schritt zurück. Aber auch hinter ihr war eine Wand von Menschen. Nun schien sie nervös zu werden, sie fuhr sich mit der Hand durch die dunklen, kurzen Haare. Ihr Gesicht, selbst im November noch gebräunt, wurde um eine Schattierung blasser.

Valerie, die mit dem Hund am Rand stehen geblieben war und durch die Menschenmenge spähte, schüttelte für sich den Kopf. Diese Legler war ja sträflich naiv. Die begriff nicht, was hier abging. Es war ihr überhaupt nicht klar, was sie mit ihrer Forderung, den Flohmarkt zu schließen, ausgelöst hatte, sonst wäre sie nicht hergekommen. Jedenfalls nicht ohne Begleitung. Und es kam ihr offenbar auch nicht in den Sinn, dass sie in Gefahr sein könnte. Die Stimmung war explosiv. Hoffentlich hält sie endlich den Mund, dachte Valerie nervös, nicht dass irgendein Choleriker ausrastet und sie tätlich angreift.

Sie drehte sich um und warf einen Blick auf die verlassenen Marktstände. Da bemerkte sie einen jungen Mann, der die Gelegenheit nutzte, sich ein kleines Fernsehgerät von einem Tisch griff und sich damit davonmachte. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, dachte Valerie schulterzuckend. Dann wandte sie sich wieder dem Knäuel von aufgebrachten Leuten zu und suchte mit den Augen Beat in der Menge. Er war nicht besonders groß, aber an seinem roten Haarschopf zuverlässig zu erkennen. Sie sah, dass er sich zu Angela Legler durchgearbeitet hatte und sie am Arm fasste.

»Stopp«, rief er, »Polizei! Sie lassen die Frau jetzt passieren.«

Geraune erhob sich, aber es wurde ruhiger, einige Leute zogen sich zurück.

»Bullenstaat!«, rief jemand vom Rand her. Streiff drehte nicht einmal den Kopf. Er hielt seinen Blick auf die ihm gegenüberstehenden Leute gerichtet, die jetzt langsam und widerwillig den Weg freigaben. Er fühlte, dass Legler zitterte. Offenbar war ihr die Situation jetzt bewusst geworden und sie hatte ihre Sicherheit eingebüßt. Bevor er sie hinausführen konnte, riss sie sich los und rannte davon. Huhn, dachte er ärgerlich. Die Menge johlte hinter ihr her. Dann ging es sehr schnell. Aus dem Augenwinkel nahm Streiff eine Bewegung wahr, die Bewegung eines Arms in einem farbigen Pulloverärmel, der etwas schleuderte, kaum konnte er den Stein sehen, der durch die Luft flog. Dann sah er Angela Legler stürzen und hörte ihren Schrei. Er sah sich nach der Person um, die den Stein geworfen hatte, konnte aber nicht ausmachen, wer es gewesen war. Kein bunter Pullover war zu sehen. Es wurde sehr still. Die Politikerin lag am Boden, reglos. Die Flohmarkthändler und Kunden zogen sich langsam zurück. »Scheiße«, sagte einer, »na und?« ein anderer.

Bevor Streiff Legler erreicht hatte, kniete schon jemand bei ihr.

»Ich bin Arzt«, sagte er, zu Streiff aufschauend.

Streiff drehte sich zu den Umstehenden. »Wer hat den Stein geworfen?«, fragte er scharf.

Natürlich sagte niemand etwas. Er wandte sich an die ältere Frau, die die Politikerin angeschrien hatte: »Haben Sie etwas gesehen?«

»Nein, gar nichts.«

»Das war eine Straftat, eine Körperverletzung. Sie sind verpflichtet, es zu sagen, wenn Sie etwas bemerkt haben.«

Er fixierte den Mann, der den Stand mit den Elek­tronikgeräten hatte. Er hatte bei ihm schon einmal ein Handy gekauft. Der zuckte die Schultern, schaute weg und wandte sich seinem Stand zu. Gleich darauf hörte man ihn schimpfen: »Mir ist ein Fernsehgerät weggekommen. Verdammt, hat jemand etwas gesehen?«

Streiff hätte beinahe gelacht. »Meinen Sie mich?«, fragte er höflich. »Leider nicht.«

Der Mann warf ihm einen bösen Blick zu.

Der Arzt untersuchte Angela Legler. Sie war bei Bewusstsein.

»Ich glaube, Sie sind nicht ernsthaft verletzt«, sagte er. »Der Stein hat Sie nur gestreift. Es blutet zwar, aber das hört bald auf. Haben Sie Kopfschmerzen? Ist Ihnen übel?«

»Nein.« Angela Legler setzte sich auf. Ignorierte heroisch das Blut, das ihr von der Schläfe die Wange hinabrann. Ihr Schrecken hatte offenbar bereits in Wut umgeschlagen. »Nun erst recht«, erklärte sie. »Dieser Hort für Kriminelle muss geschlossen werden. Und Sie«, sie wandte sich anklagend an Streiff, »wenn Sie schon Polizist sind, warum sind Sie nicht imstande, eine unbescholtene Bürgerin zu schützen? Wissen Sie, wer ich bin? Angela Legler, Kantonsrätin.«

»Sehr erfreut«, konterte Streiff sarkastisch.

Der Arzt warf seiner Patientin einen zweifelnden Blick zu, murmelte etwas von »doch besser einen Krankenwagen rufen und genauer untersuchen« und hängte sich ans Handy.

»Legen Sie sich besser wieder hin«, riet er Legler mit ärztlicher Sachlichkeit, »Sie haben einen Schock erlitten.«

»Dieser Vorfall wird am Montag im Kantonsrat diskutiert werden«, erklärte Legler drohend, als ob der Arzt schuld am Ganzen wäre.

»Ja, ganz sicher«, meinte dieser beruhigend.

»Ich habe Drohbriefe erhalten«, fuhr Legler fort, wieder zu Streiff gewandt. »Man will mich fertigmachen.«

»Drohbriefe?« Beat wurde aufmerksam.

»Ja, aber ich habe sie nicht hier.«

»Ich werde mich mit Ihnen in Verbindung setzen«, versprach Streiff. Es hatte keinen Sinn, jetzt mit einer Befragung zu beginnen. Vielleicht fantasierte sie ja nur. Er bestellte per Handy eine Streife her, die die Leute zu dem Vorfall befragen sollte. Das war ja eigentlich nicht sein Gebiet und außerdem hatte er frei.

Valerie hatte der Szene aus einiger Entfernung zugesehen. Lorenz. Sie erkannte ihn sofort, seine große, schlanke, fast magere Gestalt; offensichtlich hatte er keinen Bauch angesetzt wie die meisten Männer seines Alters, aber sein früher dunkelblondes Kraushaar war ziemlich grau geworden. Sie hatte ihn schon seit Jahren nicht mehr getroffen. Nach ihrer Trennung vor, sie rechnete, etwa vor acht Jahren, hatten sie sich aus den Augen verloren. Und doch waren sie sich lange Zeit nahe gewesen. Vor ein paar Jahren waren sie sich zufällig über den Weg gelaufen. Das war wenige Monate nach dem Mord im FahrGut gewesen. Valerie hatte sich noch nicht wirklich von jenen Ereignissen erholt gehabt, aber sie war frisch verliebt in Beat und sie hatte sich gefreut, Lorenz anzutreffen. Aber er war kühl gewesen und hatte ganz reserviert getan. Hatte überhaupt nicht gefragt, wie es ihr ginge, dabei musste er doch aus den Medien erfahren haben, was ihr zugestoßen war. Offenbar wollte er wirklich gar nichts mehr mit ihr zu tun haben.

Deshalb zögerte sie jetzt. Sollte sie hinübergehen oder hier mit Seppli warten, bis die arme Angela abtransportiert und Lorenz gegangen war? Ach was, das wäre doch blöd. Sie war mit Streiff hier und hatte keinen Grund, sich zu verstecken. Und einen freundlichen Satz zu Angela würde sie sich wohl noch abringen können. Auch wenn ihr Verhalten denkbar unvernünftig gewesen war, war es nicht in Ordnung, dass sie so drangekommen war. Sie schlenderte mit ein wenig Herzklopfen zu dem Grüppchen.

»Hallo, Lorenz.«

Streiff zuckte zusammen. Stucki. Valeries Quacksalber. Ausgerechnet. Sie waren sich noch nie begegnet und Stucki hatte auch nie von der Affäre zwischen Valerie und ihm erfahren.

»Valerie!«, rief Stucki. Stand rasch auf und strahlte sie an. »So eine Überraschung. Schön, dich zu sehen. Gehts dir gut?«

Valerie nickte, ein wenig verwirrt und verlegen. Das waren ja völlig neue Töne. »Dir auch?«

»Ja, bestens. Aber du weißt, ein Arzt hat nie richtig frei.«

Ein Polizist auch nicht, dachte Valerie. Offenbar gerate ich immer an Männer, auf deren jederzeitige Einsatzbereitschaft die Welt nicht verzichten kann.

Sie kauerte bei Angela Legler nieder. »Hi, Angela. Tut mir leid, was da passiert ist.«

Das klang hölzern, sie wusste es. Aber mehr als ein unpersönliches Mitgefühl brachte sie für die Frau nicht auf.

Die lag jetzt still da, offenbar nicht mehr in der Stimmung, groß aufzutrumpfen. Sie war blass, ihre Wange blutverschmiert, die Frisur in Unordnung. Seppli schnupperte interessiert. Valerie riss ihn weg, bevor er etwa auf die Idee kam, Angela das Blut wegzulecken. Bei diesem Hund wusste man nie.

Glücklicherweise kam jetzt der Krankenwagen hergefahren, Stucki orientierte die Pfleger, die Angela Legler behutsam einluden.

»Sie ist übrigens Kantonsrätin.« Diese Anmerkung kam von Streiff. Valerie unterdrückte ein Lachen.

Die beiden jungen Pfleger sahen ihn empört an. »Wir behandeln alle Patientinnen und Patienten gleich«, erklärte der eine dezidiert. Dann fuhren sie weg.

Stuckis Handy flötete. »Na, ich muss«, sagte er, »habe heute Notfalldienst. Valerie, stehst du im Telefonbuch? Ich ruf dich mal an, okay?« Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte er sich das Handy ans Ohr und entfernte sich. Der Streifenwagen traf ein. Streiff informierte die beiden Beamten, die ohne Begeisterung ihre Notizbücher zückten und zu den Befragungen schritten.

Valerie und Beat sahen sich an. »Und dabei wollten wir doch nur einen gemütlichen Flohmarktbummel machen und einen Kerzenständer kaufen«, meinte Valerie.

»Und eine Kaffeemaschine«, ergänzte Beat.

Sie schauten sich um. Auf dem Flohmarkt ging es zu wie immer. Ein Gewusel von Menschen, die von Stand zu Stand flanierten, einander etwas zuriefen, feilschten, sich stritten, lachten, sich über einen gelungenen Kauf oder Verkauf freuten. Der Aufruhr schien vergessen, obwohl, da war sich Streiff sicher, er heute noch viel Gesprächsstoff abgeben würde. Aber wohl nicht, solange die Polizei vor Ort war. Streiff ließ seinen Blick nochmals über die Leute schweifen. Aber es gab keine Chance, den Steinewerfer zu entdecken. Der war sicher längst weg. Und verraten würde ihn hier keiner.

»Das ist das einzig Gute an der Sache«, stellte Valerie fest, »dass du heute kein lebensgefährliches Ding heimträgst. Wir kaufen dir nachher in einem Fachgeschäft eine Kaffeemaschine. Hier bleiben mag ich nicht. Für einen Kerzenständer schaue ich ein anderes Mal.«

»Das war jetzt also Lorenz«, sagte Beat.

»Ja. Stimmt, du kennst ihn ja gar nicht. Ist auch nicht nötig. – Ist was?«

»Nein, wieso? Hat sich enorm gefreut, dich zu treffen.«

»Sag mal, bist du eifersüchtig?«

»Nein. Das heißt, früher schon. Als du nach unseren Treffen immer zu ihm nach Hause gegangen bist.«

»Ach, das hast du aber damals gut verborgen. Komm, wir gehen ins Celia rüber und trinken eine heiße Schokolade. Ich friere. Komm, Seppli.«

Valerie hängte sich bei Beat ein und zog ihn über die Straße. Mit diesem Stucki hat sie also zusammengewohnt, dachte er. Sie fanden im Café einen Fensterplatz und bestellten Schokolade und Kaffee.

»Ein freier Samstag«, meinte Valerie, »es kommt mir vor, als ob ich Ferien hätte.«

»Wird dir im Winter nicht langweilig im Geschäft?«, fragte Beat.

»Nein. Ich bin froh, dass wir nicht mehr den Stress haben wie im Sommer. Aber ich habe trotzdem genug zu tun. Priska und ich können uns mehr um Alban kümmern. Und nächste Woche will ich mich ans Budget fürs nächste Jahr machen.« Sie kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und schaute an Beat vorbei auf die Straße.

»Ich bin am Überlegen, ob ich Miniscooters ins Angebot nehmen soll. Oder ob ich wieder einmal ein Kinderfest veranstalten soll, um die Kindervelos und -anhänger mehr zu propagieren.«

Beat hörte gespannt zu. Valerie war eine gewiefte Geschäftsfrau. Sie war nicht der Typ, der sich auf den Lorbeeren ausruhte.

»Oder ich könnte«, fuhr sie fort, laut zu denken, »Sonderanfertigungen machen, zum Beispiel Räder für besonders große Männer. Das könnte ankommen, aber ich habe es noch nicht berechnet.«

Dann wandte sie sich ihm zu. »Und du? Ist dir nicht langweilig? Du hattest doch schon länger keinen richtig verzwickten Fall mehr. Bei den letzten paar Tötungsdelikten in der Stadt Zürich war es doch ziemlich schnell klar, wer es gewesen war. Du bräuchtest mal wieder einen richtig raffinierten Mörder, an dem du deine Hirnzellen messen kannst.«

Angela Legler betastete das dicke Pflaster, das an ihrer linken Schläfe klebte. Sie war eben erwacht, zwei Stunden hatte sie geschlafen. Ihr Kopf schmerzte ein wenig, aber nicht allzu stark. Am frühen Nachmittag war sie aus dem Spital entlassen worden. Sie hatte keine Gehirnerschütterung und auch sonst keine Verletzungen außer einer tüchtigen Schramme. Sie solle sich übers Wochenende schonen, hatte ihr die Ärztin geraten, dann könne sie am Montag wieder arbeiten. Angela stand auf und ging ins Badezimmer. Der Spiegel zeigte ihr ein etwas blasses Gesicht, ihre dunklen, kurzen Haare waren zerwühlt, sonst sah sie okay aus.

Aber innerlich fühlte sie sich nicht okay, ganz und gar nicht. Sie war aufgewühlt und wütend. Dass jemand es wagen konnte, sie anzugreifen! Sie, die Kantonsrätin Angela Legler! Was waren das für Zustände! Dieser Flohmarkt musste geschlossen werden, jetzt erst recht. Nicht nur Diebe und Hehler trieben sich da herum, sondern auch Gewalttäter; Leute, die sich der demokratischen Ordnung nicht fügen wollten. Aber ihre Erschütterung ging tiefer. Sie ganz persönlich war angegriffen worden, nicht nur die Politikerin, sondern die Person Angela Legler. Was hatte das zu bedeuten? Wurde ihre Autorität nicht anerkannt? Konnte man so mit ihr verfahren, weil sie eine Frau war? Sie hatte es zu etwas gebracht, sich durchgesetzt, und das würde sie sich nicht nehmen lassen. Sie ging ins Schlafzimmer zurück, setzte sich in den Sessel, der am Fenster stand, und schaute in den Garten hinaus. Der Apfelbaum hatte seine Blätter schon verloren, über der Stadt hing zäher Hochnebel.

Seit zwei Jahren war sie im Kantonsrat und war alles andere als eine Hinterbänklerin, sie hatte eine Position in der Fraktion und im Rat – und sie hatte eine gute Medienpräsenz. Es hatte sie jahrelang geärgert, dass sie nicht studiert, sondern nur eine kaufmännische Lehre absolviert, einen Beruf hatte, bei dem die Aufstiegschancen sehr beschränkt waren. Und Pfarrersfrau zu sein, sich gemeinnützig um die Schäfchen ihres Mannes zu kümmern, war nicht ihr Ding. Das hatte sie Fritz schon am Anfang ihrer Ehe klargemacht. Mit den Jahren war sie mehr und mehr unzufrieden geworden mit ihrem Leben und hatte mit Mitte 30 beschlossen, dass sich etwas ändern musste. Sie hatte Weiterbildungen erwogen, sich aber schließlich für die Politik entschieden. Es war gut gelaufen. Die CVP arbeitete daran, sich ein frauenfreundliches Image zu geben und eine energische, engagierte Newcomerin, die bereit war, sich in Dossiers zu knien, und auch auf einem Podium eine gute Figur machte, war willkommen. Man muss nur wollen, dachte sie, dann erreicht man auch etwas. Aber ein Steinwurf passte nicht in ihr Programm. Sie hatte zäh gearbeitet, sich ein parteiübergreifendes Netz von Kontakten geschaffen, sich profiliert. Man musste flexibel sein: hier kleine Kompromisse machen, dort sich knallhart durchsetzen. Mit den linken Frauen hatte sie zusammengespannt, als es um die Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs ging. Ein bürgerliches Thema hatte sie mit dem Vorstoß, den Flohmarkt zu schließen, besetzt. Mit dem Präsidium der AG KVK hatte sie sich im Umweltbereich gut positioniert. Aber dort wollte sie auch die Interessen von Wirtschaft und Gewerbe einbringen. Ein Spagat? Selbstverständlich, Politik war immer ein Spagat. Kritik, die in den Medien ab und an geäußert wurde, bestärkte sie. Sie verfolgte eben ihre eigene Linie. Der Vorfall von heute Morgen war der erste empfindliche Dämpfer in ihrer politischen Karriere. Das war eine Grenzverletzung, die es nicht geben durfte. War sie verwundbar? Ganz unvermutet tauchte dieser Gedanke auf. Er erschreckte sie und sie schob ihn rasch beiseite. Angela Legler war nicht der Typ, der sich groß darüber Gedanken machte, ob man sie mochte, ob sie beliebt war. Zeitverschwendung, fand sie. Sie war ehrgeizig, sie hatte Erfolg, selbstverständlich gab es da Neid und Eifersucht. Man hatte Gegner, aber man hatte auch Anhänger, Wähler, nicht nur aus ihrer Partei, die ihr schrieben, ihr gratulierten zu ihrer Unerschrockenheit.

Angela hörte, wie unten die Tür aufgesperrt wurde. Fritz kam nach Hause. Ob er es schon gehört hatte? Das Lokalradio hatte eine kurze Meldung gebracht. Er rief nicht nach ihr, vermutlich dachte er, sie sei nicht da. Auch sie gab kein Zeichen. Fritz, dachte sie, und nicht zum ersten Mal kam ihr als Bild für ihre Ehe der Mathematikunterricht ihrer Jugend in den Sinn. Mengenlehre. Zwei Kreise, die sich überschnitten. Der gemeinsame Bereich war die Schnittmenge. Dieses Oval war in ihrer Ehe im Laufe der Jahre immer magerer geworden. Wo­raus bestand diese Schnittmenge noch? Sie verbrachten die bei beiden spärliche Freizeit und die Ferien mitein­ander. Sport. Velotouren. Das Häuschen in den Bergen. Dabei verstanden sie sich ganz gut. Beide waren ehrgeizig und ausdauernd, wenn sie einen Pass hinaufpedalten, beide wollten das Rennen gewinnen. Und es war gar nicht immer Fritz, der die Nase vorn hatte, denn Angela war, obwohl eher klein, muskulös und zäh. Aber im Alltag drifteten sie immer mehr auseinander. Er hatte seine Gemeinde, sie die Politik. Gemeinsame Freunde hatten sie kaum. Selten begleiteten sie einander zu Anlässen. Beide führten sie ihr eigenes Leben und trafen sich manchmal zu einem improvisierten Abendessen am Küchentisch. Sie erzählten einander nicht viel. Angela hatte den Eindruck, dass Fritz ihre politische Arbeit nicht ganz ernst nahm. Und er war ihr in seiner beruflichen Entwicklung fremd geworden. Aus dem wissbegierigen, offenen Theologiestudenten war ein moralisch strenger evangelikaler Pfarrer geworden, der sich von der Landeskirche abgewandt hatte und in eine Freikirche übergetreten war, die eine schwärmerische und autoritätsgläubige Religiosität pflegte. Was war da bloß in ihm vorgegangen? Sie redeten nie darüber. Sie sprachen über Fahrradausrüstungen, über die Heizung ihres Häuschens in den Bergen, über Urlaubstermine. Manchmal fragte Angela sich, ob es anders gekommen wäre, wenn sie Kinder gehabt hätten. Ob er enttäuscht war, weil es nicht geklappt hatte? War sie enttäuscht? Es war müßig, darüber nachzudenken. Sie hatte jetzt andere Sorgen.

Sie erhob sich und ging langsam hinunter. Fritz saß im Wohnzimmer.

»Was ist denn mit dir passiert?«, fragte er, als er ihr Pflaster sah. Angela erzählte es ungern, es kam ihr vor wie das Eingeständnis einer Niederlage. Gleichzeitig ärgerte sie sich darüber, dass sie es so empfand.

»Irgendein … ein Krimineller hat einen Stein nach mir geworfen, auf dem Flohmarkt«, rief sie. Tränen des Zorns stiegen ihr in die Augen. »Muss ich mich so behandeln lassen?«

»Du musst Anzeige erstatten«, riet ihr Mann.

»Habe ich natürlich gemacht.«

»Hast du dir überlegt, dass das ein Zeichen sein könnte?«, fragte er.

»Ein Zeichen?« Sie sah ihn verständnislos an.

»Ich zweifle schon seit einiger Zeit daran, ob es das Richtige ist, was du machst, diese Politik«, sagte er. »Tut dir das wirklich gut? Ist es das, was Gott mit dir vorhat?«

Angela starrte ihn an. Ihr Kopf begann plötzlich heftiger zu schmerzen.

»Spinnst du?«, rief sie. »Das erste Mal in meinem Leben mache ich etwas wirklich Spannendes. Wie kannst du?«

Er blieb ganz ruhig, beobachtete sie. »Ich habe den Eindruck, dass du überlastet bist, du hast keine Zeit mehr, du entziehst dich mir, du hast keinen festen Boden mehr unter den Füßen.«

»So ein Unsinn! Mir gehts prima. Mein Problem ist, dass ich angegriffen worden bin, nichts anderes!« Sie schwieg. Es stimmte, dass sie sich ihrem Mann entzog. Aber hatte sie kein Recht auf ein eigenes Leben, das sie ausfüllte?

»Gönnst du mir meine Karriere nicht?«, fragte sie misstrauisch. »Du wolltest schon immer im Mittelpunkt stehen, mich dominieren. Und jetzt nimmst du diesen Angriff zum Anlass, mich kleinzumachen, statt dass du zu mir hältst.« Ihre Schläfe pochte.

Sein Blick war durchdringend. »Selbstverständlich halte ich zu dir. Du bist meine Frau. Aber ich glaube, dass du auf einem falschen Weg bist.«

»Was sollte ich denn deiner Ansicht nach tun? Wieder als Sekretärin arbeiten? Musik auflegen auf deinen Jugendpartys? Oder Taschentücher verteilen, wenn die Jugendlichen ihre Bekehrungserlebnisse haben?« Sie brach ab. So verächtlich hatte sie sich noch nie über seine Arbeit geäußert.

»Es wäre sicher nicht die schlechteste Aufgabe für eine Ehefrau, ihren Mann bei seiner Arbeit zu unterstützen«, gab er ungerührt zurück. Sie fühlte sich schwindlig und er schien es zu bemerken.

»Komm, leg dich wieder hin«, sagte er sanfter, »ich mache dir einen Tee.«

Angela legte sich aufs Sofa. Soll ich mich von ihm trennen, fragte sie sich. Nein, das würde sich nicht gut machen, eine geschiedene CVP-Politikerin. Die Situation ist so schon kompliziert genug. Fritz stellte ihr eine Tasse Tee und ein Tellerchen mit Zwieback hin. Einen Moment lang kam ihr die Szene ganz unwirklich vor und sie fragte sich, ob er fähig wäre, ihr Gift in den Tee zu schütten. Meine Nerven sind wirklich überreizt, dachte sie und nahm einen Schluck. Er schaltete den Fernseher ein.

Montag

Lina Kováts saß an ihrem Pult im Kantonsratssaal. Sie hatte die Tonaufnahme der Debatte in Gang gesetzt, die Liste der Ratsgeschäfte, die an diesem Tag behandelt wurden, lag vor ihr, vor einer Viertelstunde hatte die Ratssitzung begonnen. Das Thema, es ging um Steuersenkungen für Kleinbetriebe, interessierte sie nicht besonders. Sie gab sich keine Mühe, sich zu konzentrieren, ohnehin würde sie das alles in den folgenden Tagen nochmals hören, ab CD, wenn sie es schrieb und redigierte. Lina arbeitete seit einem Jahr nicht mehr als Zeitungskorrektorin, sondern als Protokollführerin im Kantonsrat. Nun musste sie nicht mehr dauernd bis spät abends arbeiten, sondern hatte Zeit, nach dem Job in ihrem Atelier zu malen. Sie ließ ihren Blick über die Reihen schweifen. Die meisten Plätze waren besetzt, was nicht hieß, dass alle Ratsmitglieder auch zuhörten. Einige lasen Zeitung, andere tippten etwas in ihre Laptops oder hackten eine Kurznachricht ins Handy, ordneten Unterlagen oder zwängten sich durch die engen Sitzreihen, um mit einem Kollegen flüsternd etwas zu besprechen. Anfangs hatte Lina diese Undiszipliniertheit verwundert, bis sie verstanden hatte, dass hier nicht die eigentliche politische Arbeit gemacht wurde. Die Knochenarbeit, die Erarbeitung von Gesetzen, wurde in den Kommissionen geleistet. Der Ratssaal, so sah es Lina, war die Bühne für die Öffentlichkeit, die montägliche Sitzung das Stück, das über die politische Arbeit Auskunft und den Darstellern die Gelegenheit gab, sich ins rechte Licht zu rücken. Man musste ja alle vier Jahre wiedergewählt werden. Der Saal gab eine würdige Bühne ab. Ein hoher Raum in einem schönen Renaissancebau, die Wände mit Porträts von ehemaligen Bürgermeistern von Zürich und einem hellblauen Wandteppich geschmückt, der das Kantonswappen, flankiert von zwei Löwen, zeigte. Durch die Fenster auf der einen Seite sah man die Limmat vorbeifließen.

Lina wurde aufmerksam auf das Geschehen. Eine Sprecherin hatte geendet, die Ratspräsidentin erteilte einem anderen Kantonsrat das Wort, der zu reden begann, ohne sein Mikrofon einzuschalten.

»Mikrofon!«, rief Lina. Typisch, dachte sie. Hefti. Ein junger Grüner, dessen Vater in Wiedikon eine Hausarztpraxis führte. Der war so eifrig darauf aus zu reden, dass er es jedes zweite Mal vergaß.

»Ach ja, Tschuldigung«, lachte Hefti fröhlich zurück, drückte den Knopf und begann, sein Manuskript abzulesen. Immerhin. Er redete nicht frei wie andere, die dachten, das mache einen souveränen Eindruck, sondern kannte seine Grenzen und trat gut vorbereitet zu seinen Voten an. Seine Grenzen traten zutage, wenn er spontan auf einen Antrag reagierte oder eine Frage stellte. Dann verhedderte er sich heillos in einem Wust von Haupt- und Nebensätzen, Appositionen, Ellipsen, verunglückten Metaphern und verwechselten Fremdwörtern. Es war dann hinterher Linas Aufgabe, das in Ordnung zu bringen, dem Ganzen eine Syntax zu unterlegen, zu spüren, was Hefti inhaltlich hatte sagen wollen, und das, behutsam seinen eigenen Wörtern entlang balancierend, aber ohne in die von ihm aufgerissenen Gräben abzustürzen, zu formulieren. Hefti dankte es ihr. Wenn die redigierten Voten vor dem Ratssaal zur Einsicht auflagen, fischte er sich seine heraus, kam bei ihr vorbei und strahlte: »Super haben Sie das wieder geschrieben, Frau Kováts, super! Nicht wahr, Deutsch müsste man können«, und er zwinkerte ihr zu. Lina lächelte jeweils höflich und dachte: in der Tat. Aber im Grunde genommen mochte sie Hefti.

Heute war die Stimmung im Ratssaal unruhiger als sonst. Vor Sitzungsbeginn hatte der Angriff auf Angela Legler Gesprächsstoff gegeben. Diese saß tapfer im Saal, an der linken Schläfe ein großes Pflaster, mit geradem Rücken, als ob sie ein Brett verschluckt hätte, und mit einem Blick, der sagte: Ich lasse mich nicht mundtot machen. Der Fraktionspräsident hatte eine Debatte zum Vorfall vom Samstag verlangt, was aber von der Ratspräsidentin abgelehnt worden war. Sie hatte ihm nur eine kurze Erklärung zugestanden, in der er die Attacke verurteilte, ohne genauer auf die Ursache und den Kontext einzugehen. Es war eine heikle Angelegenheit, denn die CVP stand mehrheitlich gar nicht hinter Leglers Vorstoß, den Flohmarkt zu schließen, und war nicht glücklich über das Sonderzüglein, das sie in dieser Sache fuhr.

Die Debatte plätscherte weiter, noch immer ging es um die Steuersenkungen. Lina sah sich um. Wen sollte sie sich heute aussuchen? Vielleicht – ja, Ruth Noser. Die hatte ein interessantes Gesicht. Wenn Lina sich langweilte, fertigte sie manchmal kleine Bleistiftskizzen von den Kantonsräten an, keine Karikaturen, sondern Porträts, in denen sie versuchte, Stimmung und Ausdruck einzufangen. Obwohl sie diskret vorging, war das nicht verborgen geblieben. Es gab Ratsmitglieder, die misstrauisch darauf reagierten, im Vorbeigehen einen Kontrollblick warfen, um zu schauen, ob etwa sie das Opfer waren, aber auch andere, die ganz versessen darauf waren, von Lina gezeichnet zu werden, und ihr anboten, ihr Porträt zu kaufen. Denn es war bekannt, dass Lina Kováts auch Malerin war; eine kleine Galerie in Zürich stellte regelmäßig ihre Bilder aus. Lina fasste Ruth Noser ins Auge und begann, die Form ihres Kopfes zu skizzieren.

Kurz vor 10 Uhr betrat Streiff das Rathaus. Um 10 Uhr war Sitzungspause und er war mit Angela Legler verabredet, die ihm die Drohbriefe zeigen wollte, die sie in Sachen Flohmarktschließung erhalten hatte. Punkt 10 Uhr gingen die Türflügel des Ratssaals auf und die Politiker strömten heraus – in Richtung Café. Eine Frau mit einem dunklen Pagenkopf ging an ihm vorbei und grüßte ihn. Streiff nickte unverbindlich zurück. Wer war das bloß? Ach ja, vielleicht Lina Kováts, Valeries beste Freundin. Die arbeitete doch hier. Mit ihr kam er gar nicht gut zurecht, ihre oft wechselnden Haarfarben überforderten ihn heillos. Er war froh, dass Valerie und Lina keinerlei Neigung zeigten, ihre Freundschaft auf die zugehörigen Männer, ihn und diesen Hannes Neubauer, auszudehnen. Er schaute ihr nach. Sie ging auf einen Mann zu, der die Treppe hinaufkam. »Carlo«, rief sie, »kann ich rasch etwas mit dir besprechen?« Er hörte, dass der Mann sie mit Lina ansprach und wandte sich ab. Da erschien auch schon Angela Legler. Streiff hoffte, dass sie sich nicht mehr an seinen Sarkasmus vom Samstag erinnerte. Er fragte nach ihrem Befinden, aber Legler hatte keinen Sinn für Konversation.

»Kommen Sie«, sagte sie, »dort drüben sind wir ungestört.«

Er folgte ihr und sie reichte ihm zwei Briefe. Der eine war von Hand geschrieben, eine leicht lesbare, flüssige Schrift, der Brief gut formuliert. In deutlichen Worten wurde der Politikerin vorgeworfen, dass sie ein wichtiges Stück Alternativkultur abwürgen wolle, dass sie sich nicht schere um die Bedürfnisse der finanziell Minderbemittelten in dieser Stadt, dass ihr der direkte Draht zur Bevölkerung fehle. Der Brief war unterschrieben und mit einer Absenderadresse versehen.

»Das ist doch gar kein Drohbrief«, bemerkte Streiff. Hat die mich deswegen antraben lassen, fragte er sich gereizt.

»Bitte«, Legler hielt ihm einen zweiten Brief hin.

Dieser war auf dem Computer geschrieben und trug keine Unterschrift. Sie solle ihre Pfoten vom Flohmi lassen, wurde der Politikerin grob beschieden, sonst werde etwas passieren …

Streiff nahm die Briefe an sich und versprach, der Sache nachzugehen. Besonders beeindruckt war er nicht, es gab erstaunlich viele Leute, die ihrem Unmut über behördliche oder politische Entscheide in anonymen Briefen Luft machten. Aber immerhin, Angela Legler war am Samstag ein Stein nachgeworfen worden.

»Haben Sie einen konkreten Verdacht, von wem der Drohbrief stammen könnte?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Mit Leuten von diesem Niveau verkehre ich nicht«, stellte sie klar. »Meine Wählerschaft benimmt sich anders.«

Streiff ging darauf nicht ein. »Haben Sie am Samstag auf dem Flohmarkt jemanden bemerkt, der den Stein geworfen haben könnte? Haben Sie jemanden in einem bunten Pullover gesehen?«

»Jeder aus dieser unerzogenen Bande könnte mich angegriffen haben«, fuhr Legler auf. Wirklich weiterhelfen konnte sie nicht.

»Haben Sie Angst? Fühlen Sie sich persönlich bedroht?«, fragte er.

»Ich lasse mich nicht einschüchtern«, erklärte Legler stolz. »Ich habe einen Wählerauftrag.«

»Bei der Flohmarktschließung haben Sie aber vor allem Unterstützung von der SVP, nicht von Ihrer Partei«, konnte sich Streiff nicht verkneifen anzumerken.

»Das geht Sie gar nichts an«, klemmte sie ihn ab. »Sorgen Sie dafür, dass man sich in dieser Stadt frei bewegen kann, ohne zusammengeschlagen zu werden.« Sie wandte sich ab.

»Zu Befehl«, murmelte Streiff.

Die Pause ging dem Ende zu. Die Parlamentarier kamen grüppchenweise aus der Kaffeepause zurück. Ein großer massiger Mann mit Bürstenschnitt ging auf Angela Legler zu. »Na, geht es besser, Kiwi?«, fragte er.

Kiwi? Streiff wunderte sich.

»Sicher, so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen«, hörte Streiff sie antworten. Offenbar fand sie es völlig in Ordnung, Kiwi genannt zu werden.

Lina Kováts setzte den Kopfhörer auf und drückte auf die Playtaste. Die Kantonsratssitzung war zu Ende, sie hatte von der Tonaufnahme der Sitzung noch im Rathaus eine CD gebrannt und ging nun in ihrem Büro im Kaspar-Escher-Haus daran, das Protokoll zu schreiben. Nach einleitenden Worten der Präsidentin, der Ansage, welches Geschäft behandelt wurde, war der erste Redner dran, der sich zur Steuersenkung äußerte. Lina hörte Heinrich Leuzinger, einen SVP-Vertreter: »Das Rezept der Linken, mit dem man die finanzielle Situation des Kantons beheben soll, lautet, sie zu erhöhen.« Lina brauchte nicht lange für die Korrektur, sie schrieb: Das Rezept der Linken, mit dem sie die finanzielle Situation des Kantons verbessern wollen, lautet, die Steuern zu erhöhen. Sie konnte sich noch daran erinnern, dass er den Satz gesagt hatte. Manchmal kam sie sich bei ihrer Arbeit vor wie in einer Art Zeitschleife. Das erste Mal erlebte sie die Situation live, in Echtzeit, mit Bild und Ton, das zweite Mal auf den Ton reduziert, der aus dem Kopfhörer in ihren Kopf strömte, und das dritte Mal in abstrahierter Form, als Text auf dem Bildschirm oder als Papierausdruck. Jedes Mal war sie ein Stück weiter davon entfernt. Aber innerlich konnte sie sich die Stimmen der Ratsmitglieder auch noch vergegenwärtigen, wenn sie den redigierten Text auf Papier Korrektur las. Es war, als könnte sie die Sprechenden in einem bestimmten Moment in ihrer Vergangenheit festhalten, obwohl diese in ihrer Gegenwart schon ganz woanders waren und nicht ahnten, dass sie auf Linas CD gefangen waren in einem ewigen Montagmorgen.

Sie korrigierte die Unvollkommenheit des gesprochenen Wortes. Druckreif reden – darüber konnte sie nur lächeln. Das hatte sie nur ein einziges Mal erlebt. Das Normale waren, auch bei Rednern, die gut rüberkamen und sich verständlich ausdrückten, angefangene Sätze, die syntaktisch im Nirgendwo endeten, Kaskaden von verschachtelten Nebensätzen, die abrupt geschnitten wurden von einer ganz anderen Konstruktion, Präpositionen, die ihr Verb im Stich ließen, Verben, die sich davongemacht hatten, als Nominative verkleidete Akkusativobjekte, falsche Bezüge, hinkende Vergleiche, Aussagen, die sich verzweifelt durch eine aus dem Ruder laufende Grammatik kämpften. Lina liebte das. Sie ging mit einer Mischung aus kühlem Sachverstand und Fürsorglichkeit ans Werk, verbesserte Verbformen und Fallfehler, glättete behutsam Holprigkeiten, strukturierte endlos lange Sätze, rückte ein schiefes Sprachbild gerade, fügte ein fehlendes ›nicht‹ ein, strich Füllwörter oder fügte eines ein, um eine akustische Betonung, die im Schriftlichen nicht direkt abzubilden war, nachzuvollziehen, stellte Satzteile um, um den Satz flüssiger zu machen. »Es gibt Überflüssiges, das nicht immer seinem Zweck zugeführt wird«, hörte sie aus dem Kopfhörer. Solche seltenen sprachlichen Kostbarkeiten gefielen ihr besonders. Unbeabsichtigte Paradoxa, die in der Debatte untergingen, aber bei ihr zum Vorschein kamen und die nur sie zu würdigen wusste. Was sie daraus machen sollte? Vielleicht würde sie es stehen lassen, einfach, weil sie es schön fand.

Aber jetzt war es 15.30 Uhr. Kaffeepause, ihr Arbeitskollege Carlo Freuler hatte seinen Kopfhörer bereits abgestreift und stand auf. Nach der Pause musste sie noch zu einer kurzen Sitzung der AG KVK, um das Protokoll zu schreiben. Darauf freute sie sich, denn da würde sie Valerie treffen, die als Expertin in dieser Arbeitsgruppe saß; Valerie und sie waren seit Schulzeiten miteinander befreundet. Es gab im Kaspar-Escher-Haus für die Mitarbeitenden der Parlamentsdienste keinen eigentlichen Pausenraum, nur eine winzige, düstere Teeküche, an deren Tür die Farbe abblätterte, und auf dem Flur zwischen den Büros standen ein paar Tischchen und ein Getränkeautomat. DDR hatten sie dieses Gebiet getauft, bis vor einiger Zeit eine futuristisch aussehende Raucherkabine installiert worden war. Nun passte dieser Name nicht mehr ganz. Sie fanden sich bei der Teeküche zusammen, Carlo Freuler, der zweite Protokollführer, Mario Bianchera, der Kommissionssekretär der Parlamentsdienste, der Sitzungen organisierte und Berichte für die Kommissionen schrieb, und Raffaela Zweifel, die erst seit zwei Monaten da war. Sie ersetzte im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms für Arbeitslose des RAV die ständige Administrativsekretärin, die einen unbezahlten Urlaub genommen hatte, um in England einen Sprachkurs zu besuchen. Die junge Frau hatte es nicht ganz einfach im Sekretariat. Die anderen wunderten sich, warum Angela Legler, die Präsidentin der Verkehrs- und Umweltkommission und Ratslektorin und deshalb häufig auf dem Sekretariat anzutreffen war, so unfreundlich mit ihr umging. Lina, die es wusste, sagte nichts. Legler war ohnehin nicht die Herzlichkeit in Person, sondern eher der raubeinige Typ, aber Raffaela wurde von ihr regelrecht schikaniert. Gut, sie war kein Mäuschen, wusste sich schon zu wehren und konnte Legler recht spöttisch anblicken, aber oft sagte sie nichts, wenn diese an ihrer Arbeit herumkrittelte. Sie konnte nicht das Risiko eingehen, rausgeworfen zu werden, denn das hätte ihr bei der weiteren Stellensuche geschadet.

Carlo hatte ein Protokoll einer Sitzung der Verkehrskommission, die über Mittag stattgefunden hatte, in Arbeit.

»Die Noser hat ja keine Ahnung«, regte er sich auf. »Hat einen ellenlangen Antrag vorgetragen und nicht gemerkt, dass sie da etwas verwechselt hatte und er überhaupt nicht zum Thema passte. Was soll ich damit jetzt machen?«

»Einfach streichen«, meinte Lina friedlich und nahm einen Schluck Tee.

Aber Carlo hörte ihr gar nicht zu. »Und die Legler ist ja komplett unfähig, eine Sitzung zu leiten«, schimpfte er weiter, »keine Ahnung, wie man eine Diskussion strukturiert.«

Lina sagte nichts, Raffaela kräuselte spöttisch die Lippen.

»Also komm, die ist doch mit den Nerven runter wegen der Geschichte vom Samstag«, verteidigte sie nun Mario. »Da wäre jeder etwas mitgenommen.«

Mario Bianchera war ein liebenswürdiger Mensch, der sich nie über andere das Maul zerriss. Er war Mitte 30, dunkelhaarig, etwas rundlich, von Beruf Politologe und Historiker. Seit seiner Scheidung vor zwei Jahren, die ihm arg zugesetzt hatte, lebte er allein. Seine achtjährige Tochter sah er am Wochenende. Er war ein Familienmensch und hatte Mühe gehabt, sich an diese Situation zu gewöhnen. Nachdem er längere Zeit melancholisch und still gewesen war, war er seit einigen Monaten wieder fröhlicher, momentweise fast übermütig. Ab und zu bekam er ein SMS, das, seiner Reaktion nach zu schließen, nicht von seiner Tochter stammte. Er liebte sie zwar zärtlich, aber das verträumte Lächeln deutete auf etwas anderes hin. Lina hatte sich gefragt, ob er wieder verliebt war. Sie hätte es ihm gönnen mögen. Hoffentlich ist es eine Frau, die zu ihm passt, hatte sie gedacht. Denn so umgänglich und friedfertig Mario war, hatte er doch auch seine Ecken und Kanten. Er hatte eine fast strenge Liebe zur Wahrheit. Notlügen oder Lügen aus Höflichkeit, mit deren Hilfe sich ja die meisten Menschen durch ihr Sozialleben hangelten, kamen für ihn nicht infrage. Wenn er einen Fehler gemacht hatte, stand er dazu, und wenn er Kritik anzubringen hatte, tat er es, zwar sacht, aber klar, auch wenn es sich um den Ratspräsidenten oder ein Regierungsmitglied handelte. Auch seine kleine Tochter erzog er zur Ehrlichkeit. Lina hatte ihr einmal einen Lebkuchen geschenkt. Die Kleine hatte sich bedankt und dann hinzugefügt: »Es ist schade, dass ich Lebkuchen nicht so gern esse.« Das hatte sie in einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Charme gesagt, sodass Lina ganz beeindruckt gewesen war. Mario war allgemein beliebt, aber, mutmaßte Lina, in einer Beziehung mochte Marios Hang zu Offenheit und Gerechtigkeit vielleicht manchmal auch anstrengend sein. Jeder war doch darauf angewiesen, dass man einmal fünf gerade sein ließ, dass man etwas ein bisschen zurechtbog, verschwieg oder im Unklaren beließ. Jedenfalls hatte Mario durchaus Verständnis für menschliche Schwächen und war der Einzige, der Angela Legler in Schutz nahm.

Carlo zuckte die Schultern. »Dann soll sie sich krankschreiben lassen. Wäre eh eine Wohltat für alle«, brummte er.

Es war nichts Neues, dass Carlo in Rage geriet. Nicht nur wegen Angela Legler, aber wegen ihr besonders. Er hasste seine Arbeit, und mit Legler war er in einen zähen Kleinkrieg verwickelt, in dem beide einander nichts schenkten. Legler war Ratslektorin, was bedeutete, dass sie es war, die das fertige Ratsprotokoll nochmals las und letzte Korrekturen anbrachte, die Lina oder Carlo dann ausführen mussten. In dieser Funktion, das war auch Lina klar, war sie eine Fehlbesetzung. Sie hatte kein Sprachgefühl, keine soliden Grammatikkenntnisse, dafür ein großes Durcheinander mit der neuen Rechtschreibung im Kopf. Das hatten Carlo und Lina zwar nach dem Hin und Her der letzten Jahre mittlerweile ebenfalls, aber im Unterschied zu Madame Legler waren sie nicht zu stolz, in Zweifelsfällen den Duden zu konsultieren. Die Politikerin war rechthaberisch und stur und da man kein fehlerhaftes Ratsprotokoll im Internet wollte, war es immer wieder eine heikle diplomatische Mission, sich einvernehmlich auf die richtige Lösung zu einigen. Eine Mission, die immer öfter Lina übernehmen musste. Denn von Carlo Freuler ließ sich Angela Legler gar nichts sagen. Das, zusammen mit deren Falschkorrekturen, trieb Carlo zur Weißglut. Lina nahm das Ganze nicht so persönlich und sie wurde nicht ganz so von oben herab behandelt, aber angenehm war der Job auch für sie nicht.

Lina und Carlo hatten einmal Esther Jenny, die Leiterin der Parlamentsdienste, um Vermittlung gebeten. Aber sie, kurz vor der Pensionierung stehend, hatte keine Lust gehabt, sich in fremde Händel einzumischen.

»Der Geschäftsleitung einen Antrag stellen, Frau Legler als Ratslektorin abzusetzen?«, hatte sie entsetzt gerufen. »Kinder« – Carlo war 55 und Lina immerhin 48 – »nein, das können wir unmöglich machen. Dafür sind wir überhaupt nicht zuständig. Seid einfach höflich zu ihr und zeigt ihr, was im Duden steht.«

Also schlugen sich Carlo und Lina irgendwie durch.

Carlo trank seine Ovomaltine aus und wandte sich an Lina: »Du gehst doch nachher noch auf diese Sitzung der AG KVK.«

Lina wusste, was kommen würde.

»Könntest du nicht diesen Protokollauszug da mitnehmen und Legler vorlegen? Sie sagt hier oben auf der Seite das Gegenteil von dem, was sie hier unten behauptet. Kannst du das mit ihr klären?«

»Okay, mach ich.«

Insgeheim hielt Lina auch Carlo für eine Fehlbesetzung in diesem Job und fragte sich, warum er ihn nicht einfach aufgab. Seine Frau war eine Zahnärztin mit einer gut laufenden Praxis. Sie verdiente sicher genug für die ganze Familie. Carlo, der Philosophie studiert hatte, war eigentlich Schriftsteller. Er schrieb seit Jahren an einem Roman, der immer dicker, aber nie fertig wurde. Er wäre sicher glücklicher, dachte Lina, wenn er den ganzen Tag unbehelligt in seiner Klause sitzen und schreiben könnte. Die Arbeit im Kantonsrat betrachtete er als eine Zumutung, als eine ständige Beleidigung seiner Fähigkeiten. Es machte ihm keine Freude, abgestürzte Sätze zu retten, aus einem unbeholfenen Sprachgebilde etwas Schönes zu machen, aus unzusammenhängenden Sprachfetzen einen Sinn herauszuschälen. Er verachtete die Ratsmitglieder, die er allesamt für strohdumm hielt. Es kränkte ihn tief, hierarchisch unter ihnen zu stehen und für sie eine Dienstleistung erbringen zu müssen, die sie nicht einmal zu würdigen wussten.

Aber vielleicht brauchte es Carlo für sein Selbstwertgefühl, auch etwas zum Familienunterhalt beizutragen. Jedenfalls sprach Lina nie mit ihm darüber, es ging sie ja nichts an. Sie packte ihre Sitzungsunterlagen und den Protokollauszug von Carlo in eine Kartonmappe, klemmte sich den Laptop unter den Arm und machte sich auf den Weg zum Sitzungszimmer.

Es ging gegen 17.30 Uhr. Die Luft im Sitzungszimmer war verbraucht. Angela Legler, die als Präsidentin der AG KVK oben am Tisch saß, sah sich um.

»Noch Wortmeldungen?«

Niemand sagte etwas.

»Dann sind die Meinungen also gemacht. Wir stimmen ab.«

Die Kommission hatte die Linienführung des Fahrradwegs durch das Seefeldquartier diskutiert. Auf der mehrspurigen, dicht befahrenen Bellerivestraße kam ein Radweg nicht infrage. Es musste also entweder in der Dufourstraße oder der Seefeldstraße eine Lösung gefunden werden. Einfach war es nicht. Die Fläche, die zur Verfügung stand, war gegeben, Fußgänger, Autos, Räder mussten irgendwie aneinander vorbeikommen. Peter Spälti vom Raumplanungsamt hatte anhand von Skizzen erläutert, welche Varianten möglich waren. In der Seefeldstraße war der Platz auch wegen der Tramgleise eng. Besser sah es in der Dufourstraße aus. Aber die zweispurige Straße war nicht besonders breit, das Trottoir auch nicht, links und rechts hatte es, vor allem im oberen Teil, Restaurants, Geschäfte und Firmensitze. Der Zankapfel waren die Parkplätze. Würde man die aufheben, wäre Platz für einen Veloweg. Valerie Gut erklärte, wie wichtig es sei, in diesem langgezogenen Wohnviertel, in dem viele Familie lebten, eine durchgehende, sichere Radwegverbindung zu schaffen. Ruth Noser von der SP und der Grüne Simon Hefti plädierten für die Streichung der Parkplätze. Die Freisinnige Nora Beglinger und der SVP-Vertreter Heinrich Leuzinger, ein Gewerbler, waren strikt dagegen. Man müsse auch an die Restaurantbesitzer und Ladeninhaber in der Umgebung denken. Aber mit der Stimme der Präsidentin würde der Radweg siegen. Sie hatte sich in der Diskussion zurückgehalten, ihre Aufgabe war es, die Diskussion zu strukturieren und zu leiten, aber es war bekannt, dass die CVP in dieser Debatte eine fahrradfreundliche Haltung einnahm.

»Wer ist für die Aufhebung der Parkplätze zugunsten des Velowegs?«

Zwei Stimmen.

Valerie und Lina sahen sich über den Tisch hinweg überrascht an.

»Gegenstimmen?«

Drei Stimmen.

Angela Legler hatte dagegen gestimmt.

Ruth Noser und Simon Hefti warfen der Präsidentin befremdete Blicke zu und flüsterten miteinander. Heinrich Leuzinger strahlte.

»Wir werden bei der Verkehrskommission also beantragen, die Parkplätze in der Dufourstraße nicht aufzuheben. Für einen Fahrradweg muss eine andere Lösung gesucht werden«, erklärte Angela Legler ungerührt.

Valerie runzelte die Stirn. Es gab keine andere Lösung, das wusste Legler doch haargenau. Die Kommission hatte sich lange genug mit diesem Problem herumgeschlagen.

»Die Sitzung ist aufgehoben.«

Peter Spälti packte seine Unterlagen zusammen. Simon Hefti redete auf ihn ein. Spälti zuckte die Schultern. Es war nicht Aufgabe der Verwaltung, die Entscheide einer politischen Kommission zu kommentieren. Ruth Noser wandte sich an Nora Beglinger.

»Das kann ja wohl nicht das letzte Wort in dieser Sache gewesen sein, Nora«, drängte sie. »In eurer Fraktion gibts doch auch Leute, die einsehen, dass es ein durchgehendes Velowegnetz braucht in dieser Stadt.«

»Sicher, aber ihr von der Linken denkt einfach nie ans Gewerbe«, konterte diese. »Eure Klientel braucht auch Arbeitsplätze.«

Heinrich Leuzinger winkte Legler fröhlich zu und verließ das Sitzungszimmer.

Lina packte ihre Sachen, ging rasch zu ihr, legte ihr Mäppchen auf den Tisch und zog den Protokollauszug hervor.

»Hier besteht eine Unklarheit«, meinte sie und deutete auf die beiden Textpassagen. Angela wirkte nervös. Klar, sie wusste, dass von der CVP-Vertreterin ein anderer Entscheid erwartet worden war. Sie bemerkte, dass Ruth Noser darauf wartete, mit ihr zu reden, nahm Lina ungeduldig das Blatt aus der Hand, ohne genau zuzuhören, und überflog es.

»Ja, ja, schreiben Sie das so, wie es hier oben steht, das ist schon richtig«, sagte sie kurzangebunden und schob das Papier zurück in die Mappe. Lina sah auf. Valerie gab ihr ein Zeichen, sie würde draußen auf sie warten. Ruth Noser räusperte sich. Angela Legler schob Lina ihr Mäppchen zu und ergriff ihr eigenes. Offenbar hatte sie wirklich etwas von ihrer Kaltschnäuzigkeit verloren, das waren wohl die Nachwirkungen vom Samstag. Sie wandte sich ihrer Kollegin zu.

Noser galt im Rat als integrative Person, die stets das persönliche Gespräch suchte und die Fronten durch Kompromissvorschläge aufzuweichen versuchte. Es gab in jeder Partei einige, die Extrempositionen besetzten, polarisierten, die Fronten markierten. Dann gab es andere, die als Go-Betweens vermittelten, den Konsens suchten, die über die Burggräben hinweg zähe Kleinarbeit leisteten, um Einigungen hinzukriegen. Ruth Noser gehörte zu diesen. Es war, fand Lina, entschieden der härtere Job, als kämpferisch Extremforderungen zu stellen und sich um ihre Realisierbarkeit zu foutieren.

»Darüber sollten wir nochmals reden, Angela«, hörte Lina sie noch sagen, bevor sie ging. Draußen wartete Valerie auf sie.

»Was war denn mit der los?«, fragte Lina. »Weißt du, warum sie plötzlich umgeschwenkt ist? Ihre Fraktion wird keine Freude haben daran.«

Valerie schüttelte den Kopf. »An der letzten Sitzung vor drei Wochen sah es noch ganz anders aus. Vielleicht rächt sie sich damit für die Demütigung vom Samstag.«

»Das wäre dumm«, stellte Lina fest.

»Ja, aber vielleicht verlockend«, meinte Valerie. »Gehst du auch nach Hause?«

Valerie und Lina wohnten nicht weit voneinander entfernt.

»Nein, heute arbeite ich länger. Ich will mit dem Ratsprotokoll ein gutes Stück vorwärtskommen, weil ich ja noch dieses Sitzungsprotokoll schreiben muss. Carlo kann mir nichts abnehmen, der verliert ständig so viel Zeit damit, sich zu ärgern, dass er kaum vom Fleck kommt.«

Lina sah auf die Uhr. Fast 21 Uhr. Alle anderen waren längst gegangen. Fertig für heute, dachte sie, schloss das Dokument, beendete das Programm und stellte den Computer ab. Ob ich noch auf einen Sprung bei Valerie vorbeigehe? Oder ich könnte Hannes anrufen. Ach ja, ich sollte noch Carlo den korrigierten Protokollauszug hinlegen, der kommt morgen wahrscheinlich früher als ich. Sie öffnete ihre Kartonmappe. Eine Sekunde setzte ihr Denken aus. Verdammt! Was war denn das? Wie kam das hier hinein? Und wo war der Protokollauszug? Scheiße, das war überhaupt nicht ihre Mappe. Das war, das musste – Angela Leglers Mappe sein. Aber wieso lagen in Angela Leglers Kartonmappe sieben Tausendernoten? Trug sie ihr Haushaltsbudget mit sich herum? Kaum. Da war noch ein Zettel dabei, handgeschrieben: »Danke für dein Entgegenkommen. P.« Die Schrift kam ihr vage bekannt vor. Was für ein Entgegenkommen? Waren die 7000 Franken eine Belohnung für irgendein Entgegenkommen? Ging es hier um Bestechung? Um Erpressung? Oder einfach um eine Privatsache, die Lina nichts anging? Wer war P? Vielleicht war es gar nicht Leglers Mappe. Lina erinnerte sich an das Durcheinander an Leglers Platz nach der Sitzung. P. Spälti, der Raumplanungsexperte, hieß Peter. Hatte er Angela Legler 7000 Franken rübergeschoben? Das machte keinen Sinn. Aber niemand sonst in der Kommission hatte einen Namen mit P. Legler konnte die Mappe natürlich schon mit an die Sitzung gebracht haben. Was sollte sie jetzt tun? Esther Jenny anrufen? Nein, die saß wahrscheinlich in der Oper oder im Theater. Und sie könnte ja auch nichts machen. Angela Legler anrufen? Unmöglich. Das könnte ziemlich peinlich sein: Ach, Frau Legler, ich habe da 7000 Franken gefunden. Gehören die zufällig Ihnen? Überhaupt, jetzt war es schon gegen 21.30 Uhr. Diese komische Sache musste warten bis morgen. Plötzlich fühlte sich Lina nicht mehr wohl im Büro. Es war niemand mehr da. Aber irgendjemandem gehörte diese Mappe. Und dieser Jemand wollte sie bestimmt zurückhaben. War die Person schon auf den Gedanken gekommen, dass sie sich bei ihr befand? Lina schloss die Mappe mitsamt Inhalt in ihrer Pultschublade ein. Auf dem Heimweg würde sie Valerie anrufen. Sie schlüpfte in ihre Jacke und hängte sich die Tasche über die Schulter.

Lina wollte zu Fuß gehen. Ein bisschen Bewegung und frische Luft würden ihr nach dem langen Tag guttun. Und sie wollte nachdenken. Sie ging das Limmatquai hinunter, blieb ab und zu vor einem Schaufenster stehen. Dann überquerte sie die Rathausbrücke und bog in eine der Altstadtgassen ein, die zum Paradeplatz führten. Auch hier jede Menge Kleiderboutiquen, aber in der obersten Preisklasse. Es wäre Lina nie in den Sinn gekommen, ein solches Geschäft zu betreten, aber sie schaute sich ganz gern an, was ausgestellt war. Dann kombinierte sie Fundstücke aus Secondhand-Läden mit günstigen Warenhausteilen und brachte es fertig, ebenso top auszusehen wie die Frauen in den teuren Sachen, aber zu einem Zehntel des Preises. Heute waren ihre Gedanken woanders. Sie musste morgen im Verzeichnis der Ratsmitglieder nachschauen, wie viele Namen mit P. begannen. Purtscher, Piller, Pfammatter. Pius, Priska, Philipp. Sie wollte die Mappe zu Jenny bringen. Die würde sich freuen. Sie hatte es am liebsten, wenn alles ruhig und geordnet vor sich ging, ohne dass sie irgendwie eingreifen musste. Für Leute, die gern selbstständig arbeiteten, war sie eine ideale Vorgesetzte, aber Entscheidungen von ihr zu verlangen, war nie eine gute Idee.

Es waren nicht mehr viele Leute unterwegs in der Altstadt. Ein paar Meter neben Lina stand ein Paar vor einem Schaufenster, die Frau im Pelz, obwohl es noch gar nicht so kühl war. Wahrscheinlich Touristen, die im Baur au Lac abgestiegen waren.

Plötzlich nahm Lina im Schaufenster, das ein undeutliches Spiegelbild zurückwarf, eine Bewegung hinter sich wahr, dann erhielt sie einen heftigen Schlag. Sie taumelte, spürte, wie ihr die Tasche entrissen wurde. »Halt!«, schrie sie. Sie drehte sich um, aber sah nur noch, wie eine schmale Gestalt in Jeans, schwarzer Jacke und Mütze davonspurtete. Das Ganze hatte nicht mehr als ein paar Sekunden gedauert. Linas Schulter schmerzte und sie fasste sich an die Stirn. Sie war mit dem Kopf an die Scheibe gedonnert, fühlte schon die Beule, die sich bildete. Sie zitterte. Das Touristenpaar war immer noch da, wandte sich aber zum Gehen.

»Hallo«, rief Lina, »haben Sie den Dieb gesehen? Warten Sie doch. Ich bin beraubt worden.«

Der Mann drehte sich um und sagte in gebrochenem Deutsch: »Wir nichts gesehen. Wir Touristen. In der Schweiz viele Drogen. Mit das wir haben nicht zu tun. Komm, Flavia.« Sie entfernten sich rasch.

Lina blieb stehen, unfähig, vernünftig zu denken. Plötzlich bekam sie Angst. Bloß weg aus dieser dunklen, unbelebten Gasse, schnell zum Paradeplatz, wo es Menschen gab und Licht. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie rannte. Am Paradeplatz setzte sie sich erst mal auf eine Bank. Hier schien alles ganz normal. Ein Elfer fuhr ab, in Richtung Bellevue. Ein Dreizehner bog ein. Leute stiegen aus, andere warteten auf den Achter oder den Zweier. Das Touristenpaar war nirgends zu sehen. Vermutlich erholen sie sich in der Savoy Bar bei einem Cüpli von der schockierenden Konfrontation mit der Zürcher Gewaltkriminalität, dachte Lina wütend. Sie versuchte sich zu sammeln. Alles war weg. Geld, Ausweise, Handy, Skizzenblock. Nur die Schlüssel hatte sie noch, die trug sie in der Jeanstasche. Ich muss die Karten sperren lassen, dachte sie, aber ich habe die Telefonnummern nicht dabei und das Telefon ist auch weg. Ich muss Anzeige erstatten. Langsam, mit weichen Knien, ging sie in Richtung Urania, der Hauptwache der Stadtpolizei. Plötzlich blieb sie stehen. Die Mappe mit den 7000 Franken. Das hatte sie in den letzten zehn Minuten völlig vergessen. Konnte das mit dem Überfall zu tun haben? Sollte sie davon bei der Polizei etwas sagen? Sie entschied sich dagegen. Es wäre zu kompliziert, auch noch diese Geschichte aufzutischen.

Sie betrat das Polizeigebäude, wandte sich an den Schalter, der besetzt war, setzte zu einer Erklärung an und merkte beschämt, wie sehr sie zitterte.

»Meine Tasche ist«, begann sie und musste abbrechen, weil ihr plötzlich die Tränen kamen.

»Sind Sie überfallen worden?«, fragte der Beamte und musterte sie.

Lina fasste sich an den Kopf und spürte die Schwellung an ihrer Stirn. Sie nickte und schluckte. Sie kämpfte die Tränen nieder, beschimpfte sich innerlich: Lina, du legst hier keine Heulszene hin, reiß dich gefälligst zusammen, und dann gelang es ihr einigermaßen, geleitet von Fragen des Polizisten, den Tathergang zu schildern und ihre Tasche zu beschreiben.

Große Hoffnungen machte ihr der Beamte nicht. »Gut möglich, dass wir die Tasche finden, aber wahrscheinlich leer«, bedauerte er.

Er nahm das Protokoll auf, das Lina unterschrieb.

»Möchten Sie jemanden anrufen?«, bot er an.

Sie schüttelte den Kopf und ging. Dann stand sie wieder draußen, es war gegen 22.30 Uhr, ohne Geld, ohne Tramabo. Wie sollte sie nach Hause kommen? Hätte sie doch Valerie anrufen sollen? Nein, sie wollte jetzt gar nicht erzählen. Am liebsten hätte sie sich in ein Taxi gesetzt, aber dann würde sie vermutlich in Kürze wieder hier landen, abgegeben von einem empörten Taxifahrer wegen Nichtbezahlen der Fahrt. Laufen wollte sie auf keinen Fall, also kam nur Schwarzfahren infrage. Sie war plötzlich todmüde.

Carlo Freuler schaute in den Garten hinaus. Das Licht in seinem Arbeitszimmer hatte er gelöscht. Das schon fast blattlose Geäst des Apfelbaums hob sich schwarz ab vom durch das Mondlicht etwas helleren Himmel. Kälte strömte ins Zimmer. Angenehme Frische. Von der nahe gelegenen Kirche schlug es 23 Uhr. Zeit hinunterzugehen. Ingrid saß sicher noch im Wohnzimmer und wartete auf ihn. Er schloss das Fenster und machte das Licht an. Das Mansardenzimmer war klein, kaum zehn Quadratmeter. Abgeschrägte Wände. Auf dem Fußboden ein verblichener Teppich. Niedrige hölzerne Bücherregale standen an den Wänden, vor dem Fenster sein Schreibtisch, übersät mit Notizzetteln. In der Mitte ein Computer, kein flacher Laptop, sondern ein massiges, sperriges Ding der vorletzten Generation. Diese wenigen Quadratmeter waren sein Reich. Hier war er wirklich zu Hause. Unten in der Wohnung fühlte er sich eher wie ein Besucher. Sicher, Ingrid, seine Frau, war dort. Aber auch seine Söhne, Fabian und Patrick, die ihm eigentlich fremd waren, gingen ein und aus, hörten Musik, die ihm nicht gefiel, brachten Freunde und Freundinnen mit, von denen er sich gestört fühlte. Als sie klein waren, hatte er sie als unverständliche Wesen empfunden. Kinderspiele langweilten ihn und später war er weiß Gott nicht der Vater gewesen, der ihnen beibringen konnte, Fußball zu spielen. Später, wenn sie größer sind, werde ich mit ihnen Gespräche führen können, hatte er gedacht. Aber bis jetzt war es nicht so gekommen. Der Ältere interessierte sich für Naturwissenschaften, der Jüngere vor allem für Sport. Carlo bezweifelte, dass sie in ihrer Freizeit Bücher lasen.

In die Mansarde hinauf kam niemand außer ihm. Er berührte das dünne Bündel Papier, das er frisch ausgedruckt hatte. Zwei Seiten hatte er in den letzten drei Stunden überarbeitet, eine halbe neu geschrieben. Er arbeitete langsam. Er hatte keine Eile. Irgendwann würde sein Roman fertig sein. Irgendwann würde er sein Buch in den Händen halten. Es würde in den Buchhandlungen ausliegen, von den Feuilletons der bedeutenden Zeitungen rezensiert werden.

Carlo ging hinunter. Ingrid lag im Wohnzimmer auf dem hellen Ledersofa. Das Licht war gedimmt. Die Einrichtung war modern, etwas kühl, viel Glas, wenig Holz. Sie war so, wie es Ingrid gefiel. Carlo überließ derlei Dinge am liebsten ihr, wollte gar nicht damit behelligt werden. Aber manchmal ging ihm doch durch den Kopf, ob seine Passivität nicht ein Fehler war, ob es nicht auch damit zusammenhing, dass er sich am Rand der Familie aufhielt. Hätte er es sich anders gewünscht? Carlo hätte es nicht sagen können. Es war einfach passiert, im Laufe der Jahre, und eine Wende in seinem Leben würde erst möglich sein, wenn sein Roman erschienen war, davon war er überzeugt. Als Ingrid ihn eintreten sah, legte sie ihr Buch weg, streifte die Kopfhörer ab und schaltete den CD-Player aus.

»Na«, fragte sie, »fühlst du dich besser?«

Er lächelte ihr zu. Nickte. Beim Abendessen war er missmutig gewesen, von einer gereizten Schweigsamkeit wie oft an den Tagen, an denen er für den Kantonsrat arbeitete. Er hatte wegen einer Nichtigkeit Fabian angefahren, der daraufhin unter Protest den Familientisch vorzeitig verlassen hatte. Ja, Carlo fühlte sich jetzt besser. Das Schreiben, die Stunden allein in seiner Mansarde machten ihn ruhig.

»Magst du auch ein Glas Wein?« Ingrid deutete auf die Flasche, Carlo holte sich ein Glas. Wenn man Ingrid gefragt hätte, ob sie ihren Mann liebte, hätte sie zweifellos mit Ja geantwortet. Carlo gehörte zu ihrem Leben, zu ihrer Familie, sie war froh, wenn es ihm gut ging. Aber sie wäre mit ihrem Leben ebenso klargekommen, wenn Carlo nicht da gewesen wäre. Das war ihr bewusst. Manchmal fragte sie sich, ob Carlo das ahnte. Vielleicht kränkte es ihn, aber sie konnte es nicht ändern. Sie wusste auch, dass er ohne sie schlecht zurechtkommen würde. Das war ein großes Ungleichgewicht, aber es war eben so. Besser, man sprach nicht darüber. Natürlich merkten das auch Fabian und Patrick, und Takt und Feingefühl in Bezug auf die Eltern waren nicht gerade die Stärken von Heranwachsenden.

»Sind die beiden da?«, fragte er, auf die Türen zu den Zimmern von Fabian und Patrick deutend.

»Fabian ist schon zu Bett gegangen«, sagte Ingrid. Sie verschwieg, dass seine Freundin bei ihm war. »Patrick ist noch mit Freunden unterwegs.« Fabian war 17 und ging ins Gymnasium, Patrick 19 und studierte Chemie an der ETH. »Du warst schon ziemlich schlecht gelaunt«, fügte sie hinzu. So aufbrausend Carlo war, von seiner Frau ließ er sich das sagen.

»Ich bewundere dich, wie ruhig du immer bleiben kannst«, meinte er seufzend.

Sie lachte. »Ich tobe mich eben tagsüber aus. Quäle meine Patienten.«

Ingrid war Zahnärztin und führte eine Praxis an der Löwenstraße. Eigentlich konnte Carlo nicht verstehen, was sie an diesem Beruf fand. Fremden Leuten, die Angst hatten, im Mund herumzufingern, konnte doch keinen Spaß machen. Aber sie war halt ein praktischer Mensch. Und Carlo hatte Verstand genug, um zu sehen, dass die ganze Familie, vielleicht vor allem er selbst, von ihrem Sinn fürs Praktische lebte. Nicht nur finanziell. Sie managte die Familie, organisierte den Haushalt, die Ferien, das diffizile Beziehungsleben zwischen den heranwachsenden Söhnen und einem Vater, der sich die meiste Zeit hinter eine Mansardentür zurückzog.

Die Wohnungstür ging auf. Patrick kam herein. Er schwankte leicht, offenbar war er mit seinen Freunden Bier trinken gegangen.

Er machte eine ironische kleine Verbeugung vor seinem Vater.

»Oh, der große Dichter ist von den höheren Gefilden in die Niedrigkeiten der guten Stube herabgestiegen.«

»Was fällt dir ein?«, rief Carlo.

»Patrick, bitte«, sagte gleichzeitig Ingrid.

Patrick grinste. »Easy. Bei welchem Kapitel bist du jetzt? Beim 487.?«

»Hör auf«, mahnte Ingrid, ärgerlich werdend.

»War nur ein kleiner Scherz, schlaft gut.« Patrick verzog sich.

Carlo starrte vor sich hin.

»Reg dich nicht auf«, Ingrid strich ihm übers dünn gewordene Haar. »Patrick ist ein Naturwissenschaftler. Er interessiert sich nun mal nicht für Literatur. Das musst du akzeptieren. Die beiden Jungs sind erwachsen, wir sind nicht mehr die großen, bewunderten Eltern.«

Carlo schwieg.

»Schau, du hast vor ein paar Tagen eine abfällige Bemerkung über sein Chemiestudium gemacht. Das war jetzt halt die Retourkutsche. Nimm es nicht zu ernst. Komm, gehen wir zu Bett.«

Irgendwann, dachte Carlo, wird mein Roman in den Buchhandlungen ausliegen. Er wusste, was die Rezensenten schreiben würden: »Beeindruckendes Zeitbild … überraschend neuer Blick auf die Gesellschaft des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts …« Ingrid würde es nicht verstehen, sein Buch, auch wenn sie sich auf fürsorgliche Weise darüber freuen würde; seine Söhne auch nicht, und das ganze tumbe Politikerpack im Kantonsrat erst recht nicht. Obwohl es denen gut tun würde, mal über den eigenen Tellerrand zu schauen.

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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
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ISBN:
9783839236307
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