Kitabı oku: «Gretchens Rache»
Isabel Rohner
GRETCHENS RACHE
Kriminalroman
ULRIKE HELMER VERLAG
ISBN (eBook) 978-3-89741-935-3
ISBN (Print) 978-3-89741-451-8
CRiMiNA ist ein Imprint des Ulrike Helmer Verlags, Roßdorf b. Darmstadt
© 2021 eBook nach der Originalausgabe
© 2021 Copyright Ulrike Helmer Verlag, Roßdorf b. Darmstadt
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Atelier KatarinaS / NL
unter Verwendung der Fotografie
»Aschenputtel« © kallejipp / photocase.de
www.ulrike-helmer-verlag.de
Starring
Linn Kegel
unorganisierte und eigenbrötlerische Krimi-Autorin,
die Treffen mit anderen AutorInnen und der Presse hasst
und dementsprechend keinen Bock hat auf die Einladung von
JO HARTMANN
Linns Verleger, der genau so ein Treffen über ein ganzes
Wochenende organisiert hat und dabei eine unerwartet
überraschende Überraschung plant mit
BETTINA HEIDENREICH
Chefin einer Künstleragentur, die persönlich aufpasst,
dass ihre Schauspieltruppe beim gebuchten Theater-Dinner
keinen Mist baut, sehr zum Bedauern von
NELLY NOWAK
Wirtin des Restaurants Zur Goldenen Schlange,
die Gäste aus der Stadt nicht ausstehen kann
und bei Schauspielern akut Ausschlag bekommt, anders als
LORETTA COPPELIA
Krimi-Autorin und Linns Hauptkonkurrentin,
die nichts gegen Mord und Totschlag auf der Bühne hat
und weit besser als Linn mit der Presse kann,
z.B. mit
CASPAR BRIMBORIUS
dem eingebildeten Literaturpapst bei der Hamburger
Allgemeinen Tageszeitung (Hatz) und
DORIS KRANICH
der kapitalistischen Literaturpäpstin beim
Blatt für Literarische Angelegenheiten (Bla) und
AYNUR MÜLLER
Praktikantin beim Spreewälder Boten (SpreeBot)
und Bücherwurm mit Stauballergie,
die geflissentlich ignoriert wird; nicht nur von
ROLAND WEISSWEILER
einflussreicher Kritiker von Literatur Heute
und hemmungsloser Bewunderer von
WALTRAUD DAMPF, genannt MADAMPF
intellektuelle Sex-Bombe und Autorin einer
siebzehnbändigen Philosophiegeschichte des Penis
von der Antike bis heute,
versteht sich überhaupt nicht mit
GIOVANNI FABER
Autor von Altmännerphantasien, hat darum auch eine Vorliebe für Schauspielerinnen wie
MANDY-CHEYENNE FRÖBE
Schauspielerin aus Bettina Heidenreichs Agentur und zu ihrem großen Bedauern ausgerechnet die Bühnenpartnerin von
BERTRAM »SAG NICHT BERTI ZU MIR« BALINSKI
Schauspieler mit Ambitionen, der nicht als Einziger ein ziemlich dunkles Geheimnis hat, sehr zum Leidwesen von
LINN KEGEL
die ein schreckliches Wochenende erwartete, aber niemals damit gerechnet hätte, dass es für mindestens einen Gast tödlich enden würde.
FERNER SPIELEN EINE ROLLE:
Xaver, Bettina Heidenreichs Freund
und seine verzweigte Verwandtschaft
Karl, ein Fährmann im Spreewald
ein attraktiver Kanufahrer
eine sorbische Sage
ein überforderter Angestellter vom telefonischen Bank-Service
ein mysteriöser Mann im schwarzen Auto
Agatha Christie und ihr Giftschrank
eine Spritze
die mysteriöse Pflanzenwelt
eine bedauernswerte Fliege
ein paar erfolgreiche Literaten
und, ach ja, das Patriarchat
MUSIKALISCH UNTERMALT WIRD DIE GESCHICHTE VON:
Coolio feat. L.V. »Gangsta’s Paradies«
Beyoncé »Crazy in Love«
Pink »Beautiful Trauma«
Katja Ebstein »Theater, Theater«
UND ZU ESSEN GIBT’S:
eine angematschte Banane
Kekse
viel zu viele Schokoriegel
Sandwichs aus dem Automaten
alles rund um und mit Spreewaldgurken
einen gruseligen Wels
Lachs mit Nudeln und Sahnesoße mit Erbsen und Parmesan
schrecklichen Kaffee
Bier (leider nur eines davon alkoholfrei)
Schnaps, Sekt und Rotwein –
und wie immer auch davon viel zu viel
Prolog
Wie immer ließ sie sich bei der Pflege ihrer Pflanzen viel Zeit. Langsam ging sie von einer zur nächsten – von der Aloe Vera zum Elefantenohr, vom afrikanischen Feigenbaum zum Zebrakraut und weiter. Jede schaute sie sich aufmerksam an und entschied dann, ob sie sie goss, ihre Blätter zärtlich streichelte, sie beschnitt oder einfach ein bisschen mit ihr redete. Manchmal sang sie ihnen etwas vor, sogar dem Bambus, auch wenn er das nicht immer mochte. Am liebsten jedoch waren ihr die Orchideen. Sie hoffte insgeheim, dass die anderen Pflanzen das nicht mitbekamen, und versuchte ihre Vorliebe nicht allzu deutlich zu machen. Aber insbesondere, wenn die Orchideen wieder zu blühen begannen, fiel ihr das schwer. Dann musste sie sich bewusst zusammenreißen, um erst alle anderen Pflanzen in dem kleinen, warmen Raum zu versorgen, bevor sie sich den Orchideen zuwandte.
Auch an diesem Tag war es so. Sanft strichen ihre Finger über die großen Blätter ihrer prächtigen Monstera deliciosa. Sie überprüfte die Fortschritte der Setzlinge – wie gern hätte sie mit dem Versuch, eine eigene Brechnuss zu züchten, endlich Erfolg, doch noch war es ein kleiner und schmächtiger Trieb, der da aus der Erde hervorzubrechen begann. Aus den Augenwinkeln sah sie schon die zartrosa und hellblauen Blüten ihrer Schmetterlingsorchideen. Wie wunderschön diese Blumen doch waren! Dass einige Menschen Orchideen für tote Gewächse hielten, konnte sie nicht verstehen. Sie waren einfach perfekt schön. Wäre sie eine Pflanze, sie würde sich wünschen, eine Schmetterlingsorchidee zu sein. Stolz, hochgewachsen und makellos.
Sie konnte nicht mehr länger warten. Eifrig zog sie sich einen Stuhl an die Fensterbank, auf der die Orchideen standen, und begutachtete jedes Detail: Bewunderte die zarten, doch widerstandsfähigen Blütenblätter mit dem charakteristischen Labellum, die langen eleganten Stängel mit den kurzen Blättern, befühlte die Konsistenz der Erde.
Sie war ganz in Gedanken versunken, als sie schließlich die Fliege bemerkte, die sich in den Raum verirrt hatte und sich nun auf dem Neuzugang niederließ, den sie erst gestern in der Gärtnerei gekauft und neben die Orchideen auf die Fensterbank gestellt hatte. Angezogen von der Farbe und wohl auch vom Duft, saß die Fliege nun auf den saftig rotgrünen Blättern der Dionaea muscipula.
Ohne Eile, aber mit zunehmender Gier erkundete die Fliege das süße Sekret auf den Blättern. Mit ihrem Saugrüssel folgte sie ihm auf den beiden aneinander liegenden halbkreisförmigen Blattflächen – eine kaum größer als die Fliege selbst. Sogar die Blattkanten mit ihren langen Stacheln wurden sorgfältig abgesaugt, ja es sah fast so aus, als ob die Fliege jede Ritze des Blattes liebkoste. Dann krabbelte sie auf die Blattfläche zurück.
Das war der Moment, als die Venusfliegenfalle wie ein Fangeisen zuschnappte.
Die Fliege war von der Schnelligkeit und der unerwarteten Bewegung völlig überrascht. Zwischen den Stacheln, die ihr nun wie Gitterstäbe den Weg versperrten, konnte sie zwar das rettende Außen noch sehen, ein Ausweg jedoch bot sich ihr nicht. Hektisch begann sie, sich in ihrer engen Zelle hin und her zu drehen. Jede Ecke abzusuchen. Wäre sie ein Mensch, sie hätte an den Stäben gerüttelt und laut geschrien. Ob auch Fliegen um Hilfe riefen?
Die Beobachterin konnte ihren Blick nicht von diesem Schauspiel abwenden. Sie wusste zwar, dass die Dionaea jetzt mit ihrer Arbeit beginnen würde, doch bislang war sie selbst noch nie Zeugin dieses Vorgangs geworden. Es war faszinierend. Was für eine außergewöhnliche Pflanze!
Erst würde die Dionaea untersuchen, ob ihre Beute es überhaupt wert war, verdaut zu werden. Lautete die Antwort ja, würden sich die Blätter langsam und genussvoll komplett schließen und ihrem Opfer jede Hoffnung nehmen. Je nachdem, ob die Pflanze ihre Beute ganz oder nur teilweise verdauen wollte, würden sie sich nach einem oder auch erst nach zehn Tagen wieder öffnen. Reichte es ihr vorher, würde sie das tote Insekt einfach wieder ausspucken. Die Reste würden auf die Erde fallen und dort ihren Zersetzungsprozess beenden. Diese Nährstoffe nähme die Pflanze dann über ihre Wurzeln wieder auf, während in ihren Fallen vielleicht schon eine neue Fliege gefangen wäre und auf ihren Tod wartete.
Zärtlich berührte die Beobachterin die Fliegenfalle mit der Spitze ihres Zeigefingers. Das Insekt krabbelte immer noch panisch umher. Sie konnte die Bewegung der kleinen Beine durch das Blatt hindurch spüren.
Dann schloss sich die Falle plötzlich ganz und nach einer Weile hörte das Krabbeln auf.
Der Blick der Beobachterin ging zurück zu den zartrosa und hellblauen Blütenblättern der Orchideen. Ja, diese Blumen waren wunderschön, doch auch irgendwie passiv, verglichen mit der fleischfressenden Nachbarpflanze, in deren unauffälligem Blattkerker nun ein tödlicher Vernichtungsprozess ablief.
Nach einer Weile beugte sich die Beobachterin nach vorne und berührte das geschlossene Blatt vorsichtig mit den Lippen. Sie meinte, in den feinen Blattadern eine Vibration spüren zu können.
»Willkommen in unserer Familie«, hauchte sie.
Vielleicht würde sie ihren Wunsch, eine Schmetterlingsorchidee zu sein, doch noch einmal überdenken.
Thank God, it‘s Friday
– oder doch nicht
Das Klingeln des Handys riss Linn Kegel aus dem Tiefschlaf. Welcher Idiot rief sie um diese Uhrzeit an? Und welche Idiotin hatte das Handy mal wieder nicht ausgeschaltet, bevor sie ins Bett gegangen war? Sie presste sich ein Kissen auf die Ohren und verzog sich in die hinterste Ecke ihres Bettes. Bis spät in die Nacht hatte sie noch am Plot für einen neuen Krimi gearbeitet und war erst um halb sechs in die Federn gekommen. Da konnte eine Autorin doch bitte erwarten, dass man sie am nächsten Tag ausschlafen ließ!
Fünf Minuten später meldete sich das Handy erneut.
»Ihr könnt mich mal«, murmelte sie unter ihrer Decke und wollte gerade wieder einschlafen, als es an ihrer Haustür klingelte.
»Lasst mich doch alle in Ruhe«, stöhnte sie. Doch das Klingeln hörte nicht auf. Widerwillig rollte sich Linn aus dem Bett und zog sich die Schlafbrille vom Gesicht. Ihre feuerroten Haare standen wild vom Kopf ab.
Nun schrillten Türklingel und Handy sogar im Duett.
»Jaja, ich hab’s ja verstanden. Huere siech!«, fluchte sie auf Schweizerdeutsch und schleppte sich zur Gegensprechanlage, dabei stieß sie sich auch noch den kleinen Zeh am Türrahmen. Aufjaulend und mit schmerzverzerrtem Gesicht warf sie einen Blick auf die Küchenuhr. Was hatten die Leute nur, es war doch gerade mal halb zwölf. Da musste man doch nicht so einen Terz machen. Oder hatte sie vielleicht etwas bestellt, das heute geliefert wurde? Sie konnte sich nicht erinnern. Was sollte sie bei dem aktuellen Stand ihres Kontos auch schon groß bestellen?
»Wer stört und mordet meinen Schlaf?«
»Ha! Mal wieder typisch!«, tönte die Stimme ihres Verlegers Jo Hartmann aus der Gegensprechanlage. »Verpennen, aber Shakespeare zitieren. Und nicht mal richtig! Ich warte im Auto auf Sie, Frau Kegel. Sie haben zehn Minuten. Und vergessen Sie Ihren Kamm nicht!«
Hartmann? Was machte denn Hartmann vor dem Haus? Linn lehnte ihre Stirn an die kühle Wohnungstür. Dann fiel es ihr wieder ein. Heute war Freitag. Heute begann das »Wochenende des Grauens«, wie sie es nannte. Hartmann nannte es Pressearbeit.
»Schiisdräck, vedammte Mischt«, schimpfte sie in ihrem Ostschweizer Dialekt. Wann würde sie es endlich lernen, solche Termine nicht immer aktiv zu verdrängen? Ihr Verlag hatte ein Pressewochenende im Spreewald organisiert: Seine erfolgreichsten Autorinnen und Autoren sollten auf die wichtigsten Feuilletonchefs und Literaturkritiker treffen. Zwei ganze Tage lang. Achtundvierzig Stunden ohne ein Entkommen. Sogar gemeinsame Abendessen waren eingeplant. Ein Albtraum.
Linn hasste solche Veranstaltungen. Sie hasste Pressegespräche und sie hasste Smalltalk mit anderen Autorinnen und Autoren. Überhaupt mit anderen Menschen. Sie wollte einfach nur zu Hause bleiben und in Ruhe an ihrem neuen Buch arbeiten. Möglichst ohne Kontakt zur Außenwelt. Aber das alles hatte sie Hartmann schon vor Wochen gesagt. Und schon vor Wochen hatte er geantwortet, dass sie laut Vertrag zu PR-Events verpflichtet sei. Was sollte sie darauf auch antworten?
»Schiissdräck«, fluchte sie immer weiter, während sie sich einen vierfachen Espresso machte, sich kurz unter die Dusche stellte und wahllos einige Klamotten in eine Reisetasche stopfte. Die Wohnung sah mal wieder aus wie Sau. Hoffentlich würde ihre Mitbewohnerin das freie Wochenende nutzen, um endlich mal durchzuputzen. Bei diesem Gedanken musste Linn lachen. Völlig unrealistisch. Ihre Mitbewohnerin Jenny Siefert war genauso chaotisch wie sie selbst. Wahrscheinlich war das der einzige Grund, warum sie schon so lange zusammenlebten. An menschlicher Sympathie jedenfalls lag es nicht.
Dreizehn Minuten nach der Klingelattacke griff sie nach ihrer geliebten abgewetzten Lederjacke, zog die Haustür hinter sich ins Schloss und stieg in Hartmanns Auto – die Haare noch feucht, in einer Hand eine Flasche Wasser, in der anderen eine angematschte Banane, das letzte Essbare, das sie auf die Schnelle in der Küche hatte entdecken können. Achtundvierzig Stunden mussten doch irgendwie zu überstehen sein, dachte sie. Doch erst stand eine mindestens sechsstündige Autofahrt in den Spreewald an. Sechs Stunden. Mit Hartmann.
»Okay, Frau Kegel, ich weiß, dass Sie auf dieses Wochenende überhaupt keinen Bock haben«, grüßte ihr Verleger sie betont gut gelaunt. »Aber ehrlich gesagt: Sie müssen auch gar keinen Bock haben. Es geht nämlich auch ohne.«
»Sie sind ja besonders witzig drauf heute«, erwiderte Linn.
»Warum sollte ich nicht? Ich habe eine lange Autofahrt vor mir und verbringe diese Zeit mit einer meiner unterhaltsamsten und sonnigsten Autorinnen! Da kann man sich doch nur freuen.«
»Haha«, antwortete Linn lahm.
Jo Hartmann ließ sich die gute Laune nicht verderben. »Auf mich wartet wahrscheinlich das denkwürdigste Wochenende in der Geschichte des Verlags!«
Linn warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf das sandgelbe Wohnhaus, in dem sie schon seit ihrer Studienzeit wohnte, und zu ihrem Fenster im zweiten Stock.
»Ein denkwürdiges Wochenende? Seien Sie bloß vorsichtig, was Sie sich wünschen!«
»Warum? Wenn Sie sich ein bisschen zusammenreißen, kann doch eigentlich nichts schiefgehen.«
Damit startete er den Motor und fuhr durch die Kölner Südstadt zur Inneren Kanalstraße in Richtung Autobahn.
Highway to Spreewald
Schon nach kurzer Zeit mit Hartmann im Auto fühlte sich Linn, als läge bereits ein Wochenende voller qualvoller PR-Termine hinter ihr. Hatte sie zu Beginn der Autofahrt noch die Hoffnung gehegt, für ein paar Stunden die Augen schließen zu können, war ihr ziemlich schnell klar geworden, dass Hartmann ganz andere Pläne verfolgte: Er wollte die Fahrt für eine umfassende Manöverkritik nutzen.
»Ich habe das Probekapitel von Ihrem neuen Krimi gelesen, Frau Kegel. Ehrlich: Sie müssen wegkommen von diesen ewigen literarischen Anspielungen. Ich hatte eigentlich die Hoffnung, dass das jetzt endlich mal bei Ihnen durch ist. Bei Schöner morden hat das ja noch funktioniert. Aber schon da waren einige Leute vom Ende irritiert. Verschiedene literarische Ebenen machen eine Geschichte einfach kompliziert. Allein, dass Sie Ihre Hauptfigur diesmal Josie K. nennen wollen. Warum dann nicht gleich Gregorette Samsa? Sie schreien geradezu: Seht her, ich habe Kafka gelesen!«
»Ich schreibe eben die Bücher, die ich selbst gerne lesen würde«, erwiderte Linn einsilbig.
»Ha! Dächte ich als Verleger so, wäre der Verlag schon längst pleite. Je komplexer ein Buch, desto kleiner die Zielgruppe. Und bei Krimis ist Komplexität der Todesstoß. Schon dieses Label ›feministischer Kicher-Krimi‹ ist echt schwierig. Aber gut, da haben wir als Verlag ja noch mitgemacht. Wenn ein Buch so beworben wird, greifen die Leute danach, weil sie zur Abwechslung mal eine kleine Mördergeschichte mit ein bisschen Frauenpower lesen wollen. Halt was Lockeres für Zwischendrin. Sie aber, Sie machen mit Ihren Anspielungen alles so schwer, so kompliziert. Damit überladen Sie die Geschichte und ersticken jedes Lesevergnügen. Warum muss ich denn als Leser immer alles hinterfragen?«
»Sie sollten mir verdammt nochmal dankbar sein, dass ich die Regeln des Krimi-Genres um ein paar Möglichkeiten erweitert habe – und Sie sollten aufhören, meine Leserinnen zu unterschätzen. Die sind nämlich klug und humorvoll!«
»Ja, genau Frau Kegel: Leserinnen! Wir wollen aber auch Leser erreichen. Bücher, die für Männer nicht interessant sind, gelten als Nischenprodukte – und werden darum im Feuilleton zu Recht ignoriert.«
»Jetzt hören Sie mal: Schöner morden ist ein Bestseller geworden!«, schnaubte Linn.
»Ja und nein«, erwiderte Hartmann. »Ja: Das Buch hat sich sehr gut verkauft. Nein: Es wurde kein einziges Mal in einem der wichtigen Feuilletons besprochen. Dass Ihr Buch dennoch bekannt geworden ist, verdanken Sie allein dieser feministischen Bubble im Internet. Aber ehrlich: Die ist für uns als Verlag uninteressant.«
»Na, dann sollten Sie vielleicht anfangen, umzudenken, Hartmann! Das Feuilleton bespricht meine Bücher nicht, weil in den wichtigsten Redaktionen Männer entscheiden, vor allem Bücher von Männern zu besprechen. Dass die feministische Presse das anders macht und Bücher von Frauen bespricht, zeigt doch viel eher, wie wenig Bücher von Frauen in den Kulturteilen der anderen Medien vorkommen. Und Schöner morden ist das beste Beispiel, dass Bücher von Frauen auch ein Erfolg werden können – selbst wenn sie intertextuelle Bezüge haben.«
»Nehmen Sie sich doch dann zumindest mal ein Vorbild an Ihrer Kollegin Loretta Coppelia: Die zeigt bei Taugenixen, wie es funktioniert: eine unterhaltsame, aber stringente Geschichte – und ab und zu ein paar Anspielungen auf lebende Personen.« Hartmann hätte vor lauter Schwärmerei am Kamener Kreuz fast den Abzweig auf die A2 verpasst. Er konnte gerade noch die Spur wechseln.
»Hören Sie mir auf mit dieser Trulla und achten Sie lieber auf den Verkehr!« Linn verzog das Gesicht. Loretta Coppelia stand wie sie bei Hartmann unter Vertrag und gehörte zu ihren ärgsten Konkurrentinnen. In Schöner morden hatte Linn Loretta Coppelia kurzerhand zu einer ihrer Krimifiguren gemacht – und dafür hatte die sich mit einer fiesen Persiflage an ihr gerächt und den Spieß umgedreht: In Coppelias Taugenixen hieß die Hauptfigur Linn Kegel und war eine Krimiautorin aus der Schweiz. Was für eine Frechheit!
»Oho, Sie wissen schon, dass Sie sich da auf ganz schön dünnem Eis bewegen, wenn Sie so über Ihre Konkurrentin sprechen! Coppelia hat genau das gleiche Recht wie Sie, aus einer lebenden Vorlage eine Romanfigur zu machen. Und ehrlich gesagt: So umgänglich, sympathisch und gekämmt wie in Taugenixen habe ich Sie im echten Leben noch nicht erlebt. Man merkt, dass Loretta Coppelia Sie im wahren Leben noch nie getroffen hat.« Hartmann lachte laut und dreckig.
»Und dabei soll es mal schön bleiben! Die Schnepfe soll bloß aufpassen, dass sie mir nie begegnet.«
»Tjaha«, gluckste Hartmann da. »Das merken Sie sich mal, wenn Sie und Loretta sich heute Abend treffen.«
»Was?«, rief Linn. »Die Coppelia ist dieses Wochenende auch dabei? Spinnen Sie jetzt komplett?«
Das war der Moment, als Hartmann das Steuer ziemlich abrupt herumgerissen hatte und auf einen Autobahnrastplatz gefahren war. Er hatte geparkt, den Motor ausgeschaltet und sich ihr direkt zugewendet. »Sagen Sie mal«, fragte er sie mit ernstem Blick. »Kann es sein, dass Sie sich überhaupt nicht auf dieses Wochenende vorbereitet haben? Haben Sie das Memo nicht gelesen? Ich meine: Verschlafen ist das Eine – aber zumindest die Teilnehmerliste hätten Sie sich vorher ansehen können.«
Linn rutschte unruhig auf ihrem Sitz herum. Hartmann traf mit seinem Vorwurf durchaus ins Schwarze. Sie hatte das Memo des Verlags irgendwo beiseitegelegt und nie einen Blick hineingeworfen.
»Ich dachte immer, die erste Aufgabe einer Autorin ist es, Bücher zu schreiben – und nicht irgendwelche Einladungsflyer zu lesen«, versuchte sie sich in schwachen Ausflüchten. Doch eigentlich ärgerte sich Linn ziemlich über sich. Es war nämlich überhaupt nicht so, dass sie nicht genügend Zeit gehabt hätte, sich vorzubereiten. Mit ihrem neuen Krimi kam sie nicht richtig voran, ihr fehlte noch die zündende Idee. Sie hatte es nur einfach wieder völlig verdrängt, sich mit dem Wochenende zu befassen. Genauso wie sie es wieder und wieder verdrängte, ihre Wohnung aufzuräumen.
»Wer kommt denn alles?«, fragte sie und gab sich alle Mühe, ihrer Stimme einen saloppen Ton zu geben.
Hartmann atmete tief ein und aus. »Na gut, Frau Kegel. Dann fangen wir doch mal ganz von vorne an: Die Veranstaltung heißt Feuilleton meets Book Artists …«
»Nicht Ihr Ernst? Wer hat sich denn diesen affigen Titel einfallen lassen?«, platzte es aus Linn heraus, doch Hartmann ließ sich nicht beirren. »Die Idee dahinter ist, einige der wichtigsten und einflussreichsten Kritiker ein ganzes Wochenende mit vier unserer wichtigsten Leute zusammenzubringen: Loretta Coppelia, Giovanni Faber, Waltraud Dampf und …«
»Mit mir.« Linn musste zugeben: Dass Jo Hartmann sie zu seinen wichtigsten Autorinnen zählte, schmeichelte ihr. Warum hatte er ihr das in all den Jahren der Zusammenarbeit nie gesagt? Vielleicht würde sie an diesem Wochenende plötzlich ganz andere Facetten ihres Verlegers entdecken und alles würde doch nicht so schrecklich werden, wie sie befürchtete.
»Ja, Sie. Aber nur, weil Martin Walshof nicht kann.«
Und schon war Linns Illusion zerplatzt. »Pfff …«
Hartmann überhörte auch diesen Kommentar und fuhr einfach fort: »Ja, der Arme leidet schon seit Wochen unter einem eingewachsenen Fußnagel. Muss ganz furchtbar sein, er kann kaum mehr gehen, so entzündet ist der Zeh.«
»Na toll.«
»Ja, darum sind Sie jetzt dabei. Zumal Sie, wie vorhin besprochen, dringend ein bisschen Präsenz im Feuilleton brauchen könnten. Die Bücher Ihrer Kollegen kennen Sie aber hoffentlich.«
Da Linn nur mit den Schultern zuckte, stöhnte Hartmann laut auf und fuhr mit seinen Erklärungen fort: »Unser Verlagsprogramm könnten Sie auch ruhig mal lesen, Frau Kegel. Es macht nicht den besten Eindruck, wenn Sie so gar keine Ahnung davon haben, wen wir außer Ihnen sonst noch so im Programm haben. Also: Waltraud Dampf ist Philosophieprofessorin aus Freiburg und hat diese bemerkenswerte mehrbändige Geschichte der Philosophie veröffentlicht, in der sie völlig unerwartete Denkmuster aufzeigt. Das Spannungsfeld zwischen Individuum und Kollektiv – von der Antike bis zum Nationalsozialismus, immer mit klarem Fokus auf den Penis als gesellschaftsprägendes Kulturgut. Ein brillantes Werk!«
Linn, die gerade einen großen Schluck aus ihrer Wasserflasche genommen hatte, verschluckte sich: »Unerwartete Denkmuster? Wussten Sie nicht, dass wir im Patriarchat leben?«
Um Hartmanns Mundwinkel zuckte es. »Na ja. Man muss das aber nicht dauernd betonen. Welche Rolle der Penis in all diesen Epochen hatte, war mir jedenfalls so noch nicht klar.«
»Beneidenswert«, seufzte Linn, doch Hartmann sprach einfach weiter.
»Giovanni Faber wiederum wird am Wochenende sein neues Buch Neue Triebe, starker Ast vorstellen. Das sollten Sie übrigens dringend lesen. Ich wette mit Ihnen, in wenigen Wochen führt dieser Titel alle Bestseller-Listen, er trifft damit einfach einen Nerv. Es geht um einen Mann in den besten Jahren, der sich in eine Siebzehnjährige verliebt und mit ihr ein Jahr lang die Ostküste der USA bereist. Ein wunderbar poetisches Buch.«
»Muss das Kind nicht in die Schule?«
»Ach, die Frau Kegel. Nie um einen Spruch verlegen!«, lachte Hartmann Linns gar nicht witzig gemeinte Erwiderung weg. »Und dann noch Loretta Coppelia! Die hat in den letzten Monaten so viel geschrieben, dass wir sie gleich mit mehreren Büchern vorstellen: Taugenixen und Jakob und der Engel, ein Roman über einen Kirchenmaler, dem im Wald ein Engel erscheint und den Befehl erteilt, die Offenbarung des Johannes zu malen, also die Apokalypse – mit allem Drum und Dran.«
»Das klingt ja zumindest eigenwillig.«
»Womit wir beim Thema wären: bei Ihnen. Sie sprechen einfach nur über Schöner morden, da kommt ja jetzt die Taschenbuchausgabe. Erzählen Sie bloß nicht, dass wir auch noch dieses Sachbuch über das Frauenwahlrecht gemacht haben – das interessiert eh niemanden vom Feuilleton.«
»Wie bitte? Das ist der feministische Debattenbeitrag zur europäischen Demokratiegeschichte! Und es zeigt meine Vielseitigkeit! Abgesehen davon: Vielleicht wollen die Zeitungen über so etwas gar nicht berichten? Frauenrechte gelten immer noch als lästig, also behandelt man sie erst gar nicht. Und das im 21. Jahrhundert!«
»Ach, nun lassen Sie die Kirche mal im Dorf, Frau Kegel. Es war eine Fehlentscheidung des Verlags, damit müssen wir leben. Noch nicht mal eintausend Exemplare haben wir verkauft, der absolute Ladenhüter – daran sehen Sie ja, wie wichtig das Buch war. Selbst die ganzen Feministinnen, die solche Bücher immer einfordern, kaufen sie am Ende nicht. Oder noch schlimmer: Sie leihen sich die Bücher untereinander aus, sodass der Verlag überhaupt nichts davon hat. Für uns ein glattes Minusgeschäft.«
»Trotzdem ist das Thema wichtig.«
Hartmann knurrte verärgert. »Sie, Frau Kegel, sprechen an diesem Wochenende über Schöner morden und über ihren neuen Krimi. Sonst über gar nichts. Aber lassen Sie alles Intertextuelle weg. Bleiben Sie einfach beim Plot.«
Na, das wird dann ein kurzes Gespräch, dachte Linn – denn auch wenn sie Hartmann ein erstes Probekapitel zugeschickt hatte: Vom Plot ihres neuen Krimis hatte sie bislang noch keinen Schimmer.
»Und wer ist von der Presse dabei?«, fragte sie, um abzulenken.
»Oh, wir haben zehn Anmeldungen! Da kommt die Crème de la Crème. Die Idee ist aber auch einfach wirklich gut – und der Verlag lässt sich das Wochenende ja auch richtig was kosten. Uns steht das ganze Tagungshotel zur Verfügung. Wir haben Zusagen von der Faz bis zur Süddeutschen. Darum ist es wirklich wichtig, dass Sie sich ein paar Stunden zusammenreißen. Für den Verlag ist das eine Riesenchance. Tun Sie einfach so, als wären Sie ein freundlicher, netter Mensch.«
»Wie bitte? Ich bin freundlich und nett – halt nur nicht zu Menschen. Und nicht ohne Grund.«
Hartmann verzog das Gesicht. »Sie wissen, was ich meine: Beantworten Sie die Fragen der Presse einfach, ohne gleich alles zu problematisieren. Und lächeln Sie auch hin und wieder.«
Linn knabberte an ihren Fingernägeln. So weit war es schon gekommen, dachte sie.
»Und warum treffen wir uns im Spreewald und nicht im Bergischen?«
»Das war die Idee von Giovanni Faber: Sein Buch endet im Spreewald. Nach einem Jahr on the road an der Ostküste entschließt sich sein Held, in der Stille des Spreewaldes endlich die Oper zu komponieren, die er all die Jahre schon in seinem Kopf gehört hat, und sich von der jungen Frau zu trennen.«
»Ach, war sie ihm mit achtzehn dann doch zu alt?«
»Jetzt hören Sie doch mal auf mit diesen Sprüchen. Genau das meine ich, wenn ich sage, Sie sollen nett und freundlich sein. Es geht hier um Literatur! Übrigens vermisse ich einen Titelvorschlag für den neuen Krimi. Haben Sie da schon Ideen?«
Linn zuckte abermals mit den Schultern. Was sollte sie auf diese Frage antworten, wo ihr Verleger doch offensichtlich nicht einmal die erste Leseprobe mochte? Eigentlich hatte sie sich vorgestellt, mit dem neuen Buch eine neue Krimireihe zu beginnen. Mit einem ungleichen Ermittlerinnen-Duo. Keine von beiden sollte aus Polizeikreisen kommen, das fand sie inzwischen zu abgelutscht. Ihre Idee waren zwei Frauen aus zwei völlig unterschiedlichen Bereichen: die eine Radiomoderatorin, die andere Bäckerin – oder so ähnlich. So genau wusste sie das noch nicht. Die beiden könnten auf der Neusser Straße in Köln, wo die Bäckerin ihren Laden hat, zusammentreffen. Die Moderatorin will vielleicht ein Interview über Brotsorten im Kölner Norden machen – doch just an dem Tag wird der Konditor von gegenüber ermordet. Der Verdacht fällt auf die beiden Hauptfiguren, die sich nun zusammentun, um den Mord aufzuklären. Ein Fall, bei dem sie gleich auch noch gegen einen Haufen Bürokratie anzukämpfen hätten, beim WDR, wo die Moderatorin arbeitet, genauso wie im Bezirksamt und zusätzlich bei der Polizei. Genau darum hatte sie die Hauptfigur auch in Anlehnung an Kafkas Prozess Josie K. genannt. Aber wenn sie so darüber nachdachte, kam ihr die Geschichte nun reichlich überkonstruiert vor.
»Na los. Sagen Sie schon! Wie lautet Ihr Arbeitstitel?«
»Damentorte«, murmelte Linn.
»Hä?«
»Mein Arbeitstitel lautet Damentorte«, wiederholte sie.
Von Hartmann war darauf nichts als ein Kopfschütteln gekommen. Dann hatte er den Motor gestartet und war weitergefahren. Erst mehrere Minuten später hatte er nochmals mit dem Kopf geschüttelt und »Na, darüber sprechen wir dann noch« gesagt. »Und diesmal achten Sie bitte drauf, dass Ihr Mord möglichst früh im Buch passiert. Leser mögen es nicht, wenn die erste Leiche erst im letzten Drittel auftaucht. Das ist das Krimi-Einmaleins. Und das haben Sie gefälligst einzuhalten!«
Linn verdrehte die Augen und stöhnte laut auf. Nein, ihr Verleger verstand sie nicht wirklich.
Es wurde schon dämmrig, als sie endlich an Berlin vorbei waren und auf der A13 in Richtung Spreewald fuhren.
»Dass es im Osten so viel früher dunkel wird, ist schon verrückt. Wir haben doch gerade mal Ende September«, raunte Hartmann. Spätestens seit Magdeburg lag ein deutlich genervter Ton in seiner Stimme. Da hatte nämlich sein Handy geklingelt.
»Oh, wie schade, lieber Herr Rüsübümf«, hatte Hartmann gesäuselt, für Linn war der Name nur ein Geräusch geblieben. »Das tut mir wirklich leid. Aber ich verstehe natürlich, dass Sie nicht kommen können, wenn Sie am Wochenende in der Politikredaktion einspringen müssen. Wir lassen Ihnen die Infos dann nächste Woche per Mail zukommen.«
»Verdammt!«, hatte er anschließend gebrüllt, gar nicht mehr säuselnd. »Jetzt sagt doch tatsächlich diese blöde Dpa ab. Ein Artikel von denen ist Gold wert – die werden immerhin direkt von allen kleinen Tageszeitungen abgedruckt.«
Von da an schien er jede Lust am Autofahren verloren zu haben. »Die Fahrt nimmt ja überhaupt kein Ende!« Ungeduldig trommelte er auf dem Lenkrad herum.
Normalerweise hätte Linn jetzt schlagfertig geantwortet: »Ja, es schleppt sich« – denn der Ort, wo sie hinmussten, hieß Schlepzig. Doch auch ihr war nicht mehr nach schlagfertigen Antworten. Sie wollte endlich ankommen und aus diesem Auto raus. Stattdessen fragte sie: »Wann gibt’s denn heute Abend was zu essen?« Die Matschbanane war längst verdaut, genauso wie die Butterkekse, die sie sich am Rasthof Börde gekauft hatte, als sie mal eine Pinkelpause einlegten.
»Ab acht. Mal schauen, wer dann von der Runde schon alles da ist. Heute ist ja eher ein lockeres Get together, ernst wird’s dann morgen.«
Linn blickte versonnen aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft. Was würde sie darum geben, wenn dieses Wochenende schon vorbei wäre.
Vorfreude
Schnell zog er die Klotür hinter sich zu und verriegelte sie. Er brauchte dringend eine Pause. Wie lange dauerte diese Fahrt denn noch? Diese Weiber gingen ihm jetzt schon auf den Senkel. Mussten die die ganze Zeit reden? Konnten die nicht einmal für eine Weile einfach die Schnauze halten?
Er versuchte, sich zu beruhigen. Er schloss die Augen und atmete langsam ein und aus. Für einen Moment konzentrierte er sich nur auf sich und seinen Körper, fühlte, wie sich seine Lungen mit Luft füllten, und ließ sie aus seinem Mund wieder herausströmen. Er fühlte seinen Bauchraum, seine Arme und Beine, seine Füße auf dem Boden, fühlte die Wand an seinem Rücken. Genau so hatte er das gelernt.
Schon nach wenigen Minuten merkte er, wie er sich entspannte. Na also, es ging doch. Diese Weiber konnten ihm nichts anhaben, denn sie waren eine Nebensache. Viel wichtiger als sie war das Treffen heute Nacht. Er konnte es kaum erwarten. Dieses Wochenende im Spreewald war für das, was er vorhatte, einfach ideal. Die perfekte Tarnung.
Er hatte aber auch wirklich einen Lauf momentan! In den kommenden Monaten würde seine Karriere einen riesigen Sprung machen, bundesweit würden ihn die Leute dann kennen. Und spätestens nach heute Nacht wäre Geld für ihn kein Thema mehr.
Dieses Jahr war wirklich sein Glücksjahr. Wer hätte das am Anfang gedacht. Da hatte er sich tatsächlich sogar überlegt, umzuschulen und etwas ganz anderes zu machen. Ha! Und jetzt das. Er stand im wahrsten Sinne vor dem persönlichen Durchbruch. Dass andere dafür unter die Räder kamen, sei es drum. War nicht jeder seines Glückes eigener Schmied? Schließlich sprach es doch für ihn und seinen Geschäftssinn, dass er Gelegenheiten erkannte und am Schopf packte. Und das hier war so eine Gelegenheit.
Er spürte, wie Glück und Stolz in ihm aufstiegen. Und ja, wenn er an heute Nacht dachte, wurde er auch ein bisschen erregt. »Vorfreude ist doch die schönste Freude«, flüsterte er zufrieden. »Zumindest bis man auf dem Gipfel steht. Der Gipfel toppt alles!«
Gerade wollte er eine Runde onanieren, als ihn ein Hämmern an der Tür aus den Gedanken riss.
»He da! Wird das heute noch was?«
»Nun mal langsam!«, rief er zurück. »Nehmen Sie doch das nebenan!«
»Das ist defekt! Beeilen Sie sich ein bisschen. So schwierig kann das doch nicht sein.«
Wieder atmete er langsam ein und aus. Nein, er würde sich seine Gelassenheit nicht nehmen lassen. Nur aufs Onanieren hatte er jetzt keine Lust mehr. Kein Problem, das konnte er später nachholen.
Gemächlich wusch er sich die Hände in dem kleinen Waschbecken, dann öffnete er die Tür der Zugtoilette.
»Et voilà«, sagte er zu der alten Frau, die im schmalen Gang ungeduldig wartete. Dann ging er zurück in sein Abteil.
Prince of Spreewald
Schlepzig war ein abgelegenes Dorf hinter Lübben mit noch nicht einmal sechshundert Einwohnern, dafür aber mit einer hell erleuchteten Whisky-Destillation.
Ein Whisky, das wär’s jetzt, dachte Linn. Hoffentlich wohnen wir da. Doch Hartmann steuerte daran vorbei und auch ein Blick aufs Navi sagte ihr, dass es noch mindestens fünfzehn Minuten dauern würde bis zum Ziel.
Das Tagungshotel lag also noch eine ganze Ecke von Schlepzig entfernt. In der Dunkelheit konnte Linn die Fließe des Spreewaldes nur erahnen. Typisch Brandenburg, dachte sie, als sie durch ein weiteres Dorf fuhren mit diesen typischen breiten Rasenstreifen vor den Häusern. Sie vermisste die Lichter der Stadt jetzt schon – obwohl Köln bei weitem keine Schönheit genannt werden konnte, schon gar nicht die Ecke der Südstadt, in der sie wohnte und in der sich hässliche Fünfzigerjahre-Nachkriegsbauten aneinanderreihten. Aber zumindest war dort Leben auf der Straße und hinter den Fenstern – und sie hatten den Dom, der jetzt über die Stadt leuchten würde. Das Interessanteste hier waren allerhöchstens die Plakate, die überall hingen und Werbung für den neuen Botanischen Garten in Lübben machten. Ansonsten schien der Hund begraben. Und ihre Hoffnung, zumindest in einem schönen, modernen Hotel zu übernachten, schwand mit jeder Minute.
»Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht«, sagte die elektronische Frauenstimme, als Hartmann auf den überraschend gut beleuchteten Parkplatz des Hotels fuhr.
»Das glaubst auch nur du«, antwortete Linn und seufzte schwer. Das Hotel war ein langgezogener mehrstöckiger Bau vom Typ alter Bauernhof, daneben standen noch zwei weitere Gebäude, wahrscheinlich ehemalige Scheunen oder Stallungen.
»Endlich da!«, stöhnte Hartmann.
»Das kann ich so noch nicht sagen«, erwiderte Linn. »Und wie nennt sich dieser Kasten? Prince of Spreewald? Really? Wer kommt denn auf so eine Idee – das Haus hat auch schon bessere Zeiten gesehen.«
»Ich hätte Spreewaldprinz auch besser gefunden. Man muss ja nicht alles verenglischen.«
Ob es das besser gemacht hätte? Linn hatte ihre Zweifel. Zumindest machte der Name Prince of Spreewald keinen Hehl daraus, dass sein Namensgeber offensichtlich in den 1990ern sozialisiert worden war. Wahrscheinlich ein Fan der TV-Serie Prince of Bel-Air mit Will Smith.
Während der Verleger noch seinen riesigen Koffer aus dem Kofferraum hievte, hatte sie schon ihre Reisetasche gegriffen und ging zum Hotel. Sie hörte noch, wie Hartmann ihr etwas nachrief, aber sie konnte ihn nicht wirklich verstehen. Bestimmt nur wieder eine seiner pseudolustigen Erinnerungen, dass sie sich vor dem Abendessen ihre Haare kämmen sollte.
Im Gegensatz zu ihm habe ich wenigstens noch welche, dachte Linn und betrat das Hotel durch eine massive Holztür. Irritierenderweise wartete hinter der Tür keine speckige Lobby mit einer mehr oder weniger freundlichen Rezeptionistin, sondern – nichts. Sie stand in einem menschenleeren Raum mit hellgelben Wänden und gnadenlos greller Neonbeleuchtung. Ungemütliche lange Plastiktische mit ebensolchen Bänken verliehen dem Eingangsbereich den Charme einer Jugendherberge. Hätte Linn an der Wand nicht Kaffee- und Snackautomaten entdeckt, die mit Strom liefen, sie hätte darauf gewettet, dass dieser Raum nach jedem Frühstück einfach mit einem Wasserschlauch abgespritzt werden würde. Selbst die Wände sahen abwaschbar aus.
Dieses Innenleben passte überhaupt nicht zum Typ alter Bauernhof. Dieser Spreewaldprinz – egal ob amerikanisiert oder nicht – war außen runtergekommen und innen steril und damit weit entfernt von einer Persönlichkeit.
»Ich habe doch gesagt, Sie brauchen den Code«, hörte sie Hartmann hinter sich. »Wir sind hier in einem der modernsten Tagungshotels Brandenburgs. Fast alles funktioniert vollautomatisch. Toll, nicht wahr? Die Gäste können sich autark bewegen, ihr Frühstück aus den Automaten ziehen, selbst ein- und auschecken. Und um Ressourcen zu schonen, werden die Zimmer auch nur alle drei Tage gemacht.«
»Wohl eher, um Arbeitskräfte zu sparen.«
»Alle drei Tage putzen reicht doch nun wirklich. Mehr putze ich zu Hause auch nicht.«
Linn verkniff sich einen Kommentar. Beim Thema Putzen konnte sie nun wirklich nicht mitreden.
»Darum«, fuhr Hartmann fort, »brauchen Sie nur einen Code – und natürlich haben Sie auch diese Info in Ihrem Briefing nicht gelesen. Na, haben Sie ein Glück, dass ich mir alle Codes notiert habe! Hier ist Ihrer.«
Er reichte ihr einen Zettel. »14518«, las Linn. »Und was soll ich jetzt damit?«
»Damit checken Sie sich ein.« Hartmann schaute sich um. »Ah ja, da ist er ja: der Check-in-Automat. Nicht zu verwechseln mit einer Check-Automat-in.«
»Brüllend komisch«, murmelte Linn.
Flink tippte Hartmann seinen Namen und seinen Code ein, eine weibliche Computerstimme sagte »Hart-mann, Jo-ach-im, herz-lich will-kom-men im Prince of Spri-wäld«, und der Automat spuckte eine Zimmerkarte aus.
»Ist das nicht toll?«, schwärmte Hartmann.
»Spriwäld? Die haben sie doch nicht mehr alle.«
»Ach hören Sie auf mit Ihrer Schlechtmacherei. Sie wissen ja jetzt, wie das Einchecken geht. Wir sehen uns um 20 Uhr zum Dinner.«
»Wie jetzt? Wir essen hier?«
»Quatsch, Frau Kegel. Im Nebengebäude ist ein Restaurant. Zur Goldenen Schlange heißt das oder so ähnlich. Wohl das Traditionshaus in der Gegend.«
»Na, Göttin sei Dank. Und Sie sind sicher, dass es nicht The Golden Snake of Spriwäld heißt?«
Linn konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, doch ihr Verleger rollte nur mit den Augen.
»Na gut, im Ernst, Hartmann: Wieso Schlange?«
»Hätten Sie mein Memo gelesen, wüssten Sie, dass Schlangen hier in der Gegend eine große Rolle spielen. Das sehen Sie auch bei den Giebeln der alten Häuser, da sind meistens zwei gekreuzte Schlangen zu sehen. Lesen Sie hier mal die Geschichte vom Schlangenkönig nach, dann wissen Sie Bescheid. Also bis später dann.«
Hartmann drückte ihr einen Ausdruck seines Memos in die Hand. Als er zur Treppe schlurfte – »Wie schön, ganz oben! Bestimmt mit Blick aufs Fließ!« –, begann Linn ihren Kampf mit dem Automaten. Sie tippte ihren Nachnamen ein.
»Ke-gel, Lünn«, erklang die weibliche Computerstimme erneut.
»Linn! Man sagt Linn!«
Schon wieder ein perfektes Beispiel, dass künstliche Intelligenz die Probleme der analogen Welt nur reproduzierte: Im normalen Leben konnten die Menschen ihren Namen schon nicht aussprechen – und genauso ging es ihr nun auch mit den Computern.
»Herz-lich will-kom-men im Prince of Spri-wäld!«, fuhr die Stimme unbeirrt fort.
»Ach, shut up, heb doch d’Schnorre«, fluchte Linn. Doch damit nicht genug: Anhand der ausgespuckten Zimmerkarte musste sie nämlich feststellen, dass sie ein Zimmer im Erdgeschoss zugewiesen bekommen hatte – und zwar eines, das unmittelbar vom Frühstücksraum abging.
»Kannst du Scheißgerät denn zumindest umbuchen? I want to rebook. Ich will die Nummer drei nicht!« Doch das sah das System nicht vor: »Lünn Ke-gel ist be-reits ein-ge-scheck-t!«
Linn stöhnte laut auf. »Ein Königreich für echte Menschen!«
Und warum waren eigentlich alle Computerstimmen immer weiblich? Nur deshalb, weil alle schon in der analogen Welt daran gewöhnt waren, Frauen als dienstbare Geister zu sehen? War es nicht mal an der Zeit, das zu ändern?
Linn entnahm ihre Karte und wollte sich gerade auf den Weg zum Zimmer machen, als die große Holztür aufgestoßen wurde und zwei Männer die Halle betraten: ein älterer Mittfünfziger mit edlem Halstuch und schütterem Haar, dafür üppiger Brille, und ein jüngerer, leicht zum Adipösen neigender in existenzialistischem Schwarz, inklusive Rollkragenpullover.
»Tataa!«, rief der Halstuchträger. »Und da sind wir, mein Lieber, ich hab es dir doch gesagt: Von innen sieht das alte Haus ganz anders aus. Topmoderne Independence-Architektur! Wie in Amerika bei den Motels. Phantastisch!«
»Klar in Form und Funktion«, antwortete der in Schwarz.
»Und solange der Wein gut ist, ist jedes Bett bequem«, gackerte der Ältere und klopfte seinem Begleiter gönnerhaft auf die Schultern. »Das Restaurant soll hier ganz ordentlich sein. Sonst fahren wir morgen in den Supermarkt und sorgen selber für die Getränke. Hauptsache, wir haben mal wieder ausgiebig Zeit, uns zu unterhalten, Caspar. Weißt du, das ist mir ein wirkliches Anliegen, dir zu vermitteln, worum es mir bei Neue Triebe, starker Ast geht. Dieser Roman ist eben nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern die Geschichte einer Selbstfindung. Meine Hauptfigur Max Meister findet am Ende …«
»Das ist mir doch klar, lieber Giovanni. Mach dir nicht so viele Sorgen. Meine Rezension wird hervorragend. Der Chefredakteur hat mir bereits zugesagt, dass sie mit Foto und Teaser auf die erste Seite kommt. Ich hab mit dem Text auch schon angefangen, ich muss also dein Buch nur noch lesen.«
Linn verdrehte die Augen. Diese Männerbünde gingen ihr schon mit Abstand auf die Nerven – aus nächster Nähe waren sie fast unerträglich.
»Wunderbar, mein Lieber! Ich wusste, es ist ein Omen, dass wir hier gleichzeitig angekommen sind. Dann lass uns jetzt einchecken. Bedienung!« Sein suchender Blick blieb an Linn hängen, die immer noch neben dem Check-in-Automaten stand.
»Ah, da sind Sie ja! Wir haben zwei Zimmer bestellt: eines für Herrn Caspar Brimborius von der Hatz und eines für mich, Giovanni Faber, Schriftsteller.«
»Das ist schön für Sie«, antwortete Linn knapp.
»Äh, ja. Und jetzt hätten wir gern unsere Zimmer.« Faber nestelte an seinem Tüchlein.
Linn lächelte säuerlich: »Oh, ihre Zimmer möchten die beiden Herren haben, wie interessant. Jetzt schauen Sie mich mal ganz genau an: Ich stehe hier in Lederjacke und mit Tasche in der Hand. Sehe ich aus wie eine Hotelangestellte? Nochmals scharf nachdenken?«
Die beiden Männer warfen sich einen irritierten Blick zu.
»Na, vielleicht wollten Sie die Tasche gerade einem Gast ins Zimmer bringen?«, mutmaßte Giovanni Faber.
Linn konnte es nicht fassen. Tat dieser Mann nur so oder war er wirklich zu doof?
»Keineswegs.« Sie hielt dem Schwarzgewandeten ihr Gepäck hin. »Aber Sie mit Ihrem schwarzen Butler-Outfit scheinen vom Hotelservice zu sein. Wenn Sie mir meine Tasche zum Zimmer bringen wollen, gern.«
»Was heißt das denn nun?«, antwortete Brimborius irritiert. »Ich bin kein Butler! Bekommen wir von Ihnen jetzt unsere Zimmerschlüssel oder nicht?«
Linn lachte auf: »Der Hellste sind Sie ja auch nicht gerade. Oder wollen Sie mich verarschen?«
»Wie sprechen Sie denn mit diesem Herrn?«, entrüstete sich Faber, sein Halstuch zitterte. »Wissen Sie nicht, mit wem Sie es zu tun haben? Das ist Caspar Brimborius, der Feuilletonchef der Hamburger Allgemeinen Tageszeitung.«
»Hatz reicht«, ergänzte Brimborius. »Die Dame spielte schon wieder auf meine Kleidung an – und sie hat ja recht: Ich trage immer Schwarz, das passt zum Feuilleton. Wir verhandeln schließlich intellektuelle Fragen. Im Gegensatz zu einem Butler.« Er begann gekünstelt zu lachen, der Halstuchträger stimmte mit ein.
Ui, dachte Linn, wo soll man da anfangen? Doch bevor sie zu ihrer Replik ansetzen konnte, ging die schwere Holztür ein weiteres Mal auf. Diesmal trat eine Gruppe ein: Zwei Frauen – eine hochgewachsen, mit wehendem Mantel und dunkler Turmfrisur, und eine kleinere mit blondem Pagenschnitt und sichtbar teurer Jacke mit Blumenmuster – ein paar Schritte hinter ihnen folgte ein Mann mit imposantem Schnäuzer, bepackt mit mehreren Koffern.
»Was für eine phantastische Idee, dass wir gemeinsam in den Spreewald gefahren sind!«, rief die Hochgewachsene.
»Ganz recht, liebe Frau Dampf«, keuchte der Schnauzbärtige unter dem Gewicht seiner Koffer. »Das hat sich doch förmlich angeboten, nicht wahr, Frau Coppelia.«
Frau Coppelia, echote es in Linn. Die Blondine mit der schicken Jacke ist Loretta Coppelia! Jetzt wird’s lustig, dachte sie.
»Oh, hier ist ja schon richtig was los!«, rief die Große mit der Turmfrisur, als sie Brimborius, Faber und Linn beim Automaten stehen sah. »Sind Sie das Empfangskomitee? Ich bin Professorin Waltraud Dampf. Und wer sind Sie? Kriegen wir bei Ihnen unsere Zimmer?« Ihr Blick ging fragend zu Linn. Diese verdrehte die Augen.
»Das haben wir auch schon versucht«, sagte Brimborius erklärend. »Die Dame sagt aber, sie sei hier nicht zuständig. Wir wissen jedoch nicht, ob das auch stimmt.«
»Hä? Wieso soll das denn bitte schön nicht stimmen?«, fragte Linn patzig. »Ich bin Linn Kegel und genauso vom Verlag zu diesem tollen Wochenende eingeladen worden wie ihr offensichtlich auch.«
Fragende Blicke trafen sie.
»Linn Kegel?«, sinnierte Giovanni Faber. »Nie gehört. Für welche Zeitung arbeiten Sie denn?«
Einen kurzen Moment war Linn tatsächlich versucht, sich mal eben eine superwichtige Zeitung auszudenken, aber dann entschied sie sich doch für die Wahrheit: »Ich schreibe Krimis, übrigens im selben Verlag wie Sie. Haben Sie denn das Memo nicht gelesen?«
Die peinliche Pause wurde durch ein lautes Lachen unterbrochen. »Linn Kegel? Duuu bist Linn Kegel? Mensch, ohne Photoshop habe ich dich gar nicht erkannt«, schmetterte Loretta Coppelia ihr entgegen. »Ich kann doch Du sagen, oder? Ich bin Loretta. Wir kennen uns ja. Also zumindest auf dem Papier.« Sie reichte Linn ihre dünne, kalte Hand. Zu den anderen gewandt setzte sie hinzu: »Wir haben uns schon gegenseitig zu Romanfiguren gemacht, das verbindet!«
»Was heißt hier ohne Photoshop? Ich sehe mir zumindest ähnlich, während du kein bisschen italienisch aussiehst.«
Loretta prustete los. »Wie? Du findest, du siehst aus wie ein Kegel? Interessant! Was mich betrifft, kann ich dich beruhigen: Blondinen gibt es auch südlich der Alpen. Ich bin Deutsch-Italienerin der vierten Generation.« Nun gab sie auch den anderen die Hand.
»Brimborius, Hatz, freut mich sehr, Frau Coppelia!«
»Giovanni Faber, Schriftsteller.«
»Romanfiguren, ja. Aber musstest du mich in Taugenixen unbedingt umbringen?«, ignorierte Linn die allgemeine Begrüßerei.
»Ach, komm«, lachte Loretta perlend. »Es kam schließlich gut an, darum geht’s – und es hat dir auch ein bisschen Aufmerksamkeit verschafft. Was willst du mehr?«
»Umgebracht, sagen Sie?«, fragte Brimborius. »Das klingt ja interessant!«
»Oho!«, rief Waltraud Dampf aus: »Ich erinnere mich an die Szene! Sie sind also Linn Kegel? Ich habe Taugenixen gelesen, ein großartiges Buch! Hochachtung, liebe Frau Coppelia. Aber Sie«, sie wandte sich wieder Linn zu, »hatte ich mir dann doch anders vorgestellt nach der Lektüre. Viel größer und … na, irgendwie auch intellektueller. Stand in den Taugenixen nicht, Sie seien einen Meter dreiundachtzig? Und einen besonders selbstbewussten Eindruck machen Sie auch nicht gerade. Daran sollten Sie arbeiten!«
Die Gruppe lachte laut. »Putzige Idee. Das Buch muss ich mir unbedingt ansehen!«, rief Brimborius aus. »Solche Anspielungen auf echte Menschen und Begebenheiten sind ja gerade sehr im Trend. Frau Coppelia, darüber müssen wir uns ausführlich unterhalten.«
»Sehr gern, Herr Brimborius«, erwiderte Loretta charmant. »Endlich lerne ich Sie mal kennen.«
»Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Ich wollte mir das Thema Autofiktion schon länger einmal genauer ansehen, von Thomas Mann bis Martin Suter sozusagen. Ich habe schon die Überschrift: Diese Schriftsteller spielten mit dem Leben! Gut, nicht wahr?«
Um die Mundwinkel von Loretta Coppelia zuckte es verdächtig, dann erneuerte sie ihr charmantes Lächeln: »Nach unserem Gespräch können Sie die Schriftstellerinnen da noch ergänzen.«
»Warum?«, erwiderte Brimborius irritiert. »Wir machen nur ein Hintergrundgespräch, ansonsten konzentriere ich mich auf den Kanon.«
Der Schnauzbart mit den vielen Koffern räusperte sich. »Dann wird es jetzt Zeit, dass ich mich der Runde vorstelle, nicht wahr? Roland Weißweiler von Literatur Heute. Freut mich, Sie kennenzulernen.«
»Ach, das ist ja interessant«, näselte Brimborius. »Literatur Heute. Ich wusste gar nicht, dass es die noch gibt.«
»Aber natürlich gibt es die noch, junger Mann«, lachte Professorin Dampf. »Und wie! Wer wirklich mehr über Literatur erfahren will, ist dort richtig. Das Zeitungsfeuilleton ist dagegen eher was für die flüchtigen Leser.«
»Nicht umsonst wird in der nächsten Literatur Heute ein großes Porträt von Frau Dampf erscheinen«, flankierte Weißweiler ihr Lob. »Und das Gespräch dafür werden wir am Wochenende führen, nicht wahr, Madame Dampf?«
»Ohne Zweifel, lieber Weißweiler – ich kann es kaum erwarten! Aber nennen Sie mich doch Madampf – so nennen mich meine Fans. Eine Madame, aber mit Dampf. Ach, ich freue mich wirklich, Sie wiederzusehen.«
»Seit wann hat man als Professorin Anhänger?«, fragte Giovanni Faber nicht ohne Spitze.
Sie sah ihn streng an: »Alle Vertreter eigener Denkschulen haben Anhänger. Haben Sie noch nie etwas von den Epikureern oder den Kantianern gehört? Meine sind die Madampfisten. Haben Sie meine Philosophiegeschichte nicht gelesen?«
Linn musste grinsen. Wenn das kein schöner Frontalangriff war.
Faber, der nicht damit gerechnet hatte, so angegangen zu werden, konterte etwas zu bemüht. »Wissen Sie, mich interessiert die künstlerische Auseinandersetzung mit der Gegenwart weit mehr als die verstaubte Vergangenheit.«
»Dann, Herr Faber, sind Sie mit Verlaub ein Idiot.«
Roland Weißweiler versuchte zu schlichten.
»Nein, nein, verehrte Madampf. Das hat Herr Faber mit Sicherheit nicht so gemeint!«
Fürs Erste hatte Linn genug. Die einen verhielten sich wie auf dem Basar, die anderen packten direkt die Waffen aus. Beides war nicht ihr Ding. Sie beschloss, auf ihr Zimmer zu gehen. Wortlos zog sie sich aus der Gruppe zurück, durchquerte den Frühstücksraum und fand ihre Zimmertür unmittelbar neben einem der Snackautomaten. Wie zur Begrüßung brummte er laut auf. Sein Kühlmechanismus brachte ihn förmlich zum Vibrieren.
Mit einem lauten Seufzer schob Linn ihre Karte in den Schlitz, schob sich ins Zimmer und warf die Tür hinter sich ins Schloss.
Dann war sie mit dem Brummen allein.
Die Geschichte
vom Schlangenkönig
Es war einmal vor langer Zeit, da ließ sich ein fremder Graf im Spreewald nieder. Obwohl er freundlich war, begegneten ihm die Menschen mit Misstrauen, denn er hatte kein Geld. Darunter litt der fremde Graf und suchte nach Wegen, seine Lage zu ändern. Er hörte davon, dass in den Fließen des Spreewaldes ein Schlangenkönig lebte. Dieser sollte eine wertvolle Krone tragen, die jedem, der in ihren Besitz kommen sollte, Reichtum und Glück versprach.
Der Graf war von der Geschichte fasziniert und machte sich daran, den Schlangenkönig in den verzweigten Fließen des Spreewaldes zu suchen. Tatsächlich entdeckte er diesen nach einiger Zeit und in der Tat trug der König der Schlangen eine prächtige Krone.
Zusammen mit anderen Schlangen kam der König regelmäßig an einer bestimmten Stelle an Land. Dort, an einer besonders schönen Lichtung, wo die Sonne durch die dichten grünen Zweige der hohen Bäume schien, nahm er jeweils seine Krone ab, legte sie sorgfältig auf die hellste Stelle der Wiese und tollte mit den anderen Schlangen herum.
Dies beobachtete der Graf aufmerksam im Verborgenen und über eine längere Zeit hinweg. Dann beschloss er, dem Schlangenkönig die Krone zu rauben.
Kurz vor der Stunde, in der die Schlangen wie jeden Tag an Land kamen, zog der Graf ein wunderschönes helles Tuch aus der Tasche. Es war mit Goldfäden durchwirkt und sah aus, als würde die Sonne selbst daraus hervorscheinen. Es war das Letzte, was der Graf noch an Kostbarkeiten aus dem Besitz seiner Familie besaß. Dieses Tuch legte er auf die Wiese und versteckte sich in einem Gebüsch ganz in der Nähe.
Als der Schlangenkönig mit seinem Gefolge kam, nahm er wie immer seine Krone ab und suchte nach der hellsten Stelle auf der Wiese. So kam es, dass er seine Krone direkt auf das goldene Tuch legte. Dann tollte der Schlangenkönig mit den anderen Schlangen herum.
Vorsichtig kam der Graf aus dem Gebüsch hervor, griff sich Tuch und Krone und rannte, so schnell er konnte. Einige Meter abseits der Lichtung wartete sein Pferd auf ihn, das er schnell bestieg und davonritt.
Allerdings hatte der Schlangenkönig inzwischen den Diebstahl bemerkt und verfolgte den Grafen nun mit seinem Gefolge – und es schlossen sich immer mehr Schlangen an.
Der Graf ritt, so schnell er konnte, die Schlangen, die immer näher und näher kamen, hinter ihm her. Gerade als sie nach den Hinterbeinen seines Pferdes schnappen wollten, konnte er sich durch einen Sprung über eine Mauer retten. Damit entkam er der wütenden Schlangenhorde – und die Krone tat ihre Wirkung. Von nun an lebte der Graf als glücklicher und reicher Mann im Spreewald. Zum Dank an den Schlangenkönig ließ er in sein Wappen zwei Schlangen und eine Mauer aufnehmen. Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er noch heute.
Linn legte Hartmanns Memo weg. Sie hatte sich auf ihrem engen Einzelbett ausgestreckt, um sich vor dem Abendessen noch eine Runde auszuruhen.
Eine seltsame Story, dachte sie. Und wo war da die Moral? Wie konnte es sein, dass der Graf einfach so die Krone stehlen konnte und dafür nicht bestraft wurde? Warum rächte sich der Schlangenkönig nicht an ihm? Stattdessen profitierte der Dieb sogar von der eigentümlichen Kraft der Krone und wurde für seine Dreistigkeit mit Glück und Reichtum belohnt. Und wo waren überhaupt die Frauen in dieser Geschichte?
Wäre ich der Schlangenkönig, dachte sie, ich würde diesen Betrug nicht einfach so vergessen.
Ihr Magen knurrte. Hoffentlich gab es am Abend etwas Leckeres zu essen.
Die Städter kommen
Nelly Nowak packte mürrisch ihre Tasche zusammen. Gleich musste sie zur Arbeit fahren, sie hatte überhaupt keine Lust. Zudem tat ihr schon wieder der Rücken weh.
Seit dreißig Jahren schon betrieb sie das Restaurant Zur Goldenen Schlange und in dieser Zeit hatte sie sich in der Region einen Namen gemacht. Ja, die Leute kamen zu ihr, um einfach mal ein gepflegtes Bier zu trinken. Aber ihr war es auch immer wichtig gewesen, ihren Gästen eine gute Küche und ein modernes Ambiente zu bieten. Und genau das hatte sie geschafft. Bei ihr gab es eben nicht die übliche Touri-Karte. Bei ihr war alles selbstgemacht und frisch, von der Quiche mit Gartensalat bis zu hausgemachten Spätzle. Ja, das war nicht wirklich das, wofür die Gegend bekannt war. Aber was hieß das schon. Sie legte Wert darauf, dass bei ihr nur regional und bio gekocht wurde – wenn die Leute was anderes wollten, sollten sie halt in einen der Touri-Läden in Lübben oder in Lübbenau am Hafen gehen. Beim Essen ließ sie sich nicht reinreden. Eigentlich. Denn ausgerechnet an diesem Wochenende war mal wieder eine geschlossene Gesellschaft angesagt. Städter! Wie sie das hasste! Die wussten immer alles besser – bis hin zur Speisekarte.
Und dieser Typ, mit dem sie da verhandelt hatte, war eine einzige Katastrophe. Was hatte er gesagt, wer er war? Irgendein Verlagsfuzzi, der seine Schreiberlinge und weitere Fuzzis aus der Presse mitbringen wollte. Was hatte der sich aufgespielt! Und er hatte ganz klare Vorstellungen, was es zu essen geben sollte. Frisch und bio war dem nicht wichtig. Als Konsequenz war ihre Gefriertruhe jetzt voll mit Dingen, die sie verabscheute. Tiefkühlspinat, Tiefkühlfisch – und Gurken. Die hatte sich der Kerl in möglichst vielen Varianten gewünscht. Das sei ja schließlich typisch für die Gegend. Ja, als Export – aber doch nicht jeden Tag auf dem Teller! Der hatte nicht den leisesten Schimmer einer Ahnung.
Nelly merkte, dass sie allein bei der Vorstellung, ein ganzes Wochenende für diese Truppe von Städtern kochen zu müssen, anfing zu schwitzen. Dabei war ihr Blutdruck ohnehin bereits viel zu hoch, der Arzt hatte sie schon beim letzten Mal gewarnt.
»Nelly«, hatte er gesagt, »du arbeitest zu viel. Kann nicht deine Nichte den Laden langsam mal übernehmen? Du bist schließlich schon fast siebzig.«
Ha! Das war auch so einer, der überhaupt keine Ahnung hatte von der wirklichen Welt. Von was sollte sie denn leben, wenn sie nicht arbeitete? Von ihrer Ostrente? Lächerlich!
Und ihre Nichte? Sie war ja schon froh, dass es dem Mädchen inzwischen wieder besser ging, nach allem, was passiert war. Auch sie war ein Opfer dieser Städter, dieser Sauf-Touristen, die nur für einen Tag in den Spreewald kamen, um sich auf einem der Kähne volllaufen zu lassen. Mit ihrem Gegröle störten sie die Tiere und wieder an Land, pinkelten sie jeden Baum und jede Häuserwand an. Unerzogen wie eine Horde Kälber. Gemeinhin wurde das dann als Betriebsausflug betitelt – was für ein Hohn!
Und bei ihrer Nichte war es ganz schlimm gewesen. Sieben betrunkene Männer hatten das Mädchen belästigt. Sieben! Was für eine unglaubliche Frechheit, sich zu siebt an eine junge Frau heranzumachen! Ihre Nichte hatte ja gar keine Chance, umzingelt hatten die sie. Dieses übergriffige Pack!
Wenn sie damals nicht zufällig am Fließ vorbeigekommen wäre und das Gejohle gehört hätte, wäre das richtig schlimm ausgegangen, da war sich Nelly sicher.
Diese verdammten Städter! Keine Manieren, keine Moral. Mit ihrem Einkaufsnetz war sie damals auf die Gruppe losgegangen und hatte ihnen die Kartoffeln um die Ohren gehauen. Ganz schnell waren diese Scheißkerle verschwunden, aber gelacht hatten sie trotzdem noch. Für die war das alles nur Spaß.
»Ist doch gar nichts passiert, Alte! Die hat ihr Höschen ja noch an!«
Ihre Nichte wirkte seitdem verstört. Sie war nie besonders lebhaft gewesen, aber seit dem Tag war sie noch mehr in sich zurückgezogen. Eine Anzeige hatte sie auch nicht erstattet und nicht zur Polizei gewollt, es sei ja eigentlich nichts passiert.
Oh, wenn ihr diese Kerle nochmals unter die Finger kämen – die könnten was erleben! Den Hals umdrehen würde sie ihnen.
Eigentlich hatte Nelly sich geschworen, ihr Restaurant nicht mehr an geschlossene Gesellschaften zu vermieten. Jedes Mal ärgerte sie sich schon im Voraus. Aber finanziell lief es nicht ganz so rosig, und der Verlagsfuzzi bezahlte für die zwei Tage gut. Was auch daran lag, dass ihr Restaurant eine Bühne hatte, denn für morgen waren auch noch Schauspieler engagiert.
»Ein bisschen Goethe und so«, hatte er eingebildet gesagt.
Nelly schnaufte. Sie hasste Goethe und Konsorten. Was hatte das denn heute noch mit ihr zu tun? Und sie mochte keine Schauspieler. Für sie war das alles Abschaum. Warum gingen die nicht richtig arbeiten?
Im Flur warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel. Was war das da auf der Wange? Akne! In ihrem Alter! Vorsichtig tastete sie darüber. Jetzt bekam sie schon beim Gedanken an die Schauspieltruppe Pickel!
Zumindest hatte sie dem Verleger erfolgreich verklickern können, dass es bei ihr kein Frühstück gab und es zum Konzept des Hotels nebenan gehörte, dass die Gäste sich aus den Automaten in der Eingangshalle selbst versorgten. Und er hatte ihr geglaubt! Dabei machte sie sonst an den Wochenenden das beste Frühstück in der ganzen Region! Na, so könnte sie zumindest vormittags länger schlafen und musste nicht schon wieder um sechs Uhr früh auf der Matte stehen – und bezahlt hatte der Typ trotzdem fürs ganze Wochenende.
Sie lachte. Der Kaffee aus den furchtbaren Automaten gehörte zum Widerlichsten, das sie je getrunken hatte. Aber was erwartete man schon von einem Hotel, in dem keine Menschen arbeiteten, sondern nur alle paar Tage eine Putzkolonne aus Polen durchfeudelte?
Das geschah diesen Touristen ganz recht.
Wieder schnaufte sie. Sie musste wirklich dringend ein paar Kilos abnehmen, so konnte das nicht mehr lange weitergehen. Auch ihre Kniegelenke waren schon wieder geschwollen.
»Für de Kohle«, sagte sie laut zu sich. »Ick tu dit für die Moneten. Und wenn die nich parieren, jibts wat uffe Schnauze, ej. Aber so wat von.«
Nein, Nelly Nowak hatte für Städter inzwischen kein Verständnis mehr.
Dinner for one
Als Linn Kegel gegen Mitternacht wieder in ihrem Bett lag, konnte sie lange nicht einschlafen. Der Abend war genauso schrecklich weitergegangen, wie der Tag angefangen hatte.
Ab 20 Uhr hatten sich alle in der Goldenen Schlange getroffen. Das Restaurant befand sich in der ehemaligen Scheune des Hotelkomplexes und war zu Linns Überraschung sogar ziemlich gemütlich eingerichtet, mit rustikalen Holztischen und moderner Optik: helle Wände, moderne Lampen, gezielte Farbakzente in Rot und Grau, eine Bar mit zahlreichen, schön illuminierten Spirituosen. Ganz anders als die abwaschbare Herberge. An der Seite zog sich ein roter Samtvorhang über die komplette Breite des Raumes. Eine Bühne, dachte Linn. Wo es kein Stadttheater gibt, müssen halt die Lokale ran.
Als sie das Restaurant betreten hatte, saß Hartmann zusammen mit zwei ihr unbekannten Frauen bereits an einer langen Tafel, die für mindestens fünfzehn Personen gedeckt war. Die füllige ältere Wirtin verschwand gerade hinter der Bar.
»Frau Kegel, Frau Kegel!« Er winkte sie heran. In seinen Augen konnte sie eine gewisse Anspannung erkennen: Hier schien jemand mit dem Verleger am Tisch zu sitzen, der ihm wichtig war.
»Da kommt ja schon die erste unserer Autorinnen! Meine Damen, darf ich vorstellen: Das ist Linn Kegel, deren Krimi Schöner morden demnächst als Taschenbuch erscheint. Das Buch war in der feministischen Community ein großer Erfolg! Bald erscheint ihr nächster Krimi. Frau Kegel: Das ist die berühmte Doris Kranich vom Blatt für Literarische Angelegenheiten.« Dann wandte er sich der jungen Frau zu, die daneben saß. Linn schätzte sie auf Mitte zwanzig. Maximal. »Und Sie müssen mir bitte einmal helfen: Wie heißen Sie nochmal?«
Die junge Frau hatte die Schultern hochgezogen. Ihre Körperhaltung sprach nicht gerade für viel Selbstbewusstsein.
»Aynur«, sagte sie schließlich. »Aynur Müller. Vom Spreewälder Boten.«
»Ach, von der Regionalpresse sind Sie.« Hartmann fiel es schwer, seine Enttäuschung zu verbergen. »Ich dachte, Sie kommen vom Spiegel – da arbeiten manchmal ja auch ganz junge Kolleginnen. Nelly, könnten Sie für Frau Kegel bitte noch ein Weinglas bringen? Der Rote schmeckt ganz vorzüglich! Frau Nowak?!«
Die füllige Wirtin erschien mit einem ganzen Tablett voll Weingläser und zwei Flaschen Rotwein, das sie so heftig vor Hartmann absetzte, dass die Gläser klirrten.
»Sonst muss ick in zwee Minuten schon wieda lofen«, brandenburgerte sie und warf der Runde einen mürrischen Blick zu.
Aynur zuckte mit den Schultern – was schwer war, da sie sie immer noch hochgezogen hielt. »Ja, tut mir leid. Aber ich bin von hier. Mein Chef hat mich hergeschickt, weil, also, so ein Treffen gibt’s nicht so häufig bei uns. Ich bin die Praktikantin.«
»Die Praktikantin?« Hartmann rang sich ein Lächeln ab.
»Hallo zusammen«, sagte Linn betont freundlich, setzte sich mit an den Tisch, griff sich ein Weinglas und schenkte sich ein.
»Aynur Müller ist ein interessanter Name.«
Die Praktikantin zögerte. Sie hatte ein auffallend ernstes Gesicht und kurze schwarze Haare. »Geht so. Müller heißen alle – Aynur nicht. Das ist türkisch. Meine Eltern haben mal nach der Wende in der Türkei Urlaub gemacht und fanden den Namen gut. Leider gibt es immer welche, die denken, ich hieße Einohr. Dabei bedeutet der Name Mondschein.«
Linn nickte verständnisvoll. »Zu mir sagen dafür ganz viele Lünn – das ist auch nicht viel besser. Wir können uns gern duzen.«
Doris Kranich interessierte das wenig. »Schöner morden, sagten Sie? Interessanter Titel. Spielt er in einem Beauty-Salon? Wenn ein Model ermordet wird, ist das ja immer Stoff fürs Fernsehen. Haben Sie denen schon mal was geschickt?«
Linn atmete tief durch, damit gingen die Pressegespräche wohl auch für sie los. Von nun an gab es kein Entrinnen mehr. »Nein, kein Beauty-Salon. Die Handlung spielt in einer Künstleragentur, geleitet von einer toughen Geschäftsfrau – und das Opfer ist eine Übergewichtige mit Pilzausschlag auf dem Dekolleté.«
»Ach so. Dann kommt es fürs Fernsehen nicht infrage«, kommentierte Doris Kranich trocken. In ihrem grauen Anzug sah sie so nüchtern aus, wie sie sprach. »Das ist denen zu unappetitlich. Wissen Sie, ich kenne die Branche. Bevor ich zum Bla gegangen bin, war ich Literaturagentin. Und was schreiben Sie sonst so?«
Doris Kranich schien trotz ihrer pragmatischen Art durchaus aufgeschlossen.
»Ich habe vor Kurzem ein Buch über das Frauenwahlrecht veröffentlicht.«
»Oh«, kommentierte Kranich. »Das ist blöd.«
»Wie bitte?«, fragte Linn irritiert. »Das Buch ist alles andere als blöd. Es leistet einen zentralen Beitrag zur Demokratiegeschichte!«
Doris Kranich musterte sie mit analytischem Blick. Linn schätzte die Frau auf vielleicht Vierzig, gut frisiert, gut angezogen. Eher Typ Bankerin. Sogar die Aktentasche fehlte nicht.
»Nicht Ihr Buch ist blöd, sondern dass Sie es geschrieben haben«, erklärte Kranich trocken. »Der Stempel ist nicht per se schlecht. Ein fröhlicher, fescher Feminismus lässt sich gut verkaufen, zumal von einer hübschen jungen Frau geschrieben. Aussagen wie Männer sind super!, Ich schaffe Kind und Karriere!, Ich bin Feministin und liebe Tiere! – das läuft wie geschnitten Brot. Wenn aber eine Autorin Bücher über Geschichte und Frauenwahlrecht oder sogar über heutige gesellschaftliche Defizite schreibt, schreit das förmlich: Ich bin anstrengend und habe keinen Humor! Das ist nichts für das breite Publikum.«
Linn zog den Muskel rechts über ihrer Oberlippe nach oben. »Aber wenn ich einen Ratgeber übers Putzen geschrieben hätte, würde ich als humorvoll gelten, oder wie?«
»Ach, Frau Kranich, Sie haben ja so recht«, mischte sich Hartmann ein. »Ich habe es Frau Kegel auch schon gesagt. Die Entscheidung für das Wahlrechtsbuch war wirklich eine ganz schlechte. Darum überlegen wir uns intern auch schon, ob wir die nächsten Werke von Frau Kegel nicht besser unter Pseudonym veröffentlichen.«
»Sie tun was?«, hustete Linn. Von diesen Überlegungen wusste sie gar nichts. »Das kommt überhaupt nicht in Frage!«
Doris Kranich nickte jedoch zustimmend. »Das würde ich mir an Ihrer Stelle wirklich überlegen, Frau Kegel. Das gäbe Ihnen die Chance, ein neues Image aufzubauen. Überlegen Sie sich das doch schon für Ihren nächsten Krimi. Besonders gut laufen ja feministisch angehauchte Geschichten, geschrieben von Männern. Die können dann ruhig auch ein bisschen frecher sein. Verkauft sich prima!«
»Sie meinen, ich soll mir ein männliches Pseudonym ausdenken, damit die Leute meine Krimis kaufen?«
»Suuuuper Idee!« Hartmann war nun ganz aufgeregt. »Das könnten wir marketingmäßig auch wunderbar aufsetzen. Und Sie müssten gar nichts ändern, Frau Kegel. Sogar das Intertextuelle bei Ihren Krimis könnten Sie genau so lassen. Das ist schließlich hoch im Kurs.«
»Wie bitte? Im Auto haben Sie mir gesagt, dass ich das lassen soll.«
Hartmann schüttelte den Kopf. »Ja, aber da waren Sie doch noch eine Frau. Ein Autor darf das selbstverständlich machen! Vielleicht bringen wir auch Schöner morden einfach nochmals unter einem anderen Titel und mit dem neuen Namen raus. Mord im Künstlermilieu – das klingt dann auch ernstzunehmender, ja fast schon investigativ.«
»O ja«, pflichtete Doris Kranich nüchtern bei. »Der Titel eines Buches ist überaus wichtig. Goethes Faust wäre nie so ein Erfolg geworden, hätte er das Stück Gretchen genannt.«
Linn hatte Mühe, ruhig zu bleiben. »Lassen Sie mich raten: Ein egoistisches Arschloch verkauft sich einfach besser als eine verarschte Frau?«, sagte sie und versuchte, in ihre Stimme einen ebenso trockenen Ton zu legen. Dann nahm sie einen großen Schluck Rotwein.
»Genau, Frau Kegel, jetzt haben Sie es verstanden«, lobte Kranich sie. »Und bei einem Autor wirkt auch das Setting einer Agentur mit einer toughen Chefin und einer übergewichtigen Toten gleich ganz anders. Das wird dann politisch subversiv, so à la: Der ist für die Quote! Damit können Sie richtig reich werden. Sie brauchen nur noch einen sympathischen Namen. Aber nehmen Sie bloß nicht Thomas, der ist durch. Jan ist sehr angesagt oder Jens, und am besten noch ein ›-mann‹ hinten.«
»Wie Hartmann!«, rief Hartmann stolz.
»Ja!«, pflichtete ihm Doris Kranich bei. »Jens Hartmann wäre ein Spitzenname. Oder auch Jo, wenn Sie die Bücher von Frau Kegel einfach unter Ihrem Namen veröffentlichen wollen.«
»Nur über meine Leiche«, sagte Linn.
»Also ich mochte Schöner morden ja, wie es war.« Verblüfft wandten sich alle Aynur Müller zu, die sich mit diesem Kommentar zaghaft in Erinnerung rief.
Hartmann und Kranich starrten die Praktikantin stumm an.
»Danke, das freut mich zu hören«, sagte Linn und zu den anderen beiden gewandt: »Und ihr beiden könnt euch euren Plan sonstwohin schieben. No Penis, no männliches Pseudonym. Wir sind doch nicht mehr im 19. Jahrhundert!«
Doris Kranich sah sie emotionslos an. »Ach, ich wäre da an Ihrer Stelle nicht so empfindlich. Es ist halt ein Business. Sie würden staunen, hinter wie vielen Autorennamen sich tatsächlich Frauen verbergen. Daniel Kehlmann, Frank Schätzing, Ferdinand von Schirach – wetten, dass das alles Frauen sind? Sex sells, aber halt nur der männliche.«
Das Klingeln von Hartmanns Telefon erlöste Linn aus der unliebsamen Diskussion. Der Verleger verließ den Tisch und kam erst nach einigen Minuten zurück. In der Zwischenzeit checkte Doris Kranich ihre Mails. Aynur rutschte unsicher auf ihrem Stuhl herum, Linn prostete der schüchternen Praktikantin zu und ließ den Blick versonnen durch den Raum streifen. Nein, sie hatte definitiv keine Lust auf diesen Abend und wünschte sich jetzt schon ganz weit weg.
»Ist was?«, fragte Kranich, als sich Hartmann sichtlich erregt wieder an die lange Tafel setzte.
»Kann man so sagen. Das war meine Assistentin aus dem Verlag. Faz, Süddeutsche und Spiegel haben gerade abgesagt. Alle drei! Und so kurzfristig! Stattdessen treffen sie sich nun mit irgendeinem achtzehnjährigen Fußballspieler, der seine Biografie vorstellt.«
»Ja, so was verkauft sich gut«, kommentierte Kranich interessiert. »Das muss ich direkt der Redaktion melden. Sie wissen nicht zufällig den Namen? Da müssen wir dann nämlich schnell schauen, dass das- Bla auch noch ein Interview bekommt.«
Linn sah sie irritiert an und zog erneut ihren rechten Mundwinkel nach oben. Das tat sie immer, wenn sie angestrengt nachdachte – oder irgendetwas partout nicht verstehen konnte.
»Was schauen Sie denn so? So ist das Business!«
»Sie sind doch aber das Blatt für Literarische Angelegenheiten. Das war doch früher eine Bastion für Qualität, für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Literatur. Was hat denn darin eine Fußballerbio zu suchen? Und überhaupt: Wie kann ein Achtzehnjähriger eine Bio schreiben?«
Jetzt musste selbst die geschäftige Doris Kranich lachen. »Ach, Frau Kegel, Sie sind echt noch vom alten Schlag! Was Literatur ist, entscheidet der Leser.«
»Na, offensichtlich ja auch Sie, wenn Sie darüber schreiben oder auch nicht.«
»Wer war zuerst da, das Huhn oder das Ei?«
Na, offensichtlich der Hahn, dachte Linn.
Auch im weiteren Verlauf wurde der Abend nicht erfreulicher: Saß Linn zu Beginn zumindest noch zentral, tauchten kurze Zeit später Brimborius, Faber, Madampf, Coppelia und Weißweiler auf. Beim gegenseitigen aufgekratzten Vorstellen und Hallo ging Linn wortwörtlich unter: Hände wurden über ihrem Kopf geschüttelt, über den Tisch hinweg wurde sich umarmt und auf den Rücken geklopft. »Wie wunderbar, dass Sie hier sind, die Literatur Heute fehlt bei keiner Verlagskonferenz! Ach und die Hatz! Seit Sie Feuilletonchef sind, Herr Brimborius, ist das ja ein Meilenstein der Literaturkritik geworden!«, schleimte Hartmann. All das war Linn viel zu viel und so griff sie ihr Weinglas und zog sich ans andere Ende der gedeckten Tafel zurück. Nach den zahlreichen Absagen gab es mehr als genügend freie Plätze.
Und während sich die anderen rege zu unterhalten und köstlich zu amüsieren schienen – offenbar wollte Hartmann nach der Absage der Big Three um jeden Preis das Beste aus dem Abend machen –, verbrachte sie den Abend mehr oder weniger schweigend und abseits.
Auch das Essen konnte sie nicht aufmuntern. Auf der eigens für ihre Runde gedruckten Speisekarte war es als »Spreewaldmenü« angekündigt worden: zuerst eine Gurkensuppe mit Sahnehäubchen, gefolgt von gebratenem Wels mit Schmorgurken, dazu allen Ernstes Tiefkühlkroketten. Ein typisches Touri-Essen. Zumal Linn Gurken zutiefst suspekt waren. Und da sie wusste, wie Welse aussahen und dass sie tief unten im Schlamm lebten, konnte sie sich selbst bei dem gebratenen auf ihrem Teller nicht vom Gefühl befreien, dass sich der angsteinflößende Fisch noch an ihr rächen könnte.
»Schmeckt’s etwa nich?«, hatte die Wirtin beim Vorbeilaufen ruppig gefragt, doch eine Antwort hatte sie nicht abgewartet, sondern war direkt wieder in die Küche verschwunden.
Linn ließ ihren Blick über die lange Tafel schweifen. Was für eine seltsame Gesellschaft sich hier zusammengefunden hatte! Oder war sie selbst die Seltsame?
Am anderen Ende des Tisches sah sie Doris Kranich, die kapitalistische Literaturverkäuferin des Bla, vertieft in ein Gespräch mit Giovanni Faber, der ihr offensichtlich gerade die ökonomische Dimension seines Altherrenromans zu vermitteln versuchte. Linn konnte nicht genau hören, was die beiden redeten. Kranich jedenfalls machte ein geschäftiges Gesicht und nickte immer wieder – und der eitle Faber mit seinem Halstuch schwadronierte mit Händen und Füßen. »Genau darum geht es doch bei Literatur!«, meinte sie von seinen Lippen ablesen zu können. »Aufbruch, Reise, Rückkehr!«
Hartmann unterhielt sich dagegen lautstark und wild gestikulierend mit Caspar Brimborius, dem schwarzgekleideten Feuilletonchef der Hatz. »Die Leute wieder mehr zum Lesen zu bringen, das ist der Bildungsauftrag für uns Verlage!«, hörte Linn ihren Verleger einmal laut ausrufen. Und nach einigen ruhigeren Sätzen, die im Gebrabbel der anderen untergingen: »Wenn die Menschen nicht mehr lesen, geht unsere Gesellschaft den Bach runter! Eigentlich ist das, was wir in den Verlagen machen, Arbeit für die Demokratie! Schreiben Sie das ruhig demnächst mal: Arbeit für die Demokratie!« Dann hatte erneut Hartmanns Telefon geklingelt. Er war, eine Entschuldigung brummend, eilig vom Tisch aufgestanden, während Brimborius zu seinem Freund Faber aufrutschte. »Mein Lieber, da sind Sie ja«, hatte Linn zu verstehen gemeint.
Hartmann war schon nach wenigen Minuten zurück, kippte ein Glas Rotwein auf Ex und flüsterte deutlich erkennbar »Verdammte Scheiße«. Offensichtlich hatte noch jemand von der Presse abgesagt.
Auf der anderen Seite des Tisches saßen Loretta Coppelia und Aynur Müller vom Spreewälder Boten. Loretta war ganz in blau gekleidet – blaue Stoffhose, kornblumenblaues Oberteil, beides wirkte wieder ziemlich teuer –, was zu ihren blonden Haaren sehr gut passte. Sie sah aus wie eine Klischee-Schwedin. Linn musste schmunzeln, als sie daran dachte, wie sie in Schöner morden ihre Romanfigur Loretta Coppelia beschrieben und sie dauernd ein Come sta hier und Tutto bene dort hatte sagen lassen. Bei der echten Coppelia hingegen schien Italien weit weg. Viel eher ginge Aynur Müller als Loretta Coppelia durch: Sie trug ihre dunklen Haare mit Gel streng nach hinten gekämmt, dazu ein schlichtes Outfit mit einer College-Jacke, die ihr deutlich zu groß war. Durch ihre stets leicht hochgezogenen Schultern sah sie ein bisschen aus wie ein geschrumpfter Football-Spieler.
»Und wie sind Sie zum Schreiben gekommen?«, fragte Aynur gerade die schwedische Loretta.
»Ich wusste schon immer, dass ich schreiben wollte. Nach dem Studium habe ich mir ein Jahr Zeit gegeben und geschrieben mit der klaren Deadline: Wenn ich es nach diesem Jahr nicht schaffen würde, ein Buch zu schreiben und bei einem guten Verlag unterzukommen, steige ich in die Kanzlei meiner Eltern ein. Glücklicherweise musste ich das nicht. Mein Plan ist aufgegangen – Meine Mutter kannte Jo Hartmann noch aus ihrem Studium. Mein erstes Buch ging über eine ganz normale junge Frau in der Upperclass von Frankfurt, die erfährt, dass sie eigentlich die Thronfolgerin von Norwegen ist – es wurde direkt verfilmt, und darum konnte ich auch von Beginn an von der Schriftstellerei leben.«
»Wow!«, erwiderte die Praktikantin beeindruckt, mit gleichbleibend ernstem Gesicht.
»Ein bisschen hat es natürlich geholfen, dass meine Eltern die Anwälte der Produktionsfirma sind. Aber nicht nur!«
»Ich habe alle Ihre Bücher gelesen und fand sie sehr gut.« Aynur schien ihre Schüchternheit so langsam abzulegen.
»Das freut mich«, gab Loretta höflich zurück.
»Für mich gibt es wirklich nichts Besseres als Bücher. Am liebsten würde ich den ganzen Tag nur lesen – genau wie im Studium.«
»Warum wirst du nicht Bibliothekarin?«
»Staub.«
»Wie bitte?«
»Ich habe leider eine Stauballergie. Bei alten Büchern muss ich immer niesen.«
»Oh. Das tut mir leid für dich.«
Linn fiel auf, dass Loretta die Praktikantin permanent duzte, obwohl die junge Frau sie siezte.
Aynur zog die Schultern noch höher. »Egal. Zeitung ist auch nicht schlecht, ich muss ja nicht mein Leben lang beim SpreeBot bleiben. Wobei ich hier thematisch nicht festgelegt bin, ich schreibe einfach über alles. Letzte Woche zum Beispiel war ich bei einer wirklich tollen Veranstaltung in Lübben.«
»Aha.« Coppelias Blick glitt zu Doris Kranich, auf der Suche nach einer Gelegenheit, das Gespräch mit der Praktikantin zeitnah zu beenden.
»Am liebsten würde ich zu einer großen Zeitung und dort über Bücher schreiben.« Aynur gewann Lorettas Augenmerk zurück, weil Kranich besetzt war.
»Hatz, Bla und Literatur Heute sind ja hier. Oder haben deine Eltern keine Kontakte? Also meine hätten mir sofort etwas besorgt, wenn die Kanzlei keine Option gewesen wäre. Sie nennen sie die Cosa Coppelia, lustig oder? In Anlehnung an die Cosa Nostra. Ach, die beiden sind schon klasse. Ich habe mir jetzt ein Appartement direkt gegenüber von meinen Eltern gekauft. So sind sie immer in meiner Nähe.«
Loretta und Aynur aßen einige Augenblicke still vor sich hin, immer wieder sandte Coppelia suchende Blicke aus.
»Bei Ihren Büchern mag ich, dass die Figuren so lebendig sind. Ich kann sie mir immer direkt vorstellen.«
»Danke«, lächelte Loretta. »Manchmal liegt es daran, dass sie Vorbilder im echten Leben haben – vor allem bei den Loser-Figuren ist das von Vorteil. Solche Menschen kenne ich privat allerdings gar nicht.« Bei Loser sah sie zu Linn herüber und ihre Blicke trafen sich. »Bei Taugenixen hat mir das sehr geholfen.« Loretta grinste und fuhr betont laut und deutlich fort: »Auch mein neues Buch, Jakob und der Engel, wird übrigens demnächst verfilmt. Mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle. Er ist für die Rolle des eigenbrötlerischen Kirchenmalers auf dem Land ideal – allein die Zähne! Da glaubt man sofort, dass der Maler so sehr in seiner Kunst aufgeht, dass er keine Zeit hat, zum Zahnarzt zu gehen. Mein Vater kennt Vogels Agenten aus dem Rotary Club. Und meine Mutter ist gerade dabei, den Kontakt zu Heike Makatsch aufzubauen. Ihr neuer Mann ist der Neffe des Nachbarn von meiner Oma. Heike wäre in der weiblichen Hauptrolle ideal.«
Sie prostete Linn über den Tisch hinweg zu. Das sah auch Aynur und hob unsicher ihr Glas.
Linn hatte genug gehört. Nein, in diesem Leben würden Loretta und sie keine Freundinnen mehr. Wie denn auch – sie hatte schließlich keinerlei Kontakt zu Lorettas Eltern! Und jetzt wurde auch noch das neue Buch verfilmt.
War sie etwa neidisch? So ganz konnte Linn das nicht von der Hand weisen, obwohl sie gar kein eifersüchtiger Mensch war. Aber sie staunte darüber, wie leicht es anderen fiel, sich und ihre Bücher gut zu verkaufen und bestehende Kontakte zu nutzen – und wie sehr ihr diese Fähigkeit abging.
Überhaupt: Loretta haute ein Buch nach dem anderen raus, während sie – sehr zum Leidwesen von Hartmann – für jedes ewig brauchte. Und wenn der Verlag nun auch noch mit Zwangsverpflichtung zu solchen Promowochenenden anfing, sollte sie sich vielleicht wirklich überlegen, ob es das noch für sie war. Vielleicht sollte sie bei Gelegenheit doch mal bei ihrer Freundin Bettina Heidenreich nachfragen. Die leitete in Köln eine Künstleragentur, für die Linn während ihres Studiums immer wieder gejobbt hatte. Vielleicht hätte Bettina mal wieder einen Auftrag? Doch wenn Linn an die Castings zurückdachte, die sie früher für die Agentur mit dem etwas zu hochtrabenden Namen Ars Artis durchgeführt hatte, überkam sie das kalte Grausen. Je älter sie wurde, desto klarer wusste sie, dass sie einen Job brauchte mit so wenig Kontakt zu schrecklichen Menschen wie nur möglich. Doch wo gab es das schon außer beim Schreiben?
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