Kitabı oku: «Treulos»
TREULOS
ISABELL SOMMER
Impressum
Š Isabell Sommer
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
ISBN 978-3-8442-7390-8
All rights reserved
Nachdruck, auch auszugsweise, Übersetzung und jede Art der Vervielfältigung oder Wiedergabe nur mit Quellenangabe und schriftlicher Genehmigung der Verfasser.
>> Wenn einem die Treue Spaß macht, dann ist es Liebe.<<
Julie Andrews
Mein Name ist Patschke. Genau genommen ist es der Name von uns Dreien. Ina Patschke - so steht es in meinem rosa, leicht angegrauten Führerschein aus der nahen Steinzeit des letzten Jahrtausends, den wahrscheinlich die meisten Leser unter Ihnen gar nicht mehr kennen. Der rosa Lappen ist heutzutage einem schicken Führerschein aus abwaschbarem widerstandsfähigem, ökologisch bestens recyclebarem Hartplastik im EC-Kartenformat gewichen. Ob Schokoladenpudding oder Bolognesesauce, kein Fleck der Welt kann das Antlitz des Dokumentes jemals zerstören. Irgendwie tröstlich! Sicherlich vermuten Sie jetzt, bei mir würde es sich um eine schwer atmende Hochschwangere Ende des 8. Monats handeln, deren praller Bauch sich wie eine überdimensionale Wassermelone über die Hüften spannt und ab und zu etwas verformt wirkt, weil muntere Zwillinge im Fruchtwasser Purzelbäume schlagen. Aber weit gefehlt!
Wenn ich den Aussagen meines Gynäkologen Glauben schenken darf, dann befinde ich mich definitiv nicht in anderen Umständen.
Frau Patschke, Sie müssen sich Ihre Eizellen in etwa so vorstellen, wie eine Fliege, die auf dem Rücken liegt.
Aha! Laut surrend und absolut hilflos also! Der Gedanke an insektenartige Eizellen, die in meinem Unterleib munter brummen, missfällt mir abgrundtief. Vielleicht liegt auch hier der Schlüssel zu meinem zumindest phasenweise so gut wie gar nicht vorhandenen Sexualleben. Manchmal habe ich schon das Gefühl, um meinen Unterleib ranken sich prächtige Spinnweben. Der Gedanke ist auch sehr nahe liegend: Fliegen gehen Spinnen schließlich nur allzu oft ins Netz. Aber dazu kommen wir später.
Wir drei heißen also Patschke. Damit meine ich aber nicht meine Familie, ich habe zwei Kinder und einen eher unterdurchschnittlichen Ehemann, sondern vielmehr die zwei Stimmen in meiner Brust: Knubbi und Paula!
Knubbi ist der klassische Mann wie ihn jeder von uns kennt: Meistens übel gelaunt, gereizt, genervt, besserwisserisch und übertrieben sparsam.
Paula hingegen ist die Lebenslustige von beiden. Sie ist mutig, gespannt auf das Leben und setzt sich jede Menge Ziele. Natürlich ist sie auch sehr anspruchsvoll. Sie fordert mich jeden Tag auf, alles aus mir herauszuholen und meinem Leben eine bessere Wendung zu geben.
Mein Pech ist nur, dass sich die beiden auf den Tod nicht ausstehen können. Sie sind grundsätzlich unterschiedlicher Meinung und diskutieren leidenschaftlich gerne über sämtliche Belange, die mein Leben betreffen. Für mich als quasi Unbeteiligte hat deren streitsüchtiges Verhalten oft zur Folge, dass ich nicht weiß, auf wen von beiden ich hören soll.
Das fängt schon bei ganz simplen Alltagssituationen an. Samstagvormittag gehe ich beispielsweise immer in den nahe gelegenen Supermarkt, um dort den Wocheneinkauf für die Familie zu erledigen. Nun ist dieser Supermarkt aber kein Laden im herkömmlichen Sinne, nein, es ist vielmehr ein Supercenter. Es gibt dort alles was das Herz begehrt. Mode, Kosmetik, Elektrogeräte, Spielwaren, Bücher, Schmuck und natürlich auch ganz stinknormale Lebensmittel.
Ich bummele also jeden Samstagvormittag gemütlich durch das Supercenter. Ohne nervende Kinder im Schlepptau, die einen Tobsuchtsanfall vom Allerfeinsten inszenieren, wenn man sie nach einer guten halben Stunde sanftmütig versucht vom Spielwarenregal wegzulocken. Sie werfen sich auf den glänzend polierten Boden und schreien, als gehe es um ihr Leben.
Es dauert in der Regel nicht lange, dann nähert sich schon die erste Kundin, die in mir eine potenzielle Kindesentführerin sieht, und erbost auf mich einschreit:
Lassen Sie sofort das Kind los oder ich rufe die Polizei!
Kaum ist es gelungen, die Frau davon zu überzeugen, dass man tatsächlich die leibliche Mutter dieses kreischenden Wutbündels ist, findet man sich plötzlich umringt von einer Menge Erziehungsprofis wieder, die viele unerbetene Ratschläge auf Lager haben.
Bei uns früher hätte es so etwas nicht gegeben. Dem Fratz gehört doch nur einmal ordentlich der Hosenboden poliert!
oder
So kaufen Sie dem Jungen doch wenigstens eine Kleinigkeit!
Ich beeile mich also, mit hochrotem Kopf das fleischgewordene Rumpelstilzchen unter meinen Arm zu klemmen und das Supercenter so schnell wie möglich zu verlassen. Natürlich brauchte auch ich eine ganze Weile, bis ich begriffen habe, dass die Reizüberflutung durch das ungeheure Spielwarenangebot und das unbändige Temperament (oder der Sturschädel) meiner Kinder nicht zusammenpassen. Zwischenzeitlich habe ich verstanden, dass ein Bummel durch das Supercenter durchaus sehr entspannt sein kann, vorausgesetzt man weiß Mann und Kinder im trauten Zuhause.
Dessen kann ich mir heute absolut sicher sein. Mein abgrundtief durchschnittlicher Normalmann hat sich eben noch grunzend wie ein Wildschwein in den Federn gewälzt, als ich mich leise aus dem Bett geschlichen habe. Selbst die lieben Kleinen haben heute das Fünf-Uhr-Klingeln der nahe gelegenen Kirchturmuhr verschlafen. Normalerweise stehen sie um diese Zeit vor meinem Bett und rütteln so lange an meinen Schultern bis ich mich freiwillig erhebe, um ihnen zu nachtschlafender Zeit ein Frühstück zu servieren. In diesen Momenten verfluche ich mein Mutter-Dasein und hadere mit meinen Eizellen wäre es manchmal nicht praktischer, sie hätten sich schon vor neun Jahren dazu entschließen können, ihre Beweglichkeit den Fleischfliegen anzupassen?
Schnell versuche ich die Gedanken an meine täglich wiederkehrenden Mutterpflichten beiseite zu schieben. Nichts vermag es, mir meine Samstag vormittägliche Auszeit von Wutanfällen, Hausaufgaben und Kochtöpfen zu vermiesen. Zur Vorbereitung auf meine Shoppingtour schnappe ich mir schnell den Hochglanzprospekt des Markts und studiere die brandneuen Sonderangebote. Aber es ist nichts dabei, was mein Interesse auch nur ansatzweise erwecken könnte.
Keine reduzierte Antifaltencreme, keine Highheels zum Supersonderpreis!
Hackfleisch, Nudeln, Salat, Toilettenpapier,
Definitiv nichts, mit dem man ein Frauenherz an einem kinder-und männerfreien Vormittag beglücken könnte. Der Hochglanzprospekt landet also in hohem Bogen im Müll.
In diesem Moment überkommt mich ein Gefühl der unbandingen Schadenfreude.
Ja, ich werde heute das Haushaltsgeld, das mein Mann mir jeden Monat auf Heller und Cent genau passend auf den Küchentisch zählt, ohne zu vergessen die exakte Summe akkurat ins Haushaltsbuch einzutragen, mit vollen Händen verschleudern!
Warum auch sollte ich einen mittelschweren Bandscheibenvorfall riskieren, nur um die preiswertesten Artikel aus den untersten, bei meiner Größe leider sehr Rücken unfreundlichen Regalen zu fischen?
Knubbi verpasst mir einen Tritt mitten in den Rippenbogen. Er ist empört.
Du kannst doch nicht einfach das hart verdiente Geld deines Mannes verprassen! Deine Eltern haben dich doch zur Sparsamkeit erzogen! Wie willst du über die Runden kommen, wenn du schon am ersten Samstag des Monats alles ausgibst?
Paula reagiert auf diesen Kommentar nur mit spöttischem Gelächter.
Der ist doch selbst schuld! Ina käme doch gar nicht auf die Idee, wenn er sie nicht immer an der kurzen Leine halten würde!
Aber
Die zwei Streithähne belasten meinen unbeschwerten Einkaufsbummel. Energisch versuche ich die beiden zum Schweigen zu bringen.
Schluss jetzt!
Die Dame hinter dem Informationsschalter starrt mich verwundert an und blickt sich suchend um, sodass ich mich beeile, den Eingangsbereich des Supercenters schnell hinter mir zu lassen, um zu vermeiden, dass sie das Sicherheitspersonal auf mich ansetzt.
Während ich im ersten Gang das überwältigende Angebot an Gelkerzen bewundere und dabei in einem unbeobachteten Moment vorsichtig mit meinem Finger in der glibberigen Masse bohre, denke ich über Knubbis Worte nach. Was wäre eigentlich, wenn ich meinem Mann heute Nachmittag strahlend verkünde, dass ich das gesamte Haushaltsgeld in eine Outfit-Modernisierung investiert habe?
Je länger ich darüber nachdenke, desto besser finde ich die Idee und beschließe augenblicklich, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Mein letzter ausgedehnter Klamotten-Shopping-Trip ist schließlich beinahe drei Jahre her. Ich war als glückliche Hauptgewinnerin des Preisausschreibens einer Diät-Molke gezogen worden und der Bürgermeister unserer kleinen Stadt hat mir persönlich einen Einkaufsgutschein über 3.000,00 überreicht.
Die Sache hatte nur einen kleinen Haken:
Der Gutschein war nur einlösbar im XXL-Fashion-Shop, einem Geschäft für Übergrößen ab 44.
Nun will ich meine Figur zwar nicht unbedingt als besonders filigran beschreiben, aber trotz Speckrollen am Unterbauch, Reiterhosen und Schwangerschaftsstreifen komme ich über die 38 nicht hinaus.
Trotzdem: Meinen Gewinn wegen einer Größe hin oder her in den Wind zu schreiben, das ist für mich überhaupt nicht in Frage gekommen, und so habe ich also eines Tages bewaffnet mit meinem Gutschein den XXL-Fashion-Shop betreten.
Die freundliche Verkäuferin hat sich vor Lachen gebogen, als ich sie um eine Farb-und Typberatung gebeten habe.
Kindchen, ich glaube du bist in die Diätmolke gefallen! Was soll ich denn einem Hungerhaken wie dir verkaufen?
Unbeirrt habe ich darauf bestanden, das sehr feminine, geblümte Kleid aus dem Schaufenster in der kleinsten Größe (44) anzuprobieren.
Leider hat die Verkäuferin Recht behalten!
Ich habe einfach zu wenig Körper für dieses traumhafte Kleid gehabt. Obwohl, wenn ich mich von allen Seiten im Spiegel begutachtet habe, dürfte es eigentlich durchaus machbar sein, sich bis zum nächsten Frühling so weiterzuentwickeln, dass es tragbar war. Zwischen den Jahreszeiten liegt immerhin die Vorweihnachtszeit der Todesstoß für jede im Sommer unter Verzicht auf viele Eisbecher mit extra Schlagsahne hart antrainierte Bikinifigur. Ich habe kurz über all die Mühen meiner letzten zweiwöchigen Sauerkrautdiät sinniert vor allem die schlimmen Blähungen, die mich über Wochen gequält haben und ein eheliches Sexualleben schlichtweg unmöglich gemacht haben. Trotzdem war dieses Kleid ein Traum und zur Bikinifigur a lá Baywatch würde es bei mir ohnehin nicht reichen. Leider ist es mir trotz aufopferungsvollem Einsatz von kiloweise Schokoladenlebkuchen und gebrannten Mandeln nicht bis zu den ersten wärmenden Sonnenstrahlen gelungen, meine Figur so geformt zu haben, dass sich das Blumenkleid wie eine zweite Haut um meinen Körper schmiegte. Schade! Jetzt war mir nur noch die Wahl geblieben, das Kleid meiner Träume der Altkleidersammlung zuzuführen oder wenigstens den Stoff zu verarbeiten. Ich habe mich nach reiflicher Überlegung für Platzsets entschieden. Schöne geblümte selbst genähte Platzsets. Für mich, meine Schwester, meine Mutter, Omi und Opi. Und Schuhputztücher aus den Stoffüberresten.
Damendessous verschiedene Designs je 9,99 !
Die aufdringliche Stimme der Informationsdame holt mich zurück in die Gegenwart. Verwundert bemerke ich erst jetzt, dass sich mein Finger zwischenzeitlich erstaunlich tief in die Gelmasse vorgebohrt hat. Unauffällig schiebe ich also das Dekorationsstück ganz weit nach hinten in das Regal.
Ina, was bitte tust du da??? Du hast die Kerze zerstört und musst den Schaden bezahlen!
Knubbi ist empört über mein Vertuschungsmanöver. Er kann es einfach nicht fassen. Wo bitte sind nur all die Jahre mühevoller Erziehung deiner Eltern hin?
Paula kichert hämisch. Was soll diese ganze Pseudomoral? Ist es nicht ein typisch menschliches Grundverlangen, in der glibberigen Masse herumzubohren und ist das Supercenter nicht selbst schuld an diesem Reflex, wenn es solche Artikel hier zum Verkauf anbietet?
Krieg dich wieder ein, Knubbi! Der Laden hier ist doch versichert. Und bestimmt nicht schlecht!
Langsam wende ich mich vom Regal ab und schlendere unentschlossen ein paar Schritte den Gang entlang. In mir brodelt es heftig. Knubbi ist einfach zu gewissenhaft.
Wenn du dich davon schleichst, wird dich gleich der Ladendetektiv schnappen oder dein gemütlicher Einkaufsbummel wird durch dein schlechtes Gewissen versaut. Glaub mir das einfach, Ina und bezahl jetzt den Schaden!
Ich will eigentlich nichts mehr hören und gehe zurück, greife ins Regal nach ganz hinten und ziehe das verunstaltete Dekorationsstück heraus.
Gerade als ich die Überreste der lädierten Gelkerze in einer Ecke des Einkaufswagens positioniert habe und endlich bereit bin, meinen Einkaufsbummel fortzusetzen, kommt ein Mann in einer dunkelblauen Supercenterschürze auf mich zu. Er starrt mich an. Ich starre zurück und wappne mich für eine Ermahnung größeren Ausmaßes. Oder eine Strafanzeige wegen Sachbeschädigung. Oder sogar - daran mag ich gar nicht denken, das wäre schlichtweg eine Katastrophe ein Hausverbot.
Die Blauschürze starrt wortlos weiter und grinst plötzlich wie ein Breitmaulfrosch. Ob er nebenberuflich Modell für Zahnpastawerbung ist? Das blendende Weiß seiner Zähne beeindruckt mich so, dass ich beschließe vorausgesetzt natürlich, ich bekomme kein lebenslanges Hausverbot im Supercenter - gleich noch einen Abstecher in der Mundhygieneabteilung zu machen. Der Supercenter-Mitarbeiter nähert sich meinem Einkaufswagen und greift zielsicher nach der kaputt gestocherten Gelkerze. Jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Meine Knie zittern. Ich starre die Blauschürze an. Die Blauschürze starrt schweigend das Dekorationsstück an. Sein Blick wandert von der Kerze zu mir. Jetzt kommts!
Sehen Sie das nicht, junge Frau? Das Gel ist doch schon ziemlich mitgenommen.
Er drehte sich zum Regal um. Ehe ich mich versehe, liegt in meinem Einkaufswagen ein nagelneues, unversehrtes Exemplar des Wohnaccessoires. Ich spüre wie das Blut in meine Wangen schießt.
Nehmen Sie doch diese hier. Die ist doch um einiges hübscher. Oder meinen Sie nicht?
Verdattert nicke ich. Die Blauschürze blickt mich erwartungsvoll an. Offenbar besteht er auf eine Antwort. Unüberlegt stottere ich los, ohne zu ahnen, dass dieser Satz einem Schuldanerkenntnis ebenbürtig ist.
Äh ja, natürlich. Aber ich glaube nicht, dass sie lange so schön bleiben wird. Dieses Gel, äh, wie soll ich sagen, übt eine
ungeheure Faszination
auf meine Fingerspitzen aus!
Der Supercenter-Mitarbeiter mit dem weißen Zahnpastalächeln scheint schnell zu begreifen. Die breiten Schlauchbootlippen geben schlagartig keinen Blick mehr auf die weiß polierten Zahnreihen frei.
In mir zieht sich alles zusammen. Jetzt kommt der Moment, indem ich wie eine Ladendiebin von zwei muskelbepackten Sicherheitskräften aus dem Supercenter geschleift werde und unter den neugierigen Blicken einiger Nachbarn auf dem Parkplatz der Polizei übergeben werde.
Der Supercentermitarbeiter wirft mir einen strengen Blick aus seinen stahlblauen Augen zu, runzelt die Stirn und räuspert sich.
Dann haben wir jetzt also die Übeltäterin gefunden, die Woche für Woche durch die Zerstörung der Gelkerzen unserem Center einen nicht unerheblichen Schaden zufügt. Ich fürchte, ich muss den Vorfall dem Manager melden. Außer
Seine Gesichtszüge werden weicher. Die breiten vollmundigen Lippen umspielt ein sanftes Lächeln. Erwartungsvoll schaue ich ihn an. Aber die Blauschürze lässt sich betont viel Zeit, den Satz zu beenden.
Sie versprechen mir hoch und heilig, nie mehr irgendwelche Dekorationsstücke, die im Eigentum unseres Centers stehen, mutwillig zu zerstören und ich Sie einladen darf.
Ich bin baff. Wozu will mich dieser selbsternannte Kaufhaussheriff eigentlich einladen? Zu einem gemütlichen Kaffeeplausch im Hinterzimmer des Supercenters mit nett uniformierten Schutzmännern?
Und versprechen Sie mir das?
So langsam finde ich meine Fassung wieder und meine angeborene Wortgewandtheit prasselt in einem heftigen Schwall auf den jungen Supercentermitarbeiter nieder.
Ich verwehre mich ganz energisch gegen diese ungerechtfertigten Vorwürfe, auch wenn ich in diesem Einzelfall einräumen muss, Schuld an der Verunstaltung des Dekorationsstücks zu tragen. Aber wie Sie sehen, wollte ich den von mir verursachten Schaden begleichen, hätte mich nicht ein überengagierter Supercentermitarbeiter daran gehindert. Ich sehe mich also definitiv nicht in der Position, irgendwelche Versprechungen abgeben zu müssen oder mich in erpresserischer Art und Weise von Ihnen irgendwohin einladen lassen zu müssen.
Mit diesen Worten greife ich nach meinem Einkaufswagen und lasse den blaubeschürzten Centermitarbeiter stehen, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. So langsam ist es wirklich an der Zeit, endlich zum gemütlichen Teil des Einkaufsbummels überzugehen.
Zielgerichtet schlendere ich in die Damenabteilung. Um einen Metallständer scharen sich bereits eine Unmenge meiner weiblichen Geschlechtsgenossinnen im harten rücksichtslosen Kampf um eines der Schnäppchen. Selbstverständlich spricht dieser Menschenauflauf auch meinen Jäger-und Sammlertrieb an, sodass ich nicht anders kann, als mich zu den Damen zu gesellen, um herauszufinden, welches Sonderangebot es hier zu ergattern gilt. Als ich mir endlich einen Platz zwischen einer türkischen Frau und einer Gruppe Teenager erkämpft habe, stelle ich zu meinem Enttäuschen fest, dass hier nur die Billigtütenhalter in hässlich blassen Pastelltönen mit dazu passenden unförmigen Spitzenslips zum Sonderpreis angeboten werden.
Nein, aus dem Alter bin ich dann doch wirklich raus. In jungen Jahren habe ich stets die Angewohnheit gepflegt, für jede neue Verabredung ein neues Unterwäscheset zu erwerben.
Zum Discobesuch mit dem Aufschneider Klaus rote Strapse, für die Verabredung mit dem Theologiestudenten Hansjörg unschuldige weiße Rüschchenunterhemdchen. Zwischenzeitlich hat sich das Blatt doch ziemlich gewendet. Meinem Mann ist es ohnehin egal, was ich für Leibeswäsche trage. Ihn kann ich sogar mit beiger Rheumawäsche aus dem Häuschen locken, was für mich einmal mehr der Beweis dafür ist, wie einfach strukturiert das männliche Geschlecht doch ist. Kaum lässt man sie ein bisschen hungern, nehmen sie jeden noch so unappetitlich angerichteten Fraß um ihren Hunger zu stillen. Wobei ich meinen Körper trotz Schwangerschaftsstreifen und einer kleinen Unterbauchfettschürze nicht als unschön bezeichnen möchte. Ich denke dabei eher an seine Ex-Freundin, die ein paar Häuser weiter in der direkten Nachbarschaft wohnt.
Biggi ist der Typ Frau Pferdeliebhaber. Ihre Haare hängen wie die Mähne ihres geliebten Huftiers in fettigen Strähnen vom Kopf und ihr trottender Gang wirkt wie der einer lahmenden Stute auf dem Weg zum Pferdemetzger. Ihre Augen werden durch eine doppelglasige Brille mehrfach vergrößert, was in ihrem Fall den Vorteil hat, dass das Glasgestell auf der Nase etwas von ihrem zweifach gebogenen Riechorgan in Pinocchiogröße ablenkt. Kurzum, Biggi ist also der Inbegriff weiblicher Unattraktivität und versteht es auch noch, durch eine besonders geschmacklose Auswahl ihrer Bekleidung dem Ganzen die Krone aufzusetzen.
Nachdem Biggi in unserer unmittelbaren Nachbarschaft lebt, muss ich mich tagtäglich mit der Frage auseinandersetzen, welche Gemeinsamkeiten diese Frau und mich wohl verbinden. Schließlich ist es psychologisch nachgewiesen, dass man bei seiner Partnerwahl zeit seines Lebens nach dem gleichen Muster vorgeht. Der Gedanke daran, dass ich Biggi in irgendeiner Weise auch nur annähernd ähnlich sein könnte, verursacht mir die schlimmsten Magenkrämpfe.
Mein Mann versteht diese Aufregung um seine Ex-Freundin kein bisschen. Für ihn ist sie eine ganz normale Frau. Sieht er denn nicht, wie hässlich sie eigentlich ist und schämt er sich kein bisschen dafür, mit so einem Wesen Körperflüssigkeiten ausgetauscht zu haben? Ich finde, diese Vorstellung alles andere als anregend und je länger ich darüber grübele, umso mehr packt mich der Ekel vor meinem eigenen Mann. Aber egal! Ich bin hier, um mir einen schönen Samstag im Supercenter zu machen und nicht, um mir den Kopf über die Ex meines Mannes zu zerbrechen.
Nur unter dezentem Einsatz meiner Ellenbogen gelingt es mir, mich durch die Unmengen leicht aggressiver Schnäppchenjäger zu kämpfen und an einen etwas ruhigeren Ort des Ladens zu fliehen, um erstmal tief durchzuschnaufen. Ich schaue mich gründlich im Geschäft um. Alle Kunden sind beschäftigt, keiner nimmt mich wahr.
Bedauerlicherweise leide ich nämlich an einer kleinen bis mittelstark ausgeprägten Schweißphobie, die ich seit dem Teenageralter pflege. Der Gedanke daran, eine Schweißwolke hinter mir herzuziehen, lässt mir an manchen Tagen beinahe keine Ruhe.
Jetzt scheint die richtige Gelegenheit gekommen zu sein, um zur Geruchsprobe im Selbstkontrolleverfahren zu schreiten. Möglichst unauffällig strecke ich also meinen rechten Arm in die Luft und vergrabe meine Nase in der Achselhöhle. Puh, mein morgendlicher Frischeduft ist einem äußerst unangenehm riechenden muffigen Gestank gewichen.
Ich beschließe, sofort Abhilfe zu schaffen und schiebe meinen Einkaufswagen direkt weiter in Richtung Parfümerieabteilung.
Schnell finde ich den Weg zu den dringend nötigen Erste-Hilfe-Maßnahmen und stehe ratlos vor einem Glasregal, auf dem viele hübsche Flakons in sämtlichen Farben und Formen in Reih und Glied bereit stehen, um die Welt vor meinem üblen Geruch zu retten.
Mir sticht sofort ein knallig rosa Eau de Toilette mit dem wohlklingenden Namen Aphrodite ins Auge. Der unterste Rand der Parfumflasche ist geziert von aufgeklebtem lila Plüschstoff.
Vorsichtig streiche ich über den weichen Stoff und stelle dabei fest, dass sich die Produktmanager bei der Entwicklung dieses Duftes offensichtlich sehr viele Gedanken darüber gemacht haben, wie man die weiblichen Sinne am besten anspricht. Bei mir ist es ihnen gelungen, dieses Eau de Toilette scheint für mich die einzige Rettung zu sein.
Vorsichtig spähe ich den Gang auf und ab, aber es ist weit und breit niemand zu sehen.
Also Arm hoch, Parfumflakon unter die Bluse, dreimal sprühen und schon ist die rechte Seite fertig. Das Ergebnis der Geruchsprobe im Selbstkontrolleverfahren überzeugt mich sofort.
Um in den Genuss eines wirklich perfekten Dufterlebnisses zu gelangen, fehlt jetzt nur noch die andere Seite.
Die Abteilung des Supercenters ist immer noch wie leer gefegt.
Ich hebe also den linken Arm hoch und will gerade damit beginnen, mich einzuparfümieren.
Doch plötzlich klopft mir jemand von hinten auf die Schulter.
Im ersten Augenblick denke ich an nervöse Zuckungen meiner in die Luft gestreckten Hand, aber als das penetrante Klopfen nicht aufhören will, kommen mir meine unkontrollierten Zuckungen dann schon etwas merkwürdig vor.
Ruckartig drehe ich mich um und traue meinen Augen nicht. Mir bleibt auch keine Blamage erspart!
Hinter mir baut sich in seiner ganzen Größe die wandelnde Blauschürze aus der Zahnpastawerbung auf und seine Gesichtszüge lassen wirklich nichts Gutes erahnen.
Schleichen Sie mir etwa nach?
Diesmal bin ich ihm zuvor gekommen.
Es ist meine Aufgabe, auffällige Kunden im Auge zu behalten. Darf ich fragen, was Sie unter Ihrer Bluse versteckt haben?
Die markante Stirn hat er in tiefe Falten gelegt während mich seine stahlblauen Augen fixieren.
Schlagartig wird mir bewusst, welchen falschen Verdacht er sich gerade zusammen reimt und in welch unangenehme Situation ich mich mit der eingeleiteten aktiven Schweißbekämpfungsmaßnahme bugsiert habe.
Die Frage ist nur, ob es peinlicher ist, als Ladendiebin, die man gar nicht ist, gestellt zu werden oder einem attraktivem Mann die Wahrheit über meine rege Schweißproduktion zu offenbaren.
Ich zögere.
Der Supercentermitarbeiter räuspert sich, ohne dabei seinen durchdringenden Blick von mir abzuwenden.
Mir wird abwechselnd heiß und kalt während ich fieberhaft überlege, wie ich aus dieser unangenehmen Lage einigermaßen ungeschoren heraus komme.
Nun, ich höre! Was verstecken Sie? Ich kann auch eine weibliche Mitarbeiterin zur Leibesvisitation rufen, wenn Sie nicht mit mir sprechen möchten.
Spontan kommt mir das Lieblingssprichwort meiner Tante Ursula Lügen haben kurze Beine in den Sinn und veranlasst mich dazu, einen Blick nach unten auf meine giraffenartigen Beine zu werfen. Bei der Überlänge kommt wohl nichts anderes als die Wahrheit in Frage.
Also ziehe ich langsam die Hand unter der Bluse hervor und stottere verlegen darauf los.
Das Problem
meine Schweißdrüsen
äh,
ich wollte nicht stinken.
Mein Gegenüber starrt mich mit großen Augen an. Offenbar kann er meinen Erklärungsversuchen nicht ganz folgen. Es scheint wohl so zu sein, dass er meiner Aussage ohne vollkommene Überzeugungsarbeit keinen Glauben schenkt. Beherzt lüfte ich meine Achsel und trete einen Schritt näher auf ihn zu. Er scheint immer noch nicht zu begreifen, was ich ihm mit so viel Körpereinsatz klar machen möchte.
Mir bleibt nichts anderes übrig, als couragiert nach seinem blauen Schürzenkragen zu greifen und ihn in Richtung der Schweißproduktionsstätte zu ziehen.
Prompt verziehen sich seine Gesichtszüge als habe er in eine saure Zitrone gebissen.
Einigermaßen empört über die heftige und meiner Meinung nach deutlich überzogene Reaktion meines Gegenübers, stoße ich den Supercentermitarbeiter zurück.
Okay, Sie wollten sich frisch machen. Trotzdem könnte man Ihnen mit etwas bösem Willen unterstellen, dass Sie sich erneut! - am Eigentum des Supercenters vergreifen wollten. Von einer Anzeige möchte ich heute ausnahmsweise noch mal Abstand nehmen. Dennoch bin ich verpflichtet, jetzt Ihre Personalien aufzunehmen und bei einem neuerlichen Vorfall ein Hausverbot gegen Sie zu verhängen.
Ich bin beleidigt und das nicht zu knapp. Weniger wegen seiner Androhung als viel mehr deswegen, weil er meinen Geruch als derart unangenehm empfunden hat, dass sich seine Gesichtszüge gleich dermaßen verdunkelten.
Patschke Ina Bergstraße 16 b.
Um die unangenehme Unterhaltung nicht weiter als unbedingt nötig in die Länge zu ziehen, konzentriere ich mich auf die von ihm gewünschte Angabe und will mich abwenden. Vom Supercenter und vor allem von ihm.
Schnell greife ich nach meinem, bis auf die Gelkerze leeren Einkaufswagen und steuere in Richtung Kasse.
Leider lässt sich mein Verfolger nicht so ohne weiteres abschütteln. Mit Block und Stift bewaffnet versucht er mit mir Schritt zu halten, was ihm aufgrund meiner Beinlänge nicht gerade leicht fällt, und gleichzeitig meine Angaben zu notieren. Endlich am Kassenbereich angelangt, feuere ich die zerstörte Gelkerze geladen auf das Band. Die Blauschürze ist von der Hetzjagd durch die Gänge des Supercenters vollkommen außer Atem.
Patschke Ina habe ich. Wie war noch gleich Ihre Anschrift und die Telefonnummer?
Die Kassiererin mustert mich geringschätzig während sie das lädierte Dekorationsstück über ihren Scanner zieht. Ihrem Kollegen wirft sie einen viel sagenden Satzbrocken zu.
Ist das wieder so eine?
In diesem Moment schwöre ich mir, so wahr ich Ina Patschke heiße, nie mehr auch nur einen Fuß über die Schwelle des Supercenters zu setzen. Vollkommen in Rage und außer mir über die falschen Anschuldigungen des Einzelhandelpersonals in blauen Schürzen kreische ich der Kassiererin hysterisch entgegen.
PATSCHKE INA so eine! Jawohl! PATSCHKE!
Als nächstes nehme ich mir den aus der Zahnpastawerbung entstiegenen Verkäufer vor.
BERGSTRASSE 16 b! Und für Sie zum Mitschreiben:
B E R G S T R A S S E 16 B! Haben Sie es endlich verstanden?
Die beiden Supercenterangestellten wechseln irritierte Blicke. Die Mitarbeiter sind offenbar nicht auf den Umgang mit nervlich etwas angespannten Kunden geschult, die kurz vor einem Kollaps stehen. Mein Verfolger versucht mich zu beruhigen und spricht auf mich mit leiser sanfter Stimme ein.
Frau Patschke, es ist doch alles in Ordnung. Wir zahlen jetzt gemeinsam die Kerze und dann bringe ich Sie zum Ausgang.
Er spricht mit mir, als wäre ich nicht nur ziemlich sauer, sondern zudem auch noch geistig unzurechnungsfähig.
Viel Erfahrung mit dem weiblichen Geschlecht scheint die Blauschürze nicht zu haben, sonst wüsste er, dass seine Wortwahl nicht gerade dazu geeignet ist, den Gefühlsausbruch einer rasenden Furie zu unterbinden. Aufgebracht schreie ich ihm entgegen:
Wir machen überhaupt nichts zusammen! Als ob es nicht schon reichen würde, dass Sie mir wie ein Schatten durch das Supercenter nach schleichen! Ich zahle und verlasse dann den Laden in der Hoffnung, endlich meinen Frieden vor Ihnen zu haben!
In meiner schwarzen Ledergeldbörse befinden sich nur zwei 50,00 Euro Scheine. Einen der bräunlichen Scheine werfe ich auf das Band und schnappe mir die Kerze.
Halt, Ihr Rückgeld!
Die Kassiererin wirft mir einen Blick zu, der mich an die läufige Dackelhündin meines Nachbarn erinnert.
Ich beschließe ein letztes Mal aus der Reihe zu tanzen. Ein sang-und klangloser Abgang würde schließlich nicht zu dem Drama passen, das ich dank dem übermotiviertem Supercentermitarbeiter inszenieren musste.
Keiner vermiest einer Ina Patschke ungestraft den gemütlichen Samstagseinkaufsbummel! Wirklich keiner!
Das Rückgeld spende ich Ihrem Center für Weiterbildungsmaßnahmen betreffend den Kundenumgang für Ihre unqualifizierten Mitarbeiter!
Die Kassiererin scheint nicht zu verstehen, was die durchgeknallte Frau, die vor ihrem Fließband steht, sagen möchte.
Sie öffnet den Mund, schließt ihn aber sofort wieder.
Mein Verfolger scheint amüsiert. Zumindest offenbart er jetzt wieder einen offenen Blick auf die blendend weißen Zahnreihen.
So, jetzt ist er dran. Eine Beleidigung habe ich noch gut.
Und Ihnen kann ich nur empfehlen etwas mehr Kaffee zu trinken oder weniger oft Ihr Gebiss aufhellen zu lassen. Die Farbe Ihrer Zähne blendet schrecklich in den Augen! Erstaunlich schnell verfinstert sich seine Mine.
Für mich ist jetzt wirklich der Startschuss gefallen, möglichst flink den Centerausgang zu erreichen.
Ich komme mir leibhaftig vor wie eine Ladendiebin, als ich vorbei an Taschenständen, Bäckereiwägen und Dönerbude durch den Ausgangsbereich des Centers eile.
Endlich erreiche ich die automatische Schiebetüre und dränge mich gemeinsam mit einer türkischen Großfamilie, die bewaffnet mit vier Einkaufswagen voller abgepackter Semmeln ist, auf den Parkplatz.
Erleichtert atme ich die frische Luft ein und setze mich zur Beruhigung erstmal auf die Fahrradständer.
Neben mir stehen drei junge Mädchen, die hübsch frisiert und tadellos geschminkt sind, und natürlich auch ein sehr modisches Outfit am Leib tragen. Neidlos muss ich anerkennen, dass sie allesamt sehr gut aussehen. Und sehr schlank sind.
Ich seufze und beobachte die drei noch eine Weile. Wenn ich mich anstrenge, kann ich sogar einige Wortfetzen des Gesprächs aufschnappen.
ich im Fitnessstudio bin, habe ich schon acht Kilo abgenommen. Ich trainiere jeden zweiten Tag.
Man siehts!
Ihr knappes Top gibt einen Blick auf ihren muskulösen Bauch frei, an dem kein Gramm Fett zu viel ist. Unwillkürlich streiche ich über mein wabbeliges Etwas und überlege, ob es mit Mitte 30 und einem Bindegewebe, das von zwei Kindern und dem Genuss reichlich kakaohaltiger Leckereien stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, auch noch möglich wäre, sich einen straffen Bauch anzutrainieren.
Auch Paula gefällt der Gedanke an eine knackige Bikinifigur.
Warum gehst du nachher nicht einfach ins Fitnessstudio? Gönn dir das doch, nachdem dein Einkaufsbummel schon ins Wasser gefallen ist! Du musst an dich denken!
Wie nicht anders erwartet Knubbi ist dagegen!
So, ein Quatsch! Du hast doch einen Mann und ein Fitnessstudio kostet eine Unmenge von Geld!
Knubbi blende ich kurzerhand aus und beschließe, Paulas Worten zu folgen. Immerhin ist sie eine Frau und weiß, was mir gut tut.
Beschwingt von dem Gedanken, bald so schön und sexy wie die Models in den Hochglanzzeitungen durch das Leben zu schweben, besteige ich meinen Wagen und fahre über einige Umgehungsstraßen nach Hause.
Die penetrant leuchtende orange Tankleuchte schafft es, mir trotz der Euphorie über meine spätestens nächstes Jahr knackig geformten Kurven Schweißausbrüche zu verursachen, obwohl mein Kleinwagen mich meistens ziemlich zuverlässig in den Hof der Tankstelle einrollen lässt und erst wenige Meter vor der Zapfsäule beschließt zu streiken.
Warum ich grundsätzlich zu geizig bin, die volle Kapazität meines Tanks auszunutzen, kann ich mir selbst nicht so genau erklären.
Sobald ich auf einem Tankstellengelände holpernd zum Stehen komme und mir gleichzeitig schwöre, es nie mehr soweit kommen zu lassen, geht mir urplötzlich durch den Kopf, was frau mit dem Geld für eine Tankfüllung so alles anfangen könnte. Neue Pumps, ein Monat Kindergartenbeitrag oder schick Essen gehen. Also investiere ich nur 20,00 , zumal ich mit meinem Halbtagsbürojob ohnehin keine allzu großen Sprünge machen kann und leider das Pech habe, dass mein Göttergatte nicht zu den großzügigen Männern gehört, die ihrer Frau jeden Wunsch von den Augen ablesen. Mein Mann ist Schwabe durch und durch und keiner verkörpert besser das Klischee des übertrieben sparsamen, man könnte fast sagen, krankhaft geizigem Baden-Württembergers. Sicherlich will ich nicht behaupten, dass dieser Charakterzug nur seine negativen Seiten hat. Immerhin hat uns dieser Spar-Dich-Reich-Geiz schon ein kleines Einfamilienhaus beschert, das sicherlich gewisse Opfer fordert.
Unsere Urlaube beispielsweise.
Ich träume Jahr für Jahr von einem Cluburlaub unter Palmen im sonnigen Süden. Kaum ist Sylvester vorbei, blättere ich durch Reiseprospekte und suche günstige Frühbucherrabatte, um die sparsame Seite meines Mannes davon zu überzeugen, dass wir bei diesen Angeboten 20% sparen könnten.
Leider ohne Erfolg und so verleben wir den August meist in kleinen, etwas heruntergekommenen Ferienwohnungen im Schwarzwald und verbringen unsere Zeit damit, die Regentropen zu zählen, die gegen die Scheibe prasseln.
Die Kinder wünschen sich spätestens nach dem dritten Tag Urlaub nie wieder fortfahren zu müssen und ich verfluche meinen Mann für seinen Geiz.
Die darauf folgende Ehekrise, unser klassisches Urlaubsmitbringsel, zieht sich dann bis mindestens September hin.
Langsam fahre ich nun in den Hof unseres kleinen, aber sehr hübschen Einfamilienhauses mit dem Vorsatz, nur rasch meine Sportsachen zusammen zu packen und dann gleich direkt die Kurvenstraffung in Angriff zu nehmen.
Ich schließe die Haustüre auf und bemerke sofort die seltsame Ruhe, die über der hellen Diele liegt. Normalerweise hängen mir meine Kinder im Freudentaumel am Bein, noch ehe ich meine Jacke an die Garderobe gehängt habe.
Aber heute ist komischerweise niemand zu hören und zu sehen. Sicherlich werden sie zusammen im Kinderzimmer herumtoben.
Kaum betrete ich das Wohnzimmer schlägt mir das blanke Chaos entgegen.
Mein Mann sitzt umrandet von Aktenordnern hoch konzentriert vor seinem Laptop und bekommt nichts von der Welt um ihn herum mit.
Leider noch nicht einmal, dass unsere lieben Kleinen gerade damit beschäftigt sind, unserem vom Schreiner gefertigten Naturholztisch eine neue, für meinen Geschmack etwas zu aufdringliche Lackierung zu verpassen. Mit knallrotem Nagellack.
Offenbar haben sie Spaß an ihrer handwerklichen Tätigkeit, zumindest strahlen ihre runden pausbäckigen Gesichter um die Wette.
Du hast die Lage wirklich im Griff, Schatz!
Ruckartig drehen sich die restlichen Familienmitglieder erschrocken zu mir um.
Mein Mann steht auf und starrt ungläubig auf den Tisch und die verschmierten Kinder. Er holt tief Luft. Ich ahne, dass das die Ruhe vor dem Sturm ist.
Das ist doch wirklich nicht zu fassen! Unglaublich! Habe ich euch nicht gesagt, ihr sollt Lego bauen?
Vollkommen aufgebracht entreißt er Klein-Philipp den Nagellack, steuert direkt auf mich zu und hält mir erbost das Fläschchen vor die Nase.
Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst deine Kosmetik wegsperren? Wie oft?
Ungerührt beobachte ich seinen kleinen Ausbruch und erlaube mir dann trotzdem darauf hinzuweisen, wem die Aufsichtspflicht hier oblegen hat.
Du solltest darüber nachdenken, wer auf die Kinder aufpassen sollte. Du oder ich?
Mein Mann ringt mit seiner Fassung und überhäuft mich mit Vorwürfen.
Wenn du deine Sachen so wegräumen würdest, wie es sich gehört, könnte so etwas nicht passieren. Außerdem erziehst du doch die ganze Woche die Kinder. Man sieht was dabei raus kommt!
Die Kinder zeigen sich relativ unbeeindruckt über unser Wortgefecht und vertreiben sich die Zeit damit, gegenseitig in ihren Nasen zu bohren.
Marie kichert vergnügt und stellt sich mit hoch erhobenem Zeigefinger, auf dem undefinierbarer Schleim hängt, vor ihren aufgebrachten Vater.
Schau mal, Papa, was ich in Philipps Nase gefunden habe!
Die Augen des kleinen Mädchens leuchten begeistert, aber mein Mann kann sich an dem liebreizenden Anblick unserer Tochter nicht recht erfreuen.
Spiel mit deinem Bruder, ich muss mit deiner Mutter sprechen!
Mein Mann nimmt ihre Hand leider die mit der Ausbeute aus Philipps Nase und schiebt Marie in Richtung Treppe. Artig gehen die Kinder nach oben, während mein Mann erst jetzt richtig in Fahrt kommt.
Der Tisch hat mich fast 3.000 Euro gekostet und jetzt ist er ruiniert. Schau dir das an!
Mir fällt keine passende Antwort auf sein Gemotze ein. Schließlich kann ich nichts dafür, dass er mit der Kinderbetreuung gänzlich überfordert ist und jetzt die Quittung dafür bekommen hat.
Ist es wirklich zu viel verlangt, einmal in der Woche ein paar Stunden mit deinen Kindern zu spielen?
Ich gebe mir alle Mühe ruhig zu bleiben, doch ohne Erfolg. Tim kann den Verlust seines Coachtisches nicht einfach so hinnehmen und schon gar nicht die Verantwortung dafür übernehmen.
Wenn du einfach deine Sachen aufräumen würdest, dann
Er unterstreicht den Ernst der Lage, indem er auf das neu gestrichene Möbelstück zeigt. Fasziniert von dem gelb-grünen Sekret aus hauseigener Herstellung, das noch immer an seinem Finger haftet, kann ich nicht mehr an mich halten und muss einfach los kichern. Tim starrt mich verständnislos an.
Ich weiß nicht, was daran so komisch ist. Aber lach du nur blöd, ich für meine Teil werde mich jetzt an die Schadensbeseitigung machen!
Hektisch macht sich mein Mann begleitet von lauten Flüchen mit einer Küchenrolle ans Werk und versucht mit Hilfe von grünem Apfelspülmittel die Nagellacküberreste abzuschrubben, was natürlich erfolglos ist.
Schnell gehe ich die Holztreppe nach oben in unser Badezimmer und nehme die Flasche Nagellackentferner vom Regal.
Wieder unten angekommen drücke ich Tim die Chemiekeule in die Hand.
Probier es doch mal damit. Allerdings kann ich nicht dafür garantieren, dass das Holz keine Flecken bekommt. Skeptisch reibt mein Mann mit dem Entferner über den Tisch und tatsächlich verschwindet die knallrote Lackierung sofort. Seine Mine hellt sich wieder etwas auf.
Ich glaube damit, kriegen wir alles weg.
Nach einer guten Viertelstunde gemeinschaftlicher Arbeit sieht das Möbelstück fast wieder wie neu aus.
Gut gemacht, Süße. Wieso bist du eigentlich schon da? Erst jetzt fällt Tim auf, dass ich für meinen Samstag ungewöhnlich früh zuhause einlaufe und ich halte den Zeitpunkt für goldrichtig ihm, von meinen Figurverbesserungsplänen zu berichten.
Das Supercenter hat mich heute einfach nur genervt. Massig Leute und so.
Es ist vermutlich besser, ihm meine Schandtaten zu verschweigen, schließlich kenne ich das korrekte Wesen meines Mannes schon ein paar Tage und habe jetzt definitiv überhaupt keine Lust, mir einen weitgehenden Vortrag zum Thema Umgang mit fremden Eigentum anzuhören.
Ach okay, dann macht Shopping keinen Spaß, das kann ich gut verstehen.
Er drückt mir einen versöhnlichen Kuss auf die Lippen und ich bemühe mich, den unwiderstehlichsten Ina Patschke Blick aufzusetzen, während ich zum wesentlichen komme. Schatz, ich bin mit mir unzufrieden.
Tim legt seine markante Stirn in Falten und zieht mich in seine Arme.
Warum denn, meine Süße?
Sanft greife ich nach seiner Hand und lege sie auf meiner kleinen, aber unübersehbar vorhandenen Unterbauchfettschürze ab.
Er scheint immer noch nicht zu begreifen. Beherzt zwicke ich in meinen Bauch und ziehe die Fettrolle nach oben.
Siehst du das? Wie werde ich erst aussehen, wenn ich 50 bin? Ich muss unbedingt etwas für meine Figur tun.
Statt mich davon zu überzeugen, dass ich nicht nur die schlankste sondern auch die schönste Frau auf Gottes Erdboden bin, antwortet er mir kichernd.
Wer Bauchfett hat, friert weniger schnell und, Ina, das spart auch noch Heizöl!
Ich traue meinen Ohren nicht und befreie mich verärgert aus seinen Armen.
Tim versteht wirklich nichts von Frauen. Wie soll ich ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, wenn nicht einmal der eigene Mann meinen Körper schön und begehrenswert findet und nur an seine Heizkostenersparnis denkt?
So langsam beginne ich zu kombinieren. Nicht seine anstrengende Arbeit in einer großen Anwaltskanzlei ist daran schuld, dass in unserem Ehebett die Eiszeit ausgebrochen ist. Nein, obwohl ich trotz meiner Fettschürze im Bett nicht frieren sollte, tue ich es trotzdem.
Ich spüre, wie sich meine Augen mit Tränen füllen und fühle mich wie das kleine pummelige Mädchen von damals, das nie jemand in seine Völkerballmannschaft wählen wollte.
Ina, was ist denn? Sage ich, du bist nicht zu dick, behauptest du, ich würde lügen. Sage ich, du könntest ruhig etwas abnehmen, beginnst du zu weinen. Egal was ich sage, es ist immer falsch!
Irgendwie stimmt es ja.
Aber sagen wir Frauen nicht nur, unsere Männer würden lügen, weil wir immer wieder die Bestätigung hören wollen, wie schön und schlank wir sind?
Leider hat sich nur noch keiner die Mühe gemacht, diese Logik der Männerwelt begreiflich zu machen. Mit Tränen erstickter Stimme schluchze ich:
Ich werde es dir schon noch zeigen. Die ganze Welt wird verrückt nach den heißen Kurven der Ina Patschke sein. Ab heute werde ich jeden Tag ins Fitnessstudio gehen und meinen Körper trimmen.
Was soll der Spaß kosten?
Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Ihm ist die blanke Angst deutlich anzusehen, mein neues Körperbewusstsein könnte ihn in den finanziellen Ruin treiben.
Das kann ich dir erst heute Abend sagen. Auf jeden Fall werde ich mich jetzt auf den Weg ins Fitnessstudio machen.
Bevor Tim weiter darauf eingehen kann, verlasse ich das Wohnzimmer und gehe eine Etage höher, um meine Sportsachen zusammenzupacken.
Ratlos stehe ich in unserem kleinen, begehbaren Kleiderschrank und wühle mich durch sämtliche in Frage kommenden Sporthosen. Leider muss ich entsetzt feststellen, dass ich zwar viele davon im Angebot habe, aber jede von ihnen irgendeinen optischen Mangel aufweist.
Flower Power Aufdruck, Schwangerschaftshose mit Gummizug und verbreitertem Gesäßteil, unmoderne Leggings, Leopardenprint,
Endlich krame ich eine schlichte schwarze Sporthose in Jerseyqualität heraus.
Schwarz macht schlank!, denke ich bei mir und packe die Hose zusammen mit einem ebenso schwarzen T-Shirt und den pinkfarbenen Turnschuhen in meine schon etwas verstaubte Sporttasche.
Ich kann mich gar nicht mehr entsinnen, wann ich diese Tasche das letzte Mal für sportliche Aktivitäten verwendet habe.
In den letzten Jahren war sie jedenfalls immer mein treuer Begleiter auf unseren wenig entspannten Urlaubsfahrten in den Schwarzwald. Schnell schnappe ich die Sachen und schaue noch auf einen kurzen Abstecher ins Kinderzimmer vorbei, ehe es ernst wird.
Die Buchentüre zu Maries Zimmer lässt sich nur unter Anstrengung öffnen und kaum habe ich mich in den Raum gekämpft, denke ich, mich trifft der Schlag.
Überall liegt Spielzeug verstreut, kaum ein Quadratzentimeter des Fußbodens ist mehr sichtbar.
Im Augenblick ist Philipp damit beschäftigt, seiner Schwester den Inhalt einer Plastikspielzeugkiste über den Kopf zu schütten und Marie kichert angetan.
Ich beschließe, mich nicht darüber aufzuregen und Tim auch nichts von der blanken Verwüstung zu berichten. Fröhlich verabschiede ich mich von meinen Kindern.
Marie, Philipp, Mama geht zum Sport. Tschüß ihr beiden! An jedem anderen Wochentag würden meine Kinder verrückt spielen, wenn Mama sich erlauben würden, auch nur zum Bäcker um die Ecke zu gehen, ohne sie im Schlepptau zu haben.
Aber nach tagelanger Vorbereitung wissen sie, dass samstags mein hart erkämpfter Mama-Tag ist und nehmen diese Tatsache relativ gefasst hin.
Trotzdem traue ich dem Frieden nicht so ganz und beeile mich, möglichst schnell aus dem Haus zu kommen.
Jetzt bleibt mir nur noch die männliche Hürde im Wohnzimmer, die ich souverän meistern muss.
Tim sitzt wieder vor seinen Akten. Sanft lege ich von hinten die Arme um ihn und hauche ihm einen zarten Kuss auf die Wange.
Also mein Schatz. Ich bin dann weg. Denk an die Kinder! Statt meinen Abschiedskuss zu erwidern, runzelt er nur genervt die Stirn.
Musst du jetzt wirklich schon wieder weg? Denk du doch mal an Marie und Philipp.
Das mache ich die ganze Woche und einen Tag kannst du am Wochenende wohl für deine Kinder opfern. Tschüß Tim!
Mit diesen Worten verabschiede ich mich und beeile mich, schnell in Schuhe und Jacke zu schlüpfen, ehe mein Mann weitere Schimpftiraden auf mich niederprasseln lässt. Als ich gerade dabei bin, die Haustüre hinter mir zuzuziehen, höre ich noch wie Tim mir etwas hinterher ruft.
Ich entscheide, dass es besser ist, so zu tun, als würde ich ihn nicht mehr wahrnehmen.
Flink klettere ich in meinen Kleinwagen, drehe das Radio auf und entfliehe dem Alltagsstress.
Während ich an der ersten roten Ampel stehe, die unser Wohngebiet von einer Durchfahrtsstraße abtrennt, überlege ich, in welchem der zwei Fitnessstudios unserer kleinen beschaulichen Stadt ich das Probetraining absolvieren möchte.
Zur Auswahl steht der Fit Club und das Lady Fitty.
Das letzte Studio ist ein Fitnessclub nur für Frauen. Der Vorteil daran wäre zweifelsohne, dass ich auf dem Stepper trainieren könnte, ohne meinen Bauch einzuziehen. Andererseits wäre nach dem Training ein Drink an der Bar mit einem attraktiven Trainingspartner auch nicht zu verachten.
Spontan folge ich meinem Bauchgefühl, das mich untrüglich in den Fit Club führt.
Kurze Zeit später stehe ich bewaffnet mit meiner angestaubten Sporttasche vor der verspiegelten Glasfassade und beobachte eine Weile das rege Kommen und Gehen der Mitglieder.
Irgendwie bekomme ich zwischenzeitlich Angst vor meiner eigenen Courage.
Warum alle diese sportbegeisterten Menschen mit ihren perfekten Körpern überhaupt ein Sportstudio aufsuchen, ist mir mehr als schleierhaft und ich erwäge ernsthaft, doch ins Lady Fitty zu gehen.
Plötzlich taucht eine kolossal dicke Frau auf der Bildfläche auf, die vollkommen selbstbewusst durch die Eingangstüre des Sporttempels verschwindet.
Ina, nichts wie hinterher!, schreit Paula.
Ich schnappe meine Tasche und folge der Frau unauffällig. Im Eingangsbereich des Fitnessstudios befindet sich eine lange Empfangstheke in Teakholzoptik.
Dahinter steht ein knackiges Kerlchen Anfang 30.
Mit leicht zittrigen Knien gehe ich auf ihn zu, lächele mein bezauberndstes Ina-Patschke-Lächeln und hauche ihm ein betont laszives Hallo entgegen.
Hallo, was kann ich für dich tun?
Ich möchte mir das Studio einmal anschauen und wenn es möglich ist ein Probetraining absolvieren.
Er streicht sich kurz durch sein blondes Haar und wirft einen Blick in den Terminkalender.
Freundlich tritt er hinter der Theke hervor und deutet auf eine Türe mit der Aufschrift Büro.
Komm doch einfach mit, dann erkläre ich dir kurz unser Trainingskonzept und zeige dir das Studio. Wenn du möchtest, können wir anschließend ein Probetraining machen.
Etwas zögerlich folge ich dem Trainer und kann mich dabei auch davon überzeugen, dass sein Hinterteil ebenso lecker ist wie die Frontansicht.
Das Büro ist nicht nur mit einem runden Besprechungstisch und einigen Stühlen ausgestattet, sondern ebenso mit einer Körperfettanalysewaage, die große rote Digitalzahlen in erschreckender Größe an die Wand projiziert.
Die Vorstellung, mich vor den Augen dieses absoluten Traumtyps mit der erschreckenden Wahrheit konfrontieren zu müssen, lässt mich jetzt schon erröten und ich überlege mir, ob es nicht besser ist, an dieser Stelle zu fliehen.
Ina, beruhige dich! Noch hat er doch gar nichts vom Wiegen gesagt. Setz dich hin!
Paula schaltet sich wieder ein und ich bin heute mehr als froh, dass ich sie an meiner Seite weiß. Komischerweise verhält sich Knubbi im Moment ziemlich ruhig. Der Trainer holt mich zurück in die Wirklichkeit.
Was möchtest du denn mit dem Fitnesstraining erreichen? Ich meine in Zahlen, wie viel möchtest du denn abnehmen? Auf diese Frage bin ich nicht vorbereitet.
Über mein Körpergewicht habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, zumal das voraussetzen würde, überhaupt zu wissen, wie schwer ich eigentlich bin. Ich weiß nur, dass ich einen flachen Bauch und straffe Kurven möchte und dass mir das schweißtreibende Training dazu verhelfen soll, so knackig wie junges Gemüse zu werden.
Äh, keine Ahnung. Wie soll ich sagen, ich möchte, dass mein Körper einfach ein bisschen fester wird. Nach der Geburt meiner zwei Kinder hat das Bindegewebe doch ziemlich gelitten.
Diese Entschuldigung ist doch wirklich perfekt.
Ich brauche mich für nichts zu schämen, denn schließlich hat mein Körper zwei zukünftige Renten-und Steuerzahler hervorgebracht. Perfekt!
Der Trainer nickt verständnisvoll.
Das ist normal. Trotzdem denke ich, wir kommen nicht drum herum, erstmal deine Anfangsdaten aufzunehmen. Sonst weißt du nicht, welche Trainingserfolge du wirklich erzielt hast.
Ich gebe mich geschlagen und pflichte ihm bei.
Okay, also gut.
Artig folge ich dem knackigen Fitnessguru und stelle mich auf die Waage: 65,8.
Ungläubig starre ich zwischen Trainer und Wand hin und her. Kann es wirklich sein, dass ich so viel zugelegt habe? Okay, ich muss zugeben, dass es eine ganze Weile her ist, seit ich das letzte Mal Batterien in meine Waage eingelegt habe.
Vermutlich hat mein Unterbewusstsein bereits geahnt, dass es einfacher ist, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen, wenn man zwar eine Waage im Haus hat, aber nie die passenden Batterien dafür besorgt.
Der Trainer scheint das Ergebnis nicht weiter verwunderlich zu finden und notiert, als sei es das normalste auf der Welt, dass Ina Patschke ein stolzes Kampfgewicht von 65,8 kg aufweist und damit nie mehr im Winter frieren muss, auf meinem Mitgliederbogen.
Als nächstes rückt er mir mit einer Art Rohrzange zu Leibe.
Damit kann ich den genauen Körperfettanteil an Hüften und Bauch errechnen. Keine Angst, das tut nicht weh! Aufmunternd lächelt er mir zu. Einen solchen Traumtypen in meine Speckrollen kneifen zu lassen, bedeutet für mich nun wirklich den Gipfel der Demütigung.
26,7% - das ist für eine Frau mit deinem Gewicht durchaus noch im Rahmen, schmunzelt er mir entgegen.
All die ernüchternden Zahlen und Fakten führen aus dem Mund des Mannes mit dem gestählten Körper dazu, dass ich mich zwischenzeitlich mindestens so dick fühle wie ein schwangeres Nilpferd.
Das Ziel, jemals filigran über den Strand unseres Badesees zu schlendern und dabei von den Blicken des Bürgermeisters, des Postboten oder des Bankers in Gedanken ausgezogen zu werden, rückt irgendwie in verdammt weite Ferne. Der Trainer klopft mir aufmunternd auf die Schulter.
Lass dich nicht hängen. Unser Studio hat nicht umsonst über die Grenzen der Stadt hinaus einen überragenden Ruf und du wirst sehen, in ein, zwei Monaten zeigen sich erste Ergebnisse! Ich zeig dir jetzt mal unser Studio und dann trainieren wir ein bisschen. Komm mit!
Ich folge dem Muskelpaket etwas zögerlich in einigen Metern Abstand. Im Studio liegt eine eigenartige Geruchsmischung aus Schweiß und Raumdeodorant Fichtennadeln.
Ich kämpfe kurz mit meiner Phobie, versuche mich dann aber doch am Riemen zu reißen.
Meine Nase erkennt das Raumdeodorant sofort, schließlich verwende ich es zuhause auch gelegentlich und zwar immer dann, wenn ich heimlich geraucht habe und weder Tim noch die Kinder etwas davon bemerken sollen.
Tim ist hoch erfreut darüber, dass ich endlich meine gesundheitsschädigende Sucht abgelegt habe.
Ihm fehlt gänzlich das Verständnis dafür, wie schwer es tatsächlich ist, sich das Rauchen abzugewöhnen.
Von daher lasse ich ihn lieber in dem Glauben, Nichtraucher zu sein und erspare mir damit eine Diashow des Grauens. Tims bester Freund ist nämlich Vorstand der örtlichen Krankenkasse und hat ihm für sein Projekt Inas Rauchentwöhnung eine Unmenge Fotos zur Verfügung gestellt, auf denen von Raucherbeinen bis schwarz verfärbten Lungen die ganze Bandbreite an Nikotin bedingten Krankheiten bildlich dargestellt ist.
Ich gebe zu, dass diese Aufnahmen immerhin zur Folge hatten, dass ich eine ganze Woche nicht geraucht habe. Leider war irgendwann die Sucht stärker als mein Charakter.
Hier befinden sich unsere Konditionsgeräte. Hier machst du einen Warm-up auf Stepper, Laufband oder Rad und anschließend das Cool-down, aber dazu kommen wir später noch.
Wenn ich mir die gequälten Blicke der Sportler so ansehe, wirken die surrenden und brummenden Gerätschaften auf mich wie moderne Foltermaschinen des 21. Jahrhunderts.
So sehr ich mich auch suchend umschaue, ich sehe zwar jede Menge wohlgeformter Körper, aber nirgendwo ein glückliches Gesicht.
Ich verstehe vermutlich zu wenig von Sport. Sonst wäre mir klar, dass Köpertrimmung nicht in der gleichen Liga spielt wie Wellness.
Der Trainer rennt in schnellen Schritten voran. Durch einen schmalen Gang mit Glasdach geht es weiter in die Muckibude.
An der einen Ecke des Raumes stehen stählerne Bodybuilder, die auf mich wie der Terminator leibhaftig wirken, und stemmen schwere Gewichte vor einer großen Spiegelfront.
Muss ich solche Übungen auch machen?
Der Trainer schüttelt lachend den Kopf.
Außer du möchtest natürlich Miss Universe werden. Aber ich denke für dein Vorhaben sind die anderen Geräte hier hinten geeignet.
Gemeinsam gehen wir vorbei an Bauch-, Oberarm-, Oberschenkel-, Gesäß- und Rückentrimmstationen. Mit so viel Technik müsste es doch selbst mir gelingen, meine hartnäckige Fettschürze in stählerne Muskulatur zu verwandeln. Unser Rundgang endet vor den hellen Buchentüren der Umkleidekabinen.
Wenn du möchtest, kannst du dich hier umziehen und wir machen zum Reinschnuppern ein kleines Konditionstraining.
Er lächelt mir zu und wendet sich zum Gehen ab.
Ach ja, ich warte an der Bar!
Neugierig öffne ich die Türe und bin gespannt wie ein Flitzebogen, was bzw. wer sich dahinter verbirgt. Bis auf einige Kleidungsstücke, Schuhe und einer Trainingstasche erwartet mich definitiv niemand in der großen hellen Umkleidekabine. Ich setze mich erstmal auf eine der Holzbänke und lasse meinen Blick umherschweifen. Neben mir baumelt eine ausgewaschene Jeans mit aufgenähten Glitzersteinchen. Ich kann nicht anders, nehme die Hose vom Haken und halte sie mir zum ultimativen Figurenvergleich an die Taille. Die Besitzerin der Jeans ist frustrierender Weise mindestens ein gutes Drittel schmaler als ich. Ich seufze tief auf und bin einen kleinen Augenblick desillusioniert. Schnell meldet sich Paula zu Wort:
Eine Ina Patschke gibt nicht so einfach auf! Geh raus und kämpfe für deine 90 60 90 Maße!
Sie hat doch recht. Also schlüpfe ich eilig in meine Trainingssachen, bewaffne mich mit Philipps Alutrinkflasche bedruckt mit Pinguinen und hetze in Richtung Bar. Der Trainer erwartet mich bereits.
Okay Ina, dann wollen wir mal zum Laufband gehen!
Der Anblick des Sportgerätes erinnert mich an die Kassiererin des Supercenters. Ich versuche diesen Gedanken schnell zu vertreiben und konzentriere mich stattdessen auf die Erklärungen meines Fitnessgurus.
Wichtig ist, dass du nicht einfach stehen bleibst. An den Schaltern hier kannst du die Geschwindigkeit einstellen. Ich würde sagen, dann läufst du für den Anfang einmal locker ź Stunde und dann werden wir sehen, ob wir noch weiter machen.
Brav folge ich seinen Anweisungen und beginne zu laufen. An der Wand vor mir ist ein überdimensionaler Plasmabildschirm aufgehängt, über den fetzige Videoclips flimmern. Mit Musik macht es richtig viel Spaß auf der Stelle zu traben und ich bemerke gar nicht, wie schnell die ersten zehn Minuten vergehen. Auf dem Stepper neben mir macht sich gerade eine hübsche blonde Mittzwanzigerin an die Arbeit. Beim Anblick dieses Figürchens muss ich unwillkürlich laut seufzen. Die Blondine mustert mich irritiert von oben bis unten. Offenbar gebe ich gerade keinen sehr filigranen Anblick ab. Noch drei Minuten! Zwischenzeitlich fühlen sich meine Beine an wie Blei und es fällt mir sehr schwer nicht aufzugeben. Ich versuche mich abzulenken, indem ich mich in die Videoclips vertiefe. Aber jetzt kann ich wirklich nicht mehr und meine Beine verselbstständigen sich und werden immer langsamer. Und langsamer. Ehe ich mich versehe, reißt mir das Sportgerät den Boden unter den Füßen weg und ich knalle mit einem lauten Klatschen auf das Laufband. Kurzzeitig sehe ich Sternchen. Verschwommen merke ich, wie sich der Kopf des Fitnessgurus über mich beugt.
Ist alles in Ordnung, Ina?
Benommen rapple ich mich auf. Um mich herum dreht sich alles. Es kommt mir vor wie in einem schlechten Film, als mich der Trainer in einen Sanitätsraum schleppt und auf eine Liege hievt. Zugegebenermaßen fühle ich mich im Augenblick als wäre ich unter die Räder eines 30-Tonners geraten. Mein Kopf schmerzt wie verrückt und ich merke wie durch einen Schleier, dass der stählerne Mann meiner Stirn mit Verband und Pflaster zu Leibe rückt.
Ina, bleib hier ganz ruhig liegen. Ich werde jetzt versuchen, jemanden zu erreichen.
Ich schließe die Augen. Das fühlt sich an als wäre ich auf einem kleinen schaukelnden Segelschiff, das sich durch riesige schäumende Wellen des Ozeans kämpft. Ich habe keine Ahnung wie lange ich auf der ungemütlichen Pritsche im Sanitätsraum des Fit Clubs vor mich hin gedöst habe, als ich plötzlich meine, dass die piepsende Stimme von Klein-Philipp an mein Ohr dringt. Vorsichtig öffne ich die Augen und blicke mich im Raum um. Tatsächlich sehe ich Tim, der mit den Kleinen im Schlepptau auf mich zukommt. Er greift zärtlich nach meiner Hand.
Was machst du denn für Sachen? Du kleines Dummerchen, hättest du nur auf mich gehört!
Marie reagiert auf den Anblick, ihrer lädierten Mutter mit hysterischem Geschrei.
Mama! Mama! Bist du jetzt tot?
Angesichts der Panikattacke meiner Tochter versuche ich, meine Kopfschmerzen kurzzeitig zu verdrängen und rapple mich von der Sanitätsliege hoch. Ich breite die Arme aus und ziehe meine Kinder wortlos an mich. Philipp scheint fasziniert von dem Verband, den der Fitnessguru mir um den Kopf gewickelt hat. Unentwegt starrt er darauf und packt plötzlich mit seinen kleinen Fingerchen wild entschlossen danach. Mit den Worten Will Fips auch Indianer sein! reißt er mir den Mull von meiner klaffenden Platzwunde. Marie schaut mich an und beginnt beim Anblick der blutenden Kopfwunde noch lauter als gerade eben zu weinen. Völlig von der Rolle umklammert sie die Beine ihres irritierten Vaters. Trotz meiner körperlich etwas angeschlagenen Lage scheint es nun an der Zeit, dass ich meiner hilflosen Familie sage, was zu tun ist. Es ist bei uns wie in beinahe jeder normalen Familie. Ohne die Rudelführerin geht gar nichts. Vorsichtig stehe ich auf. Mein Kopf dröhnt immer noch, als würden sich mindestens zehn Presslufthammer darin zu schaffen machen. Wenigstens Tim erkennt, wie schlecht es mir geht und eilt auf mich zu um mich zu stützen. Der Fitnessguru erscheint wieder mit meiner angestaubten schwarzen Reisetasche im Sanitätsraum und drückt sie meinem Mann in die Hand. Entschuldigend lächelt er mich an.
Es tut mir Leid, dass das erste Training so ungünstig abgelaufen ist.
Ungünstig eine nette Formulierung für ein auf ewig entstelltes Hirn. Der Trainer klopft mir aufmunternd auf die Schulter als er fort fährt.
Trotzdem würde ich mich freuen, wenn du wieder vorbeikommst, sobald die Wunde abgeheilt ist. Dein Köper hat durchaus Potenzial und der Mitgliedsbeitrag beläuft sich nur auf 49,00 monatlich.
Tim starrt den Mann ungläubig an. Ich bin nicht sicher, ob es die Kosten für das Fitnesstraining sind oder der Motivationsversuch seines Gegenübers, das ihn so aufbringt. Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst! Sie können froh sein, wenn wir Ihnen keine Millionenklage an den Hals hängen. Unglaublich! Das Gesicht meiner Frau ist zerstört! Plötzlich beginnt Klein-Philipp zu weinen. Dicke, kleine Krokodilstränen rinnen ihm über die runden Pausbacken. Mein Sohn sucht meinen mütterlichen Trost und streckt seine Ärmchen nach oben. Hoffentlich kommt Tim mir jetzt zur Hilfe, aber er ist zwischenzeitlich in eine Diskussion mit dem Studioinhaber über die Haftung der Sportanlage verwickelt und scheint vollkommen vergessen zu haben, dass er hier nicht im Auftrag seiner Kanzlei ist, sondern eigentlich um seine verletzte Frau in fürsorglichen Empfang zu nehmen. Also beuge ich mich zu meinem Sohn und versuche ihm zu erklären, dass sich alles um mich herum dreht und ich so starke Kopfschmerzen habe, dass ich ihn nicht auf den Arm nehmen kann. Leider muss ich schnell erkennen, dass es zu viel von Klein-Philipp verlangt ist, dass er Verständnis für meinen Zustand hat und er reagiert mit einem empörten Wutanfall. Tim scheint von alledem nichts mitzubekommen. Er studiert zwischenzeitlich ganz vertieft die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Studios und stellt hier und da ein paar Zwischenfragen an den Inhaber. Ich sehe mich außerstande, meiner Familie klar zu machen, dass es mir doch um einiges lieber wäre, wenn die Platzwunde an meinem Kopf schon genäht wäre und ich nach Hause möchte und zwar sofort! Endlich kommt Marie von der Toilette zurück. Meine Tochter hat den Spleen, dass sie überall auf die Toilette muss, sobald wir nicht zuhause sind und ich habe sie manchmal schon fast im Verdacht, dass sie es sich zum Ziel gesetzt hat, alle WCs der Welt zu erobern. Marie ist mein Rettungsanker. Sie bekommt von mir den Auftrag, die restlichen Patschkes zum Aufbruch zu bewegen. Ohne Umschweife stellt sie sich vor Tim auf und stemmt die Arme in die Hüfte.
Papa, wir müssen Mama jetzt häkeln! Komm!
Mein Mann packt das Papier in seine Jackentasche, greift die Tasche und zieht mich an der Hand hinter sich her.
Marie, bring Philipp mit!
Hinter uns kreischt und schreit es wie verrückt, aber ich werte das als Zeichen, dass meine Kinder noch in unserer unmittelbaren Nähe sind. Endlich sind wir am Auto angelangt und ich lasse mich erschöpft auf den Beifahrersitz fallen. Meine Augenlider werden immer schwerer und ich warte darauf, dass endlich das beruhigende Motorengeräusch ertönt und ich mich ein bisschen ausruhen kann. Plötzlich reißt Tim die Beifahrertüre auf und ich fahre erschrocken hoch.
Was ist denn?
Beug dich nach vorne! Ich muss ein Handtuch über die Sitze legen, sonst versaust du auch noch das ganze Auto mit Blut!
Muss ich mich jetzt bei dir für meine Verletzung entschuldigen? Wenn du so weiter machst, dann bleibe ich doch gleich im Krankenhaus. Wenn mir die Krankenkasse schon keine Kur genehmigt und du zu geizig bist, mir ein Wellnesswochenende zu spendieren, dann muss ich mir eben einen kurzen Erholungsurlaub von dir im Städtischen Klinikum gönnen!
Tim schafft es wirklich, mich stets und ständig auf die Palme zu bringen. So sehr ich diesen Mann auch liebe, trotzdem kenne ich keinen anderen Menschen auf Gottes Erdboden, der es schafft mir dermaßen auf die Nerven zu fallen wie er. Schweigend setzt er sich neben mich und setzt ein beleidigtes Gesicht auf. Aber ehrlich gesagt, mach ich mir im Moment nicht allzu viel daraus. Der Verkehr an diesem Samstag ist wirklich gewaltig und so fahren wir eine gute halbe Stunde ehe wir endlich vor dem hässlichen Betonklotz des Klinikums zum Stehen kommen.
Sie sind also Herr Patschke?
Dr. Steffens, der Chefarzt der Notaufnahme, blickt fragend über den Rand seiner silbernen Nickelbrille. Eigentlich halte ich die Frage für mehr als überflüssig, schließlich sind außer Arzt und Patient nur meine Kinder und Tim im Raum. Mein Mann nickt eifrig.
Es ist so: Ihre Frau hat eine massive Gehirnerschütterung sowie zwei Platzwunden im Stirnbereich erlitten. Eigentlich müssten wir sie zur Beobachtung einige Tage hier behalten
Dr. Steffen spricht von mir, als wäre ich nicht im Raum anwesend oder hätte bei dem Unfall meine Zurechnungsfähigkeit verloren. Zumindest würdigt er mich keines Blickes während er Tim seine Diagnose offenbart. Der Arzt blättert kurz in meiner Patientenakte und kratzt sich an seinem kahlen Hinterkopf. Dann räuspert er sich und wendet sich wieder an Tim.
Wenn Sie mir garantieren, dass Ihre Frau die nächsten zwei Tage absolute Bettruhe hält, dann dürfen Sie sie auch mit nach Hause nehmen. Aber spätestens morgen früh sollte doch der Hausarzt nach ihr sehen.
Tim wirkt erleichtert.
Ja, ich werde mich darum kümmern. Leider muss ich ab Montag wieder arbeiten, aber dann muss sich eben meine Mutter um die Kleinen kümmern.
Fragt mich eigentlich auch mal irgendjemand was ich überhaupt möchte? Die Vorstellung meine Schwiegermutter im Haus zu haben, missfällt mir abgrundtief und ich überlege ernsthaft, ob es nicht doch besser wäre, den Luxus der Vollpension im Klinikum zu genießen. Zumindest wäre das immerhin auch einmal eine zwar etwas andere Form eines All-Inclusive-Urlaubs. Obwohl ich zugeben muss, dass die Palmen gesäumten Hotelanlagen am feinkörnigen Sandstrand, die ich in den Reiseprospekten alljährlich bewundere, doch eher meinen Geschmack treffen würden, als der Betonklotz, in dem ich eben eingecheckt habe. Dr. Steffens scheint sich keinen Deut für die Belange seiner Patienten zu interessieren, zumindest ist er gerade dabei, meine Entlassungspapiere fertig zu stellen und meinem Mann haarklein den Umgang mit einem Pflegefall zu erläutern.
Achten Sie bitte darauf, Herr Patschke, dass Ihre Frau sich wirklich strengstens an die absolute Bettruhe hält. Das setzt natürlich voraus, dass Sie den Haushalt und vor allem die beiden er deutet abwertend auf meine Sprösslinge im Griff haben. Vielleicht sollten Sie sich schon für dieses Wochenende Verstärkung ins Haus holen.
Tim nickt und man sieht ihm deutlich an, dass er nur zu gerne die Verantwortung für den häuslichen Ballast an seine Mutter abgibt auf ärztliches Anraten versteht sich.
Ich danke Ihnen, Dr. Steffens. Ich werde Ihrem Rat folgen und sofort unseren Hausarzt anrufen und Hilfe verständigen.
Strahlend nimmt er die Papiere in Empfang und hievt mich unsanft von der Liege.
Komm jetzt, Ina. Lass uns fahren! Kinder, wir gehen! Unsicher wanke ich den langen hell erleuchteten Krankenhausgang entlang. Der stechende Desinfektionsgeruch, der in der Luft liegt, sorgt prompt für eine neue Schwindelattacke. Hilflos hake ich mich bei Tim unter und bin sehr froh, als ich endlich durch die elektrischen Schiebetüren das Krankenhaus verlassen kann. Mein Mann parkt mich auf der nächsten Parkbank mit der knappen Anweisung Ich hole schnell das Auto bleib du mit den Kindern kurz hier! ab. Ehe ich darauf antworten kann, ist Tim schon verschwunden. Marie und Philipp bleiben zunächst ungewohnt artig neben mir auf der Parkbank sitzen und wir betrachten gemeinsam, den hübschen Brunnen, der den Hof des Klinikums schmückt. Aus silbernen, unterschiedlich großen Edelmetallrohren sprudeln abwechselnd muntere Wasserfontänen hervor, die mit leisem Plätschern in das Brunnenbecken zurück fließen. Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, ehe meine Kinder dem Reiz des Wasserspiels unterliegen und sich ungeachtet meiner mahnenden Worte immer näher an den Brunnen heranwagen. Marie, meine Große, ist immerhin schon im Besitz des Seepferdchens und mehr, als dass sie nass werden könnte, würde ihr definitiv nicht passieren können. Bei Philipp sieht das Ganze schon anders aus. Er liebt Wasser über alles und überschätzt sich nur allzu gerne. Ich glaube, sein kleines Hirn, kann den Umstand noch nicht verarbeiten, dass er den Auftrieb, beim sonntäglichen Schwimmbadbesuch nur seinen knallorangen Schwimmflügeln zu verdanken hat. Eine andere Möglichkeit wäre natürlich auch, dass ihm sein Vater das allgemein verbreitete männliche Selbstüberschätzungs-Gen vererbt hat. Klein-Philipp steht am Rand des Brunnenbeckens und beobachtet das plätschernde Wasserspiel noch sehr zurückhaltend. Wäre ich bei normaler körperlicher Konstitution würde ich neben ihm stehen und schützend sein kleines Händchen fest und sicher halten. Aber bei meinen Schwindelattacken, die mich plagen, wage ich mich nicht allzu nah an das Wasser heran, zu groß wäre die Gefahr, dass ich selbst im Brunnen lande. Wann kommt Tim denn endlich wieder? Man könnte fast meinen, er habe sein Auto am Park and Ride Platz am anderen Ende der Stadt geparkt. Zumindest kommt es mir so vor, als wäre er mindestens schon eine Stunde oder noch länger weg. Mein Sohn wird mutiger und klettert auf die Brüstung des Brunnens.
Marie, kannst du bitte auf deinen Bruder aufpassen??!!! Gleich liegt er im Wasser!
Marie macht natürlich das, was sie am Allerbesten kann schlecht hören - und unterstreicht ihre Unlust, als Babysitter missbraucht zu werden mit lautem Gesang. Mir bleibt also nichts anderes übrig als mit zittrigen Knien zu meinem Sprössling zu wanken. Sanft versuche ich ihn zur Vernunft zu bringen.
Philipp, schau mal, das Wasser ist furchtbar tief und du kannst einfach noch nicht schwimmen.
Die runden Gesichtszüge meines Sohnes verfinstern sich. Er holt tief Luft, fängt an zu brüllen und inszeniert einen Tobsuchtsanfall, als wäre er gerade aus der psychiatrischen Anstalt, die auch einen großen Flügel im Krankenhaus belegt, ausgebrochen. Seine Gezeter dröhnt in meinem Kopf. Philipp, bitte!
KANNST DU NICHT AUF IHN AUFPASSEN? ER LANDET DOCH GLEICH IM WASSER!
Tim nähert sich von hinten wie eine Furie und packt Klein-Philipp gerade noch rechtzeitig am Kragen. Erbost wendet er sich an die unverantwortliche Kindsmutter und stellt mich gleich an Ort und Stelle für mein Fehlverhalten zur Rede. Ina, warum lässt du den Jungen so nahe ans Wasser? Er hätte ertrinken können, weil du nicht auf ihn aufpasst!
So richtig kann ich nicht glauben, was ich da gerade höre und frage mich einmal wieder, warum ich mir ein solches Scheusal von Mann ausgesucht habe und nicht doch den netten Bäckerjungen von nebenan mit den abstehenden Ohren geheiratet habe. Unwillkürlich seufze ich tief. Tims Anschuldigungen und Vorwürfe sind so ungeheuerlich, da fällt meinem lädierten Gehirn nicht wirklich eine passende Antwort ein. Wortlos lasse ich Mann und Kinder stehen und wanke zu unserem Auto, das Tim auf dem Taxistreifen vor dem Haupteingang abgestellt hat, und setze mich vorsichtig auf den Beifahrersitz. Die Ruhe im Wageninneren ist absolut traumhaft, aber leider nicht von langer Dauer. Mein Mann stellt sich bei dem Versuch die Kinder in ihren Sitzen anzugurten an, als wäre er der letzte Mensch. Zugegebenermaßen verursacht es auch einer visierten und alltagserprobten Mutter wie mir Schweißausbrüche, bis ich den zappelnden und um sich tretenden Philipp fest in seinen Sitz geschnallt habe, aber so dämlich kann sich wirklich nur ein Mann anstellen. Mit Engelszungen spricht er auf unseren Sprössling ein.
Schau Philipp, wir müssen dich doch anschnallen. Stell dir vor, wir haben einen Unfall oder Papa muss stark bremsen, dann fliegst du durch die Windschutzscheibe nach draußen und landest irgendwo im Straßengraben.
Marie war auch flogen. Will er auch!
Klein-Philipp versteht natürlich nicht, was Tim ihm damit sagen will. Die Aussicht auf einen Flug jetzt, hier und heute findet er sehr reizvoll und wehrt sich weiterhin mit Leibeskräften gegen die unbeholfenen Bemühungen meines Mannes. In Tim brodelt es und ich weiß genau, dass es nicht mehr allzu lange dauert, ehe ihm die Nerven reißen. Und tatsächlich wendet er sich nach kaum einer weiteren Minute aussichtslosem Kampf mit unserem Spross entnervt an mich. Könntest du vielleicht so nett sein und mir helfen?
Seine Tonlage ist alles andere als freundlich. Seufzend erhebe ich mich und trete neben die Beifahrertüre. Sind eigentlich alle Männer derart unselbstständig und können gar nichts, aber auch gar nichts ohne weibliche Hilfe? Ich schließe mit mir ein Abkommen. Diese Frage muss ich klären. Unbedingt! Selbstverständlich benötige ich dazu einige Anschauungsobjekte, die ich mir irgendwie im Laufe der nächsten Woche besorgen muss. Philipp tobt immer noch in seinem Autositz, während ich mir grundlegende Gedanken mache. Mit meiner geballten mütterlichen Autorität werfe ich ihm einen strengen Blick zu.
Philipp, lass es sofort sein!
Ich bin selbst ziemlich verwundert darüber, dass sich mein Sohn so widerstandslos meinen Anweisungen beugt, und sich ohne weiteres Gezeter anschnallen lässt. Triumphierend wende ich mich an meinen Mann. Einen hochnäsigen Kommentar kann ich nicht herunterschlucken.
Siehst du, so macht man das! Evtl. solltest du lieber deine Kinder etwas mehr studieren und nicht deine Akten!
Angesäuert steigt Tim ein und verleiht seinen unterschwelligen Aggressionen damit Ausdruck, dass er mit Vollgas und durchdrehenden Reifen vom Taxistand fährt. Beinahe wären ihm zwei alte Damen mit Gehwagen zum Opfer gefallen, die langsam vor uns über die Straße humpeln. Auf der Fahrt nach Hause liegt ein eisiges Schweigen in der Luft, sodass es sogar unseren Kindern auffällt, dass wir ziemlich genervt voneinander sind.
Als wir nach einer knappen halben Stunden in den Hof unseres Einfamilienhauses einrollen, stockt mir der Atem. Vor der Haustüre erwartet uns bereits meine Schwiegermutter auf einem Koffer sitzend, der so groß ist, als wolle sie für immer bei uns einziehen. Warum zum Teufel ist sie hier? Hat Tim nicht verstanden, dass ich mich besser von meiner mittelschweren Gehirnerschütterung erholen kann, wenn sie nicht ständig um mich herumschwirrt? Ihre permanenten Verbesserungsvorschläge was Haushaltsführung und Kindererziehung angeht, kann ich schon ohne Kopfschmerzen nicht länger als zwei Stunden ertragen. Vielleicht ist jetzt der Moment gekommen, in dem ich den Krankenwagen rufen und mich direkt auf Dr. Steffens Station einliefern lassen sollte. Stattdessen mache ich jedoch gute Mine zum bösen Spiel und lächele meiner Schwiegermutter tapfer entgegen.
Wie schön, dass du da bist!
Ich wundere mich über mich selbst, wie gekonnt ich ihr meine Freude über ihren Aufenthalt vorspiele. Endlich schließt Tim die Haustüre auf und trägt schwer atmend den Koffer seiner Mutter über die Schwelle.
Wie viel Gepäck hast du denn dabei? Für die paar Tage
Josephine Patschke drückt ihren Sohn fest an sich.
Ich dachte, wenn ich schon mal hier bin, dann bleibe ich zwei Wochen. Wir sehen uns ohnehin so selten und Ina braucht bestimmt Hilfe, so wie es hier immer aussieht!
Darauf habe ich gewartet, obwohl der heutige Hinweis auf meine Unbrauchbarkeit als Hausfrau schon vor der ersten Tasse Kaffee überraschend schnell kam. Tim lächelt gequält und ich sehe ihm auf den ersten Blick an, dass er sich im Geiste alle möglichen Termine auf die kommenden Wochen legen wird, nur um den Besuch seiner Mutter für ihn so angenehm wie möglich zu gestalten.
Wie schön, Mama!
Ich beschließe, meine Familie in der Obhut von Josephine Patschke zu lassen und mache mich wortlos auf den Weg ins Schlafzimmer. Diese Ruhe hier ist wirklich himmlisch. Kein maulender Mann, keine nervende Schwiegermutter und keine knatschenden Kinder weit und breit. Schnell ziehe ich mir meinen gemütlichsten, aber leider auch hässlichsten, Bärchenpyjama über und kuschele mich in die Federn. Es tut so gut, den schmerzenden Kopf endlich auf dem weichen Kopfkissen abzulegen und ein bisschen zu schlummern. Ich weiß nicht, wie lang ich geschlafen habe, als ich plötzlich Josephine wie einen Geist vor meinem Bett auf und ab laufen sehe.
Ina! Ina!
Ich stelle mich schlafend und gebe einen überzeugenden Schnarcher von mir in der Hoffnung, meine Schwiegermutter dazu zu bewegen, mich endlich in Frieden zu lassen. Leider habe ich die Rechnung ohne Josephine Patschke gemacht. Ihre Stimme wird immer lauter und ich höre, wie sie sich laut lärmenden am Rollladen zu schaffen macht.
INA!! Hör mir doch bitte kurz zu!
Es hilft alles nichts. Stöhnend schlage ich meine Augen auf. Meine Schwiegermutter hat um ihre drallen Hüften bereits eine altmodische Küchenschürze gebunden. Ein Geschirrtuch liegt über ihrer Schulter. Sie setzt sich auf den Bettrand, holt tief Luft und legt los.
Ich weiß, dass du krank bist. Trotzdem müssen wir jetzt ein paar organisatorische Dinge klären. Es geht hier ja drunter und drüber und du kannst nicht von mir verlangen, dass ich die nächsten Tage in einem derart unstrukturierten Haushalt tätig bin
Genervt falle ich der selbst erkorenen Putzfee Josephine Patschke ins Wort.
Das hat keiner von dir verlangt! Lass die Hausarbeit sein, das mache ich ohnehin lieber selber, und kümmere dich um deine Enkelkinder! Das genügt vollkommen!
Pikiert erhebt sie sich und wendet sich zum Gehen ab. Die erste Schlacht habe ich erfolgreich geschlagen! 1:0 für Ina Patschke. Ich gratuliere mir selbst zu diesem Ergebnis, zu oft bin ich die Unterlegene in unseren verbalen Schlachtgesprächen. Leider fällt ihr dann doch noch etwas ein.
Du machst es eben nicht und ich kann mich in einer derart ungepflegten Umgebung unmöglich wohl fühlen. Deswegen lasse ich es mir nicht nehmen, das Haus meines Sohnes ein wenig auf Vordermann zu bringen. Da kann mich auch meine Schwiegertochter nicht davon abbringen.
Ich fühle mich heute wirklich zu matt, um mich mit Josephine auf einen handfesten Streit einzulassen, aber so wahr ich Ina Patschke heiße dieser Kommentar wird nicht ungestraft bleiben. 1: 1! Endlich fällt die Tür hinter ihr ins Schloss und ich bin wieder alleine. Wie angenehm das doch manchmal sein kann. Ich schüttele mein Daunenfederkissen wieder etwas auf und drehe mich seufzend auf meine Einschlafseite. Die Kopfschmerzen werden langsam besser. Leider wehrt die Ruhe nicht allzu lange.
MAMA! Die Oma sagt, ich darf keinen Sandmann sehen! Marie steht heulend und kreischend vor meinem Bett. Zunächst beruhige ich mein Kind und gehe dann ganz pädagogisch, vier Jahre Eltern-Abonnement zeigen gelegentlich ihre Wirkung auf das eigentliche Problem ein. Warum darfst du keinen Sandmann sehen?
Die schmalen Lippen meiner Tochter zittern vor Aufregung und es dauert sehr lange, bis sie mir antwortet.
Weil, das ist nicht gut wegen den runden Augen
! OHNE MEINEN SANDMANN SCHLAFE ICH NICHT!
Um ihrer Forderung Ausdruck zu verleihen, hüpft sie wie das Rumpelstilzchen in unserem Schlafzimmer herum. So zornig habe ich sie nicht mehr gesehen, seit ich ihr verboten habe, bei Schneesturm und Minusgraden im Bikini die Vorschulgruppe ihres Kindergartens zu besuchen. Aber diesmal ist es etwas anderes und ich muss mich sofort mit meiner Tochter gegen die Schwiegermutter verbünden. Marie, Oma hat sicher gesagt, davon bekommt man viereckige Augen. Siehst du viereckig ist so wie das Kissen da. Mit eins, zwei, drei, vier Ecken dran!
Marie interessiert sich keinen Deut für meine lehrreichen Versuche, ihr die Unterschiede der geometrischen Formen zu erklären. Ihr geht es nur um den Sandmann. Jetzt ist Tim an der Reihe.
TIM!!
Lauthals schreie ich nach meinem Göttergatten. Tatsächlich kommt er für seine Begriffe relativ schnell. Ich sehe ihm sofort an, dass er reichlich genervt ist, aber, wenn er auf mein Mitleid hofft, kann er lange warten, schließlich war die glorreiche Idee von ihm, seine Mutter ins Haus zu holen. Musst du so laut brüllen? Ich bin doch nicht taub!
Er nicht aber ich schon fast. Kein Wunder bei dem Geräuschpegel, den meine Tochter schon seit beinahe fünf Minuten fabriziert. Ich hebe meine Hand und deute schwach auf das kleine Wutbündel am Boden. Tim scheint nicht zu verstehen. Entgeistert schaut er abwechselnd zwischen unserem Kind und mir hin und her.
Was ist denn jetzt? Was brauchst du?
Ich kann es nicht fassen ich liege hier mit einer mittelschweren Gehirnerschütterung und stechenden Kopfschmerzen. Warum versteht mein Mann einfach nicht, dass er gerufen wurde, um das wütende Kind aus meinem Krankenzimmer zu entfernen und endlich dafür zu sorgen, dass Ruhe herrscht? Für mich ist es mal wieder das beste Beispiel dafür, dass Männer und Frauen einfach anders ticken. Die Wellenlänge stimmt absolut nicht. Ich habe manchmal beinahe das Gefühl, dass der kommunikative Abgrund, der uns beide trennt, von Jahr zu Jahr eine immer tiefer werdende Schlucht in unsere Herzen reißt. In meines zumindest. Es soll ja auch Paare geben, die sich irgendwann blind verstehen ein Blick genügt. Wenn ich da zum Beispiel an meine stinklangweilige Cousine Heidemarie denken, die seit mehreren Jahrzehnten glücklich mit dem bärtigen, ebenso faden Heinz verheiratet ist. Er wirft ihr nach seinem stressigen Beamtenalltag einen auffordernden Blick zu und sie weiß sofort, dass es jetzt schnell an der Zeit ist, ihm sein Abendessen in mundgerecht geschnittenen Häppchen vorzusetzen, wenn sie den Abend nicht mit einer nervenaufreibenden Diskussion über ihre hausfraulichen Qualitäten verbringen möchte. Ich beschließe es mit einem strengen Blick unter meiner Bettdecke heraus zu versuchen. Leider ohne Erfolg!
Was ist denn jetzt? Ich geh jetzt gleich wieder, einer muss sich ja darum kümmern, dass dieser ganze Luxus hier finanziert wird!
Es wird hier nicht ohne eine klare Anweisung gehen, das muss ich jetzt einsehen. Mit Blicken und Gedanken lesen, das funktioniert bei einem solch unsensiblen Mann wie Tim offenbar nicht.
Geh mit Marie runter und sorge dafür, dass sie ihren Sandmann gucken darf!
Er wirft einen so unbeteiligten Blick wie nur irgendwie möglich auf unsere tobende Tochter und zuckt gelangweilt mit den Schultern.
Das muss doch jetzt nicht sein. Oma ist doch da. Überhaupt kennst du meine Meinung zu dem übermäßigem Fernsehkonsum unserer Tochter.
Was heißt hier übermäßiger Fernsehkonsum? Die Kinder dürfen jeden Tag exakt zehn Minuten schauen und das ist der Sandmann. Aber was weißt du eigentlich von deinen Kindern und ihren Abendritualen? Gar nichts! Dann wird es jetzt Zeit, dass du anfängst, dich damit auseinanderzusetzen. Ach, und noch was: Falls du dich nicht mehr an Dr. Steffens Worte erinnerst: ICH BRAUCHE RUHE!!!
Das hat gesessen. Tim wirft mir noch einen letzten beleidigten Blick zu, trollt sich mit Marie im Schlepptau und wirft die Türe hinter sich ins Schloss.
Mitten in der Nacht wache ich schweißgebadet und durstig auf. Die Wasserflasche auf dem Nachttisch ist mal wieder bis auf einen lächerlichen Anstandstropfen geleert. Die roten Digitalzahlen auf dem Display unseres 80er Jahre Radioweckers zeigen 0.23 Uhr. Müde taste ich nach meinem Mann. Der Platz neben mir ist leer. Gähnend rapple ich mich auf und tappe mit der Wasserflasche unterm Arm die Treppe nach unten. Wohnzimmer und Küche liegen im Dunkeln. Keine Spur von meiner Schwiegermutter oder Tim. Die Mischung aus gespenstischer Ruhe und mystischer Dunkelheit schwebt über unserem eigentlich sehr gemütlichen Wohnbereich. Ich schleiche auf leisen Sohlen in die Küche, befülle im Halbdunklen meine mit Kalkflecken gezierte, seit etwa vier Wochen im Gebrauch befindliche, und schon ziemlich schmuddelige PVC-Flasche mit enorm hohem Pfandwert und mache mich auf den Rückweg. Auf dem Weg in das warme kuschelige Wasserbett wage ich einen Abstecher vorbei an unserem kleinen, putzkammernähnlichen Gästezimmer und presse vorsichtig mein Ohr an die Türe. Schließlich weiß seit unserem letzten Schwarzwald-Urlaub keiner besser als ich, dass Josephine Patschkes grunzende Schnarchgeräusche einen 100%igen Reisepreiserstattungsanspruch in der Tourismusbrache rechtfertigen würde und eine Baustelle vor dem Hotelzimmer dagegen der absolute Traum ist. Letzten Sommer wurde mir die zweifelhafte Ehre zuteil, mit ihr das Ehebett zu teilen. Der federnde Lattenrost und die harte Matratze des Zusatzbettes waren Gift für ihren Ischias und so kam es, dass neben den flutartigen Regenfällen auch noch Josephines Anwesenheit dafür sorgte, dass nicht nur die Ferien ins Wasser fielen, sondern auch meine Nerven nach fünf Tagen am Ende waren. Doch eigenartig aus dem Gästezimmer war überhaupt nichts zu hören und ich hielt es einfach für unmöglich, dass sich meine Schwiegermutter dahinter in den Federn wälzte. Um meine Vermutung gesichert zu wissen, riss ich die Türe mit Schwung auf. Verwundert und ebenso ruckartig setzt sich Josephine Patschke auf und starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an. In ihrem blütenweißen Nachthemd, dem zerzausten Haar und dem verschlafenem Gesichtsausdruck sieht sie aus wie das kleine Nachtgespenst persönlich. Verschlafen reibt sie sich die Augen.
Ina, was brauchst du? Ich helfe dir sofort!
Meine Schwiegermutter rappelt sich hoch, greift nach meinem Arm und stützt mich, ohne meine Antwort überhaupt abzuwarten. Ich bekomme ein ungefähres Gefühl dafür wie es sein wird, wenn ich einmal die 70er-Marke überschritten habe, alt und gebrechlich bin, und auf die Hilfe der Sozialstation angewiesen bin.
So, jetzt gehen wir langsam nach oben und legen dich wieder hin. Du musst jetzt schlafen.
Ich entreiße mich aus Josephines Klammergriff.
Jetzt ist aber Schluss mit diesem Unsinn! Eigentlich interessiert mich nur, wo Tim abgeblieben ist. Vielleicht hast du darauf eine Antwort?
Voller Erwartung mustere ich mein Gegenüber mit eisernem Blick und stelle fest, dass Josephine ziemlich nervös auf meine Frage reagiert und beginnt verlegen an ihren Haaren herumzufingern.
Na ja, ich habe ihm ein bisschen Freiheit verordnet. Schließlich hat mein Bubi doch auch Wochenende, oder? Meine Schwiegermutter bemüht sich darum, einen möglichst unschuldigen Gesichtsausdruck aufzusetzen.
Was soll das heißen: Freiheit verordnet? Josephine, ich möchte augenblicklich wissen wo MEIN Mann ist und zwar klipp und klar!
Wie immer, wenn meine Schwiegermutter Angst hat, in einen größeren Konflikt zu geraten, so versucht sie auch heute, heimlich still und leise die Flucht anzutreten. Ganz langsam tritt sie mit kleinen Schritten den Rückzug ins Gästezimmer an und kommt ganz genau bis zum Türrahmen, ehe ich ihr wild entschlossen mein Bein in den Weg stelle. Ich halte sie an den Schultern fest und bemühe mich, meiner Stimme einen autoritären Klang zu verleihen. So einfach kommt sie mir nicht davon.
Ich möchte eine Antwort! Wo ist er?
Peinlich berührt kratzt sich meine Schwiegermutter am Hinterkopf, als sie stotternd beginnt, mir Erklärungsversuche zu unterbreiten.
Äh, versteh mich nicht falsch. Aber ich finde schon, dass Tim auch mal ein bisschen rauskommen sollte aus dem Hamsterrad. Deswegen habe ich ihm gesagt, er kann ruhig mit Mark ein Bier trinken gehen und ich halte hier die Stellung.
Schweigend gebe ich ihr den Weg frei und gehe die Treppen nach oben ins Schlafzimmer. Josephine legt offenbar ihre Rolle, die sie in unserer Familie einnimmt, vollkommen falsch aus. Sie ist wahrscheinlich eher gekommen um für die Freiheitsrechte ihres armen, von mir unterdrückten Sohnes zu kämpfen, als mir eine Entlastung zu sein. Mein Magen krampft sich vor Wut zusammen. Die Art und Weise, wie sie mir Tims Feierabendschoppen verkauft hat, ärgert mich zutiefst. Vermittelt mein Mann seiner Mutter wirklich den Eindruck, als habe er es dringend nötig, dass man ihm Freiheit verordnet und er raus aus dem Hamsterrad, das sich Familie nennt, muss? Bestimmt hat er sich theatralisch mit phantasievollen Ausschweifungen bei ihr beklagt, anders würde sie nicht auf solche eigenartigen Ideen kommen. Ich wälze mich eine ganze Zeit lang ruhelos hin und her und lausche, ob ein Motorengeräusch von der Straße an mein Ohr dringt oder ein Schlüssel im Schloss gedreht wird, aber nichts dergleichen passiert. Irgendwann falle ich dann endlich in einen leichten, ruhelosen Schlaf. Im Traum erscheint mir dann die Freiheitskämpferin Josephine bewaffnet mit einem riesigen Schwert und fordert unter Einsatz ihres Kampfwerkzeugs die Freilassung ihres Sohnes.
Mami, habe ganz groß Hunger! MAMI!!
Schlaftrunken öffne ich vorsichtig die Augenlider, um zu orten, aus welcher Richtung der unangenehme Geräuschpegel eigentlich kommt. Klein-Philipp steht direkt neben dem Kopfteil unseres Bettes und brüllt mir seine Bedürfnisse lautstark ins Ohr.
Psst, mein Schatz. Papa schläft noch!
Ich schwinge routiniert die Beine aus dem Bett, als es mir wie kleine, gefährliche Donnerblitze in den Kopf schießt. Vorsichtig bette ich mich wieder und versuche, meinen Sohn an Vater oder Großmutter zu verweisen. Richtig einsichtig scheint mir Klein-Philipp trotz meiner blumigen Erklärungsversuche nicht zu sein. Das kleine runde Gesicht unseres Sprösslings verzieht sich augenblicklich und ich ahne sofort, was jetzt kommen wird. Eins, zwei, drei, vi
MAMA! AHHH!
Tim grunzt noch friedlich neben mir. Ich ahne, dass eine gewisse Parallele zwischen seinem tiefen Schlaf und den ekelhaften Ausdunstungen mit den Ausmaßen einer mittelgroßen Bierfabrik besteht. Ich beschließe sofort, die Probe aufs Exempel zu machen und setze den tobenden Philipp beherzt auf den Rücken meines Mannes. Klein-Philipp geht sofort zum Direktangriff über und boxt Tim mit seinen kleinen Fäusten energisch in die Rippen. Nicht ohne Wirkung! Tim fährt erschrocken hoch.
Was soll denn dieses Gebrüll hier? Ich bin müde. Lass mich schlafen, Mama macht Frühstück!
Seine Laune ist heute Morgen mal wieder außerordentlich schlecht. Ganz wie immer will er mit dem Hamsterrad Familie nichts zu tun haben, sondern noch gemütlich Augenpflege betreiben, während ich mich im morgendlichen Kampf an der Kinderfront alleine schlagen soll. Aber nicht mit mir! Irgendwann hat selbst eine so gutmütige Person wie ich die Schnauze voll und muss sich gegen so viel männlichen Chauvinismus zur Wehr setzen.
TIM! Wenn du jetzt nicht aufstehst und dich um die Kinder kümmerst, verspreche ich dir, so wahr ich Ina Patschke heiße, bin ich noch heute bei Dr. Steffens im Krankenhaus. Dann kannst du mal sehen, wie du den Alltag alleine hinkriegst!
Statt der erhofften prompten Reaktion des Kindsvaters drückt er mir nur einen feuchten Schmatzer auf die Lippen und dreht sich dann grunzend um. Es reicht! Endgültig! Wortlos erhebe ich mich, gehe zum Kleiderschrank und hole meine große Lederreisetasche hervor. Wo ist denn nur mein schickes lila gestreiftes Nachthemd, das ich letztes Jahr von Josephine zu Weihnachten bekommen habe? Sicherlich macht mich das aufdringliche Streifendesign mit der etwas zu Figur umspielenden Schnittführung einige Jahrzehnte älter, aber das Kleidungsstück scheint mir geradezu prädestiniert, um ein paar erholsame Tage im Krankenhaus zu verbringen. Aus der hintersten obersten Ecke des Schrankes ziehe ich es endlich hervor und stopfe es neben meinen bereits fertig gepackten Reisekulturbeutel in die Tasche. Klein-Philipp beobachtet mich währenddessen ziemlich skeptisch aus runden fragenden Kinderaugen. Ich nehme meinen Sohn an der Hand und gehe mit ihm nach unten in sein Kinderzimmer. Gemeinsam setzen wir uns auf sein Bett und ich erkläre ihm vorsichtig und kindgerecht, dass die Mama ein paar Tage weg sein wird, weil ihr Kopf so kaputt ist, dass er unbedingt Ruhe und Schlaf braucht, um wieder zu genesen. Verständig nickt mein Sprössling und streichelt mit seiner kleinen Hand über meinen Kopf.
Ich puste Aua weg!
Jetzt muss er nur noch verstehen, dass sich eine mittelschwere Gehirnerschütterung nicht unbedingt mit einer Schramme am Knie vergleichen lässt. Ich gehe in die zweite Erklärungsrunde, als Marie sich zu uns gesellt. Meine Tochter gibt sich erstaunlicherweise sehr erwachsen. Sie nimmt ihren kleinen Bruder in den Arm.
Mach dir keine Sorgen, Mama. Ich werde Oma erklären, wie das hier bei uns alles geht. Werde du wieder gesund! Bei dem Stichwort Oma fällt mir ein, dass ich noch an Josephine vorbei muss. Mit dröhnendem Kopf mache ich mich auf ins Wohnzimmer und finde meine Schwiegermutter mit Staubwedel und Putzeimer bewaffnet vor. Sie ist so vertieft in die Mission, ihren Sohn vor dem jahrelang angefallenen Staub und Schmutz zu befreien, dass sie mein Kommen gar nicht bemerkt und munter weiter Selbstgespräche führt.
Das ist doch unglaublich! Die macht doch auch gar nichts! Ich räuspere mich. Josephine lässt den Putzlappen fallen und fährt erschrocken herum.
DIE fährt jetzt ins Krankenhaus. Sag das deinem Sohn! Mit diesen Worten verlasse ich das Haus und schwinge mich in meinen Kleinwagen italienischen Fabrikats. Die Zeit im Krankenhaus wird mir gut tun, um Abstand zu gewinnen. Endlich habe ich die Ruhe, die ich brauche, um meine Gedanken und vor allem Gefühle zu sortieren und mir darüber klar zu werden, warum ich einen derart missratenen Ehemann an meiner Seite dulde.
Eine halbe Stunde später stehe ich vor Dr. Steffen, der ziemlich verwundert auf mein Kommen reagiert.
Frau Patschke, geht es Ihnen nicht gut? Sie sehen blass aus!
Ohne eine Antwort abzuwarten, zieht er mich auf die Liege im Untersuchungszimmer und leuchtet mir mit einer kleinen Taschenlampe in die Augen.
Ihre Augenreflexe gefallen mir nicht. Sie müssen definitiv hier bleiben!
Ich persönlich kann mir zwar nicht vorstellen, dass damit irgendetwas anders ist als gestern, aber wenn Dr. Steffens mir selbst einen Krankenhausaufenthalt verordnet, so bleiben mir wenigstens lange Erklärungen erspart. Einsichtig nicke ich also dem Arzt zu.
Schwester Katja wird sich gleich um Sie kümmern und Ihnen ein Zimmer zuweisen. Warten Sie bitte einen Augenblick hier! Aber bitte, bleiben Sie liegen.
Wenig später kommt eine freundlich lächelnde Krankenschwester herein. Sie drückt mir die Hand.
Guten Tag, Frau Patschke. Ich bin Schwester Katja. Ich werde mich die nächsten Tage um Sie kümmern. Ich bringe Sie jetzt auf Ihr Zimmer.
Ich fühle mich spontan wohl in ihrer Gesellschaft und endlich ernst genommen mit meinen körperlichen Leiden. Gemeinsam laufen wir den hell erleuchteten Klinikflur entlang, bis Schwester Katja endlich vor einer breiten Zimmertüre stehen bleibt. Auf dem Türschild steht in großen Buchstaben Zimmer 159 und etwas kleiner darunter Frau Marquardt. Aha, das wird wohl meine Zimmernachbarin sein. Schwester Katja tritt nach einem kurzen Klopfen ein und lächelt mir aufmunternd zu.
Kommen Sie, Frau Patschke.
Die Wände des Zimmers sind in einem hellen Blauton gestrichen und das Farbmuster findet sich in sämtlichen anderen Einrichtungsgegenständen wieder. Überhaupt ist der gesamte Raum sehr geschmackvoll eingerichtet. Sicherlich würde man nicht den Hauptpreis in der Schöner Wohnen damit abräumen, aber trotzdem bin ich angetan von dem hübschen Interieur des Krankenzimmers. In Raum 159 stehen zwei Betten. Schwester Katja deutet auf das freie Bett.
Machen Sie es sich gemütlich. Das hier ist Ihr Schrank! Die Krankenschwester wendet sich an die Mitpatientin.
So, Frau Marquardt. Das hier ist Frau Patschke, sie teilt von nun an das Zimmer mit Ihnen. Dann haben Sie wenigstens ein wenig Gesellschaft.
Frau Marquardt ist eine zierliche Frau, die in etwa im gleichen Alter wie ich sein dürfte, und mich gleich freundlich anlächelt. Ihr rechter Arm ist von oben bis unten eingegipst und das Bein ist in eine Schaumstoffschiene gebetet. Wohl erzogen wie ich bin, gehe ich als erstes zu ihr und schüttele ihr die linke Hand.
Ina Patschke, hallo. Ich hatte gestern einen kleinen Unfall im Fitnesscenter und dachte zuerst, ich könne meine Gehirnerschütterung zuhause auskurieren. Aber mit zwei kleinen Kindern ist das irgendwie nicht möglich.
Soviel Erklärung bin ich Frau Marquardt schuldig, wenn ich schon einfach so in ihre Privatsphäre eindringe. Schwester Katja unterbricht die vorsichtigen Unterhaltungsversuche. So, ich gehe jetzt weiter. Frau Patschke, richten Sie sich so weit ein. Dr. Steffens wird in etwa einer halben Stunde noch einmal bei Ihnen reinschauen.
Mit diesen Worten verlässt die freundliche Schwester unser Zimmer. Peinliches Schweigen liegt über dem Raum und ich beginne damit, den Inhalt meiner spärlich gefüllten Lederreisetasche in den großen Schrank zu räumen. Mit meinem Oma-Nachthemd gehe ich ins Badezimmer und bereue bei einem Blick in den Spiegel gleich, dass ich mich für dieses entsetzliche Kleidungsstück entschieden habe. Die lila Farbgebung meiner Bekleidung beißt sich wirklich so scheußlich mit dem sanften Blau des Krankenzimmers, dass nach meinem Anblick sicherlich eine weitere Anschlussbehandlung in der Augenklinik von Nöten sein dürfte. Damit werde ich spontan sicher einen derart schlechten Eindruck bei Frau Marquardt hinterlassen, dass diese ohnehin allein zum Schutz ihres Augenlichts an keinerlei Unterhaltung mit mir interessiert sein wird. Peinlich berührt verlasse ich das Bad und beeile mich, schnell unter meine Bettdecke zu schlüpfen und sie mir bis zur Nasenspitze nach oben zu ziehen. Vorsichtig spähe ich nach rechts. Meine Bettnachbarin lächelt immer noch freundlich vor sich hin. Offensichtlich habe ich sie doch nicht so sehr mit meinem Anblick erschreckt wie von mir erwartet und ihr kommt ein bisschen Abwechslung im grauen Klinikalltag gerade recht.
Hier sind alle sehr nett. Sie sind hier wirklich in besten Händen, da müssen Sie sich keine Sorgen machen.
Na ja, momentan muss ich ganz ehrlich sagen, fühle ich mich nur abgrundtief unwohl in meinem wüsten Nachthemd. Leider konnte ich auf die Schnelle kein Besseres finden. Frau Marquardt lacht herzlich.
Sicherlich ist es nicht das Highlight der Saison, aber so übel finde ich es eigentlich gar nicht. Ach, übrigens. Ich heiße Alexandra Marquardt. Wie wärs, wenn wir beim Vornamen und Du bleiben würden?
Das Angebot nehme ich gerne an. Geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid und da wäre es doch reichlich albern, wenn man seine gerade gefundene Leidensgenossin, die noch dazu im gleichen Alter wie man selbst ist, siezen würde.
Die Idee finde ich gut. Wie gesagt, ich bin Ina! Was ist passiert?
Ich deute auf ihre eingegipsten Gliedmaßen. Alex zuckt etwas betrübt mit den Schultern, ehe sie zögerlich antwortet. Eine dumme Geschichte! Ich habe mit meinem Lebensgefährten gezofft aber vom Allerfeinsten. Irgendwann hat er mich so auf die Palme gebracht, dass ich nur noch weg wollte. Ich renne also aus der Wohnung, die Steintreppen hinunter und auf dem letzten Absatz stolpere ich über meine eigenen Beine und zack! Da ist es auch schon passiert!
Ich nicke mitfühlend.
Und dein Lebensgefährte ist jetzt geplagt von Gewissensbissen und kniet tagtäglich an deinem Krankenbett, um dich um Verzeihung zu bitten?
Alex lacht gequält auf und obwohl sie ihren Blick zum Fenster wendet, bemerke ich, wie sich ihre Augen mit Tränen füllen. Schnell wird mir klar: Ina Patschke ist mal wieder in das berühmte Fettnäpfchen getreten! Nur am Rande sei bemerkt, dass das übrigens eine Spezialität von mir ist und so sehr ich mich auch bemühe, nicht immer den gleichen Fehler zu machen, es gelingt mir einfach nicht. Vorsichtig erhebe ich mich und setze mich auf Alex Bettrand. Sanft streichle ich ihr über den Kopf, da bricht es auch schon aus ihr heraus.
Stell dir vor! Dieser verdammte Mistkerl stand auf dem Balkon, als mich die Sanitäter auf der Liege in den Krankenwagen verfrachtet haben. Denkst du, er wäre auf die Idee gekommen, nachzusehen was mit mir ist? Keine Spur! Jetzt liege ich seit genau vier Tagen hier in diesem Zimmer und es ist noch nicht einmal irgendein Zeichen von ihm gekommen. Kein Besuch, kein Anruf, keine Karte, keine Blumen! Einfach absolut gar nichts!!
Diese Geschichte ist schon wirklich ziemlich heftig - das muss selbst ich als der geborene Unglücksrabe an der Männerfront einräumen. Alex ist vollkommen aufgelöst und die Tränen rinnen ihr flutartig über die schmalen Wangenknochen. Ganz mütterlich drücke ich sie an mich und wiege sie solange sanft hin und her, bis sie sich wieder einigermaßen beruhigt hat.
Mein Exemplar zuhause ist auch nicht viel besser. Aber weißt du was, vielleicht sollten wir beide die Tage in der Klinik nutzen, um darüber nachzudenken, was uns an diese Scheusale bindet? Und zu zweit geht das sicher um einiges leichter
Die gewünschte tröstende Wirkung meiner Worte hat ihr Ziel verfehlt und Alex quittiert meine Bemerkung mit einem neuerlichen Gefühlsausbruch der Extraklasse. Mir ist zwar nicht ganz klar, was ich Falsches gesagt habe, wiege aber meine Mitpatientin weiter in den Armen. Sie wimmert hilflos wie ein Säugling, der von Drei-Monats-Koliken geplagt, alleine in seinem Stubenwagen liegt. Eine gute halbe Stunde schaue ich mir das Spiel verständnisvoll an, doch irgendwann muss doch schließlich auch mal wieder Schluss sein mit der Hysterie. Abrupt breche ich meine Trost spendenden Wiegebewegungen ab und greife stattdessen mit sanftem Druck nach ihren Schultern.
Jetzt ist es doch wieder gut! Deine Situation wird sich nicht ändern, wenn du hier liegst und stundenlang vor dich hin weinst. Du musst den Stier bei den Hörnern greifen und dir überlegen, was du willst. Meine Schwiegermutter pflegt immer zu sagen: Jeder ist seines Glückes Schmied und so ungern ich das auch zugebe aber in diesem speziellen Fall hat sie ausnahmsweise einmal recht.
Ganz langsam findet meine Zimmernachbarin ihre Fassung wieder und wischt sich die Überreste aus Wimperntusche, Tränen und Rotz von ihren zarten Wangenknochen. Sie macht auf mich einen so zarten, zerbrechlichen Eindruck wie der junge Keim einer Pflanze und ich komme mir neben ihr vor, als wäre ich bei den letzten Sumoringer-Weltmeisterschaften mindestens in die Endausscheidung gekommen.
Unsere Unterhaltung wird abrupt unterbrochen, als Dr. Steffens in Begleitung zweier Schwestern ohne ein warnendes Klopfen plötzlich in unser Krankenzimmer rauscht. Die Stimmungslage in dem Raum ist auf das Niveau einer Bahnhofswartehalle zu Zeiten des Lokführerstreiks gekippt. Mit einem Mal erscheint mir die Lage an der heimischen Front um Welten entspannter als mein eigentlich geplanter Wellnessaufenthalt auf Krankenkassenkosten.
So, die Damen. Dann wollen wir mal sehen, wie es Ihnen geht.
Unglücklicherweise steht mein Bett an der Tür und die gesamte Weißkittelschaft stürzt sich gleich auf mich. Die eine Schwester misst meinen Blutdruck, die andere steckt mir das Fieberthermometer nach meiner ausdrücklichen Weigerung unter der Gürtellinie zu messen - unter die Achseln, während Dr. Steffens mir in die Puppillen leuchtet. Frau Patschke, Ihre Augenreflexe sind nicht gut. Wir werden heute noch Ihre Gehirnströme messen. Blutdruck, Puls, Temperatur und Therapie notieren Sie, Schwester Ilse.
Schon wendet sich alle Aufmerksamkeit an meine Zimmernachbarin. Sicherlich ich bin Kassenpatient, aber wäre es zuviel verlangt, wenn sich wenigstens ein Mitarbeiter des Krankenhauses nach meinem persönlichen Befinden erkundigen würde? Während ich über das Zusammenspiel von Körper und Geist sinniere, ist die kurze Steppvisite des Mediziners samt Gefolge schon wieder aus unserem Zimmer. Wie lange ist es eigentlich her, dass ich heute Morgen das heimische Krankenlager geräumt habe? Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren und mache mich in dem blauen Krankenhausspind auf die Suche nach meinem pinkfarbenen, mit Swarovskisteinen beklebten Mobiltelefon, das glücklicherweise auf dem Display eine große Zeitanzeige hat. 11:23 Uhr! Mit Erstaunen habe ich schnell berechnet, dass ich mich erst grob überschlagen seit zwei Stunden in der Klinik befinde. Ansonsten hat sich nichts getan. Kein Anruf, keine SMS, kein Besuch Tim scheint mein Gesundheitszustand offensichtlich vollkommen egal zu sein. In mir macht sich Enttäuschung breit. Irgendwie habe ich gehofft, dass er sich wenigstens in dieser Situation als treu sorgender Ehemann entpuppt und mir dieses eine Mal das Gefühl von Liebe und Vertrautheit geben kann. Meine Gedanken schweifen in die Vergangenheit ab
Voller Vorfreude mache ich mich daran, meine Geburtstagsparty zu organisieren. Größer, rauschender, bombastischer als die Jahre zuvor. Wobei es geradezu lächerlich ist, die Dimensionen meiner Geburtstagsfeiern der Vergangenheit in die Superlative steigern zu wollen. Aber egal, trotzdem wird meine diesjährige Party besser als alles andere davor. Bisher war ich immer sehr genügsam und habe es weitestgehend vermieden, um meinen Ehrentag großes Aufheben zu machen. Ein Kaffeekranz mit meiner engsten Familie, das war ausreichend. Aber nachdem man nicht alle Jahre 35 wird und wirkliche Parties immer seltener, beschloss ich enthusiastisch eine Party auf die Beine zu stellen. Mit lauter Musik, lustigen Gästen, Alkohol in rauen Mengen und jeder Menge Spaß. Eben ganz so wie früher. Natürlich war mir sofort klar, dass diese Feier nicht in unserem schmucken Eigenheim stattfinden konnte. Tims Gemüt wird ja schon auf eine harte Probe gestellt, wenn Maries beste Freundin Katinka beim Versuch, den randvoll mit Bananensaft gefüllten Tupper-Strohhalmbecher mit einem Deckel zu verschließen, ein wenig ungeschickt zu Werke geht und sich der süße, klebrige Nektar in die Fronten unserer Echtholzküche frisst. Nein, Tims Launen werden mir diese Party des Jahrzehnts nicht vermiesen und so entscheide ich mich dafür, eine geeignete Räumlichkeit zu suchen. Leider musste ich schnell feststellen, dass es in dem Landstrich Deutschlands, den ich bewohne, geradezu ein unmögliches Unterfangen ist, eine Location aufzutun, die optisch ansprechend und noch dazu bezahlbar ist. Nachdem ich wochenlang damit beschäftigt war, miefige Klubhäuser und verstaubte Ballsäle zu besichtigen, entschloss ich mich auf den Rat meiner besten Freundin Susi hin, zur Eigeninitiative. Das Inserat für den Kreisboten war schnell aufgesetzt und es dauerte nach Erscheinen der Anzeige auch nur drei bis vier Tage bis meine Mailbox überlief und mir die kuriosesten Angebote unterbreitet wurden. Das romantische Candlelight-Dinner im Elefantenhaus des Zoos konnte ich mir sogar noch irgendwie vorstellen, aber bei einem Essen in 100 Metern Höhe, bei dem der Tisch samt Bestuhlung an der Winde eines wackligen Krans aufgehängt wird, hörte meine Phantasie doch schnell auf. Nach langem Hin und Her sowie einigen alkoholintensiven Probeabenden in Begleitung der partyerfahrenen Susi, entschied ich mich schließlich schweren Herzens dafür, meine Geburtstagsfeier in einer kleinen, aber feinen Bar im Herzen unserer Stadt zu veranstalten. Mir fiel ein wirklich großer Stein vom Herzen, als mir der Barbetreiber Werner die konkrete Zusage für den Termin gab und alles in trockenen Tüchern lag. Beschwingt und voller Vorfreude habe ich Tim am selben Abend noch von meinen Fortschritten zum Thema Partyvorbereitung berichtet.
Im hinteren Teil des Gewölbes stellt uns Werner Tische auf. Da habe ich gedacht, machen wir dann so ein kleines kaltes Buffet. Du weißt doch, wie das ist auf solchen Parties. Man isst und trinkt, tanzt, hat Spaß und dann kommt er wieder der kleine Hunger. Deswegen glaube ich, ist das ganz praktisch so. Cocktails und Getränke kann dann jeder selbst bei Werner bestellen. Ich freu mich so, mein Schatz, das wird ein rauschendes Fest werden.
Tim gibt sich Mühe, zumindest ein gequältes Lächeln über die Lippen zu bringen. Dennoch merke ich, dass ihm irgendetwas nicht in den Kram passt. Er ist so seltsam wortkarg und das ist zweifelsohne das hat mir meine Lebenserfahrung gelehrt! ein untrügliches Merkmal dafür, dass sich mein Mann auf den Weg in die Schmollecke gemacht hat. Ich tue so, als ob ich nichts davon bemerken würde und schmiege mich an die Brust meines Mannes. Tim quittiert meine Nähe mit einem tiefen Seufzer.
Lass uns schlafen gehen, Schatz. Ich bin wirklich todmüde!
Ich rapple mich hoch und drücke ihm einen aufmunternden Schmatz auf den Mund. Seine Mine hat sich zwischenzeitlich deutlich verfinstert. Die Augen haben sich zu Sehschlitzen deformiert, als er endlich reagiert.
Das wundert mich nicht! Da wäre ich auch todmüde, wenn ich mich nächtelang mit irgendeinem Werner in irgendeiner Bar herumtreiben würde!
Ah, daher weht der Wind. So langsam wird selbst mir bewusst, welche Laus ihm über die Leber gelaufen ist. Er ist eifersüchtig und weiß noch nicht einmal, wie sein Kontrahent aussieht. Bestimmt ist Werner in seinem Kopf die lebende Mischung zwischen Brad Pitt und George Clooney. Bei diesem Gedanken muss ich unwillkürlich schmunzeln. Wenn Tim nur wüsste, dass Werner ein kleiner, deutlich untersetzter Mittfünfziger ist…
Die eheliche Stimmung ist fortan ziemlich eisig. Trotz meiner Versuche, Tim zu erklären, dass Werner definitiv nicht mein Liebhaber ist und es auch nie sein wird, macht er die Schoten dicht. Sobald die Kinder abends in ihren Betten liegen, verlässt er ohne irgendeine Rechtfertigung das Haus und kommt erst spätnachts wieder. Nicht, dass ich nicht versucht hätte, mich mit ihm auszusöhnen, aber wenn mein Mann spinnt, was zwar selten aber immer öfter vorkommt, ist kein Denken an ein normales Gespräch möglich. Zu Beginn unserer Beziehung habe ich mich sehr über diesen eigentlich eher den Steinböcken zuzurechnenden Charakterzug geärgert. Aber irgendwann verfügt jede Mutter über lang erprobte Erfahrung mit Trotz-und Bockanfällen, um zu wissen, dass man darauf am besten reagiert, indem man den kleinen Wüterich links liegen lässt. Diese Taktik hat sich bisher auch bei meinem Mann bewährt und nach spätestens drei bockigen Tagen hat er wieder reumütig Einzug im ehelichen Schlafzimmer gehalten. Nur dieses Mal hält er durch. Verdammt lange. Seit genau zehn Tagen bemüht er sich vehement darum, auch kein persönliches Wort zuviel an mich zu verschwenden. Heute Abend werde ich einen neuen Versuch starten, um Tim zur Vernunft zu bringen. Wobei der Ausgang des Versuches sehr zweifelhaft scheint. Aber egal, ich bin eine tatkräftige Frau und packe den Stier bei den Hörnern. Probleme tot schweigen liegt mir absolut überhaupt nicht. Kaum habe ich die Kinder in ihre nach Lavendel-Weichspüler duftenden Betten gepackt, ein Gute-Nacht-Lied vorgesungen und die Nachtlichter angesteckt, gehe ich zielsicher zurück ins Wohnzimmer. Tim sitzt mal wieder hochkonzentriert vor seinem Laptop. Einen kleinen Moment der Überwindung kostet es mich, ehe ich neben ihm Platz nehme und los lege.
Tim, wie lange willst du jetzt noch schweigen?
Mein Mann runzelt die Stirn, denkt aber gar nicht daran, seinen Blick vom Laptop abzuwenden geschweige denn, mir eine Antwort auf meine Frage zu geben. Ganz vorsichtig lege ich meine Hand auf sein Knie und spreche sanft weiter. Wir müssen reden, Schatz.
Er starrt immer noch gebannt auf seinen Monitor. Langsam aber sicher werde ich ungehalten. Hört er mich überhaupt oder tut er nur so, als wäre ich nicht anwesend? Ich räuspere mich merklich und hoffe, dass es mir damit gelingt, ihn wieder in die Gegenwart zurückzuholen. Gespannt warte ich, ob eine Antwort kommt. Aber leider vergebens.
SCHATZ! HÖRST DU MICH???
Zwischenzeitlich habe ich die Tonlage eines strengen Feldwebels im Bootcamp der amerikanischen Wüste angenommen, der einen Teenager im pubertären Wahnsinn an der Flucht hindern möchte. Erschrocken zuckt Tim zusammen. Meine Stimmgewalt hat ihn offensichtlich eiskalt erwischt. Er fährt zu mir um und pocht sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn.
Sag mal, Ina, hast du sie noch alle? Wie redest du eigentlich mit mir? Und jetzt lass mich einfach in Ruhe! Seine eigentlich sehr schönen blauen Augen wirken auf einmal so eiskalt wie ein Gletscherblock im Arktischen Meer. Der Versuch ist gründlich misslungen. Bitte schön, wenn Tim meint. Eines Tages wird er auf allen Vieren mit einer Rose im Mund angekrochen kommen, meine unförmigen Plattfüße küssen und mich winselnd um Verzeihung bitten. Beleidigt trete ich den Rückzug Richtung Badezimmer an und frage mich, womit ich ein solches Ungetüm von Mann eigentlich verdient habe. Gar nicht, versichert mir zumindest Susi mit der ich ein Telefongespräch bezüglich der Partyvorbereitungen führe, während ich im dampfenden Schaumbad liege.
Ach Ina, reg dich doch einfach nicht auf. Tim wird sich schon wieder beruhigen und falls nicht, besorgen wir dir eben einen neuen Traumprinzen ganz ohne Makel.
Ich kichere herzlich. Die Vorstellung, den nörgligen, launischen Ehemann gegen einen gutgelaunten Sunnyboy einzutauschen, amüsiert mich. Theoretisch zumindest. Die Wahrheit ist leider die, dass ich Tim von ganzem Herzen liebe und nicht geheiratet habe, um mich bei der erstbesten Krise zu trennen, sondern um alle Auf und Abs des Lebens mit ihm zu teilen. Leider fällt es mir im Moment ein bisschen schwer, an diesen schönen Lebenstraum zu glauben, wenn Tim jedes kleine Problemchen so dramatisiert, dass es sich zu einer waschechten Krise entwickelt. Das Leben an seiner Seite ist manchmal wirklich viel zu kompliziert.
Alle Männer machen einem das Leben schwer und sind hochgradig kompliziert. Was glaubst du, wieso ich keinen habe? Das bisschen Spaß, das man mit Männern haben kann, reduziert sich doch ohnehin nur aufs Bett. Und dafür, Ina, findest du an jeder Ecke einen Willigen. Also, wieso soll ich mir den ganzen Stress dazwischen antun?
Du bist einfach anders als ich, Susi. Ich will keine Affären, sondern eigentlich nur ein ruhiges und harmonisches Leben mit Tim an meiner Seite führen. Leider ist das gerade ein wenig schwierig mit ihm. Aber vielleicht liegts auch an mir und ich mache irgendwas falsch.
HALLO??? Bitte tu mir den Gefallen und zieh dir nicht diesen Schuh an, bloß weil dein Oller in der Midlife-Crisis steckt oder dicke Eier hat!
Da ist wieder Susis direkte Art, die ich so an ihr liebe. Sie bringt die Dinge immer direkt auf den Punkt, ohne lange darum herum zu reden. Diesen Wesenszug würde ich zu gerne mein eigen nennen, aber leider neige ich eher zum Gegenteil.
Ja, okay. Jetzt mal was anderes. Hat sich Werner noch mal bei dir gemeldet? Du weißt doch, er wollte noch die Getränkepreisliste vorbeibringen und darüber nachdenken, ob er mir nicht einen kleinen Sonderrabatt einräumen kann. Ach ja, natürlich hat sich dein Lover bei mir gemeldet. Susi lacht aus voller Brust und kann sich gar nicht mehr beruhigen.
Ha, ha, Werner hat gesagt, er kommt nächste Woche bei dir vorbei. Er hat eine Karte mit einer kleinen, aber durchaus überschaubaren Getränkeauswahl vorbereitet und möchte mit dir besprechen, ob du damit einverstanden bist. Ich hab ihm deine Adresse und deine Handynummer gegeben. Allerdings wusste ich da noch nicht, dass du ein Verhältnis mit ihm hast, ha, ha, ha
Auch das noch! Tim wird ausflippen, wenn Werner hier auftaucht und natürlich denken, dass dies der Beweis für meine geheime Affäre ist. Wobei, vielleicht ist es sogar ganz gut, wenn er ihn mal in natura vor sich stehen sieht und es wird ihm klar, dass Werner definitiv so überhaupt nicht in mein Beuteschema passt.
Wir diskutieren noch kurz über die Intelligenz männlichen Seins, verschieben dann aber unsere ausführliche Plauderei auf den nächsten Tag, da Susi noch einen Termin bei der Kosmetikerin hat. Als ich aus der Badewanne steige, sieht meine Haut so rot und schrumplig aus wie die einer 80-Jährigen mit extremem Übergewicht. Ich muss unbedingt etwas für mich und meinen Köper tun, so kann das nicht weitergehen. Vor der Geburt meiner Kinder war ich ein sehr Körper bewusster Mensch und habe mehrmals pro Woche Gymnastik, Yoga, Massage oder Kosmetik gebucht. Heute fehlen mir die Zeit und die Lust dazu. Zum einen muss ich zugeben, dass ich abends, wenn die Kinder endlich in ihren Bettchen liegen und wie die Engel schlafen, vollkommen schlapp auf das Sofa sinke und keinerlei Muse mehr habe, mich in irgendeiner Form aus dem Haus zu bewegen. Untertags bleibt der Genuss bei der Kosmetikerin auch irgendwie auf der Strecke, wenn man einen kleinen Schreihals im Schlepptau hat, der einen abwechselnd in die große Zehe zwickt und fragt, wann wir endlich nach Hause gehen oder mit den Händen in feinen Masken, Salben und Anti-Falten-Cremes herum gräbt und sich über den schmierigen Fettfilm freut, den die kleinen Fingerchen am Spiegel hinterlassen. Fräulein Elvira, meine langjährige Kosmetikfachberaterin, war am Ende der Sitzung nicht mehr so verzückt über den kleinen süßen Engel und hat mich gebeten, zukünftig meine Kinder einem Babysitter anzuvertrauen, da sie unmöglich zwischen jeder Sitzung Zeit habe, eine Glasreinigung durchzuführen. Also habe ich die logische Schlussfolgerung gezogen, mich meiner Schönheit erst wieder zu widmen, wenn meine Kleinen aus dem Gröbsten raus sind und solange mein Gesicht sozusagen brach liegen zu lassen. Was in der Natur den Feldern gut tut, kann meiner Haut nun wirklich auch nicht schaden. Dieser Entschluss liegt nun einige Jahre zurück und ich weiß nicht, ob ich heute noch mal genauso entscheiden würde. Nicht, dass sich zwischenzeitlich tiefe Falten um meine Augen gebildet hätten oder mein Gesicht von einer pickeligen Kraterlandschaft überzogen wäre, aber man fühlt sich trotzdem bedeutend schöner, wenn man in irgendeiner Form einen Beitrag zu einem attraktiven Antlitz geleistet hat. In diesem Moment fasse ich schnell den Entschluss, dass ich meine Lethargie in Bezug auf Haut, Haare und Fingernägel im kommenden Lebensjahr ablegen werde. So wahr ich Ina Patschke heiße! Vielleicht wacht auch Tim auf, wenn er in mir die attraktive Frau von damals, wieder erkennt und weiß endlich mal zu schätzen, was er an mir hat. Voller guter Vorsätze trete ich den Rückzug ins Wohnzimmer an und lasse mich auf dem Sofa nieder. Die Lage hier ist unverändert. Tim tippt konfus auf seinem Laptop herum und scheint nichts um sich herum wahr zu nehmen. Das muss sich schnellstens ändern. Ich tippe auf die Fernbedienung und zappe auf meinen Lieblingsmusikkanal. Dort flimmern gerade die zehn beliebtesten Clips des Jahres über den Bildschirm. Perfekt! Ich drücke den Lautstärkeregler und sorge dafür, dass die gute Stimmung der superattraktiven Stars und Sternchen direkt bei uns im Wohnzimmer landet. Tim reagiert nicht. Vielleicht sollte ich noch ein bisschen mit trällern. Leider kenne ich den Text zu dem gerade laufenden Song nicht und muss warten, bis das nächste Lied dran kommt. Robbie Williams! Besser könnte es nicht laufen.
I just wanna feel real love
singe ich lauthals vor mich hin.
Tim schnauft genervt durch, aber mehr passiert bisher nicht.
real love fill the home that I live in
.
Plötzlich erhebt sich Tim ruckartig und schiebt seinen Stuhl zurück. Ohne große Worte zu verlieren, marschiert er zum Fernseher und schaltet ihn aus.
Du lebst ganz gut hier, oder?
Er zieht die Augenbrauen hoch und fühlt sich sehr wichtig dabei. Ich ahne, welcher Vortrag gleich sein Schweigen brechen wird. Und es kommt, wie erwartet.
Kannst du dir vorstellen, dass ich ein wenig Ruhe brauche, um Geld zu verdienen, dass du ein Dach über dem Kopf hast und sich etwas zu Essen im Kühlschrank findet? Du liegst gemütlich auf dem Sofa, singst wie eine altersschwache Amsel und ich arbeite mich hier schier gar zu Tode. Ich finde doch wirklich, dass ich von dir verlangen kann, dass du mir den Rücken ein bisschen freihältst, wenn du schon nichts zu unserem Familienunterhalt beiträgst.
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