Kitabı oku: «In Your Arms»

Yazı tipi:

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Kapitel 21 – Sintflut der Gefühle

Kapitel 22 – Keine Kraft mehr

Kapitel 23 – Deine Nähe

Kapitel 24 – DS Thalia

Kapitel 25 – Liebe und Panikattacken

Kapitel 26 – Das erste Mal

Kapitel 27 – Die magische Stille

Kapitel 28 – Meine Seelenhälfte

Kapitel 29 – Fotos und Romantik

Kapitel 30 – Ein kleiner Abschied

Anhang/Danksagungen

In Your Arms – Teil 2 – Zärtliches Glück

Impressum

Text: © by Isabella Kniest, 9184 St. Jakob im Rosental, Österreich

Cover: © by Isabella Kniest

Verwendete Pinselvorgaben: © by webdesignerlab (www.brusheezy.com), © by Colorburned/Grant Friedman www.colorburned.com, © by truly-sarah.com, © by Obsidian Dawn www.obsidiandawn.com, © Miko Rezno http://www.blinding-light.com, Graphics © Marielle P. Kokosidou https://imouritsa.deviantart.com

Verwendete Schriftarten: Adobe Garamond Pro, Snell Roundhand, monsieur-la-doulaise (© by www.sudtiops.com)

E-Mail: swevennovel@gmail.com

1. Auflage 25. Juni 2017

2. Auflage 03. Mai 2018

3. Auflage 02. Juli 2021 (geringfügige Korrekturen, Buchsatz, Infotext)

Nun noch der übliche rechtliche Mist:

Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Ereignisse und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Ereignissen sind rein zufällig.

Markennamen, die von der Autorin benutzt wurden, sind Eigentum ihrer jeweiligen Inhaber und wurden rein zu schriftstellerischen Zwecken benutzt.

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Anhang und den Danksagungen am Ende des Buches.

Um Missverständnissen vorzubeugen, hier einige wichtige Informationen für jeden potentiellen Leser:

Erstens.

Ich bin Selfpublisher. Korrektorat, Lektorat, Coverdesign, Buchsatz, eBook-Gestaltung, Kapitelverzierungen – alle diese Arbeiten werden ausschließlich von mir selbst durchgeführt. Für ein fehlerfreies Buch kann ich somit nicht garantieren. Dafür jedoch einer jeden Seite, einem jeden Kapitel, einem jeden niedergetippten Wort, einer jeden Szene und Aussage meine gesamte Aufmerksamkeit und Liebe gewidmet zu haben. Jeder Satz beinhaltet mein Herzblut, meine Gefühle, meine Lebensauffassung – ein Stück meiner selbst. Wenn ich ein Buch zur Veröffentlichung freigebe, präsentiert es meinen aktuellen Wissensstand. Aus diesem profanen Grund überarbeite ich meine Bücher in regelmäßigen Abständen. Wenn ich mir über Fehler bewusst werde, korrigiere ich diese und lade die überarbeitete Version hoch. Sollte Ihnen, lieber Leser, eine solche Vorgehensweise zu amateurhaft oder zu billig anmuten, bitte ich Sie, mein Buch nicht zu kaufen. Falls Sie sich nun unsicher sind oder die Vermutung in Ihnen hochklettert, ich könnte Schund verkaufen, bitte ich Sie, zuerst die Leseprobe zu lesen und sich dann zu entscheiden. Ist Ihnen meine Fehlerquote zu hoch, werde ich Ihnen nicht böse sein, wenn Sie mein Werk nicht in den Warenkorb legen.

Schreiben ist mein Hobby. Weder strebe ich Reichtum noch Berühmtheit an. Menschen zu bereichern, ihnen den intellektuellen und seelischen Horizont zu erweitern und eine andere Sichtweise zu offenbaren – das ist mein einziges Bestreben. Deshalb bin ich finanziell außerstande, ein Lektorat und Korrektorat oder Coverdesign auszulagern. Besäße ich die Möglichkeiten, würde ich keine Sekunde zögern und meine Werke einem Profi übergeben.

Zweitens.

Trotz mehrerer Rechtschreibreformen verwende ich die alte Schreibweise der unterbrochenen direkten Rede.

Ein Beispiel: Nach der neuen Regelung müsste ich schreiben »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab, »als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«

Ich hingegen schreibe »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab. »Als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«

Wie man sieht, ist mir die korrekte Schreibweise bestens bekannt. Ich entschied mich jedoch bewusst dafür, diese Regel aus persönlichen und ästhetischen Gründen zu brechen.

Drittens.

Da ich Österreicher bin, schleichen sich zwangsläufig viele österreichische Begriffe in meine Texte ein. Begriffe, die von deutschen Landsleuten unwissentlich als Fehler angesehen werden können.

Ein Beispiel:

In unseren Breitengraden spricht man nicht von Kasse, sondern von Kassa. Dies ist kein Tippfehler und hat auch nichts mit einer Rechtschreibschwäche oder läppischen Korrektur meinerseits zu tun.

Abschließend danke ich jedem Leser, der diese Information durchgelesen hat und sich entscheidet, erst nach der Leseprobe sein endgültiges Urteil zu fällen.

Aufrichtigkeit ist der verantwortungsvolle Umgang mit Worten

Nächstenliebe ist die Fähigkeit zu achten, zu vergeben und zu

respektieren

Zufriedenheit ist eine Tugend, die durch bedingungslose Liebe entsteht und mit Dankbarkeit einhergeht

Durch Einklang entsteht Geduld – ein unverzichtbarer Begleiter

unseres Lebens

Diese Wesenszüge sind es, welche das Seelenlicht in unseren Augen erstrahlen und uns die Wunder um uns herum sehen lassen.

Für denjenigen, der mein Licht sehen wird.



Kapitel 21 – Sintflut der Gefühle


Vermag Liebe ein blutend Herz zu heilen

ein sterbend Licht zu erretten?


Jan wollte schreien, toben, sich zu Boden werfen …

Stattdessen versuchte er, die Karotten trotz zusehends heftiger bebender Hände zu schneiden.

Drei Wochen wartete er nun darauf, dass Liza sich meldete …

Drei geschlagene Wochen!

…

Doch Fehlanzeige!

Keine Mail.

Kein Telefonanruf.

Erst recht kein Besuch …

Hatte sie das Buch etwa verschenkt … oder gar weggeworfen?

Fand sie es tatsächlich dergestalt lächerlich, wie er insgeheim befürchtete?

Seufzend fasste er nach der nächsten Karotte.

Weshalb hatte er sich dazu überreden lassen, ihr das Buch zu bringen?

Er hätte längst wissen müssen, dass es nicht klappte! In der Vergangenheit hatte es schließlich auch nicht funktioniert! Da hatte ihm das Buch einzigen Ärger eingehandelt.

Die peinliche Erkenntnis ließ ihn rot anlaufen.

Abermals hatte er sich der Lächerlichkeit preisgegeben. Abermals hatte er umsonst gehofft. Abermals hatte er sich geirrt …

Es war zum Verzweifeln!

»Jan?« Tinas jäh erklingende Stimme hätte ihn beinahe dazu gebracht, einen Meter in die Höhe zu springen. »Sind die Karotten geschnitten?«

»Ja … ja.« Zitternd reichte er ihr das weiße Keramikschälchen gefüllt mit den runden Stücken des orangefarbenen Gemüses. »Hier bitte.«

»Beruhig dich, Jan«, sprach sie sanft. »Sie wird sich schon melden. Vielleicht hat sie einfach noch keine Zeit gehabt, das Buch fertig zu lesen.«

Was würde er nicht alles dafür geben, damit Lizas Schweigen aus einzig diesem Grunde herrührte!

»Ja … ich weiß, ich weiß. Das habe ich mittlerweile selbst angenommen.«

Ebenso wie die Annahme, dass sie das Buch erst gar nicht erhalten hatte. Ebenso wie die Annahme, dass sie sich schlichtweg nicht dafür interessierte – sie sich nicht für ihn interessierte.

…

Eine erdrückende Traurigkeit verscheuchte seine Aufgebrachtheit, legte sich um sein Herz, schnürte ihm den Hals zu.

Was, wenn sie sich tatsächlich über ihn lustig machte? Was, wenn sie sich einzig deshalb nicht mehr bei ihm melden wollte, weil sie die Geschichte lächerlich fand?

»Gib ihr noch zwei Wochen.«

Christofs Aussage ließ ihn zusammenfahren.

Woher wusste er …?

Scham, Verunsicherung, Wut sowie dutzende weitere Emotionen stürmten ihm durch den Leib, währenddessen er sich langsam zum Chefkoch drehte.

Der großgewachsene Mann warf ihm ein beruhigendes Lächeln zu. »Sie wird sich sicher bald melden.«

…

Hatte Tina mit Christof über sein Gefühlschaos gesprochen? Hatte sie etwa all seine ihr anvertrauten Geheimnisse ausgeplaudert?!

Es jagte ihm heißkalt den Rücken hinab. »Ich … ich kann ja ohnehin nichts anderes tun.« Sogleich er diese Worte kundgetan hatte, warf er seiner besten Freundin einen erbosten Blick zu.

Er hatte sie angefleht, niemandem etwas darüber zu sagen! Regelrecht auf die Knie gefallen war er vor ihr! … Und nun? Nun wusste vermutlich das gesamte Hotel über seine unglückliche Liebe zu Liza Bescheid!

Wie peinlich und erniedrigend konnte dieser Moment eigentlich noch werden?

»Es tut mir leid«, kam es reumütig aus Tinas Mund. »Ja … ich habe es erzählt. Aber nur –«

»Ich habe sie darum gebeten, es mir zu sagen«, fiel Christof ihr ins Wort, wodurch Jan sich genötigt fühlte, sich zu Letztgenanntem zurückzudrehen. »Ich wollte wissen, was mit dir los ist. Ich mache mir nämlich langsam echte Sorgen.« Des Chefkochs üblicherweise harten Gesichtszüge nahmen einen überraschend sanften Ausdruck an. »Du bist komplett neben der Spur. Du verwechselst Gewürze, versalzt mir andauernd die Suppe und strotzt regelmäßig Mehl quer durch den Raum.«

Christofs Aufzählung, dachte Jan, sollte ebenso mit den zahllosen kleinen Schnittverletzungen, den wiederholenden Kopfstößen gegen die Dunstabzugshaube sowie den sechs zu Bruch gegangenen Wassergläsern ergänzt werden.

Ja, er wusste es selbst längst: Er war ein psychisches Wrack.

»Ich hätte nie etwas gesagt«, beteuerte Tina. »Aber ich mache mir einfach riesige Sorgen.«

Jan ließ den Blick durch die Küche gleiten.

Aufgrund Gästemangels hatte der Hotelchef die halbe Belegschaft in Urlaub geschickt.

Zum Glück! Somit konnten wenigstens nur Christof und Tina diesem beschämenden Gespräch innewohnen.

Christof schaltete den Herd auf »eins« und trat anschließend zu ihm. »Niemand sonst weiß etwas darüber. Ich habe nichts gesagt.«

Dieses Wissen vermochte Jan nicht annähernd auf die Art zu beruhigen, wie der Chefkoch sich dies wahrscheinlich vorgestellt hatte.

Eher das Gegenteil trat ein: Sekündlich verärgerter wurde er.

»Ist gut«, versuchte er dennoch im verzeihlichen Tonfall zu entgegnen. »Ich verstehe schon.« Unglücklicherweise klang sein bescheidener Versuch mehr nach einem hilflosen Hervorwürgen eines sekkanten Wortes, anstatt nach einer mitfühlenden wie dankbaren Antwort, welche man einem besorgten Freund gab.

…

Ich verstehe schon … Etwas Dümmeres hatte ihm nicht einfallen können …

Aber was hätte er Christof sagen sollen?

Ich vergehe vor Scham, weil du es weißt?

Ich würde am liebsten im Erdboden versinken?

Ich bin froh, dass du über meine unglückliche Liebe Bescheid weißt … und in weiterer Folge über meine Unfähigkeit, eine Beziehung einzugehen?

…

Herrgott!

Noch niemals zuvor hatte er mit anderen Menschen über sein Herzensleid gesprochen! Nicht einmal mit seiner eigenen Mutter! Und nun sollte er sein Herz womöglich dem Küchenchef ausschütten?

Ja, ging’s denn noch!?

Seine vermaledeiten Emotionen schlugen zusehends größere Wellen. Sie wechselten von Kummer zu Wut, dann zurück zu Verzweiflung, einzig um abermals Ärger hervorzubringen.

Verdammt … Er musste sich zusammenreißen. Es brachte nichts, sich aufzuregen. Dadurch würde seine Lage sich nicht verbessern.

Ein tiefer Atemzug brachte die gewünschte Wirkung.

Doch schneller, als er zu denken imstande war, legte neue Verzweiflung sich um seine Seele.

Was hatte er verbrochen, um nun wie ein Häufchen Elend vor seinen Arbeitskollegen stehen zu müssen?

Wenn er daran zurückdachte, wie oft er in den letzten Monaten über sich selbst hinausgewachsen war, wie viel er auf sich genommen hatte … Warum, in Gottes Namen, musste dennoch alles schiefgehen, was schiefgehen konnte?!

Da hatte er eine Woche gebraucht, um sich zu überwinden und mit Tina über seinen größten Herzenswunsch zu sprechen. Da hatte er all seinen Mut zusammengenommen, um Liza sein missratenes Buch zu bringen – einzig um zur Erkenntnis gelangen zu müssen, es umsonst getan zu haben. Und zu allem Überfluss musste Christof nun über seine hoffnungslose Liebe zu Liza Bescheid wissen!

Hatte er nicht genügend gelitten? Hatte er nicht genügend Schmerz erfahren? Weshalb musste er sich wieder und wieder zum Idioten machen?

Weshalb?!

Ein unbändiger Drang, die Küche zu verlassen, stellte sich gegen seinen schwächelnden Willen. Er quetschte sein rasend Herz, nahm ihm die Luft zum Atmen, brachte seinen Körper zum Vibrieren.

Was musste er tun, um jemals erfolgreich sein zu dürfen – mit seinem Buch … bei Liza … überhaupt in seinem Leben? Was musste er tun, um nicht als ewiger Verlierer dazustehen? Was musste er tun, um endlich ans Ziel zu gelangen?

Mit einer jeden verstreichenden Sekunde wuchs sein Verlangen, alles Stehen und Liegen zu lassen und zu verschwinden: Raus aus der Küche, raus aus dem Hotel, raus aus diesem Dorf – und hinein in einen Wald und sich in die Erde vergraben …

»Liebeskummer ist etwas Schreckliches.« Christofs Hand, welche sich auf seine Schulter legte, riss ihn kurzzeitig aus seinem Taumel. »Ich spreche aus Erfahrung. Ich habe mich auch einmal in ein Mädchen verguckt – aber das wollte dann nichts von mir wissen.«

Er wusste, es war bloß ein gut gemeinter Ratschlag. Aber sosehr er es wollte, es gelang ihm schlichtweg nicht mehr, sich diesem beißenden Gefühl des Missverstandenseins wie der Kompromittierung zu erwehren.

Bei Gott … Es war ihm selbst klar, wie fürchterlich Liebeskummer sich anfühlte! Speziell dann, wenn Liebe nicht erwidert wurde! Und weitaus schlimmer, wenn die Angebetete seine absolute Traumfrau darstellte! Aus exakt diesem Grunde fühlte er sich schließlich dergestalt elend! Aus exakt diesem Grunde litt er an all diesen Hemmungen. Aus exakt diesem Grunde hatte er sich von Frauen distanziert!

Himmelherrgottsakrament!

Ein unmöglich zu unterdrückender Seufzer drang aus seiner Kehle.

Wäre Liza lediglich eine unbedeutende Schwärmerei gewesen, wie einst Hannah in der Hauptschule …

Sein verschwommener Blick wanderte zu Tina zurück.

Oder würde sein Liebeskummer einzig von der Distanz herrühren, wie es bei seiner besten Freundin der Fall war …

Er hingegen hatte weder die Möglichkeit seine Traumfrau telefonisch noch mit dem Zug zu erreichen – denn Liza wollte bekanntlich nichts mit ihm zu tun haben! Er musste mit der bitteren Erkenntnis leben, sein Herz an eine Person verloren zu haben, welche seine Gefühle niemals erwidern würde.

Ein ihn in die Knie zwingender Emotionssturm fegte durch sein Innerstes, verdrängte Wut, um weiterer Verzweiflung Platz zu machen.

…

Er wusste es: Er liebte sie. Unsterblich. Bedingungslos. Abgöttisch.

Ebenso gut wusste er über die Infantilität dieser Tatsache Bescheid.

…

In seine Lage musste man sich einmal versetzen: Da liebte er eine Frau, welche er noch nie zuvor geküsst, geschweige denn intimere Zärtlichkeiten mit ihr ausgetauscht hatte! Er liebte eine Frau, welcher seine Existenz gleichgültig war. Er liebte eine Frau, welche keinen einzigen Gedanken an ihn verschwendete …

…

Wie hatte er es so weit kommen lassen können?

Wieso hatte er sich nicht von Anfang an zurückgehalten?

Weshalb war es ihm nicht gelungen, sich von Liza abzuwenden?

…

Wieso?!

…

Frische Emotionswellen, darunter Ärger, Verzweiflung, Sehnsucht, Trauer und Hoffnungslosigkeit türmten sich in ihm auf. Sie umschlangen seine Seele, zerquetschten ihm den Brustkorb, brachten seinen Schädel zum Pochen. Zu diesen übelkeitsauslösenden Empfindungen gestellten sich jähe heftige Adrenalinausstöße gepaart mit Herzrasen, welche ihm Magen und Hinterteil zusammenkrampften.

…

Er blickte in die Gesichter seiner zwei Kollegen.

Pures Mitleid spiegelte sich in ihren Zügen wider – ein Ausdruck, der ihn an besorgte Eltern erinnerte …

Nein.

Nein!

Bei allem, was ihm heilig war!

Nein!

Er ertrug wahrlich vieles, aber ganz gewiss kein Mitleid!

Ein Schwall an Übelkeit erhob sich. Schweißausbrüche folgten. Scham vernebelte seine Sinne. Ein Schwindel ergriff Besitz von ihm.

Er musste hier raus … Er musste hier weg.

Sofort!

Ein »Es tut mir leid« drang gepresst aus seiner Kehle, gefolgt von erstickenden Schluchzern, ehe er sich umdrehte und aus der Küche stürmte.

Seine Sicht von Tränen verschleiert hechtete er durch den Korridor, weiter ins Foyer und letztendlich durch die Tür hinaus auf den Parkplatz.

Sein Mund fühlte sich wie ausgetrocknet an. Eine niederzwingende nach wie vor ansteigende Beschämung wie seelische Schmerzen drückten ihm den Hals zusammen.

Er sah sich nicht um, als seine Beine sich erneut in Bewegung setzten. Ebenso wenig brachte er es zustande, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen.

Einzig vier Worte geisterten unentwegt durch seinen lahmgelegten Verstand: Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr.

Blindlings rannte er die asphaltierte Straße entlang – als verlöre seine Sehnsucht mit einem jeden seiner Schritte an Kraft, als erleichterte ein jeder zurückgelegter Meter sein Herz.

Bedauerlicherweise trat nichts davon ein.

Weiter und weiter trugen ihn seine Beine.

Ich kann nicht mehr.

Stetig schwerer wurde sein Herz.

Ich kann nicht mehr.

Immer öfter rang er nach Atem.

Ich kann nicht mehr.

Erst nachdem das Brennen seiner Lungen einen nicht mehr ertragbaren Zustand erreicht hatte, gelang es ihm, stehen zu bleiben.

Keuchend und mit tränennassen Wangen blickte er sich um.

Die Pappelallee … weite Wiesen … das Schaffnerhaus – und daneben die alte Linde.

Seine Sehnsucht hatte ihn zum Hauptbahnhof geführt.

…

Liza.

…

Er benötigte keine Sekunde, um zu wissen, was er zu tun hatte.

Mit unsagbar gefestigten Schritten steuerte er den Ticketschalter an, kaufte dort einen Fahrschein nach Klagenfurt und trat zum Bahnsteig.

Er brauchte Gewissheit! Selbst auf die Gefahr hin, von ihr ausgelacht und verspottet zu werden … er musste ein für alle Mal Klarheit erlangen. Wenn Sie ihm den Laufpass gab – gut, dann sei es so! Dann vermochte er wenigstens, dieses fürchterliche Thema abzuschließen.

Aber in seiner jetzigen Situation?

Wie sollte er da weitermachen?

Das hielt doch keine Menschenseele aus!

Der haltende Zug riss ihn aus seinen rasenden Gedanken. Zielsicher betrat er den leeren Waggon, setzte sich auf einen Fensterplatz – das Ticket krampfhaft in seiner linken Hand haltend.

…

Liza. Wunderschöne Liza.

So gerne wollte er sie in seinen Armen halten. Er wollte sie lieben … sie nie mehr loslassen. Er wollte sich an ihre Schulter kuscheln, ihre Körperwärme spüren. Er wollte das wunderbare Gefühl der Geborgenheit und des Geliebt-Werdens in sich aufnehmen – und es nie mehr missen.

War daran etwas verwerflich? War es solchermaßen schrecklich, einen Menschen bedingungslos lieben zu dürfen?

War es ein Verbrechen, glücklich sein zu wollen?

Tränen flossen ihm über die geröteten Wangen.

Der Kontrollor trat zu ihm.

Jan blickte blinzelnd zu diesem hoch.

Entweder interessierte den alten Mann es nicht, oder hatte dieser genügend Anstand, ihn nicht auf sein verweintes Gesicht anzusprechen – auf jeden Fall warf er lediglich einen uninteressierten Blick auf das Ticket und schritt weiter, ohne ein einzig Wort verloren zu haben.

Und Jan?

Ihm war es ebenfalls egal geworden.

Er schämte sich nicht.

Nein.

Nicht mehr. Nie mehr!

Lange genug hatte er sich zusammengerissen. Lange genug war er unauffällig geblieben. Lange genug war er still gewesen.

Jetzt wollte und konnte er nicht mehr ruhig dasitzen und Däumchen drehen.

…

Liza.

Ein ihn selbst erschreckender Tatendrang entbrannte in ihm.

Es war genug! Schlichtweg genug! Genug für ein ganzes Leben!

Dieses verdammte Drama musste ein Ende finden! Sein Leben musste endlich eine Wende erfahren!

Er wollte glücklich sein! Er wollte, verdammt noch einmal, glücklich sein!

Jan ballte die Hände zu Fäusten.

Ab heute würde er nicht mehr passiv sein!

Genauso wie Theo ihm dies mit seiner Aussage klarzumachen versucht hatte: »Wenn du jemanden triffst, von dem du denkst, dass derjenige dein Leben verändern kann, dass derjenige alles für dich ist … dann um Himmels willen, kämpfe um ihn. Kämpfe darum. Lass nicht los … auch wenn es manchmal hart ist. Am Ende wirst du belohnt.«

Zum ersten Mal schien er den wahren Sinn in Theos Worten zu erkennen.

Er setzte sich gerader hin.

Das erste Mal in seinem Leben würde er nicht reagieren, sondern agieren. Das erste Mal in seinem Leben würde er wahrhaftig kämpfen – für seine Liebe zu Liza, für sein Glück, für sein Leben.

Wenn er schon kein erfolgreicher Schriftsteller wurde, dann musste es wenigstens mit der Liebe klappen!

Er wollte nicht mehr alleine sein. Er wollte nicht mehr von irgendwelchen fiktiven Frauen träumen. Er wollte Liza! Und nur Liza!

Bedrohliche tief am Firmament hängende schwarze Wolken ließen ihn für einen Moment innehalten.

War da etwa ein Gewitter im Anmarsch?

Der haltende Zug bescherte ihm einen leichten Adrenalinausstoß.

Klagenfurt.

Er war da.

Er musste aussteigen …

Aufflammende Bangnis unterdrückend erhob er sich und verließ den Zug. Alsbald er aus dem Bahnhofsgebäude trat, zuckte bereits ein Blitz über den dunklen Äther – und nicht lange dauerte es, bis ein tiefes Grollen Jans Herz kurzzeitig aus dem Rhythmus brachte.

Nein, nein, nein …

Eine sanfte dafür nicht minder hartnäckige Panik kroch allmählich aus den tiefsten Winkeln seiner Seele empor.

Ruhig bleiben. Einfach ruhig bleiben.

Mit mittelschwerer Anstrengung lenkte er die Gedanken zu dem wunderschönen Winterspaziergang zurück – wie Liza und er eingehakt durch den Schnee gestapft waren … Ihr wundersamer Blick, mit welchem sie die Rehe betrachtet hatte … Ihr zitternder Leib, welchen er an sich gepresst hatte – dort in der in Dunkelheit gelegenen Küche …

Durch die Erinnerungen neue Kraft entfacht straffte er die Gestalt, atmete ein paar Mal tief durch und setzte seinen Weg fort.

Dieses dumme Gewitter würde ihn nicht mehr aufhalten! Selbst wenn eine Sturmflut über ihn hereinbrach – er würde sich bis zu Liza durchkämpfen!

Ich werde nicht mehr aufgeben!

Keine zehn Minuten musste er warten, bis es anfing zu regnen … wie aus Kübeln.

Die schweren kalten Tropfen drangen wie nichts durch sein weißes Hemd. Und ehe er sich versah, klebte das Gewand wie eine zweite Haut an seinem Leib.

Frierend und bei einem jeden Donnergrollen zusammenzuckend wie für weiteren Mut betend marschierte er über die gelblich schillernden Pflastersteine. Zierbäume mit ihren heftig flatternden Blättern beugten sich ächzend im pfeifenden Wind – das saftige Grün ein solch unwirklicher Kontrast zum dunkelgrauen wilden Himmel.

Von den Straßen stieg leichter nach Asphalt und Stein duftender Dampf. Dieser erinnerte ihn daran, wie er im zarten Alter von sechs mit seinem kleinen weißen Fahrrad nach einem jeden Gewitter auf den verlassenen Waldwegen nahe Großmutters Haus auf Entdeckungsreise gegangen war.

Mehr und mehr Pfützen bildeten sich in den verwinkelten Gassen und auf den doppelspurigen Straßen. Autos fuhren rücksichtslos und mit halsbrecherischer Geschwindigkeit an ihm vorbei, bespritzen ihn mit vom heißen Asphalt erwärmten Regenwasser.

Nachdem er mittlerweile zum fünften Mal eine kostenlose Dusche erhalten hatte, beschloss er kurzerhand, einen anderen Weg einzuschlagen. Rennend überquerte er die Hauptstraße, bog rechts ab, um sodann einer schmalen Gasse zu folgen, welche ihn zu einem großen Platz führte.

Er kannte diesen Weg aus seiner Kindheit – damals hatte seine Mutter ihn jeden Tag zur Schule gebracht und war anschließend weiter in die Arbeit gegangen.

Obgleich es eine halbe Ewigkeit zurücklag, erinnert er sich nach wie vor an Mamas aufmunternde freche Art, ihre beruhigenden Worte und das strahlende Lächeln, welches sie nie verlor. Selbst dann nicht, als er ihr verkündet hatte, Schriftsteller zu werden. Ein Job, der ihr so wenig zugesagt hatte wie Janina …

Mamas mitreißendes Naturell hatte in den darauffolgenden Jahren zwar an Kraft verloren. Ihre Sichtweise, die Welt als einen magischen Ort zu sehen, hatte sich jedoch nicht geändert, ebenso wenig wie die Tatsache, an ihren Sohn zu glauben.

Selbst jetzt – mit einem gefloppten Buch und hohen Schulden stand sie zu ihm.

…

Wann hatte er Mama das letzte Mal besucht?

Es musste mindestens drei Jahre zurückliegen …

Ein neuer Schmerz entfachte in ihm.

Das musste er ändern! Alles musste sich ändern!

Unwillkürlich quollen Tränen ihm aus den Augen, vermischten sich mit den Regentropfen auf seinem Gesicht.

So viel bedurfte einer Änderung!

Sein verschleierter Blick glitt über den Platz.

Ein paar wenige äußerst tapfere kleine Sperlinge badeten fröhlich zwitschernd in den zu Seen angewachsenen Pfützen. Dutzende sich mit bunten Schirmen gegen die Regenflut schützende Leute eilten von einem Geschäft zum nächsten. Darunter Pärchen, welche sich glücklich aneinander kuschelten, sich küssten, sich süße Worte der Liebe zuraunten … und seinen Seelenschmerz immens erhöhten.

Liza.

Er musste zu ihr.

Er wollte sie umarmen. Er würde sie umarmen – gleichgültig, ob sie ihn mochte oder nicht!

Eben gedachte er, seinen Weg fortsetzen, da veranlasste ein durchsichtiger Regenschirm ihn, innezuhalten.

…

Weiße Sandaletten.

Ein buntes im Wind wehendes Kleid.

Leicht gelockte rückenlange, goldene Haare.

…

Liza.

…

Er rieb sich die Augen.

War sie es tatsächlich? Oder spielte seine Sehnsucht ihm einen üblen Streich?

Jäh richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf ihn …

Er erstarrte.

Meerblaue Augen … bonbonrosa Lippen … gerötete Wangen.

…

Sie war es.

Sie war es tatsächlich!

O großer Gott!

Ein Donner vermochte es, ihn aus seiner Apathie zu reißen und seine Beine in Bewegung zu setzen.

Erst langsam, dann immer schneller schritt er auf sie zu – auf dieses verloren wirkende inmitten von Gewalt und Chaos stehende Geschöpf, welches sich krampfhaft an seinem Schirm festhielt.

Und plötzlich stand er vor ihr – kein halber Meter trennte sie voneinander.

Erblickte er etwa Tränen in ihren wunderschönen Augen? Oder entstand dieser Eindruck alleinig durch die Seinigen, welche nicht mehr zu fließen aufhören wollten? Aber wahrscheinlich lag es eher an dem peitschenden, sich mit aller Macht gegen ihn stemmenden Regen.

Ein mittellautes Donnergrollen schob die unnützen Überlegungen zur Seite.

So sachte, als bestünde Liza aus kostbarem Porzellan, legte er die Hände auf ihre Kinnbögen.

Weder zuckte sie zurück noch brachte sie selbst ein Wort über ihre süßen Lippen. Sie starrte ihn bloß weiter an – derart intensiv, er vermutete, sie würde bis in seine schmerzende Seele zu blicken vermögen. Derart intensiv, es radierte ihm Wortschatz wie Verstand aus.

Sekunden wurden zu Stunden.

Schmerz wurde zu Erlösung.

Verzweiflung wurde zu Hoffnung.

Das hektische Treiben um ihn herum rückte zusehends weiter in den Hintergrund – bis er es schließlich überhaupt nicht mehr wahrnahm.

Seine Finger glitten über ihre warme zarte Haut nach hinten ins weiche Haar.

Ein Blitz zuckte über den finstren Himmel. Donner dröhnte, Adrenalin wurde ihm in die Venen gepumpt –

Ehe sein Gehirn in der Lage war, etwas Ähnliches wie das eines Gedankens hervorzubringen, hatte sein Körper längst die Kontrolle übernommen und ihn dazu veranlasst, die Lippen auf Lizas zu legen.

Das Herz schlug ihm bis zum Hals, seine Wangen fühlten sich an wie glühende Kohlestücke, weitere schmerzhafte Adrenalinausstöße sowie nackte sich um ihn schlingende Panik brachten ihn zum Beben.

Liza wehrte sich nicht. Einzig ihre Finger vergruben sich in sein durchnässtes Hemd.

O Gott …

Ihre das hauchzarte Kleid durchdringende wunderbare Körperwärme brannte auf seiner kalten Haut. Solch ein betörendes Gefühl – mit nichts vergleichbar … und unwahrscheinlich hilfreich dabei, ihn wenigstens zum Teil zur Besinnung zu bringen.

…

Geschah es tatsächlich?

Konnte es wahrhaftig sein?

…

Ja … ja … er küsste sie.

Er küsste Liza!

Er küsste seine Traumfrau!

Grundgütiger!

Endlich … endlich war es so weit! Nach all den sich ewig lang anfühlenden Monaten des Leids und der Zweifel durfte er sie spüren.

Liza. Wunderschöne Liza …

Unaussprechlich behutsam – und mit ungleich heftigerem Herzklopfen – teilte er ihre Lippen mit seiner Zunge.

Ihr gesamter Leib verkrampfte sich – jedoch lediglich für den Moment eines Wimpernschlags. Alsbald dieser vorübergezogen war, gewährte sie ihm Einlass.

Und die Welt stand still.

Er spürte sie erzittern, wieder und wieder. Infolge dessen schlang er die Arme um ihren Oberkörper und presste sie gänzlich an sich.

Äußerst zaghaft berührte er ihre Zunge mit seiner, wodurch ihr zierlicher Leib sich abermals versteifte. Einen Rückzieher machte sie dennoch nicht. Ganz im Gegenteil: Sie drückte sich fester an ihn.

Hatte Tina etwa richtig gelegen? Empfand Liza so viel mehr für ihn?

Er verscheuchte den unwichtigen Gedanken und konzentrierte sich stattdessen auf seinen ersten scheuen Kuss in fünf Jahren.

Lizas süßer Geschmack berauschte ihn. Ihre hilflose Umarmung entfachte den brennenden Wunsch, sie zu schützen, sie nie mehr loszulassen – sie zu besitzen.

Solch weiche, zarte Lippen … warm, köstlich …

Prickelnde Gefühlsstürme brausten ihm durch den Leib, brachten seine Leisten zum Pulsieren und seine Seele zum Strahlen.

Sie gehörte zu ihm! Er fühlte es. Sie war ein Teil von ihm. Sie gehörten zusammen.

Heißkalte Schauer veranlassten ihn, seine Umarmung zu verstärken.

Seine bedächtig gleitende Zunge gelang es weder, Liza aus ihrer Inaktivität zu reißen noch ihr Zittern zu verringern. Dieses einerseits niedliche, andererseits erregende Verhalten untermauerte seine Vermutung ihrer Unberührtheit.

Was sonst hätte sie dergestalt eingeschüchtert, denn ihr erster Zungenkuss?

Solchermaßen plötzlich wie ein neuer Donner über den Äther grollte, wurde er sich eines weiteren unglaublichen Details bewusst: Kein anderer Mann vor ihm hatte Liza berührt! Keine anderen Lippen hatten ihre liebkost. Kein anderer Mann hatte Liza jemals angefasst!

Einzig und allein ihm erwies sie die Ehre … einzig und allein bei ihm ließ sie es geschehen. Einzig und allein bei ihm. Bei ihm!

Sein Herz schlug Salti.

Sie ließ es wahrhaftig zu … presste sich abermals fester an ihn!

Hatten das Gewitter, die entfesselten Glücksgefühle und Lizas Lippen bereits den Großteil seines Verstandes hinfortgefegt, tat ihr blumiges Parfum noch das Übrige, um ihn vollends zu betäuben und seine Glut nach ihr ins Unermessliche zu steigern.

Um seinen Kuss intensivieren zu können, vergrub er seine linke Hand in ihrem Nacken.

Er erforschte sie weiter – zögerlich, behutsam, langsam. Ab und an ließ er für einen kurzen Augenblick von ihr ab, aus dem einzigen Grund sie darauf beträchtlich intensiver zu küssen, zu verwöhnen, zu entdecken.

Seufzte sie?

Er war sich nicht sicher – zu laut prasselte der Regen, zu wild schlug sein Herz …

Grundgütiger!

Kein Kuss zuvor hatte sich je solchermaßen schön angefühlt. Keine Berührung zuvor hatte sich solchermaßen verbindend angefühlt. Niemand zuvor hatte ihm solcherlei Emotionen zu entlocken vermocht.

Mit einer jeden verstreichenden Sekunde fühlte er sich freier, erleichterter, glücklicher.

Glücklich.

Wann hatte er dieses Gefühl das letzte Mal empfunden?

Er wusste es nicht mehr. Und es interessierte ihn nicht mehr. Das Einzige, das er begehrte, war der Stillstand der Zeit, damit dieser glückselige Moment niemals mehr ein Ende fand.

Ein nicht zu beschreiben vermögender haarsträubender Donnerschlag entriss ihm kurzerhand diese kostbare Emotion und brachte ihn dazu, brutal zusammenzucken wie nach Mut zu beten.

Weshalb konnte dieses schreckliche Gewitter kein jähes Ende finden? Weshalb musste dies ausgerechnet heute passieren?

Verzweiflung umschlang ihn.

Wenn er Liza nun losließe, würde sie sogleich verschwinden? Würde sie sich von ihm abwenden?

Er wollte sie nicht loslassen … er wollte sie keine Sekunde mehr missen! Zu sehr dürstete ihn, ihre Seele zu kosten, ihre Liebe zu spüren, in ihr Herz zu sehen.

Allmächtiger Gott!

Er begehrte sie mit Haut und Haar …

Der an Heftigkeit zunehmende Wind und die zusehends lauter werdenden Entladungen des Himmels nötigten ihn letztendlich, zögerlich von Lizas zuckersüßen Lippen abzulassen.

»Jan.«

Ihre gepresst-flüsternde Stimme brachte seine Welt erneut ins Wanken.

Sein Name aus ihrem Mund – so zärtlich, scheu, verunsichert – als spräche sie ihn zum ersten Mal aus.

Ein unvorstellbarer Drang, sie wieder an sich zu drücken und weiter zu küssen, raubte ihm schier den Atem.

Schluckend blickte er in ihre mit Tränen gefüllten blauen Augen. So hell sie leuchteten, vollbrachten sie nicht, eine ihm eiskalte Schauer auslösende Verzweiflung zu verbergen.

Was war geschehen?

Lag es an seinem Kuss? Lag es an dem Gewitter? Lag es an seinem Buch?

Hatte er eben den größten Fehler seines Lebens begangen? Hätte er Liza nicht küssen dürfen?

Niederzwingende Verzweiflung vermischt mit Trauer und Panik übermannte ihn – trieb brennende Tränen aus seinem aufgebrachten Inneren hervor.

Hatte er sich mit dieser Tat etwa alles verdorben?

Bei Gott!

Wenn dies tatsächlich der Fall war, was sollte er dann tun?



Kapitel 22 – Keine Kraft mehr


»Ich weiß nicht, wie oft ich dir das noch erklären soll!«

Anna hatte die Arme in die Hüften gestemmt. Die Haare trug sie heute perfektionistisch hochgesteckt. Mit ihren rehbraunen Augen, den einzelnen gewellten ihr ebenmäßiges Gesicht umrahmenden Strähnen, den roten Lippen und den farblich dazu passenden lackierten Fingernägeln wirkte sie wie eine Hollywood-Diva des letzten Jahrhunderts. Und genauso, wie diese mit ihrem Personal umzugehen pflegte, ließ sie mich heute wieder einmal spüren, wie unbedeutend und unfähig ich für das Team war.

»Der Betrag kommt in die rechte Spalte! Bist du echt so bescheuert?« Abgesehen von Annas wutentbrannten Stimme herrschte Totenstille im Büro. Entweder fühlten auch die anderen Kollegen sich eingeschüchtert, oder wollten diese bloß keine Beschimpfung versäumen, um meine Dummheit in der Mittagspause dann nochmals lang und breit durchkauen zu können.

Ich wusste es nicht.

Ich wusste gar nichts mehr.

Ich versuchte lediglich, meine Tränen zurückzuhalten.

»Ich verstehe nicht, wie du diesen Job überhaupt hast erhalten können!«, zeterte sie. »Es gibt so viele fähige Arbeitslose … aber gerade du bekommst eine Chance!«

Verkrampft hielt ich den Blick auf das Kassabuch gerichtet. »Ich habe den Betrag irrtümlich in die falsche Spalte eingetragen.«

Ich wusste, ich hatte einen Fehler begangen. Aber ebenso gut wusste ich, wohin der Betrag gehörte …

»Ja, sicher doch!« Ihre keifend ausgesprochene Entgegnung triefte vor Sarkasmus. »Du weißt ja so gut Bescheid.« Es folgte eine Kunstpause, in welcher sich erbarmungsloser Zorn auf ihre Gesichtszüge ausbreitete. »Versuche erst gar nicht, dich hier mit bescheuerten Aussagen herauszuwinden! Der Fehler ist da. Ich habe ihn selbst gesehen!«

…

Ich wollte ihn doch ausbessern!

»Ich habe mich geirrt«, versuchte ich verzweifelt zu erklären. »Weil ich eine Zeile weiter oben einen Eingangbetrag –«

»Das interessiert mich einen Scheißdreck!«

Ich zuckte zusammen.

»Es reicht mir! Endgültig! Ich habe lange genug zugesehen. Ich habe mir deine erbärmlichen Ausreden lange genug angehört und dich wieder und wieder korrigiert. Die ganze Zeit habe ich dir geholfen!«

Wie wahnsinnig begann mein Herz zu rasen, infolge dessen ich unwillkürlich nach Luft schnappte.

»Und du?!«, fuhr sie fauchend fort – es jagte mir heiß und kalt den Rücken hinunter. »Du hast nichts anderes zu tun, als deine Dummheit mit billigen Ausreden zu verschleiern!« Eine weitere Pause folgte – eine Pause, in der ich einzig das Rauschen meiner Ohren vernahm. »Ich habe mich die ganze Zeit hinter dich gestellt! Wenn ich unkollegial gewesen wäre, dann hätte ich dem Chef deine katastrophale Arbeit schon vor einem halben Jahr unter die Nase gerieben!«

Verzweiflung, Furcht und Wut schnürten mir die Kehle zu.

Ja, ich hatte Fehler gemacht … ein paar dumme Fehler – aber konnten diese nicht meine gesamte Arbeit schlechtmachen!

Zögerlich suchte ich ihre Augen.

Sie funkelten wie die eines Dämons.

»Was siehst du mich so an?!« Wie immer machte sie keinen Hehl daraus, ihre enorme Abneigung gegen mich durch abschätzige Blicke zum Ausdruck zu bringen. »Willst du mir neue Ausreden vorkauen?! Glaubst du echt, irgendjemand hier –« Sie vollführte eine ausladende Geste mit den Armen. »Kauft dir das noch ab?!«

…

Ausreden … Stets sprach sie von Ausreden … Wann hatte ich jemals eine Ausrede benutzt? Und warum schrie sie mich andauernd an? Ich hatte nie mit ihr geschrien! Nie! Kein einziges Mal!

Meine Wut wuchs an – sie kribbelte in meinem Bauch, beschleunigte meine Atmung, verspannte meine Muskeln.

Und dann passierte es.

»Ich wollte diesen Posten nie haben!«, kam es schneller über meine Lippen, als ich nachzudenken in der Lage war. »Ursprünglich war ich für die Buchhaltung nicht vorgesehen gewesen!«

…

Jetzt war es raus.

Das erste Mal hatte ich meine Meinung offen ausgesprochen.

Doch gleichermaßen schnell, wie Erleichterung sich in mir erhob, wurde diese von Panik verdrängt – ausgelöst durch Annas Make-up beladenes Gesicht, welches sich zu einer wutentbrannten hässlichen Fratze verzog.

»Ach ja?!« Ihre Stimme überschlug sich regelrecht – und mir krampfte es den Magen zusammen.

Langsam beugte sie sich zu mir – wie ein Raubtier, das kurz davor stand, seine Beute zu erlegen. »Du machst einen fürchterlichen Job und dann besitzt du noch die Frechheit, so undankbar zu sein?! In einer anderen Firma hätte man dich längst rausgeschmissen!«

Gänsehaut jagte mir über den Körper, meine Ohren schmerzten und mein Herz fühlte sich an, jede Sekunde zerreißen zu wollen.

»Saskia hat –«

Mit einer aggressiven Handgeste brachte sie mich zum Schweigen. »Willst du jetzt noch Saskia unterstellen, dass sie dir deinen Job weggenommen hat?« Sie drehte sich zu unseren Kollegen um. »Hört ihr das?«

Niemand von den Angestellten gab einen Laut von sich, wodurch Anna sich offenbar darin bestärkt fühlte, mit ihrer Schimpftirade fortzufahren.

»Lisa meint, Saskia wäre schuld, dass sie nicht zurechtkommt! Kann man sich das vorstellen?!« Damit wandte sie sich wieder mir zu. »Das ist so typisch! Weißt du das überhaupt?« Ein verächtliches Schnauben folgte. »Nein … natürlich nicht! Du bist ja viel zu blöd!« Das letzte Wort betonte sie eine beträchtliche Spur lauter. »Aber weil ich so nett bin, erkläre ich es dir trotzdem: Nur Versager suchen die Schuld bei anderen! Und du bist der größte Versager überhaupt!«

In meinen Wangen begann es ähnlich zu kribbeln wie in meinem Magen.

»Ich wollte den Fehler ausbessern!«

»Du wolltest gar nichts!«

»Aber –«

»Widersprich mir nicht!« Ihre rasiermesserscharfe Stimmlage zerschnitt mein Aufbegehren in tausend kleine Stücke.

Doch unerheblich wie groß meine Furcht anmutete – ich wollte nicht mehr klein beigeben. Ich wollte mich nicht mehr unterdrücken lassen! Ich wollte meinen Standpunkt erklären!

Eben war ich dabei weitere Argumente aufzubringen, da flackerte etwas Monströses über Annas Gesichtszüge – eine Gefühlsregung, welche ich in der Form noch nie zuvor bei irgendeinem Menschen erlebt hatte. Und obgleich diese Emotion beinahe nicht erkennbar war, spürte ich sie mit einer brachialen mir kurzzeitig den Atem raubenden Intensität. Sie entfesselte mir grauenhafte Adrenalinschübe, welche wie spitze Nadeln durch meine Adern brausten. Dies wiederum brachte meine Muskeln dazu, sich schmerzlich zusammenzuziehen.

Es klang verrückt, aber in dem Moment vermittelte Anna den Eindruck, unmittelbar davor zu stehen, die Beherrschung zu verlieren und sich auf mich stürzen zu wollen.

»Verdammt noch einmal!« Sie hatte diesen Fluch noch nicht gänzlich ausgesprochen, riss sie mir das Kassabuch bereits unter den Händen weg.

Es geschah derart schnell, für eine unbestimmte Zeit vermochte ich einzig stocksteif dazusitzen und meine Kollegin stumm anzustarren.

Ihre verengten Augen musterten mich voller Abscheu, Ekel und Hass. »Ich melde das jetzt dem Chef!«

Der zischende Klang … er drang in meine Seele, zerquetschte sie, zerschnitt sie, zerriss sie …

»Dann kannst du deine bescheuerten Meldungen ihm vorjammern!« Das dicke Kassabuch in ihrer rechten Hand begann sich zu verbiegen – dergestalt fest hielt sie es. »Ich tue mir das nicht mehr an!« Diese Äußerung knurrend ausgespuckt drehte sie sich um und stöckelte aus dem Büro.

Alsbald die Tür mit einem Knall in ihre Angeln fiel, zuckte ich zusammen.

Adrenalin vermengte sich mit Panik und Scham, schlugen mir in den Magen, knetete meine Innereien einmal kräftig durch.

Übelkeit und eine Eiseskälte brachen über mich herein.

Zitternd fasste ich nach der Maus und wandte mich dem Bildschirm zu.

…

Nun war es so weit …

Ich würde meine Arbeit verlieren, etwas später dann die Wohnung – und letztlich müsste ich zu meinen Eltern ziehen …

Und das aus dem einzigen Grund, weil ich mich einmal zur Wehr gesetzt hatte!

Für den Moment eines Wimpernschlags schaute ich zu meinen Kollegen.

Ihre mich musternden Augen sprachen genug: Anna hatte recht. Ich war das schwächste Glied in dieser Kette … und eine Kette war bekanntermaßen nur so stark wie das schwächste Glied.

…

Ich war eine Bürde.

Ich war unfähig.

Wozu war ich überhaupt auf der Welt?

Das Zittern in den Händen zu unterdrücken versuchend zwang ich mich, die Mails durchzuchecken. Gleichgültig meiner Bemühung gelang es mir nicht, eine einzige Nachricht sinngemäß zu erfassen geschweige denn sie abzuarbeiten.

Diese meine Eingeweide zusammenziehende Furcht lähmte mich.

Ich durfte meine Arbeit nicht verlieren!

Was würden meine Eltern von mir denken? Was würde das Arbeitsmarktservice von mir halten? Immerhin hatte ich diese Stelle allein durch deren Hilfe bekommen!

…

Ein eiskalter Stich durchfuhr mich – ausgelöst durch eine neue Gewissheit.

Wenn der Chef mich fristlos entließe, würde mein Arbeitslosengeld für den ersten Monat gesperrt sein!

…

O mein Gott!

Damit wäre alles aus. Einfach alles.

Um meiner hochzüngelnden Verzweiflung wenigstens teilweise Einhalt zu gebieten, trank ich einen Schluck Wasser.

Ich musste mich zusammenreißen. Brach ich in Tränen aus, hätte ich mich bestenfalls erneut der Lächerlichkeit preisgegeben.

Geholfen jedoch hätte es mir nicht.

Lautlos atmete ich tief durch.

Es dauerte einige Minuten, bis mein Körper sich etwas beruhigte und ich meine Arbeit langsam wieder aufnehmen konnte.

Unvermittelt wurde die Tür aufgerissen – und meine ohnedies schreckliche Lage wurde durch eine weitaus schrecklichere ersetzt.

Ein schadenfrohes Grinsen im Gesicht tragend trat Anna ins Büro. Mit einem jeden ihrer selbstsicheren auf mich zugehenden Schritte beschleunigten sich mein Puls wie meine Atmung. Dazu gesellte sich ein bitterer Geschmack in meinem Mund und ein stechender mir den Verstand blockierender Kopfschmerz.

»Du sollst zum Chef.« Sie klang gefasst, ja regelrecht glücklich. »Er hat mit dir ein ernstes Wörtchen zu reden.«

Nicht vorhanden Speichel schluckend erhob ich mich.

Meine Knie bebten, mein Kopf fühlte sich seltsam kalt an.

»Viel Spaß.«

Ich konnte ihre Stimmlage nicht mehr recht beurteilen – zu sehr musste ich mich darauf konzentrieren, das Gleichgewicht zu halten, um nicht zu Boden zu stürzen.

Die anprangernden Blicke der Kollegen im Rücken spürend verließ ich das Zimmer.

Was dachten sie von mir?

Aber weitaus wichtiger: Was würde nun folgen?

Verlor ich meinen Job? Verlor ich meine Zukunft? War ich denn für wirklich gar nichts zu gebrauchen?

Während ich unbeholfen durch den langen Gang stakste, glitt mein Blick über die zahllosen undefinierbaren an beiden Seiten hängenden Kunstdrucke. Ein Urteil über sie fällen gelang mir allerdings nicht, befand mein Verstand sich nach wie vor in einer Art Schockzustand. Selbst mein Sehsinn mutete leicht durcheinander an, den dunklen flackernden Flecken nach zu urteilen, welche da vor meinem Blickfeld umher tanzten.

Mein Leib stetig heftiger erbebend öffnete ich die Glastür, welche Vorraum und Chefbüro miteinander verband.

Erst zweimal hatte ich Herrn Urbans Büro betreten: das erste Mal aufgrund des Vorstellungsgespräches und das zweite Mal aufgrund des Einstellungsgespräches.

Der Raum hatte mir nie sonderlich gut gefallen. Die grauen Marmorfliesen, der kolossale asymmetrische Bürotisch aus Glas und die überwiegend in Schwarz und Chrom gehaltenen Einrichtungsgegenstände erweckten den Eindruck von Gefühllosigkeit und berechnender Kälte. Da halfen selbst die hohen Fenster nichts, durch welche die Örtlichkeit von früh bis spät von sanftem Licht durchflutet wurde.

Mit derselben nackenhaaraufstellenden Ausstrahlung wie das Mobiliar saß Herr Urban auf seinem gewaltigen Lederchefsessel, dessen beißender Geruch mir in der Nase brannte.

Ein nachtschwarzes Hemd, darüber ein anthrazitfarbenes Jackett und eine silberne Krawatte verliehen Herrn Urban eine autoritäre wie professionell-elegante Ausstrahlung. Selbstsicher hielt er einen silber-schwarzen Kugelschreiber in der linken Hand, während er aufmerksam einen Brief las.

»Sie wollten mich sprechen«, sagte ich nach einigem Zögern und trat ein. Ich versuchte, gefestigt zu klingen. Zu meinem Leidwesen funktionierte dies nicht einmal annähernd, wie von mir gewollt.

Er hob den Blick an.

Das dunkelbraune zu einem lockeren Seitenscheitel gekämmte Haar glänzte im Licht der kleinen Deckenspots.

»Frau Findinger hat sich bei mir beschwert.«

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Demgemäß sagte ich einmal gar nichts.

Mit triefender Selbstgefälligkeit lehnte er sich zurück. Das Knarzen des Ledersessels bezeugte dabei gleichermaßen von Reichtum wie seine chromfarbene große Uhr, welche selbstgefällig unter seinem Hemdärmel hervor blitzte.

»Hätten Sie die Güte, mir zu erklären, was zwischen Ihnen und Frau Findinger vorgefallen ist?« In seiner Äußerung schwang derselbe gereizte Ton, mit welchem ich stets von meinen Mitmenschen bestraft wurde, wenn ich nicht schnell genug reagierte.

»Ich habe einen Fehler gemacht«, gab ich verunsichert zurück. »Den ich allerdings selbst ausgebessert habe.«

Er wölbte eine Braue. »Und sonst?«

Ich verstand nicht, worauf er hinauswollte.

Ein theatralisches Seufzen drang aus seiner Kehle. »Entweder hat Frau Findinger heillos übertrieben.« Es folgte eine Kunstpause, in welcher er mich ungleich abschätziger musterte. »Oder aber Sie, Frau Hirter, bagatellisieren.«

Seine Stimmlage deutete unverkennbar Letzteres an.

»Ich verstehe nicht –«

»Sie waren es doch, die meinte, Frau Kaufmann hätte Ihnen Ihren Posten weggenommen. Oder liege ich da falsch?«

Mir wurde es eine Spur kälter.

»Das stimmt«, gab ich zu. Das Zittern in meiner Stimme versuchte ich erst gar nicht mehr zu unterdrücken. Nun ging es einzig darum, nicht in Tränen auszubrechen.

»Frau Kaufmann hat sich in der Datenverarbeitung und Rechnungslegung äußerst bewährt. Sie ist ein unschätzbarer Teil dieses Teams.« Seine Augen nahmen einen funkelnden Ausdruck an. »Sie, meine Gute, haben sich jedoch kein einziges Mal bewiesen.« Wort zu Wort wurde seine Aussprache härter, beißender, kälter. »Und solange Sie sich nicht beweisen, verbiete ich mir derlei abschätzige Töne von einer drittklassigen Mitarbeiterin!«

…

Mein Herz zerriss. Meine Seele starb. Mein letzter Funken Lebenswille wurde vernichtet.

…

»Einen zweiten Fehltritt ihrerseits«, fuhr Herr Urban kühl fort. »Dulde ich nicht. Entweder passen Sie sich meinem Team an und bringen endlich Leistung oder ich muss Sie entlassen.« Es folgte eine weitere Pause, in welcher mich ein leichter Schwindel erfasste. »Das liegt ganz bei Ihnen.«

Gänsehaut jagte mir über den Rücken bis in den Hintern.

»Ja.«

Hatte ich das gesagt?

Hatte ich tatsächlich die Kraft aufgebracht, etwas zu erwidern?

…

Mein Verstand leer gefegt drehte ich mich um und ging los.

Ehe ich die Tür des Büros hinter mir zumachte, hörte ich Herrn Urban nachrufen: »Übermäßiges Selbstvertrauen macht noch lange keinen guten Mitarbeiter aus.«

Es war, als zöge jemand mir den Boden unter den Füßen weg.

…

Wo hatte ich Selbstvertrauen?

Einen mittlerweile schmerzhaft angewachsenen Kloß im Hals hinunterschlucken versuchend, eilte ich ins WC. Keine Sekunde, nachdem ich mich in die hinterste Toilette eingesperrt hatte, ließ ich meinen Tränen freien Lauf.

Ich konnte nicht mehr.

Ich konnte einfach nicht mehr.

Wozu war ich auf der Welt? Wozu tat ich mir dies alles an? Ich war ohnehin für nichts und niemanden zu gebrauchen! Ich war eine einzige Bürde!

Von Weinkrämpfen durchgeschüttelt lehnte ich mich an die kalte Fliesenwand. Diese beißenden Seelenschmerzen umschlangen mich, ließen mich hoffnungslos nach Luft japsen. Eine unsichtbare Hand schien gegen meinen Brustkorb zu drücken – raubte mir Kraft und Willen.

Ich wollte nicht mehr.

Ich wollte einfach nicht mehr.

Konnte ich nicht tot umfallen?

Es wäre viel leichter … so viel leichter. So einfach. Einfach umfallen. Wäre das möglich? Konnte das bitte möglich sein?

Bitte … bringt jemand mich doch einfach um …

…

Irgendwann versiegten meine Tränen.

In meiner Seele eine schwere Leere innewohnend trat ich zum Waschbecken, drehte das Wasser auf und wusch mir das Gesicht. Während ich mich mit Papierhandtüchern abtrocknete, breitete eine eigenartige kalte Leichtigkeit sich in mir aus. Sie startete in meinem Herzen und fand in meinem Kopf ein jähes Ende.

Ich blickte in den Spiegel.

Das erste Mal war ich dankbar für meine Schminkfaulheit. Dadurch brauchte ich mich wenigstens nicht um verschmierte Wimperntusche zu sorgen.

Andererseits hätte in dieser Situation ein wenig Make-up nicht geschadet …

Ich sah unwahrscheinlich blass aus. Selbst meinen Lippen waren sämtliche Farben abhandengekommen.

Ich verscheuchte den Gedanken.

Was tat es schon zur Sache, wie ich aussah? Schließlich interessierte sich sowieso niemand für mich.

Nachdem ich dreimal tief ein- und ausgeatmet hatte, machte ich mich auf den Weg zurück ins Büro. Dabei erhaschte ich einen Blick auf die große Wanduhr im Foyer.

14:15 Uhr.

In fünfzehn Minuten endete meine Schicht.

Gut.

Ich trat in den Dienstraum, versuchte, die mich anstarrenden Kollegen sowie Annas und Saskias Grinsen zu ignorieren, und setzte mich an meinen Tisch.

Wann war Saskia zurückgekommen?

Üblichweise arbeitete sie freitags auf der anderen Gebäudeseite.

»Und? Wird Saskia jetzt rausgeworfen«, zog Annas sarkastisch klingende Frage mich aus meinen Überlegungen. »Damit das dumme Prinzesschen die Wunschstelle erhält?«

Anstatt zu reagieren, sah ich aus dem Fenster.

Der Himmel zeigte dunkelgraue Wolken … Sturm und Blitze.

Das hatte mir gefehlt!

Da mein Wagen bezüglich eines Loches im Endtopf in der Werkstätte stand, darüber hinaus kein Leihwagen zur Verfügung gewesen war, war ich heute zu Fuß unterwegs.

Natürlich konnte ich mir ein Taxi rufen – unglücklicherweise riss die Reparatur ein gewaltiges Loch in meine Rücklagen, wodurch mir gar nichts anderes übrig blieb, denn auf sämtliche unnötigen Bequemlichkeiten zu verzichten und eisern zu sparen.

»Du machst das genau richtig, Kitty«, vernahm ich Saskias Kratzstimme.

Irgendwie gelange es mir, mich davon abzuhalten, mich zu ihr zu drehen.

»Den Mund halten, meine ich.«

»Ein Wunder, dass sie wenigstens das hinkriegt«, flötete Anna. »Aber Dumme brauchen bekanntlich immer etwas länger, bis sie verstehen.«

»Da hilft manchmal wohl nur die Holzhackermethode!«

Darauf folgte ein lautes, mir Tränen in die Augen treibendes Lachen.

Eigenartigerweise fühlte ich dennoch nahezu keinen Schmerz mehr.

Hatte ich es endlich geschafft und meine Empfindsamkeit überwunden? Wurde ich härter? Hatten Herrn Urbans Äußerungen mir Heilung gebracht?

Als es schließlich 14:30 Uhr geworden war, fasste ich nach meiner Tasche und verließ das Büro, ohne irgendjemandem anzusehen oder mich zu verabschieden. Vor der Eingangstür zum Foyer griff ich nach meinem geliebten Regenschirm, welchen ich heute Morgen – Gott sei Dank – vorsichtshalber mitgenommen hatte.

Ich trat hinaus, spannte ihn auf und machte mich sodann auf den Weg.

Der Sturm pfiff erbarmungslos. Regentropfen prasselten dermaßen heftig auf den durchsichtigen Schirm, es mutete an, sie wollten versuchen, das dünne Plastik zu zerreißen.

Soviel mir in dem sintflutartigen Regenschauer noch zu erkennen gelang, brachten Passanten sich unter Vorsprüngen, Dächern oder in Geschäften in Sicherheit.

Ich blickte gen Himmel.

Der Regen würde sicherlich länger andauern. Mindestens das Wochenende lang. Dies bestätigten die Form der Wolken und die Richtung, aus welcher der Wind wehte.

Nun … mir war es recht.

Ob es regnete oder die Sonne schien, ich konnte nicht viel unternehmen.

Was sollte ich alleine auch großartig machen? Was sollte ich überhaupt noch machen? Schließlich war ich ein Versager!

…

Ein Versager brauchte keine Freizeit. Ein Versager hatte keine schönen Momente verdient.

Ein Versager blieb alleine.

…

Dieses meine Lungen zusammendrückende Gefühl tauchte jählings wieder auf, lenkte meine Gedanken in eine andere Richtung – in die Vergangenheit. In eine Zeit, welche gefüllt war mit Hoffnung und den Glauben an eine schöne Zukunft.

Ich hatte längst alles getan, was ein Single in seiner Freizeit unternehmen konnte: Schiffsausflüge, Wanderungen, auswärts Essen gehen, Kino … Stets mit demselben Ergebnis: Ich lernte niemanden kennen.

Kein Wunder!

Jetzt wusste ich, weshalb: Ich war ein Idiot. Ich war ein unfähiger Teil der Gesellschaft – eine Bürde. Man benötigte mich nicht.

Ich war ein Freak. Jemand, der nichts zuwege brachte. Ein Außenseiter.

Ungeküsst.

Unverstanden.

Ungeliebt.

Bestimmt erkannten fremde Männer dies bereits, wenn sie mir ins Gesicht blickten. Darum hielten sie stetigen Abstand. Darum sprachen sie nicht mit mir! Da konnte ich noch so hübsche Kleider tragen, mir noch so teure Unterwäsche kaufen … nichts davon würde jemals genügen.

Jetzt wusste ich es.

Endlich.

Es fühlte sich geradezu erleichternd an.

Du musst dich nur hübsch herrichten, dann wirst du schon jemanden kennenlernen.

Ein bisschen mehr Schminke und ein kurzes Kleid – nur das zieht bei Männern!

Du musst freundlich sein! Lächle und tue das, was andere sagen, sonst mögen sie dich nicht.

Du musst schon ausstrahlen, dass du eine Beziehung eingehen willst! Wenn du so verklemmt wirkst, wird das nie was!

Mit Kopfschütteln versuchte ich die Erinnerungen zu verscheuchen.

Es war zu Ende.

Ich brauchte nicht mehr darüber nachzugrübeln, was ich falsch gemacht hatte.

…

Ich war ein Idiot.

Darum hatte es mir nichts gebracht, meinen Kleiderschrank auszumisten. Darum hatte es nichts gebracht, freundlich zu sein. Deshalb hatte – unerheblich wie sehr ich es wollte – niemals irgendetwas im Entferntesten funktioniert.

Ich atmete die von Feuchtigkeit und den Asphaltgeruch erfüllte warme Luft ein.

Dieses Wochenende würde ich auf dieselbe Weise verbringen, wie ich ein jedes verbrachte: Ich würde Fern sehen … und das Buch weiterlesen.

…

Jans Liebesroman.

Mein Herz zog sich zusammen.

Jan …

…

Für einen ganz besonderen Menschen.

…

Unzählige Male hatte ich darüber nachgedacht, ihn anzurufen. Unzählige Male wollte ich ihm schreiben – am liebsten sofort zu ihm fahren …

Letztlich getraute ich mich nicht. Zu groß waren meine Bedenken, einem stirnrunzelnden Jan begegnen zu müssen, der nicht verstand, weshalb ich ihm einen Besuch abstattete … erfahren zu müssen, dass er rein gar nichts mit dem Buch zu schaffen hatte …

Denn seien wir uns ehrlich: Lediglich, weil Jan denselben Vornamen trug wie der Autor des Buchs, bedeutete dies lange nicht, dass er es auch tatsächlich war!

Zu oft hatte ich mich getäuscht. Zu oft hatte ich angenommen, von jemandem gemocht zu werden … mir zu oft eingebildet, akzeptiert zu werden …

Viel zu oft.

Ab heute war endgültig Schluss damit!

Keine Träume mehr, keine Einbildungen mehr, keine Wünsche mehr!

Ich hatte es verstanden. Ja, ich hatte verstanden. Man musste mich nicht weiterquälen.

Es war gut.

…

Für einen ganz besonderen Menschen …

…

Und selbst wenn Jan den Roman geschrieben hatte, stellte seine Nachricht noch lange keinen Liebes- oder Freundschaftsbeweis dar …

Der Hauptgrund jedoch, welcher mich bislang von einer Kontaktaufnahme abgehalten hatte, war die Tatsache das Buch noch nicht fertig gelesen zu haben.

Wie hätte es ausgesehen, wenn ich zu ihm getreten wäre und gesagt hätte: »Ich bin hier. Das Buch habe ich aber noch nicht durch.«

Nein.

Erst das Buch … dann konnte ich weiterschauen, ob oder wie ich mich mit ihm in Verbindung setzte.

Die schillernden Pflastersteine unter meinen Füßen brachten meine Gedanken zurück ins Hier und Jetzt.

Normalerweise mochte ich das Geräusch der klackenden Schuhabsätze, wenn ich über die Jahrhunderte alten Marmorblöcke meines Lieblingsplatzes marschierte: eine rechteckig angelegte von dutzenden Geschäften umsäumte Lokalität inmitten der Klagenfurter Innenstadt.

Heute fühlte ich nichts.

Vielleicht beim nächsten Mal …

Ich nahm den Ort etwas genauer in Augenschein.

Obgleich es nach wie vor wie wahnsinnig schüttete, waren mittlerweile bedeutend mehr Menschen unterwegs, welche mit Schirmen oder Regenjacken gegen den Wind ankämpften und ihre Einkäufe erledigten.

Arm in Arm und glücklich strahlende durch die allmählich zu Seen angewachsenen Pfützen watende Pensionisten, sich küssende und aneinanderschmiegende junge Pärchen …

Eine auftretende Einsamkeit trieb mir Tränen in die Augen.

Weshalb … Weshalb konnte in meiner Wohnung kein mich liebender Partner auf mich warten? Und weshalb zog meine Seele sich plötzlich erneut zusammen? Eben erst hatte ich mich viel leichter gefühlt …

Ein jacher, schmerzhafter meine Beine zum Stehenbleiben nötigender Adrenalinausstoß verdrängte sämtliches Grübeln.

…

Völlig verloren stand er da.

Keine zehn Meter von mir entfernt.

Ein junger Mann – gnadenlos peitschte der Regen gegen seine zierliche Gestalt, Wind riss an seinen durchnässten Kleidern, goldene Haare hingen ihm schwer in das verzweifelt aussehende Gesicht.

Schluckend verstärkte ich den Griff, mit welchem ich den Schirm festhielt.

Konnte das …

War das etwa Jan?

…

Er setzte sich in Bewegung – geradewegs ging er auf mich zu.

Mit einem jeden näherkommenden Schritt schlug mein Herz ein wenig schneller …

Und plötzlich stand er vor mir.

Hellgrüne Augen … schmale Lippen … eine feminine Nase … zierliche Gesichtszüge

Himmel!

Er war es.

Jan.

Wunderschöner Jan.

Er stand wahrlich hier vor mir – als hätte meine Sehnsucht ihn hervorgebracht.

…

Aber weshalb? Weshalb war er hier? Was –

Mein Blick huschte über seinen Körper.

Mein Gott!

Sein weißes Hemd …

Es war nicht mehr weiß … die kalte Nässe hatte es durchsichtig gemacht, gewährte mir eine scheue Sicht auf seinen schlanken festen Oberkörper.

Dieser sinnliche Anblick schickte mir nicht bloß eine glühende Hitze in die Wangen, sondern er entfesselte ebenso einen weiteren heftigen Schlag Adrenalin, welcher in meiner Magengegend ein abruptes Ende fand.

Ohne jegliche Vorwarnung umfasste Jan mein Gesicht.

Seine kalten Hände prickelten auf meiner Haut. Mein Leib verkrampfte sich. Mein Herz begann beträchtlich wilder zu hämmern. Flirrende Gefühle drehten mir den Verstand vollständig ab.

Lediglich unter Aufbringung meiner gesamten Willensstärke brachte ich es zustande, eine Frage zu formen: Was wollte er tun?

Seine mit Tränen gefüllten leuchtenden mich intensiv musternden Augen unterbanden jedoch selbst dieses letzte Aufbegehren meines Geistes, womit ich ihn schlussendlich alleinig anstarren und in weiterer Folge abwarten konnte.

Erstaunt, benebelt, verwirrt beobachtete ich, wie sein Gesicht sich näherte, spürte, wie seine zärtlichen Hände mir ins offene Haar glitten …

Und schließlich passierte es.

Unvermittelt. Unverhofft. Unerwartet.

Die Zeit stand still, als sein Mund sich unvorstellbar behutsam auf meinen legte.

Das wunderbare Gefühl seiner warmen Lippen gar nicht recht erfasst, rauschten mir bereits Abertausende unmöglich in Worte zu kleidende, meine Knie unkontrollierbar zum Beben bringende Emotionen durch die Adern.

Krampfhaft versuchte ich, mich auf den Beinen zu halten, all die Eindrücke zu verarbeiten.

Die Wärme seines Mundes … sein Atem auf meiner Haut … seine sich vergrabenden Finger in meinen Haaren … diese Empfindungen waren allesamt so fremd und neu, andererseits so vertraut und richtig – als wäre es nie anders gewesen, als hätten wir uns bereits zig Male zuvor geküsst.

…

Geküsst.

Geküsst.

Jan küsste mich …

Ich erlebte eben meinen ersten Kuss! Jan gab mir meinen ersten Kuss!

Wie von selbst schlossen sich meine Lider. Der Regenschirm entglitt meiner Hand, blieb irgendwo im Regen liegen.

Erzitternd legte ich die Hände auf Jans heiße Brust, spürte sein wild pochendes Herz, welches mir ein brennendes Prickeln freisetzte und mein Gehirn eine weitere Frage zu formen erlaubte: Was musste ich machen?

Ich wusste nicht, wie man küsste. Ich wusste überhaupt nichts …

Doch je länger er mich mit seinen weichen Lippen liebkoste, desto leichter wurde es mir. Gleichermaßen wie meine Unsicherheit verschwand, wurden all diese negativen sich hartnäckig festgesetzten Gemütsbewegungen aus meiner Seele gewaschen – Furcht, Trauer, Ängste, Einsamkeit …

Vom Regen weggespült.

Von Jan hinfortgeküsst.

Stattdessen breitete sich Liebe aus – reine, pure, bedingungslose Liebe. Sie überschwemmte mich, kroch in eine jede Faser meines Körpers, erfüllte mich, beschützte mich, öffnete mich.

Ich spürte Jans Zunge.

Mein Herz wollte zerspringen. Gleichzeitig übermannte mich eine Emotion, welche es mir weder zu benennen noch zu verstehen gelang.

Sie war warm … zärtlich … umschlingend … verschmelzend. Sie machte mich ganz, füllte all die leeren Stellen in meiner Seele, tränkte mein Herz mit süßer Leichtigkeit.

Gierig presste ich mich an seinen Körper.

Ich wollte mehr … noch viel mehr. Ich wollte ihn kosten, ich wollte ihn spüren … Ich wollte ihn … Ich wollte ihn … Ich wollte nur noch ihn.

Bedachtsam, so unaussprechlich bedachtsam tastete Jan sich vor. Seine Zunge ließ mich schweben. Sein Geschmack ließ mich erschauern.

Immer wieder.

Ich war wie in Trance.

Sein süßlich herbes Aftershave, seine weichen Lippen, seine kitzelnden Haare in meinem Gesicht, sein zusehends heißer werdender Körper … dieser Kuss war unvergleichlich … Jan war unvergleichlich …

Seine Berührungen intensivierten sich, entfesselten mir heißkalte Wellen der Begierde, machten mich schwindelig. Es war eine berauschende mich nahezu willenlos machende Empfindung, von welcher ich niemals vermutet hatte, sie jemals empfinden zu dürfen.

Fühlte ein jeder Mensch auf eine solche Weise, wenn er geküsst wurde?

Fühlte Jan auf diese Weise?

…

Eine nächste Gewissheit brach über mich herein wie der strahlende Morgen nach einer viel zu langen Nacht. Eine Gewissheit, welche mich vollends meiner Selbstkontrolle beraubte.

Jan wollte mich. Er hatte Interesse! Schließlich würde er mich sonst niemals küssen!

Jan wollte mich.

Er wollte mich.

…

Himmel! Er wollte mich!

Seine sich überraschend entfernenden Lippen erweckten eine seelenzerreißende mich den Tränen nahebringende Sehnsucht.

Nein … er durfte nicht aufhören! Er durfte mich nicht loslassen!

Gott, ich wollte weiter festgehalten werden – in diesem Sturm aus Gefühlen, kalten Regentropfen und schier endloser Hoffnungslosigkeit.

Atemlos flüsterte ich seinen Namen.

»Liza.«

Seine von Seelenschmerzen durchtränkte Stimmlage öffnete mir die müden Lider.

Ich erschrak.

Tränen quollen ihm aus den Augen.

Reine Verzweiflung umfing mein Herz.

Ein zweites Mal schlang er die Arme um mich – solch eine kostbare Geste, die ich unbedingt erwiderte.

»Liza.« Immer und immer wieder schluchzte er meinen Namen – sehnsüchtig, hoffnungsvoll, hilflos …

Seine wilden Emotionen drangen in mich ein, riefen meine eigene zu Boden bringende Trauer wach, vermischten sich mit dieser, zerbarsten diese durch Herrn Urbans Äußerung errichtete Mauer der Gleichgültigkeit. Wie Faustschläge malträtierten sie mein Innerstes, wüteten durch meinen Geist.

Heiße aus Verzweiflung und Schmerz geborene Tränen suchten sich ihren Weg über meine glühenden Wangen.

Es musste aufhören! Dieser Schmerz musste endlich aufhören!

Ich ertrug ihn nicht mehr …

Und plötzlich nahm die Last wieder ab – mit einer jeden vergossenen Zähre. Ein jeder Atemzug wurde leichter, ein jeder Herzschlag befreiter, die tragende Last geringer.

Bebend hielten wir uns aneinander fest – als wollte der Regen uns voneinander wegreißen, als würden wir jeden Moment voneinander getrennt …

Tiefes Donnergrollen hallte über den Platz.

Jan drückte sich fester an mich.

»Ich habe dich unvorstellbar vermisst.« Er klang gebrochen, verloren, verängstigt. »Bitte sag nicht, du willst nichts mit mir zu tun haben.«

Mir wurde es übel.

Weshalb sollte ich dies sagen? Weshalb sollte ich nichts mit ihm zu tun haben wollen?

Hatte er etwa vermutet …

»Das … das würde ich nie tun«, gab ich leise zurück. »Ich habe … ich habe selbst die gesamte Zeit über angenommen, du würdest nichts mit mir zu tun haben wollen.«

Langsam ließ er von mir ab, auf seinen Zügen lag purer Schock. »Aber das Buch …«

Ich erstarrte.

Ja, ich hatte es mir inniglich gewünscht. In manch einem schwachen Moment hatte ich mir ausgemalt, wie Jan mir die Widmung in sein Buch schrieb …

All meiner verdrängten Hoffnung zum Trotz fühlte die Erkenntnis sich wie ein Hieb mit einem Rohrstock an.

…

Jan war es gewesen … er hatte sie tatsächlich geschrieben … diese zärtliche Liebesgeschichte …

Mein Gott …

Nun gab es keine Zweifel mehr!

»Ich habe es angefangen, zu lesen«, antwortete ich mit erzwungener Ruhe und unterdrückter Atemlosigkeit.

Meine Äußerung ließ ihn erleichtert durchatmen – und mir bescherte seine Reaktion einen nächsten Adrenalinstoß.

Hatte er etwa Sorge, ich würde seine Geschichte kritisieren? Zweifelte er an seiner Arbeit?

Nein … daran konnte es nicht liegen. Schließlich war Jan ein Poet … die lieblichen Beschreibungen, die Ausschmückung der Sätze … wie gerne hätte ich meine Emotionen und Gedanken in solch delikate Worte gekleidet, wie ihm dies gelang!

»Hast du früher als Schriftsteller gearbeitet?«

Ein zögerliches Nicken seinerseits folgte. »Wie weit bist du?«

»Fast am Ende … Noch zwanzig Seiten.«

Seine Wangen nahmen dieses niedliche Pink an. »Willst du das Buch noch zu Ende lesen? Oder hat es dir nicht gefallen?«

Gütiger Gott!

Dann war ich mit meiner Vermutung doch richtig gelegen?

»Natürlich will ich es weiterlesen.«

Erst recht nach diesem Kuss …

Ohne einen Gedanken an mögliche negative Folgen zu verschwenden, kuschelte ich mich an seinen Leib.

Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich vollkommen leicht und verstanden. Das erste Mal hegte ich keine Zweifel, etwas spontan zu tun.

Das erste Mal.

»Ich wollte heute weitermachen.«

»Wie schön.« Seine gehauchte Erwiderung wie seine zärtlichen ausgesandten Emotionen wischten sämtliche Gedanken beiseite, um eine Welle reiner Liebe über mich hereinbrechen zu lassen.

Ich drückte meine glühende Wange an seine Brust.

Sein Herz schlug genauso wild wie das meine.

Der Geruch von Asphalt, Regen und nasser Erde drang mir in die Nase. Geräusche des prasselnden Regens und gelegentliches Vogelschimpfen vermischten sich mit unverständlichen Gesprächsfetzen der an uns vorüberziehenden Menschen.

Nichts von alldem interessierte mich. Nichts von alldem kümmerte mich.

Denn ich bin endlich angekommen. Meine Reise ist zu Ende.

Dieser fürwahr verrückte Gedanke wurde von Jans gesenkter Stimme verscheucht. »Ist es wohl in Ordnung, dass ich dich küsste?«

»Etwas Schöneres hättest du nicht machen können.«

Abermals hatte ich nicht nachgedacht. Abermals hatte ich mich nicht gefürchtet, offen über meine Gefühle zu sprechen.

Als Antwort schlang er die Arme fester um mich – und Geborgenheit schenkte meiner Seele den so dringend benötigten kostbaren Frieden.

Jan war hier.

Er hatte mich geküsst … dieser wunderschöne Mann hatte mich geküsst. Er hegte Interesse. Er wollte mir nahe sein … ein Mann – der Mann. Dieses einzigartige kostbare Wesen …

Ehe mir dieses Glück vollständig auszukosten erlaubt gewesen war, wurde ich von den Ereignissen der letzten Stunden überrollt – Anna, Herr Urban, Saskia …

Sie zogen mein Innerstes zusammen, raubten mir die eben sachte aufkeimende Hoffnung, endlich glücklich werden zu können.

Wie sollte ich auch jemals glücklich werden …

War ich für Jan überhaupt gut genug? Oder würde er bald erkennen, wie unnütz ich tatsächlich war?

»Du kannst dir nicht vorstellen, was ich heute durchgemacht habe.« Unmöglich etwas dagegen unternehmen zu können, purzelten mir die Worte aus dem Mund. »Ich dachte, ich überlebe den heutigen Tag nicht mehr.«

Nie zuvor hatte ich darüber gesprochen … weshalb nun?

Zögerlich ließ Jan von mir ab, seine sorgenvollen Augen betrachteten mich intensiv. »Was ist passiert?«

Durfte ich weitersprechen?

Würde Jan mich nicht als eine jammernde alte nach Mitleid verlangende Tante ansehen?

»Meine Arbeit«, erwiderte ich stockend und wischte mir dabei Tränen und Regentropfen aus dem Gesicht. »Ich habe wieder Fehler gemacht … Und dann … dann wollte ich mich einmal rechtfertigen …. und dann wird mir mit der Kündigung gedroht.«

»Mein Gott … das tut mir furchtbar leid.« Ein drittes Mal schlangen seine Arme sich um mich. Und ein drittes Mal presste er sich an mich, wodurch mir diese wunderbaren berauschenden Empfindungen durch die Adern stoben. »Deshalb sahst du solchermaßen fertig aus.«

Ein schrecklich lauter Knall eines in der Nähe einschlagenden Blitzes ließ uns beide heftigst zusammenzucken.

Mein Herz klopfte dermaßen stark, ich fürchtete, einen Infarkt zu erleiden.

Ein Gutes hatte diese Situation dennoch an sich: Die erdrückenden Gefühle waren von einer Sekunde auf die andere verschwunden.

»Gott … habe ich mich erschreckt.« Vor Schock und Aufregung begann ich zu kichern. »Ich glaube, es ist besser, wenn wir in meine Wohnung gehen. Nicht, dass uns noch ein Blitz streift.«

…

Aber irgendwie hatte dieser uns ohnehin längst gestreift. Ein Blitz der Liebe … damals in der Küche, währenddessen wir uns die Hände geschüttelt hatten.

…

Ich wollte mich von Jan lösen, allerdings mutete dieser an, nicht recht von mir ablassen zu wollen.

»Gehen wir?«, fragte ich, um mein Ansinnen indirekt zum Ausdruck zu bringen.

Seit jeher tat ich mir schwer, jemandem Anweisungen zu geben, und erst recht, eigene Wünsche anzusprechen. Es erschien mir egoistisch, einfach falsch.

Weshalb ich so empfand, wusste ich aber bis heute nicht.

Womöglich, weil ich fürchtete, mit meinen Bedürfnissen Mitmenschen zu bedrängen, belasten oder zu brüskieren?

Er drückte das Gesicht in meinen Nacken. »Ich … ich –« Ein weiterer Donner erklang. Dieses Mal weitaus dumpfer, dennoch laut genug, um mir frisches Adrenalin in die Blutbahn zu pumpen.

Jans Körper indessen erbebte heftig und seine Umarmung verwandelte sich in ein krampfhaftes Klammern.

Konnte es etwa sein …?

»Jan?« Mit behutsamer Beharrlichkeit zog ich ihn zurück. »Hast du … Angst?«

Glühenden Wangen – Augen voller Furcht.

Verhalten nickte er mir zu. »Ja … ja, ich bekomme da richtige Panik.«

…

Eine Tatsache schlug in meinen Verstand ein – wie der Blitz eben.

Darum der eigenartige Ausdruck, als er damals über Gewitter gesprochen hatte!

Und deshalb fühlte ich mich nun selbst dergestalt aufgekratzt! Schließlich ging Jans Panik ungefiltert auf mich über!

Himmelherrgott!

…

Eisige Kälte erfasste mich. Reue überschwemmte mich. Panik erhöhte meinen Puls auf eine schier schmerzhafte Weise.

O mein Gott! O gütiger Gott!

Erst jetzt begriff ich zur Gänze, in welcher Situation Jan sich befand – und wie ich mich verhielt!

Wir standen inmitten eines Gewittersturms, und Jan vermutlich unmittelbar vor einem Nervenzusammenbruch … Und ich hatte nichts Besseres zu tun, als meine und Jans Verhaltensmuster zu analysieren und über meine Schwierigkeiten in der Arbeit zu jammern!

Was war ich für ein gefühlloser, dummer Mensch!

Hektisch blickte ich mich um, suchte meinen Schirm.

Der Wind hatte ihn ein paar Meter weggeweht.

»Komm mit!« Ich nahm Jans Hand in meine. »Gehen wir nach Hause.«

Schnellstmöglich!

Ich wollte mir nicht ausmalen, welch Ängste er in der letzten halben Stunde hatte ausstehen müssen … und dies alleinig meinetwegen!

Ich fasste nach dem schwarzen Kunststoffgriff und hielt den durchsichtigen Schirm über unsere Köpfe. »Eigentlich ist es längst egal, ob wir den Schirm benutzen oder nicht … Wir sind sowieso bis auf die Knochen nass.«

Ein leises Kichern drang aus Jans Mund. Ungeachtet der Lautstärke brachte es mir beträchtliche Erleichterung.

»Stimmt … aber irgendwie fühle ich mich damit dennoch sicherer.«

Seine erkaltende Hand in meiner haltend eilten wir durch die regendurchfluteten Gassen.

Leute erblickte ich nun keine mehr. Weder verliebte Pärchen noch Pensionisten oder Vertreter. Selbst der Verkehr hatte mindestens um die Hälfte abgenommen.

Von diesen Dingen nahm ich allerdings bloß am Rande Notiz. Jans leuchtender Blick, seine allfälligen spontanen, von Donnergeräuschen hervorgerufenen Umarmungen und die daraus resultierenden prickelnden Gefühle in meinem Leib sowie meine regennasse Brille raubten mir die Sicht auf all diese unwesentlichen Dinge … Dinge, welchen ich zu viel Beachtung geschenkt hatte. Dinge, welche mich traurig gestimmt hatten …

Ein neuer Knall veranlasste Jan, sich stürmisch an mich zu pressen – und mich zu küssen.

Ich musste gestehen, gar so recht verstand ich seine Reaktion nicht mehr, die hochkletternde Geborgenheit wie verstandabdrehenden Gefühlsstürme waren dafür einfach viel zu schön, um lange genug darüber nachgrübeln zu können oder zu wollen.

Langsam, widerwillig, ja sich regelrecht dazu zwingend ließ er von mir ab.

Hätte der zärtliche Kuss mir nicht bereits den Atem geraubt, spätestens angesichts dieser sinnlichen Reaktion hätte ich nach Luft schnappen müssen.

»Hat dir das ein wenig die Furcht genommen?«, fragte ich, alsbald meine Atmung sich teilweise beruhigt hatte.

Offensichtlich nahm diese Küsserei mir sämtliche Hemmungen, an welchen ich üblicherweise litt …

Ein liebevoll scheues wie verschmitztes Lächeln schlich sich auf seine Lippen. »Ja, absolut. Da können nicht einmal die Geschichten meiner Großmutter mithalten.«

Ich konnte mich partout nicht davon abhalten, loszukichern.

Jan stimmte mit ein.

Erst ein weiterer Donner brachte uns dazu, innezuhalten. Und letztlich klammerte Jan sich wieder Schutz suchend an mich und verlangte meine Lippen, welche ich ihm gerne und mit rasendem Herzen darreichte.

Und dieses Mal hatte mich tatsächlich ein Blitz getroffen … nicht bloß ins Herz – nein, mitten in die Seele. Vollkommene Sicherheit legte sich um mich. Jans meinen Nacken kraulende Hände lösten wohlig-warme Schauer aus. Seine mich neckisch wie zögerlich erforschende Zunge brachte mich zum Beben und meinen Unterleib zum Glühen.

Es war unfasslich.

All diese betörende Liebe, diese zärtliche Intimität tauschten wir umringt von Sturm und Chaos in nahezu seliger Ruhe aus …

Konnte solch ein magischer Moment eigentlich noch schöner werden?

Ja.

Jans glühende Haut auf meiner, sein kaum vernehmbares Seufzen wie sein sachtes aufwallendes Zittern vermochten es.

Einige wundervolle Minuten später ließen wir voneinander ab.

Ich schaute tief in seine strahlenden Augen. »Machst du das jetzt, bis wir zu Hause angekommen sind?«

»Selbstverständlich«, entgegnete er wie aus der Pistole geschossen, einzig um stockend und errötend fortzufahren: »… Dann … Dann … Dann habe ich wenigstens eine Ausrede … um dich immer wieder zu küssen.«

Eine sich wie Lava anfühlende Hitze preschte mir übers Gesicht.

Ich hatte wahrlich mit vielem gerechnet, jedoch niemals mit einer derart schlagfertigen wie betörenden Antwort.

Vor allem nicht aus Jans Mund.

Er war mindestens ebenso schüchtern wie ich … Woher kam diese Wesensänderung?

Ging es ihm etwa wie mir? Nahmen seine Zweifel ebenfalls ab?

Peinlich berührt senkte ich den Blick. »Das ist wohl die schönste Ausrede, die ich jemals gehört habe.«

Ein Donner hallte an den Wänden der Wohnhäuser wider, veranlasste Jan, sich fester an mich zu pressen. »Solchermaßen schön die Vorstellung auch scheint, dich immer und immer wieder zu küssen … Beträchtlich lieber wäre mir dennoch, wir würden uns wieder auf den Weg machen.«

»Ja, sicher doch.« Wir ließen voneinander ab. »Mir ist sowieso eiskalt. Dir auch?«

Mit einem scheuen »Mhm« mir antwortend nahm er meine Hand lieblich in seine.

»Dann beeilen wir uns«, erwiderte ich. »Du sollst dich nicht noch mehr fürchten müssen.«



Keine zehn Minuten später erreichten wir meine trockene, vom vormittäglichen Sonnenschein erwärmte und nach Vanille duftende Wohnung.

»Willst du dich heiß runterduschen?«

In Jans Wangen kletterte dieses unaussprechlich niedliche Pink. »Ja … sehr gern.«

Vor Kälte bibbernd hauchte er mir einen schnellen Kuss auf die Lippen.

Obgleich seiner Kürze fühlte ich mich wie berauscht.

»Aber willst du nicht zuerst gehen? Du bist ebenfalls durch und durch nass.«

»Nein … geh nur. So kalt ist mir nicht.« Ich blickte auf das auf meinem Körper klebende Kleid herab. »Es tropft nicht mehr … Bis du fertig geduscht hast, kann ich mich leicht gedulden.«

Ein neuer schwindelerregender Kuss folgte.

Wenn dies so weiterginge, würde es mir nicht mehr lange gelingen, mich auf den Beinen zu halten.

Nun … dafür war mir jetzt umso wärmer geworden …

Keuchend zeigte ich zur rechts gelegenen Tür. »Das Bad befindet sich gleich da.«

»Vielen Dank.«

Er schenkte mir einen dritten Kuss, darauf ein zärtliches Lächeln, ehe er sichtlich widerwillig davonhuschte.

Leicht schwindelig sah ich ihm hinterher.

Ich fühlte mich wie in einem zuckersüßen Tagtraum. Alleine eine Tatsache bestätigte mir, nicht zu schlafen: Niemals hätte ich etwas derart Wunderschönes zu träumen vermocht. Weder in der Vergangenheit noch in Zukunft.

Dennoch ertappte ich mich dabei, wie ich abermals zu zweifeln begann.

Passierte dies wahrhaftig?

Konnte ich mich tatsächlich darauf verlassen, mir dieses Geschehnis nicht bloß einzubilden?

Ich brauchte kein psychologisches Studium, um zu wissen, wie leicht die vielen schrecklichen Erlebnisse des heutigen Tages es vollbracht hätten, mir eine Psychose auszulösen.

Bilder entstanden in meinem vernebelten Verstand.

Womöglich lag ich längst auf der geschlossenen Anstalt – mit Psychopharmaka vollgepumpt, die mir diese wundervollen Träume schenkten …

Je intensiver ich darüber nachdachte, desto logischer erschien die Vorstellung.

In den vergangenen Monaten hatte ich mich nahezu jeden Tag gewundert, wie ich die nötige Kraft aufbrachte, um aus dem Bett zu klettern und arbeiten zu gehen. Wie oft hatte ich mir gewünscht, einfach tot umzufallen – oder eines Abends einzuschlafen und nicht mehr zu erwachen … endlich dem Schmerz zu entfliehen?

Zu groß war die Bürde der Einsamkeit geworden. Zu kalt fühlte sich die Welt an. Zu laut wurden ihre Vorwürfe.

Und nun sollte da aus heiterem Himmel Jan auftauchen und mir einen hollywoodreifen Kuss geben? Im strömenden Regen … und zu exakt der Zeit, in welcher ich es am allernötigsten brauchte?

Noch nie zuvor war mir Derartiges widerfahren – nicht einmal annähernd. Wenn ich mich auf den Knien befand, wurde ich üblicherweise weiter zu Boden gedrückt. Hilfe hatte ich mir nie erhoffen können, geschweige denn dürfen.

Das Gefühl seiner Lippen … seine zärtlichen Hände … Das konnte gar nicht real sein, oder?

Während meine Gedanken immer weitere Kreise zogen, trocknete ich meine Brille. Darauffolgend machte ich uns Rühreier mit Speckwürfeln und Dinkelbrot.

Vielleicht würde ein anständiges Essen helfen, meinen Verstand in die richtigen Bahnen zu lenken …

Ich war eben dabei, die gefüllten Teller auf den Tisch zu stellen, da rief Jan zögerlich meinen Namen.

Weil Wohnzimmer, Küche und Vorzimmer zu einem einzigen Raum zusammengefasst worden waren, brauchte ich mich bloß umzudrehen, um Jans Kopf zu erblicken, welcher scheu hinter der Badtür hervorlugte.

»Liza … ich brauche kurz deine Hilfe.«

Er klang ziemlich verzweifelt.

Was war wohl geschehen?

Ich eilte zu ihm. »Ist etwas passiert?«

Die feuchten Haare hingen ihm schwer ins Gesicht, ein unsicheres Lächeln brachte seine wunderschönen hellgrünen Augen zum Leuchten, und seine glühenden Wangen taten ihr Übriges, um Jan einen atemberaubenden honigsüßen wie verlorenen Eindruck zu vermitteln.

»Ich … ich habe nichts zum Anziehen.« Während er sprach, senkte er den Kopf – und mir wurde es sekündlich mulmiger zumute.

Himmel!

Ich hatte vollkommen vergessen, ihm etwas Trockenes zum Überziehen zu geben!

»Herrgott!« Mein unüberlegter Ausruf ließ Jan merklich zusammenzucken. »Es tut mir furchtbar leid! Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, dir etwas herzurichten.«

Ich überlegte fieberhaft.

Was konnte ich ihm geben? Weder besaß ich Herrenunterwäsche noch eine Hose oder ein Hemd, welches ihm ob seiner Größe gepasst hätte. Nicht einmal der alte Trainingsanzug meines Vaters war da lang genug …

Während ich mir das Gehirn zermarterte, wanderte mein Blick über das Türblatt, weiter zum Türstock und zurück.

Jählings brachte mich ein kribbelnder mir durch die Adern jagender Adrenalinsturm dazu, innezuhalten.

…

Nein – mir war keine rettende Idee für Jans Kleiderproblem in den Sinn gekommen.

Nein – ebenso wenig war mir eingefallen, in der Arbeit einen Beleg falsch abgeheftet zu haben.

Einzig und allein eine pikante, mir gewahr gewordene Tatsache hatte Schuld daran. Die Tatsache, dass lediglich eine Tür es war, welche mich von einem jungen, wunderschönen und splitterfasernackten Mann trennte … Ein nackter Mann, welcher heiß geduscht hatte. Ein nackter Mann, welcher mich eben erst geküsst hatte …

»Ich … ich weiß nicht, was ich dir bringen soll.« Ich schluckte, zögerte. »Du bist viel größer als ich … und ich besitze keine Herrenwäsche.«

…

Bilder drangen aus irgendwelchen Untiefen meines verwirrten Geistes empor.

O mein Gott … er konnte ja schlecht einen meiner Slips anziehen … oder gänzlich nackt in der Wohnung herumlaufen …

Je länger ich nachdachte, umso unangenehmer wurde es mir.

Seine Züge dagegen entspannten sich. »Das macht nichts … Hast du vielleicht einen langen Bademantel? Das reicht vollkommen.«

Ein Bademantel!

Natürlich!

Weshalb war mir dies nicht selbst eingefallen?

»Ja sicherlich.« Mit anwachsender Erleichterung machte ich auf dem Absatz kehrt. »Ich bringe ihn dir sofort.«

»Nur keine Hast«, rief er mir hinterher.

Ich trat ins Schlafzimmer, fasste nach dem langen, weißen unaussprechlich kuscheligen Morgenmantel und hastete zurück.

»Hier bitte … ich hoffe, er passt.«

Dankend und mit ungleich leuchtenderen Augen zog er ihn durch den Türspalt. »Der ist perfekt … und überaus weich.«

Ich lächelte. »Deshalb habe ich ihn gekauft. Je weicher, desto besser.«

Er erwiderte mein Lächeln, verschwand dann mit den Worten »Warte kurz. Ich ziehe ihn nur schnell über« gänzlich hinter der Tür, ehe er sie komplett öffnete und zu mir trat, mich überraschend in den Arm nahm und seine Lippen sänftiglich auf meine legte. »Vielen Dank.«

Schluckend sowie diese unbezwingbaren Gefühlsstürme unterdrücken versuchend, nickte ich ihm zu.

Verhielten Liebespaare sich auf diese Weise? Tauschten sie bereits Zärtlichkeiten aus, wenn sie sich wenige Minuten nicht gesehen hatten?

Jan schaute Richtung Küchentisch. »Du hast gekocht?«

»Ja …« Ich räusperte mich. »Eierspeise. Hast du Hunger?«

Die Lider geschlossen, atmete er tief ein. »Ja … der Geruch alleine lässt mir bereits das Wasser im Munde zusammenlaufen.«

Ich wollte vorangehen, seine nach wie vor um mich geschlungen Arme hielten mich allerdings erfolgreich davon ab.

»Gehen wir?«

»Ja.«

…

»Dann … dann musst du mich loslassen.«

Ein sanftes Lächeln huschte ihm über die Lippen. »Aber will ich dich nicht loslassen.« Sekunde um Sekunde musterte er mich intensiver. »Es fühlt sich unbeschreiblich an, dich festzuhalten.« Dies gesprochen, trafen seine Lippen neuerlich auf meine. »So lange habe ich gehofft, gewartet, gebetet, dich in meinen Armen halten zu dürfen … so unbeschreiblich lange.« Seine Umarmung verstärkte sich, seine Zunge drang in meinen Mund. Das vierte Mal heute …

Ich rang um Fassung, Selbstkontrolle und Luft.

Ein jeder seiner Küsse war zärtlicher als der Vorherige, eine jede Berührung inniger, lieblicher, bedächtiger.

Geborgenheit, Schutz, Verständnis füllten mich aus – Emotionen, welche üblicherweise allein durch meine Eltern erweckt wurden.

»Ich will dich nie mehr loslassen«, flüsterte er. »Nie mehr … nie mehr.«

Aus halb geschlossenen Augenlidern ihn anblickend vergrub ich die Finger im Bademantel. »Ich ebenso wenig –« Ich wollte weitersprechen, ein unerwartet stürmischer Kuss machte diesem Vorhaben jedoch ein jähes Ende und zwang mich in weiterer Folge wortwörtlich in die Knie.

Zügellose Leidenschaft – Jans Hände überall, seine Zunge fordernd wie verspielt – welche Alternativen wären mir da geblieben?

Somit gaben meine Beine nach.

Alleine Jans flotten Eingreifen war es zu verdanken, dass ich mich nicht verletzte, führte er mich doch sachte zu Boden.

»Hast du dir wehgetan?« Liebevoll nahm er mein Gesicht in seine Hände. »Ist dir etwas geschehen?«

»Nein, alles in Ordnung … Und bei dir?«

Erleichterung spiegelte sich in seinem ätherischen Antlitz wider. »Mir geht es auch gut.« Abrupt hielt er inne, errötete. »Ist deine Reaktion meinem Kuss geschuldet? … Hat er dir solchermaßen gefallen? Oder … oder lag es an etwas gänzlich anderem, das dich in die Knie zwang?«

Noch eine solche freche Bemerkung …

Beschämt richtete ich meine Aufmerksamkeit auf seine glatte Brust, welche unsicher anmutend aus dem locker sitzenden Bademantel hervor blitzte. »Ich denke … du weißt die Antwort.«

»Dann werde ich dir solche Küsse zukünftig ausschließlich im Sitzen oder Liegen geben.«

Meine Wangen erglühten. Mein Herz setzte für die nächsten Schläge aus.

Meinte er damit … Wollte er … Wann wollte er … Wie sollte das …

O gütiger Gott!

Vor Scham doch ebenso sanft aufkommender Erregung drückte ich meine heiße Stirn an seinen Oberkörper.

Das wurde sekündlich unglaublicher …

Er wollte mir noch näher kommen?!

War seine Zuneigung wahrhaftig dergestalt groß, wie ich sie mir stets von einem Mann gewünscht hatte?

»Es tut mir leid«, hörte ich ihn wispern. »Habe ich dich damit vor den Kopf gestoßen?«

Ich wusste, ich musste etwas erwidern … Fatalerweise hatte meine Schamhaftigkeit mittlerweile Wolkenkratzer hohe Ausmaße angenommen, wodurch es mir auf Biegen und Brechen nicht gelang, etwas hervorzubringen.

Um Jan wenigstens irgendwie Antwort zu geben, schüttelte ich mein Haupt – durchwegs betend, ihn mit meiner törichten Reaktion nicht zu beleidigen.

»Dann findest du mein Gesagtes nicht anstößig?«

Ein Beben ergriff Besitz von mir.

Himmel!

Weshalb musste ich so absurd reagieren?! Da passierte mir eben das größte Glück der Welt – und ich verging vor Verlegenheit …

»Nein.« Von uns beiden war ich über meine hervorgepresste Antwort wahrscheinlich am meisten erstaunt. »Es ist einfach wunderschön.«

»Wirklich?« Behutsam zog er mich ein Stück zurück, und ich brachte es trotz meines Gefühlschaos zusammen, ihm ins Gesicht zu sehen.

»Es gefällt dir tatsächlich.« Er strahlte vor Glück. »Mein Gott! Du bist wirklich wie sie.«

Wie?

Was meinte er damit? Wie sollte ich denn sein?

»Ich … ich verstehe nicht ganz.«

»Wie Christina … mein Protagonist in meinem Buch.«

Mir wurde es heiß und heißer … und noch etwas heißer. »Wie …?! Ich … du …«

Ein unsicheres Lächeln erschien. »Du erinnerst mich unwahrscheinlich an sie … Damals an der Rezeption … als ich dich das erste Mal sah … da war es mir vorgekommen, du wärest direkt aus meinem Roman gehüpft.« Jan schüttelte den Kopf, den Blick auf die Seite gerichtet – er machte den Anschein, es selbst nicht recht glauben zu können, was er da von sich gab. »Ich dachte, ich erleide einen Herzschlag.« Äußerst langsam fanden seine Augen zu mir zurück. »Weißt du … dein Aussehen, deine Mimik, deine Gestik … so stellte ich mir stets Christina vor.«

»Aber …« Ich suchte Begriffe. Ich suchte meinen Verstand. Ich suchte eine Erklärung. Nichts davon war mir möglich zu finden. »Aber das kann gar nicht sein …«

Unvermittelte anschwellende Verunsicherung legte sich auf seine Züge. »Bitte denke jetzt nicht, ich sei ein durchgeknallter Psychopath … Bitte.« Sein flehender Ausdruck löste eine über meinen gesamten Körper rasende Gänsehaut aus.

»Ich bin nicht verrückt … wirklich nicht … Ich versuchte diesen Eindruck von dir ohnehin zu unterdrücken. Die gesamte Zeit!« Er überlegte. »Erst wollte ich dich näher kennenlernen. Ich wollte wissen, wie du bist. Aber dann … dann haben wir gemeinsam gekocht … Und da wusste ich, du bist es.« Sein Blick festigte sich. »… du … du bist meine Traumfrau … Du bist diejenige, welche ich mein Leben lang suchte.«

Seit unserem ersten Kuss hatte ich tausend unbekannte Gefühlsregungen erfahren dürfen – doch keine einzige war annähernd mit meinem momentanen Zustand vergleichbar.

Es war kein Prickeln, keine Geborgenheit, auch kein Adrenalin – es war eine Art Dankbarkeit vermischt mit Glückseligkeit, Erregung, Freude und Wärme, die sich wie ein Lauffeuer in mir ausbreitete.

…

Nach einigen Momenten des Sammelns überkam mich die nüchterne Gewissheit.

Die letzte Stunde – sie war nicht real. Sie konnte nicht real sein!

Spätestens nach dieser letzten Aussage Jans musste mir klar sein, all dies wahrhaftig zu träumen. Niemals hätte ein fremder Mann mir ein Liebesgeständnis gemacht. Besonders nicht mir! Und erst recht nicht kniend vor der Badezimmertür …

Ja, bestimmt lag ich nach meinem ersten Selbstmordversuch im Krankenhaus und fantasierte mir diese wunderbaren Dinge zusammen.

»Liza?«

Ich wandte mich Jans engelsgleichem Gesicht zu. »Ja?«

»Du glaubst mir nicht, oder?«

»Ich glaube, ich träume das alles … Ich denke, du bist nicht real … Du kannst gar nicht real sein. Jemand, der so wundervoll ist, der solch schöne Dinge sagt … den kann es nicht geben.«

»Aber ich bin real.« Er gab mir einen mich schwindelig machenden Kuss. »Glaubst du, diese Situation kann sich solchermaßen gut anfühlen, wenn man sie träumt?«

Ich blinzelte.

»Schließlich weißt du gar nicht, wie es sich anfühlt, hab ich recht?«

…

Eiseskälte legte sich um mich.

Woher …?

»Da kannst du praktisch nicht davon träumen … da dir die nötige Erfahrung dazu fehlt, welche dein Gehirn benötigt, um dir solch einen intensiven Traum zu bescheren.«

…

Woher wusste er über meine Unerfahrenheit Bescheid?

Ehe ich weiterzudenken in der Lage gewesen wäre, tanzten seine Lippen längst wieder über meine und verwandelten sämtliche Kälte in brennende Hitze. »Du fragst dich bestimmt, woher ich das weiß …« Jan setzte seine Liebkosung fort, intensivierte sie, brachte mich dazu, leise aufzuseufzen. Diese Situation war gleichermaßen peinlich wie erregend, berauschend wie beängstigend.

»Ich träume«, brachte ich erstickend hervor. »… Dass du es weißt, ist Beweis genug.«

»Ich weiß es«, erwiderte er raunend und meine Nase mit seiner anstupsend. »Weil es bei einer solch kostbaren zärtlichen Seele wie dir gar nicht anders sein kann … Du strahlst es aus. Man sieht dir deine Reinheit an. Ein jeder halbwegs vernünftige Mann muss dies sehen.«

Er hatte es bemerkt? … Man konnte es sehen?! Wie sahen mich dann –

Seine Lippen und darauffolgend seine auf meine treffende Zunge beraubten mich all meiner sich auftuenden Fragen, um mir stattdessen heftige Gefühlswellen durch meinen zitternden von Jans heißen Händen sorgfältig erforschenden Leib zu schicken und mir darüber hinaus hocherotische wie beschämbare Gedanken zu entfesseln: Wie würde es sich anfühlen, wenn er mir noch näher kam? Wie würde es sein, neben ihm zu liegen … uns zu vereinigen …

Mein Herz setzte ob dieser Überlegungen wie der daraus entstandenen Adrenalinausstöße zum wiederholten Male aus.

»Ich weiß … Ich kenne dich kaum … eines musst du dennoch wissen: Die vergangenen Monate habe ich immerwährend an dich denken müssen … Und ich verstehe bis jetzt nicht, weshalb du so sang- und klanglos verschwandest.«

Die aus meiner Vorstellung hervorgerufene Erregung wurde von hochzüngelnden Schuldgefühlen verdrängt.

»Es tut mir leid. Es tut mir wahnsinnig leid.«

Seine Züge spiegelten Verständnis wider. »Du hattest einen Grund, oder?«

Sollte ich es sagen?

Sollte ich …?

…

Ja …

Ja, ich sollte nicht nur, ich musste!

Jan war immer offen und ehrlich gewesen, hatte sich gegen Panik und Gewitterstürme aufgelehnt, um zu mir zu kommen und mir seine Gefühle zu gestehen.

Wenn ich mich selbst ihm gegenüber verschloss, wie sollte Jan mich je verstehen?

Flüsternd bejahte ich. »Du warst der Grund.«

»Was?!« Aufblitzender Schock seinerseits ließ mich leicht zusammenzucken. »… Aber wieso … Was habe ich dir getan?«

Er dachte tatsächlich, ich hätte das Hotel seinetwegen fluchtartig verlassen?!

Mein Gott!

Was hatte ich da angerichtet …

»Du hast mir nichts getan«, versuchte ich zu beruhigen. »Ich … ich konnte es einfach nicht ertragen, dich noch länger anzusehen, Zeit mit dir zu verbringen, wo ich wusste, dass ich dich nie mehr wiedersehen werde.«

Erkenntnis besänftigte seinen starren Gesichtsausdruck. »Dann hast du …«

Ich kratze irgendeinen nicht vorhandenen Rest Mut zusammen und begann zu erklären: »Ich … ich … nun ja … ich mag dich unwahrscheinlich gerne … Ich wollte dir furchtbar gerne sagen, wie viel du mir bedeutest … aber letztlich traute ich mich nicht mehr.« Unmöglich zu unterdrückende Tränen fingen an, sich in meinen Augen zu bilden. »Ich hatte solche Angst, du würdest mich wegstoßen … Gott, ich hatte solche Panik davor, es erneut zu erleben. Es ist derart oft passiert … erst vergangenen Herbst das letzte Mal … Immer … immer, wenn ich dachte, jemand hege Interesse, wurde ich eines Besseren belehrt … zweimal passierte es mir in der Schulzeit … daraufhin in einem Kurs … dann in der Arbeit.« Schluchzend suchte ich seine klaren strahlenden Augen. »Ich ertrage das nicht mehr … Noch eine Abfuhr … ich hätte es nicht mehr überstanden. Ich konnte einfach nicht mehr … deshalb bin ich ohne Verabschiedung verschwunden … Bitte glaub mir, ich wollte dich nicht verletzen. Wenn ich gewusst hätte –«

Jan drückte mich an sich – und der sich in den letzten Monaten aufgestaute Druck brach über mich herein – wie eine stumme Welle tödliche meinen Brustkorb zerquetschende Gewalt …

Träne um Träne suchte der Schmerz sich einen Weg aus meiner Seele. Träne um Träne lähmten und schüttelten mich Emotionen der Verzweiflung und Trauer.

»Jetzt verstehe ich dich.« Sanft wie der Flügelschlag eines Schmetterlings drang Jans Erwiderung mir ins Ohr. »Jetzt verstehe ich alles. Endlich verstehe ich, wieso du dich einerseits distanziert, andererseits meine Nähe gesucht hast. Jetzt verstehe ich alles.«

Mit einem jeden einzelnen seiner kostbaren Worte nahm meine schwere Last allmählich wieder ab.

»Du musst mir noch mehr erzählen … Du musst mir alles erzählen.« Er beschenkte mich mit einem Kuss. »Und dann erzähle ich dir, was ich durchmachte … diese letzten Monate ohne dich. Diese Monate, in welchen ich dachte, ich wäre dir egal.«

Egal.

Es krampfte mir Herz und Seele zusammen.

Was hatte ich getan?! Was hatte ich Jan zugemutet?!

»Du warst mir nie egal«, beteuerte ich. »Nie.«

»Ja … jetzt weiß ich es.« Mit einer nicht zu beschreibenden Umsichtigkeit zog er mich hoch. »Komm. Reden wir später weiter. Setzen wir uns erst zu Tisch und essen dein gutes Mahl, in Ordnung?«

Nickend tat ich wie verlangt.

Diese Situation erschien mir sekündlich verrückter … und schöner … und romantischer … und realer.

…

Ich sollte seine Traumfrau darstellen? Ich sollte wie Christina sein?

…

Während ich die Eierspeise hinunterwürgte, wurde ich von tausenden Fragen und Zweifeln bombardiert.

Sie überfielen mich, vereinnahmten mich, verwirrten wie beruhigten mich.

Konnte all dies tatsächlich die Wirklichkeit sein?

Träumte ich wahrhaftig nicht? War ich wirklich munter? Saß Jan wahrlich mir gegenüber?

Dieser wunderbare Mann, dessen Sanftheit und Mitgefühl mir in all der Zeit nicht aus dem Sinn gegangen waren, dessen liebreizende Zusprüche mir selbst Monate nach unserem ersten Zusammentreffen Trost gespendet hatten – dieser Mann saß nun vor mir, verspeiste mein Essen und lächelte mich dabei glücklich an.

Ein über seine zarten Gesichtszüge huschender Schatten beendete meine Überlegungen abrupt.

»Die gesamten Monate vermutete ich, du hättest kein Interesse.« Er wählte seine Worte mit äußerster Sorgfalt. Dies bemerkte ich einerseits an seiner verlangsamten Sprachgeschwindigkeit, andererseits an der kleinen zwischen seinen Augenbrauen in Erscheinung tretenden Falte. »Dann vermutete ich, du könntest mich womöglich doch mögen … alsbald ich jedoch an deine hastige Abreise zurückdachte, verwarf ich diese Vermutung.« Kurzzeitig hielt er inne. »Dessen ungeachtet schmerzte es mir solchermaßen in der Seele … Ich kann es nicht in Worte fassen, wie weh es mir tat.«

»Es tut mir aufrichtig leid.« Beißende Schuldgefühle ließen mich regelrecht erstarren. »Das war niemals meine Absicht gewesen.« Ich fuhr mir über die Nase. »Aber wenn es dich vielleicht tröstet: Mir ging es komplett gleich.«

»Du –« Sein Mund klappte auf. »Du hegtest die gleichen Zweifel?«

»Ja.« Ich trank einen Schluck des süßlichen an einen heißen Sommertag erinnernden Himbeersaftes. »Zuallererst dachte ich, du magst mich … Dann begann ich zu hadern, verwarf alle Hoffnung … und darüber hinaus hatte ich eben die Sorge, mir dies neuerlich einzubilden … wie ich es mir in der Vergangenheit stets eingebildet hatte.«

»Grundgütiger, waren wir töricht!« Ein Kopfschütteln seinerseits folgte. Und darauf ein leises für mich nicht nachvollziehbares Kichern.

»Jetzt denk mal genau darüber nach«, sprach er sich an die Stirn fassend weiter – als vermochte er meine Verwirrung sofort zu bemerken. »Ich meine, wie blöd sind wir beide eigentlich?«

…

Wie?!

»Wir leiden hier monatelang wie geschlagene streunende Hunde … dabei wollten wir lediglich beim jeweils anderen sein … Wir wussten, wir mögen uns, dennoch haben wir durchwegs gezweifelt … Diese Zweifel stürzten uns in eine buchstäbliche Depression.« Für einen Moment schloss er die Lider. »Stell dir das vor!« Neuerlich schüttelte sein wunderhübsches Haupt. »Wenn es nicht derart schrecklich wehgetan hätte, würde ich jetzt darüber lachen.«

Und damit verstand ich.

Und wie ich verstand.

»Hätte ich dich angerufen«, murmelte ich zustimmend. »Anstatt mir das Hirn zu zermartern … wäre ich einfach zu dir gefahren, hätte ich mir Monate des Schmerzes erspart.« Ich nippte an meinem Glas. »Ich hatte solche Panik, wodurch ich mir letzten Endes alles verdorben habe. Ich habe mein eigenes Leben in tiefste Finsternis getaucht, und deins mit dazu.«

Es war typisch!

Mit meiner Abreise, meinen Ängsten und Befürchtungen hatte ich Jan verletzt – wie ich es stets irgendwie fertig brachte, geliebte Menschen zu verletzen.

Jans Verneinung zog mich aus meinem Selbstmitleid. »So ist das nicht. Du hattest Angst, du hattest Enttäuschungen erlebt.« Er senkte das Haupt. »Ich kenne dieses Gefühl. Zu gut. Mir ist es haargenau gleich ergangen. Bloß traute ich mich meistens erst gar nicht, eine Frau anzusprechen.« Sein Tonfall verlor mehr und mehr seiner anfänglichen Stärke. »Darum muss ich nicht auf derlei viele Enttäuschungen zurückblicken, wie es bei dir der Fall zu sein scheint.«

Wie bitte?!

Gut, Jan war nicht eben der Mutigste – dass es ihm allerdings vergleichsweise ähnlich wie mir ergangen sein sollte, war schlichtweg unglaublich! Immerhin war er Autor … und Kellner. Er besaß diesen gewaltigen Wortschatz, dieses besondere Feingefühl. Welche Frau sprachen solche Charaktereigenschaften nicht an? Welche Frau fand einen solchen sympathischen, wunderschönen und feinfühligen Mann nicht attraktiv?

Langsam richtete er sich auf. »Deshalb traute ich mich anfangs nicht, dich gerade heraus anzusprechen.« Er vollführte eine drehende Geste mit der linken Hand. »Die Sache mit dem Spaziergang im Schnee zum Beispiel war mir rein zufällig herausgerutscht. Denn, um ehrlich zu sein.« Er errötete. »Grundsätzlich spreche ich fremde Frauen überhaupt nicht an.« Jan schien neuen Mut aufbringen zu müssen, zeigten seine Gesichtszüge doch einen offenkundigen Ausdruck von Verunsicherung. Exakt die Verunsicherung, welche ich damals im Hotel oft an ihm bemerkt hatte. »In der Vergangenheit musterten Frauen mich in den meisten Fällen mit abschätzigen Blicken … und dies tun sie nach wie vor.«

Was?!

Das konnte nicht sein! Das konnte einfach nicht stimmen!

Nicht bei diesem atemberaubend schönen Mann!

»Aber du –« Sein Blick intensivierte sich – und unversehens raste mir eine Hitze durch die Adern. »Du bist eine der wenigen, die dies nicht tut. Als du mir das erste Mal in die Augen saßt – ich hatte noch nie derart viel Wertschätzung und Akzeptanz erblickt. Zu allererst dachte ich, ich bilde es mir ein.« Mit unsicherer Hand fuhr er sich durchs feuchte Haar. »Aber dann sprach ich dich an – und zu meinem Erstaunen stießest du mich nicht weg. Du verbrachtest Zeit mit mir. Du hörtest mir zu. Das war wundervoll.«

Seine berührende Erklärung wie sein mich gütig musternder Blick drangen vor bis in die tiefsten seit Jahren in Dunkelheit gelegenen Tiefen meiner Seele – erleuchteten diese, erwärmten diese.

Eine uns umarmende Stille breitete sich aus, nahm mir für wenige Augenblicke sämtliche Nervosität, Gewissensbisse und Unsicherheit.

Die Szenerie wirkte verlangsamt, und irgendwie in Watte gepackt … ähnlich wie während unserer Küsse.

Ich fühlte mich mit Jan verbunden, mit seiner Seele verschmolzen …

»Bei uns scheint vieles Zufall zu sein«, meinte ich nach einigen Momenten.

Meine Antwort vermochte Jan ein sanftes Lächeln zu entlocken. »Ja … sieht tatsächlich so aus.«

Um mein wild pumpendes Herz eine kleine Auszeit zu gönnen, lenkte ich das Thema in eine etwas andere Richtung.

»Hast du heute Urlaub?«

Jan erbleichte, sprang auf – und ich fiel vor Schreck beinahe vom Stuhl.

»O mein Gott!« Er stolperte zwei Meter vom Tisch weg. »Liza … O Gott … Hast du ein Telefon?«

Ich brauchte etwas, bis ich mich von seiner Reaktion erholt hatte. »Ja, sicher. Aber was ist denn los?«

»Ich bin ohne ein Wort zu sagen zu dir gefahren … ich … ich bin –«

Währenddessen ich mich erhob und auf ihn zuging, nahmen seine Züge einen zusehends panischer werdenden Ausdruck an – und meine Hände begannen zu zittern.

»Ich … ich habe es nicht mehr ausgehalten … ich wollte wissen, ob dir mein Buch gefällt … ob du etwas mit mir zu tun haben willst … und dann hatte Tina Christof von meiner Sehnsucht zu dir berichtet … Daraufhin sah ich rot und stürmte aus der Küche.«

Dergestalt aufgewühlt hatte er sich auf den Weg zu mir gemacht? Dergestalt aufgewühlt war er durch den tosenden Regen in meine Arme gelaufen?

Himmelherrgott!

Was hatte er sich alles angetan, um mich wiederzusehen …

Seine Anspannung erfüllte den Raum, legte sich wie ein klatschnasses Tuch um mich. Ohne nachzudenken, trat ich zu ihm und schlang meine Arme um seinen Oberkörper.

Ich wollte ihn beruhigen, wollte ihm die Geborgenheit vermitteln, welche er mir eben erst vermittelt hatte.

»Du kannst gerne mein Handy benutzen und sie anrufen«, flüsterte ich. »Aber ich bin mir sicher, sie werden es verstehen.«

Das mussten sie! Sonst würde ich persönlich zum Hotel fahren und diese Sachlage klären.

Dies war ich Jan mindestens schuldig.

Seine erkalteten Hände legten sich auf meinen Rücken, drückten mich an sich. »Ich hoffe es … ich hoffe es zutiefst. Wenn ich meinen Job deshalb verliere … dann stehe ich vor dem Nichts.«

Um in sein Gesicht sehen zu können, lehnte ich mich etwas zurück.

Die Panik war nach wie vor präsent.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Manfred dich deshalb rauswirft. Er ist ein wundervoller Mensch.«

»Ja … ja, ich weiß.« Jans Wangen nahmen ein sanftes Pink an. »Dennoch. Ich brauche die Arbeit. Ich brauche sie. Wenn ich sie verliere …« Wie um sich davon abzuhalten etwas Unüberlegtes zu verlauten, presste er die Lippen aufeinander.

Es war mir durchaus bewusst, welch hohen Stellenwert im Leben ein geregeltes Einkommen und ein fixer Arbeitsplatz besaßen. Da gab es kaum Ausnahmen.

Nichtsdestoweniger erschien Jans Reaktion allmählich ins Extreme abzugleiten. Insbesondere, wenn man für einen Chef wie Manfred arbeiten durfte.

Hatte Jan hohe Schulden? Waren Schuldeneintreiber hinter ihm her? Oder drohte die Bank ihm mit einer Pfändung?

Ich ließ von ihm ab, trat zu meiner Handtasche und fischte das Handy zwischen Portemonnaie und anderem Kleinkram hervor.

»Hier bitte.«

Dankend wie ansteigende Furcht auf seinem hübschen Antlitz ruhend nahm er es entgegen – bebende Hand inklusive.

Was war bloß los?

Wenn ich es nicht besser wüsste, schien Jan einem weiteren Nervenzusammenbruch beängstigend nahe.

»Jan?« Sachte legte ich meine Hand auf seinen Arm. »Was hast du? Kann ich dir helfen? Du wirkst so fertig. Ich mache mir Sorgen.«

Nervöse Augen trafen auf meine. Pinke Wangen wurden dunkelrot.

»Ich … ich –« Ein unwillkürliches Schlucken unterbrach seinen Erklärungsversuch. »Ich … nun … ja …«

»Was hast du?«, versuchte ich in einem sanften Tonfall ihn zum Weiterreden zu animieren. »Du kannst es mir gerne sagen.« Jäh wurden meine eigenen Wangen heiß. »Du hast mich eben erst geküsst … da kannst du mir ebenso sagen, was dich bedrückt.«

Stumm schüttelte er den Kopf, blickte zu Boden, dann zu mir zurück.

Ich dachte bereits, er würde weiterschweigen, da fuhr er letztlich doch fort. »Erstens … fürchte ich mich vor Manfreds Reaktion … Noch nie habe ich das Hotel während der Arbeitszeit ungefragt verlassen … Und zweitens –«

Mit einer jeden einzelnen Faser meines Körpers spürte ich Jans explosionsartig zunehmende Aufregung.

Wie gerne hätte ich ihm diese genommen!

Er wrang die Hände, visierte irgendeinen nicht vorhandenen Punkt des Laminatbodens an. Ich wiederum versuchte seine auf mich übergegangene nervliche Belastung, welche sich in Form von prickelnd-stechenden, auf- und niederwallenden über meinen Rücken jagenden Wellen bemerkbar machte durch tiefe Atemzüge abzumildern.

»… Ich … ich –« Nochmals hielt er inne, nahm nun selbst einen tiefen Atemzug, ehe er mich endlich wieder anzublicken getraute. »Ich habe furchtbare Angst vorm Telefonieren.«

Dies gestanden, fühlte mich eigenartigerweise um mindestens tausend Tonnen Sedimentgestein erleichtert.

Vielleicht sogar mehr.

Und Jan?

Seiner Mimik nach zu urteilen, empfand er auf dieselbe Weise.

Und ich verstand endlich, was hier los war.

Wie versteinert hielt dieser wunderschöne Mensch das Telefon in der linken Hand, besah dieses zumeist überbewertete Stück Technik mit leiser Sorge. »Ich … ich fürchte mich seit jeher. Wenn ein Telefon läutet, wird mir bereits ganz anders.«

»Ist schon gut. Es ist alles gut.« Ich streichelte ihm über den Rücken – eine Reaktion, ebenso unwillkürlich, wie ihm einen schüchternen Kuss auf die Wange zu setzen.

Überrascht blickte er mich an – mit ziemlicher Sicherheit genauso überrascht wie ich ihn.

Ich wusste nicht, woher ich diesen Mut nahm. Besser gesagt: Allmählich wusste ich überhaupt nichts mehr. Ich wusste nicht, was mit mir geschah. Ich wusste nicht, was mit Jan passierte. Meine Gedanken schlugen Purzelbäume, meine Gefühle verhielten sich wie gehetztes Wild …

Lag dies an seinem Liebesgeständnis? Lag es an den Küssen? Oder hatte womöglich alleine das Gewitter Schuld daran?

»Soll ich für dich anrufen?«, schlug ich nach einer längeren Weile unseres gegenseitigen stummen Anstarrens vor. »Es macht mir nichts aus.«

Seine heißen Wangen schafften das denkbar Unmögliche und wurden abermals einen kräftigen Ton dunkler.

Er lenkte den Blick Richtung Boden. »Das … das wäre wirklich nett … Aber was denken dann die Leute von mir? Dass ich es nicht einmal zustande bringe, mich persönlich zu melden, wenn ich so mir nichts, dir nichts verschwinde?«

Da sprach er ein wahres Wort.

»Ich verstehe … Willst du alleine telefonieren? Tust du dir dann leichter? Soll ich die Küche verlassen?«

Unbeobachtet konnte man sich schließlich besser konzentrieren und seinen Ängsten Herr werden.

Abrupt hob er den Kopf – pure Dankbarkeit breitete sich in seinem Gesicht aus.

»Ist es wirklich in Ordnung? … Ich brauche auch nicht lange.«

»Überhaupt kein Problem … Ich muss ohnehin erst einmal unter die Dusche.«

»Meine Güte!« Er weitete die Augen. »Das habe ich vollkommen vergessen … Ja, geh dich duschen. Es wäre furchtbar, würdest du dich erkälten.« Um seine Äußerung zu bekräftigen, drückte er mich bedächtig von sich weg.

Ein Zeichen, seinem Wunsch zu entsprechen.

»In Ordnung. Ich hole mir nur schnell ein Gewand, dann bin ich schon verschwunden und du kannst Manfred anrufen.«

Alsbald ich vor meinem geöffneten Schrank stand, überkam mich ein heftiger Adrenalinausstoß. Und diesem folgten ein Dutzend Weitere …

Nun befand ich mich in derselben Situation, wie Jan vorhin: Was sollte ich anziehen?

Meinen alten Achtzigerjahretrainingsanzug – mein Vater wollte diesen jedes Mal wegwerfen, wenn er ihn sah – konnte ich nicht überziehen. Er war verschlissen und ausgeblichen. Das smaragdgrüne Seidennegligé stellte jedoch dieselbe unmögliche Option dar. Und reine Unterwäsche ging erst recht nicht …

Himmel, noch einmal!

Da hatte ich diese schöne Wäsche für eben einen solchen Anlass wie den heutigen gekauft – um für meinen Freund oder einen an mir interessierten Mann gut auszusehen – und nun konnte ich diese Kleidungsstücke aus exakt diesem Grund nicht tragen …

Welch Bild hätte ich damit abgegeben?!

Da kannte ich Jan theoretisch ein paar Tage. Da hatten wir uns heute das erste Mal geküsst … Und dann sollte ich mit einem sexuell aufreizenden Stück Stoff am Leib in seine Arme fallen?

…

Nein.

Nein.

Nein, das ging nicht. Das konnte ich nicht tun. Das wäre billig und unpässlich … und überhaupt: Ich war doch kein männermordender Vamp!

…

Wie war ich damals überhaupt auf die Idee gekommen, mir solch teure Unterwäsche zu kaufen? Schließlich war ich bloß eine alte Jungfrau … und keine Hure!

Mit anwachsender Panik durchsuchte ich den Schrank. Ehe ich vollends die Nerven verloren hätte, entdeckte ich zum Glück mein champagnerfarbenes Seidenshirt und die dazu passende kurze Hose, welche ich letzten Herbst – und nach tagelangem Zaudern – erstanden hatte.

Ich atmete erleichtert aus.

Das ging!

Zwar zeigte die Hose viel Bein … sehr viel Bein … dafür punktete das Shirt mit einem geraden Schnitt, welches mein ohnedies geringes Dekolleté nicht zusätzlich in Szene setzte.

Ich nahm das feine Gewand an mich, öffnete eine kleine Lade, aus der ich einen Slip herausfischte und eilte ins Bad.

»Ich bin dann unter der Dusche, in Ordnung?«

Jan nickte mir aus drei Metern Entfernung zu – das Telefon nach wie vor wie eine Art todbringendes Gerät in der Hand haltend. »Ja, in Ordnung.«

»Du machst das. Ich weiß es.« Ich schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, welches er unsicher erwiderte, und schloss daraufhin die Tür.



Kapitel 23 – Deine Nähe


Jan zitterte wie Espenlaub.

Beruhige dich!, lief es wie eine Art Endlosschleife in seinem Kopf. Beruhige dich. Das Telefon beißt nicht.

Dafür drangen Stimmen aus dem Hörer …

Himmel!

Er hielt es nicht aus, mit Menschen zu sprechen, die er nicht sah!

Wie sollte er denn ihre Reaktionen abschätzen, wenn diese nicht vor ihm standen? Wie konnte er sich seinem Gesprächspartner anpassen, wenn dieser sich dutzende Kilometer von ihm entfernt aufhielt?

Sein Blick glitt über das schwarze Display, sein Daumen über den Home-Button schwebend.

Er konnte die Schmerzen nahezu fühlen – Schmerzen, welche von laut sprechenden Menschen sowie knallenden, kratzenden und pfeifenden Geräuschen ausgelöst wurden. Schmerzen, welche in seinem Trommelfell starteten, weiter in seinem Kopf wanderten, ehe sie in seinen Zähnen ein abruptes Ende fanden.

Die Erinnerung alleine verschlug ihm bereits das rechte Ohr.

Jan seufzte.

Ach, wäre es alleine der Schmerz gewesen, welcher ihm diese schauervolle Furcht entfesselte! Fatalerweise stellte dieser nur die Spitze des Titanic-Eisberges dar!

Unwillkürliche Pausen, in welchen er nicht wusste, ob er etwas entgegnen sollte … ihn nicht zu Wort kommen lassende Gesprächspartner … er selbst, der stets dann zu sprechen begann, wenn die Person am anderen Ende der Leitung etwas sagen wollte …

Er schluckte aufwallende Panik hinunter.

Aufgrund eines Dialekts, Sprachfehlers, einer zu leisen Stimme oder einer technischen Störung unmöglich zu verstehende Menschen …

Gütiger Gott!

Das war der Horror schlechthin.

Beruhig dich!, tadelte er sich. Manfred spricht normal und deutlich. Da kann nichts schiefgehen!

Aber dafür würde er ihm eine gewaltige Standpauke halten – das war gewiss.

Jan schüttelte den Kopf.

So oder so – er musste anrufen. Gänzlich unerheblich, welche Ausmaße seine Furcht annahm. Gänzlich unerheblich, welche Konsequenzen ihn erwarteten. Er musste Manfred Bescheid geben. Das war er ihm schuldig!

Mit bebenden Händen und rasendem Puls aktivierte er das Display und wählte die Nummer. Er führte das Telefon an sein Ohr – und sein gesamtes Gedärm zog sich zusammen.

Schweißausbrüche folgten ebenso wie ein sekündlich an Intensität zunehmendes Pfeifen in den Ohren.

Es tut mir leid, dass ich ohne ein Wort zu sagen verschwunden bin, überlegte er seinen Entschuldigungstext. Ich verstehe es voll und ganz, wenn Sie mir diesen Tag vom Lohn abziehen.

»Weiß.« Wie ein Tritt beförderte die volle Stimme des Hotelbesitzers ihn aus seinen Gedanken zurück in die Realität.

Wenigstens klingt er freundlich, versuchte er sich aufzumuntern. Wenigstens das.

… Bloß, wie lange noch?

»Hier ist … Jan Lehr«, antwortete er stotternd. »Ich … ich –«

»Jan!« Unbeschreiblich laut drang sein Name aus dem Hörer ihm ins Ohr, wodurch er regelrecht spürte, wie eine jedoch noch vorhandene Farbe aus seinem Gesicht verschwand und eisige Kälte ihm in die Wangen kroch. Gleichzeitig begann sein Herz irrsinnig hart zu pumpen – er fürchte, es würde aus seiner Brust springen.

Es tut mir leid, dass ich ohne ein Wort zu sagen verschwunden bin …

»Geht es dir gut?«

Hörte er da etwa Besorgnis in Herrn Weißs Frage mitschwingen?

»Wo bist du? Tina hat mir erzählt, wie du völlig aufgelöst das Hotel verlassen hast.«

…

Die Einsamkeit, das Unverständnis, die Furcht, das Gewitter, die Sehnsucht … Liza …

…

Er wusste nicht, ob er weinen oder schweigen sollte. Da er sich jedoch ohnehin viel zu aufgewühlt fühlte, um überhaupt ein einzig vernünftiges Wort hervorzubringen, entschied er sich für Letzteres.

Es tut mir leid, dass ich … mit keinem Wort zu sagen … verschwunden bin …

Nein, der Satz hatte anders gelautet …

»Jan? Hörst du mich?«

Räuspernd versuchte er, in seinem durchlöcherten Verstand irgendwelche halbwegs brauchbaren Begriffe zusammenzukratzen. »Ja … ja, ich höre Sie –«

»Was ist passiert? Wo bist du? Wir machen uns große Sorgen.«

…

Was?!

Sie machten sich Sorgen? Aber weshalb? Weshalb sollte irgendjemand sich um ihn sorgen? Schließlich war er lediglich Abwäscher und Kellner …

»Es … es geht mir gut.«

Er vernahm ein erleichtertes Ausatmen, gefolgt von neuen Fragen: »Wo bist du? Was ist passiert?«

…

Wann folgte wohl die Schelte?

»Ich bin … ich bin bei Liza.«

Es tut mir leid, dass ich … verschwunden bin –

»Liza?« Herrn Weißs mindestens um eine Oktave höher klingende Stimmlage riss ihn abermals aus sämtlichen ausufernden Überlegungen. »Das ist ja großartig! Und? Wie sieht es aus?«

…

Wie bitte?!

»Wie … wie meinen …?«

»Sie mag dich, nicht?«, flötete er. »Sie mag dich.«

Die eben erst seinen Körper ausfüllende Kälte wich brennender Hitze.

Herr Weiß wusste ebenfalls von seinen Gefühlen zu Liza Bescheid?!

Himmelherrgottsakrament!

Wem hatte Tina nicht noch alles davon erzählt?

»Ich … also –«

»Dann war es doch richtig, dich ihr zuzuteilen! Ihr mögt euch tatsächlich! Das ist ja großartig!«

Diese letzte mit purer Freude getränkte Aussage seines Chefs radierte den kläglichen Rest eines Wortschatzes aus seinem Gehirn.

Ein leichter Schwindel erfasste ihn. Mit bebender Hand stützte er sich an der hellgelb gestrichenen kühlen Wand ab. Er rang um Atem, versuchte, diese ihn übermannenden Informationen zu verarbeiten.

Was passiert hier? Was ist hier los? Träume ich …?

Sein Blick fiel auf die üppig blühenden auf dem Fensterbrett des großen Wohnzimmerfensters stehenden Orchideen, dessen bunte Farbenpracht sein Herz ein klein wenig Beruhigung zu schenken imstande war.

…

Der Chef hatte ihn wahrhaftig absichtlich mit Liza in ein Team gesteckt? … Aber wann war Manfred sich über seine großen Gefühle zu ihr gewahr geworden?

…

Etwa bereits, als er sie an der Rezeption beobachtet hatte?!

Eine Hitzewelle trieb ihm den Schweiß aus den Poren. Augenblicklich darauf folgte ein stechender Schüttelfrost.

O gütiger Gott!

Herr Weiß hatte es tatsächlich von Anfang an gewusst!

Peinlicher konnte es definitiv nicht mehr werden!

»Jan?«

Er würgte den bitteren Geschmack der Erkenntnis hinunter. »…J … Ja?«

»Geht es dir jetzt besser?«

…

Wie … was?!

…

»Ich …« Er räusperte sich. »… Ich denke schon.«

Ausgenommen, dass er vor Scham und Schande im Boden versank …

Nachdem er einmal tief durchgeatmet hatte, schien sein Gehirn seinen Dienst wenigstens zum Teil wieder aufzunehmen. »Ich … ich bin in spätestens drei Stunden in der Arbeit … Es tut mir leid … Ich wollte nicht solchermaßen übereilt das Hotel verlassen … ich verstehe es, wenn Sie –«

»Mach dir darüber bloß keinen Kopf!«, unterbrach der Chef fröhlich. »Bleib das Wochenende bei Liza … natürlich nur, wenn es für sie in Ordnung geht.« Für einen Moment herrschte Totenstille. Jan wagte es, weder zu atmen noch zu schlucken. »Macht euch zwei schöne Tage. Wir kommen derweil auch ohne dich aus … Du hast sowieso einiges an Urlaub angehäuft.«

»Sie werfen mich nicht raus?« Gleichermaßen schnell, wie ihm diese Worte aus dem Mund purzelten, bereute er sie. »Ich meine … ich –«

»Rauswerfen? … Meine Güte, Jan! Weshalb sollte ich dich rauswerfen?« Zu Jans Unglück vollbrachte Herrn Weißs an und für sich beruhigende Aussage es nicht im Geringsten, ihm Scham und Bangnis zu nehmen. »Schließlich weiß ich, wie sehr du unter Liebeskummer leidest … Alle wissen das.«

Sein Magen fing einmal mehr zum Rebellieren an.

»Hat Tina –«

»Nein … Tina hat nichts verraten.«

Der Chef schien neben Gefühlen obendrein Gedanken lesen zu können.

»Zu allererst wollte sie mir nicht ein Wort verraten. Zu groß war ihre Sorge, dich dadurch in Schwierigkeiten zu bringen. Aber letztlich hat sie sich mir anvertraut … Sie wollte bloß helfen. Sie war krank vor Sorge.«

Jan hätte sich am liebsten selbst geschlagen.

Er wusste, wie verschwiegen Tina grundsätzlich war! Wie hatte er ihr einen solchen Vertrauensbruch unterstellen können?

Seine Gedanken sprangen in eine andere Richtung.

Aber wenn Tina nichts verlautet hatte … Weshalb wussten alle Bescheid?

Eine Gänsehaut wie Übelkeit auslösende Gewissheit jagte ihm durch den Leib.

Hatte er seinen Kummer dergestalt heftig ausgestrahlt, wodurch ein jeder erkannte, was ihm fehlte?

Allmählich kam er sich wie eine Reklametafel vor.

Ein jeder um ihn herum schien aus ihm zu lesen wie aus einem offenen Buch … Alleinig er selbst brachte nichts zuwege – er, der Hochsensible. Er, der Einfühlsame …

Kopfschüttelnd vertrieb er sein vermaledeites Selbstmitleid und konzentrierte sich stattdessen auf die gegenwärtige Situation.

»Und es ist wirklich in Ordnung, wenn ich hierbleibe?«

»Natürlich.« Manfreds sanftes Lachen drang ihm ins Ohr. »Genieße es. Unternehmt etwas gemeinsam. Oder macht euch schöne Stunden auf der Couch oder im Schlafzimmer … Liebe ist etwas Wunderbares. Ihr seid noch Jung genug, um es richtig auszukosten, dennoch nicht zu jung, um eine Dummheit zu begehen.«

Eine dritte Hitzewelle fegte über ihn hinfort. »Ja … ich … ich werde mir Ihren Rat zu Herzen nehmen.«

Einerseits fühlte er sich wie ein vollkommener Idiot – andererseits gesegnet. Gesegnet, für einen solchen wunderbaren Chef zu arbeiten.

»Montag Vormittag ist früh genug, wenn du bei uns eintriffst.«

Jan nickte.

So viel Zeit … Dann durfte er drei Nächte bleiben!

Würde er Liza in dieser Zeit womöglich nahekommen dürfen? … Richtig nahe … In ihren Kör –

»Jan?«

»J … Ja, ja … ich bin pünktlich … Ich … ich werde pünktlich zurück sein.«

Ein weiteres leises Lachen seitens Herrn Weiß trieb ihm eine schier schmerzhaft Glut in die Wangen. »Ja dann … Ich wünsche dir ein schönes Wochenende … Und grüße Liza von mir.«

»Werde ich machen.«

»Bis Montag.«

»Ja … bis Montag.«

Tief durchatmend legte er auf.

Keine Schelte.

Keine Kündigung.

…

Die haben mich verkuppelt …

Hörbar ausatmend setzte er sich auf den Holzstuhl mit der weich gepolsterten Sitzfläche und betrachtete das Handy in seiner Hand.

Ein Samsung Galaxy S3.

Anscheinend interessierte Liza sich nicht sonderlich für neue Geräte.

Schön.

Janina wollte stets das aktuellste Telefon besitzen – und das zu einer Zeit, in welcher es noch nicht groß in Mode gewesen war, die neueste Hardware sein Eigen zu nennen.

Die sich öffnende Badtür verscheuchte die unbedeutenden Erinnerungen. Er blickte hinüber – und sein Herz entschied sich stracks, ein paar Schläge lang auszusetzen.

Liza.

Bloß am Rande bemerkte er, wie sein Körper sich erhob und auf dieses wunderschöne Wesen zuging. Viel zu sehr zog ihr einzigartiger Liebreiz ihn in ihren Bann. Ihre lockigen, handtuchfeuchten hüftlangen Haare ergossen sich über ihre rechte Schulter. Ihren grazilen Körper hatte sie mit einem cremefarbenen, kurzen, ihre ewig langen Beine perfekt in Szene setzenden Höschen und einem Trägershirt bekleidet. Obgleich ihr Outfit im Prinzip nichts weiter denn eine banale Nachtwäsche darstellte, vermochte diese es nicht im Geringsten, Lizas sinnliche Ausstrahlung abzumildern.

O ja, Liza versuchte es. Sie wollte unscheinbar wirken. Gegen ihre natürliche wie außergewöhnliche Schönheit konnte jedoch nicht einmal ein alter Jutesack etwas ausrichten.

Sie war eine Königin. Eine versteckte Königin. Seine Königin. Daran würde niemals irgendwer irgendetwas ändern. Nicht sie selbst, nicht die Zeit und erst recht nicht irgendeine andere Person.

Leicht errötend blickte sie zu ihm auf – schüchtern, verunsichert, überfordert.

Wie vorhin, als er sie stürmisch geküsst hatte …

Gütiger Gott!

Wie sehr hatte er in dem Moment weitergehen wollen – ihr das feuchte Kleid ausziehen … sie so lange küssen, bis sie sich ihm ergeben hätte.

Mit Haut und Haar …

»Hast du es geschafft?«, drang es zögerlich aus ihrem Mund – die Augenbrauen durch Kummer zusammengezogen.

Himmel … es war ihm unmöglich zu erklären, was dieser verständnisvolle Ausdruck bei ihm bewirkte.

»Ich verliere meine Arbeit nicht«, antwortete er gesenkt und glitt mit seiner linken Hand durch ihr seidenweiches Haar.

Sie versteifte.

Fürchtete sie sich? Schämte sie sich? Oder hatte sie Sorge, er würde zu weit gehen?

»Ist es dir unangenehm?«

Verhalten schüttelte sie den Kopf. »Es ist –« Sie nahm einen tiefen Atemzug. »Es ist einfach neu für mich … Ich habe das noch nie erlebt.«

Er fühlte sich wie in einem seiner unzähligen Tagträume … nein … wie der Protagonist seines Romans …

Sie – dieses zarte unerfahrene Wesen einer Frau … Er hatte diese reine Seele küssen dürfen! Alleine er, sonst niemand! Und nun stand sie vor ihm – mit bedingungslosem Vertrauen und diesem schier unbändigen Leuchten in den Augen.

Wie schön würde Liza erst aussehen, wenn sie in seinen Armen läge? Nichts anderes denn ihr ellenlanges Haar ihren Körper bedeckend?

Es wurde ihm mulmig in der Magengegend … oder besser gesagt, in der Leistengegend.

Nein.

Reiß dich ein wenig zusammen! Du kennst sie kaum! Da kannst du unmöglich an solch intime Dinge denken!

»Sag mir, wenn ich irgendetwas mache, was dir nicht behagt, in Ordnung?«

Niemals hätte er es sich verziehen, sie zu etwas zu drängen, das sie im Grunde genommen nicht wollte.

»Es tut mir leid«, sprach sie belegt. »Ich habe nichts Vernünftiges für dich zum Anziehen. Und dasselbe gilt auch für mich.«

»Wie meinst du das?« Er runzelte die Stirn. »Deine Nachtwäsche sieht wunderschön aus.«

Ihre Wangen färbten sich dunkelrot. »Früher hatte ich immer Pyjamas getragen.« An sich herabblickend fuhr sie sich über das Shirt. »Aber letztes Jahr habe ich mir dieses Seidennachthemd gekauft … und ab da an wollte ich einfach keinen anderen Stoff mehr. Es ist ein solch schönes Gefühl, Seide zu tragen – besonders nachts.«

Seide.

Herrgott!

In seinem gesamten Leben hatte er noch nie Seidenwäsche getragen –

Ein jäher Gedanke wurde von seinem wirren Geist ausgespuckt: Damals hatte Liza angemerkt, nicht viel Geld zu besitzen. Wenn dies der Wahrheit entsprach, wie hatte sie sich dieses Luxusgewand dann leisten können?

War sie etwa kaufsüchtig?

In seinem Bauch setzte ein Kribbeln ein – ein unangenehmes Kribbeln, welches er stets empfand, wenn unerfreuliche Erkenntnisse sich ihm offenbarten.

Er musste Liza fragen … Er musste wissen, wie sie zu dieser Gewandung gekommen war! Der schiere Gedanke, sie könnte Ähnlichkeiten mit Janina haben, verwandelte dieses wuselige Gefühl bereits in einen heftigen, ihm sämtliche Innereien zusammenziehenden Sturm.

»Liza?«

»Ja?« Sichtlich verunsichert wandte sie sich ihm zu. »Magst du noch etwas essen?«

»Nein.« Schmunzelnd schüttelte er das Haupt, straffte sich und klärte seine Stimme. »Ich will jetzt wirklich nicht unhöflich klingen … aber … Du sagtest mir damals, du hättest Geldprobleme –«

»Ja«, fiel sie ihm einerseits spontan, andererseits kleinlaut ins Wort. »… Ich weiß, was du sagen willst.«

Er hielt sich zurück, Weiteres anzudeuten.

»Aber komm.« Sie vollführte eine Armgeste nach rechts. »… setzen wir uns aufs Sofa, in Ordnung?«

»Ja … gute Idee.«

Ohne einen Gedanken daran verloren zu haben, griff er nach ihrer Hand und folgte ihr ins luftige Wohnzimmer. Drei große, bei Schönwetter die halbe Wohnung mit Sonnenstrahlen durchflutende Fenster boten eine atemberaubende Aussicht über die Dächer der Siedlung. Heute erblickte er leider keine hereinscheinende Sonne, dafür angsteinflößende pechschwarze Wolken, regennasse Dachschindeln und im Sturm wehende Baumkronen.

Liza ließ sich nieder. »Es stürmt nach wie vor ganz schön.«

Die schweren gegen die Fenster prasselnden Regentropfen wie der um den Häuserblock pfeifende Wind bekräftigten diese Tatsache – und erhöhten sein Kribbelgefühl immens.

»Ich liebe es, hier zu sitzen, wenn es regnet. Da kann ich beobachten, wie die Blitze über den Himmel zucken.«

Lizas Aussage war nicht eben hilfreich dabei, seine übelkeitserregenden Empfindungen zu verringern.

»Ich mag das nicht wirklich … Aber wenigstens ist das Gewitter längst verzogen. Die Donner waren fürchterlich.«

Und seine beschämenden Reaktionen beträchtlich mehr …

Ihre Augen weiteten sich. »Natürlich … Das verstehe ich. Würde ich mich vor Gewittern fürchten, würde ich bestimmt ebenso empfinden.«

Eine frische Scham ergriff Besitz von ihm.

Wie peinlich es gewesen war, ihr diese alberne Angst zu beichten. Und wie furchtbar er sich gefühlt hatte, während Blitze durchwegs in ihrer Nähe eingeschlagen hatten!

Nun, wenigstens etwas Gutes hatte dieses verheerende Wetter an sich gehabt: Er hatte Liza umarmen dürfen.

Andererseits … hätte sie dieses beschämende Schutzsuchen seinerseits nicht erlaubt, hätte er den restlichen Weg bis in ihre Wohnung niemals überstanden.

Zärtlich glitt er mit seinen Fingerkuppen über den Rand ihres Seidenshirts.

Es fühlte sich wunderbar glatt und zart an – ein wenig wie ihre Haut …

»Aber jetzt sag mir lieber, wie du zu diesem wunderschönen Gewand gekommen bist.«

»Du denkst, ich hätte es mir auf Kredit gekauft, oder?«

Jan fühlte sich ertappt. Und beschämt – wieder einmal.

»Ist schon gut«, beruhigte sie sanft – vermochte sie etwa seine Gefühle zu spüren? »Ich kann deine Reaktion gut verstehen … Erst jammere ich über zu wenig Geld, und dann tauche ich mit Gewändern aus reiner Seide auf.«

»Nein … nein, so meinte ich das nicht.«

Er hätte seine Worte sorgfältiger wählen sollen!

Liza schüttelte bedächtig den Kopf. »Mach dir keine Gedanken … Ich verstehe dich wirklich. Ich hätte nicht anders reagiert.«

Aber sie fühlte sich zum Teil missverstanden – er spürte es genau!

Weshalb sonst reagierte sein Körper solcherweise aufgekratzt – seine Sehnsucht und sein Verlangen einmal hintangestellt?

»Ich kann dir alles erklären.« Sie rieb sich über das rechte Auge. Dabei erhaschte er ein leichtes Zittern ihrer Hand. »… Obwohl es mir … nun … etwas peinlich ist.«

»Peinlich?«

Dies verstand er ganz und gar nicht. Was konnte daran bitte schön peinlich sein?

Sichtlich betreten richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre Hose, und schob sich das rechte Bein unter das linke. »Ich … nun, das war so gewesen: Ich hatte Unterwäsche gesucht … Ich trage ja gerne Kleider, wie du wahrscheinlich gemerkt hast.«

Jan nickte zum Zeichen des Verständnisses.

»Ja, nun … weil ich fast keine Oberweite besitze, brauche ich einen vernünftigen BH, damit ich wenigstens irgendwelche Rundungen zusammenbringe …« Sie umfasste ihren Fuß. »Tja … und da BHs in günstigen Textilläden leider ständig zu groß geschnitten sind, habe ich mir eines Tages gedacht, einmal ein etwas exklusiveres Geschäft aufzusuchen.« Sie warf ihm einen scheuen Blick zu. »Dort habe ich die unterschiedlichsten BHs durchprobiert … Und erstaunlicherweise hat ein jeder perfekt gepasst. Seit diesem Tage kaufe ich meine Unterwäsche ausschließlich in teureren Geschäften –« Sie strich sich eine gelockte Strähne hinter das rechte Ohr. »Nun ja, und dort bin ich in weiterer Folge auf diese wunderschönen Seidenartikel gestoßen … Und da ich mir mein Leben lang –« Ihr Gesicht fing förmlich zu glühen an. »Weil ich mir oft vorgestellt habe … ja … also … jemandem … jemandem, dem ich etwas bedeute … jemandem, der mir etwas bedeutet … ein Partner.« Unbeholfen gestikulierte sie mit den Händen. »… ein Freund …«

Wie niedlich sie aussah, wenn sie derart beschämt um Worte rang! Solchermaßen niedlich, es wurde ihm selbst zum wiederholten Male heiß. Doch noch so viel niedlicher empfand er ihre Vorstellung, die sie ihm da zu erklären versuchte: Sie kaufte allerliebliche Nachtwäsche, in der Hoffnung, ihrem zukünftigen Freund damit eine wunderschöne Nacht zu bereiten.

Konnte es eine perfektere Frau geben?

»Ich wollte für einen zukünftigen Freund hübsch aussehen«, bestätigte sie seine Vermutung. »… Ich wollte ihm gefallen, ich wollte … dass er … dass er –«

»Dass du mich mit deiner Sinnlichkeit verführst?«

Es überraschte ihn allmählich selbst, wie leicht er diese verwegenen Deduktionen über die Lippen brachte.

Vorhin im Regen … vor der Badezimmertür … während des Essens …

Womöglich ließ sein aufwallender Mut sich mit dieser intensiven Vertrautheit erklären, welche seit ihrem Kuss in seiner Seele innewohnte? Eine Empfindung – als wären sie mittlerweile dreißig Jahre verheiratet …

Beschämt legte sie die rechte Hand auf ihre heiße Stirn. »Ja … ja –« Jäh erschrak sie, wandte sich ihm zu. »Aber das soll nicht heißen, dass ich dies bei dir vorhabe … Ich meine … ich kenne dich nicht … ich habe mir das ausschließlich mit jemandem vorgestellt, der mit mir zusammen ist, der … Ich meine, ich will dich nicht verführen … ich bin kein leichtes Mädchen, verstehst du … Ich –«

Sein Herz begann zu rasen. »Aber du willst mit mir zusammen sein, oder?«

Hatte sie womöglich doch kein rechtes Interesse an ihm?

Nervös knetete sie die zarten Hände. »Ja … ja, das, das würde ich gerne … das wäre –«

Himmelherrgott!

Endlich verstand er!

Sie machte sich Gebirgsketten große Sorgen, um wohl keinen schlechten Eindruck ihm gegenüber zu machen! Sie wollte es ihm mit einem jeden Atemzug recht machen! Einzig und allein deshalb zierte sie sich!

»Dann denke nicht für einen Augenblick, ich würde dich als ein leichtes Mädchen ansehen.« Langsam beugte er sich zu ihren Lippen. Lippen, welche ihn anflehten, geküsst zu werden. Lippen, welche unaussprechlich viel zu lernen hatten. Lippen, welche die Glut seiner Sehnsucht schürten. »Ich bin der erste Mann, der dich küssen durfte … Wie kommst du da auf den Gedanken, du wärest eine Frau, welche leicht zu haben ist?«

»Ich … ich … weiß nicht … ich habe –« Sichtlich verzweifelt rang sie um eine Erklärung. »… Das sollte nicht … Du bist einfach –«

Ihre Reaktion erregte ihn nahezu gleichermaßen, wie ihr sinnlicher Anblick.

Pure Beschämung spiegelte sich in ihrem Gesicht wider. »Ich habe es mir so oft vorgestellt … ich habe mir mein Leben lang gewünscht, endlich jemandem zu begegnen … ich –«

Mit der Zeit hatte er genug von unnötigen Rechtfertigungen – selbst … nein besonders, da diese seine Lust exorbitant steigerten.

Lizas Gegenwart, ihre Mimik und Gestik, ihre Schüchternheit … er wollte sie weiterküssen. Er wollte sie weiterküssen, bis ihm die Luft ausging. Er wollte sie küssen, bis er nicht mehr imstande war, sich zurückzuhalten. Er wollte sie küssen, bis sie es selbst so sehr wollte, ja gar keine andere Wahl sah, denn sich ihm hinzugeben.

Bedächtig glitten seine Lippen über ihre. Er schlang die Arme um ihren Oberkörper, worauf sie ihre Hände auf seine mit ihrem weichen Bademantel eingehüllte Brust legte und sich zag an ihn drückte.

Ein Schwarm an Glücksgefühlen und Erleichterung entriss ihn seiner letzten törichten Zweifel.

Gleichzeitig schwor er sich, jegliches unnütze Grübeln zu beenden und alleine auf sein Herz zu hören.

Um es sich selbst und allen Göttern und Engeln zu beweisen, welche möglicherweise in diesem Moment ihre allmächtigen Augen auf sie beide kleingeistigen Wesen warfen, presste er Liza an sich, drang mit seiner Zunge in ihren Mund und betete im selben Atemzug, dass ihre zarte Liebe eine Chance erhielte. Er betete für ein langes gesundes Leben zu zweit und viele Stunden gefüllt mit Liebe, Hoffnung und Lachen.

…

Er konnte nicht genau sagen, wann Liza zu seufzen begann. Er wusste ja nicht einmal, wie lange er sie küsste. Ausschließlich einer Tatsache war er sich bewusst: Ihr Körper glühte ebenso wie sein eigener …

Himmelherrgottsakrament!

Er musste aufhören!

Keinesfalls wollte er sie zu etwas drängen oder verleiten, das sie später bereute …

Und doch wünschte er sich nichts sehnlicher, denn weiterzugehen.

Äußerst widerwillig ließ er von ihr ab. »Es tut mir leid.« Erst durch diese hervorgewürgte Entschuldigung seinerseits wurde er sich seiner Atemlosigkeit gewahr. »Ich wollte dich nicht bedrängen … wirklich nicht.«

Schließlich realisierte er Lizas strahlende Augen, mit welchen sie ihn liebevoll-scheu musterte. Er bemerkte ihre brennenden Wangen und ihren zuckersüßen einen Spalt weit geöffneten Mund, dessen rosa Lippen sie mit ihrer Zunge zaghaft befeuchtete.

…

Sie war so schön … bei Gott, so schön –

Ein Herzstillstand auslösender Knall zerfetzte die romantische Stimmung und setzte eine sich wie tausend Nadelstiche anfühlende Heerschar an nackter Panik frei, welche ihn dazu nötigte, wortwörtlich einen halben Meter in die Höhe zu springen, einzig um sich darauffolgend wie von Sinnen und mit wild hämmerndem Herzen an Liza zu drücken.

»Bitte –« Bleierne Furcht schnürte ihm den Brustkorb zusammen. »Wieso fängt es wieder an?«

Er bemerkte Lizas Hände und wie diese ihm beruhigend über den Rücken streichelten.

»Alles ist gut«, sprach sie gesenkt. »Ganz ruhig … Das war sicherlich nur ein einzelner Donner. Da kommt nichts mehr.«

Das abnehmende Tageslicht sprach da bedauerlicherweise eine gänzlich andere Sprache.

Diesen Gedanken noch nicht vollständig zu Ende gedacht, drang bereits ein neuer tiefer Donner von außen durch die Mauern ins Wohnzimmer.

Bebend drückte er sich fester an sie. »Liza … ich habe Angst … ich habe wirklich Angst … Es ist so furchtbar laut.«

Er presste die Lider zusammen, kuschelte das Gesicht in ihr duftendes Haar.

Weshalb musste diese scheußliche Bangnis ihn jedes Mal wie eine Dampfwalze überrollen? Weshalb gelang es ihm nicht, ihr Herr zu werden? Weshalb vermochte er es nicht, ein ganzer Mann zu sein?

»Komm.« Mit sanften Händen zog sie ihn ein kleines Stück weit von sich weg.

Ein jeder Gott verdammte Zentimeter bescherte ihm unaussprechliche Schmerzen, Furcht und beißende Sehnsucht.

»Gehen wir ins Schlafzimmer. Es besitzt nur ein Fenster. Ich bin mir sicher, die Donner hören sich dort nicht derart laut an, wie hier in diesem großen Raum.«

Er schluckte. »Ja … das klingt gut.«

Unbeschreiblich gut.

Seine aufwallende Dankbarkeit und Vorfreude, Liza weiterhin nahe sein zu dürfen – ihr privatestes Zimmer betreten zu dürfen – verdrängte für einen winzigen Moment diesen unermesslichen Horror und erlaubten ihm in weiterer Folge, sich leicht zitternd zu erheben und ihr zu folgen.

Sie öffnete die vom Bad an die drei Meter weiter weg gelegene linke Tür und betrat ein kleines mit hellen Möbeln eingerichtetes altrosa gestrichenes Zimmer. Ein Einzelbett stand auf der linken Seite, ein weicher lila Hochfloorteppich lag vor einem großen doppeltürigen sich über die komplette rechte Seite ziehenden Schrank. Er wandte sich dem Fenster zu, welches sich exakt gegenüber dem Bett befand und Lizas Vermutung bestätigte: Hier würden Donner weit abgeschwächter zu vernehmen sein.

Seine Traumfrau schloss die Tür. »Ich mache noch schnell das Rollo zu. Das dämmt zusätzlich. Und mögliche Blitze siehst du dann auch nicht mehr.«

»Vielen Dank.«

Ein engelsgleiches Lächeln zur Schau tragend schaltete sie eine auf ihrem aus Holz gefertigten Nachtkästchen stehende LED-Lampe ein.

Ein tiefdunkles Rot wechselte über in ein strahlendes Gelb, weiter zu Hellblau und Grün.

Mit einem klirrenden Geräusch ließ Liza den Rollladen hinunter und das Zimmer hüllte sich in eine wohlige Dunkelheit.

»Gefällt dir das Licht?«, hörte er Liza fragen.

Er drehte sich zu ihr. »Ja, es ist beruhigend.«

Unaussprechlich beruhigend.

»Mich beruhigt es ebenfalls.« Ein glücklich strahlender Ausdruck legte sich auf ihre Züge. »Besonders, wenn ich mich einsam fühle. Da schalte ich sie gerne ein.«

Ein gedämpfter Donner erklang. Leider Gottes reichte dieser dennoch aus, um Jans Blutdruck abermals in die Höhe schnellen zu lassen.

Bevor er sich zu Liza drücken konnte, hatte sie längst die Initiative ergriffen und die Arme um ihn geschlungen.

»Normalerweise würde ich das nicht vorschlagen«, begann sie unsicher. »Aber … nun … legen wir uns ins Bett? … Ich bin ohnehin komplett fertig … und … und dich alleine im Wohnzimmer oder hier zu lassen … erscheint mir nicht richtig. Besonders in deiner jetzigen Situation.«

Obgleich er sich tatsächlich und wahrhaftig schrecklich fürchtete, sein Adrenalin ihm den halben Verstand raubte, war die Vorstellung, Liza derart nahe sein zu dürfen, schier überwältigend.

»Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen … Dennoch will ich dich zu nichts drängen.« Mit großem Widerwillen zog er sie ein Stück zurück, suchte ihren mitfühlenden Blick. »Ich meine es ernst … Nicht, dass du vermutest, ich würde dich zu irgendetwas überreden wollen.«

Er war wahrlich vieles: ein Hasenfuß, eine Mimose, ein lausiger Schriftsteller. Eines war und würde er allerdings niemals sein: Eine eigennützige hinterhältige Person, welche ihre egoistischen Sehnsüchte einzig durch scheinbare Freundlichkeiten gegenüber Mitmenschen erbeutete.

»Ich glaube dir doch«, gab sie leise zurück. »Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen.« Zögerlich ließ sie von ihm ab. »Willst du dich zuerst hinlegen?«

Wenn er es nicht längst gewusst hätte – spätestens mit dieser Aussage hätte ihm klar werden müssen, welch einfühlsame Person Liza darstellte.

Wer sonst legte ein solches Vertrauen in einen grundsätzlich fremden Menschen? Welche Frau würde ihm blind vertrauen und mit ihm in einem Bett schlafen? … Speziell eine Jungfrau?

»Du bist wunderbar, weißt du das?«

Im roten Schein der Lampe muteten Lizas Wangen ungleich glühender an. »Danke.« Beschämt senkte sie das Haupt, woraufhin er nach ihrer zarten Hand fasste und sie bedächtig ins Bett leitete.

Eine wohlige Wärme vermengt mit Glücksgefühlen, Dankbarkeit und leichter Erregung breitete sich in seinen Herzen aus.

»Wie spät ist es überhaupt?«, fragte er, während sie die Bettdecke über sie beide zog. »Ich weiß nicht einmal mehr genau, wann ich von Seedorf weggefahren bin.«

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