Kitabı oku: «The sound of your soul»
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Epilog
Anhang/Danksagungen
The Sound of your Soul – Eine Hochsensiblen-Lovestory
Text: © by Isabella Kniest, 9184 St. Jakob im Rosental, Österreich
Cover: © by thehungyjpeg.com, Isabella Kniest
Brushes: © by Colorburned/Grant Friedman www.colorburned.com
Vectors: © by all-free-download.com, designed by Freepik.com
Verwendete Schriftarten: Adobe Garamond Pro, BlackWhite Script, Intima Script, Loves, Aphrodite Pro,
E-Mail: swevennovel@gmail.com
Website: https://swevennovel.jimdofree.com
Erstveröffentlichung des Textes als E-Book (ASIN: B01BAROHEQ): 31. Januar 2016
1. Auflage des Taschenbuchs (ISBN-13: 978-1983260001, ASIN: 1983260002): 10. August 2019 (vollständige Überarbeitung des Textes)
1. Auflage des Hardcovers (ISBN-13: 979-8479807541, ASIN: B09M9N84YV): 27 November 2021 (geringfügige Korrekturen, Buchsatz, Infotext, Cover)
2. Auflage des Taschenbuchs (ISBN-13: 979-8486088094, ASIN: B09MB5R2SH): 27. November 2021
Weitere Korrekturen des Covers/Textes: 05. Juni 2020, 26. Juni 2021, 06. Januar 2022
Nun noch das übliche rechtliche Geplänkel:
Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Ereignisse und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Ereignissen sind rein zufällig. Eventuell erwähnte Markennamen sind Eigentum ihrer jeweiligen Inhaber und wurden rein zu schriftstellerischen Zwecken benutzt.
Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Anhang und den Danksagungen am Ende des Buches.
Um Missverständnissen vorzubeugen, nachfolgend einige wichtige Informationen für jeden potentiellen Leser/Käufer:
Erstens.
Ich bin Selfpublisher. Korrektorat, Lektorat, Coverdesign, Buchsatz, E-Book-Gestaltung, Kapitelverzierungen – alle diese Arbeiten werden ausschließlich von mir selbst durchgeführt. Für ein fehlerfreies Buch kann ich somit nicht garantieren. Dafür jedoch einer jeden Seite, einem jeden Kapitel, einem jeden niedergetippten Wort, einer jeden Szene und Aussage meine gesamte Aufmerksamkeit und Liebe gewidmet zu haben. Jeder Satz beinhaltet mein Herzblut, meine Gefühle, meine Lebensauffassung – ein Stück meiner selbst. Wenn ich ein Buch zur Veröffentlichung freigebe, präsentiert es meinen aktuellen Wissensstand. Aus diesem profanen Grund überarbeite ich meine Bücher in zeitlich zwar längeren dennoch regelmäßigen Abständen. Werde ich mir hingegen über Rechtschreib-, Kommasetzungs- oder Grammatikfehler bewusst, korrigiere ich diese stets sofort in all meinen Manuskripten und aktualisiere sie auf allen käuflichen Plattformen. Sollte Ihnen, lieber Leser, eine solche Vorgehensweise zu amateurhaft oder zu billig anmuten, bitte ich Sie, mein Buch nicht zu erstehen. Falls Sie sich nun unsicher sind oder die Vermutung in Ihnen erwächst, ich könnte Schund verkaufen, bitte ich Sie, zuerst die Leseprobe zu lesen und sich dann zu entscheiden. Ist Ihnen meine Fehlerquote zu hoch, werde ich Ihnen nicht böse sein, wenn Sie mein Werk nicht in den Warenkorb legen.
Schreiben ist mein Hobby. Weder strebe ich Reichtum noch Berühmtheit an. Menschen zu bereichern, ihnen den intellektuellen und seelischen Horizont zu erweitern und eine andere Sichtweise zu offenbaren – das ist mein einziges Bestreben. Deshalb bin ich finanziell außerstande, ein Lektorat und Korrektorat oder Coverdesign auszulagern. Besäße ich die Möglichkeiten, würde ich keine Sekunde zögern und meine Werke einem Experten übergeben.
Zweitens.
Trotz mehrerer Rechtschreibreformen verwende ich die alte Schreibweise der unterbrochenen direkten Rede.
Ein Beispiel: Nach der neuen Richtlinie müsste ich schreiben »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab, »als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«
Ich hingegen schreibe »Man wird nicht«, sagte sie und schloss die Tür ab. »Als Misanthrop geboren – man wird dazu gemacht.«
Wie man sieht, ist mir die korrekte Schreibweise bestens bekannt. Ich entschied mich jedoch bewusst dafür, diese Regel aus persönlichen und ästhetischen Gründen zu brechen.
Drittens.
Da ich Österreicher bin, schleichen sich zwangsläufig viele österreichische Begriffe in meine Texte ein. Begriffe, die von deutschen Landsleuten unwissentlich als Fehler angesehen werden können.
Ein Beispiel: In unseren Breitengraden spricht man nicht von Kasse, sondern von Kassa. Dies ist kein Tippfehler und hat auch nichts mit einer Rechtschreibschwäche oder läppischen Korrektur meinerseits zu tun.
Viertens:
Die unscheinbaren Wörter »welche«, »welcher«, »welches« gelten in der schriftstellerischen Zunft als schlechter Stil.
Ein Beispiel: Sie betrat den Secondhandladen, welcher sich neben der stark befahrenen Hauptstraße befand.
Erfahrene Lektoren und Autoren werden nun schreien, wüten, sich in Wänden verbeißen oder höhnisch lachen. Denn diese Benutzung des Wörtchens »welcher« stellt das Todesurteil schlechthin dar und ist ein Zeichen dafür, den Text eines armseligen Amateurs/Pseudoschriftstellers vor sich liegen zu haben. Dennoch werde ich diesen literarischen Toilettengriff immer wieder wagen. Warum? Weil er einen Teil meines persönlichen Stils darstellt. Weder benutze ich diese Pronomen als erzwungenes Synonym für »die, der, das«, noch möchte ich damit intelligent oder belesen anmuten. Sie sind schlicht eine Farbnuance, um das Bild detaillierter darzustellen. Ein Bild von sensiblen oder sich altmodisch benehmenden Protagonisten. Ein Bild von Respekt und Ehrerbietung vergessener Werte.
Fünftens:
Abgesehen von wenigen Ausnahmen verfasse ich manchmal längere, manchmal kürzere Vorwörter, die sich nahtlos an das Impressum anschließen. Stets behandeln diese Texte ein oder mehrere in der Geschichte erwähnte Themen. Gewisse Passagen enthalten meine persönliche Erfahrung/Haltung/Meinung/Ausbildung/Lebensauffassung, gewisse Passagen enthalten einen an die Gesellschaft gerichteten Appell. Falls der geneigte Leser sich dadurch persönlich angegriffen oder beleidigt fühlt, kann ich nur sagen, dass mich das nicht im Geringsten kümmert. Texte und Geschichten verfasse ich nicht, um Leser zu beleidigen, sondern um nachdenklich zu stimmen. Wer sich daran stört, soll mein Buch in Gottes Christi willen nicht weiterlesen oder eben erst gar nicht kaufen.
Abschließend danke ich jedem Leser, der diese Information durchgelesen hat. Und ich danke jeden, der sich nicht beleidigt fühlt und entscheidet, erst nach der Leseprobe sein endgültiges Urteil zu fällen.

Für all diejenigen, die stolz genug sind, nicht jedem Trend hinterherjagen zu müssen; genügend Demut in sich tragen, um sich selbst nicht gar so wichtig zu nehmen; ausreichend Vernunft besitzen, um die Realität mit allen Licht- und Schattenseiten zu erkennen; die nötige Objektivität aufbringen, um die Gesellschaft im Allgemeinen und ihr Gegenüber im Speziellen korrekt einzuschätzen. Aber vor allem die erforderliche Weisheit und Stärke in sich vereinen, um zwischen Wesentlichkeit und Belanglosigkeit zu unterscheiden und Mut, Ehrlichkeit, Einfühlungsvermögen und Gerechtigkeit gedeihen zu lassen.
Approximativ gesehen, existieren zwei Arten von Menschen: die Selbstsüchtigen und die Selbstlosen. Bilden Erstere das geschmiedete, unzerstörbare Konstrukt der menschlichen Gesellschaft, stellen Letztere die wenigen, winzigen, die ölige Finsternis durchbrechenden Lichter dar, welche den Alltag und das Leben aller bereichern, durch ihr aufopferndes, verständnisvolles Naturell jedoch früher oder später jedwede Lebensfreude verlieren und elendig zugrunde gehen.

Beschienen vom kalten Licht des Neumondes und das der fahlen Sterne irrte eine Gestalt durch die finstre Nacht. Ihr knielanger Mantel flatterte im schneidenden Wind. Vereinzelte weit auseinanderliegende Häuser wiesen ihr den Weg.
Es ist kalt, ging es ihr durch den Sinn. So eisig kalt.
Von irgendwo her drang das aufgeregte Bellen eines Hundes, wodurch die Gestalt dazu veranlasst wurde, ihr Haupt Richtung Stadt zu drehen.
Hell erleuchtet war sie. Selbst von hier – einige Kilometer entfernt auf dieser für Häuselbauer unattraktiven Anhöhe – war es möglich, die fröhlich blinkenden Weihnachtsdekorationen zu erkennen.
Weihnachten mit meinen Großeltern.
Kopfschüttelnd versuchte die Person, den Gedanken loszuwerden.
Dies ist vergangen. Und über Vergangenes brauche ich nicht mehr nachzusinnen.
Das mit einer dicken Raureifschicht überzogene Gras raschelte unter ihren schwarzen Schuhen. Die Luft war getränkt vom Duft der schneebedeckten Berge.
Ein warmes Bett, schoss es ihr durch den Sinn.
Wie lange lag es nun zurück, seitdem sie ein warmes Bett gespürt hatte?
Ein warmes Bett – allerdings nicht im Sinne von einer temperierten Wohnung, sondern gewärmt von Liebe, Geborgenheit, Nähe und Vertrauen.
Liebe.
Wie gerne würde sie noch einmal Liebe spüren! Einmal noch. Und mit dieser einen geliebten Person bis zum Ende ihrer Tage verweilen. Lediglich eine letzte Beziehung. Die Richtige finden. Wenn es mit der eigenen Familie nicht funktionierte, dann zumindest mit der richtigen Frau.
Die Gestalt stemmte sich gegen den anwachsenden Wind, welcher ihren Augen mehr und mehr Tränen entlockte. Ein leises Schluchzen bewies ihr jedoch, dass nicht der Dezemberatem Schuld daran trug.
Die vertraute Silhouette des Heuschuppens gelang es, der zitternden Person für wenige Augenblicke diese ihr erbarmungslos in die Knochen vordringende Verzweiflung zu vertreiben.
Langsam öffnete sie die angelehnte Holztür, glitt lautlos hinein und drückte sie hinter sich zu. Gerüche von altem Holz und frischem Stroh und Heu stiegen ihr stechend-vertraut in die Nase. Bis auf ein paar durch Ritzen der Holzbalken fallende Lichtstrahlen der Stadt lag der Raum in erstickender Dunkelheit. Der Person reichte es aus, ihre Augen hatten sich an die Finsternis gewöhnt – schließlich lagen bereits einige Nächte hinter ihr, in welchen sie bei Wind und Kälte herumzuirren verdammt gewesen war und hier Unterschlupf gefunden hatte.
Sie trat zur geschätzt drei Meter langen, sich filigran anfühlenden Holzleiter und erklomm diese mit bebenden Armen und Beinen. Ein jeder Schritt entlockte den Sprossen angsteinflößende knarzende Geräusche. Das Ende erreicht, krabbelte die Person auf allen vieren Richtung Strohhaufen. Still, ja beinahe würdevoll, türmte sich dieser vor ihr auf.
Sie kuschelte sich in das getrocknete kratzende Getreide. Zitternd wischte sie sich kalte Tränen aus dem Gesicht. Dabei ertappte sie sich, wie sie daran dachte, den Mantel auszuziehen, sich in die Wiese zu legen, einzuschlafen und niemals mehr zu erwachen.
Nein! Meine Situation wird sich bessern. Bald habe ich sämtliche Schulden beglichen, dann muss er mich zurück in die Wohnung lassen.
Die Gestalt schloss die Lider.
Ja, es wird besser … Es wird besser … Bestimmt. Dort draußen existiert jemand … wartet jemand auf mich … ja, es wird sich bessern …
Ein leichter wie unruhiger Schlaf überkam sie, welcher ihr jedwede Sorgen für eine kurze Zeit zu vergessen erlaubte.
Darf ich erblühen?
Darf ich lieben lachen, spüren?
Oder muss ich verwelken?
Meine Hoffnung in Finsternis ertränken?
Wie lange muss ich noch warten?
In diesem trostlosen, finstren Garten?
Wer kann mich erretten?
Sprengen diese mich umschließenden Ketten?
Mein Herz ruft nach Erlösung,
Meine Seele dürstet nach Genesung.
Und falls niemand mich mehr findet,
Die Finsternis sich ewig an mich bindet.
Dann erlaube es mir zu gehen,
Denn erst wenn ich nicht mehr atme, werde ich klar sehen.

Samstagabend. Überall Menschen – auf den Straßen, in Lokalen, Restaurants, Kinos. Das blühende Leben. Und eine typische verfluchte Drecksjanuarkälte. Die minus zehn Grad fraßen sich förmlich durch meinen grünen Mantel – und das schwarze hautenge Wickelkleid sowie die schwarzen Strumpfhosen waren blöderweise auch nicht eben hilfreich dabei, mich warmzuhalten.
Ich war dumm gewesen. So dumm! Ich hatte mir dieses Outfit ausgesucht, um einmal bemerkt zu werden – von der männlichen Gattung Mensch. Doch wie üblich hatte niemand sich die Mühe gemacht, mich anzusprechen. Andererseits musste ich mir eingestehen: Dieser Schrott an männlichen Individuen, welcher da durch die Gegend stampfte, hatte mich ohnehin nicht interessiert.
Die Männer von heute waren allesamt vollumfängliche Idioten – aber vor allem eierlos und gefühlskalt.
Meine in den Manteltaschen gesteckten erkalteten Hände ballten sich zu Fäusten.
Weswegen wollte ich überhaupt bemerkt werden?
Bereits vor vielen Jahren hatte ich es mir geschworen: keine Männer mehr. Nie mehr!
War das etwa der letzte Aufschrei meiner zu sterben im Begriff stehenden weiblichen Hormone?
All die Erniedrigungen, die Lügen, die Faulheit … was brachte eine Beziehung? Was brachten Bekanntschaften? Was sollte all dies mir noch geben?
Bestenfalls mehr Schwierigkeiten, mehr Schmerz, mehr Belastungen!
In meinen Augen setzte ein allzu vertrautes Brennen ein – ob es von der Kälte oder doch eher von meiner tonnenschweren Traurigkeit herrührte, vermochte ich nicht zu sagen.
Eine Gruppe lachender an mir vorbeimarschierender junger Leute brachte meine Gedanken zurück in die Gegenwart und erinnerte mich daran, wo ich mich befand: Vor einer Jazz-Bar, deren Namen ich nicht kannte.
Ich suchte einen Schriftzug oder ein Informationsschild, doch nichts davon war vorzufinden. Nicht einmal in dem winzigen quadratischen mit schwarzen Vorhängen verhüllten Fenster hatte man irgendetwas angebracht, das Besuchern oder allfälligen Touristen erklärt hätte, wohin das Schicksal sie gelenkt hatte.
Wie ich dann wissen konnte, um welche Art von Bar es sich handelte? Im Internet hatte ich davon gelesen. Ein unbedeutender Zeitungsartikel war verfasst worden, um Werbung für eher unbekannte Bars, Pubs und Cafés in Villach – der inoffiziellen zweiten Hauptstadt Kärntens – zu machen.
Tja, und nun stand ich hier in dieser grauenhaften Kälte, quälte mich mit Seelenschmerz und Schüttelfrost herum und starrte eine abgeblätterte, durch jahrelange Sonneneinstrahlung nachgedunkelte Holzeingangstür an, welche mich von einer hoffentlich warmem Stube trennte.
Ein letztes Mal blickte ich durch die mindestens dreihundert Jahre alte mit dunkelgrauen Steinblöcken ausgelegte und von einer mich an das neunzehnte Jahrhundert erinnernden mickrigen Straßenlaterne ausgeleuchtete Gasse, deren finstres Flair der Zivilbevölkerung nicht einmal ein Mindestmaß an Sicherheit bot – und trat zögerlich ein.
Genau genommen wusste ich nicht, was mich hierher bewogen hatte. Zuvor hatte ich mir einen Actionfilm im Kino angesehen – und normalerweise wäre ich daraufhin sofort nach Hause gefahren. Dann war mir jedoch der Zeitungsartikel eingefallen, und ein mir unverständliches Begehr, sich dieses Lokal anzusehen, hatte Besitz von mir ergriffen.
Diese Situation war höchst eigenartig, zumal ich noch nie zuvor in einer Jazz-Bar gewesen war und ich im Allgemeinen nicht sonderlich gerne aus ging. Das höchste der Gefühle stellten Kinobesuche oder ein Abendessen in einem Durchschnittsrestaurant dar.
Was sollte ich alleine auch großartig unternehmen? Ich hatte keine Freunde – und Discos sagten mir seit jeher nicht zu.
Eine mir entgegenschlagende, wohlige Wärme unterlegt mit dumpfen Jazzklängen sowie stickigen Gerüchen, welche sich aus Tabak und altem Mobiliar zusammensetzten, gebot meinen ausufernden Gedankenspielen Einhalt.
Ich zog den Mantel aus und hängte diesen auf eine heillos überladene Kleiderablage.
Um meinen rasenden Puls zu senken, atmete ich einmal tief durch. Logischerweise half es nichts. Ebenso wenig gelang es mir, das Zittern aus meinen Händen zu verbannen oder diese prickelnd-schneidenden Adrenalinausstöße zu stoppen.
Verständlich zusammengefasst bedeutete dies: Wie üblich war ich ein nervliches Wrack, ohne überhaupt jemanden angetroffen oder schlechte Erfahrungen gesammelt zu haben …
Innerlich verzog ich das Gesicht.
Schlechte Erfahrungen hatte ich doch zur Genüge gesammelt! In der Schule sowie im privaten Bereich.
Womöglich reagierte mein Körper deshalb andauernd solcherweise heftig?
Unwichtig.
Nun war ich hier – nun räumte ich dem Lokal eine Chance ein. Sollte es mir nicht sympathisch sein, würde ich eben kein zweites Mal mehr vorbeischauen.
Ich stemmte mich gegen die wuchtig anmutende Holzzwischentür und stolperte in einen vernebelten, nächtigen Raum.
Aus dem zuvor noch undefinierbaren matschigen Musik-Tingeltangel erwuchs ein satter, von einer weiblichen Stimme leidenschaftlich vorgetragener Frank-Sinatra-Song.
Halb verunsichert, halb neugierig ging ich ein paar Schritte weiter und nahm die vor mir willkürlich aufgestellten Tische genauer in Augenschein.
Ein jeder Einzelne war belegt.
Verdammt.
War ich gar umsonst durch diese elende Kälte hierher geirrt?
Das hätte mir gefehlt!
Nochmals unterzog ich den trüben Raum einer Prüfung – und entdeckte einen schmalen leeren Tisch im hinteren Bereich – dort, wo sich normalerweise schwer verliebten Pärchen verdrückten, um wild herumzuknutschen oder zu fummeln … oder beides.
Regelrechter Hass wallte in mir empor und stahl selbst den kläglichen Rest meiner guten Laune.
Diese impertinenten, kichernden Pärchen – ich hasste sie. Allesamt! Und erst ihr fürchterliches Gehabe! Die lieblichen Blicke, das Händchenhalten – die schrecklichen Kosenamen.
Ja, Schatzi, ja Schnucki, ja Mausi, ja Hasi …
Wie konnte man so etwas niedlich finden? Dies waren bestenfalls peinlich! Wenn jemand mich auf eine solche Weise genannt hätte – ich hätte mich in Grund und Boden geschämt.
Meine Gedanken kreisten unaufhörlich weiter.
Verliebtheit.
Alles drumherum war peinlich, ja infantil. Die körperlichen Reaktionen, die Tagträume, die hochnaive Fröhlichkeit. Einfach alles! Am dümmsten allerdings war nach wie vor der Glaube, der oder die Auserwählte empfände dasselbe wie man selbst!
Das taten sie nicht! Das taten sie nie!
In meinem spärlichen Bekanntenkreis gab es niemanden, welcher jemals die wahre Liebe gefunden hatte.
Und ich? Ich wurde benutzt, ignoriert und belächelt.
Warum eigentlich gingen Menschen Beziehungen ein? Ehen hielten ohnehin bloß durchschnittlich zehn Jahre. Und gegenüber einer fixen Beziehung bevorzugten Männer seit jeher One-Night-Stands.
Damit stellte sich wiederum erneut die Frage: Weshalb war ich hierher gekommen?
Ein sexuelles Abenteuer suchte ich nicht. Wenn ich es nötig hatte, machte ich es mir selbst. Erstens kam ich und zweitens konnte ich es machen, wann und so oft ich Lust dazu hatte. Darüber hinaus wollte ich keine Beziehung mehr. Nie, nie mehr.
Weshalb hast du dann dieses Kleid angezogen?, schoss es mir durch den Schädel.
Damit jemand mich angaffte?
Nein.
Ich brauchte keine Aufmerksamkeit. Ich bekam keine Aufmerksamkeit. Also, was tat ich hier? Verdammt noch einmal!
Offenbar war ich frustriert oder dumm oder beides zusammen.
Unterdessen ich mich auf den Weg zu dem freien Tisch machte – und mich gedanklich ein paar Mal mehr verteufelte – wandte ich mich der Bühne zu. Die volle, weiche Stimme, welche die Besucher größtenteils schweigend zum Takt wippen ließ, gehörte einer etwa fünfunddreißigjährigen afrikanischen Frau. Ihr wohlgeformter Körper war in ein dunkelblaues, tief ausgeschnittenes Samtkleid gehüllt. Ein protziges, silbrig schimmerndes Collier zierte ihr üppiges Dekolleté. Passend zu ihrem Look trug sie einen immensen Afro, der ihren markanten Gesichtszügen einen Teil ihrer Härte nahm. Begleitet wurde die Frau von einem Saxofon, einer spanischen Gitarre und einer Bass-Gitarre, deren sanfte Spielweise mir regelmäßige wohlige Schauer bescherte.
Die Bühne fiel ziemlich klein aus. Die Musiker hatten eben genügend Platz, um sich nicht gegenseitig im Weg zu stehen oder sich ungewollte Kinnhaken zu verpassen. Die Wand dahinter war mit einem schwarzen Samtvorhang ausgeschmückt worden und der sepiafarbene Bühnenholzboden war derselbe, welcher im restlichen Lokal verlegt worden war.
Letztgenanntes, so schätzte ich, fasste um die hundert Personen. Von der vertäfelten Holzdecke hingen schummrige Lampen, welche ein gelbliches Licht ausschickten. Dieses wurde von der dunklen Einrichtung jedoch vollends verschluckt. Durch den übermäßigen Tabakkonsum reichte der blaue Dunst nahezu bis zum Boden. Mich störte es nicht. Eher das Gegenteil traf zu. Die Musik, die Leute, der Rauch, der Geruch, das Licht – alles passte irgendwie zusammen … nein, gehörte zusammen. Fehlte lediglich eine dieser Komponenten, hätte dies einen beträchtlichen Teil der gediegenen Atmosphäre genommen. Dabei war ich grundsätzlich kein Freund von Menschenansammlungen …
Ich ließ mich auf den gepolsterten Holzstuhl nieder, stellte meine schwarze Tasche neben mich auf den Boden hin und nahm die Getränkekarte aus der Halterung.
Spirituosen mied ich, seitdem ich zu denken in der Lage war. Cola zählte auch nicht eben zu meinen Lieblingsgetränken. Und auf bloßes Wasser hatte ich erst recht keine Lust. Somit fiel meine Wahl auf einen Kakao mit viel Schlag.
Stört es Sie, wenn ich mich zu Ihnen setze?«
Eben war ich dabei gewesen, den dritten Schluck des köstlichen Heißgetränks zu nehmen, da brachte eine jugendlich-sanfte Männerstimme mich dazu, mitten in der Bewegung innezuhalten und nach links zu blicken.
Mir blieb die Luft weg.
Himmel … Diese Augen. Diese ausdrucksstarken, verlorenen, selbstsicheren, verhaltenen, ehrlichen Augen … auf eine eigenartige Weise muteten sie mir vertraut an – und strahlender hätten sie nicht sein können. Die Farbe jedoch war mir beim besten Willen nicht zu erkennen möglich. Waren sie blau, grün, grau?
Dieser mich aufwühlende, reine Ausdruck in ihnen intensivierte sich sekündlich. Sie erforschten mich. Sie durchbohrten mich. Sie drangen tief in mich ein, berührten mein Innerstes.
Ich fühlte mich entblößt … ebenso behütet … ungleich mehr verunsichert.
Für einen unbedeutenden, verrückten Moment erweckten sie in mir den Eindruck, sie hätten bereits einen jeden Quadratmillimeter meines Körpers, meiner Seele, meiner Gefühlswelt erforscht, gesehen, vereinnahmt.
Räuspernd schüttelte ich den Kopf – zum einen, um dem Besitzer dieser wahnsinnigen Augen eine Antwort zu geben, zum anderen, um meine Gedanken zu fokussieren. »Nein, keine Sorge. Setzen Sie sich ruhig.«
»Vielen Dank.« Mit einer überraschend eleganten Bewegung ließ der junge Mann sich mir gegenüber nieder, dessen Outfit aus einem schneeweißen Hemd und einer schwarzen Anzughose bestand. Ein Sakko fehlte. Ebenso eine Krawatte – was mir sehr zusagte. Krawatten hatten etwas Verklemmtes, Altmodisches, Steifes an sich, das mich stets an kleinkarierte, zwanghaft pingelige oder nach Selbstbestätigung dürstende Personen erinnerte.
Die obersten drei Besätze des Hemds trug der Mann verwegen offen.
»Heute ist es ungewöhnlich voll«, meinte dieser. »Üblicherweise sind die Tische nicht einmal zur Hälfte besetzt.«
»Ja?«
Nickend warf er mir ein aufgeschlossenes Lächeln zu, das es dennoch nicht gänzlich vollbrachte, den hantigen Beigeschmack der vorgespielten Freundlichkeit zu übertünchen. »Wahrscheinlich liegt dies an der Sängerin. Sie ist ein aufsteigender Stern. Wenn Sie mich fragen –« Unvermittelt stockte er. »Obgleich Sie dies nun nicht getan haben –« Ein sich nervös anhörendes minimales Kichern drang aus seiner Kehle. »Ich bin mir sicher, sie wird noch einmal Weltruhm erlangen.« Im Anschluss daran senkte sich sein Blick nahezu reumütig. Auf seinen Lippen dagegen ruhte weiterhin dieses – nun wesentlich lockerere – Dauerlächeln, von welchem mir ungewollt ein wenig warm wurde.
Wer war dieser Mann?
Dem Kleidungsstil nach hätte ich ihn geradewegs in die Businesskategorie eingeordnet – eine Art Regionalleiter auf dem Weg zum Managerposten. Seine von ihm zwanghaft unterdrückte verhaltene Ausstrahlung wiederum ließ eher auf einen Stammbesucher mit Schwerpunkt One-Night-Stands schließen. Genauso gut könnte es sich aber auch um den Sohn des Lokalbesitzers handeln, welcher sein aufpoliertes Ego an weiblichen Gästen präpotent zur Schau stellen wollte.
Ich betrachtete sein freundliches Gesicht, spürte seine Nervosität …
Oder war er gar ein arbeitsloser Studienabbrecher?
Möglichst unauffällig – sprich indem ich einen Schluck Kakao trank – versuchte ich, Mr. Mysteriös nochmals genauer unter die Lupe zu nehmen, was durch die fahle Lokalbeleuchtung bedauerlicherweise recht schwer zu bewerkstelligen war.
Seine Lippen waren weder voll noch schmal – für meinen Geschmack genau richtig. Seine Augen zeigten eine angedeutet ovale bis schräge Form und wurden von langen dichten Wimpern umsäumt. Das füllige, höchstwahrscheinlich braune Haar – allmählich begann dieses dumpfe Licht mich wahrhaftig zu stören – trug der Mann locker nach hinten gekämmt. Dennoch hatten einige gewellte Strähnen sich gelöst, welche nun sachte über seine Stirn fielen. Eine elegant geformte, kleine Nase rundete sein jugendlich-feminines Angesicht ab. Seine Hände ruhten auf dem Tisch, die Finger ineinander verschränkt, und sahen gepflegt, ja nahezu zerbrechlich aus. Korrektur: Seine gesamte Statur wirkte filigran, ätherisch.
Kurzum: Er sah umwerfend aus.
Umwerfend für mich – andere Frauen in meinem Alter hätten ihm eher den Stempel Jungspund aufgedrückt. Insbesondere durch seine einerseits frische, unbeschwerte, andererseits unsichere, vorsichtige Wirkung. Dieser zum Trotz schätzte ich den Mann um die Dreißig ein. Vielleicht ein, zwei Jahre darunter.
Ich konnte mir gut ausmalen, wie er regelmäßig um Akzeptanz kämpfen musste und von Menschen im Allgemeinen nicht ernstgenommen wurde.
Dieses Schubladendenken kannte ich aus persönlicher, schmerzhafter Erfahrung. Alsbald man nicht dem gängigen Ideal entsprach – überhebliches Getue, altes und reifes Aussehen – wurde man zu einem unfähigen, eingeschüchterten Mauerblümchen degradiert. Vor allem im Job nagte ein solches Verhalten schwer am Ego, und Lebensfreude und Tatendrang nahmen sukzessiv ab.
»Sind Sie zum ersten Mal hier?«, zog mein fremder Tischgenosse mich aus meinen ausschweifenden Überlegungen.
Ich bejahte. »Und ich muss sagen, es gefällt mir – bisher jedenfalls.«
Ein glückliches Lächeln enthüllte strahlend weiße Zähne. »Das freut mich! Hübsche junge Frauen begegnet man hier selten.«
Eine peinliche Wärme stieg mir in die Wangen.
Offenkundig ging Mr. Mysteriös sofort in die Vollen, alsbald seine Hemmungen sich gelegt hatten – was mich zurück auf meine anfängliche Vermutung brachte: War er Stammgast in diesem Lokal, auf der Suche nach einem sexuellen Abenteuer?
»Soviel ich gesehen habe«, erwiderte ich. »Tummeln sich hier einige junge Frauen.«
Frauen, welchen ich niemals das Wasser reichen konnte. Frauen, welche dieser Schönling normalerweise hätte ansprechen müssen.
Sein durchdringender Blick nahm nochmals an Intensität zu. »Nun, die Betonung lag ja auf hübsch.«
Ich und hübsch?
Ich war nicht hübsch – bestenfalls langweiliger, normaler Durchschnitt … womit eindeutig bewiesen war: Feschak war ausnahmslos auf einen One-Night-Stand aus.
Innerlich seufzte ich.
Typisch.
Welcher gut aussehende, ledige Mann war schon auf der Suche nach einer festen Beziehung? Stellte eine solche doch bestenfalls Pflichten, Freiheitsentzug und Alltagsallüren dar. Zumindest, wenn es nach männlicher Auffassung ging. Und der klägliche Rest hübscher, anständiger Männer? Dieser war bekanntlich längst verheiratet und mit unliebsamen Kindern gesegnet.
Ich räusperte mich – und Mr. Ich-blicke-dir-bis-in-deine-Seele warf mir ein Lächeln zu, das in etwa sagte: »Ich habe dich damit erreicht – ob du es willst, oder nicht.«
Wie viele Frauen riss er mit dieser plumpen Masche wohl auf?
Nun, unbedeutend wie viele. Mich jedenfalls nicht! Dies konnte er sich gehörig in die engelsgleichen Haare schmieren!
»Ich glaube, es gibt sehr viele hübsche Frauen hier.«
»Tatsächlich?« Er zog die Augenbrauen hoch. »Ist mir bislang nicht aufgefallen.«
Allmählich wurde es ernsthaft eigenartig.
Derart angeflirtet hatte mich noch kein Mann zuvor in meinem Leben – weder unsympathische, ungepflegte Alkoholiker, geschweige denn Modeltypen, wie dieses Prachtexemplar.
»Dann sind Sie wohl nicht sonderlich oft hier?«, vermutete ich und nahm einen weiteren Schluck Kakao.
Über den Tassenrand hinweg durfte ich beobachten, wie eine markante Überraschung in seinem Gesicht aufblitzte.
»O doch! Jeden Tag.«
Wie jetzt? Jeden Tag?
Was machte er, bitte schön, jeden Tag hier? Hatte er nichts Besseres zu tun? War er tatsächlich arbeitslos, der Sohn des Lokalbesitzers … oder etwa hoffnungslos unbefriedigt?
»Dann haben Sie den anderen Damen anscheinend nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet.«
Für den Bruchteil einer Sekunde huschte über seine zarten Züge etwas Ähnliches wie ein Schatten. Doch noch ehe ich recht darüber hätte nachdenken können, war seine strahlende Freude zurück in den Vordergrund getreten. »Da muss ich nochmals widersprechen! Ich schenke Frauen grundsätzlich Aufmerksamkeit.« Er setzte eine perfekt platzierte, selbstsichere Kunstpause. »Darum nehmen Sie mein Kompliment endlich an. Selbst, wenn Sie es nicht hören wollen.«
Wie jetzt … ?
Er hatte bemerkt, wie wenig ich Komplimenten etwas abgewinnen konnte?
Was hatte mich verraten? Mein Mienenspiel, meine Körpersprache, meine Äußerungen?
Üblicherweise gelang Menschen es nicht, mich zu durchschauen oder einzuschätzen – günstigstenfalls mich zu verletzen.
Ich atmete tief durch und lehnte mich zurück. »Nun gut. Ich akzeptiere.«
Vorerst.
»Na endlich!« Ein niedliches Kichern durchdrang die mit Gesang und gelegentlichen Gesprächen durchsetzte, stickige Luft. »Ich fürchtete bereits, Sie würden nie mehr nachgeben.«
Echt jetzt?
Ich fasste nach meinem Kakao. »Flirten Sie andauernd in dieser Heftigkeit?«
»Flirten?« Der Mann schien äußerst erschrocken, den weit aufgerissenen Augen nach zu urteilen. »Das war kein Flirtversuch.«
»Für mich sehr wohl.« Ich nippte an der Tasse. »Das war sogar ein ziemlich billiger und alter Anmachspruch.«
Der nicht eben zu deiner eleganten, verhaltenen, gentlemanmäßigen Ausstrahlung passt.
»Bitte verzeihen Sie.« Er besah mich flehentlich. »Solcherweise wollte ich nicht anmuten.« Nach einer kurzen Weile, in welcher seine Verzweiflung sekündlich größere Ausmaße angenommen hatte, fügte er hinzu: »Habe ich mir dadurch alles verdorben?«
Sollte ich noch überrascht sein?
Zuallererst strandete ich in diesem Lokal, dann setzte sich ein atemberaubend schöner Jüngling zu mir … und nun hatte dieser ernste Sorgen, er könnte mich mit seinem – im Grunde genommen, sehr vornehmen – Geplapper verjagen?
War ich im falschen Film gelandet?
Ich blickte auf meinen Kakao.
Oder hatte man mir etwas in mein Diabetes auslösendes Heißgetränk geschüttet?
Ich wandte mich wieder meinem Tischnachbarn zu.
War ihm all dies ernst, oder gehörte dieses Pseudo-Rosamunde-Pilcher-Männertraumverschnitt-Verhalten ebenfalls zu seiner Anmachnummer?
Fakt war: Ein attraktiver Mann wie er brauchte sich grundsätzlich keine Gedanken zu machen, wie er auf das weibliche Geschlecht wirkte – ausgenommen, er kämpfte gegen dieselben Vorurteile wie ich. Dann konnte ich es teilweise nachvollziehen. Nichtsdestoweniger mutete mir sein Verhalten eine Idee zu gespielt und verkrampft an … als müsste er sich dazu zwingen, mit mir zu sprechen. Andersrum präsentierte er echte Selbstsicherheit. Salopp gesprochen erweckte er den Anschein, mit gezogener Handbremse zu fahren.
Gedanklich schlug ich mir an die Stirn.
Weshalb deduzierte, wertete und interpretierte ich wie wild durch die Gegend?
Weil ich insgeheim und trotz gegenteiliger Faktizitäten hoffte, noch die Liebe meines Lebens zu finden? Weil die Sehnsucht nach einem Partner stetig größere Ausmaße annahm? Weil ich verzweifelt, frustriert und desillusioniert tagtäglich für ein Wunder betete?
Himmel, Arsch und Zwirn!
Ich war nicht dumm – ich war der größte Idiot der Menschheitsgeschichte!
Wahre Liebe existierte nicht. Verständnisvolle, selbstlose Männer existierten nicht.
Und dieses Prachtexemplar hier vor mir?
Sicherlich war ihm nichts von seinem Gerede ernst. Er wollte eine flotte Nummer schieben – nicht mehr, nicht weniger.
Ich zuckte die Achseln. »Nein, keine Sorge.«
Atmete er erleichtert aus? Angesichts der lauten Musik konnte ich das nicht mit Sicherheit feststellen.
»Das beruhigt mich. Schließlich will ich mich mit Ihnen noch etwas länger unterhalten … falls es für Sie in Ordnung geht.«
Mit einer solchen Antwort hatte ich noch weniger gerechnet.
»Ja, sicher«, gab ich kühl zurück.
Das musste seine typische Masche sein. Anders konnte ich mir seine Aussagen beim besten Willen nicht erklären. Vor allem in meinem Fall nicht! Männer flirteten nicht mit mir. Männer sprachen mich nicht an. Und derart respektvoll war ohnehin noch niemand mit mir umgegangen.
Eine Kellnerin mit platinblondem Bobhaarschnitt trat zu uns und nahm die Bestellung des Mannes auf: ein stilles Mineralwasser ohne Zitrone, ohne Eiswürfel. Ehe sie wieder davoneilte, warf sie ihm ein seltsames Grinsen zu.
War sie eine seiner Liebschaften?
»Erzählen Sie mir etwas über sich«, meinte Mr. Mysteriös. »Ich bin neugierig.«
Weshalb sollte ich einem mir wildfremden Mann irgendetwas über mich erzählen?
»Erzählen lieber Sie mir, warum Sie jeden Tag hier zugegen sind. Ist Ihnen zu Hause solcherweise langweilig?«
Er legte den Kopf etwas schief. »Nein, ich arbeite hier.«
Oh!
Das erklärte einiges.
»Darum Ihr elegantes Outfit. Sind Sie Kellner?«
»Gefällt es Ihnen?«, kam es samt frechem Unterton schlagfertig zurück.
»Sollte es?«, entgegnete ich in einem ähnlichen Tonfall.
Hatte sein Kichern sich bis vorhin noch ziemlich verdeckt angehört, klang es nun befreit und offen. Zu diesem Kichern gesellte sich ein unschuldig-kindlicher Dackelblick, dem es ohne Weiteres möglich gewesen wäre, sämtliche Permafrostböden des Planeten in sekundenschnelle aufzutauen. »Es würde mich sehr freuen.«
Noch so eine vornehme, süße Anspielung …
Im Prinzip wollte ich mich nicht auf ihn einlassen. Ich wollte mich nicht ein zweites Mal veräppeln und ausnehmen lassen – aber wie dieser Mann sich mir gegenüber verhielt, würde es mir ziemlich schwerfallen, weiterhin hart zu bleiben. Erst recht bei einem solchen niedlichen Gesichtsausdruck und meinem nagenden, beißenden, brennenden Wunsch, endlich in meinem Leben geliebt zu werden.
Er intensivierte sein herzallerliebstes Mienenspiel. »Das ist mein Ernst.«
Hatte er etwa Gefallen an mir gefunden? An mir, dem flachen Männerschreck?
Was denkst du da?!
Männer, vorzugsweise attraktive, hatten sich niemals um mich geschert. Weshalb sollte dieser Umstand plötzlich eine Änderung erfahren haben?
Ich nippte an meinem Kakao.
Na, egal.
Ob er Interesse hegte oder nicht, war irrelevant. Und da es ihm ohnehin bloß um einen One-Night-Stand gehen konnte, brauchte ich mir nichts einzubilden oder mich tötenden Hoffnungen hinzugeben, weshalb ich das Gespräch am liebsten abbrechen und gehen wollte. Ich interessierte mich nicht für eine Bettgeschichte, selbst bei einem schönen Äußeren wie dem seinen nicht. Seine niedliche Bemühung, es mir recht machen zu wollen sowie seine galante Art weckten dennoch eine leichte Neugier in mir, und in weiterer Folge das Bedürfnis, mich intensiver mit ihm zu unterhalten.
Eine Unterhaltung würde mich ja nichts kosten. Des Weiteren war ich aus exakt diesem Grund hierher gekommen: Ich wollte mich amüsieren, neue Leute kennenlernen, ein wenig dem eintönigen Alltag entfliehen.
Nun hatte ich die Gelegenheit.
Nach einem weiteren Schluck des süßen Kakaos – und am Rande bemerkend, dass die talentierte Sängerin eine Pause eingelegt hatte – antwortete ich ihm.
»Ja, er sieht toll aus. Der Anzug steht Ihnen.«
Das Lächeln, welches sich bislang ausschließlich auf seine Lippen beschränkt hatte, begann sich in seinem gesamten Gesicht auszubreiten. Auf eine Weise erinnerte der Mann mich an mein einstiges Selbst – als ich meinen Glauben an die Gesellschaft noch nicht verloren hatte. Eine naive, unbeschwerte, beschwingte Zeit der Jugend, welche mir niemals auszukosten erlaubt gewesen war.
Dieser Mensch hatte etwas Reines, Unschuldiges an sich. Etwas, das man normalerweise nicht mehr in Erwachsenen vorfand. Es war ein Leuchten, das alleine Kinder zu zeigen vermochten – eine Unbeflecktheit, ein Glauben an Magie und Wunder.
»Ist Ihre Schicht zu Ende?«
Er bejahte – und mir fiel etwas ein. »Aber wenn Sie in dieser Bar kellnern, müssen Sie bereits einige hübsche Frauen angetroffen haben.«
»Nun fangen Sie abermalig damit an?« Verständnislosigkeit drängte seine Freude zurück. »Sie können wahrlich kein Kompliment annehmen, oder?«
Ich zuckte die Achseln. »Männer machen mir keine Komplimente.«
Keine Ehrlichen.
»Das sollten Sie aber«, erwiderte er prompt.
Nun wurde es mir etwas zu warm. Darum versuchte ich, abzulenken. »Wie ist es, hier Getränke auszuteilen? Können Sie sich mit den Sängern unterhalten? Oder verschwinden diese nach dem Auftritt sofort?«
»Was faselst du da?«, kam es jäh von der Kellnerin, die meiner hübschen Gesellschaft das Wasser hinstellte. Keinen Moment später schaute sie zu mir. »Er hilft nur ab und zu aus. Normalerweise –«
»Du musst diesen Sachverhalt nicht andauernd an die große Glocke hängen!«, unterbrach er sie unsicher. »Das mag ich nicht – und das weißt du ganz genau!«
Was ging denn nun ab?
»Aus dem Grund tue ich es ja!« Mit einer sich zunehmend verhärtenden Augenpartie legte die Servierkraft das dunkelbraune Tablett auf den Tisch. »Du kannst viel mehr von dir halten! Du hast großes Talent, aber spielst es andauernd herunter, als wärst du irgendein drittklassiger Amateur!« Um ihren für mich nicht nachvollziehbaren Standpunkt klarer zu machen, stemmte sie die Hände in die Hüften.
»Aber ich bin nicht besser als der Durchschnitt!«, erwiderte er.
Sie schüttelte theatralisch das Haupt, wodurch ihr Haar sanft wie blühendes Schilf hin und her schaukelte. »Es ist hoffnungslos mit dir!«
Ich blickte zwischen den beiden hin und her. »Worum geht es, wenn ich fragen darf?«
Gütig-verschmitzt lächelte sie mich an. »Er spielt Sax. Wie ein Gott!«
Mir wurde es kalt.
Er war Musiker?
Na ganz fein!
Dann ging es ihm tatsächlich um ein sexuelles Abenteuer!
Warum hatte ich mir für eine Millisekunde etwas Gegenteiliges erhofft? Nach derart vielen Jahren musste ich es längst besser wissen! Himmelherrgott! Gerne hätte ich mir selbst Gewalt angetan.
»Übertreib nicht solcherweise!« Die hysterische Stimme des Mannes riss mich aus meinem Selbstmitleid und nötigte mich, mich ihm zuzuwenden.
Seine Wangen erwärmten sich.
»Ich habe noch niemanden derart erotisch spielen gehört«, säuselte die Kellnerin.
»Du bist unmöglich!«, presste er hervor. Seine rechte Hand, welche krampfhaft seinen linken Unterarm festhielt, sprach von enormem Unbehagen. »Das gibt es gar nicht!«
Die sanfte Wärme seiner Wangen hatte sich in der Zwischenzeit in ein kräftiges dunkles Rot verwandelt, wodurch seine klaren Augen erheblich strahlender anmuteten.
Ich musste mir eingestehen: Seine Beschämung schenkte seinem niedlichen Äußeren noch dreimal mehr Liebreiz und Kuschelfaktor.
»Dein Spiel klingt wie heißer Sex in einer ebenso heißen Sommernacht.«
Dies brachte den Musiker gänzlich aus der Fassung – davon bezeugten seine traumatisierten Gesichtszüge wie seine versteifende Körperhaltung. »Hast du komplett den Verstand verloren?! Wie kommst du darauf, solche Sachen auszusprechen?«
Sie kicherte. »Ich sage einfach, was stimmt. Und dass du dich zu ihr gesetzt hast, bedeutet, dass du heute einmal etwas extrovertierter bist.«
Einmal etwas extrovertierter?
War er normalerweise etwa scheu? Reagierte er deshalb dermaßen heftig? Rührte daher sein eigenartig selbstsicheres wie zurückhaltendes Auftreten?
Halt! Er war doch Musiker! Da konnte er gar nicht scheu sein. Vielleicht nervös vor dem Auftritt … heftiges Lampenfieber – davon berichteten Stars und Sternchen ja immer wieder. Scheue hingegen passte da rein gar nicht ins Profil.
»Flirtet er sonst nicht?«, fragte ich vorsichtig.
Die junge Frau bejahte, der Saxofonspieler versteifte erheblich mehr und ich wusste allmählich nicht mehr, was ich von all diesen neuen Erkenntnissen halten sollte … zumal ich keine Zeit bekam, um diese vernünftig auszuwerten.
»Ich habe dich lange nicht mehr an einem besetzten Tisch gesehen.« Ihr Blick durchbohrte ihn förmlich. »Gefällt sie dir?«
Diese plumpe, rotzfreche und erst recht nicht taktvolle Äußerung der Kellnerin verwandelte des Mannes Antlitz in eine Leuchtrakete.
Es war ein köstlicher Anblick. Dessen ungeachtet erhob sich in mir das zwingende Bedürfnis, den Musiker in Schutz nehmen zu wollen.
Ich wusste zu gut um dieses beschämende Gefühl des Bloßgestellt-Werdens Bescheid. Es war grauenhaft, seelenvernichtend, entwürdigend und schier körperlich schmerzhaft.
»Sie haben ihn genug in Verlegenheit gebracht, oder?«
Vollumfänglich verunsichert doch ebenfalls große Dankbarkeit zum Ausdruck bringend, blickte der Mann kurzzeitig zu mir, ehe dieser sich zur Kellnerin zurückdrehte. »Vermutlich wäre es besser, noch etwas auszuhelfen. Nun hast du mir nämlich die gesamte Tour vermasselt.«
Das brachte neben der jungen Frau selbst mich zum Lachen – allerdings einzig aufgrund der Tatsache, auch ihn ungezwungen lachen zu sehen.
Seine Reaktion ließ auf zwei wichtige Dinge schließen. Erstens: Der Musiker fühlte sich nicht tief verletzt. Zweitens: Es ging nicht um ein beginnendes Mobbing oder absichtliche Sticheleien vonseiten der Kellnerin. Ergo: Das freche Verhalten war ihr Naturell – und der Musiker hatte damit keine groben Schwierigkeiten.
Das vehemente Kopfschütteln der Servierkraft lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese zurück. »Du bleibst schön brav hier und unterhältst dich mit ihr. Ich habe dich seit Ewigkeiten nicht mehr mit anderen reden gesehen. Außerdem hast du die letzten Wochen permanent durchgearbeitet. Erhole dich ein wenig.«
Eine überfallsartige, mir einen brennenden Stich versetzende Ernsthaftigkeit verscheuchte alle fröhlichen Gefühlsregungen des jungen Mannes. »Aber, du weißt –«
Ein Nicken ihrerseits ließ ihn verstummen. »Ja, doch leider geht das nicht mehr. Du hast die Chefin gehört. Und ich würde ja, wenn mein Freund nicht so durchgeknallt wäre. Du weißt, wie er ist.«
Nun war er es, der nickte.
Worum ging es jetzt wohl?
Sie griff nach dem Tablett. »Bis Ladenschluss ist es kein Problem, nur dann …«
Der Musiker nickte ein zweites Mal.
»Genieße es.« Dies gesprochen verließ sie uns.
Und meine Neugier war endgültig entfacht. Ich trank den letzten Schluck Kakao, dann konnte ich mich nicht mehr davon abhalten, ihn auf den geheimnisvollen Dialog anzusprechen.
»Die letzten Sätze klangen überaus dramatisch. Gibt es Schwierigkeiten?«
»Nein, nein, es handelt sich bloß um etwas Dienstliches«, wehrte er ab und klärte die Stimmbänder. »Erzählen Sie mir noch etwas über sich? Über mich wissen Sie nun ohnehin bestens Bescheid.«
Offenbar sprach er nicht gerne über sich – was ihm neue Sympathiepunkte einbrachte.
Ich mochte Männer nicht, die überheblich über ihre tausend Hobbys und Erfolgsgeschichten berichteten. Auszeichnungen hier, Ehrungen da, Siege dort – es widerte mich an. Was aber nicht bedeutete, ausschließlich eine Schwäche für verklemmte, verschüchterte, unselbstständige Männer zu haben, welche gerne unter der Fuchtel der Frau standen.
Ein ehrlicher, offener, demütiger, die selbstverständlichen Dinge des Lebens schätzender, loyaler Mann stellte für mich das Nonplusultra dar. Jemand mit Herz und Hirn – keine unsäglichen Egospielchen und Machtkämpfe in Form von Erniedrigung und besserwisserischem Getue.
»Ich kenne nicht einmal Ihren Namen«, entgegnete ich.
Dies nahm mein mysteriöser Unbekannter sofort zum Anlass, um mir seine Hand entgegenzustrecken. »Ich heiße Tom.«
Ich zögerte. Letztlich schüttelte ich sie. »Sara.«
Er strahlte mich an. »Mit oder ohne stummes H?«
Ich kicherte. »Ohne.«
Himmelherrgott!
Mit seiner charmanten Art schaffte er es im Handumdrehen, mich zu erreichen.
»Na denn, Sara. Jetzt wissen Sie wahrhaftig genug über mich. Dann können Sie mir doch getrost etwas über sich verraten.«
Sollte ich? Sollte ich nicht?
Ich atmete hörbar durch. »Was möchten Sie wissen?«
»Überraschen Sie mich.«
Dieser Mann wurde minütlich rätselhafter.
Wie sollte ich jemanden überraschen? Mein Leben war langweilig. Da passierte nichts. Ein Tag reihte sich an den nächsten.
»Bedauerlicherweise muss ich Sie enttäuschen. Ich kann Sie nicht überraschen. Es gibt nichts Interessantes über mich zu erzählen.« Mit meiner rechten Hand deutete ich auf den Tisch. »Deshalb sitze ich ja hier.« Etwas leiser fügte ich hinzu: »Oder gehe überhaupt nicht außer Haus, da ich sowieso nicht weiß, was ich tun soll.«
»Und Freunde? Sie müssen ja nicht alleine ausgehen.«
Seine Aussage tat mir, ob ich es wollte oder nicht, in der Seele weh.
»Ich habe keine.«
Und hatte es nie gegeben.
Ich konnte Menschen schlichtweg nicht vertrauen – weder damals in der Schulzeit noch heute in der Arbeit.
Verwundert musterte er mich. »Gar keine? Ich meine … es gibt Arbeitskollegen, Nachbarn, Schulfreunde …« Das letzte Wort brachte ihn dazu, eine witzig-angewiderte Schnute zu ziehen. »Nun … Schulfreunde bilden wohl einen etwas eigenwilligen Zustand.«
Ich musste schmunzeln. »Ich glaube, ich brauche nichts Weiteres zu sagen. Offensichtlich haben Sie ähnlich schlechte Erfahrungen gesammelt, wie ich sie mein Eigen nennen darf.«
Soweit ich mich zurückerinnern konnte, hatte ich stets alleine gespielt. Kinder oder Jugendliche in meinem Alter hatten meistens nichts mit mir zu tun haben wollen. Besser sollte ich sagen, sie hatten mich nie akzeptiert. Wenn ich mich beispielsweise zu einer Gruppe spielender Kinder gesellt hatte, hatte es andauernd geheißen: »Du gehörst nicht zu uns! Geh weg! Verschwinde!« Ähnlich verhielt es sich mit Geburtstagsparties. Lud ich die gesamte Klasse ein, kam eine Person.
Anfangs hatte ich mich einsam und verloren gefühlt. Nun war dieses Einzelgängersyndrom zu einem selbstverständlichen Teil meines Lebens geworden.
Und ich wollte niemals mehr etwas daran ändern.
Kurze Bekanntschaften waren in Ordnung – doch richtige Freunde? Nein! Weder brauchte ich Menschen zur erheiternden Konversation noch zum Ideenaustausch. Lieber schwieg ich für den Rest meines Lebens und verkroch mich in meiner Wohnung. Wenn ich mich mit Leuten intensiv unterhielt, wurde ich meistens ohnehin verletzt, missbilligend angeblickt oder mit unnötigen neunmalklugen Sprüchen bombardiert.
Beispiele gefällig?
Du musst dich öffnen, dann kommen die Leute auf dich zu!
Du musst dich an die Gesellschaft anpassen, dann wirst du dir keine blöden Meldungen mehr anhören müssen!
Du musst deine Mitmenschen akzeptieren, wie sie sind! Du darfst keine Vorurteile hegen!
Insbesondere die Sache mit den Vorurteilen hatte mir eine regelrechte Ohrfeige verpasst. Stets war ich diejenige gewesen, die Menschen bedingungslos und mit all ihren Macken und Vorurteilen akzeptiert und niemanden in eine Schublade gesteckt hatte. Ich hatte lediglich ebenfalls akzeptiert werden wollen – ob Personen meine Geisteshaltung und Lebenseinstellung verstanden oder nicht, war mir gleichgültig. Hauptsache in einem normalen vernünftigen Maß als Mitmensch und Individuum angesehen zu werden. Doch nein, das Gegenteil traf ein: Man machte sich lustig über mich, man ignorierte mich oder man beleidigte mich. Darum hatte ich mich an die Gesellschaft angepasst, indem ich mich von dieser abgewandt hatte.
Eine jede Person war ein singulärer, in sich geschlossener Mikrokosmos, in welchem unbekannte Naturgesetze vorherrschten. Solange Menschen nicht reif oder weise genug waren, um diese Wahrheit zu begreifen oder zumindest zu akzeptieren, würde ich mich weiterhin von ihnen distanziert halten.
»Was die Schule anbelangt«, erwiderte Tom und beendete damit meine philosophischen Ergüsse. »Ja wahrscheinlich. Ansonsten jedoch –« Die Intensität seines mich aufwühlenden Seelenblicks verdreifachte sich. »Sind Sie … nun … arbeitslos?«
Noch nie hatte ein Mensch mich dermaßen interessiert gemustert. Keine Sekunde blickte er zur Seite – ausschließlich meine Augen hielt er anvisiert. Zu meiner eigenen Überraschung fühlte sich diese Seelenerkundung zu keiner Zeit unbehaglich oder aufdringlich an. Eher sogar angenehm, vertraut, verschmelzend.
Es war irrsinnig …
Diese ganze Situation war irrsinnig … und maßlos verwirrend.
»Nein, nein. Ich bin nicht arbeitslos«, erwiderte ich und zwang mich krampfhaft, mich nicht noch weiter von seinem hypnotisierenden Blick einlullen zu lassen. »Allerdings mag ich es nicht, Arbeit und Privates zu vermischen.«
Betrachtete er eine jede Person auf diese eindringliche Art? War dies eine natürliche Verhaltensweise seinerseits?
Ich dachte zurück an den kurzen Wortwechsel mit der Kellnerin – und meine Frage war beantwortet. Ja, auch sie hatte er auffallend angeblickt … Womit meine minimale Hoffnung auf eine ehrliche Sympathie Toms zu meiner Person hin augenblicklich verstarb.
Es lag ihm eben nichts an mir. Hier ging es, wie üblich, um Selbstsucht, sprich ein unbefangenes Gespräch, um die Zeit totzuschlagen, oder die Hoffnung auf einen One-Night-Stand.
Hilflosigkeit in Kombination mit vorgegaukelter Wertschätzung wirkte beim weiblichen Geschlecht wie ein Brandbeschleuniger. Waren Männer sich dieses Vorteils bewusst, nutzten sie diesen schamlos aus – was im Umkehrschluss bedeutete, dass die leidtragenden Frauen ausgenutzt und schlussendlich weggeworfen wurden.
»Oh.« Er hielt inne – schien angestrengt zu überlegen. »Ich verstehe.«
Wertete er mein Verhalten? Suchte er eine Bestätigung? Ein Zeichen, ob ich Interesse an ihm hegte? Ob ich willig war, ihm blind zu vertrauen … ?
Kälte kroch mir in die Glieder.
Wollte Tom mich rumkriegen und ausnutzen … wie mein fürchterlicher Ex-Freund?!
Eine heftige Gänsehaut raste mir stechend über den Körper.
Nein, nein! Von mir erhielt kein Mann mehr Bestätigung, Verständnis oder Mitgefühl! Diese Zeit war lange vorüber! Ich war nicht mehr das naive, blinde Schulmädchen!
Wahrscheinlich war es besser zu gehen, ehe ich mich noch gänzlich von diesem Mann einlullen ließ und mir gar eine Beziehung mit ihm zu wünschen begann.
Ich wollte mich erheben, da startete die zweite Hälfte des Auftritts – und wie das Schicksal es wollte, musste die afrikanische Frau einen meiner Lieblingssongs anstimmen: »Hallelujah« von Leonard Cohen.
Sie sang sämtliche Verse: die aus seiner ersten Version sowie die aus den späteren.
Ich liebte die Melodie und Cohens Stimmfarbe, viele Stellen des Textes jedoch waren blanker Hohn. Hohn gegenüber Frauen. Es war mir schleierhaft, weshalb gut aussehende Frauen von Männern im Allgemeinen stets manipulierend angesehen wurden. Ob im biblischen oder im alltäglichen Sinne, Frauen waren die Verführer: Eiskalt und berechnend … und sobald sie hatten, was sie wollten, schlugen sie erbarmungslos zu. Dabei waren es die Männer, welche Frauen die große Liebe vorgaukelten, einzig um sie kurz darauf stehenzulassen – nein, fallenzulassen, in einen dunklen Abgrund …
Männer betrogen ihre Ehefrauen, kümmerten sich nicht um ihre unehelichen Kinder oder schlugen gar ihre Familie. Aber es war ja bekanntlich leichter, eine hübsche Frau zum Sündenbock zu degradieren, anstatt seine eigene Schwäche einzugestehen und zu sagen: »Ja, ich fand sie schlicht und ergreifend attraktiv und deshalb habe ich meine Frau betrogen.«
Wie hieß es noch gleich?
Zu einem Betrug gehören immer noch zwei.
Selbst wenn eine wunderschöne Frau einen verheirateten Mann bezirzte, bedeutete dies noch lange nicht, seinen Trieben nachzugeben und mit ihr ein Techtelmechtel anzufangen. Falls einem Mann etwas an seiner Ehefrau lag, hinterging er diese nicht. Punkt. Alles andere waren billige Ausreden. Ebenso verhielt es sich vice versa. Entweder man war treu und liebte einander, oder man musste sich trennen.
Fatalerweise lief es heutzutage nicht mehr auf diese einfache, korrekte Weise. Vor allem, da Männer sich seit jeher in die Opferrolle hüllten – betrogen und ausgenutzt von Frauen, von der Arbeit, von Kollegen, von der Welt …
Und schließlich folgte das i-Tüpfelchen: die Mütter.
Hatte eine Frau mehrere Kinder und darunter befand sich ein Sohn, wurde dieser zumeist verhätschelt ohne Ende. Insbesondere, wenn dieser überdurchschnittlich schlecht in der Schule war und selbst rein gar nichts auf die Reihe brachte. Dann bekam dieser Geld zugesteckt, erbte später Haus und Hof … und allfällige Töchter? Die mussten schauen, wo sie blieben.
Ach ja, die armen Männer! Mein Mitleid hielt sich in Grenzen.
»Gefällt Ihnen das Lied?«
Ich drehte mich zu Tom.
Ich musste gestehen, kurzzeitig hatte ich ihn vergessen.
Meine gedanklichen Ausschweifungen wurden von Jahr zu Jahr schlimmer …
Toms durchdringender wie fragender Gesichtsausdruck brachte mich komplett in die Realität zurück.
Ich wollte mich doch längst auf dem Nachhauseweg befinden!
Verfluchte Musik!
Immer dasselbe! Vernahm ich ein schönes Lied, konnte ich mich nicht davon abhalten, es bis zum Schluss anzuhören.
Seufzend lehnte ich mich zurück.
»Sara?« Tom sah mich nach wie vor neugierig an. »Gefällt Ihnen dieses Lied?«
»Ja.«
Er lächelte vergnügt. »Dann erzählen Sie mir, weshalb.«
Langsam wurde mir dieser Typ zu aufdringlich – und in exakt diesem Augenblick endete der Song.
Wahrhaftig, Halleluja!
»Tut mir leid, ich muss jetzt gehen. Morgen habe ich noch einige wichtige Dinge zu erledigen.«
Ein Schatten flog nahezu unmerklich über Toms Gesichtszüge, welcher durch ein einladendes, antrainiertes Lächeln restlos bekämpft wurde. »Kann ich Sie irgendwie überreden, noch etwas länger zu bleiben?«
Ernsthaft?
Allmählich musste er begreifen, dass ich kein Interesse an einem One-Night-Stand hegte und sein Hypnose-Seelenblick an mir längst abgeprallt war.
Stumm schüttelte ich den Kopf – und Tom wirkte sichtlich verzweifelt.
Ich verstand seine Reaktion nicht. Eigentlich verstand ich diesen Menschen per se nicht. Deshalb, und angesichts meiner Lebenserfahrung und das daraus erwachsene Misstrauen fremden Personen gegenüber, entschied ich mich, nach meiner Tasche zu fassen und aufzustehen.
»Kommen Sie bald wieder vorbei?« Die Traurigkeit in seiner Äußerung war trotz der Musik unüberhörbar.
Ein guter Schauspieler.
Wollte er mich warmhalten?
»Das weiß ich noch nicht. Wie gesagt: Ich gehe nicht gerne aus, da ich alleine nicht weiß, was ich machen soll.«
Ein kindliches Strahlen schenkte dem Musiker diese zuckersüße Niedlichkeit, gegen welche ein jedes Katzenbaby und erst recht jede Anime-Zeichnung alt aussah. »Nun … ab jetzt können Sie sich mit mir unterhalten! Wir können über die verschiedensten Themen plaudern. Sie werden nicht mehr allein dasitzen müssen. Ich leiste Ihnen gerne Gesellschaft.«
Für eine Sekunde schloss ich die Lider.
Gleichermaßen wie er mir auf die Nerven ging, berührte mich seine liebevolle Hartnäckigkeit.
»Wir werden sehen.«
»Nein, Sie müssen es mir versprechen.« Er erhob sich – langsam, elegant, selbstsicher. Da war keine Schüchternheit mehr. Von einer Sekunde auf die andere verhielt er sich wie jemand, dem die gesamte Welt gehörte.
Dies gab Raum für drei Vermutungen: Entweder litt Tom an Schizophrenie oder einer ähnlichen Geisteskrankheit, versuchte er durch seine Körpersprache seine große Unsicherheit zu überspielen oder aber, er mimte den schüchternen Jüngling.
Die dritte Theorie erschien am wahrscheinlichsten. Alsbald Tom bemerkt hatte, dass er mit seinem Shy-Guy-Verhalten bei mir nicht landen konnte, versuchte er eben eine andere Methode.
Es war logisch. Es war typisch. Es war die einzige vernünftige Erklärung.
Bestimmt dachte Tom, durch seine Attraktivität sowie dem Dackelblick mich im Handumdrehen einwickeln und eine kurze Nummer mit mir schieben zu können.
Mein Hass wuchs im Takt meines ankurbelnden Herzschlags, brannte in meinem Magen, krampfte in meinen Muskelsträngen.
Verdammte Menschen!
Verdammte Männer!
Verdammtes Leben!
»Auf Wiedersehen.«
Ohne mich noch einmal umzudrehen, ging ich zur Garderobe, langte nach meinem Mantel und trat hinaus in die eisige Nacht.

Alleinsein stellt das höchste Gut dar,
Einsamkeit den tiefsten Schmerz
Ich erwachte am frühen Morgen nach einer von Albträumen durchsetzten Nacht, in welcher ich eine ausgedehnte Tiefschlafphase herzlich vermisst hatte und ich mich nun ähnlich erschöpft fühlte wie vor dem Zubettgehen. Den Barbesuch hätte ich besser sein lassen sollen. Zu viele fremde Menschen auf einem Haufen und Lärm gepaart mit mir unmöglich einzuschätzenden Situationen brachten mir stets unruhige Nächte.
Ich streckte mich.
Tom.
Ein sachter Adrenalinausstoß jagte mir quer durch die Blutbahn.
Alsbald mein Gehirn diesen Namen hervorgebracht hatte, sah ich seine durchdringenden, mich liebevoll betrachtenden Augen vor mir.
Gerne hätte ich gewusst, welche Farbe sie trugen …
Wie sahen sie aus, wenn die Strahlen der Sonne sie beschienen?
Himmelherrgott!
Welche Dinge kamen mir da in den Sinn?! Es wurde stündlich schlimmer mit mir!
Behäbig stemmte ich mich hoch, schlurfte ins Bad und duschte mich. Nach einem ausgiebigen Frühstück, das aus einem Dinkeltoast mit Tomaten, Mozzarella, ein wenig Ketchup und einer heißen Tasse Kakao bestand, setzte ich zu meinem wöchentlichen Wohnungsputz an. Da ich wochentags arbeitete und Samstag meinen Erholungstag bildeten, hatte ich mich vor einigen Jahren dazu entschlossen, Putzarbeiten stets auf Sonntag zu verlegen. Erstens waren sämtliche Geschäfte geschlossen, womit ich nirgendwo großartig hingehen konnte, zweitens bereitete ich mich dadurch auf den Start in eine neue Woche vor.
Indessen ich das Bett überzog, musste ich neuerlich an Tom und unser Gespräch zurückdenken. Und dieses warme, verbindende Empfinden trat zurück in mein Herz – und verstärkte sich. Gleichzeitig schlug mir ein schmerzhafter Blitz in die Seele, ausgelöst durch die bittere Tatsache, für Tom bestenfalls eine Bettgeschichte darzustellen.
Ich atmete tief durch, versuchte, meine Enttäuschung zu verdrängen. Zu meinem Pech wollte es mir nicht gelingen.
Tom hatte etwas so Einzigartiges an sich besessen – eine ehrliche, liebevolle Ausstrahlung, respektvolle Selbstsicherheit … und diese seltsame Schüchternheit, welche dann und wann in den Vordergrund trat und ihn für wenige Sekunden schier gänzlich ausfüllte.
Sein delikates Aussehen, seine Aufmerksamkeit …
Weshalb war es mir nicht möglich, einen Mann kennenzulernen, bei dem ich mich wohlfühlte und welcher sich eine Beziehung mit mir vorstellen konnte … und wollte?
Selbstverständlich, wahre Liebe existierte nicht. Bedingungsloses Vertrauen existierte nicht. Doch zumindest einen halbwegs anständigen Partner an meiner Seite zu wissen, auf den ich mich verlassen konnte – war dies zu viel verlangt?
Ich warf das Bettzeugs in die Waschmaschine und fing mit dem Abstauben an. Kästen, Lichtschalter, Türen, Türgriffe, Fensterbänke und der Bürotisch. Danach reinigte ich Bad und WC.
Du bist eine Niete, hallte es just durch meine Gehirnwindungen. Zum Glück habe ich bloß drei Monate meines Lebens mit dir verschwendet.
Mein Ex-Freund hatte mir diese wundervollen Worte vor die Füße gespuckt. Genauer gesagt: erster und bisher letzter Freund.
Weshalb hatte ich mich auf ihn eingelassen? Wahrscheinlich, weil er mich mit dummen und verlogenen Komplimenten um den Finger gewickelt hatte. Ich war zu naiv gewesen, hatte angenommen, Menschen wären grundsätzlich nett und zuvorkommend. Dabei ging es ihnen seit jeher um Machtmissbrauch und Erfüllung ihrer egoistischen Ziele. Solange ich ihnen half und alles tat, was sie wollten, waren sie halbwegs freundlich zu mir. Alsbald jedoch ich etwas forderte oder wünschte, wurde ich ignoriert – oder, wie im Falle meines Ex-Freunds, fallengelassen.
Und andere Männer, welchen ich in den darauffolgenden Jahren begegnet war? Diese wollten allesamt kurze Affären oder einen Blowjob.
Nun, eigentlich waren es lediglich drei Dreckskerle gewesen, die mich angesprochen hatten. Und alle drei waren verheiratet. Die Blowjob-Nummer hingegen bot mir ein Alkoholiker in seinem Suff an. Seine verfaulten Zähne und der penetrante aus Talg und Schweiß zusammengesetzte Körpergeruch hatten mich mindestens genauso abgestoßen wie das verwahrloste Erscheinungsbild und die Frage an sich.
Ja, liebes Leben, du beschenkst mich andauernd mit Lorbeeren. Womit habe ich derart viel Glück verdient?
Frustriert und verzweifelt packte ich den Staubsauger und schaltete das Lärmmonster ein.
In meinen Kindheitstagen hatte ich das Geräusch eines Staubsaugers nicht eine Sekunde lang ertragen. Alsbald meine Mutter zu saugen begann, hatte ich mir entweder die Ohren zugehalten oder mich ins entlegenste Zimmer der Wohnung verkrochen. Glücklicherweise gewöhnte ich mich nach und nach daran – und heute gelang es mir problemlos, selbst zum Teleskopauszug zu greifen und lästigem Feinstaub den Garaus zu machen.
Nach getaner Arbeit trat ich ans Küchenfenster. Es gewährte mir den Ausblick auf den parkähnlich angelegten Hinterhof des dreistöckigen Mehrparteienhauses.
Im Sommer tummelten sich dort Kinder und Rentner. Im Winter traf man meistens niemanden an. Die Spielgeräte wurden stets abmontiert und im Keller untergebracht, um sie vor starker Witterungseinwirkung zu schützen. Ebenso vergeblich suchte man Bänke.
Ich war zufrieden damit. Das penetrante Kindergeschrei reichte mir die Sommermonate über.
Schleierhafte Winterwolken tauchten den Himmel in ein cremiges Eisblau. Helios selbst präsentierte sich in Form einer weißlich-gelben Kugel, welche ihr schwaches, kaltes Januarlicht teilnahmslos gen Erde sandte.
Ich dachte zurück an Tom, und mit welchen negativen Gefühlen ich das Lokal verlassen hatte.
Einst hatte ich nicht solcherweise überreagiert. Ich hatte keinerlei Vorurteile gehegt und jedem Menschen die Chance eingeräumt, sich mir vorzustellen. Ich war ausnahmslos objektiv und hatte Verständnis und Mitgefühl für jeden – selbst für charakterlose Dreckskerle. Stets dachte ich: Hinter einem jeden Menschen steckt ein Schicksal, eine Geschichte, ein einschneidendes Erlebnis. Niemand reagiert grundlos kalt, unfreundlich, verängstigt oder fröhlich.
Aufgrund meiner Naivität hatte ich allerdings Egoismus, Eigennutz, Gier, Dummheit und andere negative Persönlichkeitsmerkmale nicht miteinbezogen – da ich dachte, diese würden sich zumeist im Rahmen halten. Stattdessen suchte ich die Schuld bei mir selbst. Ich dachte, wenn Menschen unfreundlich auf mich reagierten, läge es ausnahmslos an mir.
Wie man in den Wald hineinruft, hallt es zurück. Dieses Sprichwort hatte ich gegen mich gewendet, hatte mich geändert, mich freundlicher und nochmals freundlicher verhalten – und ich wurde noch weniger akzeptiert, noch mehr belächelt, ignoriert, ausgenutzt.
Ja, meine Metamorphose hatte lange angedauert. Doch nun stand da eine andere Sara. Eine, die sich nicht mehr belügen ließ.
Es war ein schmerzhafter Prozess gewesen – und manchmal fühlte ich mich erst recht schuldig, nun wie all die anderen asozialen, verkommenen, emotionslosen, nutzlosen Menschen geworden zu sein. Nichtsdestoweniger hatte ich einen Erfolg vorzuweisen: Niemand mehr hatte mich verletzt.
Und daran würde sich auch in Zukunft nichts ändern! Selbst wenn ich für den Rest meines erbärmlichen Lebens alleine bleiben musste!
Ich strich mir das Haar zurück und wandte mich der Küchenanrichte zu. Aus dem oberen Schrank holte ich ein Dinkelweckerl hervor, brach es entzwei und legte es zum Austrocknen auf die Heizung. Anschließend kredenzte ich mir gebratene Hühnerfleischstreifen auf gemischtem Blattsalat verfeinert mit Tomaten und Radieschen.
Ich liebte es, frisch zu kochen. Das Empfinden etwas zu kreieren, ließ mich den Aufwand gerne vergessen – zumal Fertiggerichte mir nicht sonderlich schmeckten und ich davon Hautunreinheiten und Bauchkrämpfe bekam.
Besonders gerne mochte ich Hühnerfleisch in Kombination mit Brokkoli, Rosenkohl oder Blattspinat mit Zitronensaft. Teigwaren, Obst und Pilze sagten mir ebenfalls sehr zu. Und süße Nachspeisen sowieso. Was mir überhaupt nicht schmeckte, waren Innereien, Kren, Spargel, Schweinefleisch und Hülsenfrüchte. Ausnahmen bildeten Leberstreichwurst, Frankfurter Würstel und zartgeräucherter Schinken.
Nach Essen und Abwasch nahm ich mein neu gekauftes Taschenbuch – ein Spionagethriller – zur Hand und setzte mich auf meine zwar neuwertige nichtsdestotrotz ungemütliche hellgraue Couch. Sie war zwei Meter lang, hart wie Beton und obendrauf rau wie Schurwolle. Ursprünglich hatte ich sie entsorgen wollen. Leider Gottes kannte ich niemanden, der mir beim Hinuntertragen dieses sperrigen Dings vom zweiten Stock ins Erdgeschoss geholfen hätte. Ferner wollte ich kein Geld für eine andere Sitzgelegenheit ausgeben. So hatte ich mich erzwungenermaßen dazu entschlossen, sie zu behalten.
Solche Momente erinnerten mich daran, dass ich nicht alles alleine bewerkstelligen konnte – gleichgültig, wie sehr ich es wollte oder wie viele Belange des Lebens ich bislang erfolgreich selbst geregelt hatte.
Wie dem auch sei – jammern brachte mich nicht weiter. Ich musste froh sein, eine Couch zu besitzen. Andere Menschen hatten nicht einmal das!
Obwohl ich mir dieser Tatsache vollauf bewusst war, gelang es mir nicht, diesen bitteren Beigeschmack der Verleugnung loszuwerden.
War es in Ordnung, angesichts meiner Einsamkeit mir durchgehend Ausreden zu suchen, um Positivität und irgendeinen Sinn in mein Leben zu bringen?
Jahrelang hatte ich nicht einmal bemerkt, dies ständig zu tun. Ich hatte all meine Wünsche und Sehnsüchte verdrängt, mich ausnahmslos auf den Alltag konzentriert, gegen auftretende Panikattacken gekämpft und sämtlichen Problemen aus dem Weg zu gehen versucht.
Stellte dies das Leben dar? Sich tagtäglich zu fürchten, zu bangen – und letztendlich Dankbarkeit zu empfinden, zumindest auf frisches warmes Wasser Zugriff zu haben und in einem kuscheligen Bett schlafen zu dürfen? Lebten sämtliche Menschen in diesem Land auf dieselbe Weise?
Aber … weswegen jammerten sie alle über jede unbedeutende Kleinigkeit: Das Wetter, den Ehepartner, die Kinder, die Arbeit, den Urlaub, das Auto, die Wohnung?
Falls sie ebenfalls dankbar und überdies gesundheitlich oder mental relativ stark waren … weshalb mussten diese Leute zetern?
Ich verdrängte die Gedanken und erfreute mich lieber an meiner Freiheit, tun und lassen zu können, was ich wollte.
Denn eines war klar: Solange ich allein lebte, brauchte ich keine Kompromisse einzugehen. Ich war frei, musste mich auf niemanden einstellen oder Rücksicht nehmen.
Lediglich dieses mich folternde Verlangen nach körperlicher wie gefühlsmäßiger Nähe, Geborgenheit, einem Zuhause … dies brachte mich allmählich um.
Wie üblich erwachte ich Montag morgen relativ ausgeruht und gestärkt. Diese Energie nutzte ich, um in der Arbeit sämtliche schwierigen Aufgaben zuerst abzuarbeiten. Zwar tauchten komplizierte oder anstrengende Tätigkeiten logischerweise ebenfalls an allen anderen Wochentagen auf, allerdings musste ich mich dann nicht unbedingt einen kompletten Vor- oder Nachmittag mit komplexen Themen herumquälen, sondern durfte mir mentale Pausen durch leichte Obliegenheiten zwischenschieben.
Als Webseitenbetreuer eines kleinen Online-Shops fielen großteils knifflige oder lästige Probleme an. Da ich überdies für den Kundensupport zuständig war, läutete meistens durchgehend das Telefon und wurde mein Mail-Account mit Dummies-Anfragen überschwemmt.
Der überwiegende Teil meiner Anfragen fiel in die Kategorien irrtümliche Bestellungen, Einloggschwierigkeiten aufgrund vergessener Passwörter sowie Unzufriedenheit mit der Paketzustellung.
Obwohl Telefonate und Kundenanfragen mich ziemlich nervten, mochte ich meine Arbeit. Ich hatte ein Büro für mich allein, durfte mir meinen Alltag zumeist frei einteilen und die Bezahlung war ebenfalls in Ordnung.
Meine halbstündige Mittagspause verbrachte ich gern in einem nahe gelegenen überschaubaren Park. Auf einer schmiedeeisernen Bank, welche das gesamte Jahr über unter einer zwanzig Meter hohen Linde stand, aß ich mein Pausenbrot und fütterte nebenbei die Tauben.
Ja, im Winter war es eisig kalt. Dennoch zwang ich mich hierher. Ein wenig Frischluft war wichtig und Abhärtung zugleich. Außerdem liebte ich es, die Vögel zu beobachten. Wie sie frech nach meinen getrockneten Brotkrumen pickten und geschäftig hin- und herstolzierten. Und das niedliche Gurren erst! Ein wenig erinnerte es mich an das Schnurren einer zufriedenen Katze.
Eben wollte ich mich von der Bank erheben, da bemerkte ich, wie ein schlanker Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite in eine schmale Gasse trat.
Tom, hallte es mir unwillkürlich durch meinen Geist. Und unmittelbar danach fragte ich mich, was mit meinem Verstand nicht stimmte.
Von dieser Distanz aus war es mir unmöglich zu sagen, wer dort herum irrte. Bedeutend lachhafter war es anzunehmen, es wäre Tom gewesen, wo ich nicht einmal seine Haarfarbe oder sein Alltagsoutfit kannte! Und überhaupt: Weshalb kam mir dieser Mann fortwährend in den Sinn?
Herrschaftszeiten!
Ich steckte die Hände in die Manteltaschen und eilte los.
Um halb fünf verließ ich das Büro und fuhr nach Hause. Erschöpft und ausgebrannt fühlte ich mich, weshalb ich mich sofort unter eine kochend heiße Dusche stellte. Danach schlüpfte ich in meinen übergroßen, schneeweißen Bademantel, belegte mir ein Brötchen mit Kantwurst, schlang dieses hinunter und kuschelte mich ins Bett.
Meine Schwäche nervte mich. Normalerweise müsste ich voller Energie sein. Schließlich leistete ich keine Akkordarbeit, ebenso wenig musste ich Lieferungen auspacken oder am Bau ackern. Trotzdem quälte ich mich immer wieder mit immensen Erschöpfungszuständen herum – seit meiner Schulzeit.
An einem Vitaminmangel litt ich jedenfalls nicht. Dies hatte ich erst vor Kurzem austesten lassen. Womöglich sollte ich mich sportlich betätigen? Ein Aufbautraining? Oder schlichtweg jeden Tag lange Spaziergänge unternehmen? Verkehrt war es sicherlich nicht …
Auf der anderen Seite war ich zu schwach, um nach der anstrengenden Büroarbeit überdies körperlich Leistung zu erbringen.
Leichter wäre es, mit einem Zwanzig- oder Dreißigstundenjob. Finanziell konnte ich mir einen solchen Luxus aber leider nicht leisten.
Wäre dies mit einem Partner möglich?
Ach, verdammt!
Wozu über etwas nachgrübeln, das ohnehin in unerreichbarer Ferne lag?
Die restliche Woche verlief ruhig und unspektakulär. Ich erledigte meinen Job, erholte mich von den Strapazen und unterdrückte lästige wiederkehrende Gedankenspiele über Tom und unser Gespräch.
Ich kapierte nicht, weshalb ich diesen Menschen nicht mehr vergessen konnte – Aussehen hin oder her. Er war ein niemand. Ich würde ihn niemals mehr wiedersehen. Punkt. Aus. Fertig.
Darüber hinaus wollte ich nichts mit Musikern zu schaffen haben. Natürlich waren nicht alle davon notorische Fremdgeher oder egozentrische, alkoholabhängige Exzentriker. Künstler blieb trotzdem Künstler – womit Konflikte ausgelöst durch verschrobene Persönlichkeitsmerkmale unvermeidbar waren.
Stopp.
Was, zur verfluchten Hölle, dachte ich da?
Ich wollte keine Beziehung mit ihm. Ich kannte diesen Typ doch gar nicht!
Offenbar war ich verzweifelter, als ich es mir selbst eingestand …

Es war Samstag. Erneut. Traditionell gesehen war er der letzte Wochentag und somit ein Feiertag. Die standardisierte Zählung des ISO 8601 machte Schluss mit dieser Gepflogenheit.
Einst hatte ich diesen Tag inniglich geliebt, mich wahnsinnig darauf gefreut.
Und nun?
Nun empfand ich im besten Falle Trauer.
Ausschlafen konnte ich zwar nach wie vor – meine Arbeitswoche ging glücklicherweise ausnahmslos von Montag bis Freitag – das hibbelige Gefühl, welches mich überkam, wenn ich am Donnerstag bemerkte, dass das Wochenende mittlerweile in greifbarer Nähe lag, war jedoch zur Gänze verschwunden.
Ausgelöst hatte diese Verstimmung mein Ex-Freund. Nachdem dieser Dreckskerl mich grauenhaft behandelt und schlussendlich schäbigst verlassen hatte, hatte mich alles verlassen: meine Heiterkeit, mein Glück, meine Hoffnung, meine Lebensfreude. Obgleich Letztes noch nie recht zu meinen Charaktereigenschaften gezählt hatte.
Ich schob mein Selbstmitleid zur Seite und streckte mich – und wie in den vergangenen Tagen schoss Tom mir durch mein Gehirn.
Verflucht!
Irgendwann würde ich noch durchdrehen!
Freilich, er sah umwerfend gut aus, und Sympathiepunkte hatte er bei mir längst in voller Zahl abkassiert … Davon einmal abgesehen brächte mir eine Liebäugelei mit ihm bestenfalls frische Seelenqualen. Ich hatte nicht das Händchen dafür, verständnisvolle, anständige Männer kennenzulernen – falls solche Traumwesen unter uns wandelten.
Es war ein Fluch. Ein unmöglich zu brechender Fluch. Damit musste ich mich abfinden! Hoffentlich würde mein Herz dies irgendwann verstehen und Ruhe geben.
Nach einigem Krafttanken schwang ich mich aus dem Bett, duschte mich heiß und zog mich an. Mein heutiges Frühstück bestand aus Dinkelcornflakes mit Milch und Honig. Ich machte mein Bett, wusch das Geschirr ab und fuhr im Anschluss daran ins Einkaufszentrum.
Mein Kühlschrank musste befüllt werden. Außerdem ging das Mehl zur Neige.
Und was war schlimmer denn eine leere Vorratskammer?
Exakt.
Ein leerer Kühlschrank und eine leere Vorratskammer.
Zwar konnte man heutzutage jeden Tag und zu beinahe jeder Uhrzeit einkaufen gehen, und erhielt man sämtliche saisonale Produkte das gesamte Jahr über, doch das Wissen, zu wenig oder gar keine Lebensmittel zu Hause griffbereit zu haben, ertrug ich schlichtweg nicht. Speziell im Winter war es mir wichtig, Essensvorräte für mindestens zwei Wochen eingelagert zu wissen.
Die wenigsten Menschen dachten an Ausnahmesituationen. Da sprach ich gar nicht von Kriegen, Seuchen oder Terrorismusangriffen. Bereits ein Wetterphänomen, wie lang anhaltender Schneefall, konnte sämtliche Infrastruktur lahmlegen. Besaß man genügend Vorräte, gab es keinen Grund zur Panik. Ähnlich verhielt es sich mit Stromausfällen. Eine kleine Gasherdplatte samt Drei-Liter-Gasflasche fand selbst in einer Singlewohnung Platz – und warmes Essen und Wasser wurde nicht zum Luxusgut.
Ich stieg in meinen alten Mercedes und fuhr los.
Das von der Form her einem Footballstadium ähnelnde Einkaufszentrum besaß drei Parkdecks: eines unter der Erde, eines direkt vor den zwei Eingängen und eines auf dem Dach.
Da ich die tolle Aussicht liebte, entschied ich mich für das Dachgeschoss.
Ich verließ den Wagen, schloss ab und füllte meine Lungen mit der nach Schnee und Eis duftenden Winterluft. Obwohl die Sonne von einem stahlblauen Himmel schien, lagen die Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Der eiskalte Wind machte die Situation auch nicht eben besser. Obwohl ich mir heute einen dicken Pulli, Thermostrumpfhosen und eine Jeans angezogen hatte, fröstele ich ähnlich heftig wie gestern Abend.
Flott schritt ich über die weitläufige Kraftwagenabstellanlage. Neben mir tummelten sich ein paar Familien mitsamt quengelnden Kindern sowie gestresst aussehende alleinerziehende Mütter – und selbstverständlich ein verliebtes Pärchen, das sich wärme- und nähesuchend an den jeweils anderen kuschelte.
Idioten.
Allen voran das dumme, glücklich strahlende Weibsbild. Nahm dieses doch fälschlicherweise an, das Grinsen ihres Freundes rührte von ihren peinlichen Klammerattacken her. Stattdessen freute der Kerl sich lediglich darauf, das gut beheizte Gebäude zu betreten, da er wusste, dadurch etwas mehr Abstand zu ihr gewinnen zu können, ohne unfreundlich zu erscheinen oder seine wahre Geisteshaltung zu offenbaren – nämlich rein gar nichts für sie zu empfinden. Dies wiederum bedeutete, er konnte das naive Dummchen noch eine längere Weile ausnützen und ihr die große Liebe vorgaukeln, einschließlich inniger Umarmungen und Liebkosungen.
Sachte den Kopf schüttelnd folgte ich dem Pseudo-Pärchen in die wohlige Wärme, überholte dieses und eilte weiter zur Treppe.
Aufzüge mied ich seit jeher – nicht aufgrund einer Agoraphobie meinerseits, sondern einzig, weil ich mit fremden Menschen weder für wenige Sekunden noch für Stunden auf engstem Raum eingeschlossen sein wollte.
Niemand wusste, wann der Strom ausging, die Elektronik den Geist aufgab oder sogar das Aufzugsseil riss … Stufen waren da weitaus sympathischer und ungefährlicher. Zudem tat man etwas für seine Figur, und man blieb Herr über seiner selbst.
Im ersten Stock gelandet, hielt ich mich weiter rechts und betrachtete die aneinandergereihten Geschäfte. Ein Jedes davon war unverhältnismäßig gut besucht. Ich nahm die Rolltreppe nach unten, um mich darauffolgend durch lärmende Menschenmengen zum groß angelegten Lebensmittelgeschäft durchzuschlagen.
Die enorme Fläche in der Mitte des Komplexes war heute – von den Kunden einmal abgesehen – vollkommen leer. Dies sah zu Ostern oder Weihnachten anders aus. Dann wurden winzige aus Holz gefertigte Markthäuschen aufgestellt, bei welchen man allerlei Selbstgebasteltes, wie Geschenk- und Dekorationsartikel, erstehen konnte.
Eine mich zur Seite schupsende Gruppe frecher Jugendlicher erhitzte mein Gemüt. Die mich umringenden laut tratschenden und lachenden Leute gaben mir den Rest.
Ich hasste Menschenansammlungen – aus tiefster Seele. Am grausigsten war es im Dezember: Die gehetzten Leute brachten mich dergestalt aus dem Konzept, sodass ich manchmal sogar vergaß, was ich einkaufen wollte. Die ausgesendeten Emotionen der Menge legte sich um meine Sinne, verdunkelte meine Sicht. Da fühlte ich mich wie ein eingeschüchtertes wildes Tier in einem Käfig umringt von mich neugierig musternden Zirkusbesuchern …
Je näher ich dem Lebensmittelgeschäft kam, desto voller wurde es.
Das Villacher Einkaufszentrum erfreute sich zwar Jahr und Tag großer Beliebtheit, heute erinnerte mich dieser Andrang aber eher an die letzten Einkaufstage vor Weihnachten.
Hatten die Menschen etwa noch einen kläglichen Rest an natürlichen Instinkten bewahrt? Die Wetterprognose sagte für die nächsten Tage nämlich weitere tiefe Temperaturen und sogar etwas Schnee voraus.
Der Gedanke an die weiße, glitzernde Pracht vermochte es, meine Stimmung minimal anzuheben.
Ich liebte Schnee!
Die weichen durch die Luft tanzenden Flocken … eingeschneite durch Sonnenstrahlen dramatisch in Szene gesetzte Bäume …
Hoffentlich würde eine erhebliche Menge dieses wundervollen Naturschauspiels fallen. November und Dezember hatten sich durchwegs trocken gezeigt. Die Schneepisten erstrahlten in einem herbstlichen Grün. Einzig der Atem des Winters hatte Wälder und Wiesen ein zärtliches Weiß geschenkt.
Die anhaltenden trockenen Wintermonate brachten die Skination Österreich ganz schön in Bedrängnis. Seit vielen Jahren jammerte der Tourismus über den akuten Schneemangel. Die Schneekanonen waren niemals imstande das Verlangen der Urlauber und Einheimischen nach frischem Neuschnee zu stillen. Folglich wurde geraunzt und Stellen abgebaut, oder in Wellnessanlagen investiert.
Meine Handtasche fest an mich gedrückt wich ich einer zweiten Gruppe lachender Jugendlicher aus.
Wann würden die Menschen verstehen, dass wir mit der Natur leben müssen – und nicht dagegen? Einst entstiegen wir der Erde und letzten Endes gingen wir wieder dorthin. Ein ewiger Kreislauf. Dolme, die es nicht begriffen.
Ich holte eine Eineuromünze hervor und steckte diese in das Pfandschloss eines der vielen Einkaufswagen, welche zu einer eisernen Schlange neben den Aufzügen aufgereiht worden waren, entfernte die Sperrkette und zog den Wagen zurück, um mich sodann in das Lebensmittelgeschäft zu begeben.
Unzählige Dinge türmten sich vor mir auf: Kinderspielzeug, tausende Hygieneartikel, Waschmittelpackungen in allerlei Formen und Farben, Kleidung, meterlange Kühl- und Gefrieranlagen. Aber die Dekadenz schlechthin folgte erst: Dreißig verschiedene Sorten Mineralwasser – und das waren bloß die ohne Geschmack … Und in einem Dritte-Welt-Land verdursteten Menschen angesichts der Tatsache, dass der von ihrem Heimatdorf drei Stunden entfernt gelegene Brunnen von einer großen Lebensmittelmarke aufgekauft worden war und deshalb nicht mehr für die Einheimischen zur Verfügung stand.
Es war ein Albtraum! Ein einziger langer, nicht enden wollender Albtraum.
Ich atmete tief durch und machte mich ans Werk.
Jammern half bekanntlich nichts! Erst recht nicht konnte ich alleine etwas gegen diese und andere Ungerechtigkeiten der Welt anrichten. Gleichwohl zeigte ich meinen Groll, indem ich hauptsächlich Waren einheimischer Firmen und Bauern kaufte. Zumindest so oft es mir möglich war. Im Gegensatz zu den nicht nachhaltig hergestellten importierten Lebensmitteln waren regionale Produkte bekannterweise empfindlich teurer – womit ich wesentlich genauer auf meine Finanzen achten musste.
Mehl, Zucker, Backpulver, Kartoffeln und Hühnerfleisch fanden ihren Weg in meinen Wagen. Ebenso Milch, Butter, Margarine, Salz und Joghurt. Nun fehlten noch Holunderblütensirup, Salat, Äpfel, Bananen und – ganz wichtig – eine Zahnbürste und eine Tube Zahncreme.
Ich drehte den Einkaufwagen mit Schwung zurück – und stieß gegen irgendjemanden.
Zuerst vernahm ich einen Ausruf der Verwunderung, anschließend erblickte ich einen schwarzen Mantel sowie einen Schal in derselben Farbe. Letztgenannter bauschte sich durch meinen Stoß und den daraus resultierenden Sturz des Unglücklichen erst unbeschreiblich elegant in der Luft auf, ehe dieser genauso tollpatschig wie sein Besitzer auf dem Fliesenboden landete.
Es wurde mir heiß, darauf kalt und schlussendlich fing mein Herz wie verrückt zu hämmern an.
Herrgott!
Wenn der Mensch sich nun etwas gebrochen hatte?
So gut versichert war ich nicht!
Mit einem Kribbeln im Hinterteil hockte ich mich zu dem Gestürzten.
Die Person war ein Mann, wahrscheinlich in meinem Alter, mit kupferbraunem Haar – beinahe dieselbe Farbe, wie ich sie mein eigen nennen durfte. Sein Gesicht hatte er von mir weggedreht. Folglich war es mir unmöglich zu sagen, ob er bewusstlos, tot, angefressen oder schlichtweg geschockt war.
»Habe ich Sie verletzt?«, fragte ich besorgt.
Wenn er nun wahrhaftig tot war, was dann? Würde ich wegen Totschlags angeklagt werden?
Dieser Vermutung folgte eine zweite über meinen Rücken kriechende eisige Kälte.
»Nein, sorgen Sie sich nicht«, hörte ich den Unglücklichen jäh sagen.
Mir fiel die halbe Gerlitzen vom Herzen.
Gott sei Dank war er ansprechbar!
Obwohl die Erleichterung und das ausgeschüttete Adrenalin mich dezent benebelten, konnte ich mich nicht des Eindrucks erwehren, die Stimme des Unbekannten von irgendwo her zu kennen.
Bloß von woher?
»Mir geht es gut.« Diese Worte gesprochen stemmte sich der Mann behäbig hoch, drehte sich zu mir – und mich traf der Schlag.
Diese Augen.
Himmelherrgottsakrament! Es war Tom!
Was machte der denn hier?!
Geschockt, verwundert, verwirrt besah er mich … Mit großer Wahrscheinlichkeit schaute ich in dem Moment ebenso bescheuert drein wie er … Aber diese Augen! Dieser Ausdruck! Diese eigenartige, sich über mich legende Einigkeit …
Weder konnte ich mich von Tom abwenden geschweige denn mich bewegen. Ich fühlte mich wie hypnotisiert. Hypnotisiert von diesen wunderschönen graublauen Augen.
Graublau. Das schönste Graublau, das ich jemals in meinem Leben gesehen hatte.
»Ist Ihnen etwas passiert? Soll ich einen Arzt rufen?«, vernahm ich die weibliche Stimme eines Kunden, wodurch ich halbwegs zur Besinnung kam.
»Nein, nein«, beschwichtigte Tom teilnahmslos, unterdessen er mich weiterhin anstarrte und gleichzeitig mit seiner linken Hand unbeholfene Gesten Richtung Kundschaft vollführte. »Mir geht es gut.«
Toms Reaktion bewirkte etwas Ähnliches wie einen Kaltstart meines Gehirns.
Wie lange hatte ich Tom wortlos angestarrt … und wie lange hockte ich eigentlich neben ihm?
Ich wusste es beim besten Willen nicht.
Nicht zuletzt deshalb wurde es allerhöchste Zeit, diese peinliche Situation zu beenden, indem ich mich erhob und ihm meine Hand zur Hilfe reichte – welche er sofort und inklusive einem aufkommenden Lächeln ergriff und sich von mir hochziehen ließ.
Alsbald mein flüchtiger Lokal-Bekannter in seiner ganzen Pracht vor mir stand, wurde ich mir erst seiner ausgeprägten Schönheit gewahr.
Das dichte gewellte Haar, von welchem vereinzelte Strähnen locker über seine zarten Augenbrauen fielen, seine feinporige Haut, die edlen Gesichtszüge … aber vor allem dieser mich ununterbrochen musternde, seelenverschmelzende Blick. Ein Blick, intimer als eine sexuelle Vereinigung, leidenschaftlicher als ein lateinamerikanischer Tanz, zärtlicher als sich niederlassende Lindenblütenpollen im frühlingsfrischen Gras …
Um Toms Seeleninspizierung kurzzeitig zu entgehen, bückte ich mich und langte nach seinem Schal.
Warum musste ich ausgerechnet ihm begegnen? Warum musste ich ausgerechnet ihn zu Boden stoßen? Warum immer ich?!
Verflucht!
»Warten Sie, Sie brauchen sich nicht zu bemühen«, erwiderte er, jedoch hatte ich das Kleidungsstück längst an mich genommen. Eben war ich dabei, mich aufzurichten, da durchfuhr mich ein blitzartiger mich zu Boden werfender Kopfschmerz.
»Grundgütiger!«
Während Tom diesen lieblichen Ausruf tätigte, versuchte ich, mich vorsichtig und mit geschlossenen Lidern hinzuknien.
Der Schmerz in meinem Schädel war exorbitant.
Hatte ich eben einen Hirnschlag erlitten?
Ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende geführt, da fühlte ich, wie Toms Hände mein Gesicht umfassten – und reine Geborgenheit durchströmte mich. Sie erfüllte meinen Leib, mein Herz, meine Seele, meinen Geist. Sie brachte meine Gehirnleistung zum Erliegen, umschloss und erleuchtete jedwede Stelle meines verdunkelten Inneren. Was Tom zuvor mit seinem Seelenblick angedeutet hatte, hatte seine Berührung ein Stück in die Tat umgesetzt: Er war in mich eingedrungen, hatte sich mit mir vereinigt.
Es war erschreckend wie wunderschön … beängstigend wie erregend … aufwühlend wie beruhigend.
Oder trug gar mein hämmernder Kopfschmerz an dieser eigenartigen Reaktion Schuld?
»Geht es?«
Zögerlich richtete ich mich auf, suchte des Musikers Angesicht. Seine Hände hielt er weiterhin um meine Gesichtskonturen gelegt.
Himmel …
Tom war mir so nah … vielleicht zehn Zentimeter trennten unsere Nasenspitzen … dazu gesellte sich sein markanter wie besorgter Augenausdruck, von welchem mir zu allem Überfluss schwindlig wurde.
»Falls ich keinen Hirnschlag erlitten habe«, antwortete ich gepresst. »War dies wohl der Beginn eines Clusterkopfschmerzes … oder so …«
Engelsgleiche Güte trat in Erscheinung. »Zwar bin ich kein Humanmediziner, dennoch kann ich Ihnen garantieren, nicht an Clusterkopfschmerzen zu leiden.«
»Na, das beruhigt mich.« Wenigstens gelang es mir, mich gefasst und unbeeindruckt anzuhören. Mein Herz hingegen schien nahezu zu zerspringen. Und meine Nerven? Diese waren nicht mehr angespannt, sondern längst zerrissen.
Diese psychische Ausnahmesituation kompensierte mein Verstand, indem er just eigenwillige Fragen auftreten ließ.
Wie würde sich ein Kuss mit Tom anfühlen? Wie würde er schmecken? Genauso gut wie sein zartes Aftershave vermengt mit diesem minimalistisch herben, mich verrückterweise an Stroh erinnernden Eigengeruch?
Ich räusperte meine behämmerten gedanklichen Ergüsse davon. »Und wissen Sie, was mir fehlt?«
Ein breites Grinsen verlieh Tom diesen spitzbübisch-charmanten Zauber. »Sie haben mir eben einen Kopfstoß versetzt. Das ist alles.«
Ich blinzelte. »Wie … was?«
Er begann zu kichern.
Es hörte sich unwahrscheinlich an – unwahrscheinlich schön, niedlich, wunderbar …
»Ich wollte selbst nach meinem Schal greifen, doch Sie waren schneller und erhoben sich exakt in dem Moment, als ich mich zu Ihnen herabgebeugt hatte.«
Der Schal … natürlich!
Da spürte ich das gestrickte Kleidungsstück in meinen Händen – und erst dadurch verstand ich, was Tom mir zu sagen versuchte.
»O nein! Nicht auch noch das!« Meine Wangen erhitzten. »Habe ich Sie verletzt?«
Er ließ von mir ab, um sein Kinn zu umfassen. »Nun, Zähne sind noch alle beisammen … wehgetan hat es dennoch.«
»Das ist mir äußerst peinlich.«
Erst warf ich ihn zu Boden, und dann verpasste ich ihm überdies einen Kopfstoß. Das Ganze entwickelte sich allmählich zu einer Katastrophe!
Wackelig stand ich auf – und Tom war sofort dabei, mir aufzuhelfen, indem er seinen rechten Arm um meinen linken schlang. »Warten Sie, ganz langsam. Sonst fallen Sie mir noch um.«
»Keine Sorge.« Ich strich mir ein paar Haarsträhnen hinters Ohr und aktivierte den Rest meiner kaum vorhandenen Schlagfertigkeit. »Ich lasse es bestimmt nicht so weit kommen, dass ich in die Arme eines Mannes fallen werde.«
Das würde dieser Situation die Krone aufsetzen!
Toms Seelenerkundungsblick intensivierte sich zunehmend. »Nun, ich hätte nichts dagegen einzuwenden.«
Ich krauste die Stirn. »Wenn Sie in die Arme eines Mannes fallen?«
Meine Aussage entlockte ihm ein herzallerliebstes Schmunzeln. »Darauf haben Sie gewartet, geben Sie es zu!«
Nun konnte selbst ich mir ein Grinsen nicht mehr verkneifen.
Er hüstelte leise. »Spaß beiseite … Damit meinte ich selbstredend Sie.«
Frische Hitze kletterte mir in mein Haupt.
Flirtete dieser Kerl etwa ständig? Gab es nichts anderes für ihn?
Seine nach wie vor meinen linken Arm festhaltenden Hände drängten meine Überlegungen in eine andere Richtung.
Wollte Tom mich nicht mehr loslassen?
Sein unbekümmerter fröhlich-zufriedener Ausdruck sagte eher »Ja« …
Das bedeutete wohl, ein weiteres Mal selbst aktiv zu werden.
Durch einen langen Schritt nach hinten war es mir möglich, seinen warmen Händen zu entkommen – und die mir altvertraute Leere trat schlagartig zurück in mein Inneres.
Eigentlich wollte ich gar nicht weg von Tom. Dieser verrückten Tatsache wurde ich mir blöderweise erst gewahr, nachdem ich meinen Einkaufswagen ergriffen hatte.
Kruzitürken noch einmal!
Welchen Irrsinn fühlst du da?
Dieser Flirtmeister hatte es neuerlich geschafft, mich mit einem einzigen Blick einzulullen!
»Darf ich meinen Schal zurückhaben?«
Wie?
Verdutzt blickte ich auf meine rechte Hand … und erstarrte.
Fest umklammert hielten meine Finger das schwarze Kleidungsstück wie den Griff des Einkaufwagens.
Verdammt …
Ich hatte nicht bemerkt, diesen nach wie vor bei mir zu tragen.
Himmel … was war los mit mir?
Dass ich grundsätzlich schnell aus dem Konzept gebracht werden konnte, war kein Geheimnis. Gegen solche Verwirrtheitszustände hatte ich aber noch nie kämpfen müssen … und meine Beschämung? Die war längst mit vierzig Zehnerpotenzen multipliziert worden.
Ich antwortete Tom mit einem knappen »Natürlich« und reichte ihm den kuscheligen Halswärmer.
Was hätte ich sonst entgegnen sollen? Jede Erklärung, Abschwächung oder Negierung meiner offenkundigen Blödheit hätte mich bloß weiter ins Abseits manövriert.
Dankend nahm Tom den Schal entgegen und wickelte diesen sogleich um seinen schlanken Hals. »Normalerweise mag ich Tücher und Schals nicht besonders … Irgendwie fühle ich mich da … nun ja … wie vom anderen Ufer.«
Angesichts möglicher Beleidigungen durch eine unbedachte Stellungnahme meinerseits wollte ich ihm ursprünglich ein gekünsteltes Lächeln zuwerfen und nicht weiter darauf eingehen.
Doch was geschah stattdessen?
Ich verfiel in ein herzliches, unbefangenes Gelächter. Auf Biegen und Brechen – es gelang mir nicht einmal im Ansatz, dieses einzudämmen.
Verflixt und zugenäht!
Ich verstand mich einfach nicht mehr. Besser gesagt: Ich verstand rein gar nichts mehr.
Und Tom …
War er sich seiner Situationskomik eigentlich bewusst?
Letztgenanntem jedenfalls schien mein Lachanfall deutlich zuzusagen, davon bezeugte sein bombastisches, in seinen Augen explodierendes Seelenlicht.
Es dauerte etwas, bis mein emotionaler Ausreißer gänzlich abgeebbt war und ich zu einer Erwiderung ansetzen konnte. »Sie sehen nicht schwul aus.«
Ein spitzbübisches Grinsen Toms trat selbstbewusst in Erscheinung. »Das freut mich … Es wäre ärgerlich, wenn plötzlich ausnahmslos Homosexuelle an mir Interesse zeigen würden.« Unversehens vollführte er beschwichtigende Handgesten. »Damit will ich aber unter keinen Umständen eine Aversion gegen Personen mit divergenten Vorlieben andeuten. Solange Menschen keine Straftaten begehen, ist es mir völlig gleich, was sie tun, mögen oder lieben.«
Das war eine Ansage!
Nicht einmal alle Menschen in meinem Umfeld zusammengerechnet konnten mit einem solchen Weitblick aufwarten.
Tom sah das große Ganze – nicht bloß einen winzigen Ausschnitt des Bildes … oder wie in diesem Fall, des Gesagten.
Ich straffe die Gestalt. »Nein, ernsthaft. Sie sehen damit nicht schwul aus. Der Schal und der Mantel steht Ihnen, ebenso der Anzug letzten Samstag. Sie haben einen ausgeprägten Geschmack für elegante Kleidung. Das ist eine Seltenheit heutzutage. Insbesondere Männern gelingt es kaum, sich vernünftig anzuziehen. Sie bilden eine gern gesehene Ausnahme.«
Seine Wangen färbten sich Rot.
Im hellen Licht wirkte Tom damit noch weitaus niedlicher … Nein. Er wirkte bezaubernd.
»Ich …« Seine Pupillen wanderten etwas zur Seite. »Ich bekomme leicht Halsschmerzen.«
Meine Güte!
Mein Kompliment beschämte ihn.
Dieser Charakterzug passte ähnlich wenig zu einem Musiker wie seine angebliche Menschenscheue.
»Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen, weshalb Sie einen Schal tragen«, beruhigte ich. »Andere Leute interessiert dies ohnehin nicht. Die bemerken solche Nebensächlichkeiten erst gar nicht.«
Jegliche Verlegenheit Toms wurde augenblicklich von Ernsthaftigkeit verdrängt. Gleichzeitig hüpfte sein intensiver Blick zu mir zurück. »Und Sie? … Interessiert es Sie?«
Ich schluckte.
Was sollte ich darauf antworten?
Für gewöhnlich interessierte ich mich rein gar nicht dafür, wie Menschen sich kleideten, verhielten oder welche Meinungen sie vertraten – insbesondere nach der Geschichte mit meinem Ex. All die harten Worte, das grausame Verhalten, meine Einsamkeit – wozu sollte ich mir den Kopf zerbrechen, weshalb diese oder jene Leute dieses oder jenes anzogen? Meinem Erfahrungsschatz zum Trotz wollte ich Tom nicht mit einer kaltschnäuzigen Aussage verletzten. Dieser Mann mutete hochgradig empfindsam an. Zudem gaben vergangene Verletzungen und Erniedrigungen mir nicht das Recht, meinen Frust an Mitmenschen auszulassen – vor allem nicht an Personen, die mich nicht kannten und nicht über mein Seelenleben und meine negativen Erlebnisse Bescheid wussten. Des Weiteren wollte ich unter keinen Umständen lügen. Unwahrheiten zu sprechen war für mich ähnlich schwerwiegend wie Mord oder ein Seitensprung. Demzufolge blieb mir wohl nichts anderes übrig, als Tom die Wahrheit abgeschwächt mitzuteilen.
»Ich interessiere mich nicht besonders für den Kleidungsstil anderer. Außerdem geht es mich nichts an. Kleidung, Musik, Bücher, Filme – solche Dinge zählen zu den persönlichen Vorlieben. Niemand hat dazu das Recht, ein Urteil zu fällen.«
Seine Züge wurden weich. »Danke für Ihre Aufrichtigkeit.«
Hatte er mein Zögern bemerkt?
Nein, so etwas gab es nicht! Das war reiner Zufall gewesen.
Tom klopfte sich Mantel und Hose ab.
»Sie sind meinetwegen schmutzig geworden. Das tut mir furchtbar leid. Wenn Sie wollen, zahle ich Ihnen die Reinigung.«
Irgendwie musste ich mich für meinen Einkaufswagen-Bodyslam entschuldigen … Da schien eine Reinigung angebracht, oder? Zumindest hoffte ich das. Immerhin konnte Tom – wenn er ein Mistkerl war – mich auf Schadensersatz sowie Körperverletzung klagen.
Sein sänftiglicher Augenausdruck zog mich aus meinen Grübeleien und machte mich leicht schwindlig.
»Nein, nein«, erwiderte er gütlich. »Es handelte sich bloß um ein wenig Staub.«
»Dennoch tut es mir aufrichtig leid. Ich wollte Sie nicht zu Boden stoßen.«
»Das hoffe ich.« Der überraschend freche Ton sowie das verschmitzte Grinsen ließen mich unwillkürlich erschauern. »Ansonsten müsste ich Ihnen dieses Verhalten nämlich noch übel nehmen.«
Meine Hände knetend blickte ich zu meiner im Einkaufswagen liegenden schwarzen Tasche.
Was sollte ich jetzt tun?
Wollte er mich womöglich doch anzeigen? Wartete er darauf, mich auszunehmen?
»Kommen Sie heute Abend in die Bar?«
Seine mit Hoffnung getränkte Stimmlage nötigte mich dazu, mich ihm zuzuwenden. »Eigentlich habe ich keine Zeit.«
Er zog die rechte Augenbraue nach unten. »An einem Samstag haben Sie keine Zeit?«
»Ich plante andere Dinge ein, wie meine Vorhänge zu waschen.«
Und mich auszuruhen, komplettierte ich gedanklich. Oder mir einen Film anzusehen, anstatt mir meinen Schlaf durch Menschenansammlungen zu vermiesen.
Selbstredend wollte ich mich entschuldigen … ein weiteres Flirt-Gespräch wie das gestrige führen lag jedoch nicht in meiner Absicht.
Nun krauste er die Stirn. »An einem Samstag?«
»Ja.«
»Sind Sie da ganz sicher?«
»Ja.« Ich besah ihn kritisch. »Dies soll keine Ausrede darstellen, falls Sie das vermuten. Ich putze grundsätzlich am Wochenende, da ich unter der Woche zu müde dafür bin.«
Vor allem außertourliche Reinigungsarbeiten verschob ich gerne auf meinen persönlichen Ruhetag. Zum einen, um mit der Arbeit fertig zu werden, zum anderen, um mich sonntags nicht zu sehr zu übernehmen.
»Und in diesem Fall existiert keine Möglichkeit zu einer Ausnahme?«
Ich wollte etwas entgegnen, da fuhr Tom fort. »Nicht einmal, wenn ich Ihnen diesen –« Er nickte zur Seite – zu der Stelle, wo ich ihn zu Boden befördert hatte. »Barbarischen Akt lediglich dann verzeihe, wenn Sie mich heute Abend besuchen kommen?«
Ich hätte es mir sofort denken können!
Da zeigte ich Reue – und flugs glaubte die männliche Gattung Mensch, sie könne sich jegliche Freiheiten herausnehmen.
»Das klingt stark nach Erpressung.«
Seine Augen erstrahlten im kindlichen Glanze. »Nun … ich weiß nicht. Erpressung besitzt einen solch harten Unterton.« Nochmals legte er die Stirn in Falten. »Nennen wir es lieber –« Er deutete Gänsefüßchen mit Zeige- und Mittelfinger an. »Den Vorschlag für eine Entschuldigung – und den Appell an Ihr Gewissen.«
Das war die Oberfrechheit schlechthin!
Nahm er an, ich würde ob seines delikaten Äußeren sofort spuren? Litt er unter Realitätsverlust ausgelöst durch ihn anhimmelnde Fans – falls es denn welche gab – oder glaubte er, er sei etwas Besseres, weil er Saxofon spielte?
»Ich kann ausgesprochen gut selbst entscheiden, wie ich mich bei jemandem entschuldige.« Meinen Frust versuchte ich erst gar nicht zu verstecken, dementsprechend forsch fuhr ich ihn an. »Und am Rande erwähnt: Ich bot Ihnen an, die Kosten für die Reinigung Ihrer Wäsche zu übernehmen.«
»Ich verlange keine Reinigung, keinen Schadenersatz – lediglich ein Gespräch in der Bar.« Sachte gestikulierte er mit der rechten Hand. »Ist das schlimm?«
Entgegen meiner Annahme, Tom durch mein dreistes Verhalten wütend oder beleidigt gestimmt zu haben, bedachte er mich mit einem ausgeprägten Dackelblick. Ein mitten in mein kühles Herz einschlagender Anblick. Ein Anblick, derart verloren, sehnsüchtig und lieblich … ich wusste bei Gott nicht, wie ich darauf reagieren sollte.
»Bitte kommen Sie heute vorbei.« Sein bettelnder Tonfall war nicht eben hilfreich, meinen Mitleidspegel und in weiterer Folge mein Reuegefühl zu mindern.
»Das Gespräch letzte Woche gefiel mir sehr«, übergoss er seine Überredungskünste mit Zuckerguss. »Ich fand es schade, dass Sie so schnell verschwanden.«
Ich seufzte.
Was sollte ich machen?
Einerseits lag er im Recht. Ich hatte ihn zu Boden geworfen. Andererseits war es eine Frechheit, dies auf eine solche unverschämte Methode einzufordern.
Und dann erst dieser Dackelblick!
Bestimmt war es ihm genauestens bewusst, wie sehr seine Gesichtsakrobatik bei Frauen zog.
Verdammt noch einmal!
»Wie lange wollen Sie mich derart intensiv anstarren?«
»Bis Sie nachgeben.«
Ha! Da hatten wir es! Alles ein perfekt kalkuliertes Schauspiel!
Aber okay. Ich würde ihm diese Bitte erfüllen. Danach war jedoch Schluss. Kein weiterer Lokalbesuch mehr, keine Gedankenspielereien über Tom mehr. Gar nichts mehr!
»Nun gut.« Ich kratzte mich an der Nase. »Ich werde kommen.«
In Toms Angesicht ging die Sonne auf. »Wirklich? Ja? Das freut mich unwahrscheinlich!«
»Aber mehr brauchen Sie nicht einzufordern.«
»Natürlich nicht.« Beschwichtigend hob er die Hände. »Ausschließlich dieser Abend.«
»In Ordnung. Wann soll ich vorbeischauen?«
»Ab zehn.«
»So spät?«
Ich war kein Nachtmensch. Ganz und gar nicht. Bereits deshalb ging ich abends äußerst ungern außer Haus.
»Wann öffnet die Bar denn?«
»Um neun. Doch ab fünfzehn nach neun spiele ich für eine knappe dreiviertel Stunde.« Unbeholfenes Herumfuchteln seiner rechten Hand evozierte eine sachte Nervosität in mir. »Da ich mich mit Ihnen unterhalten möchte, ist es somit besser, wenn Sie erst ab zehn Uhr eintreffen.«
Weshalb wollte Tom nicht vor mir spielen? War er solcherweise schlecht?
»Schämen Sie sich, vor mir zu musizieren?«
Offenkundiger Schock flog über seine Züge und wurde unmittelbar darauf von eklatanter Unsicherheit verdrängt. Hiervon bezeugten seine sich wellenden Augenbrauen wie der sich senkende Blick Richtung Boden. »Nun … ich mag es nicht sonderlich, wenn Leute mir zuhören, die mich kennen.«
Hä?
»Ihnen ist bewusst: Es gibt Stammgäste im Lokal, oder?«
Er errötete. »Ja, allerdings spreche ich in diesem Fall nicht von diesen.«
Aha …
»Von welcher Klientel sprechen Sie dann?«
»Für Personen, welche sich nicht sonderlich für meine Wenigkeit interessieren –« Er stockte. »Oder für Personen, welche mich nicht sonderlich interessieren, spiele ich grundsätzlich gerne. Bei allen anderen dagegen nimmt der Druck zu große Ausmaße an. Dadurch passieren mir Fehler. Ich hasse es, wenn mir Fehler passieren.« Die letzten drei Sätze ratterte er in einem irrsinnigen Tempo herunter, ich wäre beinahe nicht mitgekommen. »Kommen Sie einfach um zehn.« Dies gesprochen drehte er sich um und eilte davon.
Was, zur Hölle, sollte das nun bedeuten?
Anscheinend hatten einige Kunden unser Gespräch belauscht, starrten diese mich gefühlsmäßig genauso verdattert an wie ich dem davoneilenden Tom.
Wie war das gewesen … was hatte Tom exakt erwidert? Er spielte einzig für Leute gerne … die sich nicht für ihn interessierten … oder für die er sich nicht interessierte?
Allmählich begann ich zu verstehen – womit eine brutale Hitzewelle über mich herniederbrach.
Interessiert Tom sich für mich … ?
Hatte ich das richtig deduziert?
Gesenkten Hauptes schob ich meinen Einkaufswagen zur Obstabteilung, gleichermaßen wie ich sämtliche Überlegungen beiseiteschob.
Ziehe keine voreiligen Schlüsse! Sei kein Naivling, sondern eine erwachsene Frau!
In einem tranceartigen Zustand erledigte ich meine restlichen Einkäufe und fuhr nach Hause. Ob ich an roten Kreuzungen anhielt oder Fußgeher über Zebrastreifen passieren ließ, war mir unmöglich zu sagen.
Dieser unwirkliche Zwischenfall war zu viel für meine Nerven.
Unterdessen ich die Lebensmittel verstaute, nahm mein vernebeltes Gehirn stückchenweise an Fahrt auf.
Bedeutete ich Tom tatsächlich etwas? Ging es ihm womöglich gar nicht um einen One-Night-Stand?
Ich verwarf diesen aus Dummheit, Unbedarftheit und Wunschdenken geborenen Irrsinn.
Hier ging es um gar nichts. Gewiss hatte ich es falsch aufgefasst – genauso wie ich in der Vergangenheit dutzende menschliche Reaktionen falsch aufgefasst hatte.
Nach einem schmackhaften Mittagessen, welches aus gebratenem Hühnerfleisch mit einer dunklen Soße und Jasminreis bestanden hatte, hockte ich mich auf die verhasste Couch und griff nach dem Taschenbuch.
Ein wenig lesen und ausrasten, dachte ich. Dann kümmere ich mich um die Vorhänge.
Jäh erschien Tom mitsamt flehentlichem Gesichtsausdruck vor mir.
Sollte ich ihn besuchen?
Die tiefen Temperaturen und die späte Uhrzeit gingen mir gehörig gegen den Strich. Diese beiden Dinge außer Acht gelassen, liebte ich Saxofonklänge.
Dies war einmal anders gewesen. In meiner Kindheit hatte ich dieses Instrument regelrecht gehasst. Wahrscheinlich aufgrund seines romantisch-sexuellen, verträumten Klangs. Töne, Klangfarben, Stimmen – seit jeher war ich überdurchschnittlich empfänglich für Geräusche aller Art. Ebendrum hielt ich lautes Menschengetratsche, extrem aufgedrehte Musik sowie Straßen- und Maschinenlärm nicht lange aus.
Da Verwandte, Schulkollegen und Bekannte regelmäßig über meine Vorlieben und Meinungen hergezogen waren und Lehrer mir auf erniedrigende psychologische Weise meine Andersartigkeit – aber vor allem Dummheit – unter die Nase gerieben hatten, hatte ich gelernt, mich abzukapseln. Ich hatte gelernt, nichts über meine Wünsche oder Sehnsüchte zu verlauten. Ich hatte gelernt, keine Fragen zu stellen und nicht aufzufallen. Und ich hatte gelernt, alles zu verachten, was mit Schwäche, Romantik und zwischenmenschlichen Kontakten zusammenhing. Neben Verliebtheit und Schwärmereien fiel in diese Rubrik ebenfalls das Saxofon.
Vor einigen Jahren hatte sich diese Aversion gelegt. Höchstwahrscheinlich trug meine Begierde nach Liebe und Geborgenheit daran Schuld sowie das Wissen, in meinem nunmehrigen Alter nicht mehr veräppelt werden zu können. Besonders dann nicht, wenn ich weiterhin nichts von meinen Sehnsüchten offenbarte.
Ich legte das Buch in meinen Schoß und massierte mir die Schläfen.
Manchmal hasste ich mich dafür, meiner Schwäche nachgegeben zu haben, ab und an versucht zu haben, einen Freundeskreis aufzubauen. Andauernd hatte man mich versetzt, mich stehengelassen, mich belogen, mich ignoriert, mich belächelt.
Menschen sprachen von Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen. Doch wozu durchhalten und es immer wieder versuchen, wenn es in all den Jahrzehnten nie funktioniert hatte? Andere Menschen mussten sich vielleicht mit ein oder zwei Rückschlägen abfinden. Ich hingegen war nie ernsthaft gemocht worden. Hatte ich beispielsweise einen Schulkollegen nett gefunden, war der nicht an mir interessiert gewesen. Hatte ich einen Kursteilnehmer nett gefunden, war der nicht an mir interessiert gewesen. Hatte ich einen Arbeitskollegen nett gefunden, war der nicht an mir interessiert gewesen. Nun war ich dreißig Jahre alt, und alles, was ich durfte, war auf eine mich ausbeutende Beziehung zurückzublicken.
Und dann tauchte da plötzlich Tom auf, dem ich möglicherweise ein klitzekleines Bisschen gefiel.
Was sollte ich von alldem halten?
Ich schloss die Lider.
Irgendwie hätte ich Tom gerne spielen gehört. Seine introvertierte wie extrovertierte Art in einem Musikstück zu erleben, erweckte eine selbst mich überraschende Neugier in mir.
Ach, vergiss es!
Ich lehnte mich zurück und suchte die Taschenbuchseite, auf welcher ich letztens stehengeblieben war.
War es Seite neunzig oder hundertzehn gewesen?
Kommen Sie einfach um zehn, halte Toms jugendlich-sanfte Stimme durch meine Reflexbögen, weiter zu meinen Synapsen, um mir im Anschluss daran ein neues Bild von seinem durchdringend-gütigen Gesichtsausdruck zu generieren.
Wie wertschätzend und respektvoll er mich betrachtet hatte. Auf eine absurde Weise hatte es für mich den Anschein erweckt, für ihn etwas Besonderes darzustellen. Dies wiederum klang dermaßen infantil und breithirnig, ich hatte große Lust, mir mit dem Taschenbuch zwanzig Mal gegen die Stirn zu dreschen.
All diesen Liebesirrsinn hatten wir bereits einmal!, rügte ich mich. Sei nicht abermals blauäugig!
Einen weiteren mich ausnutzenden Freund brauchte ich nicht. Einzig Liebe, Mitgefühl und Verständnis benötigte ich.
Ich begann zu lesen. Doch alles, was ich vor mir sah, war Tom. Alles, was ich fühlte, war diese wundervolle Einigkeit …
Himmelherrgottsakrament!
Ich schleuderte das Buch auf den quadratischen Glastisch.
Dann kümmere ich mich eben sofort um diese verfluchten Vorhänge und fange mit dem Fensterputz an!
Aber selbst diese Tätigkeit half nicht, den Musiker aus meinen Gedanken zu verscheuchen. Alle paar Minuten sah ich sein hoffnungsvolles Flehen vor mir aufblitzen.
Das konnte alles nicht mehr wahr sein!
Offenbar war es wohl das Beste, Tom einen Besuch abzustatten. Dann würde ich mich dadurch bei ihm entschuldigen und meiner naiven Seele beweisen können, dass auch er mit mir spielte.
Jawohl!
Ich warf den Putzlappen in den Wassereimer, klappte die Stehleiter zusammen, trug diese zurück ins Bad und verräumte sie hinter der Tür. Anschließend holte ich den Eimer, entleerte diesen, trocknete ihn mit dem ausgewrungenen Lappen ab, räumte beides in den unter der Spüle befindlichen Schrank und zog mich um.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.