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Kitabı oku: «Assja»

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I

Ich war damals fünfundzwanzig Jahr alt, begann N. N.: – wie ihr seht, Begebenheiten längst verflossener Tage. Ich hatte mich soeben frei gemacht und war in‘s Ausland gereist, nicht um »meine Erziehung zu vollenden,« wie man damals zu sagen pflegte, sondern einzig nur, weil ich mich in Gottes weiter Welt umschauen wollte. Ich war gesund, jung, heiter, an Geld fehlte es mir nicht, Sorgen drückten mich noch nicht – ich lebte in den Tag hinein, that, was ich wollte, mit einem Worte, ich stand in vollem Flor. Es fiel mir damals nicht ein, daß der Mensch keine Pflanze und seine Blüthezeit nicht von Dauer ist. Die Jugend ißt vergoldete Pfefferkuchen und denkt dabei, das eben sei das tägliche Brod; – es kommt aber die Zeit, wo man sich nach einem Stück trockenen Brodes vergebens sehnen wird. Doch es lohnt nicht, davon zu reden.

Ich reiste ohne Ziel und Plan; machte überall Halt, wo es mir gefiel, und zog weiter, sobald ich das Bedürfniß empfand, andere Gesichter zu sehen, – namentlich: Gesichter. Mich interessirten ausschließlich nur die Menschen; ich haßte die sehenswerthen Denkmäler, die Sammlungen von Merkwürdigkeiten, schon der Anblick allein eines Lohndieners erregte in mir ein Gefühl von Langeweile und Erbitterung; in dem Dresdener »grünen Gewölbe« hätte ich fast den Verstand verloren. Die Natur wirkte mächtig auf mich, ich liebte jedoch nicht ihre sogenannten Schönheiten, ihre gewaltigen Berge, Felsen und Wasserfälle; ich liebte nicht, daß sie sich mir aufdränge, daß sie mich störe. Hingegen die Gesichter, die lebendigen, menschlichen Gesichter, – die Rede der Menschen, ihre Bewegungen, ihr Lachen – das war es, was ich nicht entbehren konnte. Mitten in dem Gewühle war mir immer besonders leicht und froh zu Muthe; es machte mir Vergnügen, dorthin zu gehen, wohin Andere gingen; zu schreien, wenn Andere schrieen, und dabei zu sehen, wie diese Andere schrieen. Es belustigte mich, die Menschen zu beobachten . . . ja, ich beobachtete sie nicht allein, ich betrachtete sie mit einer gewissen freudigen und unersättlichen Neugier. Doch ich komme wieder von meiner Erzählung ab.

Vor zwanzig Jahren also lebte ich in der kleinen deutschen Stadt S. (Sinzig) am linken Ufer des Rheins. Ich suchte die Einsamkeit; ich war von einer jungen Wittwe, deren Bekanntschaft ich in einem Bade gemacht hatte, in‘s Herz getroffen worden. Sie war sehr hübsch und klug, coquettirte mit Jedem – und auch mit mir armen Burschen, – anfangs hatte sie mich sogar aufgemuntert, nachher aber mich tief gekränkt, indem sie mich einem rothwangigen bairischen Lieutenant opferte. Aufrichtig gesprochen, die Wunde meines Herzens war nicht sehr tief; ich hielt es aber für meine Schuldigkeit, mich für einige Zeit der Traurigkeit und Abgeschiedenheit hinzugeben – woran doch die Jugend Vergnügen findet! – und ließ mich in S. nieder.

Dieses Städtchen gefiel mir wegen seiner Lage am Fuße zweier hoher Hügel, wegen seiner alten Mauern und Thürme, seiner hundertjährigen Linden, seiner steilen Brücke über dem klaren, in den Rhein fließenden Bächlein, – hauptsächlich jedoch wegen seines guten Weins. In den engen Gassen ergingen sich Abends, unmittelbar nach Sonnenuntergang (es war im Juni), allerliebste, blondlockige Rheinländerinnen und riefen dem Fremden, dem sie begegneten, mit lieblicher Stimme: »Guten Abend!« zu; – einige von ihnen kehrten selbst dann noch nicht heim, wenn bereits der Mond hinter den spitzen Dächern der alten Häuser emporstieg und die kleinen Steine des Pflasters sich deutlich in seinen unbeweglichen Strahlen abzeichneten. Ich liebte dann in der Stadt umherzuschlendern; der Mond schien unverwandt auf dieselbe vom wolkenlosen Himmel herabzuschauen; und die Stadt empfand diesen Blick und lag, in leisen Schlaf gehüllt, friedlich da, ganz vom Mondlicht umflossen, von diesem ruhigen und zugleich die Seele sanft erregenden Lichte. Der Hahn auf dem hohen, gothischen Glockenthurme glänzte in mattem Golde; in demselben Golde schillerten auch die Wasserstreifen auf der dunkeln Glanzfläche des Baches; kleine Lichter (der Deutsche geht sparsam um)! brannten bescheiden an den schmalen Fenstern unter den Schieferdächern; die Weinreben steckten geheimnißvoll ihre gekrümmten Ranken aus der Mauer hervor; da huschte Etwas vorüber in dem Schatten des alten Brunnens auf dem dreieckigen Marktplatze, plötzlich ertönte das schläfrige Pfeifen des Nachtwächters, ein gutmüthiger Hund knurrte mit halber Stimme und die Luft umfing so milde das Gesicht und die Linden dufteten so süß, daß die Brust unwillkürlich tiefer und tiefer ausathmete und das Wort »Gretchen« – halb Ausruf, halb Frage – auf den Lippen schwebte.

Die Stadt S. liegt zwei Werst vom Rheine ab. Ich ging oft hin, mir den majestätischen Strom zu betrachten, und blieb stundenlang und nicht ohne gewisse Anstrengung an die treulose Wittwe deutend, auf der Steinbank unter der einzelnstehenden, mächtigen Esche sitzen. Eine kleine Statue der Madonna mit einem fast kindlichen Gesichte und einem rothen, von Schwertern durchbohrten Herzen auf der Brust, blickte traurig aus den Zweigen hervor. An dem gegenüberliegenden Ufer lag das Städtchen L., (Linz am Rhein) das etwas größer war, als das, in welchem ich mich niedergelassen hatte. Eines Abends saß ich auf meiner Lieblingsbank und schaute bald auf den Fluß, bald zum Himmel, bald auf die Weinberge. Vor mir kletterten blondköpfige Knaben an den Seiten eines auf das Ufer gezogenen Bootes herum, das umgestürzt, mit dem getheerten Kiele nach oben, da lag, Kleine Schiffchen mit leicht geblähten Segeln zogen langsam vorüber; grünliche Wogen glitten kaum angeschwellt mit leisem Rauschen vorbei. Plötzlich ertönten die Klänge einer Musik; ich horchte auf. In der Stadt L. wurde ein Walzer gespielt, der Contrebaß brummte in abgebrochenen Tönen, die Geige klang unbestimmt dazwischen, die Flöte schrillte eifrig dazu.

– Was ist das? fragte ich einen herankommenden alten Mann mit Plüschweste, blauen Strümpfen und Schuhen mit Schnallen.

– Das, gab er zur Antwort, das Mundstück seiner Pfeife aus einem Mundwinkel in den andern schiebend, – das sind die Studenten, die aus B. (Bonn) zum Commers gekommen sind.

»Ich will mir doch diesen Commers ansehen,« dachte ich: »ich bin ohnehin ja in L. nicht gewesen.« Ich suchte einen Fährmann auf und fuhr hinüber.

II

Vielleicht weiß nicht ein Jeder, was ein solcher Commers bedeutet. Es ist eine besondere Art feierlichen Gelages, zu welchem sich die Studenten eines Landes oder einer Verbrüderung (Landsmannschaft) vereinigen. Fast alle Theilhaber an einem Commers tragen das von Alters her eingeführte Costüm der deutschen Studenten: kurzer Schnurrock, hohe Stiefel und kleine Mütze mit farbigem Rande. Gewöhnlich versammeln sich die Studenten zum Mittage unter dem Vorsitze des Seniors und zechen bis zum Morgen, trinken, singen Lieder, den Landesvater, das Gundeamus; rauchen und machen die Philister herunter; zuweilen miethen sie sich auch ein Musikchor.

Ein solcher Commers wurde nun gerade in der Stadt L. vor einem kleinem Wirthshause, zur Sonne benannt, in einem an die Straße stoßenden Garten abgehalten. Ueber dem Wirthshause selbst und im Garten weheten Flaggen; Studenten saßen an Tischen unter gekappten Lindenbäumen; eine mächtige Dogge lag unter einem der Tische; seitwärts in einer Epheulaube saßen die Musikanten und spielten eifrig auf, indem sie sich von Zeit zu Zeit durch einen Trunk Bieres stärkten. Auf der Straße, vor dem niedrigen Gartenzaune, hatte sich eine große Menge Volkes versammelt: die guten Bürger des Städtchens L. wollten nicht die Gelegenheit vorübergehen lassen, sich die fremden Gäste anzusehen. Ich mischte mich auch unter die Menge der Zuschauer. Es machte mir Vergnügen, die Gesichter der Studenten zu betrachten; ihre Umarmungen, ihre Ausrufungen, das unschuldige Coquettiren der Jugend, die glühenden Blicke, das unbewußte Lachen – das beste Lachen der Welt, – dieses ganze freundliche Brausen des jugendlich frischen Lebens, dieses Ringen und Streben vorwärts – gleichviel wohin, nur vorwärts, – dieses gut müthige ungebundene Wesen, rührte mich und steckte mich an. Soll ich nicht zu ihnen gehen? fragte ich mich . . .

– Assja, hast du genug? fragte plötzlich in russischer Sprache eine Männerstimme hinter mir.

– Warten wir noch etwas, antwortete eine andere, weibliche Stimme, in derselben Sprache.

Ich wandte mich rasch um: . . . Mein Blick fiel auf einen hübschen, jungen Mann in einer weiten Jacke und mit einer Mütze; er führte am Arme ein Mädchen, nicht hoch von Wachse, mit einem Strohhute, der den ganzen oberen Theil ihres Gesichtes bedeckte.

– Sie sind Rassen? brachte ich unwillkührlich hervor..

Der junge Mann lächelte und sagte: – Ja, wir sind Rassen.

– Ich hätte nie erwartet . . . in dieser abgelegenen Gegend, begann ich . . .

– Wir ebenso wenig, unterbrach er mich, – was thut das? Um so besser. Erlauben Sie, daß wir uns vorstellen: ich nenne mich Gagin,« und dieses ist meine . . . er stockte einen Augenblick: – meine Schwester. Und Ihren Namen, dürften wir bitten?

Ich nannte mich und wir knüpften ein Gespräch an. Ich erfuhr, daß Gagin gleich mir zu seinem Vergnügen reise, vor einer Woche in der Stadt L. angekommen sei und sich daselbst niedergelassen habe. Aufrichtig gesprochen, machte ich ungern im Auslande Bekanntschaft mit Russen. Ich erkannte sie sogar von Weitem an ihrem Gange, an dem Schnitt ihrer Kleidung, hauptsächlich jedoch an dem Ausdruck ihrer Gesichter. Der selbstzufriedene und verächtliche, häufig auch befehlende Ausdruck, wechselte plötzlich mit dem der Zaghaftigkeit und Behutsamkeit ab . . . In einem Augenblick stand der ganze Mensch Wache, sein Blick schweifte unstät umher . . . »Hätte ich vielleicht et was Dummes gesagt, lacht man nicht über mich? « schien dieser bestürzte Blick zu sagen. Noch einen Augenblick und das Majestätische der Physiognomie war wieder hergestellt, um nur noch dann und wann mit Stumpfsinn zu wechseln. Ja, ich vermied die Russen, doch Gagin gefiel mir sogleich. Es gibt in der Welt solche glückliche Gesichter; sie anzusehen ist Jedem eine Lust; man fühlt sich durch sie gleichsam erwärmt und geliebkost. Gagin hatte gerade ein solches liebliches, freundliches Gesicht mit großen, sanften Augen und weichem, krausem Haare. Er sprach so, daß, wenn man auch nicht sein Gesicht vor sich hatte, man allein an dem Tone seiner Stimme fühlte, daß er lächelte.

Das Mädchen, welches er seine Schwester genannt hatte, schien mir gleich auf dem ersten Blick sehr lieblich. Es lag etwas Eigenthümliches, Besonderes in den Zügen ihres bräunlichen, runden Gesichtes, mit der nicht großen, feinen Nase, den fast kindlich abgerundeten Wangen und den dunkelen, klaren Augen. Sie war graziös gebaut, jedoch wie es schien, noch nicht völlig entwickelt. Sie glich ihrem Bruder nicht im Geringsten.

– Wollen Sie zu uns kommen? fragte mich Gagin.

– ich denke wir haben uns die Deutschen genug angesehen. Unsere Landsleute würden freilich wohl Scheiben eingeworfen und Stühle zerbrochen haben, diese hier sind aber doch gar zu anständig. Was meinst Du, Assja, wollen wir nach Hause gehen?

Das Mädchen nickte bejahend mit dem Kopfe.

– Wir wohnen außerhalb der Stadt, fuhr Gagin fort – in einem Weinberge, in einem einzelnstehenden Häuschen, hoch oben. Es ist herrlich bei uns, sehen Sie sich‘s an. Die Wirthin hat versprochen, uns saure Milch zu bereiten. Es wird ja auch jetzt bald dunkel werden und da fahren Sie doch lieber bei Mondlicht über den Rhein.

Wir machten uns auf den Weg. Durch ein niedriges Stadtthor (eine alte Mauer aus Feldstein umgab die Stadt von allen Seiten, selbst die Schießscharten waren noch nicht alle zusammengestürzt) traten wir in‘s Freie und nachdem wir ungefähr hundert Schritte längs einer steinernen Mauer gegangen waren, blieben wir vor einem engen Pförtchen stehen. Gagin öffnete es und führte uns aus einem steilen Pfade den Berg hinan. Zu beiden Seiten waren die Abhänge mit Weinstöcken bepflanzt; die Sonne war eben untergegangen und ein leichter, purpurner Schimmer ruhete auf den grünen Reben, den langen Stöcken, dem trockenen, mit platten Schieferstücken und Steinen dicht bestreuten Boden und auf der weißen Mauer des kleinen Häuschens, mit dem schrägen und dunkelen Fachwerk und den vier hellen Fenstern, welches ganz oben auf dem Berge stand, den wir jetzt hinankletterten.

– Da ist unsere Wohnung! rief Gagin aus, indem wir uns dem Häuschen näherten: – und da bringt auch schon die Wirthin unsere Milch. Guten Abend, Madame. Wir wollen uns gleich darüber hermachen, doch zuvor, fügte er hinzu; – schauen Sie sich einmal um. Was sagen Sie zu dieser Aussicht?

Die Aussicht war in der That reizend. Der Rhein lag vor uns, ein Silberstreif zwischen grünen Ufern; an einer Stelle glühete er im purpurgoldigen Scheine der untergegangenen Sonne. Das am Ufer liegende Städtchen ließ alle seine Häuser und Gassen erblicken; Hügel und Felder breiteten sich weit hin aus. Unten war es schön, oben jedoch noch schöner: einen besonderen Eindruck machten auf mich die Reinheit und Tiefe des Himmels, die glanzvolle Durchsichtigkeit der Luft. Leicht und frisch wiegte sie sich und strich in sanfter Wellenbewegung hin, als fühlte auch sie sich freier auf der Höhe.

– Sie haben sich da einen herrlichen Wohnsitz ausgewählt, sagte ich.

– Assja hat ihn entdeckt, erwiederte Gagin; – nun Assja, ordne Alles an. Laß Alles hierher bringen. Wir wollen im Freien unser Abendessen einnehmen. Hier hört man die Musik besser. Haben Sie‘s nicht auch bemerkt; setzte er hinzu: – in der Nähe taugt ein Walzer oft Nichts – fades und rauhes Getön; aus der Ferne macht er sich aber wunderschön! bringt alle romantische Saiten des Herzens in Bewegung. Assja, (eigentlich war Anna ihr Name, Gagin jedoch nannte sie Assja, und ihr erlaubt mir wohl, sie auch so zu nennen) Assja begab sich in das Haus und kehrte bald mit der Wirthin zurück. Beide zugleich trugen ein großes Theebrett mit einem Töpfe voll Milch, Tellern, Löffeln, Zucker, Beeren und Brot. Wir setzten uns und machten uns an das Essen. Assja nahm den Hut ab; ihr schwarzes, etwas beschnittenes und wie bei Knaben frisirtes Haar, fiel in dichten Locken über Schultern und Nacken. Anfangs hatte sie Scheu vor mir; Gagin sagte ihr aber:

– Assja, fürchte dich nicht, er thut dir nichts zu Leid!

Sie lächelte und bald darauf redete sie mich selbst einige Male an. Ich habe noch nie ein beweglicheres Wesen gesehen. Nicht einen Augenblick saß sie ruhig; sie stand auf, lief in das Haus, kam wieder heraus, sang mit halblauter Stimme und lachte häufig auf eine sehr seltsame Weise; es schien als lachte sie nicht über das was sie hörte, sondern über verschiedene Gedanken, die ihr gerade in den Sinn kamen. Ihre großen Augen blickten offen, hell und furchtlos, zuweilen jedoch blinzelten die Lider leicht und dann wurde ihr Blick plötzlich tief und sauft.

Wir plauderten so beinahe zwei Stunden. Der Tag war längst erloschen, und der Abend aus Purpurroth in helles Rosa, dann in bleiches Grau übergehend, löste sich endlich in Nacht auf, unser Gespräch aber floß ununterbrochen, friedlich und ruhig, wie die uns umringende Luft. Gagin ließ eine Flasche Rheinwein bringen und wir tranken sie, ohne zu eilen, aus. Die Musik ließ sich noch immer vernehmen; doch weicher und milder dünkten uns die Töne; Lichter wurden in der Stadt und auf dem Flusse angezündet Assja neigte plötzlich den Kopf, so daß die Locken ihr über die Augen herabfielen, verstummte und athmete tief auf; dann sagte sie uns, sie wolle schlafen und ging in das Haus; ich sah jedoch wie sie, ohne Licht anzuzünden, lange hinter dem geschlossenen Fenster stand. Endlich stieg der Mond herauf und ließ seinen Schein auf der Wasserfläche spielen, Alles wurde hell, versank in Schatten, gestaltete sich anders, sogar der Wein in unseren geschliffenen Gläsern erglühte in geheimnißvollem Glanze. Der Wind hatte nachgelassen, gleichsam seine Flügel eingezogen und sich vollständig gelegt; nächtliche, aromatische Wärme stieg vom Boden herauf.

– Es ist Zeit! rief ich aus, sonst finde ich keinen Fährmann mehr.

– Es ist Zeit, wiederholte Gagin.

Wir stiegen den Fußpfad hinunter. Plötzlich rollten Steine hinter uns her, es war Assja, die uns nacheilte.

– Schläfst Du denn nicht? fragte sie ihr Bruder, sie aber ohne ihm Antwort zu geben, lief an uns vorüber. Die letzten ersterbenden Lämpchen, welche die Studenten im Garten des Wirthshauses angezündet hatten, beschienen von unten herauf das Laubwerk der Bäume, was denselben ein festliches und phantastitsches Aussehen verlieh. Wir fanden Assja am Ufer: sie unterhielt sich mit dem Fährmanne. Ich sprang in das Boot und nahm Abschied von meinen neuen Freunden. Gagin versprach, mich am folgenden Tage zu besuchen; ich drückte ihm die Hand und reichte die Meinige Assja hin; sie aber sah mich nur an und nickte mit dem Kopfe. Das Boot stieß ab und glitt auf dem raschen Strome dahin. Der Fährmann, ein rüstiger Alter, tauchte mit Anstrengung die Ruder in die dunkele Fluth.

– Sie sind in den Mondstreifen hinein gefahren, haben ihn zertheilt, rief Assja mir nach.

Ich senkte das Auge; die Wellen plätscherten, in Dunkel gehüllt, um das Boot herum.

– Leben Sie wohl! ertönte noch ein Mal ihre Stimme.

– Auf Wiedersehen, morgen, setzte Gagin hinzu.

Das Boot legte an. Ich stieg aus und blickte zurück. Auf dem entgegengesetzten Ufer war Niemand mehr zu sehen. Der Mondstreifen zog sich wieder wie eine goldene Brücke über den ganzen Strom. Gleichsam als Abschiedsgruß klangen die Töne eines alten Lannerschen Walzers herüber. Gagin hatte Recht gehabt: ich fühlte, daß alle Saiten meines Herzens als Antwort auf jene Klänge erzitterten. Ich ging über die dunkelnden Felder nach Hause, die balsamische Luft langsam einathmend, und erreichte, ganz abgespannt von süßer Erschlaffung zielloser und unendlicher Erwartungen, mein Zimmer. Ich fühlte mich glücklich . . . Aber worüber war ich denn glücklich? Ich wünschte Nichts, ich dachte an Nichts . . . ich war glücklich.

Fast lachend im Vollgefühl angenehmer und wechselnder Eindrücke, sank ich in mein Bett und schloß bereits die Augen, als mir plötzlich einfiel, daß ich im Laufe des Abends nicht ein einziges Mal meiner grausamen Schönen gedacht hatte. »Was bedeutet denn das? fragte ich mich: – »bin ich nicht verliebt?« Doch als ich mir diese Frage vorgelegt hatte, war ich, wie mir däucht, schon eingeschlafen, wie ein Kind in der Wiege.

III

Am andern Morgen (ich war bereits wach, aber noch nicht aufgestanden) klopfte Jemand mit einem Stocke unter meinem Fenster und eine Stimme, die ich sogleich als die Gagin’s erkannte, stimmte an:

 
»Noch schläfst Du? Es soll
» Die Guitarre Dich wecken . . .«
 

Ich eilte ihm die Thür zu öffnen.

– Guten Morgen, sagte Gagin, indem er hereintrat: Ich störte Sie etwas früh, sehen Sie aber, was für ein Morgen! Frische, Thau, die Lerchen singen . . . Mit seinem lockigen, glänzenden Haare, dem bloßen Halse und den rosigen Wangen war er selbst frisch wie der Morgen.

Ich kleidete mich an; wir traten hinaus in den Garten, setzten uns auf eine Bank, ließen uns Kaffee bringen und begannen zu plaudern. Gagin theilte mir seine Pläne für die Zukunft mit: im Besitze eines artigen Vermögens und völlig unabhängig, wollte er sich der Malerei widmen, nur bedauerte er, daß ihm dieser Gedanke so spät gekommen sei und er viel Zeit unnütz verloren habe; ich erwähnte gleichfalls meiner Pläne und vertraute ihm nebenbei das Geheimniß meiner unglücklichen Liebschaft. Er hörte mich langmüthig an, aber so viel ich bemerken konnte, erregte in ihm meine Leidenschaft keine lebhafte Theilnahme. Nachdem er ein paar Male aus Artigkeit gegen mich mitgeseufzt hatte, schlug er mir vor, zu ihm zu kommen und seine Studien anzusehen. Ich war sogleich bereit.

Assja trafen wir nicht an. Sie war, nach Aussage der Wirthin auf die »Ruine« gegangen. Zwei Werst von dem Städtchen L. befanden sich Ueberreste einer mittelalterlichen Burg. Gagin legte mir alle seine Mappen vor. In seinen Entwürfen war viel Leben und Wahrheit, eine gewisse Freiheit und Breite, jedoch keiner war ausgeführt und die Zeichnung war nachlässig und nicht ohne Fehler. Ich sagte ihm meine Meinung frei heraus.

– Ja, ja, nahm er mit einem Seufzer das Wort: – Sie haben Recht; das Alles ist sehr schwach und unvollkommen. Was ist dabei zu thun! Ich habe nicht studirt wie sich’s gebührt, und da schlägt noch dazu die slavische Fahrlässigkeit durch. Vor der Arbeit ist’s, als schwebe man wie im Adlerfluge dahin: den Erdball, scheint’,« könnte man aus seiner Bahn reißen, kommt‘s aber zum Handeln, so verliert man gleich die Kraft und wird müde.

Ich versuchte ihm Muth einzusprechen, er aber wies mich ab mit der Hand, raffte seine Mappen zusammen und warf sie auf den Divan. – Wenn die Geduld vorhält, soll noch aus mir Etwas werden, brummte er in den Bart: – wenn nicht – dann bleibe ich Landjunker. Doch suchen wir Assja auf. – Wir gingen.

IV

Der Weg zur Ruine schlängelte sich am Abhange eines bewaldeten Thales hin, in dessen Grunde ein Bach rauschend über Gestein rollte, als drängte es ihn, sich in dem großen Strome zu verlieren, der ruhig hinter dem scharfzackigen Bergrand hervorschimmerte. Gagin lenkte meine Aufmerksamkeit auf einige vortheilhaft beleuchtete Punkte; aus seinen Worten sprach, wenn nicht der Maler, so doch gewiß der Künstler. Bald zeigte sich die Ruine. Auf dem Gipfel eines nackten Felsens erhob sich ein viereckiger, ganz geschwärzter, noch fester Thurm, der aber durch einen Riß der Länge nach wie zerspalten war. Bemooste Mauern stießen an den Thurm; hier und dort rankte sich Epheu; krummästiges Gestrüpp füllte die Schußscharten und eingestürzten Gewölbe. Ein steiniger Weg führte zum Thore, das verschont geblieben war. Wir waren demselben schon nahe, als plötzlich vor uns eine weibliche Gestalt vorbeiglitt, rasch über die Trümmerhaufen dahineilte und sich auf einen Vorsprung der Marter setzte, gerade über dem Abgrunde. – Das ist ja Assja! rief Gagin aus: – ist die aber toll!

Wir traten durch das Thor in einen mäßigen Hof, der zur Hälfte mit wild wachsenden Aepfelbäumen und Brennesseln überwuchert war. Auf dem Vorsprunge saß Assja, sie war es. Sie wandte das Gesicht zu uns und lachte auf, rührte sich aber nicht von der Stelle. Gagin drohte ihr mit dem Finger, ich machte ihr laut Vorwürfe über ihre Unvorsichtigkeit.

– Lassen Sie das, flüsterte mir Gagin zu: – reizen Sie sie nicht; Sie kennen sie nicht: sie wäre noch im Stande, den Thurm hinaufzuklettern. Betrachten Sie sich lieber das dort, wie doch die Leutchen hier herum erfinderisch sind.

Ich blickte mich um: in einem Winkel hatte sich‘s eine gute Alte in einem engen Gehäuse von Brettern bequem gemacht und strickte ihren Strumpf, indem sie dabei scheele Blicke über die Brille aus uns warf. Sie hielt für Touristen Bier, Kuchen und Selterswasser feil. Wir nahmen Platz auf einer Bank und machten uns an unsere schweren, zinnernen Kannen mit kühlem Biere. Assja saß immer noch unbeweglich da, sie hatte ihre Füße herausgezogen und um den Kopf eine Schärpe von Nesseltuch geschlungen. Ihre schlanke Gestalt zeichnete sich deutlich und schön auf dem hellen Himmelsgrunde ab; ich konnte sie indessen nicht ohne Mißvergnügen ansehen. Noch am Tage vorher hatte ich an ihr etwas Gespanntes, Unnatürliches wahrgenommen . . . »Sie will uns in Erstaunen setzen,« dachte ich, »wozu das? was für ein kindischer Einfall?« Als wenn sie meine Gedanken errathen hätte, warf sie einen raschen und durchdringenden Blick auf mich, lachte auf, sprang in zwei Sätzen die Mauer herab und bat sich, zu der Alten tretend, ein Glas Wasser aus.

– Du glaubst wohl, ich wolle trinken? sagte sie, zum Bruder gewendet, – nein; es sind da Blumen auf der Mauer, die ich durchaus begießen muß.

Gagin erwiederte nichts; sie aber kletterte, mit dem Glase in der Hand, die Ruine hinan, machte von Zeit zu Zeit Halt, und sich niederbeugend, ließ sie. mit ergötzlicher Wichtigthuerei, einige Tropfen Wasser herabfallen, die hell an der Sonne glitzerten. Ihre Bewegungen waren sehr anmuthig, mich aber ärgerte sie wie zuvor, obgleich ich unwillkürlich ihre Leichtigkeit und Gewandtheit bewunderte. An einer gefährlichen Stelle that sie absichtlich einen Schrei und lachte dann laut . . . das brachte mich noch mehr auf.

– Die klettert ja wie eine Geis. brummte die Alte vor sich hin und hielt für einen Augenblick mit Stricken inne.

Inzwischen hatte Assja das Glas geleert und war, schelmisch sich hin und her wiegend, zu uns zurückgekehrt. Ein eigenthümliches Lächeln umspielte kaum merklich ihre Brauen, die Nasenflügel und Lippen; halb dreist, halb heiter blinzten die dunklen Augen.

– Sie finden mein Betragen anstößig, schien ihr Gesicht zu sagen; – gleichviel: ich weiß doch, daß Sie mich bewundern.

– Sehr gewandt, Assja, sehr gewandt! sagte Gagin halblaut.

Es war, als fühlte sie plötzlich Scham; sie senkte die langen Wimpern und setzte sich, wie schuldbewußt, bescheiden zu uns. Jetzt zum ersten Male betrachtete ich mir genau ihr Gesicht, das veränderlichste Gesicht, das ich jemals gesehen habe. Einige Augenblicke darauf wurde es ganz bleich und nahm einen gesammelten, fast wehmüthigen Ausdruck an; ihre Züge kamen mir jetzt sogar breiter, strenger und einfacher vor. Sie war ganz still geworden. Wir machten einen Gang um die Ruine herum (Assja folgte uns) und ergötzten uns an den Fernsichten. Unterdessen rückte die Mittagsstunde heran. Gagin bezahlte die Alte, forderte noch eine Kanne Bier und rief, zu mir gewandt, mit verschlagenem Blick:

– Auf das Wohl der Dame Ihres Herzens!

– Hat er denn, – haben Sie denn eine solche Dame? fragte auf einmal Assja.

– Wer denn hätte keines erwiederte Gagin.

Assja wurde plötzlich nachdenkend; ihr Gesicht bekam wieder einen andern Ausdruck, das herausfordernde, fast dreiste Lächeln war zurückgekehrt.

Auf dem Heimwege lachte und tollte sie noch ärger. Sie brach sich einen langen Zweig ab, lehnte ihn an ihre Schulter wie eine Flinte und band sich die Schärpe um den Kopf. Ich erinnere mich, es begegnete uns eine zahlreiche Gesellschaft blondhaariger, gezierter Engländer: wie auf gegebenes Commando ließen Alle in kaltem Erstaunen Assja an ihren glasichten Augen vorbei, während diese, ihnen zum Possen, lauten Gesang anstimmte. Zu Hause angekommen, begab sie sich sogleich auf ihr Zimmer und zeigte sich erst kurz vor dem Essen, in ihr bestes Kleid gekleidet, mit sorgfältig geordneten Haaren und in Handschuhen. An der Tafel hielt sie sich sehr sittsam, beinahe steif, berührte kaum die Speisen und trank Wasser aus einem Weinglase. Offenbar lag ihr daran, sich mir in einer neuen Rolle vorzustellen, – in der Rolle eines anständigen und wohlgesitteten Fräuleins. Gagin ließ sie gewähren; man sah sehr wohl, daß es ihm bereits zur Gewohnheit geworden war, ihr in Allem den Willen zu lassen. Zuweilen sah er mich gutherzig an und zuckte leicht mit den Achseln, als wollte er sagen: » Sie ist ein Kind; seien Sie nachsichtig.« Als die Tafel zu Ende war, erhob sich Assja, machte uns einen Knicks und fragte, den Hut aufsetzend, Gagin, ob sie zur Frau Luise gehen dürfe?

– Seit wann fragst Du um Erlaubniß? erwiederte er mit seinem unwandelbaren, jetzt etwas erstaunten Lächeln: – wird Dir die Zeit mit uns lang?

– Nein, ich habe aber gestern noch der Frau Luise versprochen, sie zu besuchen; und dann, meine ich, bleibt ihr Beide lieber allein; Herr N. ((sie zeigte auf mich) wird Dir noch Etwas erzählen.

Sie ging.

– Frau Luise« begann Gagin, indem er sich bemühte, meinen Blicken auszuweichen« – ist die Wittwe eines ehemaligen Bürgermeisters von hier, eine gute, aber beschränkte Alte. Sie hat Assja sehr lieb gewonnen. Assja‘s Leidenschaft ist’s, mit Leuten niederer Abkunft Bekanntschaft zu machen; ich habe gefunden, daß Stolz jedes Mal der Grund davon ist. Ich habe sie ziemlich verwöhnt, wie Sie sehen, fügte er nach einer Pause hinzu; – was blieb mir aber übrig? Mit Strenge Etwas durchsetzen wollen, das könnte ich bei Niemandem, bei ihr nun vollends nicht. Es ist meine Pflicht, nachsichtig gegen sie zu sein.

Ich schwieg. Gagin gab der Unterhaltung eine andere Wendung. Je mehr ich ihn kennen lernte, desto mehr gefiel er mir. Ich hatte ihn bald verstanden. Das war so eine echt russische Seele, wahrheitsliebend, treuherzig, einfach, doch leider etwas träge, ohne Halt und ohne innere Glut. Die Jugend sprudelte nicht in ihm, sie glimmte gleich einem leichten Feuer. Er war höchst liebenswürdig und gescheit, doch konnte ich mir nicht vorstellen, was wohl aus ihm im Mannesalter werden sollte. Künstler will er werden . . . Ohne sauere, beständige Anstrengung wird Niemand Künstler; du, dich anstrengen, dachte ich beim Anblick des sanften Gesichtes und bei dem langsamen Tonfall seiner Stimme, – nein! anstrengen wirst du dich nicht, dich zu beherrschen, wird Dir nicht gelingen! Und doch war es mir unmöglich, ihn nicht lieb zu haben: das Herz fühlte sich wahrhaft hingezogen zu ihm. Vier Stunden mochten wir mit einander verbracht haben, bald sitzend auf dem Divan, bald ruhig vor dem Hause auf und ab gehend, und in diesen vier Stunden wurden wir vollends befreundet.

Der Tag hatte sich zu Ende geneigt und es war Zeit geworden, nach Hause zu gehen. Assja war noch immer nicht heimgekehrt.

– Das ist mir doch ein ausgelassenes Ding, sagte Gagin: – wenn Sie wollen, begleite ich Sie zurück; unterweges gehen wir bei Frau Luise vor; ich frage nach, ob sie noch da ist. Der Umweg ist unbedeutend.

Wir stiegen in die Stadt hinab, lenkten in eine enge, krumme Quergasse ein und blieben vor einem zwei Fenster breiten, vierstockigen Hause stehen. Der zweite Stock trat über den unteren, nach der Gasse zum vor, der dritte und vierte überragten den zweiten noch weiter; das ganze Haus mit seinem alterthümlichen Schnitzwerk, den zwei dicken Pfeilern unten, dem scharfkantigen Ziegeldach und dem schnabelartig aus dem Dachboden hervorragenden Wellbaume war einem ungeheuren, höckerigen Vogel ähnlich.

– Assja! rief Gagin: – bist Du da?

Ein erhelltes Fensterchen im dritten Stocke ward angestoßen, aufgemacht und es zeigte sich uns der dunkelhaarige Kopf Assja‘s. Hinter ihr guckte das zahnlose Gesicht einer schwachäugigen Alten hervor.

– Bin hier, antwortete Assja, sich mit den Ellenbogen coquett auf die Fensterbrüstung stützend: – Mir gefällt es hier. Da, nimm« setzte sie hinzu, indem sie Gagin einen Geraniumzweig herabwarf: – denke Dir, ich wäre die Dame Deines Herzens.

Frau Luise lachte.

– N. will fort, entgegnete Gagin: – er wünscht Abschied von Dir zu nehmen.«

– Wirklich? äußerte Assja: – in diesem Falle gieb ihm meinen Zweig, ich bin gleich zurück.

Sie warf das Fenster zu und gab, wie mir schien, der Frau Luise einen Kuß. Gagin reichte mir schweigend den Zweig. Schweigend steckte ich ihn in die Tasche, ging zur Ueberfahrt und ließ mich an’s andere Ufer übersetzen.

Ich erinnere mich, während ich nach Hause ging, dachte ich an Nichts, fühlte jedoch auf dem Herzen eine eigenthümliche Schwere, als mich unerwartet ein scharfer, mir bekannter, in Deutschland jedoch nicht gewöhnlicher Geruch stutzig machte. Ich blieb stehen und gewahrte abseits vom Wege ein mäßiggroßes Hanfbeet, dessen Geruch mich sogleich an meine heimathliche Steppe erinnerte. Ein heftiges Heimweh ward in mir rege. Es wandelte mir die Lust an, russische Luft in die Lungen zu ziehen, auf russischer Erde zu wandeln. »Was mache ich hier, warum treibe ich mich, unter Fremden, in der Fremde umher?« rief ich aus, und die dumpfe Schwere, die mir auf der Seele lag, verwandelte sich augenblicklich in bittere, brennende Aufregung. Ganz anders gestimmt, als am vorigen Tage, langte ich zu Hause an. Ich fühlte mich einigermaßen aufgebracht und konnte mich lange nicht beruhigen. Ein mir selbst unerklärbarer Aerger hatte sich meiner bemächtigt. Ich setzte mich endlich und, mich meiner treulosen Wittwe erinnernd (officielle Erinnerungen widmete ich dieser Dame am Schlusse jeden Tages), holte ich einen ihrer Briefe hervor. Ich faltete ihn jedoch nicht einmal auseinander, meine Gedanken hatten bereits eine andere Richtung eingeschlagen. Ich dachte . . . dachte an Assja. Mir fiel ein, daß Gagin im Laufe der Unterhaltung von gewissen Hindernissen geredet hatte, die seine Rückkehr nach Rußland erschweren sollten . . . »Aber ist sie denn wohl seine Schwester?« rief ich laut.

Ich kleidete mich aus, legte mich zu Bett und versuchte einzuschlafen, aber eine Stunde darauf saß ich bereits auf meinem Lager und, mit dein Ellenbogen auf das Kissen gestützt, dachte ich wieder an das »launische Mädchen mit dem erzwungenen Lachen« . . . Sie ist wie die kleine Raphael’sche Galathea in der Farnesina geformt, sagte ich leise – » ja; und sie ist nicht seine Schwester. . .«

Der Brief der Wittwe lag indessen ruhig auf dem Fußboden, gebleicht von den Strahlen des Mondes.

V

Am folgenden Tage begab ich mich abermals nach L. Ich hatte mir eingeredet, ich wolle Gagin besuchen, in‘s Geheim aber zog es mich hin, um zu beobachten, was wohl Assja angeben, ob sie wohl, wie am Tage zuvor, wieder »Extravaganzen« treiben werde. Ich traf Beide im Gastzimmer vor, und, sonderbar! – war es, weil ich die Nacht und diesen Morgen viel an Rußland gedacht hatte – mir kam Assja wie ein echt russisches Mädchen vor, ja, wie ein ganz einfaches, fast wie ein Stubenmädchen. Sie hatte ein abgetragenes Kleid an, ihr Haar war hinter die Ohren zurückgekämmt, sie saß ruhig beim Fenster und arbeitete am Nährahmen, gesetzt, still, als wenn sie es in ihrem Leben nie anders getrieben hätte. Sie sprach fast gar nicht, betrachtete von Zeit zu Zeit ihre Arbeit und ihre Züge hatten einen so nichtssagenden, alltäglichen Ausdruck, daß ich unwillkürlich an unsere naturwüchsigen Kathinka’s und Maschinka‘s erinnert wurde. Die Aehnlichkeit vollständig zu machen, stimmte sie das »Mütterlein, Liebste mein « an. Ich betrachtete ihr gelbliches, mattes Gesicht, gedachte der gestrigen Träumereien und es wurde mir leid um Etwas. Das Wetter war herrlich. Gagin erklärte, er werde heute Studien nach der Natur vornehmen; ich fragte ihn, ob er erlauben wolle, daß ich ihn begleite, ob es ihn nicht stören werde?

– Im Gegentheil, sagte er: – Sie können mir mit, gutem Rathe beistehen.

Er setzte seinen van Dyck-Hut aus, zog sein Malerhemd an, nahm die Mappe unter den Arm und machte sich auf den Weg; langsam folgte ich ihm nach. Assja blieb zu Hause. Im Fortgehen bat Gagin sie, dafür zu sorgen, daß die Suppe nicht zu wässerig werde; Assja versprach in der Küche nachzusehen. Gagin erreichte einen Thalgrund, den ich schon konnte, ließ sich auf einem Stein nieder und begann eine alte, hohle und breitästige Eiche abzuzeichnen. Ich legte mich in‘s Gras und holte ein Buch hervor, kam jedoch im Lesen nicht über die zweite Seite hinaus, und er verschmierte nur sein Papier; wir schwatzten größtentheils und wenn mich mein Urtheil nicht trügt, schwatzten wir recht vernünftig und sein darüber, wie man arbeiten solle, was man zu vermeiden, was sich anzueignen habe und was den wahren Werth des Künstlers unserer Tage begründe. Gagin erklärte zuletzt, er wäre heute nicht aufgelegt; er ließ sich neben mir nieder und nun erst recht ergoß sich ungefesselt unser jugendliches Geplauder, das bald glühendheiß, bald träumerisch, bald wie begeistert, aber fast immer unbestimmt war und worin der Rasse sich so gern ergeht. Nachdem wir uns sattgeplaudert hatten, kehrten wir überfällt von Befriedigung, Etwas gethan, Etwas errungen zu haben, nach Hause zurück. Ich fand Assja ganz so wie ich sie verlassen hatte; wie bemüht ich auch war, Beobachtungen über sie anzustellen – keine Spur von Coquetterie, keine Spur absichtlich angenommenen Spiels konnte ich an ihr bemerken; dies Mal wäre es unmöglich gewesen, sie der Unnatürlichkeit zu beschuldigen. – Ah-ha! sagte Gagin: – Du hast Dir Fasten und Buße auferlegt! Abends gähnte sie einige Mal ohne Verstellung und zog sich zeitig zurück. Ich selbst nahm auch bald Abschied von Gagin und zu Hause angelangt, überließ ich mich keinen Träumereien mehr; dieser Tag verstrich in nüchternen Empfindungen. Ich besinne mich jedoch, als ich mich schlafen legte, sagte ich laut: – Was für ein Chamäleon doch, dieses Mädchens – und nach einigem Nachdenken fügte ich hinzu: – und doch ist sie nicht feine Schwester.

VI

So vergingen zwei ganze Wochen. Ich besuchte Gagin‘s alle Tage. Assja schien mich zu vermeiden, sie erlaubte sich indessen keine jener Tollheiten mehr, die mich während der zwei ersten Tage unserer Bekanntschaft so sehr befremdet hatten. Mir dünkte, sie war heimlich bekümmert oder verwirrt; auch lachte sie nicht so viel. Ich beobachtete sie mit Interesse.

Sie sprach ziemlich gut französisch und deutsch; doch konnte man aus Allem bemerken, daß sie von ihrer Kindheit an nicht Frauenhänden anvertraut gewesen war und die sonderbare, ungewöhnliche Erziehung, die sie erhalten, Nichts mit der Gagin‘s gemein gehabt hatte. Trotz des van Dyck-Hutes und des Malerhemdes sprach aus ihm der weiche, etwas verzärtelte, großrussische Edelmann, sie aber glich nicht einem Edelfräulein; in allen ihren Bewegungen war etwas Unstätes: das war ein erst vor kurzem aufgesetztes Pfropfreiß, ein Most, der noch nicht ausgegohren hatte. Von Natur blöde und schüchtern, ärgerte sie doch ihre Blödigkeit und aus Aerger zwang sie sich, ungezwungen und dreist zu sein, was ihr nicht immer gelang. Einige Male lenkte ich das Gespräch auf ihr Leben in Rußland, auf ihre Vergangenheit; ungern antwortete sie auf meine Fragen; ich erfuhr jedoch, daß sie vor ihrer Reise in‘s Ausland längere Zeit auf dem Lande zugebracht hatte. Einst traf ich sie mit einem Buche, sie war allein. Den Kopf auf beide Arme gestützt, die Finger tief im Haare verborgen, verschlang sie mit den Augen die Schrift.

– Bravo! sagte ich zu ihr herantretend; – Sie sind ja recht fleißig.

Sie hob den Kopf in die Höhe und sah mich streng und ernst an.

– Sie meinen wohl, ich könne nur lachen? sagte sie und wollte sich entfernen.

Ich warf einen Blick auf den Titel des Buches: es war ein französischer Roman.

– Ich kann Ihre Wahl nicht billigen, äußerte ich.

– Was soll ich denn lesen! rief sie und setzte, das Buch auf den Tisch werfend, hinzu: besser dann ich vertreibe mir die Zeit mit Tollheiten, und damit lief sie hinaus in den Garten.

An jenem Tage, Abends, las ich Gagin »Herrmann und Dorothea« vor. Anfangs schaffte Assja fiel um uns herum, dann hielt sie plötzlich inne, horchte auf, setzte sich still zu mir und hörte dem Lesen bis zu Ende zu. Am folgenden Tage wurde ich wieder irre an ihr, bis mir einfiel, daß ihr auf einmal der Gedanke gekommen sein müsse, frauenhaft und sittsam zu sein, wie Dorothea. Mit einem Worte, sie war mir ein räthselhaftes Wesen. Voll Eigenliebe, reizbar, zog sie mich dennoch an, selbst wenn sie mich böse gemacht hatte. Ich überzeugte mich mehr und mehr, daß sie nicht Gagin’s Schwester war. Sein Benehmen gegen sie war nicht das eines Bruders: es war zu freundlich, zu rücksichtsvoll und dabei etwas gezwungen. Ein eigener Zufall sollte allem Anscheine nach meine Vermuthungen bestätigen.

Als ich eines Abends zum Weinberge kam, wo Gagin‘s wohnten, fand ich das Pförtchen verschlossen. Ohne viel zu überlegen, begab ich mich an eine ausgebrochene Stelle der Mauer, die ich schon früher bemerkt hatte und sprang hinüber. Nicht weit von dieser Stelle, seitwärts vom Wege, befand sich eine kleine Acazienlaube; ich hatte sie bereits erreicht und wollte eben vorübergehen . . . da vernahm ich plötzlich Assja‘s Stimme und die mit Heftigkeit und unter Thränen gesprochenen Worte:

– Nein, Niemanden will ich lieben, ausgenommen Dich, nein, nein, Dich nur will ich lieben – und für immer.

– So höre doch Assja, beruhige Dich, sagte Gagin: – Du weißt ja, ich glaube Dir. Beider Stimmen hörte ich in der Laube. Ich sah Beide durch das dünne Gezweige. Mich gewahrten sie nicht.

– Dich, Dich allein wiederholte sie, warf sich ihm um den Hals und küßte ihn unter krampfhaftem Schluchzen sich an seine Brust schmiegend. – Nun denn, genug, wiederholte er, indem er ihr Haar leicht mit der Hand streichelte.

Einige Augenblicke blieb ich unbeweglich . . . plötzlich raffte ich mich zusammen. – Hervortreten, zu ihnen? – Für Nichts in der Welt! durchzuckte mir‘s das Gehirn. Eiligen Schrittes kehrte ich zu der Mauer zurück, schnellte mich hinüber aus den Weg und erreichte fast laufend meine Wohnung. Ich lächelte, rieb mir die Hände und bewunderte den Zufall, der so unerwartet meinen Verdacht bestätigt hatte (ich hatte keinen Augenblick an dessen Richtigkeit gezweifelt); dabei war mir‘s aber doch recht weh’ um‘s Herz. Verstehen es Die, sich zu verstellen! dachte ich bei mir. Und wozu das? Warum wollen sie mich zum Besten haben? Das hatte ich nicht von ihnen erwartet . . . Und welch ein rührendes Bekenntniß das war!

VII

Ich schlief schlecht und stand am folgenden Morgen früh auf, schnürte meinen Ranzen und nachdem ich meiner Wirthin erklärt hatte, sie brauche mich nicht zu Nacht zu erwarten, lenkte ich meine Schritte in die Berge, den Fluß hinauf, an welchem das Städtchen S. liegt. Diese Berge, ein Ausläufer des Hundsrücks, sind in geologischer Hinsicht sehr anziehend, besonders sind sie merkwürdig wegen der Regelmäßigkeit und Reinheit der Basaltschichten; mir war es aber nicht um geologische Forschungen zu thun. Ich konnte mir nicht Rechenschaft geben darüber, was in mir vorging; Eins fühlte ich bestimmt, ich verspürte kein Verlangen, die Gagin‘s zu sehen. Ich redete mir ein, der einzige Grund meiner unerwarteten Abneigung gegen sie liege in der Entrüstung über ihre Falschheit. Was zwang sie, sich für Geschwister auszugeben? Dabei bemühete ich mich, nicht mehr an sie zu denken, schlenderte mit Weile in den Bergen und Thälern umher, ließ mir in den Dorfwirthshäusern, in friedlichem Gespräch mit Wirthen und Gästen die Zeit vergehen, oder ich legte mich auf einen flachen, von der Sonne gewärmten Stein und sah wie die Wolken zogen, zudem war ja das Wetter so wunderschön. In dieser Weise vergingen mir drei Tage und nicht ohne Vergnügen, – obgleich mir von Zeit zu Zeit das Herz etwas beklemmt wurde. Die ruhige Natur jener Gegend entsprach so recht meiner Stimmung. Ich gab mich gänzlich dem Spiele des Zufalls und der auf mich eindringenden Eindrücke Preis; ohne Hast sich ablösend, glitten sie an der Seele vorüber und ließen zuletzt ein allgemeines Gefühl in ihr zurück, in welchem sich Alles vermengte, was ich in jenen drei Tagen gesehen, gehört und empfunden hatte: – Alles: leichter Harzgeruch der Wälder; Geschrei und Geklopfe der Spechte; nie verstummendes Gemurmel heller Bäche mit gesprenkelten Forellen auf sandigem Grunde; nicht allzu kühne Bergumrisse; graues Gestein; freundliche Dörfer mit ehrwürdigen alten Kirchen und Bäumen; Störche auf Weideplätzen, behagliche Mühlen mit lustig kreisendem Räderwerk; treuherzige Gesichter des Landvolks in blauen Kitteln und grauen Strümpfen; knarrende, träge Fuhren mit wohlgenährten Gäulen, bisweilen auch mit Kühen davor; jugendliche Fußwanderer mit langem Haare auf reinlich unterhaltenen, mit Aepfel- und Birnbäumen besetzten Pfaden. Selbst jetzt noch denke ich mit Vergnügen an die damaligen Eindrücke zurück. Sei mir gegrüßt, bescheidener Winkel germanischen Bodens mit deiner anspruchslosen Genügsamkeit, den überall sichtbaren Anzeichen fleißiger Hände, ausdauernder, wenn auch nicht rascher Arbeit . . .

Gruß Dir und Friede!

Am Ende des dritten Tages kehrte ich nach Hause zurück. Ich vergaß zu sagen, daß ich aus Aerger gegen die Gagin‘s das Bild meiner hartherzigen Wittwe wiederherzustellen versucht hatte; – meine Bemühungen waren vergeblich. Als ich an sie zu denken begann. besinne ich mich, erblickte ich vor mir ein kleines Bauernmädchen, fünf Jahre ungefähr alt, aus dessen rundem Gesichtchen neugierige Aeuglein mich unschuldig groß anstaunten. Es schaute mich so kindlich treuherzig an . . . Es überkam mich eine Scham bei seinem Blicke, ich wollte nicht ihm gegenüber eine Lüge auf mich kommen lassen und sogleich und für immer gab ich meinem früheren Gegenstande den Abschied.

Zu Hause fand ich einen Zettel von Gagin vor. Es befremdete ihn mein unerwarteter Entschluß, er machte mir Vorwürfe, daß ich ihn nicht mit mir genommen hätte und ersuchte mich, zu ihm zu kommen, sobald ich zurückgekehrt wäre. Mißmuthig durchflog ich den Zettel, ging aber am folgenden Tag nach L.

VIII

Gagin empfing mich freundlich, überschüttete mich mit liebevollen Vorwürfen; Assja jedoch hatte mich kaum erblickt, so brach sie wie absichtlich und ganz ohne Grund in lautes Lachen aus und lief, nach ihrer Weise, sogleich davon. Gagin kam außer Fassung, schalt sie brummend eine Wahnsinnige und bat mich sie zu entschuldigen. Ich muß gestehen, ich war sehr unwillig über Assja; ohnehin fühlte ich mich nicht behaglich, und da mußte noch jenes unnatürliche Lachen und absonderliche Gebahren dazu kommen. Ich that indessen, als hätte ich nichts bemerkt und theilte Gagin die Erlebnisse meiner kleinen Reise mit. Er erzählte mir, was er während meiner Abwesenheit gemacht hatte. Es wollte aber mit der Unterhaltung nicht recht gehen; Assja lief ein und aus; endlich erklärte ich, ich hätte eine eilige Arbeit und es wäre Zeit, daß ich nach Hause ginge. Gagin wollte mich anfangs zurückhalten, dann aber, mich scharf ansehend, erbot er sich, mich zu begleiten. Im Vorzimmer trat Assja unerwartet an mich heran und reichte mir die Hand; ich drückte kaum merklich ihre Finger und grüßte sie leicht hin. Wir fuhren zusammen über den Rhein, kamen an meiner Lieblingsesche mit dem Madonnenbildchen vorbei und setzten uns auf eine Bank, um uns an der Aussicht zu ergötzen. Dort fand zwischen uns ein bemerkenswerthes Gespräch statt.

Anfangs ließen wir nur wenige Worte fallen, versanken dann in Schweigen und hefteten unsere Blicke auf den hellen Strom.

– Sagen Sie, begann plötzlich Gagin mit seinem gewohntem Lächeln: – welcher Meinung sind Sie in Betreff Assja‘s? Nicht wahr, sie muß Ihnen ein wenig sonderbar vorkommen?

– Ja, erwiederte ich, nicht ohne einiges Befremden. – Ich hatte nicht erwartet, daß er von ihr reden werde.

– Man muß sie gut kennen lernen, um über sie ein Urtheil zu fällen, fuhr er fort: – sie hat ein sehr gutes Herz, aber einen wilden Kopf. Mit ihr ist es schwer auszukommen. Uebrigens, ihre Schuld ist es nicht und wenn Sie ihre Geschichte wüßten . . .

– Ihre Geschichte? unterbrach ich ihn . . . Ist sie denn nicht Ihre . . . Gagin blickte mich an.

– Sollten Sie vielleicht glauben, sie wäre nicht meine Schwester? Nein, fuhr er fort, ohne auf meine Verwirrung zu achten: – sie ist es doch, eine Tochter meines Vaters. Hören Sie mich an. Ich fühle Zutrauen zu Ihnen und will Ihnen Alles erzählen.

»Mein Vater war ein sehr braver, kluger, gebildeter und unglücklicher Mann. Das Geschick hatte ihm nicht ärger als vielen Anderen mitgespielt: doch schon den ersten Stoß, den es ihm gab, ertrug er nicht. Er hatte frühzeitig nach seiner Neigung geheirathet; seine Frau, meine Mutter, starb bald; ich blieb als Kind von sechs Monaten nach. Mein Vater brachte mich auf‘s Land und volle zwölf Jahre ließ er sich nirgends sehen. Er beschäftigte sich selbst mit meiner Erziehung und würde sich niemals von mir getrennt haben, wenn nicht sein Bruder, mein leiblicher Oheim, uns auf unserem Landsitze besucht hätte. Dieser Oheim lebte beständig in Petersburg, wo er einen ziemlich wichtigen Posten einnahm. Er überredete meinen Vater, der um keinen Preis sein Landgut verlassen mochte, mich seinen Händen anzuvertrauen. Er stellte ihm vor, es sei für einen Knaben meines Alters nachtheilig, in völliger Abgeschiedenheit aufzuwachsen und mit einem ewig niedergeschlagenen und schweigsamen Führer, wie es mein Vater sei, müßte ich unvermeidlich hinter meinen Altersgenossen zurückbleiben, ja, mein Charakter selbst könne gar leicht dadurch gefährdet werden. Lange widersetzte sich mein Vater den Vorstellungen seines Bruders, gab aber endlich doch nach. Ich weinte beim Abschiede vom Vater; ich liebte ihn, obgleich ich nie auf seinem Gesicht ein Lächeln gesehen hatte; in Petersburg angekommen, hatte ich bald unser finsteres und unheimliches Nest vergessen. Ich kam in die Junkerschule und ward dann in ein Garderegiment gesteckt. Alljährlich besuchte ich auf einige Wochen unser Landgut und fand, daß mein Vater mit jedem Jahre trauriger, in sich versunkener und schwermüthig bis zur Aengstlichkeit wurde. Er besuchte die Kirche täglich und hatte beinahe das Reden verlernt. Bei einem meiner Besuche (ich stand schon in den Zwanzigern) sah ich zum ersten Male in unserem Hause ein kleines, abgemagertes, schwarzäugiges Mädchen, das etwa zehn Jahre alt sein mochte, das war – Assja.

Der Vater sagte, sie sei eine Waise, die er zur – Verpflegung angenommen habe – das waren genau seine Worte. Ich gab nicht weiter Acht auf sie; sie war wild, behend und schweigsam wie ein kleines Thier, und wenn ich das Lieblingszimmer meines Vaters betrat, ein großes, finsteres Gemach, in welchem meine Mutter starb und in dem sogar bei Tag Licht angezündet werden mußte, verkroch sie sich immer hinter des Vaters altmodischen Lehnstuhl oder hinter den Bücherschrank. Es traf sich, daß ich während der drei bis vier folgenden Jahre meiner Dienstpflichten halber verhindert wurde, unser Landgut zu besuchen. Jeden Monat bekam ich vom Vater einen kurzen Brief; nur selten, und auch dann nur obenhin, wurde Assja‘s Erwähnung gethan. Mein Vater war bereits über die Fünfzig, sah aber noch wie ein junger Mann aus. Stellen Sie sich mein Entsetzen vor: plötzlich bekomme ich ganz unerwartet einen Brief vom Verwalter, worin er mir eine tödtliche Krankheit meines Vaters meldet und mich dringend bittet, so schnell als möglich zu kommen, wenn ich noch Abschied von ihm nehmen wolle. Ich flog über Hals und Kopf und traf meinen Vater noch am Leben, aber im Verscheiden. Meine Gegenwart erfreute ihn außerordentlich, er zog mich in seine abgezehrten Arme, heftete auf mich einen langen, halb prüfenden, halb flehenden Blick und nachdem er mir das Versprechen: seine letzte Bitte zu erfüllen, abgenommen hatte, befahl er seinem alten Kammerdiener, Assja zu holen. Der Alte führte sie zu ihm, sie hielt sich kaum auf den Beinen und zitterte am ganzen Leibe.

– Da, nimm, sprach mein Vater mit Anstrengung zu mir: – ich hinterlasse Dir meine Tochter – Deine Schwester. Du wirst Alles von Jacob erfahren, setzte er hinzu, indem er auf den Kammerdiener wies.

Assja schluchzte laut und fiel mit dem Gesicht aufs Bett . . . Eine halbe Stunde darauf war mein Vater verschieden.

Ich erfuhr Folgendes: Assja war die Tochter meines Vaters und eines ehemaligen Stubenmädchens meiner Mutter, Tatjana. Lebhaft schwebt sie mir vor, diese Tatjana, in ihrer hohen, schlanken Gestalt, mit dem regelmäßigen, ernsten Gesicht, den strengen, dunkeln Augen. Sie hatte den Ruf eines stolzen, unnahbaren Mädchens. Soviel ich aus der ehrerbietigen, rückhaltigen Rede Jakob‘s entnehmen konnte, war mein Vater einige Jahre nach dem Tode meiner Mutter in ein näheres Verhältniß zu ihr getreten. Zu jener Zeit befand sich Tatjana nicht mehr im herrschaftlichen Hause, sondern bei ihrer verheiratheten Schwester, der Viehwärterin, in einem besonderen Bauernhause. Mein Vater hatte sie sehr lieb gewonnen und wollte sie sogar, nach meiner Abreise vom Landgute, heirathen, sie selbst aber lehnte es trotz seiner Bitten ab.

– »Die verstorbene Tatjana Wlaßjewna, so berichtete mir, mit hinter den Rücken gehaltenen Händen an der Thür stehend, Jacob: – war in allen Stücken sehr bedachtsam und wollte Ihren Vater nicht kränken. »Eine rechte Frau, die ich für Sie wäre! Eine wahre Edelfrau!« hat sie gesagt, in meiner Gegenwart hat sie es gesagt. Tatjana wollte nicht einmal zu uns in‘s Haus, sondern blieb, nach wie vor, bei ihrer Schwester wohnen, mit Assja zusammen. Ich hatte als Kind Tatjana oft an Feiertagen in der Kirche gesehen. Sie stand mitten unter dem Volk, gewöhnlich am Fenster, trug ein dunkeles Tuch um den Kopf gebunden und einen gelben Shawl auf den Schultern, – der strenge Umriß ihres Gesichtes stach von der durchsichtigen Scheibe scharf ab, – sie betete inbrünstig und demüthig und machte tiefe Verbeugungen, nach alter Sitte. Als der Oheim mich fortnahm, war Assja erst zwei Jahre, und als sie ihre Mutter verlor, neun Jahre alt.

»Gleich nach Tatjana‘s Tode nahm mein Vater Assja zu sich in‘s Haus. Schon früher hatte er den Wunsch geäußert, sie bei sich zu haben, Tatjana es ihm aber abgeschlagen. Sie können sich vorstellen, was in Assja vorgehen mußte, als sie zum Gutsherrn in‘s Haus genommen ward. Bis auf den heutigen Tag kann sie die Stunde nicht vergessen, als man ihr zum ersten Male ein seidenes Kleid anlegte und ihr das Hündchen küßte. Bei Lebzeiten der Mutter wurde sie von dieser sehr streng gehalten; beim Vater ließ man ihr volle Freiheit. Er wurde ihr Erzieher; außer ihm sah sie Niemand. Er verhätschelte sie nicht, ich will sagen, er trug sich nicht mit ihr herum wie eine Kinderfrau, liebte sie aber leidenschaftlich und versagte ihr Nichts: er war sich ihr gegenüber schuldbewußt. Assja merkte bald, daß sie die Hauptperson im Hause, sie wußte, daß der Gutsherr ihr Vater war, jedoch ebensobald begriff sie auch ihre zweideutige Stellung; Eigenwillen und Mißtrauen entwickelten sich bei ihr in hohem Grade; schlechte Gewohnheiten wurzelten sich ein, die Einfalt verschwand. Sie wollte ( das hat sie mir selbst einmal bekannt) die ganze Welt zwingen, ihre Abkunft zu vergessen, sie schämte sich ihrer Mutter; schämte sich, daß sie sich ihrer geschämt hatte, und war wieder stolz auf sie. Sie sehen, sie wußte und weiß Vieles, was man in ihrem Alter nicht wissen sollte . . . Liegt aber die Schuld an ihr? Die Kraft der Jugend kochte in ihr, das Blut wallte, und in der Nähe keine Hand, die sie geleitet hätte . . . Vollkommenste Unabhängigkeit in Allem! Läßt sich aber eine solche leicht ertragen? Sie wollte anderen Fräulein nicht nachstehen. Sie warf sich auf Bücher. Was konnte da Gutes herauskommen? Das regellos begonnene Leben fuhr fort, sich regellos zu entfalten, doch blieb das Herz unverderbt und der Verstand gesund.

»Und so sah ich mich zwanzigjährigen Burschen mit der Sorge eines dreizehnjährigen Mädchen behaftet! In den ersten Tagen nach dem Tode des Vaters verursachte meine Stimme ihr ein Gefühl wie Fieberschauer, meine Liebkosungen machten sie schwermüthig, und erst nach und nach, nur allmälig, gewöhnte sie sich an mich. Und später, nachdem sie die Gewißheit gewonnen hatte, daß ich sie wirklich als meine Schwester betrachte und sie wie eine Schwester liebe, hing sie mir leidenschaftlich an: bei ihr ist kein Gefühl halb.

»Ich brachte sie nach Petersburg. Wie schwer mir‘s auch wurde, mich von ihr zu trennen, – zusammenleben mit ihr konnte ich in keinem Falle; ich that sie in eine der besten Erziehungsanstalten: Assja sah die Nothwendigkeit unserer Trennung ein; doch kostete es sie eine Krankheit, an welcher sie beinahe gestorben wäre. Nach und nach ward es verschmerzt und sie verlebte vier Jahre in der Anstalt, blieb aber auch da, wider mein Erwarten, fast dieselbe, die sie bis dahin gewesen war. Die Vorsteherin der Anstalt klagte mir oft: » Sie bestrafen« sagte sie gewöhnlich, – »kann man nicht: – »und mit Freundlichkeit kommt man bei ihr nicht aus.« Assja faßte Alles ungewöhnlich leicht auf, lernte vorzüglich, besser als Alle; war aber durchaus nicht unter die allgemeine Sitte zu bringen; sie widerstrebte, schmollte . . . Ich konnte es ihr nicht sehr verargen: in ihrer Stellung bleibt ihr nur, entweder sich Jedermann dienstfertig zu zeigen oder sich vor Jedermann zu scheuen. Von allen ihren Gefährtinnen stand ihr nur Eine näher, ein unansehnliches, zurückgesetztes und armes Mädchen. Die übrigen jungen Mädchen, mit welchen sie erzogen wurde, großentheils aus guten Familien, liebten sie nicht, reizten sie auf und stichelten auf sie, wo sie nur konnten; Assja gab ihnen nicht um ein Haar nach. Einmal, während der Religionsstunde, kam der Lehrer auf den Begriff des Lasters zu sprechen. »Schmeichelei und Feigheit« äußerte Assja laut, sind die ärgsten Laster.« Mit einem Worte, sie fuhr fort, ihren eigenen Weg zu wandeln, ihre Umgangsformen allein besserten sich, doch auch in dieser Hinsicht hat sie, wie mich dünkt, keine erheblichen Fortschritte gemacht.

Sie hatte ihr siebzehntes Jahr erreicht; noch länger in der Anstalt zu bleiben, ging nicht an. Ich befand mich in großer Verlegenheit. Da kam mir auf einmal der glückliche Einfall: meine Entlassung aus dem Dienste zu nehmen und auf ein oder zwei Jahre mit Assja in’s Ausland zu reisen. Gedacht – gethan« und da sind wir nun Beide an den Ufern des Rheins, ich, bemüht, die Malerei zu erlernen, sie . . . nach gewohnter Art allen möglichen Muthwillen zu treiben. Nun aber, muß ich hoffen, Sie werden kein zu strenges Urtheil über sie fällen, denn, wie sie sich da auch verstellen mag, als gelte ihr Alles gleich, – liegt ihr doch viel an der Meinung Anderer und vorzüglich an der Ihrigen.

Und Gagin lächelte wieder mit seinem sanften Lächeln. Ich drückte ihm kräftig die Hand.

– So stehen nun die Dinge, fuhr Gagin fort: – ich habe aber doch mit ihr meine Noth. Ein wahrer Feuerbrand, das Mädchen. Bis jetzt hat ihr noch Niemand gefallen, wehe aber, wenn sie sich einmal verliebt! Zuweilen weiß ich gar nicht, was ich mit ihr anfangen soll. Fiel es ihr doch neulich ein, mir vorzuwerfen, ich wäre gegen sie kälter geworden, sie aber liebe mich nur allein – und werde ihr Leben lang nur mich allein lieben . . . Und wie sie dabei gedchluchzt hat! . . .

– Also das war es . . . sagte ich bei mir und biß mir die Lippen. – Aber sagen Sie doch, fragte ich Gagin: – da nun einmal unsere Herzen geöffnet – sollte ihr denn in der That bis jetzt noch Niemand gefallen haben? In Petersburg hat sie doch gewiß junge Männer gesehen?

– Und die eben gefallen ihr ganz und gar nicht. Nein, Assja will einen Helden, einen außergewöhnlichen Menschen oder einen malerischen Schäfer in einer Bergschlucht. Doch genug des Geplauders, ich halte Sie auf, setzte er hinzu, indem er sich erhob.

– Hören Sie, sagte ich: – gehen wir zu Ihnen, ich möchte noch nicht nach Hause.

– Und Ihre Arbeit?

Ich antwortete Nichts; gutmüthig lächelte Gagin und wir kehrten nach L. Zurück. Als ich das bekannte Weingärtchen und das weiße Häuschen oben auf dem Berge zu Gesicht bekam, wurde mir‘s gewissermaßen warm, ja, das eben war‘s – es wurde mir warm und weich um’s Herz, als hätte mir Jemand unbemerkt Balsam darauf geträufelt. Mir wurde leicht nach Gagin‘s Erzählung.

IX

Assja begegnete uns auf der Schwelle des Hauses; ich erwartete, sie werde wieder lachen, sie trat aber bleich, schweigsam und mit gesenktem Blicke uns entgegen.

– Da ist er wieder, redete sie Gagin an: – und merk dies, sein eigener Wunsch ist‘s gewesen, zurückzukommen.

Assja blickte mich fragend an. Ich reichte ihr die Hand und drückte dies Mal kräftig ihre kalten feinen Finger. Sie that mir sehr leid; jetzt verstand ich Vieles, was mich früher an ihr irre gemacht hatte: ihre innere Unruhe, ihr anstößiges Benehmen, ihr Bestreben sich anders zu zeigen, als sie war, – Alles war mir klar geworden. Ich hatte einen Blick in diese Seele gethan: es lastete auf ihr ein beständiger Druck, angstvoll kämpfte und arbeitete dieser unerfahrene Eigenwille, ihr ganzes Wesen strebte – jedoch nach Wahrheit. Ich hatte es begriffen, warum mich dieses sonderbare Mädchen anzog; nicht blos die über ihre ganze Gestalt ausgegossene Anmuth, es war ihre Seele, die mir gefiel.

Gagin stöberte unter seinen Zeichnungen herum; ich schlug Assja vor, mit mir einen Gang durch den Weinberg zu machen. Mit heiterer, fast ergebener Bereitwilligkeit ging sie darauf ein. Wir stiegen den Berg zur Hälfte hinab und ließen uns auf einer breiten Platte nieder.

– Und Sie haben ohne uns keine Langeweile empfunden? begann Assja.

– Haben Sie denn eine solche in meiner Abwesenheit gefühlt? fragte ich.

Assja sah mich von der Seite an.

– Ja, erwiederte sie. – Ist es hübsch in den Bergen? fuhr sie sogleich fort: – sind sie hoch? Höher als die Wollen? Erzählen Sie mir, was Sie gesehen haben. Dem Bruder haben Sie es erzählt, ich habe aber nichts gehört.

– Weßhalb gingen Sie denn fort? warf ich hin.

– Ich that es . . . weil . . . Jetzt werde ich nicht fortgehen, setzte sie mit zutraulicher, sanfter Stimme hinzu: – Sie waren heute böse.

– Ich?

– Sie.

– Weßwegen denn? ich bitte Sie . . .

– Weiß es nicht, Sie waren aber böse und gingen böse davon, Es war mir sehr unangenehm, daß Sie so fortgingen und ich freue mich, daß Sie wiedergekommen sind.

– Und mich freut es gleichfalls, entgegnete ich.

Assja bewegte leis die Schultern, eine nach der andern, wie Kinder es zu thun pflegen, wenn ihnen behaglich zu Muthe ist.

– Oh, ich verstehe mich auf‘s Errathen! fuhr sie fort: – in früherer Zeit brauchte der Vater blos zu husten, so erkannte ich daran sogleich, ob er mit mir zufrieden war oder nicht.

Bis zu dieser Stunde hatte Assja mit mir noch nie von ihrem Vater gesprochen. Das fiel mir auf.

– Sie hatten Ihren Vater lieb? fragte ich und fühlte zu meinem großen Verdruß, daß ich roth wurde.

Sie erwiederte Nichts, erröthete aber auch. Wir verstummten Beide. In der Ferne zog rauchend ein Dampfschiff auf dem Rhein dahin. Unsere Blicke folgten ihm nach.

– Warum erzählen Sie Nichts? sagte halblaut Assja.

– Weßhalb lachten Sie heute auf, als Sie mich gewahr wurden? fragte ich.

– Ich weiß es selbst nicht, Zuweilen möchte ich weinen und ich muß lachen. Sie dürfen mich nicht beurtheilen . . . nach dem, was ich treibe. Ach, um es nicht zu vergessen, was für ein Mährchen ist das, von der Lorelei? Das ist ja wohl ihr Fels, den man dort sieht? Es heißt sie hätte früher Jeden unter‘s Wasser gezogen, als sie aber mit der Liebe bekannt wurde, sich selbst hinein gestürzt. Mir gefällt diese Sage, Frau Luise erzählt mir allerlei Mährchen. Frau Luise hat einen schwarzem Kater mit gelben Augen . . .

Assja hob den Kopf in die Höhe und warf mit den Locken herum.

– Ach, wie wohl fühle ich mich, sagte sie.

In diesem Moment schlugen abgebrochene, einförmige Töne an unser Ohr. Hunderte von Stimmen auf einmal wiederholten in gemessenen Pausen einen Kirchengesang: eine Schaar Pilger zog unten auf dem Wege mit Kreuzen und Fahnen vorüber.

– Möchte mit ihnen, rief Assja, indem sie dem allmälig verhallenden Stimmenschall lauschte.

– Sind Sie so andächtig?

– Ich möchte irgend wohin, weit fort, um zu beten, um Etwas Schwieriges zu vollbringen, setzte sie hinzu. Die Tage eilen vorüber, das Leben wird ablaufen und was haben wir geleistet?

– Sie sind ehrsüchtig, bemerkte ich: – Sie möchten nicht umsonst gelebt haben, Sie möchten Spuren Ihres Daseins hinterlassen.

– Wäre das denn unmöglich?

»Unmöglich« hätte ich fast nachgesprochen . . . Ich that einen Blick in ihre hellen Augen und sagte blos:

– Versuchen Sie es!

– Sagen Sie, begann Assja nach einigem Schweigen, während flüchtige Schatten auf ihrem schon wieder bleich gewordenen Gesichte vorüberzogen, jene Dame hatte Ihnen sehr gefallen . . . Erinnern sie sich, der Bruder trank noch, in der Ruine, auf Ihre Gesundheit; es war am Tage, nachdem wir bekannt wurden?

Ich lachte auf.

– Es war ein Scherz von Ihrem Bruder; keine Dame hatte mir gefallen, jetzt wenigstens gefällt mir keine.

– Was aber gefällt Ihnen an den Frauen? fragte Assja, indem sie in unschuldiger Neugier den Kopf zurückwarf.

– Die sonderbare Frage! rief ich aus.

Assja wurde etwas verwirrt.

– Ich hätte nicht diese Frage an Sie richten sollen, nicht wahr? Vergehen Sie mir, ich bin es gewohnt von Allem zu schwatzen, was mir durch den Kopf geht. Eben deßhalb fürchte ich zu reden.

– Reden Sie nur, um Gottes willen, fürchten Sie sich nicht, nahm ich das Wort: – ich bin so froh, daß Sie endlich aufhören scheu zu sein. Assja senkte den Blick und lachte mit einem stillen und leichten Lachen; dieses Lachen kannte ich nicht an ihr.

– Nun, so erzählen Sie denn, fuhr sie fort, indem sie ihr Kleid glättete und über die Füße zog, wie zu längerem Sitzenbleiben sich einrichtend: – erzählen Sie, oder lesen Sie mir Etwas vor, wie damals, als Sie uns aus dem »Onegin« vorlasen.

Sie wurde auf einmal nachdenklich:

 
»Wie jetzt im Schatten grüner Zweige,
»Das Kreuz auf meiner Mutter Grab« . . .
 

sagte sie leise vor sich hin.

– Bei Puschkin lauten diese Verse etwas anders, [Bei Puschkin heißt es nemlich: »an meiner Amme Grab . . .] bemerkte ich.

– Ich möchte doch die Tatjana Puschkin’s sein, fuhr sie, immer noch in Gedanken verloren, fort. – Erzählen Sie. rief sie plötzlich mit Lebhaftigkeit.

Mir war es aber nicht darum zu thun. Ich betrachtete sie, wie sie von hellem Sonnenschein umflossen, ganz beruhigt und sauft dasaß. Alles um uns herum strahlte von Luft, unter und über uns – Himmel, Erde und Gewässer. Die Luft selbst, so schien es, war von Glanz getränkt.

– Sehen Sie doch, wie schön! sagte ich, unwillkürlich die Stimme senkend.

– Ja; schön! erwiederte sie ebenso leise, ohne mich anzusehen. – Wären wir Beide Vögel – wie wollten wir uns da hoch hinaufschwingen, unsern Flug nehmen . . . ganz hineintauchen in jenes Blau . . . Wir sind aber keine Vögel.

– Es können uns aber doch Flügel wachsen, erwiederte ich.

– Wie denn das?

– Mit der Zeit – werden Sie es erleben. Es gibt Gefühle, die uns der Erde entrücken. Seien Sie unbesorgt, Sie werden Flügel bekommen.

– Haben Sie denn deren gehabt?

– Wie soll ich das sagen . . . Bis jetzt, glaube ich, flog ich noch nicht.

Assja verfiel wieder in Nachdenken. Ich beugte mich etwas zu ihr.

– Können Sie walzen? fragte sie unvermuthet.

– Ich kann es, erwiederte ich etwas befremdet.

– Dann kommen Sie, kommen Sie . . . Ich werde den Bruder bitten uns einen Walzer vorzuspielen . . . Wir wollen uns einbilden. wir flögen. es wären uns Flügel gewachsen.

Sie lief in das Haus. Ich eilte ihr nach und einige Minuten darauf drehten wir uns in die Runde im engen Gemache zu den lieblichen Tönen Lanners. Assja walzte sehr gut. mit Geschick und Leichtigkeit. Etwas Weiches. Weibliches kam plötzlich in ihren kindlich ernsten Zügen zum Vorschein. Nach lange hernach empfand meine Hand die Berührung ihres zarten Körpers, lange noch glaubte ich ihren nahen, beschleunigten Athem zu fühlen und die dunkeln, unbeweglichen, halb geschlossenen Augen des bleichen, doch belebten und von Locken umwallten Gesichtes vor mir zu haben.

X

Dieser ganze Tag verging« wie man es nicht besser wünschen konnte. Wir waren heiter wie Kinder. Assja sehr liebenswürdig und natürlich. Für Gagin war es eine Freude sie anzusehen. Ich entfernte mich spät. In die Mitte des Rheins gelangt, bat ich den Fährmann, das Boot dem Laufe der Strömung zu überlassen. Der Alte hielt die Ruder empor – und der majestätische Strom trug uns dahin. Während ich um mich schaute, lauschte, Vergangenes in mir wach rief, empfand ich auf einmal eine geheime Unruhe im Herzen . . . ich wandte die Augen zum Himmel – aber am Himmel war auch keine Ruhe; mit seinem glänzenden Sternenheer war er in steter Bewegung, kreiste, zitterte hin und her; ich beugte mich nieder zum Strom . . . aber auch da, in der finsteren, kalten Tiefe, hüpften und flimmerten Sterne; überall begegnete mir unruhiger Lebensgeist – und die Unruhe in mir selbst wurde mächtiger. Ich stützte mich auf den Rand des Bootes. Das Säuseln des Windes um meine Ohren. das leise Plätschern des Wassers am Hintertheile des Bootes, regten mich auf, und der frische Hauch der Wellen kühlte mich nicht ab; am Ufer stimmte eine Nachtigall ihr Lied an und dieses Lied wirkte auf mich wie ein süßes Gift. Thränen traten mir in die Augen, aber nicht Thränen eines gegenstandlosen Entzückens. Was ich empfand, war nicht jenes unbestimmte, erst unlängst ausgestandene Gefühl unermeßlichen Verlangens, wobei die Seele so weit, so volltönend wird und es ihr scheint, sie umfasse Alles, sie liebe Alles . . . Nein! in mir war die Begierde nach Glück entbrannt. Noch durfte ich dasselbe nicht bei seinem Namen nennen, – Glück aber, Glück bis zur Uebersättigung – das war es, wonach mich verlangte, wonach ich mich sehnte . . . Das Boot aber schwamm immer weiter und der alte Fährmann saß, über die Ruder gebeugt, und schlummerte.

XI

Am folgenden Tage, aufs dem Wege zu Gagin’s, befragte ich mich nicht, ob ich in Assja verliebt wäre, ich dachte jedoch viel an sie; ihr Schicksal interessirte mich, ich freute mich unseres unverhofften Zusammenkommens. Ich fühlte, daß ich sie erst seit dem gestrigen Tage kennen gelernt hatte; bis dahin hatte sie sich von mir abgewendet. Und jetzt, nachdem sie sich mir endlich zu erkennen gegeben hatte, in welchem reizenden Lichte erschien mir da ihr Bild, wie neu war es für mich, welch geheimer Zauber leuchtete mir aus ihm entgegen . . .

Rüstig schritt ich fort auf dem bekannten Pfade, fortwährend das in der Ferne weißschimmernde Häuschen erspähend; ich dachte nicht an die Zukunft, – dachte nicht einmal an den morgenden Tag; mir war überaus wohl zu Muthe.

Assja wurde roth, als ich in das Zimmer trat; ich bemerkte, daß sie sich wieder herausgeputzt hatte, der Ausdruck ihres Gesichtes paßte jedoch nicht zu dem Schmuck: er war traurig. Und ich kam so heiter gestimmt! Ich glaube sogar, sie hatte nach ihrer Gewohnheit davonlaufen wollen, sich aber Gewalt angethan und geblieben. Gagin fand ich in jener eigenthümlichen Stimmung künstlerischen Feuereifers, welcher Dilettanten unversehens zu überfallen pflegt, so oft sie sich einbilden, es sei ihnen gelungen, die Natur beim Schopfe zu fassen, wie sie es benennen. Er stand, mit zerwühltem Haar und mit Farben bespritzt, vor einer frischen Leinwand und strich fast ungestüm auf derselben mit dem Pinsel herum. Wie wüthend nickte er mir mit dem Kopfe zu, trat zurück, schloß die Augen halb und stürzte dann wieder auf sein Bild vor. Ich wollte ihn nicht stören und setzte mich zu Assja. Langsam wandten sich ihre dunkeln Augen auf mich.

– Sie sind heute nicht so, wie Sie gestern waren, warf ich hin, nachdem ich vergebliche Versuche gemacht hatte, ein Lächeln auf ihre Lippen hervorzurufen.

– Ja, nicht so, erwiederte sie mit langsamer und gedämpfter Stimme. – Das ist aber Nichts. Ich habe nicht gut geschlafen und die ganze Nacht gedacht.

– An was?

– Ach, an Vieles habe ich gedacht. Von Kindheit an war das so meine Gewohnheit: schon zu jener Zeit, als ich noch mit meiner Mutter lebte.

Sie brachte dieses Wort mit einiger Anstrengung hervor und wiederholte dann noch nochmals:

– Als ich mit meiner Mutter lebte . . . Ich dachte, warum kann Niemand vorauswissen, was sich mit ihm zutragen wird: man sieht sogar zuweilen das Unglück kommen – und doch kann man ihm nicht entgehen; und warum darf man nicht immer die Wahrheit frei heraussagen? . . . Dann dachte ich daran, daß ich nichts weiß, noch lernen muß. Man sollte mich auf‘s Neue erziehen, ich bin sehr schlecht erzogen worden. Ich verstehe nicht, Klavier zu spielen, kann nicht zeichnen, nähe sogar erbärmlich. Ich habe keine Fähigkeiten, man muß sich mit mir sehr langweilen.

– Sie sind ungerecht gegen sich, erwiederte ich, – Sie haben viel gelesen, sind gebildet und mit ihrem Verstande . . .

– Ich habe Verstand? fragte sie naiv—wißbegierig, daß ich unwillkürlich auflachen mußte. Sie lächelte nicht einmal. – Bruder, habe ich Verstand? fragte sie Gagin.

Er gab ihr keine Antwort und fuhr in seiner Arbeit fort, beständig die Pinsel tauschend und mit hochgehaltenem Arme.

– Ich bin mir zuweilen selbst nicht bewußt, was mir im Kopfe steckt, fuhr Assja mit demselben, gedankenvollen Ausdruck fort. – Zu gewissen Zeiten fürchte ich mich vor mir selbst, wahrhaftig. Ach, ich möchte so gern . . . Ist es denn wahr, daß Frauen nicht viel lesen sollen?

– Viel ist nicht nöthig, indessen . . .

– Sagen Sie mir, was muß ich lesen? Sagen Sie, was muß ich thun? Ich werde Alles thun, was Sie mir sagen werden, setzte sie, mit unschuldiger Zutraulichkeit sich zu mir wendend, hinzu.

Ich fand nicht sogleich, was ich darauf sagen sollte.

– Die Zeit wird Ihnen doch nicht lang werden mit mir?

– Wie können Sie denken! erwiederte ich.

– Nun, so danke ich Ihnen! versetzte Assja: – ich hatte aber gedacht, Sie würden sich langweilen.

Und ihre kleine, heiße Hand drückte kräftig die meinige.

– N«! rief in diesem Augenblicke Gagin: – ist dieser Hintergrund nicht zu dunkel?

Ich trat zu ihm, Assja stand auf und entfernte sich.

XII

Eine Stunde darauf kehrte sie wieder« blieb in der Thür stehen und winkte mich mit der Hand zu sich.

– Hören Sie, sagte sie: – wenn ich stürbe, thäte es Ihnen leid?

– Was für Gedanken Sie doch heute haben! rief ich aus.

– Ich bilde mir ein, ich werde bald sterben, zuweilen dünkt mir’s, Alles um mich herum nähme Abschied von mir. Sterben ist besser, als so leben . . . Ach, sehen Sie mich nicht so an; wahrhaftig, ich verstelle mich nicht. Ich bekomme sonst wieder Furcht vor Ihnen.

– Haben Sie sich denn vor mir gefürchtet?

– Wenn ich ein so sonderbares Wesen bin, liegt wirklich die Schuld nicht an mir, erwiederte sie. – Sie sehen, ich kann schon nicht mehr lachen . . .

Sie blieb traurig und schwermüthig bis zum Abend. Etwas. was ich nicht begriff. ging in ihr vor. Ihr Blick war häufig auf mich gerichtet, und jedesmal fühlte ich durch diesen mir unerklärlichen Blick mein Herz beklemmt. Sie schien ruhig – und dennoch, so oft ich sie ansah, war mir’s, als müßte ich zu ihr sagen, sie solle sich nicht beunruhigen. – Ich schwelgte in ihrem Anblick, ich fand einen rührenden Reiz in ihren bleichen Zügen, in ihren unentschlossenen, langsamen Bewegungen; sie hingegen meinte – ich weiß nicht warum —, ich sei nicht bei Laune.

– Hören Sie, sagte sie zu mir kurz vor dem Abschiede: – mich quält der Gedanke, daß Sie mich für leichtsinnig halten . . . Künftig müssen Sie immer Alles glauben, was ich Ihnen sagen werde, nur müssen auch Sie gegen mich aufrichtig sein; ich werde Ihnen immer die Wahrheit sagen, gebe Ihnen mein Ehrenwort . . .

Dieses »Ehrenwort« machte mich abermals lachen.

– Ach, lachen Sie nicht, fiel sie mit Lebhaftigkeit ein: – sonst muß ich Ihnen heute sagen, was Sie mir gestern gesagt haben: – »Warum lachen Sie?« – und nach einigem Schweigen fuhr sie fort: – erinnern Sie sich, wir sprachen gestern von Flügeln? . . . Mir sind Flügel gewachsen – wohin aber fliegen?

– Was sagen Sie da, entgegnete ich: – vor Ihnen liegen ja alle Wege offen . . .

Assja sah mir fest und scharf in die Augen.

– Sie haben heute keine gute Meinung von mir, sagte sie und zog die Augenbrauen zusammen.

– Ich hätte keine gute Meinung? von Ihnen!

– Was laßt Ihr denn heute den Kopf so hängen? unterbrach mich Gagin: – wollt Ihr, daß ich Euch einen Walzer vorspiele, wie gestern?

– Nein, nein, versetzte Assja, indem sie die Hände zusammenpreßte: – heute auf keinen Fall!

– Ich zwinge Dich nicht, beruhige Dich . . .

– Auf keinen Fall, wiederholte sie bleich werdend.

* * *

»Sollte sie mich lieben?« dachte ich, als ich an den Rhein kam, dessen Wellen eilig dahin rollten.

XIII

»Sollte sie mich lieben? « fragte ich mich« als ich am anderen Tage erwachte. Ich wollte nicht in mein Inneres blicken. Ich fühlte, daß ihr Bild, das Bild des »Mädchens mit dem gezwungenen Lachen« sich mir in die Seele hineingedrängt hatte und daß ich es nicht leicht so bald wieder los werden könnte. Ich begab mich nach L. und blieb dort den ganzen:Tag: Assja sah ich aber nur flüchtig. Sie fühlte sich unwohl; der Kopf that ihr weh. Auf einen Augenblick kam sie herunter, mit verbundenem Kopfe, halbgeschlossenen Augen, bleich, abgefallen; sie lächelte schwach, sagte: – Es wird vergehen, es ist Nichts, Alles wird vergehen, nicht wahr? und sie ging fort. Mir wurde es schwer um‘s Herz, ich empfand in mir eine trostlose Leere, doch mochte ich noch lange nicht fortgehen und kehrte erst spät nach Hause zurück, ohne sie nochmals gesehen zu haben.

Den folgenden Morgen verbrachte ich in einem dem Halbschlafe ähnlichen Zustande; ich wollte arbeiten – konnte es nicht; ich wollte Garnichts machen, an Nichts denken . . . auch das gelang mir nicht. Ich schlenderte in der Stadt umher. kehrte nach Hause zurück, ging wieder aus.

– Sind Sie vielleicht Herr N.? ließ sich plötzlich hinter mir die Stimme eines Kindes vernehmen. Ich blickte mich um; vor mir stand ein Knabe. – Das hier vom Fräulein Annette, sagte er und überreichte mir einen Zettel.

Ich öffnete ihn und erkannte die unregelmäßigen und flüchtigen Schriftzüge Assja’s. – »Ich muß Sie durchaus sehen,« schrieb sie mir, » kommen sie heute um vier Uhr zur steinernen Kapelle am Wege nach der Ruine. Ich habe heute eine große Unvorsichtigkeit begangen . . . Kommen Sie, um Gottes Willen, Sie sollen Alles erfahren . . . Sagen Sie dem Ueberbringer: ja.«

– Giebt‘s Antwort? fragte mich der Knabe.

– Sage: ja, antwortete ich. Der Knabe lief davon.

XIV

Auf meinem Zimmer angelangt, setzte ich mich hin und vertiefte mich in Gedanken. Das Herz klopfte mir stark. Einige Male durchlas ich Assja‘s Zettel. Ich sah nach der Uhr: es war noch nicht zwölf.

Die Thür ging auf – Gagin trat herein.

Sein Gesicht war traurig. Er faßte meine Hand und drückte sie stark. Er schien sehr aufgeregt.

– Was fehlt Ihnen? fragte ich.

Gagin nahm einen Stuhl und setzte sich mir gegenüber. – Vor vier Tagen war es begann er mit erzwungenem Lächeln und stockend: – da setzte ich Sie durch meine Erzählung in Erstaunen; heute will ich es noch mehr. Mit einem Anderen würde ich vermuthlich nicht . . . so gerade heraus . . . Sie aber sind ein Mann von Ehre, sind mein Freund, nicht wahr? – Hören Sie nun: meine Schwester Assja ist in Sie verliebt.

Ich fuhr zusammen und sprang auf . . .

– Ihre Schwester. sagen Sie . . .

– Nun ja doch, ja,-unterbrach mich Gagin. – Ich sage Ihnen. sie hat den Verstand verloren und wird mich noch um den meinigen bringen. Glücklicherweise ist ihr die Lüge fremd und sie hat Zutrauen zu mir. Ach, was für eine Seele in dem Mädchen! . . . sie wird sich aber noch zu Grunde richten, ganz gewiß.

– Sie sind wohl im Irrthume, bemerkte ich . . .

– Nein, das bin ich nicht. Gestern, wie Sie wissen, blieb sie fast den ganzen Tag liegen, aß Nichts, beklagte sich jedoch über Nichts . . . Sie klagt niemals. – Ich beunruhigte mich nicht, obgleich sich gegen Abend etwas Hitze bei ihr einstellte. Heute, um zwei Uhr Morgens, weckte mich unsere Wirthin: kommen Sie, sagte sie, zu Ihrer Schwester: es geht nicht gut mit ihr. – Ich lief zu Assja und fand sie unausgekleidet, fiebernd in Thränen; der Kopf brannte ihr, die Zähne schlugen auf einander. »Was fehlt Dir?« fragte ich, »bist Du krank?« – Sie warf sich mir um den Hals und drang in mich, ich solle sie fortschaffen, so bald wie möglich, wenn ich wolle, daß sie am Leben bleibe . . . Ich begreife nichts, suche sie zu beruhigen . . . Ihr Schluchzen nimmt zu . . . und plötzlich, während dieses Schluchzens erfahre ich . . . Nun, mit einem Worte, ich erfuhr, daß sie Sie liebt. – Ich versichere Ihnen, wir Beide, als verständige Männer, können uns keinen Begriff machen, wie tief sie fühlt und mit welch unglaublicher Heftigkeit sich diese Gefühle bei ihr äußern; das überfällt sie ebenso unerwartet und unabwendbar wie ein Gewitter. – Sie sind ein sehr liebenswerther Mensch, fuhr Gagin fort, – dennoch muß ich gestehen, daß, ich es nicht begreife, warum sie sich in Sie verliebt hat. Sie behauptet, sie habe Sie lieb gewonnen, als sie zum ersten Male Ihrer ansichtig wurde. Deßhalb nun hat sie auch neulich geweint, als sie mir betheuerte, sie wolle außer mir Niemanden lieben. – Sie glaubt sich von Ihnen verschmäht, denkt, Sie wüßten um ihre Herkunft; sie fragte mich, ob ich Ihnen ihre Lebensgeschichte erzählt hätte, – ich – natürlich verneinte es; es ist aber erstaunlich, wie fein sie ist. Sie wünscht nur Eins: fort, gleich fort. Bis zum Morgen blieb ich bei ihr sitzen; sie hat mir das Ehrenwort abgenommen, daß wir morgen schon fort sein werden von hier – und darauf erst schlief sie ein. Ich sann und sann darüber nach und entschloß mich – mit Ihnen zu sprechen. Meiner Ansicht nach hat Assja Recht: das Beste ist – daß wir Beide von hier wegreisen. Ich würde sie heute noch fortbringen, wenn mich nicht ein Gedanke, der mir durch den Kopf ging, davon zurückhielte. Vielleicht . . . wer kann es wissen? – gefällt Ihnen meine Schwester? – Wenn dies der Fall wäre, weßhalb sollte ich sie denn wegführen? – Da beschloß ich denn, jede Scham bei Seite gesetzt . . . Zudem habe ich ja selbst Einiges bemerkt . . . beschloß ich nun . . . aus Ihrem Munde zu vernehmen . . . Der arme Gagin wurde ganz verwirrt. – Bitte verzeihen Sie mir. setzte er hinzu; ich bin in dergleichen Geschichten unerfahren.

Ich ergriff seine Hand.

– Sie wollen wissen, sagte ich mit fester Stimme: – ob mir Ihre Schwester gefällt? – Ja, sie gefällt mir . . . Gagin blickte mich an.

– Aber, brachte er stotternd hervor: – sie heirathen wollen Sie nicht?

– Wie wollen Sie, daß ich auf eine solche Frage Antwort gebe? Bedenken Sie selbst, könnte ich wohl jetzt . . .

– Ich weiß, ich weiß, unterbrach mich Gagin. – Ich habe durchaus kein Recht, eine Antwort von Ihnen zu verlangen und meine Frage war – im höchstem Grade unpassend. – Was sollte ich aber thun? Mit Feuer darf man nicht spielen. Sie kennen Assja nicht: es wäre möglich, daß sie erkrankte, davon liefe, Ihnen eine Zusammenkunft vorschläge . . . Eine Andere wüßte Alles zu verbergen und die Gelegenheit abzuwarten – nicht aber sie. Dies trifft sich mit ihr zum ersten Male, – das ist eben das Schlimme dabei! Wenn Sie gesehen hätten, wie sie heute schluchzend mir zu Füßen lag, Sie würden meine Befürchtungen begreifen.

Ich wurde nachdenklich, Gagins Worte »Ihnen eine Zusammenkunft vorschlagen« trafen mich in’s Herz. Ich hielt es für schändlich seine freimüthige Offenherzigkeit nicht mit gleicher Offenherzigkeit zu erwiedern.

– Ja, sagte ich zuletzt; – Sie haben Recht« Vor einer Stunde bekam ich von Ihrer Schwester einen Zettel. Hier ist er.

Gagin nahm den Zettel, durchflog ihn hastig und ließ die Hände auf die Kniee fallen. Der Ausdruck des Erstaunens auf seinem Gesichte war sehr ergötzlich, ich war jedoch nicht zum Lachen geneigt.

– Sie sind, ich wiederhole es, ein Ehrenmann« sagte er: – was aber wäre wohl jetzt zu thun? Wie? ihr Wunsch ist es fortzureisen und sie schreibt Ihnen und macht sich Vorwürfe über ihre eigene Unvorsichtigkeit . . . und wann mag sie das wohl geschrieben haben? Was will sie denn von Ihnen?

Ich beruhigte ihn und wir begannen zu plaudern, so kaltblütig wie möglich, darüber, was wir zu thun hätten.

Folgendes wurde endlich beschlossen: um jeden verzweifelten Schritt zu verhüten, sollte ich mich am bestimmten Orte einfinden und mich ehrlich mit Assja aussprechen; Gagin verpflichtete sich zu Hause zu bleiben und den Anschein zu vermeiden, als wisse er Etwas von dem Zettel; Abends beschlossen wir wieder zusammen zu kommen. – Ich setze volles Vertrauen in Sie, sagte Gagin und drückte mir heftig die Hand: – schonen Sie Assja und mich. Morgen aber reisen wir dennoch ab, fügte er hinzu, indem er aufstand: – denn, Assja werden Sie doch nicht heirathen.

– Geben Sie mir Zeit bis zum Abend, erwiederte ich.

– Es sei, aber Sie werden sie doch nicht heirathen.

Er entfernte sich, ich aber warf mich auf das Sopha und schloß die Augen. Der Kopf drehte sich mir wie im Kreise herum: gar zu viel Eindrücke auf einmal waren auf mich eingestürmt. Mich ärgerte Gagins Offenherzigkeit, auch über Assja war ich ärgerlich, ihre Liebe erfreute und verwirrte mich zugleich. Ich konnte nicht begreifen, was sie hatte veranlassen können dem Bruder Alles zu erzählen; die Nothwendigkeit eines raschen, ja augenblicklichen Entschlusses, quälte mich . . . »Ein siebenzehnjähriges Mädchen, von solchem Charakter, heirathen; wie ist das möglich?« sagte ich, aufstehend.

XV

Zur verabredeten Stunde fuhr ich über den Rhein und das erste Gesicht, das mir am entgegengesetzten Ufer begegnete« war derselbe Knabe, der am Morgen zu mir gekommen war. Er schien mich erwartet zu haben.

– Von Fräulein Annette, sagte er, und übergab mir wieder einen Zettel. Assja zeigte mir an, sie bestimme einen anderen Ort für unsere Zusammenkunft. Ich sollte in anderthalb Stunden nicht zur Capelle, sondern in's Haus zur Frau Luise kommen, unten anklopfen und in das dritte Stock hinaufsteigen-.

– Wieder ja? fragte mich der Knabe.

– Ja, wiederholte ich, und schritt dem Rheinufer zu. Nach Hause zurückzukehren, dazu war es nicht mehr Zeit, in den Gassen herumschleudern – wollte ich nicht. Außerhalb der Stadtmauer befand sich ein kleiner Garten mit einer bedeckten Kegelbahn und Tischen für Biergäste. Ich trat hinein. Einige, schon ältliche Gäste schoben Kegel; polternd rollten die Kugeln und von Zeit zu Zeit ließen sich beifällige Ausrufe hören. Ein hübsches Dienstmädchen mit rothgeweinten Augen brachte mir eine Kanne Bier; ich sah ihr ins Gesicht. Sie wandte sich rasch ab und ging fort.

– »Ja, ja,« ließ sich ein in der Nähe sitzender, beleibter und rothbäckiger Bürger vernehmen: – »unser Hannchen ist heute sehr betrübt. Ihr Bräutigam ist unter die Soldaten gegangen.« Ich warf einen Blick nach ihr: sie hatte sich in einen Winkel gedrückt und die Wange auf die Hand gestützt; die Thränen rieselten eine nach der anderen an ihren Fingern hinab. Es forderte Jemand Bier; sie brachte das Bier und kehrte auf ihren Platz zurück. Ihr Gram wirkte auf mich zurück; ich verfiel in Nachdenken über meine bevorstehende Zusammenkunst: ich dachte an sie, aber mit Besorgniß, nicht mit Freude. Nicht leichten Herzens begab ich mich zu dieser Zusammenkunft, kein Hingeben freudiger, wechselseitiger Liebe stand mir bevor; ich hatte ein gegebenes Versprechen zu halten, eine schwierige Pflicht zu erfüllen. »Mit ihr darf man nicht scherzen« – diese Worte Gagins hatten sich wie Pfeile in meine Seele hineingebohrt. Und hatte ich denn nicht erst vor vier Tagen, in jenem Boot, das die Wellen dahintrugen, nach Glück geschmachtet? Es schien möglich zu werden – ich aber schwankte, stieß es fort; ich mußte es von mir fortstoßen . . . Das Unerwartete in demselben machte mich verwirrt. Selbst Assja, mit ihrem feurigen Kopfe, ihrer Vergangenheit, ihrer Erziehung, dieses anziehende aber sonderbare Wesen – ich gestehe es, es flößte mir Furcht ein. Lange kämpften in mir diese Gefühle. Die angesetzte Frist rückte heran. » Ich kann sie nicht heirathen,« entschied ich zuletzt: – »sie wird nicht erfahren, daß auch ich sie lieb hatte.«

Ich stand auf – und nachdem ich dem armen Hannchen einen Thaler in die Hand gedrückt hatte (wofür sie mir nicht einmal dankte), begab ich mich zum Hause der Frau Luise. Dämmerungsschatten schwebten bereits in der Luft und über die dunkele Gasse leuchtete am Himmel ein schmaler Streif im Widerscheine der Abendröthe. Ich pochte leise an die Thür; sie wurde sogleich geöffnet. Ich trat über die Schwelle und befand mich plötzlich im Dunkeln.

– Hierher! ließ sich die Stimme einer alten Frau vernehmen. Sie werden erwartet.

Tappend that ich ein paar Schritte, eine knochichte Hand faßte die meinige.

– Sind Sie es, Frau Luise, fragte ich?

– Ich bin’s, antwortete mir dieselbe Stimme: – ich bin’s, mein schmucker, junger Herr. Die Alte führte mich dann eine steile Treppe hinauf, und blieb auf dem Absatze des dritten Stockes stehen. Beim matten Lichte, das durch ein kleines Fensterchen hereinfiel, erblickte ich das runzelige Gesicht der Bürgermeisterswittwe. Ein widerlich schlaues Lächeln verzerrte ihre eingefallenen Lippen und zog die glanzlosen, kleinen Augen zusammen. Sie wies mir eine kleine Thür. Ich öffnete mit zitternder Hand und warf die Thür hinter mir zu.

XVI

Es war ziemlich finster in dem kleinen Gemach, in welches ich trat, und ich wurde Assja‘s nicht sogleich gewahr. In ein großes Umschlagetuch gehüllt, saß sie auf einem Stuhle beim Fenster und hielt den Kopf weggewandt und fast versteckt, wie ein erschrockenes Vögelchen. Ihr Athem ging rasch und sie zitterte am ganzen Leibe. Sie that mir unsäglich leid. Ich trat zu ihr heran. Sie wandte den Kopf noch mehr ab . . .

– Anna Nikolajewna, redete ich sie an.

Sie richtete sich plötzlich auf, wollte mich anblicken – vermochte es nicht. Ich ergriff ihre Hand, sie war kalt und blieb wie abgestorben in der meinigen liegen.

– Ich wünschte . . . begann Assja und versuchte zu lächeln, doch ihre bleichen Lippen wollten ihr nicht gehorchen: – ich wollte . . . Nein, ich kann nicht, sagte sie und verstummte. Und wirklich, die Stimme brach ihr bei jedem Worte.

Ich setzte mich neben sie.

– Anna Nikolajewna, wiederholte ich und konnte gleichfalls nichts weiter hervorbringen.

Stillschweigen trat ein. Ich hielt immer noch ihre Hand und blickte sie an. Sie blieb in derselben, sich in sich selbst zurückziehenden Haltung wie vorhin, athmete schwer und biß still ihre Unterlippe, um nicht zu weinen und die hervorbrechenden Thränen zurückzuhalten . . . Ich hielt die Augen auf sie gerichtet: es lag Etwas rührend Hilfloses in ihrer schüchternen Unbeweglichkeit: es schien, sie habe den Stuhl kaum erreichen können und sei in demselben zusammengebrochen. Das Herz ging mir über . . .

– Assja, sagte ich kaum hörbar . . .

Sie schlug langsam die Augen zu mir auf . . . Oh, Blick einer liebenden Frauenseele, wer beschreibt dich? Diese Augen, sie drückten Flehen, Zutrauen, Frage, Hingebung aus . . . Ich vermochte nicht, ihrem Zauber zu widerstehen. Ein brennendes Feuer durchzuckte mich wie von Stichen glühender Nadeln; ich beugte mich nieder und drückte meine Lippen auf ihre Hand . . .

Ein bebender Laut, wie von unterbrochenem Seufzen, schlug an mein Ohr und ich spürte auf meinem Haare die zarte Berührung einer Hand, die wie ein Blatt zitterte. Ich hob den Kopf und sah ihr Gesicht. Wie so schnell umgewandelt kam es mir vor! Der Ausdruck der Angst war von demselben verschwunden, der Blick schweifte weit hinaus in den Raum und zog mich nach, die Lippen waren etwas geöffnet, die Stirn bleich wie Marmor und die Locken nach hinten geschoben, als wenn der Wind sie zurückgeworfen hätte. Sie vergaß Alles, zog sie an mich – willig gehorchte ihre Hand und der ganze Körper folgte derselben nach, der Shawl glitt von den Schultern herab und ihr Kopf neigte sich still an meine Brust und legte sich an meine brennenden Lippen . . .

– Die Ihre . . . flüsterte sie kaum hörbar.

Schon schlang sich mein Arm um ihren Körper . . . da durchzuckte mich plötzlich wie ein Blitz der Gedanke an Gagin. – Was machen wir! rief ich aus und rückte zurück . . . Ihr Bruder . . . weiß Alles . . . Er weiß, daß wir hier zusammenkommen.

Assja sank auf den Stuhl.

– Ja, fuhr ich fort, indem ich aufstand und auf die andere Seite des Zimmers trat. – Ihr Bruder weiß Alles . . . Ich mußte ihm Alles erzählen.

– Sie mußten? stammelte sie kaum vernehmbar. Sie konnte noch immer nicht zu sich kommen und verstand mich nur unvollständig.

– Ja, ja, wiederholte ich mit einer gewissen Erbitterung: – und daran sind Sie schuld, Sie allein.

Warum haben Sie Ihr Geheimniß verrathen? Wer hat Sie gezwungen, Ihrem Bruder Alles zu erzählen? Er selbst war heute bei mir und theilte mir Ihre Unterredung mit ihm mit.

Ich vermied es« Assja anzusehen und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. – Jetzt ist Alles verloren, Alles, Alles.

Assja wollte von ihrem Sitze aufstehen.

– Bleiben Sie, rief ich: – bleiben Sie, ich bitte Sie. Sie haben es mit einem Manne von Ehre zu thun – ja, mit einem Manne von Ehre. – Aber, um des Himmels Willen, was hat Sie so aufgeregt? Sollten Sie an mir eine Veränderung bemerkt haben? Ich konnte es aber unmöglich vor Ihrem Bruder geheim halten, als er mich heute besuchte.

»Was rede ich denn da?« dachte ich bei mir, und der Gedanke, daß ich ein ehrloser Betrüger wäre, daß Gagin um unsere Zusammenkunft wisse, daß Alles ausgeschwatzt, verdreht und verdorben sei, – durchkreuzte mir jetzt das Gehirn.

– Ich hatte ja den Bruder nicht rufen lassen, erwiederte Assja mit erschreckter, tonloser Stimme, – er war aus freien Stücken gekommen.

– Nun sehen Sie einmal, was Sie da angerichtet haben, fuhr ich fort. – Sie wollen jetzt fortreisen . . .

– Ja, ich muß fort, flüsterte sie ebenso leise: – auch habe ich Sie nur deßhalb hierher gebeten, um von Ihnen Abschied zu nehmen.

– Und Sie denken, erwiederte ich: – es wird mir leicht sein, von Ihnen zu scheiden?

– Warum denn mußten Sie es dem Bruder erzählen? wiederholte Assja mit dem Ausdrucke der Verwunderung.

– Ich sage Ihnen – ich durfte nicht anders verfahren. Wenn Sie sich nicht selbst verrathen hätten . . .

– Ich hatte mich auf meinem Zimmer eingeschlossen, erwiederte sie treuherzig: – ich wußte nicht, daß meine Wirthin einen anderen Schlüssel hatte . . .

Diese unschuldige Ausrede, aus ihrem Munde, in solcher Minute – brachte mich damals fast auf . . . Jetzt aber kann ich nicht ohne Rührung daran zurückdenken. Armes, ehrliches, aufrichtiges Kind!

– Und somit ist denn Alles aus! begann ich wieder: – Alles. Jetzt müssen wir uns trennen, Ich warf einen verstohlenen Blick auf Assja . . . ihr Gesicht wurde immer röther. Sie war, ich fühlte es« beschämt und beängstigt. Ich selbst bewegte mich und redete wie ein Fieberkranker. – Sie haben dem keimenden Gefühle nicht Zeit gelassen, sich zu entfalten, Sie selbst haben unsern Bund zerrissen, Sie hatten kein Zutrauen zu mir, Sie hegten Zweifel gegen mich.

Während ich redete, hatte sich Assja mehr und mehr nach vorne gebeugt – und sank plötzlich auf die Kniee, ließ den Kopf in ihre Hände fallen und brach in Schluchzen aus. Ich stürzte auf sie zu, versuchte sie aufzurichten, sie aber sträubte sich dagegen. Ich kann Weiberthränen nicht ertragen: wenn ich sie sehe, verliere ich sogleich alle Fassung.

– Anna Nikolajewna, Assja, rief ich wiederholt: – ich bitte, ich beschwöre Sie, um Gottes Willen hören sie auf . . . ich ergriff wieder ihre Hand.

Doch zu meinem größten Erstaunen, sprang sie plötzlich auf, – stürzte schnell wie der Blitz zur Thür und verschwand . . .

Als einige Zeit darauf Frau Luise hereintrat, – stand ich noch in der Mitte des Zimmers, wie vom Blitz getroffen. Ich faßte es nicht, wie diese Zusammenkunft ein so rasches, so dummes Ende nehmen konnte, da ich selbst noch nicht den hundertsten Theil von Dem gesagt hatte, was ich sagen wollte und mußte, und ich noch ungewiß war, wie sie endigen werde.

– Ist das Fräulein fort? fragte mich Frau Luise und zog ihre gelben Augenbrauen bis an den Haaraussatz in die Höhe.

Ich gaffte sie an wie ein Blödsinniger – und ging fort.

XVII

Ich verließ die Stadt und nahm meinen Weg in‘s Freie hinaus. Aerger, wüthender Aerger quälte mich. Ich überhäufte mich mit Vorwürfen. Wie war es mir möglich gewesen, den Grund zu verkennen, der Assja veranlaßt hatte, den Zusammenkunftsort abzuändern; wie hatte ich nicht zu würdigen gewußt, was es ihr kosten mußte, zur Alten zu gehen; warum hatte ich Sie nicht zurückgehalten! Unter vier Augen mit ihr, in dem einsamen, spärlich erleuchteten Zimmer, fand ich die Kraft, hatte ich das Herz, – sie von mir zu stoßen, ihr sogar Vorwürfe zu machen . . . Und jetzt verfolgte mich ihr Bild, ich that ihr Abbitte; wie Feuer zehrte an mir die Erinnerung an jenes bleiche Gesicht, jene feuchten und scheuen Augen, das aufgelöste Haar über dem gebeugten Nacken, das sanfte Anschmiegen ihres Kopfes an meine Brust. – »Die Ihre« . . . tönte ihr Flüstern in meinem Ohre noch nach. »Ich habe gewissenhaft gehandelt« – suchte ich mir einzureden . . . Lüge! War das denn der Schluß, den ich wirklich gewollt hatte? bin ich denn im Stunde, mich von ihr zu trennen? kann ich sie wohl verlieren? Wahnsinniger! Wahnsinniger! wiederholte ich mit Erbitterung.

Unterdessen war die Nacht hereingebrochen. Mit großen Schritten eilte ich dem Hause zu, wo Assja wohnte.

XVIII

Gagin kam mir entgegen.

– Haben Sie meine Schwester gesehen? rief er mir schon von Weitem zu.

– Ist sie denn nicht zu Hause? fragte ich.

– Nein!

– Sie ist nicht zurückgekehrt?

– Nein. Verzeihen Sie mir, fuhr Gagin fort: – ich hielt es nicht mehr aus; ich bin, unserer Verabredung zuwider, bei der Kapelle gewesen; dort war sie nicht; sie muß also nicht hingegangen sein.

– Sie ist nicht zur Kapelle gegangen.

– Und Sie haben sie nicht gesehen? Ich mußte bekennen. daß ich sie gesehen hatte.

– Wo?

– Bei der Frau Luise. – Vor einer Stunde trennten wir uns, setzte ich hinzu: – ich glaubte bestimmt, sie sei nach Hause zurückgekehrt.

– Wir wollen warten, sagte Gagin.

Wir traten in das Haus und nahmen neben einander Platz. Wir schwiegen. Uns beiden war gar nicht wohl zu Muthe. Fortwährend blickten wir uns um nach der Thür und horchten hin. Endlich erhob sich Gagin.

– Da hört aber Alles auf! rief er: – ich fühle das Herz im Leibe nicht mehr. Sie bringt mich noch um, bei Gott . . . Kommen Sie, wir wollen sie aufsuchen.

Wir gingen hinaus. Draußen war es schon ganz dunkel geworden.

– Wovon haben Sie denn mit ihr gesprochen? fragte mich Gagin, indem er den Hut auf die Augen rückte.

– Höchstens fünf Minuten war ich mit ihr zusammen, erwiederte ich: – ich sprach mit ihr, wie wir es verabredet haben.

– Wissen Sie, sagte er: – besser wir gehen ein Jeder für sich, auf diese Weise können wir sie eher treffen. – Auf jeden Fall, in einer Stunde kommen Sie her.

XIX

Ich stieg geschwind den Weinberg hinunter und rannte in die Stadt. Rasch hatte ich alle Gassen durchflogen, überall nachgesehen, sogar zu den Fenstern der Frau Luise aufgeblickt, war an den Rhein gekommen und lief längs dem Ufer hin . . . Von Zeit zu Zeit begegneten mir Frauengestalten; Assja jedoch war nirgends zu sehen. Es war jetzt nicht mehr Aerger, was ich empfand, mich quälte eine geheime Furcht, und nicht blos Furcht . . . nein, ich fühlte Reue, das brennendste Mitleid, Liebe. – Ja! die zärtlichste Liebe. Mit Händeringen rief ich hinaus in das aufsteigende nächtliche Dunkel, nach Assja, anfangs schwach, dann lauter und immer lauter; hundertmal wiederholte ich, daß ich sie liebe, ich schwor mich nie von ihr zu trennen; Alles in der Welt würde ich darum gegeben haben, ihre kalte Hand wieder halten, ihre sanfte Stimme wieder hören, sie selbst wieder vor mir sehen zu können . . . So nahe war sie mir gewesen, mit vollem Vertrauen, in der vollen Einfalt des Herzens und Gefühls war sie mir entgegengekommen, hatte sie ihre unerfahrene Jugend in meine Hand gegeben . . . und ich hatte sie nicht an meine Brust gedrückt, hatte mir das Glück entgehen lassen, das liebliche Gesicht zu schauen, wie es vor Freude und stillem Entzücken erblüht wäre . . . Dieser Gedanke machte mich wahnsinnig.

»Wohin kann sie gegangen sein, was ist aus ihr geworden? rief ich angsterfüllt in ohnmächtiger Verzweiflung . . . Etwas Weißes schimmerte plötzlich hart am Ufer. – Ich kannte jene Stelle: dort stand über dem Grabe eines vor siebenzig Jahren ertrunkenen Mannes, ein altes, halb in den Boden versunkenes, steinernes Kreuz mit alterthümlicher Inschrift. – Das Herz erstarrte mir im Leibe. Ich , lief zum Kreuze: die weiße Gestalt war verschwunden; ich rief: Assja! Mein wilder Schrei erschreckte mich – Niemand gab Antwort . . .

Ich beschloß nachzufragen, ob vielleicht Gagin sie gefunden habe.

XX

Während ich den Fußweg im Weinberg eilig hinanstieg, gewahrte ich Licht in Assja‘s Zimmer . . . das beruhigte mich etwas.

Ich näherte mich dem Hause; die Thür unten war verschlossen, ich klopfte an. Ein Fenster im nicht erleuchteten unteren Stock wurde behutsam geöffnet und es zeigte sich Gagins Kopf.

– Gefunden? fragte ich.

– Sie ist zurückgekehrt« flüsterte er mir zu: sie ist auf ihrem Zimmer und kleidet sich aus. Alles ist in Ordnung.

– Gott sei gedankt! rief ich in einem Anfalle von unaussprechlicher Freude; Gott sei gedankt! Jetzt ist Alles gut. Sie wissen aber, wir haben uns noch Etwas zu sagen.

– Ein anderes Mal, erwiederte er, indem er sachte das Fenster an sich zog: – ein anderes Mal, für jetzt leben Sie wohl.

– Auf morgen also, sagte ich: – morgen soll Alles klar werden.

– Leben Sie wohl, wiederholte Gagin. Das Fenster wurde geschlossen. Fast hätte ich daran wieder geklopft. Ich wollte Gagin sogleich erklären, daß ich um die Hand seiner Schwester bäte. Doch eine solche Freiwerberei zu solcher Stunde . . . Auf Morgen denn, dachte ich: – Morgen werde ich glücklich sein . . .

Morgen werde ich glücklich sein! Das Glück hat keinen morgenden Tag; es hat auch keinen gestrigen; es weiß von keiner Vergangenheit, denkt an keine Zukunft; die Gegenwart gehört ihm, und nicht einmal der Tag, nur der Augenblick.

Ich weiß nicht mehr wie ich nach S. Kam. Nicht meine Füße hatten mich hingebracht, nicht das Boot mich hinübergesetzt, wie auf breiten, mächtigen Flügeln ward ich hinüber getragen. Mein Weg führte mich an einem Gebüsche vorbei, in welchem eine Nachtigall flötete: mir dünkte, sie singe von meiner Liebe und meinem Glücke.

XXI

Als ich am folgenden Morgen mich dem wohlbekannten Häuschen näherte, befremdete mich ein Umstand: alle Fenster in demselben standen offen, und auch die Thür war geöffnet; Papierfetzen lagen in der Schwelle verstreut umher; eine Magd mit einem Besen war hinter der Thür zu sehen.

Ich trat zu ihr heran.

– Sind fort! platzte sie heraus, bevor ich sie noch fragen konnte, ob Gagins zu Hause wären?

– Fort? wiederholte ich . . . Wie denn, fort? Wohin?

– Sind heute Morgen sechs Uhr abgereist und haben nicht gesagt wohin. Doch, warten Sie, Sie sind wohl der Herr N.?

– Ich bin Herr N.

– Es liegt ein Brief für Sie bei der Wirthin. Das Dienstmädchen ging hinaus und kehrte mit einem Briefe zurück. Da ist er, bitte.

– Das ist aber nicht möglich . . . Wie kam denn das! . . . sagte ich. Die Magd blickte mich stumpfsinnig an und begann zu fegen.

Ich öffnete den Brief. Es war Gagin, der an mich schrieb; von Assja nicht eine Zeile. Er fing mit der Bitte an, ich wolle ihm seiner unerwarteten Abreise wegen nicht böse sein; er sei versichert, ich werde nach reiflicher Ueberlegung seinen Entschluß billigen. Er habe kein anderes Mittel gefunden, um aus einer Lage, die schwierig und gefährlich werden konnte, herauszukommen. »Gestern Abend, schrieb er, als wir Beide schweigend auf Assja warteten, überzeugte ich mich vollends, daß eine Trennung nothwendig sei. Es gibt Vorurtheile, die ich zu würdigen weiß; ich begreife, daß Sie Assja nicht heirathen können. Sie hat mir Alles erzählt; um ihrer Ruhe willen, war ich gezwungen ihren wiederholten, inständigen Bitten nachzugeben.« – Am Schlusse des Briefes äußerte er sein Bedauern, daß unsere Bekanntschaft so schnell abgebrochen sei, wünschte mir Glück, drückte mir freundschaftlich die Hand und beschwor mich, ich möge mir nicht die Mühe geben sie aufzusuchen.

– Welche Vorurtheile! rief ich aus, als ob er mich hören könnte: – dieser Unsinn! Wer hat ihm das Recht gegeben, sie mir zu rauben . . . Ich faßte mich am Kopfe. . . Die Dienstmagd fing an, laut, nach der Wirthin zu rufen: ihr Schrecken gab mir die Fassung wieder. Ein Gedanke hatte sich meiner bemächtigt: sie aufzusuchen, aufzusuchen, was es auch kosten möge. Diesen Schlag hinzunehmen, sich mit solch einem Ausgange zufrieden zu geben, war unmöglich. Von der Wirthin erfuhr ich, daß sie um sechs Uhr Morgens ein Dampfschiff bestiegen hätten und den Rhein hinunter gefahren seien. Ich begab mich auf‘s Comptoir: dort sagte man mir; sie hätten Fahrbillets bis Köln gelöst. Ich ging nach Hause« in der Absicht sogleich einzupacken und ihnen zu folgen. Mein Weg führte mich beim Hause der Frau Luise vorbei . . . Auf einmal höre ich: es ruft mich Jemand. Ich richtete den Kopf in die Höhe und erblickte in dem Fenster desselben Gemaches, wo ich Tags zuvor mit Assja zusammengekommen war, die Bürgermeisterswittwe. Mit ihrem widerlichen Lächeln rief sie mich an. Ich wandte mich ab und wollte vorbei; sie rief mir aber nach, es wäre Etwas für mich da. Diese Worte brachten mich zum Stehen und ich trat in das Haus. Wie beschreibe ich meine Gefühle, als ich jenes Zimmer wiedersah . . .

– Eigentlich, redete mich die Alte an, indem sie mir einen kleinen Zettel zeigte, – sollte ich Ihnen das hier nur in dem Falle übergeben, wenn Sie von freien Stücken zu mir gekommen wären, Sie sind aber ein so schmucker, junger Herr. Nehmen Sie‘s.

Ich nahm den Zettel- Auf einem ganz kleinen Stückchen Papier standen folgende, hastig mit Bleistift hingekritzelte Worte:

»Leben Sie wohl, wir werden uns nicht mehr sehen. Nicht aus Hochmuth reife ich fort – nein, ich kann nicht anders. Gestern, als ich vor Ihnen weint,« bedurfte es nur eines Wortes von Ihnen, nur eines einzigen Wortes – und ich wäre geblieben. Sie haben es nicht ausgesprochen. So mußte es wohl besser sein . . . Leben Sie wohl, für immer.«

Ein Wort . . . Oh« ich Thor! Dieses Wort . . . ich hatte es am vorigen Abend unter Thränen wiederholt ausgerufen, hatte es in den Wind gestreut, hatte es inmitten der einsamen Felder so oft wiederholt . . . zu ihr aber hatte ich es nicht gesprochen, ihr hatte ich nicht gesagt, daß ich sie liebe . . . Und ich konnte ja auch damals jenes Wort noch nicht aussprechen. Als ich mit ihr in jenem verhängnißvollen Zimmer zusammenkam, hatte ich noch kein klares Bewußtsein von meiner Liebe; war es doch selbst dann noch nicht in mir erwacht, als ich mit ihrem Bruder in stumpfem und qualvollem Schweigen dasaß. Erst einen Augenblick später brach es mit unaufhaltbarer Macht los, als ich vor der Möglichkeit eines Unheils erschrak, sie zu suchen, zu rufen begann; doch dann war es schon zu spät. Das ist ja unmöglich! wird man mir entgegnen; ich weiß nicht, ob es möglich ist – weiß aber, daß es wahr ist. Assja wäre nicht fortgereist, wenn in ihr auch nur eine Spur von Coquetterie gesteckt hätte und ihre Stellung nicht eine falsche gewesen wäre. Sie vermochte nicht das zu ertragen, was jede Andere ertragen hätte: das hatte ich nicht begriffen. Mein böser Dämon hielt mein Geständniß auf meinen Lippen zurück, als ich zum letzten Male mit Gagin vor dem dunkelen Fenster zusammentraf, und der letzte Faden, den ich noch hätte erfassen können, entschlüpfte meinen Händen.

Am selben Tage kehrte ich mit gepacktem Reisesack in die Stadt L. zurück und fuhr nach Cöln. Ich erinnere mich das Dampfschiff stieß bereits ab und ich nahm Abschied im Geiste von jenen Gassen, von allen jenen Orten, die ich fortan nie mehr aus dem Gedächtniß verlieren sollte, als ich Hannchen vor mir erblickte. Sie saß auf einer Bank am Ufer. Ihr Gesicht war bleich, aber nicht traurig; ein junger hübscher Bursche stand an ihrer Seite und erzählte ihr lachend Etwas; auf dem anderen Ufer des Rheins blickte wie immer das kleine Madonnenbild aus dem dunkelen Grün der alten Esche traurig herüber.

XXII

In Köln kam ich den, Gagins auf die Spur; ich erfuhr, daß sie nach London gereist waren; ich machte mich auf, ihnen nach; in London blieben jedoch alle meine Nachforschungen fruchtlos. Noch lange mochte ich mich nicht zufrieden geben, noch lange hielt ich beharrlich Stand, endlich jedoch mußte ich die Hoffnung aufgeben, sie wiederzufinden.

Und ich habe sie auch nicht mehr wiedergesehen – habe Assja nicht wiedergesehen. Von ihm kam mir noch einiges Wenige zu Ohren, sie aber war für immer für mich verschwunden. Ich weiß nicht einmal, ob sie noch lebt. Einmal, es war einige Jahre nachher im Auslande, sah ich flüchtig in einem Eisenbahnwaggon eine Frau, deren Gesicht mich lebhaft an unvergeßliche Züge erinnerte . . . doch, wahrscheinlich ward ich durch zufällige Aehnlichkeit irre geführt. Assja blieb in meiner Erinnerung dasselbe Mädchen, wie ich es in der schönsten Zeit meines Lebens gekannt hatte, wie ich es noch zuletzt, über die Lehne des niedrigen, hölzernen Stuhles gebeugt, gesehen hatte.

Ich muß indessen bekennen« daß ich mich nicht gar zu lange um sie gegrämt habe, ja, mir dünkte sogar, das Schicksal habe gut daran gethan, uns nicht mit einander zu verbinden; ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß ich wahrscheinlich mit einer solchen Frau nicht glücklich geworden wäre. Ich war damals jung, und die Zukunft, dieses kurze, flüchtige Leben, schien mir noch endlos. Warum könnte sich nicht dachte ich, was sich einmal ereignet hat, nochmals wiederholen, und zwar besser, schöner? Ich habe andere Frauen gekannt, – doch das Gefühl, welches Assja in mir entzündet hatte, jenes brennende, zärtliche, tiefe Gefühl, es wiederholte sich nicht mehr. Nein! es konnten keine Augen mir jene ersetzen, die einst mit solcher Liebe auf mich geheftet waren; keinem Herzen, das sich an meine Brust geschmiegt hat, schlug das meine mit so freudiger, süßer Beklemmung entgegen! Zum einsamen Leben eines familienlosen Hagestolzen verurtheilt, verbringe ich trübselig meine Jahre; doch bewahre ich wie ein Heiligthum ihre Briefe und den verdorrten Geraniumzweig, jenen Zweig, den sie mir einst aus dem Fenster zuwarf. Noch bis jetzt giebt er einen schwachen Duft von sich, die Hand aber, die ihn mir gab, jene Hand, die an meine Lippen zu drücken mir nur einmal vergönnt war, sie modert vielleicht schon lange im Grabe . . . Und ich selbst – was bin ich geworden? Was ist von mir übrig geblieben, was von jenen seligen und qualvollen Tagen, von jenem geflügelten Hoffen und Sehnen? So überlebt der schwache Duft eines unscheinbaren Krautes alle Freuden und alle Trübsale des Menschen – überlebt den Menschen selbst.

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10 aralık 2019
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