Kitabı oku: «Der Fatalist»
I
Wir setzten uns in die Runde, und unser alter Freund Alexander Wassiliewitsch Riedel (trotz seines deutschen Familiennamens ein echter Russe) begann:
»Ich will Ihnen, meine Herren, etwas erzählen, was mir in den dreißiger Jahren begegnet ist . . . es sind, wie Sie sehen, bereits vierzig Jahre seitdem verflossen. – Ich werde kurz sein; unterbrechen Sie mich aber nicht.«
Ich wohnte damals in Petersburg und hatte eben die Universität verlassen. Mein Bruder diente als Seconde-Lieutenant bei der reitenden Garde-Artillerie. Seine Batterie war jenen Sommer in Krasnoe Selo einquartirt. Mein Bruder war eigentlich nicht in Krasnoe selbst, sondern in einem der benachbarten Dörfchen in Quartier; ich besuchte ihn häufig und wurde mit seinen sämmtlichen Cameraden bekannt. Er wohnte in einem ziemlich reinlichen Bauernhause mit einem anderen Officier seiner Batterie. Dieser Officier hieß Tegleff Ilia Stepanitsch. – Mit diesem namentlich wurde ich befreundet.
Marlinski ist veraltet – Niemand liest ihn – man zieht selbst über seinen Namen her; aber in den dreißiger Jahren war er berühmt wie kein Anderer, und Puschkin selbst konnte nach dem Urtheil der damaligen Jugend sich nicht mit ihm vergleichen. Er genoß nicht bloß den Ruhm, der erste russische Schriftsteller zu sein, sondern er hatte selbst – was viel schwieriger und seltener ist – bis zu einem gewissen Grade der Jugend seiner Zeit seinen Stempel aufgedrückt. Helden à la Marlinski begegnete man überall, namentlich in der Provinz und unter Linien- und Artillerie–Officieren besonders; sie sprachen, sie schrieben seine Sprache; sie waren in der Gesellschaft düster, zurückhaltend – »mit dem Sturm in der Seele und dem Feuer im Blute«, wie der Lieutenant Belosor der Fregatte Nadesda.1 Frauenherzen wurden von ihnen »verschlungen«. Man nannte sie die »Fatalisten«.
Dieser Typus hielt sich lange, bis ihn Petschorin von Lermontoff verdrängte. Was war nicht Alles in diesem Typus enthalten? Byronismus, Romantik, Erinnerungen an die französische Revolution, an unsere December-Revolution2 – und Napoleoncultus; der Glaube an das Schicksal, an den Stern, an die Macht des Charakters, Poesie und Phrase – und das schmerzhafte Bewußtsein der eigenen Leere; wirkliche Kraft und Kühnheit – und unruhige Aufregungen der kleinlichen Eigenliebe; edle Bestrebungen – und mangelhafte Erziehung, Unwissenheit; aristokratische Ansprüche – und zur Schautragen von Kindereien . . . Doch genug kritisirt, ich habe zu erzählen versprochen.
II
Der Seconde-Lieutenant Tegleff gehörte zu diesen »Fatalisten«, obgleich er nicht die Aeußerlichkeit besaß, die man solchen Persönlichkeiten zuzuschreiben gewohnt ist. Er war von Mittelwuchs, ziemlich stark; etwas gebeugt, blond, hatte noch hellere Augenwimpern, ein rundes, frisches, rothwangiges Gesicht, eine aufgestülpte Nase, eine niedrige, an den Schläfen behaarte Stirn, und starke, regelmäßige, stets unbewegte Lippen; er lachte weder, noch lächelte er je. Nur selten, wenn er müde und außer Athem war, ließ er viereckige Zähne, weiß wie Zucker, sehen. Eine erkünstelte Unbeweglichkeit lag auf allen seinen Gesichtszügen: wenn man jene wegdachte, so würden sie selbst gutmüthig ausgesehen haben. Außergewöhnlich in seinem ganzen Gesicht waren nur die Augen; sie waren klein, mit grünen Augensternen und gelben Augenwimpern; das rechte Auge lag ein wenig höher als das linke, und das Augenlid des linken Auges hob sich weniger als das des rechten; so blickte jedes Auge anders als das andere, und sie erhielten dadurch einen schläfrigen und wunderlichen Ausdruck. Die Physiognomie Tegleffs, die übrigens nicht jeder Anmuth entbehrte, drückte beständig Unzufriedenheit vereint mit Unentschlossenheit aus; es war, als ob er stets bei sich selbst einen Gedanken verfolgte, den zu fassen ihm nie gelingen wollte. Bei diesen Eigenschaften machte er doch nicht den Eindruck eines stolzen Menschen: man konnte ihn eher für einen gekränkten halten. Er sprach nur wenig und das abgebrochen, mit rauher Stimme, ohne Nothwendigkeit die Worte wiederholend. Im Gegensatze zu den meisten Fatalisten gebrauchte er im Gespräche keine besonders geschraubten Ausdrücke – und wandte dieselben nur beim Schreiben an; er hatte eine gänzlich kindische Handschrift. Die Vorgesetzten hielten ihn für einen Officier – »so – so«, weder besonders fähig, noch besonders diensteifrig. »Pünktlichkeit zeigt er, aber keine Accuratesse,« sagte von ihm sein Brigade-General von dentschem Ursprung. Auch für die Soldaten war Tegleff . . . »so- so«, weder Fisch noch Fleisch. Er lebte, nach Maßgabe seiner Mittel, eingeschränkt. Neun Jahre alt wurde er eine Waise; seine Eltern erkranken in einem Frühjahr, als sie während des Hochwassers der Oka3 in einer Fähre übersetzten.– Seine Erziehung erhielt er in einer Privatschule, wo er zu den dickköpfigsten und stillsten Schülern gehörte; dann trat er nach seinem eigenen theuersten Wunsch, und auf die Empfehlung eines Onkels, der eines gewissen Ansehens genoß, als Junker in die Garde-Artillerie zu Pferd ein und bestand, wenn auch mit Mühe, erst das Fähnrich- dann das Lieutenant-Examen. Mit den andern Officieren stand er auf gespannten Fuße. Man liebte ihn nicht, besuchte ihn nur selten – er selbst ging auch zu Niemandem. Die Gegenwart von Menschen beengte ihn, er wurde sofort unnatürlich, ungeschickt . . . er hatte nichts Cameradschaftliches – er dutzte sich mit Niemandem. Man achtete ihn auch – nicht etwa wegen – seines Charakters oder seines Verstandes und Bildung – sondern nur deshalb, weil man in ihm jenen besonderen Stempel, durch den die »Fatalisten« gezeichnet waren, anerkannte. Daß Tegleff Carrière machen, sich in irgend Etwas auszeichnen werde – das erwartete Niemand von ihm – aber daß Tegleff einen Ungewöhnlichen Streich spielen, oder gar »mit einem Male ein Napoleon werden könne« – das hielt man nicht für unmöglich. Denn im Letzteren wirkt »der Stern« – er aber ist ein Mensch mit »Vorbestimmung« – wie es ja damals auch Leute »wir dem Seufzer« Und »mit der Thräne« gab.
III
Zwei Vorfälle, die den ersten Anfang seines Officiersdienstes bezeichneten, trugen viel dazu bei, seinen fatalistischen Ruf zu erhöhen. Am Tage seiner Beförderung selbst ging er in Gesellschaft anderer neugeschaffener Officiere in voller Parade-Uniform den Granitquai der Newa entlang. Es war Mitte März und in Petersburg früher als gewöhnlich Frühling geworden, die Newa offen; die großen Eisblöcke waren bereits vorbei, doch der ganze Fluß noch mit kleinen, dicht an einander gedrängten, schon wässerigen Eisschollen bedeckt, die man Schlammeis nennt. Die jungen Leute sprachen mit einander, lachten . . . plötzlich blieb Einer von ihnen stehen: er erblickte auf der sich langsam bewegenden Oberfläche des Flusses, etwa dreißig Schritte vom Ufer entfernt, einen kleinen Hund. Auf einer herausragenden Eisscholle sitzend, zitterte er mit dem ganzen Körper und winselte. »Er geht unter,« sagte der Officier gleichgültig. Der Hund wurde an einer der zum Wasser führenden Treppen am Quai langsam vorbeigetrieben. Plötzlich lief Tegleff, ohne ein Wort zu sprechen, die Treppe hinunter – und auf dem dünnen Schlammeis herumspringend, durchbrechend und sich wieder hervorarbeitend, erreichte er endlich den Hund, ergriff ihn beim Genick und warf ihn, als er glücklich das Ufer wiedererreicht, auf das Pflaster. Die Gefahr, der Tegleff sich ausgesetzt, war so groß, seine Handlung so unerwartet, daß seine Cameraden wie versteinert dastanden – und erst dann gleichzeitig wieder zu Worte kamen, als Tegleff eine Droschke gerufen hatte, um nach Hause zu fahren; seine ganze Uniform war durch und durch naß. Auf ihre Ausrufe antwortete Tegleff kalt, daß man seiner Bestimmung nicht entrinnen könne – und hieß den Kutscher fahren.
»Nimm doch wenigstens den Hund zum Andenken mit,« rief einer der Officiere; aber Tegleff machte nur eine abwehrende Bewegung mit der Hand – seine Canceraden blickten einander an in schweigendem Erstaunen.
Der andere Vorfall ereignete sich einige Tage darauf, bei einer Spielpartie, die der Bauern-Chef arrangirt hatte. Tegleff saß in einer Ecke und nahm keinen Antheil am Spiele.
»Hätte mir doch meine Großmutter, wie in Puschkins Roman Pickdame, gesagt, welche Karten gewinnen müssen!« rief ein Fähndrich, der bereits das dritte Tausend verlor. Tegleff kam langsam an den Tisch heran, nahm ein Spiel Karten; hob ab, und wandte, nachdem er »Carreau sechs« gesagt, das Spiel um: unten lag Carreau sechs. – »Treff Aß!« rief er wieder, hob ab – — unten lag Treff Aß . . . »Carreau König!« rief er zum dritten Male, die Worte leidenschaftlich durch die Zähne drängend – und er hatte zum dritten Mal gerathen . . . er wurde plötzlich roth. Wahrscheinlich war er selbst überrascht.
»Ein prachtvolles Kunststück! Machen Sie es noch ein Mal, bitte!« bemerkte der Batterie-Chef.
»Ich beschäftige mich nicht mit Kunststücken,« antwortete trocken Tegleff – und ging in das andere Zimmer. Wie es gekommen, daß er die abgehobene Karte errathen . . . will ich nicht zu erklären unternehmen: doch habe ich es mit eigenen Augen gesehen. Nach ihm versuchten mehrere der anwesenden Spieler dasselbe zu machen – doch gelang es Niemandem: eine Karte traf zu, doch zwei nacheinander nie, Tegleff aber war es bei dreien gelungen. Dieser Vorfall bekräftigte noch mehr seinen Ruf als den eines geheimnißvollen, fatalistischen Menschen.
IV
Es ist begreiflich, daß sich Tegleff sofort dieses Rufes bemächtigte; verlieh er ihm doch eine besondere Bedeutung, eine besondere Färbung . . . »Cela le posait,« wie sich die Franzosen ausdrücken – und bei seinem geringen Verstande, seinen geringen Kenntnissen und seinem ungeheuren Ehrgeiz – war ein solcher Ruf für ihn wie gefunden. Es fiel schwer, ihn zu erlangen, doch ihn zu erhalten, kostete nichts: man brauchte nur zu schweigen und den Wilden zu spielen.
Wenn ich mich Tegleff näherte und ihn sogar liebgewann, so geschah es nicht etwa, weil mich sein Ruf angezogen hätte; ich schloß mich an ihn an, weil ich erstens selbst ziemlich verwildert war und in ihm daher einen Leidensgefährten sah; und zweitens deshalb, weil er ein guter, und im Grunde genommen, selbst ein offenherziger Mensch war. Er weckte bei mir eine Art von Mitgefühl; es schien mir, als ob, abgesehen von seinem angenommenen Fatalismus, auf ihm wirklich ein tragisches Schicksal laste, das er selbst nicht ahnte. Von diesem Gefühle offenbarte ich ihm allerdings Nichts. Mitleid einflößen – kann es denn etwas Beleidigenderes für einen »Fatalisten« geben? – Auch Tegleff war mir zugethan: er fühlte sich leicht mit mir, er unterhielt sich gern mit mir – er wagte selbst in meiner Gegenwart die Art von Piedestal, auf das er halb herabgefallen, halb heraufgeklettert war, blicken zu lassen. Peinlich, kränklich, ehrgeizig wie er war, mochte er in seinem Innern sich wahrscheinlich doch gestehen, daß er durch Nichts diesem Ehrgeiz entsprechen könne und daß Andere vielleicht auf ihn von ihrer Höhe herab zu sehen berechtigt seien . . . doch ich, ein neunzehnjähriger Junge, konnte ihm nicht unbequem werden. Er verfiel manchmal selbst in Schwatzhaftigkeit und er konnte dem Schöpfer danken, daß Niemand außer mir seine Reden hörte! Sein Ruf hätte sich sonst nicht lange halten können. Er wußte nur sehr wenig, hatte beinahe gar Nichts gelesen – und beschränkte sich darauf, daß er entsprechende Anekdoten und Geschichten sammelte. Er glaubte an Vorahnungen, an Voraussagungen, an Anzeichen, an Zusammentreffen, an glückliche und unglückliche Tage, an die Verfolgung oder Gunst des Schicksals, mit einem Worte an das Verhängniß im Leben.
Er glaubte selbst an gewisse »klimacterische« Jahre, deren Jemand in seiner Gegenwart erwähnt hatte und deren Bedeutung er gar nicht verstand. Fatalisten von echtem Schlage dürfen solchen Glauben nicht verrathen: sie müssen denselben bei Anderen erwecken . . . Doch ich allein kannte Tegleff von dieser Seite.
V
Einst, es war gerade, wie ich mich entsinne, der Tag des heiligen Elias, der 20. Juli, war ich auf längere Zeit auf Besuch bei meinem Bruder gefahren, traf ihn aber nicht an, da er auf eine ganze Woche »irgendwohin abcommandirt war. Nach Petersburg zurückkehren wollte ich nicht; ich trieb mich den ganzen Tag mit der Flinte zwischen den in der Nähe befindlichen Morasten herum, erlegte ein Paar Bekassinen und brachte den Abend mit Tegleff unter dem überragenden Dache eines Stalles zu, in dem er, wie er sich ausdrückte, seine Sommerresidenz aufgeschlagen hatte. Wir redeten über Dies und Das, doch hauptsächlich tranken wir Thee, tauchten unsere Pfeifen und sprachen bald mit unserem Wirth, einem russificirten Finnen, bald mit einem bei der Batterie sich herumtreibenden, mit Apfelsinen und Citronen handelnden Hausirer, einem gutmüthigen und gesprächigen Menschen, der neben anderen auch das Talent besaß, auf der Zither zu spielen – und der uns gerade mit der unglücklichen Liebschaft, die er in seiner Jugend mit der Tochter eines Gerichtsboten hatte, unterhielt.
Dieser Don Juan im Bauernhemde konnte, als er älter geworden, kein Unglück in der Liebe mehr. Vor dem Thore unseres Stalles breitete sich, sich allmälig senkend, eine weite Landfläche aus; ein kleines Flüßchen erglänzte hie und da an den Biegungen der Tiefe; weiter am Horizonte sah man niedrige Wälder. Die Nacht brach an und wir blieben allein. Mit der Nacht zugleich senkte feuchter Dampf sich aus die Erde nieder, welcher immer weiter und weiter sich ausbreitend endlich zum dichten Nebel wurde. Am Himmel ging der Mond aus; der Nebel wurde von feinem Lichte ganz durchdrungen und erschien wie vergoldet. Alles veränderte sich sonderbar, umhüllte sich, verschwamm; das Entfernte schien nah, das Nahe entfernt, das Große klein, das Kleine groß Alles wurde licht und doch dabei undeutlich. Wir waren in’s Märchenland versetzt, in ein Reich der tiefen Stille, des sanften Schlummers, des blaß-goldenen Dunkels . . . Wie geheimnißvoll blinkten von oben, silbernen Funken gleich, die Sterne herab! Wir schwiegen. Das phantastische Gewand dieser Nacht wirkte aus uns – es stimmte auch uns phantastisch !
VI
Tegleff fing zuerst mit seinem gewöhnlichen Stocken, Ausetzen, Wiederholen, über Vorahnungen . . . Gespenster zu sprechen an. Während einer solchen Nacht erblickte angeblich ein ihm bekannter Student, der eben Hauslehrer bei zwei Waisen geworden, und mit denselben in einem Gartenhäuschen schlief, eine weibliche Gestalt, die sich über das Bett seiner Zöglinge neigte und erkannte am nächsten Tage diese Gestalt in einem bis dahin von ihm unbemerkt gebliebenen Gemälde als die Mutter der Waisen. Darauf erzählte er, daß seine Eltern, einige Wochen vor ihrem Tode, beständig das Rauschen des Wassers zu hören glaubten; daß sein Großvater in der Schlacht von Borodino sich nur dadurch rettete, daß er, auf der Erde ein gewöhnliches Steinchen bemerkend, sich danach bückte und es aufhob; in demselben Augenblick sei über seinen Kopf eine Kartätschenkugel geflogen und habe seinen hohen schwarzen Federbusch fortgerissen. Tegleff versprach mir, diesen Stein, der seinen Großvater gerettet, und von ihm in ein Medaillon gefaßt bewahrt wurde, zu zeigen. Dann erging er sich über die jedem Menschen zuertheilte Vorbestimmung, und namentlich über die seinige, und fügte hinzu, daß er bis jetzt an dieselbe glaube, und daß, wenn je in ihm Zweifel in dieser Hinsicht entstehen sollten, er mit ihnen und dem Leben fertig zu werden wissen werde, denn dann würde das Dasein jeden Werth für ihn verlieren.
»Sie glauben vielleicht,« fuhr er fort, mich dabei von der Seite ansehend, »daß ich dazu keinen Muth habe? Sie kennen mich nicht . . . ich habe einen eisernen Willen!«
»Schön gesagt,« dachte ich bei mir.
Tegleff wurde nachdenkend, seufzte schwer, und erklärte mir, seine Pfeife aus der Hand fallen lassend, daß der heutige Tag ein sehr wichtiger für ihn sei, »heute ist Elias-Tag – mein Namenstag . . . Das ist . . . das ist für mich immer eine schwere Zeit.«
Ich antwortete nicht, nur sah ich ihn an, wie er da vor mir saß, zusammengekauert, gebückt, schwerfällig, mit seinem auf die Erde gerichteten, schläfrigen und düstern Blicke.
»Heute,« fuhr er fort, »hat mir eine alte Bettlerin (Tegleff ließ keinen Bettler vorbeigehen, ohne ihm eine Gabe zu reichen) für das Heil meiner Seele zu beten versprochen – . . . ist das nicht sonderbar?«
»Was für ein Vergnügen doch dieser Mensch daran findet, sich stets nur mit sich selbst zu beschäftigen!« – dachte ich. Ich muß übrigens erwähnen, daß ich in der letzten Zeit manchmal einen ganz ungewöhnlichen Ausdruck von Sorge und Unruhe auf Tegleffs Gesicht beobachtet hatte; nicht etwa die fatalistische Melancholie, sondern etwas Wirkliches schien an ihm zu nagen und ihn zu peinigen. Auch jetzt fiel mir die Trostlosigkeit auf, die in seinen Gesichtszügen lag. Erhoben sich nicht etwa jene Zweifel in ihm, von denen er vordem gesprochen hatte? Tegleffs Cameraden hatten mir erzählt, daß er kürzlich seinen Vorgesetzten ein Project über Reformen in der Artillerie eingereicht und dasselbe mit einem »Vermerk,« d. h. Verweise zurück erhalten hätte. Seinen Charakter kennend, konnte ich nicht zweifeln, wie sehr eine solche, ihm von Seiten seiner Vorgesetzten widerfahrene Behandlung, ihn verletzen mußte. Doch der Gram, den ich jetzt auf Tegleffs Antlitz zu bemerken glaubte, schien einer andern, noch mehr persönlichen Quelle zu entspringen.
»Uebrigens wird es feucht,« rief er plötzlich und schüttelte die Schulter. »Gehen wir nach der Hütte – es ist Zeit zu schlafen.«
Er hatte die Gewohnheit, die Schultern zu schütteln und den Kopf von einer Seite nach der andern zu bewegen, als ob das Halstuch ihn beengte, wobei er mit der Hand nach dem Halse faßte. Der Charakter Tegleff’s offenbarte sich, wie es mir wenigstens schien, in dieser gramvollen, nervösen Geberde . . . Es war ihm ebenfalls eng auf dieser Welt!
VII
Wir gingen in das Bauernhaus und legten uns jeder ans eine Bank nieder, er in der hinteren Ecke am Ofen, ich in der vorderen, auf’s Heu, das darüber gebreitet war.
Tegleff drehte sich lange auf seiner Bank herum; auch ich konnte nicht einschlafen. Ob seine Erzählungen meine Nerven aufgeregt hatten, ob diese sonderbare Nacht mein Blut beunruhigte – weiß ich nicht, aber einzuschlafen war ich nicht im Stande. Selbst jeder Wunsch nach Schlaf war mir vergangen, und ich lag mit geöffneten Augen und dachte nach, dachte mit Anstrengung nach, Gott weiß worüber, über die sinnlosesten Dinge – wie es immer bei Schlaflosigkeit der Fall ist . . . Mich von der einen Seite auf die andere drehend, streckte ich die Hand aus . . . mein Finger traf auf einen der Wandbalken. Man vernahm einen schwachen, aber hellen, anhaltenden Ton . . . Ich hatte wahrscheinlich eine hohle Stelle getroffen.
Ich schlug zum zweiten Male mit dem Finger an . . . schon absichtlich. Der Ton wiederholte sich. Ich that es noch einmal . . . Plötzlich erhob Tegleff seinen Kopf.
»Riedel,« rief er, »hören Sie es? Jemand klopft an’s Fenster.«
Ich stellte mich schlafend.
Ich bekam plötzlich Lust meinem fatalistischen Gefährten einen Streich zu spielen. Schlafen konnte ich ja doch nicht.
Er lehnte seinen Kopf wieder auf das Kissen.
Ich wartete einige Augenblicke und klopfte dann wiederum drei Mal hinter einander.
Tegleff erhob sich und horchte.
Ich klopfte wieder. Ich lag, das Gesicht ihm zugewendet; meinen Arm konnte er aber nicht sehen, ich hatte denselben unter der Decke über den Rücken gebogen.
»Riedel!« rief Tegleff.
Ich antwortete nicht.
»Riedel!« schrie er laut, »Riedel!«
»Ah! was giebt’s?« rief ich, wie auffahrend.
»Hören Sie denn nicht, daß Jemand beständig an das Fenster klopft? Er will wohl herein?«
»Ein Vorübergehender« . . . murmelte ich.
»Dann muß man ihn hereinlassen – oder doch erfahren, wer es ist?«
Doch ich antwortete nicht und stellte mich wieder schlafend.
Es vergingen einige Augenblicke . . . Ich fing von Neuem an.
»Tak. . . Tak. . . Tak. . . «
Tegleff richtete sich auf und horchte.
Durch meine halb zugedrückten Augenlider konnte ich deutlich beim weißlichen Schimmer der Nacht alle seine Bewegungen erkennen. Er wandte das Gesicht bald zum Fenster, bald zur Thüre. Es fiel wirklich sehr schwer zu bestimmen, von wo der Schall ausging: er schien durch das Zimmer zu schwingen und an den Wänden dahin zu gleiten. Ich hatte zufällig , den akustischen Brennpunkt getroffen.
». . . Tak. . . Tak . . . Tak. . . «
»Riedel! schrie endlich Tegleff . . . »Riedel, Riedel!«
»Was giebt es denn ?« rief ich gähnend.
»Hören Sie denn wirklich nichts? Es klopft Jemand!«
»Gott sei mit ihm,« antwortete ich, und stellte mich wieder, als ob ich einschliefe – ich schnarchte selbst . . .
Tegleff beruhigte sich.
– »Tak. . . Tak . . . Tak . . .«
»Wer da?« schrie Tegleff, »herein!«
Es antwortete natürlich Niemand.
–– »Tak. . . Tak. . . Tak . . . «
Tegleff sprang aus dem Bette, öffnete das Fenster und den Kopf hinausstreckend, fragte er mit wilder Stimme: »Wer da? Wer klopft?« Dann öffnete er die Thür und wiederholte seine Frage. In der Ferne wieherte ein Pferd – sonst nichts.
Er kam zum Bette zurück.
. . . »Tak. . . . Tak. . . Tak. . . «
Tegleff zog rasch seine Stiefel an, warf seinen Mantel um die Schulter, und, den Säbel von der Wand nehmend, ging er hinaus.
Ich hörte, wie er einige Male um das Haus herumging und immer fragte: »Wer da? Wer ist hier? Wer klopft?« Dann schwieg er plötzlich, stand wohl eine Zeit lang auf der Straße, wahrscheinlich nicht weit von der Ecke, in der ich lag, kehrte, kein Wort mehr fallen lassend, in das Haus zurück und setzte sich nieder, ohne sich auszuziehen.
»Tak . . . Tak . . . Tak . . . « fing ich wieder an, – »Tak . . . Tak. . . Tak. . .«
Doch Tegleff rührte sich nicht, fragte nicht – . . . »wer klopft?« – nur hielt er seinen Kopf auf die Hand gestützt.
Da ich sah, daß ich keine Wirkung weiter durch mein Klopfen hervorbrachte, stellte ich mich nach einiger Zeit, als ob ich aufwachte und zeigte eine erstaunte Miene, indem ich Tegleff ansah.
»Waren Sie ausgegangen?« fragte ich.
»Ja,« antwortete er gleichgültig.
»Sie haben noch immer das Klopfen gehört?«
,Ja!«
»Und sind Niemandem begegnet?«
»Nein !«
»Und das Klopfen hat aufgehört!«
»Ich weiß nicht – mir ist jetzt Alles einerlei!«
»Jetzt! Weßhalb denn gerade jetzt?«
Tegleff antwortete nicht.
Ich fühlte ein wenig Gewissensbisse, doch war ich ärgerlich gegen ihn gestimmt; den Streich, den ich ihm gespielt, wollte ich noch nicht bekennen.
»Wissen Sie was?« fing ich an, »ich bin überzeugt, daß das Alles nur in ihrer Einbildung gesehen ist?«
Tegleff wurde finster: »So? Sie glauben das?«
»Sie sagen, Sie hätten klopfen gehört?«
»Ich habe nicht bloß klopfen gehört,« unterbrach er mich.
»Was denn noch ?«
Tegleff beugte sich nach vorn – und biß sich in die Lippen. Er war sichtlich unentschlossen . . .
»Man hat mich gerufen!« sagte er halblaut und wandte das Gesicht ab.
»Man hat Sie gerufen ? Wer hat Sie gerufen ?«
»Eine . . . « Tegleff blickte beständig zur Seite . . . »Ein Wesen, von dem ich bis setzt nur vermuthete, daß es gestorben sei – jetzt weiß ich es gewiß . . .«
»Ich schwöre Ihnen, Ilia Stepanitsch,« rief ich »das ist bloß Einbildung!«
»Einbildung?« wiederholte er, »wollen Sie sich selbst überzeugen ?«
»Freilich!«
»Wohlan, so lassen Sie uns auf die Straße gehen!«
VIII
Ich zog mich schnell an und verließ in Tegleffs Begleitung das Haus. Letzterem gegenüber, auf der anderen Straßenseite, standen kleine Häuser; es zog sich da ein niedriger, stellenweise schadhafter Zaun von Flechtwerk hin, an dessen Ende der ziemlich steile Abfall dem Thale zu begann. Der Nebel umhüllte noch alle Gegenstände – auf zwanzig Schritt Entfernung konnte man nichts mehr erkennen. Ich kam mit Tegleff bis zum Zaun und wir blieben da stehen.
»Hier ist es,« sagte er und senkte den Kopf auf die Brust, »bleiben Sie hier stehen und hören Sie zu!«
Ich horchte – und außer dem gewöhnlichen, äußerst schwachen, aber überall sich verbreitenden Rauschen der Nacht, diesem Athmen der Nacht, hörte ich nichts. So standen wir eine Weile, von Zeit zu Zeit einander anblickend – wir waren eben im Begriff, weiter zu gehen.
»Ilia!« glaubte ich hinter dem Zaune flüstern zu hören.
Ich blickte Tegleff an – doch er schien nichts gehört zu haben – und stand wie früher, den Kopf nach vorn gebeugt.
»Ilia! . . . Ilia! . . .« klang es deutlicher als zuvor – um so Vieles deutlicher, daß man erkennen konnte, der Ruf rühre von einer Frau her.
Mir erzitterten Beide – und stierten einander an.
»Nun?« fragte mich Tegleff leise. . . Jetzt werden Sie wohl nicht mehr zweifeln ?«
»Warten Sie,« antwortete ich mit gedämpfter Stimme – »das beweist noch nichts. Man muß nachsehen, ob Niemand da ist? Vielleicht irgend ein Spaßvogel . . . «
Ich sprang über den Zaun – und ging in der Richtung, woher, soweit ich urtheilen konnte, der Ruf gekommen war. Ich fühlte weiche, lockere Erde unter den Füßen; lange Reihen von Beeten verloren sich im Nebel. Ich befand mich in einem Gemüsegarten. Aber Nichts regte sich, weder hinter noch vor mir. Alles war in tiefe Ruhe versunken, wie erstorben. Ich machte noch einige Schritte.
»Wer da?« rief ich nicht weniger kräftig als Tegleff.
»Prr!« und ein aufgescheuchtes Rebhuhn erhob sich zu meinen Füßen und flog gerade wie eine Flintenkugel dahin. Unwillkürlich machte ich einen Schritt rückwärts . . . welche Thorheit! . . .
Ich blickte nach hinten. Tegleff stand noch auf demselben Platze, wo ich ihn verlassen. Ich ging zu ihm zurück.
– »Sie werden umsonst rufen,« sagte er, »diese Stimme kam zu uns . . . zu mir . . . von Weitem.«
Er fuhr mit der Hand über sein Gesicht – und kehrte langsamen Schrittes über die Straße nach Hause. Ich wollte mich nicht so leicht ergeben – und kehrte in den Gemüsegarten zurück. Daß wirklich Jemand dreimal »Ilia« gerufen, darüber konnte ich nicht im Zweifel sein. Daß in diesem Rufe etwas Klagendes, Geheimnißvolles gelegen habe, mußte ich mir ebenfalls bekennen . . . Doch wer weiß, vielleicht schien dies Alles nur räthselhaft – und erklärte sich in Wahrheit ebenso einfach wie das Klopfen, welches Tegleff so sehr aufgeregt hatte?
Ich ging am Zaun entlang, von Zeit zu Zeit stehen bleibend und um mich blickend. Neben dem Zaune, in geringer Entfernung von unserem Hause, stand eine alte Weide mit weithin ausgebreiteten Aesten; wie ein großer, schwarzer Flecken erschien sie durch den über Alles ergossenen weißlichen Nebel, in jenem matten Weißlicht, das mehr als jedes Dunkel den Blick blendet und abstumpft.
Plötzlich schien es mir, als ob etwas Großes, Lebendes sich auf der Erde neben der Weide rührte. Mit dem Ausrufe: »Halt, wer da!« stürzte ich vorwärts. Ich hörte leichte Schritte, wie die eines Hasen, und eine zusammengeduckte Gestalt – ob die eines Mannes oder einer Frau konnte ich nicht deutlich unterscheiden – huschte rasch an mir vorüber. . . Ich wollte sie aufhalten – doch griff ich fehl, stolperte, fiel in Nesseln und verbrannte mir das Gesicht. Als ich mich, die eine Hand auf die Erde stützend, erhob, fühlte ich unter jener etwas Hartes; es war ein geschnitzter, kupferner Kamm, wie ihn unsere Bauern am Gurte zu tragen pflegen.
Meine weiteren Forschungen fielen fruchtlos aus, – und ich kam mit dem Kamme in der Hand und mit geschwollenem Gesichte nach Hause.
IX
Ich fand Tegleff aus der Bank sitzend. Vor ihm auf dem Tische brannte ein Licht – und er schrieb etwas in sein kleines Notizbuch ein, das er stets bei sich trug. Als er meiner ansichtig wurde, steckte er schnell das Buch in die Tasche und fing seine Pfeife ; zu stopfen an.
»Sehen Sie,« fing ich an, »welche Trophäe ich von meinem Feldzuge mitgebracht habe.« Ich zeigte ihm den Kamm und erzählte, was mit mir bei der Weide vorgefallen war: »Ich habe wahrscheinlich einen Dieb verscheucht«, fügte ich hinzu, »Sie haben doch gehört, daß man gestern unserm Nachbar ein Pferd gestohlen?«
Tegleff lächelte kalt und tauchte seine Pfeife an. Ich setzte mich neben ihn.
»Und Sie sind wie früher überzeugt,« fragte ich, »daß die Stimme, die wir vernahmen, aus jenen unbekannten Gegenden kam . . .«
»Er unterbrach mich mit einer gebieterischen Handbewegung. »Riedel,« sagte er, »ich bin zum Spaßen nicht aufgelegt – und darum bitte ich Sie, es zu unterlassen.«
In der That – Tegleff konnte nicht zum Scherze aufgelegt sein. Sein Gesicht war verändert: es erschien bleicher, ausdrucksvoller – länger. Seine sonderbaren, »verschiedenen« Augen irrten langsam umher.
»Ich dachte nie,« sprach er, »daß ich je einem Anderen mittheilen würde . . . einem Andern das mittheilen würde, was Sie sogleich von mir hören werden – und was in meiner Brust begraben sein sollte . . . ja mit mir sterben sollte; doch wahrscheinlich ist es nothwendig – auch habe ich keine Wahl! – Schicksal! . . . Hören Sie!«
Und er theilte mir eine ganze Geschichte mit.
Ich habe Ihnen, meine Herren, bereits gesagt, daß Tegleff ein schlechter Erzähler war; doch nicht bloß in Folge seiner Unfähigkeit, das, was sich mit ihm selbst ereignet hatte, wiederzugeben, wurde ich in jener Nacht ganz irre an ihm; der Klang seiner Stimme, seine Blicke, die Art, wie er seine Finger und Hände bewegte – Alles an ihm schien so unnatürlich, unnöthig – mit einem Worte: unwahr zu sein. Ich war damals noch sehr jung und unerfahren und wußte nicht, daß die Gewohnheit, sich rhetorisch auszudrücken, die Falschheit der Betonung und der Manieren sich im Menschen so einwurzeln können, daß er gar nicht mehr im Stande ist, sich von ihnen – diesem Fluche besonderer Art – los zu machen. Später traf ich eine Dame, die mich in solch’ einer geschraubten Sprache, mit solchen theatralischen Gesten, mit solchem melodramatischem Schütteln des Kopfes und Rollen der Augen über den Eindruck, den der Tod ihres Sohnes auf sie hervorgebracht, über ihren unermeßlichen Gram, über die Angst, ihren Verstand zu verlieren – unterhielt, daß ich bei mir dachte: Wie doch diese Frau lügen und sich verstellen kann! Sie hat ihren Sohn nie geliebt! Eine Woche später erfuhr ich aber, daß die arme Frau wirklich verrückt geworden war. Seit der Zeit wurde ich weit vorsichtiger in meinem Urtheil – und traute viel weniger meinen eigenen Eindrücken.
X
Die Geschichte, welche Tegleff mir mitgetheilt, war kurz folgende:
Er hatte in Petersburg außer dem hoch gestellten Onkel noch eine Tante – nicht hochgestellt, aber vermögend. Da diese kinderlos war, hatte sie eine Waise aus kleinbürgerlichem Stande zu sich genommen. Sie gab ihr eine gute Erziehung und behandelte sie wie ihre Tochter. Marie war ihr Name. Tegleff sah sie jeden Tag und das endete damit, daß sie sich in einander verliebten und Marie in einem Augenblick der Schwäche sich ihm hingab. Die Folgen blieben nicht verborgen. Die Tante Tegleffs war furchtbar aufgebracht, jagte das arme Mädchen mit Schande ans dem Hause – und siedelte nach Moskau über, wo sie ein Mädchen von adeliger Geburt als Pflegetochter annahm und zu ihrer Erbin bestimmte. Marie, zu den früheren Verwandten – armen, dem Tranke ergebenen Leuten – zurückgekehrt, hatte ein schweres Loos zu tragen. Tegleff, der sie zu heirathen versprochen hatte, hielt sein Versprechen nicht. Bei der letzten Zusammenkunft mit ihr wurde er zu einer Erklärung genöthigt: sie wollte die Wahrheit wissen – und erfuhr diese.
»Nun,« sagte sie, »wenn ich nicht Deine Frau sein soll, so weiß ich, was mir zu thun übrig bleibt.« Ein paar Wochen waren seit dieser Zusammenkunft vergangen.
»Ich habe über den Sinn ihrer Worte mich keinen Augenblick in Illusionen gewiegt,« fügte Tegleff hinzu . . . »ich bin überzeugt, daß sie ihrem Leben ein Ende gemacht . . . und daß es ihre Stimme war, daß sie mich dorthin rief. . . zu sich . . . Ich habe ihre Stimme erkannt . . . Ach was! Ein Ende giebt es ja nur!«
»Warum aber haben Sie Marie nicht geheirathet?« fragte ich, »liebten Sie sie nicht mehr ?«
»Nein! Ich liebte sie leidenschaftlich!«
Hier, meine Herren, starrte ich Tegleff an; ich erinnerte mich eines Bekannten, eines sehr aufgeweckten Menschen, der eine häßliche, dumme und arme Frau hatte und überdies in einer sehr unglücklichen Ehe mit ihr lebte – welcher auf die ihm in meiner Gegenwart gestellte Frage: Warum er eigentlich geheirathet habe? Wahrscheinlich aus Liebe? antwortete: »Nicht aus Liebe! Aber es ist so gekommen.« Hier liebt Tegleff leidenschaftlich ein Mädchen – und heirathet sie nicht. Nun, war es auch hier so gekommen?!
»Warum heirathen Sie denn nicht?« fragte ich Tegleff zum zweiten Male.
Die sonderbar schläfrigen Augen Tegleffs irrten auf dem Tische . . . »Das kann man . . . in kurzen Worten. . . nicht sagen,« fing er stockend an. . . »Ich hatte Gründe . . . Sie ist dazu eine Bürgerliche . . . Auch mein Onkel . . . ich mußte auf ihn Rücksicht nehmen!«
»Auf Ihren Onkel!« rief ich, »wozu brauchen sie denn, zum Teufel, Ihren Onkel, den Sie nur dann sehen, wenn Sie ihm zu Neujahr gratuliren! Rechnen Sie etwa auf seine Reichthümer? Er hat ja selbst ein halbes Dutzend Kinder?!«
Ich sprach hitzig . . . Tegleff zeigte sich tief verletzt . . . er erröthete . . . erröthete nicht gleichmäßig, nur an einzelnen Stellen des Gesichts.
»Bitte, mir keine Lectionen zu geben,« rief er dumpf. »Uebrigens vertheidige ich mich nicht. Ich habe ihr Leben zu Grunde gerichtet – jetzt wird man diese Schuld abtragen müssen« . . .
Er ließ den Kopf hängen und – schwieg. Ich fand auch nichts weiter zu sagen.
XI
So saßen wir eine Viertelstunde. Er blickte zur Seite, ich auf ihn und bemerkte, daß seine Haare über der Stirn sich sonderbar gehoben und in Locken gelegt hatten . . . ein Symptom, nach der Meinung eines Militär-Arztes, durch dessen Hände viele Verwundete gegangen waren, von großer und trockener Hitze im Gehirn.
Mir kam es wieder in den Sinn, daß auf Tegleff wirklich die Hand des Schicksals laste, und die Kameraden nicht umsonst in ihm etwas Fatalistisches sahen. Gleichzeitig verdammte ich ihn . . .»Eine Bürgerliche!« dachte ich, »was bist Du denn für ein Aristokrat?«
»Sie verurtheilen mich vielleicht, Riedel!« fing plötzlich Tegleff an, als ob er meine Gedanken errathen hätte – »auch lastet es schwer auf mir. Doch was soll man thun? was soll man thun?«
Er stützte sein Kinn auf die Handfläche und fing an den breiten und platten Nägeln seiner kurzen, rothen, wie Eisen harten Finger zu nagen an.
»Ich bin der Meinung, lieber Tegleff, daß Sie sich vor Allem überzeugen müssen, ob Ihre Vermuthung richtig sei . . . Vielleicht lebt Ihre Geliebte noch?« (Soll ich ihm nicht die wirkliche Ursache des von ihm vernommenen Klopfens sagen? ging es mir durch den Sinn. – Nein! Später!)
»Sie hat mir, seitdem wir im Feldlager sind, kein einziges Mal geschrieben,« bemerkte Tegleff.
»Das beweist noch nichts!«
Tegleff bewegte abwehrend die Hand: »Nein! Sie ist sicher nicht mehr auf dieser Welt! Sie hat mich gerufen«. . .
Plötzlich wandte er sich zum Fenster:
»Es klopft wieder!«
Ich lachte unwillkürlich. »Diesmal, entschuldigen Sie, Ilia Stepanitsch, sind es sicherlich Ihre Nerven. Sie sehen, es dämmert bereits. In zehn Minuten geht die Sonne auf – es ist gleich vier Uhr! – Die Gespenster treiben's nicht am Tage!«
Tegleff warf auf mich einen finsteren Blick, legte sich, nachdem er durch die Zähne »gute Nacht« gerufen auf die Bank und kehrte mir den Rücken zu.
Ich legte mich ebenfalls hin und dachte, bevor ich einschlief, weßhalb Tegleff beständig darauf anspiele, daß er sich . . . das Leben nehmen wolle. Welcher Unsinn!i Welche Phrase! Wollte selbst sie nicht heirathen! . . . hat sie verlassen . . . und jetzt mit einem Male will er sich tödten! Das hat ja keinen Sinn! Er muß aber ewig eine Rolle spielen wollen!
Mit diesem Gedanken schlief ich ein – und als ich wieder die Augen öffnete, stand die Sonne schon ganz hoch . . . doch Tegleff war nicht mehr im Hause. Er war nach Petersburg gefahren, wie mir Semen, fein Diener, mittheilte.
XII
Ich brachte einen unruhigen und langweiligen Tag zu. Tegleff kam weder zum Mittag- noch zum Abendessen. Meinen Bruder erwartete ich nicht einmal. Gegen Abend verbreitete sich wieder ein dichter Nebel, noch dichter als der gestrige. Ich legte mich ziemlich früh nieder. Ein Klopfen an’s Fenster weckte mich.
Die Reihe zusammenzufahren kam an mich! Das Klopfen wiederholte sich, und zwar so deutlich und energisch, daß an seiner Wirklichkeit zu zweifeln unmöglich ward. Ich stand auf, öffnete das Fenster und erblickte Tegleff. In seinen Mantel eingehüllt, die Mütze tief über die Stirn gezogen, stand er unbeweglich da.
»Wie, Ilia Stepanitsch!« rief ich, »sind Sie es? Wir haben lange auf Sie gewartet. Kommen Sie herein!l Oder ist die Thüre zu?«
Tegleff schüttelte den Kopf. »Ich will nicht hineingehen,« sagte er dumpf, »ich wollte Sie nur bitten, morgen diesen Brief dem Batterie-Chef zu übergeben.«
Er reichte mir einen großen, mit fünf Siegeln verschlossenen Brief. Ich war überrascht – doch mechanisch nahm ich das Schreiben. Tegleff entfernte sich sofort bis zur Mitte der Straße. »Warten Sie, warten Sie!« rief ich ihm nach. . . »Wohin gehen Sie? Sind Sie jetzt erst gekommen? Was ist das für ein Brief?«
»Sie versprechen mir doch, ihn an seine Adresse zu befördern?« fragte Tegleff, einige Schritte zurückthuend.
Der Nebel machte bereits seine Gestalt undeutlich.
»Sie versprechen es?«
»Ich verspreche es . . . doch sagen Sie zuerst . . .«
Tegleff entfernte sich noch mehr . . . und wurde zu einem länglichen, dunklen Fleck . . . »Leben Sie wohl,« hörte man seine Stimme. »Leben Sie wohl, Riedel! Gedenken Sie meiner nicht im Bösen. . . Vergessen Sie Semen nicht! . . . « Auch der Fleck verschwand.
Das wurde mir zu viel. »Verdammter Phrasenmacher!« dachte ich. »Du mußt doch stets auf den Effect hin arbeiten!«
Doch bekam ich Angst. Unwillkürlicher Schreck machte mir die Brust beklommen. Ich warf meinen Mantel um und lief auf die Straße.
XIII
»Da war ich – doch wohin sollte ich mich wenden? Der Nebel umhüllte mich von allen Seiten. Auf fünf, sechs Schritte war er noch durchsichtig – doch weiter hin stand er da wie eine Mauer – flockig und weiß wie Baumwolle. Ich bog links auf der Straße des Dorfes ein, das hier auch aufhörte; unser Haus war das vorletzte in dieser Richtung; daran schloß sich das öde, nur stellenweise mit Strauchwerk bewachsene Feld an; hinter dem Felde, etwa fünfhundert Schritte hinter dem Dorfe, befand sich ein Birkenwäldchen, durch welches sich dasselbe Flüßchen zog, das weiter unten um das Dorf floß. Dies Alles wußte ich im Allgemeinen, da ich es häufig am Tage gesehen – doch jetzt sah ich nichts – und konnte · nur aus der größeren Dichtigkeit und Weiße des Nebels schließen, wo der Boden sich senkte und das Flüßchen vorbeirann. Am Himmel stand, wie ein bleicher Fleck, der Mond – doch sein Licht war, wie die Nacht vorher, nicht im Stande, den festen Rauch des Nebels zu durchdringen, und senkte sich von oben wie ein breiter, mattgoldener Vorhang eines Baldachins. Ich erreichte das Feld – und horchte . . . kein Ton war zu hören, nur pfiffen die Wasserschnepfen.
»Tegleff!« rief ich,– »Ilia Stepanitsch! Tegleff!«
Meine Stimme erstarb in meiner Nähe ohne Antwort; es schien, als ob der Nebel sie nicht weiter »dringen ließ . . . »Tegleff !« – wiederholte ich.
Niemand antwortete.
Ich ging auf’s Gerathewohl vorwärts. Ein paar Male stieß ich auf einen Zaun, wäre beinahe einmal in einen Grenzgraben gefallen . . . stolperte fast über ein am Boden liegendes Bauernpferd . . . »Teg leff! Tegleff!« schrie ich.
Plötzlich hörte ich dicht hinter mir eine leise Stimme: »Da bin ich . . . Was wollen Sie von mir?«
Ich wandte mich rasch um.
Vor mir stand mit herabhängenden Händen, mit unbedecktem Kopfe – Tegleff. Sein Gesicht war bleich, doch schienen die Augen lebhafter und größer als gewöhnlich . . . Er athmete tief und anhaltend durch die weit geöffneten Lippen.
»Gott sei Dank!« rief ich in einem Anfall von Freude und ergriff ihn an beiden Händen . . . »Gott sei Dankt Ich verzweifelte bereits, Sie zu finden! Und Sie schämen sich nicht, mich so zu erschrecken! . . . Da hört ja Alles auf, Ilia Stepanitsch!«
»Was wollen Sie von mir ?« wiederholte Tegleff.
»Ich will . . . ich will vor Allem, daß Sie mit mir nach Hause gehen. Und zweitens will ich, verlange ich von Ihnen, wie von einem Freunde, daß Sie mir sofort erklären, was Ihre . . . Ihre Handlungsweise – und dieser Brief an den Hauptmann bedeuten sollen? Ist Ihnen in Petersburg etwas Unerwartetes zugestoßen?«
»Ich habe in Petersburg das, was ich erwartet, gefunden,« antwortete Tegleff, sich nicht vom Platze rührend.
»Das heißt: Sie wollen sagen . . . Ihre Freundin, Marie . . .«
»Sie hat sich das Leben genommen,« rief schnell und ärgerlich Tegleff . . . »vor drei Tagen hat man sie beerdigt! Sie hat mir nicht einmal einige Zeilen hinterlassen . . . sie hat sich vergiftet.«
Tegleff stieß diese schrecklichen Worte schnell aus – und stand immer regungslos, wie versteinert da.
Ich schlug die Hände zusammen. – »Ist es möglich? Welch’ Unglück! Ihre Ahnung ist zugetroffen. . . Das ist schrecklich!«
Verwirrt wie ich war, hielt ich inne. Tegleff kreuzte langsam und wie im Triumphe die Hände auf der Brust.
»Uebrigens,« begann ich wieder, »was stehen wir hier? Gehen wir nach Hause!«
»Gehen wir,« sagte Tegleff, »doch wie finden wir in diesem Nebel den Weg?«
»In unserem Hause scheint Licht durch die Fenster . . . wir wollen uns darnach richten. Gehen wir!«
»Gehen Sie voran,« antwortete Tegleff. »ich folge Ihnen.«
Wir machten uns auf den Weg. Wir gingen schon etwa fünf Minuten und das Licht, das unser Wegweiser sein sollte, zeigte sich nicht; endlich blitzten vor uns zwei röthliche Punkte auf. Tegleff folgte mir in gemessenen Schritten. Ich sehnte mich innigst, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen und von ihm alle Einzelheiten über seine unglückliche Fahrt nach Petersburg zu erfahren. Niedergeschlagen durch seine Mittheilung, gestand ich ihm in einem Anfall von Reue und einer gewissen abergläubischen Angst, noch ehe wir das Haus erreicht hatten, daß das gestrige geheimnißvolle Klopfen von mir herrührte . . . und welche tragische Folge sollte jener Streich haben . . .
Tegleff beschränkte sich zu bemerken, daß ich dabei keine Schuld trüge daß meine Hand durch etwas Anderes geführt worden – und daß es nur beweise, wie wenig ich ihn kenne. Seine sonderbar ruhige und gleichmäßige Stimme tönte dicht an meinen Ohren . . . »doch Sie werden mich kennen lernen,« fügte er hinzu. »Ich habe gesehen, wie Sie gestern gelächelt haben, als ich von Willensstärke sprach. . . Sie werden mich kennen lernen und meiner Worte gedenken!« . . .
»Die erste Hütte des Dorfes tauchte wie ein dunkles Wunderding aus dem Nebel vor uns auf . . . da zeigte sich auch unser Haus . . . mein Jagdhund bellte, wahrscheinlich mein Kommen spürend.
»Ich klopfte an’s Fenster. – »Semen!'· rief ich den Diener Tegleffs, »he, Semen, öffne uns schnell die Gartenthür!«
Die Thür ging mit Geräusch auf; Semen trat über die Schwelle. »Ilia Stepanitsch, kommen Sie herein!« rief ich und wandte mich um . . .
Von einem Ilia Stepanitsch keine Spur! Tegleff war verschwunden, wie in die Erde versunken.
»Fast sinnberaubt trat ich in’s Haus.
XIV
Aerger über Tegleff, über mich selbst verscheuchte bei mir jenes Erstaunen, das mich Anfangs überfallen hatte.
»Dein Herr ist verrückt,« drang ich aus Semen ein, »ganz und gar verrückt! Er fährt nach Petersburg kehrt zurück – und läuft jetzt umher. Ich fand ihn und brachte ihn bis zur Gartenthür – und sieh da! da ist er wieder fortgelaufen! In einer solchen Nacht nicht zu Hause zu bleiben! Er hat sich eine schöne Zeit zum Spaziergang ausgesucht!«
Doch warum habe ich seine Hand losgelassen!« warf ich mir vor.
Semen blickte mich schweigend an, als ob er mir was sagen wolle – doch nahm er nur eine andere Stellung ein, nach Art der damaligen Diener.
,Wann ist er weggefahren ?« fragte ich streng.
»Um sechs Uhr Morgens!«
»Und wie – schien er bewegt, traurig zu sein?«
Semen stutzte. »Mein Herr,« fing er an, »ist ein Sonderling; wer soll ihn verstehen? Als er nach der Stadt fuhr, ließ er sich die neue Uniform geben – und brannte sich Locken.«
»Wie, Locken ?«
»Ja, brannte sich die Haare. Ich habe noch die Zunge glühend machen müssen.
Das hatte ich allerdings nicht erwartet! – »kennst Du,« fragte ich Semen, »ein Fräulein . . . die Freundin von Ilia Stepanitsch, sie heißt Marie?«
»Wie sollte ich Marie Anempodistowna nicht kennen? Es ist ein gutes Fräulein!«
»Dein Herr ist in diese Marie . . . und so weiter, verliebt?«
Semen seufzte. »Dieses Fräuleins wegen wird mein Herr noch zu Grunde gehen. Denn lieben thut er sie schrecklich – sie zu heirathen aber entschließt er sich nicht – und von ihr lassen kann er auch nicht. Immer wegen seines Kleinmuthes! Er liebt sie eben zu sehr.«
»Warum denn? Ist sie denn so hübsch?« examinirte ich weiter.
Seinen machte ein ernstes Gesicht. – »Die Herrschaften lieben solche . . .«
»Und nach Deinem Geschmack ?«
»Für mich ist sie unpassend – ganz und gar.«
»Weßhalb?«
»Sie ist mir zu mager!«
»Wenn sie stirbt,« fing ich wieder an, »wird sie, nach Deiner Meinung, der Herr überleben können?«
Semen seufzte wieder. »Das kann ich nicht sagen – das geht die Herrschaft an – nur ist mein Herr allerdings ein Sonderling.«
Ich nahm den großen und ziemlich dicken Brief vom Tische, den Tegleff mir gegeben und drehte ihn ein paar Mal in den Händen um. Die Adresse: »Seiner Hochwohlgeboren dem Herrn Batierie-Chef, Hauptmann und Ritter«, war mit Angabe des Tauf-, Vater- und Familien-Namens sehr deutlich und gewissenhaft geschrieben. An der oberen Ecke des Couverts befand sich der Vermerk »sehr wichtig« zweimal unterstrichen.
»Höre, Semen,« fing ich an, »ich habe Angst um Deinen Herrn. Er hat, glaube ich, etwas Schlimmes vor. Man wird ihn durchaus aufsuchen müssen.«
»Zu Befehl,« antwortete Semen.
»Draußen ist allerdings ein solcher Nebel, daß man nicht drei Schritte weit sehen kann; aber einerlei, versuchen maß man’s doch. Wir wollen Jeder eine Laterne nehmen und an jedem Fenster ein Licht brennen lassen – für jeden Fall!«
»Zu Befehl,« rief Semen, zündete die Laternen und Lichter an – und wir gingen hinaus.
XV
Wie wir Beide herumgeirrt und herumgekreist, ist gar nicht wiederzugeben! Die Laternen halfen uns gar nicht; sie durchdrangen nicht im Geringsten jenes weiße, beinahe helle Dunkel, das uns umgab. Wir verloren uns häufig, obgleich wir einander zuriefen und beständig ich: »Tegleff! Ilia Stepanitsch!« – Semen: »Herr Tegleff! Ew. Wohlgeboren!« schrieen. Der Nebel hatte uns so verwirrt gemacht, daß wir wie im Schlafe herumtaumelten; wir wurden Beide bald heiser: die Feuchtigkeit drang bis in die Brust hinein. Mit großer Mühe erreichten wir, Dank den Lichtern an den Fenstern, unser Haus. Unser gemeinschaftliches Suchen hatte zu Nichts geführt, wir störten uns einander, und deshalb beschlossen wir daß jeder unabhängig von dem Andern seinen Weg verfolgen sollte. Seinen ging nach links, ich nach rechts und ich hörte bald seine Stimme nicht mehr. Der Nebel schien in meinen Kopf gedrungen zu sein, ich taumelte sinnlos umher und schrie bloß: »Tegleff, Tegleff!«
»Hier!« erhielt ich plötzlich zur Antwort.
Gott! wie ich froh war! Wie stürzte ich nach der Richtung, aus welcher die Stimme kam . . . Eine menschliche Gestalt erschien vor mir . . . ich lief auf sie zu, . . . endlich!
Aber statt Tegleffs sah ich einen andern Officier vor mir, der bei derselben Batterie stand und Telepneff hieß.
»Sind Sie es, der mich geantwortet hat?« fragte ich.
»Und sind Sie es, der mir gerufen hat?« fragte er seinerseits.
»Nein, ich rief Tegleff!«
»Tegleff? Dem bin ich ja eben begegnet. Was für eine dumme Nacht! Man kann nicht den Weg nach Hause finden!«
»Sie haben Tegleff gesehen? Wo ging er hin ?«
»Ich glaube dahin!« Der Officier wies mit der Hand in den Nebel. »Aber man kann sich jetzt gar nicht mehr zurecht finden. Wissen Sie z. B. wo das Dorf liegt? Die einzige Rettung läge darin, daß man einen Hund bellen hörte – eine dumme Nacht! Erlauben Sie meine Cigarre anzuzünden . . . mit ihrem Feuer kann man sich wenigstens den Weg beleuchten.«
Der Officier war, wie ich bemerkte, ein wenig angeheitert.
»Tegleff hat Ihnen nichts gesagt?« fragte ich.
»Allerdings! Ich sagte ihm: Wie geht’s, Freund? er aber: Lebe wohl, Freund! Wie, lebe wohl?«
Weßhalb lebe wohl? Ich will, fuhr er fort, mich gleich erschießen! Ein sonderbarer Kauz!«
Der Athem versagte mir. »Sie sagten mir, er habe Ihnen . . .«
»Ein sonderbarer Kauz!« wiederholte der Officier und ging weiter.
Ich war vor Bestürzung, in die mich die Eröffnung des Officiers versetzt, noch nicht zu mir gekommen, als mir mein eigener Name, mehrere Male aus vollem Halse gerufen, zu Ohren drang. Ich erkannte die Stimme Semens. Ich antwortete . . . Er kam zu mir.
XVI
»Nun,« fragte ich, »hast Du Ilia Stepanitsch gefunden ?«
»Ja wohl!«
»Wo?«
»Nicht weit von hier!«
»Wie hast Du ihn gefunden? lebt er?«
»Aber natürlich! Ich habe ja mit ihm gesprochen. (Mir wurde es leichter um’s Herz.) . . . Er sitzt da unter einer Birke, im Mantel . . . sonst bemerkte ich nichts. Ich melde ihm: Belieben Sie, Ilia Stepanitsch, nach Hause zu gehen – Alexander Wassiliewitsch ist Ihretwegen sehr besorgt. Er aber antwortet: Er macht sich unnütze Sorge. Ich will in freier Luft bleiben! Mir thut der Kopf weh; gehe nach Hause! Ich komme später!«
»Und Du bist dann fortgegangen!« schrie ich auf und schlug die Hände zusammen.
»Wie denn-anders? Der Herr hat mir ja zu gehen befohlen! Wie konnte ich bleiben?«
Die ganze frühere Angst überfiel mich wieder.
»Führe mich sofort zu ihm! – hörst Du! sofort! Ach, Semen, Semen! Das habe ich von Dir nicht erwartet! Du sagst, er sei nicht weit von hier?«
»Ganz nah! – dort, wo das Birkenwäldchen anfängt – da sitzt er. . . Vom Flusse, vom Ufer werden es kaum dreißig Schritte sein. Wie ich am Flusse entlang ging, habe ich ihn auch gefunden!«
»Gehen wir hin! Führe mich!«
Semen ging voran. »Kommen Sie nur hierher – wir brauchen nur zum Flusse hinunterzugehen – da findest wir ihn sofort!«
Doch statt zum Flusse zu kommen, kamen wir auf eine Wiese und stießen auf einen leeren Stall.
»Halt!« rief Semen, »ich habe Sie wohl zu sehr nach rechts geführt! – Man wird sich mehr nach links halten müssen.
« Wir gingen in dieser Richtung – und geriethen in so hohes und dichtes Unkraut, daß wir nur mit Mühe wieder herauskommen konnten . . . ich erinnerte mich gar nicht, solches Unkraut in der Nähe unseres Dorfes gesehen zu haben!
Dann fühlten wir plötzlich Morastgrund unter unseren Füßen, es zeigten sich runde Mooserhöhungen, die mir ebenfalls unbekannt waren. Wir gingen zurück und befanden uns einer kleinen Anhöhe gegenüber, auf der eine Strohhütte stand – es schnarchte Jemand darin. Ich und Semen riefen mehrmals hinein – hinten regte sich etwas, Stroh knisterte und eine rauhe Stimme rief: »Ich halte Wache!« Wir gingen wieder zurück . . . Feld, überall Feld – Feld ohne Ende!
Ich war dem Weinen nahe. . . die Worte des Narren im König Lear: »Die Nacht wird uns Alle zu Thoren und Tollen machen.« kamen mir in den Sinn.
»Wo sollen wir nun hingehen?« fragte ich Semen in Verzweiflung »Uns, gnädiger Herr, hat der Waldteufel irre geführt . . . « antwortete der außer Fassung gekommene Diener. »Das ist nicht umsonst . . . Das geht nicht mit rechten Dingen zu.«
– »Ich wollte ihn schelten – doch in diesem Augenblicke hörte ich einen vereinzelten schwachen Schall, der sofort meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Es war ein schwacher Knall, gerade wie wenn Jemand einen dicken Pfropfen aus einem langen Flaschenhalse zieht. Der Schall war nicht weit von dem Orte, wo ich stand, ausgegangen. Warum dieser schwache Schall solchen Eindruck auf mich gemacht, mir von so besonderer Art schien – weiß ich nicht zu sagen, doch folgte ich sofort seiner Richtung.
Semen ging hinter mir her. Nach einigen Augenblicken dämmerte etwas Hohes, Breites schwarz durch den Nebel.
»Das Wäldchen! da ist es, das Wäldchen!« rief freudig Semen. . . da, da sitzt ja auch der Herr unter der Birke . . . wo ich ihn verlassen, da sitzt er noch . . . Ja wohl, das ist er!l«
Ich strengte meinen Blick an – wirklich, da saß Jemand unter der Birke, auf die Erde gebückt und den Rücken uns zugekehrt. Ich lief auf ihn zu und erkannte Tegleffs Mantel, Tegleffs Gestalt, seinen auf die Brust geneigten Kopf . . . »Tegleff,« rief ich – doch antwortete er nicht.
»Tegleff!« wiederholte ich und legte die Hand auf seine Schulter.
Da neigte sich plötzlich sein Oberkörper, dem Drucke meiner Hand, als wenn er ihm nicht unerwartet käme, nachgebend, vorn über und er fiel auf das Gras. Ich und Semen hoben ihn sofort auf und kehrten sein Gesicht nach oben. Es war nicht bleich, aber leblos, bewegungslos; die weißen, festgeschlossenen Zähne kamen zum Vorschein – die Augen, offen, doch starr, noch mit ihrem gewöhnlichen, schläfrigen und verschiedenen Blicke . . .
»Gott!« rief Semen und zeigte mir seine mit Blut bedeckte Hand. . . »Das Blut kam unter dem aufgeknöpften Mantel Tegleffs hervor – es floß aus der linken Seite seiner Brust.
Er hatte sich mit einer kleinen, einläufigen Pistole erschossen, die neben ihm lag. Der schwache Schall, den ich gehört, war der Widerhall dieses verhängnißvollen Schusses gewesen! —
XVII
Tegleffs Selbstmord setzte seine Kameraden nicht in Erstaunen. Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß nach Ihrer Meinung Tegleff als »Fatalist« irgend einen unerwarteten Streich ausführen müßte, doch gerade diesen hatte man schwerlich von ihm erwartet. In seinem Briefe an den Batterie-Chef bat er diesen zunächst, den Seconde-Lieutenant Ilia Tegleff aus der Regimentsliste, als durch Selbstmord getödtet, streichen zu lassen, und fügte hinzu, daß man in seiner Chatouille mehr baares Geld finden werde, als seine etwaigen Schulden betragen möchten; ferner lag in dem Couvert ein zweites, unversiegeltes Schreiben an eine hohe Persönlichkeit, die damals die ganze Garde commandirte, das er derselben zu überreichen bat. Diesen zweiten Brief lasen wir natürlich alle; einige von uns nahmen selbst Abschrift davon. Tegleff hatte augenscheinlich viel Mühe auf die Abfassung dieses Briefes verwendet. – . . Sie, Ihre . . . Hoheit (so fing, glaube ich, der Brief an), »sind so strenge und bestrafen die kleinste Nachlässigkeit und geringste Abweichung von der Form, wenn vor Ihnen, bleich und zitternd, ein Officier erscheint – ich aber werde Jetzt vor unserm gemeinsamen, unbestechlichen Richter erscheinen, der unermeßlich mächtiger, als selbst Ihre . . . Hoheit ist – und doch erscheine ich vor ihm einfach, im Mantel, selbst ohne Halstuch.« Einen schweren, unangenehmen Eindruck machte diese Phrase auf mich, deren jedes Wort, jeder Buchstabe, von der kindischen Hand des Verstorbenen mit der größten Sorgfalt niedergeschrieben war. Wie konnte er es denn der Mühe werth erachten, fragte ich mich, solchen Unsinn in solchem Augenblicke zu ersinnen? Tegleff schien aber gerade diese Phrase gefallen zu haben, er hatte auf sie die Häufung von Schwulst und Beiworten à la Marlinski, wie es damals Mode war, verwandt. Etwas weiter erwähnte er der Verfolgungen seitens des Schicksals, seitens der Menschen, seines Berufes, den er nicht ausgefüllt habe, des Geheimnisses, das er mit sich in’s Grab nehme, der Menschen, die ihn nicht verstanden hätten. Er führte selbst Verse eines Dichters an, der von den Menschen sagte, daß sie das Leben – wie die Hunde ihre Halsbänder trügen und sich wie Kletten an das Laster hängen . . . dies Alles war überdies mit orthographischen Fehlern untermischt. Dieser Brief des armen Tegleff, den er vor seinem Tode geschrieben, war, man muß es, gestehen, schrecklich abgeschmackt – und ich kann mir das verachtende Erstaunen der hohen Persönlichkeit, an die er gerichtet war, lebhaft denken – ich kann mir vorstellen, mit welchem Tone sie: »Schlechter Officier! Unkraut muß ausgerottet werden« – ausgerufen hat.
Nur am Schlusse des Briefes hatte sich ein aufrichtiger Schrei dem Herzen Tegleffs entrungen: »Ach! . . . Hoheit,« so schloß der Brief – »ich war eine Waise – Niemand war da, um mich in meiner Jugend zu lieben – Alle stießen mich von sich – das einzige Herz aber, das sich mir hingegeben – das habe ich selbst gebrochen!«
In der Manteltasche fand Semen Tegleffs Notizbuch, von dem er sich nie trennte. Doch beinahe alle Blätter waren ausgerissen, nur eines war geblieben, auf dem folgende Berechnung stand:
Napleon, geb. den 15. Aug. 1769
1769
8 (Aug.d. 8. Mon.)
—–
Im Ganzen 1792
—–
1
7
9
2
—–
Im Ganzen 19!
Napoleon starb den 5. Mai 1825
1825
5
5 (Mai d. 5. Mon.)
—–
1835
1
8
3
5
—–
Im Ganzen 17!
Ilja Tegleff, geb. den 7. Jan. 1811
1811
7
1 (Jan. d. 1. Mon.)
—–
Im Ganzen 1819
—–
1
8
1
9
—–
Im Ganzen 19!
Ilja Tegleff gest. d. 21. Juli 1834
1834
21
7 (Juli d. 7.Mon.)
—–
1862
1
8
6
2
—–
Im Ganzen 17!
Der Arme! Der fatale Irrthum in Betreff des Todesjahres seines großen Vorbildes war allerdings des Fatalisten Schuld, und Annahmen solcher Art hatten ihn vielleicht bestimmt, gerade in der Artillerie Carrière machen zu wollen. —
Als Selbstmörder begrub man ihn außerhalb des Kirchhofes – und Niemand dachte mehr an ihn.
XVIII
Am Tage nach dem Begrübnisse Tegleffs – ich war, um meinen Bruder zu erwarten, noch in dem Dorfe zurückgeblieben – kam Semen in die Stube und meldete, daß Ilia mich sprechen wolle —
»Welcher Ilia?« fragte ich.
»Unser Hausirer.«
Ich ließ ihn kommen.
Er erschien. Er beklagte ein wenig den Herrn Seconde-Lieutenant, wunderte sich, daß diesem so etwas zugestoßen sei . . .
»Ist er Dir etwas schuldig geblieben?«
»Nein! was der Herr von mir kaufte, zahlte er sofort in vollster Richtigkeit. Etwas Anderes führt mich her . . . « Hier bemühte sich der Hausirer, sich eine Haltung zu geben . . . »Bei Ihnen ist ein mir gehöriger Gegenstand . . . «
»Welcher Gegenstand?«
»Da ist er ja. Er zeigte auf den geschnitzten Kamm, der auf dem Toilette-Tische lag. »Es ist ein Gegenstand von geringem Werth,« fuhr der Schwätzer fort . . . »doch da ich ihn als Geschenk empfangen . . . «
Rasch richtete ich den Kopf in die Höhe. Es ging mir ein Licht auf.
»Dein Name ist Ilia?«
»Zu dienen!«
»Habe ich Dich denn etwa . . . neulich . . . unter der Weide . . .«
Der Hausirer blinzelte mit dem einen Auge, und bemühte sich, noch schöner auszusehen.
»Ich war es . . .«
»Und Dich hat man gerufen?«
»Mich!« wiederholte der Hausirer mit schalkhafter Bescheidenheit. . . »’s ist eine Jungfer,« fuhr er mit seiner Fistelstimme fort, »welche, da sie seitens der Eltern sehr strenge gehalten wird . . .«
»Schon gut, schon gut,« unterbrach ich ihn, gab ihm den Kamm und hieß ihn gehen.
»Das war also der Ilia . . .« dachte ich und »vertiefte mich in philosophische Grübeleien, die ich übrigens nicht auftischen will, da ich nicht die Absicht habe, irgend Jemand zu verhindern, an das Schicksal, Vorbestimmung und anderes Fatalistische zu glauben.
Nach Petersburg zurückgekehrt, sammelte ich Erkundigungen über Marie; ich fand selbst den Doktor auf, der sie behandelt hatte. Zu meinem Erstaunen hörte ich von diesem, daß Marie nicht an Gift, sondern an der Cholera gestorben sei! Ich theilte ihm mit, was mir Tegleff gesagt hatte.
»Hm! hm!« rief der Doktor; »dieser Tegleff ist ein Artillerie-Officier, von mittlerem Wuchs, gebeugt . . .«
»Ja!«
»Dann ist es mir klar. Dieser Herr kam zu mir – ich sah ihn zum ersten Male; er bestand darauf, daß jenes Mädchen sich vergiftet habe. Cholera, sage ich; – Gift, sagt er. – Aber Cholera – sage : ich. – Aber Gift, sagt er. Ich sehe, der Mensch ist wie ein Verrückter, hat einen breiten Hinterschädel – also starrsinnig – belästigt mich fortwährend . . . Einerlei, dachte ich, die Person ist ja gestorben . . . Nun, meinetwegen, sage ich, sie hat sich vergiftet, wenn Ihnen das angenehm ist. Er dankte mir, drückte n mir noch die Hand – und verschwand.
Ich erzählte dem Doctor, wie dieser Officier noch an demselben Tage sich erschossen habe.
Der Doctor zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern – und bemerkte nur, daß es verschiedene Käuze auf der Welt gebe.
»Allerdings,« bestätigte ich.
Ja, wahr hat Jemand von den Selbstmördern gesagt, daß, so lange sie ihr Vorhaben nicht ausführen, Niemand daran glaube – und wenn es ausgeführt sei – Niemand sie bemitleide!