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Kitabı oku: «Der Oberst»

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I

Kennst du, Leser, jene kleinen Gutshöfe, an denen vor etwa fünf und zwanzig Jahren unsere Ukraina so reich war? Nur wenige von ihnen haben sich bis heute erhalten – und in zehn Jahren werden vielleicht auch die letzten spurlos verschwunden sein. – Ein durchfließender See, mit Schilf und Wasserpflanzen bewachsen, das Asyl unruhiger Enten, unter ihnen manchmal die wachsame Krickente, hinter dem See ein Garten mit Linden-Allem, diesem Schmucke und dieser Ehre unserer Bodenflächen, mit verwilderten Beeten »spanischer« Erdbeeren, mit diesem Dickicht von Stachel, Johannes- und Himbeeren, ans dessen Mitte zur Zeit der drückenden Mittagsschwüle das bunte Tuch einer Dorfmagd hervorschimmert, welche ihre scharfe Stimme hören läßt; nicht weit davon steht ein Kornspeicher auf leichtem Unterbau, eine kleine Orangerie, ein verwahrloster Küchengarten mit einem Schwarm Sperlinge auf den Stöcken; und der eingeschlummerten Katze beim verfallenen Brunnen; weiterhin buschige Apfelbäume, die sich über dem unten grünen, oben vergilbten Grase erheben, schwächliche Kirschbäume, Birnbäume, an denen nie Früchte zu sehen sind, dann Blumenbeete, Mohn, Päonien, Stiefmütterchen, Marienschuh; Gesträuch von Geisblatt, wildem Jasmin-Flieder und Acacien, mit dem unaufhörlichen Summen der Bienen und Hummeln in den dichten, wohlriechenden und klebrigen Blättern; endlich das Gutshaus, einstöckig, nur das Fundament aus Backstein, mit grünlichen Fensterscheiben in schwachen Rahmen; mit einem Balcon, aus dem die plumpen Geländerstäbe herausgefallen, oben mit einem zur Seite geneigten Halbgeschoß, unten mit dem stummen Hunde in der Grube unter dem Balcon; hinter dem Hause ein breiter Hofraum, in den Winkeln mit Disteln, Beifuß und Kletten bewachsen, mit Dienstgebäuden, deren sämmtliche Thüren weit offen stehen, mit Tauben und Dohlen auf den lückenhaften Strohdächern, ein Eiskeller mit verrosteter Windfahne, zwei oder drei Birken mit Nestern der Saatkrähe oben auf den trockenen Aesten – und dann kömmt der Weg mit kleinen Häuschen weißen Staubes in den Wagenfurchen – und das Feld und die langen Zäune der Hanfäcker und die grau aussehenden Hütten des Dorfes – und das Geschrei der Gänse auf den entfernten, berieselten Wiesen – . . . Lesers ist Dir dies Alles bekannt? Im Hause selbst hat sich Alles ein wenig verbogen, ist Alles ein wenig wackelig geworden – doch geht es noch! Es steht fest und hält warm! Oefen, wie Elephanten, Möbel, zu Hause gefertigt in jedem Geschmack; ausgetretene, abgeblaßte Gangspuren laufen von der Thüre über die gefärbte Diele hin ; im Vorzimmer Zeisige und Lerchen in kleinen Käfigen – in der Ecke des Eßzimmers eine ungeheure englische Uhr in Form eines Thurmes, – mit der Aufschrift: »Strike – silent!« Im Empfangszimmer die Bilder der Besitzer in Oel gemalt mit dem Ausdruck mürrischen Erstaunens auf den ziegelfarbigen Gesichtern – manchmal auch ein altes, verbogenes Bild, Blumen und Früchte oder einen mythologischen Gegenstand darstellend; überall riecht es nach Kwas,1 nach Aepfeln, Provence-Oel, Leder; Fliegen summen und brummen unter der Decke und an den Fenstern; ein tapferer Schwabe spielt zuweilen mit seinen Fühlhörnern am Spiegelrahmen. . . Das schadet nicht! Man kann da leben. . . und gar nicht übel kann man da leben!

II

Solch’ einen Gutshof hatte ich nun vor dreißig Jahren besucht – Dinge längst verflossener Tage – wie Sie sehen. Das kleine Besitzthum zu dem ein solcher Gutshof gehörte, war Eigenthum meines Universitäts-Freundes und ihm erst unlängst nach dem Tode eines Onkels im dritten Grade zugefallen; er selbst wohnte nie dort. . . Nicht weit davon befanden sich große Steppen-Moräste, in denen zur Zeit des Sommerfluges große Massen von Schnepfen sich aufhielten; mein Freund und ich, wir waren leidenschaftliche Jäger – und deshalb waren wir übereingekommen – er von Moskau aus, ich von meinem Landgute – zum Petritage in seinem Gutshäuschen zusammenzutreffen. Mein Freund wurde indessen in Moskau aufgehalten und verspätete sich um zwei Tage; ohne ihn wollte ich aber die Jagd nicht beginnen.

Mich hatte Narkiß Semenoff, ein alter Diener, der von meinem Kommen unterrichtet war, empfangen; mein Freund nannte ihn scherzend »Markiß«. Er hatte etwas Selbstvertrauendes, sogar etwas Verfeinertes an sich und hielt sich nicht ohne Würde; er blickte auf uns junge Leute von oben herab – doch zeigte er auch den übrigen Besitzern keine besondere Verehrung; seines verstorbenen Herrn erwähnte er nachlässig, seines Gleichen aber – verachtete er einfach. Er konnte lesen und schreiben, drückte sich richtig und verständlich aus. In die Kirche ging er nur selten, so daß man ihn für einen Schismatiker hielt. Seine Gestalt war lang und hager, sein ebenfalls längliches Gesicht wohlgefällig; er hatte eine spitze Nase und überhängende Augenbrauen, die er bald zusammen – bald in die Höhe zog; er trug einen reinlichen, weiten, schwarzen Rock und Stiefel bis zu den Knieen, deren Schäfte herzförmig ausgeschnitten waren.

III

Am Tage meiner Ankunft selbst blieb Narkiß, nachdem er mir ein Frühstück aufgetragen und wieder abgedeckt hatte, an der Thüre stehen, sah mich scharf an und sagte, nachdem er seine Augenbrauen in Bewegung gesetzt:

»Was werden Sie, gnädiger Herr, beginnen?«

»Ich weiß es wirklich nicht. Hätte Nikolai Petrowitsch (so hieß mein Freund) Wort gehalten und wäre gekommen, so könnten wir zusammen auf die Jagd gehen.«

»Sie haben also, gnädiger Herr, erwartet, daß er zu der versprochenen Stunde auch kommen würde ?«

»Freilich habe ich’s erwartet.«

»Hm!«

Narkiß sah mich wiederum an – und schüttelte wie mitleidig den Kopf. – »Wenn Sie sich mit Lesen die Zeit vertreiben wollen,« fuhr er fort, »so hat der verstorbene Herr Bücher hinterlassen, wenn Sie wünschen, bringe ich sie – doch werden Sie dieselben schwerlich lesen wollen, wenn ich mich nicht sehr irre.«

»Weßhalb denn?«

»Es sind dumme Bücher – nicht für die jetzigen Herren geschrieben!«

»Hast Du sie gelesen ?«

»Hätte ich sie nicht gelesen, so könnte ich darüber nicht sprechen; ein Traumbuch zum Beispiel – was ist das für ein Buch? Es sind allerdings noch andere da . . . doch auch diese werden Sie nicht lesen wollen.«

»Warum nicht?«

»Sie handeln über Gottesgelahrtheit.«

Ich schwieg. – Narkiß ebenfalls.

»Namentlich darüber bin ich ärgerlich,« fing ich an, »daß ich bei solchem Wetter zu Hause sitzen muß.«

»Gehen Sie in den Garten spazieren, oder nach dem Wäldchen, es liegt gerade hinter der Tenne. Angeln Sie gerne ?«

»Giebt es denn hier Fische?«

»Ja wohl, im See. Man findet da Schmerlen, Gründlinge, Barsche. Allerdings ist jetzt die rechte Zeit vorüber, wir haben ja bald Juli – doch versuchen kann man es immer noch. Soll ich Ihnen eine Angel zurecht machen ?«

»Sei so gut.«

»Ich will Ihnen einen Jungen mitgeben, die Würmer aufzustecken. Oder soll ich lieber selbst mitgehen?« – Narkiß zweifelte augenscheinlich, daß ich allein fertig werden könnte.

»Komme mit, bitte, wir wollen zusammen gehen.«

Narkiß lächelte, schweigend mit dem ganzen Munde, zog dann die Augenbrauen, zusammen und verließ das Zimmer.

IV

Eine halbe Stunde darauf gingen wir angeln. Narkiß hatte eine sonderbare Mütze mit Ohrenklappen ausgesetzt – das machte ihn noch würdevoller. Er ging voran, mit gleichmäßigem, ruhigem Schritte; auf seiner Schulter wiegten sich zwei Angelruthen im Gleichgewicht; ein baarfüßiger Junge trug ihm eine Wasserkanne und einen Topf mit Würmern nach.

»Hier am Wehr, beim Fluß, ist eine Bank zur größeren Bequemlichkeit aufgestellt,« fing Narkiß mir zu erklären an, blickte vor sich und rief aus: »Ehe? Unsere Schwachsinnigen sind schon wieder hier! Die kommen mir zu häufig!«

Ich erhob den Kopf und sah auf der Bank bei dem Wehr, auf der Bank, von der er eben gesprochen, zwei Menschen sitzen, deren Rücken uns zugekehrt waren, sie angelten ganz gemächlich.

»Wer sind die?« fragte ich.

»Nachbarn,« antwortete Narkiß unzufrieden. »Zu Hause haben sie nichts zu essen, da kommen sie auf Besuch zu uns.«

»Und erlaubt man ihnen zu angeln?«

»Der frühere Herr erlaubte es – . . . ob Nicolai Petrowitsch es ebenfalls gestatten wird, weiß ich nicht. Der Lange da – ein weggejagter Küster – ist ein ganz nichtiger Mensch ; – der Andere, der Dicke, ist ein Oberst.«

»Wie, Oberst?« Wiederholte ich erstaunt. Die Kleidung dieses Obersten war wohl noch schlechter als die des Küsters.

»Ja, wie ich es Ihnen sage, ein Oberst. Früher im Besitz eines ansehnlichen Vermögens, hat man ihm jetzt aus Gnade ein Plätzchen angewiesen – da lebt er auch von dem, was der liebe Herrgott ihm sendet. Doch was soll man thun? Sie haben den besten Platz sich ausgesucht . . . man wird diese lieben Gäste verscheuchen müssen.«

»Nein, Narkiß; bitte beunruhige sie nicht. Wir wollen uns hier beiseite niedersetzen; sie werden uns nicht stören. Ich möchte mit dem Obersten bekannt werden!«

»Wie Sie es wünschen – was aber die Bekanntschaft betrifft, so hoffen Sie nicht, gnädiger Herr, daß Sie davon viel Vergnügen haben werden; er ist sehr schwer von Begriffen geworden, stumpf im Gespräch wie ein kleines Kind. Es ist auch nicht anders möglich, er hat ja seine achtzig Jahre hinter sich.«

»Wie heißt er?«

»Wassilij Thomitsch. Sein Familienname ist Guskoff.«

»Und der Küster ?«

»Der Küster? Der hat den Spitznamen: Gurke, so nennen ihn hier auch Alle, wie aber sein eigentlicher Name lautet, weiß der liebe Gott allein. Ein leerer Mensch! Ein Schmarotzer!«

»Sie leben zusammen?«

»Nein, nicht zusammen – doch hat sie der Teufel wohl, wie man so sagt, mit einem Strick zusammen gebunden!«

V

Wir kamen zum Floß. Der Oberst richtete die Augen auf uns, und ließ sie dann sofort wieder auf das Schwimmholz fallen. Gurke aber sprang auf, zog seine Angel aus dem Wasser, nahm seine abgetragene Mütze ab, fuhr mit zitternder Hand über die hatten, gelben Haare, verbeugte sich tief und lachte mit gebrochener Stimme. Sein aufgeschwollenes Gesicht verkündete ihn als argen Säufer; die zusammengekniffenen, klein gewordenen Augen blinzelten demüthig. Er stieß seinen Nachbar in die Seite, als ob er ihm andeuten wollte, daß man weggehen müsse . . . Der Oberst bewegte sich auf der Bank.

»Bleiben Sie sitzen, beunruhigen Sie sich nicht,« rief ich schnell. »Sie stören uns nicht im Geringsten. Wir werden uns daneben setzen. Bleiben Sie ruhig sitzen!«

Gurke zuckte, seinen durchlöcherten, langen Kittel zusammenschlagend, mit den Achseln, mit den Lippen, mit dem kleinen Barte ; unsere Gegenwart war ihm sichtlich unbequem— er wäre gern davon gelaufen – doch der Oberst hatte sich bereits wieder in die Beobachtung seines Schwimmholzes vertieft. Der »Schmarotzer« hustete ein paar Male, setzte sich auf das äußerste Ende der Bank, legte seine Mütze auf die Knie und warf, die nackten Füße unter der Bank verbergend, bescheiden seine Angel aus.

»Beißen sie an?« fragte mit Würde Narkiß, langsam die Schnur vom Stocke wickelnd.

»Wohl an sechs Gründlinge haben wir erwischt,« antwortete Gurte mit klangloser und heiserer Stimme »und der Herr hier hat einen anständigen Barsch geangelt!«

»Ja, einen Barsch,« wiederholte meckernd der Oberst.

VI

Ich fing aufmerksam nicht ihn, sondern sein umgekehrtes Bild im Wasser zu betrachten an. Es erschien mir klar wie im Spiegel, nur etwas dunkler, wie mit Silber überzogen. Der breite See wehte uns Frische zu, Frische kam auch vom feuchten, abschüssigen Ufer und sie war um so angenehmer, als von dort oben her, über uns, vom goldenen, dunklen Himmelsblau, von den Gipfeln der Bäume, die Schwüle wie eine schwere Last auf uns drückte. Beim Flosse bewegte sich das Wasser nicht. Im Schattetn der von den üppigen Büschen am Ufer auf dasselbe fiel, glänzten wie kleine, blanke Knöpfchen die Wasserspinnen, ihre ewigen Kreise beschreibend; nur selten zogen sich um die Kiele der Angeln kaum zu bemerkende Wasserringe, wenn die Fische an den Haken spielten. Sie bissen sehr schlecht an – während zwei voller Stunden zogen wir nur zwei Gründlinge und eine Schmerle heraus. Ich könnte nicht sagen, warum der Oberst meine Neugierde so anstachelte. Sein Rang konnte auf mich keinen Eindruck machen; ruinirte Adelige gehörten selbst zu jener Zeit nicht mehr zu den Seltenheiten – und auch selbst sein Aeußeres bot nichts Außergewöhnliches dar. Unter der warmen Mütze, die den ganzen oberen Theil seines Kopfes bedeckte, erblickte man ein rothes, glatt rasirtes, rundes Gesicht, mit kleiner Nase, kleinen Lippen und eben solchen hellgrauen Augen. Einfalt, Seelenschwäche und einen alten, hilflosen Gram drückte dieses demüthige, kindliche Gesicht aus. In den weichen, weißen, kleinen Händen mit kurzen Fingern lag ebenfalls etwas Hilfloses, Unvermögendes. . . . Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie dieser schwachsinnige Greis je ein Mann von militärischem Schlage habe sein können, wie er befehlen, anordnen konnte – und namentlich in jener strengen Zeit Katharinas! Ich blickte ihn an: bald blies er feine Backen auf und pustete still, wie ein Kind, bald drückte er seine Augen mit schmerzhafter Anstrengung zusammen, wie alle alterschwachen Leute. Einmal öffnete er die Augen weit und richtete sie in die Höhe . . . sie glotzten mich aus der Wassertiefe an . . . und eigenthümlich rührend und selbst vielsagend kam mir dieser gramvolle Blick vor.

VII

Ich versuchte, mit dem Oberst ein Gespräch anzukniipfen . . . doch Narkiß hatte die Wahrheit gesagt: der arme Alte war wirklich schwach von Begriffen geworden. Er erkundigte sich nach meiner Familie, und nachdem er sie sich zweimal hatte nennen lassen, dachte er nach und sagte endlich:

»Ich glaube, wir hatten einen Richter hier, der so hieß – Gurke, hatten wir einen solchen Richter? – wie?«

»Ja, ja, lieber Herr Wassilij Thomitsch, Euer Hochwohlgeboren,« antwortete Gurke, der ihn sonst wie ein Kind behandelte. »Es war wirklich hier ein solcher Richter. Reichen Sie mir Ihre Angel, das Würmchen ist da wahrscheinlich abgefressen . . . Ja! – so ist es auch.«

»Mit der Familie Lomoff waren Sie nicht bekannt?« fragte mich plötzlich und mit sichtlicher Anstrengung der Oberst.

»Was für eine Familie?«

»Lomoff! Theodor Iwanitsch, Ewstignej Iwanitsch, Alexej Iwanitsch der Jude, Theodulia, Iwanowna, die Räuberin und dann noch . . .«

Der Oberst schwieg und sank zusammen.

»Diese Leute standen dem Herrn am nächsten,« flüsterte, sich zu mir neigend, Narkiß mir zu – »durch sie, namentlich durch Alexej Iwanitsch, den er Jude genannt, und durch die Schwester desselben, Agrafena Iwanowna, hat er sein ganzes Vermögen verloren.«

»Was sprichst Du da von Agrafena Iwanowna!« rief plötzlich der Oberst, und sein Kopf erhob sich, seine weißen Augenbrauen zogen sich zusammen . . . »Nimm Dich bei mir in Acht . . . Und was ist das für eine Agrafena? Agrippina Iwanowna – so hieß sie.«

»Schon gut, schon gut, lieber Herr«, beschwichtigte Gurke.

»Weißt Du denn nicht, was der Dichter Melonoff von ihr gedichtet?« fuhr der Alte fort, in ein mir unbekanntes Pathos gerathend. »Nicht Hymens Leuchter brannten,« fing er an, alle Vocale durch die Nase ziehend und die Silben »en« und »an« wie die gleichlautenden französischen Endungen aussprechend – und sonderbar genug klangen diese Worte aus seinem Munde: »nicht dessen Fackeln . . .«

 
»So ist es nicht, aber:
Nicht der Vergänglichkeit eitler Götze,
Nicht Amaranthos, noch Porphyros
, Nur Ein‘s ergötzet sie . . .
 

»Das ist von uns gesagt – hörst Du!«

 
Nur Eins ergötzet sie beständig,
So minniglich und so lebendig:
Die gegenseit’ge Gluth im leichten Blut.
 

»Und Du sagst Agrafena?«

Narkiß lächelte, halb verächtlich, halb gleichgültig.

»Ach! Du Sonderling«, flüsterte er vor sich hin. Doch der Oberst war schon wieder zusammengesunken, die Angel entglitt seinen Händen und fiel in’s Wasser.

VIII

»Betrachte ich es genauer, so steht es mit unseren Angeln schlimm,« sprach der Küster, »die Fische wollen gar nicht mehr anbeißen. Es ist auch schon zu heiß geworden, und meinen Herrn hat Melancholie befallen. Wir wollen nach Hause gehen, das wird besser sein.« Er zog behutsam ein Fläschchen von Blech ans der Tasche, nahm den hölzernen Stöpsel heraus, schüttelte sich Schnupftabak auf die Finger und führte dieselben mit einer Bewegung an beiden Nasenlöchern vorüber . . . »das ist ein Tabak,« stöhnte er, zu sich kommend, »der greift durch wie der Gram! Nun, lieber Wassilij Thomitsch, belieben Sie aufzustehen, es ist Zeit!« . . .

Der Oberst stand von der Bank auf.

»Wohnen Sie weit von hier?« fragte ich Gurke.

»Weit ist es nicht – kaum eine Werst.«

»Erlauben Sie mir, Sie zu begleiten,« wandte ich mich zum Oberst – ich wollte ihn nicht so schnell verlassen.

Er sah mich an – und nachdem er mit jenem besonderen, wichtig thuenden, höflichen, ein wenig gezierten Lächeln, welches, ich weiß nicht, ob auch Andere, aber mich stets an Puder, französische Röcke und Straßknöpfe, kurz an das achtzehnte Jahrhundert erinnert – angelächelt, sagte er mit altmodischen Unterbrechungen; daß es ihm sehr . . . angenehm . . . sein . . . würde und sank dann abermals in sich zusammen. Der Cavalier aus Katharinas Zeiten erschien in ihm für einen Augenblick – und verschwand dann wieder.

Narkiß wunderte sich über mein Vorhaben, doch ich achtete nicht auf das mißfällige Wackeln seiner Mütze und ging mit dem Oberst, den Gurke unterstützte, aus dem Garten. Der Alte bewegte sich ziemlich schnell, wie auf Stelzen.

IX

Wir gingen «an einem kaum eingetretenen Pfade durch ein grasreiches Thal, mitten durch ein Birkenwäldchen.

Die Sonne brannte, die Goldamseln schrien in dem grünen Dickicht, die Wachtelkönige schnarrten beim Pfade selbst, blaue Schmetterlinge flogen haufenweise über die weißen und rothen Blumen des niedrigen Klees – die Bienen verbargen sich, wie schläfrig und summten träge in dem unbeweglichen Grase. Gurke rüttelte sich, er schien aufzuleben; er hatte Angst vor Narkiß – er lebte ja vor dessen Augen – ich aber war ihm fremd, eben angekommen – mit mir wurde er bald vertraut . . . »Ja,« fing er an, »unser Herr ist allerdings an’s Fasten gewöhnt! Aber von einem Barsch wird man doch nicht satt. Vielleicht werden Sie, Euer Wohlgeboren, etwas opfern wollen? Hier in der Schänke, gleich um die Ecke des Wäldchens gibt es ganz ausgezeichnete Semmeln. Auch ich, der ich unter meiner Sündenlast erliege, würde gern, wenn Euer Gnaden es erlaubt, ein Gläschen Schnaps auf Ihre Gesundheit, Ihr langes Leben und Wohlergehen genießen!« Ich gab ihm einen Viertel-Rahel und hatte kaum Zeit, die Hand, welche er küssen wollte, zurückzuziehen. Er hatte erfahren, daß ich ein leidenschaftlicher Jäger sei, und erzählte mir, daß er einen Freund habe, einen Officier, der eine schwedische Mindindenherr-Flinte habe, mit kupfernem Laufe – eine Kanone sei nichts dagegen – wenn man schießt, so falle man in Ohnmacht; er habe sie von den Franzosen bekommen – und einen Hund – reines Wunder der Natur! daß auch er stets große Leidenschaft für die Jagd gehabt und der Pfarrer sie ihm gestatte – selbst Rebhühner mit ihm gefangen hätte – doch der Oberpfarrer, der sei ein Tyrann gewesen, wollte es nicht dulden, »was aber Narkiß Semenitsch betrifft,« sagte er in singenden Tone, »so bin ich zwar nach dessen Meinung ein ganz werthloser Mensch für diese Welt, doch ich will mir zu bemerken erlauben, daß er sich die Augenbrauen wie eine Eule wachsen läßt und deshalb alle Weisheit gefressen zu haben glaubt.« Unterdessen waren wir zur Schänke gekommen – einer alten baufälligen Hütte ohne Vorgarten und Hintergebäude; ein abgemagerter Hund lag in einem Loche vor dem Fenster, vor ihm wühlte ein Hahn im Staube.

Gurke setzte den Oberst auf eine an der Thür stehende Bank und verschwand dann augenblicklich im Innern der Hütte. Während er Semmeln kaufte und sich mit einem Gläschen Schnaps gütlich thats wandte , ich meine Augen nicht von dem Obersten ab, welcher mir, Gott weiß warum, wie ein Räthsel vorkam. »In dem Leben diesen Menschen«, dachte ich mir, »ist ganz sichtlich etwas Außerordentliches vorgefallen!« Er aber schien mich gar nicht zu bemerken, saß gebückt auf der Bank und spielte mit einigen Nelken, die er sich im Garten meines Freundes gepflückt hatte. Endlich erschien Gurke mit einem Bündel Semmeln in der Hand, er war ganz roth und schwitzte stark, sein Gesicht zeigte den Ausdruck einer freudigen Verwunderung, als ob er eben etwas Angenehmes und Unerwartetes gesehen hätte, er bot dann dem Oberst die Semmeln an, der sie kostete; wir gingen weiter.

X

In Folge des Schnapsgenußes war Gurke, wie man sagt, etwas angegriffen, er fing den Oberst, welcher wie auf Stelzen hin und her wankend, immer weiter eilte, zu trösten an. »Warum sind Sie, lieber Herr, so traurig, warum lassen Sie den Kopf hängen? Wenn Sie erlauben, so singe ich Ihnen ein Liedchen – das größte Vergnügen werden Sie davon haben.« – »Glauben Sie mir«, so wandte er sich an mich, »unser Herr ist sehr lustig, und wie lustig! Gestern sehe ich eine Frau aus dem Flosse stehen und Wäsche spülen – es war eine sehr dicke Frau – er aber steht hinter ihr und lacht sich in’s Fäustchen! bei Gott! erlauben Sie, Sie werden es sofort sehen; kennen Sie das Lied vom Hasen? Blicken Sie mich nicht so an, weil ich so unbedeutend aussehe – wir haben hier in unserer Stadt eine Zigeunerin – eine schreckliche Fratze – doch wenn sie singt: »Leg’ dich hin und stirb!« Er öffnete weit seine feuchten rothen Lippen und fing zu singen an, den Kopf auf die Seite neigend, die Augen schließend, und seinen Bart raufend:

 
Liegt ein Häschen in dem Busch —
Kommen Jägers Husch, husch, husch!
Kaum Zeit zu athmen nimmt es sich,
Horcht auf und denkt: Ganz sicherlich
Bin ich des Todes Beute!
 
 
Was hab’ ich, guter Jägersmann,
Für Leibes denn Dir angethan?
Zwar hab’ ich von dem Kohlenstrauch,
Gemaust, gespeist ein wenig auch,
Doch nicht in Eurem Garten!
 
 
Doch plötzlich springt das Häschen auf!
Eilt nach dem Wald in schnellem Lauf —
Von hinten, guter Jägersmann,
Sieh Dir nun blos mein Schwänzchen an —
Noch bin ich gar nicht Euer!
 

Gurke sang nicht mehr, er schrie:

 
Die Jäger seh’n den ganzen Tag,
Des klugen Häschen’s Spuren nach —
Sprechen Vieles hin und her,
Aergern sich und zanken sehr:
Weit ab sind wir vom Ziele,
Genarrt hat uns der Schiele!
 

Die beiden ersten Verse jedes Couplets sang Gurte mit gedehnter Stimme, die andern drei dagegen sehr schnell, wobei er sehr zierlich hüpfte und die Beine spreizte.

Nach jeder Strophe sprang er in die Höhe und schlug mit den Hacken der Füße hinten an die Oberschenkel.

Als er aus vollem Halse: ,,Genarrt hat uns der Schiele« ausgerufen, schoß er Kobold. Seine Erwartungen erfüllten sich, der Oberst brach plötzlich in ein dünnes, weinerliches Lachen aus, und zwar dermaßen, daß er nicht weiter gehen konnte und sich ein wenig niederließ und mit den kraftlosen Händen leicht auf seine Knie schlug. Ich betrachtete sein purpurroth gewordenes, krankhaft verzogenes Gesicht – er that mir ungemein Leid – gerade in diesem Augenblick Durch den Erfolg ermuthigt, begann Gurte den Kosakentanz mit solchem Eifer, daß er bald mit der Nase im Staube lag . . . Der Oberst hörte plötzlich zu lachen auf und holperte weiter.

XI

Wir waren wieder eine Viertel-Weist gegangen. Es zeigte sich ein kleines Dorf am Rande eines Thales, ein wenig seitwärts erblickte man ein kleines Häuschen, mit halb verwehtem Strohdache und einem einzigen Schornsteine, in dem einen der beiden Zimmer dieses Häuschens wohnte der Oberst. Die Besitzerin des Gutes, die Staatsräthin Lomoff, eine ständige Bewohnerin Petersburgs, hatte – wie ich erst später erfuhr – dies Plätzchen dem Oberst eingeräumt. Sie ließ ihm eine monatliche Pension auszahlen und gab ihm als Dienerin eine im Dorfe wohnende Idiotin, welche die menschliche Rede zwar schwer verstand, doch nach der Meinung der Räthin sowohl die Diele fegen, als eine Suppe kochen konnte. An der Schwelle des Hauses wandte sich der Oberst wieder zu mir, mit seinem Lächeln aus Katharinas Zeit: »Haben Sie die Güte, in meine Gemächer ein- zutreten.« Wir gingen in dieses Gemach. Alles war darin äußerst schmutzig und armselig, so schmutzig und armselig, daß der Oberst, welcher wahrscheinlich aus meinem Gesichtsausdrucke den Eindruck, welchen seine Wohnung auf mich machte, errieth, mit den Achseln zuckte, die Augen zusammenkniff und »se . . ne . . pa. . . veil . . de . . perdri . .« sagte. Was er eigentlich damit sagen wollte, blieb mir dunkel . . . als ich ihn französisch anredete, erhielt ich keine Antwort in dieser Sprache. Zwei Gegenstände in seiner Wohnung lenkten sofort meine Aufmerksamkeit auf sich, erstens ein großes St. Georgs-Kreuz für Officiere, in schwarzem Rahmen, unter Glas, und der mit altmodischer Hand geschriebenen Aufschriftt: »Erhalten von dem Obersten des Tschernigoff’schen Derfelden Regimentes, Wassilij Guskoff, für den Sturm auf Praga im Jahre 1784 «, und zweitens ein in Oel gemaltes Brustbild einer schönen, schwarzäugigen Frau mit länglichem, bräunlichen Gesichte, mit in die Höhe gekämmtem und gepuderten Haar, Schönheitspflästerchen an den Schläfen und am Kinn, in kurzer, ausgeschnittener Robe ronde, mit blauem Besatz, im Schnitte der achtziger Jahre. Das Porträt war schlecht gemalt, aber sicherlich getroffen. Es blickte den Beobachtenden nicht an, sondern wandte sich von ihm ab – und lächelte nicht; die gebogene schmale Nase, die regelmäßigen, dünnen Lippen, die beinahe gerade Linie der dichten, zusammengezogenen Augenbrauen zeugten von einem gebieterischen, stolzen, leicht aufbrausenden Charakter. Man bedurfte keiner besonderen Anstrengung, um sich vorzustellen, wie dies Gesicht plötzlich bald in der Gluth der Leidenschaft, bald in Zorn sich habe entflammen können. Unter dem Porträt, auf einem kleinen Gestelle, stand ein halb verwelktes Bouquet einfacher Feldblumen in einem dicken Glase. Der Oberst kam an das Gestell heran, erneuerte das Bonquet, indem er die von ihm gepflückten Nelken in das Glas steckte; zu mir sich wendend und mit der Hand auf das Porträt zeigend, sagte er: »Agrippina Iwanowna Telegin, geborene Lomoff.« Die Worte des Narkiß kamen mir in Erinnerung und ich betrachtete mit verdoppelter Aufmerksamkeit das ausdrucksvolle, nicht gutmüthige Gesicht der Frau, durch die der Oberst um sein ganzes Vermögen gekommen war.

»Sie haben, wie ich sehe, Herr Oberst, sich an dem Sturm auf Praga betheiligt,« fing ich an, auf das St. Georgs-Kreuz zeigend, und haben das Glück gehabt, dies zu jener Zeit, und namentlich in der damaligen, so seltene Anerkennungszeichen zu erhalten ? Sie erinnern sich also Suwarows ?« – « Des Alexander Wassiliewitsch?« antwortete der Oberst nach kurzem Schweigen und als ob er seine Gedanken sammeln wollte, – »Ja, freilich, es war ein kleiner Greis und dabei so behende – man steht da, er aber ist bald hier, bald da.«

Der Oberst lachte. »In Warschau ist er auf einem Kosakenpferde eingeritten: er ist mit Brillanten über und über geschmückt und sagt den Polen: Ich habe keine Uhr, ich habe keine Uhr! Die aber schreien: Vivat! Vivat! Sonderbare Käuze! He, Gurke!« fügte hinzu, die Stimme erhebend (der lustige Küster war nicht mit hereingekommen) »wo sind die Semmeln? Frage auch Grunka, ob wir keinen Kwas bekommen können?«

»Sofort, lieber Herr, sofort,« antwortete Gurke. Er händigte dem Oberst die Semmeln ein, und aus dem Häuschen herausgehend, traf er ein zerzaustes, in Lumpen gehülltes Geschöpf – wahrscheinlich die Idiotin Grunka – und verlangte, so viel ich durch das verstaubte Fenster wahrnehmen konnte, Kwas von ihr, denn er führte einige Male die eine Hand, welcher er eine trichterartige Form gegeben, zum Munde und zeigte mit der anderen auf uns.

XII

Ich versuchte wiederum mit dem Oberst ein Gespräch anzuknüpfen, doch er war sichtlich ermüdet, setzte sich ächzend auf die Bank und legte, nachdem er »ach! meine Knochen, meine Knochen!« gestöhnt hatte, die Strumpfbänder ab. Ich wunderte mich damals ungemein, wie ein Mann Strumpfbänder tragen konnte und vergaß, daß es in früherer Zeit allgemein Mode war. Der Oberst gähnte anhaltend, ohne es zu verbergen und hörte nicht auf, seine ermüdeten Augen auf mich zu richten; die kleinen Kinder gähnen so. Der arme Oberst verstand, wie es schien, nicht einmal meine Fragen – und er war beim Sturm auf Praga?! Er – mit blankem Säbel, im Pulverdampf, im Stand, an der Spitze Suwarow’scher Soldaten, die durchschossene Fahne über seinem Kopfe, die grausam verstümmelten Leichen unter seinen Füßen? . . . Er, er?! War das nicht sonderbar? Doch es schien mir, als ob im Leben des Obersten noch sonderbarere Ereignisse stattgefunden haben mußten! Gurke brachte Kwas in einer eisernen Kanne – der Oberst trank gierig – seine Hände zitterten und Gurke hielt ihm die Kanne unter. Der Alte wischte gewissenhaft seinen zahnlosen Mund mit beiden Händen ab und starrte dann wieder auf mich, an den Lippen kauend und schnalzend. Ich begriff, was er wollte, verbeugte mich und ging hinaus. »Jetzt wird er schlafen,« bemerkte Gurke, mit mir das Zimmer verlassend, »er ist heute sehr müde – ganz früh war er schon nach dem Grabe gegangen.«

»Nach wessen Grabe?«

»Zum Grabe der Agrafena Iwanowna, zur Huldigung; sie ist hier auf unserem Pfarr-Kirchhofe begraben – wohl über fünf Werste ist es. Wassilij Thomitsch geht regelmäßig jede Woche zweimal hin. Er hat sie begraben und ihr auch das Denkmal setzen lassen, Alles auf seine Kosten!«

»Und wann ist sie gestorben ?«

»Das mögen wohl schon über zwanzig Jahre sein.«

»War sie etwa seine Freundin?«

»Das ganze Leben hat er ja mit ihr verlebt. Ich selbst allerdings kannte diese Dame nicht – doch sagt man, daß zwischen ihnen Sachen vorfielen . . . aj, aj! Gnädiger Herr,« fügte er rasch hinzu, als er sah, daß ich mich abwandte, »werden Sie sich nicht bewogen fühlen, mir abermals zu einem Glase Wodka etwas zu schenken? Es ist Zeit, daß ich in meinen Stall unter die Pferdedecke krieche.«

Ich wollte Gurke nicht weiter ausfragen, gab ihm zwanzig Kopeken und ging nach Hause.

XIII

Zu Hause wandte ich mich an Narkiß, um Erkundigungen einzuziehen; wie zu erwarten war, zierte er sich ein wenig, that wichtig, äußerte seine Verwunderung, daß mich solche »Kleinigkeiten« interessiren können und erzählte schließlich, was er wußte. So erfuhr ich Folgendes:

Wassilij Thomitsch Guskoff lernte Agrafena Iwanowna Telegin in Moskau, bald nach der ersten Theilung Polens kennen, ihr Mann diente beim General-Gouverneur, Wassilij Thomitsch aber war auf Urlaub. Er verliebte sich in sie, doch verließ er nicht den Dienst; er hatte weder Frau noch Verwandte, war etwa ein Vierziger und besaß ein ansehnliches Vermögen. Der Mann der Frau Telegin starb bald darauf. Sie blieb kinderlos, in Armuth und in Schulden . . . Er erfuhr ihre Lage, verließ den Dienst (er erhielt beim Abschied den Oberstrang) und suchte seine liebe Witwe auf, die erst fünfundzwanzig Jahre alt war, bezahlte ihre Schulden, kaufte ihre Güter los. . . . seit der Zeit verließ er sie nicht mehr, schließlich lebte er bei ihr. Es scheint, daß auch sie ihn liebte, doch heiraten wollte sie ihn nicht. »Muthwillig war die Verstorbene,« bemerkte hier Narkiß, »die Freiheit,« sagte sie, »ist für mich das Theuerste.« Doch nutzte sie ihn nach jeder Richtung hin aus, und er schleppte, wie »eine Ameise«, sein ganzes Geld zu ihr. Der Muthwille von Agrafena Iwanowna erreichte manchmal eine ganz außerordentliche Höhe; sie hatte eben einen unbändigen Charakter und ging nicht vorsichtig genug mit ihren Händen um, einmal stieß sie ihren Laufburschen die Treppe hinunter, der brach sich zwei Rippen und ein Bein . . . Agrafena Iwanowna bekam Angst, ließ sofort den Laufburschen in ein Dachstübchen einschließen und verließ ihn nicht – auch gab sie Niemandem den Schlüssel zu seiner Kammer – bevor er den Geist aufgegeben hatte . . . Der Laufbursche wurde heimlich begraben . . . »und wäre das zu Katharinas Lebzeiten geschehen,« fügte Narkiß sich zu mir neigend und flüsternd hinzu, »so wäre es vielleicht auch dabei geblieben – viel Aehnliches blieb damals im Verborgenen – doch,« und hier richtete sich Narkiß auf und erhob die Stimme – »bestieg damals den Thron der gerechte Czar Alexander der »Gesegnete« – und die Untersuchung begann. Es kam der Untersuchungsrichter, die Leiche wurde gefunden – man fand die Wunden – kurz, der Teufel war los. Und was denken Sie? Wassilij Thomitsch nahm Alles auf sich . . . »Ich habe Schuld, ich habe ihn gestoßen, ich ihn eingeschlossen.« Natürlich fiel nun Alles über ihn her, die Richter, die Polizei – und ließen ihn nicht eher los, bis nicht der letzte Groschen aus seiner Tasche fort war – lassen ihn in Ruhe und packen ihn dann wieder – bis zu den Franzosen, bis die Franzosen nach Russland kamen, zerrten sie noch an ihm – erst dann ließen sie von ihm ab. Agrafena Iwanowna war allerdings schön heraus – er hat sie wirklich gerettet. Bis zu ihrem Tode hat er dann bei ihr gewohnt – und sie soll ihn geringschätzig behandelt haben, wie es ihr gerade einfiel; zu Fuße schickte sie ihn manchmal auf die Güter, um den Obrok von den Bauern einzufordern. Er soll sich auch ihretwegen mit einem englischen Lord, Yes-Yes hieß er wohl, auf Stoßdegen geschlagen haben – und der Engländer sah sich genöthigt, um Verzeihung zu bitten. Seit ihrem Tode aber ist er ganz verdreht und heruntergekommen. Jetzt kann man ihn allerdings kaum zu den Menschen rechnen!«

»Und wer ist Alexej Iwanitsch, der Jude, durch den er ruinirt wurde?«

»Das ist der Bruder der Agrafena. Ein habsüchtiger Mensch war er, eine echte Judenseele. Seiner Schwester lieh er Geld auf Wucherzinsen – und Wassilij Thomitsch sagte gut dafür, theuer genug kam ihm dies zu stehen.«

»Und Theodulia, die Räuberin, wer war das?«

»Ebenfalls eine Schwester – und auch geschickt! Mit allen Hunden gehetzt, wie man sagt – ein schlimmes Weib!«

XIV

Also hier ist mir ein Werther erschienen! dachte ich, als ich am nächsten Tage mich wieder nach der Wohnung des Obersten begab. Damals war ich sehr jung – und hielt wahrscheinlich deshalb es für meine Pflicht – nicht an die Beständigkeit der Liebe zu glauben. Doch war ich von der Erzählung, die ich gehört, betroffen und ein wenig stutzig geworden. Ich wollte durchaus den Alten lebendig machen und ihn zum Reden bewegen. »Erst will ich wieder Suwarows erwähnen,« dachte ich mir, »es muß doch wenigstens ein Funke noch von dem früheren Feuer in ihm glimmen . . . und dann, wenn er gesprächiger wird, lenke ich das Gespräch auf die . . . wie heißt sie doch? . . . Agrafena Iwanowna. Ein komischer Name für eine »Charlotte« – Agrafena!«

Ich traf Guskoff-Werther mitten in einem kleinen Küchengarten, ein paar Schritte vom Hause, neben einem alten, mit Nesseln überwachsenen Fundamente eines nie ausgeführten Hauses. Auf den verfaulten oberen Balken dieses Fundaments krochen gackernd, beständig heruntergleitend und mit den Flügeln schlagend, junge, schwächliche Truthühner. Auf zwei bis drei armseligen Beeten wuchs verschiedenes Gemüse. Der Oberst hatte eben eine junge Mohrrübe ans der Erde gezogen und fing, nachdem er dieselbe zur Reinigung durch den Arm gezogen, an ihrem dünnen Ende zu kauen an.

Er hatte mich offenbar nicht wieder erkannt, obgleich er meinen Gruß erwiderte, d. h. die Hand zur Mütze führte, wobei er nicht aufhörte, an der Mohrrübe zu kauen.

»Heute sind Sie ja nicht zum Angeln gekommen?« fing ich an, in der Hoffnung, ihn durch diese Frage an meine Persönlichkeit erinnern zu können.

»Heute!« wiederholte er und dachte nach . . . die Mohrrübe aber, die in seinem Munde steckte wurde immer kleiner und kleiner. »Das ist ja Gurke, welcher angelt!« . . . Mir erlaubt man es ebenfalls.«

»Freilich, freilich, geehrter Wassilij Thomitsch. . . Ich sage es nicht deswegen . . . Und es ist Ihnen nicht heiß – so in der Sonne?« Der Oberst hatte einen dicken, wattirten Schlafrock an.

»Wie, heiß?« wiederholte er wieder, als ob er im Unklaren sei und blickte, nachdem er die Mohrrübe glücklich verschluckt hatte, zum Himmel.

»Belieben Sie in meine Gemächer einzutreten,« sagte er plötzlich. Dem armen Greise war augenblicklich nur diese eine Phrase zur Verfügung geblieben.

Wir gingen aus dem Küchengarten, doch hier blieb ich unwillkürlich stehen; zwischen uns und dem Häuschen stand ein großer Balle, den Kopf zur Erde geneigt, die Augen boshaft umherwerfend, schnaubte er stark und schwer; den einen Vorderfuß krümmend, warf er mit dem breiten, gespaltenen Fuße den Staub in die Luft und peitschte mit dem Schwanz die Weichen, ging dann plötzlich rückwärts, schüttelte den zottigen Hals und brüllte, nicht laut, aber kläglich und grimmig. Ich bekam, um es zu gestehen, Angst, doch Wassilij Thomitsch schritt vorwärts und schwenkte, nachdem er dem Bullen gebieterisch »fort, du ungebildetes Thier!« zugerufen, das Taschentuch. Der Bulle ging noch mehr rückwärts, beugte noch tiefer die Hörner zur Erde, warf sich plötzlich zur Seite und lief davon, den Kopf bald nach links, bald nach rechts schüttelnd. »Er hat wirklich Praga gestürmt!« dachte ich.

« Wir traten in’s Zimmer, der Oberst zog die Mütze von den schweißbedeckten Haaren, gab ein »Ach« von sich, ließ sich auf den Stuhl nieder und sank zusammen.

»Ich bin zu Ihnen gekommen, Wassilij Thomitsch,« fing ich mein diplomatisches Gespräch an, »weil es für mich sehr interessant ist, seinen Officier zu sprechen, der noch unter dem großen Suwarow gedient hat und überhaupt an so wichtigen Ereignissen theilgenommen, über die ich so gerne einige Einzelheiten vernehmen möchte!«

Der Oberst starrte mich an – sein Gesicht wurde merkwürdig lebhaft – und ich erwartete bereits, wenn nicht eine Erzählung, doch ein zustimmendes, theilnahmsvolles Wort.

»Ich werde, mein Herr, wohl bald sterben!« rief er halblaut.

Diese Worte brachten mich außer Fassung,

»Wie? Wassilij Thomitsch!« rief ich endlich . . . »weshalb glauben Sie das ?«

Der Oberst bewegte plötzlich die Hände, bald nach oben, bald nach unten, gerade wie ein Kind.

»Deshalb, mein Herr . . . Ich sehe . . . vielleicht wissen Sie es, die selige Agrippina Iwanowna. . . . Gott öffne ihr sein Himmelreich. . . häufig im Schlafe . . . und kann sie nie erreichen . . . ich jage ihr nach, doch sie zu erhaschen, gelingt mir nie. In der vorigen Nacht aber . . . sehe ich . . . sie steht vor mir . . . mir halb zugewandt und lacht. . . ich eile nun auf sie zu – und habe sie gefangen . . . Und sie schien sich dann mir ganz zuzuwenden und sagte: Lieber Wassilij, jetzt hast Du mich gefangen!«

»Was schließen Sie denn daraus, Wassilij Thomitsch?«

»Das, lieber Herr, daß wir bald vereint sein werden. Und Gott sei Dank dafür, das will ich Ihnen gestehen – lobet den Herrn, den Gott Vater, Gott Sohn und heiligen Geist (der Oberst sang das) jetzt und in Ewigkeit. Amen!«

Der Oberst bekreuzte sich. – Weiter konnte ich von ihm Nichts herausbekommen, ich entfernte mich.

XV

Am nächsten Tage kam mein Freund an. Ich erzählte ihm vom Oberst, von meinem Besuche bei diesem. . .

»Ach ja! Freilich! Ich kenne seine Geschichte,« antwortete er, »ich bin auch mit der Staatsräthin Lomoff gut bekannt, der er das Obdach verdankt, das er hier gefunden. Warte – ich muß einen Brief von ihm an die Staatsräthin besitzen, in Folge dessen sie ihm dies Plätzchen anwies.«

Mein Freund suchte in seinen Papieren nach, und fand endlich den Brief des Obersten. Da ist er, Wort für Wort, mit Ausnahme der orthographischen Fehler. Der Oberst wußte eben nicht, wie auch alle Leute damaliger Zeit, mit unseren beiden e umzugehen – seine Fehler wiederzugeben, scheint unnöthig, trägt der Brief doch auch ohne sie den Stempel jener Zeit. —

»Gnädige Frau

Raißa Pawlowna!

»Nach dem Tode meiner Freundin, Ihrer Taute, hatte ich bereits das Glück, zwei Briefe an Sie zu richten, den ersten am ersten Juni, den zweiten am sechsten Juli des Jahres 1815; ihre Tante aber ist am sechsten Mai desselbigen Jahres gestorben. In diesen Briefen offenbarte ich Ihnen die Gefühle meiner Seele und meines Herzens, die niedergeschlagen waren durch die tödtlichste Beleidigung, und stellte Ihnen in wahrhaftiger Gestalt meine erbitterte und des Mitleides würdige Verzweiflung dar; beide Briefe sind mit der kaiserlichen Post recommandirt abgeschickt worden und deshalb darf nicht angezweifelt werden, daß dieselben von Ihnen erhalten und gelesen worden. Durch meine in denselben ausgesprochene Offenherzigkeit hoffte ich Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit auf mich zu lenken; doch blieben Ihre barmherzigen Gefühle fern von mir, dem Unglücklichen! Nach dem Tode meiner Freundin, Agrippina Iwanowna, in der peinlichsten und armseligsten Lage mich befindend, setzte ich nach ihren Worten meine ganze Hoffnung auf Ihre Gutherzigkeit. Ihre Taute, das Ende ihres Lebens herannahen fühlend, sprach zu mir die folgenden, gleichsam ihren letzten Willen offenbarenden und mir für immer erinnerlichen Worte: Mein Freund, ich war eine Schlange für Dich – und die Ursache Deines ganzen Unglückes: ich fühle, wie viel Du mir geopfert hast – und dafür verlasse ich Dich in der unglückseligsten Lage; wende Dich aber nach meinem Tode an Frau Raißa Pawlowna – das heißt also zu Ihnen – und bitte, rufe Sie um Hilfe an! Sie hat ein fühlendes Herz und ich bin sicher, daß sie Dich, den Verwaisten, nicht verlassen wird. – Gnädige Frau, ich rufe zum Zeugen den Allerhöchsten Erschaffer der Welt an, daß dies ihre Worte sind, daß ich ihre Sprache führe; deshalb von Ihrer Tugend überzeugt, wandte ich mich zuvörderst an Sie mit meinen offenherzigen und aufrichtigen Briefen. Doch da ich nun nach langem Warten keine Antwort bekommen habe, konnte ich nicht umhin zu meinen, daß Ihr tugendhaftes Herz mich unbeachtet gelassen hat! Ein solches Nichtwohlwollen Ihrerseits stürzt mich in die größte Verzweiflung! An wen soll ich Unglücklicher mich wenden? Mein Verstand ging mir verloren! Mein Geist schweifte umher – endlich zu meinem gänzlichen Verderben wollte die Vorsehung mich noch schrecklicher heimsuchen und lenkte meine Gedanken ebenfalls auf eine bereits Verstorbene, ebenfalls Ihre Tante, auf Theodulia Iwanowna, die Schwester von Agrippina Iwanowna, von demselben Vater, derselben Mutter – doch nicht von demselben Gemüthe! In meiner Einbildung mir vorstellend, daß ich bereits über zwanzig Jahre Ihrem ganzen Lomoffschen Hause ergeben war – und namentlich der Theodulia Iwanowna, welche Agrippina Iwanowna nicht anders, als mein »Herzchen« und mich »den geehrten Helfer unserer Familie« nannte – mir das Alles in der an Seufzern und Thränen reichen Ruhe schmerzlicher Schlaflosigkeit vorstellend, glaubte ich: so muß es also sein, und wandte mich mit meinen Briefen an Theodulia Iwanowna und erhielt von ihr die feste Versicherung, daß sie das letzte Stückchen Brot mit mir theilen wolle! Die von mir gebrachten Geschenke, über 500 Rubel Werth, wurden mit der größten Zufriedenheit von ihr angenommen und ebenso das Geld, das ich zu meinem Unterhalt hatte, beliebte Theodulia Iwanowna zur Verwahrung an sich zu nehmen; ich aber schlug es ihr zu Gefallen nicht ab. Wenn Sie mich aber fragen, woher ich ein solches Vertrauen in sie setzte, so habe ich, gnädige Frau, nur eine Antwort darauf: Sie war die Schwester von Agrippina Iwanowna und gehörte zu der Lomoff’schen Familie! Doch ach! und abermals ach!t Das ganze Geld ging mir verloren – und die Hoffnung, die ich auf Theodulia Iwanowna setzte – die ja ihr letztes Stückchen Brot mit mir theilen wollte erwies sich als Täuschung, als leerer Wahn! – Im Gegentheil, mit meinem Bischen Vermögen hat sich Theodulia Iwanowna noch gütlich gethan! Und zwar hatte ich das Vergnügen, ihr zu ihrem Namenstage, den fünften Februar, grünen französischen Stoff für 50 Rubel, die Elle zu 5 Rubel, zu überreichen – ich aber erhielt weißen Piqué zur Weste und ein Halstuch aus Gaze – die in meiner Gegenwart, und wie mir bekannt wurde, für mein Geld gekauft wurden – und das ist Alles, was ich von der Wohlthätigkeit der Theodulia Iwanowna genossen habe! Das ist ihr letztes Stückchen Brot! Und ich könnte noch weitere, nichts weniger als wohlwollende Handlungen von Theodulia Iwanowna gegen mich in voller Wahrheit offenbaren – ebenso wie meine, alles Maß übersteigenden Ausgaben für sie, so unter Anderem für Confecte und Früchte, von denen Theodulia Iwanowna die größte Liebhaberin war – doch verschweige ich das Alles, damit Sie eine solche Aufklärung über eine Verstorbene nicht übel deuten – und außerdem habe ich, da Gott sie vor Sein Gericht gerufen – und Alles, was ich von ihr erduldet, in meinem Herzen begraben ist· – bereits als Christ ihr schon lange verziehen und bete zu Gott, daß auch Er ihr verzeihe! Können Sie aber, gnädige Frau Raißa Pawlowna, mir übel anrechnen, daß ich ein treuer und wirklicher Freund Ihrer Familie war, und daß ich so sehr und unwiderstehlich Agrippina Iwanowna liebte, ihr mein Leben opferte, meine Ehre, mein Vermögen für sie hingab? daß ich in voller Abhängigkeit von ihr war und deshalb weder mit mir selbst, noch mit meinem Vermögen frei schalten konnte – sondern sie verfügte nach ihrem Willen sowohl über mich, als über mein Vermögen! Ihnen wird es ebenfalls bekannt sein, daß ich in Folge ihres Auftrittes mit einem Leibeigenen unschuldig die größten Beleidigungen erduldete – diesen Proceß habe ich nach ihrem Tode dem Senate, dem sechsten Departement übergeben – noch bis heute ist er nicht entschieden – und man hat mich darin als ihren Helfershelfer dargestellt, unter Curatel gesetzt und noch stehe ich unter Aufsicht des Criminalgerichtes! Bei meinem Range, in meinen Jahren ist eine solche Schmach unerträglich! Und es bleibt mir nur übrig, mein Herz durch den Gedanken zu trösten, daß ich auch nach dem Tode von Agrippina Iwanowna für sie leide! – das offenbart wohl meine unwandelbare Liebe und unerschütterliche Dankbarkeit!

»In den bereits erwähnten Briefen an Sie brachte ich es zu Ihrer Kenntniß, wie in allen Einzelheiten die Beerdigung von Agrippina Iwanowna vor sich ging – ebenso, wie die Leichenmesse abgehalten wurde. – Meine Freundschaft und meine Liebe zu ihr kannten keine Grenzen! Für dies Alles – für die Lichter, Weihrauch, Wein, die zur Seelenmesse gebraucht wurden, so wie für das sechs Wochen hindurch ununterbrochen währende Lesen der Gebete für ihr Seelenheil – außerdem gingen mir 50 Rubel Assignationen, die ich als Draufgeld für den Grabstein gegeben, verloren – für dies Alles habe ich von meinem Gelde 750 Rubel in Assignationen ausgegeben – 150 Rubel für den Kauf eines Platzes auf dem Kirchhof mit eingerechnet!

»Daß doch Deine wohlthätige Seele den Ruf eines Verzweifelten und in den Abgrund der schrecklichsten Qualen Gestürzten anhören möge! Nur Dein Mitgefühl und Deine Menschenliebe können einem Verlorenen das Leben wiedergeben! Zwar lebe ich noch – doch in Anbetracht der Leiden meiner Seele und meines , Herzens bin ich todt – ich bin todt, wenn ich bedenke, was ich war – und was ich bin! Ein Krieger war ich, diente meinem Vaterlande treu und in Wahrheit, wie es einem ächten Russen und treuen Unterthan unleugbar geziemt! – War ausgezeichnet worden durch nur seltene Anerkennungszeichen – hatte ein, meiner Geburt und meinem Range entsprechendes Vermögen – und jetzo beuge ich meinen Rücken krumm, um nur ein täglich Brot zu haben – ich bin todt, wenn ich namentlich bedenke, welchen Freund ich verloren . . . wie soll ich nach dem Allen noch leben? Doch seinen Lebenslauf verkürzt man nicht, noch thut , sich die Erde auf, eher wird sie zu Stein! Deshalb rufe ich Dich an, tugendhafte Seele, gebiete Schweigen dem Gerede, laß Dich nicht von Allen verdammen – daß ich für eine solche grenzenlose Ergebenheit, wie die meinige, kein Obdach habe, setze Alle durch die mir erwiesene Wohlthat in Verwunderung, wende die Zunge der Boshaften und Neider zur Verherrlichung Deiner Vorzüge! – Und höre, wage ich mit aller Demuth hinzuzufügen, Deine theure Tante im Grabe, die unvergeßliche Agrippina Iwanowna, welche für Deine rechtzeitige, mir gewidmete Hilfe, durch meine Gebete, ihre segnenden Hände über Dein Haupt breiten wird. Gieb Ruhe für die letzten Tage dem vereinsamten Greise, der ein anderes Schicksal erhoffen durfte! Im Uebrigen habe ich mit tiefer Ehrerbietung das Glück, mich zu zeichnen,

Gnädige Frau,

als Ihren ergebenen Diener
Wassilij Guskoff,
Oberst und Ritter.«

Einige Jahre darauf besuchte ich wieder das Dörfchen meines Freundes . . . Wassilij Thomitsch war schon lange todt! Er war bald nach meinem Dortsein gestorben. »Gurke« aber lebte noch. Er führte mich zum Grabe von Agrippina Iwanowna. Ein eisernes Gitter umgab einen großen Grabstein, auf dem eine ausführliche und glänzende Grabschrift prangte! Dicht daneben, wie zu ihren Füßen, erblickte ich eine kleine Erhöhung mit einem zur Seite geneigten Kreuze: Der Knecht Gottes Oberst und Ritter Wassilij Guskoff ruht unter diesem Hügel . . . Seine Asche hat endlich ein Plätzchen gefunden neben der Asche des Wesens, dem er mit einer solchen grenzenlosen, ja unsterblichen Liebe zugethan war!

1.eine Art Dünn- oder Weißbier.

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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
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