Kitabı oku: «Der Raufbold»
I
Im Jahr 1829 lag das zweite Kürassier-Regiment in dem Dorfe Kirilowo im Gouvernement Kolomna in Garnison. Mit seinen Hütten und Heuschobern, seinen grünen Hanffeldern und hohen Bohnenranken nahm dieses Dorf von fern sich aus wie eine Insel inmitten eines unabsehbaren Meeres aufgepflügter schwarzer Felder.
Mitten im Dorf lag ein kleiner, ewig mit Gänsefedern bedeckter Weiher mit schmutzigen aufgewühlten Ufern. Etwa hundert Schritt von dem Weiher, an der andern Seite der Landstraße, gewahrte man das aus Holz erbaute Herrenhaus. Es stand schon seit gekannter Zeit leer und hatte sich, als wollte es umfallen, melancholisch auf die Seite geneigt. Hinter dem Hause zog sich ein verwahrloster Garten hin. Darin standen alte Apfelbäume, die keine Früchte mehr trugen, und hohe Birken, auf denen ganze Schwärme von Krähen ihre Nester gebaut. Am Ende der Hauptallee, in einem kleinen Häuschen, das in früheren Zeiten der Herrschaft als Badestube gedient hatte, wohnte ein gebrechlicher Haushofmeister, der sich nach alter Gewohnheit jeden Morgen hustend und keuchend durch den Garten nach dem Herrenhause schleppte, obgleich er darin weiter nichts im Stand zu halten hatte als ein Dutzend Lehnstühle mit verschossenem weißem Bezug, zwei dickbäuchige Commoden mit geschweiften kurzen Füßen und Messinggriffen, vier durchlöcherte Bilder «und die Alabasterstatue eines Negers, dem die Nase abgeschlagen war.
Der Eigenthümer dieses Hauses, ein junger sorglos in den Tag lebender Mann, hielt sich bald in Petersburg, bald im Auslande auf – sein Gut hatte er ganz und gar vergessen. Er hatte es vor acht Jahren von einem alten Oheim geerbt, der einst in der ganzen Gegend wegen seiner ausgezeichneten Liqueure bekannt gewesen war. Noch jetzt lagen in der Vorrathskammer die leeren dunkelgrünen Flaschen unter allerlei Gerümpel: vollgeschriebenen Heften mit bunten Umschlägen, alten Krystall-Kronleuchtern, Hofcostümen aus der seit Katharinas der Zweiten, einem verrosteten Degen mit Stahlgriff u.s.w.
In dem einen der beiden Flügel hatte der Oberst sich einquartirt – ein verheiratheter Mann, von hohem Wuchs, wortkarg, bärbeißig und schläfrig. In dem andern wohnte sein Adjutant, ein gefühlvoller und stets parfümirter Soldat, zudem ein besonderer Liebhaber von Blumen und Schmetterlingen.
Die Herren Offiziere dieses Regiments unterschieden sich in nichts von ihren Kameraden in allen andern Regimentern. Es gab unter ihnen gute und schlechte, kluge und dumme . . .
Einer von ihnen, ein gewisser Alexis Iwanowitsch Lutschkoff, seinem Range nach Stabsrittmeister, galt für einen Raufbold. Lutschkoff war von untersetzter Statur – eine nichts weniger als stattliche Erscheinung. Er hatte ein kleines gelblich-trockenes Gesicht, dünnes schwarzes Haar, gewöhnliche Züge und kleine dunkle Augen. Schon als Kind hatte er seine Eltern verloren, und so war er in Noth und Armuth aufgewachsen. Ganze Wochen lang konnte er sich durchaus friedfertig benehmen, aber dann war’s mit einem Mal, als wär’ er vom Teufel besessen: Alle belästigte, Alle ärgerte er. Allen warf er dreiste herausfordernde Blicke zu, und so kam es denn zu Händeln. Uebrigens stand Lutschkoff mit keinem seiner Kameraden auf feindseligem Fuße, wenngleich er nur mit einem dem parfümirten Adjutanten, befreundet war . . . Er trank weder Wein, noch spielte er Karten . . .
Im Mai 1829, kurz nach Beginn der Uebungen, trat ein junger Cornet Namens Fedor Fedorowitsch Kister in das Regiment ein. Er stammte, obgleich ein echter Russe, aus einer deutschen Adelsfamilie, war sehr blond und sehr bescheiden, gebildet und wohlerzogen. Bis zu seinem zwanzigsten Jahr hatte er stets im elterlichen Hause gelebt unter den Fittigen der Mutter, Großmutter und zweier Tanten. In die Armee war er einzig und allein aus den dringenden Wunsch seiner Großmutter eingetreten, die sogar noch in ihren alten Tagen keinen weißen Federbusch sehen konnte, ohne in Aufregung zu gerathen.
Er widmete sich dem Dienst ohne sonderliche Lust: doch bewies er viel Eifer und that gewissenhaft seine Pflicht. Er war nie stutzerhaft, aber immer sauber und vorschriftsmäßig gekleidet. Gleich am Tage seiner Ankunft meldete sich Kister bei dem Commandirenden; dann begann er sofort seine Wohnung einzurichten. Er hatte Teppiche, Wandbretter, billige Tapeten u.s.w. mitgebracht, womit alle Wände und Thüren beklebt und bedeckt wurden. Sodann ließ er verschiedene spanische Wände aufstellen, den Hof reinigen, den Pferdestall und die Küche in Stand setzen und sogar eine Badestube einrichten . . .
Eine ganze Woche nahm ihn diese Arbeit in Anspruch. Aber dafür war es auch ein wahres Vergnügen, sein Zimmer zu betreten. Vor dem Fenster stand ein Tisch, der mit allerlei Sächelchen bedeckt war; in einer Ecke befand sich ein Gestell mit Büchern und den Büsten Schillers und Goethes; an den Wänden hingen Landkarten, vier Studienköpfe und eine Jagdflinte; neben dem Tische war in gefälliger Ordnung eine Reihe Pfeifen mit eleganten Spitzen aufgestellt: der Boden war vollständig mit Teppichen bedeckt: sämtliche Thüren schlossen und die Fenster waren mit Gardinen versehen – kurz, Alles in dem Zimmer des jungen Cornets athmete Ordnung und Sauberkeit.
Wie anders sah es bei seinen Kameraden aus! Nur mit Mühe gelangte man über den schutzigen Hof; in der Vorstube saß der Bursche des Offiziers hinter einem zerrissenen Schirm aus Segeltuch und schnarchte, am Boden lag faules Stroh: auf dem Herd standen die Stiefel und ein Pomadentopf mit Glanzwichse. Im Zimmer selbst gewahrte man einen buckligen, mit Kreide beschriebenen Spieltisch; und auf dem Tische standen Gläser, die halb mit kaltem dunkelbraunem Thee gefällt waren. An der Wand befand sich ein breites fettiges Sopha, das halb aus den Fugen war; auf dem Fensterbret lag Cigarrenasche, und auf einem plumpen runden Lehnstuhl saß der Herr selbst in grasgrünem Schlafrock mit hellrothen Plüschaufschlägen und mit einer gestickten asiatischen Mütze auf dem Kopf; neben dem Herrn aber lag schnarchend ein unförmlich dicker boshafter Hund mit schmutzigem Messinghalsband . . . Keine einzige Thür schloß . . .
Alle mochten den Cornet gern leiden. Man liebte ihn wegen seiner Liebenswürdigkeit, Bescheidenheit, warmen Herzlichkeit und der ihm angebornen Neigung »für alles Schöne« – kurz wegen all der Eigenschaften, die man an einem andern Offizier vielleicht unpassend gefunden hätte. Man hatte Kister den Spitznamen »Jüngferchen« beigelegt und beobachtete gegen ihn eine fast zärtliche Höflichkeit.
Nur Lutschkoff sah ihn mit scheelen Blicken an. Eines Tages trat er nach dem Exerciren mit zusammengepreßten Lippen und weit geöffneten Nüstern auf ihn zu.
»Guten Tag, Herr Knaster.«
Kister sah ihn unentschlossen an.
»Ich mache Ihnen mein Compliment, Herr Knaster,« fuhr Lutschkoff fort.
»Ich heiße Kister, werther Herr Lutschkoff.«
»Was liegt am Namen, Herr Knaster!«
Kister drehte ihm den Rücken und ging nach Hause. Lutschkoff blickte ihm höhnisch nach.
Am folgenden Tage trat er sofort nach dem Exerciren wieder auf Kister zu.
»Nun, wie geht’s Ihnen, Herr Kinderbalsam?«
Kister erbebte und sah ihm gerad’ in’s Gesicht. Die kleinen galligen Augen Lutschkoffs funkelten vor boshafter Freude.
»Ja, mit Ihnen red’ ich, Herr Kinderbalsam!«
»Mein werther Herr.« antwortete Kister, »ich finde Ihren Scherz dumm und unpassend – haben Sie mich verstanden? Dumm und unpassend!«
»Wann schlagen wir uns?« entgegnete Lutschkoff gelassen.
»Sobald es Ihnen beliebt . . . meinetwegen morgen.«
Am folgenden Morgen fand das Duell statt.
Lutschkoff brachte Kister eine leichte Verwundung bei, worauf er zum größten Erstaunen der Sekundanten aus den Cornet zutrat, seine Hand ergriff und ihn um Verzeihung bat.
Kister mußte vierzehn Tage das Zimmer hüten; während derselben besuchte der Rittmeister den Kranken einige Mal, und als der Cornet wieder ausgehen konnte, waren die Beiden mit einander befreundet. Hatte ihm die entschlossene Haltung des jungen Offiziers gefallen oder war in seiner Brust etwas wie Reue erwacht – das ist schwer zu entscheiden. Jedenfalls schloß Lutschkoff seit diesem Vorfall sich eng an Kister an und nannte ihn erst Fedor und dann vertraulich Fedja. In seiner Gegenwart wurde er ein anderer Mensch – aber seltsam! nicht zu seinem Vortheil. Freundlichkeit und Höflichkeit kleideten ihn nicht. Trotzdem vermochte er Niemandem Theilnahme einzuflößen; so war nun einmal sein Geschick! Er gehörte zu den Menschen, denen gleichsam die Macht verliehen ist, über andere zu herrschen; aber die Natur hatte ihm die Eigenschaften versagt, welche nothwendig sind um eine solche Macht zu rechtfertigen.
Da er weder Bildung noch Geist besaß, durfte er sich in seiner wahren Gestalt nicht zeigen. Vielleicht wurzelte sein rauhes Wesen nur in dem Bewußtsein, daß er eine mangelhafte Erziehung genossen, und in dem Wunsche, sich vollständig hinter einer starren Maske zu verstecken.
Lutschkoff hatte sich anfangs nur den Anschein geben wollen, als verachte er die Menschen. Aber gar bald merkte er, daß es nicht schwer hält, sie einzuschüchtern, und so begann er sie wirklich zu verachten. Es that ihm wohl, dass bei seinem bloßen Erscheinen jedes einigermaßen ernste Gespräch sofort abgebrochen wurde.
»Ich weist nichts und habe nichts gelernt, auch besitze ich keinerlei Fähigkeiten, dachte er bei sich, »darum wißt auch ihr nichts und sollt mir gegenüber nicht mit euern Talenten prahlen . . . «
Vielleicht war der Raufbold bei Kister nur darum endlich aus der Rolle gefallen, weil er bis dahin niemals einem wirklichen »Idealisten« begegnet war – d. h. einem Wesen, das ehrlich und uneigennützig nach Idealen strebte und darum frei war von Selbstsucht, und gegen seine Mitmenschen Nachsicht übte.
Gar oft suchte Lutschkoff den Cornet des Morgens in seiner Wohnung auf. Dann steckte er sich eine Pfeife an und setzte sich still auf einen Stuhl. Kister gegenüber schämte er sich seiner Unwissenheit nicht, er verließ sich, und zwar nicht ohne Grund, auf dessen deutsche Bescheidenheit.
»Nun,« begann er nach einer Weile, »was hast Du gestern gemacht? Natürlich wieder gelesen, wie?«
»Ja . . . «
»Und was hast Du eigentlich gelesen? Erzähl mir das doch mal Freundchen,« fuhr Lutschkoff mit einem leisen Anflug von Spott fort.
»Ich habe das Idyll von Kleist gelesen. Ach, wie schön das ist! Wart’, ich will Dir ein paar Strophen übersetzen.«
Und Kister begann mit Begeisterung zu übersetzen, während Lutschkoff die Stirn runzelte, die Lippen zusammenbiß und aufmerksam zuhörte . . .
»Ja, ja.« sprach er hastig mit einem unangenehmen Lächeln, »hübsch . . . sehr hübsch . . . Sag mal,« fügte er dann langsam und gleichsam einem inneren Drange gehorchend hinzu, »sag’ mal, wie denkst Du über Ludwig XlV?«
Und Kister theilte ihm seine Ansicht über Ludwig XIV. Mit. Lutschkoff hörte ihm zu: vieles verstand er gar nicht, manches faßte er falsch aus, und so entschloß er sich endlich, eine Bemerkung zu machen. Das brachte ihn jedoch in große Verlegenheit. Wenn ich eine Dummheit sagte! dachte er. Und in der That sagte er gar oft Dummheiten, aber Kister gab ihm niemals eine scharfe Antwort; der brave Jüngling freute sich von Herzen, das; er in diesem Manne das Verlangen nach Erkenntniß geweckt hatte. Leider fragte Lutschkoff den Cornet nicht aus Wissensdurst! Warum eigentlich – das mag Gott wissen. Vielleicht wollte Lutschkoff mit sich selbst darüber in’s Klare kommen ob er wirklich ein Dummkopf sei oder ob es ihm nur an Kenntnissen fehle.
»Ja, ich bin wirklich ein dummer Mensch,« murmelte er manchmal mit bitterem Lächeln vor sich hin. lind dann richtete er sich plötzlich gerade auf und blickte mit einem unverschämten, boshaften Hohnlächeln um sich herum, wenn er bemerkte, daß irgend einer seiner Kameraden den Blick vor ihm senkte . . .
Die Herren Offiziere unterhielten sich nicht allzu lange über die Freundschaft, welche plötzlich zwischen Kisters und Lutschkoff entstanden war; bei dem Raufbold waren sie an allerlei Seltsamkeiten längst gewöhnt. »Der Teufel hat mit einem Kinde Freundschaft geschlossen,« sagten sie . . . Kister rühmte seinen neuen Freund überall mit großer Wärme; Niemand widersprach ihm, da man sich vor Lutschkoff fürchtete. Dieser nannte in Anderer Gegenwart niemals den Namen des Cornets, aber er hatte den Verkehr mit dem parfümirten Adjutanten vollständig aufgegeben.
II
Die Gutsbesitzer in Südrußland lieben es, von Zeit zu Zeit große Bälle zu geben und zu denselben die Herren Offiziere einzuladen, damit ihre heirathsfähigen Töchter die nöthigen Bekanntschaften machen können.
Etwa zehn Werst von dem Dorfe Kirilowo wohnte solch ein Gutsbesitzer, ein gewisser Perekatoff. Er besaß etwa vierhundert Seelen und ein recht hübsches Wohnhaus. Seine einzige achtzehnjährige Tochter hieß Marja, seine Frau Nenila Makarjewna. Herr Perekatoff hatte in seiner Jugend bei der Cavallerie gedient, aber aus Trägheit und aus Vorliebe für das Landleben seinen Abschied genommen, um für den Rest seines Lebens jenes ruhige Dasein zu führen, das dem nur mittelmäßig begüterten Landadel zur Gewohnheit geworden ist. Nenila stammte in nicht ganz legitimer Weise von einem hohen Würdenträger in Moskau ab.
Ihr Beschützer ließ sie in seinem eigenen Hause sehr sorgfältig erziehen. Aber bei der ersten Gelegenheit entledigte er sich ihrer mit einer gewissen Hast – wie einer Waare von zweifelhaftem Werthe. Denn Nenila war nicht schön und der hohe Würdenträger hatte ihr nur eine Mitgift von zehntausend Rubel ausgesetzt. Sie nahm Herrn Perekatoffs Antrag mit Freuden an, und Herr Perekatoff schätzte sich glücklich, dass er eine so gebildete und kluge und mit einem so hohen Würdenträger verwandte Dame zur Frau erhielt. Auch nach der Hochzeit ließ der hohe Herr dem jungen Paar noch gnädig seinen Schutz angedeihen, das heißt, er geruhte die Wachteln anzunehmen, welche Perekatoff ihm schickte und redete ihn mit »lieber Freund«, ja bisweilen sogar mit dein vertraulichem »Du« an.
Nenila hatte ihren Mann vollständig unter dem Pantoffel und führte nicht bloß das Regiment im Hause, sondern leitete auch die Verwaltung des Gutes; aber sie verwaltete es in sehr verständiger Weise und jedenfalls weit besser, als es Herr Perekatoff gethan hätte. Sie ließ ihn sein Joch nicht zu schwer fühlen, hielt ihn jedoch sehr kurz. Sie bestimmte, welchen Anzug er zu tragen hatte, sie verordnete, das; er sich nach englischer Mode kleiden müsse; auf ihren Befehl ließ er sich ein spanisches Kinnbärtchen wachsen, um auf diese Weise eine große Warze verbergen zu können, welche einer reifen Himbeere glich. Allen Fremden, die ins Haus kamen, erzählte Nenila, ihr Mann spiele die Flöte und alle Flötenspieler ließen sich am Kinn die Haare wachsen, um bequemer das Instrument halten zu können.
Herr Perekatoff erschien bereits am frühen Morgen mit hohem sauberem Halstuch und sorgfältig gekämmt und gewaschen. Uebrigens war er mit seinem Geschick vollkommen zufrieden, er speiste immer sehr gut, that was er wollte und schlief so lange er konnte. Wie die Nachbarn behaupteten, hatte Nenila eine »fremde Hausordnung« eingeführt; das heißt, sie hielt sich nur wenig Dienstboten und kleidete dieselben anständig. Unablässig nagte an ihr der Wurm des Ehrgeizes; sie wünschte, daß der Adel ihren Mann für irgend ein Amt ausersehen möchte; aber die Junker des Kreises ließen sich zwar Nenilas vortreffliche Speisen schmecken, gaben jedoch bei den Wahlen nicht ihrem Manne die Stimmen, sondern bald dem Generalmajor a. D. Burkholz, bald dem Major a. D. Burundukoff. Herr Perekatoff kam ihnen wie ein großstädtischer Stutzer vor.
Die Tochter glich dem Vater. Nenila hatte sehr viel Mühe auf ihre Erziehung verwendet. Sie sprach vorzüglich französisch und spielte leidlich Clavier. Sie war von Mittelgröße, ziemlich gut entwickelt und ein wenig blass: ihr etwas volles Gesicht war beständig belebt von einem freundlichen fröhlichen Lächeln; ihr blondes, wenn auch nicht sehr dichtes Haar, die schwarzen Augen und die angenehme Stimme machten sie zu einer gefälligen Erscheinung. Dazu kam, daß sie weder affectirt war, noch Vorurtheile hegte, eine für ein Steppenfräulein ungewöhnliche Bildung besaß und in Rede und Benehmen sich einfach und ungezwungen zu geben wußte – das alles fiel Einem unwillkürlich auf. Sie hatte sich ganz frei entwickelt; Nenila legte ihr in keiner Weise irgend welchen Zwang auf . . .
Eines Tages war die ganze Familie um die Mittagsstunde im Gastzimmer vereint. Perekatoff stand in grünem Rock, mit hohem carrirtem Halstuch und erbsenfarbenen Beinkleidern nebst Stiefeletten an einem Fenster und fing mit großer Aufmerksamkeit Fliegen. Die Tochter saß hinter ihrem Stickrahmen; langsam und graziös hob und senkte sich ihre kleine volle Hand hinter dem Canevas. Nenila saß auf dem Sopha und blickte schweigend vor sich hin.
»Sag mal, Sergey Sergejitsch,« wandte sie sich an ihren Mann, »hast Du die Einladung an das Regiment geschickt?«
»Die zu heut Abend? Jawohl, ma chère!« (Es war ihm verboten sie mit dem russischen »Mátuschka«, Mütterchen anzureden.) »Jawohl, versteht sich!«
»Wir haben nicht Herren genug« fuhr Nenila fort. »Die jungen Damen wissen nicht, mit wem sie tanzen sollen.«
Ihr Mann seufzte, als wäre er tief betrübt über diesen Mangel an Herren.
»Mama,« begann plötzlich Marja, »ist Herr Lutschkoff auch eingeladen?«
»Welcher Herr Lutschkoff?« .
»Einer von den Offizieren. Er soll ein sehr interessanter Mann sein.«
»Wirklich!«
»Ja . . . schön ist er nicht und auch nicht mehr jung, aber alle fürchten sich vor ihm. Er ist ein schrecklicher Duellant.« (Mama zog die Brauen zusammen.) »Ich möchte ihn sehr gern einmal sehen.«
»Dann würdest Du was Rechtes zu sehen bekommen.« nahm Perekatoff das Wort. »Du denkst wohl, er sei eine Art Lord Byron?« (Man begann damals in Russland gerade von Byron zu sprechen.) »Dummes Zeug. Siehst Du, mein Kind, auch ich galt meiner Zeit für einen gefährlichen Händelsucher!«
Marja sah den Vater verwundert an, sprang dann lächelnd auf ihn zu und küßte ihn auf die Wangen. Auch Nenila mußte lächeln; aber Perekatoff hatte nicht gelogen.
»Ich weiß nicht, ob dieser Herr ebenfalls kommt,« fuhr die Mutter fort. »Möglich, dass er uns die Ehre erweist.«
Die Tochter seufzte.
»Na, na, daß Du Dich nicht in ihn verliebst!« bemerkte Perekatoff. »Ich weiß, heutzutage schwärmt ihr jungen Damen gern für solche Leute . . .«
»Ich nicht,« antwortete Marja naiv.
Nenila warf ihrem Manne einen kalten Blick zu. Perekatoff begann verlegen mit seiner Uhrkette zu spielen, ergriff dann seinen breitkrämpigen englischen Hut und ging hinaus auf dem Hof. Demüthig und schüchtern folgte ihm der Hund. Das kluge Thier wußte sehr wohl, daß sein Herr im Hause nicht viel zu sagen hatte, und benahm sich deshalb vorsichtig und bescheiden.
Nenila näherte sich der Tochter, hob sanft ihr Köpfchen und schaute ihr freundlich in die Augen. »Nicht wahr, Du sagst mir’s, wenn Du Dich verliebst?« sagte sie.
Marja küßte lächelnd der Mutter die Hand und bewegte mehrmals zustimmend den Kopf.
»Vergiß es nicht,« fuhr die Mutter fort, streichelte ihr die Wange und folgte ihrem Mann.
Marja lehnte sich im Stuhl zurück, der Kopf sank auf die Brust, die Hände falteten sich. Lange schaute sie so mit blinzelnden Augen durch’s Fenster . . . Eine leichte Röthe spielte auf ihren frischen Wangen. Dann richtete sie sich seufzend wieder auf, wollte ihre Stickerei von Neuem vornehmen, ließ die Nabel fallen, stützte das Gesicht auf die Hand und versank, kaum merklich an den Nagelspitzen kauend in Träumerei . . .
Nach einer Weile blickte sie über die Schulter zurück, betrachtete den ausgestreckten Arm, stand auf, trat vor den Spiegel, setzte sich lächelnd den Hut auf und ging hinaus in den Garten . . .
Abends gegen acht Uhr begannen die Gäste sich einzufinden. Frau Perekatoff empfing und unterhielt mit großer Liebenswürdigkeit die älteren Damen; ihre Tochter unterzog sich derselben Aufgabe gegenüber den jungen Damen, und der Herr vom Hause redete mit den Gutsbesitzern von Wirthschafts-Angelegenheiten wobei er sich beständig nach seiner Gattin umblickte. Allmählich erschienen auch die jungen Provinzialstutzer – sie kamen absichtlich etwas spät – und endlich der Herr Oberst, begleitet von seinem Adjutanten, Kister und Lutschkoff, welche er der Dame vom Hause vorstellte. Kister murmelte das übliche »sehr angenehm«, während Lutschkoff sich nur stumm verbeugte. Herr Perekatoff eilte sofort auf den Oberst zu, drückte warm die Hand und blickte ihm gerührt in die Augen. Der Oberst machte gleich ein finsteres Gesicht.
Der Tanz begann. Kister engagirte die Tochter vom Hause. Der Ball wurde mit einer Ecossaise eröffnet, einem Tanze, der damals noch sehr in Mode war.
»Sagen Sie mir doch,« sprach Marja, als sie einige Male die Runde gemacht hatten und nun unter den ersten Paaren standen, »warum tanzt Ihr Freund nicht?«
»Mein Freund – wen meinen Sie?«
Marja zeigte mit dem Fächer nach Lutschkoff.
»Der tanzt niemals,« entgegnete Kister.
»Warum ist er denn hierhergekommen?«
Kister lächelte. »O, er wollte gern das Vergnügen haben – —«
Marja unterbrach ihn. »Sie sind wohl erst vor Kurzem in unser Regiment eingetreten?«
»In »Ihr« Regiment?« versetzte Kister lächelnd; »ja, erst vor kurzem.«
»Und langweilen Sie sich nicht hier in unserer Gegend?«
»Aber ich bitte Sie! . . . Ich habe hier so angenehme Gesellschaft gefunden! . . . und dann die Natur . . . !«
Und Kister verbreitete sich über die Naturschönheiten Südrußlands.
Marja hörte ihm gesenkten Hauptes zu. Lutschkoff stand in einer Ecke und sah gleichgültig den Tänzern zu.
»Wie alt ist Herr Lutschkoff?« fragte sie plötzlich.
»Etwa . . . etwa fünfunddreißig,« sagte Kister.
»Er soll sehr gefährlich – sehr jähzornig sein.« fügte sie schnell hinzu.
»O, ein wenig aufbrausend . . . aber sonst ein ganz braver Mensch.«
»Wie ich höre, fürchten sich Alle vor ihm.«
Kister lachte.
»Und Sie?«
»Ich? . . . Herr Lutschkoff und ich sind gute Freude.«
,Wirklich?«
»Sie sind dran! Sie sind dran!« wurde ihnen von allen Seiten zugerufen. Die Beiden fuhren leicht zusammen und begannen wieder durch den Saal zu tanzen.
»Ich gratulire,« sprach der Cornet zu Lutschkoff, als er nach Beendigung des Tanzes seinen Freund aufsuchte; »während der ganzen Zeit hat die Tochter vom Hause nur nur von Dir gesprochen.«
»Nicht möglich!« versetzte Lutschkoff spöttisch.
»Du bist ein Glücksmensch! Sie ist ein sehr hübsches Mädchen; sieh nur!«
»Wo ist sie?«
Kister zeigte sie ihm.
»Ah! Nicht übel!«
Und Lutschkoff gähnte.
Welch’ ein Eiszapfen!« rief Kister, und damit eilte er wieder fort, um eine andere junge Dame zum Tanz aufzufordern.
Die Nachricht, welche Kister seinem Freunde überbracht hatte, that diesem trotz des Gähnens ungemein wohl. Daß er Neugierde erregte, schmeichelte seiner Eigenliebe ganz außerordentlich. In seinen Reden verachtete er die Liebe, denn er fühlte, das; es ihm sehr schwer fallen würde, Liebe zu erregen. Sehr leicht dagegen war es, den Gleichgültigen und Stolzen zu spielen. Lutschkoff war häßlich und durchaus nicht mehr jung; aber er hatte seine Person mit einer Art Nimbus umgeben, und so durfte er sich damit auch brüsten.
Allmählich hatte er sich an die bittere Befriedigung gewöhnt, welche die Vereinsammung gewährt. Nicht zum ersten Mal hatte eine Frau ihm ihre Aufmerksamkeit zugewendet; einige gar hatten sich ihm zu nähern versucht; aber mit seiner grausamen Gleichgültigkeit hatte er sie wieder von sich gestoßen. Er wußte, dass die Zärtlichkeit ihm schlecht zu Gesicht stand. (Kam es zu einer Erklärung, so war er erst unbeholfen, und dann – aus Aerger darüber – grob und beleidigend.) Er erinnerte sich einiger Frauen, die er vor Jahren gekannt; kaum schien das Verhältniß einen herzlichen Charakter annehmen zu wollen, da wurden sie von einem so eisigen Gefühl der Abneigung erfaßt, dass sie sich augenblicklich von ihm zurückzogen. So war er denn schließlich dahin gekommen ein räthselhaftes Wesen anzunehmen und das zu verachten, was das Schicksal ihm versagt hatte. . . Eine andere Verachtung kennen ja die meisten Menschen nicht. Jeder ehrliche und unwillkürliche, das heißt wahre Ausbruch der Leidenschaft war für Lutschkoff etwas Unbegreifliches; er spielte selbst dann eine Rolle, wenn er aufbrauste. Nur dem jungen Cornet flößte er keinen Widerwillen ein, wenn er in höhnisches Lachen ausbrach; die Augen des braven Deutschen strahlten vor edler freudiger Antheilnahme, wenn er Lutschkoff gewisse Stellen aus seinem geliebten Schiller vorlas und dann der Raufbold mit gesenktem Kopf und verdutzter Miene vor sich hin starrte . . .
Kister tanzte, bis er vor Müdigkeit umzusinken drohte. Lutschkoff saß noch immer regungslos in seiner Ecke. Von Zeit zu Zeit blickte er mit zusammengezogenen Branen verstohlen nach Marja hinüber; aber sobald ihre Blicke sich begegneten, gab er seinem Gesicht einen gleichgültigen Ausdruck. Marja hatte bereits dreimal mit Kister getanzt. Der ehrliche, so begeisterungsfähige Jüngling hatte ihr Vertrauen gewonnen und so plauderte sie ganz ungezwungen und fröhlich mit ihm: aber in ihrem Innern fühlte sie sich beklommen . . . ihre Gedanken beschäftigten sich mit Lutschkoff.
Man intonirte die Masurka. Die Offiziere wurden lebendig; die Absätze schlugen an einander und es war, als ob die Epauletten sich bewegten; ja sogar die Civilisten begannen mit den Absätzen zu klappern. Noch immer rührte Lutschkoff sich nicht von der Stelle, teilnahmslos folgten seine Augen den durcheinander wirbelnden Paaren.
Da berührte Jemand seinen Arm . . . Er sah sich um; sein Nachbar deutete aus Marja. Da stand sie mit gesenkten Blicken vor ihm und hielt ihm die Hand entgegen. Einen Augenblick sah Lutschkoff sie erstaunt au, dann schnallte er gleichgültig den Degen ab, warf seine Mütze an die Erde, trat linkisch zwischen die Stühle, ergriff Marja bei der Hand und tanzte mit ihr durch den Saal, jedoch ohne zu hüpfen und mit den Absätzen zu klappern; es war, als erfüllte er widerwillig eine unangenehme Pflicht . . . Seiner Tänzerin pochte heftig das Herz.
»Warum tanzen Sie nicht?« fragte sie endlich.
»Ich bin kein Freund vom Tanzen,« antwortete er. »Wo ist Ihr Platz?«
»Dort.«
Lutschkoff führte Marja zu ihrem Stuhl, verbeugte sich kaltlblütig und lehrte ebenso kaltblütig in seine Ecke zurück . . . Aber in seiner galligen Brust begann es sich freudig zu regen.
Kister forderte Marja wieder zum Tanz auf.
»Welch ein seltsamer Mensch ist doch Ihr Freund.«
»Er scheint Sie ja sehr zu interessiren,« versetzte der junge Cornet, schelmisch mit seinen blauen guten Augen blinzelnd.
»Ja . . . er muß sehr unglücklich sein.«
»Er unglücklich! Wie kommen Sie auf den Einfall?« Und Kister lachte hell auf.
»Das begreifen Sie nicht . . . Das begreifen Sie nicht,« seufzte sie und schüttelte ernst mit dem Kopf.
»Warum sollt ich das nicht begreifen?«
Sie schüttelte noch einmal mit dem Kopf und sah nach Lutschkoff hinüber. Dieser bemerkte ihren Blick, zuckte leicht die Achseln und ging in ein anderes Zimmer.
III
Einige Monate sind verstrichen. Lutschkoff hat die Perekatoffs nicht ein einziges Mal wieder besucht, wogegen Kister ziemlich häufig gekommen ist. Nenila mag ihn sehr gern leiden, aber nicht sie ist es, die ihn zu diesen Besuchen veranlaßt, sondern ihre Tochter. Als unerfahrener und unschuldiger Jüngling fand er eine besondere Freude an dem gegenseitigen Austauschen von Gedanken und Empfindungen und glaubte in seiner gutmüthigen Ehrlichkeit noch an die Möglichkeit einer erhabenen, ungetrübten Freundschaft zwischen einem jungen Manne und einem jungen Mädchen.
Eines Tages führte ihn sein mit drei wohlgenährten feurigen Pferden bespannter Wagen wieder hinüber zu den Perekatoffs. Es war ein schwüler heißer Sommertag. Am ganzen Himmel nicht eine einzige Wolke. Auch am Horizont zog sich eine eigenthümlich bläuliche Nebelmaske zusammen, welche – sich ausnahm wie eine Gewitterwolke. Das Haus, welches der Familie als Sommeraufenthalt diente, war von Perekatoff erbaut worden.
Mit der dem Steppenjunker eigenen Umsicht hatte er es so einzurichten gewußt, dass die Fenster gerade der Sonne zugekehrt waren.
Schon früh Morgens hatte Nenila sämtliche Jalousien schließen lassen. Kister trat in das kühle halbdunkle Gastzimmer. Das Licht spielte am Fußboden in langen Linien, an den Wänden in kurzen dichten Streifen. Kister wurde sehr freundlich von der Familie empfangen. Nach dem Essen zog sich Nenila in ihr Schlafgemach zurück, um sich ein wenig auszuruhen: Herr Perekatoff machte es sich auf dem Sopha im Gastzimmer bequem und Marja setzte sich am Fenster hinter den Stickrahmen. Kister nahm ihr gegenüber Platz.
Ohne den Stickrahmen aufzuklappen, lehnte sie sich leicht mit der Brust dagegen und stützte den Kopf auf die Hände.
Kister begann zu erzählen. Sie hörte ihm ohne Aufmerksamkeit zu – man hätte meinen sollen, sie erwarte irgend etwas. Von Zeit zu seit blickte sie hinüber zum Vater, und mit einem mal streckte sie die Hand aus.
»Hören Sie, Fedor Fedorowitsch . . . aber sprechen Sie leise . . . Papa schlaft.«
In der That war Herr Perekatoff wie gewöhnlich eingeschlafen. Er saß da mit zurückgesunkenem Kopf und leicht geöffnetem Munde.
»Was wünschen Sie?« fragte Kister erwartungsvoll.
»Werden Sie mich auch nicht auslachen?«
»Aber ich bitte Sie . . . «
Marja senkte den Kopf – so, daß nur der obere Theil des Gesichts nicht von den Händen bedeckt war. Dann fragte sie Kister halblaut und mit einer gewissen Verwirrung warum er niemals Herrn Lutschkoff mitbringt.
Es war nicht das erste Mal, daß Marja nach jenem Ball von ihm gesprochen hatte . . .
Kister bewahrte Schweigen.
Aengstlich blicke Marja durch die verschlungenen Finger zu ihm auf.
»Darf ich Ihnen offenherzig meine Meinung sagen?« fragte Kister.
»Warum nicht? . . . Gewiß!«
»Wie mir scheint, hat Lutschkoff einen tiefen Eindruck auf Sie gemacht!«
»Durchaus nicht!« antwortete sie und neigte sich noch tiefer hinab, wie um das Muster besser prüfen zu können . . . Ein schmaler goldiger Lichtstreif spielte auf ihrem Haar. »Durchaus nicht! .
. . Aber . . . «
»Aber . . .?« wiederholte Kister lächelnd.
»Sehen Sie,« sprach Marja, plötzlich den Kopf erhebend, so daß der Lichtstreif ihr gerad in die Augen fiel: »sehen Sie . . . er . . .«
»Er interessirt Sie . . .«
»Nun . . . ja . . .« entgegnete sie zögernd, erröthete über das ganze Gesicht wandte den Kopf ein wenig zur Seite und fuhr in dieser Stellung fort:
»Er hat so etwas . . . Sehen Sie, da lachen Sie ja doch,« fügte sie plötzlich hinzu und sah den Cornet scharf an.
Um Kisters Lippen spielte ein ganz sanftes Lächeln.
»Ich sage Ihnen Alles, was mir in den Sinn kommt,« fuhr sie fort. »Ich weiß, Sie sind mir ein . . . « (treuer Freund, wollte sie sagen) . . . »Sie meinen es gut mit mir.«
Kister verneigte sich. Marja schwieg und reichte ihm schüchtern die Hand. Achtungsvoll drückte er die Spitzen ihrer Finger.
»Er muß ein großer Sonderling sein,« bemerkte sie und stützte sich wieder auf den Stickrahmen.
»Sonderling?«
»Ja . . . ueberhaupt interessirt er mich nur als Sonderling. « fügte sie schlau hinzu.
»Lutschkoff ist ein merkwürdiger, aber edler Mensch,« versetzte Kister mit feierlicher Miene. »Seine Kameraden im Regiment kennen ihn nicht: man weiß ihn nicht nach Verdienst zu würdigen, man sieht an ihm nur die äußere Schale. Freilich er ist etwas abstoßend und wunderlich, aber sein Herz ist gut.«
Marja hing förmlich an den Lippen des jungen Cornets.
»Ich bring ihn mit hierher. Ich werde ihm sagen, daß er keinen Grund habe, sich vor Ihnen zu fürchten; daß es lächerlich sei, schüchtern zu thun . . . ich werde ihm sagen – o, ich weiß schon was ich ihm sagen werde . . . aber Sie wissen gar nicht, daß ich – —«
Kister wurde verwirrt: auch Marja gerieth in Verlegenheit.
»Nun, gleichviel, wenn er Ihnen nur gefällt . . .«
»Ja, wie viele Andere mir gefallen.
« Kister sah sie verschmitzt an.
»Gut, gut,« fuhr er mit zufriedener Miene fort, »ich bringe ihn mit . . .«
»Aber nicht so ohne Weiteres – —« ,.
»Unbesorgt: ich bürge Ihnen dafür, es geschieht in ganz passender Weise . . . Ich werde das schon einzurichten wissen.«
»Sie sind ein —!« begann Marja lächelnd und drohte ihm mit dem Finger; aber sie vollendete nicht. Herr Perekatoff gähnte und schlug die Augen auf.
»Ich glaube fast, ich habe ein bischen geschlummert,« murmelte er verwundert. Diese Bemerkung machte er täglich.
Marja und Kister begannen von Schiller zu reden.
Doch war dem Cornet durchaus nicht behaglich zu Muth; in feiner Brust regte sich etwas wie Eifersucht, – und in seinem Edelmuth machte er sich deshalb Vorwürfe. Nenila kehrte ins Gastzimmer zurück; kurz daraus wurde Thee servirt. Herr Perekatoff ließ seinen Hund wiederholt über einen Stock springen und theilte der Gesellschaft mit. welche Kunststücke er dem Hunde beigebracht, wobei dieser verständnisvoll mit dem Schweif wedelte und sich blinzelnd die Schnauze leckte. Als gegen Abend die Hitze nach gelassen und ein anderer Wind sich erhob, unternahm die ganze Familie einen Spaziergang nach einem in der Nähe des Herrenhauses gelegenen Birkenwäldchen. Der Cornet wandte kein Auge von Marja ab: es war, als hätte er ihr fortwährend zu verstehn geben wollen, daß er ihren Auftrag gewissenhaft ausführen würde. Marja war bald verdrießlich, bald heiter bis zur Ausgelassenheit. Plötzlich begann Kister tnit großen Worten von Liebe und Freundschaft zu reden . . . aber mit einemmal bemerkte er Nenilas spähende scharfe Blicke; da ließ er dieses Thema sofort wieder fallen.
Hell und glanzvoll sank die Sonne hinter dem Horizont. Vor dem Birkenwäldchen dehnte sich weithin eine breite Wiesenfläche. Da kam Marja aus den Einfall, man mochte ein Fangspiel veranstalten. Man lies; die Dienerschaft holen und Herr Perekatoff stellte sich neben seine Frau, Kister neben Marja. Die Diener begannen unter schwachen unterthänigen Zurufen zu laufen; der Kammerdiener des Herrn Perekatoff hatte die Kühnheit, Nenila von ihrem Gatten zu trennen, und eine Kammerzofe ließ sich ehrfurchtsvoll von ihrem Herrn fangen; aber Kister ließ sich von Marja nicht trennen. Jedesmal wenn sie sich in die Reihe stellten, rannte er ihr hastig ein paar Worte zu. Sie war vom Laufen ganz roth geworden, hörte ihn lächelnd an und glättete sich mit der Hand beständig das Haar . . .
Nach dein Abendessen fuhr Kister wieder ab.
Es war eine ruhige sternhelle Nacht. Er nahm die Mütze vom Kopf. Er war in solcher Aufregung . . . es war ihm fast weh um’s Herz. »Ja,« dachte er, »sie liebt ihn: und ich – ich soll sie zusammenführen . . . nun, ich werde ihr Vertrauen rechtfertigen!«
Obgleich Marja noch nicht in unzweideutiger Weise zu verstehen gegeben, was sie für Lutschkoff fühlte, obgleich er nach ihrer eigenen Behauptung nur ihre Neugier erregt, arbeitete sich Kister doch schon einen ganzen Roman aus und suchte mit sich darüber in’s Klare zu kommen, welche Pflichten er zu erfüllen habe. Er beschloß, seine eigenen Gefühle zu opfern: »das kann ich um so eher,« dachte er, als ich ja außer einer aufrichtigen warmen Freundschaft bis jetzt nichts für sie empfinde.« Kister war wirklich im Stande, sich der Freundschaft der erkannten Pflicht zu opfern. Er hatte viel gelesen, und so bildete er sich ein, er besitze Erfahrung und Klugheit; er hegte nicht den leisesten Zweifel, daß alle seine Voraussetzungen richtig seien, er ahnte nicht, daß das Leben unendlich mannigfaltig ist und sich niemals wiederholt. Nach und nach wurde er geradezu begeistert über seine Opferwilligkeit und dachte mit Rührung über die Aufgabe nach, welche er hier zu lösen hatte. Der Mittler zu sein zwischen einem liebenden zaghaften Mädchen und einem Manne, der vielleicht nur darum rauh und abstoßend war, weil es ihm noch niemals beschieden gewesen, Liebe zu empfinden und zu wecken, sie mit einander in Berührung zu bringen, sie über ihre eignen Gefühle aufzuklären, und dann sich zurückzuziehen, ohne sie auch nur ahnen zu lassen, welch großes Opfer er gebracht – welch herrliche Aufgabe! Trotz der kühlen Nacht glühten dem edlen Träumer die Wangen . . .
Früh am anderen Tage begab er sich zu Lutschkoff.
Wie gewöhnlich lag dieser auf dem Sopha und rauchte die Pfeife. Kister wünschte ihm guten Morgen und sagte mit einer gewissen Feierlichkeit;
»Ich war gestern bei Perekatoffs.«
»Ah,« versetzte Lutschkoff gleichgültig und gähnte.
»Ja . . . es sind prächtige Menschen.«
»So!«
»Wir sprachen von Dir!«
»Sehr viel Ehre; mit wem sprachst Du von mir?«
»Mit den Alten . . . und auch mit der Tochter.«
»Ah,. mit dem – dicken Fräulein!«
»Sie ist ein sehr schönes Mädchen, Lutschkoff.«
»Nun ja, schön sind sie Alle.«
»Nein, Lutschkoff, Du kennst sie nicht. Ich versichere Dich, noch niemals habe ich ein so kluges, gutes und liebenswürdiges Mädchen kennen gelernt.«
»Lasest Du nicht im Hamburger Correspondent,« begann Lutschkoff näselnd zu declamiren, »wie im vorigen Jahr Münnich den Feind zu Paaren trieb?«
»Aber ich sage Dir – —«
»Du bist in die Kleine verliebt, mein Bester,« bemerkte Lutschkoff spöttisch.
»Durchaus nicht. Fällt mir gut nicht ein.«
»Fedor. Du bist verliebt!«
»Dummes Zeug! Wie wäre denn das möglich!«
»Du bist in sie verliebt, mein theurer Herzensfreund!« wiederholte der Rittmeister.
»Ach, Alexis, Du solltest Dich schämen, so etwas zu sagen!« sprach Kister ärgerlich.
Jeden Andern würde Lutschkoff jetzt erst recht geneckt haben, gegen Kister übte er Nachsicht.
»Nun, nun,« sagte er leise; »werde nicht böse, Fedor, erzähle, was hast Du auf dem Herzen.«
»Höre, Alexis,« fuhr Kister mit Wärme fort und setzte sich neben ihn. »Du weißt, ich mag Dich gern leiden.« (Lutschkoff verzog das Gesicht.) »Aber eines gefällt mir, offen gestanden, nicht an Dir: nämlich, daß Du mit Niemand nähere Bekanntschaft machen willst, beständig zu Hause hockst, die Berührung mit guten Menschen meidest. Denn schließlich giebt es doch wirklich noch gute Menschen! . . . Nun, zugegeben, daß Du im Leben Enttäuschungen erfahren, daß man Dir grausam mitgespielt hat; Du brauchst Dich ja auch nicht dem ersten Besten an den Hals zu werfen – aber warum wendest Du Dich von Allen ab? . . . Da könntest Du ja auch eines Tages mit mir brechen!«
Lutschkoff fuhr gelassen fort seine Pfeife zu rauchen.
»Die Folge davon ist, dass Niemand Dich kennt – Niemand als ich. Gott mag wissen, was alle Andern von Dir denken! . . . Alexis,« fügte Kister nach kurzem Schweigen hinzu, »glaubst Du an die Tugend?«
»Warum sollt’ ich nicht an die Tugend glauben? . . . Gewiß, ich glaube daran,« murmelte Lutschkoff.
Kister drückte ihm warm und innig die Hand.
»Ich möchte Dich,« fuhr er mit gerührter Stimme fort, »mit dem Leben versöhnen. Du sollst wieder froh werden, wieder aufblühen – ja, ja förmlich wieder aufblühen. Wie glücklich mich das machen wird! Gestatte nur, daß ich bisweilen, bei passender Gelegenheit, über Dich verfüge. Heut ist – ja was denn? Montag . . . morgen Dienstag . . . Mittwoch, ja, ja, Mittwoch fahren wir zu Perekatoffs. Sie werden sich so freuen, Dich wiederzusehen . . . und wir werden dort ein paar glückliche Stunden verleben . . . Und jetzt lass mich eine Pfeife Tabak rauchen.«
Noch immer lag Lutschkoff regungslos auf dem Sopha und blickte nach der Decke. Kister steckte sich eine Pfeife an, trat ans Fenster und begann mit den Fingern an den Scheiben zu trommeln.
»Also matt hat dort von mir gesprochen?« fragte Lutschkoff plötzlich.
»Jawohl,« entgegnete Kister mit vielsagender Miene.
»Was denn.?«
»Nun – man hat von Dir gesprochen. Man möchte gern näher mit Dir bekannt werden.«
»Wer denn eigentlich?«
»Wie neugierig Du bist!«
Lutschkoff klingelte und befahl dem Diener das Pferd zu satteln.
»Wo willst Du hin?«
»Nach der Reitbahn.«
»Na, auf Wiedersehen . . . Also Mittwoch fahren wir zu Perekatoffs?«
»Nun, meinetwegen,« sprach Lutschkoff träge und reckte sich.
»Ein merkwürdiger Mensch!« rief Kister und ging. Unterwegs versank er in Gedanken und seufzte mehrmals tief auf.
IV
Als der Besuch der Herren Kister und Lutschkoff gemeldet wurde, eilte Marja an die Thür des Gastzimmers. Aber sie wandte sich sofort wieder um, ging auf ihr Zimmer und trat vor den Spiegel . . . Heftig schlug ihr das Herz . . . Nach einer Weile erschien ihr Mädchen und sagte, sie möchte ins Gastzimmer kommen. Sie trank ein wenig Wasser, blieb auf der Treppe wiederholt stehen und ging dann hinunter.
Perekatoff war nicht zu Hause. Nenila saß auf dem Sopha. Lutschkoff hatte auf einem Sessel Platz genommen und hielt die Mütze noch in Händen; der Cornet saß neben ihm. Beide erhoben sich, als die Tochter vom Hause ins Zimmer trat – Kister mit dem ihm eignen freundlichen Lächeln, Lutschkoff mit starrem, feierlich ernstem Gesicht. Sie verbeugte sich mit einer gewissen Verlegenheit und trat dann zur Mutter.
Die ersten zehn Minuten waren glücklich überstanden. Marja athmete erleichtert auf und begann den Rittmeister zu beobachten. Er gab auf die Fragen, welche die Dame vom Hause an ihn richtete, kurze aber ein wenig unruhige Antworten; wie alle selbstsüchtigen Menschen war er etwas scheu. Nenila machte ihren Gästen den Vorschlag, einen Spaziergang durch den Park zu unternehmen; sie selbst trat jedoch nur auf den Balkon. Sie hielt es nicht für ihre Pflicht, die Tochter fortwährend im Auge zu behalten und ihr, wie die meisten Provinzialmütter, auf Schritt und Tritt mit einem dicken Strickstrumpf in den Händen nachzulaufen.
Der Spaziergang dauerte ziemlich lange. Marja sprach vorzugsweise mit Kister; aber weder ihn noch Lutschkoff wagte sie anzusehen. Der Rittmeister redete sie nicht ein einziges Mal an, und was den Cornet betraf, so hörte man es seiner Stimme an, dass er sich in einer gewissen Aufregung befand. In einem fort redete und lachte er . . .
Sie kamen an ein Flüßchen. Einige Schritt vom Ufer bemerkten sie eine Wasserlilie, die sich mit ihren breiten runden Blättern auf der glatten Oberfläche des Wassers gleichsam ansruhte.
»Welch’ eine schöne Blume!« rief Marja.
Sofort schnallte Lutschkoff seinen Degen ab, hielt sich mit der einen Hand an den dünnen Zweigen einer Weide fest, neigte sich mit dem ganzen Körper über das Wasser und schnitt die Blume vom Stengel ab.
»Es ist hier tief, nehmen Sie sich in Acht!« rief Marja erschreckt.
Lutschkoff trieb mit der Degenspitze die Blume an’s Ufer, Marja vor die Füße. Sie bückte sich, hob die Lilie auf und sah Lutschkoff mit einem Blick voll freudiger, zärtlicher Bewunderung an.
»Bravo!l« rief Kister.
»Und ich kann nicht einmal schwimmen,« bemerkte Lutschkoff leichthin.
Diese Bemerkung wollte Marja nicht gefallen. »Warum sagte er das?« dachte sie.
Die beiden Gäste blieben bis zum Abend. In Marjas Seele ging etwas Neues, Ungewöhnliches vor: wiederholt sank sie in Gedanken und auf ihrem Antlitz spiegelte sich innere Unsicherheit. Ihre Bewegungen wurden langsamer, und dem Blick der Mutter wich sie nicht aus – im Gegentheil sie schien ihn zu suchen und um Rath zu fragen. Im Laufe des Abends erwies ihr Lutschkoff einige linkische Aufmerksamkeiten; aber gerade sein linkisches Wesen schmeichelte ihrer unschuldigen Eitelkeit.
Als die beiden Freunde mit dem Versprechen, ihren Besuch in den nächsten Tagen zu wiederholen, sich verabschiedet hatten, ging sie still in ihr Zimmer und sah sich lange mit eitler Art Staunen um.
Ihre Mutter kam, wie gewöhnlich vor dem Schlafengehen zu ihr herein und umarmte und küßte sie. Marja öffnete den Mund und wollte ihr etwas sagen – aber sie brachte kein Wort heraus. Sie wollte ein Geständniß machen, aber sie wußte nicht, was sie eigentlich gestehn sollte. Ihre Seele befand sich in einem Zustande stiller Gährung.
Sie hatte die Blume, die Lutschkoff ihr gepflückt, in ein feingeschliffenes mit Wasser gefülltes Glas gelegt und dies auf den Nachttisch gestellt. Als sie schon im Bett war, richtete sie sich vorsichtig aus, stützte sich auf den linken Ellbogen und drückte die weißen frischen Blätter sanft an ihre jungfräulichen Lippen . . .
»Nun,« fragte am folgenden Tage Kister seinen Kameraden, »gefallen Dir die Perekatoffs? Hatte ich nicht recht? . . . So rede doch !«
Lutschkoff bewahrte Schweigen.
»Aber Mensch, so antworte doch!«
»Was soll ich Dir antworten?«
»Was?!’« rief Kister hitzig.
»Nun ja . . . diese – wie heißt sie doch gleich? – diese Marja ist gar nicht so übel.«
»Na, siehst Du!« versetzte Kister – und dann verstummte er plötzlich.
Fünf Tage später machte Lutschkoff selbst seinem Freunde den Vorschlag, zu den Perekatoff’s zu fahren. Allein hätte er den Besuch nicht zu machen gewagt. Fuhr er ohne den Cornet hin, so mußte er das Gespräch führen, und einer solchen Aufgabe war er nicht gewachsen.
Bei dem zweiten Besuche der beiden Freunde fühlte Marja sich schon weit freier. Jetzt freute sie sich, das; sie die Mutter nicht mit einem ungebetenen Geständniß beunruhigt hatte. Vor dem Essen wurde Lutschkoff auffordert, sich auf ein junges noch nicht zugerittenes Pferd zu setzen, und trotz der wilden Seitensprünge, die es machte, gelang es ihm, es vollständig zu bändigen.
An Abend liest er sich schon ziemlich frei gehen und lachte und scherzte; und wenn er auch bald wieder zum Bewusstsein kam, so war es ihm doch schon geglückt, für einen Augenblick einen unangenehmen Eindruck auf Marja zu machen. Noch wußte sie selbst nicht, was für Empfindungen eigentlich Lutschkoff in ihr wachgerufen, aber Alles, was ihr an ihm nicht gefiel, gab sie seinem »Unglück«, seiner Vereinsamung schuld.
V
Die Besuche der beiden Freunde wiederholten sich von jetzt an ziemlich oft. Kisters Situation wurde immer peinlicher. Er bereute nicht, was er gethan, nein; aber er wünschte doch, dass seine Prüfungszeit nicht gar zu lange währen möchte. Seine Neigung für Marja wuchs mit jedem Tage, und sie war ihm offenbar freundlich gesinnt: aber weiter nichts sein als ein Vermittler, ein Günstling oder Freund —das war ihm doch eine zu schwere und undankbare Aufgabe! Leute, die mit kaltem Blut in Begeisterung gerathen können, reden allerlei von der Heiligkeit, der läuternden und beglückenden Wirkung des Schmerzes . . . allein für das warmblütige, einfach fühlende Herz Kisters hatte der Schmerz nichts Beglückendes.
Als Lutschkoff eines Tages vollständig reisefertig zu ihm kam, um ihn abzuholen, erklärte der Cornet zum Erstaunen seines Freundes unumwunden, er fahre nicht mit zu den Perekatoffs. Lutschkoff bat, wurde ärgerlich, brauste auf . . . Kister schützte Kopfweh vor und Lutschkoff mußte allein fahren.
Der Raufbold hatte sich in der letzten Zeit sehr verändert. Er liest seine Kameraden in Ruhe, auch belästigte er die in das Regiment neu eintretenden Offiziere nicht mehr; und wenn er auch nicht moralisch »aufgeblüht« war, wie sein Freund Kister ihm prophezeit hatte, so war er doch in der That ruhiger geworden. Auch früher hatte man von ihm nicht sagen können, Erfahrungen und Enttäuschungen hätten ihn um seine Illusionen gebracht – denn er hatte fast nichts gesehen und nichts erlebt – und darum konnte es nicht Wunder nehmen, daß Marja all’ feine Gedanken beschäftigte. Weichherziger übrigens war er deshalb nicht geworden; nur daß sein galliges Wesen sich ein wenig gemildert hatte. Die Gefühle, welche Marja für ihn hegte, waren seltsamer Art. Fast niemals sah sie ihm grad ins Gesicht, auch konnte sie sich nicht mit ihm unterhalten. Waren sie zufällig allein, so ward ihr geradezu ängstlich zu Muth. Sie hielt ihn für einen außerordentlichen Menschen, zu dem sie scheu aufblickte, der ihr ganzes Wesen in Aufregung brachte, weil sie sich einbildete, sie vermöchte ihn nicht zu verstehen und verdiene nicht sein Vertrauen. Mit beklommenem Herzen, aber unablässig dachte sie an ihn.
In Kisters Gesellschaft dagegen fühlte sie sich erleichtert und zum Frohsinn gestimmt, wenn auch seine Nähe sie weder beunruhigte noch beglückte. Mit ihm konnte sie stundenlang plaudern und dabei traulich sich auf seinen Arm stützen, wie auf den eines Bruders; freundlich schaute sie ihm in die Augen und stimmte herzlich ein in sein Lachen: aber sie dachte nur selten an ihn. Lutschkoffs Wesen hatte etwas Räthselhaftes für das junge Mädchen, sie fühlte, daß sein Inneres finster war »wie der Wald« und sie versuchte, in diese geheimnißvolle Finsterniß einzudringen . . . So schauen Kinder lange hinab in den tiefen Brunnen, bis sie endlich ganz unten auf dem Grunde das unbewegliche schwarze Wasser erblicken . . .
Als Lutschkoff allein in’s Zimmer trat, überkam Marja im ersten Augenblick eine Art Schrecken: aber er mußte bald der Freude weichen. Es wollte ihr scheinen, als herrsche zwischen ihr und Lutschkoff etwas wie ein Mißverständniß, über das sie sich bisher niemals hatte Aufklärung verschaffen können.
Lutschkoff theilte zunächst mit, warum sein Freund Kister ihn nicht begleitet habe. Die beiden Alten drückten ihr Bedauern darüber aus; aber Marja blickte den Rittmeister ungläubig an – ungeduldig und erwartungsvoll sah sie seinen weiteren Mittheilungen entgegen.
Nach dem Essen blieben sie allein. Marja, die nicht wußte, was sie sagen sollte, setzte sich ans Piano: schnell und unruhig eilten ihre Finger über die Tasten: beständig unterbrach sie ihr Spiel in der Erwartung, Lutschkoff möchte zu reden beginnen . . . Aber der Rittmeister verstand nichts von Musik, ja, er liebte sie nicht einmal. Marja fing an von Rossini zu sprechen, der damals grade in Mode gekommen war . . . dann von Mozart . . .
Lutschkoff antwortete: »Ja – nein – gewiß – sehr hübsch —« weiter nichts.
Marja begann nun einige glänzende Variationen über ein Thema von Rossini zu spielen. Lutschkoff hörte zu, hörte nur immer zu . . . und als sie sich endlich nach ihm umwandte, drückte sein Gesicht eine so maßlose Langeweile aus, daß sie jäh aufsprang und das Piano augenblicklich schloß.
Sie trat an’s Fenster und blickte lange hinaus in den Garten. Lutschkoff rührte sich nicht von der Stelle und bewahrte noch immer Schweigen.
Ihre zaghafte Scheu begann endlich vor ihrer Ungeduld zu weichen.
»Wie,« dachte sie, «will oder kann er nicht reden«?!«
Jetzt war an Lutschkoff die Reihe, zaghaft zu werden. Er fühlte sich wieder von dem ihm eigenen peinigenden Mißtrauen übermannt; er ärgerte sich bereits . . . »Daß es mir der Teufel auch in den Kopf gesetzt hat, mit diesem Mädel anzubinden!« brummte er vor sich hin.
Und doch, wie leicht wär’s in diesem Augenblick gewesen, Marjas Herz zu rühren! Was dieser ungewöhnliche, wenngleich seltsame Mann (denn für einen solchen hielt sie ihn) auch gesagt hätte, sie würde Alles begriffen, Alles vergeben, Alles geglaubt haben . . . aber dieses bedrückende dumme Schweigen! Vor Aerger traten ihr die Thränen in die Augen.
»Wenn er sich nicht erklären will, wenn ich in der That seines Vertrauen; nicht würdig bin, warum kommt er dann hierher? . . . Oder sollte ich es vielleicht nicht verstehen, ihn zum Reden zu bringen?«
Und hastig wandte sie sich nach ihm um und schaute ihn so fragend, so nachdrücklich an, daß er nicht mehr umhin konnte, ihren Blick zu verstehen.
»Marja Sergejewna,« sprach er stotternd, »ich . . . mir . . . ich muß Ihnen etwas sagen . . . «
»Reden Sie,« entgegnete Marja schnell.
Lutschkoff sah sich unentschlossen um.
»Jetzt kann ich nicht . . .«
»Warum denn nicht?«
»Ich möchte gern . . . allein . . . mit Ihnen sprechen . . . «
»Wir sind jetzt ganz allein.«
»Ja . . . aber hier im Hause . . .«
Marja wurde verlegen . . .
»Wenn ich’s ihm abschlage,« dachte sie, »ist alles aus . . . « Die Neugier war schon Evas Unglück.
»Ich bin bereit,« sagte sie endlich.
»Wann? Wo?«
Marja atmete schwer und hastig.
»Morgen . . . gegen Abend . . . Sie kennen doch das Wäldchen bei der langen Wiese?«
Hinter der Mühle?«
Marja nickte.
»Um wie viel Uhr?«
»Erwarten Sie mich . . .«
Mehr vermochte sie nicht herauszubringen; ihre Stimme ließ sie im Stich – sie wurde ganz bleich und eilte aus dem Zimmer.
Eine Viertelstunde später folgte Perekatoff mit der ihm anerzogenen Liebenswürdigkeit Lutschkoff bis in’s Vorzimmer, drückte ihm gefühlvoll die Hand und bat ihn, ihn und seine Familie »nicht zu vergessen.« Nachdem er also seinen Gast entlassen, bemerkte er mit majestätischer Miene gegen einen seiner Diener, er würde nicht übel daran thun, sich das Haar schneiden zu lassen, und ohne erst auf Antwort zu warten, kehrte er mit bekümmertem Gesicht in sein Zimmer zurück, legte sich mit demselben bekümmerten Gesicht auf das Sopha und schlief wie ein unschuldiges Kind sofort sein.
»Du siehst heut etwas blaß aus,« sprach Nenila am Abend dieses Tages zu ihrer Tochter. »Ist Dir nicht wohl?«
»Ganz wohl, Mama.«
Nenila zog ihr das Tuch fester um den Hals.
»Du bist wirklich sehr blaß. Sieh mich einmal an, fuhr sie mit derselben mütterlichen Besorgtheit fort, in welcher jedoch etwas wie ein elterlicher Befehl lag; »nun, auch Deine Augen sind heut nicht besonders klar, Marja, Du bist krank.«
»Ich habe ein wenig Kopfweh,« sprach Marja, um doch etwas zu sagen.
»Siehst Du,, das wußte ich.« Nenila legte ihre Hand auf Marjas Stirn. »Aber Hitze hast Du nicht.«
Marja bückte sich und hob eine Nadel auf.
Die Hände der Mutter legten sich sanft um die schlanke Taille der Tochter.
»Solltest Du mir nicht etwas zu sagen haben?« sprach sie liebevoll, ohne ihre Hände zurückzuziehen.
Marja erbebte innerlich.
»Ich? Nein, Mama.«
Marjas plötzliche Verlegenheit war der mütterlichen Aufmerksamkeit nicht entgangen.
»Ich glaube doch . . . denk einmal nach.«
Aber Marja hatte sich bereits wieder gefaßt; statt zu antworten, küßte sie der Mutter lachend die Hand.
»Solltest Du mir wirklich nichts zu sagen haben?«
»Nein, wirklich nicht.«
»Ich glaube Dir,« entgegnete die Mutter nach kurzem Schweigen. »Ich weiß, Du suchst mir nichts zu verbergen . . . Nicht wahr?«
»Nein, Mama.«
Aber in demselben Augenblick überzog Marjas Antlitz eine leichte Röthe.
»Das ist schön von Dir. Es wäre Sünde, wenn Du mir etwas verheimlichen wolltest . . . Du weißt ja, Marja, wie lieb ich Dich habe.«
»Gewiß, Mama!«
Und Marja schmiegte sich sanft an die Mutter.
»Nun genug . . . genug.« (Nenila ging auf ihr Zimmer zu.) »Sag mal,« fuhr sie in einem Ton fort, als hatte ihre Frage gar nichts zu bedeuten, »über was hast Du Dich heut mit Herrn Lutschkoff unterhalten?«
»Mit Herrn Lutschkoff?« entgegnete Marja gelassen. »Nun . . . über alles . . . «
»Er gefällt Dir also?«
»Wie meinst Du das?«
»Erinnerst Du Dich nicht, wie sehr Du seine Bekanntschaft zu machen wünschtest? Wie unruhig Du warst?«
Marja wandte sich ab und begann zu lachen.
»Er ist ein so merkwürdiger Mensch!« bemerkte Nenila in unschuldigem Ton.
Marja wollte sich für Lutschkoff in’s Mittel legen, aber sie biß sich noch früh genug in die Zunge.
»Ja, er ist wirklich ein merkwürdiger Mensch, ein wahrer Sonderling.« sprach sie in ziemlich gleichgültigem Ton; »aber er ist doch recht brav!«
»Gewiß . , . warum war Herr Kister nicht mitgekommen?«
»Der war ja unwohl. Ach ja! Apropos!! Herr Kister wollte mir ein Hündchen schenken . . . erlaubst Du’s«
»Was? Daß Du das Geschenk annimmst?«
»Ja.«
»Gewiß.«
»Ich danke Dir,« sprach Marja; »ich danke Dir, liebe Mama!«
Nenila ging nach der Thür, kehrte jedoch plötzlich wieder um.
»Und denkst Du auch an Dein Versprechen, Marja?«
»An welches Versprechen?«
»Daß Du es mir sofort sagen wolltest, wenn Tu Dich verliebtest?«
»Gewiß.«
»Nun? . . . Ist die Zeit noch nicht gekommen?«
Marja brach in lautes Lachen aus.
»Sieh mich mal an!«
Marja blickte der Mutter kühn und ruhig in die Augen.
»Es ist unmöglich!« dachte Nenila und beruhigte sich wieder. »Wie sollte sie mich auch täuschen können! . . . Wie bin ich nur auf den Gedanken gekommen? . . . Sie ist ja noch ein vollständiges Kind . . .«
Und sie ging.
»Es ist wirklich sehr unrecht von mir!« dachte Marja.
VI
Kister hatte sich schon zu Bett begeben, als Lutschkoff zu ihm in’s Zimmer trat. Das Gesicht des Raufbolds drückte niemals blos eine einzige Empfindung aus. So auch jetzt: gemachte Gleichgültigkeit, rohe Freude, das Bewußtsein der eigenen Vortrefflichkeit und noch viele andere Gefühle waren in seinen Zügen zu lesen.
»Nun, nun?« fragte Kister hastig.
»Wieso nun, nun! . . . War dort . . . soll Dich grüßen.«
»Hm man nicht gefragt, warum ich nicht mitgekommen sei?«
»Ich glaube.«
Lutschkoff blickte nach der Decke und begann mit seiner Falsettstimme irgend eine Weise zu summen. Kister blickte vor sich hin und versank in Träumerei.
»Ja ja.« fuhr Lutschkoff plötzlich mit schnarrender scharfer Stimme fort, »Du bist ein sehr kluger und gelehrter Mensch, aber bisweilen – mit Deiner Erlaubniß sei’s gesagt – bisweilen irrst Du Dich ganz gewaltig.«
»Inwiefern«?«
»Na, zum Beispiel in Bezug auf die Frauen. Wie erhebst Du sie in die Wolken! Ganze Gedichte hast Du mir über sie vorgelesen! »Ehret die Frauen« u.s.w. In Deinen Augen sind sie alle Engel. . . Ja, schöne Engel!«
»Ja, ich liebe und ehre die Frauen, aber —«
»Natürlich natürlich!« unterbrach ihn Lutschkoff. »Ich will ja gar nicht mit Dir disputiren. Wie könnt ich das! Ich bin nur ein ganz gewöhnlicher Mensch.«
»Ich wollte sagen . . . Aber wie kommst Du gerade heute – und zu dieser späten Stunde auf die Frauen zu sprechen?«
»Na, das hat seinen Grund,« versetzte Lutschkoff mit vielsagendem Lächeln. »Das hat seinen Grund!«
Kister sah seinen Freund fest an. Der unschuldige Jüngling glaubte, Marja habe ihn unfreundlich behandelt – habe ihn vielleicht gepeinigt, so wie nur Frauen zu peinigen verstehen . . .
»Du bist gekränkt worden, Du Aermster – gesteh’s nur . . . «
Lutschkoff lachte hell auf.
»Na, eine solche Kränkung denk’ ich, kann ich mir schon gefallen lassen.« versetzte er, sich befriedigt den Schnurrbart streichelnd. »Nein . . . siehst Du, Fedor,« fuhr er in belehrendem Ton fort, »ich wollte Dir nur sagen, daß Du Dich in Bezug auf die Frauen geirrt hast – ganz gewaltig geirrt hast, lieber Freund. Glaube mir, Fedor, sie sind Alle über einen Kamm geschoren. Es lohnt nicht, das; man sich ihretwegen viel Mühe macht und lange um sie herumgirrt . . . Da ist z.B. Marja Perekatoff . . .«
»Nun!« Lutschkoff stampfte mit dem Fuße und schüttelte den Kopf.
»He, was meinst Du, hab’ ich so was Besonderes und Verlockendes an mir? Ich finde das nicht. Und dennoch – morgen geh’s zum Rendezvous!
Kister richtete sich auf, stützte sich auf die Ellbogen und starrte Lutschkoff erstaunt an.
»Gegen Abend . . . im Wäldchen,« fuhr Lutschkoff ruhig fort. Aber daß Du Dir nur keine Gedanken machst! Absichten? – langweilig! Das Mädel ist hübsch . . . na, denk’ ich, da ist’s ja kein Unglück! Heirathen – nein! . . . Aber lustig leben wollen wir noch mal auf unsre alten Tage! Kinder verwarten – brrr! . . . Aber so’n bischen Kurzweil mit der Kleinen – ah’ Wir wandeln selbander im Hain und lauschen den Nachtigallensang. Das ist jetzt unsre Aufgabe . . . He, was meinst Du, bin ich nicht ein verflixter Schwerenöther?«
Noch lange redete Lutschkoff in diesem Tone weiter. Aber Kister hörte nicht mehr auf ihn. Alles drehte sich um ihn herum. Er war erbleicht und fuhr sich wieder und wieder mit der Hand über’s Gesicht. Lutschkoff blinzelte mit den Augen und schaukelte und rekelte sich auf dem Sessel . . . und da er Kisters Aufregung der Eifersucht zuschrieb, wußte er sich vor Vergnügen kaum zu fassen. Aber nicht Eifersucht war es, was den jungen Deutschen quälte: nicht durch das Geständniß fühlte er sich beleidigt, sondern durch die rohe Gleichgültigkeit, durch den gewöhnlichen verächtlichen Ton, in welchem Lutschkoff über Marja sprach . . . Noch immer starrte er den Raufbold unverwandt an – und es war ihm, als betrachte er jetzt zum ersten Mal ordentlich seine Gesichtszüge. So also war Derjenige, dessen er sich so eifrig angenommen! – Derjenige, dem er seine eigene Neigung geopfert! Und dass also war die veredelnde Wirkung der Liebe! . . .
»Lutschkoff . . . liebst Du sie denn nicht?« murmelte er endlich.
»O diese Unschuld! Dieser arkadische Schäfer!« versetzte Lutschkoff mit boshaftem Lachen.
Auch jetzt wollte der gute Kister seinen Sinnen noch nicht trauen. Vielleicht, dachte er, prahlt Lutschkoff nach alter Gewohnheit – er hat noch nicht die neuen Worte gefunden für seine neuen Gefühle. Und was ihn selbst anging – sollte seine Erbitterung nicht einem andern Gefühl entspringen? Sollte Lutschkoffs Bekenntnis; ihn vielleicht nur darum so unangenehm berührt haben, weil es sich um Marja handelte? Wer weiß, vielleicht war Lutschkoff dennoch in sie verliebt? . . . Aber nein, nein! und tausendmal nein! Dieser Mensch verliebt? . . . Dieser widerwärtige Mensch mit dem gelben galligen Gesicht, den krankhaften katzenartigen Bewegungen, dem vor Freude gleichsam aufgeblasenen Halse! . . . Widerwärtig, häßlich! Nein, nicht mit solchen Worten würde Kister einem treuen Freunde das Geheimniß seiner Liebe verrathen haben . . . Im Uebermaß seines Glücks wäre er ihm mit hellen Freudenthränen in den Augen und stumm vor Seligkeit um den Hals gefallen . . .
»Nun, Freundchen, gesteh’s nur,« fuhr Lutschkoff fort, »das hattest Du nicht erwartet. Und jetzt sind wir ärgerlich und neidisch – he, nicht wahr? . . . Nu ja . . . natürlich . . . wenn einem da so unversehens ein solches Prachtmädel vor der Nase weggeschnappt wird!« . . .
Kister wollte etwas sagen, aber er lehrte das Gesicht nach der Wand.
»Diesem Menschen meine Gedanken und Gefühle offenbaren? Um keinen Preis!« murmelte er vor sich hin. »Er versteht mich nicht – was liegt daran! Die häßlichen Gefühle, die er selbst hegt, setzt er auch bei mir voraus – mag er doch!«
Lutschkoff stand auf.
»Ich seh’, Du willst schlafen.« sagte er mit gemachter Theilnahme; »ich will nicht länger stören. So schlaf denn wohl, lieber Freund, schlaf wohl!«
Und selbstzufrieden stolzirte er von dannen.
Bis zur Morgendämmerung vermochte Kister nicht einzuschlafen. Mit fieberhafter Hartnäckigkeit grübelte und brütete er unablässig über einem einzigen Gedanken – eine Beschäftigung die unglücklich Liebenden so wohl bekannt ist; sie wirkt auf das Gemüth wie der Blasebalg auf glimmende Kohlen.
»Selbst wenn sie ihm gleichgültig ist,« dachte Kister, »selbst wenn sie sich ihm an den Hals geworfen hat, durfte er doch mir, seinem Freunde, gegenüber nicht in so geringschätziger beleidigender Weise von ihr sprechen! Was hat sie denn verbrochen? Muß man sie nicht vielmehr bedauern, das arme unerfahrene Mädchen! . . .
»Aber sollte sie ihm wirklich ein Stelldichein gewährt haben? . . . Aus freien Stücken, ohne jede Art Zwang? . . . Lutschkoff lügt nicht, nein, er lügt nie. Aber vielleicht ist das nur so eine Phantasie von ihr . . .
»Aber sie kennt ihn ja gar nicht . . . Er ist im Stande sie zu beschimpfen. Nach Allem, was ich heute gehört, steh ich für nichts mehr ein . . . Aber hast du, Kisten ihn nicht selbst gelobt und gepriesen? Hast du nicht selbst ihre Neugier erregt? . . . Aber wer konnte das voraussehen? . . .
»Ich – ich konnte es voraussehen! Hatte er nicht schon längst aufgehört, mein Freund zu sein? . . . Ja, ist er überhaupt je mein Freund gewesen? Welche Enttäuschung! Welch bittere Lehre!«
Die ganze Vergangenheit drehte sich gleichsam wie ein Wirbelwind um ihn herum.
»Ja, ich mochte ihn gern leiden,« flüsterte er endlich. »Aber warum ist meine Neigung zu ihm so schnell wieder erloschen? . . . Ist sie denn wirklich schon erloschen? . . . Warum mochte nur ich ihn so gern leiden – ich allein?«
Sein liebendes Herz hatte sich darum an Lutschkoff angeschlossen, weil alle Andern sich von ihm fern gehalten. Aber der brave junge Mann ahnte selbst nicht, wie groß seine Herzensgüte war.
»Es ist meine Pflicht,« fuhr er fort, »Marja zu warnen, Aber wie? Welches Recht habe ich. mich in ein Liebesverhältniß zu mischen, das mich nichts angeht? Etwa weil ich weiß welcher Art diese Liebe ist? . . . Vielleicht läßt sich selbst Lutschkoff . . . nein, nein!« rief er schmerzlich und fast mit Thränen in den Augen, während er die Kissen zurecht rückte, »dieser Mensch ist von Stein!« . . .
»Ich allein bin der Schuldige . . . ich habe meinen Freund verloren . . . Ein schöner Freund! Und auch sie ist mir eine schöne Freundin! . . . Ach welch ein abscheulicher Egoist bin ich! Nein, nein! Aus tiefstem innerstem Herzen wünsch ich ihnen alles Glück! . . .Glück! Und er macht sich über sie lustig! . . . Aber warum färbt er sich den Schnurrbart? . . . Ich glaube wirklich . . . ach, ich bin ein Narr!« rief er heftig und schlief endlich ein.
VII
Am nächsten Morgen fuhr Kister zu den Perekatoffs. Er merkte sofort, daß mit Marja eine große Veränderung vorgegangen war, und auch sie fand ihn ganz anders als sonst. Aber keiner ließ irgend eine Bemerkung darüber fallen.
Während des ganzen Vormittags war ihnen wider alle Gewohnheit sehr unbehaglich zu Muth. Kister hatte sich bereits zu Hause auf eine ganze Anzahl zweideutiger Bemerkungen und Anspielungen und auf verschiedene freundschaftliche Rathschläge vorbereitet, aber all’ diese Angriffsmittel erwiesen sich als vollkommen nutzlos. Marja fühlte dunkel, daß Kister sie beobachtete; es entging ihr nicht, daß er gewisse Worte und Wendungen mit besonderem Nachdruck sprach: aber in ihrer erregten Stimmung schlug sie seine freundschaftlichen Anspielungen in den Wind.
»Wenn er nur ja nicht bis zum Abend bleibt!« dachte sie unaufhörlich, – und sie suchte ihn auf alle Weise merken zu lassen, daß er überflüssig sei.
Seinerseits hielt Kister ihre Befangenheit und Erregtheit für unzweideutige Symptome von Liebe; aber je mehr ihm um sie bangte, um so weniger konnte er es über sich gewinnen, ihr von Lutschkoff zu sprechen; und Marja bewahrte über denselben ein verstocktes Schweigen. Dein armen Kister ward es sehr schwer um’s Herz. Endlich begann er über seine eigenen Gefühle mit sich in’s klare zu kommen. Noch niemals war Marja ihm so hold und berückend erschienen wie grade heute. Offenbar hatte sie die ganze Nacht nicht geschlafen. Aus ihrem bleichen Antlitz zeigten sich hin und wieder leichte röthliche Flecke; sie hielt den Oberkörper ein wenig vorn übergeneigt und ein unwillkürliches sehnsuchtsvolles Lächeln umspielte ihre Lippen; von Zeit zu Zeit lief über ihre weißen Schultern ein leichtes Zittern, bald erschienen ihre Blicke hell und freudig, bald erschienen sie ihm mit einemmal trüb und erloschen . . .
Nenila setzte sich zu ihrem Gaste und begann – offenbar mit Absicht – von Lutschkoff zu reden. Allein Marja war in Gegenwart der Mutter »bis an die Zähne gerüstet,« wie die Franzosen sagen, und verrieth sich weder durch ein Wort, noch durch eine Miene.
So ging der ganze Vormittag hin.
»Sie speisen doch mit uns?« fragte Nenila den Cornet.
Marja wandte sich plötzlich ab.
»Nein, danke«, sprach Kister hastig und sah Marja an. »Sie-müssen mich entschuldigen . . . meine Dienstpflichten . . . «
Nenila drückte, wie sich das so gehört, ihr Bedauern darüber aus, und ihrem Beispiel folgend, murmelte auch Perekatoff etwas von »leidthun«.
»Ich will nicht im Wege sein,« wollte Kister Marja beim Fortgehen sagen; aber er verbeugte sich nur und rannte ihr zu: »Werden Sie glücklich . . . leben Sie wohl . . . nehmen Sie sich in Acht!« . . . Damit verschwand er.
Kaum war er fort, da seufzte sie tief auf, und dann überkam sie ein eigenthümlicher Schrecken. Was war es denn eigentlich, das sie quälte und peinigte? Liebe oder Neugier? Gott mag es wissen; aber ich wiederhole: Schon die Neugier genügte, um Eva ins Unglück zu stürzen.
VIII
Etwa eine Viertelstunde von Perekatoff’s Hof zog sich am rechten Ufer des Flüßchens eine breite Feldmark hin. Das war die »lange Wiese«. Das linke Ufer war vollständig mit jungen dichtem Eichenholz bedeckt und fiel steil zum Flusse ab, dessen Oberfläche außer einigen kleinen Buchten in denen Wildenten hausten, ganz mit Schlingpflanzen überzogen war. Etwa zehn Minuten von dein Flüßchen und rechts von der langen Wiese begannen abschüssige buntschillernde Anhöhen, welche dünn mit alten Birken und Haselnuß und Schneeballengesträuch bestandet waren.
Die Sonne war schon untergegangen. In der Ferne klapperte eine Mühle, bald laut, bald leise, je nach der Richtung des Windes. Auf der Wiese graste friedlich eine Anzahl Pferde aus dem herrschaftlichen Stall: singend folgte ein Hirt einer Heerde scheuer, gieriger Schafe; die Schäferhunde jagten aus Langerweile hinter den Krähen her.
Mit verschränkten Armen schritt Lutschkoff im Wäldchen hin und her. Sein an einen Baum gebundenes Pferd hatte schon wiederholt auf das laute Wiehern der Fohlen und Stuten geantwortet. Lutschkoff war wie gewöhnlich ärgerlich und mürrisch. Da er Marjas Liebe sich noch nicht sicher wähnte, war er auf sie und sich selbst wüthend . . . Aber seine Aufregung war noch größer als sein Aerger. Endlich blieb er vor einem breiten Haselnußstrauch stehen und begann mit seiner Reitgerte die Blätter abzuschlagen . . .
Da vernahm er ein leises Geräusch . . . er hob den Kopf . . . etwa zehn Schritt von ihm stand Marja . . . Vom schnellen Gehen war ihr Gesicht ganz roth geworden. Sie hatte einen Hut auf, aber keine Handschuhe an; sie trug ein weißes Kleid und um den Hals war in der Eile ein Tuch geschlungen. Ihre Augen waren unverwandt zu Boden geheftet und es schien, als trüge sie Bedenken näher zu treten . . .
Lutschkoff ging linkisch und mit gezwungenem Lächeln auf sie zu.
»Wie glücklich macht mich das!« begann er kaum vernehmbar.
»Es freut mich . . . Ihnen zu begegnen,« versetzte Marja,« tief und schwer athmend. »Ich geh hier des Abends oft spazieren . . . und Sie. . . ’«
Aber Lutschkoff verstand nicht einmal ihre Schamhaftigkeit zu schonen auf ihre unschuldige Lüge einzugehen.
»Ich denke doch, Marja Sergejewna,« stammelte er. »Sie selbst waren so freundlich – —«
»Ja. Ja,« entgegnete Marja hastig. »Sie wünschten mich zu sprechen, Sie wollten – —«
Ihre Stimme ließ sie im Stich.
Auch Lutschkoff war verstummt. Marja hob zaghaft die Augen zu ihm auf.
»Verzeihen Sie,« nahm er wieder das Wort, ohne sie anzusehen: »ich bin nur ein einfacher Mensch und nicht gewohnt, Damen . . . Erklärungen zu machen . . . Ich . . . ich wollte Ihnen gern sagen . . . aber es scheint, Sie sind nicht in der Stimmung mich anzuhören . . .«
»Reden Sie . . . «
»Sie befehlen es . . . nun, so will ich Ihnen denn offen gestehen, daß ich schon lange, seit dem Tage, da ich die Ehre hatte, Sie kennen zu lernen – –«
Er stockte. Marja wartete auf das- Ende seiner Rede.
»Uebrigens weiß ich nicht, warum ich Ihnen dies Alles sage . . . seinem Schicksal entgeht man ja doch nicht . . .«
»Wie kann man das wissen? . . . «
»Ich weiß es!« versetzte Lutschkoff finster. »Ich bin längst an seine Schläge gewöhnt!«
Es wollte Marja scheinen, dass Lutschkoff wenigstens in diesem Augenblick keinen Grund habe, über die Schläge des Schicksals zu klagen.
»Es giebt noch gute Menschen auf der Welt,« bemerkte sie lächelnd; ja, ich möchte sagen: zu gute . . .«
»Ich verstehe Sie, Marja Sergejewna, und glauben Sie mir, ich weiß Ihre Zuvorkommenheit zu würdigen.
Ich . . . ich . . . Sie sind doch nicht böse auf mich?«
»Nein . . . was wünschten Sie mir zu sagen?«
»Ich wünschte Ihnen zu sagen, daß . . . daß Sie mir gefallen, Marja Sergejewna, ganz außerordentlich gefallen, und – —«
»Ich danke Ihnen,« unterbrach ihn Marja verwirrt. Das Herz schnürte sich ihr vor angstvoller Erwartung zusammen. »Ach, sehen Sie, Herr Lutschkoff,« fuhr sie fort, »welch’ ein herrlicher Anblick!«
Und sie deutete auf die Wiese, welche ganz in die langen Abendschatten gehüllt war, während über ihr jenseits des Waldes das Abendroth glühte.
Innerlich freute sich Lutschkoff, daß auf diese Weise das Gespräch eine andere Wendung genommen hatte: er murmelte etwas von »schöner Natur« und trat dann neben Marja . . .
»Lieben Sie die Natur?« fragte sie plötzlich indem sie rasch das Köpfchen nach ihm umwendete und ihn mit jenem freundlichen, neugierig sanften Blick ansah, der, wie der Silberklang der Stimme, nur jungen Mädchen eigen ist.
»Die Natur . . . ja, jawohl . . . natürlich,« stotterte Lutschkoff. »Natürlich . . . es ist recht angenehm, des Abends einen kleinen Spaziergang zu machen, obgleich ich, offen gestanden, nur Soldat bin und mich auf Schwärmereien nicht verstehe.«
Lutschkoff versicherte ziemlich oft, daß er nur Soldat sei.
Es trat ein kurzes Schweigen ein. Marja blickte wieder nach der in den Abendschatten ruhenden Wiese.
»Na, was soll denn daraus werden?« dachte Lutschkoff. »Eine verwünschte Situation! . . . Ach was, nur etwas kecker! . . . Marja Sergejewna,« sprach er mit ziemlich fester Stimme.
Marja wandte sich ihm zu.
»Entschuldigen Sie,« fuhr er in fast scherzendem Tone fort, »aber ich möchte gern wissen, was Sie von mir denken. Fühlen Sie nicht so etwas . . . so eine gewisse . . . Neigung zu meiner Person?«
»Mein Gott, wie ungeschickt er ist!« dachte Marja. »Wissen Sie auch, Herr Lutschkoff,« antwortete sie lächelnd, »daß es nicht immer leicht ist, auf eine bestimmte Frage eine bestimmte Antwort zu geben?«
»Indeß —«
»Wie meinen Sie?«
»Ja, um Verzeihung ich möchte gern wissen – —«
»Aber . . . Ist es wahr, dass Sie ein so schrecklicher Duellant sind? Sagen Sie, ist das wahr?« sprach Marja mit schüchterner Neugier. »Man behauptet, Sie hättest schon mehr als einen Menschen getödtet?«
»Das ist mir schon passirt,« entgegnete Lutschkoff gleichmüthig und strich sich den Schnurrbart.
Marja sah ihn fest an.
»Und mit dieser Hand hier?« flüsterte sie.
»Mittlerweile hatte sich sein Blut erhitzt.Schon länger als eine Viertelstunde hatte er da ein junges Mädchen um sich . . .
»Marja Sergejewna,« sagte er plötzlich mit eigenthümlich scharfer Stimme. »Sie kennen jetzt meine Gefühle und wissen, warum ich Sie zu sprechen wünschte . . . Sie waren so freundlich und . . sagen Sie mir nun auch endlich, was ich hoffen darf . . . «
Marja drehte eine Feldnelke zwischen den Fingern. . . sie sah Lutschkoff von der Seite an, erröthete und sprach lächelnd:
»Was Sie da alles reden!« – und damit gab sie ihm die Blume.
Lutschkoff ergriff ihre Hand.
»Sie lieben mich also!« rief er.
Marja überlief es ganz kalt vor Schrecken. Es war gar nicht ihre Absicht gewesen, ihm ein Liebesbekenntniß zu machen; sie wußte selbst noch nicht recht, ob sie ihn liebte, und nun war er ihr zuvorgekommen, wollte sie zu einer Erklärung nöthigen – er mußte sie also gar nicht verstehen . . . Blitzschnell ging Marja dieser Gedanke durch den Kopf. Eine so rasche Lösung hatte sie nicht erwartet . . . als neugieriges Mädchen hatte sie sich den ganzen Tag gefragt: »Liebt er mich oder liebt er mich nicht?« – sie hatte von einem angenehmen Spaziergang in der Abenddämmerung und von zärtlichen aber anständigen Reden geträumt, hatte in Gedanken mit ihm coquettirt, sich den wilden Mann zahmen und ihm beim Abschied gestatten wollen, ihr achtungsvoll die Hand zu küssen . . .
Und statt dessen – statt dieses unschuldigen kindlichen Spieles fühlte sie plötzlich seinen rauhen Schnurrbart auf ihrer Wange . . .
»Wir wollen glücklich sein,« flüsterte er: »es giebt ja nur ein Glück auf Erden!« . . .
Erschreckt wich Marja zurück; bleich und am ganzen Leibe zitternd lehnte sie sich an eine Birke. Lutschkoff gerieth in große Verlegenheit.
»Entschuldigen Sie!« murmelte er, zu ihr tretend; »ich glaubte wirklich nicht . . .
Marja sah ihn stumm und mit weit geöffneten Augen an . . . Ein unangenehmes Lächeln spielte um seinen Mund . . .auf seinem Gesicht bemerkte sie rothe Flecke . . .
»Vor wem fürchten Sie sich denn?« fuhr er fort. »Ist denn das etwas Besonderes? Ist zwischen uns nicht schon alles . . . gewissermaßen in Ordnung?«
Marja war noch immer stumm.
»Na, lassen Sie’s nun genug sein! . . . Wozu die Dummheiten! Das ist ja doch nur . . .«
Und Lutschkoff streckte die Hand nach ihr aus . . .
Marja erinnerte sich mit einemmal Kisters Warnung. »Nehmen Sie sich in Acht!« hatte er gesagt; sie verging fast vor Schrecken, und so laut als es ihr möglich war, begann sie zu rufen:
»Tanjuschka Tanjuscha!«
Und aus dem Haselnußgesträuch tauchte die runde feste Gestalt ihres Kammermädchens auf . . .
Lutschkoff gerieth außer sich. Durch die Anwesenheit ihres Mädchens beruhigt, rührte Marja sich nicht von der Stelle. Aber der Raufbold bebte vor Wuth; seine Augen funkelten, er ballte die Fäuste und brach in krampfhaftes Lachen aus.
»Bravo, bravo!« rief er; »sehr klug, das muß ich sagen . . .«
Marja war wie versteinert.
»Ich merke, Sie hatten keine Vorsichtsmaßregel übersehen. Marja Sergejewna! Ja ja, Vorsicht kann nie schaden. Heutzutage sind die jungen Damen weit schlauer als die Alten. Wahrlich, eine schöne Liebe!l«
»Ich weiß nicht, Herr Lutschkoff, wer Ihnen das Recht gegeben hat, mir von Liebe zu reden.«
»Wer! Sie selbst!« rief er. »Das wird ja immer schöner!«
Er fühlte, daß er seine Sache vollständig verdarb; aber er vermochte sich nicht mehr zu beherrschen.
»Ich habe unbesonnen gehandelt,« fuhr Marja fort. »Ich ging auf Ihre Bitte ein in der Voraussetzung, ich würde auf Ihre Delicatesse – aber Sie verstehen ja kein Französisch – auf Ihr Zartgefühl bauen können . . . «
Lutschkoff erbleichte. Marja hatte ihn an der empfindlichsten Stelle getroffen.
»Mag sein, daß ich kein Französisch verstehe; aber so viel versteh ich, daß es Ihnen beliebt hat, sich über mich lustig zu machen . . . «
»Durchaus nicht, Herr Lutschkoff . . . ja ich bedaure Sie sogar.«
»Reden Sie mir, wenn ich bitten darf, nicht von Ihrem Bedauern!« versetzte er erbittert, »damit möchte ich gern verschont bleiben!«
»Herr Lutschkoff —!«
»Ach, nicht diese Prinzessinnenmiene! . . . Das ist verlorene Mühe! Mich schrecken Sie damit nicht.«
Marja trat ein paar Schritt zurück, wandte sich schnell um und ging fort.
»Soll ich Ihnen nicht Ihren Freund, Ihren gefühlvollen Schäfer Kister schicken?« rief Lutschkoff ihr nach. Er hatte ganz den Kopf verloren. »Ist es nicht dieser Freund, der —?«
Marja antwortete ihm nicht mehr; hastig, aber doch froh eilte sie nach Hause. Trotz ihres Schreckens und ihrer Aufregung fühlte sie sich erleichtert. Es war ihr, als sei sie aus einem schweren Traum erwacht, als trete sie aus einem finsteren Gemach hinaus in die frische sonnendurchleuchtete Luft . . .
Wie von Sinnen, wie geistesabwesend blickte Lutschkoff sich um, zerbrach in sprachloser Raserei einen jungen Baum, zwang sich auf’s Pferd, drückte ihm so erbittert die Sporen in die Weichen und maltraitirte das unglückliche Thier so erbarmungslos, daß es, nachdem es acht Werst in einer Viertelstunde zurückgelegt, während der Nacht beinah umgekommen wäre . . .
* * *
Vergeblich wartete Kister bis Mitternacht auf Lutschkoff. Früh am andern Morgen begab er sich selbst zu ihm. Der Bursche erklärte sein Herr schlafe noch und habe befohlen, Niemand hereinzulassen.
»Auch mich nicht?«
»Auch Sie nicht.«
Kister ging in qualvoller Unruhe einige Mal auf der Straße auf und ab und kehrte dann nach Hause zurück.
Sein Bursche gab ihm einen Brief.
»Von wem?«
»Von Perekatoffs.«
Dem Cornet zitterten die Hände.
»Sie lassen grüßen und um Antwort bitten. Soll ich dem Boten einen Schnaps geben?«
Langsam öffnete Kister das Briefchen und las Folgendes:
»Lieber guter Fedor Fedorowitsch!
»Ich muß Sie unbedingt sprechen – ganz unbedingt. Kommen Sie doch, wenn es Ihnen irgend möglich, heut zu uns. Schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab; ich bitte Sie im Namen unsrer alten Freundschaft. Wenn Sie wüßten – aber Sie werden Alles erfahren. Nicht wahr, auf baldiges Wiedersehn?
M a r j a.
P.S. Sie müssen heut unfehlbar kommen!«
»Soll ich also dem Boten einen Schnaps geben?«
Kister starrte seinen Burschen lange erstaunt an und ging dann, ohne ein Wort zu erwidern, hinaus.
»Mein Herr sagte, ich solle Dir einen Schnaps geben, und zugleich möchte auch ich mir einen nehmen,« sprach der Bursche.
IX
Marja eilte Kister, als er in das Gastzimmer trat, mit einem so freudestrahlenden dankbaren Gesicht entgegen und drückte ihm so innig und fest die Hand, daß sich ihm vor Freuden das Herz erweiterte. Doch ging sie, ohne ein Wort zu sagen, sofort hinaus.
Perekatoff saß auf dem Sopha und legte Patience. Die Unterhaltung begann, und kaum hatte er mit gewohntem Tact die Rede auf seinen Hund gebracht und dessen Talente zu rühmen angefangen, als Marja wieder eintrat. Sie hatte einen buntseidenen Gürtel um – sie erinnerte sich, dass Kister einmal gesagt, derselbe kleide sie besonders vortheilhaft.
Kurz darauf erschien auch Nenila: sie empfing den Gast heut mit ganz besonderer Herzlichkeit.
Bei Tisch lachte und scherzte man in ungezwungenster Weise; sogar Perekatoff wurde lebhaft und erzählte eines seiner lustigsten Jugenderlebnisse, – wobei er jedoch, wie der Vogel Strauß, vorsichtshalber den Kopf von seiner Frau abgewendet hielt.
»Wir wollen einen Spaziergang machen, Herr Kister,« sagte Marja nach dem Essen zu dem Cornet – in jenem einschmeichelnden Ton, der jede Widerrede unmöglich macht. »Ich muß über etwas sehr Wichtiges mit Ihnen sprechen,« fügte sie mit graziöser Feierlichkeit hinzu und zog sich ihre schwedischen Handschuhe an. »Gehst Du mit, Mama?«
»Nein,« entgegnete Nenila.
»Aber wir gehen nicht in den Park.«
»Wohin denn?«
»Nach der langen Wiese, in’s Wäldchen.«
»So nimm Tanjuscha mit.«
»Tanjuscha, Tanjuscha!« rief Marja mit ihrer hellen Stimme und hüpfte leicht wie ein Vogel aus dem Zimmer.
Eine Viertelstunde später wanderte Marja mit Kister nach der langen Wiese. Als sie auf der Weide an der Kuhheerde vorüber kamen, fütterte sie ihre Lieblingskuh mit Brod, streichelte ihr den Kopf und gebot Kister, sie sanft auf den Rücken zu klopfen.
Sie war in ungemein heiterer Stimmung und plauderte in einem fort. Kister ging mit Vergnügen auf Alles ein, obgleich er mit großer Ungeduld aus die Mittheilungen wartete, die sie ihm zu machen hatte . . .
Tanjuscha folgte ihnen in respektvoller Entfernung und nur von Zeit zu Zeit warf sie ihrer Herrin einen schlauen Blick zu.
»Sie sind mir doch nicht böse, Fedor Fedorowitsch?« fragte Marja.
»Ihnen, Marja Sergejewna? Aber warum denn?«
»Vorgestern . . . erinnern Sie sich?«
»Sie waren nicht bei Stimmung . . . Das war Alles.«
»Warum halten Sie sich so weit von mir? Geben Sie mir den Arm. So . . . auch Sie waren nicht recht bei Stimmung.«
»Das ist wahr.«
»Aber heut bin ich in der allerbesten Stimmung, nicht wahr?«
»Ja, es scheint mir in der That, daß Sie heut —«
»Und wissen Sie warum? Weil . . . « Marja schüttelte ernst mit dem Kopf. »Nun, ich weiß schon, warum . . . weil Sie mir Gesellschaft leisten«, fügte sie hinzu, ohne Kister anzusehen.
Kister drückte ihr sanft die Hand.
»Aber warum fragen Sie mich gar nicht?’ fuhr Marja in halblautem Ton fort.
»Wonach?«
»Ach, verstellen Sie sich doch nicht . . . nach meinem Briefe!«
»Ich erwartete, daß Sie —«
»Hören Sie, warum ich in Ihrer Gesellschaft so heiter gestimmt bin,« unterbrach sie ihn lebhaft; »weil Sie so gut und zartfühlend sind; weil es Ihnen unmöglich wäre . . . parce que vous avez de la délicatesse. Ich sage Ihnen das auf Französisch denn Sie verstehen ja Französisch.«
Kister verstand zwar Französisch aber er verstand Marja nicht.
»Ach pflücken Sie mir doch die Blume . . . die da . . . wie schön!«
Marja betrachtete sie mit großem Wohlgefallen. Auf einmal befreite sie hastig ihren Arm und begann mit besorgtem Lächeln den schlanken Stengel vorsichtig durch das Knopfloch seines Ueberrocks zu ziehen. Dabei kamen ihre seinen Finger beinahe mit seinen Lippen in Berührung. Seine Blicke richteten sich auf diese Finger und dann auf ihr Antlitz. Sie neigte ihr Köpfchen, als hätte sie sagen wollen: »Du darfst . . .«
Kister bückte sich ein wenig und küßte ihr die Fingerspitzen.
Mittlerweile hatten sie sich dem bekannten Wäldchen genähert. Marja ward mit einemmal nachdenkend, und dann verstummte sie sogar. Sie begaben sich nach derselben Stelle, wo sie Lutschkoff erwartet hatte. Das niedergetretene Gras hatte sich noch nicht wieder aufgerichtet; das zerbrochene Bäumchen hatte bereits zu welken angefangen, während die Blätter sich bereits zu Röhrchen zusammengerollt und zu vertrocknen begonnen hatten.
Marja ließ den Blick umherschweifen und wandte sich dann plötzlich zu Kister.
»Wissen Sie auch, warum ich Sie hierher geführt habe?«
»Nein.«
»Nein! . . . Warum reden »Sie heut gar nicht von Ihrem Freunde Lutschkoff? Sonst konnten Sie gar nicht müde werden, ihn zu rühmen.«
Kister blickte vor sich hin und schwieg.
»Wissen Sie auch,« fuhr Marja mit einiger Anstrengung fort, »daß ich hier . . . gestern . . . eine Zusammenkunft mit ihm hatte?«
»Das wußte ich,« versetzte er dumpf.
»Das wußten Sie! . . . Ach! Jetzt begreife ich, warum Sie gestern . . . Herr Lutschkoff hatte sich offenbar beeilt mit seiner »Eroberung« zu prahlen.«
Kister wollte antworten . . .
»Reden Sie nicht, erwidern Sie mir nichts . . . ich weiß, er ist Ihr Freund; Sie könnten im Stande sein, ihn zu vertheidigen. Sie wußten, Herr Kister, daß ich . . . warum hielten Sie mich denn nicht davon ab, eine solche Dummheit zu begehen? Warum nahmen Sie mich nicht wie ein Kind beim Ohr? . . . Sie wußten es . . . es war Ihnen also ganz gleichgültig?«
»Aber welches Recht hatte ich . . . «
»Welches Recht! . . . Das Recht des Freundes. Ach ja: er ist ja auch Ihr Freund . . . ich schäme mich . . . er ist Ihr Freund . . . dieser Mensch benahm sich gestern in einer Weise gegen mich . . .«
Marja hatte sich abgewendet. Kisters Augen funkelten; er wurde kreidebleich.
»Nun, nun, werden Sie nicht böse . . . Hören Sie, Fedor, Sie sollen nicht böse werden! Es hat sich alles zum Besten gewendet. Ich freue mich, daß die gestrige Auseinandersetzung stattgefunden hat . . . Warum meinen Sie wohl, daß ich so mit Ihnen davon rede? Etwa weil ich mich über Herrn Lutschkoff beklagen wollte? O nein! Ich habe ihn schon vergessen. Aber ich habe mir Ihnen, meinem guten Freunde gegenüber etwas zu Schulden kommen lassen . . . Ich möchte Ihnen eine Erklärung geben, Sie nun Verzeihung bitten und um Rath fragen. Sie haben mich Aufrichtigkeit gelehrt . . . bei Ihnen ist mir so leicht um’s Herz . . . Sie sind kein Lutschkoff!«
»Lutschkoff ist ungehobelt und Plump,« brachte Kister mit Anstrengung heraus; »aber —«
»Was, ein Aber! Sie schämen sich nicht, Aber zu sagen! Er ist plump und ungehobelt und boshaft und eingebildet . . . Hören Sie: ich sage Und und nicht Aber!«
»Sie sprechen so, weil Sie noch unter dem Einfluß Ihres Zornes stehen, Marja Sergejewna.« antwortete Kister traurig.
»Wie, ich wäre zornig? Warum denn? So gönnen Sie mir doch einen Blick: sieht man so aus, wenn man zornig ist? Hören Sie,« fuhr Marja fort, »denken Sie von mir, was Ihnen beliebt . . . aber wenn Sie meinen, heut coquettire ich mit Ihnen aus Rache, so . . . so . . .« die Thränen traten ihr in die Augen, »zum Scherz bin ich nicht empört!«
»Seien Sie offen gegen mich, Marja Sergejewna . . .«
»O, wie dumm und häßlich Sie sein können! Aber so sehen Sie mich doch an! Bin ich etwa nicht offen und ehrlich gegen Sie? Können Sie denn sticht in meiner Seele lesen?«
»Gut denn . . . ja, ich glaube Ihnen,« fuhr Kister lächelnd fort, als er sah, mit welch’ bekümmerter Hartnäckigkeit sie seinen Blick zu erhaschen suchte; »aber so sagen Sie mir auch, was veranlaßte Sie, Lutschkoff eine Zusammenkunft zu gewähren?«
»Was? Ich weiß es selbst nicht. Er wollte allein mit mir sprechen. Ich dachte mir, er habe noch keine Zeit, keine Gelegenheit gefunden, sich auszusprechen. Jetzt hat er sich ausgesprochen! Hören Sie: er mag ein ungewöhnlicher Mensch sein, aber er ist dumm – ja, ja dumm! . . . Er ist nicht im Stande, zwei zusammenhängende Worte zu sagen. Und dann ist er geradezu unzart, uebrigens will ich ihn nicht zu hart anklagen . . . Er mochte sich ja einbilden, das; ich ein leichtsinniges albernes Mädchen sei. Ich hatte ja fast niemals mit ihm gesprochen . . . Es ist wahr, er hatte meine Neugier erregt; aber ich meinte, ein Mann, den Sie Ihrer Freundschaft würdigten – —«
»Bitte, sprechen Sie nicht von ihm als meinem Freunde,« unterbrach sie Kister.
»Nein nein, ich will Sie nicht entzweien!«
»Mein Gott, ich möchte Ihnen nicht blos meine Freunde opfern, sondern auch . . . Zwischen Herrn Lutschkoff und mir ist Alles aus!« fügte er hastig hinzu.
Marja blickte ihm fest in die Augen.
»Nun, Gott befohlen!« sprach sie; »reden wir nicht mehr von ihm. Das wird mir eine Lehre sein. Es war meine eigene Schuld. Mehrere Monate hindurch sah ich fast täglich einen guten, klugen, heitern, liebenswürdigen Mann, der . . . « Marja wurde verlegen und stockte einen Augenblick . . . »der ebenfalls . . . ein wenig . . . von mir zu halten schien . . . und ich dummes Ding,« fuhr sie hastig fort, »zog ihm den Andern . . . nein nein, ich zog ihm den Andern nicht vor, aber —«
Sie senkte verwirrt den Kopf und verstummte.
Kister wurde es eigenthümlich zu Muth.« »Ist’s wirklich wahr!« wiederholte er für sich . . . »Marja Sergejewna!« begann er endlich laut . . .
Marja hob den Kopf und sah ihn mit thränengefüllten Augen an.
»Errathen Sie denn gar nicht, von wem ich spreche?« fragte sie.
Kister reichte ihr mit fast angehaltenem Athem die Hand. Eifrig ergriff sie Marja und drückte sie warm und innig.
»Nicht wahr, Sie sind wieder mein guter Freund? . . . Wie, Sie antworten mir nicht?«
»Das wissen Sie ja, daß ich Ihr Freund bin«, murmelte er.
»Und Sie verdammen mich nicht? Sie haben mir verziehen? . . . Und verstehen mich? Und Sie lachen nicht über ein Mädchen, das heut dem Einen eine Zusammenkunft gewährt, und morgen mit dem Andern spricht, so . . . so wie ich jetzt mit Ihnen spreche . . . Nicht wahr, Sie machen sich nicht über mich lustig?«
Ihr Antlitz glühte; mit beiden Händen hielt sie seine Rechte fest umschlossen . . .
»Ich mich über Sie lustig machen!« antwortete Kister; »ich . . . ich . . . liebe Sie ja . . . ich liebe Sie ja!« rief er aus.
Marja bedeckte das Gesicht mit den Händen.
»Wissen Sie denn nicht schon längst, Marja« daß ich Sie liebe?«
X
Drei Wochen nach diesem Gespräch saß Kister allein in seinem Zimmer und schrieb seiner Mutter folgenden Brief:
Geliebte Mutter!
»Ich beeile mich, Dir mitzutheilen, welch’ großes Glück mir bevorsteht: ich verheirathe mich. Ueber diese Nachricht wirst Du Dich wahrscheinlich sehr wundern, namentlich da ich in meinen früheren Briefen aus eine solch’ wichtige Wendung in meinem Leben nicht einmal hingedeutet habe, – und Du weißt, ich bin doch sonst gewohnt, Dir alle meine Gefühle, alle meine freudigen und traurigen Erlebnisse mitzutheilen. Die Ursache meines Schweigens ist leicht erklärt. Zunächst habe ich erst selbst in diesen Tagen die Gewißheit erlangt, daß ich wieder geliebt werde; und dann war ich mir auch bis vor Kurzem über die eigentliche Natur und Macht meiner eigenen Neigung noch nicht ganz klar. In einem der ersten Briefe, die ich Dir von hier schrieb, erzählte ich Dir von den Perekatoffs, unseren Nachbarn. Meine Braut – Marja heißt sie – ist ihre einzige Tochter. Ich bin fest überzeugt, wir werden glücklich miteinander. Was ich für sie empfinde, ist nicht eine augenblickliche Leidenschaft, sondern ein tiefes aufrichtiges Gefühl, in welchem Freundschaft sich mit Liebe paart. Ihr sanfter frohsinniger Charakter entspricht ganz dem was mir so recht an Frauen gefällt. Sie ist gebildet« klug und sehr musikalisch . . . Wenn Du sie sehen könntest! Ich schicke Dir ihr Bild, das ich selbst gezeichnet habe. Aber sie ist tausendmal schöner als dieses Bild. Marja liebt Dich schon wie eine Tochter, und kann den Tag wo sie Dich kennenlernen soll, gar nicht erwarten. Ich habe mich entschlossen, den Dienst zu quittiren, mich auf dem Lande niederzulassen und mich mit Oekonomie zu beschäftigen. Der alte Perekatoff besitzt vierhundert Bauern – er befindet sich also in sehr guten Verhältnissen. Du siehst, auch nach dieser, der materiellen Seite, hab’ ich eine vortreffliche Wahl getroffen. Ich nehme mir Urlaub und komme zu Dir nach Moskau. In spätestens vierzehn Tagen kannst Du mich erwarten . . . Meine liebe gute Mutter, wie glücklich bin ich! . . .
Herzlich grüßt und küßt Dich . . .« u.s.w.
Kister faltete und versiegelte den Brief, stand auf, trat an’s Fenster, steckte sich eine Pfeife an, dachte ein wenig nach und setzte sich dann wieder an den Tisch. Er nahm einen kleinen Bogen Briefpapier und tauchte bedächtig die Feder in’s Tintenfaß; aber es dauerte noch lange, ehe er zu schreiben begann. Seine Stirn legte sich in Falten, er hob die Augen zur Decke und kaute an der Feder . . . Endlich entschloß er sich anzufangen – und nach einer Viertelstunde war folgender Brief geschrieben:
Geehrter Herr!
»Seit Ihrem letzten Besuche (d.h. seit drei Wochen) grüßen Sie mich nicht mehr, sprechen nicht mehr mit mir und scheinen mich zu meiden. Ein Jeder kann natürlich thun und lassen, was ihm beliebt. Sie fanden es angemessen, unserm Verkehr ein Ende zu machen. Glauben Sie mir, ich wende mich heut nicht an Sie, um mich über Ihr Verhalten zu beklagen. Es ist nicht meine Absicht und Gewohnheit, mich irgend Jemandem aufzudrängen, das Bewußtsein, daß ich Niemand Unrecht gethan, genügt mir vollkommen. Wenn ich Ihnen jetzt schreibe, so geschieht es nur aus Pflichtgefühl. Ich habe um Marja Perekatoffs Hand angehalten und mich mit Zustimmung ihrer Eltern mit ihr verlobt. Ich theile Ihnen dieses direct mit, um jeder Art von Mißverständniß und Mißdeutung vorzubauen. Ich gestehe Ihnen offen, Herr Rittmeister, daß ich mich nicht allzu sehr um die Meinung eines Mannes zu kümmern brauchte, der selbst nicht die geringste Rücksicht auf die Ansichten, und Empfindungen Anderer nimmt: ich schreibe Ihnen lediglich deshalb, weil es nicht einmal den Anschein haben soll, als wäre ich heimlich zu Werke gegangen. Ich darf annehmen, Sie kennen mich hinlänglich um meinen heutigen Schritt nicht zu mißdeuten. Da ich Ihnen heut zum letzten Mal schreibe, so kann ich nicht umhin, Ihnen in der Erinnerung an unsere frühere Freundschaft alles denkbare Glück zu wünschen.
Ich verbleibe mit besonderer Hochachtung
Ihr ergebener
Fedor Kister.
Fedor schickte den Brief sofort ab, kleidete sich um und liest anspannen. Vergnügt und sorglos ging er summend in seinem Zimmer auf und ab, ja er hüpfte sogar einigemal, nahm ein Heft Romanzen, rollte es zusammen und knüpfte ein blaues Bändchen darum . . .
Da ging die Thür auf und herein kam Lutschkoff: im Ueberrock, ohne Epauletten und mit der Mütze auf dem Kopf.
Erstaunt blieb Kister mitten im Zimmer stehen, ohne erst die Enden des Bändchens ist eine Schleife zu ziehen.
»Sie wollen Marja Perekatoff heirathen?« fragte Lutschkoff in ruhigem Ton.
Da loderte es in Kister auf.
»Mein werther Herr,« begann er, »wenn anständige Leute in ein fremdes Zimmer treten, so nehmen sie die Mütze ab und sagen guten Tag.«
»Verzeihen Sie,« versetzte der Raufbold kurzab und zog die Mütze vom Kopf. Guten Tag.«
«Guten Tag, Herr Lutschkoff. Sie fragen, ob ich mich mit Fräulein Perekatoff verheirathen wolle? Haben Sie denn meinen Brief nicht gelesen ?«
»Ja. Also Sie heirathen. Gratuliere.«
»Ich nehme Ihre Gratulation an und danke Ihnen dafür. Aber ich muß jetzt fort.«
»Ich möchte, daß es zwischen uns zu einer Auseinandersetzung käme, Fedor Fedorowitsch.«
»Ich habe nichts dagegen . . . mit Vergnügen,« antwortete Kister. Offen gestanden, ich habe eine solche Auseinandersetzung erwartet. Ihr Benehmen gegen mich ist so seltsam und meinerseits, wie mich dünkt, so wenig verdient, daß ich es nicht erwarten konnte . . . Aber wollen Sie sich nicht setzen? Ist Ihnen eine Pfeife gefällig?«
Lutschkoff setzte sich. Seine Bewegungen verriethen eine eigenthümliche Müdigkeit. Er strich sich den Schnurrbart und zog die Brauen in die Höhe.
»Sagen Sie mal, Feder Fedorowitsch,« begann er endlich, »warum haben Sie sich mir gegenüber so lange verstellt?«
»Was sagen Sie?«
»Warum haben Sie stets den Unschuldigen, Makellosen gespielt, während Sie doch grad so einer sind, wie wir andern Sünder?«
»Ich verstehe Sie nicht . . . habe ich Sie mit irgend etwas beleidigt?«
»Sie verstehen mich nicht . . . Schön. Ich will mich bemühen, deutlicher zu sprechen. Sagen Sie mir, haben Sie schon lange Neigung für Fräulein Perekatoff gehegt oder ist Ihre Leidenschaft plötzlich aufgeflammt?«
»Es ist nicht meine Absicht, Herr Lutschkoff, mit Ihnen über mein Verhältniß zu Marja Sergejewna zu sprechen,« antwortete Kister kalt.
»So. Wie’s Ihnen beliebt. Dann werden Sie mir wohl gütigst gestatten, zu glauben, dass Sie mich zum Narren gehalten haben.«
Lutschkoff sagte das sehr langsam und zögernd.
»Das können Sie von mir nicht glauben, Herr Lutschkoff; dazu kennen Sie mich zu gut.«
»Ich Sie kennen? . . . Wer kennt Sie überhaupt? Ein merkwürdiger Mensch – dunkel wie der Wald, seiner äußeren Person nach unser Kamerad – das ist Alles. Ich weiß, das; Sie mit viel Gefühl, ja sogar mit Thränen in den Augen deutsche Verse lesen; ich weiß, daß Sie an den Wänden Ihrer Wohnung verschiedene Landkarten aufgehängt haben; ich weiß, dass Sie auf die Pflege Ihrer werthen Person eine besondere Sorgfalt verwenden; das weiß ich – weiter aber nichts . . .«
Kister wurde roth vor Zorn.
Darf ich fragen,« sprach er endlich, »was der Zweck Ihres Besuches ist? Seit drei Wochen grüßen Sie mich nicht mehr und jetzt kommen Sie anscheinend in der Absicht zu mir, sich über mich lustig zu machen. Ich bin kein Knabe werther Herr, ich erlaube Niemandem —«
»Ich bitte Sie,« unterbrach ihn Lutschkoff, »wer wird es wagen, sich über Sie lustig zu machen. Im Gegentheil, ich komme mit einer ganz unterthänigen Bitte zu Ihnen, – mit der Bitte, mir gütigst Ihr Benehmen gegen mich erklären zu wollen. Gestatten Sie mir daher zu fragen: haben Sie mich nicht mit Gewalt mit der Familie Perekatoff bekannt gemacht? Haben Sie nicht Ihrem ergebensten Diener versichert, daß er an Herz und Seele neu »aufblühen« würde? Und endlich: haben nicht Sie mich mit der tugendsamen Marja Sergejewna zusammengeführt? Warum also sollte ich nicht voraussetzen, daß ich mich bei Ihnen für jenen letzten angenehmen Gefühlsaustausch zu bedanken habe, über den man Sie vermuthlich schon in geeigneter Form unterrichtet hat? Pflegt doch die Braut dem Bräutigam Alles zu beichten, namentlich ihre unschuldigen Streiche. Warum sollte ich also nicht glauben, daß mir aus Ihr Anstiften eine so großartige Nase gedreht wurde? Sie nahmen ja einen so herzlichen Antheil an meiner »Wiedergeburt«!«
Kister schritt im Zimmer auf und nieder.
»Hören Sie, Lutschkoff,« sprach er; »wenn Sie wirklich im Ernst von dem, was Sie da sagen, überzeugt sind – was ich offen gestanden nicht glaube – so muß ich Ihnen erklären: Sie sollten sich schämen, meine Schritte und mein Verhalten aus so beleidigenden Motiven herzuleiten. Es ist nicht meine Absicht, mich zu rechtfertigen . . . ich appellire nur an Ihr Gewissen und Ihr Gedächtniß.«
»Schön; und so will ich mich denn erinnern, daß Sie sich beständig im Flüsterton mit Marja Sergejewna unterhalten haben. Außerdem aber gestatten Sie mir noch eine Frage: Waren Sie nicht bei den Perekatoffs nach dem bekannten Gespräch zwischen uns Beiden? Nach jenem Abend da ich als echter Dummkopf Ihnen, meinem besten Freunde, von dem verabredeten Stelldichein erzählte?«
»Wie, Sie trauen mir zu, daß ich —«
»Ich traue Andern,« unterbrach ihn Lutschkoff mit eisiger Kälte, »nichts anderes zu, als was ich mir selbst zutraue; aber ich besitze auch die Schwäche zu glauben, daß Andre nicht besser sind als ich.«
»Da irren Sie,« versetzte Kister nachdrücklich; »Andre sind in der That besser als Sie.«
»Ich habe die Ehre Ihnen zu gratuliren,« bemerkte Lutschkoff ruhig, »indeß – —«
»Aber,« fiel ihm Kister zornig in’s Wort, »erinnern Sie sich doch, in welchen Ausdrücken sprachen Sie mir von diesem Stelldichein, von – »Aber ich sehe, diese Auseinandersetzungen sind ganz zwecklos . . . Glauben Sie von mir, was Sie wollen und handeln Sie nach Belieben.«
»Ah, das laß ich mir gefallen,« bemerkte Lutschkoff; »das ist doch ein offenes Wort.«
»Handeln Sie nach Belieben,« wiederholte Kister.
Ich begreife Ihre Lage, Fedor Fedorowitsch« fuhr Lutschkoff mit affectirter Theilnahme fort. Sie ist unangenehm, wirklich unangenehm. Da spielen wir eine Rolle, spielen sie ausgezeichnet, und kein Mensch sieht uns den Schauspieler an; mit einem Mal —«
»Wenn ich glauben könnte,« unterbrach ihn Kister mit zusammengepreßten Zähnen, »daß jetzt nur gekränkte Liebe aus Ihnen spräche, würde ich Mitleid mit Ihnen haben und Ihnen verzeihen . . . Aber aus Ihren Vorwürfen und Verleumdungen hör’ ich nur den Schrei verletzter Eigenliebe heraus und so kann ich kein Mitleid mit Ihnen haben . . . Es ist Ihnen nur Ihr Recht geschehen!«
»Gott, wie der Mann zu reden versteht!« versetzte Lutschkoff halblaut. »Meine Eigenliebe,« fuhr er fort: «ganz recht, die ist auf das Tiefste, Empfindlichste verletzt worden. Aber wer ist denn frei von Eigenliebe? Sie vielleicht? Ja, ich besitze Eigenliebe, aber ich erlaube Niemandem, mich tu bedauern.«
»Sie erlauben nicht?« erwiderte Kister stolz »Was ist das für ein Ausdruck, Herr Lutschkoff! Bedenken Sie, zwischen uns ist jedes Band zerrissen. Ich bitte Sie deshalb, sich mir gegenüber zu benehmen, wie man es einem anständigen Mann schuldig ist.«
»Zerrissen! Jedes Band zerrissen!« fuhr Lutschkoff fort. »Schön! So erfahren Sie denn, daß ich Sie lediglich aus Mitleid nicht mehr grüßte und besuchte; da Sie mich bedauern, werden Sie mir wohl gestatten, Sie zu bemitleiden! . . . Ich wollte Sie nicht in eine falsche Stellung bringen, aber Ihr Gewissen wachrufen . . . Sie sprachen von unserm frühern Verhältniß . . . als ob Sie nach Ihrer Verheirathung noch mein Freund hätten bleiben können! Aber genug davon! Auch früher waren Sie nur mein Freund, um mich als Schild für Ihre werthe Person benutzen zu können . . . «
Lutschkoffs gewissenlose Verdächtigung empörte Kister.
,Machen wir diesem unangenehmen Gespräch ein Ende!« rief er. »Offen gesagt, ich begreife nicht, warum Sie zu mir gekommen sind.«
»Sie können das wirklich nicht begreifen?« versetzte Lutschkoff mit affectirtem Erstaunen.
»Nein.«
Nei–ein?«
»Ich wiederhole Ihnen: Nein!«
»Das ist herrlich! . . . Das ist wirklich herrlich! Wer hätte das von einem so klugen Manne gedacht!«
»Erklären Sie mir also endlich, was Sie wollen!«
»Ich komme zu Ihnen, Herr Kister,« fuhr Lutschkoff fort, indem er langsam aufstand, »ich komme zu Ihnen, um Sie zu einem Duell herauszufordern. Haben Sie mich jetzt verstanden? Ich will mich mit Ihnen schlagen. Ah, Sie meinten mich so ohne weiteres los werden zu können! . . . Wußten Sie denn noch nicht, mit wem Sie’s zu thun haben? Sie bildeten sich ein, ich würde Ihnen erlauben – —«
»Sehr schön,« unterbrach ihn Kister kalt und scharf. »Ich nehme Ihre Herausforderung an. Schicken Sie mir Ihren Secundanten.«
»Ja ja,« versetzte Lutschkoff, dem es, wie der Katze, leid that, sein Opfer so schnell loslassen zu müssen; »ich gestehe, es wird mir eine große Befriedigung gewähren, morgen den Lauf meiner Pistole auf Ihr blondes ideales Haupt zu richten.«
»Es scheint, Sie wollen mich nach der Herausforderung noch beschimpfen, entgegnete Kister verächtlich »Gehen Sie gefälligst Ihres Weges. Es ist mir zuwider, mich noch mit Ihnen zu unterhalten.«
»Ach ja, die Delicatesse! . . . Ich verstehe zwar kein Französisch, aber dieses Wort habe ich von Marja Sergejewna.« murmelte Lutschkoff, indem er sich die Mütze aufsetzte. »Auf angenehmes Wiedersehn Fedor Fedorowitsch!’«
Er grüßte und ging.
Kister schritt einigemal im Zimmer auf und nieder. Sein Gesicht brannte und gewaltsam hob und senkte sich seine Brust. Er hatte keine Angst vor dem, was bevorstand, und sein Zorn hatte ihn schon wieder verlassen, aber der Gedanke, daß er einen solchen Menschen einst Freund genannt hatte etwas unsäglich Bitteres für ihn. Aus das Duell freute er sich beinah. Auf diese Weise entledigte er sich mit einem Mal seiner ganze Vergangenheit . . . Schön, dachte er, so erobere ich mir förmlich mein Glück . . . Marjas Bildniß schien ihn anzulächeln und ihm den Sieg zu verheißen . . . nein, ich werde nicht unterliegen wiederholte er mit ruhigem Lächeln.
Auf dem Tisch lag der Brief an seiner Mutter . . . Das Herz preßte sich ihm einen Augenblick zusammen. Er beschloss, ihn unter allen Umständen seht noch nicht abzuschicken . . . Er fühlte, daß seine Lebenskraft sich gleichsam verdoppelte, was immer der Fall, wenn der Mensch einer Gefahr gegenüber steht. Ruhig erwog er alle Möglichkeiten des Zweikampfes und machte sich mit dem Gedanken vertraut, dass ihn und Marja ein Unglück treffen, dass sie getrennt werden könnten – und schaute hoffnungsvoll in die Zukunft. Er gab sich das Wort, Lutschkoff nicht zu tödten . . . Mit unwiderstehlicher Macht zog es ihn zu Marja. Er suchte sich einen Sekundanten brachte schnell all seine Sachen in Ordnung und fuhr nach dem Essen sofort zu ihr. Während des ganzen Abends war Kister ungemein heiter, ja vielleicht zu heiter.
Marja spielte sehr viel auf dem Piano, sie merkte nichts und coquettirte mit ihm in der anmuthigsten Weise. Anfangs schmerzte ihn ihre Sorglosigkeit; aber dann betrachtete er dieselbe als eine glückliche Vorbedeutung, freute sich darüber und wurde ganz ruhig.
Sie hatte sich mit jedem Tage inniger an ihn angeschlossen; das Verlangen nach Glück war stärker in ihr als das Gefühl der Leidenschaft. Zudem hatte Lutschkoff sie von allen übertriebenen Wünschen geheilt, – mit Freuden hatte sie denselben für immer entsagt. Nenila liebte Kister wie einen Sohn und Perekatoff folgte wie immer dem Beispiel seiner Frau.
»Auf Wiedersehn!« sagte Marja zu Kister, als sie sich im Vorzimmer von ihm verabschiedete, und mit stillem Lächeln sah sie, wie er zärtlich und lange ihre Hände küßte.
»Auf Wiedersehn!« entgegnete er vertrauensvoll; »auf Wiedersehn!«
Aber als er eine halbe Werft von dem Hause entfernt war, erfaßte ihn eine seltsame Unruhe; er erhob sich in seinem Wagen und schaute nach dem Hause zurück: seine Augen suchten die erleuchteten Fenster . . . Aber das ganze Haus war finster wie ein Grab.
XI
Am folgenden Morgen, gegen elf Uhr, fand sich Kisters Secundant, ein alter erfahrener Major, bei diesem ein. Der brave Alte drehte und kaute an seinem grauen Schnurrbart und prophezeite Lutschkoff alles mögliche Unheil . . .
Der Wagen war angespannt. Kister übergab dem Major zwei Briefe; der eine war an seine Mutter, der andere an Marja adressiert.
»Wozu daß?«
»Man kann nie wissen!»
»Dummes Zeug! Wir schießen ihn über den Haufen wie ein altes Feldhuhn!«
»Gleichviel . . . «
Aergerlich steckte der Major die beiden Briefe in die Seitentasche seines Ueberrocks.
»Und nun vorwärts!«
Sie fuhren ab. Am Saum eines kleinen Waldes, zwei Werst von Kirilowo, erwartete sie Lutschkoff mit seinem Secundanten, dem parfümirten Adjutanten, seinem früheren Freunde. Das Wetter war herrlich. Friedlich zwitscherten die Vögel und nicht fern vom Walde zog ein Bauer lange Furchen mit seinem Pfluge.
Während die Sekundanten die Distanz abmaßen, die Barrièren absteckten, die Pistolen untersuchten und luden, wechselten die Gegner nicht einen einzigen Blick miteinander. Kister ging mit sorgloser Miene auf und ab und schlug mit einem abgerissenen Zweige in der Luft herum. Lutschkoff stand da unbeweglich mit verschränkten Armen und finsterem Gesicht.
Der entscheidende Augenblick war gekommen.
»Auf Ihre Plätze, meine Herren!«
Kister trat schnell an die Barrière; aber er war noch keine fünf Schritte gegangen, als Lutschkoff schoß,
Kister erbebte, that noch einen Schritt vorwärts, begann zu schwanken, der Kopf fiel ihm auf die Brust, die Kniee knickten zusammen und er fiel dumpf ins Gras . . .
Der Major stürzte auf ihn zu . . .
»Ist’s denn möglich!« flüsterte der Sterbende. . .
Lutschkoff näherte sich seinem Opfer. Auf seinem finsteren abgemagerten Gesicht lag ein Ausdruck harten, grimmigen Mitleids . . . Er sah den Adjutanten und den Major an, ließ wie ein Verbrecher den Kopf sinken, stieg schweigend in den Sattel und ritt im Schritt direct nach der Wohnung des Obersten . . .
Und Marja? . . . Sie lebt noch.