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Kitabı oku: «Die erste Liebe»

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. . . Die Gäste waren schon längst nach Hause gefahren. Die Uhr hatte halb Eins geschlagen. Im Zimmer befanden sich nur noch der Herr vom Hause, ferner Sergei Nikolajewitsch und Wladimir Petrowitsch.

Der Herr schellte und befahl die Reste der Abendmahlzeit abzuräumen. – Somit wäre es denn abgemacht, sagte er, tiefer in den Armstuhl sinkend, nachdem er die Cigarre angezündet hatte, daß ein Jeder von uns die Geschichte seiner ersten Liebe erzählen muß. An Ihnen ist zuerst die Reihe, Sergei Nikolajewitsch.

Sergei Nikolajewitsch, ein runder Mann. mit vollem, aufgedunsenem Gesichte, blickte zuerst den Herrn vom Hause und dann die Decke des Zimmers an. – Ich habe keine erste Liebe gehabt, sagte er darauf: habe gleich mit der zweiten angefangen.

– Wie ist das zu verstehen?

– Sehr einfach. Ich war achtzehn Jahre alt, als ich zum ersten Male einem überaus netten Fräulein den Hof machte; ich benahm mich indessen dabei so, als wäre mir das nichts Neues: genau in derselben Weise, wie ich später Anderen den Hof gemacht habe. Im Grunde genommen bin ich nur ein einziges Mal, als Kind von sechs Jahren, verliebt gewesen, und zwar in meine Wärterin; – dass ist aber schon sehr lange her. Die Einzelfälle haben sich aus meinem Gedächtnisse vermischt, und wenn ich mich derselben auch erinnerte, wen könnten sie weiter interessiren?

– Was ist da zu machen? begann der Herr vom Hause. – Auch meine erste Liebe bietet nicht viel Interessantes dar: bevor ich die Bekanntschaft Anna Iwanownas meiner jetzigen Frau, machte, war ich noch in Niemanden verliebt gewesen – und zwischen uns wurde die Sache bald abgemacht: unsere Eltern brachten das Ganze in Ordnung, wir gewannen einander bald lieb und ließen uns, ohne lange zu warten, trauen. Meine Geschichte wäre somit erzählt. Ich gestehe, meine Herren, als ich diese Frage von der ersten Liebe aufs Tapet brachte, hatte ich es auf Sie, wenn auch nicht alte, aber doch nicht mehr junge Junggesellen, abgesehen. Vielleicht geben Sie, Wladimir Petrowitsch, uns Etwas zum Besten?

– Meine erste Liebe gehört in der That zu dem nicht ganz Gewöhnlichen, entgegnete mit leichtem Stocken Wladimir, ein Mann gegen die Vierzig mit schwarzem, stellenweise schon grauem Haare.

– Ah! riefen der Herr vom Hause und Sergei Nikolajewitsch wie aus einem Munde. – Desto besser . . . Lassen Sie hören.

– Mit Vergnügen . . . doch nein: erzählen will ich nicht; ich bin nicht Meister in dieser Kunst: entweder kommt es trocken und kurz, oder weitschweifig und ungenau heraus; wenn Sie es aber zufrieden sind, will ich Alles, dessen ich mich erinnere, im Zusammenhange aufschreiben und Ihnen dann vorlesen.

Die Freunde waren anfänglich nicht damit einverstanden, Wladimir Petrowitsch bestand jedoch auf seinem Vorschläge. Zwei Wochen später kamen sie wieder zusammen und Wladimir Petrowitsch erfüllte sein Versprechen.

Folgendes ist seine Geschichte, wie er sie niedergeschrieben.

I

Der Vorfall ereignete sich im Sommer des Jahres 1833; ich war damals sechzehn Jahre alt, und wohnte in Moskau, bei meinen Eltern. Sie hatten ein Landhaus in der Nähe des Kalugaschen Thores, dem Neskuschni- Garten gegenüber, gemiethet. Ich bereitete mich für die Universität vor, arbeitete jedoch nicht viel und ohne mich zu übereilen.

Niemand beschränkte meine Freiheit. Ich that, was ich wollte, besonders seit ich meinen letzten Gouverneur los war, einen Franzosen, der sich durchaus nicht an den Gedanken gewöhnen konnte, daß er »gleich einer Bombe« (comme une bomde) nach Rußland geschleudert worden war, und sich mit grimmiger Miene Tagelang auf dem Bette herumwälzte. Der Vater behandelte mich mit freundlicher Gleichgültigkeit; meine Mutter gab nur wenig auf mich Acht, obgleich sie außer mir weiter keine Kinder hatte: andere Sorgen nahmen sie in Anspruch. Mein Vater, ein noch junger und sehr hübscher Mann, hatte sie aus Berechnung geheirathet; sie war zehn Jahr älter als er. Meine Mutter führte ein trauriges Leben: sie war beständig aufgeregt, eifersüchtig, ärgerlich – nur nicht in Gegenwart des Vaters; sie hatte große Furcht vor ihm, er dagegen hielt sich streng, kalt, fern . . . Ich habe nie einen Menschen gesehen, der künstlich-ruhiger, selbstvertrauender und eigenmächtiger gewesen wäre.

Nie werde ich die ersten Wochen, die ich aus dem Lande verbrachte, vergessen. Das Wetter war wundervoll; wir zogen am 9. Mai, gerade am Sankt Nikolaustage, in das Landhaus ein. Ich schlenderte umher, bald im Garten unserer Landwohnung bald in Neskuschni, bald außerhalb der Stadt; gewöhnlich nahm ich ein Buch mit, wie zum Beispiel Kaidanow’s Lehrbuch der Weltgeschichte, schlug es jedoch selten auf und declamirte meistentheils mit lauter Stimme Gedichte, deren ich eine Menge auswendig wußte; das Blut kochte in meinen Adern und mein Herz durchschauerte ein Gefühl seltsam süßer Wonne; unbestimmtes Ahnen und Bangen erfüllte mich, Alles erregte mein Staunen und hielt mich in Spannung; meine Phantasie schweifte und kreiste in raschem Fluge immer um dieselben Vorstellungen herum, wie Mauerschwalben um den Glockenthurm; ich wurde nachdenkend, traurig, weinte sogar; doch aus Thränen und Traurigkeit, die ein melodisches Gedicht oder ein schöner Abend hervorgebracht hatten, sproß wie Lenzesgrün das freudige Bewußtsein jugendlichen, sprudelnden Lebens empor.

Ich besaß ein kleines Reitpferd; ich sattelte es selbst und pflegte dann ohne bestimmtes Ziel allein hinaus zu reiten, spornte es zum Galopp an und bildete mir ein, ich wäre ein Ritter aus einem Turnier – wie lustig bließ mir dabei der Wind um die Schläfen! – oder, das Gesicht gen Himmel gekehrt, sog ich dessen strahlendes, glänzendes Blau in die Seele.

Zu der Zeit, erinnere ich mich, tauchte vor meinen Sinnen, fast niemals in bestimmten Zügen, das Bild eines Weibes, die Vorstellung weiblicher Liebe auf; dennoch lag in all’ meinem Denken und Empfinden ein halb unbewußtes, schamhaftes Vorgefühl von etwas Neuem, unsäglich Süßem Weiblichem . . .

Dieses Vorgefühl, diese Erwartung durchdrang mein ganzes Wesen; es bildete meinen Lebensgeist, rollte in jedem Blutstropfen durch meine Adern . . . bald sollte es der Wirklichkeit weichen.

Unser Landhaus bestand aus einem hölzernen Herrenhause mit Säulen und zwei kleinen Nebengebäuden; im Nebengebäude links befand sich eine unbedeutende Tapetenfabrik . . . Mehr als ein Mal war ich hingegangen, um zu sehen, wie ein Dutzend magerer, wirrhaariger Knaben in schmutzigen Röcken und mit fahlen Gesichtern beständig auf hölzerne Hebebäume sprangen, vermöge welcher viereckige Druckklötze herabgedrückt wurden und auf diese Weise durch die Last ihrer schmächtigen Leiber bunte Muster auf das Papier druckten. Das kleine Nebengebäude rechts stand leer und war zu vermiethen. Eines Tages, – drei Wochen nach dem 9. Mai, – wurden die Fensterladen desselben aufgemacht, weibliche Gesichter kamen zum Vorscheine – es hatte sich eine Familie darin eingemiethet. Ich besinne mich, noch am selben Tage erkundigte sich meine Mutter während des Essens beim Hausmeister, wer die neuen Nachbarn wären und als ihr der Name der Fürstin Sassekin genannt wurde, sagte sie, nicht ohne einige Ehrfurcht: Ah! eine Fürstin . . . setzte dann aber hinzu: vermuthlich irgend eine arme Familie.

– Sind in drei Droschken angefahren, bemerkte der Hausmeister, ehrerbietig die Schüssel umherreichend; haben keine eigene Equipage und ganz gewöhnliche Möbeln.

– So, meinte die Mutter, es ist aber doch besser —

Mein Vater warf einen kalten Blick auf sie: sie verstummte.

In der That, die Fürstin Sassekin mußte nicht reich sein: das kleine Gebäude, daß sie bezogen hatte, war so baufällig, eng, niedrig, daß Leute von einigem Vermögen sich nicht würden entschlossen haben, daselbst zu wohnen.

Uebrigens gab ich damals nicht Acht darauf. Ein fürstlicher Titel übte wenig Wirkung auf mich aus: ich hatte vor Kurzem Schillers »Räuber« gelesen.

II

Es war meine Gewohnheit. jeden Abend mit der Flinte in unserem Garten umherzuschlendern und auf Krähen zu lauern. – Von jeher hatte ich auf diese vorsichtigen, raubsüchtigen und listigen Vögel einen Haß geworfen. An dem Tage, von welchem die Rede ist, war ich auch in den Garten gegangen – und nachdem ich vergebens alle Alleen durchstrichen hatte (die Krähen kannten mich schon und krächzten ab und zu aus der Ferne), kam ich zufällig dem niedrigen Zaune nahe, der eigentlich unser Gebiet von dem schmalen Gartenstrich hinter dem rechten Nebengebäude, zu welchem er gehörte, trennte. Ich wandelte gesenkten Blickes meine Wege. Plötzlich glaubte ich Stimmen zu hören; ich that einen Blick über den Zaun – und blieb wie versteinert stehen . . . Ein sonderbares Schauspiel bot sich meinen Augen dar.

Einige Schritte vor mir – aus einem Rasenplatze, zwischen grünen Himbeersträuchen, stand ein hohes, schlankes Mädchen, in gestreiftem, rosafarbenen Kleide, mit einem weißen Tuche auf dem Kopfe; um sie herum standen, dicht gedrängt, vier junge Leute und sie theilte Jedem derselben der Reihe nach mit jenem kleinen, grauen Blümchen, dessen Namen ich nicht kenne, das jedoch den Kindern wohlbekannt ist, Schläge auf die Stirn aus. Diese Blümchen bilden kleine Säckchen; die knallend aufspringen, sobald man mit denselben auf einen harten Gegenstand schlägt. Die jungen Leute streckten so willfährig ihre Stirn vor, und in den Bewegungen des jungen Mädchens (sie kehrte mir die Seite zu) lag Etwas so Bezauberndes, Gebieterisches, und doch dabei Einschmeichelndes, Scherzendes und Liebliches, daß ich vor Erstaunen und Entzücken beinahe aufgeschrieen hätte und, glaube ich, auf der Stelle Alles in der Welt würde hingegeben haben, wenn diese reizenden Fingerchen auch mich auf die Stirn geschlagen hätten. Meine Flinte war in’s Gras geglitten, ich hatte Alles vergessen, verschlang mit den Blicken die schlanke Gestalt, den Hals, die schönen Arme, das unter dem weißen Tuche leicht in Unordnung gerathene Haar, dieses halbverhüllte, kluge Auge, diese Wimpern und unterhalb derselben die zarte Wange . . .

– Junger Mann, junger Mann, sagte plötzlich eine Stimme neben mir: – ist es denn erlaubt, fremde junge Damen zu belauschen?

Ich fuhr zusammen und blieb stumm stehen . . Neben mir, hinter dem Zaune, stand ein Mann mit kurzgeschnittenem, schwarzem Haar und blickte mich höhnisch lächelnd an. In demselben Augenblicke wandte sich auch das junge Mädchen nach mir um . . Ich wurde ein Paar große, graue Augen aus einem lebhaften Gesichte gewahr, das plötzlich erzitterte, vom raschen Lachen bewegt, weiße Zähne sehen ließ und gar komisch die Brauen emporzog . . . Feuerroth raffte ich meine Flinte vom Boden aus und stürzte, von lautem, aber nicht spöttischem Lachen begleitet, auf mein Zimmer, warf mich auf mein Bett und bedeckte mein Gesicht mit den Händen. Das Herz pochte gewaltig in meiner Brust; es war von Beschämung und zugleich von Freudigkeit erfüllt: eine bis dahin unbekannte Erregung hatte sich meiner bemächtigt.

Nachdem ich mich erholt hatte, brachte ich mein Haar in Ordnung, bürstete mich rein und begab mich hinunter zum Thee. Das Bild des jungen Mädchens schwebte mir immer vor Augen; das Herz pochte nicht mehr, aber ich empfand einen Druck darin, der mich wonnig bewegte.

– Was hast Du? fragte mich plötzlich mein Vater – Hast Du eine Krähe geschossen?

Ich wollte ihm Alles erzählen, hielt jedoch an mich und lächelte blos vor mich hin.

Vor dem Schlafengehen drehte ich mich, ich weiß selbst nicht weswegen, drei Mal auf einem Beine herum, rieb mir Pomade in’s Haar, legte mich dann zu Bette und schlief die ganze Nacht hindurch wie todt. Noch vor Tagesanbruch erwachte ich auf einen Augenblick, streckte den Kopf in die Höhe, blickte wie verzückt umher, und – schlief wieder ein.

III

»Wie fang’ ich es nur an, ihre Bekanntschaft zu machen?« war mein erster Gedanke, als ich endlich erwacht war. Vor dem Thee begab ich mich in den Garten, näherte mich jedoch dem Zaune nicht gar so sehr und – bekam Niemand zu Gesicht. Nach dem Thee ging ich einige Male die Gasse vor dem Landhause aus und ab – und schielte von Weitem nach den Fenstern . . . Mir däuchte, ich hätte ihr Gesicht hinter dem Vorhange erblickt und erschrocken entfernte ich mich rasch. »Ich muß aber doch ihre Bekanntschaft machen,« dachte ich, indem ich ziellos auf der Sandfläche, die sich vor Neskuschni hinzog, umherging . . . »wie aber? Das ist die Frage.« Ich gedachte der geringsten Einzelheiten bei unserem gestrigen Zusammentreffen: besonders erinnerte ich mich deutlich, wie sie über mich gelacht hatte . . . Doch während ich noch hin- und hersann und verschiedene Pläne schmiedete, hatte schon das Schicksal über mich entschieden.

In meiner Abwesenheit hatte meine Mutter von der neuen Nachbarin einen Brief bekommen; er war auf grauem Papier geschrieben und mit braunrothem Siegellack, der ausschließlich für Postpakete und etwa noch zum Verpichen billiger Weinsorten gebraucht wird, versiegelt. In diesem Briefe, der fehlerhaft und unsauber geschrieben war, bat die Fürstin meine Mutter, sie möchte ihr Protection erweisen, da meine Mutter, so schrieb die Fürstin, mit einflußreichen Personen bekannt sei, von denen der Fürstin und derer Kinder Schicksal abhänge, da sie nämlich in sehr ernste Processe verwickelt sei. »Ich wände mich an Ihnen, schrieb sie, als Dahme von Adel zu eine Dahme von Adel und gleicherzeitich freue ich mich diese Gelegenheit zu benutzen.« Zum Schlusse bat sie meine Mutter um die Erlaubniß, ihr ihre Aufwartung machen zu dürfen. Ich traf meine Mutter in schlechter Gemüthsstimmung: mein Vater war gerade nicht zu Hause und sie hatte Niemanden, den sie um Rath fragen konnte. Einer »Dame von Adel« und noch dazu »einer Fürstin,« keine Antwort zu gehen, wäre unmöglich gewesen – wie aber sollte sie antworten – darüber war meine Mutter unschlüssig. Ein französisches Billet schreiben, dünkte ihr nicht passend, in der russischen Rechtschreibung aber war meine Mutter auch nicht stark – sie wußte es – und wollte sich keine Blöße geben. Meine Ankunft erfreute sie, sie befahl mir, sogleich zur Fürstin zu gehen und derselben mündlich zu erklären, sie wäre stets bereit Ihrer Durchlaucht nach Kräften Beistand zu leisten und lasse sie bitten, sich doch gegen ein Uhr zu ihr zu bemühen. Die unerwartet schnelle Erfüllung meiner geheimen Wünsche versetzte mich in Freude und Schrecken zugleich: ich ließ indessen Nichts von der Verwirrung merken, die sich meiner bemächtigt hatte, sondern begab mich zuerst auf mein Zimmer, um eine neue Halsbinde und einen neuen Rock anzulegen: zu Hause ging ich noch in der Jacke und zurückgeschlagenem Hemdkragen einher, was mir immer sehr peinlich war.

IV

Im engen und unsaubern Vorzimmer der fürstlichen Wohnung, das ich, unwillkürlich am ganzen Leibe zitternd, betrat – begegnete mir ein alter, ergrauter Diener mit dunklem, bronzefarbenem Gesichte, mürrischen kleinen Augen und so tiefen Furchen auf Stirn und Schläfen, wie ich deren in meinem Leben nicht gesehen habe. Er hielt eben auf einem Teller einen abgenagten Häringsgrat, und fragte, kurz angebunden, indem er mit dem Fuße die Thür in’s andere Zimmer ausstieß: was wünschen Sie? – Ist die Fürstin Sassekin zu Hause? fragte ich.

– Bonifacius! kreischte eine weibliche Stimme hinter der Thür.

Der Diener wandte mir schweigend den Rücken zu, wobei die stark mitgenommene Rückenseite seiner Livrée, mit einem vereinzelten braungewordenen Knopfe, sichtbar wurde und entfernte sich, nachdem er den Teller auf den Fußboden gestellt hatte.

– Warst Du im Polizeiquartal? fragte dieselbe Stimme. Der Diener brummte Etwas als Antwort. – Was? . . . Es ist Jemand da? ließ sie sich wieder hören . . . Der junge Herr aus dem Nachbarhause? – Nöthige ihn herein.

Bemühen Sie sich in’s Gastzimmer, sagte der Diener, der wiederum vor mir stand, indem er den Teller vom Boden aufhob. Ich nahm mich zusammen und trat in das »Gastzimmer.«

Es war ein enges und nicht besonders reinliches Gemach, in welches ich trat, mit ärmlichen, gleichsam in aller Eile umher aufgestellten Möbeln. Am Fenster saß auf einem Armstuhle, an welchem die eine Lehne fehlte, eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, ohne Haube und nicht hübsch von Gesicht, in einem alten grünen Kleide und mit einem bunten, wollenen Tuche um den Hals. Ihre kleinen, schwarzen Augen waren scharf auf mich gerichtet. Ich näherte mich ihr und grüßte sie.

– Habe ich die Ehre, die Fürstin Sassekin zu sprechen?

– Ich bin die Fürstin Sassekin; Sie sind wohl der Sohn des Herrn W . . .?

– Ganz richtig. Ich bin im Auftrage meiner Mutter gekommen.

– Nehmen Sie Platz, ich bitte. Bonifacius! wo sind meine Schlüssel, hast Du sie nicht gesehen?

Ich theilte der Mme. Sassekin die Antwort meiner Mutter auf ihren Brief mit. Sie hörte mir, mit den dicken rothen Fingern auf dem Fensterrahmen trommelnd, zu, und als ich zu Ende war, blickte sie mir abermals scharf in’s Gesicht.

– Sehr wohl; ich werde nicht ermangeln, zu kommen, sagte sie endlich. Wie sind Sie aber noch jung! Wie alt, wenn ich fragen darf?

– Sechzehn Jahre, gab ich, unwillkürlich stockend, zur Antwort.

Die Fürstin langte aus ihrer Tasche einige beschriebene, beschmutzte Papiere hervor, hielt dieselben dicht vor die Nase und begann darin herumzublättern.

– Ein schönes Alter, jagte sie auf einmal, indem sie sich auf ihrem Sitze hin und her bewegte. – Bitte, ganz ohne alle Umstände. Bei uns geht es einfach her.

Die erste Liebe – Gar zu einfach, dachte ich, indem ich in unwillkürlicher Anwandlung von Ekel ihre ganze Gestalt betrachtete.

In diesem Augenblicke ward eine andere Thür des Gastzimmers rasch geöffnet und an der Schwelle zeigte sich jenes junge Mädchen, das ich Tages zuvor im Garten gesehen hatte. Sie streckte die Hand vor und über ihr Gesicht zuckte ein Lächeln.

– Und das hier ist meine Tochter, sagte die Fürstin, mir dem Ellenbogen auf dieselbe deutend. – Sinotschka, der Sohn unseres Nachbarn, des Herrn W . . . Wie ist Ihr Name, mit Erlaubniß?

– Wladimir, erwiderte ich aufstehend und vor Aufregung stockend.

– Und mit dem Vaternamen?

– Petrowitsch.

– Ah! Ich hatte einen Bekannten, er war Polizeimeister, der hieß auch Wladimir Petrowitsch Bonifacius! suche die Schlüssel nicht mehr; ich habe sie in meiner Tasche.

Das junge Mädchen fuhr fort mich mit dem früheren Lächeln zu betrachten, sie blinzelte dabei etwas und hielt den Kopf auf die Seite geneigt.

–– Ich habe Monsieur Woldemar schon gesehen, begann sie. (Der Silberklang ihrer Stimme durchrieselte mich wie freudiger Schauer) – Erlauben Sie mir, Sie so zu nennen?

– Oh ich bitte, stammelte ich.

– Wo denn? fragte die Fürstin.

Die junge Fürstin gab ihrer Mutter keine Antwort.

– Sind Sie jetzt beschäftigt? fragte sie mich, ohne den Blick von mir zu wenden.

– Nein, jetzt nicht.

– Wollen Sie mir helfen Wollgarn aufwickeln? Kommen Sie her zu mir.

Sie nickte mir mit dem Kopfe zu und verließ das Gastzimmer. Ich folgte ihr.

In dem Zimmer, das wir betraten, waren die Möbel etwas besserer Art und mit mehr Geschmack umhergestellt. – Uebrigens war ich in diesem Augenblicke nicht im Stande Etwas zu bemerken; ich bewegte mich wie im Traume und empfand in meinem ganzen Wesen ein bis zur Albernheit gesteigertes Wohlbehagen.

Die junge Fürstin ließ sich nieder, holte ein Bündel rothen Garnes herbei, wies mir einen Stuhl, ihr gegenüber, an, machte behutsam das Garn los und legte es mir über die Hände. Alles dies that sie schweigend, mit einer gewissen ergötzlichen Langsamkeit und jenem heitern und schelmischen Lächeln auf den halbgeöffneten Lippen. Sie begann das Garn auf eine zusammengelegte Spielkarte zu wickeln und warf plötzlich einen so hellen und leuchtenden Blick auf mich, daß ich unwillkürlich die Augen niederschlug. Wenn sie ihre Augen, die sie meistentheils halbgeschlossen hielt, aufschlug – bekam ihr Gesicht einen ganz anderen Ausdruck: es schien gleichsam von Licht übergossen.

– Was haben Sie gestern von mir gedacht, Monsieur Woldemar? fragte sie einiger Minuten darauf. – Gewiß haben Sie mich getadelt?

– Ich . . . Fürstin . . . ich habe Nichts dergleichen gedacht . . . wie hätte ich so Etwas . . . entgegnete ich verwirrt.

– Hören Sie, erwiderte sie. – Sie kennen mich noch nicht; ich bin sehr eigen; ich will, daß man mir die Wahrheit sage. Sie sind, wie ich höre, sechzehn, ich bin einundzwanzig Jahre alt: Sie sehen, ich bin viel älter als Sie, und darum müssen Sie mir immer die Wahrheit sagen . . . und mir gehorchen, setzte sie hinzu. – Sehen Sie mich doch an, warum sehen Sie mich nicht an?

Das machte mich noch verwirrter, ich richtete indessen doch den Blick auf sie. Sie lächelte mir zu, doch nicht mit dem früheren, sondern einem anderen beifälligen Lächeln. – Lassen Sie Ihren Blick auf mir ruhen, sagte sie mit freundlicher, gedämpfter Stimme: ich habe es nicht ungerne. Ihr Gesicht gefällt mir; ich fühle es, daß wir Freunde sein werden. Und gefalle ich Ihnen? setzte sie schelmisch hinzu.

– Fürstin . . . wollte ich beginnen . . .

– Erstens, sollen Sie mich Sinaïde Alexandrowna nennen; zweitens – was für eine Gewohnheit haben diese Kinder (sie verbesserte sich) – diese jungen Leute – niemals gerade heraus zu sagen, was sie fühlen? Das paßt für Erwachsene. Ich gefalle Ihnen doch?

Obgleich es mir sehr angenehm war, daß sie so aufrichtig mit mir sprach, fühlte ich mich doch dabei etwas verletzt. Ich wollte ihr zeigen, daß sie es nicht mit einem Knaben zu thun habe und sagte daher, mit möglichst ungezwungener und ernsthafter Miene: – gewiß, Sinaïde Alexandrowna, sie gefallen mir sehr; ich will es nicht läugnen.

Sie schüttelte langsam den Kopf. – Haben Sie einen Gouverneur? fragte sie plötzlich?

– Nein, ich habe schon lange keinen mehr.

Es war eine Lüge; kaum mochte ein Monat vergangen sein, seit ich meinen Franzosen los ward.

– Oh! jawohl, ich sehe es – Sie sind ja schon groß.

Sie schlug mich leicht auf die Finger. – Halten Sie doch die Hände gerade! – Und emsig begann sie ihren Knäuel zu wickeln.

Ich benutzte den Umstand, daß sie den Blick gesenkt hielt und betrachtete sie nun, anfangs verstohlen, nachher aber dreister und dreister. Ihr Gesicht däuchte mir noch reizender als am Abende vorher: so fein, klug und lieblich sah es aus. Sie saß mit dem Rücken gegen das Fenster, an welchem die weiße Gardine herabgelassen war; ein Sonnenstrahl, der durch die Gardine drang, beleuchtete mit mildem Lichte ihr dichtes, goldiges Haar, ihren jungfräulichen Hals, die runden Schultern und die zarte, ruhige Brust. – Ich war in Anschauen versunken – und wie theuer, wie traut wurde sie mir! Mich dünkte, ich wäre schon lange mit ihr bekannt, ich hätte bis dahin nichts gewußt, nicht gelebt . . . Sie hatte ein dunkles, schon abgetragenes Kleid an, und eine Schürze auf dasselbe gebunden: gern hätte ich jede Falte dieses Kleides, dieser Schürze geküßt. Die Spitzen ihrer Halbstiefeln guckten unter ihrem Kleide hervor: ich wäre mit Vergnügen vor diesen Halbstiefeln niedergefallen . . . Und da sitze ich jetzt vor ihr, dachte ich, habe ihre Bekanntschaft gemacht . . . welch ein Glück, o mein Gott! Ich wäre vor Entzücken beinahe vom Stuhle aufgesprungen, schlenkerte indessen blos leicht mit den Füßen, wie ein Kind, das sich am Naschwerk lechzt.

Mir war wohl, wie dem Fische im Wasser, und ich hätte eine Ewigkeit in diesem Zimmer, auf demselben Flecke sitzen bleiben mögen.

Langsam schlug sie die Augenlider auf und wiederum strahlten mir ihre hellen Augen freundlich entgegen – und wiederum lächelte sie mich an.

– Wie Sie mich aber ansehen, – sagte sie langsam und drohte mir mit dem Finger.

Ich wurde roth . . . »Sie versteht Alles, bemerkt – Alles,« dachte ich.

Und wie wäre es denn anders möglich! Plötzlich ließ sich Geräusch im Nebenzimmer vernehmen,

– Säbelgeklirre.

– Sina! rief die Fürstin aus dem Gastzimmer – Belowsorow hat Dir ein Kätzchen gebracht.

– Ein Kätzchen! rief Sinaïde und warf, hastig aufspringend, den Knäuel in meinen Schooß und lief fort.

Ich erhob mich gleichfalls, legte das Bündel Garn nebst dem Knäuel aufs Fenster und begab mich ins Gastzimmer. Befremdet blieb ich stehen; mitten im Zimmer lag, mit ausgespreizten Pfoten, ein gestreiftes Kätzchen; vor demselben, auf den Knieen, Sinaïde und richtete vorsichtig das Schnäuzchen des Thieres in die Höhe. Neben der Fürstin wurde ich einen stattlichen, blonden, kraushaarigen Husaren mit rothem Gesichte und hervorstehenden Augen gewahr, der mit feinem Körper fast den ganzen Flächenraum zwischen den beiden Fenstern einnahm.

– O das drollige Thierchen! rief Sinaïde: – und seine Augen sind nicht grau, aber grün, und was für große Ohren! Ich danke Ihnen, Victor Jegoritsch! Das war sehr freundlich von Ihnen.

Der Husar, in welchem ich einen der jungen Leute erkannte, die ich am Abende vorher gesehen hatte, lächelte und verbeugte sich, wobei er die Sporen aneinanderstieß und die Säbelringe klirren ließ.

– Sie beliebten gestern zu äußern, es wäre Ihnen lieb, ein gestreiftes Kätzchen mit großen Ohren zu besitzen . . . da ist es. Ihr Wort ist mir Befehl. Und wiederum verbeugte er sich.

Das Kätzchen miaute leise und schnupperte an der Diele herum.

– Es ist hungrig! rief Sinaïde. – Bonifacius! Sjonja! bringt Milch her.

Das Kammermädchen, in einen alten, gelben Kleide mit eng zugestecktem Tuche um den Hals, trat, eine Untertasse mit Milch in der Hand, herein und stellte sie vor das Kätzchen hin. Das Thierchen zitterte, drückte die Augen zu und begann zu lecken.

– Was für ein rosiges Züngelchen es hat, bemerkte Sinaïde, den Kopf fast bis zum Fußboden geneigt und dem Thiere von der Seite dicht unter die Nase schauend.

Das Kätzchen hatte sich satt getrunken und fing an zu schnurren, indem es graziös die Pfötchen bewegte. Sinaïde erhob sich und sagte, zum Kammermädchen gewendet, in gleichgültigem Tone: trage es fort.

– Für das Kätzchen – das Händchen! sagte mit selbstgefälligem Lächeln der Husar, seinen mächtigen, fest in der Uniform eingeschnürten Oberkörper streckend.

– Beide, erwiderte Sinaïde und streckte ihm ihre Hände entgegen. Während er dieselben küßte, blickte sie mich über die Schultern an.

Ich blieb unbeweglich auf einem Flecke stehen und wußte nicht – ob ich lachen, Etwas sagen, oder in Schweigen verharren sollte. Auf einmal fiel mir, durch die halbgeöffnete Thür, die Gestalt unseres Dieners Fedor in die Augen. Er machte mir ein Zeichen. Mechanisch begab ich mich zu ihm hinaus.

– Was willst Du? fragte ich.

– Die Mama schickt mich nach Ihnen, sagte er flüsternd. Sie ist böse, daß Sie nicht mit der Antwort zurückkehren.

– Bin ich denn so lange hier?

– Ueber eine Stunde!

– Ueber eine Stunde! wiederholte ich unwillkürlich, kehrte in’s Gastzimmer zurück, und begann mich mit Verbeugungen und Kratzfüßen zu empfehlen.

–– Wohin denn? fragte mich die junge Fürstin, hinter dem Husaren hervorblickend.

– Ich muß nach Hause. Ich werde also melden, setzte ich hinzu, mich an die Alte wendend, daß Sie uns um Ein Uhr mit Ihrem Besuche beehren werden.

–– Ja, mein Lieber, sagen Sie das.

Die Fürstin griff hastig nach ihrer Tabaksdose und nahm mit solchem Geräusch eine Prise, daß ich fast zusammenschrak. – Sagen Sie das, wiederholte sie hustend und mit ihren feuchten Augen blinzelnd.

Ich verbeugte mich nochmals, drehte mich um und verließ das Zimmer mit jener Empfindung von Unbehaglichkeit im Rücken, welche sehr junge Leute zu haben pflegen, wenn sie wissen, daß man ihnen mit den Blicken folgt.

– Vergessen Sie nicht, Monsieur Woldemar, uns zu besuchen, rief Sinaïde mir zu und lachte dann wieder auf.

– Warum lacht sie nur beständig? dachte ich, während ich in Begleitung Fedor‘s, der mir schweigend, jedoch mißbilligend folgte, nach Hause zurückkehrte. Meine Mutter schalt mich und konnte nicht begreifen, was ich so lange bei der Fürstin gemacht habe. Ich ließ mich in keine Erörterungen ein, sondern begab mich auf mein Zimmer. Mir wurde auf einmal recht schwer um’s Herz . . . Ich hatte Mühe, meine Thränen zurückzuhalten . . . Ich war eifersüchtig auf den Husaren!

V

Die Fürstin machte, wie sie zugesagt hatte, meiner Mutter einen Besuch und gefiel derselben nicht. Ich war bei dem Zusammentreffen Beider nicht zugegen, bei Tische aber erzählte meine Mutter dem Vater, diese Fürstin Sassekin scheine ihr »une femme très vulgaire« zu sein, sie sei ihr sehr lästig gewesen mit ihren Bitten um Fürsprache beim Fürsten Sergius, sie stecke in Processen und Händeln »de vilaines affaires d'argent« und müsse eine große Intriguantin sein. Meine Mutter setzte hinzu, sie habe trotzdem die Fürstin nebst Tochter auf den morgenden Tag zum Mittagsessen eingeladen (beim Worte »Tochter« steckte ich die Nase in den Teller) – da sie doch einmal unsere Nachbarin und von Familie wäre. Hierauf entgegnete ihr mein Vater, er besinne sich nun, wer diese Dame sei; er habe in seiner Jugend einen verstorbenen Fürsten Sassekin, einen vortrefflich erzogenen, jedoch faden und hohlen Menschen gekannt; man habe demselben, seines langen Aufenthaltes in Paris wegen, in der Gesellschaft den Beinamen »le Parisien« gegeben; es sei ein sehr reicher Mann gewesen, habe jedoch sein ganzes Vermögen verspielt – und, aus welchem Grunde wisse man nicht, vermuthlich ans Berechnung – (wobei, meinte mein Vater mit kaltem Lächeln, er eine bessere Wahl hätte treffen können) die Tochter eines Beamten geheirathet und sich darauf in Speculationen eingelassen, die ihn vollends ruinirt.

– Wenn sie mich nur nicht um Geld bittet, bemerkte meine Mutter.

– Sehr möglich, entgegnete mein Vater gelassen. – Spricht sie französisch?

– Sehr schlecht.

– Hm! Uebrigens bleibt es sich gleich. Du sagtest, däucht mir, Du habest auch die Tochter eingeladen; ich habe von Jemand gehört, sie sei eine sehr liebenswürdige und gebildete Dame.

– O! dann gleicht sie der Mutter nicht.

–– Und ebenso wenig dem Vater; der war zwar auch gebildet, aber dumm, schloß er.

Meine Mutter seufzte und wurde nachdenkend. Mein Vater schwieg. Ich fühlte mich sehr unbehaglich während dieses Gespräches.

Nach dem Essen begab ich mich in den Garten, doch ohne Flinte. Ich hatte mir vorgenommen, mich dem »Sassekinschen Garten« nicht zu nähern; eine unwiderstehliche Macht zog mich aber hin – und nicht umsonst. Kaum war ich dem Zaune näher gekommen, so wurde ich Sinaïde gewahr. Diesmal war sie allein. Sie hielt ein Buch in der Hand und ging langsam den Weg entlang. Sie bemerkte mich nicht.

Fast hätte ich sie so vorübergehen lassen; ich besann mich jedoch eines Besseren und hustete.

Sie drehte sich um, blieb aber nicht stehen; mit der Hand strich sie das breite, blaue Band ihres runden Strohhutes zur Seite, blickte mich an, lächelte still und vertiefte sich wieder in das Buch.

Ich zog die Mütze und nachdem ich mich einige Zeit auf demselben Flecke herumgedreht hatte, entfernte ich mich mit schwerem Herzen. »Que suis-je pour elle?« dachte ich (Gott weiß warum), französisch.

Bekannte Schritte ließen sich hinter mir hören; ich blickte mich um – mein Vater war es, der mir mit seinem gewohnten raschen und leichten Gange entgegenkam.

– Ist das die junge Fürstin? fragte er mich.

– Das ist sie.

– Kennst Du sie denn?

– Ich habe sie heute morgen bei ihrer Mutter gesehen.

Der Vater blieb stehen, drehete sich rasch auf den Absätzen herum und ging zurück. Als er bis zu Sinaïde gekommen war, grüßte er sie höflich. Sie grüßte ihn gleichfalls? ein Ausdruck von Erstaunen glitt über ihr Gesicht und sie ließ das Buch sinken. Ich sah, wie sie ihm mit den Augen folgte. Mein Vater kleidete sich immer elegant, nach eigenem Geschmacke und einfach; niemals aber war mir seine edle Gestalt vortheilhafter erschienen, niemals hatte sein grauer Hut das unmerklich dünner gewordene Lockenhaar besser bedeckt, als heute.

Ich wollte nochmals Sinaïde entgegengehen; sie blickte mich aber nicht einmal an, hatte das Buch wieder vorgenommen und entfernte sich.

VI

Den ganzen Abend und folgenden Morgen verbrachte ich in einem Zustande trüber Entmuthigung. Ich versuchte es, erinnere ich mich, etwas zu arbeiten, nahm den Kaidanow vor – doch gedankenlos schweiften meine Blicke über die weitläufigen Zeilen und Seiten des berühmten Lehrbuches hin. Zehn Mal hintereinander las ich die Worte: »Julius Cäsar zeichnete sich durch kriegerischen Muth aus,« – ich verstand nichts und warf das Buch fort.

Vor dem Essen rieb ich mir wieder Pomade in’s Haar und legte meinen neuen Rock und die Halsbinde an.

–– Wozu das? fragte die Mutter. – Noch bist Du nicht Student und Gott weiß, ob Du das Examen bestehen wirst. Vor Kurzem erst ist Dir die Jacke gemacht worden! Soll die denn fortgeworfen werden?

– Es werden ja Gäste kommen, stammelte ich halb in Verzweiflung.

– Unsinn!l schöne Gäste! Ich mußte mich fügen. Der Rock ward gegen die Jacke vertauscht, die Halsbinde nahm ich jedoch nicht ab. Die Fürstin nebst Tochter erschienen eine halbe Stunde vor der Tafel. Die Alte hatte über das grüne, mir bereits bekannte Kleid einen gelben Shawl geschlungen und sich eine altmodische Haube mit feuerrothem Bande ausgesetzt. Sie fing sogleich von ihren Wechseln an, stieß Seufzer aus, klagte über ihre dürftigen Umstände, brachte verschiedene Anliegen vor, und genirte sich nicht im Geringsten: sie nahm ihre Prisen mit ebendemselben Geräusche, drehte sich und kutschte ebenso auf ihrem Stuhle hin und her, wie zu Hause. Es schien ihr gar nicht einzufallen, daß sie Fürstin sei. Dagegen benahm sich Sinaïde mit strengstem Anstande, ja fast hochmüthig, wie eine echte Fürstentochter. Ihr Gesicht drückte eine kalte Gemessenheit und Würde aus, so daß ich irre an ihr wurde und ihre Blicke, ihr Lächeln nicht wiederzuerkennen vermochte, obgleich sie mir auch in dieser neuen Gestalt bezaubernd erschien. Sie hatte ein leichtes Barègekleid mit hell-blauen Streifen an; das Haar fiel, nach englischer Sitte, in breiten Locken längs den Wangen herab: diese Frisur paßte zu dem kalten Ausdrucke ihres Gesichtes. – Mein Vater saß während der Tafel neben ihr und unterhielt seine Nachbarin mit der ihm eigenen feinen und ruhigen Höflichkeit. Von Zeit zu Zeit blickte er sie an – und dann und wann sie ihn, doch in eigenthümlicher, fast feindseliger Weise. Die Unterhaltung führten sie in französischer Sprache; – mein Erstaunen erregte, erinnere ich mich, Sinaïde’s reine Aussprache. Die Fürstin legte sich auch während der Tafel, ebenso wenig wie vorher, den geringsten Zwang an, sie aß viel und lobte die Speisen. Meine Mutter fühlte sich sichtbar belästigt durch sie und antwortete ihr mit einer gewissen mitleidigen Geringschätzung; dann und wann verzog mein Vater leicht das Gesicht. Sinaïde gefiel meiner Mutter auch nicht. – Das ist ein stolzes Ding, – sagte sie am folgenden Tage.

– Und es giebt da Etwas – stolz zu thun – »avec sa mine de grisette!«

– Du hast vermuthlich keine Grisetten gesehen, bemerkte mein Vater.

– Und dafür sei Gott gedankt!

– Ganz recht, . . . aber wie kannst Du dann so urtheilen? Auf mich gab Sinaïde nicht im Geringsten Acht. Bald nach dem Essen empfahl sich die Fürstin.

– Ich werde auf Ihre Protection bauen, Marja Nikolajewna, Peter Wassiljitsch, sagte sie mit flehendlichem Tone zu meinen Eltern. – Was soll ich machen! Es gab auch für mich Zeiten, ach! – die sind vorbei! Da sitze ich – man nennt mich Durchlaucht – setzte sie mit widerlichem Lachen hinzu, – eine schöne Ehre! – goldene Tressen und Nichts zu essen. – Mein Vater verbeugte sich ehrerbietig und begleitete sie bis zur Thüre des Vorzimmers. Ich stand dabei, in meinem kurzen Jäckchen, und stierte, gleich einem zum Tode Verurtheilten, den Fußboden an. Sinaïdes Benehmen gegen mich hatte mir den Gnadenstoß gegeben. Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als sie mir, an mir vorübergehend, hastig und mit dem früheren freundlichen Ausdrücke im Gesichte, zuflüsterte: kommen Sie zu uns heute Abend um acht Uhr, hören Sie, aber bestimmt . . . Ich erhob die Hände – sie war aber schon fort, nachdem sie eine weiße Schärpe über den Kopf geworfen hatte.

VII

Punkt acht Uhr betrat ich, im Rock und die Haare in die Höhe gestrichen, das Vorzimmer des Nebengebäudes, welches die Fürstin bewohnte. Der alte Diener blickte mich finster an und erhob sich ungern von seiner Bank. Aus dem Gastzimmer erschallten heitere Stimmen. Ich öffnete die Thüre und trat befremdet zurück. Mitten im Zimmer, auf einem Stuhle, stand die junge Fürstin und hielt einen Männerhut vor sich; um den Stuhl drängten sich fünf Herren. Sie waren bemüht in den Hut zu greifen, während die junge Fürstin denselben emporhob und heftig schüttelte. Als sie mich gewahr wurde, rief sie: »wartet, wartet! ein neuer Gast, man muß auch ihm einen Zettel geben,« – sprang behend vom Stuhl und faßte mich beim Rockaufschlage.

– So kommen Sie doch, sagte sie, was stehen Sie da? Messieurs, erlauben Sie, daß ich Sie vorstelle: dieß hier ist Monsieur Woldemar, der Sohn unseres Nachbarn, Hier, – fuhr sie zu mir gewendet und der Reihe nach auf die Gäste weisend, fort – Graf Malewsky, Doctor Luschin, Poet Maidanow, Kapitän außer Diensten Nirmatzky und Belowsorow, Husar, den Sie bereits gesehen haben.

Ich war dermaßen verwirrt, daß ich Niemandem meinen Gruß entbot; im Doctor Luschin erkannte ich jenen schwarzhaarigen Herrn wieder, der mich im Garten so unbarmherzig angefahren hatte, die Uebrigen waren mir unbekannt.

– Graf! fuhr Sinaïde fort – schreiben Sie für Monsieur Woldemar einen Zettel.

– Das ist gegen alles Recht, entgegnete mit leichtem polnischen Accente der Graf, ein sehr hübscher und elegant gekleideter junger Mann mit braunen Haaren, ausdrucksvollen schwarzen Augen. einem feinen, weißen Näschen, und einem dünnen Schnurbärtchen über dem kleinen Munde. – Der Herr hat an unserem Pfänderspiele nicht theilgenommen.

– Das ist ungerecht, wiederholten Belowsorow und der Kapitän außer Diensten, ein Mann von etwa vierzig Jahren, ganz von Pockennarben entstellt, kraushaarig wie ein Neger, mit gekrümmtem Rücken, krummen Beinen und in aufgeknöpftem Uniformrock ohne Epauletten.

– Schreiben Sie den Zettel, sage ich Ihnen, wiederholte die junge Fürstin, – Eine Auflehnung! Monsieur Woldemar nimmt heute zum ersten Male Theil an unserer Gesellschaft, für ihn existirt heute kein Gesetz. Ohne Murren, schreiben Sie, es ist mein Wille!

Der Graf zuckte die Achseln, beugte jedoch den Kopf, nahm eine Feder in seine weiße, beringte Hand, riß ein Stückchen Papier ab und begann auf dasselbe zu schreiben.

– Erlauben Sie uns wenigstens Herrn Woldemar auseinanderzusetzen, worum es sich handelt, bemerkte Luschin mit spöttischem Tone, – er ist ja ganz verwirrt. Sehen Sie, junger Mann, wir spielen ein Pfänderspiel; die Fürstin mußte ein Pfand geben, und Derjenige, welcher so glücklich ist, den richtigen Zettel zu ziehen, hat das Recht ihr das Händchen zu küssen. Haben Sie verstanden, was ich Ihnen gesagt habe?

Ich blickte ihn bloß an und blieb wie bisher verdutzt stehen, die junge Fürstin aber sprang wieder auf den Stuhl und begann von Neuem die Zettel in dem Hute zu schütteln.

Es stellten sich Alle um sie herum – ich gleichfalls- – Maidanow, sagte die Fürstin zu einem jungen Menschen von magerem Aussehen, mit kleinen, trüben Augen und ungewöhnlich langem, schwarzem Haar, – Sie, als Poet, müssen Ihren Zettel großmüthig Monsieur Woldemar abtreten, damit er doppelte Chance habe den Treffer zu ziehen.

Maidanow schüttelte jedoch verneinend den Kopf und warf das Haar zurück.

Ich war der Letzte, der in den Hut griff, faßte den Zettel und entfaltete ihn . . . Mein Gott! wie wurde mir, als ich auf demselben las: Ein Kuß!

– Ein Kuß! rief ich unwillkürlich.

– Bravo! er hat gewonnen, erklärte die junge Fürstin. – Wie mich das freut! Sie stieg vom Stuhle herunter und blickte mir so hell und süß in die Augen, daß mir das Herz vor Freude hüpfte . – Freut es Sie auch? fragte sie mich.

– Mich! stotterte ich . . .

– Verkaufen Sie mir Ihren Zettel, platzte plötzlich, hart über meinem Ohre, Belowsorow heraus. – Ich gebe Ihnen hundert Rubel dafür.

Ich erwiderte dem Husaren mit einem so entrüsteten Blicke, das Sinaïde in die Hände klatschte und Luschin ausrief: braver Bursche! Darauf setzte er hinzu: ich als Ceremonienmeister bin verpflichtet darauf zu sehen, daß alle Vorschriften erfüllt werden. Monsieur Woldemar, knieen Sie nieder. So ist es bei uns Regel.

Sinaïde stellte sich vor mich hin, neigte den Kopf ein wenig auf die Seite, gleichsam als habe sie mich betrachten wollen und reichte mir mit Würde die Hand. Es wurde mir trübe vor den Augen; ich wollte mich auf ein Knie niederlassen, fiel aber auf beide nieder und berührte mit den Lippen so ungeschickt Sinaïdes Finger, daß ich mir die Spitze der Nase leicht an ihrem Nagel streifte.

– So recht! rief Luschin und half mir wieder aufstehen.

Das Pfänderspiel wurde fortgesetzt. Sinaïde ließ mich neben sich Platz nehmen. Wie war sie erfinderisch im Pfandauslösen! So fiel es ihr unter Anderem ein, als sie verurtheilt wurde, eine »Statue« vorzustellen, zum Postamente den häßlichen Nirmatzky zu wählen; sie befahl, er solle sich mit dem Gesichte nach unten niederlegen und noch dazu den Kopf unter die Brust zwängen. Das Gelächter wollte kein Ende nehmen. Mir, dem einsam und sittsam erzogenen und in einem ehrbaren adeligen Hause aufgewachsenen Burschen, stieg von all’ diesem Lärmen, dieser rückhaltslosen, fast stürmischen Heiterkeit, diesem ungewohnten Verkehre mit wildfremden Menschen, das Blut zu Kopfe. Ich fühlte mich trunken, wie von Weine. Ich lachte und schwatzte lauter als Alle, so daß die alte Fürstin, die im Nebenzimmer mit einem Kanzelisten vom Jwerskoi’schen Thore1 Berathungen hielt, hereinkam, um zu sehen was ich denn triebe. Ich fühlte mich jedoch dermaßen glücklich, daß ich mir nichts aus dem Spotte und den scheelen Blicken der Anderen machte. Sinaïde fuhr fort mich zu bevorzugen und ließ mich nicht von ihrer Seite. Bei einer Pfandauslösung kam ich neben ihr zu sitzen, unter einem und demselben seidenen Tuche, das uns bedeckte: ich sollte ihr mein Geheimniß mittheilen. Ich erinnere mich, wie unsere Köpfe in dem warmen, halbdurchsichtigen, duftigen Dämmerlichte aneinanderkauren, wie in ihm ihre Augen, mir so nahe, in mildem Feuer aufleuchteten, wie heißer Athem ihren halbgeöffneten Lippen entströmte, und mich glühend anwehte und wie die Spitzen ihrer Haare mir die Wangen kitzelten. Ich schwieg. Sie lächelte geheimnißvoll, und flüsterte mir endlich schmeichelnd zu: nun? ich aber erröthete und lachte, wandte mich verwirrt ab und konnte kaum Luft schöpfen. Wir wurden das Pfänderspiel satt, und begannen jetzt das Schnurspiel. Mein Gott! von welchem Entzücken ward ich erfüllt, als ich, in einem Momente von Unachtsamkeit, von ihr einen heftigen und raschen Schlag auf die Finger bekam, und wie ich mir darauf absichtlich den Schein gab, als gäbe ich nicht Acht, und sie, um mich zu necken, meine hingehaltenen Hände nicht berührte!

Und das war noch lange nicht Alles, was wir an jenem Abende vorhatten! Wir musicirten auf dem Claviere, sangen und tanzten und stellten ein Zigeunerlager dar, Nirmatzky mußte sich als Bär kleiden und wir gaben ihm Wasser mit Salz zu trinken. Graf Malewsky zeigte uns verschiedene Kartenkunststücke und gab zum Beschlusse, nachdem er die Karten gemischt hatte, sich selbst im Whistspiele alle Trümpfe aus, wozu Luschin »die Ehre hatte, ihm Glück zu wünschen.« Maidanow declamirte uns Bruchstücke aus seinem Gedichte »der Mörder« (das fiel gerade in die Zeit der höchsten Blüthe der Romantik), das er beabsichtigte in schwarzem Umschlage mit blutrothem Titel erscheinen zu lassen; dem Kanzelisten vom Jwerschen Thore stahl man die Mütze von dem Kamin und ließ ihn, zu ihrer Auslösung, den Kosakentanz tanzen; dem alten Bonifacius wurde eine Haube aufgesetzt – und Sinaïde setzte einen Männerhut auf den Kopf. Doch . . . es würde zu weit führen, wollte ich Alles wieder erzählen. Belowsorow allein saß meistentheils, mit finsterem Gesichte und schmollend in einem Winkel . . . Von Zeit zu Zeit liefen seine Augen blutig an, er wurde über und über roth, und es schien, als werde er sogleich über uns Alle herfallen und uns wie Spreu auseinanderschlendern; die junge Fürstin blickte ihn dann an, drohete ihm mit dem Finger und er zog sich wieder in seinen Winkel zurück.

Endlich waren wir erschöpft. Selbst die Fürstin, die, wie sie selbst sagte, Alles zu ertragen im Stande war – die sich nichts ans Geschrei machte, – auch sie fühlte sich erschöpft und wünschte auszuruhen. Um zwölf Uhr in der Nacht wurde das Abendessen aufgetragen, es bestand aus einem Stücke alten, trockenen Käse und einigen kalten Pastetchen mit gehacktem Schinken gefüllt, die mir schmackhafter däuchten als alle Delicatessen; Wein war nur eine Flasche da und auch die war ganz eigenthümlicher Art: von dunkelem Glase mit aufgetriebenem Halse, der Wein darin zeigte einen rosafarbenen Bodensatz: übrigens trank Niemand davon. Müde und bis zur Erschlaffung glücklich, verließ ich das Nebengebäude: zum Abschiede drückte mir Sinaïde kräftig die Hand und lächelte wiederum räthselhaft.

Schwül und feucht schlug die Nachtluft an mein erhitztes Gesicht, es schien ein Gewitter im Anzuge zu sein: schwarze Wolken stiegen auf und zogen, ihre Umrisse jeden Augenblick ändernd, über den Himmel hin. Unstät zitterte ein leichter Wind in dem dunkelen Laube der Bäume und ganz in der Ferne, am Horizonte, rollte dumpf der Donner, gleichsam mit sich selbst grollend.

Durch den hinteren Eingang erreichte ich mein Zimmer. Mein Aufwärter lag schlafend auf dem Fußboden und ich war gezwungen über ihn hinwegzuschreiten; er erwachte und meldete mir, meine Mutter sei wieder böse auf mich gewesen und habe nach mir schicken wollen, der Vater habe sie jedoch davon abgehalten. (Ich legte mich niemals zu Bette, ohne meiner Mutter gute Nacht gewünscht und den Segen von ihr empfangen zu haben). Da war nun Nichts zu ändern!

Ich erklärte meinem Aufwärter, ich werde mich selbst entkleiden und zu Bette legen – und löschte das Licht aus. Ich kleidete mich aber nicht aus und legte mich nicht hin.

Ich setzte mich auf einen Stuhl und blieb lange wie von Zauber gebannt sitzen. Das was in mir Vorging, war so neu, so süß . . . Ich saß unbeweglich, kaum traute ich mir den Blick zu erheben, wagte kaum zu athmen und lachte entweder still vor mich hin, oder es durchschauerte mich bei dem Gedanken, daß ich verliebt, daß dies also, dies die Liebe sei. Sinaïdes Gesicht schwebte sanft vor mir im Dunkeln, – es schwebte vor mir und zerrann doch nicht; ihre Lippen lächelten immer noch so bedeutungsvoll, ihre Augen blickten mich forschend, nachsinnend und zärtlich von der Seite an . . . so wie in jener Minute, als ich mich von ihr verabschiedete. Endlich erhob ich mich, trat auf den Zehen an mein Lager und vorsichtig, ohne mich auszukleiden, ließ ich den Kopf aufs Kissen sinken, gleichsam als fürchte ich, durch eine rasche Bewegung das was mich erfüllte zu zerstören . . .

Ich legte mich nieder, schloß die Augen aber nicht. Bald wurde ich gewahr, daß beständig schwache Lichtblicke in mein Zimmer drangen . . . Ich erhob mich und warf einen Blick durch’s Fenster. Die Kreuzhölzer im Fensterrahmen traten scharf aus den matterleuchteten Scheiben hervor. Ein Gewitter – dachte ich; und in der That war ein Gewitter da; doch zog dasselbe in weiter Ferne vorüber, so daß der Donner nicht zu hören war; nur schossen unaufhörlich, nicht grelle, aber lange und nach allen Seiten hinfahrende Blitze auf, die weniger leuchteten, als zitterten und zuckten, wie die Flügel eines sterbenden Vogels. Ich verließ das Bett, trat an’s Fenster und blieb an demselben bis zum Morgen stehen . . .Das Wetterleuchten hörte nicht einen Augenblick auf. Ich schaute hinaus auf die Sandfläche, auf die dunkele Waldmasse des Neskuschnigartens, auf die gelblichen Facaden der fernen Gebäude, die gleichfalls bei jedesmaligem Leuchten zu zucken schienen . . . Ich war in Anschauen versunken – und konnte mich nicht davon losreißen; diese lautlosen Blitze, dieses fast ununterbrochene Aufleuchten, schienen im Einklange mit jenen stummen und geheimen Regungen zu stehen, die mich gleichfalls durchzuckten. Der Tag brach an; wie Purpur erschimmerte das Morgenroth. Je höher die Sonne emporstieg, desto schwächer und kürzer wurden die Blitze: sie zuckten immer seltener und seltener und verschwanden endlich, verschlungen von dem vernichtenden und siegreichen Lichte des hereinbrechenden Tages . . .

Auch in meinem Innern hörte das Wetterleuchten auf. Ich fühlte eine große Müdigkeit und Oede . . . doch Sinaïdes Bild schwebte noch immer, triumphirend, vor meiner Seele. Nur schien dieses Bild selbst auch beruhigt zu sein: wie ein Schwan – der dem Moorgrunde entschwindet, hatte es sich von den, es umgebenden anderen, unschönen Gestalten getrennt . . . und bereits dem Schlafe verfallend, schmiegte ich mich zuletzt noch zum Abschiede an dasselbe in zutraulicher Hingebung an . . .

O, sanfte Regungen, zarte Laute, Güte und Beruhigung einer gerührten Seele, freudiges Aufgehen im ersten Sehnen der Liebe, – wo seid Ihr, wo seid Ihr?

VIII

Am nächsten Morgen, als ich zum Thee heruntergekommen war, schalt mich meine Mutter, weniger jedoch, als ich erwartet hatte – und hieß mich ihr erzählen, wie ich den Abend zuvor verbracht hatte. Ich antwortete ihr in der Kürze, überging viele Nebenumstände und war bemüht, dem Ganzen einen unschuldigen Anstrich zu geben.

– Es sind aber dennoch keine Leute comrne il faut, bemerkte die Mutter, und Du brauchst nicht hinüber zulaufen, statt Dich zu beschäftigen und zum Examen vorzubereiten.

Da ich wußte, daß die ganze Besorgniß meiner Mutter wegen meiner Beschäftigung, auf diese wenigen Worte beschränkt bleiben würde, so hielt ich es nicht für nöthig, ihr etwas zu erwidern; nach den Thee aber faßte mein Vater mich unter den Arm, ging mit mir in den Garten und ließ mich Alles erzählen, was ich bei Sassekins erlebt hatte.

Eine eigenthümliche Wirkung übte mein Vater auf mich aus, – und eigenthümlicher Art waren unsere gegenseitigen Beziehungen. So beschäftigte ihn meine Erziehung fast gar nicht; doch niemals fügte er mir eine Demüthigung zu. Er respectirte meine Freiheit, – ja er war, möchte ich fast sagen, höflich gegen mich . . . dennoch aber hielt er mich stets in einer gewissen Entfernung. Ich liebte ihn, ich war Feuer und Flamme für ihn, er erschien mir als das Muster von einem Manne – und, oh mein Gott! wie leidenschaftlich würde ich ihm angehangen sein, wenn ich nicht beständig seine abwehrende Hand gespürt hätte! Dafür aber war er augenblicklich im Stande, wenn er es wollte, durch ein einziges Wort, eine einzige Miene, in mir unbegrenztes Zutrauen zu sich zu erwecken. Meine Seele schloß sich vor ihm auf – ich schwatzte mit ihm, wie mit einem bedächtigeren Freunde, wie mit einem nachsichtigen Erzieher, . . . dann wieder, trat er ebenso rasch von mir zurück, – seine Hand wehrte mich – freundlich und zart, – aber dennoch wieder ab.

Zu Zeiten, wenn er fröhlich gestimmt war, konnte er Muthwillen mit mir treiben und sich umhertummeln wie ein Knabe, denn er war ein Freund von jeder Art körperlicher Bewegung; ein Mal – aber auch nur ein einziges Mal! – hat er mich mit solcher Zärtlichkeit geliebkost, daß mir fast die Thränen in die Augen traten. . . Doch Heiterkeit wie Zärtlichkeit verschwanden bei ihm ohne Spuren zu hinterlassen – und was auch zwischen uns vorfallen mochte, nichts berechtigte mich zu Hoffnungen für die Zukunft, – wie wenn Alles nur ein Traumbild für mich gewesen wäre. Zuweilen, wenn ich sein kluges, schönes, offenes Gesicht betrachtete . . . bebte mir das Herz und mein ganzes Wesen fühlte sich zu ihm hingezogen . . . dann schien er zu fühlen, was in mir vorging, streichelte mir im Vorbeigehen die Wange – und ging dann entweder davon, oder nahm irgend Etwas vor, oder wurde plötzlich kalt, wie er allein es zu werden verstand, und sofort zog auch ich mich zurück und fühlte mich verlassen. Die wenigen Aeußerungen seines Wohlwollens für mich waren niemals durch meine stummen, aber verständlichen Bitten hervorgerufen: sie traten jedes Mal unerwartet ein. Wenn ich später tiefer über den Charakter meines Vaters nachdachte, kam ich zu dem Schlusse, daß ihm wenig an mir und dem Familienwesen gelegen war; seine Neigung war Anderem zugewendet, und diesem Anderen gab er sich vollständig hin. »Greife zu, wie Du kannst, lasse Dich nur selbst nicht greifen; sich selbst angehören, – hierin liegt der Kern des Lebens,« – sagte er ein Mal zu mir. Ein anderes Mal schwatzte ich, als angehender Demokrat, in seinem Beisein von der Freiheit, (er war an jenem Tage, wie ich es nannte, »gut«; und in solchen Augenblicken konnte man mit ihm reden, was man wollte). – Freiheit! sagte er, weißt Du aber auch, was dem Menschen Freiheit giebt?

– Was?

– Der Wille, der eigene Wille, er auch giebt Macht, die besser als Freiheit ist. Verstehe zu wollen – und Du wirst frei sein und gebieten.

Das Leben genießen, das wollte mein Vater vor Allem – und er genoß dasselbe . . . Vielleicht hat er eine Vorahnung gehabt, daß er sich nicht lange am »Lebenskerne« erfreuen werde: er starb, zweiundvierzig Jahre alt.—

O Ich erzählte meinem Vater ausführlich von meinem Besuche bei Sassekins. Halbaufmerksam, halbzerstreut hörte er mir zu, indem er dabei, auf einer Bank sitzend, mit der Spitze seiner Reitgerte Figuren in dem Sande zeichnete. Von Zeit zu Zeit lachte er zu meiner Erzählung, blickte mich auf eigene Weise, offen und scherzhaft, an und reizte mich durch kurze Fragen und Einwände. Anfänglich getraute ich mich nicht einmal den Namen Sinaïdes auszusprechen, konnte mich dessen aber endlich doch nicht enthalten und begann sie höchlich zu rühmen. Der Vater fuhr fort zu lachen, verfiel darauf in Nachdenken, reckte sich und stand auf.

Ich erinnere mich, daß er, als wir das Haus verließen, Befehl gab, sein Pferd zu satteln. Er war ein vortrefflicher Reiter – und verstand, noch lange vor Herrn Rarey, die wildesten Pferde zu bändigen.

– Reiten wir zusammen, Papa? fragte ich ihn.

– Nein, erwiderte er, und sein Gesicht nahm den gewohnten, gleichgültig-freundlichen Ausdruck an. – Du kannst allein ausreiten, wenn Du willst; dem Kutscher aber sage, daß ich nicht ausreiten werde.

Er drehte mir den Rücken zu und entfernte sich rasch. Ich folgte ihm mit dem Blicke, – er verschwand hinter dem Thore. Ich sah über dem Zaune, wie sein Hut vorüberzog: er war zu Sassekins gegangen.

Er blieb nur etwa eine Stunde dort, fuhr darauf aber sogleich zur Stadt und kehrte erst gegen Abend zurück.

Nach dem Essen ging ich selbst zu Sassekins. Im Gastzimmer traf ich die alte Fürstin allein. Als sie mich erblickte, kratzte sie sich mit der Stricknadel unter der Haube den Kopf und fragte mich plötzlich, ob ich ihr nicht eine Bittschrift in’s Reine schreiben könne.

– Mit Vergnügen, gab ich zur Antwort und ließ mich auf die Ecke eines Stuhles nieder.

– Nur geben Sie Acht, machen Sie die Buchstaben recht groß, sagte die Fürstin, indem sie mir ein beschmutztes Papier überreichte; und dann, könnten Sie es nicht noch heute fertig machen, mein Guter?

– Ich werde es heute noch in’s Reine schreiben.

Die Thüre des Nebenzimmers wurde ein wenig geöffnet, und in der Spalte Sinaïdes Gesicht, – bleich, nachdenkend mit nachlässig zurückgeworfenem Haare, sichtbar: sie sah mich mit großen, kalten Augen an und verschwand wieder, die Thüre leise hinter sich schließend.

– Sina, – he Sina! rief die Alte. Sinaïde gab keine Antwort. Ich nahm die Bittschrift der Alten mit nach Hause und arbeitete an derselben den ganzen Abend.

IX

Meine »Leidenschaft« begann mit jenem Tage. Ich, empfand, erinnere ich mich, damals, was vermuthlich ein Mensch, der ein Amt antritt, empfindet: ich hatte aufgehört Knabe zu sein; ich befand mich officiell in dem Zustande eines Verliebten. Ich sagte, mit jenem Tage habe meine Leidenschaft begonnen; ich könnte hinzusetzen, das jener Tag auch den Anfang meiner Leiden bezeichnet Ich verzehrte mich vor Gram, wenn ich nicht bei Sinaïde war; Nichts wollte mir in den Sinn, zu Nichts war ich fähig, Tagelang dachte ich mit Spannung nur an sie . . . Ich verzehrte mich fern von ihr . . . aber auch in ihrer Gegenwart wurde es mir nicht leichter um’s Herz. Ich war eifersüchtig, ich sah meine Richtigkeit ein, ich schmollte und lag vor ihr auf den Knieen, Beides auf gleich dumme Weise – und dennoch zog mich eine unwiderstehliche Macht zu ihr hin – und mit unwillkürlichem Glücksschauer trat ich jedes Mal über die Schwelle ihres Zimmers. Sinaïde erkannte sogleich, daß ich verliebt in sie war, übrigens fiel es mir auch nicht ein, ein Geheimniß daraus zu machen; meine Leidenschaft machte ihr Spaß, sie neckte, hätschelte und peinigte mich. Es ist ein süßes Gefühl, der einzige Ursprung, die einzige selbstbewußte, mächtige, unverantwortliche Ursache der größten Freuden, wie der tiefsten Trauer Anderer zu sein, – und ich, ich war in Sinaïdes Händen wie ein Stück weiches Wachs. Uebrigens hatte nicht ich allein mich in sie verliebt; alle Männer, denen ihr Haus offen stand, waren es bis über die Ohren – und sie hielt dieselben Alle an der Kette, – zu ihren Füßen. Es machte ihr Vergnügen, bald Hoffnung, bald Befürchtung in ihnen zu erregen, mach ihren Launen mit ihnen umzuspringen (das nannte sie: die Leute aneinanderstoßen), – und es fiel Niemandem ein, sich ihr zu widersetzen, Jedermann unterwarf sich ihr gern. In ihrem ganzen, lebenslustigen und schönen Wesen war auf eigenthümlich bezaubernde Weise, Schlauheit mit Sorglosigkeit, Erkünsteltes mit Natürlichkeit, Ruhe mit Ausgelassenheit gepaart; jede ihrer Handlungen, alle ihre Reden und Bewegungen, waren von lebendigem, leichtem Liebreize wie angehaucht, aus Allem sprach eine ihr eigenthümliche, tändelnd hinreißende Kraft. Und auch ihr Gesicht war beständig ein anderes, es tändelte gleichfalls: fast zu gleicher Zeit drückte es – Spott, Nachdenken und Leidenschaftlichkeit aus. Die verschiedenartigsten Empfindungen spielten beständig, gleich den leichten, fliehenden Schatten der Wolken, an einem sonnigen Tage, in ihren Blicken, um ihre Lippen.

Jeder einzelne ihrer Verehrer war ihr nöthig. Belowsorow, den sie bisweilen »mein Thier« nannte, zuweilen auch ohne Weiteres »Meinen,« – würde gern für sie in’s Feuer gegangen sein; auf seine eigene geistige Begabung und seine sonstigen Vorzüge nicht sehr vertrauend, ging er sie mit Heirathsanträgen an, um damit anzudeuten, daß die Andern doch nur mit ihr spielten. Maidanow berührte die poetischen Saiten ihrer Seele; ein ziemlich, kalter Mensch, wie fast alle Schriftsteller, suchte er sie, vielleicht aber auch sich selbst, zu überreden, er sei sterblich verliebt in sie, er sang ihren Ruhm in ellenlangen Gedichten, die er ihr dann mit einer gewissen unnatürlichen und doch wirklichen Begeisterung vorlas. Sie ließ ihn gewähren und machte sich dabei ein wenig lustig über ihn; sie hatte keine hohe Meinung von seiner Dichtergabe und nach seinen Herzensergüssen pflegte sie sich durch ihn aus Puschkin vorlesen zu lassen, um, wie sie sagte, die Luft zu reinigen. Luschin, der spöttelnde und in seinen Reden cynische Doctor, kannte sie besser – und liebte sie mehr, als Alle, obgleich er sie in ihrem Beisein und auch wenn sie nicht zugegen war, zu schelten pflegte. Sie achtete ihn, sah ihm jedoch Nichts nach – und ließ ihn mit besonderer Schadenfreude von Zeit zu Zeit fühlen, daß sie ihn in ihren Händen hielt, »Ich bin eine Koquette, bin herzlos, bin eine Schauspielerseele,« sagte sie einmal in meiner Gegenwart zu ihm: – »nun gut! so geben Sie Ihre Hand her, ich werde eine Stecknadel hineinstecken. Sie werden sich vor diesem jungen Manne schämen, es wird Ihnen wehe thun, Sie müssen aber dazu lachen, mein wahrheitsliebender Herr.« Luschin erröthete, wandte sich ab, biß sich in die Lippen und mußte endlich doch die Hand hinhalten. Sie stach ihn mit der Nadel, und in der That lachte er dazu . . . sie lachte auch, indem sie die Nadel noch tiefer hineindrückte und ihm in die Augen blickte, die er vergebens abzuwenden bestrebt war . . .

Weniger deutlich waren mir die Beziehungen, in welchen Sinaïde zum Grafen Malewsky stand. Er war schön von Gestalt, gewandt und klug, und doch däuchte mir sechzehnjährigem Jungen sogar, es läge in ihm etwas Zweideutiges, etwas Falsches und ich wunderte mich, daß Sinaïde es nicht bemerkte. Vielleicht aber bemerkte sie diese Falschheit, ohne Abscheu vor ihr zu fühlen. Eine regellose Erziehung, sonderbare Bekanntschaften und Gewohnheiten, die beständige Gesellschaft der Mutter, Mangel und Unordnung im Hausstande, Alles zusammen, und vor Allem die Freiheit, die das junge Mädchen genoß und das Bewußtsein ihres Uebergewichtes über ihre Umgebung, hatte in ihr ein gewisses halbverächtliches Sichgehenlassen und Gleichgültigkeit erzeugt. Fiel Etwas vor, – mochte z. B. Bonifacius melden, der Zucker sei alle geworden, oder es kam irgend eine Klatschgeschichte zum Vorschein, oder es hatten die Gäste Streit mit einander gehabt, – sie schüttelte bloß die Locken und nannte es: Dummheiten! – es kümmerte sie nicht.

Mir dagegen aber wurde das Bluts heiß, wenn z. B. Malewsky sich ihr näherte, sich schlau wie ein Fuchs krümmend und graziös auf die Lehne ihres Stuhles gestützt, mit selbstgefälligem und einschmeichelndem Schmunzeln ihr Etwas in’s Ohr flüsterte, während sie mit über die Brust gekreuzten Armen ihn aufmerksam anblickte, lächelte und mit dem Kopfe nickte.

– Wie können Sie Vergnügen darin finden, den Herrn Malewsky bei sich zu empfangen? fragte ich sie einst.

– Er hat ein so schönes Schnurbärtchen – erwiderte sie. – Aber: was geht das Sie an?

– Sie glauben vielleicht ich liebe ihn, – sagte sie mir ein anderes Mal; – nein, ich kann solche Leute nicht lieben, auf die ich herabsehen muß. Ich brauche einen Mann, der mich selbst zahm machen könnte . . . Aber auf einen solchen hoffe ich nicht zu stoßen! Ich werde Niemandem in die Hände fallen, nimmermehr!

– Sie werden also niemals lieben?

– Nun und Sie? Liebe ich Sie denn nicht? sagte sie und schlug mich mit der Spitze ihres Handschuhes aus die Nase.

Ja, Sinaïde machte sich oft über mich lustig. Während drei Wochen sah ich sie jeden Tag – und was, was hat sie nicht Alles mit mir angestellt! Zu uns kam sie selten, und das war mir nicht unangenehm: in unserem Hause nahm sie die Miene eines Edelfräuleins, einer Fürstentochter an – und ich hatte Scheu vor ihr. Auch fürchtete ich, mich im Beisein der Mutter zu verrathen; sie war Sinaïde durchaus nicht gewogen und beobachtete uns mit argwöhnischen Blicken. Vor dem Vater hatte ich weniger Furcht: er schien nicht Acht auf mich zu geben und sprach wenig mit ihr, aber immer ganz besonders gewählt und geistreich. Ich hatte ganz aufgehört zu arbeiten, zu lesen, – sogar in der Umgegend herumzuschlendern, zu reiten. Wie ein Käfer am Zwirnsfaden, schwirrte ich beständig um das kleine Nebengebäude herum: ich wäre, glaube ich, am liebsten für immer dort geblieben . . . das ging aber nicht an; die Mutter brummte, zuweilen schickte mich Sinaïde selbst fort. Dann schloß ich mich in meinem Zimmer ein, oder zog mich an’s äußerste Ende des Gartens zurück, kletterte auf die Trümmer eines hohen, steinernen Treibhauses, ließ meine Beine an der Mauer, die auf die Gasse hinausging, herabhängen und blickte stundenlang vor mich hin, ohne Etwas zu sehen. Neben mir, über den staubbedeckten Nesseln, flatterten weiße Schmetterlinge träge dahin; ein kecker Sperling ließ sich auch wohl mitunter nicht weit von mir auf einem verwittert rothen Ziegelsteine nieder und zwitscherte, ungehalten sich mit dem Körper beständig herumdrehend und das Schwänzchen ausspreizend; mißtrauische Krähen krächzten von Zeit zu Zeit, ganz hoch, von dem höchsten blätterlosen Wipfel der Birken herab, während Sonnenschein und laue Lüftchen in dem lichten Geäste derselben spielten; dann und wann hallte Glockenton, ruhig und melancholisch, aus dem benachbarten Kloster der Donischen Mutter Gottes herüber, – ich aber saß, blickte hinaus, horchte – und das Herz wurde mir voll von einem namenlosen Gefühle, das Alles umfaßte: Gram und Freude, Vorahnung des Zukünftigen, Lebenslust und Furcht vor dem Leben. Damals aber begriff ich Nichts davon und hätte Nichts von Allem dem, was in mir wogte, mit Namen zu nennen vermocht, – oder würde Alles in einen Begriff, – den Namen Sinaïdes – zusammengefaßt haben.

Sinaïde fuhr inzwischen fort mit mir zu spielen, wie die Katze mit der Maus. Bald coquettirte sie mit mir – und ich gerieth in Wallung und ging in Wonne auf, – dann wieder stieß sie mich von sich, – und ich wagte es nicht, mich ihr zu nähern, ja sie auch nur anzublicken.

Einige Tage hinter einander war sie, erinnere ich mich, sehr kalt gegen mich; ich war ganz muthlos geworden, und als ich mit ängstlichem Herzen in’s Nebengebäude hinübergegangen war, hielt ich mich an die alte Fürstin, trotzdem, daß sie in jenem Augenblicke gerade heftig schalt und schrie: ihre Wechselangelegenheiten standen schlecht und sie hatte bereits zweimal deßhalb Erörterungen mit dem Quartalofficiere gehabt.

Eines Tages, als ich längs dem wohlbekannten Zaune im Garten hinging – wurde ich Sinaïde gewahr: aus beide Hände gestützt, saß sie regungslos auf dem Grase. Ich wollte« mich vorsichtig zurückziehen, sie hob jedoch plötzlich den Kopf empor und machte mir ein gebieterisches Zeichen. Ich blieb wie festgebannt stehen: ich hatte ihren Wink nicht sogleich verstanden. Sie wiederholte ihn nochmals. Unverzüglich sprang ich über den Zaun und eilte freudig auf sie zu; sie hielt mich aber durch einen Blick zurück, und deutete auf einen Gartenweg zwei Schritte von ihr. Verwirrt und nicht wissend, was ich beginnen sollte, fiel ich am Saume des Weges auf die Kniee. Sie war so außerordentlich bleich, ein so herber Schmerz, eine so tiefe Erschöpfng sprach aus allen ihren Zügen, daß es mir das Herz zusammenpreßte und ich unwillkürlich hervorstotterte: was fehlt Ihnen?

Sinaïde streckte die Arme aus, riß ein Kräutchen ab, zerbiß es zwischen den Zähnen und warf es dann fort, weit fort.

– Haben Sie mich sehr lieb? fragte sie endlich. – Ja? Ich antwortete Nichts – wozu hätte es auch einer Antwort bedurft?

– Ja, wiederholte sie, mich wie zuvor anblickend. – So ist es. Dieselben Augen, setzte sie hinzu, wurde nachdenkend und bedeckte das Gesicht mit den Händen – Alles widert mich an, flüsterte sie, ich möchte an’s Ende der Welt fliehen, ich kann es nicht ertragen, kann nicht . . . Und was steht mir bevor! . . . Ach, wie ist mir so schwer . . . Mein Gott! wie schwer!

– Wovon? fragte ich schüchtern.

Sinaïde gab mir keine Antwort, sondern zuckte nur mit den Achseln. Immer noch aus den Knieen liegend, betrachtete ich sie mit tiefer Schwermuth. Jedes ihrer Worte schnitt mir in’s Herz. In diesem Augenblicke, glaube ich, hätte ich mein Leben darum gegeben, wenn ich im Stande gewesen wäre, sie ihrer Trauer zu entreißen. Ich blickte sie an – und ohne zu wissen, was sie bedrückte, stellte ich mir lebhaft vor, wie sie plötzlich, in einem Anfalle unbezwinglicher Trauer, in den Garten geeilt, zusammengeknickt und auf die Erde gesunken sei. – Rings umher war Alles hell und grün; der Wind spielte in den Zweigen der Bäume und bewegte dann und wann einen langen Himbeerzweig über Sinaïdes Kopfe. Nicht weit davon girrten Tauben und summten Bienen in ihrem niedrigen Fluge über das spärliche Gras Hoch oben war der Himmel so freundlich blau – und mir war so traurig zu Muthe . . .

– Declamiren Sie mir ein Gedicht, sagte Sinaïde halblaut, auf ihren Ellenbogen gestützt. – Ich habe es gern, wenn Sie Gedichte vortragen Sie singen etwas dabei, das thut aber Nichts, das paßt zu Ihrer Jugend. Ich möchte: »Auf Grusiens Hügeln,« hören. – Vorher aber setzen Sie sich.

Ich setzte mich nieder und declamirte Puschkins Gedicht: »Auf Grusiens Hügeln«:

 
»Auf Grusiens Hügeln ruht die Nacht schon dicht,
Vor mir Aragwa‘s Wogen schäumen;
Mir ist so trüb und leicht, mein Gram ist voller Licht,
Mein Gram ist voll von süßen Träumen
Von Dir, von Dir allein! Es wird mein holder Schmerz
Durch Nichts zerstört, durch Nichts vertrieben . . .
Aufs Neue wallt und wogt von Liebesglut mein Herz:
Weils ihm unmöglich, nicht zu lieben.«
 

– »Weil’s ihm unmöglich, nicht zu lieben« wiederholte Sinaïde den letzten Vers. – Das ist das Schöne an der Poesie: sie spricht zu uns von Dem, was nicht ist, und was nicht bloß besser ist, als in Wirklichkeit, sondern auch der Wahrheit viel näher kommt . . . Weils ihm unmöglich, nicht zu lieben – und wenn es auch möchte, das arme Herz, es ist ihm nicht möglich! – Sie schwieg wieder, fuhr dann plötzlich zusammen und stand auf. – Kommen Sie. Maidanow sitzt jetzt bei meiner Mutter; er hat mir sein Gedicht gebracht und ich habe ihn sitzen lassen. Er ist jetzt auch verstimmt . . . was ist dabei zu machen! Ein Mal sollen Sie es erfahren . . . Sie dürfen mir aber nicht böse werden!

Sinaïde drückte mir in der Eile die Hand und lief voraus. Wir kehrten in’s Nebengebäude zurück. Maidanow begann uns seinen eben erst gedruckten »Mörder« vorzulesen, ich hörte aber nicht darauf. In singendem Tone schrie er seine vierfüßigen Jamben ab, in denen die alternirenden Reime wie Schellengeläute klangen, hohl und grell; ich betrachtete unterdessen Sinaïde und zerbrach mir den Kopf, den Sinn ihrer letzten Worte zu ergründen.

 
»Es hat vielleicht ein Nebenbuhler
»Dich plötzlich insgeheim berückt?«
 

recitirte plötzlich Maidanow durch die Nase – und meine und Sinaïdes Augen begegneten sich. Sie senkte den Blick und leichte Röthe überflog ihr Gesicht. Ich sah es und wurde starr vor Schreck. Schon früher war ich eifersüchtig auf sie gewesen, doch erst in diesem Augenblicke stieg wie ein Blitz der Gedanke in mir aus, daß sie verliebt sei. »Mein Gott! sie liebt!«

X

Von dieser Stunde an begannen meine Qualen. Ich zerbrach mir den Kopf, sann und grübelte, und – unablässig, doch möglichst geheim, beobachtete ich Sinaïde. Es war eine Veränderung mit ihr vorgegangen – das war unleugbar. Sie ging allein und lange spazieren. Zuweilen zeigte sie sich gar nicht den Gästen, sondern blieb Stundenlang auf ihrem Zimmer. Früher kam das bei ihr nicht vor. Ich war mit einem Mal, – es schien mir wenigstens so – außerordentlich scharfblickend geworden. »Ob es wohl Der ist? oder gar Der?« fragte ich mich, voll Unruhe ihre Verehrer der Reihe nach in meinen Gedanken durchmusternd. Der Graf Malewsky (obgleich ich mich Sinaïdes wegen schämte, mir dies zu gestehen), schien mir der Gefährlichste von Allen.

Meine Beobachtungsgabe reichte nicht über meine Nase hinaus, und mein Geheimthuen führte Niemand hinters Licht, der Doktor Luschin wenigstens hatte es bald heraus. Uebrigens hatte auch er sich in der letzten Zeit sehr verändert: er war mager geworden, lachte nicht mehr so oft, auch war sein Lachen jetzt hohler, boshafter und abgebrochener – eine unfreiwillige, nervöse Gereiztheit war bei ihm an Stelle der früheren leichten Ironie und des erkünstelten Cynismus getreten.

– Was machen Sie denn beständig hier, junger Mann? sagte er einst zu mir, als wir uns beide allein in dem Gastzimmer bei Sassekins befanden. (Die junge Fürstin war von ihrem Spaziergange noch nicht zurückgekehrt und im Obergeschoß ließ sich die schreiende Stimme der Alten hören, die ihr Kammermädchen schalt), – Sie sollten studiren, arbeiten – so lange Sie jung sind —was suchen Sie hier?

– Sie können doch nicht wissen, ob ich zu Hause arbeite, oder nicht, – entgegnete ich ihm, nicht ohne Hochmuth. aber auch nicht ohne Verwirrung.

– Da mag Schönes herauskommen! Sie haben andere Dinge im Kopfe! Nun, ich will zugeben . . . in Ihrem Alter ist das begreiflich. Nur haben Sie eine schlechte Wahl getroffen. Sehen Sie denn nicht, was dies für ein Haus ist?

– Ich verstehe Sie nicht, bemerkte ich.

– Verstehen mich nicht? desto schlimmer für Sie! Ich halte es für meine Pflicht Sie zu warnen. Unsereinem, einem alten Junggesellen, ist es wohl erlaubt hierherzukommen: was schadet es uns? wir sind gestählte Leute, an uns bleibt nicht leicht Etwas haften; Sie aber sind noch ein Milchbart; die Luft hier ist für Sie schädlich, – glauben Sie mir, Sie könnten davon angesteckt werden.

– Wie das?

– Nun so. Sind Sie denn jetzt etwa gesund? Ist das Ihr normaler Zustand? Ist denn vielleicht das, was in Ihnen vorgeht, für Sie zuträglich und gut?

– Was geht denn in mir vor? fragte ich, gab aber in meinem Innern dem Doctor Recht.

– Ach junger Mann, junger Mann, fuhr der Doktor mit einem Ausdrucke fort, als wäre in diesen paar Worten Etwas für mich sehr Kränkendes enthalten gewesen: – warum wollen Sie sich verstellen, wenn noch, danken Sie Gott dafür, auf Ihrem Gesichte zu lesen ist, was in Ihrer Seele vorgeht. Doch, wozu die Worte? Ich würde selbst nicht hierherkommen, wenn ich . . . (der Doctor preßte die Zähne zusammen) wenn ich nicht . . . ein ebenso närrischer Kauz wäre, wie die Anderen. Nur nimmt mich Eins Wunder: wie können Sie, mit Ihrem Verstande, nicht sehen, was um Sie her vorgeht?

– Was geht denn hier vor? warf ich hin und spitzte die Ohren.

Der Doctor sah mich mit einem gewissen spöttischen Bedauern an.

– Ich bin auch ein schöner Kerl, – sagte er wie zu sich selbst – mit ihm von dergleichen Dingen zu reden, Mit einem Worte, fügte er die Stimme erhebend hinzu – ich sage es Ihnen noch ein Mal: die Luft hier taugt Nichts für Sie. Es gefällt Ihnen hier, das mag schon sein! in einem Treibhause ist der Geruch auch angenehm – aber es läßt sich dort nicht wohnen. He! Lassen Sie sich‘s sagen, nehmen Sie nur den Kaidanow wieder vor!

Die alte Fürstin trat herein und begann dem Doctor über Zahnweh vorzuklagen. Dann trat auch Sinaïde in’s Zimmer.

– Da ist sie, – setzte die Alte hinzu, – Herr Doctor, schelten Sie sie doch aus. Den ganzen Tag trinkt sie Wasser mit Eis; ist ihr das wohl zuträglich, bei ihrer schwachen Brust?

– Warum thun Sie das? fragte Luschin.

– Was für schlimme Folgen kann es denn haben?

– Nun, Sie können sich eine Erkältung zuziehen und sterben.

– In der That? Wirklich? Nun was thut es – mag es so kommen! – Vortrefflich! brummte der Doctor vor sich hin. Die Alte verließ das Zimmer.

– Vortrefflich, wiederholte Sinaïde Ist denn das Leben so angenehm? blicken Sie doch um sich . . . Nun, – ist es so schön? Oder denken Sie etwa, ich sehe es nicht ein, fühle es nicht? Es macht mir Vergnügen, Wasser mit Eis zu trinken, und Sie wollen mir alles Ernstes versichern, ein solches Leben wäre werth, daß man es eines augenblicklichen Vergnügens halber nicht auf’s Spiel setze, – vom Glücke rede ich nicht einmal.

– Nun ja, bemerkte Luschin: – Launenhaftigkeit und Unabhängigkeit . . . Mit diesen beiden Worten ist Alles gesagt; Ihr ganzes Wesen ist darin ausgedrückt.

Sinaïde lachte krampfhaft auf.

– Sie kommen zu spät, lieber Doctor. Sie sind ein schlechter Beobachter und bleiben zu weit zurück. – Setzen Sie eine Brille auf. – Ich habe in diesem Augenblicke nichts mit Launenhaftigkeit zu schaffen. Mich über Sie lustig machen, oder gar über mich selbst . . . sehr amüsant, wahrhaftig! – und was Unabhängigkeit betrifft . . . Monsieur Woldemar, setzte plötzlich Sinaïde mit dem Füßchen stapfend, hinzu – kein melancholisches Gesicht gemacht! Ich kann es nicht leiden, wenn man mich bemitleidet. – Rasch entfernte sie sich.

– Schädlich, ist für Sie die Luft hier, sehr schädlich, junger Mann, sagte Luschin nochmals zu mir.

XI

Am Abend desselben Tages versammelten sich bei Sassekins die gewohnten Gäste; ich war auch darunter.

Das Gespräch fiel auf Maidanows Gedicht; Sinaïde lobte dasselbe aufrichtig.

– Wissen Sie aber, sagte sie zu ihm, wenn ich Dichter wäre, so würde ich andere Gegenstände wählen. Vielleicht ist das Alles nur Unsinn. – es kommen mir indessen zuweilen sonderbare Gedanken in den Kopf, besonders wenn ich nicht schlafe, gegen Morgen, wenn der Himmel anfängt, sich röthlich und grau zu färben. – Ich würde zum Beispiel. . . Sie werden mich nicht auslachen? – Nein! Nein! riefen wir Alle zugleich.

– Ich würde, fuhr sie, die Arme über die Brust gekreuzt und den Blick zur Seite gewendet, fort, – ich würde eine ganze Gesellschaft junger Mädchen, bei Nachtzeit, in einem großen Boote – auf einem ruhigen Strome schildern. Es scheint der Mond, Alle haben weiße Gewänder an und Kränze ans weißen Blumen auf dem Kopfe, sie singen etwas in der Art einer Hymne.

– Verstehe, verstehe, fahren Sie fort, sagte Maidanow bedeutungsvoll und träumerisch.

– Plötzlich, vom Ufer her – Lärm, Lachen, Fackelschein, Tamburinklänge . . . Ein Haufe Bachanten kommt mit Singen und Schreien heran. Jetzt ist’s Ihre Sache das Bild weiter auszumalen, Herr Poet . . . nur würde ich wünschen, daß die Fackeln recht rothes Feuer hätten und starken Qualm verbreiteten, daß die Augen der Bachanten unter den Kränzen hervorglühten und die Kränze von dunkler Farbe wären. Vergessen Sie auch nicht Pantherfelle und Trinkschalen – und Gold, recht viel Gold.

– Wo soll denn das Gold angebracht werden? fragte Maidanow, indem er sein glattes Haar zurückwarf und die Nase blähte.

– Wo? an den Schultern, an den Armen, an den Füßen. Überall. Man sagt, im Alterthume hätten die Frauen goldene Ringe an den Fußknöcheln getragen. Die Bachanten laden die Mädchen im Boote zu sich ein. Die Mädchen haben aufgehört ihre Hymne zu singen, – sie können nicht fortfahren, – sie rühren sich jedoch nicht: die Strömung trägt sie an’s Land. Auf einmal erhebt sich leise Eine von ihnen . . . Dies muß schön wiedergegeben werden; wie sie sich vom Monde beleuchtet, leise erhebt und wie ihre Gefährtinnen erschrecken . . . Sie steigt über den Rand des Bootes hinab, die Bachanten umringen sie, ziehen sie mit sich fort in die Nacht, in das Dunkel hinein . . . Stellen Sie dabei Rauchwolken vor und allgemeine Verwirrung. Man hört nur noch Seufzen und Wimmern, und am Ufer ist ein Kranz liegen geblieben.

Sinaïde schwieg. (Oh! sie liebt! kam mir wieder in den Sinn.)

– Und das ist Alles? fragte Maidanow.

– Alles, entgegnete sie.

– Das ist kein Süjet für ein größeres Gedicht, bemerkte er mit wichtiger Miene, – ich werde aber Ihre Idee für ein kleines Gedicht benützen.

– Im romantischen Style? fragte Malewsky.

– Freilich, in romantischem, in Byron’schem Style.

– Meiner Ansicht nach steht Victor Hugo höher als Byron, warf der junge Graf hin: – er ist interessanter

– Victor Hugo ist ein Dichter erster Klasse, erwiederte Maidanow, – und mein Freund Tonkoschejew, in seinem spanischen Romane »El Torcador« . . .

– Ach das ist wohl jenes Buch mit den umgekehrten: Fragezeichen? unterbrach ihn Sinaïde.

– Ja. So ist es bei den Spaniern üblich Ich wollte sagen, Tonkoschejew . . .

– Nun! da werden Sie wohl wieder über Classicismus und Romantismus discutiren, unterbrach ihn Sinaïde wieder. – Besser, wir spielen . . .

– Pfänder? fragte Luschin.

– Nein, das ist langweilig; wir wollen – Vergleich – spielen. (Dieses Spiel hatte Sinaïde selbst erfunden: es wurde irgend ein Gegenstand genannt, den Jeder Mitspielende mit Etwas vergleichen mußte und wer den besten Vergleich vorgebracht hatte, erhielt den Preis). Sie trat an’s Fenster. Die Sonne war eben untergegangen; hoch am Himmel zogen sich lange, rothe Wolken hin.

– Womit sind jene Wolken zu vergleichen? fragte Sinaïde und ohne unsere Antwort abzuwarten, sagte sie: ich finde, sie sind jenen purpurrothen Segeln ähnlich, die auf dem goldenen Schiffe Kleopatra’s ausgespannt waren, als sie dem Antonius entgegen fuhr. Erinnern Sie sich, Maidanow, Sie erzählten mir vor Kurzem davon?

Einstimmig, wie Polonius im »Hamlet,« entschieden wir, die Wolken seien durchaus jenen Segeln ähnlich und einen besseren Vergleich würde Niemand von uns zu finden im Stande sein.

– Wie alt mochte aber Antonius damals sein? fragte Sinaïde.

– Gewiß war er ein junger Mann, bemerkte Malewsky.

– Ja, jung war er, bekräftigte Maidanow bestimmt.

– Bitte um Entschuldigung, rief Luschin, er war über vierzig Jahre alt.

– Ueber vierzig, wiederholte Sinaïde, indem sie rasch auf ihn blickte . . .

Ich kehrte bald nach Hause zurück. – »Sie liebt,« stammelten unwillkürlich meine Lippen . . . »Wen aber?«

XII

So flossen die Tage dahin. Sinaïde wurde immer seltsamer, unbegreiflicher. Einst kam ich zu ihr, als sie auf einem Rohrstuhle saß und den Kopf hart an die scharfe Kante des Tisches gedrückt hielt. Sie richtete sich auf . . . ihr ganzes Gesicht schwamm in Thränen.

– Ah, Sie sind’s! sagte sie mit grausamem Lächeln. – Kommen Sie doch näher.

Ich trat zu ihr: sie legte mir die Hand auf den Kopf und begann plötzlich meine Haare zu zausen und sie mit den Fingerspitzen zusammenzudrehen.

– Es schmerzt . . . sagte ich endlich.

– Ah! es schmerzt! schmerzt es mich denn nicht? mich denn nicht? wiederholte sie dabei.

– Ei! schrie sie plötzlich auf, als sie sah, daß sie mir eine Menge Haare ausgerissen hatte. – Was habe ich da gemacht? Armer Monsieur Woldemar!

Vorsichtig ordnete sie die ausgerissenen Haare, wickelte sie um ihren Finger und machte sich einen Ring daraus.

– Ich werde Ihre Haare in mein Medaillon legen und tragen – sagte sie . . . Thränen standen noch immer in ihren Augen. – Vielleicht wird Sie das einigermaßen trösten . . . jetzt aber, leben Sie wohl!

Ich kehrte nach Hause zurück und wurde dort Zeuge einer peinlichen Scene. Meine Mutter hatte eine Erörterung mit meinem Vater: sie machte ihm Vorwürfe über Etwas, er aber schwieg dazu, kalt und höflich, wie es seine Gewohnheit war – und fuhr bald darauf vom Hause fort. Ich konnte nicht verstehen, wovon meine Mutter sprach und dann lag mir auch Anderes im Sinne; indessen erinnere ich mich doch, daß sie mich nach der Erörterung zu sich in ihr Kabinet rufen ließ und mir sehr aufgebracht Vorwürfe über meine häufigen Besuche bei der Fürstin machte, die, wie sie sich ausdrückte, »une femme capable de tout« wäre. Ich küßte ihr die Hand (was ich jedesmal that, wenn ich ihren Vorwürfen ein Ende machen wollte) und begab mich auf mein Zimmer. Sinaïdes Thränen hatten mich ganz außer Fassung gebracht: ich wußte nicht, was ich von ihr denken sollte, und war selbst dem Weinen nahe, trotz meiner sechzehn Jahre war ich noch immer solch ein Kind. Ich dachte jetzt nicht mehr an Malewsky, obgleich Belowsorow mit jedem Tage ihm drohendere Mienen zeigte und auf den geschmeidigen Grafen Blicke schleuderte, wie ein Wolf auf ein Lamm; überhaupt dachte ich an Niemanden und an Nichts. Ich verlor mich in unbestimmten Vermuthungen und suchte beständig abgelegene Plätze auf. Besonders lieb waren mir die Trümmer des Treibhauses geworden. Dorthin, auf die hohe Mauer, pflegte ich zu klettern und saß dann da, ein so unglücklicher, einsamer und trauernder Jüngling, daß ich mir selbst leid zu thun begann – und doch, wie lieb waren mir diese traurigen Empfindungen, wie gern gab ich mich ihnen hin! . . .

So saß ich wieder ein Mal auf der Mauer, blickte in die Ferne und lauschte dem Glockengeläute . . . plötzlich durchzuckte mich Etwas – es war kein Lüftchen, kein Schauer . . . es war wie ein Hauch, wie die Empfindung von etwas mir Nahem . . . Ich senkte den Blick Unten aus dem Wege, in leichtem grauen Kleide, mit rosenfarbenem Sonnenschirme auf der Schulter, ging Sinaïde eilig dahin. Sie wurde mich gewahr, blieb stehen, bog den Rand ihres Strohhutes zurück und erhob ihren Blick zu mir.

– Was machen Sie dort in solcher Höhe? fragte sie mich mit einem sonderbaren Lächeln. – Wohlan, fuhr sie fort, Sie versichern immer, Sie lieben mich – springen Sie doch zu mir herunter auf den Weg, wenn Sie mich wirklich lieben.

Sinaïde hatte diese Worte kaum ausgesprochen, so flog ich schon hinab, als wenn mich Jemand von hinten hinuntergestoßen hätte. Die Marter war gegen zwei Klafter hoch. Ich fiel gerade auf die Füße, doch war der Sturz so heftig, daß ich mich nicht aufrecht zu erhalten vermochte: ich fiel hin und verlor auf einen Augenblick die Besinnung. Als ich zu mir gekommen war, empfand ich, ohne die Augen zu öffnen, daß Sinaïde neben mir stand. »Mein lieber Junge« – sagte sie über mich gebeugt – und in ihrer Stimme lag besorgte Zärtlichkeit, »wie konntest Du das thun, wie konntest Du mir gehorchen . . ich liebe Dich ja . . . steh doch auf . . .

Ich hörte das Athmen ihrer Brust neben mir, ihre Hände berührten meinen Kopf und plötzlich, – wie ward mir da! – ihre weichen, frischen Lippen begannen mein Gesicht mit Küssen zu bedecken . . . sie drückten sich an meine Lippen . . . Doch da verrieth ihr wohl der Ausdruck meines Gesichtes, daß ich wieder zur Besinnung gekommen war, obgleich ich die Augen noch immer geschlossen hielt – und rasch auffpringend, sagte sie: »Nun, muthwilliger Junge, stehen Sie auf, Sie Wagehals; was liegen Sie da im Staube?« Ich erhob mich. – Geben Sie mir meinen Sonnenschirm her, – sagte sie, wie weit ich ihn fortgeworfen habe! Und richten Sie nicht solche Blicke auf mich . . . wozu diese Albernheiten? Sie haben sich doch keinen Schaden gethan? Vielleicht Etwas an den Nesseln verbrannt! Sie hören ja, Sie sollen mich nicht so ansehen . . . Er hört ja aber nichts, antwortet nichts, fügte sie, wie für sich hinzu . . . – Gehen Sie nach Hause, Monsieur Woldemar, säubern Sie sich, und daß es Ihnen nicht einfällt, mir zu folgen – sonst werde ich böse und nie wieder . . .

Sie beendigte den Saß nicht und entfernte sich schnell; ich aber blieb am Weg sitzen . . . Meine Beine trugen mich nicht. An den Nesseln hatte ich mir die Hände verbrannt, der Rücken that mir weh und der Kopf ging in die Runde; doch das Gefühl von Wonne, daß ich damals empfand, wiederholte sich nicht mehr – nie in meinem ganzen Leben. Es haftete in allen meinen Gliedern, wie ein seliger Schmerz, der zuletzt in entzückten Sprüngen und Ausrufen zum Ausbruch gelangte. In der That: ich war noch ein Knabe.

XIII

So überaus beglückt und stolz fühlte ich mich diesen ganzen Tag hindurch, so lebhaft erhielt sich auf meinem Gesichte der Eindruck von Sinaïdes Küssen, mit solchem Schauer des Entzückens erinnerte ich mich jedes ihrer Worte so zärtlich, trug mich mit meinem unerwarteten Glücke umher, daß mir fast Angst wurde, daß mich sogar nicht verlangte sie zu sehen, sie, die Urheberin dieser neuen seligen Eindrücke. Mich dünkte, weiter könne man Nichts vom Schicksale fordern, jetzt sei der Moment gekommen zum Beschluß, »einen tiefen Seufzer auszustoßen, und zu sterben.« Dafür überfiel mich am folgenden Tage, als ich mich in’s Nebengebäude begab, eine große Unruhe, die ich vergebens unter der Maske bescheidener Ungezwungenheit, wie sie sich für einen wohlgesitteten Menschen, der zeigen will, daß er ein Geheimniß zu bewahren versteht, ziemt, zu verbergen suchte. Sinaïde empfing mich so ruhig, als ob gar nichts zwischen uns vorgefallen wäre, sie drohte mir bloß mit dem Finger und fragte, ob ich keine blauen Flecken hätte? Meine angenommene Ungezwungenheit und Geheimthuerei war augenblicklich verschwunden, und mit ihnen zugleich auch meine Unruhe. Ich hatte freilich keinen besonderen Empfang erwartet, aber dennoch machte Sinaïdes Ruhe auf mich den Eindruck eines kalten Bades. Ich sah ein, daß ich in ihren Augen nur ein Kind war – und das war für mich sehr niederdrückend! Sinaïde ging im Zimmer auf und ab, und jedes Mal wenn sie mich ansah, lächelte sie flüchtig; ihre Gedanken aber waren fern, das konnte ich deutlich bemerken . . . »Ob ich zuerst von dem gestrigen Tage zu reden anfange, dachte ich – ob ich sie frage, wohin sie sich denn so eilig begeben habe, um doch endlich zu erfahren . . .« aber ich schlug mir das aus dem Sinn und setzte mich in einen Winkel.

Belowsorow trat herein; ich war über seine Ankunft erfreut,

– Ich habe für Sie kein Reitpferd finden können, kein ruhiges – sagte er in barschem Tone. – Der Kerl da, der Freitag, hat mir zwar Eines versprochen – ich traue ihm aber nicht. Ich fürchte . . .

– Was fürchten Sie denn, – fragte Sinaïde, – wenn ich fragen darf?

– Was? Sie verstehen ja nicht zu reiten. Gott strafe mich, wenn Etwas vorfiele! Wie sind Sie nur so plötzlich auf diesen Einfall gekommen?

– Nun, das ist meine Sache, Monsieur Griesgram. In solchem Falle will ich Peter Wassiljewitsch bitten . . . (So hieß mein Vater und mich wunderte, wie sie dessen Namen so zuversichtlich und geläufig erwähnte, als ob sie von seiner Bereitwilligkeit, ihr einen Dienst zu erweisen, überzeugt gewesen wäre.)

– Ah so! erwiderte Belowsorow, – Mit ihm also wollen Sie ausreiten?

– Mit ihm, oder mit einem Anderen, – das kann Ihnen gleich sein – nur nicht mit Ihnen.

– Nicht mit mir, wiederholte Belowsorow – Wie Sie wollen. Nun dann! Sie sollen das Pferd haben.

– Aber nicht etwa einen Karrengaul Ich sage es Ihnen im Voraus, ich will galoppiren.

– Meinetwegen, Sie mögen galoppiren . . . Mit wem wollen Sie denn aber reiten, mit Malewsky etwa?

– Und warum nicht mit ihm, mein muthiger Krieger? Aber, beruhigen Sie sich, setzte sie hinzu und sprühen Sie nicht Blitze aus den Augen. Ich werde auch Sie einladen. Sie wissen, daß Malewsky für mich jetzt – pfui! Und sie schüttelte den Kopf.

– Sie sagen das, um mich zu trösten, brummte Belowsorow.

Sinaïde kniff die Augen zusammen. – Ist das ein Trost für Sie? O . . . o . . . o . . . Sie muthiger Krieger! sagte sie zuletzt, als wenn sie kein anderes Wort hätte finden können. – Und Sie, Monsieur Woldemar, wollen Sie auch mit uns reiten?

– Ich . . . ich liebe nicht . . . in großer Gesellschaft, stotterte ich, ohne die Augen aufzuschlagen.

– Sie ziehen ein tête-à-tête vor? . . . Nun, des Menschen Wille ist sein . . . Himmelreich, sagte sie mit einem Seufzer. – Gehen Sie, Belowsorow, sorgen Sie dafür, daß ich das Pferd morgen bekomme.

– Ja; und wo nimmt man das Geld her? warf die Fürstin ein.

Sinaïde runzelte die Stirn.

– Ich bitte Sie nicht darum; Belowsorow legt für mich aus.

– Legt für dich aus, so, so . . . brummte die Fürstin – und rief dann plötzlich aus vollem Halse: »Dunjaschka!«

– Marua, ich habe Ihnen ja eine Schelle geschenkt, bemerkte die Tochter.

– »Dunjaschka!« wiederholte die Alte.

Belowsorow empfahl sich; ich entfernte mich zu gleicher Zeit. Sinaïde hielt mich nicht zurück.

XIV

Am folgenden Morgen stand ich früh auf, schnitt mir einen Stock und begab mich zur Stadt hinaus. Ich will mir, dachte ich, den Kummer vertreten. Es war ein herrlicher Tag, hell und nicht zu heiß; ein munterer, frischer Wind strich über die Erde hin, rauschte spielend durch die Bäume, Alles bewegend und nichts zerstörend. Ich schleuderte lange über Berg und Thal; ich fühlte mich nicht glücklich; ich hatte das Haus verlassen, um mich meiner Schwermuth hinzugeben; – aber die Jugend, das schöne Wetter, die frische Luft, das Vergnügen am raschen Gehen, die Wonne des einsamen Liegens auf dem üppigen Grase thaten das Ihrige; die Erinnerung an jene unvergeßlichen Worte, an jene Küsse, drängte sich wieder in meine Seele. Wohlthuend wirkte der Gedanke auf mich, daß Sinaïde doch trotz Allem meiner Entschlossenheit, meinem Heldenmuthe, Gerechtigkeit, widerfahren lassen müsse . . . Sie mag Andere mir vorziehen, dachte ich, sei es! Dafür sprachen die Andern nur von Dem, was sie thun wollen, ich aber habe es schon vollbracht! Und noch ist das lange nicht Alles, was ich für sie zu thun im Stande bin! – Meine Einbildungskraft hatte einen hohen Flug genommen. Ich begann mir vorzustellen, wie ich sie aus Feindeshänden erretten, wie ich ganz von Blut bedeckt sie dem Gefängniß entreißen, wie ich zu ihren Füßen meinen Geist aufgeben wollte. Ich gedachte eines Wildes, das bei uns im Gastzimmer hing: Malek-Adèl2 wie er Mathilde entführt, – und wandte sogleich meine ganze Aufmerksamkeit einem herbeigeflogenen großen Buntspechte zu, der geschäftig den schlanken Stamm einer Birke hinaufhüpfte und unruhig, bald rechts, bald links, hinter demselben hervorguckte, ganz wie ein Musikant hinter dem Halse seiner Baßgeige .

Dann stimmte ich das: »Nicht weißer Schnee ist’s was dort schimmert« an und sprang dann zu einer damals vielgesungenen Romanze: »Ich harre Dein, wenn Zephyr’s sanfter Hauch,« über; darauf declamirte ich laut Jermak’s Anrede an die Sterne, aus Chomjakows Trauerspiel; ich versuchte sogar Etwas Rührendes zu dichten, hatte auch den Vers, mit welchem das Gedicht schließen sollte, gefunden: »oh, Sinaïde,Sinaïde!« es kam jedoch weiter Nichts heraus.

Inzwischen war die Stunde des Mittagessens gekommen. Ich stieg in’s Thal hinab; ein enger, sandiger Fußweg schlängelte sich durch dasselbe und führte in die Stadt. Ich schlug diesen Fußweg ein . . . Dumpfer Hufschlag ließ sich plötzlich hinter mir hören. Ich blickte mich um, blieb unwillkürlich stehen und zog die Mütze ab. Es waren mein Vater und Sinaïde. Sie ritten neben einander. Mein Vater, mit dem ganzen Oberleibe zu ihr hinübergebeugt und die Hand auf den Hals ihres Pferdes gestützt, sagte ihr Etwas; er lächelte, Sinaïde hörte ihn schweigend, mit gesenktem, strengem Blicke und geschlossenen Lippen an. Anfänglich hatte ich nur die Beiden gesehen, doch einige Augenblicke daraus zeigte sich hinter einer Biegung des Thales Belowsorow, in Husarenuniform und Dolman, auf einem schaumbedeckten Rappen. Das stattliche Pferd schüttelte den Kopf, schnaubte und tanzte, während der Reiter es zugleich zügelte und spornte. Ich trat aus die Seite. Mein Vater nahm die Zügel zusammen, richtete sich wieder empor, Sinaïde erhob langsam die Augen zu ihm und – Beide flogen dahin . . . Mit Säbelgeklirre setzte Belowsorow ihnen nach. »Er ist roth wie ein Krebs, dachte ich – und sie . . . Warum ist sie so bleich?«

Ich beschleunigte meinen Schritt und langte kurz vor dem Essen zu Hause an. Mein Vater saß bereits umgekleidet, gewaschen und mit frischem Gesichte neben dem Armstuhle meiner Mutter und las derselben mit seiner gleichmäßigen, klangvollen Stimme das Feuilleton des »Journal des Débats« vor; meine Mutter hörte ihm jedoch zerstreut zu; und mich gewahr werdend, fragte sie, wo ich denn den ganzen Tag gewesen sei, und setzte hinzu, sie liebe es nicht, wenn man sich den ganzen Tag, Gott weiß wo und mit wem, umhertreibe. Ich bin ja allein spazieren gegangen, wollte ich entgegnen, mein Blick fiel jedoch auf meinen Vater, und ich verstummte.

XV

Im Laufe der folgenden fünf, sechs Tage bekam ich Sinaïde fast nicht zu Gesichte: sie schützte Krankheit vor, was jedoch die gewohnten Gäste nicht abhielt, ihrem, – wie sie es nannten, – Dujourdienste, – obzuliegen; Maidanow ausgenommen, der sogleich muthlos zu werden und sich zu langweilen pflegte, wenn er keine Gelegenheit fand in Entzücken zu gerathen. Belowsorow saß düster, roth im Gesicht und bis an den Hals zugeknöpft, in einem Winkel; auf dem seinen Gesichte des Grafen Malewsky spielte beständig ein böses Lächeln; er war in der That bei Sinaïde in Ungnade gefallen und suchte sich mit besonderem Eifer bei der alten Fürstin einzuschmeicheln, die er sogar in einer Staatskutsche zum Generalgouverneur begleitet hatte. Was jedoch diesen Besuch anbetrifft, so war er erfolglos, für Malewsky aber sogar mit einer Unannehmlichkeit verknüpft gewesen: es ward ihm ein gewisser Vorfall mit gewissen Offizieren der Wegecommunication in’s Gedächtniß gerufen – und er hatte sich gezwungen gesehen, sich, zur Rechtfertigung, auf seine Unerfahrenheit zu berufen. Luschin besuchte täglich zwei Mal das Haus, blieb aber nicht lange da; seit unserer letzten Erörterung fürchtete ich ihn ein wenig und fühlte doch zu gleicher Zeit aufrichtige Zuneigung für ihn. Eines Tages spazierten wir zusammen im Neskuschnigarten; er war sehr herzlich und freundlich gegen mich, theilte mir die Namen und Eigenschaften verschiedener Gräser und Pflanzen mit, als er sich plötzlich, ohne sichtbaren Grund vor die Stirn schlug und rief: und ich, ich Narr, glaubte, sie wäre eine Koquette! Ja, – es muß für gewisse Personen süß sein, sich für Andere zu opfern.

– Was wollen Sie damit sagen? fragte ich.

– Ihnen habe ich gar nichts sagen wollen, gab er mir trocken zur Antwort.

Sinaïde vermied mich: meine Erscheinung, – es war mir unmöglich es nicht zu bemerken, – machte auf sie einen unangenehmen Eindruck. Unwillkürlich wandte sie sich von mir ab . . . Unwillkürlich! das eben war das bittere, das war es, was mir Kummer verursachte! Dabei war jedoch Nichts zu machen – und ich bemühete mich, ihr nicht vor Augen zu kommen und sie nur aus der Ferne zu beobachten, was mir nicht eben immer gelang. Es ging in ihr, wie schon früher, Etwas Unbegreifliches vor; ihr Gesicht war verändert, sie selbst war ganz umgewandelt Besonders auffallend däuchte mir diese Veränderung an einem warmen, stillen Abende. Ich saß auf einer niedrigen Bank unter einem breiten Fliederbusche; jenes Plätzchen war mir lieb geworden: ich konnte von dort aus das Fenster von Sinaïdes Zimmer sehen.

Ich saß still da; über meinem Kopfe trieb ein kleiner Vogel in dem dunkeln Laubdache sein rühriges Wesen; eine graue Katze schlich langgestreckt, vorsichtig in den Garten und die ersten Maikäfer summten in der noch lichtgetränkten, aber doch nicht mehr hellen Luft, schwerfällig umher. Ich saß und hatte den Blick aus das Fenster gerichtet und wartete, ob es sich nicht auftun werde: richtig, – es öffnete sich und an demselben erschien Sinaïde. Sie hatte ein weißes Kleid an und war selbst, an Gesicht, Schultern, Armen – bleich wie Kreide. Sie stand lange regungslos da und blickte starr und gerade vor sich hin, unter den zusammengezogenen Brauen hervor. Diesen Blick kannte ich an ihr noch nicht. Daraus preßte sie die Hände zusammen, fest, fest zusammen, führte sie an die Lippen, an die Stirn, – riß sie plötzlich wieder von einander, warf das Haar hinter die Ohren zurück, schüttelte dasselbe und schlug, nachdem sie mit einer gewissen Entschiedenheit mit dem Kopfe von oben hinab genickt hatte, das Fenster zu.

Drei Tage darauf begegnete ich ihr im Garten. Ich wollte ihr ausweichen, sie selbst jedoch hielt mich an.

– Geben Sie mir die Hand, – sagte sie mit der früheren Freundlichkeit, – wir haben lange nicht mit einander geplaudert. Ich warf einen Blick auf sie: ihre Augen leuchteten sanft und ihr Gesicht lächelte, aber gleichsam wie durch einen Schleier.

– Sind Sie noch immer unwohl? fragte ich sie.

– Nein, jetzt ist Alles vorüber, erwiderte sie und brach eine kleine rothe Rose ab. – Ich bin noch etwas matt, das wird aber auch vorübergehen.

– Und werden Sie dann wieder sein, wie früher? fragte ich.

Sinaïde führte die Rose an’s Gesicht und – mir däuchte, der rothe Widerschein der Blättchen röthete ihre Wangen. – Habe ich mich denn verändert? fragte sie mich endlich.

– Ja, das haben Sie, – gab ich halblaut zurück.

– Ich bin kalt gegen Sie gewesen, – ich weiß es, begann Sinaïde, – Sie hätten das aber nicht so ernst nehmen sollen . . . Ich konnte nicht anders . . . Doch, wozu davon reden!

– Sie wollen nicht, daß ich Sie liebe, – das ist es! rief ich in düsterer Aufregung.

– Nein, lieben Sie mich, aber nicht wie bisher.

– Wie denn?

– Lassen Sie uns Freunde sein – weiter nichts! – Sinaïde gab mir die Rose. daran zu riechen. – Hören Sie mich, ich bin ja viel älter als Sie, – ich könnte Ihre Tante sein, wahrhaftig! Nun, wenn auch nicht das, so doch Ihre ältere Schwester. Und Sie . . .

– Ich bin in Ihren Augen nur ein Kind, unterbrach ich sie.

– Nun ja, aber ein liebes, gutes, kluges Kind, das ich sehr gern habe. Wissen Sie was? Vom heutigen Tage an ernenne ich Sie zu meinem Pagen; vergessen Sie nun aber nicht, daß Pagen ihre Herrin nicht verlassen dürfen. Da, nehmen Sie dies als Zeichen Ihrer neuen Würde, – fügte sie hinzu, indem sie die Rose in das Knopfloch meines Jäckchens steckte, – das Zeichen unserer Gewogenheit.

– Früher bekam ich von Ihnen andere Beweise Ihrer Gewogenheit, stotterte ich.

– Ah! sagte Sinaïde und blickte mich von der Seite an . . . Was für ein Gedächtniß er doch hat! Nun, ich bin auch jetzt bereit . . .

Und, sich zu mir niederbeugend, drückte sie mir einen keuschen, ruhigen Kuß auf die Stirne.

Ich sah sie an, – sie aber wandte sich ab, indem sie sagte: folgen Sie mir, mein Page – und begab sich in ihre Wohnung. Ich folgte ihr – und fühlte mich betroffen. Ist denn wirklich, dachte ich, – dieses sanfte, bedächtige Mädchen dieselbe Sinaïde, die ich gekannt habe? Selbst ihr Gang schien mir langsamer geworden zu sein, – ihre ganze Gestalt majestätischer und schlanker . . .

Und, o mein Gott! mit welcher neuen Stärke entflammte die Liebe in mir!

XVI

Nach dem Essen versammelten sich wiederum die Gäste im Nebengebäude, und die junge Fürstin zeigte sich denselben. Die ganze Gesellschaft war genau dieselbe, wie an dem ersten, mir unvergeßlichen Abende: selbst Nirmatzky hatte sich eingefunden, Maidanow war dies Mal früher erschienen, als die Anderen, – er hatte neue Gedichte mitgebracht. Das Pfänderspiel ward wieder vorgenommen, jedoch ohne die frühere Ausgelassenheit, ohne Narrheiten und Lärm, – das Zigeunerhafte war daraus verschwunden. Sinaïde gab unserer Zusammenkunft eine neue Stimmung. In meiner Eigenschaft als Page saß ich neben ihr. Unter Anderem schlug sie vor, es solle Derjenige, dessen Pfand herauskäme, einen Traum erzählen; das hatte jedoch keinen Erfolg. Entweder waren die Träume nicht interessant (Belowsorow z. B. hatte geträumt, er habe sein Pferd mit Karauschen gefüttert, und das Thier einen hölzernen Kopf gehabt), oder sie waren nicht natürlich, sondern erdichtet. Maidanow hatte uns eine ganze Novelle zum Besten gegeben: es kamen darin Grabgewölbe, Engel mit Harfen vor, redende Blumen und fernherzitterude Töne. Sinaïde ließ ihn nicht auserzählen. Wenn nun doch einmal Dichtungen an die Reihe gekommen sind. – sagte sie, – so mag Jeder irgend Etwas unbedingt Erfundenes erzählen. – Der Erste, an den die Reihe kam, war wiederum Belowsorow.

Der junge Husar wurde verwirrt. – Ich kann Nichts erfinden! rief er aus.

– Unsinn! warf Sinaïde ein. – Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie wären verheirathet, und erzählen Sie uns, wie Sie mit Ihrer Frau die Zeit verbringen würden. Würden Sie dieselbe unter Schloß und Riegel halten?

– Ja, das würde ich.

– Und würden ihr selbst Gesellschaft leisten?

– Gewiß!

– Vortrefflich. Und wenn ihr nun aber ein solches Leben lästig fiele, und sie Ihnen untreu würde?

– Ich würde sie tödten.

– Wenn sie aber entflöhe?

– So würde ich sie einholen und dennoch tödten.

– Gut, Gesetzt nun, ich wäre Ihre Frau, was thäten Sie dann wohl?

Belowsorow schwieg einen Augenblick. – Ich würde mich umbringen . . .

Sinaïde lachte auf. – Ich sehe Sie machen kurzen Proceß.

Das zweite Pfand sollte Sinaïde auslösen. Sie hob den Blick zur Decke und wurde nachdenkend. – Nun, hört, sagte sie nach einer Weile, was ich erdichtet habe. Stellen Sie sich einen prunkvollen Palast vor, eine Sommernacht und einen zauberhaften Ball. Diesen Ball giebt eine junge Königin. Ueberall strotzt es von Gold, Marmor, Krystall, Seide, Lichter, Diamanten, Blumen, Wohlgerüchen und allen Bedürfnissen des Luxus.

– Sie lieben den Luxus? unterbrach sie Luschin.

– Luxus ist eine hübsche Sache, entgegnete sie, – ich liebe Alles, was hübsch ist.

– Mehr als das Schöne? fragte er.

– Das ist mir gar zu spitzfindig, ich verstehe das nicht. Unterbrechen Sie mich nicht weiter. Der Ball also ist prachtvoll. Eine Menge Gäste, alle jung, schön, muthig, Alle sterblich in die Königin verliebt.

–– Sind keine Frauen unter den Gästen? fragte Malewsky.

– Nein, – oder warten Sie, – es sind deren da.

– Alle häßlich?

– Reizend! Die Männer aber sind alle in die Königin verliebt. Sie ist hoch von Wuchse und von schlanker Gestalt; ein kleines goldenes Diadem krönt ihr schwarzes Haar.

Ich warf einen Blick auf Sinaïde – und in diesem Augenblicke kam sie mir so überaus erhaben über uns Alle vor, mir däuchte, es strahle von ihrer Stirn, von ihren unbeweglichen Brauen, ein solcher Geist und solche Hoheit, daß mir der Gedanke kam: »diese Königin bist Du!«

– Alles drängt sich um sie herum, – fuhr Sinaïde fort, – Alle verschwenden an sie die schmeichelhaftesten Reden.

– Sie liebt also Schmeichelei? fragte Luschin.

– Wie sind Sie unerträglich! immer müssen Sie mich unterbrechen . . . Wer liebt sie denn nicht?

– Noch eine letzte Frage, – bemerkte Malewsky. Die Königin hat doch einen Gemahl?

– Daran hatte ich nicht gedacht. Nein, wozu denn einen Gemahl?

– Freilich, – äußerte Malewsky, – wozu der Gemahl?

– Silence! rief Maidanow, der das Französische sehr schlecht sprach.

– Merci, sagte Sinaïde zu ihm. Die Königin also hört alle diese Reden an, lauscht der Musik. blickt indessen auf keinen der Gäste besonders. Sechs Fenster stehen von oben bis unten weit offen, von der Decke bis an den Fußboden; durch dieselben sieht man einen dunkeln Himmel mit großen Sternen und einen dunkeln Garten mit großen Bäumen. Die Königin schaut in den Garten hinaus. Dort, zwischen den Bäumen ist ein Springbrunnen: gleich einem Gespenste schimmert im Dunkeln die hohe, hohe Wassergarbe. Durch das Stimmengewirr und die Töne der Musik lauscht«die Königin dem steten Plätschern des Wassers. Sie schaut hinaus und denkt: Ihre Alle hier, seid edle, kluge, reiche Herren, ihr drängt Euch um mich herum, Ihr seid neidisch auf jedes meiner Worte, seid Alle bereit für mich, zu meinen Füßen, das Leben zu lassen: ich gebiete über Euch . . . aber dort, neben dem Springbrunnen, neben jenem plätschernden Wasser, da steht und wartet auf mich der, den ich liebe, der über mich gebietet. Er hat weder ein reiches Kleid an, noch Edelsteine, auch kennt ihn Niemand, er wartet aber auf mich und ist überzeugt, ich werde kommen, – und kommen werde ich, und keine Macht wird im Stande sein mich zurückzuhalten, wenn ich zu ihm gehen, bei ihm bleiben, mit ihm dort, im Dunkel des Gartens, beim Rauschen des Laubes und Plätschern des Brunnens, mich verlieren will . . .

Sinaïde schwieg.

– Das wäre Dichtung? fragte Malewsky schlau.

Sinaïde würdigte ihn keines Blickes.

– Was würden wir aber thun, meine Herren, – fragte plötzlich Luschin, – wenn wir uns unter den Gästen befänden und von dem Dasein des Glücklichen am Brunnen unterrichtet wären?

– Halt, halt, – unterbrach ihn Sinaïde; ich selbst will Ihnen sagen, was ein Jeder von Ihnen thun würde. Sie, Belowsorow, würden ihn herausfordern; Sie, Maidanow, ein Epigramm auf ihn verfassen . . . Uebrigens, nein, – Sie verstehen nicht, ein Epigramm zu schmieden: Sie würden einen langen Jambus, nach der Art Barbier’s, auf ihn schreiben und Ihr poetisches Product dem »Telegraphen« übermachen. Sie, Nimatzky, würden von ihm Geld – doch nein, Sie würden ihm selbst Geld auf Zins leihen; Sie, Doctor . . . sie hielt inne . . . – Da weiß ich nun wirklich nicht, was Sie thun würden.

– Als Leibarzt, sagte Luschin, würde ich der Königin den Rath ertheilen, keine Bälle zu geben, wenn ihr so wenig an den Gästen gelegen ist.

– Vielleicht hätten Sie Recht. Und Sie Graf . . .

– Nun und ich? wiederholte mit seinem bösartigen Lächeln Malewsky . . .

– Sie würden ihm ein vergiftetes Confect geben.

Malewskys Gesicht verzerrte sich ein wenig und nahm für einen Moment einen jüdischen Ausdruck an, doch lachte er gleich darauf.

– Was Sie nun betrifft, Woldemar, fuhr Sinaïde fort, . . . doch genug davon; lassen Sie uns ein anderes Spiel vornehmen.

– Monsieur Woldemar, als Page der Königin, würde ihre Schleppe getragen haben, wenn sie in den Garten gegangen wären, – bemerkte Malewsky bissig.

Ich wurde feuerroth, Sinaïde legte indessen rasch ihre Hand auf meine Schulter, erhob sich von ihrem Platze und sagte mit leichtem Zittern der Stimme: Ich habe Ew. Erlaucht nie das Recht zugestanden, frech zu sein, und darum bitte ich Sie, sich zu entfernen. – Sie wies auf die Thüre.

– Aber ich bitte, Fürstin – stotterte Malewsky und ward leichenblaß im Gesichte.

– Die Fürstin hat Recht – rief Belowsorow und erhob sich gleichfalls.

– Bei Gott, ich glaubte gar nicht, – fuhr Malewsky fort; in meinen Worten, denke ich, lag doch Nichts, was . . . Ich habe nicht entfernt die Absicht gehabt, Sie zu beleidigen . . . Vergeben Sie mir!

Sinaïde musterte ihn mit kaltem Blicke und lächelte ebenso kalt. – Meinethalben, Sie können bleiben, sagte sie mit einer verächtlichen Bewegung der Hand. – Wir hatten Unrecht, Herr Woldemar und ich, Ihretwegen in Zorn zu gerathen. Es macht Ihnen Vergnügen zu sticheln . . . nun, wohl bekomme es Ihnen.

– Vergeben Sie mir – wiederholte Malewsky nochmals. Ich aber, wenn ich mich Sinaïdes Bewegung erinnerte, dachte: eine wirkliche Königin hätte einem Frechen die Thüre nicht mit größerer Würde weisen können.

Das Pfänderspiel hörte bald nach dieser kleinen Scene auf; es war Allen etwas unbehaglich zu Muthe, nicht sowohl in Folge des Auftrittes selbst, als vielmehr aus einem unbestimmten, drückenden Gefühle, welches daraus entsprang. Niemand sprach davon, doch empfand es Jeder an sich und an den Anderen. Maidanow las uns seine Gedichte vor – und Malewsky lobte dieselben mit übertriebenem Eifer. »Er möchte sich jetzt gern wieder weiß brennen,« flüsterte mir Luschin zu. Wir trennten uns bald. Sinaïde wurde nachdenklich; die Fürstin ließ melden, sie habe Kopfschmerz; Nirmatzky begann über seine Rheumatismen zu klagen . . .

Ich konnte lange nicht einschlafen; ich war von Sinaïdes Erzählung betroffen. Sollte dieselbe wirklich eine Anspielung enthalten? fragte ich mich; und auf Wen oder Was war sie gerichtet? Und wenn wirklich Grund zu einer Anspielung vorhanden wäre, wie konnte sie sich entschließen . . . Nein, nein, es ist unmöglich – flüsterte ich, indem ich mich bald aus die eine, bald auf die andere meiner glühenden Wangen legte . . .Mir fiel jedoch der Ausdruck in Sinaïde’s Gesichte während ihrer Erzählung ein . . . ich erinnere mich des Ausrufes,« der Luschin im Garten von Neskuschni entschlüpft war, auch der plötzlichen Veränderung in seinem Benehmen gegen mich – und ich verlor mich in Vermuthungen. Wer ist er? diese drei Worte schienen vor meinen Augen zu schweben, scharf in das Dunkel eingegraben; es war mir zu Muthe als habe sich dicht über mir eine unheildrohende Wolke niedergelassen; ich empfand den Druck derselben und war beständig gewärtig, sie werde sich entladen. Ich war Vieles in der letzten Zeit gewohnt worden, hatte Vielerlei bei Sassekins kennen gelernt; die Unordnung, die Talglichte, die zerbrochenen Messer und Gabeln, das finstere Aussehen des Bonifacius, das zerlumpte Stubenmädchen, die Manieren der Fürstin selbst, – dieser ganze häusliche Zustand fiel mir nicht mehr auf . . . Was ich aber jetzt au Sinaïde dunkel zu bemerken glaubte, – daran konnte ich mich nicht gewöhnen . . . Eine Aventurière, – hatte meine Mutter sie ein Mal genannt. Eine Aventurière, – sie, mein Abgott, meine Göttin! Diese Benennung brannte mich wie Feuer, ich suchte mich derselben zu erwehren, indem ich mich in die Kissen vergrub, ich war entrüstet – und doch, was hätte ich hingegeben, wozu wäre ich fähig gewesen, nur um jener Glückliche am Brunnen sein zu können! . . .

Mein Blut war erhitzt und kochte in den Adern. »Garten . . . Springbrunnen« . . . dachte ich . . . »Ich will doch in den Garten gehen!« Geschwind warf ich mich in die Kleider und schlich zum Hause hinaus. Die Nacht war finster, die Luft etwas frisch, leise flüsterten die Bäume; vom Gemüsegarten zog Fenchelgeruch herüber. Ich durchstrich alle Alleen; das leichte Geräusch meiner eigenen Schritte erregte mich und hielt mich in Spannung; ich blieb von Zeit zu Zeit erwartend stehen und lauschte; stark und laut pochte mir das Herz. Endlich kam ich bis an den Zaun und stützte mich auf eine dünne Stange. Plötzlich, – oder war es mir nur so vorgekommen? – huschte einige Schritte von mir eine weibliche Gestalt vorüber . . . Ich richtete gespannt den Blick in’s Dunkel und hielt den Athem an. Was ist das? Sind es Schritte, die ich zu hören wähne, – oder klopft mein Herz wieder? »Wer ist da?« stammelte ich kaum hörbar Was ist denn das? unterdrücktes Lachen? . . . oder Rauschen in den Blättern? . . . oder ein Seufzer, hart an meinem Ohre? Ein Schauer überlief mich . . . »Wer ist da?« fragte ich noch leiser.

Ein leichter Windhauch zog vorüber; am Himmel schoß ein feuriger Streif dahin: eine Sternschnuppe. »Sinaïde?« wollte ich fragen, aber der Laut erstarb mir auf den Lippen. Und plötzlich wurde es grabesstill rund umher, wie das um Mitternacht oft der Fall ist . . . Sogar die Grillen im Laube hatten in ihrem Zirpen inne gehalten, – nur ein Fenster klirrte irgendwo. Nachdem ich einige Zeit auf demselben Flecke stehen geblieben war, kehrte ich auf mein Zimmer, in mein kalt gewordenes Bett zurück. Ich befand mich in einer sonderbaren Aufregung: mir däuchte, ich hätte mich zu einem Stelldichein hinausbegeben, – und sei allein geblieben und am Glücke eines Andern vorübergegangen.

XVII

Am folgenden Tage sah ich Sinaïde nur im Fluge: sie hatte mit ihrer Mutter eine Ausfahrt in einer Miethsdroschke gemacht. Dafür sah ich aber Luschin, der mich übrigens kaum eines Grußes würdigte, und Malewsky. Der junge Graf verzerrte sein Gesicht zu einem Lächeln und redete mich freundlich an. Von allen Besuchern des Nebengebäudes war es ihm allein gelungen, Eintritt in unser Haus zu erlangen und meiner Mutter Beifall zu gewinnen. Mein Vater dagegen mochte ihn nicht und benahm sich gegen ihn mit einer übertriebenen Höflichkeit, die an Beleidigung streifte.

– Ah, monsieur le page, – begann Malewsky, – ich bin sehr erfreut Sie zu sehen. Was macht Ihre schöne Königin?

Sein frisches, hübsches Gesicht war mir in diesem Augenblicke so zuwider – und er sah mich so selbstgefällig höhnisch an, daß ich ihm Nichts antwortete.

– Sie sind doch nicht böse? fuhr er fort. – Das ist unrecht. Nicht ich habe Sie zum Pagen ernannt, – Pagen halten vornehmlich Königinnen. Erlauben Sie mir indessen die Bemerkung, daß Sie Ihrem Amte schlecht vorstehen.

– Wie so?

– Die Pagen dürfen sich von ihren Gebieterinnen unbedingt nicht trennen; die Pagen müssen Alles wissen, was dieselben thun – ja sie müssen sogar bei Tage wie wie bei Nacht über sie wachen – setzte er, den Ton dämpfend, hinzu.

– Was wollen Sie damit sagen? – Was ich sagen will? Ich drücke mich doch, denke ich, deutlich genug aus. Bei Tage – wie bei Nacht. Bei Tage geht es noch hin; bei Tage ist es hell und es gehen Menschen vorüber; Nachts aber, – ist ein Unglück bald geschehen. Ich rathe Ihnen, Nachts nicht zu schlafen und Wache zu halten, nach Möglichkeit Wache zu halten. Erinnern Sie sich, – bei Nacht, im Garten, am Springbrunnen, – dort ist es, wo Sie Wache halten müssen. Sie werden mir Dank wissen.

Malewsky lachte und wandte mir den Rücken. Wahrscheinlich legte er seinen Worten keine tiefere Bedeutung bei; er hatte den Ruf eines Meisters in der Kunst des Mystificirens und zeichnete sich in dieser Hinsicht vornehmlich auf Maskenbällen aus, wozu ihn die fast unbewußte Falschheit, von der sein ganzes Wesen durchdrungen war, ganz besonders befähigte . . . Er hatte mich wohl nur aufziehen wollen, jedes seiner Worte aber bohrte sich wie ein vergifteter Stachel in mein Herz. Das Blut stieg mir zu Kopfe. Ah! das ist es! sagte ich zu mir selbst. Meine gestrigen Vermuthungen waren also doch begegründet! Mich hatte es nicht umsonst in den Garten gezogen! Wohlan denn, rief ich laut und schlug mich mit der Faust vor die Brust, daraus wird Nichts! Eigentlich wußte ich aber selbst nicht, – woraus Nichts werden sollte. – War es Malewskys Absicht, sich in den Garten hineinzuschleichen? – dachte ich (er kann sich verrathen haben, und frech genug ist er, um es zu thun), – oder ist ein Anderer da? – (die Umzäunung unseres Gartens war sehr niedrig und es bedurfte keiner Mühe über dieselbe hinüberzuklettern), genug, mit heiler Haut soll Derjenige nicht davon kommen, der mir in den Weg tritt! Ich rathe Niemandem, mir in den Wurf zu kommen! Ich will der ganzen Welt beweisen, und auch ihr, der Treulosen (ich nannte sie wahrhaftig die Treulose), daß ich Rache zu üben verstehe!

Ich kehrte auf mein Zimmer zurück, nahm aus meinem Schreibtische ein englisches Messer, das ich vor Kurzem gekauft hatte, hervor, prüfte die Schärfe desselben und steckte es dann, mit finsterer Miene und kalter, gesammelter Entschlossenheit, in die Tasche, als wären dergleichen Dinge nichts Ungewohntes für mich und ich kein Neuling darin. Mein Herz war von Bosheit geschwellt und wie zu Stein geworden. Bis zum Anbruche der Nacht behielt ich meine finstere Miene und hielt die Lippen geschlossen, ging beständig auf und ab, das warmgewordene Messer krampfhaft mit der Hand in der Tasche umklammernd, und bereitete mich im Voraus auf Fürchterliches vor. Diese neuen, noch nicht dagewesenen Empfindungen beschäftigten mich und hielten mich dermaßen in Aufregung, daß ich sogar an Sinaïde eigentlich nur wenig dachte. Mir schwebte beständig – Aleko, der junge Zigeuner, vor:3 – »Wohin, du schöner Jüngling? Sprich! Bleib’ liegen da und stirb!« und ferner: »Du bist ja ganz mit Blut bespritzt! . . . O sprich, was thatest Du? . . Nichts!« – Mit welchem grausamen Lächeln wiederholte ich dieses: Nichts!

Mein Vater war nicht zu Hause; meiner Mutter aber, die sich seit einiger Zeit in einem fast beständigen Zustande zurückgehaltener Aufregung befand, fiel mein verzweifeltes Aussehen aus und beim Abendessen sagte sie zu mir: Du siehst ja aus wie eine Maus in der Grütze! Ich lächelte bloß herablassend dazu und dachte: wenn sie nur wüßte! Es schlug 11 Uhr; ich ging auf mein Zimmer kleidete mich aber nicht ans; ich wartete auf Mitternacht: endlich schlug die Stunde. Auf!flüsterte ich durch die Zähne, knöpfte meine Jacke bis oben zu, streifte sogar die Aermel zurück und begab mich in den Garten.

Ich hatte den Platz, wo ich Wache halten wollte, schon bei Zeiten gewählt. Am Ende des Gartens, dort wo der Zaun, der unser Gebiet von dem der Sassekins schied, an eine gemeinsame Mauer stieß, stand eine vereinzelte Tanne; unter den niedrigen, dichten Aesten derselben, konnte ich mich recht gut verbergen, und so weit es das nächtliche Dunkel zuließ, sehen, was um mich her vorging. In der Nähe zog sich ein Pfad hin, der mir von jeher geheimnißvoll erschienen war; in Schlangenwindungen zog sich derselbe hart am Zaune vorüber, an welcher Stelle Fußspuren verriethen, daß Jemand hinübergestiegen war, und verlor sich in einer runden Laube dichter Akazien. Ich war an die Tanne gelangt, lehnte mich gegen den Stamm und begann meine Wache.

Es war eine ebenso ruhige Nacht, wie die vorige; doch standen weniger Wolken am Himmel; die Umrisse der Gebüsche, selbst die größerer Pflanzen, waren deutlicher zu unterscheiden. Die ersten Minuten des Wartens erschienen mir drückend, fast beängstigend. Ich war zu Allem bereit und zog nur noch in Erwägung: wie ich vorgehen sollte? Ob ich mit einem: »Wohin? Halt! Bekenne, – oder stirb!« – beginnen, oder gleich zustoßen sollte . . . Jeder Laut, jedes Geräusch, auch das leiseste, schien mir bedeutungsvoll, ungewöhnlich . . . Ich hielt mich bereit . . . beugte mich nach vorn. . . . Doch es verging eine halbe Stunde, es verging eine ganze; mein Blut beruhigte sich, kühlte sich ab; die Vorstellung, daß ich Alles umsonst thue, mich sogar lächerlich mache, daß Malewsky mich nur gefoppt habe, – schlich sich allgemach in meine Seele ein. Ich verließ meinen Hinterhalt und machte eine Runde durch den Garten. Wie absichtlich ließ sich nirgends das geringste Geräusch hören; Alles war in Ruhe versunken; selbst unser Hofhund schlief, zusammengerollt, bei dem Thorpförtchen Ich kletterte auf die Trümmer des Treibhauses, sah das weite Feld vor mir, gedachte meiner Begegnung mit Sinaïde und verlor mich in Gedanken . . .

Plötzlich schrak ich zusammen . . . Mir däuchte, ich habe das Knarren einer geöffneten Thür, dann das Knistern eines gebrochenen Zweiges vernommen. In zwei Sprüngen war ich die Trümmer hinuntergesprungen – und blieb wie erstarrt stehen. Rasche, leichte, aber behutsame Schritte ließen sich im Garten hören. Sie kamen zu mir heran. »Da ist er . . . da ist er endlich!« zuckte es durch mein Herz. Krampfhaft zog ich das Messer aus der Tasche, schlug es heftig auf, – rothe Funken flimmerten vor meinen Augen, das Haar auf meinem Kopfe sträubte sich vor Angst und Wuth . . . Die Schritte kamen gerade auf mich zu – ich bog mich nach vorn, es zog mich denselben entgegen . . . Ein Mann wurde sichtbar . . . Mein Gott! Es war mein Vater!

Ich erkannte ihn sogleich, obgleich er ganz in einen dunkelen Mantel gehüllt war und den Hut über die Augen gezogen hatte. Er ging auf den Zehen an mir vorüber. Er hatte mich nicht bemerkt, obgleich mich Nichts verdeckte, ich hatte mich aber so niedergedrückt und klein gemacht, daß ich fast dem Erdboden gleich kam. Der eifersüchtige, auf Mord sinnende Othello, war plötzlich in einen Schulbuben umgewandelt . . . Die unerwartete Erscheinung meines Vaters hatte mich dermaßen erschreckt, daß ich im ersten Augenblicke nicht einmal bemerkte, von wo er gekommen, wohin er verschwunden war. Als Alles rund umher wieder ruhig geworden, dann erst richtete ich mich auf und stellte die Frage an mich: »weßhalb wandelt mein Vater denn bei Nachtzeit im Garten umher?« Vor Schreck hatte ich mein Messer in’s Gras fallen lassen, ich suchte aber nicht einmal mehr nach ihm: tiefe Scham erfüllte mich. Ich war plötzlich nüchtern geworden. Auf dem Rückwege nach Hause trat ich jedoch zu meinem Bänkchen unter dem Fliederbusche hin und warf einen Blick auf das Fenster von Sinaïdes Schlafzimmer. Die nicht sehr großen, etwas gewölbten Scheiben des Fensters schimmerten in mattem Blau vom Widerscheine des nächtlichen Himmels. Auf einmal veränderte sich die Farbe derselben . . . Hinter ihnen, ich sah es, sah es, deutlich, – wurde vorsichtig und sachte eine weiße Gardine heruntergelassen, ganz bis auf’s Fensterbrett herab – und so blieb sie auch unbeweglich hangen.

– Was bedeutet das? fragte ich mich laut, fast unwillkürlich, als ich mich wieder in meinem Zimmer befand. Ist das Traum? Zufall? Oder . . . Die Vermuthungen, die mir unerwartet in den Kopf stiegen, waren so neu und sonderbar, daß ich nicht wagte mich denselben zu überlassen.

XVIII

Von Kopfschmerz gepeinigt verließ ich am Morgen mein Lager. Die gestrige Aufregung war verschwunden. Eine mir noch unbekannte Niedergeschlagenheit, – als wenn Etwas in mir zu Grabe getragen worden wäre, – hatten sie ersetzt.

– Sie sehen ja wie ein Kaninchen aus, dem man die Hälfte des Gehirns herausgenommen hat! sagte Luschin zu mir, als ich ihm begegnete. Beim Frühstücke warf ich von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke, bald auf meinen Vater, bald auf meine Mutter: er war, wie gewöhnlich, ruhig; sie, wie gewöhnlich gereizt. Ich wartete, ob nicht mein Vater, wie er es bisweilen zu thun pflegte, ein freundliches Wort an mich richten würde . . . Doch erwies er mir nicht einmal seine tägliche kalte Liebkosung. Ob ich Sinaïde Alles erzähle? dachte ich . . . Es bleibt sich ja gleich, – zwischen uns ist ja ohnehin schon Alles vorbei. – Ich begab mich zu ihr, aber nicht nur erzählte ich ihr Nichts, – ich fand nicht einmal Gelegenheit, mich mit ihr, wie ich es gewünscht hätte, zu unterhalten. Bei der Fürstin war ihr Sohn, ein Cadet von zwölf Jahren, während der Ferien aus Petersburg eingetroffen; Sinaïde führte mir sogleich ihren Bruder zu. – Da haben Sie, sagte sie, mein lieber Wolodja, – (zum ersten Male nannte sie mich bei diesem Namen), einen Gefährten. Er heißt gleichfalls Wolodja. Ich bitte, haben Sie ihn ein wenig lieb; er ist noch etwas schüchtern, hat aber ein gutes Herz. Führen Sie ihn in den Neskuschnigarten, spazieren Sie mit ihm umher, nehmen Sie ihn unter ihren Schutz. Nicht wahr, Sie werden es thun? Sie haben ja auch ein so gutes Herz! – Sie legte mir freundlich beide Hände auf die Schultern, – ich wurde ganz verwirrt. Die Ankunft des Knaben machte mich selbst wieder zum Knaben. Schweigend betrachtete ich den Cadetten, der seinerseits mich schweigend ansah. Sinaïde lachte laut auf und stieß uns Beide an einander. »So umarmt Euch doch einander. Kinder! Wir thaten es – Wollen Sie, daß ich Sie in den Garten führe? fragte ich ihn.

– Wenn Sie wollen, entgegnete er mit heiserer, echter Cadettenstimme. Sinaïde lachte wieder . . . Es entging mir nicht, daß ihr Gesicht noch nie so herrliche Röthe gezeigt hatte.

Wir machten uns Beide aus den Weg. In unserem Garten befand sich eine alte Schaukel. Ich setzte ihn auf, das schmale Brettchen und begann ihn zu schaukeln. Er saß unbeweglich in seiner kleinen neuen Uniform aus grobem Tuche, mit breiten Goldborden, und hielt sich an den Schnüren fest. – Knöpfen Sie doch Ihren Kragen auf, sagte ich zu ihm. – Thut nichts, wir sind das so gewohnt, äußerte er und fing an zu husten. Er glich seiner Schwester: besonders waren es die Augen, die an sie erinnerten. Es war mir lieb ihm ein Vergnügen verschaffen zu können, während zu gleicher Zeit insgeheim die alte quälende Trauer an meinem Herzen nagte. Jetzt bin ich in der That wieder ein Kind, dachte ich, – gestern aber . . . Ich erinnerte mich der Stelle, wo ich in der vergangenen Nacht mein Messer hatte fallen lassen und suchte es auf. Der Cadet bat mich um dasselbe, zog einen dicken Stengel Liebstöckel heraus, schnitt ihn sich zu einer Flöte zurecht und fing nun an darauf zu blasen. Auch Othello blies auf der Flöte.

Dafür aber, Abends, wie hat er geweint, jener selbe Othello, in der Gegenwart Sinaïdes, als sie ihn in einem Winkel des Gartens traf und ihn fragte, worüber er denn so traurig wäre! Meine Thränen strömten mit solcher Gewalt, daß sie erschrak. Was ist denn? was haben Sie? fragte sie zu verschiedenen Malen – und da sie sah, daß ich keine Antwort gab und nicht aufhörte zu weinen, – küßte sie mich auf die nasse Wange. Ich aber wandte mich ab von ihr und flüsterte unter Schluchzen: ich weiß Alles; warum haben Sie Ihr Spiel mit mir getrieben? . . . Wozu brauchen Sie meine Liebe?

– Ich habe gefehlt gegen Sie, Wolodja, brachte Sinaïde vor . . . Ach, ich habe sehr gefehlt, setzte sie, die Hände zusammenpressend, hinzu . . . – Wie viel Schlechtes, Dunkles, Sündhaftes liegt doch in mir . . . Jetzt aber treibe ich kein Spiel mit Ihnen, ich liebe Sie, – Sie haben keine Ahnung davon, weßhalb und in welcher Art . . . Doch, was ist es denn eigentlich, was Sie wissen? Was konnte ich ihr sagen? Sie stand vor mir und blickte mich an, – ich aber gehörte ihr ganz, vom Kopfe bis zu den Fußsohlen, sobald Sie nur ihre Augen auf mich richtete . . . Eine Viertelstunde darauf liefen wir bereits, der Cadet, Sinaïde und ich um die Wette; ich weinte nicht mehr, sondern lachte, obgleich beim Lachen noch manche Thräne den angeschwollenen Augenlidern entfiel; ich hatte statt eines Halstüchelchens mir Sinaïdes Band um den Hals gebunden und schrie vor Freude auf, als es mir gelang, sie um die Taille zu fassen. Sie machte aus mir, was sie wollte.

XIX

Ich käme in große Verlegenheit, wenn man von mir eine ausführliche Erzählung dessen fordern wollte, was mit mir im Verlaufe der Woche nach meiner mißglückten nächtlichen Expedition vorgegangen war. Es war eine ganz eigene, fieberhafte Zeit, ein wahres Chaos, in welchem die widersprechendsten Gefühle, Gedanken, Verdacht, Hoffnung, Freude und Leiden wie in einem Wirbel kreisten; ich wagte nicht einen Blick in mich zu thun, wenn überhaupt ein sechzehnjähriger Junge im Stande ist, dies zu thun; ich wagte es nicht, mir, über was es auch sei, Rechenschaft zu geben; es drängte mich, den Tag bis zum Abende so rasch als möglich zu verleben: dafür schlief ich aber Nachts . . kindlicher Leichtsinn half da über Alles hinaus. Mich verlangte nicht mehr zu wissen, ob ich geliebt werde und mir selbst mochte ich nicht eingestehen, daß ich es nicht werde; meinen Vater vermied ich, – Sinaïde aber konnte ich nicht vermeiden . . . Mich brannte es wie Feuer, wenn sie zugegen war . . . Wozu aber brauchte ich zu wissen, was für ein Feuer es war, das mich brannte, an welchem ich hinschmolz, – genug, daß es mir wohl that, im Feuer zu verbrennen und hinzuschmelzen. Ich überließ mich allen meinen Eindrücken, und täuschte mich selbst, kehrte allen Erinnerungen den Rücken, verschloß die Augen vor Dem, was ich in der Zukunft voraussah . . . Dieser wunderliche Zustand würde wahrscheinlich nicht von Dauer gewesen sein . . . Ein Wetterschlag machte mit einem Male Allem ein Ende und warf mich in eine neue Bahn.

Als ich eines Tages nach ziemlich langem Spaziergange zum Mittage nach Hause zurückgekehrt war, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, ich werde allein speisen; mein Vater war fortgefahren, meine Mutter war unwohl, wollte nicht essen und hatte sich in ihr Schlafzimmer eingeschlossen. Aus den Gesichtern der Dienerschaft konnte ich errathen, daß Etwas Ungewöhnliches vorgefallen war . . . Sie befragen durfte ich nicht, ich hatte aber einen befreundeten Burschen, den jungen Schenken Philipp, einen leidenschaftlichen Freund von Gedichten und Künstler auf der Guitarre, – an ihn wandte ich mich. Von ihm erfuhr ich, daß zwischen dem Vater und der Mutter eine furchtbare Scene vorgefallen war (im Mädchenzimmer war Alles zu hören gewesen, bis auf das geringste Wort; Vieles war freilich französisch gesprochen worden, – doch Mascha, das Kammermädchen, war fünf Jahre bei einer Näherin aus Paris in der Lehre gewesen, Und hatte Alles verstanden), daß meine Mutter meinem Vater über dessen Untreue und dessen Verhältniß mit dem Fräulein im Nebengebäude Vorwürfe gemacht hatte, mein Vater sich anfangs zu rechtfertigen versucht, dann aufgefahren war und seinerseits ein hartes Wort über das Alter der gnädigen Frau hatte fallen lassen, was meine Mutter zum Weinen gebracht; daß ferner meine Mutter von einem muthmaßlich an die alte Fürstin ausgestellten Wechsel gesprochen, sich über die alte Fürstin und auch über die junge sehr schlecht geäußert, und der Vater ihr dafür gedroht hatte. – Und den ganzen Scandal, fuhr Philipp fort, hat ein anonymer Brief hervorgebracht; wer ihn geschrieben, wisse man nicht: wie hätten sonst auch diese Geschichten an den Tag kommen sollen.

– Ist denn wirklich Etwas dieser Art vorgefallen? fragte ich mit Anstrengung – während mir Hände und Füße erstarrten und ein Etwas ganz tief in meiner Brust erbebte.

Philipp nickte bedeutungsvoll. – Ja wohl. Solche Sachen lassen sich nicht geheim halten; wie vorsichtig auch Ihr Vater dies Mal gewesen ist, – so ist doch zum Beispiel eine Kutsche vonnöthen, wonach man schicken muß, oder sonst noch Etwas . . . ohne die Dienerschaft läßt sich das aber nicht machen.

Ich schickte Philipp fort und warf mich auf mein Bett.

Ich brach nicht in Schluchzen aus, gab mich nicht der Verzweiflung hin; ich fragte mich nicht, wann und wie Alles gekommen wäre, wunderte mich nicht, daß ich nicht schon früher, nicht längst schon Argwohn gehegt hätte, – ich grollte sogar meinem Vater nicht . . . Das, was ich erfahren hatte, überstieg meine Kräfte: diese unerwartete Entdeckung erdrückte mich . . . Es war Alles vorbei Alle meine Blumen waren aus ein Mal herausgerissen worden; zerstreut und zertreten lagen sie um mich her.

XX

Am folgenden Tage erklärte meine Mutter, sie ziehe nach der Stadt. Denselben Morgen begab sich mein Vater zu ihr in’s Schlafzimmer und blieb lange allein bei ihr. Niemand hörte, was sie mit einander gesprochen, meine Mutter weinte jedoch nicht mehr; sie war ruhig geworden und forderte Speise, – zeigte sich aber nicht und änderte auch ihren Entschluß nicht. Den ganzen Tag hatte ich mich, soweit ich mich erinnere, umhergetrieben, war aber nicht in den Garten gegangen und hatte das Nebengebäude nicht ein einziges Mal angesehen. – Abends sollte ich Zeuge eines merkwürdigen Auftrittes werden: mein Vater führte den Grafen Malewsky am Arm aus dem Saale in’s Vorzimmer, und sagte ihm in Gegenwart des Dieners kalt: »Vor einigen Tagen hat man in einem gewissen Hause Ew. Erlaucht die Thür gewiesen; ich will mich zwar in keine Erörterungen mit Ihnen einlassen, habe jedoch die Ehre Ihnen zu erklären, daß wenn Sie sich noch ein Mal zu mir bemühen, ich Sie zum Fenster hinauswerfen werde. Mir gefällt Ihre Handschrift nicht.« Der Graf verneigte sich, biß die Zähne zusammen, krümmte sich und verschwand.

Es begannen nun die Vorbereitungen zur Uebersiedelung nach der Stadt, in die Arbatgasse, wo wir ein Haus besaßen. Wahrscheinlich hatte auch mein Vater keine Lust mehr, länger in dem Landhause zu bleiben; allem Anscheine nach war es ihm gelungen, die Mutter zu überreden, daß sie jedes Aergerniß vermeide. Alles ward still und ohne Hast abgethan; meine Mutter ließ sich sogar der Fürstin empfehlen und ihr Bedauern ausdrücken, daß sie dieselbe, Unpäßlichkeit halber, vor ihrem Abzuge nicht mehr sehen könne. Ich ging wie im Taumel umher und wünschte nur Eines, daß nämlich Alles recht bald abgemacht sei. Ein Gedanke wollte mir nicht aus dem Kopfe: wie konnte sie, ein junges Mädchen, – und noch dazu eine Fürstin sich zu einem solchen Schritte entschließen, da sie doch wußte, daß mein Vater nicht ledig war und es ganz von ihr abhing, wäre es auch nur Belowsorow gewesen, zu heirathen? Worauf hatte sie gehofft? Wie hatte sie denn nicht fürchten müssen, ihren Ruf, ihre ganze Zukunft zu Grunde zu richten? Ja, dachte ich, das ist – Liebe, das ist – Leidenschaft, das ist – Hingebung . . . und es kamen mir oft die Worte Luschins in’s Gedächtniß: für gewisse Leute ist es eine Lust sich für Andere zu opfern.

Zufällig ward ich an einem der Fenster des Nebengebäudes Etwas Weißes gewahr. . . sollte das nicht Sinaïdes Gesicht sein? dachte ich . . . wirklich, es war ihr Gesicht. Ich hielt es nicht länger aus. Ich konnte nicht von ihr scheiden, ohne ihr ein letztes Lebewohl gesagt zu haben. Ich benutzte einen gelegenen Augenblick und begab mich hinüber.

Im Gastzimmer empfing mich die Fürstin in ihrer gewohnten unzarten, nachlässigen Weise.

– Warum brechen denn, mein Lieber, die Ihrigen schon so früh auf? sagte sie, sich dabei in beide Nasenlöcher Tabak stopfend. Ich betrachtete sie und es fiel mir ein Stein vom Herzen. Das Wort: Wechsel, welches Philipp ausgesprochen hatte, beunruhigte mich. Sie hatte keinen Verdacht, wenigstens kam es mir damals so vor. Sinaïde kam aus dem Nebenzimmer, in schwarzem Kleide, bleich, mit aufgelöstem Haar; schweigend nahm sie mich bei der Hand und führte mich mit sich fort.

– Ich hörte Ihre Stimme, begann sie, und kam sogleich herein. Es fiel Ihnen also so leicht, uns zu verlassen, Sie böses Kind?

– Ich bin gekommen Abschied von Ihnen zu nehmen, Fürstin, erwiderte ich, vermuthlich für immer. Sie haben vielleicht gehört, – wir verlassen dieses Haus.

Sinaïde blickte mich scharf an.

– Ja, ich habe es gehört. Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind. Ich fürchtete schon, ich würde Sie nicht mehr sehen. Gedenken Sie meiner nicht im Bösen. Ich habe Sie bisweilen gequält; dennoch aber bin ich nicht die, für welche Sie mich halten.

Sie wandte sich ab und lehnte sich an das Fenster, – Wirklich, ich bin nicht so schlimm. Ich weiß, Sie haben eine schlechte Meinung von mir.

– Ich?

– Ja, Sie . . . Sie.

– Ich? wiederholte ich und das Herz erbebte in mir, wie vormals, unter dem Einflusse eines unabweislichen, unbeschreiblichen Zaubers. – Ich? Glauben Sie mir, Sinaïde Alexandrowna, was Sie auch gethan, wie Sie mich auch gequält haben mögen, ich werde Sie lieben und verehren bis an’s Ende meiner Tage.

Rasch wandte sie sich um zu mir und die Arme weit auseinanderbreitend, umschlang sie meinen Kopf und küßte mich heftig und heiß. Wer kann es wissen, wem dieser lange Abschiedskuß galt, ich aber sog dessen Wonne gierig in mich auf. Ich wußte, er werde sich nie mehr wiederholen.

– Leben Sie wohl, leben Sie wohl, rief ich aus. —

Sie entriß sich mir und verschwand Auch ich entfernte mich. Ich bin nicht im Stande jenes Gefühl zu beschreiben, unter welchem ich schied. Ich wünsche nicht, daß es jemals wiederkehre, würde mich aber für unglücklich halten, wenn ich es nie empfunden hätte.

Wir waren nach der Stadt gezogen. Es verging geraume Zeit, bevor ich mich von dem Vergangenen losmachen und wieder an meine Arbeit gehen konnte. Meine Wunde heilte nur allmählich, gegen meinen Vater fühlte ich jedoch keine böse Regung. Im Gegentheil: er kam mir in meinen Augen gewissermaßen noch größer vor . . . Psychologen mögen diesen Widerspruch, wie sie können, erklären.

Eines Tages begegnete mir, zu meiner unbeschreiblichen Freude, auf dem Boulevard – Luschin. Ich hatte ihn wegen seines geraden und aufrichtigen Charakters lieb, und dann war er mir auch durch Erinnerungen, die er in mir erweckte, theuer. Ich eilte auf ihn zu.

– Aha! sagte er, die Brauen zusammenziehend. – Da sind Sie, junger Mann! Lassen Sie doch sehen. Ihre Gesichtsfarbe ist immer noch fahl, aber in den Augen steckt nicht mehr der frühere Trübsinn. Sie sehen doch jetzt wie ein Mensch, und nicht mehr wie ein Schooßhündchen aus. Das ist gut. Nun, arbeiten Sie auch?

Ich seufzte. Lügen mochte ich nicht, schämte mich aber die Wahrheit zu gestehen.

– Nun, das thut Nichts, fuhr Luschin fort, verlieren Sie nur nicht den Muth. Die Hauptsache ist; ein regelrechtes Leben führen und sich von seinen Neigungen nicht auf Abwege reißen lassen. Wo wäre sonst der Nutzen? Wohin uns der Wogendrang führen mag, – es kommt nichts Gutes heraus; und kommt der Mensch auch auf einen Stein zu stehen, immer muß er sich fest auf den Beinen halten. Da sehen Sie, ich habe mir einen Husten geholt . . . und Belowsorow, – haben Sie davon gehört?«

– Was ist mit ihm? ich weiß Nichts.

– Er ist spurlos verschwunden, man sagt, er soll nach dem Kaukasus gegangen sein. Eine Lehre für Sie, junger Mann! Und Alles das kommt nur davon, daß sie es nicht verstehen, zur rechten Zeit sich zu trennen, das Netz zu zerreißen. Sie scheinen glücklich aus demselben entschlüpft zu sein. Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nicht wieder hineingerathen. Leben Sie wohl!

– Das werde ich auch nicht, dachte ich . . . ich werde sie nicht mehr sehen. Allein es war mir dennoch vorbehalten, ihr noch ein Mal zu begegnen.

XXI

Mein Vater pflegte jeden Tag auszureiten; er hatte ein herrliches, englisches Reitpferd, einen unermüdlichen und wilden, in’s Röthliche spielenden Grauschimmel, mit langem, feinem Halse und langen Beinen. Sein Name war Electric. Außer meinem Vater konnte Niemand das Pferd reiten. Ein Mal kam er, was schon lange nicht bei ihm vorgekommen war, in aufgelegter Stimmung zu mir; er war im Begriff auszureiten und hatte schon die Sporen angelegt. Ich bat ihn, er möge mich mit sich nehmen«

– Wäre es nicht besser, wir spielten Hockebock? meinte mein Vater, wie willst Du mit Deinem Klepper gleichen Schritt mit mir halten!

– Ich kann’s; ich will mir auch Sporen anlegen.

– Nun, meinethalben.

Wir brachen auf. Ich ritt ein kleines, schwarzes, zottiges Pferdchen, das stark auf den Beinen und ziemlich feurig war; freilich mußte es in gestrecktem Galopp laufen, während Electric vollen Trab hielt, blieb aber doch nicht zurück. Niemals ist mir ein Reiter wie mein Vater vorgekommen; er saß so stattlich und ungezwungen leicht im Sattel, daß es das Pferd unter ihm zu fühlen und stolz darauf zu sein schien. Wir waren an allen Boulevards vorübergeritten, auf der Nonnenwiese gewesen, hatten über einige Zäune gesetzt (anfangs fürchtete ich mich, doch mein Vater verachtete hasenherzige Leute, – und ich hörte auf mich zu fürchten), kamen zwei Mal über den Moskwafluß – und ich dachte schon, daß wir nun wohl nach Hause zurückkehren würden, um so mehr, da selbst mein Vater bemerkt hatte, mein Pferd sei ermüdet – als er plötzlich von der Krimmbrücke abbog und längs dem Ufer weiterritt. – Ich folgte ihm. Als wir bei einem hohen Stoße anfgestapelter, alter Balken angekommen waren, sprang er behend von seinem Pferde, hieß auch mich absteigen und sagte, indem er mir die Zügel übergab, ich solle hier, bei den Balken, auf ihn warten; darauf bog er in eine schmale Quergasse ein und verschwand. Ich begann nun längs dem Ufer auf- und abzugehen, indem ich die Pferde an den Zügeln nachzog und Electric schalt, der beständig beim Gehen den Kopf in die Höhe warf, sich schüttelte, schnob und wieherte, und wenn ich stehen blieb, bald mit einem, bald mit dem anderen Hufen den Boden aufriß, oder wiehernd meinen Klepper in den Hals biß, mit einem Worte, sich wie ein verzogener pur sang betrug. Der Vater kehrte nicht zurück. Vom Flusse stieg ein unangenehmer, feuchter Dunst herauf; es fiel ein feiner Regen, der die mir schon äußerst langweilig gewordenen, dummen grauen Balken (an welchen ich beständig vorüberkam), mit feinen, dunklen Tüpfchen bedeckte. Eine trübe Stimmung bemächtigte sich meiner bei dem langen Warten, und der Vater kam noch immer nicht. Ein Polizeiwächter von finnischer Abkunft, gleichfalls grau vom Kopf bis zu den Füßen. mit einem ungeheuren, alten, topfähnlichen Tschako auf dem Kopfe und einer Hellebarde in der Hand, (ich begreife noch heute nicht, was ein Polizeiwärter am Ufer der Moskwa zu suchen hatte), näherte sich mir und sagte, sein verschrumpftes Altweibergesicht mir zuwendend: – Was machen Sie hier mit den Pferden, junger Herr? Geben Sie her, ich will sie halten.

Ich gab ihm keine Antwort; er bat mich um Tabak. Um ihn loszuwerden (ich war ohnehin ungeduldig geworden), that ich einige Schritte in der Richtung, in welcher mein Vater sich entfernt hatte; dann ging ich bis ans Ende des Gäßchens, bog um eine Ecke und blieb stehen. In der Quergasse, etwa vierzig Schritte vor mir, stand mein Vater, den Rücken mir zugekehrt, vor dem offenen Fenster eines hölzernen Häuschens; er stützte sich mit der Brust auf das Fensterbrett, im Häuschen aber, zur Hälfte durch einen Vorhang verdeckt, saß eine Frauengestalt in dunklem Kleide und unterhielt sich mit meinem Vater; es war Sinaïde.

Ich war wie versteinert. Das hatte ich, offen gestanden, nicht erwartet. Mein erster Gedanke war zu fliehen. »Der Vater kann sich umsehen, dachte, ich, dann bin ich verloren, . . .« doch ein eigenes Gefühl, mächtiger als Neugier, mächtiger selbst als Eifersucht und als Furcht, – bannte mich an den Boden. Ich strengte mein Gesicht, mein Gehör an. Mir däuchte, mein Vater bestände auf Etwas und Sinaïde schlüge es ihm ab. Noch jetzt sehe ich ihr Gesicht vor mir; – dieses traurige, ernste, schöne Gesicht, mit dem nicht zu beschreibenden Ausdruck von Ergebung, Gram, Liebe und einer gewissen herben Resignation, – anders wüßte ich es nicht zu benennen. Es kamen nur einsilbige Reden über ihre Lippen, sie hob nicht die Augen empor und lächelte nur – ergeben und doch eigenwillig. An diesem Lächeln erkannte ich meine frühere Sinaïde wieder. Der Vater zuckte die Achseln und drückte den Hut aus dem Kopfe zurecht, – was bei ihm jedesmal ein Zeichen von Ungeduld war . . . Darauf glaubte ich die Worte zu vernehmen: vous devez vous séparer de cette . . . Sinaïde richtete sich auf und streckte den Arm vor . . . Da ward ich plötzlich Zeuge eines unerhörten Vorfalles: mein Vater erhob auf einmal die Reitgerte, mit welcher er den Staub von den Schößen seines Rockes abgeklopft hatte, – es fiel ein lauter, scharfer Schlag auf diesen, bis an den Ellenbogen entblößten Arm. Ich konnte kaum einen Schrei unterdrücken, Sinaïde schrak zusammen, heftete schweigend einen Blick auf meinen Vater und den Arm an ihre Lippen führend, küßte sie die roth angelaufene Schramme auf demselben. Mein Vater schleuderte die Reitgerte weit fort und stürzte, die Stufen des Aufganges hinauf, in’s Haus . . . Sinaïde wandte sich um, – streckte, den Kopf zurückgeworfen, die Arme aus und verschwand vom Fenster.

Halbtodt vor Schrecken, mit einem gewissen, angstvollen Druck auf der Seele, flüchtete ich zurück, lief das Gäßchen wieder hinauf, wobei ich den Electric beinahe hätte entwischen lassen, bevor ich das Ufer des Flusses wieder erreichte. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zwar wußte ich, daß mein Vater, der kalte und zurückhaltende Mann, zuweilen Wuthanfällen unterworfen war, – aber dennoch konnte ich nicht begreifen, was ich dort gesehen hatte . . . Die Ueberzeugung war mir jedoch geblieben, daß ich zeitlebens jene Geberde, jenen Blick, jenes Lächeln Sinaïdes nicht zu vergessen im Stande sein würde, daß dieses Bild, dieses neue, unerwartet vor mir entstandene Bild, auf ewig meinem Gedächtnisse eingeprägt bleiben werde. Gedankenlos stierte ich in den Fluß und bemerkte nicht, daß ich Thränen vergoß. Er schlägt . . . schlägt . . . schlägt sie . . . dachte ich . . .

– Nun, was machst Du da? – führe mein Pferd her! ließ sich hinter mir die Stimme meines Vaters hören.

Mechanisch reichte ich ihm die Zügel. Er schwang sich auf sein Thier . . . das, vor Kälte zitternd, sich bäumte und einen mehr als Klafterlangen Satz nach vorn machte . . . mein Vater zügelte es jedoch augenblicklich; er drückte ihm die Sporen in die Weichen und gab ihm einen Schlag mit der Faust auf den Hals . . . Daß mir die Reitgerte fehlt! brummte er vor sich hin.

Mir fiel das Schwirren und der Schlag dieser Reitgerte ein und ich schrak zusammen.

– Wo hast Du denn dieselbe gelassen? fragte ich meinen Vater nach einer Weile.

Er gab mir keine Antwort und trabte davon Ich holte ihn ein. Mich verlangte sein Gesicht zu sehen.

– Ist Dir die Zeit in meiner Abwesenheit nicht lang geworden? fragte er mich durch die Zähne.

– Ein wenig. Wo hast Du aber Deine Reitgerte verloren? fragte ich ihn noch ein Mal.

Mein Vater warf einen hastigen Blick auf mich. – Ich habe sie nicht verloren, sagte er, ich habe sie fortgeworfen. – Er wurde nachdenklich und senkte den Kopf . . . und da wurde ich zum ersten und vermuthlich wohl auch zum letzten Male gewahr, welches zärtlichen und tiefgerührten Ausdruckes seine sonst so strengen Züge fähig waren.

Wieder trabte er davon und ich vermochte nicht mehr ihn einzuholen; ich langte eine Viertelstunde nach ihm zu Hause an.

»Ja, das ist Liebe,« sagte ich von Neuem zu mir, als ich Nachts vor meinem Schreibtische saß, auf welchem »Hefte und Bücher bereits wieder Platz gefunden hatten, »das ist Leidenschaft! . . . Wie ist es möglich, sich nicht zu empören, wenn uns, von wessen Hand es auch sei, ja selbst von der des geliebten Wesens, ein Schlag zu Theil wird! Und doch scheint es möglich zu sein, wenn man liebt . . . Und ich. . . ich hatte mir eingebildet . . .«

Der letzte Monat hatte mich reifer gemacht – und meine Liebe mit allen ihren Aufregungen und Leiden, kam mir selbst wie etwas Nichtiges, Kindisches und Erbärmliches vor, im Vergleiche zu jenem geheimnißvollen Etwas, von welchem ich kaum eine Ahnung hatte und das mir Furcht einflößte, wie ein unbekanntes, schönes, aber drohendes Gesicht, das man vergebens bemüht ist, im Halbdunkel zu unterscheiden . . .

Ich hatte in der darauffolgenden Nacht einen sonder- baren und schrecklichen Traum. Mir träumte, ich sei in ein niedriges, finsteres Gemach getreten . . . darin steht mein Vater mit einer Reitgerte in der Hand und stampft mit den Füßen; in einem Winkel kauert Sinaïde und trägt, nicht am Arme, sondern auf der Stirn, einen rothen Streif . . . Hinter Beiden erhebt sich, ganz von Blut befleckt, Belowsorow, er thut die bleichen Lippen auf und droht zornig meinem Vater. —

Zwei Monate darauf bezog ich die Universität und ein halbes Jahr später starb mein Vater, vom Schlage gerührt, in Petersburg, wohin er kurz vorher mit meiner Mutter und mir übergesiedelt war. Einige Tage vor seinem Tode hatte er aus Moskau einen Brief bekommen, der ihn ungewöhnlich aufgeregt hatte . . . Er war zu meiner Mutter gegangen, hatte sie um Etwas gebeten und soll sogar Thränen vergossen haben, er, mein Vater! An demselben Morgen, an welchem ihn der Schlag rührte, hatte er einen Brief an mich in französischer Sprache angefangen: »Mein Sohn, schrieb er, traue nicht der Liebe eines Weibes, traue nicht diesem Glücke, diesem Gifte« . . . Nach seinem Tode schickte meine Mutter eine ziemlich bei deutende Summe Geldes nach Moskau.

XXII

Vier Jahre waren verflossen. Ich hatte soeben die Universität verlassen, und wußte eigentlich noch nicht recht, was ich mit mir vornehmen, an welche Thür ich klopfen sollte; einstweilen trieb ich mich müßig umher. An einem schönen Abende traf ich im Theater Maidanow. Er hatte inzwischen geheirathet und war in den Staatsdienst getreten: ich fand ihn ganz unverändert. Er war noch immer, wie ehemals, Anfällen unzeitigen Entzückens, wie auch plötzlicher Muthlosigkeit unterworfen.

– Sie wissen doch, sagte er mir unter Anderem, daß Frau von Dolsky hier ist?

– Wer ist Frau von Dolsky?

– Haben Sie sie denn vergessen! die frühere junge Fürstin Sassekin, in welche wir Alle, und auch Sie, verliebt waren. Erinnern Sie sich doch, es war auf dem Landhause, dem Neskuschni gegenüber.

– Sie hat einen Herrn von Dolsky geheirathet?

– Nun ja.

– Und sie ist hier im Theater?

– Nein, aber in Petersburg. Sie ist vor Kurzem hier angekommen und im Begriff, eine Reise ins Ausland einzutreten.

– Was für ein Mensch ist ihr Mann? fragte ich.

– Ein braver Kerl, mit Vermögen. Er war in Moskau mein Amtsgenosse. Sie begreifen, – nach jener Geschichte, . . . nun, die muß Ihnen ja recht gut bekannt sein, . . . (Maidanow lächelte bedeutungsvoll) war es für sie nicht leicht eine Partie zu machen; die Sache hatte nämlich Folgen gehabt, . . . doch mit ihrem Verstande war Alles möglich. Besuchen Sie sie: es wird sie sehr freuen, Sie zu sehen. Sie ist noch schöner geworden.

Maidanow gab mir Sinaïdes Adresse. Sie war im Hotel Demuth abgestiegen. Alte Erinnerungen wurden in mir wach, . . . ich gab mir das Wort, am folgenden Tage meiner früheren »Liebe« einen Besuch abzustatten. Es kamen aber Geschäfte dazwischen: eine Woche verging, eine zweite, und als ich mich endlich in jenes Hotel begab und nach Frau von Dolsky fragte, – erfuhr ich, sie sei vor vier Tagen plötzlich im Wochenbette gestorben. Es war wie ein Stich, der mir durchs Herz fuhr. Der Gedanke, daß ich sie hätte wiedersehen können, sie nicht wiedergesehen habe und nie wiedersehen werde, – dieser schmerzliche Gedanke bohrte sich in meine Seele mit der ganzen Gewalt eines Vorwurfes Gestorben! wiederholte ich, mit stumpfem Blicke auf den Portier, wandte mich still zur Thür und ging die Gasse entlang, ohne selbst zu wissen wohin Die ganze Vergangenheit war plötzlich wieder vor mir aufgetaucht und neuerstanden. Und das also war das Ende, das war das Ziel, welchem, in seiner ungestümen Hast, dieses junge, glühende, glänzende Leben entgegenstrebte! Das also! Ich stellte mir ihre theuren Züge, ihre Augen, ihre Locken vor, die nun im engen Kasten lagen, im feuchten Grabesdunkel, dort, nicht weit von mir, der ich noch am Leben war, und vielleicht nur einige Schritte von meinem Vater entfernt . . . Dies Alles dachte ich, strengte meine Einbildungskraft an, es mir zu vergegenwärtigen, und:

 
»Von theilnahmlosen Lippen kam die Todesstunde mir
»Und theilnahmlos hört’ ich dieselbe an«
 

tönte es in meiner Seele wieder. O Jugend, Jugend! du machst Dir aus Allem Nichts! Es ist, als wären alle Schätze der Welt, Alles Dein, aus Kummer selbst erblüht für Dich Freude, Traurigkeit steht Dir, der selbstvertrauenden, kühnen, sogar gut und Du sprichst: in mir allein ist Leben, – sehet her! Und dennoch fliehen und schwinden auch Deine Tage dahin, spurlos und ungezählt, und Alles in Dir vergeht, wie Wachs an der Sonne, wie Schnee . . . Und vielleicht liegt das ganze Geheimniß Deines Zaubers, nicht in der Möglichkeit Alles zu vollbringen, – sondern in dem Wahne, Du könntest Alles vollbringen; es liegt darin, daß Du glaubst Kräfte in den Wind zu streuen, die Du ohnehin zu nichts Anderem verwendet hättest, – darin, daß Jeder von uns, alles Ernstes, sich als einen Verschwender hält, alles Ernstes glaubt, er habe das Recht zu sagen: O, was würde ich nicht Alles gethan haben, wenn ich nicht unnützerweise meine Zeit verloren hätte!

So auch ich . . . wie groß waren meine Hoffnungen, meine Erwartungen gewesen, welch’ reiche Zukunft sah ich nicht vor mir und es standen mir kaum ein Seufzer, kaum ein Gefühl von Wehmuth zu Gebote, die ich dem für einen Augenblick vor mir erstandenen Schatten meiner ersten Liebe hätte widmen können!

Und was ist von alle Dem, worauf ich damals meine Hoffnung gebaut hatte, in Erfüllung gegangen? Und doch – selbst jetzt noch, da bereits abendliche Schatten über mein Leben heranzuziehen beginnen, was giebt es für mich Erfrischenderes, Theueres, als die Erinnerung an jenes rasch vorübergezogene, morgendliche Frühlingsgewitter in meinem Herzen?

Aber, ich thue mir Unrecht. Selbst damals, in jener leichtlebigen Jugendzeit, blieb ich nicht taub für die traurige Stimme, die zu mir rief, für den feierlichen Laut, der von jenseits des Grabes zu mir herüberhallte. Einige Tage, nachdem ich den Tod Sinaïdes erfahren hatte, wohnte ich selbst, von freiwilligem, unwiderstehlichem Drange getrieben, dem Hinscheiden einer armen, alten Frau bei, die in demselben Hause mit mir lebte. Von Lumpen bedeckt, auf hartem Bretterlager, mit einem Sacke unter dem Kopfe, verschied sie in Schmerzen und Pein. Ihr ganzes Leben war in stetem Kampfe gegen die tägliche Nothdurft verflossen; keine Freuden hatte sie gekannt, vom Honigseime des Glückes nicht gekostet, – wie hätte sie sich nicht, müßte man denken, auf den Tod, die Erlösung durch ihn und die Ruhe, die er in Aussicht stellte, freuen sollen? Und dennoch, solange die alten Glieder noch widerstanden, solange noch die Brust qualvoll unter der auf ihr lastenden eisigen Hand sich hob, solange noch die letzten Kräfte sie nicht verlassen hatten, – hörte die Alte nicht auf sich zu bekreuzigen und zu stammeln: Herr, vergieb mir meine Sünden! – und erst mit dem letzten Funken des Bewußtseins verschwand aus ihren Augen der Ausdruck von Scheu und Furcht vor dem Tode. Und dort, am Sterbelager der armen Alten, erinnere ich mich, wurde mir bange um Sinaïde und ich empfand das Bedürfniß, zu beten für sie, für meinen Vater und – für mich.

*
*                   *

Als die Geschichte beendet war, senkte Wladimir Petrowitsch den Kopf, wie in Erwartung, wer wohl zuerst das Wort ergreifen werde. Aber weder Sergei Nikolajewitsch noch der Herr vom Hause unterbrachen das Schweigen. Wladimir selbst erhob nicht den Blick von seinem Hefte.

– Es will mich bedünken, meine Herren, sagte er endlich mit erzwungenem Lächeln, daß meine Beichte, Ihnen nicht sonderlich gefallen hat.

– Das nicht, erwiderte Sergei Nikolajewitsch aber . . .

– Nun? Aber . . .

– Ich meine, daß wir in einer eigenthümlichen Zeit leben und daß wir selbst eigenthümliche Menschen sind.

– In wie fern?

– Ja wir sind eigenthümliche Menschen, wiederholte Sergei Nikolajewitsch. – Nicht wahr, Sie haben zu dem, was Sie Ihre Beichte nennen, Nichts hinzugedichtet?

– Nichts!

– Hm! – Uebrigens das merkt man. Nun! – mir will es scheinen, daß nur in Rußland . . .

– Solch eine Geschichte möglich ist? unterbrach ihn Wladimir; ich bitte Sie!

– Sie haben mich nicht ausreden lassen. Ich wollte sagen, daß eine solche Erzählung nur in Rußland möglich ist.

Wladimir schwieg einen Augenblick. – Welches ist Ihre Meinung? fragte er dann, sich an den Hausherrn wendend.

– Ich theile ganz die Ansicht von Sergei Nikolajewitsch, entgegnete dieser; aber erschrecken Sie darüber nicht. Wir wollen damit nicht sagen, daß Sie deshalb ein Vorwurf trifft, im Gegentheil. Wir wollen damit nur ausgesprochen haben, daß die socialen Zustände, unter welchen wir Alle groß geworden sind, sich bei uns in ganz besonderer Weise gebildet und entwickelt haben, wie das weder früher je gewesen ist, noch auch voraussichtlich künftig je wieder sein wird. – Ihre einfache und ungeküustelte Erzählung hat uns mit einer Art von Schauder erfüllt. – Nicht daß sie uns als unsittlich verletzt hätte: sie enthüllt etwas viel Dunkleres als bloße Unsittlichkeit. Sie persönlich sind von jedem Vorwurf frei, denn Sie haben kein Unrecht begangen. Aber, jede Zeile Ihrer Erzählung durchweht, – ich weiß nicht welche – allgemeine Schuld, die Schuld eines ganzen Volkes, welche ich fast ein Nationalverbrecheu nennen möchte.

– O! welch’ großes Wort für eine kleine Sache! warf Wladimir ein.

– Der Fall ist klein, die Sache aber ist es durchaus nicht.

Es giebt, ich wiederhole es, und Sie selbst fühlen das – es giebt bei uns ein Etwas, das unwillkürlich an die Worte des Marcellus im Hamlet erinnert:

 
»Etwas ist faul im Staate Dänemark.«
 

– Hoffen wir jedenfalls, daß unsere Kinder andere Geschichten aus ihrer Jugend zu erzählen haben werden und daß sie sie anders erzählen werden.

1.Früherer Sammelnlatz aller »Straßenadvokaten« in Moskau, die auf vorübergehende arme Bittsteller lauerten.
2.Aus Mme. Cottin’s Romane.
3.Siehe Puschkin’s »Zigeuner.«

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
10 aralık 2019
Hacim:
100 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain

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