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Kitabı oku: «Die letzte Nacht Traupmanns»

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I

Im Monat Januar d.J. (1870), als ich in Paris und bei einem lieben Freunde zu Tisch war, erhielt ich von Herrn Ducamp, dem bekannten Schriftsteller und Specialisten in der Statistik von Paris, die ganz unerwartete Einladung, der Hinrichtung Traupmann’s beizuwohnen – und nicht allein der Hinrichtung: man reihte mich der kleinen Zahl von privilegirten Personen ein, welchen der Zutritt zu dem Gefängniß selbst gestattet wurde. Auch heute noch ist das furchtbare Verbrechen, welches Traupmann begangen hat, nicht vergessen; aber damals beschäftigte sich Paris mit diesem Mörder und mit der ihm bevorstehenden Hinrichtung desselben ebenso sehr – wenn nicht noch mehr – als mit der neulichen Ernennung des pseudo-parlamentarischen Ministeriums Ollivier – oder mit der Ermordung Viktor Noir’s, der von der Hand des später so erstaunlicher Weise freigesprochenen Prinzen Peter Bonaparte fiel. An allen Fenstern der Photographen, der Buchhandlungen sah man ganze Reihen von Photographien, welche einen jungen Menschen mit großer Stirn, dunklen Augen, aufgedunsenen Lippen – den berühmten Mörder den Pantin darstellten, und schon einige Abende hintereinander versammelten sich Tausende von Blousenmännern in den Umgebungen des Gefängnisses von La Roquette in der Erwartung, daß sich endlich die Guillotine erheben würde und zerstreuten sich erst nach Mitternacht. Der Vorschlag des Herrn Ducamp war mir ganz unversehens gekommen; ich willigte, ohne lange zu überlegen, ein; als ich aber das Wort gegeben hatte, um elf Uhr Abends auf der Stelle des mir bezeichneten Rendezvous – bei der Statue des Prinzen Eugen auf dem Boulevard gleichen Namens – zu sein, wollte ich es nicht wieder zurücknehmen. Eine falsche Scham hielt mich ab . . . Würde man nicht denken, daß ich feige sei? – Zur Strafe für mich selbst und zur Belehrung für Andere, will ich jetzt Alles, was ich gesehen habe, erzählen, will ich alle schweren Eindrücke dieser Nacht in der Erinnerung wiederholen. Vielleicht wird nicht allein die Neugierde des Lesers befriedigt sein, vielleicht wird er auch einigen Nutzen aus meiner Erzählung ziehen.

II

An der Statue des Prinzen Eugen erwartete uns und Ducamp schon ein kleines Häuschen Personen. Unter ihnen befand sich jener C***, der bekannte Chef der Sicherheitspolizei, welchem Ducamp mich vorstellte. Die Uebrigen waren, wie ich, bevorzugte Besucher, Journalisten, Chroniqueurs 2c. Ducamp bemerkte mir voraus, daß wir wahrscheinlich die Nacht ohne Schlaf in der Wohnung des Commandanten, des Directors des Gefängnisses, würden zubringen müssen. Die Hinrichtung des Verurtheilten wird im Winter um 7 Uhr früh vollstreckt; aber man muß per Mitternacht auf dem Platze sein – weil man sonst nicht durch die Menge hindurchkommt. Von der Statue des Prinzen Eugen bis zu dem Gefängniß von La Roquette ist nicht weiter als eine Viertelstunde, aber bis jetzt wenigstens sah ich noch nichts Außerordentliches. Auf dem Boulevard war wenig mehr Volk als gewöhnlich. Nur Eins war zu bemerken: fast alle Leute gingen – bei Einigem besonders bei den Frauen, war es sogar ein kleiner Trab – in einer und derselben Richtung; dabei hatten alle Café’s und Weinschänken hell erleuchtet, was in den abgelegenen Stadttheilen von Paris, besonders zu so später Zeit, selten ist. Die Nacht war nicht neblicht, aber trübe, naß ohne Regen, kalt ohne Frost – eine richtige französische Januarnacht Herr C*** erklärte, daß es Zeit zum Gehen sei und wir brachen auf. Er bewahrte die ganze ruhige Ungezwungenheit des erfahrenen Mannes, in welchem dergleichen Vorgänge keine anderen Empfindungen hervorrufen, als etwa sich möglichst bald der verdrießlichen Pflicht zu entledigen Herr C*** ist ein Mann von fünfzig Jahren, mittlern Wuchses, gedrungen, breitschulterig, mit rundem, kurz geschorenen Kopf, mit kleinen, fast miniaturhaften Gesichtszügen. Nur die Stirn, das Kinn und der Nacken sind bei ihm bemerkenswerth breit, und unerschütterliche Energie spricht sich in seiner trockenen und gleichmäßigen Stimme, in seinen blassen grauen Augen, in den kurzen starken Fingern, in seinen muskulösen Beinen, in allen seinen nicht übereiltem aber festen Bewegungen aus. Man sagt, er sei ein Meister seines Fuchs, ein Kenner – und flöße den Herren Spitzbuben und Mördern großen Schrecken ein. Die politischen Verbrechen gehören nicht in sein Departement Sein Gehilfe, Herr J. . . . ., der gleichfalls von Ducamp sehr gelobt wird, hat das Ansehen eines weichen, fast sentimentalen Mannes und verfeinerter Manieren. Mit Ausnahme dieser beiden Herren und vielleicht Ducamp’s selbst, war es uns Allen – oder schien es mir nur so? – etwas unbehaglich und wie reumüthig – obgleich wir munter, wie zur Jagd, einer hinter dem andern herschritten.

Je mehr wir uns dem Gefängniß näherten, um so lebendiger wurde es um uns, obgleich es noch kein eigentliches Gedränge war. Man hörte weder Schreien, noch zu laute Gespräche; es war ersichtlich, daß die »Vorstellung« noch nicht angefangen hatte. Nur die Straßenjungen trieben sich schon herum; die Hände in den Hosentaschen, das Mützenschild bis auf die Nase gedrückt, schlenderten sie in jenem besonderen schlotterigen und schlenkrigen Gange, den man eben nur in Paris sehen kann und der in einem Augenblinzeln sich in den raschesten Lauf und in Sprünge eines Affen verwandelt.

»Das ist er . . . Das ist er . . . Der ist es!« ertönten einige Stimmen in unserer Nähe.

»Wissen Sie was?« sagte plötzlich Ducamp zu mir, »man hält Sie für den hiesigen Henker.«

»Ein hübscher Anfang,« dachte ich bei mir. – Der pariser Henker – Monsieur de Paris – mit dem ich in derselben Nacht bekannt wurde, ist auch grau und von derselben Figur wie ich.

Jetzt aber zeigte sich ein langer, nicht sehr breiter Raum, von beiden Seiten mit zwei kasernenähnlichen Gebäuden von schmutzigem Aussehen und trivialer Construction besetzt: das ist der Platz von La Roquette. Zur Linken ist das Gefängniß, in welchem die jugendlichen Verbrecher verwahrt werden, zur Rechten das Depot der Verurtheilten oder das Gefängniß von La Roquette.

III

Diesen Platz durchschnitten der Quere in vier Glieder aufgestellte Soldaten, eben solche vier Glieder standen entfernter – etwa zweihundert Schritt von den ersten. Gewöhnlich sind keine Soldaten anwesend, aber diesmal hielt es die Regierung wegen der »Reputation« Traupmann’s und wegen der großen Aufregung, welche die Ermordung Noir’s hervorgebracht hatte, für nothwendig, sich nicht allein auf die Polizei zu beschränken, sondern außerordentliche Maßregeln zu Hilfe zu nehmen. Das Hauptthor des Gefängnisses von La Roquette mündet gerade auf die Mitte des leeren Raum, der von den Soldaten freigelassen war. Einige Polizeisergeanten gingen langsam vor dem Thore auf und ab; ein junger, sehr dicker Officier, in einem ungewöhnlich reichgestickten Käppi (wie es sich zeigte, der Chef des Stadtviertels, so etwas wie ein Polizeiinspector) stürzte auf unsere Gruppe mit einem Ungestüm los, das mich lebhaft an die Heimat und an gewesene Zeiten erinnerte; als er aber »die Seinigen« erkannte, so beruhigte er sich. Mit großer Vorsicht und kaum die Thür öffnend, ließ man uns in die kleine Wachtstube neben dem Thor und nach vorläufiger Inspection und Examination führte man uns durch zwei innere Höfe, einen größeren und einen kleineren, in die Wohnung des Commandanten. Dieser Commandant, ein starker, großer Mann mit grauem Schnurr- und Knebelbart, mit dem typischen Gesicht eines französischen Infanterieofficiers – der Adlernase, den unbeweglichen Augen und von sehr kleinem Schädel – nahm uns liebenswürdig und herzlich auf; aber sogar gegen seinen Willen ließ sich bei jeder seiner Bewegungen, bei jedem seiner Worte nicht verkennen, daß er war, was die Franzosen einen gaillard solide nennen: ein blind ergebener Diener, der ohne Zaudern jeden Befehl seines Herrn, möchte es sein, was es will, ausführt. Uebrigens hatte er seinen Eifer schon durch die That bewiesen: in der Nacht des Staatsstreiches vom 2. December hatte er mit seinem Bataillon die Druckerei des Moniteur besetzt. Als wahrer Gentleman stellte er uns seine ganze Wohnung zur Verfügung. Sie befand sich in dem zweiten Stock des Hauptgebäudes und bestand aus vier ordentlich möblirten Zimmern; in zweien von ihnen brannte Feuer im Kamin. Ein kleines Windspiel mit einer ausgerenkten Pfote und einem traurigen Ausdruck der Augen, wie wenn es fühlte, daß auch es ein Gefangener sei, hinkte, mit dem Schweife wedelnd, von einem Teppich zum andern. Wir – ich meine die Besucher – waren unserer Acht, einige Gesichter waren mir aus Photographien bekannt (Sardou, Albert Wolf); aber ich wünschte mit Keinem eine Unterhaltung anzufangen. Wir nahmen Alle im Saale auf den Stühlen Platz (Ducamp war mit Herrn C*** hinausgegangen). Es versteht sich von selbst, daß Traupmann der Gegenstand der Gespräche und gewissermaßen der einzige Mittelpunkt aller Gedanken war. Der Commandant theilte uns mit, daß er seit neun Uhr schlief und einen festen Schlaf schläft; daß er, wie es scheint, den Ausgang seines Gnadengesuchs vermuthet, daß er ihn, den Commandanten, gebeten hat, ihm die Wahrheit zu sagen; daß er immer noch hartnäckig dabei stehen bleibe, Mitschuldige zu haben, die er jedoch nicht nennen will – daß er wahrscheinlich in dem entscheidenden Augenblick feige sein wird – daß er übrigens mit Appetit ißt – aber Bücher nicht liest – 2c. 2c. Ihrerseits sprachen Einige von uns darüber, ob man den Worten eines Verbrecher’s Glauben schenken könne, der sich als ein so eingefleischter Lügner gezeigt habe; man wiederholte die Einzelheiten des Mordes, fragte sich, welcher Meinung die Phrenologen über dem Schädel Traupmann’s sein würden, stellte die Frage der Todesstrafe auf . . . aber Alles war so fade, so abgeschmackt, bewegte sich so in Gemeinplätzen, daß die Redenden selbst keine Lust hatten, fortzufahren. Ueber etwas Anderes zu sprechen, war ungeschickt, unmöglich aus Respect gegen den Tod, gegen den Menschen, der ihm verfallen war. Unser Alter bemächtigte sich eine ermüdende und langsame, im engsten Sinne des Wortes langsame Unruhe; Langeweile war es nicht, Niemand langweilte sich, aber diese peinigende Empfindung war hundert Mal schlimmer als Langeweile. Es schien im Voraus, als ob diese Nacht kein Ende hätte! – Was mich persönlich betrifft, so fühlte ich Eins: und zwar Das, daß ich kein Recht hatte da zu sein, wo ich war; daß keinerlei psychologischen und philosophischen Erwägungen mich entschuldigten. Herr C*** kam zurück und erzählte uns, wie der bekannte Jud ihm aus den Händen entschlüpft sei – und wie er die Hoffnung nicht aufgebe, ihn, wenn er noch am Leben sei, zu erwischen. Aber plötzlich ertönte ein schweres Geräusch von Rädern und in wenig Augenblicken kam man, um uns zu sagen, daß die Guillotine angekommen sei. Wir stürzten Alle auf die Straße – gerade als ob wir uns freuten!

IV

Vor dem Thore selbst stand ein massiver, bedeckter Lastwagen, mit drei Pferden im Zug bespannt; ein zweiter, zweirädrigen kleiner und niedriger Lastwagen, der das Aussehen eines länglichen Kastens hatte und nur mit einem Pferde bespannt war, hielt etwas seitwärts. (Dieser Wagen war, wie wir später erfuhren, dazu bestimmt, unmittelbar nach der Hinrichtung den Leichnam aufzunehmen und nach dem Kirchhof zu bringen) Einige Arbeiter in kurzen Blousen waren neben den Lastwagen zu sehen und ein großer Mann in rundem Hute, weißem Halstuch, in einem leichten, auf die Schulter geworfenen Paletot, ertheilte halblaut Befehle . . . Es war der Henker. Alle Autoritäten, der Commandant, Herr C***, der Polizeichef des Viertels 2c., umgaben und begrüßten ihn schon. – »Ah! Monsieur Fedric! Bon soir! Monsieur Fedrici!« hörte man rufen. (Sein wirklicher Name ist Heidenreich; er ist ein Elsasser.) Auch unsere Gruppe ging zu ihm; er wurde ihr Centrum. In dem Verkehr mit ihm zeigte sich eine gewisse, forcirte, respektvolle Familiarität. Wir – so zu sagen – ekeln uns nicht vor Ihnen, Sie aber sind immer doch – eine wichtige Person. Einige von uns drückten ihm sogar, wahrscheinlich des Chics halber – die Hand. (Er hat schöne, auffallend weiße Hände.) Der Vers aus Puschkin’s Poltawa fiel mir ein:

 
Der Henker
Mit weißen Händen spielend.
 

Monsieur Fedrici selbst verhielt sich nur sehr einfach, weich und höflich, nicht ohne eine gewisse patriarchalische Wichtigkeit. Es schien, er fühlte es, daß er in dieser Nacht – in unseren Augen die zweite Person nach Traupmann und gewissermaßen sein erster Minister war. Die Arbeiter deckten den Wagen ab und machten sich daran, aus ihm die einzelnen Bestandtheile der Guillotine herauszunehmen, welche sie eben dort, fünfzehn Schritte vom Thore, aufrichten sollten.1 Zwei Laternen bewegten sich dicht an der Erde hin und her und beleuchteten mit hellen kleinen Kreisen die behauenen Steine des Pflasters. Ich sah nach der Uhr . . . Es war erst halb Eins! Die Luft war noch trüber und kälter geworden. Es hatte sich schon ziemlich viel Volk versammelt – und hinter den Reihen der Soldaten, welche den leeren Raum vor dem Gefängniß umgaben, begann ein langer, wirrer Lärm von Menschen sich zu erheben. Ich ging an die Soldaten heran: sie standen unbeweglich, nur waren die Reihen nicht mehr ganz so regelmäßig, als im Anfang. Ihre Gesichter drückten nichts aus, als Langeweile, kalte und geduldig-ergebene Langeweile; aber auch die Gesichter, welche man hinter den Tschakos und den Uniformen der Soldaten, hinter den Dreispitzen und den Ueberröcken der Polizeisergeanten sah, drückten beinahe dasselbe nur mit Beimischung eines gewissen unbestimmten Lächelns aus. Von Weitem, aus dem Haufen, welcher sich mit Macht bewegte und andrängte, ertönten Rufe, wie Ohé Traupmann! Ohé Lambert! Fallait-pas qu’y aille! Schreien, lautes Pfeifen, endlich vernahm man plötzlich einen Streit mit Schimpfworten um einen Platz, dazwischen schlängelte sich das Bruchstück eines cynischen Liebchens, plötzlich erhob sich ein scharfes Lachen, welches sogleich von Anderen aufgegriffen wurde und in einem breiten Gewieher. Die »wirkliche Sache« hatte noch nicht angefangen. Man hörte weder die vor Allem erwarteten antidynastischen Rufe, noch die so bekannten drohenden Strophen der Marseillaise. Ich kehrte in die Nähe der allmälig wachsenden Guillotine zurück. Ein Herr mit krausem Haar und dunklem Gesicht, mit einem weichen, grauen Hute, wahrscheinlich ein Advocat, stand daneben und redete, indem er mit dem vorgestreckten Zeigefinger der rechten Hand von unten nach oben stark und einförmig stieß und vor Anstrengung sogar die Kniee beugte. Er hatte es unternommen, zwei oder drei neben ihm stehenden Herren, welche die Paletots bis oben hinauf zugeknöpft hatten: zu beweisen, daß Traupmann kein Mörder, sondern ein Wahnsinniger war: »Un maniaque! Je vais vous la prover. Suivez mon raisonnement!« wiederholte er. »Son mobile n’était pas l’assassinat, mais un orgueil, que ja ne nominerais volontiers démesure! Suivez mon raisonnement!« Die Herren im Paletot »folgten seinem Raisonnement«, aber nach ihren Physiognomien zu urtheilen, überzeugte er sie schwerlich und ein Arbeiter, welcher auf dem Trittbret der Guillotine saß, sah sogar mit offenbarer Verachtung auf ihn. Ich kehrte in die Wohnung des Commandanten zurück.

V

Einige unserer Gefährten waren dort schon versammelt. Der liebenswürdige Commandant bewirthete sie mit Glühwein. Es begannen wieder die Gespräche darüber, ob Traupmann noch immer schläft, und was er empfinden muß und ob der Lärm der Menge trotz der Entfernung seiner Zelle von der Straße zu ihm dringt und so weiter. Der Commandant zeigte uns einen ganzen Haufen an Traupmann adressirter Briefe, die derselbe, nach der Versicherung des Commandanten, nicht hatte lesen mögen. Der größte Theil derselben waren schlechte Scherze, Mystificationen, doch gab es auch ernsthafte darunter, in denen man ihn beschwor, zu bereuen und Alles zu gestehen; ein methodistischer Geistlicher schickte sogar eine theologische Abhandlung von zwanzig Seiten; es gab auch Billets von Damen: in einigen derselben befanden sich sogar Blumen – Gänseblümchen, Immortellen. Der Commandant sagte uns, daß Traupmann versucht habe, sich von dem Gefängnißapotheker Gift zu verschaffen und darüber an ihn einen Brief geschrieben hatte, den dieser, wie es sich versteht, sogleich an die rechte Adresse abgeliefert. Nur schien es, daß unser verehrter Wirth sich nicht recht erklären konnte, aus welchem Grunde wir an einem, nach seinem Begriffe, so bösen und häßlichen Vieh, wie Traupmann, Theil nahmen und schrieb unsere Neugierde wohl dem Müßiggange vornehmer Leute und Civilisten zu.

Nachdem wir uns etwas unterhalten hatten, fingen wir an herumzukriechen, der Eine hierhin, der Andere dorthin. Während dieser ganzen Nacht irrten wir, nach dem französischen Ausdruck, wie die Seelen der Verdammten, umher, traten in die Zimmer, setzten uns der Reihe nach auf die Stühle des Saales, erkundigten uns nach Traupmann, sahen auf die Uhren, gähnten, stiegen die Treppen hinab aus den Hof, auf die Straße, kamen zurück, setzten uns wieder . . . Einige erzählten dann Anecdoten pikanter Natur, beschossen sich mit mit kleinen persönlichen Neuigkeiten, raisonnirten obenhin über die Politik, das Theater, die Ermordung Noir’s, Andere versuchten zu scherzen und Witze zu machen – aber es wollte nicht recht bei ihnen gehen und rief ein gewisses unangenehmes, sogleich abbrechendes Lachen, eine gewisse erlogene Zustimmung hervor. Ich suchte ein kleines Sopha im ersten Zimmer auf, legte mich, wie es gerade ging, darauf und versuchte zu schlafen – und schlief, wie es sich versteht, nicht, ja, konnte nicht einen Augenblick einschlummern. Der Lärm der Menge wurde immer stärker, immer dichter, immer ununterbrochener. Gegen drei Uhr Morgens hatten sich, wie Herr C*** meinte, der hereinkam, sich auf einen Stuhl setzte, sofort einschlief und, von irgend einem seiner Untergebenen herausgerufen, sofort wieder verschwand, schon mehr als fünfundzwanzigtausend Menschen versammelt. Dieser Lärm hatte für mich eine auffallende Aehnlichkeit mit dem fernen Brüllen des brandenden Meeres: ein eben solches unendliches Wagner’sches Crescendo, das sich nicht beständig, sondern mit ungeheurem Schwellen und Schenkeln erhebt; die scharfen Noten der Weiber- und Kinderstimmen erhoben sich wie seiner Gischt über diesem kolossalen Summen: die rohe Macht der elementaren Kraft zeigte sich in ihm. Es wird auf einen Augenblick still, wie wenn es sich in sich selbst zurückzöge und sich glättet – und wieder lärmt es und wächst und bläht sich – und nun, nun stürmt es an, wie wenn es Alles hinwegreißen wollte – und wieder zurück und beruhigt sich und wieder wächst es und noch kein Ende . . . Und was drückt dieser Lärm aus, überlegte ich bei mir: Ungeduld, Freude, Erbitterung? – Nein!i Keinem besonderen, keinem menschlichen Gefühl wird er zum Widerhall . . . Es ist einfach der Lärm und das Tosen der Elemente.

VI

Gegen vier Uhr Morgens ging ich, vielleicht zum zehnten Mal, auf die Straße.

Die Guillotine war bereit. Trübe und mehr wunderlich als schrecklich zeichneten sich am dunklen Himmel ihre beiden von einander eine Klafter abstehenden Pfähle mit der schiefen Linie des sie verbindenden Fallbeils ab. Ich weiß nicht, warum ich mir vorgestellt hatte, die Pfähle würden viel weiter von einander stehn; – diese ihre Nähe und Enge gab der ganzen Maschine etwas grausenhaft Schlankes und Aufmerksames – es sah etwa aus, wie der aufmerksam ausgestreckte Hals eines Schwans. Ein Gefühl des Abscheus erregte der große geflochtene Korb, von dunkelrother Farbe, in der Form eines Koffers. Ich wußte, daß die Henker in diesen Korb den warmen, noch zuckenden Leichnam und den abgeschlagenen Kopf werfen . . . Berittene Municipalgarden, welche nicht lange vorher angekommen waren, stellten sich in einem weiten Halbkreis vor der Facade des Gefängnisses auf; die Pferde schnaubten hin und wieder, bissen auf die Candaren und schüttelten die Köpfe; zwischen den Vorderbeinen eines jeden schimmerten dicke Tropfen Schaumes weißlich aus dem Pflaster. Die Reiter dämmerten unter ihren Bärenmützen, welche bis ans die Augen gestülpt waren. Die Linien von Soldaten, welche den Platz durchschritten und die Masse abhielten, waren noch weiter zurückgegangen, der leere Raum vor dem Gefängniß betrug nicht mehr ganz dreihundert Schritt. Ich ging an eine dieser Linien heran und beobachtete lange das Volk, das sich hinter ihr drängte: es schrie wirklich elementarisch, das heißt sinnlos. Vor meinem Gedächtniß schwebt noch die Figur eines Blousenmannes, eines jungen Menschen von etwa zwanzig Jahren: er stand mit gesenktem Kopfe und lächelnd da, wie wenn er an etwas Spaßhaftes dächte – plötzlich warf er den Kopf in die Höhe, machte den Mund auf und schrie, schrie lange anhaltend ohne Worte – dann neigte sich sein Gesicht wieder herab und er lächelte. Was ging in diesem Menschen vor? Weshalb hatte er sich eine quälerische schlaflose Nacht, eine fast achtstündige Unbeweglichkeit auferlegt? Mein Ohr konnte die einzelnen Reden nicht auffangen; nur zuweilen drang durch den unaufhörlichen Lärm ein durchdringender Ruf eines Spekulanten – eines Colporteurs, welcher eine Broschüre über Traupmann verkauft – über sein Leben, seine Hinrichtung »und sogar« über seine letzten Worte . . . oder wieder etwas weiter hin fängt man an sich zu streiten, scheußlich zu gackern, Weiber winseln . . . diesmal hörte ich die Marseillaise, aber es sangen sie nur fünf oder sechs Leute mit Unterbrechungen; die Marseillaise erhält ihre Bedeutung, wenn Tausende sie singen. »Abas Pierre Bonaparte!«, schrie eine starke Stimme . . . »U . . . u . . . a . . . a . . .!« brüllte es um sie herum. Das Geschrei nahm an einer Stelle plötzlich den Takt einer Polka an: eins, zwei, drei! Eins, zwei, drei! nach der bekannten Melodie: »Deslampione!« Eine schwere Luft, ein saurer Dampf strömte von der Masse aus: viel Wein war von diesen Menschen getrunken worden; es gab da viele Betrunkene. Nicht umsonst bildeten die Schenken die rothen Punkte auf dem allgemeinen Fonds des Bildes. Die Nacht, welche bis dahin trübe gewesen war, wurde dunkel; der Himmel verfinsterte sich ganz und wurde schwarz. Auf den Vereinzelten, in gespenstischen Formen auftauchenden Bäumen sieht man kleine Massen: es sind die Straßenjungen, die dort hinaufgeklettert sind und, zwischen den Aesten sitzend, wie die Vögel pfeifen und wimmern. Einer von ihnen stürzte hinab und that sogar – so wurde gesagt, einen tödtlichen Sturz, er hatte das Rückgrat gebrochen – aber er erregte nur Lachen und auch das nicht auf lange.

Auf dem Rückwege nach dem Zimmer und als ich bei der Guillotine vorüberging, sah ich auf dem Plateau derselben den Henker, umgeben von einem Haufen Neugieriger: er gab für sie eine Probe oder Repetition; er ließ das auf einem Charniere stehende Bret los, an welches der Delinquent festgeschnallt wird, und welches, wenn es fällt, mit seinem Ende gerade in die halbrunde Oeffnung zwischen den Pfählen kommt; er ließ das Beil nieder, welches schwer und glatt abwärts glitt, mit einem dumpfen und raschen Murmeln u. s. w. Ich folgte der Probe nicht, d. h. ich kletterte nicht ans die Guillotine: das Gefühl einer gewissen, mir unbekannten Versündigung, einer sinnlichen Scham, wuchs in mir beständig . . . Es kann sein, diesem Gefühle muß ich es zuschreiben, daß mir die Pferde, welche an die Wagen gespannt waren und vor dem Thore des Gefängnisses ruhig in den Futterbeuteln Hafer kauten, als die einzigen unschuldigen Wesen in der Mitte von uns Allen erschienen. Ich setzte mich wieder aus mein Sopha und lauschte der Brandung.

VII

Im Gegensatz zu Dem, was man gewöhnlich behauptet, verfließt die letzte Stunde der Erwartung schneller als die erste, besonders aber als die zweite oder dritte; so ging es auch diesmal. Wir waren Alle durch die Nachricht überrascht, daß es schon sechs Uhr geschlagen und daß bis zum Moment der Hinrichtung nur noch eine Stunde sei. In die Zelle Traupmann’s sollten wir schon in einer halben Stunde – um halb sieben – eintreten. Die Schläfrigkeit verschwand im Augenblick von allen Gesichtern. Ich weiß nicht, was Andere fühlten, aber mir preßte es gewaltig das Herz. Es erschienen vier Gestalten; der Geistliche, ein kleiner grauer Mann, mit einem magern Gesicht, tauchte auf in seinem langen, schwarzen Abbé-Gewande mit einem Bändchen der Ehrenlegion und in einem niedrigen Hut mit breiten Rändern. Der Commandant setzte uns etwas wie ein Frühstück vor – in dem Salon auf einem runden Tische erschienen große Tassen Chokolade. Ich ging nicht einmal nahe heran, obgleich der freundliche Wirth mir rieth, mich zu stärken – »denn die Morgenluft kann schädlich sein«. – In einem solchen Augenblick zu essen, erschien mir . . . abscheulich. Was für ein Mahl, um Gottes Willen!

»Ich habe kein Recht!« sagte ich mir selbst zum hundertsten Male seit dem Anfange dieser Nacht. »Und er schläft noch immer?« fragte einer von uns, während er seine Chokolade schlürfte. (Alle sprachen Von Traupmann ohne seinen Namen zu nennen: einen andern Er konnte es nicht geben). »Er schläft«, antwortete der Commandant. – »Trotz des furchtbaren Lärms?« Der Lärm war in der That ungewöhnlich stark geworden und hatte ein gewisses heiseres Brüllen bekommen; der furchtbare Chor sang nicht mehr crescendo, sondern heulte wie in einem Siegesjubel. »Seine Zelle ist hinter drei Mauern gelegen,«, antwortete der Commandant. Herr C*** welchem der Commandant augenscheinlich die Hauptrolle überwies, sah auf die Uhr und sagte: »Zwanzig Minuten über sechs. Es ist Zeit!« Wir zitterten gewiß Alle innerlich, aber, als ob nichts wäre, ergriffen wir unsere Hüte und folgten lärmend unserm Führer. – »Wo essen Sie heute zu Mittag?« fragte laut ein Chroniqueur – aber es erschien Allen sehr unnatürlich.

VIII

Wir traten auf den großen Hof des Gefängnisses hinaus, und dort in einer Ecke, zur Linken vor der halb verschlossenen Thür, erfolgte etwas wie ein Appell; dann ließ man uns in ein enges, hohes und ganz leeres Zimmer mit einem ledernen Tabouret in der Mitte. »Hier geht die Toilette des Verurtheilten vor sich,« flüsterte mir Ducamp zu. Wir waren nicht Alle bis dorthin gekommen: mit dem Commandanten, dem Geistlichen, Herrn C*** und dessen Gehilfen waren wir unserer neun. Im Laufe von zwei oder drei Minuten, welche wir in diesem Zimmer zubrachten (irgend eine schriftliche Formalität wurde unterdessen voll – zogen) – flog mir der Gedanke, daß wir kein Recht haben, das zu thun, was wir thun, daß wir, indem wir mit heuchlerischer Würde der Tödtung eines unserer Mitgeschöpfe assistiren, eine unheilvolle, gesetzlos verabscheuungswürdige Komödie vollziehen – zum letzten Male durch den Kopf; sobald wir wieder weiter gingen, immer unter Führung des Herrn C*** durch einen breiten, steinernen, von zwei Nachtlampen schwach erleuchteten Corridor, empfand ich nichts mehr, als daß in dieser Stunde . . . dieser Stunde . . . dieser Minute . . . dieser Secunde . . . Eilig klommen wir zwei Treppen hinauf zu einem andern Corridor, durchschritten auch diesen, stiegen eine enge Wendeltreppe hinab und befanden uns vor einer eisernen Thür . . . »Hier!«

Der Wächter schloß vorsichtig das Schloß auf. Die Thür öffnete sich langsam und wir traten Alle still und schweigend in ein sehr geräumiges Zimmer mit gelben Wänden, einem hohen vergitterten Fenster und einem unordentlichen Bett, in welchem Niemand lag. Das gleichförmige Licht eines großen Nachtleuchters erhellte hinlänglich deutlich alle Gegenstände

Ich stand etwas hinter den Anderen und, ich erinnere mich, blinzelte unfreiwillig; sogleich jedoch erblickte ich etwas schräg gegenüber von mir – ein junges, schwarzhaariges, schwarzäugiges Gesicht, welches sich langsam von links nach rechts bewegte und auf uns Alle einen großen, stieren Blick richtete. Das war Traupmann. Er war von unserer Ankunft erwacht; er stand vor dem Tisch, auf welchem er soeben den (übrigens sehr unbedeutenden) Abschiedsbrief an seine Mutter geschrieben hatte. Herr C*** nahm den Hut ab und ging zu ihm.

»Traupmann!« sagte er mit seiner trockenen, nicht lauten, aber keinen Appell zulassenden Stimme – »wir sind gekommen, um Sie zu benachrichtigen, daß Ihr Gnadengesuch nicht angenommen worden ist und daß die Stunde der Sühne für Sie geschlagen hat.«

Traupmann wendete seine Augen auf ihn – aber dieser große Blick war in ihnen schon erloschen, er blickte ruhig, beinahe schläfrig – und sagte kein Wort.

»Mein Kindl« rief dumpf der Geistliche und trat von der andern

Seite zu ihm – »du courage!«

Traupmann sah auf ihn ebenso wie auf Herrn C***.

»Ich wußte, daß er nicht feige sein wird« – sagte mit einem überzeugten Tone Herr C***, indem er sich zu uns Alle wandte; – »jetzt, da er den ersten Stoß ausgehalten hat, bürge ich für ihn.« (So rühmt ein Lehrer, welcher den Schüler ermuthigen will, vorher seine Bravheit.)

»O, ich fürchte mich nicht,« sagte Traupmann, indem er sich wieder an Herrn C*** wendete.

Seine Stimme – ein angenehmer jugendlicher Bariton – war vollkommen gleichmäßig.

Der Geistliche zog ans seiner Tasche ein kleines Fläschchen.

»Wollen Sie nicht etwas Wein trinken, mein Kind?«

»Ich danke, ich habe kein Bedürfniß,« antwortete Traupmann mit einer höflichen, halben Verbeugung.

Herr C*** wendete sich wieder zu ihm.

»Sie behaupten immer noch, daß Sie an diesem Verbrechen unschuldig sind, wegen dessen man Sie verurtheilt hat?«

»Ich habe den Schlag nicht geführt.«

»Jedoch« – wollte sich der Commandant einmischen.

»Ich habe den Schlag nicht geführt.«

(In der letzten Zeit hatte Traupmann, wie bekannt, im Gegensatz zu seinen früheren Angaben, behauptet, daß er in der That die Familie Kinck auf den Schlachtplatz geführt, daß aber seine Theilnehmer sie umgebracht hätten und daß sogar die Wunde an seiner Hand daher rühre, daß er eines der Kleinen hätte vertheidigen wollen. Uebrigens log er im Verlaufe des Processes so wie wenige Verbrecher vor ihm.)

»Und Sie behaupten immer noch, daß Sie Mitschuldige haben?«

»Ja.«

»Sie können sie nicht nennen?«

»Ich kann nicht . . . ich will nicht, ich will nicht!«

Die Stimme Traupmann’s erhöhte sich und sein Gesicht nahm eine schwache Röthe an; es schien, als ob er auf dem Fleck stünde, ärgerlich zu werden . . .

»Nun, es ist gut, es ist gut,« sagte Herr C*** rasch, wie wenn er damit hätte zu wissen geben wollen, daß er nur, um eine unvermeidliche Formalität zu erfüllen, gefragt habe und daß jetzt etwas Anderes bevorstehe . . .

Traupmann mußte sich entkleiden.

Zwei Wächter traten zu ihm heran und schickten sich an, ihm die Zwangsjacke auszuziehen – eine Art Blouse von dicker blauer Leinewand mit Riemen und Schnallen hinten, mit langen, vorn zugenähten Aermeln, von deren Enden feste Peitschenschnüre um die Schenkel auf den Gürtel gehen.

Traupmann stand seitwärts zwei Schritte von mir; nichts hinderte mich, sein Gesicht gut zu betrachten. Es konnte schön genannt werden, wenn nicht der vorwärts und aufwärts wie ein Trichter thierisch unangenehm aufgeblasene Mund gewesen wäre, in welchem man fächerförmig gestellte schlechte wenige Zähne erblickte. Dichte, dunkle, leicht gekräuselte Haare, lange Brauen, ausdrucksvolle Augen, eine offene reine Stirn, eine gerade Nase mit einem kleinen Höcker, leichte Flocken schwarzen Flaumes auf dem Kinn . . .

Wenn man mit einer solchen Gestalt nicht im Gefängniß und nicht unter diesen Umständen zusammenkäme, so würde sie wahrscheinlich einen Vortheilhaften Eindruck machen. Aehnliche Gesichter kommen zu Hunderten vor unter den jungen Fabrikarbeitern, Zöglingen der öffentlichen

Institute u. s. w. Traupmann war von mittlerer Gestalt, von jugendlich magerem und schlankem Wuchs; er erschien mir wie ein ausgewachsener Knabe – übrigens war er noch nicht zwanzig Jahre alt. Seine Gesichtsfarbe war vollkommen natürlich, gesund, etwas rosig; er erblaßte auch nicht bei unserm Eintritt . . . Es war kein Zweifel, daß er wirklich die ganze Nacht geschlafen hatte; – er schlug die Augen nicht auf und athmete gleichmäßig und tief, wie ein Mensch, der vorsichtig einen hohen Berg besteigt. Zwei Mal schüttelte er die Haare, wie wenn er einen aufdringlichen Gedanken verscheuchen wollte, warf den Kopf zurück, sah rasch nach oben und stieß einen kaum bemerkbaren Seufzer aus. Mit Ausnahme dieser kaum merklichen Bewegung verrieth nichts in ihm – ich sage nicht Schrecken, sondern nicht einmal Aufregung oder Unruhe.

Wir Alle waren – ohne Zweifel – sowohl blasser, als aufgeregter wie er. Als man seine Hände aus den zugenähten Aermeln des Camisols herausnahm, hielt er mit einem Lächeln der Zufriedenheit das Camisol selbst Vorn auf der Brust, während man ihm hinten dasselbe aufschnallte. Die kleinen Kinder machen es ebenso, wenn man sie entkleidet. Dann zog er selbst das Hernd aus, nahm ein anderes reines, knüpfte sorgsam den Kragen zu . . . Es war sonderbar, die ungleichen freien Bewegungen dieses nackten Körpers, die entblößten Glieder auf dem gelben Grunde der Wand des Gefängnisses zu sehen . . .

Dann beugte er sich, zog die Stiefel an und trat mit den Absätzen und den Sohlen stark gegen den Boden und gegen die Wand auf, damit die Füße besser und fester hineingingen. Alles das that er ungezwungen, munter, ja beinahe lustig, wie wenn man ihn zu einem Spaziergange abholte. Er schwieg – auch wir schwiegen und sahen uns nur an, indem wir vor Erstaunen ein Wenig mit den Schultern zuckten. Uns Alle überraschte die Einfachheit seiner Bewegungen, eine Einfachheit, welche – wie jede vollständig ruhige und natürliche Lebenserscheinung – bis zur Schönheit ging. Einer von unseren Gefährten, welcher mit mir hernach im Laufe des Tages zufällig zusammentraf, sagte mir, daß ihm während der Zeit unserer Anwesenheit in der Zelle Traupmann’s beständig eingefallen wäre: Wir sind nicht im Jahre 1870 – sondern im Jahre 1794. Wir sind nicht einfache Bürger, sondern Jacobiner, und führen nicht einen Straßenräuber zum Schaffot, sondern einen Marquis, einen Legitimisten, einen – un ci-devant, un talon rouge Monsieur! Man hat bemerkt, daß die zum Tode Vernrtheilten, sobald ihnen das Urtheil Verkündigt wird, entweder in vollständige Gefühllosigkeit verfallen und gewissermaßen schon vorher sterben und sich auflösen, oder sie spielen die Tapfern, oder sie geben sich endlich der Verzweiflung hin, weinen, zittern, flehen um Gnade . . . Traupmann gehörte zu keiner von diesen drei Categorien und war deshalb sogar für Herrn C*** ein Räthsel. Ich will zugleich sagen, daß, wenn Traupmann geseufzt und geweint hätte, meine Nerven das nicht ausgehalten haben würden und ich geflohen wäre. Aber bei dem Anblick dieser Ruhe, dieser Einfachheit und gewissermaßen Bescheidenheit erloschen alle Gefühle in mir – das Gefühl des Abscheus vor dem unmenschlichen Mörder, vor dem Auswurfe, welcher die Kehlen der Kinder durchschnitten hatte, während sie riefen: »Maman! Maman!« – das Gefühl des Mitleids endlich gegen einen Menschen, den der Tod schon zu verschlingen bereit war, und ging in eines auf: in das Gefühl der Bewunderung. Was hielt Traupmann aufrecht? Das vielleicht, daß, wenn er auch nicht den Braven spielte, er doch vor den Zuschauern »figurirte« und seine letzte Vorstellung gab; oder angeborene Furchtlosigkeit, Selbstliebe, angeregt durch die Worte des Herrn C***; der Stolz des Kampfes, welchen er bis zu Ende ertragen mußte, oder ein anderes noch nicht enträthseltes Gefühl: das ist ein Geheimniß, welches er mit sich in das Grab nahm. Einzelne Leute sind bis zu diesem Augenblick überzeugt, daß Traupmann nicht bei vollem Verstande war. (Ich habe schon oben den Advocaten mit dem weißen Hute erwähnt, den ich übrigens nicht mehr gesehen habe.)

Die Zwecklosigkeit, man kann beinahe sagen die Abgeschmacktheit, die ganze Familie der Kinck’s auszurotten, kann bis zu einem gewissen Grade als Bestätigung dieser Ueberzeugung dienen.

IX

Jetzt war er mit seinen Stiefeln fertig – und richtete sich auf, schüttelte sich: »Fertig!«

Man zog ihm wieder die Zwangsjacke an. Herr C*** bat uns Alle, hinauszugehen und Traupmann allein mit dem Geistlichen zu lassen.

Wir warteten kaum zwei Minuten im Corridor, als schon seine kleine Gestalt mit dem gerade und kühn gehobenen Kopfe wieder unter uns erschien. Das religiöse Gefühl war in ihm schwach und er erfüllte wahrscheinlich die letzte Ceremonie der Beichte vor dem Geistlichen, der ihm seine Sünden vergab – wie eine Ceremonie. Unsere ganze Gruppe, mit Traupmann in der Mitte, trat sogleich auf die enge Wendeltreppe, auf welcher wir eine Viertelstunde vorher hinabgestiegen waren – und wir versanken in ein undurchdringliches Dunkel . . . Die Nachtlampe erlosch auf der Stiege. Es war eine schreckliche Minute. Wir Alle wollten hinauf; man hörte das eilige und starke Getrappel unserer Füße auf den Steinen der Treppenstufen; wir drängten uns, stießen uns mit den Schultern, einer von uns verlor den Hut; irgend Jemand hinten schrie ärgerlich: »Mais sacre dieu; zünden Sie ein nicht an! Leuchten Sie uns!« – Und dort, zwischen uns, bei uns in der dichten Dunkelheit befand sich unser Opfer, unsere Beute . . . Der Unglückliche . . . wird er nicht daran denken, die Dunkelheit zu benutzen und mit der ganzen Gewandtheit und Entschlossenheit der Verzweiflung sich zu werfen . . .wohin? . . . In irgend einen entfernten Winkel des Gefängnisses – und wenn er dort die Stirn an der Wand einrennen soll! Wenigstens hat er sich dann selbst das Ende gegeben . . .

Ich weiß nicht, ob diese Befürchtungen den Anderen in den Sinn kamen, aber sie zeigten sich grundlos. Unsere ganze Gruppe mit der kleinen Figur in der Mitte kam aus den Tiefen der Treppe auf den Corridor. Traupmann gehörte offenbar der Guillotine an – und es begann der Gang nach derselben.

X

Dieser Gang konnte wohl ein Lauf genannt werden. Traupmann ging voraus mit raschen, elastischem beinahe sprunghaften Schritten; er eilte offenbar und wir eilten hinter ihm. Einige liefen sogar rechts und links, um ihm noch einmal in’s Gesicht zu sehen. So durcheilten wir den Corridor, liefen die zweite Treppe hinab – Traupmann sprang über zwei Stufen auf die dritte – stürmten durch den andern Corridor, sprangen noch einige Stufen hinab – und befanden uns endlich in demselben Zimmer mit dem einzigen Tabouret, von welchem ich schon gesprochen habe und in dem die Toilette des Verurtheilten vollzogen ward. Wir traten durch die eine Thür und aus der uns gegenüberliegenden erschien, mit gravitätischem Gang, in weißem Halstuch, schwarzem Kleid, wie ein Diplomat oder ein protestantischer Pastor – der Scharfrichter, hinter ihm trat ein kleiner, dicker, alter Herr in schwarzem Ueberrock ein, sein erster Gehilfe, der Scharfrichter der Stadt Bauvais. Der Alte hielt in der Hand eine kleine lederne Tasche – Traupmann blieb bei dem Tabouret stehen; Alle stellten sich um ihn herum. Der Scharfrichter und der Alte, sein Gehilfe, stellten sich rechts von ihm, der Geistliche gleichfalls zur Rechten, etwas vorwärts, der Commandant und Herr C*** zur Linken. Der Alte öffnete mit einem Schlüssel das

Schloß der Tasche, nahm einige ungegerbte weiße Riemen mit Schnallen heraus – lange und kurze – und begann, nachdem er sich mit Mühe hinter Traupmann auf die Knie niedergelassen hatte – seine Füße zu binden. Traupmann trat unversehens auf das Ende eines dieser Riemen – der Alte versuchte denselben hervorzuziehen, zweimal murmelte er: »Pardon Monsier!« und berührte endlich Traupmann an der Wade. Dieser drehte sich sogleich um und hob mit seiner gewöhnlichen halben Verbeugung den Fuß und machte den Riemen frei. Der Geistliche las unterdessen mit halblauter Stimme Gebete in französischer Sprache aus einem kleinen Buche. Zwei andere Gehilfen traten hinzu – sie zogen Traupmann rasch das Camisol ab, führten seine Hände auf den Rücken, banden sie über Kreuz und umwickelten den ganzen Körper mit Riemen.

Der oberste Scharfrichter leitete dies Geschäft, indem er mit dem Finger bald hier, bald dorthin zeigte. Es fand sich, daß an den Riemen keine genügende Anzahl Löcher für die Dörner der Schnallen angebracht worden war: wer die Löcher gemacht hatte, hatte wahrscheinlich auf einen dicken Mann gerechnet. Der Alte suchte zuerst in dem Sacke, dann stöberte er der Reihe nach alle seine Taschen durch – und nachdem er lange getastet, zog er endlich aus einer derselben eine kleine, krumme Pfrieme heraus, mit welcher er die Riemen mit Anstrengung zu durchbohren begann: seine ungeschickten, von Gicht geschwollenen Hände gehorchten ihm schlecht, auch war das Leder dick und neu. Er macht ein Loch, probirt . . . der Dorn geht nicht hinein; er muß wieder bohren. Der Geistliche errieth wohl, daß die Sache nicht in Ordnung ist, sich verzögert, nachdem er zweimal verstohlen über die Schulter geblickt hatte, fing er an die Worte der Gebete zu dehnen, um dem Alten Zeit zu lassen, zurecht zu kommen. Endlich ist die Operation – in deren Verlauf mich, ich gestehe es offen, kalter Schweiß überrieselte – beendigt, die Dörner saßen, wo es sich gehört . . . es begann eine andere. Nun bat er Traupmann sich auf das Tabouret zu setzen, vor welchem er stand und derselbe Alte mit der Gicht trat an ihn heran, um ihm die Haare zu schneiden. Er langte eine Scheere heraus und indem er die Lippen verzog, schnitt er sorgfältig den Kragen des Hemdes Traupmann’s ab, desselben Hemdes, welches er soeben angezogen hatte und dessen Kragen man so leicht hätte vorher abtrennen können. Die Leinwand war grob, ganz in Falten und wich der kaum scharfen Schneide. Der Oberscharfrichter gab Acht und war unzufrieden; der Ausschnitt war nicht hinreichend groß. Er zeigte mit der Hand: der alte Gichtbrüchige machte sich wieder an die Arbeit und schnitt noch ein ordentliches Stück Leinwand heraus. Der oberste Theil des Rückens war entblößt, man sah die Schultern. Traupmann zuckte leicht mit ihnen: im Zimmer war es kalt. Jetzt machte sich der Alte an die Haare. Er legte seine geschwollene linke Hand auf den Kopf Traupmanns, der ihn sogleich willig beugte, und fing mit der Rechten an zu schneiden. Flocken dunkelbraunen starren Haares glitten die Schultern hinab, fielen an den Boden, eine flog bis zu meinem Stiefel. Traupmann hielt immerfort den Kopf nieder; der Geistliche dehnte die Worte der Gebete noch mehr. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden von diesen einst von unschuldigem Blute gerötheten, jetzt hilflos eine auf der andern liegenden Händen – und besonders von diesem seinen jugendlichen Halse. – Die Phantasie zog auf demselben unwillkürlich quer über einen Strich. In wenigen Augenblicken wird dort, so dachte ich bei mir, das centnerschwere Beil, den Wirbel zerschmetternd, die Muskeln und Adern zerschneidend, hindurchgehen . . . und der Körper, so schien es, erwartete nichts dergleichen . . . so glatt, so weiß, so gesund war er . . .

Unwillkürlich stellte ich mir die Frage: an was denkt in diesem Augenblick dieser so demüthig geneigte Kopf? Hält er sich hartnäckig und, wie man sagt, die Zähne zusammenbeißend, an den einen Gedanken: »Ergeben wir uns nicht – wahrlich nicht;« gehen im Wirbelwind durch ihn die verschiedensten und wahrscheinlich auch die unbedeutendsten Erinnerungen der Vergangenheit? Tritt vielleicht eines der Glieder der Familie Kinck mit irgend einer Todesfratze vor ihn – oder versucht er einfach an nichts zu denken, dieser Kopf – und redet sich nur selbst ein: »Es ist nichts, ja, ja, wir werden ja sehen« . . . und wird er sich das auch sagen bis zum Augenblick, wo der Tod sich auf ihn stürzt und nirgends ein Entrinnen ist? . . .

Der Alte schor, schor immer noch. Die Haare knirschten, wie sie von der Scheere gefaßt wurden. Endlich war auch diese Operation beendet. Traupmann stand schnell auf, schüttelte den Kopf . . . Gewöhnlich wenden sich in diesem Augenblicke diejenigen Delinquenten, welche noch sprechen können, mit einer letzten Bitte an den Director des Gefängnisses, erinnern an die Sachen und an das Geld, welches sie hinterlassen, danken den Wächtern, bitten, ihren Verwandten das letzte Billet oder eine Haarlocke zukommen zu lassen, wechseln den letzten Gruß; aber Traupmann war augenscheinlich kein gewöhnlicher Delinquent; er verachtete solche »Zierereien«; er sprach nicht ein Wort, er wartete schweigend. Man warf ihm eine kurze Jacke über die Schultern – der Scharfrichter faßte ihn unter den Arm.

»Hören Sie, Traupmann,« ertönte inmitten der Grabesstille die Stimme des Herrn C***. »Jetzt, in einer Minute ist Alles aus. Sie bleiben dabei, daß Sie Mitschuldige haben?«

»Ja, mein Herr, ich bleibe dabei,« antwortete Traupmann mit demselben angenehmen, festen Bariton und indem er sich leicht vorwärts beugte, wie wenn er sich höflich entschuldige und es sogar bedaure, daß er nicht anders antworten könne.

»Eh bien! Allons!« sagte Herr C*** und wir setzten uns Alle in Bewegung; wir gingen auf den großen Hof des Gefängnisses hinaus.

XI

Es fehlte eine Minute an Sieben – aber der Himmel war kaum hell und derselbe trübe Dampf füllte die ganze Luft und verbarg die Umrisse der Gegenstände. Das Gebrüll der Masse erfaßte uns wie eine ununterbrochene, unerträglich tosende Woge, sobald wir über die Schwelle getreten waren. Auf dem Steinpflaster des Hofes bewegte sich rasch, gerade aus das Thor zu, unser dünner gewordenes Häufchen; Einige von uns waren zurückgeblieben – ja, auch ich, obgleich ich zugleich mit den Anderen ging, hielt, mich etwas zur Seite. Traupmann bewegte trippelnd die Füße – die Bande hinderten ihn – und erschien mir so wie ein kleiner Junge, fast wie ein Kind! Plötzlich und langsam öffneten sich vor uns wie ein Rachen beide Thorflügel und zugleich, begleitet von einem ungeheuren Winseln der erstellten Menge, die bis dahin gewartet hatte, blickte das Ungeheuer der Guillotine mit seinen beiden schwarzen Pfählen und dem aufgezogenen Beile auf uns. Es wurde mir plötzlich kalt, kalt bis zum Uebelsein, es schien mir, als ob die Kälte durch das Thor zu uns auf den Hof dränge; – ich fühlte meine Beine nicht mehr. Gleichwohl sah ich noch einmal auf Traupmann. Er war plötzlich zurückgewichen, der Kopf fiel zurück, die Kniee beugten sich, gerade wie wenn ihm Jemand einen Stoß vor die Brust gegeben hätte. »Er wird in

Ohnmacht fallen,« flüsterte eine Stimme neben mir. Aber er richtete sich sogleich auf und ging mit festem Schritt vorwärts. Neben ihm liefen Diejenigen von uns auf die Straße, welche sehen wollten, wie der Kopf fällt . . . Mir fehlte es dazu an Lust und Kraft und mit stockendem Herzen blieb ich an dem Thor . . .

Ich sah, wie der Henker plötzlich gleich einem schwarzen Schein auf der linken Seite des Plateaus der Guillotine auftauchte; ich sah, wie Traupmann sich von dem Haufen Leute trennte, die unten zurückblieben, und die Stufen hinanstieg (es waren deren zehn, volle zehn Stufen!), ich sah, wie er anhielt und sich umwandte, ich hörte, wie er sagte: »Dites áá M. C***«)2 ich sah, wie er oben erschien, wie von rechts und links zwei Männer sich auf ihn stürzten, wie Spinnen auf eine Fliege, wie er plötzlich mit dem Kopf nach vorwärts flog und seine Fußsohlen in die Höhe schlugen . . .

Aber jetzt wendete ich mich ab – ich begann zu warten – und die Erde wich leise unter meinen Füßen. Ich sagte mir, daß ich schon furchtbar lange gewartet habe.)3 Ich hatte Zeit genug gehabt, zu bemerken, daß bei dem Erscheinen Traupmann’s der Menschenlärm zerronnen war und eine lautlose Stille eintrat; – vor mir stand eine Schildwache, ein junger, rothbackiger Mensch . . . ich hatte Zeit, zu bemerken, daß er stumpfsinnig und in Schrecken auf mich sah. Ich hatte Zeit daran zu denken, daß jener Soldat vielleicht aus einem stillen Dörfchen, einer friedlichen und guten Familie herstammt – und was muß er jetzt sehen! Endlich ertönte ein leichtes Geräusch, wie von Holz gegen Holz – es fiel die obere Hälfte des Halsbrettes, welches einen langen Schlitz hat, um die Schneide hindurch zu lassen, und welches den Hals des Delinquenten umfaßt und seinen Kopf unbeweglich hält . . . Dann knurrte Etwas dumpf und fiel – und schlug auf . . . Gerade wie wenn ein gewaltiges Thier sich geräuspert hätte.

Sich räuspert. Ich kann keinen andern, treffendern Vergleich finden.

Alles wurde dunkel. Jemand ergriff mich beim Arm . . . Ich sah auf: es war des Herrn C***’s Gehilfe, Herr J . . ., dem Herr Ducamp, mein Freund, wie ich später erfuhr, aufgetragen hatte, auf mich Acht zu geben.

»Sie sind sehr blaß. Wünschen Sie Wasser?« sagte er lächelnd.

Aber ich dankte – und ging auf den Gefängnißhof zurück, der mir wie ein Asyl gegen den Schrecken vor dem Thor erschien.

XII

Unsere Gesellschaft versammelte sich in der Wache am Thor, um von dem Commandanten Abschied zu nehmen und die Menge sich etwas verlaufen zu lassen. Auch ich begab mich dorthin und erfuhr, daß Traupmann, als er schon auf dem Brette lag, plötzlich den Kopf krampfhaft zur Seite geworfen hatte – so daß er nicht in dem halbrunden Ausschnitt lag, und daß die Scharfrichter ihn bei den Haaren dorthin hatten ziehen müssen, wobei er einen von ihnen – dem Chef – in den Finger biß; daß sogleich nach der Execution, als der in den Wagen geworfene Leichnam in Marsch-Marsch fortgefahren wurde, zwei Männer die ersten Augenblicke der unvermeidlichen Verwirrung benutzten, durch die militärischen Ketten brachen und an den Fuß der Guillotine stürzend, ihre Tücher in das Blut tauchten, das durch die Ritzen der Bretter rieselte . . .

Aber ich hörte alle diese Gespräche wie im Traume, ich fühlte mich sehr müde: aber ich nicht allein. Alle erschienen müde, obgleich Alle sichtlich erleichtert waren, wie wenn ihnen eine Last von den Schultern genommen wäre. Aber Keiner von uns, entschieden Keiner sah aus, wie ein Mensch, der sich bewußt ist, dem Vollzuge eines Aktes der gesellschaftlichen Gerechtigkeit beigewohnt zu haben; Jeder versuchte im Geiste sich abzuwenden und gewissermaßen die Verantwortung für einen Mord von sich abzuwälzen.

Ducamp und wir empfahlen uns dem Commandanten und begaben uns nach Hause. Der ganze Strom menschlicher Wesen, Männer, Weiber, Kinder – trug seine häßlichen und schmutzigen Wogen an uns Vorüber. Beinahe Alle schwiegen. Nur einzelne Weiber riefen sich gegenseitig zu: »Wohin gehst Du? . . . und Du?« . . . und Straßenjungen begrüßten vorüberfahrende Carossen mit Pfeifen, – und was für vertrunkene, finstere, verschlafene Gesichter! Welche Ausprägungen der Langeweile, der Ermüdung, der Unbefriedigung, des Mißbehagens, eines matten, gegenstandslosen Mißbehagens! Betrunkene bemerkte ich übrigens wenig, sei es, daß man sie schon glücklich fortgeschafft hatte, sei es, daß sie sich selbe beruhigt hatten. Das Werktagsleben nahm alle diese Leute wieder in seinen Schooß – und weshalb, um welche Empfindungen waren sie für einige Stunden aus seinen Gleisen herausgetreten? Es ist furchtbar, darüber nachzudenken, was dort nistet.

Zweihundert Schritte von dem Gefängniß fanden wir einen leeren Fiaker, bestiegen ihn und fuhren ab.

Während der Fahrt sprachen wir mit Ducamp über Das, was wir gesehen hatten und worüber er nicht lange vorher (in dem schon erwähnten Januarheft der »Revue des deux mondes« so gewichtige und verständige Worte gesprochen hatte. Wir sprachen über die unnütze, über die sinnlose Barbarei einer ganz mittelalterlichen Procedur, Dank welcher der Todeskampf des Delinquenten reichlich eine halbe Stunde dauert (von achtundzwanzig Minuten nach sechs bis sieben Uhr), über die Abscheulichkeit eines An- und Ausziehens, dieses Haarschneidens, dieser

Wanderungen über Stiegen und durch Corridore . . . Auf Grund welchen Rechtes geschieht das Alles? Wie kann man solche entsetzliche Routine zulassen? Und die Todesstrafe selbst? Läßt sie sich rechtfertigen? Wir haben gesehen, welchen Eindruck ein solches Schauspiel auf das Volk macht; etwa einen irgend belehrenden – durchaus nicht.

Kaum der tausendste Theil der zusammengeströmten Masse – nicht mehr als fünfzig oder sechzig Menschen – konnte im Halbdunkel des Wintermorgens, aus einer Entfernung von anderthalbhundert Schritt, zwischen den Reihen der Soldaten und den Kruppen der Pferde – auch nur das Geringste sehen! Und die Uebrigen? Welchen noch so kleinen Nutzen konnten sie aus dieser trunkenem schlaflosen, müßigem liederlichen Nacht ziehen? Ich erinnerte mich jenes jungen Arbeiters, der sinnlos schrie und dessen Gesicht ich einige Minuten beobachtete. Wird er heute an die Arbeit gehen als ein Mensch, der mehr als früher das Laster und den Müßiggang haßt? Und ich endlich? Was habe ich mit hinweggenommen? Das Gefühl unfreiwilliger Bewunderung für den Mörder, – dieses moralische Ungeheuer, welches seine Verachtung des Todes zu zeigen verstand!

Kann der Gesetzgeber solche Eindrücke wünschen? Von welchem moralischen Zwecke kann man noch reden, nach so vielen durch die Erfahrung bestätigten Wirkungen?

Aber ich will mich in kein Raisonnement einlassen: es würde mich zu weit führen. Und wem wäre es nicht bekannt, daß die Frage der Todesstrafe eine der vordersten, unaufschiebbaren Fragen ist, an deren Lösung die heutige Menschheit arbeitet? Ich bin zufrieden und werde vor mir selbst meine unangebrachte Neugierde entschuldigen – wenn meine Erzählung auch nur einige Argumente für Diejenigen geliefert hat, welche die Todesstrafe – oder wenigstens ihre Oeffentlichkeit – abschaffen wollen.

Weimar 1870.

Iwan Turgeniew.
1.Ich verweise die Leser, welche sich nicht nur mit allen Einzelheiten der »Exekution«, sondern mit Allem, was ihr vorausgeht und auf sie folgt, bekannt machen wollen, auf den trefflichen Aufsatz des Herrn Ducamp: La Prison de la Roquett. Revue des deux mondes, 1870.
2.Ich hörte nicht das Ende der Phrase. Seine Worte waren: »Dites á M. C***, que je persiste; d. h. sagen Sie, daß ich dabei bleibe, Mitschuldige gehabt zu haben. Traupmann wollte sich diese letzte Freude, diese letzte Genugthuung nicht versagen, den Stachel des Zweifels und des Vorwurfs in den Häuptern seiner Richter und des Publikums zu lassen.
3.In Wirklichkeit verflossen von dem Augenblick, wo Traupmann seinen Fuß auf die erste Stufe der Guillotine setzte, bis zu dem, wo man seinen Leichnam in den bereit gehaltenen Korb warf, zwanzig Secunden.

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10 aralık 2019
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