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Kitabı oku: «Die Uhr»

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Indem ich diese kleine Erzählung veröffentliche und mir bekannt ist, daß im Publicum Gerüchte über ein größeres Werk, an dem ich arbeite, im Umlaufe sind, fühle ich mich gedrungen, an die Nachsicht desselben zu appelliren. Der von mir beabsichtigte Roman ist immer noch nicht beendigt, ich hoffe, daß er im Laufe dieses Jahres erscheinen wird. Mögen die Leser mir nicht zürnen um des vorliegenden captatio benevolentiae, und mögen sie in Erwartung des Kommenden, meine Erzählung nicht als strenge Richter, sondern als alte Bekannte – ich wage nicht zu sagen: Freunde, lesen.

Iwan Turgenjew.

I

Ich will Euch die Geschichte meiner Uhr erzählen. . .

Eine curiose Geschichte!

Sie spielt ganz im Anfange dieses Jahrhunderts, im Jahre 1801. Ich war so eben in mein sechzehntes Jahr eingetreten. Ich lebte in Rjäsan, in einem hölzernen Häuschen, nicht weit vom Ufer der Oka – mit meinem Vater, meiner Tante und meinem Vetter. Von meiner Mutter habe ich keine Erinnerung: sie starb ungefähr drei Jahre nach ihrer Verheiratung; mein Vater hatte außer mir keine Kinder. Er war ein friedfertigen unansehnlicher, kränklicher Mann. Er beschäftigte sich mit Proceßsachen und anderen Geschäften. In früheren Zeiten nannte man solche Leute Gerichtsschreiber, Rechtsverdreher, Nesselsaat; er selbst nannte sich einen Advocaten. Unser Hauswesen wurde von seiner Schwester, meiner Tante – einem alten, fünfzigjährigen Fräulein geführt; auch mein Vater war schon über die Vierzig hinaus. Sie war eine große Betschwester – gerade heraus gesagt: eine Scheinheilige, eine Schwätzerin, die ihre Nase überall hineinsteckte; und auch ihr Herz war nicht das Herz meines Vaters – es war nicht gut. Wir lebten – nicht gerade ärmlich, aber mit Berechnung. Mein Vater hatte noch einen Bruder, namens Jegor; der aber war für irgend welche »aufrührerisch« sein sollende «Handlungen« und seiner »jacobinischen Denkungsart« wegen (so stand es in dem Ukas) schon im Jahre 1797 nach Sibirien geschickt worden.

Jegor’s Sohn David, mein Vetter, blieb unter der Fürsorge meines Vaters zurück und lebte bei uns. Er war nur ein Jahr älter als ich; aber ich beugte mich vor ihm und gehorchte ihm, als wenn er ganz erwachsen wäre. Er war kein dummer Junge, hatte Charakter und war breitschultrig und fest gebaut; sein Gesicht war viereckig und ganz voll Sommersprossen, die Haare roth, die Augen grau und klein, die Lippen breit, die Nase kurz, die Finger gleichfalls kurz, – was man so nennt: ein Starker – eine Kraft über seine Jahre hinaus! Die Tante konnte ihn nicht leiden; mein Vater aber fürchtete sich einigermaßen vor ihm . . . vielleicht fühlte er sich ihm gegenüber auch schuldig. Es ging das Gerücht, daß David’s Vater nicht nach Sibirien geschickt worden wäre, wenn mein Vater nicht geschwätzt und den Bruder verrathen hätte! Wir lernten zusammen im Gymnasium, in derselben Classe und Beide ziemlich gut, ich sogar noch etwas besser als David . . . mein Gedächtniß war schärfer; aber Knaben – das ist eine bekannte Sache – legen auf diesen Vorzug kein Gewicht und sind nicht stolz darauf; David blieb demnach mein Führer.

II

Ich heiße, wie Sie wissen, Alexej. Ich wurde am 7. März geboren und feierte am 17. meinen Namenstag. Man gab mir nach einer althergebrachten Sitte den Namen einer jener Heiligen, deren Fest auf den 10. Tag nach meiner Geburt fiel. Mein Taufvater war ein gewisser Anastasius Anastasievitsch Putschkoff, – eigentlich Nastasei Nastaseitsch – Niemand nannte ihn anders als so.

Er war ein schrecklicher Ränkeschmieder und Rabulist, nahm unerlaubte Sporteln – er war ein ganz schlechter Mensch. Er war aus der Kanzlei des Gouverneurs fortgejagt worden und mehr als einmal vor Gericht gewesen; meinem Vater war er jedoch nothwendig . . . sie machten mit einander »Geschäfte.« Sein Aeußeres war rund und gedunsen; er hatte ein Gesicht wie ein Fuchs und eine Nase wie ein Pfriemen; die Augen waren hell und braun, ebenfalls wie bei einem Fuchse; und er bewegte diese Augen immer nach rechts und nach links, und auch die Nase, als schnuppere er in der Luft herum. Er trug Schuhe ohne Absätze und puderte sich täglich, was damals in der Provinz als große Seltenheit galt. Er behauptete, daß er nicht ohne Puder sein könne, weil er mit Generalen und Generalinnen umgehe.

Und siehe, mein Namenstag war herangekommen! Da tritt Nastasei Nastaseitsch zu uns in’s Haus und spricht: »Ich habe Dir, mein Taufsöhnchen, bis jetzt noch nie etwas geschenkt; sieh, was ich Dir dafür heute für ein Ding gebracht habe!«

Und er zog eine silberne, zwiebelförmige Uhr mit einer gemalten Rose auf dem Zifferblatte und einer bronzenen Kette aus der Tasche!

Ich war ganz starr vor Entzücken, – und die Tante, Pelageia Petrowna, schrie aus vollem Halse; – Küsse die Hand, küsse die Hand, Du Räudiger!«

Ich begann meinem Taufvater die Hand zu küssen und meine Tante hielt ihm vor:

»Ach, Herr Gott! Nastasei Nastaseitsch, warum verwöhnen Sie ihn so! Wie soll er mit einer Uhr umzugehen verstehen? Er wird sie ganz gewiß fallen lassen, zerschlagen oder zerbrechen!«

Mein Vater trat herein, sah die Uhr, dankte Nastaseitsch ziemlich nachlässig, und rief ihn zu sich in’s Cabinet. Ich hörte wie mein Vater gleichsam vor sich hin sprach:

»Wenn Du, Bruder, Dich damit abzufinden denkst . . .«

Aber ich hielt es nicht länger auf dem Platze aus, hing die Uhr um und stürzte Hals über Kopf davon, um David mein Geschenk zu zeigen.

III

David nahm die Uhr, öffnete sie und betrachtete sie aufmerksam. Er hatte große Anlage zur Mechanik; er liebte es sich mit Eisen, Kupfer und allerlei Metallen zu schaffen zu machen; er hatte sich verschiedene Instrumente angeschafft, und eine Schraube, einen Schlüssel oder sonst dergleichen zu bessern oder gar neu zu machen, war ihm eine Kleinigkeit.

David drehte sie in den Händen hin und her und murmelte zwischen den Zähnen (er war überhaupt nicht gesprächig):

»Alt . . . schlecht . . . – Woher?« fügte er hinzu. Ich sagte ihm, daß mein Taufvater sie mir geschenkt.

David schlug seine grauen Äuglein zu mir auf:

»Nastasei?«

»Ja; Nastasei Nastaseitsch.«

David legte die Uhr auf den Tisch und ging schweigend davon.

»Die gefällt Dir nicht?« fragte ich.

»Nein, das nicht . . . Aber, ich hätte an Deiner Stelle von Nastasei kein Geschenk angenommen.«

»Weshalb das?«

»Weil er ein elender Mensch ist und man sich einem elenden Menschen nicht verpflichtet fühlen sollte. Da soll man ihm noch danken Du hast ihm wohl gar die Hand geküßt?«

»Ja; die Tante hieß es mich thun.«

David lächelte eigenthümlich, durch die Nase. Das war so seine Gewohnheit! Er lachte niemals laut! das hielt er für ein Zeichen von Kleinmuth.

David’s Worte, sein stummes Lächeln betrübten mich tief. Er tadelt mich wohl innerlich, dachte ich! Ich bin wohl auch ein Elender in seinen Augen! Er selbst hätte sich nie so weit erniedrigt, er hätte nie eine Gabe von Nastasei angenommen! Aber was bleibt mir jetzt zu thun übrig? Die Uhr zurückgeben? Unmöglich!

Ich machte einen Versuch David zu sprechen, ihn um seinen Rath zu fragen. Er antwortete mir, daß er Niemand einen Rath gäbe, ich möge handeln wie ich wolle. – Wie ich wolle?! Ich erinnere mich, daß ich die ganze Nacht darauf nicht schlief: Bedenken quälten mich. Es that mir leid, mich von der Uhr zu trennen; ich hatte sie auf das Nachttischchen neben meinem Bette gethan; sie tickte so angenehm und lustig . . . aber ich fühlte, daß David mich verachtete . . . (Ja; ich konnte mich nicht darüber täuschen, er verachtete mich!) . . . Das schien mir ganz unerträglich! Gegen Morgen reifte ein Entschluß in mir . . . Es gab freilich Thränen – dafür schlief ich aber ein und, sobald ich erwachte, kleidete ich mich schnell an und lief auf die Straße hinaus. Ich hatte mich entschlossen, meine Uhr dem ersten besten Armen zu geben, dem ich begegnen würde.

IV

Ich war noch nicht weit von unserem Hause weggelaufen, als ich auch schon auf das stieß, was ich suchte. Es kam mir ein etwa 13jähriger barfüßiger, zerlumpter Knabe entgegen, der sich oft vor unseren Fenstern umhertrieb, Ich sprang sogleich zu ihm heran und, ohne ihm oder mir Zeit zum Bedenken zu geben – bot ich ihm meine Uhr an.

Der Knabe machte große Augen, hielt die eine Hand vor den Mund, als fürchte er sich zu verbrennen – und streckte die andere Hand aus.

»Nimm, nimm,« murmelte ich: – »sie gehört mir, ich schenke sie Dir – Du kannst sie verkaufen und Dir dafür . . . nun, irgend etwas Nothwendiges kaufen . . . Adieu!«

Ich drückte ihm die Uhr in die Hand und lief spornstreichs nach Hause.

Nachdem ich einen Augenblick vor der Thüre unseres gemeinschaftlichen Schlafzimmers gestanden, um wieder zu Athem zu kommen, näherte ich mich David, welcher eben seine Toilette beendigt hatte und sich das Haar kämmte.

»Weißt Du, David?'« – begann ich mit möglichst ruhiger Stimme. – »Ich habe Nastaseitschs Uhr weggegeben.«

David sah mich an und fuhr mit der Bürste über die Schläfen.

»Ja,« – fuhr ich immer mit demselben geschäftlichen Tone fort, – »ich habe sie weggegeben. Hier ist ein Knabe, ein sehr armer Bettelknabe; diesem habe ich sie gegeben.«

David that die Kopfbürste auf den Waschtisch.

»Er kann für das Geld, das er für dieselbe lös’t,« fuhr ich fort – »sich etwas Nützliches anschaffen. Er wird doch Etwas für dieselbe erhalten?«

Ich schwieg.

»Nun, das ist gut!« – sagte endlich David und begab sich in das Schulzimmer. Ich folgte ihm.

»Und wenn man Dich fragt, was Du mit ihr angefangen?« – wandte er sich zu mir.

»So werde ich sagen, daß ich sie verloren,« – erwiderte ich nachlässig.

An jenem Tage war zwischen uns nicht mehr dir Rede von der Uhr; es war mir aber dennoch vor, als wenn David meine Handlung nicht nur billigte, sondern sich in gewisser Beziehung sogar über mich . . . wunderte. – Ganz gewiß!

V

Es vergingen noch zwei Tage. Es fügte sich so, daß Niemand im Hause die Uhr vermißte. Mein Vater hatte eine große Unannehmlichkeit mit einem von denen, die ihm ihre Sachen anvertraut ; er hatte keine Zeit, an mich und an meine Uhr zu denken. Dafür aber dachte ich unaufhörlich an dieselbe. Selbst die Billigung, David’s vorausgesetzte Billigung, vermochte mich nicht sehr zu trösten. Er aber sprach dieselbe in keiner besonderen Weise aus, er hatte überhaupt nur einmal – und das im Vorübergehen gesagt, daß er von mir eine solche Kühnheit nicht erwartet habe. Mein Opfer gereichte mir entschieden zum Nachtheile; es wurde durch die Befriedigung, die mir meine Eigenliebe gewährte, nicht aufgewogen.

Und nun mußte noch, mir zum Trotz, ein anderer, uns bekannter Gymnasiast, der Sohn des Stadtarztes kommen und sich mit seiner neuen – nicht einmal silbernen, sondern tombakenen Uhr brüsten, die ihm seine Großmutter geschenkt . . .

Endlich hielt ich es nicht länger aus – schlich mich aus dem Hause und suchte den Bettelknaben auf, dem ich meine Uhr gegeben.

Ich fand ihn bald auf; er spielte mit einigen anderen Knaben an der Vorhalle der Kirche mit Knöchelchen. Ich rief ihn bei Seite und sagte ihm mit stockendem Athem in verworrener Rede, daß meine Verwandten böse auf mich seien, weil ich die Uhr weggegeben und daß ich ihm gerne Geld für dieselbe zahlen würde, wenn er einwilligte, sie mir zurückzugeben. . . Ich hatte für alle Fälle einen alten Silberrubel aus den Zeiten Elisabeth’s, mein ganzes baares Capital, mitgenommen.

»Ich habe ja Ihre Uhr gar nicht,« antwortete der Knabe mit zorniger, weinerlicher Stimme. »Der Vater sah sie bei mir und nahm sie mir fort; er wollte mich noch durchpeitschen. – Du hast sie wohl gestohlen, sagte er – welcher Narr wird Dir wohl eine Uhr schenken ?«

»Wer ist Dein Vater?«

»Mein Vater? Der Trofimitsch.«

»Aber wer ist er? Was treibt er?«

»Er ist verabschiedeter Soldat – Szashant. Beschäftigung hat er keine. Er bessert alte Schuhe aus und versohlt Stiefel. – Das ist seine ganze Beschäftigung. Davon leben wir.«

»Wo ist Eure Wohnung Führe mich zu ihm.«

»Das will ich. Und sagen Sie ihm, meinem Vater, daß Sie mir die Uhr geschenkt. Er wirst es mir immer vor und nennt mich Dieb . . .Dieb! Und die Mutter ebenso. Nach wem schlägst Du ein, Du Dieb?«

Ich ging mit dem Knaben in seine Wohnung. Sie befand sich in einem Hühnerhäuschen, ans dem Hinterhof einer, vor langer Zeit abgebrannten und nicht wieder aufgebauten Fabrik. Wir fanden sowohl Trofimitsch als seine Frau zu Hause. Der verabschiedete »Szashant« war ein hochgewachsener, gerader und sehniger Greis mit einem gelbgrauen Backenbarte, unrasirtem Kinn und einem ganzen Netze von Runzeln auf Stirne und Wangen. Seine Frau schien älter zu sein als er; ihre rothen Aeuglein zwinkerten und blinzelten in ihrem krankhaft gedrungenen Gesichte. Beide deckten statt der Kleidung irgend welche dunkle Lumpen.

Ich erklärte Trofimitsch, warum es sich handelte und weshalb ich gekommen sei. Er hörte mich schweigend an, ohne auch nur ein einziges Mal mit den Augen zu blinzeln oder den stampfen, unverwandten, ganz soldatischen Blick von mir zu wenden.

»Unart!« sprach er endlich mit einem heiseren, zahnlosen Baß. – »Ist das die Handlungsweise eines – Edelmannes? – Nun, wenn Petka die Uhr wirklich nicht gestohlen hat, nun – so verdient er eins . . . treibe keine Unarten mit Herrensöhnen! Wenn er sie aber gestohlen hatte, dann – eins!i zwei! drei! – mit Fuchteln kalugwardisch! – Was siehst Du mich an? Was ist das für eine Geschichte? Was? Mit Syontonne sollte man . . . Ist das eine Geschichte?! Tfu!« —

Den letzten Ausruf brachte Trofimitsch im Falsett hervor. Er begriff offenbar Nichts.

»Wenn Sie mir die Uhr zurückgeben wollen« – erklärte ich ihm . . . ich wagte nicht zu ihm »Du« zu sagen, obgleich er gemeiner Soldat war – »so will ich Ihnen mit Vergnügen diesen Rubel für dieselbe geben. Mehr ist sie, glaube ich, nicht werth.«

»Nanu!« – brummte Trofimitsch, immer noch ganz verwirrt, und mich aus alter Gewohnheit immer noch mit den Augen verschlingend, als wenn ich einer seiner Vorgesetzten wäre. – »Ist das eine Geschichte! oh? – Die begreife einer! – Uljana, schweige!« schrie er seine Frau an, welche den Mund aufmachen wollte. »Hier ist die Uhr,« fügte er hinzu, indem er die Schieblade des Tisches öffnete; – »wenn sie wirklich Jhnen gehört – so nehmen Sie dieselbe in Empfang; und wozu dann der Rubel? Wie?«

»Nimm den Rubel, Trofimitsch, Du Taugenichts,« – wehklagte die Frau. – »Bist Du ganz von Sinnen, Alter? Wir haben keine drei Kopeken hinter Leib und Seele, und der thut noch wichtig! Unnütz, daß man Dir den Zopf abgehauen, sonst – ganz wie ein Weib! Wie denn – ohne zu wissen . . . Nimm das Geld, wenn Du Dir einfallen läßt, die Uhr zurückzugeben!«

»Uljana, schweige, Langweilige!« – wiederholte Trofimitsch. – »Wo ist das jemals geschehen – Du sprichst? Wie? Der Mann ist das Haupt und – sie spricht? . . . Petka, rühre Dich nicht, ich schlage Dich todt!. . . Hier ist die Uhr!

Trofimitsch reichte mir die Uhr hin, ohne sie jedoch ans den Fingern zu lassen.

Er besann sich, senkte den Kopf, sah mich dann mit demselben stumpfen, unverwandten Blicke au und kreischte dann aus vollem Halse:

»Aber wo ist er denn? Wo ist der Rubel?«

»Hier ist er, hier,« rief ich hastig und zog das Geldstück aus der Tasche.

Er nahm es jedoch nicht und sah mich immer an. Ich that den Rubel auf den Tisch. Auf einmal schob er ihn in die Schieblade, schleuderte mir die Uhr hin, indem er sich nach links umdrehte und zischte der Frau und dein Sohne zu:

Hinaus, Gesindel!«

Uljana stotterte etwas – ich war aber schon auf den Hof und auf die Straße hinausgesprungen. Die Uhr in die tiefste Tiefe meiner Tasche versenkend und sie mit der Hand recht fest haltend, lief ich nach Hause.

VI

Ich war wieder in den Besitz meiner Uhr getreten, allein es machte mir nicht die geringste Freude. Ich konnte mich nicht, entschließen sie zu tragen; es war nothwendig, besonders vor David, zu verbergen, was ich gethan. Was würde er von mir, von meiner Charakterlosigkeit denken? Ich konnte die unglückliche Uhr nicht einmal in meine Schieblade einschließen; wir hatten alle Schiebladen gemeinschaftlich. Ich war genöthigt, sie bald oben auf meinem Schranke, bald unter der Matratze, bald hinter dein Ofen zu verstecken. . . Und es gelang mir dennoch nicht, David zu betrügen!

Eines Tages hatte ich die Uhr unter der Diele unseres Zimmers hervorgeholt und wollte die silberne Rückseite derselben mit meinem alten semisch-ledernen Handschuh abreiben. David war in die Stadt, ich weiß nicht wohin gegangen; ich erwartete durchaus nicht, daß er bald zurückkehren würde . . . da trat er plötzlich zur Thüre hinein. Ich war so bestürzt, daß ich die Uhr beinahe hätte fallen lassen; ganz verwirrt und mit schmerzhaft geröthetem Gesichte fuhr ich mit der Uhr an der Weste umher – ich konnte die Tasche gar nicht finden.

David sah mich an und lächelte seiner Gewohnheit nach schweigend.

»Was ist Dir,« sprach er endlich. – »Du denkst, ich wußte nicht, daß die Uhr wieder bei Dir ist? Ich habe sie am ersten Tage, wo Du sie brachtest, gesehen.«

»Ich versichere Dich,« begann ich fast mit Thränen.

David zuckte die Achseln.

»Die Uhr ist Dein; Du kannst ja mit ihr thun, was Du willst.«

Nachdem er diese harten Worte gesprochen, ging er hinaus.

Verzweiflung erfaßte mich. Diesmal war schon kein Zweifel mehr; David verachtete mich wirklich.

Das konnte nicht so bleiben.

»Ich will es ihm beweisen,« dachte ich, die Zähne zusammenpressend. Ich begab mich sofort festen Schrittes in’s Vorzimmer, suchte unsern kleinen «Kosaken Juschka auf und schenkte ihm die Uhr! Juschka wollte sie zuerst nicht nehmen, aber ich erklärte ihm, wenn er sie nicht von mir annähme, würde ich sie den Augenblick zerdrücken, mit den Füßen zerstampfen in tausend Stücke zerbrechen und in die Kehrichtgrube werfen! Er bedachte sich, kicherte und nahm die Uhr. Ich kehrte in unser Zimmer zurück, und als ich David in einem Buche lesend fand, theilte ich ihm meine Handlung mit.

Ohne die Augen von der Seite abzuheben, auf welcher er las, sagte David, wieder mit den Achseln guckend und vor sich hin lächelnd, daß die Uhr ja mir gehöre und ich mit ihr schalten und walten könne, wie ich wolle.

Aber es schien mir doch, daß er mich schon etwas weniger verachtete.

Ich war vollkommen überzeugt, daß ich mich nie mehr einem neuen Vorwurfe der Charakterlosigkeit aussetzen würde, denn die Uhr, dieses Geschenk meines garstigen Taufvaters war mir plötzlich so widerwärtig geworden, daß sich durchaus nicht im Stande war, zu begreifen, wie ich die Uhr bedauern, wie ich sie irgend einem Trofimitsch abdringen konnte, der überdies noch im Rechte war zu denken, daß er sehr großmüthig an mir gehandelt habe.

Es vergingen einige Tage . . . Ich erinnere mich dessen, wie an einem derselben auch in unsere Stadt die große Nachricht drang: Der Kaiser Paul sei verschieden und sein Sohn Alexander, dessen Seelengröße und Menschenliebe so bekannt waren, habe den Thron bestiegen. Diese Nachricht regte David schrecklich auf; es stellte sich ihm sogleich die Möglichkeit eines Wiedersehens, eines nahen Wiedersehens mit seinem Vater dar. Auch mein Vater freute sich.

»Jetzt werden alle Verbannten ans Sibirien zurückberufen werden und auch Bruder Jegor wird wohl nicht vergessen werden,« wiederholte er, sich die Hände reibend, hüstelnd und dennoch etwas verzagt.

David und ich, wir gaben das Arbeiten und den Besuch des Gymnasiums sogleich auf; wir gingen nicht einmal spazieren, wir saßen nur immer in irgend einem Winkel und berechneten und erwogen, in wie vielen Monaten, Wochen und Tagen »Bruder Jegor« zurückkehren müsse, wohin man ihm schreiben, wohin ihm entgegengehen könne, und auf welche Weise wir dann unser Leben einrichten wollten? »Bruder Jegor« war Architekt; wir beschlossen mit David, daß er nach Moskau übersiedeln und dort große Schulen für arme Leute aufbauen müsse, wo dann wir seine Gehilfen sein wollten. Die Uhr hatten wir darüber natürlich ganz vergessen, zudem stellten sich für David neue Sorgen ein . . . davon jedoch später; der Uhr aber war es bestimmt, sich noch in Erinnerung zu bringen.

VII

Eines Morgens, wir hatten soeben erst gefrühstückt – ich saß allein am Fenster und dachte an die Rückkehr des Onkels – das April-Thauwetter dampfte und glitzerte auf dem Hofe – als plötzlich Pulcheria Petrowna in’s Zimmer hinein gelaufen kam. Sie war immer sehr flink und unruhig, sprach mit einem kreischenden Stimmchen und fuhr dabei mit den Händen in der Luft umher; diesmal aber stürzte sie förmlich auf mich los.

»Geh! geh’ sogleich zu Deinem Vater, mein Herr!« schmetterte sie. »Was hast Du da für Streiche angegeben, Du Unverschämter! Ihr sollt aber auch Beide dafür bekommen! Nastasei Nastaseitsch hat alle Eure Streiche an’s Tageslicht gebracht! . . . Geh! der Vater ruft Dich . . . gehe den Augenblick!«

Noch immer Nichts begreifend, folgte ich meiner Taute; – als ich über die Schwelle des Gastzimmers trat, gewahrte ich meinen Vater, der mit großen Schritten und zerzaustem Haare auf- und niederging; Juschka stand in Thränen an der Thüre und in einem Winkel auf dem Stuhle saß mein Taufvater, Nastasei Nastaseitsch mit dem Ausdruck einer ganz besonderen Schadenfreude in den aufgeblasenen Nasenlöchern und den brennenden, schielenden Aeuglein.

Sobald ich hereintrat, flog mein Vater auf mich zu.

»Du hast Deine Uhr Juschka geschenkt? rede?

Ich warf einen Blick auf Juschka . . .

»So rede doch,« wiederholte mein Vater, mit den Füßen stampfend.

»Ja,« erwiderte ich und erhielt sogleich eine weit ausgeholte Ohrfeige, die meiner Tante große Freude machte. Ich hörte, wie sie krächzte, als hätte sie einen Schluck heißen Thee genommen.

Mein Vater lief von mir zu Juschka hinüber.

»Und Du, Niederträchtiger! hättest Dich nicht erdreisten dürfen, das Geschenk der Uhr anzunehmen,« sprach er, ihn an den Haaren herumziehend. – Und Du Schurke, hast sie noch dem Uhrmacher verkauft!«

In der Einfalt seines Herzens hatte Juschka in der That, wie ich in der Folge erfuhr, die Uhr zu dem benachbarten Uhrmacher getragen. Der Uhrmacher hatte sie in’s Schaufenster gehängt ; Nastasei Nastaseitsch hatte sie im Vorübergehen dort gesehen, sie aber rückgekauft und zu uns in’s Haus gebracht.

Mein und Juschka’s Verhör dauerte indessen nicht lange; mein Vater war athemlos, fing an zu husten und das Zürnen war überhaupt nicht seine Art.

»Bruder, Porphyri Petrowitsch,« sagte meine Taute, sobald sie, gewiß nicht ohne Bedauern bemerkte, daß meines Vaters Zorn sich besänftigte; »regen Sie sich doch nicht mehr auf; es ist nicht der Mühe werth, daß Sie sich die Hände damit besudeln. Ich aber schlage Folgendes vor: mit der Zustimmung des geachteten Nastasei Nastaseitsch und in Anlaß der großen Undankbarkeit Ihres Sohnes werde ich diese Uhr zu mir nehmen; da er aber durch seine Handlung bewiesen hat, daß er unwürdig ist, dieselbe zu tragen und deren Werth nicht begreift, so werde ich sie in Ihrem Namen einem Menschen schenken, der Ihr Wohlwollen tief empfinden wird.«

»Wer ist das?« fragte mein Vater.

»Chrysanth Lukitsch,« erwiderte meine Tante etwas zaghaft.

»Dem Chrysaschka ?«« fragte mein Vater noch einmal, holte dann mit der Hand aus und fügte hinzu: »meinetwegen; und wenn Ihr sie in den Ofen werft!«

»Und Sie, Verehrter, sind Sie damit einverstanden?« wandte sich meine Taufe an Nastasei Nastaseitsch.

»Mit der vollkommensten Bereitwilligkeit,« erwiderte jener. – Während des ganzen »Verhörs« hatte er sich nicht von seinem Stuhle gerührt und hatte nur leise geschnauft, sich leise die Fingerspitzen gerieben und seine Augen abwechselnd auf mich, auf den Vater und auf Juschka gerichtet. Wir hatten ihm ein wahrhaftes Vergnügen bereitet.

Der Vorschlag meiner Taute hatte mich in tiefster Seele empört. Nicht, daß die Uhr mir Leid gethan hätte, aber der Mensch, dem sie dieselbe zu schenken beabsichtigte, war mir allzusehr verhaßt. Dieser Chrysanth Lukitsch dessen Familienname Tranquillilatin hieß, war ein gesunder, vierschrötiger, langgestreckter Seminarist, der, weiß der Teufel weshalb, sich gewöhnt hatte, zu uns ins Haus zu kommen! »Um sich mit den Kindern zu beschäftigen,« versicherte die Taute; mit uns konnte er sich indessen schon deshalb nicht beschäftigen, weil er selbst nichts gelernt hatte, und dumm war wie ein Pferd.

Er erinnerte überhaupt an ein Pferd: er stampfte mit den Füßen wie mit Hufen, lachte nicht, sondern wieherte, wobei er seinen ganzen Rachen bis an die Kehle sehen ließ – und hatte ein langes Gesicht mit einem Höcker und breite, flache Backenknochen; er trug einen zottigen, friesenen Kaftan und roch nach rohem Fleische. Meine Tante hielt große Stücke auf ihn, nannte ihn einen ansehnlichen Mann, einen Cavalier und sogar einen Grenadier. Er hatte die Gewohnheit, uns Kindern auf die Stirne ein Schnippchen zu schlagen (er that es auch mit mir, als ich jünger war) mit seinen steinharten Fingern und dabei zu zanken und sich zu verwundern: »Wie Dein Kopf klingt, er muß wohl hohl sein!« – Und dieser Tölpel sollte meine Uhr besitzen? – Auf keinen Fall! beschloß ich bei mir, als ich ans dem Gastzimmer hinauslief und mit den Füßen auf mein Bett hinaufkroch, während meine Wange sich von der erhaltenen Ohrfeige röthete und brannte, und auch in meinem Herzen die Bitterkeit der Beleidigung und der Durst nach Rache aufloderten . . . Auf keinen Fall! Ich werde es nicht zulassen, daß dieser verfluchte Seminarist mich verspottet . . . meine Uhr anlegt, die Kette über den Magen herabhängen läßt und vor Vergnügen wiehert. . . . Auf keinen Fall!

Das war Alles richtig; aber was sollte ich thun? Wie sollte ich es verhindern?

Ich beschloß, meiner Tante die Uhr zu stehlen.

VIII

Zum Glück hatte sich Tranquillilatin um die Zeit gerade, ich weiß nicht wohin, ans der Stadt entfernt; er konnte nicht vor dem morgenden Tage zu uns kommen. Ich mußte die Nacht benutzen. Meine Tante schloß sich nicht in ihrem Zimmer ein, und in unserem ganzen Hause schloß ein einziger Schlüssel ein Schloß; aber wohin würde sie die Uhr legen? Wo würde sie dieselbe verwahren? Bis zum Abend trug sie die Uhr in der Tasche und hatte sie nicht ein einziges Mal hervorgezogen und betrachtet, aber in der Nacht? – Wo würde sie da sein? – Nun, dachte ich, das soll meine Sache sein, sie aufzufinden und schüttelte die geballte Faust.

Ich glühte förmlich in Kühnheit, Furcht und Freude an dem nahen, gewünschten Verbrechen; ich bewegte den Kopf fortwährend von Oben herab, ich zog die Augenbrauen zusammen ich flüsterte: »Wartet nur!« Ich drohte Jemand, ich war böse, ich war gefährlich . . . und ich ging David aus dem Wege! – Niemand, nicht einmal er sollte die geringste Ahnung von dem haben, was ich zu vollbringen beabsichtigte . . . Ich werde allein handeln – und allein die Verantwortung tragen!

Langsam zog sich der Tag hin dann der Abend . . . und endlich war die Nacht da. Ich that Nichts, ich suchte sogar mich nicht zu bewegen; ein einziger Gedanke hatte sich mir wie ein Nagel im Kopfe festgesetzt.

Bei Tisch machte mein Vater, der, wie ich schon gesagt habe, kein nachtragendes Herz hat, einen Versuch, mich zu versöhnen, – er schämte sich wohl auch seiner Heftigkeit – einen sechzehnjährigen Knaben schlägt man nicht mehr in’s Gesicht – allein, ich wies seine Freundlichkeit ab, nicht, weil ich nachtragend war, wie er sich damals einbildete, sondern weil ich fürchtete, weich zu werden; ich mußte mir die ganze Gluth meiner Rache, die ganze Festigkeit meines unwiderruflichen Entschlusses bewahren!

Ich legte mich sehr früh hin, ich schlief aber natürlich nicht ein und schloß nicht einmal die Augen, sondern riß sie vielmehr weit auf, ob ich mir gleich die Bettdecke über den Kopf gezogen hatte. Ich überlegte nicht vorher, wie ich handeln wollte, ich hatte durchaus keinen Plan; ich erwartete nur den Augenblick, wo endlich Alles im Hause still sein würde. Ich nahm nur eine Maßregel: ich zog meine Strümpfe nicht aus. Das Zimmer meiner Tante befand sich im zweiten Stock. Man mußte durch das Speisezimmer und die Vorzimmer gehen, die Treppe hinaufsteigen, durch einen kleinen Corridor, und dann . . . die Thüre rechts! . . . Es war unnöthig, ein Lichtendchen oder eine Laterne mitzunehmen; in der Ecke von Tantens Zimmer brannte vor dem Heiligenschrein ein ewiges Lämpchen, das wußte ich; da würde ich gut sehen können. Ich fuhr fort, mit weitgeöffneten Augen und offenem, vertrocknetem Munde dazuliegen; das Blut schlug mir in den Schläfen, den Ohren, dem Halse, dem Rücken, dem ganzen Körper! Ich wartete . . . aber es war, als wenn der Teufel sein Spiel mit mir trieb: Die Zeit floh, floh . . . und es wollte nicht still werden!

IX

Nie, so kam es mir vor, war David so spät eingeschlafen . . . David, der schweigsame David fing sogar ein Gespräch mit mir au! Noch nie hatte man so spät im Hause gelärmt und gesprochen, nie war man so lange herumgegangen! Worüber mögen sie doch sprechen? dachte ich; haben sie vom Morgen an dazu nicht Zeit genug gehabt? Auch draußen hörte der Lärm lange nicht auf; bald bellte ein Hund schwach und hartnäckig, bald lärmte ein betrunkener Bauer und wollte sich nicht beruhigen, bald rasselte eine Taluga auf wackligen Rädern und wollte gar nicht vorbeikommen! Diese Töne regten mich übrigens nicht auf; ich freute mich ihrer im Gegentheile, ich weiß nicht weshalb. Sie lenkten meine Aufmerksamkeit etwas ab. – Endlich war nun Alles still. Nur der Pendel unserer alten Uhr im Speisezimmer tickte heiser und würdevoll und man hörte das regelmäßige, gedehnte, gleichsam schwere Athmen schlafender Menschen.

Ich will mich soeben erheben . . . aber, da zischt wieder Etwas vorüber . . . dann ächzt es plötzlich . . . etwas Weiches fällt – und es erhebt sich ein Flüstern; das Flüstern gleitet an den Wänden hin . . .

Oder ist von alledem Nichts – und es neckt mich nur meine Phantasie?

Endlich ist Alles verstummt: jetzt ist es tiefe, dunkle, stille Nacht. – Jetzt ist es Zeit! Ich bin schon ganz kalt, ich werfe meine Bettdecke ab, setze die Füße auf den Boden und erhebe mich . . . Einen Schritt, einen zweiten . . . Ich schleiche mich davon. Die Fußsohlen sind so schwer, als gehörten sie mir gar nicht, sie traten schwach und unsicher auf. Halt! Was ist das für ein Ton? Irgendwo wird gesägt oder gescheuert . . . oder geseufzt? Ich horche auf . . . es ist, als liefen mir Ameisen über die Wangen, in die Augen traten mir kalte, wässerige Thränen . . . Nichts! Ich schleiche mich weiter. Es ist finster; aber ich kenne den Weg. Plötzlich stoße ich an einen Stuhl . . . Welch’ ein Geräusch und wie weh es thut! Der Stoß traf gerade das Schienbein . . . ich erstarre auf dem Flecke . . . was, wenn sie seht erwachen? Ha! Wie dem auch sei! Plötzlich kommt Kühnheit und sogar Zorn zum Vorschein. Vorwärts! Vorwärts! Schon ist das Speisezimmer durchschritten; schon ist die Thüre tappend gefunden und mit einem Ansatze geöffnet . . . Die verdammte Hänge ächzte doch . . . Daß sie! . . . Schon steige ich die Treppe hinauf . . . Eins! Zwei! Eins! Zwei! Eine Stufe knarrte unter meinem Fuße – ich blickte zornig auf sie hin, als könnte ich sie sehen. Schon habe ich die andere Thüre am Griffe gezogen . . . Wenn diese doch auch nur das geringste Geräusch gemacht hätte! Sie öffnete sich so leicht, als wollte sie sagen: Treten Sie gefälligst herein . . . Und jetzt bin ich schon im Corridor!

Im oberen Corridor ist ein kleines Fensterchen unter der Decke. Ein schwachen nächtlicher Lichtschimmer dringt durch die dunkeln Scheiben. Und ich sehe bei diesem dämmernden Scheine, aus der Diele; aus einer Filzdecke liegt, beide Hände unter dem zerzausten Kopfe, unser kleines Mädchen, das zum Schicken gebraucht wurde; sie schläft fest, athmet schnell, und die verhängnißvolle Thüre ist dicht neben ihrem Kopfe. Ich trete über die Filzdecke, über das Mädchen weg . . . Wer mir jene Thüre aufgemacht . . . ich weiß es nicht, schon bin ich in dem Zimmer der Tante und hier ist das Lämpchen in einem Winkel des Zimmers und das Bett der Tante in dem andern, und die Tante liegt in Haube und Nachtjacke, mir zugewandt, ans dem Bette. Sie schläft und regt sich nicht; man hört sie nicht einmal athmen. Die Flamme des Lämpchens bewegt sich, von dem Zudrange frischer Lust angefacht, leise auf und nieder: und über das ganze Zimmer und über das wachsgelbe Gesicht der Tante ziehen schwankende Schatten dahin . . .

Und hier ist auch die Uhr! Hinter dem Bette an der Wand hängt sie auf einem gestickten Kißchen. Welch! ein Glück! Wenn man es bedenkt . . . Jetzt darf nicht gezögert werden! Doch, was sind das für rasche, weiche Tritte hinter meinem Rücken? Ach nein! es ist nur mein klopfendes Herz! . . . Ich hebe einen Fuß auf . . . O Gott! Etwas Rundes, ziemlich Großes stößt mich unterhalb des Kniees . . . einmal, und noch einmal! Ich bin auf dem Punkte, aufzuschreien und vor Schreck umzufallen . . . Ein gestreifter Kater, unser Hauskater steht vor mir, macht einen Buckel und hebt den Schwanz. Und jetzt springt er auf das Bett – schwer und weich – dreht sich herum und sitzt ohne zu schnurren da, wie so ein Richter; – da sitzt er und sieht mich mit seinen goldenen Augensternen an. Kis! Kis! . . . flüstere ich kaum hörbar. Ich beuge mich über die Tante, ich habe schon die Uhr ergriffen . . . Da erhebt sie sich plötzlich, schlägt die Augenlider weit auf . . . Himmlischer Vater! Was wird jetzt? . . . Aber ihre Augenlider beben und schließen sich wieder, und ihr Kopf fällt mit einem schwachen Lallen auf die Kissen zurück.

Noch ein Augenblick – und ich bin wieder in meinem Zimmer, auf meinem Bette und halte die Uhr in meiner Hand . . .

Federleicht war ich zurückgeeilt! Ich bin ein unternehmender Bursche, ein Dieb, ein Held! Ich ersticke vor Freude, mir ist warm, ich bin froh – ich will David sogleich wecken, ihm Alles erzählen und – unglaublich! schlafe, wie ein Todter! Ich öffne endlich die Augen, . . . es ist hell im Zimmer; die Sonne ist schon aufgegangen. Zum Glück ist noch Niemand auf. Ich springe auf, als wäre ich bebrüht, wecke David, theilt ihm Alles mit. Er hört mich lächelnd bis zu Ende an. – »Weißt Du was?« sagt er mir endlich, »wir wollen diese alberne Uhr in die Erde vergraben, damit Nichts mehr von ihr zu hören ist.« Ich finde seinen Gedanken vortrefflich. Einige Augenblicke später sind wir gekleidet und laufen in den Obstgarten, welcher hinter unserem Hause angelegt war. Unter einem alten Apfelbaum, in einer tiefen Grube, die wir mit David’s großem Messer eiligst in der lockeren Frühlingserde gegraben, verschwindet für immer das verhaßte Geschenk meines Taufvaters, welches nun doch nicht dem widerwärtigen Tranquillilatin in die Hände gefallen ist! Wir stampfen die Grube fest, bewerfen sie mit Schutt und kehren stolz und glücklich, von Niemand bemerkt, in’s Haus zurück, legen uns in unsere Betten und genießen noch eine oder zwei Stunden eines leichten glückseligen Schlummers!

X

Man stelle sich den Lärm vor, der sich am andern Morgen erhob, sobald meine Tante erwachte und die Uhr vermißte. Ihr durchdringendes Geschrei klingt mir bis jetzt in die Ohren. »Zu Hilfe! Ich bin bestohlen; bestohlen!« – knirschte sie und brachte das ganze Haus auf die Beine. Sie ras’te, wir aber mit David lachten innerlich, und süß war uns dieses Lächeln. »Alle, alle müssen durchgepeitscht werden!« – schrie die Tante! – »unter meinem Kopfe, unter meinem Kissen ist sie mir herausgezogen worden!« – Wir waren auf Alles gefaßt und erwarteten den Sturm . . . Allein, gegen all’ unser Erwarten entlud sich gar kein Sturm über uns. Im ersten Augenblicke war mein Vater wirklich sehr zornig – er sprach sogar von der Polizei; aber, schon das gestrige Verhör hatte ihn gelangweilt und plötzlich stürzte er, zu unserem unbeschreiblichen Erstaunen nicht über uns, sondern über sie her!

»Sie langweilen mich mehr, als ein bitterer Rettig, mit ihrer Uhr, Pulcheria Petrowna,« schrie er! – »Ich will Nichts mehr von ihr hören! Sie ist nicht durch Zauberei verschwunden, sagen Sie? Was kümmert das mich? Und wäre es durch Zauberei! ist sie Ihnen gestohlen? Nun, so ist sie ihren Weg gegangen! Was wird Nastasei Nastaseitsch sagen? Hole ihn der Teufel, Ihren Nastaseitsch! Ich erfahre Nichts von ihm als Unheil und Unannehmlichkeiten. Daß man sich nicht mehr erdreiste, mich damit zu behelligen! Hört Ihr!« —

Der Vater schlug die Thüre zu und ging in sein Cabinet.

David und ich, wir verstanden zuerst nicht die Andeutung, welche in seinen letzten Worten enthalten war, später erst erfuhren wir, daß mein Vater gerade um jene Zeit sehr ungehalten über meinen Taufvater war, der ihm ein vortheilhaftes Geschäft aus der Hand gespielt hatte. Und so blieb denn meine Tante zum Narren gehalten. Sie wäre fast geborsten vor Aerger, aber dabei war Nichts zu thun. Sie mußte sich damit begnügen, daß sie, wenn sie an mir vorüberging, den Mund nach meiner Seite hin verzog und in einem schneidenden Geflüster rief: »Dieb, Dieb! Züchtling! Spitzbube!« —

Die Vorwürfe meiner Tante gewährten mir eine aufrichtige Freude. Auch sehr angenehm war es, beim Vorübergehen am Gärtchen, einen gleichgültig sein sollenden Seitenblick nach jenem Platze unter dem Apfelbaume hinüberschweifen zu lassen, wo die Uhr ruhte, und mit David, wenn er sich in der Nähe befand, einen Blick des Einverständnisses zu wechseln . . .

Die Tante fing an, Tranquillilatin auf mich zu heben; da half mir aber David. Er erklärte dem robusten Seminaristen gerade heraus, daß er ihm den Bauch mit einem Messer aufschlitzen würde, wenn er mich nicht in Ruhe ließe . . . Tranquillilatin erschrak. Ob er gleich nach dem Aussprache der Tante ein Grenadier und Kavalier war, so zeichnete er sich doch keinesweges durch Muth aus.

Da vergingen etwa fünf Wochen . . . Sie denken vielleicht, daß die Geschichte mit der Uhr hier zu Ende ist? Nein, sie ist noch nicht zu Ende. Ehe ich noch in meiner Erzählung fortfahre, muß ich eine neue Persönlichkeit einführen; um diese neue Persönlichkeit einzuführen, muß ich aber etwas zurückgehen.

XI

Mein Vater war lange Zeit sehr befreundet, sogar vertraut mit einem verabschiedeten Beamten, Latkin, einem hinkenden, verkrüppelten Männchen mit ängstlichen, sonderbaren Manieren, einem jener Wesen, von denen das Gerücht geht, daß sie von Gott selbst geschlagen sind. Gleich meinem Vater und Nastaseitsch führte er Proceßsachen und war privatim »Adocat« und Bevollmächtigter; da er aber weder ein empfehlendes Aeußere noch die Gabe des Wortes und zu wenig Selbstvertrauen besaß, wagte er nicht selbstständig zu handeln und schloß sich meinem Vater an. Seine Handschrift war eine »Reihe von Perlen«, in den Gesetzen war er gut bewandert und verstand alle die Feinheiten und Chikanen des Bittschriften- und Ukasenstyles. Er handhabte mit meinem Vater zusammen die verschiedensten Geschäfte, sie theilten die Vortheile und Verluste mit einander und es schien, als wenn Nichts ihre Freundschaft erschüttern könne; trotz alledem stürzte sie eines Tages zusammen und für immer. Mein Vater entzweite sich gänzlich mit seinem Mitarbeiter.

Wenn Latkin ein vortheilhaftes Geschäft meines Vaters an sich gerissen, wie der später an seine Stelle getretene Nastaseitsch es gethan, – so hätte mein Vater ihm nicht mehr gezürnt, wie Nastaseitsch, vielleicht sogar weniger; aber, unter dem Einflusse eines unerklärlichen und unbegreiflichen Gefühles von Neid, Habgier – oder vielleicht auch in einer momentanen Anwandlung von Ehrlichkeit – hatte er meinen Vater »bloßgestellt«, ihn einem gemeinschaftlichen Clienten, einem jungen, reichen Kaufmannssohne verrathen, indem er dem sorglosen Jünglinge über ein gewisses, – ein gewisses Kunststück die Augen öffnete, welches meinem Vater große Vortheile einbringen sollte.

Nicht der Geldverlust, wie groß er auch sein mochte. – nein! der Verrath tränkte und empörte meinen Vater. Hinterlist konnte er nicht vergeben!

»Seht doch, welch’ ein Heiliger sich hier gefunden,« – sprach er, am ganzen Leibe vor Zorn bebend, so daß die Zähne wie im Fieber aneinander schlugen.

Ich befand mich gerade im Zimmer und war Zeuge dieser häßlichen Scene. – »Gut also! Von dem heutigen Tage an – Amen! Es ist aus zwischen uns. Hier ist Gott – und dort die Schwelle! Weder ich bei Dir, noch Du bei mir; Sie sind für uns viel zu ehrlich – wie sollten wir da gemeinschaftliche Sache machen! Du sollst aber weder Boden noch Deckel habe!« – Vergebens flehte Latkin und that einen Fußfall bei meinem Vater; vergebens suchte er zu erklären, was seine eigene Seele mit schmerzlichen Zweifeln füllte. – »Ohne jeden Vortheil für mich, Porphyri Petrowitsch,« lallte er; – »ich habe ja mich selbst zu Grunde gerichtet!« Mein Vater ließ sich nicht erweichen . . . Latkin kam nicht mehr mit seinem Fuße in unser Haus.

Das Schicksal selbst schien den letzten, harten Wunsch meines Vaters zur Wahrheit machen zu wollen. Bald nach dem Bruch (er fand etwa zwei Jahre vor dem Beginne meiner Erzählung statt) starb Latkin’s Frau, die freilich schon lange gekränkelt hatte; seine zweite Tochter, ein dreijähriges Mädchen, wurde in einem Tage vor Schreck taub und stumm, ein Bienenschwarm setzte sich auf ihren Kopf; Latkin selbst wurde von einem Schlaganfall heimgesucht und versank in die äußerste Armuth.

Man konnte sich gar nicht vorstellen, wie er sich durchschlug und wovon er lebte. Er wohnte in einem verfallenen Hüttchen in geringer Entfernung von unserem Hause. Seine älteste Tochter Raïsa lebte auch bei ihm und führte die Wirthschaft nach Möglichkeit. Und diese Raïsa war namentlich die neue Persönlichkeit, die ich in meiner Erzählung einführen muß.

XII

Während ihr Vater noch in Freundschaft mit dem meinigen lebte, sahen wir sie fortwährend ; sie saß zuweilen Tage lang bei uns und nähte oder spann mit ihren seinen, flinken und geschickten Händen. Sie war ein schlankes, etwas hageres Mädchen mit klugen, braunen Augen und einem bleichen, länglichen Gesichte. Sie sprach wenig, aber gut, mit einer leisen, klangvollen Stimme, ohne den Mund zu öffnen und die Zähne blicken zu lassen ; wenn sie lachte – was selten geschah und niemals lange dauerte, wurden sie dann alle sichtbar, groß, weiß, wie die Mandeln. Ich erinnere mich auch ihres leichten, elastischen, bei jedem Schritte etwas hüpfendes Ganges; es war immer, als ginge sie Stufen herab, selbst wenn sie auf ebener Erde fortging. Sie hielt sich gerade, mit über der Brust zusammen gefalteten Händen. Und was sie auch that, was sie auch in die Hand nahm, sei es nun, daß sie einen Faden in ein Nadelöhr fädelte, oder einen Rock mit dem Plätteisen bügelte – Alles kam bei ihr so hübsch, so . . . Sie werden es nicht glauben . . . so rührend heraus. Ihr christlicher Name war Raïsa; aber wir nannten sie Schwarzlippchen, denn sie hatte aus der Oberlippe einen dunkelblauen Geburtsflecken, gerade als hätte sie Schwarzbeeren gegessen; aber das entstellte sie gar nicht, im Gegentheil . . .

Sie war gerade ein Jahr älter als David. Ich nährte ein Gefühl wie Achtung für sie; sie aber kannte mich wenig. Zwischen ihr und David hingegen entspann sich Freundschaft – keine kindische, eine seltsame aber edle Freundschaft. Sie paßten gut zusammen. Sie wechselten zuweilen stundenlang kein Wort, aber jedes fühlte, daß ihnen beiden wohl war, und zwar darum wohl, weil sie beisammen waren. Einem zweiten Mädchen wie ihr bin ich nie wieder begegnet. Es war etwas Aufmerksames und Entschlossenes, etwas Ehrliches, Trauriges und Liebes an ihr. Ich habe nie ein kluges Wort von ihr gehört, aber auch keine Dummheit und klügere Augen habe ich nie gesehen.

Nach dem Bruche zwischen ihrer Familie und der meinigen sah ich sie seltsamer; mein Vater hatte mir auf das Strengste verboten, Latkins zu besuchen – und sie zeigte sich nicht mehr in unserem Hause. Aber ich begegnete ihr auf der Straße, in der Kirche; und Schwarzlippchen flößte mir immer dieselben Gefühle ein: Achtung, und eine gewisse Verwunderung eher als – Mitleid. Sie trug Ihr Unglück gar zu gut! Selbst der hölzerne Tranquillilatin sagte einmal von ihr: »Ein Kiesel von einem Mädchen!« Eigentlich mußte man sie aber bedauern; ihr Gesicht hatte einen sorgenvollen, erschöpften Ausdruck angenommen, die Augen waren eingefallen und lagen tief, eine übergroße Last war den jungen Schultern auferlegt.

David sah sie öfter als ich; er ging auch zu ihnen in’s Haus. Mein Vater ließ ihn gewähren; er wußte, daß er ihm doch nicht gehorchen würde. Und Raïsa erschien von Zeit zu Zeit an dem Gartenzaune, welcher auf das Seitengäßchen hinausging, und kam dort mit David zusammen; sie führte kein Gespräch mit ihm, sondern theilte ihm irgend eine neue Schwierigkeit oder ein neues Unglück mit und fragte ihn um seinen Rath.

Der Schlaganfall, welcher Latkin betroffen, war sehr seltsamer Art. Seine Arme und Füße waren schwach geworden, aber er war ihres Gebrauches nicht beraubt, selbst das Gehirn hatte nicht gelitten, aber die Zunge verwirrte sich und er sprach ein Wort statt des andern; man mußte errathen, was er eigentlich sagen wollte.

»Tschu – Tschu – Tschu,« lallte er schwerfällig; er fing jeden Satz mit Tschu – Tschu – Tschu an. »Schenen, gebt mir die Schenen« . . . Und Schenen bedeutete Brod. Meinen Vater haßte er aus allen ihm übriggebliebenen Kräften; er schrieb all sein Unglück dessen Verwünschungen zu, und nannte ihn bald einen Fleischer, bald einen Juwelier. Tschu, Tschu, daß Du nicht wagst, zu dem Fleischer zu gehen, Wassiliewna! So hatte er seine Tochter genannt; er selbst aber hieß Martin. Seine Forderungen vermehrten sich mit jedem Tage; seine Bedürfnisse nahmen zu . . . aber wie waren diese Bedürfnisse zu befriedigen? Wo Geld hernehmen? Der Kummer altert schnell; aber manches Wort war von den Lippen eines siebzehnjährigen Mädchens schauerlich zu hören.

XIII

Ich erinnere mich, selbst am Todestage ihrer Mutter, am Gartenzaune einer ihrer Zusammenkünfte mit David beigewohnt zu haben.

»Heute, bei Tagesanbruch starb meine Mutter,« nachdem sie erst mit ihren dunkeln, ausdrucksvollen Augen umhergeschaut und dieselben dann zur Erde gesenkt hatte, »die Köchin hat es übernommen, einen billigen Sarg zu kaufen; aber sie ist nicht zuverlässig; sie vertrinkt am Ende gar noch das Geld. Du solltest jedenfalls kommen und nachsehen, Daviduschka; vor Dir wird sie sich fürchten.«

»Ich werde kommen,« erwiderte David, und nachsehen . . . Wie geht es Deinem Vater?«

»Er weint, und sagt: Ihr solltet auch mich verziehen!«

»Verziehen,« soll wohl heißen beerdigen. Jetzt ist er eingeschlafen.« Raïsa seufzte tief auf. »Ach Daviduschka, Daviduschka!« Sie fuhr sich mit dem halbgeschlossenen Fäustchen über Stirne und Brauen und diese Bewegung war so bitter, so aufrichtig und – so hübsch, wie alle ihre Bewegungen es waren.

»Habe doch Erbarmen mit Dir selbst,« – bemerkte David. – »Hast wohl gar nicht geschlafen . . . Und warum weinst Du? Dem Unglück kann nicht abgeholfen werden.«

»Ich habe keine Zeit zu weinen,« – antwortete Raïsa.

»Das können sich nur die Reichen vergönnen, zu weinen,« – bemerkte David.

Raïsa ging, kehrte aber wieder um.

»Man will uns den gelben Shawl abkaufen, weißt Du, aus der Mutter Aussteuer? Man giebt uns 12 Rubel für denselben. Ich glaube, das ist zu wenig.«

»Freilich, ist das wenig.«

»Wir würden ihn nicht verkaufen,« – sagte Raïsa, nach einem kurzen Schweigen – »aber zur Beerdigung ist es nöthig.«

»Ja gewiß. Tiber mit sehenden Augen sollte man nicht zu viel Geld ausgeben. Diese Priester – es ist ein Elend! Warte nur, ich werde kommen. Gehst Du? – Ich komme bald. Lebewohl, Täubchen!«

»Lebewohl, lieber Bruder!«

»Weine nur nicht, hörst Du?«

– »Ach, weinen? Entweder das Mittagsessen kochen, oder weinen. Eines von Beiden!«

»Wie? Das Mittagsessen bereiten?« wandte ich mich zu David, sobald Raïsa sich entfernt hatte. Nacht sie denn selbst?«

»Du hast ja gehört, die Köchin ist gegangen einen Sarg zu kaufen.«

»Essen kochen,« dachte ich – »und ihre Hände sind immer so rein und ihre Kleidung ist so sauber . . . ich möchte sehen, wie sie dort in der Küche . . . ein ungewöhnliches Mädchen!«

Ich erinnere mich noch eines Gespräches am Gartenzaune.« Diesmal hatte Raïsa ihr kleines, taubstummes Schwesterchen mitgebracht. Es war ein hübsches Kindchen mit großen, verwunderten Augen und einer Masse von schwarzem, glanzlosem Haare auf dem kleinen Kopfe. (Auch Raïsa hatte schwarze, glanzlose Haare.) Latkin war schon vom Schlage gerührt.

»Ich weiß nicht,was ich machen soll,« fing Raïsa an. – »Der Doktor hat ein Recept verschrieben; ich muß in die Apotheke gehen und jetzt kommt unser Bauer (Latkin hatte noch eine leibeigene Seele) und bringt Holz vom Lande und eine Gans. Der Dwornik aber nimmt es fort: Sie sind mir Geld schuldig, sagt er.«

»Die Gans nimmt er fort?« – fragte David.

»Nein, nicht die Gans. Sie ist alt, sagt er, und taugt nicht mehr. Darum, sagt er, hat der Bauer sie uns auch gebracht. Das Holz nimmt er fort.«

»Er hat ja gar kein Recht dazu!« – rief David.

»Recht hat er nicht; er nimmt es doch . . . Ich bin auf dem Speicher gewesen; da haben wir einen alten, sehr alten Kasten stehen. Ich fing an in demselben zu kramen . . . und was habe ich gefunden : sieh!«

Sie zog unter dem Tuch ein ziemlich großes Fernglas in messingener, mit vergilbtem Saffian beklebter Fassung hervor. Als Liebhaber und Kenner von aller Art Instrumenten, griff David sogleich danach.

»Ein englisches,« sagte er, indem er es bald an das eine, bald an das andere Auge hielt, – »ein seemännisches Glas!«

»Die Gläser sind heil,« – fuhr Raïsa fort. – »Ich zeigte es Vaters er sagte: trage es hin und versetze es bei einem Juwelier! Was denkst Du? Wird man dafür Geld erhalten? Wir brauchen ja kein Fernglas. Es sei denn, um uns damit im Spiegel zu betrachten, wie schön wir sind. Es fehlt nur leider der Spiegel.«

Als sie diese Worte gesagt, lachte Raïsa plötzlich laut auf. Ihr Schwesterchen, welches sie natürlich nicht hören konnte, wahrscheinlich aber wohl die Erschütterung ihres Körpers fühlte; sie hielt Raïsa bei der Hand – hob ihre großen Augen zu ihr auf, verzog erschreckt das Gesicht und brach in Thränen aus.

»So ist es immer,« bemerkte Raïsa – »sie liebt nicht, wenn gelacht wird.«

»Nun, ich werde es nicht, ich werde es nicht thun, Liubotschka,« fügte sie hinzu, indem sie neben dem Kinde niederhockte und ihm mit den Fingern über das Haar fuhr. – »Sieh!«

Das Lachen verschwand von »Raïsens Gesicht, und ihre Lippen, deren Enden ganz besonders lieblich heraufgezogen waren, wurden wieder unbeweglich. Das Kind wurde still. Raïsa erhob sich.

,Daviduschka! trage Du also Sorge . . . mit dem Fernglas. Sonst thut mir das Holz leid – und auch die Gans, so alt sie auch sein mag.«

»Zehn Rubel wird man gewiß für dasselbe geben,« – sagte David, das Fernglas nach allen Seiten drehend. »Ich werde es Dir abkaufen, das ist das Beste. Und hier sind unterdessen fünfzehn Kopeken Silber für die Apotheke. Ist das genug?«

»Dieses borge ich von Dir,« flüsterte Raïsa, indem sie das Geldstück von ihm nahm.

»Natürlich! Und mit Procenten – willst Du? Und hier habe ich auch ein Pferd. Ein prachtvolles Ding! . . . Die Engländer – sind doch das erste Volk!«

»Man sagt, daß wir Krieg mit ihnen führen werden?«

»Nein« – erwiderte David – wir schlagen setzt die Franzosen.«

»Nun, das mußt Du besser wissen. Sorge also. Adieu, meine Herren!«

XIV

Immer an demselben Zaune ist ferner auch noch folgendes Gespräch abgehalten worden. Raïsa schien sorgenvoller als gewöhnlich zu sein.

»Fünf Kopeken kostet ein Kohlkopf; und da ist noch der Kopf klein, ganz klein« – sagte sie, das Kinn auf die Hand gestützt. – »So theuer ist es! Und für das Nähen habe ich noch kein Geld erhalten.«

»Ist Dir Jemand schuldig?« – fragte David.

»Ja; immer dieselbe Kaufmannsfrau, welche hinter dem Walle wohnt.«

»Diese? die Dicke, welche in der grünen Schuschana einhergeht?«

»Ja, sie ist es.«

»Sieh’ einmal an! Vor Fett kann sie kaum athmen, in der Kirche steigt ordentlich Dampf von ihr ans, aber ihre Schulden zahlt sie nicht!

»Sie wird zahlen . . . aber wann? Ich habe noch eine neue Sorge, Daviduschka. Vater hat sich in den Kopf gesetzt, mir seine Träume zu erzählen, Du weißt, er hat angefangen zu stottern; er will ein Wort aussprechen und es kommt ein anderes heraus. Was die Nahrung und sonst das gewöhnliche Leben anbetrifft, da sind wir es schon gewohnt, da verstehen wir ihn; Träume sind aber auch bei gesunden Menschen unverständlich, und nun gar bei ihm . . . das ist ein Elend! Da sagt er: Ich bin sehr froh; heute bin ich aus lauter weißen Vögeln einhergegangen; und Gott der Herr hat mir ein Bouquet geschenkt und in dem Bouquet war Andriusche mit einem Messerchen. Er nennt unsere Liubotschka jetzt Andriuscha. Jetzt, sagt er, werden wir Beide gesund werden. Man muß nur mit dem Messerchen tschirk! so machen, und er zeigt auf seinen Hals. Und ich verstehe ihn nicht; ich sage: gut, lieber Vater, gut. Er aber wird böse und will wie immer erklären, warum es sich handelt. Er weinte sogar.«

»Du hättest ihm irgend etwas sagen sollen,« mischte ich mich hinein, »hättest Du ihm doch etwas vorgelogen!«

»Ich verstehe nicht zu lügen,« sagte Raïsa und machte dabei eine abwehrende Bewegung mit der Hand. So war es, sie konnte nicht lügen.

»Du brauchst nicht zu lügen,« bemerkte David, »brauchst Dich aber auch nicht zu grämen. Das dankt Dir doch Niemand.«

Raïsa sah ihn unverwandt an.

»Ich wollte Dich etwas fragen, Daviduschka; wie schreibt man schtop? [Eine Stelle, die nicht zu übersetzen ist, weil es sich um die Orthographie eines russischen Wortes handelt.]

»Was heißt das schtop?

»Zum Beispiel: ich will, daß (schtop) Du lebest.«

»Schreibe: Scha**, [Slavonische Benennung der russischen Buchstaben.] twerdo, on, buki, Jer!«

»Nein« – fiel ich ein —»nicht sha, aber tscherw!«

»Nun, gleichviel; schreibe tscherw! Die Hauptsache aber, bleibe Du selbst am Leben.«

»Ich möchte gerne richtig schreiben,« bemerkte Raïsa erröthend.

Wenn sie erröthete, so verschönerte sie das gleich ungemein.

»Das könnte mir zu statten kommen . . . Wie schön hat mein Vater seiner Zeit geschrieben. . . bewunderungswürdig! Er hat mich auch schreiben gelehrt. Nun, jetzt kennt er kaum die Buchstaben.«

»Lebe Du nur, wiederholte David mit leiserer Stimme und ohne das Auge von ihr zu wenden. Raïsa warf einen schnellen Blick auf ihn und errröthete noch mehr. »Lebe,« und was das Schreiben anbetrifft, . . . so schreibe wie Du es verstehst . . . Der Teufel auch! die Hexe kommt! (David nannte meine Tante Hexe) Was hat sie hier zu suchen? . . . Geh, meine Seele!«

Raïsa warf noch einen Blick ans David und lief davon.

David sprach sehr selten und ungern mit mir über Raïsa, über ihre Familie, besonders seit der Zeit, wo er der Rückkehr seines Vaters entgegen sah. Er dachte nur an ihn, und wie wir später leben würden. Er erinnerte sich lebhaft seines Vaters und fand ein besonderes Vergnügen daran, mir denselben zu beschreiben.

»Er ist hoch von Wuchs, stark . . . er hebt mit einer Hand zehn Pud auf. . . Und schreit er: He, Kleiner! so hört man es im ganzen Hause. Er ist ein prächtiger Mensch, gut . . . und brav! Der fürchtete sich vor Niemand. Wir lebten prächtig, bis wir zu Grunde gerichtet wurden. Man sagt, er sei jetzt ganz grau geworden; früher aber hatte er rothes Haar wie ich. Ein Starker! . . .«

David wollte durchaus nicht zugeben, daß wir in Rjäsan blieben.

»Ihr werdet fort,« bemerkte ich, – »ich aber werde hier bleiben.«

»Unsinn! wir nehmen Dich mit.«

»Und mein Vater?«

»Deinen Vater mußt Du verlassen. Und wenn Du ihn nicht verläßt, so bist Du verloren.«

»Wie das?«

David antwortete mir nicht und zog nur seine weißen Brauen zusammen.

»Und wenn wir dann mit dem Vater wegfahren,« fing er von Neuem an; – »sucht er sich eine gute Stelle, ich heirate . . .«

»Nun, damit hat es noch Zeit,« – bemerkte ich.

»Nein gar nicht! Ich heirate bald.«

»Du?«

»Ja, ich; wie ?«

»Du hast wohl gar schon eine Braut auf der Fährte?«

»Freilich habe ich das.«

»Was ist sie denn ?«

David lächelte.

»Wie einfältig Du doch bist! Natürlich Raïsa.«

»Raïsa!« – wiederholte ich verwundert. – »Du scherzest??«

»Ich verstehe nicht einmal zu scherzen, Bruder, und liebe es nicht.«

»Sie ist ja aber ein Jahr älter als Du?«

»Was thut denn das? Uebrigens, brechen wir dieses Gespräch ab.«

»Erlaube mir nur eine Frage,« – sprach ich, »Weiß sie, daß Du sie heiraten willst?«

»Wahrscheinlich.«

»Aber Du hast Dich ihr nicht entdeckt?«

»Was ist da zu entdecken? Kommt die Zeit, so werde ich es sagen. Nun, basta!«

David stand auf und verließ das Zimmer. Als ich allein war, dachte ich . . . dachte ich . . . und entschied, daß David wie ein vernünftiger, praktischer Mensch handelt; und es war mir schmeichelhaft, der Freund eines so praktischen Mannes zu sein.

Und Raïsa in ihrem immer gleichen, schwarzen, wollenen Kleidchen, erschien mir plötzlich reizend und der treuesten Liebe werth.

XV

Davids Vater kam indessen immer nicht an und schrieb auch nicht. Der Sommer hatte sich längst festgesetzt, der Juni-Monat ging zu Ende. Wir waren der Erwartung müde.

Unterdessen verbreitete sich das Gerücht, daß Latkin‘s Zustand sich plötzlich sehr verschlimmert habe, – und daß seine Familie nächstens vor Hunger sterben oder das Haus zusammenstürzen, und sie Alle unter seinem Dache begraben würde. David veränderte sich im Gesichte und wurde so böse und finster, daß man ihm nicht nahe kommen konnte. Er entfernte sich öfter. Mit Raïsa kam ich gar nicht zusammen. Zuweilen sah ich sie flüchtig ans der Ferne, wenn sie mit ihrem leichten, zierlichen Gange, gerade wie ein Pfeil, mit unterschlagenen Armen, mit ihrem dunkeln, klugen Blick unter den langen Wimpern, mit einem sorgenvollen Ausdruck des bleichen, lieblichen Gesichtes – rasch über die Straße ging, und das war Alles.

Meine Tante schalt mich mit Hilfe ihres Tranquillilatin, wie früher, und flüsterte mir wie früher vorwurfsvoll in‘s Ohr: »Dieb! mein Herr! Dieb!« Aber ich beachtete sie nicht; und mein Vater war beschäftigt, saß unaufhörlich hinter seinen Büchern, fuhr umher, schrieb, und wollte Nichts weiter wissen.

Als ich eines Tages am bewußten Apfelbaum vorüberging, warf ich ans bloßer Gewohnheit einen Seitenblick auf das bekannte Plätzchen; da kam es mir vor, als wenn an der Oberfläche der Erde, die unseren Schatz deckte, eine Veränderung vorgegangen sei. Da wo früher eine Vertiefung gewesen war, hatte sich jetzt eine kleine Erhöhung gebildet und die Schuttstücke lagen anders! »Was konnte das bedeuten?« dachte ich bei mir. »Sollte Jemand unser Geheimniß durchdrungen und die Uhr ausgegraben haben?«

Hiervon mußte ich mich mit eigenen Augen überzeugen. Für die Uhr, welche im Schooße der Erde rostete, empfand ich natürlich die vollkommenste Gleichgültigkeit; aber ich konnte doch nicht zugeben, daß ein Anderer sie brauchte?

Am andern Tage stand ich also wieder vor Tagesanbruch auf, bewaffnete mich mit einem Messer und begab mich in den Garten; ich suchte das bezeichnete Plätzchen unter dem Apfelbaume auf und fing an zu graben – und, als ich eine fast dem Anscheine nach tiefe Grube gegraben, mußte ich mich davon überzeugen, daß die Uhr fort war, daß Jemand sie genommen, herausgeholt, gestohlen hatte!

Aber wer konnte sie dort herausholen – wenn es nicht David war?

Wer anders wußte, wo sie sich befunden?

Ich schüttete die Grube zu und kehrte nach Hause zurück.

»Wollen wir annehmen,« dachte ich, »daß David die Uhr brauchte, um seine zukünftige Frau und deren Vater vom Hungertode zu retten . . . Was man auch sagen mag, so ist diese Uhr denn doch immer etwas werth . . . aber, warum kam er da nicht zu mir und sagte: »Bruder – (ich hätte an Davids Stelle ganz bestimmt gesagt: Bruder) – Bruder, ich brauche Geld; Du hast keines, ich weiß es, aber gestatte mir die Uhr zu benützen, die wir zusammen unter dem alten Apfelbaum vergruben. Sie bringt Niemand Gewinn, ich aber werde Dir so dankbar sein, Bruder!« Mit welcher Freude hätte ich eingewilligt! Aber heimlich, verrätherisch handeln, sich dem Freunde nicht anzuvertrauen, . . .Nein! Keine Leidenschaft und keine Noth kann dies entschuldigen!

Ich wiederhole, ich war gekränkt. Ich fing an, ihm Kälte zu zeigen, zu schmollen . . .

Aber David war nicht von Denjenigen, welche das bemerken und sich darum grämen.

Ich fing an, Anspielungen zu machen; aber David schien meine Anspielungen gar nicht zu bemerken!

Ich sprach in seiner Gegenwart davon, wie niedrig in meinen Augen derjenige Mensch sei, der einen Freund habe und sogar die ganze Bedeutung des heiligen Gefühles der Freundschaft verstehe, und dennoch nicht Seelengröße genug besitzt, und zur List seine Zuflucht nimmt, als wenn es möglich wäre, etwas zu verbergen!

Und indem ich diese letzten Worte sprach, lachte ich verächtlich.

Aber David lieh mir ein taubes Ohr!

Ich fragte ihn endlich gerade heraus, was er wohl meine: ob unsere Uhr noch einige Zeit gegangen sei, nachdem wir sie vergraben, oder ob sie gleich stehen geblieben sei?

Er antwortete mir: »Weiß es der Teufel! Wie kommst Du darauf, darüber zu grübeln?!«

Ich wußte nicht, was ich davon denken sollte. David hatte offenbar etwas auf dem Herzen . . . aber der Raub der Uhr war es nicht. Ein unerwarteter Zufall bewies mir seine Unschuld.

XVI

Ich kehrte eines Tages durch ein Seitengäßchen nach Hause zurück, durch welches ich gewöhnlich zu gehen vermied, da sich in demselben ein Seitenflügel befand, in welchem mein Feind Tranquillilatin wohnte; diesmal aber führte mich das Schicksal selbst dorthin. Indem ich unter dem geschlossenen Fenster eines einfachen Wirthshauses vorüberging, hörte ich plötzlich die Stimme unseres Dieners Wassili, – eines ausgelassenen Burschen, eines großen »Faullenzers und Schelmes«, wie mein Vater sich ausdrückte – er war aber auch ein großer Eroberer weiblicher Seelen, auf welche er durch witzige Reden, durch Tanz und Spiel ans dem Torban wirkte.

»Und geh’ doch, was haben sie sich da ausgedacht!« sprach Wassili, den ich nicht sehen, aber sehr deutlich hören konnte; er saß wahrscheinlich gerade hart am Fenster mit einem Kameraden bei ein paar Gläsern Thee, – und wie das oft mit Leuten im geschlossenen Zimmer geht, er sprach laut, ohne zu ahnen, daß jeder Vorübergehende auf der Straße jedes Wort hören konnte. – »Was sie ausgedacht? Sie haben sie in die Erde vergraben!«

»Du lügst!« brummte eine andere Stimme.

»Ich sage es Dir.

Unsere jungen Herren sind so ungewöhnlich! besonders dieser Davidka . . . ein vollkommener Jesop . . . Ich war bei der ersten Morgendämmerung aufgestanden und trete so an’s Fenster . . . Ich seht: was ist das für eine räthselhafte Geschichte? . . . Da gehen unsere beiden lieben Jungen durch den Garten, tragen diese selbe Uhr, graben unter dem Apfelbaum eine Grube – und hinein mit ihr, als wäre es ein Säugling! Hierauf ebnen sie die Erde wieder, bei Gott! diese Liederlichen!

»Ach, hol’ sie der Kuckuck!« – sagte Wassili’s Gefährte. »Der Hafer sticht sie wohl. Nun, und was dann? – Hast Du die Uhr ausgegraben?«

»Das versteht sich, habe ich sie ausgegraben. Sie ist auch jetzt noch bei mir. Ich wage jedoch noch nicht sie zu zeigen. Es ist gar zu viel Lärm um sie gemacht worden. Der Davidka hatte sie in derselben Nacht unserer Alten unter dem Rückgrathe weggezogen.«

»Ah – ah!«

»Ich sage es Dir. Ohne Pardon. Ich kann sie also nicht zeigen. Wenn Officiere ankommen, will ich sie Einem verkaufen, oder ich verspiele sie bei den Karten.«

Ich hörte auf zu horchen, stürzte kopfüber nach Hause und gerade aus David los.

»Bruder!« – fing ich – – »Bruder! vergieb mir! Ich bin schuld vor Dir! Ich habe Dich in Verdacht gehabt, ich habe Dich beschuldigt! Du siehst wie erregt ich bin! Vergieb mir!«

»Was ist Dir?« fragte David; – »erkläre Dich!«

»Ich hatte Dich in Verdacht, daß Du unsere Uhr unter dem Apfelbaum heraus – —«

»Wieder diese Uhr! Ist sie denn nicht da ?«

»Nein, sie« ist nicht da; ich dachte, Du hättest sie genommen, um Deinen Bekannten zu helfen. Und das hat Alles Wassili gethan!«

Ich theilte David mit, was ich unter dem Fenster des Gasthauses gehört.

Aber wie soll ich meine Bestürzung beschreiben! Ich hatte natürlich geglaubt, daß David unwillig sein würde, aber ich konnte das durchaus nicht erwarten was in ihm vorging! Kaum hatte ich meine Erzählung beendigt, als er in unaussprechliche Wnth gerieth, David, der nicht anders als mit Verachtung von dieser, seinen Worten nach, »albernen Uhrangelegenheit« sprach, derselbe David, welcher oft versichert hatte, daß sie keiner ausgegessenen Eierschale werth war – sprang hier plötzlich auf, brauste auf, preßte die Zähne zusammen und ballte die Faust. »Das kann nicht so bleiben!« sagte er endlich. – »Wie darf er sich fremdes Eigenthum aneignen? Warte nur, ich werde ihm zeigen! Mit Dieben habe ich keine Nachsicht!« Ich gestehe, daß ich bis auf diesen Augenblick nicht begreife, was David in dieser Weise aufbringen konnte, war er ohnedies schon gereizt, so daß Wassili’s That nur Oel in’s Feuer goß, oder hatte ihn mein Verdacht gekränkt – ich kann es nicht sagen; aber ich habe ihn nie in solcher Aufregung gesehen.

Ich stand mit offenem Munde vor ihm und wunderte mich nur, wie schwer und mächtig er athmete.

»Was beabsichtigst Du denn zu thun?« fragte ich endlich.

»Das sollst Du sehen – nach Tisch, wenn der Vater sich zur Ruhe begeben hat. Ich werde diesen Spötter schon zu finden wissen! Ich werde mit ihm reden!«

»Nun,« dachte ich, »ich möchte gerade nicht an der Stelle dieses »Spötters« sein. – Was wird daraus entstehen, Herr! Du mein Gott!«

XVII

Und es entstand Folgendes daraus.

Sobald sich nach dem Mittagsessen jene schläfrige, bedrückende Stille eingestellt hatte, welche sich bis jetzt noch in der Mitte des Tages, nach eingenommener Speise, auf das russische Volk legt, – begab sich David (ich folgte ihm mit erstarrendem Herzen auf dem Fuße nach) in das Leutezimmer und rief Wassili aus demselben heraus. Dieser wollte anfänglich nicht kommen, gehorchte aber schließlich doch und folgte uns in das Gärtchen.

David stellte sich dicht vor seine Brust hin.

Wassili war um einen ganzen Kopf größer als er.

– »Wassili Terentjeff,« begann mein Gefährte mit fester Stimme, – »Du hast vor etwa sechs Wochen unter diesem selben Apfelbaume eine, von uns dort verborgene Uhr herausgeholt. Du hattest kein Recht das zu thun. Sie gehörte Dir nicht. Gieb sie sogleich zurück.«

Wassili verwirrte sich etwas, erholte sich aber gleich wieder. »Was für eine Uhr? Was sagen Sie? Gott mit Ihnen! Ich habe gar keine Uhr!«

»Ich weiß, was ich sage; Du aber lüge nicht. Die Uhr ist bei Dir. Gieb sie zurück.«

»Ich habe Ihre Uhr nicht.«

»Wassili Terentjeff,« – sprach er dumpf und drohend. »Uns ist mit Gewißheit bekannt, daß die Uhr bei Dir ist. Man sagt es Dir ehrlich: gieb sie zurück. – Und wenn Du sie nicht zurückgiebst . . .

Wassili lächelte frech.

»Was werden Sie in diesem Falle mit mir machen? Nun? . . .«

»Was? – Wir werden uns so lange mit einander schlagen, bis entweder Du mich oder ich Dich besiegt.«

Wassili brach in Lachen ans.

»Schlagen? Das ist nicht Herrensache! – »sich mit einem Knechte schlagen!«

David ergriff Wassili plötzlich bei der Weste.

»Wir werden uns nicht mit Fäusten schlagen,« – sagte er mit den Zähnen knirschend, – »verstehst Du? Ich werde Dir ein Messer geben und selbst eines nehmen . . . Nun, und da wollen wir denn sehen, wer den Andern . . . Alexej!« – befahl er mir, laufe nach meinem Messer, weißt Du, mit dem knöchernen Stiele, es liegt dort auf dem Tische; das andere habe ich in der Tasche.«

Wassili war dein Umsinken nahe. David hielt ihn immer noch an der Weste fest.

»Erbarmen Sie sich, erbarmen Sie sich. . . David Jagovitsch, – lallte er, und die Thränen traten ihm in die Augen. »Was ist das? Was thun Sie? Lassen Sie mich los!« —

»Ich werde Dich nicht loslassen. – Nachsicht werde ich Dir keine zeigen. – Und wenn Du Dich uns heute entwindest, so fangen wir morgen von vorne an. – Aljeschka, wo ist denn das Messer?«

»David Jagovitsch!« – heulte Wassili, – »begehen Sie keinen Mord . . . Was ist denn das? – die Uhr . . . ich . . . in der That . . . zum Scherze . . . ich werde sie Ihnen den Augenblick einhändigen. Wie? . . . bald wollen Sie Chrysanth Lukitsch den Bauch aufschlitzen bald mir . . . Lassen Sie mich los, David Jagovitsch. Wollen Sie die Uhr nicht in Empfang nehmen. Sagen Sie es nur nicht dem Vater.«

David ließ Wassili’s Weste los. Ich sah ihm in’s Gesicht. Freilich – da konnte auch ein Anderer als Wassili erschrecken. So niedergeschlagen . . . so kalt . . . und so böse war es.

Wassili sprang in’s Haus und kehrte gleich darauf, mit der Uhr in der Hand, zurück. – Er gab sie schweigend David ab und erst als er in‘s Haus zurückkehrte, rief er laut auf der Schwelle; »Tfu! Welch’ eine Geschichte!«

Er sah immer noch ganz entstellt aus. David nickte mit dem Kopf und begab sich in unser Zimmer. Ich schlich ihm wieder nach. – »Suworow! der leibhaftige Suworow!« dachte ich bei mir. Damals, im Jahre 1801 war Suworow unser erster, volksthümlicher Held.

XVIII

David machte die Thüre hinter sich zu, that die Uhr auf den Tisch, kreuzte die Arme und – o Wunder! – brach in Lachen aus. Bei seinem Anblicke fing auch ich an zu lachen.

»Welch ein wunderbares Ding!« – fing er an. – »Wir können uns dieser Uhr auf keine Weise entledigen. – Sie muß wirklich verzaubert sein. Und warum habe ich mich eigentlich so erzürnt?«

»Ja, warum ?« – wiederholte ich. – »Du hättest sie Wassili lassen sollen.«

»Nein doch« – unterbrach David mich, —

»Possen! Was sollen wir aber jetzt mit ihr beginnen?«

»Ja, was?«

Wir sahen Beide die Uhr an – und dachten nach. An einer Schnur aus blauen Staubperlen – (der unglückliche Wassili hatte in der Eile nicht Zeit gehabt, diese Schnur, die ihm gehörte, abzunehmen) – sie that ruhig ihre Sache: tickte – freilich etwas unregelmäßig – und langsam bewegte sich der kupferne Minutenzeiger.

»Sollen wir sie wieder vergraben? Oder in den Ofen mit ihr? schlug ich endlich vor. Oder – sollten wir sie nicht Latkin hintragen?«

»Nein,« – erwiderte David. – »Das ist Alles nicht das Rechte. Aber, höre einmal: Bei der Kanzlei des Gouverneurs ist eine Commission eingesetzt, welche milde Gaben zum Beistande der Kasimov'schen Abgebrannten einsammelt. Die Stadt Kasimov sagt man, ist mit allen Kirchen bis auf den Grund abgebrannt. Dort, sagt man, wird Alles angenommen; nicht allein Korn und Geld, sondern auch allerlei Sachen in natura. Geben wir diese Uhr dorthin! Eh ?«

»Geben wir, geben wir sie dorthin,« – rief ich lebhaft. – »Ein herrlicher Gedanke! Allein ich glaubte, da die Familie Deiner Freunde Noth leidet . . .«

»Nein, nein! In die Commission. Latkins werden sich ohne sie behelfen. – In die Commission.«

»Nun, so sei es denn. Ich glaube aber, daß dabei eine Schrift an den Gouverneur ausgesetzt werden wüßte.«

David sah mich an. – »Glaubst Du?«

»Ja; viel braucht man natürlich nicht zu schreiben; aber so, einige Worte.

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel . . . so anfangen: »Da wir« . . « oder »Bewegt« . . .

»Bewegt« . . . gut.

»Dann muß man sagen: »Dieses, unser kleines Scherflein . . . «

»Scherflein . . . auch gut; nun nimm eine Feder, setze Dich, und schreibe. Vorwärts!«

»Zuerst in’s Unreine,« – bemerkte ich.

»Gut, so mache ein Broiillon; aber schreibe, schreibe nur ich will sie indessen mit Kreide putzen.«

Ich nahm ein Blatt Papier und schnitt eine Feder; aber ich hatte kaum Zeit, oben aus dem Blatte: »Seiner Excellenz, dem Herrn Fürsten, Durchlaucht,« aufzuschreiben (wir hatten damals den Fürsten H. zum Gouverneur), als ich , von einem ungewöhnlichen Lärm betroffen, der sich im Hause erhob, inne hielt. David bemerkte ebenfalls den Lärm und hielt auch inne mit seiner Arbeit, die Uhr in der linken und das Läppchen mit Kreide in der rechten Hand haltend. Wir sahen einander an. Was war das für ein gellender Schrei? Das war der Taute kreischende Stimme . . . und das? – Das ist die vor Zorn heisere Stimme des Vaters. »Die Uhr! die Uhr!« schreit Jemand, mir scheint, es ist Tranquillilatin. – Man hört Schritte kommen, Bretter knarren, die Schreier Alle laufen und kommen gerade auf uns zu. Ich erstarre vor Schreck und auch David hat ein Gesicht wie Lehm, blickt aber auf wie ein Adler. »Wassili, der Niederträchtige hat uns verrathen,« flüstert er zwischen den Zähnen . . . Die Thüre öffnet sich weit . . . und der Vater im Schlafrock und ohne Halstuch, die Tante im Pudermantel, Tranquillilatin, Wassili, Juschka, ein anderer Knabe, der Koch Agapit – sie stürzen Alle zu uns in’s Zimmer.

»Abscheuliche!« schreit mein Vater athemlos . . . »Endlich seid Ihr abgefangen!« – Er sah die Uhr in Davids Hand und schrie: »Gieb sie her! Gieb die Uhr her!«

Aber David macht, ohne ein Wort zu sagen, einen Schritt zum offenen Fenster, und ist mit einem Sprunge auf dem Hofe und auf der Straße!

Gewohnt meinem Muster in Allem nachzuahmen, springe auch ich zum Fenster hinaus und laufe hinter David her . . .

»Fangt sie! haltet sie!« tönen wilde, gemischte Stimmen hinter uns.

Wir aber laufen schon die Straße entlang, David ohne Mütze auf dem Kopfe voraus, ich einige Schritte hinter ihm her, gefolgt von dem Geschrei und dem Stampfen der Füße unserer Verfolger.

XIX

Viele Jahre sind seit jenen Ereignissen verflossen; ich habe seitdem viele Male darüber nachgedacht – und ich kann bis jetzt nicht den Grund jener Wuth begreifen, die meinen Vater erfaßte, der kurze Zeit vorher verboten hatte, auch nur der, ihn langweilenden Uhr Erwähnung zu thun, – ebenso wie ich damals die Wuth Davids nicht begriff, als er von Wassil's Raub der Uhr erfuhr! Da kommt Einem unwillkürlich in den Sinn, daß ihr eine geheimnisvolle Kraft innewohnte.

Wassili hatte uns nicht verrathen, wie David es vorangsetzt; ihm war nicht darum zu thun; er war zu sehr in Furcht gejagt; – es hatte einfach eines von unseren Mädchen die Uhr in seinen Händen gesehen und es sofort der Taute hinterbracht, welche in größte Wnth gerieth.

Wir rannten also in der Mitte der Straße dahin. Diejenigen, welche uns entgegenkamen, blieben stehen oder traten verwundert zur Seite. Ich erinnere mich, das; ein verabschiedeter Secund-Major, ein bekannter Jäger, sich plötzlich aus dem Fenster seiner Wohnung herausbog und feuerroth im Gesicht, mit übers hängendem Körper, in wüthender Weise schrie, daß es hinter uns gellte: »Halt! Greift sie!« – David lief, die Uhr über seinem Kopfe schwingend und machte zuweilen einen Sprung; ich sprang auch und auf denselben Stellen wie er.

»Wohin?« rufe ich David zu, als er aus der Straße in ein Seitengäßchen biegt – und folge ihm.

»An die Oka!« schreit er. – »In’s Wasser mit ihr! In den Fluß, zum Teufel!«

»Halt! Halt!« . . . schreien sie hinter uns.

Aber wir fliegen schon das Gäßchen hinunter. Schon weht uns Frische entgegen, – vor uns liegt der Fluß mit seinem steilen, schmutzigen Ufer und die hölzerne Brücke mit einer langen Reihe von Frachtwagen und ein Garnisonssoldat mit der Pike steht am Schlagbaum; – damals gingen die Soldaten mit Piken. . . David ist schon auf der Brücke, stürmt an dein Soldaten vorüber, der ihm mit der Pike einen Schlag auf die Beine geben will, statt seiner aber ein vorübergehendes Kalb trifft.

David springt im Augenblick auf dass Geländer der Brücke – er stößt einen Freudenruf aus . . . etwas Weißes und Blaues blinkt durch die Luft – das war die silberne Uhr und Wassili’s blaue Perlenschnur die in die Wellen flogen. . . Aber jetzt geschieht Unglaubliches! Nach der Uhr schwingen sich Davids Füße auf, und er selbst, den Kopf voraus, die Hände ausgestreckt, mit fliegenden Rockschößen, beschreibt einen Kreis in der Luft – so fliegen an einem heißen Tage die aufgeschreckten Frösche vom hohen Ufer in das Wasser des Teiches – verschwindet augenblicklich hinter dem Brückengeländer . . . und dann – buch! ein schweres Aufschlagen unten . . .

Wie mir wurde, bin ich vollständig außer Stande zu beschreiben. Ich befand mich einige Schritte von David, als er vom Geländer sprang . . . aber ich erinnere mich nicht einmal, ob ich aufschrie; ich glaube nicht einmal, daß ich erschrak; ich wurde stumm und starr. Hände und Füße waren mir gelähmt.

Um mich herum liefen und drängten sich Menschen, einige von ihnen kamen mir bekannt vor. Trofimitsch blitzte vorüber, der Soldat mit der Pike warf sich auf die Seite, die Pferde der Frachtwagen eilten, die angebundenen Schnauzen heraufziehend, vorüber . . . dann wurde alles grün vor den Augen und Jemand gab mir einen heftigen Schlag in den Nacken und den Rücken entlang . . . Ich wurde ohnmächtig.

Ich erinnere mich, wie ich mich dann erhob; als ich sah, daß Niemand auf mich achtete, trat ich an das Geländer, aber nicht auf die Seite, wo David hinunter gesprungen war – dort heranzutreten, kam mir schauerlich vor, – sondern ans die andere Seite und begann in den brausenden, blauen, angeschwollenen Fluß hinabzusehen; ich erinnere mich, daß ich unweit der Brücke am Ufer ein an’s Land gezogenes Boot bemerkte, in dem Boote befanden sich mehrere Menschen; einer von ihnen zog, naß und von der Sonne glänzend, über den Rand des Bootes gebeugt, Etwas ans dem Wasser, ein mittelmäßig großes, längliches, dunkles Ding, das ich anfangs für einen Mantelsack oder einen Korb hielt; als ich aber genauer hinsah, erkannte ich, daß es – David war!

Da erbebte ich am ganzen Körper, schrie fürchterlich auf und lief, mich durch die Menschen hindurchstoßend, nach dem Boote hin; als ich aber dort angekommen war, verlor ich den Muth und schaute umher.

Unter den Menschen, welche das Boot umgaben, erkannte ich Tranquillilatin, den Koch Agapit mit einem Stiefel in der Hand, Juschka und Wassili . . . Der nasse, glänzende Mensch hob den Körper Davids unter den Achseln ans dem Boote; Davids beide Hände hoben sich über das Gesicht, als wollte er es vor fremdem Blick bedecken; man legte ihn auf den Rücken in den Uferschlamm. David regte sich nicht, lang ausgestreckt, die Hacken an einander gelegt, den Magen vorgestreckt. Sein Gesicht war grünlich, die Augen versunken und von den Haaren troff das Wasser herab.

Der nasse junge Bursche, ein Fabrikarbeiter seiner Kleidung nach, fing an, vor Kälte zitternd und die Haare fortwährend aus der Stirne streichend, zu erzählen, wie er es angefangen. Er erzählte sehr ordentlich und sorgfältig:

»Da sehe ich, meine Herren – was hat das zu bedeuten? Dieser Jüngling fliegt über das Geländer von der Brücke hinab . . . Nun . . . ich laufe gleich dem Strome hinunter, denn ich weiß – kommt er in die Mitte des Stromes, wird er unter die Brücke fortgerissen, nun dann ist es aus! Ich sehe, es schwimmt eine zottige Mütze, – das war sein Kopf. Nun . . . ich werfe mich gleich schnell ins Wasser, ergreife ihn . . . nun, dann war es keine Kunst mehr!«

In der Menge wurden einige belobende Worte laut.

»Jetzt mußt Du Dich erwärmen; komm’, trinken wir ein Gläschen,« bemerkte Jemand.

Jetzt aber drängt sich Jemand krampfhaft vor . . . Es ist Wassili.

»Was macht Ihr denn, Ihr Rechtgläubigen?« – ruft er mit weinerlicher Stimme – »rollen muß man ihn! Das ist unser junger Herr!«

»Rollen muß man ihn, rollen,« erschallt es in der Menge, die immer anwächst.

»An den Füßen aufhängen! Das ist das Beste!«

»Mit dem Bauche auf einer Tonne hin- und hergerollt, bis. . . Faßt ihn, Ihr Burschen!«

«Wagt es nicht ihn anzurühren!« – mischt sich der Soldat mit der Pike hinein. – »Auf die Hauptwache muß er getragen werden.«

»Gesindel!« hörte ich irgendwo Trofimitsch’s Baß.

»Aber er lebt ja,« schrie ich aus vollem Halse fast mit Schrecken.

Ich näherte mein Gesicht dem seinigen . . . »Das also ist ein Ertrunkener,« dachte ich – und meine Seele erstarrte . . . Auf einmal sehe ich, daß David’s Lippen beben und etwas Wasser von sich geben . . . Ich wurde sofort weggestoßen, weggeschlepp; Alles stürzte zu ihm hin.

«Rollt ihn! Rollt ihn l« riefen viele Stimmen.

»Nein, nein, halt!« schrie Wassili. »Nach Hause mit ihm . . . nach Hause!«

»Nach Hause!« rief auch Tranquillilatin.

»Im Augenblicke wollen wir ihn hintragen, und dort werden wir besser sehen,« – fuhr Wassili fort . . . (von jenem Tage an gewann ich Wassili lieb) – »Bruder, eine Bastmatte!l – Wenn Ihr keine habt, so faßt ihn beim Kopfe und bei den Füßen . . .

»Halt! Hier ist eine Matte! Legt ihn darauf! Hebt ihn auf! Vorwärts!« Sanft wie in einem Wagen ging es fort.

Einige Augenblicke später trat David, auf der Bastmatte getragen, unter das Dach unseres Hauses.

XX

Er wurde ausgekleidet und aufs Bett gelegt. Schon auf der Straße hatte er angefangen, Lebenszeichen von sich zu geben; er hatte gebrummt, Bewegungen mit den Händen gemacht . . . Im Zimmer kam er vollends zu sich. Sobald nun aber die Gefahr für sein Leben geschwunden und es unnöthig war, sich noch mit ihm zu beschäftigen, trat der Unwille wieder in seine Rechte.

Alle traten von mir zurück, wie von einem Aussätzigen.

»Gott strafe ihn! Gott strafe ihn!« schrie die Tante durch das ganze Haus. – »Geben Sie ihn irgendwo anders hin, Porphyri Petrowitsch, sonst wird er noch ein Unheil anrichten, aus dem man nicht herauskommt.«

»Erbarmen Sie sich! Das ist ja eine wahre Natter und ein Besessener!« bekräftigte Tranquillilatin.

»Diese Bosheit! Diese Bosheit!« schnatterte die Taute, indem sie ganz nahe an meine Thüre herantrat, damit David sie gewiß hören möchte. – Zuerst stiehlt er die Uhr und – dann in’s Wasser . . . Niemand soll sie haben . . . da habt Ihr es!«

Alle, Alle waren unzufrieden!

»David,« fragte ich ihn, sobald wir allein blieben, »warum hast Du das gethan? Warum sprangst Du in’s Wasser?

»Sprangst Du! – Ich konnte mich nicht auf dem Geländer erhalten, das ist Alles. Hätte ich zu schwimmen verstanden, so wäre ich absichtlich hinunter gesprungen. Ich werde ganz bestimmt schwimmen lernen. Dafür ist aber die Uhr jetzt – futsch! . . .«

Hier trat. mein Vater feierlichen Schrittes in’s Zimmer.

»Du, mein Lieber,« wandte er sich zu mir, »wirst ganz bestimmt durchgepeitscht werden, zweifle nicht daran, obgleich Du nicht mehr über die Bank zu strecken bist.« – Hierauf trat er an das Bett heran, auf weichem David lag. – »In Sibirien,« fing er mit eindringlichem, würdigem Tone an, »in Sibirien, mein Herr, auf der Galeere, unter der Erde leben und sterben Menschen, die weniger schuldig, weniger verbrecherisch sind, als Du! Bist Du ein Selbstmörder, oder ein Dieb, oder einfach ein Narr? – Sage mir das Eine, ich bitte Dich um Gottes Willen?!«

»Ich bin kein Selbstmörder und auch kein Dieb,« erwiderte David, »aber was wahr ist, das bleibt wahr, nach Sibirien gerathen allerdings gute Menschen, die besser sind als Sie oder ich . . . Wer sollte das besser wissen, als Sie?«

Mein Vater seufzte leise auf, trat einen Schritt zurück, warf eitlen unverwandten Blick auf David, spie ans, bekreuzigte sich langsam und ging aus dem Zimmer.

»Das liebst Du nicht?« sagte David und steckte die Zunge heraus. Dann versuchte er sich zu erheben, konnte es aber nicht. »Ich muß mich doch irgendwo zerschlagen haben,« sagte er ächzend und das Gesicht verziehend, »ich erinnere mich, daß das Wasser mich an einen Balken trieb.«

»Hast Du Raïsa gesehen?« fragte er plötzlich.

»Nein, ich habe sie nicht gesehen . . . Doch halt halt . . . Ich besinne mich jetzt: war sie es nicht, die an der Brücke am Ufer stand? – Ja; ein dunkles Kleidchen, ein gelbes Tuch über den Kopf . . . sie muß es gewesen sein!«

»Nun und nachher . . . hast Du sie gesehen?«

»Nachher . . . Ich weiß es nicht mehr – ich hatte keine Gedanken dafür; – da sprangst Du.«

David wurde unruhig.

»Lieber Freund Aljescha, geh’ doch gleich zu ihr; sage ihr, daß ich gesund bin, daß mir Nichts geschehen ist. Ich werde morgen zu ihnen gehen. Gehe schnell, Bruder, thue mir den Gefallen!«

David streckte mir beide Hände hin . . . seine bereits trocken gewordenen Haare standen in drolligen Büscheln zu Berge und gaben seinem rührenden Gesichte einen noch innigeren Ausdruck. Ich nahm meine Mütze und verließ das Haus, indem ich mich in Acht nahm, meinem Vater unter die Augen zu kommen, um ihn nicht an sein Versprechen zu erinnern.

XXI

Wirklich,« überlegte ich auf dem Wege zu Latkins, »wie habe ich Raïsa nicht bemerkt? Wo kam sie hin? Sie mußte ja sehen . . . «

Plötzlich erinnerte ich mich, daß im Augenblicke von David’s Sturz ein fürchterlicher, herzzerreißender Schrei in meinen Ohren gellte . . . War sie es nicht etwa gewesen? Aber wie hatte ich sie später nicht mehr gesehen?

Vor dem Hause, in welchem Latkin wohnt, dehnte sich ein wüster, mit Nesseln bewachsener und von einem zerfallenen Zaune umgebener Platz aus. Ich wußte nicht, wie ich durch diesen Zaun kommen sollte – (er hatte weder Pforte noch Thor). Da stellte sich meinen Augen folgendes Schauspiel dar:

Auf der untersten Stufe der Treppe vor dem Hause saß Raïsa mit den Ellenbogen auf den Knieen und den Kopf auf die gefalteten Hände gestützt. Sie sah starr vor sich hin; neben ihr stand ihr stummes Schwesterchen und schwang ruhig eine kleine Peitsche, und vor der Thüre, mir den Rücken zuwendend, stand in einem zerrissenen, vertragenen Kamisol, in Unterhosen und Filzstiefeln der alte Latkin mit den Armen schlotternd, sich krümmend und auf einem Flecke trippelnd und umherhüpfend. Als er meinen Tritt hörte, wandte er sich rasch uni, hockte nieder – und sprang dann plötzlich auf mich los, indem er ungemein rasch mit zitternder Stimme und immerwährendem Wiederholen von Tschu, tschu . . .sprach. Ich hatte ihn lange nicht gesehen und hätte ihn gewiß nicht erkannt, wenn ich ihm an einem anderen Orte begegnet wäre.

Dieses gerunzelte, zahnlose, rothe Gesicht, diese runden, trüben Augen, die zerzausten, grauen Haare die Zuckungen, diese Sprünge, diese sinnlose, stotternde Rede . . . »Was war das? Welch eine übermenschliche Verzweiflung peinigt dieses unglückliche Wesen? Was ist das für ein »Todtentanz?« —

»Tschu, tschu . . .« flüsterte er, sich immerfort krümmend – »da ist sie, die Wassiliewna soeben, tschu, tschu, nach Hause gekommen . . . Höre! einen T . . .og auf dein Kopfe (er schlug sich dabei mit der Hand auf den Kopf) und sitzt da wie eine Schaufel; und schief, schief, wie Andriuscha; die schiefe Wassiliewna! (er wollte wohl sagen: die stumme . . .) Tschu! schief ist meine Wassiliewna! Seht, da sind sie jetzt Beide auf dieselbe Weise. . . Freut Euch daran Ihr, Rechtgläubige! Und ich habe nur diese beiden Boote! Eh?«

Latkin war sich offenbar dessen bewußt, das; er nicht ordentlich sprach und Anders sagte, als er sagen wollte, und machte die furchtbarsten Anstrengungen, um mir deutlich zu machen, worum es sich handelte. Raïsa schien gar nicht zu hören, was ihr Vater sagte, und ihr Schwesterchen fuhr fort, die Peitsche zu schwingen.

»Lebewohl, Juwelier, lebewohl, lebewohl! sprach Latkin mehrere Mal nach der Reihe, sich tief verbeugend, als freute er sich endlich, ein verständliches Wort aufgefunden zu haben.

Der Kopf schwindelte mir. – »Was bedeutet das Alles?« – fragte ich eine alte Frau, die aus einem Fenster des Hauses herausschaute.

»Was weiß ich, Herr, erwiderte diese in singendem Tone; man sagt, ein Mensch – Gott weiß wer er ist – sei ertrunken, und das hat sie gesehen. Nun, und sie hat sich wahrscheinlich erschreckt; sie kam übrigens ganz gesund nach Hause; dann feste sie sich ans die Stufen und von der Zeit an sitzt sie da wie eine Bildsäule, ob man mit ihr spricht, oder nicht. Sie wird wohl auch den Gebrauch ihrer Zunge verloren haben. Ach, mein Himmel!«

»Lebewohl, lebewohl,« wiederholte Latkin immer mit denselben Verbeugungen.

Ich trat zu Raïsa und blieb gerade vor ihr stehen.

– »Raïsotschka,« rief ich, »was ist Dir?«

Sie antwortete Nichts; es war, als wenn sie mich gar nicht bemerkte. Ihr Gesicht war weder erblaßt noch verändert – aber es war versteinert und trug einen Ausdruck, als würde sie eben einschlafen.

»Sie ist ja schief, schief,« – flüsterte mir Latkin in’s Ohr.

Ich faßte Raïsa beim Arme. – »David lebt!« rief ich lauter als früher – »er lebt und ist gesund; David lebt, verstehst Du? Er ist aus dem Wasser gezogen worden und ist zu Hause; er läßt Dir sagen, daß er morgen zu Dir kommen wird . . . Er lebt!«

Raïsa schlug mit Mühe die Augen zu mir auf, blinzelte ein paar Mal, öffnete sie immer weiter; sie neigte den Kopf auf die Seite, erröthete, ihre Lippen öffneten sich . . . Sie athmete langsam mit voller Brust die Luft ein, zog sich wie im Schmerze zusammen und sagte mit großer Anstrengung: Da – Dav . . . l . . . lebt« – stand plötzlich auf und lief davon . . .

«Wohin?« rief ich.

Aber, leise lachend und auf den Füßen schwankend, lief sie schon über den wüsten Platz . . .

Ich lief ihr natürlich nach, während hinter mir die klagenden Stimmen des Greises und des taubstummen Kindes Latkin’s ertönten . . . Raïsa lief gerade zu uns.

XXII

An Wassili, der Tante und sogar Tranquillilatin vorüber, lief Raïsa in das Zimmer, in welchem David lag, und warf sich an seine Brust. »Ach – ach Daviduschka« – erschallte ihre Stimme unter ihren aufgelösten Locken hervor, – »ach!«

Die Arme weit öffnend, umschloß David sie, und lehnte seinen Kopf an sie.

»Vergieb mir, mein Herz —« hörte man ihn sagen. Und Beide verstummten vor Freude.

»Warum warst Du nach Hause gegangen, Raïsa – warum bliebst Du nicht dort ?« sagte ich ihr. Sie erhob den Kopf noch immer nicht. – »Du hättest dann gesehen, daß er gerettet wurde.«

»Ach, ich weiß es nicht! Ich weiß nicht! Frage mich nicht; ich weiß nicht, ich erinnere mich nicht, wie ich nach Hause gekommen bin. Ich erinnere mich nur, daß ich Dich fliegen sah . . . Etwas gab mir einen Stoß . . . was nachher geschah . . .«

»Einen Stoß« – wiederholte David – und wir brachen alle Drei in Lachen aus. Uns wahr sehr wohl.

»Aber, was hat denn das endlich zu bedeuten!« erscholl hinter uns die drohende Stimme meines Vaters. Er stand auf der Thürschwelle. – »Werden diese Narrheiten endlich aufhören oder nicht? Wo leben wir eigentlich – in dem Kaiserthum Russland oder in der Republik Frankreich?«

Er trat in’s Zimmer herein.

v »Wer sich empören will, gehe nach Frankreich.

Und Du? wie hast Du es gewagt, herzukommen?« wandte er sich an Raïsa, welche leise aufgestanden war; sie hatte sich ihm zugekehrt, war sichtbar verlegen, fuhr indessen fort, freundlich und selig zu lächeln. – »Tochter meines geschwornen Feindes, wie hast Du es gewagt? Und da giebt es noch Umarmungen! Hinaus, sogleich oder . . .«

»Onkel!« sprach David und setzte sich im Bette auf. Beleidigen Sie Raïsa nicht. Sie wird weggehen . . . aber beleidigen Sie sie nicht.«

»Und was bist Du mir für ein Vorsänger? Ich beleidige sie, be–lei—di–ge sie nicht, ich jage sie einfach hinaus. Ich werde Dich selbst noch zur Verantwortung ziehen. Hast fremdes Eigenthum verthan, Hand an Dein Leben gelegt, mich in Ausgaben versetzt.«

»Welche Ausgaben?« unterbrach ihn David.

»Welche? Deine Kleider hast Du verdorben – rechnest Du das für Nichts? Und den Leuten, welche Dich hereintrugen, habe ich ein Trinkgeld gegeben; die ganze Familie hast Du erschreckt – und jetzt stellt er sich noch auf die Hinterbeine? Und wenn dieses Fräulein hier, welches die Scham und selbst die Ehre vergessen hat . . .«

David machte eine Anstrengung, um aus dem Bett herauszukommen. »Beleidigen Sie sie nicht, sagt man Ihnen!«

»Schweige!«

«Wagen Sie es nicht!«

»Schweige!«

»Wagen Sie es nicht, meine Braut, meine zukünftige Frau zu beschimpfen!« schrie David aus vollem Halse.

»Braut!« wiederholte mein Vater und machte große Augen. »Braut! Frau! Ho! ho, ho! . . . (Ha! ha, ha, antwortete die Tante hinter der Thür.) Wie viel Jahre zählst Du denn? Eine Woche weniger ein Jahr, lebt er auf der Welt, die Milch um den Mund ist ihm noch nicht trocken, dem Muttersöhnchen! Und er denkt an heiraten! Aber ich . . . Du . . .«

»Lassen Sie mich, lassen Sie mich,« flüsterte Raïsa und wandte sich zur Thüre. Sie war todtenbleich.

»Ich werde Sie nicht um Ihre Erlaubniß bitten,« fuhr David fort zu schreien, indem er sich mit den Fäusten auf den Rand seines Bettes stützte, »sondern meinen leiblichen Vater, der heute oder morgen hier ankommen kann! Er hat mir zu befehlen, aber nicht Sie; was aber mein Alter anbetrifft, so haben Raïsa und ich keine Eile . . . wir werden warten, was Sie auch reden mögen . . .«

»Eh, Davidka, besinne Dich!« unterbrach ihn mein Vater. »Sieh Dich doch einmal au; Du bist ja ganz zerrissen . . . hast ja alles Gefühl für Schicklichkeit verloren!«

David griff mit der Hand nach dem Hemde auf seiner Brust.

»Was Sie auch reden mögen,« wiederholte er.

»So schließe ihm doch den Mund, Porphyri Petrowitsch, schließe ihm den Mund,« schrie die Tante in der Thüre, »und diese Herumtreiberin, diese Nichtswürdige . . . diese . . . In diesem Augenblicke aber wurde die Beredtsamkeit meiner Tante von etwas ungewöhnlichem unterbrochen. Ihre Stimme brach auf einmal und an deren Stelle hörte man eine andere, schwache, heisere, grinsenhafte Stimme . . .

»Bruder!« brachte diese schwache Stimme hervor. »Christenseele! . . .«

XXIII

Wir wandten uns Alle um . . . Vor uns, in demselben Kostüme, in dem ich ihn unlängst gesehen, stand, wie ein Gespenst, der hagere, verwilderte, beklagenswerthe Latkin.

»Und Gott!« sprach er in einer gewissen, kindischen Weise, indem er den zitterndem gekrümmten Finger und den kraftlosen Blick zu meinem Vater erhob: »Gott hat mich gestraft! Ich bin nach Wa . . . nach Ra . . . ja, ja, nach Raïsa gekommen! Mir . . . Tschu . . . Was brauche ich. Ich gehe bald unter die Erde – und, wie ist das doch? Ein Stückchen und noch eines . . . und ein Querbrett . . . das ist es, was . . . ich brauche . . . Aber Du, Bruder! Goldarbeiter, besinne Dich . . . Ich bin ja auch ein Mensch!«

Raïsa ging schweigend über das Zimmer, ergriff den Vater unter den Arm und knüpfte ihm sein Kamisol zu.

»Komm’ Wassiliewna,« sprach er, »hier sind lauter Heilige; gehe nicht zu ihnen. Und der, welcher dort in dem Futterale liegt, ist auch ein Heiliger. Wir aber Bruder, sind beide sündige Menschen. Nun . . . Tschn . . . Um Vergebung, meine Herrschaften! . . . Haben zusammen gestohlen!« schrie er plötzlich; »haben zusammen gestohlen! zusammen gestohlen!« wiederholte er mit sichtbarem Vergnügen; die Zunge gehorchte ihm endlich.

Wir schwiegen Alle im Zimmer.

»Wo ist hier Euer Heiligenbild?« fragte er, den Kopf zurückwerfend und mit verdrehten Augen: «man muß sich reinigen.«

Er begann, einem Winkel zugewandt, zu beten, indem er sich mehrere Male andächtig bekreuzigte, wobei er mit den Fingern bald die eine, bald die andere Schulter berührte und hastig wiederholte: Gott! erbarme Dich meiner! Go . . . meiner! Go . . . meiner! Go . . .«

Mein Vater, welcher die ganze Zeit über kein Auge von Latkin gewandt und kein Wort gesprochen hatte, fuhr plötzlich auf, stellte sich neben ihn und fing gleichfalls an zu beten. Hierauf wandte er sich zu ihm, verbeugte sich tief, tief vor ihm, so daß er mit der eitlen Hand den Boden erreichte, sprach: »Vergieb auch Du mir, Martin Gavrilitsch« und küßte ihn auf die Schulter. Latkin erwiderte seinen Kuß, indem er in die Luft hinein schwatzte, und blinzelte mit den Augen; er begriff wohl kaum, was er that. Dann wandte sich mein Vater zu Allen, die sich im Zimmer befanden, zu David, zu Raïsa, zu mir:

»Macht was Ihr wollt, thut was Ihr nicht lassen könnt,« sagte er mit trauriger, leiser Stimme – und entfernte sich.

Meine Tante flog auf ihn zu, allein er schrie sie finster an. Er war erregt.

«Meiner Go . . . !Meiner G . . . Erbarme Dich!« wiederholte Latkin. »Ich bin ein Mensch!«

»Lebewohl Daviduschka,« sagte Raïsa und verließ mit dem Alten ebenfalls das Zimmer.

»Morgen komme ich zu Euch,« rief ihr David nach und flüsterte, sich der Wand zukehrend; »Jetzt bin ich sehr milde, jetzt wäre es sehr gut einzuschlafen,« und verstummte.

Ich blieb noch lange in unserem Zimmer. Ich verbarg mich. Ich konnte nicht vergessen, womit mein Vater mir gedroht hatte. Aber meine Befürchtungen erwiesen sich falsch. Er begegnete mir und sprach kein Wort. Ihm war selbst nicht wohl. Uebrigens brach die Nacht bald herein – und Alles beruhigte sich im Hause.

XXIV

Am folgenden Morgen stand David auf, als wenn Nichts vorgefallen wäre und bald darauf ereigneten sich an demselben Tage zwei wichtige Begebenheiten: Am Morgen starb der alte Latkin und gegen Abend kam der Onkel Jegor, Davids Vater in Rjäsan an. Ohne vorher zu schreiben, oder Jemand darauf vorzubereiten, fiel er uns wie Schnee ans den Kopf.

Mein Vater war sehr erschreckt und wußte nicht, wie er den theuern Gast bewirthen und wo er ihn hinsetzen sollte; er lief wie besessen herum, sonst benahm er sich wie ein Schuldiger; der Onkel aber schien von dem geschäftigen Eifer des Vaters nicht sehr gerührt zu sein; er wiederholte immerfort: »Wozu Das?« und: »ich brauche gar Nichts. Gegen die Tante benahm er sich noch kälter; auch sie sah ihn übrigens nicht gern. Er war in ihren Augen ein Gottloser, ein Ketzer, ein Voltairianer. . . (er hatte wirklich die französische Sprache erlernt, um Voltaire im Original zu lesen.) Ich fand den Onkel Jegor, ganz wie David ihn mir beschrieben hatte. Er war ein großer schwerfälliger Mann mit einem pockennarbigen, ernsten und würdigen Gesichte. Er trug stets einen Hut mit einer Plümage, Manschetten, einen Jabot, ein tabakfarbiges Kamisol und einen stählernen Degen an der Hüfte.

David war unbeschreiblich glücklich über ihn – sein Gesicht erhellte und verschönerte sich sogar, und seine Augen veränderten sich – sie wurden froh, lebhaft und glänzend; er bemühte sich indessen, seine Freude in jeder Beziehung zu mäßigen und sie nicht in Worten auszusprechen; er fürchtete sich zu erweichen.

In der ersten Nacht nach Onkel Jegor’s Ankunft schlossen sich Vater und Sohn in das ihnen angewiesene Zimmer ein, und sprachen lange halblaut mit einander; am andern Morgen bemerkte ich, daß mein Onkel seinen Sohn ganz besonders liebevoll und vertrauensvoll betrachtete; er schien sehr zufrieden mit ihm zu sein. David führte ihn auf die Todtenmesse zu Latkins; ich ging auch mit; mein Vater verbot es mir nicht, blieb aber selbst zu Hause. Raïsa setzte mich durch ihre Ruhe in Erstaunen; sie war sehr bleich und mager geworden, vergoß aber keine Thränen und sprach und hielt sich sehr einfach; und bei alledem, ich muß es sagen, fand ich in ihr eine gewisse Majestät, die unwillkürliche Majestät des Schmerzes, der sich selbst vergißt! Der Onkel Jegor machte gleich in der Vorhalle ihre Bekanntschaft; an der Art und Weise, wie er mit ihr umging, war ersichtlich, daß David schon von ihr gesprochen hatte.

Sie gefiel ihm nicht weniger, als der eigene Sohn; ich konnte es in Davids Augen lesen, wenn er sie ansah. Ich erinnerte mich noch, wie sie erglänzten, als sein Vater in seiner Gegenwart äußerte: »Ein verständiges Mädchen wird eine gute Hausfrau werden.«

Ich erfuhr im Latkin’schen Hause, daß der Alte sanft erloschen war, wie ein niedergebranntes Licht; so lange er das Bewußtsein behalten, hatte er seine Tochter immer über das Haar gestrichen und etwas Unverständliches gemurmelt; es war aber nichts Trauriges gewesen, denn er hatte dabei immer gelächelt. Zur Beerdigung ging mein Vater, sowohl in die Kirche als auf den Gottesacker und betete andächtig. Sogar Tranquillilatin sang auf dem Chor. An der Gruft brach Raïsa in Schluchzen aus und fiel auf die Erde nieder; sie erholte sich indessen bald wieder. Ihr kleines, taubstummes Schwesterchen sah Alle und Alles mit hellen, etwas verwilderten Augen an und schmiegte sich zuweilen an Raïsa, zeigte jedoch keine Furcht.

Am Tage nach der Beerdigung erklärte Onkel Jegor, der allem Anscheine nach nicht mit leeren Händen aus Sibirien gekommen war (das Geld zur Beerdigung kam von ihm, und den Erretter David’s belohnte er freigebig), plötzlich meinem Vater, daß er nicht beabsichtige in Rjäsan zu bleiben, sondern mit seinem Sohne nach Moskau übersiedeln würde.

Mein Vater sprach der Reise wegen sein Bedauern darüber aus und machte auch einige – freilich nur schwache Versuche seinen Entschluß zu ändern; er war aber, ich glaube, im Grunde seiner Seele sehr froh über denselben.

Die Gegenwart seines Bruders, mit dem er nur sehr wenig gemein hatte, der ihn nicht einmal eines Vorwurfes würdigte, ihn nicht nur vernachlässigte, sondern ihn verachtete, war eine Demiithigung für ihn . . . und auch die Trennung von David war kein großer Kummer für ihn.

Mich vernichtete natürlich diese Trennung; ich fühlte mich zuerst wie verwaist und verlor meine Stütze und die Lust am Leben.

So reiste mein Onkel also ab und nahm, zum großen Erstaunen und nicht geringen Unwillen unserer ganzen Familie, nicht nur seinen Sohn, sondern auch Raïsa und deren Schwesterchen mit. . . Als meine Tante von dieser Handlung erfuhr, nannte sie ihn sogleich einen Türken und diesen Namen behielt er bis an sein Lebensende.

Und ich blieb allein . . . Allein, es handelt sich hier nicht von mir . . .

XXV

Und das ist das Ende meiner Geschichte von der Uhr. Was soll ich Euch noch sagen? Fünf Jahre später heiratete David sein Schwarzlippchen, und im Jahre 1812 starb er, am Tage der Schlacht bei Borodino als Artillerie-Lieutenant eines ehrenvollen Todes bei der Vertheidigung der Schewardin'schen Redoute.

Seit der Zeit ist viel Wasser vorübergeflossen, und ich habe viele Uhren gehabt; ich gelangte sogar zu solch einer Herrlichkeit, daß ich mir eine echte Bregnet’sche Repetiruhr mit einem Secundenzeiger und der Angabe des Damms verschaffte . . . aber in einer geheimen Schieblade meines Schreibtisches ruht eine altmodische silberne Uhr mit einer Rose auf dem Zifferblatte; ich kaufte sie von einem wandernden jüdischen Kramer, betroffen von ihrer Aehnlichkeit mit jener, mir einst von meinem Taufvater geschenkten Uhr.

Von Zeit zu Zeit, wenn ich allein bin und keinen Besuch erwarte, ziehe ich sie aus der Schieblade hervor und erinnere mich bei ihrem Anblicke meiner jungen Jahre und der Gefährten jener unwiederbringlich verflogenen Tage . . .

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10 aralık 2019
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