Kitabı oku: «Dunst»
Erstes Capitel
Vor dem Conversationshause in Baden-Baden wogte am 10. August 1862 um vier Uhr des Nachmittags eine zahlreiche Menschenmenge hin und her. Das Wetter war herrlich; Alles ringsum, – die grünen Bäume, die hellen Häuser der gemüthlichen Stadt, die waldbedeckten Berge mit ihren Wellenlinien, – Alles erglänzte festlich im heitern Sonnenscheine, lächelte traulich und lieblich, bis auf die Gesichter, die – junge und alte, hübsche und häßliche, – fröhlich aus zum blauen heitern Himmel schauten, Selbst die weiß und roth geschminkten Pariser Loretten störten heute nicht das allgemeine Gefühl des Wohlbehagens und der Fröhlichkeit; das scharfe, gurgelnde Geschnatter des französischen Jargons allein, welches man ringsum hörte, kannte das Gezwitscher der Vögel nicht ersetzen.
Alles ging übrigens hier seinen gewöhnlichen Gang. Das Orchester spielte bald ein Potpourri aus »Traviata«, bald einen Streußischen Walzer, bald eine russische Romanze, vom gefälligen Capellmeister auf die Instrumente übertragen; in den Spielsälen drängten sich dieselben, Allen bekannten Figuren mit demselben stumpfsinnigen und gierigen, nicht eigentlich verzweifelten oder erbitterten, aber oft raubthierartigen Ausdruck in den Gesichtern, den das Kartenfieber allen, selbst den aristokratischen Zügen giebt. Der allbekannte, wohlbeleibte, stutzerhaft gekleidete Tambow‘sche Gutsbesitzer setzte wieder mit fieberhafter Hast (mit derselben Hast, mit welcher sein seliger Vater seine Bauern zu prügeln pflegte), sich mit der Brust aus den Tisch legend und ohne auf die kaltblütigen Spöttereien selbst der Croupiers zu achten, noch im Augenblick des Rufes: »Rien ne va plus!« Haufen von Goldstücken auf alle Vierecke der Roulette, sich auf diese Weise alle Möglichkeit nehmend, irgend etwas, selbst im glücklichsten Falle, zu gewinnen; was ihn jedoch nicht hinderte, sich noch denselben Abend mit tugendhafter Entrüstung über das Spiel gegen den Fürsten Koko auszulassen.
A l‘arbre russe, am russischen Baum, versammelten sich, nach alter Gewohnheit, unsere lieben Landsleute, männliche und weibliche; herausgeputzt oder nachlässig elegant kamen sie herbei, begrüßten einander mit wichtiger Miene, wie es sich für Wesen schickt, die auf der höchsten Stufe der Bildung unter ihren Zeitgenossen stehen.
Wenn sie sich aber so versammelt und gesetzt hatten, wußten sie in Wahrheit nie, wie sie sich anders mit einander unterhalten sollten, als indem sie leeres Stroh droschen, oder den abgeschmackten Witzen, plumpen Ausfällen und Aufschneidereien eines dünnbeinigen französischen Exliterators mit abscheulichem Kinnbarte und schrecklicher Fratze zuhörten, der die Rolle eines Spaßmachers und Narren bei ihnen spielte. Er log ihnen alte, abgedroschene Charivari- und Tintamarre-Geschichten vor, und sie lachten ihm in homerischem Gelächter Beifall zu, ihre eigene Leere dadurch zur Genüge kundgebend. Und doch befand sich dort die »fine fleur« unserer Gesellschaft versammelt.
Dort war Graf X, unser unvergleichlicher Dilettant, eine bis in‘s Innerste der Seele musikalische Natur, der aber keine Note richtig lesen kann, und von dessen Gesang man nicht zu sagen weiß, ob er dem eines mittelmäßigen Zigeuners, oder eines Pariser Haarkünstlers mehr gleicht; noch war dort unser genialer Baron Z., dieses Universalgenie: Literatur, Administrator, Redner und Kartenspieler zugleich; ferner der Fürst Y., der Freund der Religion und des Volkes, der sich seiner Zeit durch die Branntweinpacht ein ungeheures Vermögen erschwindelt hat; dann der glänzende General O., der in Asien Gott weiß wo gesiegt und und Gott weiß was unterworfen hat, aber sehr wohl versteht, sich bei jeder Gelegenheit bemerklich zu machen; weiter P., der drollige Fettklumpen, der sich für sehr krank und sehr klug hält, aber gesund wie ein Stier und dumm wie ein Klotz ist. In seinem Gange – er wiegt sich trotz seiner Dicke auf hohen Hacken graziös und langsam hin und her – sucht er den seinerzeit Mode gewordenen »culte de la pose« zu erhalten, betrachtet beim Reden aufmerksam seine Fingernägel, trägt den Hut bald tief im Nacken, bald bis auf die Augenbrauen herab u.s.w. Sogar Staatsmänner, Diplomaten, Trümpfe mit europäischen Namen, Männer des Rathes und des Verstandes waren zugegen, von denen aber vielleicht Mancher glaubte, die goldene Bulle sei vom Papst herausgegeben oder die englische poor-tax eine den Armen auferlegte Steuer; endlich traf man hier noch eifrige, aber heimliche Verehrer der Camelliendamen, junge elegante Cavaliere mit untadelhaft gescheiteltem Haar, echt Londoner Costüm, und – die Gräfin Sch., die bekannte Gesetzgeberin der Moden und des grand genre, welche die bösen Zungen »die Königin der Wespen« oder »Medusa in der Haube« genannt hatten, die in Abwesenheit des französischen privilegirten Schwätzers sich mit Italienern, Arnerikanern, Geistersehern, jungen deutschen Gesandtschaftssecretären mit weibischen Gesichtszügen, aber bereits vorsichtig zurückhaltenden Manieren, unterhielt. Dem Beispiel der Gräfin folgte noch Fürstin Babette – dieselbe, in deren Armen Chopin seinen Geist aufgab (in Europa zählt man etwa tausend Damen, die alle diese Auszeichnung beanspruchen) – und Fürstin Annette, die ganz gewiß Effect machen würde, wenn nicht – wie Ambra- und Sauerkohlgeruch – bei ihr zuweilen das liebe Bauerndorf in Rede und Manier zum Vorschein käme, und Fürstin Pachette, deren Mann das Unglück hatte, in seiner hohen Stellung einen Kaufmann durchzuprügeln und zwanzigtausend Rubel Regierungsgelder zu stehlen.
Lassen wir diese reizenden Damen und entfernen wir uns von dem berühmten Baum, um welchen herum sie in so theuern, wenn gleich nicht immer in sehr geschmackvollen Toiletten sitzen, indem wir wünschen, daß Gott ihnen Erleichterung in der sie quälenden Langeweile senden möge.
Zweites Capitel
In geringer Entfernung vom »russischen Baum« saß an einem kleinen Tische vor dem Café Weber ein stattlicher, wohlaussehender Mann von dreißig Jahren, mittlerer kräftiger Figur und mit dunklen, männlichen und sehr angenehmen Zügen. Sich mit beiden Händen auf seinen Stock stützend, blickte er, vorgebeugt, auf die Vorübergehenden, wie Jemand, dem es durchaus nicht in den Sinn kommt, daß man auch ihn bemerke oder sich mit ihm beschäftige. Seine dunklen, großen, ausdrucksvollen Augen begleiteten zuweilen irgend eine excentrische Figur, wobei ein kaum bemerkliches gutmüthiges Lächeln um seine Lippen spielte. Seine Kleidung war einfach, aber anständig, ein bequemer Paletot deutschen Schnitts, während ein grauer weicher Hut seine hohe Stirn fast zur Hälfte bedeckte.
Gleich beim ersten Anblick erkannte man in ihm eine redliche, tüchtige, großes Selbstvertrauen verrathende Natur. Er schien von anstrengenden, anhaltenden Arbeiten hier auszuruhen und sich gutmüthig an dem vor ihm entfaltenden Bilde zu ergötzen, während seine Gedanken oft abwesend waren und sich in einer Welt bewegten, die der vor ihm ganz unähnlich war. Er war ein Russe und nannte sich Gregor Michailitsch Litwinow.
Wir müssen mit ihm Bekanntschaft machen und demzufolge in kurzen Worten seine sehr einfache Vergangenheit erzählen.
Als Sohn eines unbedeutenden Beamten von bürgerlicher Herkunft, wurde er nicht, wie man hätte glauben sollen, in der Stadt erzogen, sondern auf dem Lande. Seine Mutter, von altadligem Geschlecht und in einem Fräuleinstift erzogen, besaß einen guten, zwar leicht erregbaren, doch aber festen Charakter. Etwa zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, fing sie an, diesen zu erziehen, so viel eben noch möglich war, machte ans dem Beamten einen Gutsbesitzer, besänftigte seinen starren Sinn und brachte ihm, so weit es noch ging, Sitte und Lebensart bei. Ihren Bemühungen gelang es, ihn dahin zu bringen, daß er sich sauber kleidete, anständig hielt und zu fluchen und schimpfen aufhörte, Gelehrte und Gelehrsamkeit zu achten anfing, wenn gleich er selbst nie ein Buch in die Hand nahm, überhaupt sich zusammennahm, sich vor den anderen Gutbesitzern, seinen Nachbarn, keine Blöße zu geben. So fing er an, langsam und bedächtig zu gehen und zu reden, und sich über Sachen zu belehren, die ihn eigentlich innerlich höchst langweilten. »Ach, wie wollt’ ich Euch durchwichsen, diverse aufzählen!« dachte er oft bei irgend einer Verhandlung bei sich, während er laut sagte: »Ja freilich – natürlich – die Frage will bedacht sein!« Ihr Haus brachte Litwinows Mutter gleichfalls auf einen europäischen Fuß, sie sagte zu den Dienern »Sie«, und erlaubte Niemandem, bei Tische sich zu überessen, oder etwa einzuschlafen und zu schnarchen. Was übrigens das Gut selbst betraf, so verstanden weder sie noch er es ordentlich zu verwalten, noch vernünftig zu wirthschaften – es war in ziemlich vernachlässigtem Zustande, aber reich an Land und Wäldern, nebst einem See, an welchem vormals eine große Fabrik gestanden hatte, die vom früheren Besitzer eingerichtet, von einem spitzbübischen Kaufmanne ausgebeutet und unter der Verwaltung eines ehrlichen Deutschen gänzlich zu Grunde gegangen war. Madame Litwinow war zufrieden, daß die Sachen, wenn gleich nicht gut, doch auch nicht schlechter gingen, und daß sie nicht genöthigt waren, Schulden zu machen. Unglücklicher Weise war sie von schwächlicher Constitution, eine Unvorsichtigkeit brachte ihr die Schwindsucht, und sie starb in demselben Jahre, als ihr Sohn in die Moskauer Universität eintrat. Er beendigte seine Erziehung dort nicht, aus Gründen, die der Leser später erfahren wird, lebte dann eine Zeit lang auf dem Lande, wo er ohne Beschäftigung, ohne Umgang einige Zeit seinen Grübeleien nachhing. Dank der Unbeliebtheit, in der er bei seinen Gutsnachbarn war, die zwar die Theorie der Unschädlichkeit des westeuropäischen »Absynthe« noch nicht kannten, dafür aber sich desto fester an den einheimischen Kornbranntwein hielten, und dem Litwinow nicht, gleich ihnen, seine Huldigung darzubringen verstand, gerieth er im Jahre 1855 unter die Landwehr, und wäre in der Krim fast am Typhus gestorben, ohne einen einzigen der gegen Rußland Alliirten gesehen zu haben, stand dann während sechs Monate am Ufer des Azowschen Meeres in einer Erdhütte, lebte darauf wieder auf seinem Gute und fand endlich Behagen an der Landwirthschaft. Er begriff, daß das mütterliche Gut schlecht von seinem alt werdenden Vater verwaltet wurde und nicht den zehnten Theil der Einnahmen brachte, die es hätte bringen müssen, und daß es in kundigen Händen zu einer Goldgrube werden könne; da er aber selbst zu geringe Kenntniß in der Landwirthschaft besaß, so reiste er in‘s Ausland, um Agronomie und Technologie tüchtig zu studiren. Länger als vier Jahre brachte er in Mecklenburg, Schlesien und Karlsruhe zu, bereiste Belgien und England, arbeitete fleißig, erwarb sich Kenntnisse und befand sich jetzt auf dem Wege in die Heimath, wohin ihn lange schon sein Vater zurückrief, dem die Wirthschaft immer mehr und mehr über den Kopf gewachsen war, und der bei der Emancipation der Bauern und den dadurch entstandenen neuen Verhältnissen zuletzt nicht mehr wußte, wo aus noch ein . . . Wenn nun dem so, warum befand er sich denn aber jetzt in Baden-Baden?
Nun, der Grund seiner Anwesenheit war, – daß er hier von Tag zu Tag die Ankunft seiner weitläufigen Verwandten und Braut, Tatiana Petrowna Schestow, erwartete. Seit seiner frühesten Kindheit schon mit ihr bekannt, hatte er den Frühling wie den Sommer mit ihr in Dresden verlebt, wo sie sich mit ihrer Tante diese Zeit über niedergelassen hatte-.
Aufrichtig liebte und tief verehrte er seine junge Anverwandte und beendigte die Vorbereitungen zu seiner neuen Laufbahn damit, daß er ihr als seiner Auserwählten, seiner treuen Freundin und Gefährtin Herz und Hand anbot, Glück und Leid, Arbeit und Ruhe mit ihm zu theilen, »for better, for worse,« wie der Engländer sagt.
Sie willigte ein, und er begab sich nach Karlsruhe, wo seine Bücher, Sachen, Papiere zurückgeblieben waren.
»Nun, was thut er aber denn in Baden-Baden?« höre ich wieder fragen.
In Baden befand er sich aus dem Grunde, weil die Tante seiner Braut, die sie erzogen hatte, Kapitolina Markowna Schestow, eine alte Jungfer von fünfundfünfzig Jahren, die gutmüthigste und ehrlichste Seele zwar, aber Sonderling und Freigeist, die eingefleischteste Feindin der großen Welt und der Aristokratie, doch der Versuchung nicht widerstehen konnte, wenn auch nur einmal, ein Stückchen dieser großen Welt an einem so modischen Badeorte, wie Baden, näher kennen zu lernen.
Kapitolina Markowna ging ohne Crinoline und trug ihr graues Haar kurz geschnitten, à l‘enfant. Luxus und Glanz zu verachten und zu verhöhnen, machte ihr herzliche Freude . . . Warum nicht der lieben Alten diese Freude in vollem Maße gewähren?
Und darum nun saß Litwinow so ruhig und unbekümmert da, blickte so selbstvertrauend um sich, weil das Leben eben so ungetrübt vor ihm lag, weil sein Schicksal entschieden und er stolz auf dasselbe war und sich desselben, als der Errungenschaft seines Fleißes, freute.
Drittes Capitel
»Ba, ba, ba, ist’s möglich?« gellte plötzlich eine kreischende Stimme in Litwinows Ohr, und eine plumpe Hand klopfte auf seine Schulter.
Er erhob den Kopf und erkannte einen seiner zahlreichen Moskauer Bekannten, einen gewissen Bambaew, einen gutmüthigen, hohlköpfigen, nicht mehr jungen, schwammig aufgedunsenen Menschen mit plumper Nase und rothem Gesicht. Beständig ohne Geld und beständig für irgend etwas enthusiasmirt, trieb sich Bambaew ohne Ziel, aber immer schreiend, auf Gottes weiter Welt umher.
»Das nenne ich ein angenehmes Zusammentreffen!« rief er, seine verschwollenen Glotzaugen aufreißend und seinen gefärbten Schnurrbart liebkosend streichelnd. »Da lob’ ich mir Baden! Wie zu einem Ameisenhaufen kriecht hier Alles zusammen! Wie bist Du denn hierher gekommen?«
Bambaew hatte die edle Gewohnheit, Jeden zu duzen.
»Ich bin vorgestern angekommen.«
»Woher?«
»Das kann Dir gleichgültig sein.«
»Wie? Gleichgültig? Ei gewiß nicht! . . . Richtig, ich kann mir’s denken. Du hast gewiß gehört, daß Gubarow in höchsteigener Person hier sein wird. Nun, er ist gestern aus Heidelberg herübergekommen. Natürlich kennst Du ihn?«
»Ich habe von ihm gehört.«
»Sonst nichts? Wart’, wart’, ich werde Dich gleich zu ihm führen. Einen solchen Menschen nicht zu kennen, ist ja fast ein Verbrechen! . . . Ah, sieh da! da kommt auch Woroschilow. Den kennst Du vielleicht auch nicht? . . . Meine Herren, ich habe die Ehre, Sie einander vorzustellen. Ein paar Gelehrte, dieser da sogar ein Phönix!«
Fünf Minuten später stiegen alle Drei die Treppe des Hotels hinauf, wo Stephan Nikolaewitsch Gubarow abgestiegen war.
Eine schlanke Dame von hohem Wuchse, in einem Hute mit kurzem dunklen Schleier, eilte rasch die Treppe hinab. Als sie Litwinow bemerkte, blieb sie plötzlich, wie im höchsten Grade überrascht, einen Augenblick stehen und schien sich an ihn wenden zu wollen; unter dem Schleier war ein heftiges Erröthen, dann ein eben so plötzliches Erbleichen zu bemerken; Litwinow, der sich gerade zu Bambaew gewendet hatte, bemerkte sie jedoch nicht; die Dame ihrerseits eilte darauf noch rascher die Stufen hinab.
Bei Gubarow fand Litwinow eine bunte Gesellschaft Russen: Officiere, die eine kurze Urlaubszeit in Europa zubrachten, neugierig und halb furchtsam, daß ihr Regimentschef ihren Abstecher zu einem zwar als klug, aber etwas gefährlich verschrieenen Literator erfahren werde; Studenten, die zeitweise in Heidelberg studirten, in nachlässiger, genial sein sollender Toilette, mit langen Haaren und Bärten, verächtlich und hochmüthig auf Alles herabsehend, was irgend einen Anstrich von feinerer Bildung und aristokratischen Manieren zeigte; ein paar Gutsbesitzer, denen die Emancipation der Bauern nicht nach ihrem Sinne war, weil es sie in Zukunft hinderte, die von denselben bisher fast willkürlich erpreßten Abgaben zu verprassen; weiter eine Art Blaustrumpf, eine gewisse Mattena Semeonownowna Suchantschikow, die, als Wittwe ohne Kinder und mit geringen Mitteln, seit ein paar Jahren im Auslande von Ort zu Ort wanderte, sich mit besonderer Erbitterung über Russland und seine Zustände ausließ und eine große Verehrerin Gubarows war. Noch saß in einer Ecke des Zimmers eine ziemlich plump und linkisch aussehende Figur, die Keinem vorgestellt und von Niemandem in‘s Gespräch gezogen wurde, aber doch eine aufmerksam zuhörende, scharf beobachtende Persönlichkeit zu sein schien. Was nun endlich den Herrn der Wohnung, den genialen Löwen des Tages, den gefürchteten, hochverehrten Gubarow anbetraf, so war Litwinow nicht wenig erstaunt, als er demselben vorgestellt wurde und in ihm eine sehr gewöhnliche Persönlichkeit fand, mit breitem Stierkopfe, breiter, etwas viereckiger Stirn, breitem langem Barte, breitem Nacken und breiten schielenden, meist zu Boden gerichteten Augen, so daß er eher das Aussehen eines Gutsbesitzers aus der Provinz als eines Gelehrten hatte.
Nachlässig in einen breiten Paletot, graue weite Beinkleider und Morgenschuhe gekleidet, hatte er die Gewohnheit, immer im Zimmer auf und ab zu wandern, nur hin und wieder irgend ein abgebrochenes Wort hinzuwerfen – gewissermaßen wie man bei der Tafel dem Hunde von Zeit zu Zeit einen Bissen oder einen Knochen zuwirft – und die Gesellschaft durch sein viel sagen sollendes Schweigen in Erstaunen zu sehen.
»Er sammelt Material,« sagten seine Verehrer.
Höchlich erstaunt schien er, als auf die Frage, die Jemand an Litwinow richtete: welcher Art seine politischen Ueberzeugungen seien? dieser lächelnd antwortete: »Was mich betrifft, so habe ich keine dergleichen.«
Die linkische, plumpe Figur im Winkel erhob bei diesen Worten unwillkürlich den Kopf und blickte ihn lange aufmerksam an.
»Aha, ein Unreifer!« bemerkte Gubarow kurz und setzte seinen unterbrochenen Spaziergang im Zimmer fort.
Gegen zehn Uhr des Abends entfernte sich Litwinow heimlich, denn der Kopf fing an, ihn heftig zu schmerzen in diesem Chaos und bei dem erbitterten Streit über alle möglichen Gegenstände, hauptsächlich aber über Rußland. Die milde frische Nachtluft that ihm wohl und erfrischte seinen ermüdeten Geist.
»Das nennen die Deutschen einen Streit um des Kaisers Bart,« dachte er, »wozu soll das führen?«
Er trat bei Weber ein, bestellte eine Portion Eis und nahm eine Zeitung.
Das Eis war schlecht und die Zeitung faselte langweilig von der römischen Frage.
Schon wollte er nach Hause gehen, als ein Unbekannter in einem Hute mit breitem Rande auf ihn zutrat, ihn russisch fragte: »Störe ich Sie vielleicht?« und sich zu ihm setzte.
Jetzt erst erkannte Litwinow in ihm jene linkische, plumpe Figur, die er in einem Winkel bei Gubarow hatte sitzen sehen. Während des ganzen Abends hatte dieser Herr den Mund kaum aufgethan, und jetzt blickte er, nachdem er den Hut abgenommen hatte, Litwinow herzlich und wohlwollend, wenn gleich auch verlegen an.
Viertes Capitel
»Herr Gubarow, bei dem ich das Vergnügen hatte Sie zu sehen,« hub der Unbekannte an, »hat mich Ihnen nicht vorgestellt, erlauben Sie also, daß ich solches selbst thue: ich bin der verabschiedete Hofrath Potugin, diente früher im Finanzministerium zu Petersburg. Ich hoffe, Sie werden es nicht sonderbar finden ich habe sonst wohl nicht die Gewohnheit, so plötzlich Bekanntschaften anzuknüpfen . . . mit Ihnen aber . . .«
Hier wurde Potugin verlegen und rief einen Kellner, bei dem er ein Gläschen Kirschwasser bestellte.
»Mir Muth zu machen,« fügte er lächelnd hinzu. Litwinow blickte mit verdoppelter Aufmerksamkeit auf den letzten seiner neuen Bekannten des Tages und dachte:
»Das ist kein solcher, wie jene!«
Und wirklich war es kein solcher.
Vor ihm saß, mit den feinen Fingern auf dem Tische leicht trommelnd, ein breitschultriger Mann mit vollem Körper auf kurzen Beinen, leicht gebücktem kraushaarigen Kopfe, sehr klugen und theilnehmenden Augen unter dichten Brauen, vollem regelmäßigen Munde, schlechten Zähnen und jener echt russischen Nase, die man Kartoffel zu nennen pflegt, etwas linkischem, zurückhaltendem Wesen, gewiß aber keine Dutzendfigur. Sehr einfach gekleidet, war sein Rock sogar altmodisch und die Schleife seines Halstuches auf die Seite verschoben.
Einen eigenthümlichen Eindruck machte er auf Litwinow, er erregte in ihm Theilnahme, Achtung und unwillkürliches Mitleid-.
»Ich störe Sie also nicht?« wiederholte er mit heiserer aber weicher Stimme, welche ganz zu seinem Aeußern paßte.
»Nicht im geringsten,« antwortete Litwinow, »ich bin im Gegentheil sehr froh.«
»Sehen Sie, das freut mich. Ich habe viel von Ihnen gehört, weiß sogar, womit Sie sich beschäftigen, und kenne Ihr Vorhaben. Sie fangen die Sachen beim rechten Ende an; darum schwiegen Sie auch heute.«
»Ja, und auch Sie sprachen nur sehr wenig,« bemerkte Litwinow.
»Dafür raisonnirten die Anderen desto mehr. Ich hörte zu. Nun, wie hat Ihnen denn unser babylonischer Thurmbau gefallen?«
»Gerade der babylonische Thurmbau, das haben Sie vortrefflich gesagt. Ich hätte Lust, diese Herren wohl zu fragen, um was sie sich eigentlich so bemühen.«
Potugin seufzte.
»Das ist ja eben das Unglück, daß sie das nicht selbst wissen. Und das Bemerkenswerthe ist, daß viele von ihnen sonst ganz achtungswerthe Leute sind, sogar die erbitterte Madame Suchantschikow, die da ihr letztes Geld mit zwei armen Nichten theilt, ebenso auch Ihr Freund Bambaew, der das beste Herz auf der Welt hat. – Bemerken Sie nun noch: wenn zum Beispiel ein Dutzend Engländer zusammenkommen, so kommt sogleich die Rede auf den unterseeischen Telegraphen, auf die Baumwollensteuer, meinetwegen sogar auf die Art und Weise, Ratzenfelle zu verarbeiten, mit einem Worte auf etwas Nützliches Positives; kommen ein Dutzend Deutsche zusammen, nun da ist, versteht sich, Schleswig-Holstein und die Einigung Deutschlands zu einem großen Reiche das Hauptthema; ein Dutzend – Franzosen bringen ohne Zweifel, außer ihrem militärischen Ruhm, das Capitel: Frauenzimmer, und speciell noch: die verbotenen Früchtlein, Camellien 2c. auf‘s Tapet; treffen aber endlich ein Dutzend Russen zusammen, so ist ohne Weiteres die erste Frage: die Zukunft Rußlands, und darüber werden so viele verschiedene Ansichten vorgebracht, als Personen gegenwärtig: Klagen, Unzufriedenheit, Hoffnungen, Erwartungen, alles durcheinander. Die unglückliche Frage wird von ihnen zusammengekaut, wie etwa Knaben ein Stück Gummi elastivum kauen: ohne Sinn und Verstand! Nun, und bei dieser Gelegenheit wird dann gehörig auf den »verfaulten Westen« geschimpft. Und wenn man’s bei Licht betrachtet, so schlägt er uns in allen Punkten, dieser Westen, – den man immer als faul bezeichnet, und gegen den man beständig thut, als ob man ihn verachte. Ich sage: »thut,« denn im Grunde sind das ja nur Phrasen und eine Lüge. Den Westen schimpfen wir zwar, das ist richtig, auf seine Meinung aber sind wir eifersüchtig, im Grunde aber eigentlich nur auf die Meinung der Pariser Windmacher und Flachköpfe. Die Sache geht so weit, daß ein guter Freund von mir, ein Familienvater und kein junger Mann mehr, einige Tage lang außer sich war, weil er, der sich eingebildet hatte, ein vollkommener Pariser zu sein, in einem Restaurant dem Garcon zugerufen hatte: »Une portion de beafsteak aux pommes de terre,« nun hören mußte, wie ein wirklicher Franzose ganz einfach rief: »Garcon! beefsteak, pommes!«
–Sagen Sie mir doch,« sagte Litwinow, »wir kommt es, daß Gubarow einen so augenscheinlichen Einfluß auf seine Umgebung besitzt? Vielleicht durch seine Fähigkeiten, seine Kenntnisse?«
»Ei, Gott bewahre! er besitzt nichts dergleichen.«
»Also wohl durch seinen Charakter?«
»Auch dadurch nicht, wohl aber durch seinen festen Willen. Wir Sclaven lassen uns gar leicht beherrschen. Herr Gubarow hat an der Spitze der Partei stehen wollen, und Alle haben sich vor ihm gebeugt. Sie kennen ja das Sprichwort: Wer den Stock zu gebrauchen weiß, wird leicht Corporal!«
Potugin sagte diese bitteren Worte niedergeschlagen, augenscheinlich betrübt über deren Wahrheit.
»Wie sind Sie denn mit Gubarow bekannt geworden?«
»Ach, den kenne ich seit langer Zeit! Der ist auch so eine der Abnormitäten unseres Landes, wie es deren so manche bei uns giebt. Wie Sie sehen, ist er Slavänophile, Demokrat, Socialist und sonst Alles, was Sie wollen, dessen ungeachtet verwaltete und verwaltet noch sein Bruder, ein Landwirth im alten Geiste, sein Gut, einer von denen, die wir Zahnausbrecher, Bauernschinder zu nennen pflegen. Daß er kein Redner ist, haben Sie gewiß schon heute herausgefühlt, und Gottlob! daß er nur wenig gesprochen hat, denn wenn er einmal bei einem Glase aufthaut, so wird es sogar mir, der ich doch sonst ein geduldiger Mensch bin, zu viel. Dann fängt er an zu spötteln und Zoten zu reißen, daß es Einem widerlich wird zuzuhören.«
»Als ob Sie wirklich so geduldig sind? Ich hätte eher das Gegentheil vermuthet.«
Potugin schlürfte etwas von seinem Kirschwasser.
»Da irren Sie doch sehr: ich bin wirklich geduldig. Mein Vater war Geistlichen und schon früh kam ich in’s Ministerium, wo ich einen Verwandten, den wirklichen Staatsrath Potugin, zweiundzwanzig Jahre lang zum Vorgesetzten hatte. Haben Sie den vielleicht gekannt?«
»Nein.«
»Nun da gratulire ich Ihnen. Geduld habe ich bei dem, als armer Verwandten gelernt! Seit ich nun aber aus dem Dienst getreten, habe ich gelernt, mich etwas freier zu bewegen und mich nicht mehr zu fürchten, meine Ueberzeugung gerade herauszusagen. Meine Meinungen über West-Europa sind nicht die der Majorität bei uns: ich habe hohe Achtung vor Europa gewonnen, oder, genauer zu reden, vor der Civilisation – ich liebe sie von ganzem Herzen und habe keinen anderen Glauben und werde keinen anderen haben als die Civilisation!« Potugin sprach dieses Wort gedehnt und mit Nachdruck aus.
»Nun, und Rußland, Ihr Vaterland, lieben Sie doch?« fragte Litwinow nach einer Pause Herrn Potugin.
»Ich liebe es leidenschaftlich und hasse es zugleich!«
»Das ist veraltet, Herr Potugin, nichts als eine Redensart und schmeckt noch nach dem Romantismus der dreißiger Jahre – nach Byron.«
»Sie irren, das ist eine viel ältere Wahrheit; der Erste, der auf solch eine Verschiedenheit der Gefühle hinweist, lebte vor zweitausend Jahren, es ist der römische Dichter Catullus. Ja, ich liebe mein ganz absonderliches, abscheuliches, theures Vaterland. Ich habe es jetzt verlassen, um meinen Geist etwas auszulüften nach zweiundzwanzigjährigem ewigen Sitzen am Regierungstische; ich habe Rußland verlassen, und mir ist hier ganz behaglich, aber ich fühle doch, lange halte ich es in der Fremde nicht aus, denn gut ist wohl die Gartenerde, aber die Moosbeere kann nicht in derselben gedeihen . . .Doch ich schwatze da schon so lange mit Ihnen, daß es endlich Zeit wird aufzuhören, um nicht Ihnen gleich bei der ersten Bekanntschaft unbescheiden zu erscheinen. Auf angenehmes Wiedersehen! . . . Ich wiederhole Ihnen, es hat mich sehr gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Warten Sie doch; sagen Sie mir wenigstens, wo Sie wohnen und ob Sie noch lange hierbleiben?«
Potugin antwortete etwas verlegen:
»Ich bleibe noch eine Woche hier, wir können uns aber, wenn es Ihnen recht ist, ja hier bei Weber oder Max treffen. Sonst kann ich auch zu Ihnen kommen . . . Und somit: leben Sie wohl!«
Er stülpte seinen breiten weichen Hut auf und verschwand bald in der Lichtenthaler Allee.
Fünftes Capitel
»Ein sonderbarer Mensch!« dachte Litwinow, in seinen Gasthof zurückkehrend, »ein sonderbarer Mensch! Ich werde ihn bald aufsuchen.«
Er trat in sein Zimmer; ein Brief auf seinem Tische zog seine Aufmerksamkeit auf sich.
»Ah, von Tatiana!« dachte er und freute sich im Voraus auf die Nachrichten, die er enthalte; doch hatte er sich geirrt, der Brief war vom Lande, von seinem Vater.
Litwinow erbrach das große Siegel mit dem Wappen und fing an ihn zu lesen.
Ein starker, aber sehr angenehmer und ihm wohlbekannter Wohlgeruch im Zimmer machte ihn stutzen. Er blickte sich um und bemerkte auf dem Fenster, dem er sich genähert hatte, in einem Glase mit Wasser ein großes Bouquet frischgeschnittener Heliotropblüthen.
Er schellte und fragte den Kellner, woher diese Blumen gekommen.
Dieser antwortete, daß eine Dame, die sich nicht hätte nennen wollen, sie gebracht, daß sie aber gesagt habe, der Herr würde sicher bei diesen Blumen errathem wer sie sei.
In Litwinow’s Erinnerung tauchte ein längst entschwundenes Bild auf . . . Er erkundigte sich weiter, wie die Dame ausgesehen habe.
Der höfliche Kellner antwortete, sie sei von hohem Wuchse und sehr elegant gekleidet, ihr Gesicht von einem Schleier bedeckt gewesen-.
»Wahrscheinlich eine russische Gräfin,« fügte er hinzu.
»Woher vermuthen Sie denn das?« fragte Litwinow.
»Weil sie mir zwei Gulden gegeben hat,«antwortete der Kellner, dumm lächelnd.
Litwinow entließ ihn und stand lange in Gedanken versunken; endlich machte er mit der Hand eine Bewegung, wie Einer, der sich etwas aus dem Sinn zu schlagen sucht, und nahm den Brief vom Lande wieder vor.
Sein Vater ergoß sich wieder in seinen gewöhnlichen Klagen, daß das Korn gar nicht mehr an den Mann zu bringen sei, daß die Bauern nicht mehr wie sonst gehorchen wollten und das Ende der Welt nicht fern sein müsse.
»Stelle Dir einmal vor,« schrieb er unter Anderem, »mein bisheriger Kutscher, das Kalmuckengesicht, Du mußt Dich seiner noch erinnern, fing an abzumagern und dahinzuschwinden; Jemand hatte es ihm angethan und sicher hätte ich ihn verloren und wäre so ganz ohne Kutscher geblieben, wenn nicht gute Leute mir den Rath gegeben hätten, ihn nach Bäsan zu einem Priester zu schicken, der durch Sympathie und Besprechungen dergleichen heile und seine Sache ausgezeichnet verstehe. Das that ich denn auch, und die Heilung gelang vortrefflich; zum Beweis sende ich Dir auch einliegend den Brief des Priesters als thatkräftiges Dokument.«
Litwinow durchlas dasselbe neugierig. Es enthielt Folgendes:
»Daß der frühere Leibeigene und Kutscher Dmitri von einem Uebel heimgesucht worden sei, welches keine ärztliche Kunst habe austreiben können, daß dieses Uebel ihm von bösen Menschen beigebracht, er aber (Dmitri) selbst Schuld und Veranlassung zu demselben gegeben, da er einem gewissen Mädchen das gethane Versprechen nicht gehalten habe, und daß diese ihm durch andere böse Menschen das Uebel beigebracht habe, demzufolge er abgemagert und dahingeschwunden sei wie ein Kohlwurm. Da aber habe sich das Auge des Höchsten seiner erbarmt und durch mich (so schrieb der Priester) ihm wieder Leben und Gesundheit verliehen; welcher Art aber dieses vollbracht, das ist und bleibt ein Geheimniß. Eure Wohlgeboren aber ersuche ich zu verfügen, daß obenbesagtes Mädchen in Zukunft nicht dergleichen böse und verderbliche Mittel weiter anwende, ihr solches streng untersagt, ja sie sogar nöthigenfalls gezüchtigt werde.«
Unheimlich wehte Litwinow aus diesem Dokument die heimathliche Steppenluft, Fäulniß und Schimmel entgegen, und wunderbar erschien es ihm, dieses Dokument gerade in Baden zu lesen.
Unterdessen war es längst Mitternacht geworden; er legte sich zu Bett und löschte das Licht aus.
Lange konnte er nicht schlafen, endlich aber bemächtigten sich bunte Träume seiner Seele, aus denen er plötzlich mit einem Gedanken erwachte, der das Innerste seines Herzens erbeben machte; die Blumen im Zimmer, die in der Nacht ihm noch stärker entgegenduftetem hatten diesen Gedanken in sein Gedächtniß zurückgerufen. Er sprang auf, schlug die Hände zusammen und rief aus: »Ist es möglich, sollte sie es sein?!«
Um aber diesen Ruf zu erklären, müssen wir den nachsichtigen Leser ersuchen, uns einige Jahre vor den Anfang dieser Erzählung zurück zu begleiten.
Sechstes Capitel
Zu Anfang der fünfziger Jahre lebte in Moskau in sehr gedrückten Verhältnissen, fast könnte man es Armuth nennen, die zahlreiche Fürstenfamilie Ossinin. Sie war vom reinsten russischen Rurikschen, nicht etwa von tatarisch-georgischem Adel, und ihr Name kommt oft in der Geschichte Rußlands vor. Im Verlauf der Zeiten aber war sie verarmt und heruntergekommen, selbst die Zeiten Peters und Katharinens hatten sie nicht wieder emporbringen können, so daß einzelne Abkömmlinge des Geschlechts sogar genöthigt gewesen waren, bei den Branntweinpächtereien oder als Polizeibeamte zu dienen.
Die Familie Ossinin, von welcher wir hier reden, bestand aus Mann und Frau nebst fünf Kindern. Sie lebte in Moskau unweit des sogenannten Hundeplatzes, in einem einstöckigen hölzernen Hause, mit gingt kleinen Freitreppe die auf den Hof führte, grün angestrichenen hölzernen Löwenfiguren vor dem Thorwege und ähnlichen, die adelige Herkunft bezeichnenden Abzeichen, während ihre Einkünfte kaum hinreichten, ihre Ausgaben zu decken, so daß sie beständig Krämern und Kaufleuten schuldig war und im Winter oft Mangel an Holz und Licht litt.
Der alte Fürst selbst, vormals ein schöner Mann und großer Stutzer, war jetzt ein träger, energieloser und bornirter Alter geworden, dem man, nicht sowohl aus Achtung vor seinem alten Namen, als aus Aufmerksamkeit gegen seine Frau, die vor Zeiten einmal Hoffräulein gewesen war, einer jener alten Moskauer Sinecuren gegeben hatte, die ihm erlaubte, sich um nichts zu bekümmern, von Morgens bis Abends im Schlafrock zu sitzen, zu rauchen, zu seufzen und zu stöhnen.
Die Fürstin war eine kranke und gegen die Welt und ihre Lage erbitterte Dame, beständig beschäftigt mit den Sorgen des Haushaltes, der Unterbringung der Kinder in Kaiserliche Adelsinstitute und der Unterhaltung ihrer Verbindung mit ihren Petersburger vornehmen Bekannten und Verwandten; sie konnte sich immer noch nicht in ihre jetzige Lage finden und ihre Entfernung vom Hofe vergessen.
Litwinows Vater hatte einst, während seiner Anwesenheit in Moskau, Ossinins Bekanntschaft gemacht, ihnen verschiedene Dienste erwiesen, ihnen sogar einmal dreihundert Rubel geliehen, und sein Sohn, der in Moskau studirte besuchte ihr Haus fleißig, zumal seine Wohnung ganz in der Nähe des fürstlichen Hauses war. Nicht diese Nachbarschaft aber war es, die ihn dorthin zog, noch die kümmerlichen Verhältnisse der Familie, sondern die Gegenwart der ältesten Tochter Irina, in die er sich sterblich verliebt hatte.
Sie war eben siebzehn Jahre alt geworden und hatte gerade das adelige Fräuleinstift verlassen, einer Unannehmlichkeit wegen, die die Fürstin mit der Vorsteherin gehabt hatte.
Diese Unannehmlichkeit war daher entstanden, daß Irina beim öffentlichen Artus französische Verse hatte declamiren sollen, ihr aber die Tochter eines der reichsten Vorsteher der Branntweinpacht ungerechter Weise war vorgezogen worden. Die Fürstin konnte diese Beschimpfung nicht ertragen, ja Irina selbst der Vorsteherin solches nicht verzeihen, um so mehr, da sie schon im Voraus Pläne gemacht hatte auf den Effect, den diese Deklamation, öffentlich, in Gegenwart der vornehmen Welt, machen werde. Und in der That, Moskau würde wahrscheinlich nicht ermangelt haben von ihr zu reden.
Irina war ein schlank gewachsenes junges Mädchen von hohem Wuchse, deren Formen jedoch noch nicht ganz entwickelt waren, weshalb auch die Schultern noch nicht die gehörige Fülle hatten; ihr Teint hatte jene, in diesen Jahren sonst noch selten reine, weiße, matte Marmorfarbe, wie man sie meistens ausschließlich bei Damen der höchsten Aristokratie findet; dabei hatte sie dichte aschblonde Locken. Die Züge ihres Gesichts, von fast antiker Regelmäßigkeit, zeigten nicht jene Sorglosigkeit der ersten Jugend, sondern Nachdenken und Energie; eine gewisse schwört-tierische Müdigkeit ihres dunkeln, glanzvollen Auges mit den kühn gewölbten Brauen, sowie ein kaum merkliches Lächeln, welches beständig ihre feinen verführerischen Lippen umschwebte, schien Leidenschaft, sich und Anderen gefährliche Leidenschaft, vorherzusagen.
Im Institut galt Irina für eine der klügsten und fähigsten Schülerinnen, aber mit unbeständigem, herrschsüchtigem Charakter, und einem Kopfe, der die tollsten Einfälle ausdachte und ausführte; eine Klassendame hatte ihr sogar vorhersagte; »vos passions vous perdront;« wo hingegen eine andere sie für kalt und gefühllos hielt Und sie »une jeune fille sans coeur« nannte.
Irina’s Freundinnen nannten sie stolz und hinterlistig, die Brüder und Schwestern fürchteten sie, die Mutter selbst mißtraute ihr, und dem Vater war nie recht behaglich, wenn sie ihre tiefen, geheimnißvollen Augen auf ihn richtete; beiden aber, Vater und Mutter, flößte sie eine unwillkürliche Achtung ein, nicht ihrer hervorragenden Eigenschaften, wohl aber der Hoffnungen wegen, die sie auf ihre Zukunft setzten.
»Du sollst sehen, wir werden noch erleben,« sagte einst der alte Fürst zu seiner Frau, sein langes türkisches Pfeifenrohr aus dem Munde nehmend, »daß unsere Irina uns einmal aus aller Noth herausreißen wird.«
Die Fürstin wurde böse und antwortete ihrem Manne, »er habe immer des expressions insuppartables;« nach einigem Nachdenken aber brummte sie zwischen den Zähnen: »Ja, ja . . . Zeit wär’s wohl einmal dazu.«
Irina genoß eine fast unbeschränkte Freiheit im elterlichen Hause; man verwöhnte sie zwar nicht, war sogar ziemlich kalt gegen sie, aber man handelte ihr auch nicht entgegen; das gerade war es, was sie wollte, wie sie sich überhaupt ziemlich sonderbar hielt.
Wenn z. B. irgend ein Krämer eine alte Schuld einzufordern kam und sich Unartigkeiten erlaubte, weil man ihm wieder nichts bezahlen konnte, oder irgend Einer der Dienerschaft, mit dem Essen unzufrieden, Aeußerungen laut werden ließ, wie: »was das für ein Fürst sei, der selbst nichts zu essen habe, und bei dem die Leute hungern müßten,« – so saß Irina, ohne eine Miene zu verziehen oder ein Wort zu sagen, mit bösem, verächtlichem Lächeln im finstern Gesichte, bewegungslos da, während den Eltern dieses Lächeln ein schlimmerer Vorwurf war, als das Geschrei der Gläubiger oder die Unzufriedenheit der Dienerschaft, als ob ihre Tochter das Recht auf Reichthum und Luxus, den sie ihr nicht geben konnten; von Geburt an habe.
Litwinow hatte sich in Irina verliebt vom ersten Male an, daß er sie gesehen hatte (er war im Ganzen nur drei Jahre älter als sie); lange aber dauerte es, ehe es ihm gelang, Gegenliebe, ja sogar nur Aufmerksamkeit gegen ihn bei ihr hervorzubringen. In ihrem Betragen lag sogar etwas Feindliches, als ob er ihr etwas Böses zugefügt habe und sie die Beleidigung zwar verbergen, aber nicht vergeben könne.
Er war in jener Zeit zu jung und bescheiden, um zu begreifen, was eigentlich unter dieser feindlichem fast verächtlichen Härte verborgen sein könne. Zuweilen geschah es, daß er, Studien und Bücher vergessend, im wenig lustigen Gastzimmer des Ossinin‘schen Hauses saß und heimlich Irina betrachtete. Wehmüthig und traurig war ihm dann zu Muthe, während sie, böse, oder wie gelangweilt, bald aufstand, bald ab und zu ging, auf ihn aber so wenig achtete, als ob er ein Stuhl oder ein Tisch wäre, und den ganzen Abend kein Wort mit ihm redete. Tief verletzt, versuchte er endlich dem Zauberkreise, in welchem er wie ein Vogel in der Schlinge flatterte, zu entweichen, indem er sich eine Woche von Moskau entfernte.
Dieser Versuch aber bekam ihm noch übler; von Sehnsucht gefoltert, kehrte er abgehärmt und krank zu Ossinins zurück.
Sonderbar! Auch Irina hatte sichtlich während dieser Zeit abgenommen, ihr Gesicht eine leidende, gelbliche Farbe bekommen – ihre Kälte gegen ihn war jedoch dieselbe geblieben, eine gewisse Schadenfreude, Geringschätzung sogar, schienen ihre Züge auszudrücken, gerade als ob die heimliche Beleidigung, die er ihr zugefügt, sich noch vergrößert habe.
Auf diese Weise quälte sie ihn zwei Monate lang. Dann aber erschien ein Tag, an welchem sich dies Alles mit einem Male änderte. Wie eine plötzlich hellauflodernde Feuersbrunst, wie der Blitz aus einer Gewitterwolke, brach lang zurückgehaltene Liebe, heftige, leidenschaftliche Liebe plötzlich bei ihr hervor.
Eines Tages – lange noch blieb derselbe seinem Gedächtniß gegenwärtig – saß Litwinow wieder im Ossinin’schen Gastzimmer und blickte stumm und betrübt auf die Straße hinaus, innerlich sich selbst zürnend, daß er nicht die Kraft besitze, sich loszureißen. Wenn ein Fluß unter dem Fenster vorbeigeflossen wäre, die Verzweiflung würde ihn vielleicht hineingetrieben haben, seiner unerträglichen Qual ein Ende zu machen.
Irina hatte sich in einiger Entfernung von ihm, ohne ein Wort zu reden oder sich zu bewegen, niedergesetzt. Seit ein paar Tagen schon hatte sie weder mit ihm, noch überhaupt mit sonst Jemandem gesprochen.
Dieses kalte Schweigen länger zu ertragen, schien ihm nicht mehr möglich; seine Kraft war erschöpft, und er stand auf und fing an, ohne ein Wort des Abschieds zu sagen, nach seiner Mütze zu suchen.
»Bleiben Sie!« hörte er plötzlich leise neben sich flüstern.
Litwinows Herz erbebte heftig, er erkannte anfangs kaum diese Stimme; eine ganz eigenthümliche, früher nie gehörte Weichheit erklang in diesen zwei Worten. Er erhob seinen Kopf und blickte sie starr an. Freundlich, ja freundlich ruhte ihr Auge auf ihm.
»Bleiben Sie,« wiederholte sie, »gehen Sie nicht fort, ich will mit Ihnen zusammen sein.« Sie flüsterte noch leiser: »Gehen Sie nicht«,ich will es!«
Nicht begreifend, noch im Stande, sich Rechenschaft abzulegen, näherte er sich ihr und reichte ihr seine Hand.
Sie ergriff sie heftig mit ihren beiden, lächelte, über und über erröthend, und verließ dann rasch das Zimmer.
Einige Augenblicke später erschien sie wieder mit ihrer jüngsten Schwester, blickte ihn wieder lange mit einem nie vorher bei ihr bemerkbaren milden Lächeln an und winkte ihm, sich neben ihr niederzulassen.
Anfangs konnte sie kein Wort hervorbringen, ihre Brust nur wogte hoch auf, ein Seufzer entrang sich derselben, und sie erröthete wieder; dann fragte sie ihn, halb furchtsam und verlegen, nach seinen Beschäftigungen, was sie früher nie gethan hatte.
Am Abend desselben Tages entschuldigte sie sich mehrere Male, daß sie bisher nie verstanden habe, ihn, wie er es verdiene, zu schätzen, wunderte sich über seine plötzlichen republikanischen Gesinnungen (er vergötterte zu jener Zeit gerade Robespierre und wagte es nicht, Marat laut anzuklagen); – eine Woche später wußte er bereits, daß sie ihn liebe.
Ja, lange noch erinnerte er sich jenes Tages, wie er auch die diesem folgenden ebenso nicht vergessen konnte, die ihm ein lange vergebens ersehntes, kaum gehofftes Glück gebracht hatten.
Nun folgten jene lichten, seligen Augenblicke der ersten reinen Liebe, Augenblicke, die sich später nie wieder holen, ein Menschenleben auch vollkommen ausfüllen.
Irina war wie umgewandelt, fromm wie ein Lamm mild und seelengut; sie fing an ihren jüngeren Geschwistern Unterricht zu geben, wiederholte mit ihnen ihre Aufgaben und nahm sich des Hauswesens an; Alles machte ihr Freude. Bald war sie ungemein schwatzhaft, bald saß sie demüthig und schweigend in Nachdenken versunken, bildete verschiedene Pläne für die Zukunft, wenn sie und Litwinow verheirathet, wie fleißig sie arbeiten würde u.s.w.
»Ja, arbeiten,« wiederholte sie, »lesen . . . aber vor Allem reisen!«
Ihre Hauptsehnsucht war, Moskau zu verlassen, und wenn Litwinow ihr vorstellte, daß er erst seine Studien beendigen müsse, so antwortete sie ihm nach einigem Nachdenken, daß er ja das auch und mit größerem Nutzen in Berlin oder sonst irgendwo könne.
Wenig gewöhnt, ihre Empfindungen zu verbergen, waren diese auch sehr bald dem Fürsten und der Fürstin kein Geheimniß mehr.
Sehr erfreut waren diese eben darüber nicht; nachdem sie aber alle Gründe für und gegen überdacht hatten, hielten sie es durchaus nicht für zweckdienlich, sogleich ihr »Veto« einzulegen. Litwinows Vermögen war ziemlich beträchtlich.
»Sein Herkommen nur, sein Herkommen ist nicht wie es sein solltet!« bemerkte die alte Fürstin.
»Freilich,« sagte der Fürst, »er ist nur von jungem Adel, ein Kraut– und Rübenjunker! . . . doch aber immer von Adel und das ist die Hauptsache: Irina wird uns gewiß nie gehorchen, was wir ihr auch sagen mögen. Hat sie nicht von jeher nur das gethan, was ihr in den Kopf kam? Ueberdies kann die Hochzeit ja noch nicht so bald, weder heute noch morgen schon sein; wer weiß, welch ein Zufall noch eine bessere, vornehmere Partie bringen kann.« So urtheilte der Fürst und fügte in Gedanken hinzu: »Pah, nur Madame de Litwinow . . . und weiter nichts! Ich hatte Anderes erwartet.«
Irina beherrschte ihren künftigen Bräutigam vollkommen, und er selbst überließ sich blindlings ihrer Leitung. Er war wie in einen Wasserwirbel gerathen, aus dem er nicht heraus und zu sich kommen konnte. Ob auch Irina die rechte, passende Frau für ihn sei, wie sie ihre Pflichten erfüllen werde, darüber nachzudenken war er nicht im Stande; sein Blut kochte, und nur eins war ihm klar: ihr zu folgen bis an’s Ende der Welt, sie die Seinige zu nennen, es entstehe daraus, was da wolle!
So ganz ohne kleine Unannehmlichkeiten verlief jedoch, trotz der übergroßen Zärtlichkeit Irinens, die Zeit nicht.
So war er einst gerade aus der Universität, im alten Rock und Tintenflecken an den Händen, zu ihr geeilt. Sie herzlich begrüßend, trat er auf sie zu, sie aber hielt ihm die Hand abwehrend entgegen.
»Sie sind ohne Handschuhe,« sagte sie langsam und etwas zurücktretend, »und wie Sie aussehen! Pfui – ein echter Student!«
»Sie sind zu empfänglich für Kleinigkeiten, theure Irina,« antwortete er verlegen.
»Sie sind . . . ein echter Student,« wiederholte sie, »vous n‘etes pas distingué!«
Und ihm den Rücken zuwendend, verließ sie rasch das Zimmer. Freilich kam sie eine Stunde darauf beschämt zurück und bat ihn leidenschaftlich, ihr zu verzeihen.
Ueberhaupt gestand sie ihm gern ihre Fehler und klagte sich selbst an; nur fand sie sonderbarer Weise in sich Mängel, die sie nicht hatte, während sie hartnäckig ihre wirklichen Fehler nicht eingestehen wollte.
Ein anderes Mal traf er sie in bitteren Thränen, den Kopf mit beiden Händen gestützt und mit herabhängenden Locken, und als er sie, ganz aufgeregt, fragte, was ihr Schlimmes begegnet sei, zeigte sie schweigend mit dem Finger auf ihre Brust.
Ein jäher Schreck drang bis in’s Innerste seines Herzens, der Gedanke an »Schwindsucht« durchfuhr s einen Kopf, und er ergriff ihre Hand.
»Du fühlst Dich krank?« fragte er sie mit zitternder Stimme, (bei wichtigen Gelegenheiten nannten sie einander bereits »Du«). »Ich eile zum Arzt . . .«
Aber Irina ließ ihn nicht endigen und stampfte ärgerlich mit dem Fuße, indem sie rief: »Ich bin ganz gesund . . . nur dieses Kleid . . . dieses entsetzliche Kleid . . . begreifen Sie denn nicht?!«
»Ich verstehe nicht, theure Irina . . . was soll das Kleid?«
»Was es soll? Immer eins und dasselbe, . . . kein anderes zu haben und genöthigt zu sein, ohne Ende dieselbe alte Fahne zu tragen . . . selbst wenn Du . . . wenn Sie kommen! . . . Zuletzt wirst Du noch aufhören mich zu lieben, wenn Du mich immer so ärmlich gekleidet siehst!«
»Was fällt Dir ein, Irina, was redest Du? Dein Kleid ist ja wundernett . . . und mir gar doppelt theuer, weil Du es trugst, als ich Dich zum ersten Male sah.« Irina erröthete, indem sie hastig sagte:
»Erinnern Sie mich, bitte, nicht, daß ich schon damals kein anderes hatte.«
»Aber ich versichere Dich, theure Irina, daß Du himmlisch schön in demselben bist, und daß es Dich wunderbar kleidet.«
»Nein, abscheulich, abscheulich!« rief sie erregt und zupfte nervös gereizt an den langen weichen Locken. »Ach Armuth, Armuth! Welch ein trauriges Los, arm zu sein! Und kein Mittel, aus diesem ewigen Elend herauszukommen! Keins!«
Litwinow wußte nicht, was er ihr antworten sollte, und wandte sich verlegen ab.
Plötzlich sprang sie vom Stuhle auf und umschlang leidenschaftlich seinen Nacken mit beiden Armen.
»Aber Du doch, Du liebst mich? Liebst mich, wie ich bin!?« rief sie, Thränen und Lächeln im glänzenden Auge. »Liebst mich selbst in diesem abscheulichen Kleide?«
Litwinow fiel ihr zu Füßen.
»Ach, liebe mich immer, mein Schutzengel, mein Retter!« flüsterte sie, sich zu ihm herabneigend.
So schwanden Tage und Wochen, und immer noch zögerte Litwinow mit seinem förmlichen Antrage bei den Eltern, natürlich nicht aus eigenem Willen, sondern von Tag zu Tag wartend, daß Irina ihn dazu ermächtige.
»Wir sind doch eigentlich noch gar zu jung,« sagte sie ihm, »laß uns noch eine Zeit lang warten, ich will erst etwas vernünftiger, besser und Deiner würdiger werden.«
So wartete er, sich täglich an ihrem Anblick berauschend, und wirklich schien auch die Zeit der Entscheidung immer näher und näher heranzurücken, als plötzlich, wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel, ein Ereigniß eintrat, das alle Wünsche, Hoffnungen und Pläne in leichte Rauchwolken verwandelte, die im Winde verflogen.
Siebentes Capitel
In jenem Jahre besuchte der Hof Moskau. Feste folgten auf Feste; der gebräuchliche, der kaiserlichen Familie zu Ehren angeordnete Ball im adligen Club rückte heran.
Die Ankündigung desselben in den öffentlichen Blättern gelangte auch in das Haus am Hundeplatze.
Der Erste, den diese in Aufruhr setzte, war der alte Fürst. Er beschloß sogleich den Ball zu besuchen und wünschte Irina durchaus mitzunehmen, weil es ja unverzeihlich wäre, wenn sie diese Gelegenheiten vorüberließen, die kaiserliche Familie und den Hof zu sehen. Mit sonst bei ihm ganz ungewöhnlichem Eifer bestand er dieses Mal auf seinen Vorhaben; die Fürstin, obgleich sie zwar über die dadurch verursachten Ausgaben ächzte und jammerte, war im Ganzen auch nicht dagegen, nur allein in Irina fand dieser Entschluß heftigen Widerstand.
»Es ist nicht nöthig, ich werde nicht mitfuhren,« antwortete sie auf die elterliche Aufforderung.
Ihre Hartnäckigkeit war so groß, daß der alte Fürst sich endlich entschloß, Litwinow zu bitten, er möge sie bereden und ihr vorstellen, daß es sich für ein junges Mädchen nicht schicke, so die Welt zu meiden, und daß sie, ihren Eltern zu gefallen, doch mitkommen möge, da sie ja so schon Niemanden sehe.
Litwinow glaubte dem Fürsten nicht wohl seinen Wunsch abschlagen zu können, und sprach mit ihr.
Irina blickte ihn aufmerksam und prüfend an; so starr blickte sie ihm lange schweigend in’s Auge, daß er verlegen wurde; endlich, mit den Enden ihres Gürtelbandes spielend, fragte sie ihn langsam und gelassen: »Sie wünschen es auch, Sie?«
»Ja,« stotterte Litwinow, »ich glaube – ich meine, Sie sollten dem Wunsche ihrer Eltern nachgeben – ein- mal die Welt sehen – und,« fügte er lächelnd hinzu, »auch sich zeigen.«
»Mich – zeigen-?« wiederholte sie langsam fragend, »Nun wohl, – ich werde mitfahren. – — Nur vergessen Sie nicht, daß Sie es selbst gewünscht haben.«
»Ich? – was eigentlich mich betrifft —,« wollte Litwinow sie unterbrechen.
Sie ließ ihm aber keine Zeit zum Ausreden und fuhr hastig fort:
»Sie haben mich selbst dazu aufgefordert – und, hören Sie, noch eine Bedingung: Sie müssen mir versprechen, den Ball nicht selbst zu besuchen!«
»Warum wünschen Sie aber das?«
»Das ist einmal meine Bedingung, eine weibliche Caprice vielleicht, – genug, ich will es.«
Litwinow verbeugte sich.
»Ich gehorche, – aber ich gestehe, es hätte mir großes Vergnügen gemacht, Sie in Ihrem Triumphe zu sehen, – Zeuge des Eindrucks zu sein, den Sie unfehlbar machen werden – — Wie stolz hätte mich das gemacht!« fügte er seufzend hinzu.
Irina lächelte.
»Die ganze Herrlichkeit wird bei mir in einem weißen Kleide bestehen, und was den Eindruck betrifft – — Nun, kurz und gut, ich will, daß Sie nicht hingehen.«
»Irina, Du scheinst erzürnt?«
Sie lächelte wieder.
»O nein! Ich zürne nicht, – Du nur mit Deiner – —« Wieder heftete sie starr ihren Blick auf ihn, nie hatte sie ihn noch mit einem so sonderbaren Ausdruck angesehen. »Doch wer weiß, vielleicht ist es so Bestimmung,« fügte sie leise hinzu.
»Irina, liebst Du mich auch?«
»So wahr ich lebe und athme,« antwortete sie feierlich, ergriff seine Hand und drückte sie fest, fast männlich.
Die folgenden Tage vergingen unter verschiedenen Vorbereitungen zum Balle.
Am Tage vor dem Balle fühlte sich Irina unwohl, hatte nirgends Ruhe, weinte mehrere Male heimlich, suchte jedoch in Litwinow‘s Gegenwart heiter zu scheinen und war überaus mild und hingebend gegen ihn, wenn gleich etwas zerstreut und oft sich im Spiegel besehend. Am Balltage selbst war sie schweigend, bleich, aber gefaßt.
Gegen neun Uhr des Abends erschien Litwinow, um sie zu bewundern.
Als Irina aus ihrem Zimmer trat, in einem weißen Tüllkleide, einen kleinen blauen Kornblumenkranz im leicht nach oben gekämmtem dichten, vollen Haar, entwand sich ein Ruf der Bewunderung seiner Brust; so majestätisch schön erschien sie ihm, daß sie ihm um vieles älter vorkam.
»Sie scheint seit heute Morgen gewachsen zu sein,« dachte er, »und welch ein Anstand! Was hohe Geburt doch macht!«
Irina stand vor ihm, ungeziert, ohne Lächeln, den Blick fest, doch nicht auf ihn, sondern wie in eine unbestimmte Ferne gerichtet.
»Wie die Königin im Märchen-»sagte endlich Litwinow, »oder besser: wie der Feldherr vor der siegreichen Schlacht . . . Sie haben mir zwar nicht erlaubt, Sie zu begleiten,« fuhr er fort, während sie äußerlich unbeweglich zwar, aber innerlich mit irgend einem andern Gegenstande lebhaft beschäftigt schien, »aber Sie werden mir wohl die Annahme dieser Blumen nicht verweigern?« Und damit reichte er ihr ein Bouquet Heliotropblüthen.
Einen raschen Blick auf Litwinow werfend, erhob sie die Hand und ergriff den Kranz, der ihr Haar schmückte:
»Willst Du? noch ist es Zeit; sage ein Wort, dieser Kranz fällt – und ich bleibe zu Hause.«
Freudig erbebte Litwinow’s Herz, schon fing Irina’s Hand an den Kranz zu lösen.
»Nein, nein, wozu das?« stieß er, ohne zu denken, in einer plötzlichen edlen Anwallung von Vertrauen und ritterlichem Edelmuth hervor, »ich bin kein solcher Egoist; wie sollte ich Dir diese Zerstreuung mißgönnen, da ich ja weiß, daß Dein Herz . . .
»Nun, dann aber kommen Sie mir nicht zu nahe,« unterbrach sie ihn hastig. »Sie bringen mein Kleid in Unordnung.«
Litwinow wurde wieder verlegen.
»Und mein Bouquet? Nehmen Sie es?«
»Sicher! Es ist wunderhübsch, und Sie wissen, ich liebe diesen Geruch. Morei! . . . Ich behalte es zum Andenken . . .«
»An Ihre erste Ausfahrt,« fügte Litwinow hinzu, »an Ihren ersten Triumph!«
Irina blickte über die Schulter in den Spiegel, leicht den Kopf zurückbiegend.
»Bin ich denn wirklich hübsch? Sind Sie nicht vielleicht nur parteiisch?«
Litwinow ergoß sich in Complimenten, auf welche Irina kaum hörte, sondern das Bouquet dicht vor’s Gesicht haltend, ihren inneren Blick in ferne unbekannte Regionen vertiefte.
Der alte Fürst, im weißen Halstuch, das Haar frisirt, im altmodischen Frack mit dem Wladimirbande im Knopfloch, trat jetzt in’s Zimmer, nach ihm die Fürstin im seidenen Chinakleide alten Schnitts, im Gesicht dieselbe hastige Aengstlichkeit, unter welcher die Mütter ihre Aufregung zu verbergen streben, wenn sie ihre Töchter auf Bälle begleiten und indem sie ihnen ohne jede Noth die Falten des Kleides glattstreichen.
Ein alter viersitziger Miethwagen mit zwei mageren, langhaarigen Gäulen bespannt, dessen Räder im Schnee knirschten, fuhr schwerfällig vor, während ein bleicher, hagerer Diener in einer vorsintflutlichen Livree in’s Zimmer trat und in kläglichem Tone meldete, daß der Wagen vorgefahren sei.
Nachdem sie vorher den zu Hause bleibenden Kindern gute Nacht gesagt und segnend das Kreuz über sie geschlagen hatten, hüllten sich die Eltern in ihre alten warmen Pelze und setzten sich in den Wagen, ihnen folgte Irina im leichten kurzen Mäntelchen, – ach, wie verabscheute sie dies alte treue Mäntelchen! – schweigend und ohne sich umzusehen.
Litwinow, der sie hinausbegleitet hatte, hoffte vergebens noch auf ihren Abschiedsgruß, sie setzte sich ihren Eltern gegenüber, ohne weiter auf ihn zu achten.
Gegen Mitternacht ging er unter den Fenstern des adeligen Clubs vorbei. Die zahllosen Lichter der kolossalen Lustres erglänzten hell durch die rothsammtenen Vorhänge, der ganze Platz war mit Equipagen bedeckt, und wie neckend auffordernd ertönten die munteren Klänge eines Strauß’schen Walzers durch die tiefe Nacht!
Gegen ein Uhr am andern Tage begab sich Litwinow zu Ossinins. Er fand nur den alten Fürsten zu Hause, der ihm sogleich damit entgegenkam, daß Irina Kopfschmerzen habe, noch ruhe und erst gegen Abend aufstehen werde, daß übrigens so etwas nach einem ersten Balle ganz natürlich.
»C’est très-naturel, vous savez, dans les jeunes filles,« fügte er in schlechtem Französisch hinzu, wobei Litwinow auffiel, daß er nicht, seiner Gewohnheit nach, im Schlafrock, sondern angekleidet war. »Zudem,« fuhr Ossinin fort, »wie sollte sie so etwas nicht aufgeregt und angegriffen haben, ein so unerhörtes Ereigniß!«
»Ein Ereigniß?« fragte staunend Litwinow.
»Ja,«ja, ein Ereigniß sondergleichen, des vrais événements. Sie können sich nicht vorstellen, lieber junger Freund, quel succès elle a eu! Der ganze Hof hat sie bemerkt. Fürst Alexander Feodoritsch sagte, ihr Platz sei nicht hier, und sie erinnere ihn lebhaft an Lady Devonshire, nun . . . Sie wissen ja . . . die bekannte . . . Der alte Graf Blasenkampf sogar erklärte öffentlich, sie sei la reine du bal, Und ließ sich ihr vorstellen. Mir stellte er sich dann ebenfalls vor und sagte, daß er sich meiner noch als Husar erinnere. Ein höchst drolliger Alter, der Graf, und immer noch adorateur du bean sexe! Nun« und gar meine Fürstin! Keine Ruhe ließ man ihr den ganzen Abend. Bald ließ der Eine bald der Andere sich vorstellen; ich weiß schon nicht mehr wie Viele. Irina a dansé avec tous les meilleurs cavaliers . . . Glauben Sie, den ganzen Abend war immer ein Schwarm um sie herum. Und zuletzt noch in der Mazurka« jeden Augenblick wurde sie gewählt. Ein ausländischer Diplomat, der erfahren hatte, sie sei eine Moskauerin, fügte dem Kaiser: Décidément, Sire, c‘est Moscou qui est le centre de votre empire. Ein Anderer fügte hinzu: C‘est unevraie révolution, Sire – révélation oder révolution . . . etwas in der Art. – Ja, ja ich sage Ihnen, das war etwas Unerhörtes!«
»Nun, und Fürstin Irina?« fragte Litwinow, dem bald heiß, bald kalt bei des Fürsten Rede geworden war, »hat sich wohl gut amüsirt, war zufrieden?«
»Nun natürlich hat sie sich gut amüsirt; ich möchte wissen, was ihr gestern noch hätte fehlen sollen? Uebrigens wissen Sie ja, weiß man bei der nie, woran man ist. Alle waren gestern im höchsten Grade erstaunt. Jamais on ne dirait que mademoiselle votre est à son premier bal! sagte mir unter Anderem auch Graf Reisenbach. Sie kennen ihn, denke ich?«
»Nein, ich kenne ihn nicht, habe ihn nie gekannt.«
»Ei, der Vetter meiner Frau . . .«
»Nein, ich habe ihn nie gesehen.«
»Ein sehr reicher Mann, Kammerherr, lebt in Petersburg, am Hofe sehr beliebt, steht an der Spitze der Verwaltung von Livland. Bis jetzt hatte er sich wenig oder gar nicht um uns bekümmert, woraus ich mir übrigens wenig mache. Nun derselbe. Nachdem er Irina aufgesucht und sich eine Zeit lang mit ihr unterhalten hatte, kommt er zu meiner Fürstin und sagt ihr: Ma cousine, votre fille est une perle, c‘est une perfection, alle Welt wünscht mir zu solch einer Nichte Glück; – darauf, sehe ich, geht er zu dem ausländischen Diplomaten, spricht mit ihm, läßt aber meine Irina nicht aus den Augen, und der ausländische Diplomat sieht auch nach ihr hin . . .«
»Demzufolge wird also Fräulein Irina heute den ganzen Tag nicht sichtbar sein?« fragte Litwinow wieder.
»Nein, sie läßt Sie grüßen und für das Bouquet danken,« qu‘on a trouvé charmant. Sie bedarf der Ruhe . . . Meine Fürstin ist Visiten gefahren . . . ja, ich selbst, ich . . .«
Der Fürst fing an zu husten und sich wie müde zu recken.
Litwinow nahm seinen Hut, sagte, es sei nicht seine Absicht zu stören, er werde später wiederkommen, um sich nach Alter Gesundheit zu erkundigten und entfernte sich.
In einiger Entfernung vom Ossinin’schen Hause sah er einen eleganten zweisitzigen Wagen mit gräflichem Wappen, der bei einem Polizeisergeanten anhielt. Der Livreediener fragte diesen, nachlässig sich vom Bock herablehnend, wo der Fürst Paul Wassilitsch Ossinin wohne.
Litwinow blickte in den Wagen hinein; in demselben saß ein Hämorrhoidariusgesicht in mittleren Jahren, mit unangenehmen, falschen Zügen, einer griechischen Nase und bös verzogenem Munde, in einen kostbaren Zobelpelz gehüllt – allem Anschein nach ein wichtiger Würdenträger.
Achtes Capitel
Litwinow hielt sein Versprechen, später wiederzukommen, nicht, er hielt es für besser, seinen Besuch auf den folgenden Tag zu verlegen.
Als er gegen zwölf Uhr in das ihm nur zu bekannte Gastzimmer des Fürsten trat, fand er dort die beiden kleinen Kinder der Fürstin, Victorine und Cleopatra. Nachdem er sie begrüßt hatte, fragte er, ob Irina sich besser befinde und ob er sie sehen könne.
»Irinchen ist mit Mama ausgefahren,« antwortete Victorine, welche dreister als ihre Schwester war.
»Wie? . . . ausgefahren?« wiederholte Litwinow, und eigenthümlich böse Gedanken stiegen in ihm auf. »Beschäftigt sie sich denn nicht um diese Zeit mit Euch und giebt Euch Stunden?«
»Irinchen wird uns jetzt keine Stunden mehr geben«« antwortete Victorine.
»Wir werden jetzt keine Stunden mehr bei ihr haben,« fiel nun auch bekräftigend Cleopatra ein.
»Aber wo ist denn Papa, ist er zu Hause?«
»Papa ist auch nicht zu Hause,« fuhr Victorine fort, »und Irinchen ist krank, sie hat die ganze Nacht geweint.«
»Sie hat geweint?«
»Ja, sehr viel geweint . . . unsere Jegorowna hat es mir gesagt . . . und ihre Augen waren auch ganz roth und geschwollen.«
Litwinow überlief es bald heiß, bald kalt, er zitterte wie im Fieber. So kehrte er in seine Wohnung zurück.
Er hatte die Empfindung eines Menschen, der von einem hohen Thurme in die Tiefe zu seinen Füßen hinabblickt, ihn schauderte innerlich, und sein Kopf ging ihm in der Runde.
»Irina meidet mich, will mich nicht sehen,« klang es immer in seinen Ohren, »das ist klar; doch warum? Was kann auf diesem unseligen Balle vorgegangen sein? Und woher dieser plötzliche Wechsel? So unverhofft – (auch der Tod kommt dem Menschen stets unverhofft« und Niemand vermag sich an den Gedanken zu gewöhnen daß er ihm vielleicht nahe) – und mich kein Wort wissen zu lassen, mir nicht zu erklären . . .«
»Gregor Michailitsch!« rief plötzlich eine Stimme dicht hinter ihm.
Litwinow zuckte zusammen und wandte sich um, sein Diener stand mit einem Billet in der Hand vor ihm.
Er erkannte sogleich Irinens Handschrift. Noch hatte er das Siegel nicht gelöst, und schon fühlte er das Unglück sich ihm nahen, sein Kopf sank auf seine Brust, und ein schwerer Seufzer entstieg derselben. Endlich raffte er sich zusammen und erbrach rasch das Couvert. Das kleine Blatt seines Postpapiers enthielt folgende Worte:
»Können Sie mir vergeben, Gregor Michailitsch? Alles zwischen uns ist auf ewig aus – ich reise nach Petersburg. Schwer ist es mir um’s Herz, doch ist nichts mehr zu ändern! Es scheint, der Himmel hat es nicht gewollt, und meine Bestimmung war – — doch nein, ich kann und will mich nicht rechtfertigen. Mein Vorgefühl ist in Erfüllung gegangen. Vergehen Sie mir, vergessen Sie mich; ich bin Ihrer unwerth.
Irina.
Seien Sie großmüthig, suchen Sie mich nicht zu sehen.
Litwinow las diese kurzen Zeilen und sank, wie vom Schlage getroffen, auf den Divan zurück.
Das Briefchen entfiel seiner Hand; er hob es auf; als er sich etwas erholt hatte, las er es von Neuem, »Nach Petersburg!« flüsterte er und ließ es wieder fallen.
Eine Apathie bemächtigte sich seiner, die ihn gleichgültig gegen Alles ihn Umgebende machte.
»Die Ergebenheit eines Todtkranken,« dachte er. – »Sie hat geweint, sagten die Kinder; – worüber hat sie denn geweint? Sie liebte mich ja nicht! – Wie ein solches Verfahren ihrem Charakter ähnlich sieht! – Meiner nicht werth, schreibt sie – Ausflüchte!« Er lächelte bitter. – Uebrigens ist es ja ganz natürlich, ein Weib wie sie und – ein unbedeutender Student!« – Dann aber gedachte er ihrer zärtlichen Worte, ihres Lächelns und ihrer unvergesslichen Augen, die er nie wiedersehen sollte, jenes einzigen, verschämten zwar, aber brennenden Kusses – und brach plötzlich in ein heftiges, krampfhaftes, nicht zu hemmendes Schluchzen aus. Wuth und Raserei kochten in seinem Herzen, er warf sich« mit gieriger Befriedigung gegen sich selbst tobend, endlich erschöpft aufs Bett, verbarg sein erhitztes Gesicht im Kissen, biß in dasselbe hinein und weinte wie ein Kind.
Jenes verbissene Hämorrhoidariusgesicht, welches Litwinow am vergangenen Tage gesehen hatte, gehörte wirklich jenem Vetter der Fürstin Ossinin, von welchem der alte Fürst gesprochen hatte, dem reichen Kammerherrn Grafen Reisenbach.
Als dieser den Eindruck bemerkte, den Irinens Auftreten überall hervorbrachte, berechnete er gleich, welchen Vortheil derselbe, mit Verstand benutzt, bringen könne, und als energischer, schlau berechnender Mensch beschloß er gleich, rasch auf »napoleonische Art« zu handeln.
»Ich nehme dieses originelle Mädchen zu mir in’s Haus nach Petersburg,« dachte er, »mache sie meinetwegen theilweise zu meiner Erbin, habe ich ja doch so keine Kinder; sie ist meine Nichte, überdies langweilt sich auch meine Gräfin, so allein zu sein, ihr wird Irina eine angenehme Gesellschafterin werden. – Die Hauptsache aber, – ein hübsches Gesicht im Gastzimmer, – man kann doch nie wissen, wen das herbeilocken kann! – Was nun die Alten betrifft, die haben so nichts zu beißen noch zu brechen, die werden keine langen Umstände machen und scheinen mir auch nicht sehr empfindsam zu sein – die Trennung wird ihnen just nicht schwer fallen – Nun, und sie selbst? Auch sie wird einwilligen. Der Honig ist süß – hat sie doch gestern schon angefangen ihn zu kosten! – Wollen wir annehmen, die Alten werden meinen Wunsch für die Caprice eines großen Herrn halten – mögen die Dummköpfe ihren Nutzen daraus ziehen! Ich werde ihnen sagen: so und so; entschließt Euch kurz, wo nicht, so nehme ich die erste beste Waise in’s Haus – mir noch bequemer. Also ja oder nein, vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, und damit Punktum!«
Mit diesen Worten brachte der Graf auch sein Anliegen seinem Verwandten vor, den er schon auf dem Balle darauf vorbereitet hatte.
Ueber die Folgen seines Besuches brauchen wir uns nicht lange zu verbreiten.
Der Graf hatte sich in seiner Berechnung nicht getäuscht: der Fürst und die Fürstin widersetzten sich wirklich seinem Vorhaben nicht, und Irina willigte ebenfalls ein, ehe noch die Bedenkzeit abgelaufen war.
Nicht leicht wurde es ihr, die Verbindung mit Litwinow abzubrechen, denn sie liebte ihn wirklich und wäre fast heftig erkrankt, nachdem sie das Billet an ihn abgeschickt hatte.
Bleich und abgehärmt, mit verweintem Gesicht, wandelte sie im Hause umher . . . nichtsdestoweniger aber begleitete die Fürstin sie nach einem Monat schon nach Petersburg, wo sie dieselbe in das Haus des Grafen brachte, sie der Fürsorge der Gräfin, einer sehr stillen, bescheidenen Dame mit Hühnergestalt und Hühnerverstand, anvertrauend.
Litwinow verließ bald nach dieser Begebenheit die Universität und ging zu seinem Vater auf‘s Land. Nach und nach vernarbte auch seine Wunde.
Anfangs hatte er durchaus keine Nachricht von Irina, er vermied sogar jedes Gespräch über Petersburg und dessen Gesellschaft. Dann kamen verschiedene sonderbare Gerüchte über sie in Umlauf, die Welt fing an sich mit ihr zu beschäftigen, ohne gerade schlecht von ihr zu reden. Der Name der jungen Fürstin Ossinin strahlte hoch am Himmel der vornehmen Welt, erregte Neugierde, Bewunderung, Neid. Endlich erfuhr man, sie habe sich verheirathet. Litwinow aber achtete kaum mehr auf diese Neuigkeit, denn er war schon damals Tatianens Bräutigam, zufrieden und glücklich.
Jetzt wird der Leser wahrscheinlich begreifen, was Litwinow damit sagen wollte, als er ausrief: »Ist es möglich, sollte sie es sein?«
Wir aber wollen nach Baden-Baden zurückkehren und den Faden der unterbrochenen Erzählung wieder aufnehmen.
Neuntes Capitel
Litwinow schlief sehr spät ein und wachte schon früh wieder auf; die Sonne ging kaum auf, als er sich bereits erhob. Die aus seinem Fenster sichtbaren Gipfel der Berge erglänzten röthlich am klaren Himmel.
»Wie schön frisch es dort unter den schattigen Bäumen sein muß!« dachte er und kleidete sich rasch an.
Er blickte zerstreut auf das während der Nacht noch üppiger aufgeblühte Bouquet, nahm seinen Stock und machte sich aus den Weg nach dem »alten Schlosse« und dem berühmten »Porphyrfelsen.«
Munter und frisch schritt er vorwärts, Jugend und Gesundheit athmete in jeder seiner Bewegungen, die Erde schien ihm leicht und lachte ihm freundlich entgegen. Mit jedem Schritte wurde ihm fröhlicher zu Muthe, als er längs den frischgrünenden Tannen den Berg hinaufeilte.
Fast drei Stunden wanderte er so in den Bergen umher, bald den Weg verlassend und im Walde umherstreifend, bald von Fels zu Fels springend, oder auf weichem Moose unter einer schattigen Eiche oder Buche, oder am Rande eines murmelnden Baches ruhend, unter dem Friede und Ruhe im Herzen verbreitenden Gesäusel der Blätter, dem fröhlichen Gesange der Vögel; wie herrlich ruhte es sich im golden und grün erglänzenden Wohlgeruch aushauchenden Walde; seine Augen schlossen sich, und er schlummerte lächelnd ein.
Als er erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel, er verspürte Hunger und machte sich auf den Weg nach dem alten Schlosse, wo man ein Glas gute frische Milch oder auch Kaffee bekommen kann.
Kaum aber hatte er an einem der weißangestrichenen Tische, die sich auf der Plattform vor dem Schlosse befinden, Platz genommen, als er das schwere Keuchen ermüdeter Pferde vernahm und dann drei Kaleschen bemerkte, die nach einander ankamen und eine zahlreiche Gesellschaft Herren und Damen entluden.
Litwinow erkannte in diesen sogleich Russen, obgleich sie, oder vielmehr gerade weil sie unter einander französisch sprachen. Die Toiletten der Damen waren überaus gewählt und elegant; die Herren in ganz neuen, wenn gleich für unsere Zeit etwas zu fest anliegenden Röcken, grauen, punktirten Beinkleidern und glänzend neuen Hüten. Das kleine schwarze, ebenfalls zu fest gebundene Halstuch, die steife Haltung des Halses ließ diese Herren leicht als zum Militärstande gehörend erkennen.
Wirklich war auch Litwinow zufällig zu einem Picknick junger Generale, Personen aus den höchsten Kreisen und mit berühmten Namen, gekommen. Daß sie aus vornehmstem Stande waren, bekundete ihre zurückhaltende Ungezwungenheit, ihr freundlich wichtiges Lächeln, ihre gezierte Zerstreutheit, ihr affectirtes Achselzucken, das Hin- und Herwiegen im Gange, ja sogar der eigenthümliche Klang der Stimme, die liebenswürdige, süßlich herablassende Arroganz, wenn sie mit Jemandem aus der Menge redeten. Alle diese Cavaliere waren glänzend sauber rasirt, frisirt und mit jenem echt aristokratischen Wohlgeruch, einem Gemisch von Patchouli und feinstem Havannah-Cigarrenduft, wie ihn nur der Gardeofficier gebraucht, parfümirt. Auch ihre Hände waren aristokratisch: weiß, groß, mit starken, langen, elfenbeinartigen Nägeln; sie hatten glänzende, volle Schnurrbärte, weiße Zähne und eine männliche, frische Gesichtsfarbe.
Einige dieser jungen Generale waren munter, andere gemessen, in allen aber prägte sich ein feiner Anstand und ein gewisses vornehmes Wesen deutlich aus. Jeder war sich der Rolle tief bewußt, die er noch im Staate zu spielen berufen war, und ließ sich nur im Auslande etwas gehen, ohne jedoch seine Würde zu vergessen.
Litwinow beeilte sich, sein Glas Milch auszutrinken und zu zahlen, stülpte dann rasch seinen Hut auf und war eben im Begriff, beim Generalspicknick vorbeizuschlüpfen, als eine weibliche Stimme ihn stutzen machte.
»Gregor Michailitsch, sind Sie es? – Erkennen Sie mich nicht?« rief diese Stimme.
Unwillkürlich blieb er stehen. Diese Stimme« – zu oft nur hatte sie vormals sein Herz lauter schlagen gemacht. Er blickte auf und bemerkte Irina.
Sie saß am Tische in halb liegender Stellung, die Arme rückwärts über die Stuhllehne kreuzend, den Kopf etwas auf die Seite geneigt, ihn zuvorkommend, fast herzlich anlächelnd.
Litwinow erkannte sie sogleich, obgleich sie sich bedeutend verändert hatte seit ihrem letzten Zusammentreffen in Moskau vor zehn Jahren. Alle ihre Formen hatten an Fülle gewonnen; aus dem aufblühenden Mädchen war eine üppige Frau geworden, mit dem Anstand einer Juno, wie man sie auf den Plafonds altitalienischer Paläste abgebildet sieht. Ihre Augen allein waren dieselben geblieben und schienen ihn jetzt ebenso wieder anzublicken, wie damals im kleinen Moskauer Häuschen.
»Irina Pawlowna . . .« sagte er verlegen und unentschlossen.
»Sie haben mich also erkannt? Wie mir das lieb ist! Wie ich . . .« Sie hielt inne, einen Augenblick leicht erröthend und sich aufrichtend. »Das ist mir sehr angenehm,« fuhr sie dann französisch fort. »Erlauben Sie mir, Sie meinem Manne vorzustellen. Valérien, monsieur Litwinow, un ami d‘enfance – Vaérien Wladimirowitsch Ratmirow, mein Mann.«
Einer der jungen Generale, der aristokratischste Gentleman fast von allen, erhob sich und grüßte Litwinow höchst verbindlich, während die andern sich wie Schildkröten in sich selbst zurückzuziehen schienen, oder eine wichtige Miene annehmen, als ob sie im Voraus gegen jede nähere Bekanntschaft mit einer unbekannten Civilperson protestirten, und die andern am Picknick theilnehmenden Damen nach einem flüchtigen Blick auf Litwinow es für angemessen hielten, den Kopf zu heben, die Augen zusammenzukneifen, leicht zu lächeln, sogar Verwunderung im Blick zu zeigen..
»Sie . . . Sie sind schon längere Zeit in Baden?« fragte General Ratmirow, augenscheinlich in Verlegenheit, was er aus dem »Jugendfreunde« seiner Frau machen solle.
»Erst seit Kurzem,«antwortete Litwinow..
»Und denken hier lange zu verweilen?« fuhr der höfliche General fort.
»Das ist noch nicht bestimmt.
»Nun, das ist ja vortrefflich . . . vortrefflich.«
Der General schwieg, Litwinow ebenfalls. Beide hielten ihre Hüte in der Hand und lächelten einander scharf musternd an.
Nun entspann sich unter dieser »crême de la société« ein Gespräch, welches dem Uneingeweihten oft ganz unverständlich erscheint, da es mit Eigennamen – meist nur Vornamen – und Anekdoten, Bonmots und Brocken aus allen Sprachen durchspickt, Anspielungen auf Vorgänge machte, die in jenen »höheren Regionen« Anlaß zu kleinen, unschuldigen Klatschereien gegeben haben..
Litwinow wurde es bei diesem glänzenden Wirrwarr, der ihm oft wie chinesisch vorkam, da ihm der Schlüssel zu all, den Räthseln fehlte, ganz unheimlich und schwül zu Muthe, zumal man seine Anwesenheit vollkommen zu ignoriren schien, ganz als ob der Stuhl, den er in ihrer Nähe einnahm, leer gewesen wäre. Sein Stolz, sein ehrlicher, plebejischer Stolz empörte sich. Was hatte er auch mit ihnen gemein, er, der Sohn eines geringen Beamten, mit diesen Petersburger Aristokraten. Er liebte Alles, was sie haßten, haßte Alles, was sie liebten, Ihre Späße fand er abgeschmackt, ihren Ton unerträglich, jede Bewegung arrogant; in ihren herablassendsten Reden selbst erklang empörende Geringschätzung, – und doch war es eine eigenthümliche Verlegenheit, die sich seiner in Gegenwart dieser Menschen, seiner angeborenen Feinde, bemächtigte.
»Pfui« welch! jämmerliche Rolle ich hier spiele, ich bin ihnen im Wege und erscheine ihnen lächerlich,« ging ihm im Kopfe herum. »Warum aber bleib’ ich auch? Was hält mich denn? – Auf, fort von hier, je rascher, desto besser!«
Selbst Irinens Gegenwart vermochte nicht ihn länger zu halten, sie weckte in ihm keine angenehmen Erwartungen..
Er erhob sich mit raschem Entschlusse und nahm Abschied.
»Sie wollen uns schon verlassen?« fragte Irina; bestand aber nach kurzem Nachdenken nicht weiter auf seinem Bleiben und nahm nur von ihm das Versprechen, sie jedenfalls zu besuchen.
General Ratmirow grüßte ihn beim Abschied mit derselben ausgesuchten Höflichkeit, drückte ihm die Hand und begleitete ihn bis zum Ende der Plattform.
Kaum war Litwinow hinter der ersten Waldecke verschwunden, als ein allgemeines Gelächter hinter ihm erschallte. Dies Lachen galt jedoch nicht ihm, dazu war die Gesellschaft zu höflich erzogen, sondern dem längst erwarteten französischen Exliteraten und Hofnarren »de ces princes russes,« dem Monsieur Verdier, welcher plötzlich in einem Tyroler Hute, einer blauen Blouse, auf einem Esel reitend, auf der Plattform erschien.
Das Blut stieg Litwinow in’s Gesicht, er kniff bitter die Lippen zusammen.
»Verächtliches« jämmerliches Volk!« stieß er hervor. »Und in dieser Welt lebt Irina, für sie hat sie ihre Würde, ihre reinsten Empfindungen und Gefühle geopfert; klar ist es, sie hat kein besseres Schicksal verdient!«
Tief die frische, milde Luft einathmend, eilte er rasch den Berg hinab. Er gedachte seiner Braut, seiner frommen, lieben, guten Tatiana. Wie rein und edel erschien sie ihm jetzt! Mit welch aufrichtiger Sehnsucht rief er sich ihre Züge, ihre Worte, ihre Gewohnheiten in’s Gedächtniß zurück, mit welcher Ungeduld erwartete er ihre Ankunft!
Der rasche Spaziergang hatte seine aufgeregten Nerven beruhigt.
Als er nach Hause zurückgekommen war« setzte er sich an den Tisch und nahm ein Buch, doch war es ihm nicht möglich zu lesen. Wunderbar, kaum glaublich erschien ihm dies Zusammentreffen mit Irina. – War es denn möglich, daß er mit jener Irina zusammen gewesen, gesprochen habe? – Und warum lag auf ihr nicht jener widerliche Stempel der feinen Welt, der in den Andern so fest ausgeprägt war? Warum schien ihm doch, als ob ihre Lage sie langweile, oder sie betrübe?
»Sie ist im fremden Lager, aber kein Feind,« dachte er. Was konnte sie wohl bewegen, ihn so herzlich zu begrüßen, ihn zu sich zu bitten?
Litwinow erbebte.
»O Tatiana,« rief er, von seinen Gefühlen hingerissen. »Tatiana,« Du allein bist mein Engel, mein – guter Genius, Dich allein liebe ich, jetzt und ewig! Zu Jener aber kehre ich nicht zurück. Sie gehe mit Gott – und kokettire mit ihren Generalen!«
Litwinow nahm wieder sein Buch zur Hand.
Zehntes Capitel
Litwinow fing an zu lesen, aber seine Gedanken wanderten anderswo herum, und er wußte nicht, was er las. Die Zeit verstrich unleidlich langsam.
Einige Landsleute kamen, ihn zu besuchen; diese Besuche waren ihm unerträglich. Einer von ihnen, ein gewisser Bindassow, für den er sich nicht allein nicht im geringsten interessirte, sondern der ihm noch besonders zuwider war, verlangte von ihm auf kurze Zeit hundert Gulden Litwinow, obgleich er wußte, daß er das Geld nie zurückbekommen würde, auch selbst durchaus keinen Ueberfluß an Geld hatte, gab sie ihm.
»Warum?« fragt der Leser. Ja, Gott weiß warum! Aber so ist einmal der russische Charakter, es liegt nicht in seiner Natur, Jemandem etwas abzuschlagen.
Bindassow bedankte sich auch gar nicht einmal, verlangte noch ein Glas Affenthaler und verließ pfeifend und ohne Umstände das Zimmer.
Gegen Abend erhielt Litwinow einen Brief von seiner Braut, in welchem sie ihm mittheilte, daß einer Unpäßlichkeit wegen, sie vor fünf oder sechs Tagen nicht in Baden sein könnte. Diese Nachricht wirkte unangenehm auf ihn, sie vermehrte seinen Aerger, und er legte sich übelgelaunt früh schlafen.
Der folgende Tag verging nicht besser, ja fast noch schlimmer; schon am frühen Morgen kamen mehrere Landsleute, unter andern zwei Heidelberger Studenten, die den ganzen Morgen dablieben und sich und ihn langweilten.
Als endlich Litwinow allein geblieben war, versuchte er sich zu beschäftigen, aber der Kopf ging ihm noch von dem Geschwätz seiner Landsleute herum, und er war nicht im Stande, das Geringste zu Wege zu bringen.
Am andern Tage, als er eben frühstücken wollte, klopfte Jemand an seine Thür.
»Mein Gott,« dachte er, »wenn nur nicht wieder einer der gestrigen Freunde kommt, mich mit seinem Besuche zu langweilen.« Halb ängstlich rief er: »Herein!«
Die Thür öffnete sich leise und Potugin trat ein.
Litwinow war sehr erfreut über diesen Besuch und nahm ihn ungemein herzlich auf.
Potugin schien etwas verlegen, und obwohl ihn gleich Litwinows Freundlichkeit angenehm zu berühren schien, so hatte doch sein Auftreten etwas Gezwungenes.
»Es ist mir immer sehr angenehm, zu ihnen zu kommen,« hub er verlegen an, »doch aber bin ich diesmal eigentlich nur zu Ihnen gesand!«
»Was so viel sagen will,« unterbrach ihn Litwinow, »daß Sie sonst nicht zu mir gekommen wären!«
»O nein, das gewiß nicht. Doch aber hätte ich es nicht so bald gewagt, Sie zu stören, – wenn nicht Jemand es von mir bestimmt verlangt hätte. Mit einem Worte – ich habe einen Auftrag an Sie.«
»Erlauben Sie mir zu fragen« von wem?«
»Von einer Ihnen bekannten Dame« von Irina Pawlowna Ratmirow. Sie haben ihr nämlich vorgestern, glaube ich, versprochen, sie zu besuchen?«
Litwinow blickte Potugin verwundert an.
»Sie sind mit der Generalin Ratmirow bekannt?«
»Wie Sie sehen.«
»Gut bekannt?«
»In mancher Hinsicht darf ich mich ihren Freund nennen.«
Litwinow schwieg.
»Erlauben Sie mir, Sie zu fragen,« hub er endlich an, »ist Ihnen bekannt, warum Irina Pawlowna mich zu sehen wünscht?«
Potugin trat an‘s Fenster.
»Gewissermaßen, ja. So viel ich urtheilen kann, war sie sehr erfreut, Sie hier getroffen zu haben und wünscht nun die früheren Verhältnisse wieder zu erneuern.«
»Erneuern?« wiederholte Litwinow. »Verzeihen Sie meine Unbescheidenheit, aber erlauben Sie mir noch zu fragen: ist Ihnen bekannt, welcher Art diese Verhältnisse waren?«
»Genau – nein, kenne ich diese nicht. Aber ich vermuthe, und dabei blickte er sich um und blickte ihn freundlich an, »ich vermuthe, daß sie freundschaftlich waren. Die Generalin hat Sie mir gelobt und nicht eher geruht, bis ich ihr das Wort gegeben habe, daß ich Sie zu ihr führen werde. Werden Sie kommen?«
»Wann?«
»Jetzt . . . gleich!«
Litwinow winkte abwehrend mit der Hand.
»Die Generalin vermuthet,« fuhr Potugin fort, »daß die Gesellschaft, oder wie sie sagt, der Kreis, in welchem Sie sie vorgestern getroffen haben, wahrscheinlich nicht besonders mit Ihren Neigungen und Meinungen sympathisirt; sie läßt Ihnen aber sagen, daß der Teufel nicht so schwarz sei, wie man ihn abbilde.«
»Hm – und dieser Ausspruch bezieht sich gerade auf jenen Kreis?«
»Auf diesen . . . und im Allgemeinen auf jeden andern.«
»Hm! – Nun, und Sie« Herr Potugin, welche Meinung haben Sie vom Teufel?«
»Ich meine, daß er jedenfalls nicht so ist, wie man denselben darstellt.«
»Besser oder schlimmer?«
»Ob besser oder schlimmer, ist schwer zu sagen; doch anders jedenfalls. – Nun aber kommen Sie.«
»Ach warten Sie noch einen Augenblick. – Aufrichtig gesagt, kommt es mir doch etwas sonderbar vor . . .«
»Was? wenn ich bitten darf.«
»Wie Sie, gerade Sie, Irina Pawlowna’s Freund haben werden können!«
Potugin warf einen Blick auf sich selbst.
»Mit meiner Figur, meiner Stellung in der Welt scheint das wirklich fast unwahrscheinlich. Vor ihnen steht ein hoher, schöner Baum, die Luft ist ruhig, kein Blättchen regt sich; ist es nun wohl möglich, daß ein Blatt, welches unten am Baume sitzt, je mit dem Blatte oben an der Krone in Berührung kommt? Nein. Doch lassen Sie nur einen Sturm kommen, der reißt Alles durcheinander – und jene beiden Blätter kommen am Boden zusammen.«
»Aha, nun begreife ich, es hat also ein Sturm stattgefunden?«
»Wie sollte das Leben ohne Stürme verlaufen! Aber wollen wir das Philosophiren bei Seite lassen. Es ist Zeit zu gehen.«
Litwinow zögerte noch immer.
»Nun, beim Styr, rief Potugin mit komischer Geberde, »unsere jungen Leute sind heutzutage merkwürdige Philister! Die schönste Dame der Welt ladet sie zu sich ein, schickt sogar Boten und Couriere nach ihnen – und sie zieren sich! Schämen Sie sich, junger Mann, schämen Sie sich! Da ist Ihr Hut, nehmen Sie ihn und – vorwärts!«
Litwinow stand noch einen Augenblick in Gedanken versunken, – dann nahm er rasch seinen Hut und verließ mit Potugin das Zimmer.
Elftes Capitel
Litwinow und Potugin traten in eines der ersten Hotels des Badeortes und fragten nach der Generalin Ratmirow.
Der Portier erkundigte sich erst nach ihren Namen, dann sagte er ihnen, daß die Frau Fürstin zu Hause sei und begleitete sie selbst die Treppe hinauf, klopfte an die Thür des Saales und meldete sie an.
»Die Frau Fürstin« ließ sie sogleich bitten einzutreten; sie war allein, ihr Mann war nach Karlsruhe gefahren, einem durchreisenden Würdenträger seine Aufwartung zu machen, – einem der augenblicklich Einflußreichsten.
Irina saß an einem kleinen Arbeitstische, mit einer Stickerei beschäftigt, als Potugin und Litwinow die Schwelle des Zimmers überschritten. Hastig warf sie die Stickerei weg, stieß das Tischchen zurück und erhob sich; der Ausdruck unverstellter Freude war in ihrem Gesichte zu lesen.
Bekleidet mit einem leichten Morgenkleide das die Gestalt bis oben verhüllte, schimmerten die wundervollen Schultern und Arme durch das leichte Gewebe; das nachlässig aufgesteckte Haar hatte sich theilweise gelöst und fiel tief über den seinen Hals herab.
Irina warf Potugin einen raschen Blick zu, flüsterte »merci« und reichte Litwinow die Hand, indem sie ihm scherzhaft Vorwürfe machte, daß er ihre Einladung vergessen habe.
»Und Sie sind noch dazu ein so alter Freund,« setzte sie hinzu.
Litwinow suchte sich zu entschuldigen.
»C‘est bien, c‘est bien,« unterbrach sie ihn hastig, nahm ihm halb scherzend den Hut ab und nöthigte ihn, sich zu setzen.
Potugin setzte sich ebenfalls, blieb aber nicht lange, schätzte ein unaufschiebbares Geschäft vor und fügte hinzu, daß er am Nachmittag wieder versprechen werde, dann nahm er Abschied.
Irina warf ihm wieder einen raschen Blick zu, nickte freundschaftlich mit dem Kopfe, hielt ihn jedoch nicht zurück.
Kaum war er hinter der Portiere verschwunden, als sie sich lebhaft an Litwinow wendete.
»Gregor Michailitsch,« redete sie ihn jetzt russisch und im weichsten Tone ihrer metallreichem vollen Stimme an, »endlich sind wir allein, und ich kann Ihnen sagen, daß ich mich unendlich freue, Sie bei mir zu sehen., weil es mich drängt,« – (sie blickte ihm voll in’s Gesicht) – »seit lange drängt – Sie um Verzeihung zu bitten.«
Litwinow zuckte unwillkürlich zusammen. Eine so plötzliche Erklärung kam ihm unerwartet. Er hatte nicht geglaubt, daß sie selbst die Rede auf jene alten, vergangenen Zeiten lenken werde.
»Verzeihung? . . . wofür?« stammelte er.
Irina erröthete.
»Wofür? . . . Sie wissen wofür,« flüsterte sie, sich leicht abwendend. »Ich habe mich schwer gegen Sie vergangen, Gregor Michailitsch; – wenn gleich der Himmel es so gewollt zu haben scheint und es wohl Bestimmung des Schicksals gewesen ist . . . (Litwinow erinnerte sich hierbei ihres Briefes). Auch bereue ich nicht und darf meine Handlungsweise nicht bereuen . . . Als ich Ihnen aber hier so unerwartet begegnete, habe ich mir gesagt, daß wir wieder Freunde, durchaus wieder Freunde werden müssen, – darum eben bedurfte es einer raschen Erklärung, um ein- für allemal unserem Zusammentreffen jede Gène zu nehmen. Gregor Michailitsch, Sie müssen mir vergeben, aufrichtig meine Schuld vergeben! – Vielleicht scheine ich Ihnen zudringlich mit meiner Bitte, denn wahrscheinlich haben Sie mich längst vergessen, aber gleichviel, sagen Sie mir, daß Sie mir vergeben!«
Irina stieß diese Worte hastig hervor, und Litwinow bemerkte Thränen in ihren Augen – ja wirklich Thränen.
»Wozu entschuldigen Sie sich, Irina Pawlowna,« antwortete er eifrig. »Wie kommt Ihnen nur der Gedanke, bei mir um Vergebung zu bitten. . . .Jene Sache ist eine alte, längst vergessene; mich wundert nur, wie Sie, von Glanz und Luxus umgeben, sich noch des geringen Gefährten Ihrer ersten Jugend erinnern.«
»Das wundert Sie?« fragte Irina leise.
»Es rührt mich,« verbesserte Litwinow, »um so mehr, da ich es nie erwartete.«
»Aber noch immer sagen Sie mir nicht, daß Sie mir vergeben haben,« unterbrach ihn Irina.
»Ich freue mich aufrichtig, daß Sie zufrieden sind, Irina Pawlowna, und wünsche Ihnen von Herzen alles Beste. . .«
»Und gedenken des zugefügten Bösen nicht?«
»Ich gedenke allein jener schönen, seligen Augenblicke, die ich einst bei Ihnen verlebte!«
Irina reichte ihm ihre beiden Hände. Litwinow ergriff sie, drückte sie und ließ sie nicht sogleich wieder aus den seinigen. . . Etwas längst Vergessenes stieg bei dieser Berührung in Beider Herzen empor.
Irina blickte ihm wieder, dieses Mal aber lächelnd, gerade in die Augen. . . Auch er erwiderte diesen Blick jetzt ungezwungen und frei. Er erkannte wieder jene ihm einst so theueren Züge, jene tiefen Augen mit ihren ungewöhnlich langen Wimpern, das Muttermal auf der Wange, die antike Form der Nase und des Mundes, die eigenthümliche Form der Stirn selbst und jene alte Gewohnheit, die schönen, vollen Lippen auszuwerfen und die Brauen zusammenzuziehen, Alles, Alles erkannte er . . . Und um wie viel schöner sie geworden war! Welch eine Elasticität und Grazie in dem Körper dieser jungen Frau! Und weder Puder, noch Schminke, irgend welches kosmetische Mittel in diesem blendend reinen Gesichte. Sie war in der That ein ideal schönes Weib.
Litwinow blickte sie immer noch an, seine Gedanken waren aber bereits an einem andern Orte.
Irina bemerkte dieses.
»Nun, das ist herrlich,« hub sie laut an, »mein Gewissen ist jetzt beruhigt, und ich kann meine Neugier befriedigen . . .«
»Neugier?« wiederholte Litwinow, als begriffe er den Sinn dieser Worte nicht.
»Ja, ja . . . Ich will durchaus wissen, was Sie während dieser langen Zeit gethan, was für Pläne Sie für die Zukunft haben; Alles, Alles will ich wissen. Aber die Wahrheit müssen Sie mir berichten, denn ich mache Sie im Voraus darauf aufmerksam, daß ich, so viel wir möglich war, Sie nicht aus den Augen verloren habe.«
»Sie haben mich nicht aus den Augen verloren? Sie . . . dort in Petersburg?«
»Mitten in Glanz und Luxus, der mich umgiebt, wie Sie soeben bemerkten. Eben da habe ich Sie nicht aus den Augen verloren. Was aber diesen Glanz betrifft, so werden wir noch später von ihm reden; jetzt aber müssen Sie mir viel und lange erzählen, Niemand wird uns unterbrechen. – Ach, das wird herrlich sein!« rief sie, vergnügt in die Hände klatschend und sich im Sessel zurücklehnend.
Nach einer kleinen Pause hub Irina an:
»Ach wie freundlich es doch von unserem Potugin war, Sie mitzubringen.«
Litwinow horchte auf.
»Sind Sie denn schon lange mit diesem Potugin bekannt?« fragte er.
»Lange schon . . . Doch erzählen Sie.«
»Und kennen Sie ihn genau?«
»O gewiß!« Irina seufzte. »Damit hat es eine eigene Bewandtniß. Sie haben gewiß von Elise Belsky gehört? . . . Nun, dieselbe, die eines so schrecklichen Todes starb! . . . Ach ja, ich vergaß, daß Ihnen ja unsere chronique scandaleuse der großen Welt nicht bekannt ist – zum Glück nicht bekannt ist. Endlich, endlich doch einmal ein Mensch, ein lebender, athmender Mensch, der »die Unsrigen« nicht kennt, und mit dem man ordentlich russisch reden kann und nicht in dem süßlichen widerlichen Petersburger Französisch!«
»Und Potugin, sagen Sie, steht in Verbindung mit . . .«
»Es macht mich jedesmal traurig, wenn ich davon rede oder nur daran denke,« unterbrach ihn Irina. »Elise war meine beste Freundin im Institut, und später, in Petersburg, sahen wir uns oft. Sie vertraute mir alle ihre Geheimnisse, sie war sehr unglücklich und hat viel gelitten. Potugin hat sich in dieser Sache sehr edel bewiesen, wie ein wahrer Ritter, mit höchster Selbstaufopferung. Von der Zeit an kenne und schätze ich ihn! – Aber da sind wir wieder auf einen Seitenweg gerathen. – Ich warte auf Ihre Erzählung, Gregor Michailitsch.«
»Dieselbe enthält durchaus nichts, was Sie interessiren dürfte.«
»Das zu beurtheilen erlauben Sie mir.«
»Ueberdies weiß ich wirklich nicht, wo ich anfangen soll.«
»Nun natürlich von Anfang, von dem Augenblicke an, als wir – — als ich nach Petersburg reisen mußte. Sie blieben damals in Moskau zurück. – — Wissen Sie, daß ich seit der Zeit nicht mehr in Moskau gewesen bin.«
»Ist möglich?«
»Ja, gewiß. Zuerst war’s nicht möglich, später aber, als ich verheirathet war . . .«
»Und wie lange sind Sie schon verheirathet?«
»Seit vier Jahren.«
»Und Kinder haben Sie nicht?«
»Nein,« antwortete sie kurz.
Litwinow schwieg, dann fragte er weiter:
»Und bis zu Ihrer Heirath haben Sie immer bei jenem . . . wie hieß er doch noch . . . ja, richtig, bei jenem Grafen Reisenbach gelebt?«
Irina blickte ihn starr an, als ob sie zu errathen wünsche, warum er so frage.
»Nein!« antwortete sie endlich.
»Ihre Eltern also – — Ach, verzeihen Sie, ich habe mich noch nicht einmal nach ihnen erkundigt. Wie geht es ihnen?«
»Beide sind gesund.«
»Und leben wie sonst in Moskau?«
»Ja wohl, sie sind einmal an Moskau gewöhnt.«
»Und Ihre Brüder und Schwestern?«
»Es geht Ihnen gut, ich habe sie alle versorgt.«
»Ah!« sagte Litwinow, Irina mißtrauisch anblickend. »Eigentlich aber, Irina Pawlowna, sollten Sie mir mit gutem Beispiel vorangehen.«
»Warum nicht.« antwortete sie, den Trauring an ihrem Finger drehend; »meinetwegen, – den Anfang aber müssen Sie machen, denn wenn ich Sie auch nicht aus den Augen verloren habe, so ist mir doch so Vieles, Sie betreffend, unbekannt geblieben, während Sie von mir gewiß auch so schon genug gehört haben. Nicht wahr, Sie haben Vieles von mir gehört?«
»Sie nahmen einen so hohen Rang in der Gesellschaft ein, Irina Pawlowna, als daß über Sie nicht Mancherlei gesprochen worden wäre . . . besonders in der Provinz, wo ich mich befand, und wo man jedem Gerüchte Glauben schenkt.«
»Und Sie glaubten diesen Gerüchten. – Welcher Art waren sie denn?«
»Was mich betrifft, so muß ich Ihnen gestehen, daß dergleichen selten genug bis zu mir gelangte. Ich führte ein solches Einsiedlerleben . . .«
»Sie waren ja doch in der Krim bei der Volkswehr?«
»Auch das ist Ihnen bekannt?«
»Wie Sie sehen. Jetzt glauben Sie doch, daß ich mich nach Ihnen erkundigt habe?«
»Warum soll ich Ihnen denn erzählen, was Sie auch so schon wissen?«
»Um meine Bitte zu erfüllen und – ich bitte Sie darum, Gregor Michailitsch.
« Litwinow gab ihrem Wunsche nach und erzählte etwas verwirrt, in allgemeinen Zügen seinen einfachen Lebenslauf. Oft hielt er inne und blickte sie fragend an, ob es nicht genug sei.
Beharrlich jedoch bestand sie auf der Fortsetzung seiner Erzählung und schien, die Locken hinter die Ohren zurückwerfend, im Sessel zurückgelehnt, aufmerksam jedem seiner Worte zu folgen.
Wenn aber ein erfahrener Beobachter sie heimlich betrachtet hätte, so würde er vielleicht gefunden haben, daß sie oft nichts von dem hörte, was Litwinow ihr mittheilte, sondern in Selbstbetrachtungen versunken zu sein schien. – Und in der That: vor ihrem Geiste ging ihr ganzes vergangenes Leben vorüber, während sie ihn so starr anblickte, daß er oft verwirrt wurde und erröthete.
Litwinow schwieg endlich, und dieses Mal bat ihn Irina nicht mehr, fortzufahren, sondern blieb unbeweglich, mit der Hand die Augen bedeckend, in Nachdenken versunken sitzen.
Litwinow wartete einen Augenblick, und bedenkend, daß sein Besuch schon länger als zwei Stunden dauere, griff er eben nach seinem Hute, als mit einem Male im Nebenzimmer ein Knarren leichter Lackstiefeln hörbar wurde und der General Ratmirow, den eigenthümlichen, feinen Gardeparfüm um sich verbreitend, in das Zimmer trat.
Litwinow erhob sich und begrüßte den höflich antwortenden General.
Irina nahm langsam die Hand von den Augen, blickte ihren Gemahl kalt an und fragte ihn französisch: »Ah, Sie sind schon zurück? Wie viel Uhr ist es denn?«
»Bald vier Uhr, ma chère amie, und Du bist noch nicht angekleidet, – die Fürstin wird ja auf uns warten,« antwortete der General, und sich zierlich zu Litwinow wendend, fügte er mit jenem ihm eigenthümlichen verbindlichen Tone hinzu: »Ueber unsern liebenswürdigen Gast scheinst Du die Zeit vergessen zu haben.«
Wir müssen den Leser ersuchen, uns hier zu erlauben, ihm einige Auskunft über den General Ratmirow zu geben.
Nachdem derselbe schon früh in die Militärschule eingetreten war, lenkte er bald die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten auf sich, nicht sowohl seiner Fortschritte in den Wissenschaften, als vielmehr seiner Geschicklichkeit im Frontedienst und seiner feinen Manieren wegen, weshalb er auch auf sein Gesuch in die Garde eintreten durfte. Seine Carriere war hier eine glänzende, Dank der einschmeichlerischen Munterkeit und der Höflichkeit seines Charakters, seiner ausgezeichneten Fähigkeit im Reiten als Ordonnanzoffizier auf Paraden, seiner Gewandtheit im Tanzen und seiner Pünktlichkeit in der Erfüllung der Befehle seiner Vorgesetzten, wobei er sich übrigens einen leichten Anstrich von Liberalismus zu geben verstand. Dieser Liberalismus hinderte ihn jedoch nicht, als man ihn einst zur Unterdrückung eines Bauernaufstandes in ein Dorf von Weißrußland geschickt hatte, fünfzig dieser Bauern recht väterlich durchpeitschen zu lassen. Sein Aeußeres war einnehmend und jugendlich frisch. Gewandt, einschmeichlerisch, geschniegelt und gebügelt, machte er großes Glück bei den Damen; manche vornehme Dame war rein in ihn vernarrt. Vorsichtig aus Gewohnheit, schweigsam aus Berechnung, kannte General Ratmirow seinen Werth und richtete seine Augen hoch hinauf. —
Litwinow lächelte gezwungen auf Ratmirow’s Bemerkung, während Irina nur leicht die Achseln zuckte.
»Nun, wie ist’s?« fragte sie mit demselben kalten abgemessenen Tone, »haben Sie Ihren Grafen gesehen?«
»Gewiß. Er läßt Dich grüßen.«
»Ah! Ist er noch immer so dumm als früher, dieser Dein liebenswürdiger Protector?«
General Ratmirow antwortete nichts, sondern lächelte nur leicht, wie nachsichtig, über die unvorsichtige Uebereilung weiblichen Urtheils. Wohlwollende erwachsene Leute antworten mit solchem Lächeln auf die unschicklichen Einfälle eines Kindes.
»Ja,« fügte Irina hinzu, »die Dummheit Ihres Grafen überschreitet beinahe die Gränze des Erlaubten; obgleich ich wahrlich schon Gelegenheit genug hatte, mich an Nachsicht zu gewöhnen.«
»Und doch sind Sie‘s, die mich zu ihm geschickt haben,« bemerkte Ratmirow halblaut zu seiner Frau. Sich dann an Litwinow wendend, fragte er diesen russisch: »Ob er die Badenschen Wasser gebrauche?«
»Ich bin Gott sei Dank gesund,« antwortete dieser.
»Das ist am allerbesten,« fuhr der General höflich lächelnd fort; »übrigens kommen auch die Wenigsten hierher, um sich zu kuriren; was aber die Wasser betrifft, so sind sie sehr wirksam, und wer, wie ich zum Beispiel an nervösem Husten leidet . . .«
Irina stand rasch auf.
»Wir werden uns noch sehen, Gregor Michailitsch, und recht bald hoffe ich,« sagte sie französisch, kurz ihres Mannes Rede unterbrechend, – »jetzt aber muß ich gehen und mich ankleiden. Diese alte Fürstin ist unausstehlich mit ihren parties de plaisir, auf welchen man nichts fühlt als Langeweile.«
»Sie sind heute aber merkwürdig streng gegen alle Welt,« brummte ihr Gemahl und schlüpfte in’s Nebenzimmer.
Auch Litwinow wollte sich wegbegeben, Irina hielt ihn jedoch noch zurück.
»Sie haben mir Alles erzählt, – die Hauptsache aber vergessen,« sagte sie.
»Und die wäre?«
»Daß Sie, wie man sagt, heirathen wollen!«
Litwinow erröthete heftig über und über. Er hatte absichtlich nichts von Tatiana erwähnt; deshalb ärgerte es ihn, daß erstens Irina von dieser beabsichtigten Heirath wisse, und daß es zweitens das Ansehen habe, als ob er dieselbe ihr absichtlich habe verheimlichen wollen.
Er wußte wirklich nicht, was er sagen sollte, während Irina kein Auge von ihm wandte.
»Ja . . . ich heirathe!« stieß er endlich hervor und empfahl sich kurz.
Ratmirow kehrte in’s Zimmer zurück.
»Nun, kleidest Du Dich nicht an?« fragte er.
»Sie können allein gehen; ich habe Kopfschmerzen.«
»Aber die Fürstin . . .«
Irina maß ihren Mann mit stolzem Blick von Kopf bis zu den Füßen, wendete ihm dann, ohne ein Wort weiter zu sagen, den Rücken und ging in ihr Cabinet.
Zwölftes Capitel
Litwinow war sehr unzufrieden mit sich selbst, gerade als ob er im Roulette verloren oder ein gegebenes Versprechen nicht gehalten habe. Eine innere Stimme sagte ihm, daß er, als Bräutigam, als gesetzter Mann, der Versuchung nicht hätte nachgeben dürfen.
»Was brauchte ich auch hinzugehen!« brummte er vor sich hin. »Was war‘s denn von ihrer Seite anders, als Koketterie, Laune, Caprice . . . Sie langweilt sich, ist blasirt, und da bin ich ihr zur rechten Zeit in den Weg gekommen. Wer immer Naschwerk hat, der sehnt sich auch zuweilen nach einem Stück Schwarzbrod. – Was brauchte ich aber auch zu ihr zu laufen? Muß ich sie nicht. . . . verachten?« Dies letzte Wort brachte er nicht ohne Anstrengung hervor. – »Natürlich,« fuhr er in seinem Raisonnement fort, »kann von Gefahr für mich nicht die Rede sein, weiß ich doch, mit wem ich es zu thun habe. Mit dem Feuer aber soll man doch nicht spielen.«
Der Tag verging ihm wieder langweilig. Bindassow gewann in Litwinows Gegenwart das Vierfache der von ihm geliehenen Stimme, ohne daran zu denken, seine Schuld abzutragen, sah ihn sogar drohend an, als ob er ihn dafür bestrafen wolle, daß er es wage, Zeuge seines Glücks zu sein.
Am folgenden Morgen langweilten ihn wieder seine lieben Landsleute, von denen es ihm nur mit Mühe gelang sich loszumachen, indem er sich in die Berge begab.
Hier begegnete ihm zuerst Irina, – er that, als ob er sie nicht sähe und eilte rasch an ihr vorbei; – dann Potugin, den er anredete, der ihm aber ausweichend antwortete. Er hatte ein sehr herausgeputztes kleines Mädchen an der Hand, mit dichten, aschblonden Locken, großen dunkeln Augen und blassem, kränklichem Gesicht, welches jenen befehlenden, ungeduldigen Ausdruck hatte, wie er verwöhnten Kindern eigen ist.
Nachdem er längere Zeit in den Bergen herumspaziert war, kehrte er durch die Lichtenthaler Allee nach Hause zurück.
Eine auf einer Bank sitzende Dame mit einem blauen Schleier erhob sich rasch bei seinem Anblick und ging ihm entgegen. Er erkannte Irina.
»Warum weichen Sie mir aus, Gregor Michailitsch?« fragte sie ihn mit der unsicheren Stimme eines Menschen, der innerlich heftig aufgereizt ist.
Litwinow gerieth in Verlegenheit.
»Ich weiche Ihnen aus, Irina Pawlowna?«
»Ja . . . Sie! . . . Sie!« rief sie fast zornig.
»Sie irren sich, ich gebe Ihnen mein Wort . . .«
»Nein, ich irre mich nicht. Habe ich heute Morgen etwa nicht bemerkt, – als Sie mir begegneten, – habe ich etwa nicht bemerkt, daß Sie mich erkannten? – Sagen Sie, haben Sie mich erkannt?«
»Gewiß . . . Irina Pawlowna . . . ich . . .«
»Gregor Michailitsch, Sie sind gerade und offen, wenigstens waren Sie es sonst immer, – sagen Sie, nicht wahr, Sie wichen mir absichtlich aus?«
Litwinow blickte Irina an. Ihre Augen funkelten unnatürlich, Wangen und Lippen aber blieben bleich. Im ganzen Ausdruck ihres Gesichts« im Ton ihrer Stimme sogar war etwas unendlich Trauriges, Bittendes. Litwinow vermochte es nicht länger, sich zu verstellen.
»Ja, . . . ich hatte Sie erkannt,« antwortete er, nicht ohne Aufregung.
Irina erbebte leise und ließ ihre Hand herabsinken.
»Und warum das? – Warum mir das?«
Litwinow nahm seine Richtung, vom großen Wege ab, in einen Seitenweg Irina folgte ihm schweigend.
»Warum?« wiederholte er. Sein Gesicht entflammte wie im Zorn, und das bisher im Innern zurückgehaltene Gefühl der früheren Kränkung machte sich jetzt in Worten Luft. »Und Sie, Sie fragen darnach? . . . Nach Allem, was zwischen uns vorgegangen? Nicht jetzt, natürlich nicht jetzt, aber dort . . . dort in Moskau.
»Aber haben Sie mir nicht versprochen, waren wir denn nicht einig . . .« wollte Irina anfangen.
»Nichts, nichts habe ich versprochen! – Entschuldigen Sie die Schärfe meiner Worte, aber Sie verlangen Wahrheit, so urtheilen Sie denn selbst: was Anderem als der Koketterie, – ich gestehe, mir unbegreiflicher Koketterie – was Anderem, als dem Wunsche, zu versuchen, wie groß noch Ihre Gewalt über mich ist, kann ich Ihre . . . verzeihen Sie, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll . . . Ihre Beharrlichkeit, mich aufzusuchen, zuschreiben? . . . Unsere Wege gingen weit aus einander. Ich hatte gesucht Alles zu vergessen, und es war mir gelungen, die Wunde geheilt, der Schmerz überwunden; ein ganz anderer Mensch war ich geworden. Sie selbst sind verheirathet, glücklich, wenigstens dem Aeußern nach, nehmen eine beneidenswerthe Stellung in der Gesellschaft ein: wozu also, frage ich Sie, wozu diese Annäherung? Was kann ich Ihnen, was können Sie mir sein? Wir können ja einander nicht mehr verstehen, nichts mit einander gemein haben, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart! Besonders aber – besonders in der Vergangenheit!«
Litwinow stieß alles dies hastig in abgebrochenen Sätzen hervor, ohne den Kopf umzuwenden. Irina schwieg und streckte nur von Zeit zu Zeit ihm die Hand entgegen. Sie schien ihn bitten zu wollen, inne zu halten und sie anzuhören; allein bei den letzten Worten biß sie sich aus die Lippen, als ob sie den Schmerz einer heftigen bittern Beleidigung verbeiße.
»Gregor Michailitsch,« hub Irina endlich mit schon ruhigerer Stimme an und entfernte sich noch mehr vom Hauptwege, dahin, wo weniger Leute ihnen begegneten; Litwinow folgte jetzt seinerseits ihr. »Gregor Michailitsch, glauben Sie mir, wenn ich mir eingebildet hätte, daß ich noch die geringste Gewalt über Sie habe, ich wäre die Erste gewesen, die vor Ihnen geflohen wäre. Wenn ich das nicht gethan habe, wenn ich mich entschlossen habe, trotz – trotz meiner früheren Schuld, wieder Ihre Bekanntschaft zu suchen, so geschah dies – weil – weil . . .«
»Nun? – weil?« fragte Litwinow heftig« fast grob.
»Weil,« fuhr Irina plötzlich und energisch entschlossen fort, »weil diese Gesellschaft, diese beneidenswerthe Stellung, wie Sie sie nennen, mir widerlich, unerträglich, drückend geworden, – so drückend, daß ich nicht mehr Kraft genug in mir fand, sie länger zu ertragen und ich mich freute, wie ein Kind freute, als ich Sie traf – einen fühlenden Menschen nach jenen hölzernen, todten Puppen, von denen Sie ja verschiedene Modelle im vieux château zu sehen vor einigen Tagen Gelegenheit hatten. Ich freute mich wie ein verschmachtender Wanderer auf eine Quelle in der Wüste, und Sie nennen mich eine Kokette! Ich mit Ihnen kokettiren! – was Sie da sagen, hat weder Sinn noch Verstand. – Als ich Sie wiedersah, trat mir nur jene theure Zeit meiner Jugend vor die Seele – jene Zeit, als ich noch mein düsteres Loos nicht erwählt hatte; Alles, was wie ein heller Lichtstreif hinter den letzten zehn Jahren meines Lebens liegt . . .«
»So viel ich weiß, Irina Pawlowna, fing jener helle Lichtstreif Ihres Lebens ja erst dann an, als wir von einander schieden.«
Irina führte ihr Taschentuch an den Mund.
»Was Sie da sagen, Gregor Michailitsch, ist sehr grausam, aber ich kann Ihnen nicht zürnen. – Ach nein, keine lichte Zeit war es, die ich durchlebte, seit ich Moskau verlassen, keinen Augenblick wahren Glückes kannte ich seit jener Zeit! – Wäre ich wirklich glücklich, wie Sie sich einreden wollen, könnte ich da jetzt wohl mit Ihnen reden, wie ich es thue? – Ich wiederhole es, Sie kennen die Leute nicht, unter denen ich mich bewege, – kein Mitgefühl ist bei ihnen, selbst kein wahrer Verstand, – nichts als Schlauheit, Arglist und Dressur. Haben sie doch so gar kein Gefühl, weder für Musik, noch Poesie, noch Kunst. – Zwar, meinen Sie vielleicht, besitze ich ja selbst wenig Empfänglichkeit für alles dies, – doch aber fühle und begreife ich besser und anders als jene – ich bin kein Automat wie sie. Neben Ihnen befindet sich jetzt nicht die Dame der vornehmen Welt, nicht die Löwin, – so glaube ich, nennt man uns ja wohl – nein, nur ein armes, elendes Geschöpf, welches des höchsten Mitleids, des Erbarmens bedarf. Wie eine Bettlerin streckt sie Ihnen die Hand entgegen und bittet um Almosen, – während Sie . . .«
Ihre Stimme bebte. Litwinow hob den Kopf empor und blickte sie an; sie athmete schwer, ihre Lippen bebten wie im Fieberfrost. Sein Herz fing an, heftig zu schlagen, sein ganzer Zorn war verraucht.
»Sie sagen, unsere Wege gehen auseinander,« fuhr sie leise fort, »ich weiß, Sie heirathen aus Neigung, Ihr ganzer Lebensplan liegt fertig vor Ihnen – warum aber wollen Sie mir feind sein und mich in diesen Sumpf der Alltäglichkeit versinken lassen, wo ein Wort von Ihnen mich retten kann. – Ich verstehe nicht zu reden, wie ich fühle, doch aber müssen Sie mich verstehen; ich verlange ja so wenig . . . nur ein wenig Theilnahme . . . nur nicht zurückgestoßen zu werden. . . die Rettung meines besseren Ichs, meiner Seele.«
Irina schwieg. Thränen erglänzten in ihren Augen. Sie reichte Litwinow ihre Hand. Langsam und zögernd nahm er sie.
»Sind wir also wieder Freunde?« flüsterte sie.
»Ich will‘s versuchen,« antwortete er nachdenklich.
»Seien Sie wie ich, Gregor Michailitsch, erinnern Sie sich nur des Guten – Sie hatten mir es ja schon einmal versprochen! und – geben Sie mir jetzt Ihr Wort – Ihr Ehrenwort . . .«
»Worauf?«
»Daß Sie mir nicht wieder ausweichen – mich nicht wieder kränken wollen. – Versprechen Sie mir das? Sagen Sie!«
»Ich verspreche es.«
»Und daß Sie alle bösen Gedanken aus Ihrem Kopfe verbannen wollen?«
»Auch das – wenn ich Sie auch wirklich nicht begreife.«
»Das brauchen Sie auch nicht – übrigens wird die Zeit kommen, wo Sie begreifen werden. – Also, Ihr Wort?«
»Ich habe es Ihnen gegeben.«
»Nun Dank, herzlichen Dank! – Ich weiß, ich darf Ihnen trauen. Ich werde Sie heute, morgen, wann Sie wollen, erwarten, ich werde zu Hause sein. – Jetzt aber muß ich Sie verlassen.Da kommt soeben die Herzogin die Allee herab. Sie hat mich bereits gesehen und ich muß sie begrüßen. – Auf Wiedersehen! – — Geben Sie mir doch Ihre Hand, schnell – — Auf Wiedersehen!«
Und kräftig seine Hand drückend, ging Irina einer Dame in mittleren Jahren und von stattlicher Figur entgegen, »welche in Begleitung zweier jüngeren Damen und von einem Livreediener gefolgt daher kam.
»Eh boujour, chère Madame,«. rief die ältliche Dame, während Irina ihr eine ehrfurchtsvolle Verbeugung machte. »Coment allez-vous aujourd‘hui? Venez un peu avec moi.«
»Votre Altesse a trop de bonté,« antwortete Irina mit einschmeichelndem Tone.
Dreizehntes Capitel
Litwinow wartete, bis die Herzogin und ihr Gefolge sich entfernt hatten, und verließ dann selbst die Allee.
Er war nicht im Stande, sich über seine Empfindungen klar Rechenschaft abzulegen; sich zwar in seiner Eigenliebe geschmeichelt fühlend, hatte er doch ein innerliches Gefühl der Scham, ja selbst der Angst. Diese unerwartete Erklärung war ihm zu überraschend gekommen, ohne daß er erst vorher sein Verhalten ihr gegenüber hätte überdenken können.
»Ganz absonderliche Geschöpfe sind doch diese vornehmen Damen.« dachte er, »ohne die geringste Consequenz in Allem, was sie thun und denken – und wie verderblich die Atmosphäre, die sie einathmen, und unnatürlich die Zustände, in denen sie leben!«
Eigentlich wiederholte er nur mechanisch diese allgemeinen Phrasen, um ernsthaftere, quälendere Gedanken damit niederzudrücken und sich zu beschwichtigen..
So kam er, das soeben Erlebte überdenkend, in die Nähe einer Bank und sah Potugin mit finsterem Gesichte auf derselben sitzen.
»Ist’s erlaubt, mich neben Sie zu setzen?«
»Bitte, setzen Sie sich; nur sage ich Ihnen im Voraus, Sie finden heute an mir einen höchst unzufriedenen Menschen, einen Hypochonder, der auf sich und die ganze Welt schimpft.«
»Nun, das schadet nichts, antwortete Litwinow, »im Gegentheil, es kommt mir ganz recht.«
»Eigentlich sollte ich nicht schimpfen, denn soeben habe ich in den Zeitungen unsere Gerichtsreformen in Rußland gelesen und mit Vergnügen vernommen, wie man das Gerichtsverfahren ganz nach europäischem Muster einrichtet, ohne einheimische Zuthat. So läßt sich doch erwarten, daß endlich etwas Vernünftiges zu Stande kommt.«
Litwinow hatte nicht gehört, was Potugin zu ihm sagte. Unaufhörlich beschäftigte ihn der Gedanke an Irina, an ihr Zusammentreffen vorhin.
Verzeihen Sie, lieber Potugin, aber ich falle Ihnen wieder mit meiner früheren Frage beschwerlich, hinsichtlich . . .«
»Hinsichtlich?«
»Hinsichtlich der Generalin Ratmirow.«
Potugin legte seine Zeitung zusammen und steckte dieselbe in die Tasche.
»Sie wollen wissen« wie ich eigentlich mit ihr bekannt geworden bin?«
»Nein, ich wollte nur Ihre Meinung über die Rolle erfahren, die sie in Petersburg gespielt hat. Was war das eigentlich für eine Rolle?«
»Ich weiß in der That nicht, was ich Ihnen darauf antworten soll. Ich war mit der Generalin ziemlich nahe befreundet, durch einen Zufall und nicht lange. In ihre Welt komme ich nicht – die ist mir unbekannt. Was man da aber bei uns in Petersburg klatscht, interessirt mich wenig. – Indessen, wie ich sehe, scheint sie Sie ja sehr zu interessiren?«
»Ja, wir haben uns ziemlich lange über alte Zeiten unterhalten. – Um Eins aber muß ich Sie doch noch bitten: Sagen Sie mir, meint sie’s aufrichtig, kann man ihr trauen?«
Potugin schlug die Augen nieder.
»Wenn sie sich von ihrem Gefühl hinreißen läßt – ist sie aufrichtig, wie jedes leidenschaftliche Weib. Auch der Stolz hält sie zuweilen vor Lüge und Falschheit zurück. – Nun aber sagen Sie mir, bei wem wohl von allen diesen vornehmen Damen finden Sie Wahrheit? Die beste von-ihnen ist doch bis in’s Mark der Knochen verdorben.«.
»Aber erinnern Sie sich doch, sagten Sie mir nicht selbst, daß Sie ihr Freund wären? Haben Sie mich nicht selbst fast mit Gewalt zu ihr gebracht?—
»Was beweist das? Sie hatte mich gebeten, Sie mitzubringen, und ich habe ihren Wunsch erfüllt. Und ihr Freund bin ich in der That. Es fehlt ihr keineswegs an vortrefflichen Eigenschaften; sie ist zum Beispiel sehr gutherzig, eigentlich sollte ich sagen freigebig, mildthätig, das heißt, sie giebt gern das weg, was sie selbst nicht braucht. Uebrigens müssen Sie sie ja eben so gut kennen als ich.«
»Ich kannte Irina Pawlowna vor etwa zehn Jahren, seit jener Zeit aber . . .«
»Ei, lieber Gregor Michailitsch, was sprechen Sie da! Als ob der angeborene menschliche Charakter sich je verändere? Wie man in der Wiege war, so ist man bis zum Grabe. Oder fürchten Sie vielleicht« – Potugin senkte bei diesen Worten seinen Kopf noch tiefer hinab – »in ihre Netze zu gerathen? Freilich, freilich, – hier oder dort, denen entgeht doch Keiner!«
Litwinow lächelte gezwungen.
»Sie glauben?« sagte er.
»Keiner« sage ich Ihnen! Der Mann ist schwach, das Weib stark, stärker noch der Zufall; schwer ist’s, das farblose Leben ruhig zu durchwandern, immer ganz seiner selbst Herr zu sein – da tritt Schönheit und Theilnahme, Licht und Wärme uns entgegen, – widerstehe wer kann! – Das Ende vom Liede ist gewöhnlich:: Kälte, Enttäuschung, Leere! – Natürlich! Zuerst begreift man nicht, wie man lieben, dann – wie man noch leben kann!«
Litwinow betrachtete ihn aufmerksam, und nie schien ihm ein Mensch trostloser, einsamer, verlassener vorgekommen zu sein. Mit tiefstem Bedauern blickte er auf die zusammengesunkene Figur des verbissenen und doch gutmüthigen Sonderlings, die trübselig neben ihm saß.
»Irina Pawlowna hat mir unter Anderem noch von einer lieben Freundin, einer Madame Belsky, glaube ich, gesprochen,« hub er halblaut an.
Potugin blickte Litwinow wehmüthig an.
»Ah!« sagte er leise, »sie hat Ihnen erzählt? Nun meinetwegen, – Uebrigens, verzeihen Sie, ich eile nach Hause – es ist Zeit, zu Tische zu gehen. Leben Sie wohl!«
Er stand rasch auf und eilte, ehe Litwinow noch Zeit hatte, weiter zu fragen, fort.
Mit sich selbst unzufrieden, machte sich nun auch dieser auf den Weg in sein Hotel. »Verdorben bis in’s Mark,« klang es ihm noch immer in den Ohren – »aber stolz. Sie, dieses Weib, welches fast auf den Knieen vor mir lag, stolz?«
Vergebens versuchte Litwinow ihr Bild aus seinem Kopfe zu verbannen; immer stand sie vor seinen Blicken, wie sie flehend und Thränen in den Augen neben ihm ging. An seine Braut wagte er heute nicht zu denken; er fühlte, ihr Bild werde das andere nicht verdrängen. Er nahm sich vor, ruhig die Lösung dieses »sonderbaren Räthsels« abzuwarten, und suchte sich einzureden, daß Alles natürlich und zu aller Zufriedenheit enden werde. .
Der Kellner trat in’s Zimmer und brachte ihm ein Billet, es war von Irina..
»Wenn Sie heute Abend nichts Besonderes vorhaben, so kommen Sie zu mir: ich werde nicht allein sein, es kommen Gäste – und Sie werden noch besser Gelegenheit haben, unsere Gesellschaft kennen zu lernen. Ich wünsche sehr, daß Sie sie sehen, ich hoffe, daß sie sich in ihrem vollen Glanze zeigen wird. – Sie müssen doch einmal sehen, in welcher Atmosphäre ich athme. Kommen Sie? Ich werde mich unendlich freuen, Sie zu sehen, und ich hoffe, Sie werden sich nicht langweilen. Beweisen Sie mir, daß unsere heutige Erklärung auf immer jedes Mißverständniß zwischen uns unmöglich gemacht hat.
Ihre Ihnen zugethane I.«
Den Frack und eine weiße Halsbinde anlegend, dachte Litwinow, als er sich zu Irina begab:
»Alles das hat keine Gefahr; warum soll ich »sie« mir nicht einmal ansehen? Einmal diese »Automaten« studiren, das lohnt der Mühe!«
Einige Tage zuvor erweckten dieselben Menschen in ihm ein ganz anderes Gefühl: Unwillen« Verachtung.
Vierzehntes Capitel
Litwinow fand bei Irina eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft, In einer Ecke des Zimmers saßen drei Generale am Kartentische: ein wohlbeleibter, ein reizbarer und ein herablassender. Sie spielten Whist mit dem Strohmann, und schwer ist’s, die Wichtigkeit wiederzugeben, mit welcher sie ausspielten, gaben, stachen – man hätte glauben sollen, sie seien mit Staatsangelegenheiten beschäftigt. Unter den Damen waren einige, welche auf dem Picknick zugegen gewesen waren; doch waren noch andere da, die er nicht kannte»Eine alte Mumie besonders, bei der man jeden Augenblick befürchten mußte, daß sie in Asche zusammenfalle, saß décoltée da, ihre knöchernen, pergament-grauen Schultern hin und her bewegend und ihren mit falschem Gebiß versehenen Mund mit dem Fächer bedeckend, während sie schmachtend ihre todten Augen auf Ratmirow heftete. Da sie in hohem Ansehen bei Hofe stand, machte dieser ihr sehr den Hof. – Die »Königin der Wespen« saß, von einem Schwarm junger Leute umgeben, unter welchen Einer besonders sich durch seinen platten Schädel und den thierisch-dummen Ausdruck seines ebenfalls platten Gesichts, würdig des bucharischen Changs oder des römischen Heliogabals auszeichnete.
Irina hatte Platz auf dem Divan genommen, neben dem Fürsten Koka und der Gräfin X., einer vormals als sehr gelehrt verschrieenen Dame, die aber jetzt einer verschrumpften Morchel glich und Lampenöl-Geruch und giftige Bosheit aushauchte.
Als Irina Litwinow erblickte, erröthete sie, erhob sich und drückte ihm fest die Hund. In einem golddurchwirkten schwarzen Kreppkleide glänzten ihre marmorweißen Schultern verführerischer als je, während ihr ebenfalls bleiches Gesicht ihn freundlich anlächelte und ihr tiefes, strahlendes Auge sich in das seinige versenkte.
Auch Ratmirow näherte sich ihm jetzt und begrüßte ihn auf seine gewöhnlich ausgesucht zuvorkommende Weise; dann stellte er ihn einigen Damen vor, die, nachdem sie ihn von oben bis unten herablassend gemustert und gnädig in ihre Unterhaltung gezogen, ihn bald wieder stehen ließen.
Die ausdrucksvollen Züge des hübschen jungen Plebejers hätten vielleicht Gnade vor ihren Augen gefunden; er verstand es aber nicht, ihre gute Meinung von ihm zu befestigen, fühlte sich verlegen und noch unbehaglicher, da gerade in diesem Augenblicke der wohlbeleibte General zu ihm herübersah, als ob er sagen wollte: »Aha, Eindringling, Freigeist, schleichst Dich ein, wohin Du nicht gehörst; drückst die Hände, welche Frechheit!«
Irina kam Litwinow zu Hilfe; sie manöverirte so geschickt, daß er bald in einem Winkel neben der Thür, in ihrer unmittelbaren Nähe und hinter ihr saß. Wenn sie mit ihm sprach, mußte sie sich immer umwenden, und jedesmal bewunderte er die classisch-schöne Biegung ihres mattglänzenden Halses, gierig sog er den feinen Wohlgeruch ihres Haares ein. Der Ausdruck tiefer Dankbarkeit lag beständig noch auf ihrem Gesichte, in jedem Lächeln, und wohl und weh zugleich ward ihm zu Muthe, wenn sie ihn anredete.
Die Unterhaltung wurde bald mehr bald weniger allgemein, Jeder brachte seine Meinung, sein Steckenpferd aufs Tapet. Fürst Koko suchte Alle zu überschreien. »C’est absurde, cela n‘s pas le sens common,« waren seine Lieblingserwiderungen. Es entstand ein solcher Wirrwarr, daß Niemand den Andern verstand, gerade wie bei Gubarow, nur mit dem Unterschiede, daß hier weder Bier noch Tabaksdampf und die Anzüge sauberer waren. Ratmirow suchte besänftigend zuzureden, drang aber nicht durch, bis ein anwesender Würdenträger es Übernahm: le résume de la question en peu de mots auseinanderzusetzen, aber auch mit seinem Resume nicht zu Stande kommen konnte.
Irina winkte oft heimlich Litwinow zu und belustigte sich mit ihm im Stillen über die Albernheiten dieser crême de la société.
Litwinow blieb bis Mitternacht und ging später als Alle fort.
Die Staatsmänner« nachdem sie ihr Spiel beendet hatten, nahmen Theil an der Unterhaltung, und das Gespräch wendete sich sogleich auf Pariser Berühmtheiten der Demi-Monde; es zeigte sich, daß diese Allen bekannt waren; dann auf Sardou‘s letztes Stück, auf Abouts neuesten Roman, auf die Patti und Traviata.
Wenn auch Litwinow wirklich aufmerksamer auf die Unterhaltung um ihn gewesen wäre, nicht einen einzigen vernünftigen Gedanken, nicht ein einziges aufrichtig gemeintes Wort, nicht ein einziges neues Factum aus all diesem Geschwätz hätte er mit nach Hause gebracht. Und dabei welche Unwissenheit, welche veralteten Ideen, welche Unkenntniß der Welt und alles dessen, was das Leben ziert und verschönert!
Als Irina von Litwinow Abschied nahm, drückte sie ihm wieder fest die Hand und flüsterte ihm bedeutsam zu:
»Nun, sind Sie zufrieden? Haben Sie sich satt gesehen und beobachtet? Hübsch, nicht wahr?«
Er antwortete ihr nichts, sondern verbeugte sich nur tief und verbindlich.
Als Irina endlich mit ihrem Manne allein geblieben war, wollte sie sich in ihr Schlafgemach begeben. Er hielt sie zurück.
»Je vous ai beaucoup admiré ce soir, madame,« sagte er, sich ein Papyros anzündend und sich an’s Kamin lehnend, »vous vous êtes parfaitement moquée de nous tous.«
»Pas plus cette fois que les autres,« antwortete sie gleichgültig.
»Wie soll ich das verstehen?«
»Wie Sie wollen.«
»Hm, c‘est clair.« Vorsichtig und leise, katzenartig strich er mit dem langen Nagel seines Zeigefingers die Asche seines Papyros ab. »Doch, à propos, Ihr neuer Bekannter da – wie heißt er doch noch – richtig, der Herr Litwinow – genießt wahrscheinlich den Ruf eines sehr klugen Mannes.«
Bei Litwinows Namen wendete sich Irina rasch um.
»Was wollen Sie damit sagen?«
Der General lächelte.
»Weil er immer schweigt – er fürchtet wahrscheinlich, sich zu compromittiren.«
Irina lächelte ebenfalls, aber nicht in dem Sinne ihres Mannes.
»Besser schweigen, als so sprechen – wie Mancher spricht.«
»Attrapé,« antwortete Ratmirow mit verstellter Demuth. »Uebrigens, Scherz bei Seite, er hat ein recht interessantes Gesicht. Einen gewissen festen Ausdruck – und den Anstand – ich glaube, er muß Republikaner sein, in der Art Ihres andern Freundes, des Herrn Potugin; das ist auch so ein Gelehrter, nur gehört er zu der Zahl der Schweigsamen.«
Irinens Augenbrauen hoben sich plötzlich über den weit sich öffnenden hellen Augen, ihre Lippen zogen sich fest zusammen.
»Zu welchem Zweck sagen Sie das, Valerian Wladimiritsch?« fragte sie halb mitleidig. »Wozu unnütz Pulver verschießen? – Wir sind ja nicht in Rußland, und Niemand hört Sie.«
Ratmirow zuckte zusammen.
»Das ist nicht meine Meinung allein, Irina Pawlowna, fuhr er mit einem gewissen schnarrenden Tone fort, »auch Andere finden, daß dieser Herr ganz aussieht, wie ein Carbonari.«
»In der That! Und wer sind diese Anderen?«
»Nun Boris zum Beispiel.«
»Wie, der hat auch eine Meinung?«
Irina zuckte die Achseln verächtlich.
»Ja der – eben der. Ihnen scheint es übrigens unangenehm zu sein, daß ich Ihnen gesagt habe, was man von ihm denkt. Da ist also wohl kein Zweifel, daß er Sie sehr interessirt . . .«
Irina hob die Hand in die Höhe, in welcher sie den Leuchter hielt, – die Flamme kam in gleiche Höhe mit dem Gesicht des Generals – aufmerksam, fast neugierig blickte sie ihm in die Augen und brach dann plötzlich in ein lautes Lachen aus.
»Was kommt Ihnen an?« fragte Ratmirow, verdrießlich die Stirne runzelnd.
Irina fuhr zu lachen fort.
»Was haben Sie denn?« fuhr er fort, mit dem Fuße stampfend.
Er fühlte sich beleidigt, auf‘s heftigste beleidigt, während zugleich die Schönheit dieses Weibes, welches so leicht und dreist vor ihm stand, ihn unwillkürlich fesselte . . . sie quälte ihn muthwillig. Er sah alle ihre Reize, selbst den rosigen Glanz der zierlichen Nägel an den zarten Fingern, welche den schweren Bronceleuchter umfaßten – sah Alles – und die Beleidigung drang ihm noch tiefer in’s Herz.
Irina lachte noch immer.
»Wie? – Sie – Sie sind eifersüchtig?« sagte sie endlich; und ihrem Mann den Rücken kehrend, verließ sie das Zimmer.
Finster blickte Ratmirow ihr nach, – wieder bemerkte er ihre schlanke Gestalt, die Grazie ihrer Bewegungen – — mit einem heftigen Stoß seine Cigarette auf dem Marmor des Kamins zerstampfend, warf er sie weit von sich. Seine Wangen erbleichten plötzlich, ein krampfhaftes Zucken durchfuhr seinen Körper, und seine Augen erglänzten wild. Sein ganzer Charakter schien verändert, – einen ähnlichen Ausdruck mochte er wohl angenommen haben, als er in Weißrußland die aufrührerischen Bauern peitschen ließ. – —
Als Litwinow in sein Zimmer gekommen war, setzte er sich, den Kopf auf beide Hände gestützt, und blieb lange unbeweglich und in Gedanken versunken. Endlich erhob er sich, öffnete ein Kästchen, nahm ein Portefeuille heraus und aus demselben ein photographisches Bild – das Bild Tatianens.
Traurig blickte ihn diese, vor längerer Zeit in der Provinz gemachte, schlecht gelungene Photographie an.
Tatiana war der Typus eines echt großrussischen jungen Mädchens; brünett, ziemlich voll von Gesicht, mit einem Ausdruck unendlicher Güte und Bescheidenheit, klaren, klugen, braunen Augen und zarter, weißer Stirn, auf welcher beständig die Sonne zu scheinen schien.
Lange betrachtete Litwinow das Kärtchen, dann schob er es leise von sich und ergriff wieder seinen Kopf mit beiden Händen.
»Alles ist zu Ende!« flüsterte er traurig, »Irina! Irina!«
Nur jetzt, in diesem Augenblick nur war es ihm klar geworden, daß er sie unwiderruflich, wahnsinnig liebe, sie liebe vorn ersten Zusammentreffen auf dem alten Schlosse an, ja daß er nie aufgehört habe, sie zu lieben.
Und doch, wie würde er sich gesträubt haben, es zu glauben, wenn Jemand ihm dieses noch vor wenig Stunden gesagt hätte.
»Aber Tatiana, mein Gott, Tatiana!« wiederholte er, und der Kopf schwindelte ihm, während Irina’s Bild im schwarzen Kreppkleide, Triumph in ihrem marmorweißen Gesichte, ohne Unterlaß vor seiner Seele schwebte.
Fünfzehntes Capitel
Litwinow schlief weder die ganze Nacht, noch kleidete er sich aus. Sehr schwer war ihm um’s Herz. Von Grund aus rechtschaffen und bieder, begriff er die Heiligkeit seines Versprechens seiner Braut gegenüber und klagte sich unbarmherzig des Treubruchs an.
»Tatiana ist meine Braut, sie hat meiner Liebe, meiner Ehrenhaftigkeit vertraut, das Band zwischen uns ist unzertrennlich; ich habe nicht das Recht, mein ihr gegebenes Wort zu brechen!«
Gegen Morgen war endlich sein Entschluß gereift: er wollte denselben Tag noch Tatiana entgegenreisen und Irina zum letzten Male sehen, ihr, wenn es nicht anders gehe, die ganze Wahrheit sagen – und auf immer von ihr scheiden.
Er brachte seine Sachen in Ordnung und machte sich an’s Einpacken, wartete bis zwölf Uhr und begab sich dann zu ihr. Als er aber ihre halb verhängten Fenster erblickte, sank ihm der Muth, die Schwelle des Hotels zu überschreiten. Er ging einige Male in der Lichtenthaler Allee auf und ab.
»Dem Herrn Litwinow meinen verbindlichsten Gruß!« vernahm er plötzlich eine spöttische Stimme von einem rasch dahinfliegenden »dog-card« herab.
Litwinow blickte auf und bemerkte den General Ratmirow, welcher neben dem Fürsten M., dem bekannten Sportsman und Verehrer englischer Equipagen, saß. Der Fürst leitete die Zügel, der General aber bog sich seitwärts herab, grinste freundlich und grüßte Litwinow, indem er den Hut hoch über den Kopf erhob.
Dieser dankte leichthin und eilte jetzt, einem geheimen Winke folgend, spornstreichs zu Irina.
Sie war zu Hause. Er ließ sich melden und wurde sogleich vorgelassen.
Als er eintrat, stand sie mitten im Zimmer. Sie war in ein Morgenpeignoir mit weiten offenen Aermeln gekleidet; ihr bleiches Gesicht drückte Müdigkeit aus, das schmachtende Lächeln, mit welchem sie ihn begrüßte, ließ diese noch mehr hervortreten.
Sie reichte ihm die Hand und blickte ihn freundlich, aber zerstreut an.
»Ich danke, daß Sie gekommen sind,« fing sie mit leidender Stimme an und ließ sich aus einen Sessel nieder. »Ich befinde mich heute nicht ganz wohl, ich habe die Nacht schlecht geschlafen. – Nun, was sagen Sie zum gestrigen Abend? Habe ich nicht Recht gehabt?«
Litwinow setzte sich.
»Ich bin zu Ihnen gekommen, Irina Pawlowna,« . . . hub er stotternd an.
Bei seinen Worten richtete sie sich plötzlich auf und wendete sich um, ihre Blicke gespannt auf ihn heftend, als ob sie etwas Unerwartetem ängstlich entgegensehe.
»Was fehlt Ihnen?« fragte sie. »Was bedeutet Ihre Blässe, sind Sie krank? Was haben Sie?«
Litwinow wurde verlegen.
»Mir ist . . .«
»Sie haben eine schlimme Nachricht erhalten? Irgend ein Unglück ist geschehen? Reden Sie . . .«
Litwinow blickte Irina an.
»Schlimme Nachrichten habe ich nicht erhalten,« brachte er mühsam hervor, »ein Unglück ist aber wirklich geschehen; ein großes Unglück – und das bringt mich eben zu Ihnen.«
»Ein Unglück? Und welches?«
»Nun, weiter nichts, als . . .«
Litwinow wollte fortfahren – und war nicht im Stande dazu.
Irina hatte sich, wie etwas Furchtbares erwartend, vorgebeugt.
»Weder nichts, als daß ich . . . Sie liebe!« sagte er endlich tief aufseufzend; dann wandte er sich ab, als ob er sich schäme.
»Wie, Gregor Michailitschs Sie . . .« Auch Irina konnte nicht weiter reden; in den Lehnsessel zurücksinkend, verhüllte sie die Augen mit beiden Händen. »Wie – Sie – Sie lieben mich?«
»Ja – ja – ja,« wiederholte er, ihr fast den Rücken zuwendend.
Tiefe Stille herrschte im Zimmer, nur ein Schmetterling, der sich hereinverirrt hatte, flatterte und beschädigte seine zarten Flügel zwischen den Vorhängen am Fenster.
Litwinow unterbrach zuerst dieses Schweigen.
»Das, Irina Pawlowna, das ist das Unglück, welches mich niedergeschmettert hat, – welches ich hätte ahnen, vermeiden sollen – wenn ich nicht, wie damals in Moskau, in einen Wasserfall hineingerathen wäre. Wieder, wie damals, läßt das Schicksal mich alle Qualen erdulden, die ich für immer überwunden zu haben glaubte. – Doch ich sehe, der Mensch entgeht seinem Schicksale nicht! – Ich sage Ihnen das, um rascher diese Trägikkomödie zu endigen,« fügte er erbittert hinzu.
Wieder schwieg er, und wieder war nur das ängstliche Flattern des gefangenen Schmetterlings hinter den Vorhängen hörbar.
Irina saß noch immer da, das Gesicht hinter den Händen versteckt.
»Täuschen Sie sich nicht vielleicht?« flüsterte es hinter jenen weißen, blutleer scheinenden Händen.
»Nein, da ist keine Täuschung möglich,« erwiderte mit klangloser Stimme Litwinow. »Ich liebe Sie, wie ich Niemanden außer Ihnen je geliebt habe, noch lieben werde. Ich mache Ihnen auch keine Vorwürfe, das wäre lächerlich; noch wiederhole ich, daß es vielleicht anders gekommen wäre, wenn Sie anders gegen mich gewesen wären. – Ich allein bin schuld, mein allzu großes Selbstvertrauen hat mich in’s Verderben gestürzt – doch Geschehenes ist nicht zu ändern! Ich wollte, Ihnen nur meine Lage mittheilen . . . ein Mißverständniß, wie Sie sich ausdrückten, wird nun nicht mehr zwischen uns sein, und meine Aufrichtigkeit meine Schuld, Ihnen gegenüber, mildern.«
Litwinow redete noch immer mit abgewendetem Gesicht; aber wenn er auch Irina angeblickt hätte, er hätte doch nicht entdecken können, was auf ihrem Gesicht vorging, welches sie noch immer hinter ihren Händen verbarg. Und doch, wenn er es hätte sehen können, so würde es ihn wahrscheinlich überrascht haben: Furcht und Seligkeit wechselten auf demselben mit Erschöpfung und Aufregung; ihre Augen leuchteten unter den sie bedeckenden Wimpern, während ihre Lippen, halbgeöffnet, zu dürften schienen.
Litwinow schwieg, eine Antwort erwartend – kein Laut aus ihrem Munde unterbrach ihn.
»Mir bleibt nur noch Eins zu thun übrig,« hub er wieder an, »nämlich zu scheiden. Ich bin gekommen, von Ihnen Abschied zu nehmen.«
Irina ließ die Hände langsam in den Schooß sinken.
»Wie ist mir, Gregor Michailitsch – jene – jene Person, von welcher Sie mir sagten, sollte ja hierherkommen? Sie erwarten sie, meine ich, hier?«
»Ja, doch ich werde ihr schreiben – sie wird irgendwo unterwegs – in Heidelberg meinetwegen, bleiben.«
»Ah! in Heidelberg! – Ja – dort ist es schön. – — Das Alles muß ja aber Ihre Pläne zerstören. Sind Sie auch gewiß, Gregor Michailitsch, daß Sie sich nicht über sich selbst täuschen?«
Irina sprach langsam, fast kalt, in abgebrochenen Sätzen, indem sie zum Fenster hinausblickte.
Litwinow ließ ihre Frage unbeantwortet.
»Nun,« fuhr sie fort, »warum reden Sie von Ihrer Schuld gegen mich? Mich haben Sie nicht beleidigt . . . o nein! Wenn Jemand von uns schuldig ist, so bin ich’s, nicht Sie – jedenfalls nicht Sie allein.«
»Ich habe nie an Ihrer Großmuth gezweifelt, eins nur möchte ich wissen: billigen Sie meinen Entschluß?«
»Welchen?«
»Abzureisen!«
»Ja.«
Irina fuhr fort zum Fenster hinauszublicken.
»Im ersten Augenblicke schien mir derselbe verfrüht, – jetzt aber, nachdem ich das, was Sie mir da sagten, überdacht habe – und wenn Sie wirklich nicht im Zweifel sind, – so glaube ich, daß Sie sich entfernen müssen. Es wird besser so sein – besser für uns Beide!«
Irinens Stimme wurde leiser und leiser und wehmüthiger.
»Der General Ratmirow könnte in der That bemerken . . .« warf Litwinow ein.
Irinens Augen senkten sich auf‘s Neue, ein sonderbares Lächeln spielte um ihre Lippen – und verschwand.
»Nein, Sie haben mich nicht verstanden,« unterbrach sie ihn. »An ihn denke ich nicht. Wozu auch? Was hätte er wohl zu bemerken? Nein ich wiederhole nur: die Trennung ist nothwendig für uns Beide!«
Litwinow hob seinen Hut auf, den er hatte fallen lassen. Alles ist aus, dachte er, es ist Zeit, daß ich gehe. – »So leben Sie also wohl, Irina Pawlowna,« fügte er laut hinzu, und ihm war, als ob er mit diesen Worten den Stab über sich selbst breche. »Eins lassen Sie mich noch hoffen, daß Sie mir nicht zürnen – und daß, wenn wir uns je einmal wiedersehen . . .« Irina unterbrach ihn.
»Warten Sie, Gregor Michailitsch – nehmen Sie nicht so Abschied von mir. Das wäre zu rasch . . .«
Eine Saite erbebte in seinem Herzen, traurig und süß; unendlich schwer ward ihm zu Muthe.
»Darf ich doch nicht bleiben!« rief er. »Und wozu? Wozu diese Qual verlängern?«
»Sagen Sie mir jetzt noch nicht Lebewohl,« wiederholte Irina. »Ich muß Sie noch einmal sehen. – Nicht wieder dieses plötzliche Scheiden wie damals in Moskau. – Versprechen Sie mir, mich noch einmal zu sehen, ehe Sie abreisen.«
»Sie wünschen es?«
»Ich verlange es! – — Sonderbar,« fuhr sie, wie zu sich selbst redend, fort, »ich kann mir gar nicht vorstellen, daß ich in Baden bin, – mir ist immer, als ob ich in Moskau wäre. – — Gehen Sie jetzt.«
Litwinow stand aus.
»Irina Pawlowna,« sagte er leise, »geben Sie mir Ihre Hand!«
Irina schüttelte den Kopf.
»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich noch nicht von Ihnen Abschied nehme; nicht um Abschied zu nehmen, bitte ich um Ihre Hand.«
Irina war im Begriff, ihm die Hand zu reichen; als sie aber Litwinow zum ersten Male nach seinem Geständniß anblickte, zog sie dieselbe rasch zurück.
»Nein, nein!« flüsterte sie, »nicht jetzt; – gehen Sie – gehen Sie!«
Litwinow grüßte und eilte hinaus. Freilich konnte er nicht wissen, warum Irina ihm seine letzte Bitte versagte; er konnte nicht wissen, was sie fürchtete.
Als die Thür sich hinter ihm schloß, sank Irina wieder in ihren Sessel zurück, – wieder bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen.
Sechzehntes Capitel
Litwinow kehrte nicht in sein Haus zurück; er eilte in die Berge und warf sich im Waldesdickicht, das Gesicht zur Erde, nieder. Lange lag er so. Er weinte nicht, noch brach er in Verzweiflung aus; schwer wie Blei nur lag es in seinen Gliedern, wüst und öde schien ihm Alles ringsum, sein ganzes künftiges Leben. Der Schlag war gefallen, sein Leben zerschnitten; – Eins nur stand fest in seiner Seele: der Entschluß, Baden zu verlassen. In Gedanken saß er schon im Waggon, hörte das Pfeifen und Schnauben der Locomotive, die ihn in jene traurige trostlose Ferne führen sollte, aus der keine Wiederkehr . . . Da hörte er herannahende Schritte; er erhob sich.
Zwei Köhler, schwere Säcke auf den Schultern, gingen ihrem mühevollen Tagewerte nach.
»Es ist Zeit,« flüsterte er, stieg den steilen Weg zur Eisenbahn hinab und fertigte ein Telegramm an Tatianens Tante ab, in welchem er den beiden Damen Schrieders Hotel in Heidelberg als den Ort bezeichnete, wo er sie erwarten würde und wohin er sogleich abzureisen gedenke.
Darauf trat er in den Spielsaal, blickte mit stumpfem Gleichmuth auf einige Spieler, bemerkte von Weitem seinen widerlichen Schuldner, der ihm unartig den Rücken zukehrte, obgleich er ihn doch bemerkt hatte, ging noch einige Male in der Colonnade auf und ab, und begab sich dann langsam zu Irina.
Er trat in’s Hotel, ohne vom Portier bemerkt zu werden, ging die Treppe hinauf, öffnete mechanisch, ohne anzuklopfen, die Thür und trat in’s Zimmer.
In demselben Zimmer, aus demselben Sessel, in derselben Kleidung und ganz in derselben Stellung, wie vor drei Stunden, saß Irina . . . Sie hatte sich während der ganzen Zeit nicht vom Platze bewegt.
Langsam erhob sie das Haupt und erbebte, als sie Litwinow vor sich sah. Krampfhaft ergriff sie die Lehne des Sessels.
»Wie Sie mich erschreckt haben!« sagte sie leise.
Litwinow blickte sie stumm und erstaunt an. Der eigenthümliche Ausdruck ihrer, wie mit einem Schleier bedeckten, schmachtenden Augen fiel ihm auf.
Irina lächelte gezwungen und brachte ihr entfesseltes Haar in Ordnung.
»Es wird vergehen.« sagte sie, »es scheint . . . ich habe geschlafen.«
»Verzeihen Sie, wenn ich unangemeldet eintrat, – ich wollte nur Ihren Wunsch erfüllen – da ich heute reise.«
»Heute? Sie sagten mir doch, Sie wollten erst schreiben?«
»Ich habe ein Telegramm abgefertigt.«
»Ah, Sie hielten Eile für nothwendig. – Und reisen Sie? Um welche Zeit?«
»Um sieben Uhr.«
»Ah! um Sieben! Und Sie sind gekommen, um Abschied zu nehmen?«
»Ja, Irina Parole-much um Abschied zu nehmen.«
Irina schwieg.
»Ich bin Ihnen großen Dank schuldig, Gregor Michailitsch, denn wahrscheinlich ist es Ihnen nicht leicht geworden, hierher zu kommen.«
»Wahrlich, Irina Pawlowna, durchaus nicht leicht.«
»Das Leben ist überhaupt nicht leicht, meinen Sie nicht auch?«
»Dem Einen leicht, dem Andern schwer, Irina Pawlowna.«
Irina schwieg, als ob sie über etwas nachdenke.
»Sie haben mir Ihre Freundschaft bewiesen, indem Sie noch einmal zu mir gekommen sind,« hub sie endlich an. »Ich danke Ihnen dafür, wie ich Ihren Entschluß, abzureisen, überhaupt billige – weil jede Zögerung – weil – weil ich selbst – ja dieselbe, der Sie Koketterie vorwarfen, – die Sie, ich glaube, sogar Schauspielerin nannten . . .«
Irina stand rasch auf, setzte sich auf einen andern Lehnstuhl, neigte ihren Kopf bis aus den Tisch hinab und verbarg ihn in ihren Händen.
». . . Weil ich Sie selbst liebe!« flüsterte sie.
Litwinow schwankte und hielt sich krampfhaft an der Lehne des Stuhles.
»Ja, ich liebe, liebe Sie – und Sie wissen es!«
»Ich? ich – weiß es?« stotterte er endlich. »Ich?«
»Nun, jetzt sehen Sie doch, daß Sie durchaus abreisen müssen! – daß Sie keinen Augenblick zögern dürfen! – Das ist gefährlich, gefährlich! – Leben Sie wohl!« sagte sie rasch aufstehend. »Leben Sie wohl!«
Sie that einige Schritte zur Nebenthür, die in ihr Cabinet führte, und eine Bewegung mit der Hand machend, als ob sie noch einmal zum Abschiede grüßen wolle, wankte sie hinaus, wiederholt rufend:
»Leben Sie wohl, vergessen Sie mich nicht.«
Litwinow blieb wie eingewurzelt stehen, immer noch nicht im Stande sich zu fassen.
Mit einem Male stürzte er auf die Thür des Cabinets zu, rief ein, zwei, dreimal ihren Namen, – aber er erhielt keine Antwort. Schon wollte er die Hand auf den Griff der Thür legen, als er auf der Treppe zum Gastzimmer die gellende Stimme des Generals hörte.
Den Hut tief über die Augen herabziehend, eilte er die Treppe hinab.
Der elegante General stand vor dem Zimmer des Portiers, dem er in gebrochenem Deutsch sagte, daß man ihm eine Equipage auf den ganzen folgenden Tag bestellen möge.
Als er Litwinow erkannte, hob er seinen Hut, grüßend, unnatürlich hoch empor, seinen »verbindlichsten Gruß« dem Herrn Litwinow an den Kopf werfend; augenscheinlich machte er sich über ihn lustig.
Litwinow antwortete kaum; auf dergleichen zu achten war ihm jetzt unmöglich.
Zu Hause angekommen, blieb er vor seinem bereits gepackten Koffer stehen.
Der Kopf schwirrte ihm, wie ein Donnerschlag hatte ihn ihr Geständniß getroffen – obgleich er es erwartet hatte. Er wußte es, wagte aber nicht, es sich zu gestehen. Dann fiel ihm Moskau ein, wie es auch damals, gleichsam wie im Sturmwinde, ihn überrascht habe.
Er athmete hoch auf, Entzücken, aber kein reines, ungetrübtes Entzücken erfüllte und drückte ihm die Brust.« – Was aber sollte jetzt aus ihm werden?
Die ausgesprochenen Worte konnten, nein, sie durften ihn in seinem Entschluß nicht wankend machen. Wie vordem, schwankte er auch jetzt nicht.
Litwinow klingelte dem Kellner, ließ sich seine Rechnung geben, bestellte seinen Platz im Omnibus: er brannte gewissermaßen seine Schiffe hinter sich ab, »und ging es auch in den Tod!« Diese Phrase war ihm bereits mehrere Male in den Sinn und auf die Lippen gekommen, er gefiel sich in ihr.
Sein Ziel lag jetzt bestimmt vor ihm: sich zu seiner Braut zu begeben, oder eigentlich nicht zu ihr (er suchte nicht an sie zu denken), sondern nur für‘s erste nach Heidelberg. Was dann weiter aus ihm werden würde, daran dachte er nicht. Eins nur war zweifellos: seine Abreise, zurück niemals! »Und ging’s auch in den Tod!« wiederholte er zum zehnten Male.
Ein Viertel aus Sieben. Wie langsam die Zeit verging. Er ging wieder im Zimmer auf und ab.
Die Sonne ging unter, der Himmel erglänzte rosenroth und violett über den grünen Bäumen, ein röthlicher Schimmer drang durch das kleine Fenster seines Zimmers, beleuchtete es auf einen kurzen Augenblick, und Dämmerung verbreitete sich nach und nach in demselben.
Plötzlich schien es Litwinow, als ob die Thür seines Zimmers sich öffne und wieder schließe. Rasch wendete er sich um: hart an der Thür stand verschleiert, in eine schwarze Mantille eingehüllt, eine Frauengestalt . . .
»Irina!« rief er und breitete die Arme aus . . .
Zwei Stunden später saß Litwinow auf seinem Divan. Der Koffer stand leer und offen in einem Winkel; auf den unordentlich umherliegenden Sachen lag ein Brief von Tatiana, den er soeben erhalten hatte.
Sie schrieb ihm, daß sie sich entschlossen hätten, ihre Abreise von Dresden zu beschleunigen, da ihrer Tante Gesundheit sich bedeutend gebessert habe, und daß, wenn sonst kein Hinderniß einträte, sie am folgenden Tage in Baden sein würden, wo sie ihn um zwölf Uhr am Bahnhofe zu sehen erwarteten.
Eine Wohnung hatte Litwinow bereits früher für sie, in demselben Hotel, wo auch er wohnte, gemiethet.
Denselben Abend noch schickte er ein Billet an Irina und erhielt am folgenden Morgen die Antwort:
»Einen Tag früher, einen Tag später, das bleibt sich gleich. War die Sache an und für sich doch unvermeidlich. Ich wiederhole nur, was ich Dir bereits gestern gesagt habe: mein Leben gehört Dir, verfüge über dasselbe, wie Du willst. Ich will Deiner Freiheit nicht im Wege stehen, wisse aber, daß, wenn es nöthig ist, ich Alles verlasse und von mir werfe, und Dir bis an’s Ende der Welt folge. Nicht wahr, wir sehen – uns doch morgen?
Deine Irina.«
Die letzten beiden Worte waren mit großer Schrift und besonders festen, entschiedenen Zügen geschrieben- .
Siebzehntes Capitel
Ueber der Zahl der am 18. August um zwölf Uhr auf dem Perron der Badenschen Eisenbahn Wartenden befand sich auch Litwinow.
Kurz vorher erst war er Irinen begegnet; sie saß neben ihrem Manne in einem offenen Wagen. Sie hatte Litwinow wohl bemerkt, doch versteckte sie sich verlegen hinter ihren geöffneten Sonnenschim.
Eine merkwürdige Veränderung war auch mit ihm seit gestern vorgegangen; er fühlte selbst, daß er ein ganz anderer, nicht besserer Mensch geworden war. Seine Sicherheit, sein Selbstvertrauen waren dahin. Die Scham über sich selbst war verschwunden, er fürchtete und schien zu gleicher Zeit keck und verlegen – der junge Dieb hat ein ähnliches Gefühl nach dem ersten Diebstahl, der Besiegte ebenfalls – und Litwinow war besiegt.
Der Zug verspätete sich einige Augenblicke, ihm wurde die Qual unerträglich, er hatte keine Ruhe.
»Wenn er doch nur erst morgen käme!« dachte er. – Der erste Blick Tatiana’s in sein Auge – »wenn nur der erst vorüber wäre!« – Was später kommen würde, daran dachte er vor der Hand nicht.
Da tönte ein gellender, gedehnter Pfiff durch die Luft, schwer rasselte die dampfende Maschine heran, die wartende Menge eilte dem kommenden Zuge entgegen.
Gesichter, Damenhüte fingen an sich in den Waggons zu zeigen, aus einem Fenster machte man ein Zeichen mit einem weißen Tuche, Kapitolina Markowna Schestow war es, sie hatte Litwinow sogleich gesehen und erkannt.
Der Zug hielt an.
Litwinow eilte zur Thür und öffnete sie: Tatiana, frisch wie ein heiterer Frühlingsmorgen, stand neben ihrer Tante und reichte ihm lächelnd die Hand.
Er war ihnen behilflich beim Aussteigen, stammelte einige begrüßende Worte, machte sich rasch mit ihren Reise-Effekten zu thun und rief einen Kutscher herbei; andere Reisende waren gleich ihm mit der Empfangnahme ihrer Sachen beschäftigt. Der Lärm um ihn her that ihm wohl, da er ihm half, seine Verlegenheit zu verbergen.
Tatiana trat ruhig auf die Seite; ihre Tante aber suchte geschäftig nach diesem und jenem, ihr schien es wunderbar, endlich doch in Baden-Baden zu sein; dann nahm sie laut von einer andern Dame Abschied, mit welcher sie unterwegs Bekanntschaft gemacht hatte.
Tatiana‘s Tante war in eine ziemlich sonderbare bunte Mantille gehüllt; Ihr runder Reisehut hatte des Aussehen eines Pilzes, unter Welchem die rund bis zum Halse abgeschnittenen grauen Haare in Strähnen herabhingen. Klein und mager, war ihr Gesicht von der Reise hochgeröthet, und sie erregte Aussehen durch ihre laute, näselnde Stimme.
Endlich setzte Litwinow seine Damen in den Wagen. Man fuhr ab.
Jetzt ging ein Fragen, Händedrücken, Lächeln, Begrüßen an, bei dem die Tante die Hauptrolle spielte, und Litwinow athmete hoch auf, als der erste schwierige Moment so glücklich überstanden war.
Tatiana schien an ihm nichts Auffallendes zu finden, sie blickte ihn gleich vertrauensvoll an, erröthete eben so unschuldig und naiv, und lachte ganz so gutmüthig wie sonst. Der ungetrübte Ausdruck ihres lieblichen Gesichts war ihm ein bitterer Vorwurf; er ließ den Kopf sinken, die Tante aber ließ ihm nicht lange Zeit, seinen schwermüthigen Gedanken nachzuhängen, sie überhäufte ihn ohne Ende mit Fragen.
»Was ist das da für ein Gebäude mit den Säulen? Wo ist hier der Speisesaal? – Wer ist das, der da kommt? Tatiana, sieh’ mal, wie breit hier die Crinolinen getragen werden. Hier sind gewiß viele Französinnen aus Paris? Mein Gott, ist das ein Hut! Hier kann man wohl Alles eben so gut wie in Paris haben? Aber theuer, glaube ich, mag’s hier wohl sein. – Was für eine kluge Frau meine Reisegefährtin war, sie sagte mir, daß sie auch Sie hier in einer Gesellschaft bei einem unserer großen Gelehrten gesehen hat. – Na, und wie die die Aristokraten heruntermachte! – Wer ist der alte Herr da mit dem grauen Schnurrbart? Der preußische König? Tatiana, sieh mal, der preußische König! – Wer? Der holländische Gesandte? – Ach man hört nichts, die Räder rasseln so auf dem Pflaster. – Ach, was für herrliche Bäume in der Allee! – Sieh’ einmal, Tatiana!«
»Herrlich, Tante, herrlich,« bekräftigte Tatiana, »und wie schön grün und lustig hier Alles ist. Nicht wahr, Gregor Michailitsch?«
»Ja wohl, lustig,« antwortete er verlegen.
Der Wagen hielt endlich vor dem Gasthofe.
Litwinow begleitete die beiden Damen in ihre Zimmer, und versprach nach einer Stunde wieder nachzufragen.
In seinem Zimmer angekommen, überwältigte ihn wieder der auf kurze Zeit vergessene Zauber. Hier in diesem bescheidenen Gemache erzählte Alles von Irina, die Luft selbst schien die geheimen Spuren ihrer Gegenwart bewahrt zu haben.
Gierig zog er ein von ihr zurückgelassenes Taschentuch, welches er auf der Brust trug, hervor und führte es an seine lechzenden Lippen.
Eine Stunde war noch nicht verflossen, als die Damen ihn schon rufen ließen.
Er fand sie bereits umgekleidet und in Hüten. Sie baten ihn, sie gleich etwas in Baden herumzuführen, um die Stadt zu besehen, da das Wetter so schön sei. Die Tante besonders brannte vor Begierde; sie war unzufrieden, als Litwinow ihr sagte, daß die Stunde, wo die fashionable Welt sich vor dem Conversationshause zu versammeln pflege, noch nicht gekommen sei.
Litwinow führte sie am Arm, während Tatiana neben dieser ging. Beim Anblick des Roulette-Spiels und der stattlich aussehenden Croupiers, die sie, wenn sie sie an einem andern Orte getroffen hätte, für Minister oder Diplomaten gehalten haben würde, verstummte sie vor Erstaunen, besonders wenn sie sah, mit welcher Grazie und Gewandtheit die raschen Schaufelchen Haufen Gold und Silber zusammenraffte, oder wie höflich dem Glücklichen sein Gewinn eiligst ausgezahlt wurde und das »rien ne va plus« dem unerquicklichen Durcheinander der Spieler auf kurze Zeit ein Ende machte. Ganz verdutzt aber machten sie die eleganten Camellia-Damen aller Länder. Das Rollen der elfenbeinernen Kügelchen in der Vertiefung der Roulette drang ihr bis in’s Mark der Knochen – und erst, nachdem sie wieder in die frische Luft getreten war, stieß sie einen tiefen Seufzer der Entrüstung aus und nannte das Spiel eine unmoralische aristokratische Erfindung.
Auf Litwinow? Lippen schwebte ein unheimliches Lächeln, er wurde einsilbig und schweigsam, – wenn er mit Tatiana zu reden genöthigt war, erröthete er sogar und wurde verlegen. —
Mit wachsender Aufmerksamkeit betrachtete ihn diese, als ob sie sich selbst frage, was ihm an ihr vielleicht mißfalle. Auch sie schien zu fühlen, daß etwas zwischen ihnen sei, was nicht sein sollte.
Litwinow führte nun die Damen nach der Lichtenthaler Allee. Kaum hatten sie dieselbe betreten, als er Irina von Weitem erblickte. Sie kam ihm entgegen, begleitet von ihrem Manne und Potugin.
Litwinow wurde bleich wie Wachs, indessen verminderte oder beschleunigte er seinen Gang nicht und wechselte nur einen stummen Gruß mit ihr. Sie antwortete ihm sehr freundlich, während sie einen raschen kalten Blick auf Tatiana warf. Ratmirow hob wieder seinen Hut hoch in die Luft. Potugin brummte etwas Unverständliches vor sich hin.
»Wer ist diese Dame?« rief plötzlich Tatiana, welche bis zu diesem Augenblicke kaum ein paar Worte gesprochen hatte.
»Die Dame,« wiederholte Litwinow, »diese Dame ist eine gewisse Madame Ratmirow.«
»Ist sie eine Russin?«
»Ja.«
»Haben Sie hier ihre Bekanntschaft gemacht?«
»Nein, ich kenne sie schon lange.«
»Wie schön sie ist!«
»Hast Du ihre Toilette gesehen?« mischte sich die Tante in’s Gespräch. »Mit dem, was nur ihre Spitzen kosten, könnte man zehn Familien das ganze Jahr hindurch ernähren. War das ihr Mann, der neben ihr ging?« wandte sie sich fragend an Litwinow.
»Ja, ihr Mann.«
»Der muß gewiß sehr reich sein?«
»Ich weiß es nicht, glaube aber kaum.«
»Welchen Rang bekleidet er?«
»Er ist General.«
»Was sie für Augen hat!« sagte Tatiana; und welch ein sonderbarer Ausdruck in ihnen, melancholisch und bis tief in‘s Innerste dringend – nie in meinem Leben habe ich solche Augen gesehen.«
Litwinow antwortete nichts, ihm schien es, als ob auf seinem Gesichte wieder Tatianens fragender Blick ruhe. Aufmerksam betrachtete er den Sand zu seinen Füßen.
In diesem Augenblicke näherten sich hastige Schritte, und Potugin trat zu ihnen.
»Guten Tag, Gregor Michailitsch,« rief er lachend und mit dem Kopfe nickend.
Litwinow ergriff rasch seine Hand.
»Guten Tag, guten Tag, lieber Herr Potugin; erlauben Sie mir, Sie meinen guten Bekannten und Verwandten, die soeben erst in Baden angekommen sind, vorzustellen. Unser Landsmann, Herr Potugin, auch ein Badener Gast.«
Potugin verbeugte sich tief vor den Damen, diese antworteten höflich.
Potugin grüßte noch einmal und unterhielt sich eine Zeit lang mit der Tante, die recht froh war, Jemanden zu finden, der in alle ihre Ideen über die Sittenverderbniß, besonders unter der Aristokratie, einging, während Tatiana ihre großen, klaren Augen auf Potugin richtete und nicht begriff, warum Litwinow ihr gleich am ersten Tage ihrer Ankunft einen fremden Menschen vorstellte, der übrigens ein kluges, gutmüthiges Gesicht hatte und zuvorkommend und freundlich gegen sie war.
»Sie müssen das alte Schloß besuchen,« sagte ihr Potugin, »vor Allem aber rathe ich Ihnen, nicht zu versäumen, nach dem Ebersteinschloß zu fahren.«
»Die Sächsische Schweiz,« wollte die Tante ihn hier unterbrechen, als mit einem Male das militärische Orchester aus Rastadt sein wöchentliches Concert im Papillon anfing. Alle standen aus und gingen hin.
»Sie erlauben mir, Sie zu begleiten?« fragte Potugin, zu Litwinow’s nicht geringem Erstaunen, dem es nicht in den Kopf kam, daß ihn vielleicht Irina abgesendet haben könnte.
Litwinow ging unterdessen neben Tatiana, deren Arm er genommen hatte und leise drückte, ohne daß sie solches erwidert hätte. Dieser Druck war eine Lüge, und Tatiana schien es zu errathen.
Vor dem Conversationshause setzte man sich, und Potugin wendete sich nun zu Tatiana, mit der er ein Gespräch anfing. Seine weiche Stimme, der wohlwollende, gutherzige Ausdruck seines Gesichts erleichterten ihr die Unterhaltung mit diesem fremdem unbekannten Menschen, während sie oft ängstlich auf Litwinow blickte, der, wieder jenes unheimliche Lächeln auf den Lippen, schweigsam dasaß.
Die Zeit des Mittagsessens nahte so heran.
Potugin nahm von der Gesellschaft Abschied, ebenso die Tante von ihrer Reisegefährtin, die sie ebenfalls bei der Musik getroffen hatte.
Beim Hineingehen in den Gasthof wurde Litwinow ein Billet übergeben. Er trat etwas auf die Seite und riß hastig das Couvert auf. Auf einem kleinen Blättchen feinen Papieres las er folgende mit Bleistift geschriebenen Worte:
»Kommen Sie heute Abend um sieben Uhr auf einen Augenblick zu mir. Es fleht inständig
darum Irina.«
Litwinow steckte das Billet in die Tasche und wendete sich lächelnd um. Warum? Tatiana hatte ihm den Rücken zugewendet, sie konnte nichts gesehen haben.
Das Mittagsessen an der table d‘hôte verging ziemlich lebhaft. Litwinow saß zwischen den Damen, war überaus gesprächig, erzählte sogar Anecdoten und schenkte sich und ihnen Wein ein.
Nach Tische begleitete er sie auf ihr Zimmer, entschuldigte sich, daß er sich eines Geschäfts wegen einen Augenblick entfernen müsse, aber bald zurückkehren werde, und eilte hinaus.
Tatiana sagte kein Wort, erbleichte nur heftig und schlug die Augen nieder.
Die Tante hatte die Gewohnheit, nach Tische zu schlafen; daß Litwinow dieses wußte, war ihr bekannt, und sie hatte gehofft, er werde diese Stunde benutzen, um sich mit ihr auszusprechen, da sie seit ihrer Ankunft noch keine Gelegenheit gehabt hatten, sich allein mit einander zu unterhalten. – Und nun ging er weg! – Was sollte sie davon denken? was überhaupt von seinem Benehmen denken? —
Achtzehntes Capitel
Litwinow eilte rasch die Treppe des Hotel de l‘Europe hinauf. Ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, mit einem schlauen Kalmuckengesicht, die augenscheinlich auf ihn gewartet hatte, hielt ihn an, indem sie ihm russisch zurief:
»Kommen Sie gefälligst hier herein, Irina Pawlowna wird sogleich hier sein.«
Er blickte sie verwundert an.
»Kommen Sie nur, kommen Sie nur rasch,« wiederholte sie, schlau ihm zulächelnd und führte ihn in ein kleines Gemach, Irinens Schlafzimmer gegenüber, voll von Reisekoffern und anderen Effecten; sie selbst verschwand dann, vorsichtig die Thür zumachend.
Litwinow hatte kaum Zeit sich umzusehen, als dieselbe Thür sich öffnete und Irina, im rosafarbenen Ballkleide, Geschmeide im Haar und am Halse, hereinstürzte, auf ihn zueilte, ihn bei den Händen ergriff und einige Augenblicke lang sprachlos anblickte; ihre Augen glänzten und ihre Brust wogte hochauf, gerade als ob sie einen Berg hinaufgelaufen wäre.
»Ich konnte Sie nicht dort bei mir aufnehmen,« sagte sie hastig und leise flüsternd, »wir fahren sogleich zu einem Galadiner, aber ich mußte Sie jedenfalls heute noch einmal sehen. – — Nicht wahr, das war Ihre Braut, mit welcher Sie vorhin in der Allee spazieren gingen?«
»Das war meine Braut,« antwortete Litwinow, das Wort »war« betonend.
»Nun eben deshalb mußte ich Sie durchaus sehen, um Ihnen zu sagen, daß Sie vollkommen frei sind, daß Alles, was gestern zwischen uns vorgegangen, Sie nicht binden, in nichts Ihre Entscheidung ändern darf . . .«
»Irina!« rief Litwinow laut und leidenschaftlich »was sagst Du?!«
Unwillkürlich und ängstlich blickte Irina nach der Thür.
»Ach theuerster Freund,« fuhr sie flüsternd, aber ebenfalls durch seine Leidenschaftlichkeit hingerissen fort, »Du weißt nicht, wie ich Dich liebe, aber erst seit gestern ist meine alte Schuld bezahlt, mein Vergehen gesühnt . . . Meine erste Jugend konnte ich Dir leider nicht zurückgeben; doch darf nun keine Verpflichtung Dich fesseln, keine Last darf ich Dir auferlegen. Thue, wie Du willst, Du bist frei wie die Luft, durch nichts gebunden, – das wisse!«
»Kann ich denn aber ohne Dich leben, Irina?« unterbrach sie flüsternd Litwinow; »seit gestern bin ich auf ewig und unzertrennlich der Deinige. Nur zu Deinen Füßen kann ich athmen . . .«
Er fiel ungestüm zu ihren Füßen.
Irina blickte entzückt auf ihn herab.
»Nun, so wisse denn,« flüsterte sie, »daß auch ich zu jedem Opfer bereit bin. Es geschehe, wie Du entscheidest. – Auf ewig bin auch ich die Deine – die Deine.«
Vorsichtig wurde jetzt an die Thür geklopft.
Irina beugte sich über ihn herab, flüsterte noch einmal: »Die Deine – leb’ wohl!« und er fühlte auf seinem Haar ihren Athem, ihr Mund berührte seine Stirn.
Als er sich wieder aufrichtete, hatte sie das Zimmer verlassen, man hörte nur das Rauschen ihres Kleides im Corridor und von Weitem die Stimme Ratmirows: »Eh bien! Vous ne vebez pas?«
Litwinow setzte sich auf einen hohen Koffer und bedeckte sein Gesicht. Der feine, süße Wohlgeruch, der ihn noch umwehte, ihre Hand, die eben noch in der seinigen ruhte, ihre Hingebung hatten ihn berauscht. »Zu viel!« dachte er.
Das Mädchen mit dem schlauen Gesicht trat wieder ein, lächelte auf seinen unruhig fragenden Blick und sagte dann:
»Jetzt machen Sie aber rasch . . .«
Er stand auf und verließ den Gasthof.
Nach Hause zurückkehren, daran war jetzt nicht zu denken, dazu schlug ihm das Herz zu heftig..
Litwinow begab sich wieder in die Lichtenthaler Allee. Er begriff, daß der schwere Augenblick gekommen, wo er sich Tatiana entdecken müsse – sein gerader Charakter verwarf jeden Gedanken an Verheimlichung. Wie er aber der treuen, vertrauenden Seele, seiner Braut, entgegentreten solle, das wußte er selbst noch nicht; Eins nur blieb ihm klar: daß es geschehen müsse, und zwar bald.
»Gregor Michailitsch,« hörte er plötzlich seinen Namen nennen, und eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter.
Er blickte sich etwas erschreckt um, hinter ihm stand Potugin.
»Verzeihen Sie mir« Gregor Michailitsch,« hub dieser mit seinem gewöhnlichen wehmüthigen Tone an, »vielleicht incommodire ich Sie, doch . . .«
»Im Gegentheil,« brummte Litwinow, der in diesem Augenblick lieber allein gewesen wäre, zwischen den Zähnen.
»Ein herrlicher Abend, wie warm! Sie spazieren schon lange?«
»Nein, noch nicht lange.«
»Was frage ich auch, habe ich Sie doch unlängst aus dem Hotel de l’Europe kommen sehen.«
»So? Also gingen sie hinter mirs.«
»Ja.«
»Sie haben mir etwas zu sagen?«
»Ja,« antwortete Potugin kaum hörbar.
Litwinow blieb stehen und blickte seinen ungebetenen Gesellschafter an. Dessen Gesicht war bleich, seine Augen irrten unstät umher, alter, vergangener Kummer schien in seinen Zügen wieder hervorzutreten.
»Was haben Sie mir denn mitzutheilen?« fragte Litwinow langsam weitergehend.
»Gleich, erlauben Sie, gleich werde ich die Ehre haben, – wenn es Ihnen aber einerlei ist, so setzen wir uns. Es spricht sich besser.«
»Das läßt sich geheimnißvoll an,« antwortete Litwinow sich setzend. »Sie scheinen aufgeregt, Herr Potugin?«
»Nein, mir fehlt nichts, und Geheimnißvolles bringe ich auch nicht. Ich wollte Ihnen eigentlich nur – den Eindruck mittheilen, den Ihre Braut auf mich hervorgebracht hat – sie ist doch, meine ich, Ihre Braut – jene junge Dame, der Sie mich heute vorstellten? Ich fühle mich gedrungen, Ihnen zu sagen, daß ich in meinem ganzen Leben keinem mehr Sympathie einflößenden Wesen begegnet bin. Ein Herz wie Gold mit der Seele eines Engels.«
Potugin sagte diese Worte mit einem traurig bittern Ausdruck im Gesicht, der selbst Litwinow auffiel, und der wenig mit den eben ausgesprochenen Worten harmonirte.
»Sie haben vollkommen Recht mit Ihrer Bemerkung,« antwortete Litwinow, »obgleich ich mich wundern muß, woher Sie meine Beziehung zu Fräulein Tatiana kennen und wie Sie deren Charakter so rasch erkannt haben. Uebrigens – ist es das, worüber Sie mit mir reden wollten?«
»Man kann sich nicht irren,« fuhr Potugin ausweichend fort, »man braucht nur einmal in dieses klare Auge zu schauen, um die reine Seele zu erkennen. Sie verdient glücklich zu werden«,verdient« daß der, den sie sich erwählt hat, auch ihrer würdig ist.«
Litwinow runzelte die Stirn.
»Erlauben Sie,« sagte er, »ich muß gestehen, unsere Unterhaltung wird ziemlich originell. – Ich möchte wissen, ob die Anspielung in Ihren Worten auf mich gemünzt ist?«
Potugin antwortete nicht gleich; er kämpfte sichtlich mit sich selbst.
»Gregor Michailitsch,« hub er endlich an, »ich müßte mich sehr in Ihnen getäuscht haben, oder Sie sind der Mann, der im Stande ist« die Wahrheit ungeschminkt anzuhören, wie bitter sie auch sein mag. – Ich habe Ihnen eben gesagt, daß ich gesehen habe, woher Sie kamen.«
»Nun – und weiter?«
»Sie haben Madame Ratmirow besucht.«
»Nun ja, ich war bei ihr. Was weiter?«
»Was weiter? – Sie, Tatiana Petrowna’s Bräutigam, haben Madame Ratmirow besucht, die Sie lieben – die Sie liebt!«
Litwinow erhob sich rasch von der Bank, das Blut stieg ihm zu Kopfe.
»Was!« stieß er endlich zornig, sich aber zurückhaltend hervor. »Erklären Sie sich« was soll dieses Spioniren?«
Potugin warf ihm einen traurigen Blick zu.
»Ach, ereifern Sie sich nicht über meine Worte, Gregor Michailitsch, mich können Sie nicht beleidigen. Darum auch rede ich nicht mit Ihnen, und zu scherzen bin ich nicht aufgelegt.«
»Vielleicht, vielleicht! Ich glaube an die Reinheit Ihrer Absicht; mit welchem Rechte aber mischen Sie sich in meine privaten Angelegenheiten – und dann, worauf gründen Sie diese Erfindungen, die Sie mit solcher Bestimmtheit aussprechen?«
»Erfindungen? – Wenn es wirklich Erfindungen wären« so würden Sie sich nicht beleidigt, getroffen fühlen, und was das Recht betrifft, so habe ich noch nicht gehört, daß ein Mensch nach diesem erst fragt, wenn es gilt, einem Ertrinkenden die Hand zu reichen.«
»Ich danke ergebenst für Ihre Sorge um mich,« rief Litwinow aufbrausend; »leider nur bedarf ich deren nicht, ich bin kein unerfahrener Jüngling, und Irina Pawlowna ist eine Dame von Welt; – Ihre Worte aber sind nur leeres Gewäsch ohne Sinn und Verstand, daher ersuche ich Sie, sich nicht weiter zu bemühen und mich ruhig ertrinken zu lassen.«
Potugin hob seinen Blick wieder zu Litwinow empor. Er seufzte schwer und tief, seine Lippen bebten.
»So blicken Sie mich doch nur an,« junger Mann, stieß er mühsam hervor, »sehe ich wohl aus wie ein Sittenprediger, dem es nur darum zu thun ist, Moral zu predigen. Begreifen Sie denn noch immer nicht, daß, wie groß auch immer der Antheil sein möchte, den ich an Ihnen nehme, ich doch keine Silbe in dieser Angelegenheit verschwendet haben würde, wenn nicht ganz andere Gründe mich dazu nöthigten. – Sehen Sie denn nicht, daß vor Ihnen sich ein zerschlagener, zertretener, vollkommen zu Grunde gerichteter Mensch befindet, – vernichtet und zu Grunde gerichtet durch dasselbe Gefühl, vor welchem er Sie schützen möchte, und – — durch dasselbe Weib!«
Litwinow trat einen Schritt zurück.
»Ist es möglich? – Was sagen Sie? – Sie? – Sie? – Aber Madame Belsky, – aber jenes Kind? . . .«
»Ach fragen Sie mich nicht – glauben Sie mir – das ist eine düstere, schreckliche Geschichte, die ich Ihnen nicht erzählen werde. – Madame Belsky habe ich kaum gekannt, dieses Kind ist nicht das meinige, ich habe es zu mir genommen – weil – weil »sie« es so wollte, weil es »ihr« nöthig war. Warum wäre ich wohl hier in diesem Baden, welches mich anekelt? Keinen Augenblick bliebe ich ja hier. – Und was das Mitgefühl betrifft, welches Sie bei mir für Sie voraussetzen, nie hätte es mich doch verleitet, Sie zu warnen, mich in Ihre Angelegenheit zu mischen. – Mich jammert allein jenes edle, unschuldige, junge Mädchen, – übrigens, was geht mich auch die Zukunft an, die Ihnen Beiden bevorsteht, – nur für »sie« allein, – für »sie« allein fürchte ich! . . .«
»Viel Ehre, Herr Potugin, hub Litwinow an, »viel Ehre für uns; – da wir uns aber Beide, wie Sie sagen, in gleicher Lage befinden, so scheint’s mir doch fast, als ob vielleicht ein anderes Gefühl die Ursache Ihrer Ermahnung ist . . .«
»Eifersucht, wollen Sie sagen? – Ach, junger Mann, schämen Sie sich, nicht zu verstehen, welch ein Kummer aus mir spricht. – Nein, unsere Lage ist nicht gleich! Ich bin ein alter, lächerlicher, vollkommen unschädlicher Sonderling. – Sie aber – — doch was ist da viel zu reden. – Und Eifersucht?! Der, welcher nie im Leben die geringste Hoffnung hatte, noch hat, ist nicht eifersüchtig. – Nur für »sie« fürchte ich, verstehen Sie« für »sie«. – Hätte ich doch ahnen können, was daraus entstehen würde, als sie mich zu Ihnen sendete!«
»Erlauben Sie, Sie thun, als ob Sie wüßten . . .«
»Ach was, ich weiß nichts und ich weiß Alles,« unterbrach er Litwinow, indem er sich verlegen abwendete; »ich weiß, wo sie gestern war! Aber jetzt ist für sie kein Halt, keine Rettung mehr. – Wie ein rollender Stein bis in den Abgrund! – Und Sie! Von Ihnen hoffte ich, daß meine Worte, – die Liebe eines Engels Sie zurückhalten würden! – Doch genug davon! – Auch das muß durchgemacht, muß überwunden werden. Wer weiß übrigens, vielleicht fällt doch eins meiner Worte in Ihr Herz, vielleicht wollen Sie ein edles Geschöpf, das Sie liebt, nicht unglücklich machen. – Ach, zürnen Sie nicht und stampfen Sie nicht vor Aerger mit dem Fuße. Ich fürchte dergleichen nicht. – Zu Füßen will ich Ihnen fallen, wenn – — Doch, wie Gott will, leben Sie wohl. Fürchten Sie von mir nichts, ich habe schweigen gelernt.«
Potugin stürzte aufgeregt die Allee hinunter und verschwand im Dunkel. – Litwinow hielt ihn nicht zurück.
* * *
»Eine düstere, schreckliche Geschichte,« nannte Potugin die Begebenheit« die er Litwinow nicht erzählen wollte. Wir wollen sie nur mit ein paar Worten berühren.
Vor etwa acht Jahren wurde Potugin zeitweise von dem Ministerium, in welchem er diente, dem Grafen Reisenbach zucommandirt. Es war gerade Sommerszeit. Potugin fuhr mit den Geschäftspapieren gewöhnlich zu ihm auf die Sommervilla, wo er dann den Tag über zubrachte.
Irina lebte in jener Zeit im Hause des Grafen. Sie war sehr herablassend und freundlich im Allgemeinen gegen Niedrigerstehende, worüber die Gräfin, die dergleichen übergroße Moskauer Familiarität nannte, ihr oft Strafreden hielt.
Irina hatte bald in diesem, stets im bis oben zugeknöpften Uniformrock erscheinenden bescheidenen Beamten den klugen, guten Menschen erkannt. Oft und gern unterhielt sie sich mit ihm – und er – er verliebte sich tief, sterblich, heimlich in sie. Heimlich, so meinte er!
Der Sommer verging. Der Graf bedurfte ferner keines Secretärs Potugin verlor Irina aus dem Gesicht, konnte sie aber nie vergessen.
Drei Jahre später erhielt er ganz unerwartet eine Aufforderung, eine ihm sonst nur wenig bekannte Dame aus dem Mittelstande zu besuchen.
Die Dame war anfangs etwas verlegen, ihm ihre Mittheilung zu machen; nachdem sie ihm aber sein Ehrenwort abgenommen, über das ihm Anzuvertrauende unverbrüchlich zu schweigen, trug sie ihm die Hand eines jungen Fräuleins an, die eine hohe Stellung in der Gesellschaft bekleide, welcher aber eine Verheirathung zur unumgänglichen Nothwendigkeit geworden sei.Die Hauptperson wurde von der Dame nur im Allgemeinen erwähnt, ihm, Potugin aber ein hübsches Vermögen zugesichert, falls er seine Einwilligung gäbe.
Potugin äußerte kein Wort, wie gekränkt er sich auch fühlte; nur wies er entschieden den Vorschlag zurück.
Da übergab ihm die Dame ein Billet – von Irina.
»Sie sind ein edler, guter Mensch,« schrieb sie, »und ich weiß, meinetwegen werden Sie dieses Opfer bringen; ich bitte Sie darum. Sie werden mir ein theures Wesen retten. Wenn Sie sie retten, retten Sie auch mich. – Fragen Sie nicht wie. – An Niemanden anders als an Sie, konnte ich mich entschließen, diese Bitte zu richten, Ihnen aber strecke ich meine Hände entgegen: stoßen Sie sie nicht zurück! Willigen Sie ein, meinetwegen!« —
Potugin überlegte« dann sagte er:
»Für Irina Pawlowna bin ich bereit, jedes Opfer zu bringen, nur wünsche ich, ihren Wunsch aus ihrem eigenen Munde zu vernehmen.«
Die Zusammenkunft fand noch an demselben Abend statt; sie dauerte nicht lange, und Niemand erfuhr etwas von derselben, jene Dame ausgenommen.
Irina wohnte damals schon nicht mehr im Hause des Grafen Reisenbach.
»Warum haben Sie sich meiner gerade erinnert?« fragte sie Potugin.
Sie fing zuerst an von seinem edlen Charakter zu reden, dann aber sagte sie plötzlich:
»Nein, das ist nicht recht, Ihnen bin ich die Wahrheit schuldig. Ich wußte, ich weiß es noch, daß Sie mich lieben, – darum habe ich mich entschlossen – —« Und nun erzählte sie ihm die ganze Geschichte.
Elise Belsky war eine Waise; ihre Verwandten liebten sie nicht und rechneten darauf, sie zu beerben – ihr Untergang war unvermeidlich!
Potugin blickte Irina lange schweigend an – und willigte ein. Sie weinte und umarmte ihn, Thränen in den Augen, Auch er weinte – seine Thränen aber waren anderer Art.
Schon war Alles zur heimlichen ehelichen Verbindung angeordnet, alle Hindernisse aus dem Wege geräumt. Da kam eine Krankheit – eine Tochter wurde geboren – die Mutter vergiftete sich. – Was sollte aus dem Kinde werden? Potugin nahm es zu sich, nahm es aus Irinens Händen.
Eine düstere, schreckliche Geschichte. – Weiter, Leser, weiter!
Mehr als eine Stunde verging, ehe Litwinow sich entschloß, in seinen Gasthof zurückzukehren. Er näherte sich demselben bereits, als er Schritte hinter sich hörte. Jemand schien ihn hartnäckig zu verfolgen und die Schritte zu verdoppeln, sobald er schneller ging. Als er in die Nähe einer Laterne kam, sah er sich um und erkannte den General Ratmirow.
In weißem Halstuch, elegantem offenen Paletot, verschiedene Sternchen und Kreuze an einem goldenen Kettchen des Frack, kehrte der General vom Galadiner – allein nach Hause zurück.
Den Blick gerade und fest auf ihn gerichtet, drückte derselbe so viel Haß und Verachtung aus, daß Litwinow unwillkürlich stillstand, nichts Anderes als eine Beleidigung oder eine Herausforderung erwartend.
Kaum aber war er Litwinow nahe gekommen, so verwandelte sich sein Blick plötzlich wieder erschien jenes spöttische Lächeln, und die Hand mit dem hellvioletten Handschuh hob den glänzenden schwarzen Cylinderhut grüßend hoch empor.
Litwinow zog schweigend den seinigen – und Jeder ging seines Weges.
Tatiana spielte mit ihrer Tante Piquet, als Litwinow in ihr Zimmer trat.
»Du machst es aber hübsch, Freundchen,« rief die Tante und warf die Karten auf den Tisch, »am ersten Tage gleich den ganzen Abend zu verschwinden! Haben wir auf Dich gewartet und gewartet und Dich tüchtig gescholten!«
»Ach, Tantchen, ich habe nichts gesagt,« bemerkte Tatiana.
»Nun, Du bist ja immer ein geduldiges Lamm. – Schämen Sie sich, mein Herr! – Und noch dazu ein Bräutigam!«
Litwinow suchte sich, so gut es ging, zu entschuldigen, und man setzte sich an den Tisch.
»Warum aber hören Sie auf zu spielen? fragte er nach längerem Schweigen.
»Weil wir nur aus langer Weile angefangen haben – jetzt sind Sie ja aber gekommen.«
»Wenn Sie Lust haben, die Abendmusik zu hören,« fuhr Litwinow fort, »so werde ich mir ein besonderes Vergnügen daraus machen, Sie hinzuführen.«
Die Tante sah ihre Nichte an.
»Kommen Sie, Tantchen,« sagte diese, »ich bin bereit; – wäre es aber nicht besser, zu Hause zu bleiben?«
»Mir auch recht. Wir wollen zusammen Thee trinken, aber auf unsere russische Weise beim Samovar (Theemaschine), und dabei vernünftig plaudern. Haben wir doch eigentlich gar nicht Zeit gehabt, ordentlich mit einander zu reden.«
Litwinow bestellte Thee, das Plaudern wollte aber gar nicht recht gehen. Er fühlte sich unbehaglich, und was er auch vorbrachte, immer schien es ihm, daß er lüge und Tatiana es errathe. Unterdessen war an ihr keine besondere Veränderung zu bemerken, ihr Betragen blieb sich gleich – nur schien ihr Blick ihn zuweilen zwar prüfend, aber nachsichtig zu beobachten, auch bleicher als gewöhnlich kam sie ihm vor.
Die Tante fragte sie, ob sie vielleicht Kopfschmerzen habe? Tatiana wollte anfangs »Nein« antworten« nach kurzem Bedenken aber antwortete sie: »Ja, ein wenig, Tantchen.«
»Von der Reise wohl,« meinte Litwinow, wobei er vor Scham fast erröthete.
»Wohl möglich, daß es von der Reise herrührt,« antwortete sie, ihn von der Seite anblickend.
»Da mußt Du Dich ausruhen, Kindchen.«
»Ja, Tantchen« ich werde mich bald zu Bett legen.«
Auf dem Tische lag der Guide da voyageurs; Litwinow blätterte in demselben, und fing an von Baden‘s Umgegend vorzulesen.
»Das ist Alles recht schön.« unterbrach ihn die Tante, »aber daß wir’s nicht vergessen, hier soll ja die Leinwand billig sein, da könnte man wohl an Deine Ausstattung denken, Tatiana.«
Tatiana schlug die Augen nieder.
»Damit hat’s Zeit« Tantchen, Sie denken immer nur an mich, nie an sich selbst, Sie haben doch gesehen, wie man sich hier herausputzt.«
»Ach, Kindchen, was geht das mich an! Wozu brauche ich mich noch zu putzen. Ja, wenn ich eine so schöne elegante Dame wäre, wie Ihre Bekannte, Gregor Michailitsch, – wie heißt sie doch gleich? . . .«
»Welche Bekannte?«
»Nun die, welche uns heute begegnet ist.«
»Ah, die!« sagte Litwinow, scheinbar gleichgültig, während er sich selbst wieder seiner schlechten Rolle schämte. – »Nein,« dachte er, »das geht so nicht länger.«
Er saß neben seiner Braut« und nur einige Zoll von ihr, in seiner Seitentasche, befand sich Irinens Taschentuch.
Die Tante ging auf einen Augenblick in’s Nebenzimmer.
»Tatiana . . .« sagte Litwinow, und es kostete ihn große Anstrengung, sie so zu nennen.
Sie wendete sich zu ihm.
»Ich – ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen.«
»Ah! – Wann wünschen Sie? Gleich?«
»Nein, morgen.«
Unendlich leid that sie ihm in diesem Augenblick; er ergriff ihre Hand und küßte sie, wie ein Schuldbewußter, der um Verzeihung fleht. Auch ihr war das Herz schwer, und keinen Trost brachte ihr dieser Handkuß.
* * *
Mitten in der Nacht, etwa gegen zwei Uhr, horchte die Tante, die mit ihrer Nichte in einem Zimmer schlief, mit einem Male hoch auf und hob den Kopf in die Höhe.
»Tatiana, Tatiana!« rief sie, »weinst Du?«
Tatiana antwortete nicht sogleich.
»Nein, Tantchen,« flüsterte dann ihre sanfte, feine Stimme, »ich habe den Schnupfen.«
»Warum habe ich ihr auch das gesagt?« dachte am folgenden Morgen Litwinow, in seinem Zimmer am Fenster sitzend. Aergerlich zuckte er die Achseln. Um sich jede Möglichkeit der Rückkehr abzuschneiden, gerade deswegen hatte er es ihr gesagt.
Auf dem Fenster lag wieder ein Billet von Irina; sie bat ihn um zwölf Uhr zu sich, Potugins Worte kamen ihm jeden Augenblick wieder in den Sinn, er zürnte, und doch konnte er sich nicht von ihnen losmachen.
Litwinow trank ein Glas kaltes Wasser und begab sich dann zu Tatiana.
Er fand sie allein. Die Tante war in die Stadt gegangen, einige Einkäufe in den Magazinen zu machen.
Tatiana saß auf dem Divan, ein Buch in der Hund. Sie hatte gelesen, schwer wäre es ihr aber gewesen, zu sagen, was, so wenig waren ihre Gedanken bei ihrer Lectüre.
Litwinow fühlte, daß ein Gespräch über geringfügige Gegenstände anzufangen eine unnütze Quälerei, eine Beleidigung für Tatiana gewesen wäre. Obgleich er fast die ganze Nacht an nichts Anderes gedacht hatte, klebte ihm doch die Zunge am Gaumen, die Worte wollten nicht hervor.
»Tatiana,« hub er endlich nach langem peinlichem Schweigen mühsam an, »ich sagte Ihnen gestern (in Dresden hatte er sie in der letzten Zeit ihres Zusammenseins, wenn sie allein waren, bereits »Du« genannt); ich hätte Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen; doch bitte ich Sie im Voraus, mir nicht zu zürnen und versichert zu sein, daß meine Gefühle . . .«
Litwinow stockte.
Tatiana saß bewegungslos, ohne ihn anzublicken, nur preßte sie das Buch in ihren Händen fester zusammen.
»Zwischen uns,« fuhr er fort, ohne den angefangenen Satz zu beendigen – »zwischen uns hat immer die vollkommenste Aufrichtigkeit stattgefunden; ich achte Sie zu sehr, um auch jetzt heucheln zu wollen – obgleich – obgleich freilich . . .
»Gregor Michailitsch,« sagte Tatiana langsam und leise, während Todtenblässe ihr liebliches, jetzt wehmüthig blickendes Gesicht überzog, »ich will Ihnen zu Hilfe kommen: Sie lieben mich nicht mehr und wissen nicht, wie Sie mir’s sagen sollen.«
Litwinow erbebte, ein heftiger Stich fuhr ihm durch’s Herz bei diesen einfachen rührenden Worten.
»Woher können Sie vermuthen . . .« antwortete er mit unsicherer Stimme kaum hörbar, »ich verstehe wahrlich nicht . . .«
»Ist es nicht wahr? – Sagen Sie, ist es nicht wahr?« Tatiana wendete sich bei diesen Worten um und blickte ihn starr und ängstlich an, wie ein Verurtheilter seinen Richter.«
»Ist es nicht wahr?« wiederholte sie mechanisch.
Er antwortete nichts, kein Laut kam aus seinem Munde. Was bedurfte es auch einer Antwort, las sie doch ihre Verurtheilung in seinem Gesichte.
Er stürzte vor ihr auf die Kniee.
»Tatiana!« rief Litwinow- »wenn Du wüßtest, wie schrecklich mir zu Muthe ist bei dem Gedanken, Dir ein solches Leid zuzufügen, Dein unschuldiges Herz so zu zerreißen, Mitleid würdest Du mit mir haben! – Alles ist dahin, Alles! – Ich, ich bin es, der meiner theuersten Freundin, meinem Schutzengel ein solches Leid anthut! – Ich kenne mich selbst nicht mehr, ich bin ein verlorener Mensch!«
Tatiana wollte aufstehen und sich entfernen. Er hielt sie leicht am Gewande zurück.
»Ich bitte Dich, höre mich noch einen Augenblick an,« rief Litwinow; »ich liege vor Dir, nicht um Deine Vergebung zu erflehen – Du kannst, Du darfst mir nicht vergeben —; ich bin gekommen, Dir zu sagen, daß Dein Freund einem Abgrunde entgegengeht, daß er selbst verloren ist und Dich nicht in’s Verderben ziehen will! Das ist’s, warum er Dir entsagt. Mich retten, nein, mich retten kannst auch Du nicht mehr! Ich bin verloren, Tatiana, unrettbar verloren!«
Tatiana blickte ihn erschreckt an.
»Sie sind verloren?« wiederholte sie, als ob sie ihn nicht verstehe. »Sie – verloren?«
»Ja, Tatiana, verloren! Alles Gute, alles Edle in mir ist untergegangen; was meiner wartet, weiß ich nicht. Du sagtest mir soeben, daß ich Dich nicht mehr liebe. . . . Nein, Tatiana, ich liebe Dich noch, wie man die Engel, wie man Heilige liebt . . . mich aber verzehrt ein anderes unheiliges Gefühl, das mich überwältigt hat, und dem ich nicht widerstehen konnte, wie ich mich auch gesträubt . . .«
»Sie lieben eine Andere, – und – ich errathe« wen! Wir sind ihr gestern begegnet, nicht wahr?« fragte Tatiana hastig. Sie hielt einen Augenblick inne, vielleicht konnte ihr diese letzte Frist noch Hoffnung bringen, – aber er schwieg mit gesenktem Haupte. »Ich weiß nun, was mir zu thun übrig bleibt, Gregor Michailitsch; ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück.«
»Sie haben ein Recht, mir zu zürnen,« sagte er leise, »wir meinen Kleinmuth, meinen Betrug vorzuwerfen.«
Tatiana sah ihn traurig an.
»Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, ich klage Sie nicht an. Ich danke Ihnen, daß Sie wahr gegen mich gewesen sind. Die bitterste Wahrheit ist besser, als ein Tag wie der gestrige!«
Tatiana näherte sich dem Schlafzimmer.
»Ich bitte Sie« lassen Sie mich jetzt allein, Gregor Michailitsch. Der Schlag kam zu unerwartet; wir werden uns noch sehen.«
Nach diesen Worten entfernte sie sich rasch und schloß das Zimmer hinter sich ab.
Wie Litwinow die Treppe herab und auf die Straße hinausgekommen war, wußte er selbst nicht. Tatianens Großmuth hatte ihn vernichtet; lebhaft fühlte er, was er aufgegeben und verloren. Doch so sonderbar ist des Menschen Herz beschaffen: in seine Reue mischte sich Aerger; rasch eilte er zu Irina. Trost und Rettung bei ihr, der er Alles geopfert, zu suchen.
Der General war zu Hause, so sagte ihm der Portier; er kehrte um, denn er fühlte, daß er jetzt nicht im Stande wäre, sich zu verstellen. Er ging in’s Conversationshaus. Seine Unfähigkeit, sich zu verstellen, erfuhren auch heute seine »lieben Landsleute»die sich verwundert ansahen und nicht wußten, was sie aus solch einer Laune machen sollten. Einer von ihnen fragte sich sogar, ob er ihn nicht fordern müsse, die anderen beruhigten ihn jedoch deswegen.
Neunzehntes Capitel
»Gregor»fragte ihn einige Stunden darauf Irina (der General war ausgegangen, was Litwinow sogleich erfahren hatte), die neben ihm auf dem Divan saß, »was fehlt Dir? Erzähle mir, rasch, so lange wir allein sind.«
»Mir? Was soll mir fehlen? Ich bin glücklich, glücklich, sonst nichts.«
Irina schlug die Augen nieder, lächelte und seufzte:
»Das ist keine Antwort auf meine Frage, Theuerster.«
Litwinow zog die Augenbrauen zusammen.
»Nun, wenn Du’s denn durchaus wissen willst . . . ich habe heute meiner Braut Alles gestanden.«
»Wie? Du hast mich doch, hoffe ich, nicht genannt?«
»Irina, um Gottes willen, wie kannst Du nur denken, ich sollte . . .« (Er machte bereits Fortschritte in der Verstellung.)
»Nun, vergieb! Vergieb. Was hast Du ihr denn gesagt?«
»Ich habe ihr gesagt, daß ich sie nicht mehr liebe.«
»Nun, und hat sie nicht nach der Ursache gefragt?«
»Ich habe ihr nicht verheimlicht, daß ich eine Andere liebe und daß wir scheiden müßten.«
»Nun . . . und sie? Sie willigt ein?«
»Ach, Irina, was für ein Herz dieses Mädchen besitzt! Welche Selbstaufopferung, welchen Edelmuth!«
»Ich glaub’s schon, glaub’s schon! Was bliebe ihr auch anders übrig?«
»Und keinen einzigen Vorwurf, kein bitteres Wort dem, der ihr Lebensglück zerstört, der sie herzlos verlassen hat!«
Irina betrachtete ihre Nägel.
»Sag’ mir doch, Gregor, . . . liebte sie Dich denn auch?«
»Ja, Irina sie liebte mich aufrichtig.«
Irina schwieg und strich ihr Kleid glatt.
»Ich muß gestehen,« hub sie endlich an, »ich begreife nicht, was Dir eingefallen ist, ihr so zu beichten.«
»Wie? Sollte ich etwa diesem reinen Herzen gegenüber lügen, heucheln? Oder glaubst Du . . .«
»Ich glaube gar nichts,« unterbrach ihn Irina, »ich gestehe, ich habe mich wenig um sie bekümmert. Ich kann nicht gut an zwei Personen zugleich denken. – Nun, und sie reist ab, diese reine Seele?«
»Ich weiß von nichts. Ich soll sie noch einmal sehen, bin aber überzeugt, daß sie auf keinen Fall hier bleibt. Uebrigens denke ich jetzt auch nicht an sie, ich denke nur an das, was Du mir gesagt, was Du mir versprochen hast.«
Irina blickte ihn von der Seite an.
»Undankbarer! Du bist noch nicht zufrieden?«
»Nein, ich bin nicht zufrieden?«
Du hast mich glücklich durch Deine Liebe gemacht, doch bin ich nicht zufrieden, und Du verstehst, was ich sagen will. Gedenke Deiner Worte, gedenke des Briefes, den Du mir geschrieben. Ich will wein Glück ungetheilt; die jämmerliche Rolle eines heimlichen Liebhabers genügt mir nicht; nicht mein Leben allein, ein anderes zu gleicher Zeit habe ich Dir geopfert, dafür aber hoffe ich fest auf Dich, weiß« daß auch Du Dein Versprechen halten und Dein Schicksal mit dem meinigen vereinigen wirst.«
»Daß ich mit Dir fliehen soll, willst Du? Gut, ich bin bereit, ich nehme mein Wort nicht zurück; aber Du selbst, hast Du auch Alles überdacht, alle Mittel vorbereitet?«
»Ich? Noch nichts habe ich überdacht, nichts vorbereitet. Sobald Du aber Ja sagst, so fange auch ich an zu handeln, und ehe noch ein Monat vergeht . . .«
»Ein Monat? Nach vierzehn Tagen schon reisen wir nach Italien!«
»Wohl, auch zwei Wochen sind hinreichend. O, Irina, wie kalt nimmst Du meinen Vorschlag auf! Du hältst mich vielleicht für einen Schwärmer; ich bin aber kein Knabe mehr und weiß, welche Verantwortlichkeit ich auf mich nehme, – keinen andern Ausweg aber kenne ich. Nicht als ein verächtlicher Lügner darf ich vor der stehen, die ich Dir geopfert!«
Irina richtete sich bei diesen Worten hoch auf, ihre Augen funkelten.«
»Nun, Gregor Michailitsch, wenn ich mich entschließe, wenn ich fliehe, so geschieht es für einen Mann, der nur mir, mir allein lebt, nicht einem phlegmatischen Dinge zu Gefallen, dem statt Blut Milch in den Adern fließt. Jetzt erst sehe ich, daß der, dem ich gewogen bin, eine traurige Rolle spielt, die Rolle eines Menschen, der selbst nicht weiß, was in seiner Seele vorgeht.«
»Irina!« rief er auf’s heftigste erschüttert und sprang auf.
Der Ausdruck, den Litwinow in dieses eine Wort legte, machte sie stutzen; sie preßte beide Hände plötzlich an die Stirn und rief mit bebender Stimme:
»Vergieb, vergieb mir. Sieh’, wie schwach, wie boshaft ich bin. Sieh’, wie sie mich schon verdorben haben. Habe Nachsicht mit mir. Rette mich, reiß’ mich aus diesem Sumpf, ehe ich ganz in ihn versinke. Ja, laß uns vor diesen Menschen, vor dieser Welt fliehen, in ein fernes, freies Land. Vielleicht wird Deine Irina dort Deiner würdig. Zürne mir nicht, mein Freund, und wisse: was Du auch befiehlst, es geschehe, wohin Du auch gehest, überall folge ich Dir!«
Litwinow’s Herz floß vor Entzücken über.
»Irina, Irina,« wiederholte er, »mein Engel!«
Irina hob plötzlich den Kopf empor und horchte.
»Das sind die Schritte meines Mannes, er ist in sein Zimmer gegangen,« flüsterte sie rasch und setzte sich zu einen weiter entfernten Sessel.
Litwinow wollte aufstehen, sie hielt ihn zurück.
»Wohin?« fragte sie. »bleib’, er hat schon Verdacht auf Dich; oder fürchtest Du ihn vielleicht?«
Sie verwandte kein Auge von der Thür.
»Ja, das ist er, er wird gleich hierher kommen. Erzähle rasch etwas, sprich mit mir.«
Litwinow konnte sich nicht gleich in diese Doppelrolle finden und schwieg.
»Ja, ja, le verre d‘eau, ein altes Scribe’sches Stück,« sagte sie laut, »und Plessy, der den Bolingbroke spielt, schneidet zu viele Grimassen, – Wir sind gerade als ob wir’s Fieber hätten, sagte sie leiser, »so geht’s nicht, die Sache will wohl überlegt sein. Was mich betrifft, so muß ich Dir sagen, daß mein Geld bei ihm ist, mais j’ai mes bijoux. Was meinst Du, wenn wir nach Spanien gingen?« – Sie sprach wieder laut: »Merkwürdig, daß doch alle Actrieen so stark werden, sogar die Madeleine Brohan – so sprich doch auch und sitz’ nicht so hölzern da – mir geht der Kopf herum, Du kannst Dich aber auf mich verlassen. Morgen laß ich Dich wissen, wo wir uns sehen können. Ein Unsinn war’s aber doch, daß Du’s Deiner Donna erzählt hast. – Ah, mais c‘est charmant!« rief sie plötzlich laut. Und fing an, nervös lachend, den Saum ihres Tuches zu zerreißen.
»Darf man eintreten?« fragte aus dem andern Zimmer Ratmirow’s Stimme.
»Man darf . . . man darf.«
Die Thür öffnete sich, und aus der Schwelle erschien der höfliche General. Er runzelte einen Augenblick die Stirn, als er Litwinow erblickte, grüßte ihn jedoch mit tiefer Hauptverneigung.
»Ich wußte nicht, daß Du Besuch hast,« sagte er, »je demande pardon de mon indiscrétion. Sie amüsirt also Baden noch immer, Monsieur . . . Litwinow?«
Ratmirow sprach jedesmal Litwinow‘s Namen nach einer Pause vor demselben aus, wie wenn er ihn vergessen habe und sich seiner nicht gleich erinnere.
»Ich langweile mich gerade nicht, Herr General.«
»So?« Mir ward Baden schon sehr zuwider. Auch wollen wir bald von hier abreisen. Was meinst Du, Irina? Ich habe übrigens heute auf Dein Glück fünfhundert Franken gewonnen.«
Irina streckte kokettirend die Hand aus.
»Nun, aber wo sind sie? Geben Sie her – zum Nadelgeld.«
»Ich bleibe Dein Schuldner . . . Aber Sie gehen schon Monsieur . . . Litwinow?«
»Ja« wie Sie sehen.«
Ratmirow grüßte ihn auf seine alte Weise: »Auf angenehmes Wiedersehen!«
»Adieu, Gregor Michailitsch,« sagte Irina. »Ich werde mein Versprechen halten.«
»Ist es erlaubt zu fragen welches?« fragte der General.
Irina lächelte.
»Nein . . . das bleibt unter uns. – C’est à propos du voyage . . . où il vous plaira. Du Weißt doch, das Werk von Stahl.«
»Aha, das kenne ich, Hübsche Zeichnungen.«
Ratmirow schien bei seiner Frau in Gnaden zu stehen: nannte sie ihn doch »Du«
Zwanzigstes Capitel
Langsam wanderte Litwinow nach Hause, überwältigt vom Gefühl einer großen geistigen Ermattung. Ein Stündlein Ruhe war es, was er wünschte, Aber Tatiana? . . . Sie wartete vielleicht auf ihn! Wie ein Ball kam er sich heute vor, den Einer dem Andern zuwirft. Abgespannt und gleichgültig fast, ohne Zagen und Zögern, begab er sich zu Tatiana.
Die Tante empfing ihn. Beim ersten Blick auf die arme alte Dame, deren Augen vom Weinen geschwollen waren, wußte er schon, daß sie von Allem unterrichtet sein müsse. Sie schien auf ihn zueilen zu wollen, blieb aber stehen, kniff ihre Lippen zusammen und machte ein Gesicht, als ob sie ihn entweder tödten oder um Mitleid anflehen wollte, als ob sie nicht wisse, ob es vielleicht nur ein Traum sei; denn möglich konnte ja doch so etwas nicht sein, das wäre ja unerhört!
»Aha, gut, daß Sie gekommen sind, fing sie an.
Weiter konnte sie nicht kommen, denn die Thür des Nebenzimmers öffnete sich, und ruhig und gefaßt, wenn gleich fast durchsichtig bleich, trat Tatiana ein.
Leise schlang sie ihren Arm um den Hals ihrer Tante, umarmte sie zärtlich und setzte sich neben sie.
»Setzen Sie sich, Gregor Michailitsch,« sagte sie zu Litwinow, der wie verloren an der Thür stehen geblieben war. »Ich freue mich sehr, daß ich Sie noch einmal sehe. Ich habe der Tante Ihren Entschluß, unsern beiderseitigen Entschluß mitgetheilt; sie ist vollkommen mit demselben einverstanden und billigt ihn . . . Ohne gegenseitige Liebe giebt es kein Glück, gegenseitige Achtung ist zu wenig, (bei dem Worte »Achtung« schlug Litwinow die Augen nieder)« und demnach ist es besser, früher zu scheiden, als später zu bereuen. Nicht wahr, Tantchen?«
»Ja freilich,« hub die alte Dame an, »freilich; wer meine Tatiana nicht zu schätzen versteht . . . wer sich hat entschließen können . . .«
»Tante, Tante,« unterbrach sie Tatiana, »vergessen Sie nicht, was Sie mir versprochen haben. Und wiederholten Sie mir nicht beständig: Wahrheit, vor Allem Wahrheit – und Freiheit. Nun, Wahrheit und Freiheit gefallen uns nicht immer, sonst wäre es ja auch kein Verdienst, auf sie zu halten.«
Sie küßte zärtlich das graue Haar der Alten und wendete sich wieder an Litwinow.
»Wir haben uns vorgenommen, Baden zu verlassen; ich glaube, das wird das Beste für uns Alle sein.«
»Wann gedenken Sie abzureisen?« fragte Litwinow dumpf; er erinnerte sich, wie Irina vorhin dieselbe Frage gethan hatte.
»Wahrscheinlich bald, sehr bald,« antwortete Tatiana.
»Ist es erlaubt zu fragen, wohin Sie sich begeben werden?« fuhr Litwinow in demselben Tone fragend fort.
»Zuerst nach Dresden, dann wahrscheinlich nach Rußland.«
»Ja, wozu brauchen Sie denn das jetzt noch zu wissen?« rief die Tante heftig.
»Tante, liebe Tante!« unterbrach Tatiana sie wieder.
Es entstand eine peinliche längere Pause.
»Tatiana Petrowna,« hub dann Litwinow an, »Sie werden begreifen, welch ein quälendes peinliches Gefühl ich jetzt in Ihrer Gegenwart empfinde . . .«
Tatiana erhob sich.
»Gregor Michailitsch,« hub sie an, »reden wir nicht weiter davon. Ich bitte Sie inständigst, wenn nicht Ihrer so doch meinetwegen. Wozu die weiteren Erklärungen über das, was nicht zu ändern ist, wozu Wunden aufreißen . . .«
Gewaltsam suchte sie Herr eines unwillkürlich hervorströmenden Ausbruchs ihrer Gefühle zu werden und die schon im Auge blinkenden Thränen zurückzuhalten. Es gelang ihr. Sie fuhr fort:
»Wozu Wunden aufreißen, die vielleicht allein die Zeit heilt? Ich habe Sie jetzt nur um die Erfüllung einer kleinen Bitte anzugehen. Seien Sie so gut und besorgen Sie einen mir wichtigen Brief sogleich auf die Post, die Tante und ich haben jetzt keine rechte Zeit dazu. Sie werden mich unendlich verpflichten. Warten Sie gefälligst einen Augenblick, ich werde ihn gleich endigen.«
Besorgt blickte sie an der Thürschwelle auf die Tante; diese saß jedoch mit ernster, finsterer Miene und fest zusammengekniffenen Lippen, so daß Tatiana glaubte, sie auf einen Augenblick ruhig verlassen zu können.
Kaum hatte Tatiana die Thür hinter sich zugemacht, als alle Strenge augenblicklich aus dem Gesicht der Tante verschwand. Sie stand auf, näherte sich Litwinow vorsichtig, und gebückt ihm in die Augen zu blicken suchend, fing sie mit zitterndem weinerlicher Stimme flüsternd an:
»Herr Du meines Lebens! Gregor Michailitsch, was soll das bedeuten? Sie entsagen Tatiana, brechen Ihr Wort? Sie, auf den wir bauten wie auf einen Fels? Sie? Sie? Sie? . . . Du, Grischa? (Diminutiv von Gregor, Schmeichelwort.) Willst Du sie denn tödten? Wenn sie auch jetzt die Tapfere spielt, so kenne ich sie ja. Sie klagt nie und sorgt nie für sich, so muß ich wohl für sie sorgen – das überlebt sie nicht!«
Hier hörte man, wie Tatiana im Nebenzimmer ein Geräusch mit dem Stuhle machte; die Alte fuhr leiser fort.
»Hat man Sie denn verhext? Sie waren doch sonst ein ehrlicher Mensch! Ich bin sonst, wie Sie wissen, un esprit fort, aber . . .«
»Tante!« rief Tatiana im Nebenzimmer.
»Aber ein Ehrenwort ist eine heilige Verpflichtung, Gregor Michailitsch, besonders für einen Menschen von Grundsätzen! Ein solches brechen ist ehrlos, ein Verbrechen!«
»Tante« komm, bitte, auf einen Augenblick her!« rief Tatiana von Neuem.
»Gleich, gleich, mein Herzchen, gleich . . .«
Sie ergriff ihn bei der Hand.
»Ich sehe, Sie zürnen; ich will Sie nicht erzürnen; im Gegentheil, bitten will ich Sie: bedenken Sie sich, so lange es noch Zeit ist, richten Sie mein armes Kind nicht zu Grunde, nicht Ihr eigenes Glück; noch wird sie Ihnen glauben. Ja, Grischa, noch glaubt sie Dir, noch ist nichts verloren; sie liebt Dich ja, wie Dich nie Jemand so geliebt hat, noch lieben wird. Verlaß dies schändliche Baden; fahre mit uns weg, habe Mitleid . . .«
»Aber Tante,« rief Tatiana ungeduldig, »kommen Sie doch!«
Aber die Tante hörte nicht.
»Sage nur »ja!« redete sie ihm zu, »das Andere ist meine Sache; ich bringe schon Alles wieder in Ordnung. Nicke wenigstens mit dem Kopfe! Nur einmal, so!«
Litwinow hätte lieber den Tod erduldet, so schien es ihr wenigstens; aber das Wörtchen »ja« kam nicht aus seinem Munde, und mit dem Kopfe nickte er auch nicht.
Endlich erschien Tatiana mit dem Briefe; rasch entfernte sich die Tante von ihm und schien die auf dem Tische liegenden Papiere und Rechnungen durchzusehen.
Tatiana trat auf Litwinow zu.
»Hier ist der Brief,« sagte sie, »von welchem ich zu Ihnen gesprochen habe. Sie werden ihn gleich auf die Post bringen, nicht wahr?«
Litwinow blickte sie an. Vor ihm stand sein Richter. Sie schien ihm größer, schöner, eine Mormorstatue, mit dem Blick einer solchen. In diesem Blicke las er seinen Urtheilsspruch; er verbeugte sich, nahm den Brief aus der unbeweglich ihm entgegengestreckten Hand und entfernte sich schweigend.
Die Tante eilte auf Tatiana zu, die ihre Umarmung abwehrte, die Augen niederschlug und mit den Worten: »Jetzt nur schnell!« in ihr Schlafzimmer eilte.
Die Tante folgte mit gesenktem Haupte.
Der Brief, den Litwinow zu besorgen hatte, war nach Dresden an eine Freundin Tatianens adressirt, eine deutsche Dame, welche möblirte Zimmer vermiethete.
Litwinow warf den Brief in den Kasten, und mit diesem kleinen Stück Papier, so schien es ihm, begrub er sein ganzes vergangenes Leben.
Er ging zur Stadt hinaus und streifte lange auf den schmalen Fußwegen zwischen den Weinstöcken umher; wie das belästigende Summen der Sommerfliegen konnte er das beständig quälender werdende Gefühl der verächtlichen Rolle, die er, besonders in der letzten Abschiedsscene, gespielt hatte, nicht los werden.
Als er bald nach seiner Rückkehr sich nach seinen Damen erkundigte, erfuhr er, daß sie, gleich nachdem er sie verlassen, auf die Eisenbahn gefahren und mit dem Schnellzuge, man wußte nicht wohin, abgereist seien. Ihre Sachen waren schon am Morgen früh gepackt gewesen, die Rechnung bezahlt worden. Der Brief, den ihm Tatiana zur Besorgung gegeben, hatte den Zweck gehabt, ihn zu entfernen.
Er fragte den Portier, ob die Damen vielleicht ein Billet für ihn zurückgelassen hätten, was dieser verneinte.
Litwinow wendete ihm den Rücken und schloß sich in sein Zimmer ein, welches er erst am folgenden Tage verließ; einen Theil der Nacht verbrachte er mit Schreiben. Mehrere Male zerriß er das Geschriebene. Die Morgenröthe brach bereits an, als er seine Arbeit endigte – es war ein Brief an Irina.
Einundzwanzigstes Capitel
Der Brief enthielt Folgendes:
»Meine Braut ist gestern abgereist; wir werden einander nie wiedersehen . . . ich weiß sogar nicht einmal, wo sie ferner leben wird. Mit ihr ist Alles, was mir bisher werth und theuer war, entschwunden, alle meine Pläne, meine Absichten für die Zukunft sind dahin, meine langjährigen Vorbereitungen, meine Arbeiten umsonst! Alle meine Beschäftigungen haben jetzt keinen Zweck mehr und können keine Anwendung finden. Alles das ist für mich gestorben, ja ich selbst, der Mensch, der ich bisher war, ist in mir gestorben und begraben seit dem gestrigen Tage. Ich fühle, sehe und weiß dies genau . . . und bedaure es keinen Augenblick. Nicht etwa um mich zu beklagen, spreche ich mit Dir davon . . . Irina, wenn Du mich liebst, bin ich nicht beklagenswerth! Ich wollte Dir nur sagen, daß aus der ganzen in Rauch und Dampf aufgegangenem in Asche verwandelten Vergangenheit nur Eins lebendig und unversehrt hervorgegangen ist: meine Liebe zu Dir! Außer dieser Liebe besitze ich nichts und ist mir nichts geblieben. In dieser Liebe ist meine ganze Zukunft, mein Beruf, mein Heiligthum, mein Vaterlands Du kennst mich, Irina, und weißt, daß jedes Phrasenmachen mir fern liegt und mir zuwider ist; wie stark daher auch meine Worte sein mögen, so weißt Du, daß sie aufrichtig sind. Kein Knabe im Aufbrausen augenblicklichen Entzückens lallt vor Dir einen unüberlegten Schwur, sondern ein durch die Zeit geprüfter Mann sagt Dir, einfach und offen, fast mit Angst und Schrecken, was er als unumstößliche Wahrheit erkannt hat: Deine Liebe, ja sie ist für mich unersetzlich – Alles, Alles! Jetzt urtheile selbst: kann ich, darf ich das Alles in den Händen eines Andern lassen, darf ich ihm erlauben, über Dich zu schalten? Du, Du mein ganzes Dasein, Blut meines Herzens, wirst ihm gehören, während ich . . . Wer bin ich denn jetzt? Was bin ich? Ein Zuschauer . . . der Zuschauer meines eigenen Lebens! Nein, unmöglich, unmöglich! So weiter wäre Lüge und Tod! Ich weiß, welch ein großes Opfer ich von Dir fordere, ohne ein Recht dazu zu haben. Was kann auch wohl das Recht auf ein Opfer geben? Aber nicht aus Egoismus handle ich so; wäre ich Egoist, so wäre es mir leichter und bequemer, diese Frage ganz unberührt zu lassen. Ja, mein Verlangen ist schwer, und es soll mich nicht wundern, wenn es Dich erschreckt. Du hassest die Menschen, unter denen Du lebst, die vornehme Welt ekelt Dich an; wirst Du aber auch im Stande sein, diese Welt zu verlassen, den Kranz, den sie Dir windet, wegzuwerfen, die Meinung jener Menschen, die Du hassest, auch zu verachten, wenn Du aus ihrer Mitte verbannt sein wirst? Frage Dich selbst, Irina, nimm keine zu schwere Last auf Deine Schultern. Ich will Dir keine Vorwürfe machen, aber erinnere Dich: schon einmal bist Du der Versuchung unterlegen. Gering ist auch nur, was ich als Ersatz Dir bieten kann für das was Du aufgiebst. So höre nun mein letztes Wort: Wenn Du Dich nicht im Stande fühlst, heute oder morgen Alles aufzugeben und mir zu folgen, wenn Dich die ungewisse Zukunft, die Entfremdung von allem Früheren, die Einsamkeit und der Tadel der Menschen schreckt, wenn Du Deiner mit Einem Worte nicht sicher bist, so sage es mir aufrichtig und ohne Zögern, und ich verlasse Dich, verlasse Dich mit zerrissenem Herzen zwar, werde Dir aber doch danke für Deine Offenheit. Wenn Du aber, meine strahlende Königin des Lichts, einen so unbedeutenden Menschen wie mich wirklich und wahrhaftig liebst, bereit bist, sein Schicksal zu theilen, welches es auch sei, – nun wohlan, so reiche mir die Hand und wir machen uns auf, die schwere Bahn hinan, die vor uns liegt! Wisse aber, mein Entschluß ist unumstößlich: Alles oder Nichts! Vielleicht ist’s thöricht, ich kann aber nicht anders, Irina, ich kann nicht!
Dein G. L.«
Litwinow gefiel der Brief selbst nicht besonders, er drückte nicht ganz das aus, was er eigentlich sagen wollte« auch war er ihm zu schwülstig, erinnerte zu sehr an den Bittsteller, doch aber entschloß er sich, ihn abzusenden. Sein Geist war zu ermüdet, er fühlte sich unfähig, einen andern zu schreiben.
Am Morgen schon erhielt er folgende kurze Antwort.
»Komm heute zu mir, sobald Du kannst. »Er« ist heute auf den ganzen Tag weggefahren. Dein Brief hat mich tief aufgeregt. Ich denke und denke . . . der Kopf geht mir herum! Sehr schwer ist’s mir um’s Herz, aber Du liebst mich und – ich bin glücklich. Komm!
Deine I.«
Irina saß in ihrem Cabinet, als Litwinow eintrat. Dasselbe junge Mädchen, welches ihn am vergangenen Tage erwartet hatte, führte ihn auch heute zu ihr. Auf dem Tische vor ihr stand ein halbrunder Carton voll Spitzen, welche sie zerstreut mit einer Hand sortirte, während sie Litwinows Brief in der andern hielt, Spuren von Thränen waren in ihren Augen sichtbar.
Litwinow blieb auf der Schwelle stehen; sie bemerkte sein Kommen nicht.
»Du weinst?« fragte er erstaunt.
Sie fuhr zusammen, strich ihr Haar zurück und lächelte.
»Warum weinst Du?« wiederholte Litwinow.
Schweigend zeigte sie auf den Brief.
»Also darüber . . .?« rief er zögernd.
»Tritt näher, setze Dich,« sagte sie, »gieb mir Deine Hand. Nun ja, ich habe geweint . . . was ist daran Wunderbares? . . . Als ob dazu keine Ursache wäre?« Und dabei zeigte sie auf den Brief.
Litwinow setzte sich.
»Wohl weiß ich, Irina, daß das nicht leicht ist; dasselbe sagte ich Dir in meinem Briefe. Wenn Du aber an die Aufrichtigkeit Deiner Liebe an mich glaubst, so wirst Du begreifen, was ich jetzt beim Anblick Deiner Thränen fühlen muß. Ich bin hierher gekommen wie ein Angeklagter, der auf sein Urtheil harrt: Tod oder Leben. Deine Antwort entscheidet Alles. Nur blicke mich nicht mit diesen Augen an; sie erinnern mich an jene alten Moskauer Augen.«
Irina erröthete plötzlich und wendete sich ab, als ob sie wüßte, daß etwas in ihrem Auge nicht zu diesem Augenblick paßte.
»Was sprichst Du, Gregor. Schäme Dicht Du willst meine Antwort? Und kannst Du zweifeln, welche es sein wird? Du erstaunst über meine Thränen . . . doch mißverstehst Du sie! Dein Brief hat sie hervorgebracht, ja; ich frage mich, ob meine Liebe Dir genügen kann für all’ die Opfer, die Du mir gebracht, ob Du nicht vielleicht einmal bereuen wirst, sie mir gebracht zu haben! Und wie dann?! Das ist es, was ich fürchte, nicht das, was Du denkst!«
Aufmerksam blickten sie einander an, als ob Jeder des Andern geheimste Gedanken errathen wollte.
»Diese Furcht ist unbegründet,« antwortete Litwinow. »Deine Liebe ist mir eine ganze Welt, und ich hoffe, zu Großem wird sie mich anspornen.«
Irina versank in Nachdenken.
»Wohin werden wir fliehen?« flüsterte sie.
»Wohin? wohin? Daran zu denken bleibt noch Zeit. Also . . . Du willigst ein? . . . Ist es so? . . . Habe ich recht verstanden, Irina?«
Sie blickte ihn an.
»Und Du wirst gewiß glücklich sein?«
»O« Irina!«
»Wirst nichts bedauern? Nie?«
Sie bückte sich über den Carton mit den Spitzen und ließ diese auf ihre Finger gleiten.
»Zürne mir nicht, Theurer, daß ich mich in einem solchen Augenblick mit dergleichen Tand beschäftige . . . Ich bin aber noch nicht Herrin meiner selbst und muß zu einer Dame auf den Ball fahren. Da hat man mir nun diese Chiffons geschickt, aus denen ich heute noch meine Wahl treffen muß. Ach, wie schwer mir’s um‘s Herz ist!« rief sie, plötzlich wieder in Thränen ausbrechend aus; sie wendete sich rasch ab – die Thränen hätten auf die Spitzen fallen können.
»Irina, schon wieder Thränen?« fragte Litwinow bekümmert.
»Nun ja, Gregor, wieder! Quäl mich nicht! quäl Dich nicht! Was thut’s, daß ich weine; weiß ich ja selbst nicht warum; aber so sind wir Frauen einmal geschaffen. Genug, daß Du meinen Entschluß kennst, den ich nicht ändern werde, daß Du weißt, wie ich in Alles, Alles einwillige. Wozu aber nun noch einander quälen! Sieh, hab’ ich Dir ja auch nicht ein einziges Mal gesagt, wie ich wohl begreife, daß ich meinen ehelichen Pflichten untreu werde . . . daß »er« das Recht hat, mich zu tödten. Nun, und doch bin ich die Deine!«
Sie erhob sich vom Sessel, blickte Litwinow lächelnd an und strich mit dem bis zum Ellenbogen entblößten weißen Arme eine lange Locke aus dem Gesicht. Das reiche Spitzentuch fiel vom Stuhle herab auf den Fußboden und kam unter Irina‘s Füße. Verächtlich trat sie darauf.
»Gefalle ich Dir denn heute nicht?« sagte sie, »Bin ich denn seit gestern häßlicher geworden? Sag’ mir, liebst Du mich wirklich?«
Sie umfaßte ihn mit beiden Armen und preßte seinen Kopf an ihre Brust. Der Kamm, der ihr reiches Haar hielt, fiel klingend zur Erde, und das seidenweiche Haar überwallte ihn in duftenden, weichen Wellen.
Zweiundzwanzigstes Capitel
Litwinow wanderte in seinem Zimmer auf und ab. Ihm lag jetzt ob, von der Theorie in die Praxis überzugehen, Mittel und Wege zur Flucht, zur Uebersiedlung in irgend ein anderes, noch unbekanntes Land zu finden. Sonderbar, dieses beschäftigte ihn bei Weitem weniger als ein gewisser Zweifel an der Festigkeit von Irinens Entschlusse. Und doch hatte sie ihm beim Abschiede gesagt: »Richte Alles ein, wie Du willst, und wenn Du bereit bist, laß es mich wissen.« Abgemacht! Weg mit allen Zweifeln! An‘s Werk!
Vorderhand war sein erstes Werk – verschiedene Pläne. Vor Allem war Geld nöthig. Seine ganze Reisekasse bestand in 1328 Gulden, in französischem Gelde 2855 Francs; eine ziemlich geringe Summe, für die ersten Bedürfnisse aber hinreichend. Dann müßte dem Vater geschrieben werden, daß er einen Theil der Wälder oder ein Stück Land verkaufe . . . Aber unter welchem Vorwande? Nun, der ließe sich finden. Irina sagte, sie habe ihre Brillanten und Bijoux; auf die durfte man aber keine Rechnung machen, höchstens einmal im Fall der größten Noth. Er hatte noch überdies einen ausgezeichneten Genfer Chronometer, für den man etwa 400 Francs bekommen könnte.
Litwinow begab sich nun zu einem der Geldwechsler, die sich in Baden Banquiers nennen lassen, und fing an ihn zu fragen, wie man es wohl anfangen müßte, um eine gewisse Summe Geldes dort aufzunehmen.
Die Badener Geldwechsler sind aber gewitzte Leute und sehr vorsichtig. Auf eine solche Frage erhielt er denn auch so unbestimmte ausweichende Antworten, daß man aus ihnen machen konnte, was man wollte, nur kein Geld. Ein anderer lachte ihm munter und lustig geradezu in’s Gesicht, als ob er ihn für einen Spaßmacher halte, der sich einen unschuldigen Scherz erlaube. Litwinow – zu seiner Schande sei’s gesagt – versuchte sogar sein Glück im Roulettespiel. Er setzte einen Thaler auf Nummer 30, sein Alter. Er that dies in der Absicht, sein Capital zu vergrößern und eine runde Summe zu haben. Gelang ihm nun auch das erstere nicht, so hatte er doch mit dem letzteren den besten Erfolg, indem er richtig 28 Gulden anbrachte.
Eine andere« nicht weniger wichtige Frage war der Paß. Für Frauen freilich war das kein so wichtiger Gegenstand; überdies giebt es ja Länder, wo man eines solchen nicht bedarf: Belgien zum Beispiel oder England. Dann ließ sich ja auch ein nichtrussischer Paß wohl auswirken.
Bei allen diesen Plänen, mit denen er sich ganz ernsthaft beschäftigte, kamen ihm ganz gegen seinen Wunsch und Willen verschiedene abenteuerliche und drollige Sachen in den Sinn. So fiel ihm unter Anderem ein, wie einer seiner Freunde, ein verabschiedeter Cornet, vor Jahren einmal auf einem Dreigespann und mit Schellengeläute die Tochter eines Kaufmanns, der allgemein für reich galt, entführt hatte, und der, wie sich in der Folge herausstellte, allein der Betrogene gewesen war, ja noch überdies fast Prügel bei der Entführung bekommen hatte. Nicht wenig ärgerte sich Litwinow über seine unpassenden Erinnerungen, gedachte dann Tatianens und ihrer plötzlichen Abreise, und fühlte, daß ihm zu seiner Ehrenrettung kein anderer Ausweg übrig blieb als der, den er Irina vorgeschlagen hatte.
Hinter ihm erschallte plötzlich Pferdegetrappel. Er trat auf die Seite, Irina, zu Pferde, holte ihn Ein; neben ihr ritt der »wohlbeleibte« General. Sie erkannte Litwinow, nickte ihm mit dem Kopfe zu, gab dem Pferde einen Schlag mit der Gerte, daß es Galopp ansetzte, und trieb es dann in plaine carrière den Weg hinab. Ihr dunkler Schleier wehte im Winde hinter ihr her.
»Pas si vite! Nom de Dieu, pas si vite!« stöhnte der Wohlbeleibte, schwerfällig hinterdreinsprengend.
Dreiundzwanzigstes Capitel
Am andern Morgen war Litwinow kaum vom Geldwechsler nach Hause gekommen, mit dem er noch einmal über die Unbeständigkeit des Courses der russischen Papiere und das beste Mittel, im Auslande Gelder von Rußland kommen zu lassen, geredet hatte, als ihm: der Portier einen Brief übergab. Er erkannte sogleich Irinens Hand; doch brach er das Siegel nicht los – ein böses Vorgefühl wurde, Gott weiß warum, in ihm wach – sondern ging auf sein Zimmer. Dort las er (der Brief war in französischer Sprache geschrieben) Folgendes:
»Mein theurer Freund!
Die ganze Nacht ist mir Dein Vorschlag nicht aus dem Sinne gekommen. Du bist offen gegen mich gewesen, ich werde es Dir gegenüber sein: ich kann nicht mit Dir fliehen – ich fühle nicht die Kraft in mir es auszuführen. Wie sehr ich mich gegen Dich vergehe, empfinde ich tief, – meine zweite Schuld ist noch größer als meine erste; ich verachte mich und meinen Kleinmuth. Ueberhäufe mich mit Vorwürfen, aber – ich kann mich nicht anders machen, als ich bin! Umsonst sage ich mir, daß ich Dein ganzes Lebensglück untergrabe, daß Du Recht hast, mich für eine leichtfertige Kokette zu halten, und doch kann und kann ich nicht anders! Ich werde nicht suchen, mich zu rechtfertigen, nicht sagen, daß Leidenschaft mich hingerissen hat, . . . eins nur wiederhole ich Dir: ich bin und bleibe die Deinige auf ewig!! Verfüge über mich, wie Du willst, nur verlange nicht, daß ich mit Dir fliehe, Alles wegwerfe . . . nein! Nein! Nein! Ich flehe Dich an, mich zu retten, ich hoffte selbst, alles Frühere auszulöschen, durch Dich wie im Feuer geläutert zu werden . . . doch scheint’s, daß es für mich keine Rettung mehr giebt; das Gift ist schon zu tief in meine Adern eingedrungen, ungestraft athmet man es so viele Jahre lang in jenen Sphären nicht ein! Lange habe ich geschwankt, ob ich Dir auch dieses schreiben sollte; schrecklich ist mir der Gedanke an den Entschluß, den Du vielleicht fassen wirst: doch vertraue ich noch auf Deine Liebe zu mir, sie allein läßt mich noch hoffen! – Für unredlich hätte ich es gehalten, wenn ich Dir nicht die Wahrheit gestanden hätte, um so mehr, da Du vielleicht jetzt schon Maßregeln zur Flucht triffst. Ach, mein Freund, halte mich für ein schwaches, energieloses Weib, aber verlaß mich nicht, verstoße Deine Irina nicht! . . . Diese Welt zu verlassen bin ich nicht im Stande, aber ohne Dich in derselben zu leben ist mir zur Unmöglichkeit geworden! Wir kehren in nicht gar langer Zeit nach Petersburg zurück; komm auch Du dorthin, laß Dich dort nieder, wir werden für Dich eine Deinen Fähigkeiten angemessene Thätigkeit finden, Deine früheren Arbeiten sollen nicht verloren gehen; . . . nur lebe in meiner Nähe, liebe mich wie ich bin, mit allen meinen Schwachheiten, mit allen meinen Fehlern, und wisse, daß kein Herz auf der ganzen Welt Dich je so zärtlich lieben wird, als das Herz Deiner bedauernswürdigen Irina. Komm sobald Du kannst, komm auf der Stelle zu mir, keinen Augenblick Ruhe werde ich haben, bis ich Dich gesehen.
Deine, Deine, Deine Irina.«
Beim Lesen dieser Zeilen stieg Litwinow das Blut heftig zu Kopfe. Wie damals in Moskau fühlte er sich bis zum Tode getroffen; kraftlos sank er aus den Divan zurück und blieb lange starr und unbeweglich liegen. Ein dunkler Abgrund öffnete sich rings um ihn her. – Also wieder, wieder Betrug, nein, schlimmer als Betrug – Lüge und Gemeinheit! Das Leben zerstört, wie ein Baum mit der Wurzel ausgerissen, ohne Halt, ohne Stütze! – »Komm nach Petersburg,« wiederholte er, bitter und höhnisch lächelnd, »wir werden für Dich eine Beschäftigung finden! – Das ist also das gelöste Räthsel ihres früheren Lebens, aus welchem sie geläutert hervorzugehen hoffte! Das jene Welt der Intriguen, jener Sündenpfuhl geheimer Geschichten, wie die der Belsky! Eine schöne Zukunft, eine prächtige Rolle, die sie mir zugedacht! Der Hausfreund einer leichtsinnigen vornehmen Dame und natürlich auch der Seiner Excellenz . . . bis . . . bis die Laune vergeht und irgend ein Anderer . . . vielleicht sogar der wohlbeleibte General, der Stellvertreter wird! Pfui! . . . Nein, das darf nicht geduldet werden, so spielt man nicht mit dem Leben eines Menschen!«
Was aber wollte, was konnte er thun? Jenen Brief beantworten? Er hielt inne und ließ die Hand herabsinken. Hatte er sie doch selbst zur Aufrichtigkeit aufgefordert, ihr die Wahl freigestellt; sie war nicht nach seinem Wunsche ausgefallen . . . jede Wahl ist dem ausgesetzt. Was war also darauf zu erwidern? Wenigstens heuchelte sie nicht; schonungslos zwar, doch aufrichtig war ihre Antwort. Sie blieb die Seine . . . bis zu ihrer Abreise mit ihrem Manne nach Italien!! Tatiana gegenüber war nicht sie, sondern er selbst schuld . . . Alles das war richtig, was aber blieb ihm jetzt zu thun übrig?!
Wieder warf er sich auf den Divan und versank in Nachdenken . . . doch nicht lange. Er raffte sich auf und stieß mit Entrüstung die Gedanken an die verführerischen Vorschläge der Sirene von sich:
»Du reichst mir den Trank in einer goldenen Schale,« rief er aus, »aber er enthält Gift! . . .Fort von hier, fort! Zu bleiben, nachdem ich meine Braut von hier vertrieben, wäre nicht ehrenhaft, darum fort!«
Aufs Neue zog er seinen Koffer aus der Ecke, auf‘s Neue packte er mit einer gewissen stumpfsinnigen Eilfertigkeit seine Sachen ein, klingelte dem Kellner, bezahlte und fertigte an Irina ein Billet in russischer Sprache ab.
Er schrieb ihr Folgendes:
»Ob Ihre Schuld mir gegenüber jetzt oder damals größer, weiß ich nicht; was ich aber weiß, ist, daß der heutige Schlag schwerer traf . . . er hat mich vernichtet! Sie sagen: Sie können nicht; auch ich wiederhole Ihnen: ich kann nicht – das, was Sie wollen. Nein, ich kann und mag nicht! Antworten Sie mir nicht weiter, da Sie nicht im Stande sind, mir die einzige Antwort zu geben, die ich hätte annehmen können. Morgen früh mit dem ersten Zuge reise ich. Leben Sie wohl und glücklich . . . Wir werden uns wohl nie mehr sehen!«
Litwinow blieb bis zum späten Abend in seinem Zimmer. Wartete er auf irgend etwas? Gott weiß es! Gegen sieben Uhr des Abends näherte sich eine verschleierte Dame in einer schwarzen Mantille zweimal dem Eingange in seinen Gasthof; zweimal ging sie vorbei, ihr Gang wurde langsamer; da wendete sie sich mit einem Male rasch und entschlossen um und nahm ihre Richtung zum dritten Male nach dem Gasthofe hin.
»Wohin, wohin so schnell Irina Pawlowna?« hörte sie eine Stimme hinter sich rufen.
Sie wendete sich, erschrocken zusammenfahrend, um . . . Potugin stand vor ihr.
Sie blieb stehen, dachte einen Augenblick nach, ergriff dann seine Hand und führte ihn auf die Seite.
»Führen Sie mich fort, führen Sie mich fort!« rief sie ihm hastig zu.
»Was fehlt Ihnen, Irina Pawlowna?« flüsterte er erschrocken.
»Führen Sie mich fort, sage ich Ihnen,« wiederholte sie, »wenn Sie nicht wollen, daß ich . . . ganz dort bleiben soll!«
Potugin verbeugte sich gehorsam, und Beide eilten Mich hinweg. Früh am folgenden Morgen – Litwinow war schon ganz zur Abreise fertig – trat Potugin in sein Zimmer.
Schweigend näherte er sich ihm, und schweigend drückte er ihm die Hand. Litwinow sagte ebenfalls kein Wort. Beide waren tief verstimmt, während sie zu lächeln versuchten.
»Ich bin gekommen, Ihnen eine glückliche Reise zu wünschen,« fing endlich Potugin an.
»Woher aber wissen Sie denn, daß ich heute abreise?« fragte Litwinow.
Verlegen blickte Potugin auf den Boden.
»Ich habe es erfahren . . . wie Sie sehen. Unser letztes Gespräch nahm eine sonderbare Richtung . . . Ich wollte Sie nicht abreisen lassen, ohne Sie vorher meiner aufrichtigsten Theilnahme zu versichern.«
»Theilnahme? . . . wohl weil ich abreise?«
Potugin blickte Litwinow kummervoll an.
»Ach, Gregor Michailitsch, wozu jetzt noch unpassende Anspielungen und unfreundliche Worte. Ich meine es aufrichtig und bin nur gekommen, Sie noch einmal zu umarmen!«
Litwinow fühlte sich gerührt, umarmte ihn nach vaterländischer Sitte dreimal, reichte dem einsamen Sonderling die Hand und eilte zum Zimmer hinaus.
»Soll ich Ihren Reisesack tragen helfen?« rief Potugin, ihm seine Dienste anbietend.
»Ich danke, ich kann schon allein.«
Er setzte seine Mütze auf, nahm den Reisesack in die Hand, wendete sich aber, schon auf der Schwelle stehend, noch einmal um und fragte:
»Sie haben sie gesehen?«
»Ja, diesen Morgen.«
»Nun . . . und was sagte sie?«
Potugin schwieg eine Zeit lang, dann antwortete er mit niedergeschlagenen Augen: .
»Sie hat Sie gestern erwartet, – wird Sie auch heute noch erwarten.«
»Ah so! Nun so sagen Sie ihr . . . doch nein, sagen Sie ihr nichts. Leben Sie wohl!«
Litwinow lief rasch die Treppe hinab, warf sich in den Wagen und kam, ohne sich nur ein einziges Mal umzusehen, bei der Eisenbahn an. Schon stand er vor einem Waggon.
»Gregor Michailitsch! . . . Gregor! . . .« hörte er hinter sich eine flehende Stimme. Er erbebte.
»Ist es möglich, sollte das Irina sein? Sie selbst!«
In den Shaw! ihrer Zofe eingehüllt, einen Reisehut auf dem Kopfe, das Haar in Unordnung, stand sie auf dein Perron und blickte ihn mit trübem bekümmertem Blicke an.
»Kehre um, kehre um, ich bin gekommen, Dich zurückzuholen,« sagte dieser Blick. Und was, was Alles verhieß er nicht! – So stand sie da, nicht im Stande, einen Schritt vorwärts zu machen, noch ein Wort weiter zu sagen; Alles an ihr« sogar die Unordnung in ihrer Kleidung, Alles flehte um Schonung.
Kaum war Litwinow im Stande sich zurückzuhalten, ihr nicht entgegenzustürzen. Mit übermenschlicher Anstrengung warf er sich in den Waggon, wendete sich zu ihr und zeigte auf den Platz neben sich.
Sie verstand ihn.
Noch war es Zeit . . . Nur einen Schritt, eine Bewegung, und zwei auf immer vereinte Leben wären ihrem unbestimmten Schicksal zusammen entgegengeeilt . . . Aber während sie noch zögerte, erscholl ein gellender Pfiff, und der Zug setzte sich rasch in Bewegung.
Litwinow warf sich zurück, Irina schwankte zu einer nahe stehenden Bank und fiel auf dieselbe nieder, zur großen Verwunderung eines angehenden jungen Diplomaten, der zufällig dahingeschlendert war und nun den Zug abgehen sah. Er war zwar wenig mit Irina bekannt, sie interessirte ihn aber sehr, und als er bemerkte, daß sie wie ohnmächtig dalag, glaubte er, ihr sei eine »attaque de nerfs« zugestoßen, weshalb er es auch für die Pflicht eines galant chevalier hielt, ihr zu Hilfe zu eilen. Wie groß aber war sein Erstaunen, als sie bei dem ersten Worte, welches er an sie richtete, aufsprang, die ihr dargereichte Hand heftig zurückstieß und die Straße hinabeilend, einen Augenblick später im dichten Milchnebel, der dem Schwarzwälder Klima während der ersten Herbsttage eigenthümlich ist, verschwand.
Vierundzwanzigstes Capitel
Es ist uns einmal zu Hause auf dem Lande begegnet, in eine Bauernhütte einzutreten, deren Eigenthümer kurz vorher den einzigen heißgeliebten Sohn verloren hatte, und wo wir die Bäuerin vollkommen ruhig, fast heiter trafen. »Wundern Sie sich nicht,« sagte der Bauer, dem unsere Verwunderung nicht entgehen mochte, »sie ist jetzt noch erstarrt.»
Erstarrt, in diesem Sinne, war jetzt auch Litwinow, als er der Heimath zueilte. Zuweilen schien es ihm, als ob er seinen eigenen Leichnam nach Hause bringe, zuweilen nur erinnerte ihn ein heftiges inneres, unheilbares Weh, daß er die Last des Lebens noch trage.
Er blickte zum Fenster hinaus. Der Tag war trüb und feucht, und niedrig ziehende Wolken bedeckten den Himmel. Der Wind wehte dem Zuge entgegen; weißliche Dampfwolken, bald einzeln, bald mit düsteren, dunkleren untermischt, zogen in endlosen Ringen an seinem Fenster vorbei. Seine Gedanken folgten diesem Dampf, diesem Dunst. In beständigem Wirbel, bald sich hebend, bald senkend, sich verdichtend oder auflösend, Gras, Busch, Wald berührend und verhüllend, wiederholte sich dieses Spiel einförmig und endlos. Er saß allein in seiner Abtheilung. Niemand störte ihn. – »Dunst, Dunst.« wiederholte er einige Male, und Alles rings um ihn her erschien ihm plötzlich nur als Dunst; – sein eigenes Leben, das Leben in Rußland, alles Menschliche, vor Allem aber alles Russische! »Alles Dunst und Dampf!« dachte er. Er erinnerte sich an so Manches, was sich in den letzten Jahren vor seinen Augen mit Lärm und Geschrei angekündigt hatte und Seifenblasen gleich zerplatzt war . . . »Dunst,« flüsterte er, »nichts als Dunst und Dampf,« Er gedachte der Gesellschaft bei Gubarow, wie des General-Picknicks . . . »Dunst, wieder Dunst! sogar Potugins Moralpredigten – Dunst, Dunst!«
Unterdessen hatte der Zug Rastadt, Karlsruhe und Bruchsal passirt, die Berge zur rechten Hand des Weges waren niedriger geworden, in weiter Ferne fast verschwunden, hatten sich dann wieder genähert, doch weniger hoch und waldreich. Der Zug wendete sich rasch seitwärts – sie kamen in Heidelberg an. Die Waggons liefen in die bedeckte Station ein. Ausrufer die verschiedene, sogar russische Journale verkauftem Reisende, die hin und her eilten, waren auf der Plattform zu sehen. Litwinow allein rührte sich nicht von seinem Platze in der Ecke und saß, den Kopf gebückt, in Nachdenken versunken.
Gegen Abend spät fuhr er bei Kassel vorbei. Mit der Dunkelheit löste sich auch seine Erstarrung; in die Ecke des Wagens gedrängt, saß er und weinte bitterlich. Zur selben Zeit lag Tatiana in einem Gasthofe dieser Stadt in heftiger Fieberhitze im Bette, neben ihr saß die alte Tante.
»Tatiana,« sagte sie, »erlaube mir, um’s Himmels willen, ein Telegramm an Gregor Michailitsch abzusenden.«
»Nein, liebe Tante,« antwortete Tatiana, »beunruhige Dich nicht; es wird vergehen, wie es gekommen ist. Reich’ mir nur ein Glas Wasser.«
Sie hatte Recht, nach einer Woche war ihr besser ihr fester Wille hatte die Krankheit überwinden helfen Sie konnten weiter reisen.
Fünfundzwanzigstes Capitel
Ohne sich in Petersburg oder Moskau aufzuhalten, kehrte Litwinow auf sein Gut zurück. Er erschrak heftig, als er seinen Vater wiedersah, so hatte sich dieser verändert. Der Alte freute sich wie ein Kind über die Rückkehr seines Sohnes, übergab ihm sogleich die in der größten Unordnung sich befindenden Geschäfte, ächzte und stöhnte noch ein paar Wochen herum, und endigte ruhig und still seine irdische Laufbahn.
Litwinow befand sich nun allein in seinem verfallenen Hause, und fing, um sich von seinem Kummer zu zerstreuen, bald ernsthaft an, seine zerrütteten Verhältnisse in Ordnung zu bringen. Die großen Reformpläne von denen er ehemals geträumt hatte, wurden als unanwendbar bei Seite geworfen. Geduld und Fleiß waren vor Allem nöthig.
So verging ein Jahr, dann ein zweites, das dritte begann. Das große Werk der Emancipation fing an, die ersten Früchte zu zeigen, in Fleisch und Blut überzugehen; weder heimische, noch offene Feinde konnten das ausgestreute Samenkorn mehr zertreten, zu tief hatte es bereits Wurzel geschlagen. Auch Litwinow hatte einen großen Strich Landes seinen nun freien Bauern überlassen, verwendete aber jetzt seine Aufmerksamkeit besonders auf die unter seiner Leitung aufs Neue producirende Fabrik und auf eine kleine Meierei, die er mit fünf Arbeitern in guter Ordnung hielt. Der größte Theil der alten Schulden ward gedeckt und seine Wirthschaft fing an, gedeihlichen Aufschwung zu nehmen. Die letzten Spuren jenes Zaubers, den Irina’s Name sonst auf ihn hervorgebracht hatte, verschwanden nach und nach, und war er gleich für sein Alter ungemein ernsthaft, lebte er gleich fast einsiedlerisch zurückgezogen, so war er doch wieder ruhig und gesund.
So saß er einst an einem schönen Maitage in seinem Zimmer und las ziemlich theilnahmlos die letzte Nummer der Petersburger Zeitung, als ihm sein Diener die Ankunft seines alten Oheims meldete.
Dieser, ein Vetter der alten Schestow, kam von dem Gute derselben, er hatte sich in Litwinows Nähe ein Gut gekauft und reiste dahin.
Einen ganzen Tag blieb der Herr bei ihm und erzählte ihm Vieles von Tatianens Leben und Treiben.
Am Tage nach dessen Abreise schickte Litwinow ihr einen Brief, den ersten nach ihrer Trennung. Er bat um die Erlaubniß, die alte Bekanntschaft, wenn auch nur brieflich, erneuern zu dürfen, und fragte, ob er auf immer dem Gedanken entsagen müsse, sie je im Leben wiederzusehen? Nicht ohne Gemüthsbewegung erwartete er die Antwort; sie kam endlich.
Tatiana kam seinem Wunsche freundlich entgegen und schrieb am Schlusse ihres Briefes:
»Wenn Sie uns zu besuchen wünschen, so sollen Sie willkommen sein; sagt man doch, daß selbst Kranken wohler zusammen ist, als wenn sie getrennt sind.«
Wie ein Kind freute sich Litwinow über diese Worte, lange war ihm nicht so wohl gewesen! Zwei Wochen später war er schon auf dein Wege zu Tatiana.
Sechsundzwanzigstes Capitel.
Ohne besondere Ereignisse fuhr er ziemlich langsam auf Landwegen durch Feld und Wald seinem Ziele entgegen; einmal nur platzte ihm die Schiene des einen Hinterrades; der Dorfschmied schmiedete und schmiedete sie zusammen, ohne jedoch damit ordentlich zu Stande zu kommen, und schimpfte bald auf sich, bald aus die Schiene. Zum Glück erwies es sich, daß man auch mit der geplatzten Schiene noch ganz gut auf den weichen Wegen fahren konnte.
Gegen Abend desselben Tages näherte sich Litwinow endlich Tatianens Gute.
Das Haus, in welchem seine gewesene Braut wohnte, stand auf einem von einem Garten umgebenen Hügel, unter welchem ein kleiner Fluß sich hinschlängelte. Das Häuschen war neu aufgebaut und weit ringsum zu sehen. Litwinow bemerkte es bereits in einer Entfernung von fast zwei Weist mit seinem kleinen Maisonnette, dessen Fenster hell von der untergehenden Sonne beleuchtet waren.
»Wie werden sie mich aufnehmen,« dachte er, »wir werde ich ihnen entgegentreten?«
Um sich zu zerstreuen, fing er mit seinem Fuhrman, einem alten Bauer mit grauem Barte, ein Gespräch an. Er fragte ihn, ob er die Gutsbesitzerin Schestow kenne?
»Die Schestows? Wie sollte ich die nicht kennen? Das sind brave Damen, gegen die ist nichts zu sagen. Wenn unsereins einmal krank wird, so wendet er sich immer gerade an sie, die wissen immer Hilfe: hier ein Pflaster, dort eine Salbe oder ein Pulver, und gar nicht stolz sind sie. Brave Damen! Dabei wollen sie von Dank nichts wissen. Eine Schule haben sie da auch eingerichtet. Nun, das ist aber dummes Zeug, was braucht unsereins zu lernen?«
Während der Fuhrmann erzählte, verwandte Litwinow kein Auge von dem Häuschen. Eine weibliche Gestalt in Weiß trat auf den Balcon, stand längere Zeit draußen und verschwand wieder im Zimmer.
»Sollte sie es sein?«
Sein Herz schlug lauter bei dem Gedanken an Tatiana.
»Rasch, rasch,« rief er seinem Fuhrmann zu.
Dieser trieb seine Pferde an. Noch einige Augenblicke, und die Kalesche fuhr in das offene Thor des Hofes ein.
Auf der Vortreppe stand die Tante und rief, in die Hände klatschend, aus:
»Ich habe ihn zuerst erkannt!«
Litwinow sprang rasch zum Wagen hinaus, ohne dem Diener Zeit zu lassen, die Thür zu öffnen, umarmte hastig die alte gute Dame und trat aus dem Vorzimmer in den Saal. Vor ihm, erröthend, stand Tatiana.
Treuherzig blickte sie ihn mit ihren klaren, lieben Augen an (ihr Gesicht war etwas weniger voll als in Baden, was ihr aber gut stand) und reichte ihm die Hand. Er aber ergriff diese nicht, sondern stürzte vor ihr auf die Kniee.
Augenscheinlich hatte sie dergleichen nicht erwartet und wußte weder, was sie thun, noch was sie sagen sollte. Große glänzende Thränen traten in ihre Augen. Erschrocken zwar, aber mit freudeglänzendem Gesicht flüsterte sie:
»Gregor Michailitsch, was soll das, was soll das?«
Er aber fuhr fort, den Saum ihres Kleides zu küssen . . . Mit tiefer Rührung erinnerte er sich, wie er in Baden auch zu ihren Füßen gelegen hatte.
Aber damals und jetzt – welch eins Unterschied!
»Tatiana,« rief er flehend, – »Tatiana, hast Du mir auch vergeben?«
»Tantchen, Tantchen, was soll das bedeuten?« wandte sich Tatiana zu der eintretenden alten Dame.
»Laß ihn, laß ihn, Tatiana,« antwortete diese. »Siehst Du nicht, wie er sein schuldbewußtes Haupt zu Deinen Füßen legt?«
Jetzt, meine ich, wäre es auch Zeit, zu endigen; es bleibt ja nichts weiter hinzuzufügen, der Leser erräth das Andere selbst . . . Wie steht es aber um Irina?
Immer noch ist sie verführerisch schön, ungeachtet ihrer dreißig Jahre; junge Leute ohne Zahl verlieben sich in sie, und viele andere noch würden sich in sie verlieben, wenn . . . wenn . . .
Geneigter Leser, willst Du nicht so gefällig sein und mir noch einige Augenblicke nach Petersburg in einen der prachtvollsten Paläste der nordischen Palmyra folgen? Sieh, vor Dir ist ein großer gewölbter Saal, ich will nicht sagen, reich decorirt, das kann auch jeder andere Saal jedes anderen Hauses sein, der Ausdruck wäre nicht passend, nein – vornehm, repräsentirend, Würde ausathmend. Fühlst Du nicht beim Eintreten eine gewisse ängstliche Befangenheit, wie sie Einen im Beisein sehr hoher Personen zu beschleichen pflegt? Wisse, Du hast einen Tempel betreten, einen dem höchsten Anstande geweihten, Liebe und Frömmigkeit ausathmenden, mit einem Worte, einen nicht dem Irdischen geweihten Tempel. Welch ein geheimnißvoller Friede, welch eine geheimnißvolle Stille umgiebt Dich. Schwere Sammetportieren an den Thüren, Sammetvorhänge an den Fenstern, ein schwerer, dicker, weicher Teppich am Fußboden, Alles ist gewissermaßen vorherbestimmt und angepaßt, jeden rauhen Schall, jedes laute Geräusch zu mildern und zu mäßigen. Die sorgfältig verhängten Lampen selbst flößen ehrbare, wohlanständige Empfindungen ein; ein sanftes, mildes Aroma ist ringsumher im ganzen Gemache verbreitet, die silberne Theemaschine sogar dampft und summt nur leise flüsternd. Die Dame des Hauses, ein wichtiges Sternbild am Petersburger Firmament, redet nur leise, kaum hörbar, stets, als ob ein schwer Kranker oder Sterbender im Zimmer wäre; die andern Damen flüstern ihr zu Gefallen gleichfalls kaum vernehmlich. Die Schwester der hochgnädigen Frau, welche Thee macht, scheint ganz die Sprache verloren zu haben, sie bewegt nur lautlos die Lippen, so daß ein vor ihr sitzender junger Mann, der zufällig in diesen Tempel des höchsten Anstandes eingeführt worden, in großer Verlegenheit ist, nicht wissend, was sie eigentlich von ihm will, während sie zum dritten Mal schon ihm zephyrisch zusäuselt: »Prenez-vous une tasse de thé?«
In verschiedenen Gruppen sitzend sieht man junge, wohlanständige Männer, eine ruhige Würde in ihren Blicken, einen leidenschaftslos kalten, wenn gleich fein einschmeichelnden Ausdruck in ihren Gesichtern; Decorationen ohne Zahl bedecken ihre Brust. Die Unterhaltung wird auch nur leise geführt, sie dreht sich um religiöse oder patriotische Themata. Leise auf dem weichen Teppich dahinschreitend, gehen reich galonirte Livreebediente in seidenen Strümpfen ab und zu in diesem Tempel der Wohlgesinntheit, Andacht und Frömmigkeit.
»Haben Sie heute Madame Ratmirow gesehen?« fragte mit bescheidener Stimme eine Dame.
»Ich habe sie heute bei Lise getroffen,« antwortete die Aeolsharfenstimme der Dame vom Hause; »die Gute thut mir leid . . . sie ist die wandelnde Verkörperung eines verbitterten Gemüths . . . elle n‘a pas la foi.«
»Ja, ja,« wiederholt die Dame, »so hat ja wohl X. von ihr gesagt und sehr bezeichnend gesagt: sie hat ein verbittertes Gemüth!«
»Elle n‘s pas la foi,« haucht man ringsumher nach. Wie Weihrauch im Rauchfaß des Priesters bei der Messe verbreitet es sich im ganzen Saale:
»Sie ist die wandelnde Verkörperung eines verbitterten Gemüths – c‘est une âme égarée, qui n‘a pas la foi!«
Und das ist die Ursache, warum nicht alle jungen Leute ohne Ausnahme sich in sie verlieben. Sie fürchten sie, sie fürchten ihr »verbittertes Gemüth« das ist das Urtheil, welches man über sie fällt, und diese Phrase ist eine allgemein wiederholte geworden. Wie in jedem Urtheil der Art ist auch in diesem manches Wahre. Und nicht allein die jungen Leute fürchten sie, auch die älteren und hochgestelltem sogar mancher Würdenträger, manche personnage. – Niemand versteht es so richtig und fein, die lächerliche oder jämmerliche Seite eines Charakters herauszufinden. Niemand diese so schonungslos zu geißeln als sie, oft vielleicht nur durch irgend ein leichtes Witzwort. Und um so schmerzhafter ist ein solches Wort, da es einem schönen Munde entfließt . . . Was im tiefsten Innersten dieser Seele vorgeht, ist schwer zu errathen; unter der Schaar ihrer Anbeter aber ist nicht ein einziger, den man den Auserwählten zu nennen wagte.
Irinens Mann schreitet rasch vorwärts auf dem Wege, welchen die Franzosen »den Weg des Ruhmes und der Ehrenstellen« nennen.
In derselben Stadt aber, wo Irina wohnt, lebt auch unser Freund Potugin. Selten nur sieht er sie jedoch, hat sie ja auch kein besonderes Bedürfniß mehr, die Verbindung mit ihm zu unterhalten . . . Jenes Mädchen, welches man seiner Fürsorge anvertraut hatte ist unlängst gestorben.