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Kitabı oku: «Ein Briefwechsel»

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Vor einigen Jahren besuchte ich Dresden. Vom Morgen bis zum Abend die Stadt durchstreifend, hatte ich keine Veranlassung, mit der Gesellschaft des Hotels, welches ich bewohnte, Bekanntschaft zu machen, bis ich eines Tages zufällig erfuhr, daß in demselben eine Russe krank darniederliege. Ich begab mich zu ihm und fand in ihm einen Menschen, bei dem die Schwindsucht schon den höchsten Grad erreicht hatte. Ich war der Stadt nachgerade überdrüssig geworden und so ließ ich mich bei meinem neuen Bekannten häuslich nieder. Es ist zwar langweilig, einem Kranken Gesellschaft zu leisten, zuweilen jedoch ist auch die Langeweile angenehm; zudem war mein Kranker guten Muthes und immer zur Unterhaltung ausgelegt. Wir waren beide bemüht, uns die Zeit so gut es ging zu vertreiben, spielten Schafskopf und machten uns über den Doktor lustig. Mein Landsmann erzählte diesem deutschen Kahlkopf verschiedene Mährchen über seinen Zustand, welchen Jener stets längst vorhergesehen haben wollte, äffte ihm nach, wenn er sich über irgend ein außergewöhnliches, unerhörtes Symptom wunderte, warf seine Arzneien zum Fenster hinaus und dergleichen mehr. Ich bemerkte meinem Freunde zu wiederholten Malen, daß er gut thun würde, bei Zeiten einen erfahrenen Arzt zu consultiren, daß mit seiner Krankheit nicht zu spaßen sei u.s.w. Alexei aber (mein Bekannter hieß Alexei Petrowitsch S . . .). fertigte mich immer nur mit Witzen über die Aerzte im Allgemeinen und über den seinigen insbesondere ab, bis er einst an einem regnigten Herbstabende auf meine wiederholten dringenden Bitten mit einem so hoffnungslosen Blick, einem so traurigen Kopfschütteln und einem so seltsamen Lächeln antwortete, daß ich einigermaßen darüber erschrak. In derselben Nacht verschlimmerte sich sein Zustand und am anderen Tage starb er. Kurz vor seinem Tode verließ ihn seine gewohnte Heiterkeit, er warf sich unruhig auf dem Bette hin und her, seufzte schwer, blickte wehmüthig um sich, ergriff meine Hand und mit Anstrengung flüsternd: »Es ist doch schwer, zu sterben,« ließ er den Kopf in die Kissen sinken und brach in einen Strom von Thränen aus. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, und saß schweigend an seinem Lager. Bald aber besiegte er auch diese letzte Schwäche. »Hören Sie »sagte er, »unser Doktor wird heute kommen und mich nicht mehr am Leben finden, ich kann mir seine Grimasse bei dieser Entdeckung vorstellen!« – und noch in diesem letzten Augenblicke versuchte er, die verwunderte Miene des Doctors nachzuäffen. Dann bat er mich, alle seine Sachen nach Rußland an seine Verwandten zu schicken, mit Ausnahme eines kleinen Päckchens, das er mir zum Andenken schenke.

In diesem Päckchen befanden sich Briefe, Briefe eines jungen Mädchens an Alexei und Abschriften der seinigen an dieselbe, im Ganzen waren ihrer fünfzehn. Alexei Petrowitsch S. . . kannte Maria Alexandrowna B. . . seit langer Zeit, wie es scheint, schon seit der Kindheit. Er hatte einen Vetter und sie eine Schwester. In früheren Jahren hatten sie Alle zusammen gelebt, darauf sich getrennt und sich lange nicht wiedergesehen; später aber hatten sie sich, bei einem Sommeraufenthalte auf dem Lande, zufällig wieder zusammengefunden und in einander – der Vetter Alexei‘s in Maria Alexandrowna, Alexei aber in deren Schwester – verliebt. Der Sommer verstrich, der Herbst kam und sie trennten sich von Neuem. Alexei überzeugte sich als verständiger Mann bald, daß er gar nicht verliebt sei, und gab seine Schöne ganz wohlgemuth auf; sein Vetter stand noch beinahe zwei Jahre im Briefwechsel mit Maria Alexandrowna, kam jedoch endlich auch zu der Einsicht, daß er sich und sie betrüge, und verstummte ebenfalls.

Ich könnte Dir, lieber Leser, Allerlei von Maria Alexandrowna erzählen, Du wirst sie aber selbst aus ihren – Briefen kennen lernen. Alexei schrieb ihr seinen ersten Brief bald nach dem Bruch zwischen ihr und seinem Vetter. Er befand sich damals in Petersburg, reiste von dort plötzlich in’s Ausland, wurde krank und starb, wie schon gesagt, in Dresden. Ich habe mich entschlossen, seinen Briefwechsel mit Maria Alexandrowna dem Druck zu übergeben und hoffe auf einige Nachsicht des Lesers, schon deshalb, weil es keine Liebesbriefe sind – Gott bewahre mich vor solchen! Liebesbriefe werden gewöhnlich nur von zwei Personen – dafür freilich tausendmal nach einander – gelesen, jedem Dritten aber sind sie unerträglich, wenn nicht gar lächerlich.

I.
Alexei Petrowitsch an Maria Alexandrowna

St. Petersburg, den 7. März 1840.
Liebe Maria Alexandrowna!

Wenn ich nicht irre, habe ich Ihnen noch niemals geschrieben, jetzt aber thue ich es . . . nicht wahr, ich habe einen seltsamen Zeitpunkt dazu gewählt? Was mich dazu veranlaßt, ist Folgendes: Mon cousin Théodore besuchte mich heute und, wie soll ich es ausdrücken. . . und theilte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit (anders theilt er überhaupt Nichts mit) . . . daß er in die Tochter eines gewissen hiesigen Herren verliebt und dieses Mal durchaus entschlossen sei, zu heirathen; er habe auch schon den ersten Schritt dazu gethan und – sich erklärt. Natürlich beeilte ich mich, ihm zu einem so erfreulichen Ereigniß zu gratuliren. Man hat ihm schon lange eine solche Absicht angesehen; dennoch aber verwunderte ich mich im Stillen einigermaßen darüber, denn, obgleich ich wußte, daß zwischen Ihnen und ihm Alles zu Ende sei, schien es mir doch . . . mit einem Worte, ich verwunderte mich. Ich hatte mir vorgenommen, heute auszufahren, bin aber zu Hause geblieben, um mit Ihnen zu plaudern. Wenn Sie mich nicht anhören wollen, so werfen Sie diesen Brief,sogleich in’s Feuer. Ich verspreche, Ihnen aufrichtig zu sein, und obgleich ich fühle, daß Sie das volle Recht haben, mich für einen ziemlich zudringlichen Menschen zu halten, bitte ich Sie, wenigstens davon überzeugt zu sein, daß ich die Feder nicht zur Hand genommen haben würde, hätte ich nicht gewußt, daß Ihre Schwester nicht bei Ihnen ist. Sie wird, wie Theodore mir sagt, den ganzen Sommer bei Ihrer Tante, der Frau B. . . zubringen. Gott schenke ihr alles mögliche Glück!

Das also wäre das Ende vom Liede . . . Meinerseits aber will ich Sie nicht jetzt meiner Freundschaft versichern; überhaupt liebe ich keine hochtrabenden Redensarten und Gefühlsergüsse, und indem ich diesen Brief an Sie richte, folge ich einfach einer augenblicklichen Eingebung. Sollte unbewußt ein anderer Beweggrund in mir verborgen liegen, so mag er einstweilen in seinem Dunkel verbleiben.

Ich will Sie auch nicht zu trösten suchen. Die Menschen wollen größtentheils, indem sie Andere trösten, sich nur so schnell als möglich von dem unangenehmen Gefühle eines unfreiwilligen, selbstsüchtigen Mitleids befreien . . . Es giebt ohne Zweifel auch ein aufrichtiges, warmes Mitgefühl, aber dieses nimmt man nicht von einem Jeden entgegen. Es wäre mir lieb, wenn Sie mir zürnen würden, denn dann würden Sie mein Schreiben wahrscheinlich bis zu Ende lesen.

Doch welches Recht habe ich, Ihnen zu schreiben, von meinen Gefühlen, vom Troste zu reden? – Keines, gar keines, ich muß es bekennen, und kann daher nur auf Ihre Nachsicht bauen.

Wissen Sie, womit der Eingang meines Briefes zu vergleichen ist? Er ist, wie wenn ein Herr N. N. in den Salon einer Dame tritt, welche durchaus nicht ihn, möglicherweise aber einen Anderen erwartet hat; er merkt, daß er zu keiner gelegenen Zeit gekommen ist, doch es ist nun einmal nicht zu ändern . . . Er setzt sich, beginnt die Unterhaltung . . . Gott weiß, worüber, über die Poesie, die Schönheiten der Natur, die Vortheile einer guten Erziehung . . . mit einem Worte, er schwatzt den größten Unsinn. Inzwischen ist man über die ersten Minuten, hinweggekommen, er hat sich’s in seinem Stuhl bequem gemacht, – die Dame ergiebt sich in ihr Schicksal, und siehe da, Herr N. N. gewinnt seine Gemüthsruhe wieder, schöpft frischen Athem und beginnt zu reden, so wie er’s , eben versteht.

Mir ist indeß, ungeachtet aller dieser Raisonnements, nicht gerade wohl zu Muthe. Ich sehe vor mir Ihr bedenkliches, ja fast erzürntes Gesicht und fühle, daß es Ihnen fast unmöglich ist, in meinem Briefe nicht irgend welche verborgene Absicht zu vermuthen; daher hülle ich mich, wie ein Römer, der eine Dummheit begangen hat, majestätisch in meine Toga und erwarte schweigend Ihr allendliches Urtheil . . . und zwar insbesondere darüber, ob Sie mir gestatten wollen, daß ich fortfahre, Ihnen zu schreiben?

Ich verbleibe Ihr aufrichtiger und treuergebener

Alexei S . . .

II.
Maria Alexandrowna an Alexei Petrowitsch

Dorf . . ., den 22. März 1840.
Geehrter Herr Alexei Petrowitsch!

Ihren Brief habe ich empfangen und weiß in Wahrheit nicht, was ich dazu sagen soll. Ich würde Ihnen gar nicht geantwortet haben, hätte es nicht den Anschein, als ob sich hinter Ihren Scherzen wirklich ein ziemlich freundschaftliches Gefühl verberge. Ihr Brief hat auf mich einen unangenehmen Eindruck gemacht. Als Antwort auf Ihre »Raisonnements« wie Sie sich ausdrücken, gestatten Sie mir ebenfalls eine Frage: wozu? Welchen Theil haben Sie an mir? welchen ich an Ihnen? Ich setze bei Ihnen durchaus keine schlechten Absichten voraus, im Gegentheil, ich bin Ihnen für Ihre Theilnahme dankbar, aber wir sind einander fremd, und ich fühle, jetzt wenigstens, nicht das mindeste Verlangen, mich irgend Jemandem zu nähern.

Mit wahrer Hochachtung verbleibe ich u.s.w.

Maria B. . .

III.
Alexei Petrowitsch an Maria Alexandrowna

St. Petersburg, den 30. März 1840.

Besten Dank, Maria Alexandrowna, besten Dank für Ihr Schreiben, so trocken es auch ist. Bevor ich es erhielt, befand ich mich in der größten Aufregung, zwanzig Mal am Tage dachte ich an Sie und an meinen Brief. Sie können sich nicht vorstellen, wie höhnisch ich über mich selbst lachte, jetzt aber bin ich in einer ausgezeichneten Gemüthsstimmung und belobe mich selbst nach Verdienst. Maria Alexandrowna, ich beginne einen Briefwechsel mit Ihnen! Gestehen Sie, Sie hätten das nach Ihrer Antwort nicht erwartet; ich selbst bewundere meine Kühnheit! Aber beruhigen Sie sich, ich will nicht von Ihnen, sondern nur von mir zu Ihnen reden. Ich muß mich durchaus, um mich eines beliebten Ausdrucks zu bedienen, mit Jemandem aussprechen. Zwar habe ich kein Recht, Sie zu meiner Vertrauten zu erwählen, gewiß keines, aber ich verlange von Ihnen auch keine Antwort auf mein Schreiben, ich will sogar nicht wissen, ob Sie meine »Raisonnements« lesen oder nicht, aber ich beschwöre Sie, senden Sie mir meine Briefe nur nicht zurück.

Sehen Sie, ich stehe ganz allein in der Welt da. In der Jugend führte ich ein einsames Leben, obgleich ich, so viel mir erinnerlich ist, mich niemals als Byron drapirte. Zunächst waren es die Verhältnisse, und dann die Fähigkeit und die Neigung zu phantasiren, mein ziemlich kühles Temperament, mein Stolz, meine Trägheit, mit einem Worte, eine Menge verschiedener Ursachen, welche mich von der menschlichen Gesellschaft fern hielten. Der Uebergang aus der Welt der Phantasie in die wirkliche ist bei mir spät, vielleicht zu spät, ja vielleicht gar bis hierzu noch, nicht vollständig eingetreten. So lange meine eigenen Gedanken und Gefühle mich beschäftigten und zerstreuten, so lange ich fähig war, mich einem grundlosen, schweigenden Entzücken hinzugeben, beklagte ich meine Einsamkeit nicht. Ich hatte keine Kameraden, ich besaß nur sogenannte Freunde. Zuweilen that mir ihre Gesellschaft noth, wie eine Electrisirmaschine eines Conducteurs bedarf, aber eben nur in der Weise. Die Liebe . . . doch über diesen Gegenstand wollen wir einstweilen schweigen. Jetzt aber, ich muß es bekennen, drückt mich die Einsamkeit, und doch sehe ich keinen Ausweg aus meiner Lage. Ich kluge deßhalb nicht das Schicksal an, ich allein trage die Schuld und bin bestraft nach Gebühr. In der Jugend beschäftigte mich nur Eins: mein liebes Ich. Ich hielt meine gutmüthige Eigenliebe nur für Blödigkeit, ich mied die Gesellschaft – und jetzt bin ich meiner selbst erschrecklich überdrüssig. Was soll ich nun beginnen? Ich liebe Niemanden; alle meine Herzensempfindungen zu anderen sind gleichsam erzwungen und unwahr; ich besitze nicht einmal Erinnerungen, weil ich in meinem ganzen vergangenen Leben nichts als mein eigenes Ich finde. Seien Sie meine Retterin! Ihnen habe ich niemals mit Entzücken Liebe geschworen, Sie nie durch einen Schwall von Redensarten betäubt, ich ging vielmehr ziemlich kalt an Ihnen vorüber, und daher gerade wage ich jetzt, zu Ihnen meine Zuflucht zu nehmen. Würde ich es doch schon früher gethan haben, wenn Sie damals frei gewesen wären! Inmitten all meiner künstlichen und gemachten Empfindungen, Freuden und Leiden war das einzige wahre und aufrichtige Gefühl, die freilich geringe aber unfreiwillige Neigung zu Ihnen, welche damals wie eine vereinzelte Aehre unter wucherndem Unkraut verkam . . . Lassen Sie mich nur ein einziges Mal in ein fremdes Antlitz, in eine fremde Seele blicken, – mein eigenes Gesicht widert mich an! Ich gleiche einem Menschen, der verurtheilt ist, sein ganzes Leben in einem Zimmer mit Spiegelwänden zu verbringen. Ich verlange von Ihnen keine Geständnisse – bei Gott keine! Schenken Sie mir die stillschweigende Theilnahme einer Schwester, oder auch nur die einfache Neugier des Lesers – ich werde Sie interessiren, wahrhaftig, ich werde Sie interessiren.

Im Uebrigen habe ich die Ehre, als Ihr aufrichtiger Freund zu verharren.

A. S.. . .

IV.
Alexei Petrowitsch an Maria Alexandrowna

Petersburg, den 3. April 1840.

Abermals schreibe ich Ihnen, obgleich ich voraussehe, daß ich bei ausbleibender Gutheißung von Ihrer Seite bald verstummen werde. Ich begreife, daß Sie einiges Mißtrauen gegen mich hegen müssen. Sie haben möglicherweise Recht darin! Früher hätte ich Ihnen feierlich erklärt und mir selbst Vielleicht auf’s Wort geglaubt, daß , ich mich seit unserer Trennung »entwickelt habe,« fortgeschritten sei; mit einer nachsichtigem beinahe liebkosenden Verachtung hätte ich mich über meine Vergangenheit geäußert, mit einer rührenden Prahlerei hätte ich Sie in die Geheimnisse meines jetzigen wahren Lebens eingeweiht . . . jetzt aber, ich versichere Sie, Maria Alexandrowna, ist es mir sogar peinlich und widrig, daran zu denken, welche Rolle einst meine elende Eigenliebe gespielt und wie ich mir darin gefallen habe. Fürchten Sie sich nicht, ich werde Ihnen keine großen Wahrheiten, keine tiefen Einblicke auf drängen; ich besitze sie nicht – diese Wahrheiten, diese Einblicke. Ich bin ein einfacher, gewöhnlicher Mensch geworden – glauben Sie es mir. – Ich empfinde Langeweile, Maria Alexandrowna, ja, ich kann vor Langeweile nicht aushalten. Eben darum schreibe ich Ihnen, und . . . ich glaube in der That, daß wir uns verstehen werden. Dennoch aber fühle ich mich außer Stande, weiter zu Ihnen zu reden, bevor Sie mir nicht Ihre Hand gereicht haben, bevor ich nicht von Ihnen ein Schreiben mit dem einen Worte »ja« erhalten habe. – Maria Alexandrowna, wollen Sie mich zu Ende hören? – Das ist die Frage.

Ihr ergebener A. S. . .

V.
Maria Alexandrowna an Alexei Petrowitsch

Dorf . . »den 14. April.

Was sind Sie doch für ein seltsamer Mensch! Nun denn – ja!

Maria B. . .

VI.
Alexei Petrowitsch an Maria Alexandrowna

Petersburg, den 2. Mai 1840.

Hurrah! Dank, Maria Alexandrowna, tausend Dankt Sie sind ein sehr gutes und nachsichtiges Wesen.

Versprochenermaßen beginne ich von mir selbst zu reden und thue das mit einem Vergnügen, das an Appetit grenzt . . . ja, an Appetit. Von Allem in der Welt kann man mit Eifer, mit Entzücken, mit Begeisterung reden, aber mit Appetit nur von sich selbst.

In diesen Tagen ist mit mir etwas überaus Sonderbares vorgegangen: ich habe zum ersten Male einen Rückblick auf meine Vergangenheit geworfen. Sie verstehen mich: Jeder von uns denkt oft an das Vergangene – mit Bedauern oder Verdruß, oder zum bloßen Zeitvertreib, – aber einen kühlen, klaren Blick auf sein ganzes vergangenes Leben zu werfen – etwa wie ein Wanderer von einem hohen Berge auf das von ihm durchwanderte Thal zurückschaut – das vermag man nur in reiferen Jahren, und ein geheimnißvoller eisiger Schauer ergreift das Herz, wenn es zum ersten Male geschieht. Das meinige wenigstens zog sich schmerzhaft zusammen! So lange wir jung sind, haben wir solche Rückblicke nicht, meine Jugend aber ist dahin, und mir liegt, wie jenem Wanderer auf dem Berge, Alles klar und deutlich vor den Augen. Ja, dahin, unwiederbringlich dahin ist meine Jugend, und sie steht vor mir wie ein Bild im Rahmen. Ein trauriger Anblicks Wahrlich!i Maria Alexandrowna, ich bejammere mich selbst. Mein Gott! mein Gott! ist es denn möglicht daß ich bis zu diesem Grade mein eigenes Leben verdorben, mich so unbarmherzig hin und her gezerrt und gequält habe. . . Jetzt bin ich klug geworden, aber leider zu spät. Haben Sie jemals eine Fliege aus dem Netz einer Spinne gerettet? Ist Ihnen das begegnet? Erinnern Sie sich denn, wie Sie sie an die Sonne setzten; ihre Füße und Flügel sind zusammengeklebt, schwerfällig bewegt sie sich und ist mit aller Anstrengung bemüht, sich vom Spinnengewebe zu reinigen. Noch langen Versuchen erholt sie sich einigermaßen, kriecht, versucht die Flügel auszustrecken . . . umsonst! nicht mehr kann sie, wie früher, herumschwirren, nicht mehr sorglos im Sonnenschein summen, um bald durch das geöffnete Fenster in‘s kühle Zimmer zu fliegen, bald wieder in die heiße Sommerlust zurückzukehren . . . Sie aber ist wenigstens nicht freiwillig in das verrätherische Netz gerathen . . . wie ich, der ich meine eigene Spinne gewesen bin. Und dennoch kann ich mir nicht einmal die ganze Schuld hieran beimessen, denn wer, sagen Sie mir, wer trägt jemals an irgend Etwas die Schuld – allein? Oder besser gesagt, tragen wir nicht Alle Schuld, ohne, daß man uns dessenungeachtet anklagen darf? Die Verhältnisse wirken bestimmend auf uns ein; sie stoßen uns ans diesen oder jenen Weg, und nachher üben sie selbst das Strafamt an uns aus. Jeder Mensch hat sein Schicksal . . . Sehen Sie. Da fällt mir eben ein etwas weit hergeholter, aber treffender Vergleich ein. Wie die Wolken sich erst aus den Dünsten der Erde bilden, aus deren Schooß emporsteigen, sich dann von ihr absondern und entfernen und endlich, Segen oder Vernichtung bringend, wieder zu ihr zurückkehren, so gestaltet sich um einen Jeden von uns, und zwar aus uns selbst, eine . . . wie soll« ich es nennen? eine Art Atmosphäre, welche zerstörend oder segenbringend auf uns zurückwirkt. Diese Atmosphäre eben – nenne ich Schicksal. Mit anderen Worten und einfacher gesagt: Jeder ist zugleich der Schöpfer und das Geschöpf seines Schicksals . . .

Jeder also ist selbst der Schöpfer seines Schicksals – ja! . . . aber unsereins ist es zu sehr, und das eben ist unser Unglück! Zu früh schon erwacht in uns das Selbstbewußtsein; zu früh schon fangen wir an, uns selbst zu beobachten . . . Wir Russen haben keine andere Lebensaufgabe, als die, unsere eigene Persönlichkeit immer auf‘s Neue durchzuarbeiten, und kaum haben wir die Kinderschuhe ausgetreten, so beginnen wir schon damit. Keine bestimmte Richtung wird uns von außen her gegeben, Nichts achten, an Nichts glauben wir wahrhaft, und so hoben wir freie Bahn, aus uns zu machen, was uns irgend beliebt. Nun aber ist nicht von Jedem zu verlangen, daß er sofort die Unfruchtbarkeit des in gegenstandsloser Selbstbewegung verpuffenden Geistes einsehe, – und was dabei herauskommt, ist daher nichts Anderes als wiederum eine jener geistigen Mißgeburten, eine jener nichtigen Existenzen, in denen selbst der angeborene Trieb nach Wahrheit durch die überwuchernde Eigenliebe in sein Gegentheil verkehrt wird, in denen lächerliche Einfalt mit verächtlicher Verschmitztheit sich paart und die, in einer ohnmächtigen Unruhe des Denkens sich verzehrend, niemals weder die Befriedigung einer ernsten Thätigkeit, noch den Schmerz eines wahren Leidens, noch auch den Triumph einer siegenden Ueberzeugungstreue kennen lernen. Indem wir in uns die Fehler aller Altersstufen vereinigen, nehmen wir zugleich einem jedem dieser Fehler seine gute, versöhnende Seite; wir sind dumm wie die Kinder, aber wir sind nicht aufrichtig wie sie; wir sind kaltblütig wie die Greise, aber ihre Besonnenheit fehlt uns. . . Dafür aber sind wir Psychologen! O ja, wir sind große Psychologen. Unsere Psychologie verirrt sich nur leider allzuoft in die Pathologie; ach über unsere Psychologie! – Dieses raffinirte Studium der Gesetze eines kranken Seelenzustandes und einer kranken Geistesentwickelung, womit gesunde Menschen sich gar nicht zu befassen pflegen . . . Die Hauptsache aber ist, daß wir nie jung sind, selbst nicht in der Jugend.

Und dennoch – warum sich selbst verleumden? Als ob nicht auch wir einst jung gewesen wären! als ob nicht auch in uns die Kraft des Lebens pulsirt, gebraust, gelodert hättet O ja, auch wir waren in Arkadien geboren, auch wir haben aus jenen lichten Auen gewandelt! . . . Sind Sie beim Durchstreifen eines Gebüsches jemals auf jene dunkelfarbigen Grillen gestoßen, die, unter Ihren Füßen hervorspringend und mit Geräusch ihre feuerrothen Flügel ausbreitend, einige Schritt weit fliegen, um alsbald wiederum in das Gras zurückzusinken? Ebenso hat auch unsere farblose Jugend zuweilen auf einige Augenblicke zu kurzem Fluge ihre bunten Schwingen entfaltet . . . Erinnern Sie sich unserer stummen Abendspaziergänge zu Vieren längs der Hecke Ihres Gartens nach irgend einem langen lebhaften, heißen Gespräche? Erinnern Sie sich jener glücklichen Stunden, da die Natur uns freundlich in ihren unermeßlichen Schooß aufnahm und wir uns mit ersterbenden Sinnen wie in eine Fluth von Wonnegefühl versenkten? Plötzlich erglühte die Abendröthe und hüllte Alles um uns her in die zarteste Purpurfarbe, und von dem schimmernden Himmel, von der magisch beleuchteten Erde – überall her wehte es uns an mit einem Hauche feurig-frischer Jugend, freudig-unsterblichen Glücks. Wie die Abendröthe am Himmel, so loderten still und leidenschaftlich unsere entzückten Herzen, und die kleinen Blätter der jungen Bäume zitterten leise und unruhig über uns, gleichsam wie ein Wiederhall des Gewoges von unklaren Gefühlen und Hoffnungen in unserer Brust. Erinnern Sie sich jener Reinheit, Güte und Gläubigkeit unserer Zukunftspläne, jenes rührenden Edelmuths unserer Hoffnungen, jener Schweigsamkeit unserer vollen Herzen – und sagen Sie selbst: waren wir damals nicht eines besseren Looses würdig als das ist, was uns seitdem zu Theil geworden? Weßhalb war es uns beschieden, nur zuweilen das ersehnte Ufer in der Ferne zu erblicken, niemals es zu betreten , niemals auf ihm zu rasten!

 
»Nicht Freudenthränen, gleich den Kindern Israels,
»Zu weinen an der Schwelle des gelobten Landes?
 

Diese beiden Verse von Fet rufen mir seine übrigen in‘s Gedächtniß. . . Erinnern Sie sich, wie wir einst , auf dem Wege stehend, ein Wölkchen rosenrothen Staubes in der Ferne erblickten , welches von einem leichten Windhauche gegen die untergehende Sonne emporgetragen wurde? »In fernhin wirbelnder Wolke«, begannen Sie, und wir verstummten sogleich und hörten zu:

 
»In fernhin wirbelnder Wolke
»Steigt auf der Staub vor mir.
»Ist‘s Wanderer oder Reiter,
»Der sich verhüllt in ihr?
»Doch siehe, auf flüchtigem Rosse
»Sprengt Jemand des Weges dahin . . .
»O Freund, mein Freund in der Ferne,
»Bleib‘ mein mit liebendem Sinn!«
 

Sie schwiegen . . . Wir fuhren Alle auf, als ob ein Hauch der Liebe unsere Herzen berührt hätte, und Jeder von uns – ich bin dessen gewiß – richtete unwillkürlich den Blick in die Ferne, in jene ungekannte Ferne, von der aus die Fata Morgana der Glückseligkeit aus dem Nebel erglänzt. Und doch, begreifen Sie diesen Widerspruch? Was hatten wir in der Ferne zu suchen? Waren wir denn nicht in einander verliebt? War denn das Glück uns nicht »so nah, so möglich?«1 Und weßhalb betraten wir das ersehnte Ufer nicht? – Weil die Lüge Hand in Hand mit uns ging, weil sie unsere besten Gefühle vergiftete, weil Alles in uns Kunst und Verstellung war, weil wir einander gar nicht liebten, uns nur zu lieben zwangen und einbildeten . . .

Doch genug, genug! Wozu alte Wunden aufreißen? Es ist ja doch Alles unwiederbringlich verloren. Was in unserer Vergangenheit Gutes war – die Erinnerung daran hat mich tief aufgeregt und mit dieser nehme ich heute Abschied von Ihnen. Es ist ohnehin Zeit, diesen langen Brief zu schließen. Ich will gehen, die Maienluft einathmen, die man hier zu Lande wie einen, die Trockenheit und Strenge des Winters durchbrechenden, feuchtwarmen Hauch des Frühlings empfindet. Leben Sie wohl!

Ihr A. S.

VII.
Maria Alexandrowna an Alexei Petrowitsch

Dorf . . . , den 20. Mai 1840.

Ihren Brief, Alexei Petrowitsch, habe ich erhalten, und wissen Sie, welches Gefühl er in mir erregte? – Unwillen! . . . ja! geradezu Unwillen! . . . und ich will Ihnen auch gleich erklären, weßhalb eben dieses Gefühl. Nur Eines ist schade dabei: ich bin nicht geübt in der Feder, habe selten geschrieben und verstehe es nicht, meine Gedanken treffend und in wenig Worten auszudrücken. Sie werden aber, hoffe ich, mir dabei zu Hilfe kommen. Sie werden mich zu verstehen suchen, wenn auch nur, um zu erfahren, weßhalb ich Ihnen zürne.

Sagen Sie mir – Sie sind ja ein verständiger Mann – haben Sie sich jemals gefragt, was eine russische Frau ist, welches ihr Schicksal, ihres Stellung in der Welt – mit einem Worte, welches ihr Leben ist? Ich weiß nicht, ob Sie Zeit gehabt haben, sich diese Frage vorzulegen, und kann mir nicht vorstellen, wie Sie sie beantwortet haben mögen . . . Vielleicht wäre ich im Stande, Ihnen mündlich meine Gedanken darüber mitzutheilen, auf dem Papiere aber werde ich es kaum vermögen. Doch, gleichviel! Sie werden mir gewiß zugeben, daß wir Frauen, wenigstens diejenigen unter uns, welche nicht in die alltäglichen Sorgen des häuslichen Lebens aufgehen, ihre allendliche Bildung von Ihnen – den Männern – erhalten; Sie üben einen starken, mächtigen Einfluß auf uns. Was aber machen Sie aus uns? Ich spreche zunächst von den jungen Mädchen, namentlich von denjenigen, welche, wie ich, in ländlicher Abgeschiedenheit leben, und deren giebt es viele in Rußland. Ja, die Andern kenne ich überhaupt nicht und kann daher über sie nicht urtheilen. Stellen Sie sich ein solches Mädchen vor; seine Erziehung ist vollendet, es beginnt zu leben, sich zu amüsiren; das Vergnügen allein aber genügt ihm nicht, es verlangt mehr vom Leben; es liest, phantasirt . . . über die Liebe – immer nur über die Liebe allein, werden Sie sagen . . . Angenommen, dem sei so . . . Dieses Wort hat aber für die Jungfrau eine große Bedeutung. (Ich wiederhole, daß ich nicht von einer solchen spreche, die überhaupt zum Denken faul oder unfähig ist.) Sie blickt verlangend in‘s Leben hinein, auf ihn harrend, nach dem ihre Seele sich sehnt . . . endlich erscheint er, sie ist ganz Hingebung, sie ist in seinen Händen wie weiches Wachs. Alles – Glück, Liebe und Gedanke – Alles stellt sich mit ihm zugleich ein; alle Bangigkeit ist dahin, alle Zweifel sind durch ihn gehoben; aus seinem Munde scheint die Wahrheit selbst zu reden. Sie empfindet Ehrfurcht vor ihm, schämt sich ihres Glückes, lernt von ihm, liebt ihn. Seine Macht über sie ist grenzenlos! . . . Wäre er ein Held, er könnte sie zur Begeisterung entflammen , er könnte sie bereden , sich selbst zu opfern, und jedes Opfer würde sie freudig bringen! Aber unsere Zeit bringt keine Helden hervor . . . Dennoch aber lenkt er sie, wohin es ihm gefällt; sie hat Interesse nur für das, was ihn beschäftigt, jedes seiner Worte trifft ihre Seele; sie weiß ja noch nicht, wie nichtig, leer und falsch ein Wort sein kann, wie wenig es Demjenigen kostet, der es ausspricht, und wie geringen Glauben es verdient. Nach diesen ersten Stunden von Glückseligkeit und Hoffnung folgt nur zu häufig in Folge der Verhältnisse (die Verhältnisse tragen immer die Schuld) – die Trennung. Es soll Beispiele gegeben haben, daß zwei verwandte Seelen, nachdem sie sich gefunden, sich sogleich unzertrennlich mit einander verbanden; daraus soll aber auch nicht immer Glück erwachsen sein . . . so hörte ich, indeß – was ich nicht selbst erlebt habe, darüber rede ich nicht. Daß aber die kleinlichste Berechnung und das glühendste Entzücken vereint in einem jungen Herzen leben können – das habe ich leider selbst erfahren. – Also, sagte ich, es erfolgt eine Trennung. . . Glücklich dann das Mädchen, welches sogleich erfährt, daß Alles vorbei ist, das sich nicht in Träumen der Erwartung wiegt! Aber Ihr, starke, gerechte Männer, Ihr habt in der Regel nicht das Herz, ja , nicht einmal den Wunsch , uns die Wahrheit zu sagen . . . Euch ist es bequemer, uns zu betrügen . . . obgleich ich allenfalls auch glauben will, daß Ihr zugleich mit uns Euch selbst beträgt . . . Also eine Trennung! Diese zu ertragen, kann schwer oder auch leicht sein. Wäre der Glaube an ihn, den man liebt, fest und unerschütterlich, so würde die Seele den Schmerz der Trennung bewältigen . . . ja, ich möchte sagen: erst jetzt, in ihrer Verlassenheit, würde sie die Wonne der Einsamkeit erkennen, einer Einsamkeit, aus deren Schooß Erinnerungen und Gedanken emporsteigen; erst jetzt würde sie sich selbst erkennen, sich sammeln, erstarken . . . in den Briefen des fernen Freundes eine Stütze finden, in den eigenen, vielleicht zum ersten Male, sich ganz aussprechen . . . Wie aber zwei Menschen, welche von der Quelle eines Flusses an den verschiedenen Ufern desselben fortschreiten, sich anfangs noch die Hand entgegenstrecken, dann sich nur noch mit der Stimme erreichen können und sich endlich ganz aus den Augen verlieren, so werden auch zwei Wesen oft durch die Trennung ganz von einander gerissen. Sie werden mir einwenden: Was weiter! es war eben nicht ihre Bestimmung, zusammen zu gehen. . . Ja! für den Mann ist es ein Leichtes, ein neues Leben zu beginnen, die ganze Vergangenheit von sich abzuschütteln, die Frau kann das nicht. Nein, sie vermag nicht ihr ganzes vergangenes Leben von sich zu werfen, sich nicht von der Scholle, auf der sie Wurzel faßte, loszureißen – nein, tausend Mal nein! Und welches ist das bejammernswerthe Ende dieses Drama‘s? Allmälig die Hoffnung und den Glauben an sich selbst verlierend – wie schwer das aber ist, können Sie nicht ermessen – vergeht und welkt sie einsam dahin, sich nur noch krampfhaft an ihre Erinnerungen anklammernd und sich von Allem, was die Gegenwart ihr bietet, abwendend . . . Und er? . . . Sehet doch zu, wohin er unterdeß gerathen ist! Hielt er es wohl der Mühe werth, auch nur einmal stehen zu bleiben und einen Blick rückwärts zu thun? Was hinter ihm liegt, ist für ihn abgethan!i Bisweilen zwar regt sich in ihm plötzlich der Wunsch, dem früheren Gegenstande seiner Liebe wieder zu begegnen, er sucht ihn vielleicht gar absichtlich auf . . . Aber, mein Gott, aus welch‘ kleinlichen Motiven! Aus seinem höflichen Mitleiden, aus seinen angeblich freundschaftlichen Rathschlägen, aus seiner herablassenden Erklärung des Vergangenen hört man immer nur das Bewußtsein seiner Ueberlegenheit heraus. Es ist ihm so angenehm und erfreulich, sich jeden Augenblick selbst einzugestehen, wie klug und gut er sei! Und wie wenig begreift er, was er gethan! Wie meisterhaft versteht er es, nicht zu begreifen, was in dem Herzen der Frau vorgeht, und in wie beleidigender Weise bemitleidet er sie, wenn er es begreift. . . Woher nun soll sie die Kraft nehmen, das Alles zu er tragen? Bedenken Sie noch, daß ein Mädchen, bei dem sich zu ihrem Unglück die Gedanken im Kopf zu regen beginnen, wenn es anfängt zu lieben und dem Einflusse eines Mannes unterliegt, sich meistens unwillkürlich seiner Familie, seinen Bekannten entfremdet. Zwar fand es auch früher in dem Zusammensein mit ihnen keine volle Befriedigung, aber es lebte in gewohntem Geleise fort und verbarg in seiner Seele alle seine unantastbaren Geheimnisse. Nun aber wird der Bruch bemerkbar . . . Sie hören auf, die Jungfrau zu verstehen und sind bereit, alle ihre Handlungen zu beargwöhnen. Anfänglich wird sie davon gar nicht berührt, später aber, später, wenn sie wieder allein dasteht, wenn das, was sie erstrebt und wofür sie Alles geopfert hat, wenn ihr ganzer Himmel ihr verloren und alles Nahe, fast schon Erreichte in weite Ferne entrückt ist, – was bleibt ihr dann noch, woran sie sich aufrecht erhalten könnte? – Spott, Anspielungen, den faden Triumph eines groben, sogenannten gesunden Menschenverstandes erträgt sie allenfalls noch . . . was soll sie aber anfangen, wohin ihre Zuflucht nehmen, wenn die eigene innere Stimme ihr zuzuflüstern beginnt, daß jene Alle Recht hatten, daß sie allein sich geirrt, daß ein Leben in der Wirklichkeit, es sei, wie es wolle, immer noch besser ist, als eine Welt der Phantasie, wie Gesundheit besser als Krankheit . . . wenn die Lieblingsbeschäftigungen, die Lieblingsbücher sie anwidern, Bücher, aus denen sich, kein Glück herauslesen läßt – was, glauben Sie, was kann sie dann noch aufrecht erhalten? Wie soll man in einem solchem Kampfe nicht unterliegen? wie leben und zu leben fortfahren in solcher Oede? Sich besiegt geben und wie ein Bettler den Fremden, Gleichgültigen die Hand entgegenstrecken, flehend, daß wenigstens sie Einem diejenige Theilnahme schenken möchten, welche entbehren zu können das stolze Herz sich einstmals einbildete . . . Das« Alles ließe sich noch ertragen, aber sich selbst lächerlich finden in demselben Augenblick, in welchem man heiße, heiße Thränen vergießt. . . ach, davor bewahre Gott Jeden! . . . Meine Hände zittern und ich fiebere. . . mein Gesicht glüht. . . Es ist Zeit zu schließen . . . Ich sende diesen Brief so schnell als möglich ab, so lange ich mich meiner Schwachheit noch nicht schäme. Aber um Gottes Willen, in Ihrer Antwort nicht ein Wort, hören Sie, nicht ein Wort des Mitleids, sonst schreibe ich Ihnen nie wieder. Verstehen Sie mich: ich möchte nicht, daß Sie diesen Brief für den Erguß einer unverstandenen Seele hielten, welche sich beklagt . . . Ach! mir ist Alles gleicht Leben Sie wohl.

M.

VIII.
Alexei Petrowitsch an Maria Alexandrowna

St. Petersburg, den 28. Mai 1840.

Maria Alexandrowna, Sie sind ein herrliches Wesen. . . Sie . . . Ihr Brief hat mir endlich die Wahrheit entdeckt! Mein Gott! was ist das für eine Oual! Der Mensch glaubt oft, daß er es nun endlich zur vollkommenen Wahrhaftigkeit gebracht habe, keine falsche Rolle spiele, sich nicht brüste, nicht lüge . . . bei näherer Betrachtung ist er aber fast noch schlechter als früher geworden. Und leider gelangt er, so lange er mit sich allein zu Rathe geht, niemals zu dieser Erkenntniß, so viel Mühe er sich auch geben mag; sein Auge steht nicht die eigenen Mängel, wie das abgestumpfte Auge des Setzers nicht die Druckfehler sieht; da ist ein anderes, frisches Auge nöthig. Ich danke Ihnen, Maria Alexandrowna . . . Sie sehen, ich rede zu Ihnen von mir; von Ihnen zu reden, wage ich nicht . . . Ach, wie lächerlich erscheint mir jetzt mein letzter, so schönrednerischer und gefühlvoller Brief! Setzen Sie Ihre Beichte fort, ich bitte Sie dringend; mir scheint es, daß sie Ihr Herz erleichtern und auch mir Nutzen bringen wird. Das Sprichwort sagt nicht umsonst: »eines Weibes Verstand ist besser, als vieler Männer Rath,« und dieses gilt wahrlich noch weit mehr von dem Herzen des Weibes! Wenn die Frauen wüßten, um wie viel besser, großmüthiger und klüger – namentlich auch klüger – sie sind, als die Männer, sie würden hochmüthig und schlecht werden; aber sie wissen es zum Glück nicht, sie wissen es nicht, weil ihre Gedanken sich nicht daran gewöhnt haben, sich immer in sich selbst zu spiegeln, wie bei uns; sie denken wenig an sich selbst, – das ist ihre Schwäche und ihre Stärke zugleich. Darin liegt das ganze Geheimniß – ich sage nicht unserer Ueberlegenheit, aber unserer Macht. Sie verschenken ihre Seele wie ein freigebiger Erbe das väterliche Gold, und wir nehmen von jeder Kleinigkeit noch Procente . . . Wie sollten Sie den Proceß gegen uns gewinnen können ? . . . Dies Alles sind nicht Complimente, sondern ungeschminkte, auf Erfahrung gegründete Wahrheiten. Ich bitte Sie wiederholt, Maria Alexandrowna, fahren Sie fort, mir zu schreiben . . . Wenn Sie Alles wüßten, was mir das Herz bewegt . . . Ich will aber jetzt nicht reden, ich will Sie hören . . . Meine Zeit zu reden« wird auch schon kommen. Schreiben Sie, schreiben Sie.

Ihr ergebener

A. S. . .

IX.
Maria Alexandrowna an Alexei Petrowitsch

Dorf . . ., den 12. Juni 1840.

Kaum hatte ich meinen letzten Brief an Sie abgeschickt, Alexei Petrowitsch, als ich es auch schon bereute, aber es war nicht mehr zu ändern. Eines beruhigte mich einigermaßen: Ich bin versichert, daß Sie begriffen haben, unter dem Eindrucke welcher längst erstickter Gefühle er geschrieben war, und mich entschuldigen. Ich habe nicht einmal durchgelesen, was ich Ihnen geschrieben; ich erinnere mich aber, daß mein Herz heftig klopfte, daß die Feder in meiner Hand zitterte. Uebrigens bin ich keineswegs gesonnen, weder meine Worte, noch die Gefühle, die ich Ihnen, wie ich es verstand, mittheilte, zu widerrufen, obgleich ich mich, wenn ich mir Zeit zum Nachdenken genommen hätte, wahrscheinlich anders ausgedrückt haben würde. Heute bin ich ruhiger und habe mich weit mehr in meiner Gewalt . . .

Wenn ich mich recht erinnere, so sprach ich am Schluß meines Briefes von der drückenden Lage eines Mädchens, das sich einsam sogar unter den Seinigen fühlt . . . Ich werde mich nicht weiter darüber auslassen, sondern Ihnen lieber das Eine oder Andere über meine Person mittheilen, und hoffe, Sie auf diese Weise weniger zu langweilen.

Zuerst müssen Sie wissen, daß man mich in der ganzen Umgegend nur »die Philosophin« nennt, besonders die Damen beehren mich mit diesem Titel. Einige behaupten, daß ich mit einem lateinischen Buche in der Hand und einer Brille auf der Nase schlafe; Andere, daß ich eine sogenannte Kubikwurzel auszuziehen verstehe; keine unter ihnen zweifelt daran, daß ich im Geheimen Männerkleider trage und statt »guten Tag« aus Zerstreutheit »George Sand« sage! – und die Abneigung gegen »die Philosophien« wächst von Tage zu Tage. Wir haben einen Nachbar, einen Menschen von ungefähr fünfundvierzig Jahren, einen großen Witzbold – wenigstens gilt er für einen solchen – für den ist meine arme Person ein unerschöpflicher Gegenstand des Spottes. Er erzählt von mir, daß ich, sobald der Mond am Himmel aufgehe, nicht das Auge von ihm wende könne, und macht es vor, wie ich ihn ansehen soll ; daß ich sogar Kaffee nicht mit Rahm, sondern mit Mondschein trinke, das heißt, daß ich die Tasse in das Mondlicht stelle. Er schwört hoch – und theuer, daß ich Phrasen gebrauche, wie z. B.: »das ist leicht, weil es schwer ist, obgleich es von der anderen Seite grade deßwegen schwer ist, weil es leicht ist . . . « Er versichert, daß ich immer ein gewisses Wort suche, immer strebe »dahin »und mit komischem Eifer fragt er: »wohin? – dahin? wohin?« Er hat ebenfalls das Gerücht über mich verbreitet, daß ich Nachts am Flusse auf und ab reite und dabei eine Schubert'sche Serenade singe, oder nur: »Beethoven, Beethoven« stöhne. So eine heißblütige alte Jungfer sei ich nun einmal, und dergleichen mehr. Natürlich kommt mir das bald zu Ohren. Das wundert Sie vielleicht, aber vergessen Sie nicht, daß vier Jahre seit Ihrer Anwesenheit in dieser Gegend verflossen sind. Erinnern Sie sich, wie uns Alle damals scheel ansahen . . . Jetzt kommt die Reihe an sie. Und das Alles ist noch Nichts. Ich höre zuweilen Worte, die viel schmerzlicher das Herz treffen. Ich will nicht davon sprechen, daß meine arme, gute Mutter mir niemals die Gleichgültigkeit Ihres Vetters verzeihen kann, aber mein ganzes Leben ist, wie meine Amme, sich ausdrückt, ein wahres Spießruthenlaufen. Beständig muß ich hören: »Freilich, wie könnten wir uns zu Dir erheben? wir sind einfache Leute und handeln nur nach unserem gesunden Menschenverstande; am Ende aber ist es auch noch die Frage, was Dir alle Deine Grübeleien, Bücher und Bekanntschaften mit Gelehrten genützt haben!« Sie erinnern sich vielleicht meiner Schwester, nicht derjenigen, die Ihnen einst nicht gleichgültig war, sondern der anderen, älteren und verheiratheten; ihr Mann wie sie sich erinnern werden, zwar ein einfacher, ziemlich harmloser Mensch, über den Sie sich früher häufig lustig gemacht haben, aber sie ist glücklich, Mutter, liebt ihren Mann und der Mann sie über Alles . . . »Ich bin wie alle Anderen,« sagt sie mir zuweilen, »aber Du?« Und sie hat Recht, ich beneide sie . . .

Aber dennoch, ich fühle es, möchte ich nicht mit ihr tauschen. Mag man mich eine Philosophin, einen Sonderling, oder wie man will, nennen – ich bleibe bis zuletzt treu . . . wem? – einem Ideale – warum nicht?

Ja, einem Ideale. Ja, ich bleibe bis zuletzt Dem treu, wofür mein Herz zum ersten Male zu schlagen angefangen hat, – Dem, was ich für wahr und gut erkannt habe und erkenne . . . Wenn nur meine Kräfte mir nicht untreu werden, wenn nur mein Abgott sich nicht als ein lebloses und stummes Idol erweist . . .

Wenn Sie wirklich Freundschaft für mich fühlen, wenn Sie mich wirklich nicht vergessen haben, so müssen Sie mir helfen, Sie müssen meine Zweifel zerstreuen, meinen Glauben stärken . . .

Im Grunde aber, welche Hilfe könnten Sie mir leisten? »Alles das sind Narrenspossen, ist dummes Zeug, – sagte mir gestern mein Onkel – Sie kennen ihn, glaube ich, nicht – ein sehr gescheidter Seeofficier außer Diensten – »ein Mann, Kinder, ein Topf mit Kohlsuppe; den Mann und die Kinder pflegen und auf den Topf achten – das ist es, was einer Frau Noth thut« . . . Sagen Sie, hat er Recht?«

Wenn er wirklich Recht haben sollte, so kann ich noch das Vergangene gut machen, kann noch in das allgemeine Geleise kommen. Worauf soll ich noch warten? was hoffen? In einem Ihrer Briefe sagten Sie etwas von den Flügeln der Jugend. Wie häufig, wie lange sind sie gefesselt! Dann aber kommt die Zeit, wo sie abfallen und man sich nicht mehr über die Erde erheben und dem Himmel zufliegen kann. Schreiben Sie mir.

Ihre M.

X.
Alexei Petrowitsch an Maria Alexandrowna

St. Petersburg, den 19. Juni 1840.

Ich beeile mich, liebe Maria Alexandrowna, Ihnen auf Ihren Brief zu antworten. Ich gestehe Ihnen, daß wenn mich nicht . . . ich sage nicht Geschäfte – deren habe ich nicht – wenn mich nicht eine dumme Gewohnheit an diesen Ort fesselte, ich zu Ihnen reisen und mich nach Herzenslust mit Ihnen aussprechen würde, aus dem Papiere kommt Alles so kalt und todt heraus . . .

Maria Alexandrowna, ich wiederhole Ihnen, die Frauen sind besser als die Männer, und Sie müssen das durch die That beweisen. Mag unser einer seine Ueberzeugung ein abgetragenes Kleidungsstück von sich werfen, mag er sie gegen ein Stück Brod austauschen oder sie in ewigen Schlaf wiegen und darüber, wie über einst geliebten Todten, einen Grabstein sehen, zu dem er nur selten beten geht – mag unser einer das Alles thun, Ihr aber, Ihr Frauen, werdet Euch selbst, werdet Eurem Ideale nicht untreu . . . Dieses Wort »Ideal« ist nachgerade zum Spott geworden; aber den Spott fürchten, heißt die Wahrheit nicht lieben. Es kommt oft vor, daß der alberne Spott eines Dummkopfes selbst gute Menschen von Vielem zurückhält . . . wenn auch nur z. B. von der Vertheidigug eines abwesenden Freundes . . . ich selbst muß mich dessen schuldig bekennen. Aber, ich wiederhole es, Ihr Frauen seid besser als wir . . . In Kleinigkeiten ergeht Ihr Euch schneller, aber dem Teufel in‘s Auge zu schauen, versteht Ihr besser als wir. Ich will Ihnen weder Rath noch Hilfe ertheilen – wo sollte ich sie hernehmen! Sie bedürfen Ihrer auch gar nicht; ich reiche Ihnen aber die Hand und rufe Ihnen zu: Dulden Sie, kämpfen Sie bis zuletzt und bedenken Sie, daß das Gefühl, das Bewußtsein eines ehrenwerth bestandenen Kampfes fast höher steht, als der Triumph des Sieges . . . Der Sieg hängt nicht von uns ab.

Ihr Onkel hat von einem gewissen Gesichtspunkte aus unbedingt Recht; das Familienleben ist das Eine und Alles der Frau« für sie gibt es kein anderes Leben. Was beweist aber das? Nur die Jesuiten behaupten, daß Idee Zweck die Mittel heilige, und das ist nicht wahr! das ist nicht wahr! Es ist unwürdig, mit staubbedeckten Füßen einen reinen Tempel zu betreten. – Am Schlusse Ihres Briefes befindet sich ein Ausspruch, der mir nicht gefällt: Sie wollen in das allgemeine Geleise gerathen; sehen Sie sich vor, daß Sie nicht fehl treten! Vergessen Sie dabei nicht, daß das Vergangene sich nicht spurlos verwischen läßt, und daß Sie, so sehr Sie sich auch bemühen und zwingen, niemals so werden können wie Ihre Schwester. Sie haben sich zu einem höhern Standpunkt als sie aufgeschwungen, aber Ihre Seele ist verwundet, sie hat einen Riß bekommen, die Ihrer Schwester ist ganz. Sie können zu ihr hinabsteigen, sich zu ihr niederbeugen, aber die Natur fordert stets ihr Recht und eine wunde Stelle verwächst nicht spurlos . . . Sie fürchten sich – wollen wir ohne Umschweife reden – Sie fürchten sich, eine alte Jungfer zu werden. Ich weiß, Sie sind schon sechs und zwanzig Jahr alt. In der That ist die Lage einer alten Jungfer nicht zu beneiden. Alle belächeln sie so gern, Alle bemerken in oft so wenig rücksichtsvoller Weise ihre Eigenthümlichkeiten und Schwächen; betrachtet man aber einen schon alternden Junggesellen näher, so verdient auch er es, daß man mit dem Finger auf ihn weise; auch an ihm könnte man den reichlichsten Stoff zum Lachen finden. Was ist dabei zu machen? Das Glück erobert man nicht im Sturm. Nie aber sollte man vergessen, daß nicht das Glück, sondern die sittliche Würde – das Hauptziel des Lebens ist.

Sie beschreiben Ihre Lage mit sehr viel Humor. Ich begreife sehr gut die ganze Bitterkeit derselben; man könnte sie beinahe eine tragische nennen. Aber, glauben Sie mir, Sie befinden sich nicht allein in einer solchen, es giebt fast keinen jetzt lebenden Menschen, der nicht ebenso gebettet wäre. Zwar werden Sie sagen, daß darum diese Lage Ihnen nicht leichter zu tragen sei, ich aber denke, daß es denn doch ein ganz anderes Ding ist, mit Tausenden zusammen, als allein zu leiden. Hier handelt es sich nicht um den Egoismus der Einzelnen, sondern um das Gefühl der allgemeinen Nothwendigkeit.

Das Alles ist sehr schön – sagen Sie vielleicht – aber in der Wirklichkeit nicht anwendbar. Warum aber nicht? Ich denke bis jetzt und werde hoffentlich nie aufhören, so zu denken, daß in Gottes Welt alles Ehrenhafte, Gute und Wahre anwendbar ist und früher oder später verwirklicht werden wird, und nicht nur erst wird, sondern sich schon täglich verwirklicht. Bleibe nur Jeder fest auf seinem Posten, verliere er nicht die Geduld und verlange er nicht das Unmögliche, sondern thue, was seine Kräfte zu thun vermögen. Ich sehe übrigens, daß ich weit von der Sache abschweife. Ich verspare die Fortsetzung meiner Betrachtungen auf einen anderen Brief, will aber nicht die Feder niederlegen, ohne Ihnen herzlich, herzlich die Hand zu drücken und Ihnen von ganzer Seele hinieden alles Gute zu wünschen.

Ihr A. S. . .

PS. A propos! Sie sagen, daß Sie Nichts mehr zu erwarten, auf Nichts mehr zu hoffen haben; erlauben Sie mir die Frage, woher Sie das wissen?

XI.
Maria Alexandrowna an Alexei Petrowitsch

Dorf . . ., den 30. Juni 1840.

Wie bin ich Ihnen dankbar« Alexei Petrowitsch« für Ihren Brief, wie großen Nutzen hat er mir gebracht! Ich sehe, Sie sind wirklich ein guter und zuverlässiger Mensch, und daher werde ich Ihnen Nichts verschweigen. Ich glaube Ihnen! Ich weiß, daß Sie meine Offenherzigkeit nicht mißbrauchen und mir freundschaftlichen Rath ertheilen werden. So hören Sie denn. Ich habe am Schlusse meines letzten Briefes einen Ausspruch gethan, der Ihnen nicht ganz gefallen hat; was mich dazu veranlaßte, will ich Ihnen heute mittheilen: Wir haben einen Nachbar . . . zur Zeit Ihres hiesigen Aufenthalts war er noch nicht da, und daher haben Sie ihn auch nicht gesehen. Er . . . ich würde ihn heirathen können, wenn ich wollte . . . er ist ein noch junger, gebildeter, wohlhabender Mann. Von Seiten meiner Verwandten stehen einer Verbindung mit ihm keine Hindernisse entgegen; im Gegentheil, sie wünschen dieselbe, wie ich bestimmt weiß, er hat ein angenehmes Aeußere und liebt mich, glaube ich . . . aber er ist so träge, so flach und alle seine Wünsche sind so beschränkt, daß ich nothwendigerweise meine Ueberlegenheit ihm gegenüber fühlen muß; er merkt das und freut sich gewissermaßen darüber, und eben dieses ist es, was mich von ihm zurückstößt; ich kann ihn trotz seines vortrefflichen Herzens nicht achten. Was soll ich beginnen, rathen Sie mir. Denken Sie für mich darüber nach und schreiben Sie mir aufrichtig Ihre Meinung. Wie dankbar bin ich Ihnen für Ihren Brief! . . . Glauben Sie mir, zuweilen bemächtigen sich meiner so trübe Gedanken . . . ja, es war so weit mit mir gekommen, daß ich mich fast jedes . . . ich sage nicht beseligenden, jedes vertraueusvollen Gefühls schämte, daß ich voll Verdruß ein Buch zerschlug, wenn in ihm von Glück und Hoffnung die Rede war; daß ich mich von dem wolkenlosen Himmel, von dem frischen Grün der Bäume, von Allem, was sich freute und lächelte, abwandte. Was war das für ein drückender Zustand! Ich sage: war . . . wie wenn er vergangen seil

Ob er vergangen ist? . . . Ich weiß es nicht; das weiß ich aber, daß, wenn er nicht wiederkehrt, ich es Ihnen verdanke. Sehen Sie, Alexei Petrowitsch, wieviel Gutes Sie gethan haben, ohne es vielleicht selbst zu ahnen! – A propos, wissen Sie, daß ich Sie sehr bedauere? Jetzt ist gerade die herrlichste Zeit des Sommers, wir haben wunderschöne Tage, blauen, klaren Himmel . . . Der Himmel Italiens kann nicht schöner sein, und Sie sitzen in der schwülen und staubigen Stadt und gehen auf dem brennenden Steinpflaster einher. Wie kann Ihnen das Vergnügen machen? Wenigstens sollten Sie doch eine Villa beziehen; hinter Peterhof, am Meeresstrande, soll es ja reizende Landhäuser geben!

Ich würde Ihnen gern noch mehr schreiben, aber ich kann nicht; aus dem Garten dringen so wundervolle Düfte herein, daß es mich im Zimmer nicht länger leidet. Ich setze den Hut auf und gehe spazieren . . . Nächstens mehr, guter Alexei Petrowitsch.

Ihre ergebene M. B.

PS. Ich habe vergessen Ihnen zusagen denken Sie sich, der Witzbold, von dem ich Ihnen letztens schrieb, hat mir – stellen Sie sich‘s vor – vor einigen Tagen seine Liebe erklärt, und zwar in den feurigsten Ausdrücken. Ich glaubte anfangs, daß er sich über mich lustig machen wolle, aber er endigte mit einem förmlichen Antrage – und das nach all seinen Verläumdungen. Aber er ist jedenfalls viel zu alt. Gestern setzte ich mich Nachts, ihm zum Aerger, vor dem offenen Fenster an‘s Klavier und spielte beim Scheine des Mondes eine Sonate von Beethoven. Wie war es so erquickend, des Mondes kaltes Licht auf meinem Antlitz zu fühlen, so wohlthuend die aromatische Nachtluft mit den herrlichen Klängen der Musik zu erfüllen, die von Zeit zu Zeit vom Schlagen der Nachtigall übertönt wurden! Ich bin lange nicht so glücklich gewesen. Schreiben Sie mir indessen, worüber ich Sie im Anfange dieses Briefes zu schreiben gebeten habe, das ist sehr wichtig. —

XII.
Alexei Petrowitsch an Maria Alexandrowna

St. Petersburg, den 8. Juli 1840.

Liebe Maria Alexandrowna, hier meine Meinung in zwei Worten: sowohl den alten Junggesellen, als auch den jugendlichen Anbeter – Beide über Bord! Da ist Nichts zu überlegen. Weder der eine noch der andre ist Ihrer werth – das ist klar, wie zwei Mal zwei vier ist. Der junge Nachbar mag ein ganz guter Mensch sein, doch – Gott befohlen! Ich bin überzeugt, daß es zwischen ihm und Ihnen nichts Gemeinsames gibt, daher können Sie sich vorstellen, wie angenehm Ihnen das Zusammenleben mit ihm sein würde! Und wozu sich beeilen? Ist es möglich, daß eine Frau wie Sie – ich will keine Schmeicheleien sagen und führe daher das Thema nicht weiter aus – Keinen finden sollte, der sie zu schätzen versteht? Nein, Maria Alexandrowna, hören Sie auf mich, wenn Sie wirklich glauben, daß ich Ihr Freund bin und mein Rath von Nutzen für Sie ist. Gestehen Sie selbst, es würde Ihnen doch angenehm sein, den alten Verläumder zu Ihren Füßen zu sehen? . . . Ich würde ihn, an Ihrer Stelle, zwingen, die ganze Nacht hindurch die Adelaide von Beethoven zu singen und den Mond zu betrachten.

Uebrigens lassen wir sie, lassen wir Ihre Anbeter! Von etwas Anderem will ich Ihnen heute schreiben. Ich befinde mich nämlich in Folge eines gestern erhaltenen Briefes in einer eigenthümlichen, halb gereizten, halb erregten Stimmung. Ich sende Ihnen eine Abschrift desselben. Er ist von einem meiner ehemaligen Freunde und Collegen, einem guten, aber ziemlich beschränkten Menschen. Vor zwei Jahren reiste er in‘s Ausland und hatte mir bisher nicht ein einziges Mal geschrieben. Hier folgt sein Brief:

NB. Er ist ein sehr wohl aussehender Mann.

»Cher Alexis!

»Ich bin in Neapel und sitze in meinem Zimmer auf der Chiaja am Fenster. Das Wetter ist herrlich. Ich habe zuerst lange auf das Meer hinausgeschaut, darauf erfaßte mich eine Ungeduld und plötzlich kam mir der prächtige Gedanke, an Dich zu schreiben. Ich habe, weiß Gott, für Dich, lieber Freund, stets eine herzliche Zuneigung empfunden. Und jetzt trieb es mich, Dir mein Herz auszuschütten . . . so glaube ich, sagt man in Eurer erhabenen Sprache . . . Ungeduldig aber wurde ich, weil ich eine gewisse Dame erwarte. Wir wollen zusammen nach Bajä fahren, um dort Austern und Apfelsinen zu essen, anzusehen, wie die dunkelbraunen Hirten mit rothen Mützen die Tarantella tanzen, um uns in der Sonne wie Eidechsen braten zu lassen, mit einem Worte, um das Leben in vollen Zügen zu genießen. Lieber Freund, ich bin so glücklich, daß ich es gar nicht sagen kann. Wenn ich so geschickt mit der Feder umzugehen wüßte, wie Du – ach! welches Bild würde ich vor Deinen Augen entfalten! Aber zum Unglück bin ich, wie Du weißt, kein Schriftsteller. Diese Dame, welche ich erwarte und die mich schon länger als eine Stunde beständig emporfahren und nach der Thür blicken läßt, liebt mich. . . »Wie ich sie aber liebe – das, glaube ich, könntest selbst Du mit Deiner beredten Feder nicht beschreiben.

»Ich muß Dir sagen, daß ich sie schon vor drei Monaten kennen lernte, und daß vom ersten Tage unserer Bekanntschaft an meine Liebe immer brennende, wie eine chromatische Tonleiter höher und höher steigt und im gegenwärtigen Augenblicke sich schon bis über den siebenten Himmel emporgeschwungen hat. Ich scherze – aber in der That, meine Anhänglichkeit für dies süße Geschöpf ist etwas Ungewöhnliches, Uebernatürliches. Stelle Dir vor, ich spreche fast gar nicht mit ihr, sehe sie immer nur an und lache wie ein Narr. Ich setze mich zu ihren Füßen und fühle, daß ich furchtbar dumm und glücklich, wirklich unerlaubt glücklich bin. Zuweilen kommt es vor, daß sie mir die Hand auf-'s Haupt legt . . . Nun dann, ich sage Dir . . . aber das kannst Du nicht verstehn, Du bist eben ein Philosoph und zeitlebens ein Philosoph gewesen. Sie heißt Nina, auch Ninetta, und ist die Tochter eines hiesigen reichen Kaufmannes! Sie ist schön – was sind alle Deine Raphaels gegen sie, – rasch auflodernd wie Pulver, heiter, klug, so klug, daß es wirklich erstaunlich ist, wie sie sich in mich Dummkopf hat verlieben können; sie singt wie ein Vogel in den Zweigen, und die Augen —

»Entschuldige diesen unfreiwilligen Gedankenstrich. . . mir kam es vor, als ob die Thür knarrte . . . Nein, sie kommt noch nicht, die Unartiget Du wirst mich fragen, womit das Alles endigen soll, und was ich mit mir vorhabe und ob ich noch lange hier bleiben werde. Ich weiß das Alles nicht, Freund, und will es auch nicht wissen. Mag kommen, was da wolle . . . Ach! wer da immer wieder stehen bleiben und überlegen wollte . . .

»Sie kommt! . . . Sie läuft die Treppe heraus und singt . . . Sie ist da! Nun Freund, lebe wohl . . . jetzt habe ich keine Zeit mehr für Dich. Verzeih – sie hat den ganzen Brief bespritzt; mit einem feuchten Blumenstrauß schlug sie auf‘s Papier. Anfangs glaubte sie, daß ich an eine Dame schreibe, als sie aber erfuhr, daß es ein Freund sei, – ließ sie Dich grüßen und fragen, ob Ihr auch Blumen habt und ob sie duften? Nun, lebe wohl . . . Wenn Du gehört hättest, wie sie lachte . . . kein Silber hat einen solchen Klang; und welche Gutherzigkeit liegt in jedem Laut – ich möchte sogleich ihre Füßchen mit Küssen bedecken. Doch wir fahren, wir fahren! Lebe wohl! Sei nicht böse über mein abgeschmacktes Geschmier und beneide Deinen

M.

Der Brief war in der That ganz wasserfleckig und roch nach Orangenblüthen . . . zwei weiße Blumenblättchen klebten an dem Papier. Dieser Brief regte mich auf . . . ich dachte an meinen Aufenthalt in Neapel . . . Auch damals war das-Wetter herrlich, der Mai hatte eben begonnen; ich war vor Kurzem zweiundzwanzig Jahr alt geworden, kannte aber keine Ninetta. Ich strich allein umher und verging vor Durst nach Glückseligkeit, einem Durst, der zugleich quälend und süß, ja, so süß war, daß er fast der Glückseligkeit selbst glich . . . Was doch die Jugend macht! . . . Ich erinnere mich einer Nacht, in der ich auf dem Golf spazieren fuhr. Wir waren unser zwei, . . . der Bootsmann und ich . . . ja, der Bootsmann . . . Erwarteten Sie etwas Andres? Was das aber für eine Nacht war, was für ein Himmel, was für Sterne, wie sie auf den Wellen zitterten und strahlten, wie das Wasser gleich flüssigen Flammen wogte und unter den Ruderschlägen aufspritzte, welcher Wohlgeruch über das ganze Meer hinwehte – das Alles zu beschreiben, ist mir nicht möglich, so »beredt« auch meine Feder sein mag. Auf der Rhede lag ein französisches Linienschiff. Es glühte roth von den darauf brennenden Lichtern und in langen Streifen von rother Farbe lag der Wiederschein der erleuchteten Fenster fast regungslos auf dem dunkeln Meer. Der Capitain des Schiffes gab einen Ball. Eine heitere Musik drang in einzelnen Tonwellen bis zu mir; ich erinnere mich besonders des Trillers einer kleinen Flöte zwischen den dumpfen Tönen der Trompeten, dieser Triller schien mein Boot gleich einem Schmetterlinge zu umflattern. Ich ließ an's Schiff rudern und umfuhr es zwei Mal. Weibliche Gestalten flogen an den Fenstern vorüber, getragen vom wilden Wirbel des Walzers . . . Ich ließ den Bootsmann abstoßen, fort in die Ferne, in die tiefste Dunkelheit . . . Ich erinnere mich, daß mir die Töne noch lange und als ob sie von mir nicht lassen wollten, nachfolgten . . . endlich erstarben sie. Ich erhob mich im Boote und breitete im stummem Sehnsuchtsschmerze meine Arme über das Meer aus . . . O! wie mir damals weh um‘s Herz wurde! Wie meine Einsamkeit mir drückend war! Mit welcher Freude hätte ich mich ganz hingegeben, ganz, – ganz, wenn nur Jemand dagewesen wäre, dem ich mich hätte hingeben können. Mit welch bitterem Gefühl in der Seele warf ich mich mit dem Angesicht auf den Boden des Bootes! Ich wollte weiter . . . gleichviel wohin . . .

nur fort!

Mein Freund aber hat Nichts von alledem erfahren. Ja, wie sollte er auch? Er hat es viel klüger angefangen als ich. Er lebt . . . und ich . . . Er hat mich nicht umsonst einen Philosophen genannt . . . Merkwürdig! man nennt Sie auch eine Philosophin . . . Weßhalb hat sich ein solches Unglück über uns entladen? . . .

Ich lebe nicht . . . Aber wer ist daran schuld? Weßhalb sitze ich hier in Petersburg? was thue ich hier? wozu schlage ich hier einen Tag nach dem andern todt? warum fahre ich nicht auf das Land? Läßt sich‘s nicht auch in unsern russischen Steppen leben? Hat man nicht Raum und Luft genug in ihnen? Welcher Unsinn, leeren Phantasien nachzuhängen, wenn man vielleicht nach dem Glück nur die Hand auszustrecken braucht! Es ist entschieden! Ich fahre, fahre morgen, wenn es möglich ist; ich fahre zu mir nach Hause, daß heißt zu Ihnen – das ist ja dasselbe; wir wohnen ja nur zwanzig Werst von einander. Was soll ich in der That hier versauern! Wie ist mir dieser Gedanke doch nicht früher gekommen! Liebe Maria Alexandrowna, wir werden uns bald wiedersehen. Es ist wirklich unbegreiflich, daß mir dieser Gedanke bis hierzu nicht in den Sinn gekommen ist. Ich hätte schon längst fahren sollen. Auf Wiedersehen, Maria Alexandrowna!«

Den 9. Juli.

Ich habe mir absichtlich vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit gegeben und mich jetzt schließlich überzeugt, daß ich hier nicht bleiben kann. Der Staub auf den Straßen ist so, beißend, daß die Augen schmerzen. Heute fange ich an, einzupacken, übermorgen reife ich wahrscheinlich von hier ab und nach ungefähr zehn Tagen werde ich das Glück haben, Sie zu sehen. Ich hoffe, Sie werden mich ebenso freundlich empfangen wie früher.

A propos! Ihre Schwester ist noch immer bei Ihrer Tante zum Besuch, nicht wahr-? Maria Alexandrowna, erlauben Sie, daß ich Ihnen herzlich die Hand drücke und Ihnen von ganzer Seele zurufe: Auf baldiges Wiedersehen! Ich hatte ohnehin die Absicht, zu reisen, jener Brief aber beschleunigte deren Ausführung. Angenommen, daß er auch nichts beweist, ja, sogar angenommen, daß Ninetta einem Andern, mir zum Beispiel, nicht gefallen würde, ich reise dennoch, das steht jetzt unwiderruflich fest. Auf Wiedersehen!

Ihr A. S.

XIII.
Maria Alexandrowna an Alexei Petrowitsch

Dorf . . . , den 16. Juli 1840.

Sie kommen her, Alexei Petrowitsch, Sie werden bald bei uns sein – ist es wahr? Ich verhehle Ihnen nicht, daß mich diese Nachricht zugleich erfreut und beunruhigt. . . Wie werden wir uns wiedersehen? Wird dieses geistige Band, welches, wie mir scheint, sich schon zwischen uns gebildet hat, fortbestehen? Wird es nicht beim Wiedersehen zerreißen? Ich weiß nicht woher mir so beklommen zu Muth ist. Ich antworte Ihnen nicht auf Ihren letzten Brief, obgleich ich Ihnen viel sagen könnte; ich verschiebe das Alles bis auf unser Wiedersehn. Meine Mutter freut sich sehr auf Ihre Ankunft . . . Sie wußte, daß wir mit einander correspondiren. Das Wetter ist herrlich; wir werden viel spazieren gehen, ich werde Ihnen neue, von mir entdeckte Plätze zeigen . . . besonders schön ist ein enges, langes Thal; es liegt zwischen bewaldeten Hügeln, ja es versteckt sich gleichsam zwischen ihren Krümmungen. Ein kleiner Bach durchfließt es und kann sich kaum durch die dichten Gräser und Blumen hindurch winden . . . Doch Sie werden selbst sehen. Kommen Sie nur, vielleicht werden sie keine Langeweile empfinden.

M. B

PS. Meine Schwester werden Sie, denke ich, nicht sehen; sie bleibt noch bei der Tante. Ich glaube (aber das bleibt unter uns), daß sie einen sehr liebenswürdigen jungen Mann, einen Offizier, heirathen wird. Weshalb haben Sie mir diesen Brief aus Neapel geschickt? Das hiesige Leben erscheint trübe und arm im Vergleich zu jenem Reichthum und Glanze. Aber Modemoiselle Ninetta hat nicht Recht: Die Blumen wachsen und duften auch bei uns.

XIV.
Maria Alexandrowna an Alexei Petrowitsch

Dorf . . ., Januar 1841.

Ich habe Ihnen mehrere Male geschrieben, Alexei Petrowitsch . . . Sie haben mir nicht geantwortet. Leben Sie noch? Oder ist Ihnen vielleicht unser Briefwechsel schon langweilig geworden; vielleicht haben Sie auch eine, Ihnen mehr zusagende Zerstreuung gefunden, als die ist, welche Ihnen die Briefe eines Landfräuleins zu bieten vermögen. Sie haben sich gewiß auch meiner nur aus Langeweile erinnert. Sollte das der Fall sein, so wünsche ich Ihnen Glück. Wenn Sie mir auch jetzt nicht antworten, so werde ich Sie nicht weiter belästigen; mir bleibt dann Nichts übrig, als meine Unvorsichtigkeit zu bedauern, zu bedauern, daß ich mich unnützer Weise aus meiner Ruhe habe aufstören lassen, daß ich einem Andern die Hand entgegenstreckte und, wenn auch nur auf einen Augenblick, aus meiner Vereinsamung heraustrat. Ich darf sie nicht verlassen, muß mich hinter Schloß und Riegel halten – das ist mein Loos, das Loos aller alten Mädchen. An diesen Gedanken muß ich mich gewöhnen. Man darf nicht hinaustreten in die freie, schöne Gotteswelt, sich nicht nach frischer Luft sehnen, wenn die Brust sie nicht erträgt. Glücklicherweise sind wir jetzt hinter tiefen Schneehaufen eingesperrt! In Zukunft werde ich klüger sein . . . Vor Langeweile stirbt man nicht, vor Gram aber könnte man wohl umkommen. Wenn ich mich irren sollte – so beweisen Sie es mir. Mir scheint es aber, daß ich mich nicht irre. Jedenfalls leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen Glück.

M. B.

XV.
Alexei Petrowitsch an Maria Alexandrowna

Dresden, September 1842.

Ich schreibe Ihnen, liebe Maria Alexandrowna, ich schreibe Ihnen nur deshalb, weit ich nicht sterben will, ohne von Ihnen Abschied genommen, ohne mich Ihnen in‘s Gedächtniß zurückgerufen zu haben. Ich bin von den Aerzten aufgegeben . . . ja und ich fühle selbst, daß meine Stunden gezählt sind. Auf meinem Tische steht ein Rosenstorck; er wird noch nicht verblüht sein, wenn mit mir schon Alles vorbei sein wird. Uebrigens ist dieser Vergleich nicht ganz zutreffend, der Rosenstock ist viel interessanter, als ich!

Wie Sie sehen, bin ich im Auslande. Schon seit – sechs Monaten halte ich mich in Dresden auf. Ihre letzten Briefe erhielt ich – ich schäme mich, es zu gestehn – vor mehr als einem Jahre; einige von ihnen habe ich verloren, und auf keinen geantwortet – ich werde Ihnen gleich sagen warum. Aber, glauben Sie mir, Sie sind mir immer theuer geblieben; ich mag, außer von Ihnen, von Niemandem Abschied nehmen, vielleicht ist auch sonst Niemand da, bei dem ich es thun könnte.

Bald nach meinem letzten Briefe an Sie (ich hatte mich schon vollkommen zur Reise in Ihre Gegend gerüstet und im Voraus mancherlei Pläne geschmiedet) trat ein Ereigniß ein, das, ich muß es leider bekennen, von großem Einfluß auf mein Schicksal gewesen ist, ja von so großem, daß ich jetzt in Folge dessen sterbe. Ich begab mich nämlich in‘s Theater um ein Ballet zu sehen. Nie habe ich das Ballet geliebt, vielmehr stets gegen Alles, was Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen heißt, eine geheime Abneigung verspürt . . . Aber der Mensch entgeht seinem Schicksal nicht, Niemand kennt sich selbst und Keiner vermag in die Zukunft zu sehen! Immer nur das Unerwartete ereignet sich im Leben und während unserer ganzen Lebenszeit thun wir nichts Anderes, als uns den Thatsachen anpassen . . . Aber ich glaube, ich habe mich wieder in die Philosophie vertieft. Meine alte Gewohnheit! Mit einem Wort, ich verliebte mich in eine Tänzerin.

Das war um so unerklärlicher, als man sie eigentlich nicht eine Schönheit nennen konnte. Es ist wahr, sie hatte goldigschimmerndes, aschfarbenes Haar und große, helle Augen mit einem schwärmerischen und zugleich frechen Blick . . . Oh, wie ich den Ausdruck dieses Blickes kenne, der ich ein ganzes Jahr in seinen Strahlen schmolz und schmachtete!

Sie war herrlich gewachsen, und wenn sie ihren Nationaltanz tanzte, stampften und schrien die Zuschauer häufig vor Entzücken . . . Es scheint aber, daß außer mir, Niemand in sie verliebt war, wenigstens Niemand so sehr, wie ich. Von demselben Augenblicke an, da ich sie zum ersten Male sah – ( glauben Sie mir, ich brauche sogar noch jetzt nur die Augen zu schließen, und gleich steht vor mir das Theater, die fast leere Bühne, das Innere eines Waldes vorstellend, und sie kommt aus den Coulissen rechts hervor mit einem Rebenkranze auf dem Kopfe und einer Tigerhaut auf den Schultern) – von diesem verhängnißvollen Augenblicke an gehörte ich ihr ganz, wie ein Hund seinem Herrn gehört; und wenn ich nicht auch jetzt, noch sterbend, ihr gehöre, so ist es nur, weil sie mich von sich gestoßen hat.

In Wahrheit hat sie sich niemals besonders um mich gekümmert, sie hat mich kaum beachtet, obgleich sie sich höchst gutmüthigerweise meines Geldes bediente. Ich war für sie, wie sie sich in ihrem gebrochenen französischen Dialektik ausdrückte, »oun Rousse, bonn enfan« – und weiter Nichts. Aber ich . . . ich konnte nirgends mehr leben, wo sie nicht war ; ich riß mich mit einem Male von allem mir Theuren, selbst von der Heimath los und folgte diesem Weibe.

Sie glauben vielleicht, daß sie Verstand hatte? – Durchaus nicht! Man brauchte nur ihre niedrige Stirn anzusehen, nur ein Mal ihr nichtssagendes, träges Lachen zu hören, um sogleich von ihrer Geistesarmuth überzeugt zu sein. Auch habe ich mich darin nicht einen Augenblick getäuscht; das half aber zu Nichts! Wie gering ich von ihr dachte, so oft ich nicht bei ihr war, so empfand ich doch in ihrer Gegenwart nur die leidenschaftlichste Anbetung . . . In deutschen Mährchen verfallen die Ritter oft in eine ähnliche Erstarrung . . . Ich konnte meinen Blick nicht von den Zügen ihres Antlitzes abwenden, konnte mich nicht satt hören an ihrer Stimme, nicht genug jede ihrer Bewegungen bewundern und athmete erst wieder auf, wenn sie fort war. Im Uebrigen war sie gut, harmlos und natürlich, sogar allzu natürlich und ganz ohne die bei den meisten Künstlern gewöhnliche Affectation. In ihr war Leben, das heißt viel Blut, jenes edle, glühende Blut, wohinein die Sonne des Südens einen Theil ihrer Strahlen ergossen zu haben scheint. Sie schlief neun Stunden am Tage, hatte guten Appetit und las nie eine gedruckte Zeile, mit alleiniger Ausnahme der Journalartikel, in denen von ihr die Rede war. Vielleicht das einzige tiefere Gefühl in ihr war die Anhänglichkeit an il signore Carlino, einen kleinen habsüchtigen Italiener, der bei ihr die Stelle eines Secretairs bekleidete, und den sie später auch geheirathet hat. Und in ein solches Frauenzimmer habe ich geistiger Feinschmecker, nachdem ich schon so verschiedene höhere Genüsse durchgekostet, noch im fortgeschrittenem Alter mich verlieben können. . . Wer hätte das erwartet? Ich selbst am wenigsten! Ja, ich habe nicht erwartet, dereinst noch eine solche Rolle zu spielen, nicht geahnt, daß ich mich in den Proben umhertreiben, hinter den Coulissen frieren und mich langweilen, den Lampenruß der Bühne einathmen und die Bekanntschaft verschiedener, gar nicht respectabel aussehender Persönlichkeiten machen . . . was sage ich, ihre Bekanntschaft machen? – nein, mich mit ihnen befreunden würde; ich habe nicht geahnt, daß ich den Shawl einer Tänzerin tragen, ihr neue Handschuhe kaufen und die alten mit Weißbrod reinigen (wahrhaftig! auch das habe ich gethan!) ihre Bouquets nach Hause schleppen, ihretwegen die Vorzimmer der Journalisten und Direktoren belagern, mein Geld vergeuden, Serenaden bringen, mich erkälten und mir jene Krankheit zuziehen würde . . . Ich habe mir nicht träumen lassen, daß ich schließlich in einem kleinen deutschen Städtchen den Spitznamen: »Kunst-Barbar« erhalten würde . . . »Und das Alles umsonst, in vollem Sinne des Wortes – umsonst! Das ist es eben . . . Erinnern Sie sich, wie wir mündlich und schriftlich das Wesen der Liebe erörtert haben und wie spitzfindig wir über dieses Thema gewesen sind. In der Praxis aber ergiebt es sich, daß die wahre Liebe ein Gefühl ist, das durchaus nicht dem Bilde gleicht, welches wir uns von ihr ausmalten. Die Liebe ist sogar überhaupt kein Gefühl, sie ist eine Krankheit, ein eigenthümlicher Zustand des Körpers und der Seele, sie entwickelt sich nicht allmählich, sie ist da! man kann an ihrem Dasein nicht zweifeln und vermag nicht mit ihr Versteckens zu spielen, obgleich sie nicht immer in gleicher Form auftritt; gewöhnlich bemächtigt sie sich des Menschen ungebeten, plötzlich, gegen feinen Willen, auf Leben oder Sterben, wie die Cholera oder das Fieber . . . Sie packt ihr Opfer, wie der Geier das Kücklein, und trägt es fort, wohin sie will, wie sehr es sich auch dagegen sträube . . . In der Liebe gibt es keine Gleichheit, keine sogenannte freie Vereinigung der Seelen und der übrigen, von deutschen Professoren in ihren Mußestunden erdachten Abstractionen . . . Nein, in der Liebe ist die eine Person – Sklave, die andere – Herr, und nicht umsonst singen die Dichter von den Fesseln der Liebe. Ja die Liebe ist eine Fessel und dazu die allerschwerste. Wenigstens bin ich zu dieser Ueberzeugung gelangt, und zwar auf dem Wege der Erfahrung, ich habe diese Ueberzeugung mit dem Preise meines Lebens erkauft, da ich als Sklave sterbe.

Das also ist mein Schicksal gewesen! In der ersten Jugend wollte ich durchaus den Himmel erstürmen . . . Dann ließ ich mir‘s einfallen, für das Wohl der Menschheit, der Heimath zu schwärmen; auch dies währte seine . . . Zeit; endlich dachte ich daran, mir ein häusliches Glück zu gründen . . . stolperte über einen Ameisenhaufen – und stürzte zur Erde, ja, ins Grab . . . Wie verstehen wir Rassen es doch so meisterhaft, so zu enden!

Es ist jedoch Zeit, Alles von sich abzuschütteln, ja, die höchste Zeit! Mag die Last dieser Erinnerungen zugleich mit meinem Leben von mir fallen! Zum letzten Male, wenn auch nur auf einen Augenblick, möchte ich das schöne, wohlthuende Gefühl genießen, welches mich so mild, anweht, so oft ich Ihrer gedenke. Ihr Bild ist mir jetzt doppelt werth . . . Mit ihm zugleich steigt das meiner Heimath vor mir auf und ich sende ihr und Ihnen meinen Abschiedsgruß. Leben Sie lange und glücklich und beherzigen Sie Eines: ob Sie in jener ländlichen Abgeschiedenheit, inmitten der Steppe, ausharren, wo Ihnen zuweilen so schwer um‘s Herz ist, wo ich aber so gerne meine letzten Stunden verbracht hätte, oder ob Sie einen andern Schauplatz betreten – überall seien Sie dessen eingedenk, daß das Leben nur den nicht betrügt, der über dasselbe nicht nachdenkt, Nichts von ihm fordert, ruhig seine spärlichen Geschenke annimmt und sie zufrieden genießt. Schreiten Sie vorwärts, so lange Sie es können, wenn aber Ihre Füße wanken, so setzen Sie sich am Wege nieder und schauen Sie auf die Vorübergehenden ohne Verdruß, ohne Neid; auch sie werden nicht weit gelangen. Früher habe ich Ihnen dergleichen nicht gesagt, aber der Tod ist ein guter Lehrmeister. Wer sagt uns überhaupt, was das Leben, was die Wahrheit ist? Erinnern Sie sich an Denjenigen, der auch auf diese letzte Frage nicht zu antworten vermochtet . . . Leben Sie wohl, Maria Alexandrowna, leben Sie zum letzten Male wohl und gedenken Sie nicht in Bösem Ihres armen

Alexei.
1.Ein den russischen Lesern sehr geläufiges Citat aus Puschkin’s »Onegin«.

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10 aralık 2019
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